Fachwissenschaften und Anthroposophie
GA 73a
24 März 1920, Dornach
1. Anthroposophie und fachwissenschaften Anthroposophie und gegenwärtige Wissenschaften
[ 1 ] Einleitende Worte von Roman Boos: Sehr verehrte Anwesende! Mit diesem Auftreten einer Anzahl wissenschaftlich arbeitender Persönlichkeiten ist natürlich nicht beabsichtigt, irgendwie etwas Festes, Endgültiges, abschließend Formuliertes hinzustellen und der öffentlichen Diskussion zu unterbreiten, sondern es soll in diesen Vorträgen gezeigt werden, nach welcher Richtung hin dasjenige in den einzelnen Fachwissenschaften ausgebaut werden kann, was hier vom Goetheanum aus vertreten wird als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft und was ja in seinen künstlerischen Auswirkungen in zahlreichen Eurythmie-Aufführungen und in dem Bau des Goetheanum als architektonischem Werk nun seit längerer Zeit vor die Öffentlichkeit hingerreten ist. In aller Bescheidenheit glauben wir aber doch, daß wir auch mit unseren Vorträgen, die ja nur Anfänge sein wollen, konkurrieren können mit dem, was heute vertreten wird in den Kreisen der Akademien, der Universitäten.
[ 2 ] Denn jedem, der mit einer lebendigen Seele das Studium in irgendeiner Fakultät durchgemacht hat, dem hat in der letzten Zeit immer mehr und mehr zum Bewußtsein kommen müssen, wie der Mensch von dem rein Materiellen, von dem rein Quantitätsmäßigen, mit einem Haufen von Tatsachen beladen wird, so daß man eben nicht mehr dagegen aufkommen kann, nicht nur in persönlicher Hinsicht, sondern absolut in geistiger Hinsicht. Das heißt, daß der Mensch mit seinen geistigen Kräften immer weniger imstande ist, das, was als
[ 3 ] 21 ungeheures Material an ihn herangetragen wird, wirklich zu bewältigen. Und indem in der Anthroposophie hingelenkt wird der Blick auf den Menschen, und eben nicht nur auf den Menschen selber, sondern auf den Menschen als auf einen Punkt innerhalb der gesamten Wirklichkeit, kann sich das aussprechen, was in den Wirklichkeiten selber liegt, aber so, daß diese Wirklichkeiten nicht nur quantitativ lastend und bedrückend ihm gegenüberstehen, sondern so, daß, indem sie im Menschen selber sich aussprechen, sich auch die Vereinigung des Menschen mit dem Geistigen vollziehen kann und damit auch mit der objektiven Wirklichkeit.
[ 4 ] Es wird hier Gelegenheit gegeben werden zu einer Aussprache aus dem Kreise der wissenschaftlich Arbeitenden heraus. In der Form von Aussprachen, Anfragen und so weiter ist Gelegenheit geboten, das eine oder andere, was in den Vorträgen berührt worden ist, weiter auszubauen. Denn wer mit der Gesinnung an wissenschaftliche Bewegungen herantritt, aus der heraus diese ganze anthroposophische Bewegung ihre Werke aufbaut, der wird gerade darin eine Hauptaufgabe sehen, das Gebiet der Wissenschaften und des sozialen Lebens von dem polemischen Geiste zu säubern, der auf dem Gebiete der Wissenschaft als Diskutieren und Polemisieren und auf dem Gebiete des sozialen Lebens als Handgranatenwerfen und als Maschinengewehr-in-Funktion-Setzen auftritt; er wird die Hauptaufgabe darin sehen, daß es notwendig ist, die Probleme weiter auszubauen und zu vertiefen, wie es hier geschehen soll.
[ 5 ] Und wir hoffen auch, daß bei den fachwissenschaftlichen Vorträgen Herr Dr. Steiner uns manches noch wird hinzufügen können zu dem, was aus den Kreisen der Fachleute gegeben wird.
[ 6 ] Wir möchten noch bitten, zunächst nur solche Fragen aufzuwerfen, die im Zusammenhang stehen mit dem heutigen Vortragsthema, und auf Spezialfälle erst in den folgenden fachwissenschaftlichen Vorträgen zurückzukommen.
Die Themen der fachwissenschaftlichen Vorträge sind:
am 25. März 1920: Dr. Carl Unger über «Anthroposophie und die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Naturwissenschaft»
am 26. März 1920: Dr. Friedrich Husemann über «Weltanschauung, Nervosität und Geisteswissenschaft»
am 27. März 1920: Dr. Rudolf Steiner über «Das Weltbild der neueren Naturwissenschaft»
am 29. März 1920: Dr. Walter Johannes Stein über «Anthroposophie und Physiologie»,
am 30. März 1920: Dr. Eugen Kolisko über «Anthroposophie und Chemie»
am 31. März 1920: E.A.Karl Stockmeyer über «Anthroposophie und Physik»
am 1. April 1920: Dr. Oskar Schmiedel über «Anthroposophie und Farbenlehre»
am 6. April 1920: Dr. Roman Boos über «Anthroposophie und Rechtswissenschaft»
am 7. April 1920: Dr. Rudolf Steiner über «Die Hygiene als soziale Frage»
[ 7 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Dieser heutige Vortrag soll dienen als eine Art von Einleitung zu den folgenden acht Vorträgen, welche hervorgehen zum großen Teile aus einem Kreise von Freunden, die sich in dieser Zeit hier versammelt haben mit einem ganz bestimmten wissenschaftlichen Ziele. Es sollen Vorträge gehalten werden aus verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten, aus dem Gebiete der Erkenntnistheorie und der Physiologie; biologische Fragen sollen behandelt werden; über Physik und Chemie soll gesprochen werden, und zum Schluß möchte ich dann noch auf das Problem der Hygiene als soziologisches Problem hinweisen. Wenn heute von der Außenwelt oftmals geurteilt wird, wenn auch in oberflächlicher Weise, daß man es in alle dem, was hier vorgetragen wird durch die Geistesströmung, deren Repräsentant das Goetheanum ist, zu tun habe auf der einen Seite mit Sektiererei, auf der anderen Seite mit wissenschaftlichem Dilettantismus, so sollen diese Vorträge wenigstens zum Teil darauf aufmerksam machen, daß beides gegenüber dem hier Vorgebrachten ein großer Irrtum ist. Weder wird hier wissenschaftlicher Dilettantismus getrieben noch religiöse Sektiererei.
[ 8 ] Dafür sollte schon ein Beweis sein, daß sich in diesen Wochen hier ein Kreis ernst strebender Ärzte zusammengefunden hat, und daß sich ihnen angeschlossen hat ein kleiner Kreis von solchen Persönlichkeiten, die geneigt sind, Brücken zu schlagen von der ärztlichen Wissenschaft zu anderen Zweigen des Lebens. Dieser Kreis hat sich hier zusammengeschlossen aus der Empfindung heraus, daß so etwas wie das medizinische Leben heute einer wirklichen Neubefruchtung bedarf; er hat sich zusammengeschlossen zu dem Ziele, zu dieser neuen Befruchtung Anregungen zu empfangen und Anregungen zu geben. Das, was hier gegenwärtig, ich will nicht sagen als ein medizinischer Kursus abgehalten wird, aber als ein Kursus für Ärzte, das schließt wohl in sich, daß es sich handelt um ernstes Streben, um ernstes Wollen gegenüber den großen Aufgaben unserer Zeit. Dieser Kursus schließt sich ja an zwei Kurse an, die von mir im Zusammenhang mit der Waldorfschule in Stuttgart bereits gehalten worden sind über eine notwendige neue Grundlegung der physikalischen Wissenschaften. Alles das wird schon einmal auch für diejenigen, die heute nach oberflächlicher Beurteilung die vorhin angedeutete Meinung aussprechen, genügend Beweis sein, daß hier gesehen wird auf die großen, ernsten Aufgaben der Zeit, und daß von dem, was diese ernsten, großen Aufgaben diktieren, gesucht wird nach dem, was als Einschlag in die Geisteskultur und damit in die ganze Kultur der Gegenwart und der nächsten Zukunft notwendig ist. Wenn man heute auf die Schreckensereignisse der letzten Jahre so hinsieht, daß man sich durch ein unbefangenes Urteil darüber versichert, wie diese Schrekkensereignisse zusammenhängen mit menschlichen Bewußtseinsverirrungen, dann wird man von vielem wieder abkommen, was so manche, ich möchte sagen leichten Herzens gegenwärtig für genügend zu einer Erneuerung des Lebens halten.
[ 9 ] Wie oft wird zum Beispiel heute das Urteil ausgesprochen, es müsse gegenüber dem, was in der Zeit wirbelt, was in der Zeit sich als Chaos herausbildet, gesorgt werden für eine Verbreiterung des Wissens, für eine Verbreiterung des Erkennens. Und in weiten Kreisen wird bei allen möglichen Anlässen betont, daß etwas fehle in unserer Zeit; bei allen möglichen Anlässen wird betont, man müsse das Wissen verbreiten, sagen wir durch Volkshochschulen oder ähnliches. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauungsströmung, für die das Goetheanum hier der Repräsentant ist, kann nicht ohne weiteres in diese Beurteilungen einstimmen, die nach dieser Richtung eingeschlagen werden. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, es entsteht doch gegenüber solchen Beurteilungen die Frage: Haben wir denn eigentlich schon eine zukunftstatkräftige Wissenschaft, eine Wissenschaft, die fähig ist, ins Leben einzugreifen? Haben wir etwas, um es in Volkshochschulen in weiteste Kreise zu tragen?
[ 10 ] Aus wahrhaftig nicht oberflächlichen Urteilen heraus hegen diejenigen, die Träger der hier betriebenen Geisteswissenschaft sind, die Überzeugung, daß es vor allen Dingen einer Erneuerung des wissenschaftlichen Lebens selber bedarf, einer Durchtränkung des wissenschaftlichen Lebens mit neuen Elementen, bevor wir daran denken können, Erkenntnisse in weiteste Kreise etwa durch Volkshochschulen oder dergleichen hinauszutragen. Nicht bloß an eine Popularisierung der gegenwärtigen Wissenschaft denkt man hier, sondern anthroposophisch orientierte Weltanschauung muß aus der Kenntnis des Zustandes dieser Wissenschaften heraus an eine wirkliche Erneuerung dieser gegenwärtigen Wissenschaften denken. Ich kann selbstverständlich heute in diesem einleitenden Vortrage dasjenige, was die Aufgabe dieser Abende sein wird, nur skizzieren. Und so möchte ich denn auf die zwei Hauptrichtungen des gegenwärtigen wissenschaftlichen Strebens zunächst verweisen, um daran zu zeigen, wie diese gegenwärtigen Wissenschaften eigentlich zum Leben stehen.
[ 11 ] Da haben wir auf der einen Seite alles dasjenige, was wir charakterisieren können dadurch, daß wir sagen, es ist in der Wissenschaft naturforscherisch geartet; wir haben zu verweisen auf alles das, was auf naturwissenschaftlichem Felde auftritt. Indem ich über dieses Feld hier spreche, muß ich allerdings immer wieder betonen, daß ich nicht etwa ausgehe von einer oberflächlichen Polemik gegen die gegenwärtige naturwissenschaftliche Richtung, sondern daß ich im Gegenteil, weil ich alles das voll anerkennen muß, was Naturwissenschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein geleistet hat, weil ich bewundern muß die großartigen Fortschritte dieser Naturwissenschaft an sich und der verschiedensten Zweige der menschlichen Technik, gerade aus dieser Bewunderung heraus dazu komme, über den weiteren Gang der Naturwissenschaft anders denken zu müssen, als er sich bis in unsere Tage herein entwickelt hat.
[ 12 ] Auf der anderen Seite haben wir die historischen Wissenschaften mit all dem, was zu ihnen gehört, wozu zum Beispiel auch die Rechtswissenschaft zu rechnen ist. Sie wissen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß die Naturwissenschaft immer mehr dazu gekommen ist, im Beobachten der äußeren Tatsachen und im Verfolgen der Experimente aufzugehen. Sie wissen, daß zwar ein starkes Streben gerade im 19. Jahrhundert vorgelegen hat, die ungeheure Fülle von Tatsachen, die sich auf dem Wege der Beobachtung und auf dem Wege des Experiments ergeben haben, durch große Ideen miteinander zu verbinden und nach gewissen sogenannten Naturgesetzen hin zu streben. Allein derjenige, der nun wirklich drinnenstehen kann in diesem ganzen naturwissenschaftlichen Leben, der weiß, daß wir heute auf den verschiedensten Gebieten — auf dem Gebiete der Physik, der Chemie, auf dem Gebiete der Biologie — vor den einschneidendsten Tatsachen stehen und daß wir mit dem, was landläufige Wissenschaft ist, durch das, was uns die Tatsachen sagen, nicht in den Lage sind, irgendwie einzudringen in das Wesen desjenigen, das ja offenbar dahinterstecken muß, ja, daß die Tatsachen uns in einer gewissen Weise, ich möchte sagen betäuben, daß wir mit den wissenschaftlichen Methoden nicht mitkommen gegenüber der Fülle der Tatsachen. Der äußerliche Gang der Wissenschaften bestätigt das doch eigentlich.
[ 13 ] Wenn auch die wenigsten Menschen das heute noch beachten, so muß man doch sagen: die letzten zwanzig Jahre haben eigentlich gerade auf dem Gebiete der Physik die denkbar größte Revolution hervorgerufen. Vorstellungen, die vor dreißig Jahren noch als unerschütterlich galten, sind heute durchaus revolutioniert. Man braucht nur den Namen Einstein zu nennen oder den Namen Lorentz, des holländischen Physikers, und man kann, indem man diese Namen nennt, hinweisen auf eine ganze Fülle von Tatsachen und Auseinandersetzungen, welche die Physik, wie sie noch vor dreißig Jahren war, durchaus revolutioniert, erschüttert haben. Es kann das, was hier vorliegt, natürlich von mir nicht in den Einzelheiten ausgeführt werden. Aber auf diese Tatsache der Revolutionierung der Physik, die ja in gewissen Kreisen schon bekannt genug ist, muß doch hingewiesen werden. Nun aber kann man sagen: Während zum Beispiel etwas so Bedeutsames vorliegt wie die Revolutionierung des alten Masse- und Materiebegriffes durch die neuere Strahlungstheorie der Elektrizität, finden unsere wissenschaftlichen Vorstellungsarten keine Möglichkeit, zurechtzukommen mit dem, was da eigentlich durch die Fülle der Experimente dem Menschen entgegengetreten ist. Aus der Anschauung der strahlenden Materie im Glasvakuum konnte man sehen, daß dieselben Eigenschaften, die man früher der Materie beigelegt hat, zum Beispiel eine gewisse Geschwindigkeit und Beschleunigung, man nunmehr genötigt ist, der strahlenden Elektrizität beizulegen; man hat also sozusagen den Materiebegriff unter den Fingern verloren. Das stellte sich aus der Anschauung der Fülle von Experimenten heraus, daß nicht irgend etwas hätte gesetzt werden können an die Stelle des alten Materiebegriffes; und aus der Einsteinschen Relativitätstheorie mit ihren furchtbar kalten Abstraktionen läßt sich auch so etwas nicht herausgewinnen wie eine wirkliche Anschauung desjenigen, mit dem man es eigentlich in der äußeren Natur zu tun hat.
[ 14 ] Das alles sei nur gesagt, um darauf hinzuweisen, wie in einen Fluß gekommen sind die Arbeiten, die sich so entwickelt haben, daß eine Fülle des beobachteten und erexperimentierten Materials vorliegt, das man nicht beherrschen kann durch das, was unsere Vorstellungsarten sind. Ich möchte sagen, der Entwicklungsgang der Wissenschaften hat gezeigt, daß in den Vorstellungsarten, die von früher her sich bewahrt haben, wir zwar die Natur anschauen können an ihrer Oberfläche, daß wir aber nicht in der Lage sind, das zu deuten, was uns die Natur heute an Strahlenarten in unzähligen Erscheinungen entgegenbringt. Man hilft sich in einer eigentümlichen Weise gegenüber diesem, ich möchte sagen wissenschaftlichen Erlebnis. Eine eigentümliche Methode hat sich gerade in der Physik der neueren Zeit eingeschlichen. Man nennt sie die statistische Methode. Während man früher geglaubt hat, durch genaues Messen, auf dem Felde des Beobachten oder des Experimentierens zu exakt formulierten Naturgesetzen zu kommen, arbeitet man ja heute schon sehr stark mit dem, was wirklich ähnlich ist jener statistischen Methode, die zu der Wahrscheinlichkeitsrechnung greift, die wir angewendet finden, wenn wir zum Beispiel Versicherungsgesellschaften gründen. Da legen wir auch Annahmen zugrunde etwa von der Art, daß von einer bestimmten Anzahl von Menschen eines bestimmten Lebensalters soundso viele nach einer bestimmten Anzahl von Jahren unweigerlich gestorben sind. Mit diesen statistischen Methoden — denen die Wahrscheinlichkeitsrechnung zugrundeliegt und denen ähnlich sind die Methoden der neueren Physik — mit diesen statistischen Methoden kommt man ganz gut zurecht, wenn man zum Beispiel so etwas zu arrangieren hat wie Lebensversicherungen; da trifft auch alles zu, da kann man sich auf diese Methode verlassen. Aber die Methode hat nur den wesentlichen Mangel, daß sie gar nichts über das Wesen desjenigen besagt, wofür diese Methode eingespannt ist — was ja schon daraus hervorgeht, daß wohl kein einziger Mensch glauben wird, daß er in dem Jahre nun wirklich sterben muß, das nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der statistischen Methode als sein Todesjahr ausgerechnet wurde. Für die Zusammenfassung der Tatsachen dienen solche Methoden, auch für ein gewisses, eben auf Statistik beruhendes Handeln, aber nichts besagen sie für das Eindringen in irgendwelche Wesenheit. So sind wir auf dem äußeren, naturwissenschaftlichen Gebiete gewissermaßen zum Bleiben an der Oberfläche der Dinge verurteilt.
[ 15 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, zeigt sich wohl am intensivsten dann, wenn diese naturwissenschaftliche Methode ihre Anwendung finden soll in der praktischen Behandlung des kranken Menschen, wenn sie angewendet werden soll in der Medizin. Und gerade aus dem Unbefriedigenden, das heute aus der naturwissenschaftlichen Grundlegung der Medizin hervorgeht, ist ein solches Arrangement entstanden, wie es der in diesen Wochen hier stattfindende Kursus für Ärzte ist. Wenn man an den kranken Menschen herangeht, so kann man nicht ihn einer Behandlung unterwerfen, ohne sein Wesen wirklich zu erkennen. Die physikalischen, die naturwissenschaftlichen Methoden müssen auch standhalten, wenn man an den Menschen herangeht. Und alles dasjenige, was heute über die Medizin und ihre Wirkungen zu beklagen ist, hängt zusammen mit der mangelhaften naturwissenschaftlichen Grundlegung unserer gegenwärtigen Wissenschaften. Da liegt eine der Aufgaben der Anthroposophie in ihrem Verhältnis zu den gegenwärtigen Wissenschaften. Sie hat die Aufgabe, wirkliche wissenschaftliche Methoden zu finden, durch die die Fülle der Tatsachen, die uns heute vorliegen, wirklich so durchschaut werden können, daß wir durch diese Tatsachen hindurch in das Wesen desjenigen eindringen können, was uns in der Welt umgibt.
[ 16 ] Es liegt etwas ganz Ähnliches vor in bezug auf die historischen Wissenschaften. Während wir um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert noch solche Versuche haben, das menschliche Leben in seinem Gang so zu beobachten, daß zugrundegelegt wird sowohl der natürliche Hergang in der Entwicklung des Menschengeschlechts, wie auch dasjenige, was seelischgeistig vom Innern der Menschen kommt —, während wir um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert solche Untersuchungen haben wie zum Beispiel die Herderschen «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit», wird das, was historische Wissenschaft ist, im Laufe des 19. Jahrhunderts immer abstrakter und abstrakter, immer intellektualistischer und intellektualistischer. Wir sehen, wie diejenigen, die sich nicht zu einem gewissen Materialismus in der Geschichte bekennen können, von Ideen sprechen, die in der Geschichte wirken sollen. Als ob abstrakte Ideen irgendwelche wirkliche Agenzien sein könnten, die das geschichtliche Werden tragen! Als ob Ideen nicht zunächst etwas bloß Passives wären! Weil unsere Vorstellungsarten nicht fähig sind, einzudringen durch die Beobachtung oder durch die im Experiment gegebenen Tatsachen in die Grundlage des Naturseins, bleiben wir mit unseren Vorstellungsarten, ich möchte sagen bloß an der Oberfläche dessen, was im Menschenleben vorgeht. Wir sind nicht imstande, das, was wir durch unsere Gedanken von den in der Geschichte handelnden Menschen oder von den in der Geschichte auftretenden Vorgängen erfassen, mit großen, die Geschichte tragenden Kräften zu verbinden.
[ 17 ] Wir sehen, und das ist besonders interessant, wie im 19. Jahrhundert zum Beispiel solche Geister auftreten wie Herman Grimm. Er ist wirklich sehr charakteristisch gerade für die historische Methode des 19. Jahrhunderts. Es gibt vielleicht nichts, was in einer so wunderbaren, tief befriedigenden Art und Weise über die historischen Erscheinungen spricht, wie Herman Grimm dies tut in seinen Abhandlungen zum Beispiel über Goethes «Tasso» oder über Goethes «Iphigenie». Da liegt etwas vor, was schon auf dem Gebiete des menschlichen Geistesschaffens ist. Da kann sich Herman Grimm über etwas hermachen, was der Gedanke deshalb erfassen kann, weil es selbst schon zum Gedanken heraufgehoben ist. Indem Augenblicke aber, wo Herman Grimm weitergehen will, wo er in die Wirklichkeit hinein will, wo er nicht nur etwas betrachten will wie Goethes Werke «Tasso» oder «Iphigenie», sondern wo er Goethe selbst als eine wirkliche menschliche Persönlichkeit darstellen will- Herman Grimm hat auch ein Buch über Goethe geschrieben —, da sieht man, daß der ganze Goethe, den er beschreibt, eigentlich eine Art von Schattenfigur ist und nirgends die Möglichkeit da ist, die volle Intensität des Realen zu durchdringen. Dasjenige, was noch Herder versucht hat: Gedanken zu fassen, die historisch sind und die zu gleicher Zeit die Natur mitumfassen — das konnte die historische Methode des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Diese Gedanken, sie sind zu dünn, um einzudringen in die Wirklichkeit von historischen Gesichtspunkten aus. Und so haben wir eine historische Wissenschaft, welche aus dem Gedanken nicht herauskommt, im Gedanken bleibt, nicht eindringen kann vom Gedanken aus in die Wirklichkeit.
[ 18 ] Hier wiederum stellt sich für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Notwendigkeit hin, dasjenige, was die Seele erlebt, nicht bloß in abstrakten Gedanken zu erfassen, sondern es so zu ergreifen, daß in diesen Seelenerlebnissen die Kräfte angeschaut werden, die nun wirklich dem äußeren Realen zugrundeliegen. Wir müssen versuchen, auf der einen Seite die Natur so zu begreifen, daß wir das Begreifen heraufführen bis zum Menschen — so daß wir den Menschen verstehen können, wie wir es in der medizinischen Kunst oder in der Erziehungskunst, der pädagogischen Kunst tun —, und daß wir auf der anderen Seite suchen, nicht bei den abstrakten Gedanken und Ideen der Geschichte stehenzubleiben, sondern zu solchem lebendigen inneren Seelenleben vordringen, welches nun wirklich dasjenige erfaßt, was sich geschichtlich abgespielt hat — ein so von Wirklichkeit gesättigtes Begreifen, daß es wiederum nahesteht dem Naturgeschehen, dem Naturwerden.
[ 19 ] Wie in der Medizin das Ungenügende der naturwissenschaftlichen Grundlegung hervorgetreten ist, so im sozialen Leben das Ungenügende der historischen Methode. Was hat denn bewirkt, daß der sogenannte historische Materialismus, die marxistische Anschauung, in unserer Zeit beginnt, praktisch zu werden, zum Elend der Menschheit in diesem vielgeprüften Europa? Was hat denn bewirkt, daß Leute auftreten, die alles Geistige, Recht, Sitte und so weiter für eine Ideologie erklären und die Wirklichkeit einzig und allein sehen im wirtschaftlichen Produktionsprozeß? Was hat dieses bewirkt? Das hat es bewirkt, daß die historischen Methoden des 19. Jahrhunderts nicht fähig waren, diese Wirklichkeit zu begreifen. Die Historiker oder diejenigen, die es auf irgendeinem Gebiete sein wollten, sie sind bei Abstraktionen stehengeblieben, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Und die Sozialdemokratie hat mittlerweile dasjenige, was ihr nicht geboten worden ist von den führenden Kreisen, für sich ausgebildet, und zwar nach dem, wovon sie einzig und allein etwas wußte: nach dem wirtschaftlichen Prozeß. Daß wir eine materialistische Grundlegung der Geschichte haben und heute eine Europa in Grund und Boden ruinierende Politik der Wirtschaftswissenschaft, das ist die Ergebnissünde des nicht vorhandenen historischen Denkens. Die Tatsachen sind heute ernst, und nur derjenige, der diesen Ernst nicht sehen will, kann leugnen, daß es notwendig ist, nach diesen beiden Gebieten, nach dem naturwissenschaftlichen Gebiet und nach dem historischen Gebiet, nach Vertiefung zu trachten, nach einer Neubegründung hin zu arbeiten.
[ 20 ] Das ist dasjenige, was durchschaut werden soll innerhalb der Geistesströmung, für die dieser Bau, das Goetheanum, der Repräsentant ist, damit — das soll in aller Bescheidenheit hier erklärt werden —, damit eine Wissenschaft entstehe, die nun wirklich hinaustreten kann in unsere Volksschulen, die nun wirklich ins Leben einfließen kann. Und man möchte, daß von diesen Bestrebungen nicht nur die Verstandesimpulse der Menschen der Gegenwart ergriffen würden, man möchte, daß vor allem die Herzen der Menschen der Gegenwart dabei sein können und daß gefühlt wird, wie tief zusammenhängt das ganze soziale Elend unserer Zeit, der ganze Niedergang, das Chaos unserer Zeit mit dem, was im Erkenntnisstreben und im wissenschaftlichen Streben unserer Zeit an Verirrungen vorliegt, die geheilt werden müssen.
[ 21 ] Dem, was ich so charakterisiert habe, soll das entgegengestellt werden, was aus geisteswissenschaftlicher Methode heraus für die naturwissenschaftliche Richtung und für die historische Richtung gewonnen werden kann. Und ich will nicht in Abstraktionen sprechen, sondern ich möchte auf zwei Tatsachen hinweisen, die aber nur als Beispiel für dasjenige dienen sollen, was hier erstrebt wird. Das eine Beispiel sei dem naturwissenschaftlichen Gebiete entnommen. Es soll gerade denjenigen Punkt bezeichnen, wo die naturwissenschaftliche Grundlegung unseres Wissenschaftsstrebens ungenügend wird gegenüber den Begriffen des Menschen. Sie können heute, wenn Sie Umschau halten in dem wissenschaftlichen Streben der Gegenwart, eine Anschauung über das menschliche Herz immer wieder finden. Diese Anschauung über das menschliche Herz ist nun wirklich, ich möchte sagen in gerader Linie herausgebildet aus dem, was heute überhaupt die naturwissenschaftliche Grundlegung des Lebens ist. So wie heute die Mechanik, die Physik, die Chemie, die Biologie ist, so ist unsere Anschauung von dem menschlichen Herzen, weil wir eine in ganz bestimmter Weise geartete Chemie, Physik, Biologie und so weiter haben, weil wir eine bestimmt geartete naturwissenschaftliche Grundlage haben. Welche ist diese Anschauung über das menschliche Herz? Nun, Sie finden sie überall dahingehend charakterisiert: Das menschliche Herz ist eine Pumpe, welche das Blut durch den menschlichen Organismus so pumpt, daß dieses Blut gewisse unbrauchbare Stoffe wegwäscht, sie austauscht gegen andere, die es hinträgt an bestimmte Orte des menschlichen Organismus. — Wenn man heute gewissen Menschen gegenüber auch nur im geringsten anzweifelt, daß dieses menschliche Herz eine ganz gewöhnliche Pumpe sein könnte, daß das menschliche Herz da in der Mitte arbeitet und das Blut hinauspumpt an die verschiedenen Körperstellen, so werden die Leute, welche heute wissenschaftliche Anschauungen aufgenommen haben — ich habe es erlebt —, sie werden geradezu wild. Und dennoch, meine sehr verehrten Anwesenden, hier liegt der Punkt, wo eine Gesundung der naturwissenschaftlichen Grundlegung eine völlige Umkehrung herbeiführen kann.
[ 22 ] Hier wird die geisteswissenschaftliche Weltanschauung zu zeigen haben, daß das Herz keine Pumpe ist, sondern daß das Herz in seiner Tätigkeit überhaupt nur das Ergebnis desjenigen ist, was an sich selbst regulierenden Strömungen und Wechselwirkungen im menschlichen Organismus zustandekommt. Der Mensch ist ein duales Wesen. Grundverschieden organisiert ist alles dasjenige, was — ich rede schematisch — gewissermaßen unter dem Herzen liegt, und dasjenige, was über dem Herzen liegt. Grundverschieden von einander ist das, was hintreibt zur Entwicklung des Kohlenstoffes, von dem, was dann geschieht in der Verbindung des Kohlenstoffes mit dem Sauerstoff zu Kohlensäure. Aber das eigentliche Agens, die eigentliche treibende Kraft, sie liegt in den Kräften, die aufeinander hinwirken aus dem unteren Menschen und aus dem oberen Menschen — aus dem Oberen und dem Unteren. Wie bei einer elektrischen Spannung die positive und negative Elektrizität zueinander wollen, und wie ein Apparat, der eingespannt wäre in diese Spannung von positiver und negativer Elektrizität, gewisse Tätigkeiten ausführen würde, so führt das menschliche Herz Tätigkeiten aus infolge der Strömungen, die im menschlichen Organismus sind. Die menschliche Herztätigkeit ist nicht die einer Pumpe des menschlichen Organismus. Alles, was das menschliche Herz ausführt, ist lediglich das Ergebnis des inneren Leben, einer gewissen Strömung im menschlichen Organismus. Das Umgekehrte der landläufigen Meinung ist der Fall.
[ 23 ] Damit aber, meine sehr verehrten Anwesenden, weist man zu gleicher Zeit hin auf eine völlige Umkehrung der Wissenschaft vom Wesen des Menschen. Denn erst dadurch, daß man diesen großen Gegensatz des oberen und des unteren Menschen ins Auge faßt, in den die Herztätigkeit eingespannt ist und gewissermaßen sich ausdrückt als Vermittlung, erst dadurch ist man imstande, den Menschen in den rechten Gegensatz zur ganzen Umwelt zu bringen, zu verstehen, wie der untere Mensch in einer gewissen Beziehung zu der äußeren Welt der festen, flüssigen und luftförmigen Körper, auch noch zu der äußeren Welt der Wärmeerscheinung steht, während man all das, was im oberen Menschen ist und was in einen gewissen Gegensatz tritt mit den Wirkungsweisen des unteren Menschen, parallelisieren muß mit dem Licht und mit anderen ätherischen Vorgängen im irdischen und außerirdischen Gebiet.
[ 24 ] Man lernt erst dann, den Menschen in der richtigen Weise hineinzustellen in das ganze Weltenall, wenn man aufhört zu glauben, daß das Herz die Pumpe ist, welche das Blut durch den Organismus pumpt. In Wahrheit hat das Blut inneres Leben, und in jene Stauung, die zustandekommt zwischen dem unteren Menschen und dem oberen Menschen, ist das Herz so eingespannt, daß das Ergebnis dieser Stauung in der Herzbewegung zutagetritt. Wir haben in der Herzbewegung im Grunde genommen nichts anderes vorliegen als dasjenige, wo sich berührt der obere Mensch und der untere Mensch und wo in gewissen unbewußten Regionen die Tätigkeit des unteren Menschen durch den oberen Menschen wahrgenommen wird. Das Herz ist gewissermaßen ein Sinnesorgan innerhalb der menschlichen Wesenheit. Wie die Sinnesorgane, die außen liegen, Organe zur Vermittlung der äußeren Erfahrungen des Menschen sind, so ist das Herz das Organ, welches die Erfahrungen von dem eigenen Wesen vermittelt, allerdings im Unterbewußten. Ich will mit diesen Dingen nur darauf hindeuten, daß so etwas Wesentliches wie die Herzlehre, die geeignet ist, alle medizinische Anschauung zu reformieren, heute einer gründlichen Reform bedarf. Aber das ist nur ein Beispiel — es ist ein Beispiel dafür, wie man Ursache und Wirkung heute, ich möchte sagen auf allen Gebieten des Naturbeobachtens geradezu verwechselt.
[ 25 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Spiritisten berufen sich darauf, daß sie Geister fotografiert haben. Das Fotografieren ist ein äußerer Vorgang, und ich will mich hier nicht weiter darüber verbreiten, ob man Geister fotografieren kann oder nicht. Aber mit nicht mehr Recht als die Spiritisten behaupten, daß sie Geister fotografiert haben, berufen sich heute gewisse Physiker darauf, daß sie die Konfiguration der Atome fotografiert haben. Gewiß, man kann Kristalle mit Röntgenstrahlen bewerfen, man kann diese Röntgenstrahlen zur Reflexion, die reflektierten Strahlen zur Interferenz bringen und dann fotografieren, und man kann behaupten, man fotografiere die Konfiguration der Atome. Die wesentliche Frage ist nur: Fotografiert man hier wirklich die atomistischen Agenzien oder fotografiert man gewisse Wirkungen, die vom Makrokosmischen herkommen und die sich nur an den Punkten zeigen, an denen man glaubt, daß die Atome vorhanden sind? Es kommt überall darauf an, daß man Denk- und Vorstellungsarten findet, die in der richtigen Weise von den Erscheinungen zu dem Wesen der Dinge zu gehen vermögen. Weil die naturwissenschaftlichen Methoden so ungenügend sind, können sie nicht genügen zur Anwendung auf den Menschen, sei es auf medizinischem Gebiet, sei es, wenn es sich darum handelt, in sozialer Beziehung solche Methoden anzuwenden.
[ 26 ] So sehen wir, daß Leute, die glauben, an der Naturwissenschaft geschult zu sein, heute sich heranmachen an die Lösung sozialer Probleme, wie Lenin und Trotzki. Es liegt aber nichts anderes vor, als daß einzelne Menschen das gelernt haben, was die Naturforschung aus ihren Tatsachen feststellt, was aber als Konklusionen, als Ergebnisse ungenügend ist. Solche Menschen lassen sich in der Regel nicht darauf ein, das, was man glaubt über die Dinge zu wissen und was man glaubt, als Gesetze herauszubekommen, dann auch wirklich zu prüfen anhand der einzelnen Tatsachen. Wenn Ihnen jemand sagt, er habe die Konfiguration der Atome fotografiert, so denken solche Menschen nicht darüber nach, welchen Wert eine solche Fotografie hat. Natürlich imponiert es furchtbar, wenn man der Welt in populären Darstellungen verkündet: Atome gibt es; man hat sie sogar fotografiert. — Da sagt der Laie selbstverständlich: Nun, wie kann jetzt noch einer, der nicht ein Dilettant ist, leugnen, daß es Atome gibt, die die Agenzien sind bei allen Naturwirkungen, wenn man diese Atome sogar fotografiert hat.
[ 27 ] Es handelt sich aber darum, daß man einen Einblick hat, wie so etwas zustandekommt. Wir leiden in der Gegenwart ungeheuer darunter, daß sich Dinge als populäre Weltanschauung monistischer oder sonstiger Art geltend machen, die in nichts weiter bestehen als in Zusammenfassungen, begrifflichen Zusammenfassungen von allerlei Ergebnissen, auf deren wirkliche Grundlagen man nicht zurückgeht. Was tragen denn die Leute in monistischen Versammlungen anderes vor, als das, was sie an angeblichen Ergebnissen in Büchern gelesen oder in Vorlesungen gehört haben? Wo ist denn da in Wirklichkeit die Möglichkeit eines Eingehens auf das vorhanden, woraus solche Ergebnisse eigentlich geschöpft sind? Daher ist auf diesem Felde auch nicht die Möglichkeit eines wirklichen Überschauens der Tragweite der Ergebnisse vorhanden. Wir erleben das in der heutigen Wissenschaft — wenn sie sich zur Weltanschauung ausbildet und dabei glaubt, sehr exakt zu sein —, daß aus den Vorgängen, die wir in der Geschichte erleben, dann die Vorgänge berechnet werden, die sich in Jahrmillionen mit unserer Erde zutragen sollen oder die sich vor Jahrmillionen abgespielt haben sollen. Diese Rechnungen sind immer richtig; denn wenn man zum Beispiel berechnet, wieviel Geröll der Niagarafall ablagert in einer bestimmten Anzahl von Jahren, so kann man aus solchen Schichtenbildungen selbstverständlich sehr vieles errechnen. Aber nach welcher Methode rechnet man da eigentlich? Man rechnet nach der folgenden Methode: Man beobachtet, sagen wir während fünf Jahren die Vorgänge im menschlichen Magen, und jetzt rechnet man, wie diese Vorgänge vor 10, 20 Jahren waren, vor 150, 200, 300 Jahren waren. Man wird genaue Rechnungsresultate herauskriegen — nur hat der Mensch, der diesen Magen hat mit seinen Vorgängen, vor 300 Jahren selbstverständlich als physischer Mensch gar nicht gelebt! Man kann so auch die Veränderungen berechnen, wie der menschliche Magen und dann der ganze Mensch beschaffen sein wird in 10, 20, 30, 100, 200, 300 Jahren —, nur ist dann der Mensch längst gestorben, und die ganze Rechnung — die an sich als Rechnung vollständig richtig ist — hat nicht den allergeringsten Wert. Denselben Wert haben diejenigen Rechnungen, die sich beziehen auf den Zustand der Erde vor Jahrmillionen oder nach Jahrmillionen, denn es wird dabei nicht in Erwägung gezogen, ob dazumal die Erde überhaupt schon vorhanden war oder dann noch vorhanden sein wird. Was nützt es denn zu wissen, daß nach soundso vielen Millionen Jahren, wenn wir, sagen wir Eiweiß an die Wand streichen und dies leuchten wird durch die Veränderungen der Erde, wenn die Erde längst nicht mehr da sein wird! Das sieht man heute noch durchaus nicht ein, daß irgendein Rechnungs- oder ähnliches Resultat absolut richtig sein kann, daß es aber auf die Wirklichkeit gar nicht anwendbar ist.
[ 28 ] Zweierlei ist heute nötig, wenn man ein Urteil fällen will: erstens, daß das Urteil auf Grundlage einer richtigen logischen Methode aufgebaut ist — die Rechnungsmethode ist auch eine logische Methode —, zweitens, daß aber auch das Urteil aufgebaut ist auf eine sachgemäße Einsicht in die Wirklichkeit. Wirklichkeitsgemäß und logikgemäß muß ein Urteil sein. Das erstere vergißt man heute gewöhnlich, daher spielen in unserem gewöhnlichen wissenschaftlichen Leben die bloß logisch richtigen Urteile eine so große Rolle, die aber unter Umständen gar keine Anwendung auf die Wirklichkeit haben. Darauf kommt es der Geistesströmung an, als deren Repräsentant dieses Goetheanum dasteht: nicht nur logisch richtige Anschauungen zu haben, die dann auch zu Irrtümern führen können, sondern wirklichkeitsgemäße Anschauungen zu haben, solche, die wirklich eine Brücke schlagen zwischen dem, was im Menschen lebt als Weltanschauung, und dem, was sich draußen entwickelt als Wirklichkeit, denn solche wirklichkeitsgemäßen Anschauungen sind allein für das Leben zu gebrauchen. An solchen wirklichkeitsgemäßen Anschauungen kann allein unser so sehr in das Chaos hineintreibendes gegenwärtiges Leben wieder gesunden.
[ 29 ] So habe ich Ihnen an einem Beispiel gezeigt — ich konnte nur das eine Beispiel heute zeigen, das ließe sich aber leicht vermehren —, an dem Beispiel der Herz-Wissenschaft, wie notwendig es ist, nach einer wirklichkeitsgemäßen Wissenschaft hinzustreben, und wie gerade die Geistesströmung, die hier gepflegt wird, sich die ernste Aufgabe stellt, nach einer solchen notwendigen Reform dieser Wissenschaft hinzuarbeiten. Ich möchte ebenso an einem Beispiel zeigen, wie nach der Seite der historischen Wissenschaften hin gearbeitet werden soll. An diesem Beispiel möchte ich zeigen, wie man eine rudimentäre naturwissenschaftliche Methode, ich möchte sagen eine verkümmerte naturwissenschaftliche Methode, einfach anzuwenden versucht hat auf das historische Wesen, und wie man dadurch in verhängnisvolle Irrtümer hineingekommen ist.
[ 30 ] Sehen sie, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft will ich hinweisen auf das sogenannte biogenetische Grundgesetz. Ich will jetzt nicht über die mehr oder weniger eingeschränkte Gültigkeit dieses Gesetzes sprechen, sondern ich will zunächst es wie eine Art von hypothetischem Naturgesetz behandeln. Was besagt dieses biogenetische Grundgesetz? Es besagt, daß jedes höhere Tierwesen und auch der Mensch während der Embryonalentwicklung, also während der Entwicklung von der Empfängnis bis zur Geburt, in Kürze wiederum dasjenige an Formen durchmacht, was durchgemacht worden ist in der Stammesentwicklung. Der menschliche Embryo zeige zum Beispiel in einer bestimmten Periode eine Art Fischform, dann andere Formen. Es erinnerten diese Formen, die Metamorphosen, durch die der Embryo hindurchgeht, an dasjenige, was sich in der Entwicklungsreihe stammesgeschichtlich begeben hat, damit es durch verschiedene Formen herauf eben zum Menschen hat kommen können. — Eine gewisse eingeschränkte Bedeutung hat dieses sogenannte biogenetische Grundgesetz. Daß die Ontogenie eine kurze Wiederholung der Phylogenie ist, die individuelle Entwicklung eine kurze Wiederholung der Stammesentwicklung, das ist ganz zweifellos. Nun hat man aber versucht, dasjenige, was man auf dem Naturfelde gefunden hat, auf das historische Feld anzuwenden. Man hat geglaubt, daß das, was in einer späteren Kultur lebt, auch in kurzer Wiederholung dasjenige zeigen müsse, was in einer früheren Kultur gelebt hat. Wenn also irgendwo ein neues Volk auftritt, so müsse es in seinen Anfangsstadien gleichsam durchlaufen die Stadien der Menschheitsentwicklung, wie sie bisher durchgemacht worden sind, und dann ein Neues daraufsetzen, so wie der Mensch auch der embryonalen Wiederholung der Stammesgeschichte das ausgereifte Leben daraufsetzt. Herausgekommen ist nicht viel dabei, wenn man dieses für die historische Entwicklung zunächst rein abstrakt aufgestellte Gesetz, das nach dem Muster einer naturwissenschaftlichen Beobachtungsreihe gebildet war, nun auf das Leben anwenden wollte. Ich möchte sagen, die Lebenserfahrungen bestätigen eigentlich dieses Gesetz auf historischem Felde nirgends so, daß man gegenüber der Wirklichkeit etwas damit machen kann.
[ 31 ] Dagegen stellt sich für den geschärften Beobachtungssinn des Geisteswissenschafters das folgende heraus. Das ist ja das Wesentliche, daß die innere Arbeit, die der Geisteswissenschafter verrichten muß, damit er zu seinen Vorstellungsarten kommt, um dann in der Art in die Natur einzudringen, wie ich es gezeigt habe, daß diese innere Arbeit den Blick für die Wirklichkeit, den Beobachtungssinn für die Wirklichkeit schärft. So stellt sich folgendes heraus für diesen geschärften Beobachtungssinn: In der ersten Zeit seiner Entwicklung ist der Mensch gewissen Metamorphosen unterworfen. Man muß nur unbefangenen Sinn haben, um in der richtigen Weise hinzuschauen auf das, was in der ersten Jugendentwicklung des Menschen vor sich geht. Da haben wir zunächst einen wichtigen Lebensabschnitt im menschlichen Leben: von der Geburt bis zum Zahnwechsel um das siebente Jahr herum. Das seelische Leben des Menschen zeigt sich in diesem Zeitraum in einer ganz bestimmten Weise, und mit dem Zahnwechsel artet es um. Der Mensch ist bis zum Zahnwechsel in derjenigen Epoche seines Lebens, wo er ein nachahmendes Wesen ist, das bis in die Bewegungen, bis in die Bildung der Sprachlaute hinein nachahmen will, durch innere Kräfte nachahmen will, was in seiner Umgebung vorgemacht wird. Er ist bis um das siebente Jahr herum so sich anpassend an die menschliche Umgebung, daß er dann, bis zu dem nächsten wichtigen Abschnitt im Leben, der gebunden ist an den Eintritt der Geschlechtsreife, das Bedürfnis hat, auf Autorität hin das anzunehmen, an das er glauben soll. Da verwandelt sich wiederum die ganze Organisation des Menschen, da verwandelt sich wiederum sein Seelenleben. Und wer genügend Beobachtungssinn hat, der wird dann auch noch im Beginn der Zwanzigerjahre, ja vielleicht am Ende der Zwanzigerjahre bemerken können, wie der Mensch sich umartet. Später wird das, was dieser jugendlichen Umartung des Menschen entspricht, nur für den geschärften Beobachtungssinn des Geistesforschers beobachtbar. Da zeigt sich, wenn der Mensch wirklich eine geisteswissenschaftliche Schulung durchgemacht hat, daß gegen das Alter hin bestimmte, ich möchte sagen wie schattenhafte Umbildungen des Seelenlebens auftreten. Es tritt nur in Andeutungen auf, aber man merkt ganz genau: in den Vierzigerjahren, Ende der Vierzigerjahre, wird man ein anderer und Ende der Fünfzigerjahre wird man wiederum ein anderer. Schattenhaft, rudimentär treten — als nur angedeutete Veränderungen des Inneren — diese Metamorphosen auf, aber wer sie beobachten kann, der kann sie vergleichen mit den Andeutungen, die im Embryonalleben auftreten und die Wiederholungen sind von früheren physischen Formen, die in der Stammesentwicklung durchgemacht worden sind.
[ 32 ] Aber man darf nicht das naturwissenschaftliche biogenetische Grundgesetz einfach auf die Historie übertragen, sondern der Historiker ist genötigt, statt an den Beginn des Lebens zu sehen, wie es der Naturforscher tun muß, an das Ende des Lebens zu sehen, an diese schattenhaften, rudimentären Umbildungen des Seelenlebens. Und geradeso, wie für den natürlichen Menschen der Lebensbeginn sich als Wiederholung der Stammesgeschichte darstellt, so stellen sich diese rudimentären Andeutungen am Ende des Lebens als Wiederholungen für dasjenige heraus, was das Menschengeschlecht auf der Erde als Ganzes durchgemacht hat. Man lernt begreifen, daß das, was heute nur rudimentär bei unserem Altern vorhanden ist, daß das in ausgesprochenem Sinne vorhanden war bei den vorhistorischen Menschen; man lernt begreifen, daß wir zurückgehen können zu einer Menschheit, die bis ins Alter hinein solche Umwandlungen des organisch-seelischen Lebens durchgemacht hat, wie wir sie beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife durchmachen. Und in unserem Altern erleben wir eine rudimentäre Wiederholung desjenigen, was die Menschheit in der geschichtlichen Entwicklung durchgemacht hat. Hier wird sich das herausstellen, was für die historische Wissenschaft das Korrelat zu sein hat gegenüber dem biogenetischen Grundgesetz.
[ 33 ] Diejenigen, die abstrakt denken, sind immer zufrieden, wenn sie irgend etwas gefunden haben, sie dehnen das dann aus und bilden daraus ein ganzes System von Weltanschauungen; sie wollen das biogenetische Grundgesetz ausdehnen auf das historische Werden der Menschheit. Dem wirklichen Beobachter — und diese beobachtbare Wirklichkeit stellt sich für den Geistesforscher heraus —, dem wirklichen Beobachter zeigt sich etwas ganz anderes. Da zeigt sich, daß wir in der Lage sind, gerade in unserem Altern und seinen rudimentären Veränderungen die Wiederholung desjenigen anzuschauen, was wir zu suchen haben in früheren geschichtlichen Entwicklungsstadien der Menschheit. Wir blicken zurück auf indische, auf persische Urzeiten und wissen, daß da die Menschen bis ins hohe Alter herauf so entwicklungsfähig geblieben sind, daß in ihrem Organismus eine Metamorphose zu sehen war noch in den Vierziger- und Fünfzigerjahren der Menschen, wie sie heute nur beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife zu beobachten ist. Sehen Sie, hier stellt sich der Unterschied heraus zwischen wahrer Beobachtung der Wirklichkeit und jenem abstrakten Übertragenwollen, welches gerade durch den Materialismus so heraufgekommen ist. Und wir verstehen dann, wie in Urzeiten der Mensch als Kind und junger Mensch neben dem alten Menschen gelebt hat und sich gesagt hat: Man erfährt im Alter etwas, was etwas ganz Neues in das Leben hereinbringt. — Bedenken wir, wie tief wir durch dieses wahre Gesetz hineinschauen in den inneren Entwicklungsgang der Menschheit, wie wir hineinschauen in einen Zustand der Menschheit, wo wir das patriarchalische Leben begreifen, weil der jugendliche Mensch sein Alter so erwartete, daß er sich sagte: Dieses Alter bietet mir etwas ganz Neues. — Und so sehen wir auf die Urmenschheit nicht so hin, wie es der heutige materialistische Anthropologe tut. Wir sehen auf diese Urmenscheit hin und verstehen sie, ich möchte sagen intim menschlich, und wir können dadurch auch erkennen, daß in seinem ganzen Element etwas ganz anderes für diese Urmenschheit vorhanden war als für die gegenwärtige Menschheit. Aber wir müssen uns interessieren, weil wir da an unmittelbar Menschliches herantreten, für diese Metamorphose vom Urmenschen bis zu unserer Gegenwart. Und wenn wir zugeben müssen, daß der Organismus des Menschen sich umgeartet hat, so werden wir auch auf andere Umartungen des menschlichen Organismus in der richtigen Form hinweisen können.
[ 34 ] Ich will da nur auf eine Sache hinweisen, meine sehr verehrten Anwesenden, die sich der Geisteswissenschaft ergibt, die aber, weil sie uns verhältnismäßig naheliegt, sogar äußerlich durch philologisch-historische Forschung zu belegen ist, das ist diese, daß die Griechen ihre auf uns so tief wirkende Kultur deshalb gehabt haben, weil sie die Umwelt noch anders angesehen haben als wir heute. Geisteswissenschaft zeigt uns, daß das, was in dem Griechen gesteckt hat, noch bis in ein viel höheres Lebensalter hinein organisch entwicklungsfähig war, als es bei uns ist. Wir schließen eine aufsteigende organische Entwicklungsfähigkeit ab am Ende der Zwanzigerjahre; der Grieche setzte sie noch bis in die Dreißigerjahre hinein fort. Das bedingte eine größere Aktivität bei den Griechen, das bedingte, daß der Grieche in seine Sinnesorgane noch mehr Aktivität hineinlegte, als wir hineinlegen können. Daher waren
[ 35 ] die Griechen noch kein nachdenkliches Geschlecht. Nachdenklich ist die Menschheit erst geworden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das Griechengeschlecht war ein solches, das die ganze innere Aktivität noch in die Welt der Sinne hineinverlegte, die ganze Welt noch, ich möchte sagen glänzender, wärmer sah als wir. Wir müssen uns vorstellen, daß der Grieche kein Interesse hatte für dunkle Farben, daß der Grieche das lebendigste Interesse und die größte Sensibilität hatte für helle, warme Farben. Und wir finden dann äußerlich die Bestätigung, wenn wir entdecken, daß der Grieche ein einziges Wort hat, mit dem er dunkle Haarfarbe bezeichnet, aber gleichzeitig auch den Lapislazuli, also den blauen Lasurstein. Blaue Haare haben wohl die Menschen nie gehabt; wenn man also die dunkle Haarfarbe und den Lapislazuli mit demselben Wort bezeichnet, so ist es klar, daß man das Blaue wie das Dunkle ansieht. Und das andere eigentümliche ist, daß die Griechen ein Wort hatten für grün = chloros, und zu gleicher Zeit den für uns gelben Honig mit diesem Wort bezeichnet. Und so könnte ich noch vieles anführen, wodurch sich uns auch äußerlich beweisen würde, daß das Schauen des Griechen ähnlich war dem blaublinden Sehen. Die römischen Geschichtsschreiber erzählen uns, daß die Griechen nur mit vier Farben gemalt haben, mit Schwarz und Weiß und Rot und Gelb.
[ 36 ] Daraus ersehen wir tatsächlich, daß, wenn wir in die Geschichte hineinsehen, wir allerdings nicht auf die großen sogenannten Kriegsereignisse, auf die großen sogenannten Staatsbildungen und -untergänge sehen müssen, sondern wir müssen sehen auf das Intime, wir müssen darauf sehen, wie sich der einzelne Mensch entwickelt hat. Dadurch kommen wir wiederum dem Bedürfnis unserer Gegenwart entgegen. Für die Eroberungen Alexanders des Großen haben sich die Geschlechter interessiert, die erst durch die Schule auf dieses Interesse hin orientiert wurden. Heute werden die breitesten Massen für Bildung, für Geistesleben aufgerufen, und die wollen sich für etwas anderes interessieren als für die Eroberungen des Xerxes oder Alexanders des Großen, des Cäsar oder auch späterer; sie wollen sich interessieren für dasjenige, was an jedem Menschen als das eigentlich Menschliche auftritt. Eine Geschichtswissenschaft aber erhebt sich für unser Seelenauge, die schildert, wie der Mensch anders war vor fünf, sechs, sieben Jahrtausenden, wie er anders war in der griechischen Zeit als jetzt. Eine Geschichte erhebt sich, die unmittelbar an alles individuell Menschliche herangeht, die auferstehen läßt vor unserem Seelenauge, wie der Grieche war, so daß der Mensch der Gegenwart den Griechen mit sich selbst seelisch-geistig vergleichen kann. Das, was jeden Menschen angeht, das wird Interesse haben für diejenigen, die als die breiten Massen heute nach Bildung streben, das, was nicht nur Alexander den Großen oder Alkibiades und Cäsar angeht, sondern was jeden Menschen angeht, das, was sozusagen in jedem Menschen steckt, weil er selber ein Nachfahre derjenigen ist, die die Welt so ganz anders gesehen haben.
[ 37 ] Wiederum ist es eine ernste Frage gerade gegenüber den sozialen Bedürfnissen der Gegenwart, nach einer historischen Wissenschaft zu streben, die eng an den Menschen herangebracht wird; und eine solche Wissenschaft wird auch, weil sie an das Innerste des Menschen rührt, die moralischen und die Rechtsimpulse im Menschen loslösen können. Wir sind in dem äußerlich gewordenen staatlichen Leben allmählich zu etwas gekommen, was weiter nichts ist als gesetzgeberische Konvention. Das, was in unseren staatlichen Gesetzen lebt, das geht aber nicht hinein bis in diejenigen Tiefen der Menschenseele, wo die moralischen Impulse entspringen. Wie leben denn die heutigen gesetzlichen Maßnahmen in den einzelnen Menschen? Nicht leben sie. Der Jurist selbst schlägt sie oft erst nach aus Gesetzbüchern, weil er für gewöhnlich nicht viel davon weiß, bevor er den betreffenden Paragraphen nachgeschlagen hat. Aber lebendig im Menschen lebt das nicht, was allmählich eine bloße historische Abstraktion geworden ist. Begründen wir wiederum eine historische Wissenschaft, so wird sie etwas sein, was im Leben Impulse auslösen kann. Solch eine historische Wissenschaft, die wird allein fähig sein, die Menschen zu ergreifen und sie zu vernünftigem sozialen Wollen veranlassen — im Gegensatz zu dem historischen Materialismus, den Lenin und Trotzki hochgezüchtet haben. Weil den Leuten nichts anderes geboten worden ist als abstrakte, wesenlose Gedanken, haben Lenin und Trotzki ihnen gegenüberstellen können, was die Leute allein verstehen: die Ergebnisse des wirtschaftlichen Lebens.
[ 38 ] Es sind heute die großen, die ernsten Forderungen des Lebens, welche die Frage aufstellen: In welcher Weise ist die Naturwissenschaft, in welcher Weise ist die historische Wissenschaft neu zu befruchten? Wollen wir es heute mit dem Leben ernst nehmen, so müssen wir an eine solche Befruchtung der Wissenschaften denken. Ich kann mir sehr wohl denken, daß diejenigen Menschen, die heute ihre Ausbildung erfahren durch alles das, was heute eben eine solche Ausbildung bewirkt, schockiert werden von dem, was ich hier sage und es wahrscheinlich radikal finden — während wir es doch bloß aus dem Ernste des Lebens heraus entschieden notwendig finden müssen. Aber ist es denn nicht unsere Zeit selbst, die in jedem Augenblicke auf den Lebensernst hinweist?
[ 39 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, es kann die Hypothese aufgestellt werden, daß dieser Saal heute sehr gefüllt sein würde, wenn nicht die aufgeschobene Fastnacht gefeiert würde — wenn man das «feiern» nennen kann. Aber es ist mir durchaus recht, daß just am heutigen Tage hier dieser Abend abgehalten wird, um zu zeigen, daß es noch Orte gibt, wo man fühlt, daß von Ernstem geredet werden muß in einer Zeit der Not, in einer Zeit, wie die ist, in der wir heute leben. In einer solchen Zeit ist noch viel, viel von dem vorhanden, was sich nicht heranfinden kann zu jenem Lebensernste, der notwendig ist, um an so etwas zu denken, wie es angedeutet worden ist in diesem heutigen einleitenden Vortrage.
[ 40 ] Aber wenn man so etwas ausspricht, meine sehr verehrten Anwesenden, dann fühlt man sich erinnert an den Ausspruch, den einmal einer getan hat — für seine Zeit angepaßt —, der auch von den großen Impulsen gegenüber dem kleinen Interesse der Menschen zu sprechen sich gedrängt fühlte: Johann Gottlieb Fichte sprach einmal über die Bestimmung des Gelehrten, hielt Vorlesungen darüber. Als er diese Vorlesungen erscheinen ließ, da leitete er sie mit ganz wenigen Worten ein. Er sagte, indem er sich wandte gegen alle diejenigen, die so gut aus ihrer Lebenspraxis heraus bewiesen, daß man Ideale doch nicht realisieren kann — er wandte sich eigentlich nicht an diese, denn sie sind ja nicht belehrbar, aber er sprach mit Bezug auf diese —, er sagte: Daß Ideale im unmittelbaren Leben nicht realisierbar sind, das wissen wir anderen ebenso gut wie diese sogenannten Lebenspraktiker. Daß aber das Leben unmittelbar nach ihnen orientiert werden muß, das müssen wir mit allem Ernste aussprechen. — Und Johann Gottlieb Fichte fügte dazu, daß es Menschen gibt, die nicht einzusehen vermögen, wie notwendig es ist, in den ernsten Stunden der Weltgeschichte auch dementsprechend Ernstes zu beginnen, das beweise nur, daß eben auf diese Menschen im Weltenplane einfach nicht zu rechnen ist. Und so, sagte Fichte, möge ihnen durch den Geist, der diesen Weltenplan lenkt, «zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung, und ungestörter Umlauf der Säfte» gegeben werden und — wenn es möglich ist — auch «kluge Gedanken»; aber im übrigen kann man auf sie ja nicht rechnen, wenn von den Impulsen geredet wird, die im großen Weltenplane liegen.
[ 41 ] Aber das möchte man, daß insbesondere in der heutigen ernsten Weltenlage sich doch eine genügend große Anzahl von Menschen finde, welche empfinden kann diesen Ernst und aus ihm heraus erfühlen kann die Notwendigkeit, daß nicht Kleines, sondern Großes an Impulsen geschehen muß, und zwar geschehen muß gerade auf dem Gebiete des menschlichen Bewußtseins selber, damit wir vorwärtskommen können. Aus solchen Impulsen heraus ist das gemeint, was ich heute zu Ihnen zu sprechen versuchte anhand von einzelnen Beispielen über die Beziehung von Anthroposophie zu der gegenwärtigen Wissenschaft. Das, was ich sagen wollte, konnte ich nur skizzieren, aber wenn ich durch diese Skizze bei einer wenn auch kleinen, aber doch genügend großen Anzahl von Menschen solche Impulse hervorrufen könnte, die dann anregend wirken können auf das, was geschehen muß — eine Erneuerung unseres ganzen wissenschaftlichen Lebens —, dann betrachtete ich das, was durch solche Anregungen eigentlich geschehen kann, als wenigstens vorläufig erfüllt.
[ 42 ] In unserer Zeit ist die Wissenschaft sehr stolz darauf, wenn sie sagt, sie will reine Erkenntnis. In der griechischen Zeit, in der das Vorstellen dem Leben näher stand, hat man für den wichtigsten Moment im Trauerspiel, wo sich das Schicksal des Helden entschied, das Wort «Katharsis» gebraucht. Man hat da in die Ästhetik etwas hineingetragen, was aus der Medizin genommen war. Denn als die «Katharsis» wurde im griechischen Leben das angesehen, was als eine Art von Krisis eintrat, damit gewisse krankhafte Vorgänge, die im Organismus sind, durch andere Vorgänge ausgeglichen, paralysiert werden. Von dem, was im Naturdasein sich abspielt, übertrug man in diesem gesunden griechischen Zeitalter die Vorstellungen auf das künstlerische Gebiet. Wir brauchen heute wiederum eine Wissenschaft, welche keinen Riß entstehen läßt zwischen der Theorie und der Praxis, wir brauchen eine lebensfähige, lebenskräftige Wissenschaft, wir brauchen eine Wissenschaft, die das Leben aufbauen kann.
[ 43 ] Nach einer solchen kraftvollen Wissenschaft werden sich allerdings nur solche Menschen sehnen, die eben wirklich den Ernst des gegenwärtigen Lebens zu erfassen und zu erfühlen verstehen. Und die übrigen, meine sehr verehrten Anwesenden, lassen Sie mich das am Schlusse noch aussprechen, die müssen wir entsprechend dem alten Wort Fichtes auch heute überlassen einem gütigen Weltenplan, der sie zur rechten Zeit mit Nahrung und Trank versorgt, der ihnen zur rechten Zeit Sonnenschein und Regen gibt, der ihnen verschobene Faschingsvergnügen, und — wenn’s geht — auch kluge Gedanken gibt. Es wird schwer gehen!
[ 44 ] Aber das, was heute notwendig ist, es liegt auf einem anderen Gebiete, das so bezeichnet werden kann: Die geistentfremdete Forschung muß den Weg zum Geiste zurückfinden. Und diesen Weg zurück zum Geiste, den will die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft finden, dazu ruft sie die Menschheit auf. Das ist dasjenige, was die Wahrheit ist — gegenüber all den Vorurteilen, gegenüber all den Verleumdungen, die sich gegen diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sonst in der Welt geltend machen.
[ Lebhafter Beifall ]
[ 45 ] Roman Boos: Im Sinne eines Dankes für diesen Vortrag möchte ich die Hoffnung aussprechen, daß die Vorträge, die nun folgen werden, in unserem Kreise selbst und nach außen in der Weise wirken werden, wie es aufgezeigt worden ist in dem Vortrage durch Herrn Dr. Steiner. Ich möchte nun bitten, daß nach einer kurzen Pause diejenigen sich melden, die zum heutigen Vortrage vielleicht noch etwas zu fragen haben. Besonders möchte ich alle unsere wissenschaftlich arbeitenden Freunde bitten, diese Gelegenheit zu ergreifen, da Herr Dr. Steiner bereit ist, in dieser oder jener Hinsicht noch Ergänzendes beizufügen.
[ 46 ] Eugen Kolisko: In welcher Form kann bei dem, was Herr Dr. Steiner gesagt hat über die Erforschung des umgekehrten biogenetischen Grundgesetzes, tatsächlich festgestellt werden, daß es sich hier um eine Zeit handelt, die um so viel zurückliegt, als das einer bestimmten Periode entspricht? Wie kann aus den Vorgängen, die man beobachtet an den Erscheinungen im Alter, festgestellt werden, wie weit das zurückliegt in den früheren Zeiten?
[ 47 ] Friedrich Husemann: Ist die Blaublindheit der Griechen etwas, was nur mit der individuellen Entwicklung dieses Volkes zu tun hat, oder ist es vielleicht etwas, was im allgemeinen Entwicklungsgange einer Rasse oder eines Volkes auftritt, was also einem gewissen Alter dieser Rasse entsprechen würde? Wie ist es zum Beispiel mit den Chinesen, von denen man doch schon aus sehr früher Zeit schon Darstellungen hat in blauen Farben? Kommen da noch andere Dinge in Frage?
[ 48 ] Walter Johannes Stein: Wie hängt die Veränderung der Sinneswahrnehmungen zusammen mit der Denkveränderung bei den Griechen, die gemäß dem Buch «Die Rätsel der Philosophie» noch eine viel bildhaftere Wahrnehmung hatten?
[ 49 ] Roman Boos bittet Herrn Dr. Steiner, das Schlußwort zu ergreifen.
[ 50 ] Rudolf Steiner: Im Sinne eines Schlußwortes möchte ich auf die gestellten Fragen eingehen. Die erste Frage, meine sehr verehrten Anwesenden, ist ja natürlich eine solche, die sehr umfassende Darlegungen zu ihrer Beantwortung erheischen würde.
[ 51 ] Zunächst habe ich zu erwähnen, daß ja eine wirkliche Erforschung dieser Dinge nur möglich ist mit Zugrundelegung der geisteswissenschaftlicher Methode, das heißt der Methode, die tatsächlich lehrt, das, was man sonst gewohnt ist, von außen anzusehen, nun von innen anzusehen. Sie können sich eine Vorstellung von dem, was da eigentlich in Betracht kommt, etwa auf die folgende Weise verschaffen. Sie müssen, wenn Sie hinblicken auf den physischen Organismus, den gegenwärtigen Augenblick zugrundelegen. Sie müssen sich gebunden halten an diejenige Konfiguration und äußere Tätigkeit, die der physische Organismus im gegenwärtigen Augenblicke hat. Wenn Sie von da übergehen zu der Beobachtung des Seelenlebens, so werden Sie in diesem Seelenleben nicht finden die Notwendigkeit der Beschränkung auf den gegenwärtigen Augenblick, sondern Sie finden in dem Seelenleben — zunächst in dem individuellen Seelenleben —, die Ausdehnung zurück in das sechste, fünfte, vierte Lebensjahr. Die Erlebnisse sind der Erinnerung, dem Gedächtnisse einverleibt, so daß Sie also, wenn Sie aufsteigen von der Beobachtung des physischen Menschen zu der Beobachtung des seelischen Menschen, von der Gegenwart zu einer individuellen Vergangenheit übergehen. Geisteswissenschaftliche Methoden sich aneignen, heißt, gewisse Fähigkeiten entwickeln, die über das gewöhnliche Seelenleben hinaus liegen. Diese Fähigkeiten, die über das gewöhnliche Seelenleben hinaus gehen, die erweitern dann auch dasjenige, was sich beim Übergang vom Physischen ins Seelische hinein über einen gewissen Zeitraum, bis zum Kindheitszeitraum, ausdehnt. Diese geisteswissenschaftlichen Methoden erweitern das Anschauen über den individuellen Menschen hinaus, und es tritt dasjenige ein, was inneres Anschauen des Weltprozesses ist. Es ist allerdings ein weiter Weg, den Sie geschildert finden in meinen Büchern, aber es ist ein Weg, der für die menschliche Entwicklung durchaus eine Realität werden kann.
[ 52 ] Geradeso nun, wie beim erinnerungsmäßigen Überschauen des individuellen Lebensweges den inneren Erlebnissen in ihrer Wiederkehr die Zeit in einer gewissen Weise immanent ist, wird man — aber allerdings erst durch vergleichende Behandlung desjenigen, was man da in der Erinnerung hat — zur Ausgestaltung des Zeitenschemas kommen, auch für das, was sich der inneren Anschauung darbietet, wenn man nur wirklich methodisch zu arbeiten versteht. Man kommt dadurch zu einer wirklichen methodischen Erarbeitung. Derjenige, der sich den beobachtenden Sinn aneignet für das, was ich die rudimentären Seelenmetamorphosen des Alters genannt habe — denen aber durchaus auch rudimentäre Leibesmetamorphosen entsprechen —, der wird finden, daß gewisse Zeitabschnitte da sind, in denen sich solche Metamorphosen vollziehen. Im Ausgang der Vierzigerjahre liegt ein solcher Zeitabschnitt, am Ende der Fünfzigerjahre wiederum, in der Mitte der Fünfzigerjahre liegt ein solcher Zeitabschnitt, so daß man in der Tat gewisse Zeiträume des inneren Erlebens für diese rudimentäre Seelenmetamorphose erhält. Nun kann man, wenn man in der Erweiterung der inneren Anschauung auf das außerindividuelle Gebiet nun wirklich innere Methodik anwendet und dadurch zu gewissen Zeitbestimmungen kommt, entweder direkt darauf sich verlassen — was bei einer entwickelten geisteswissenschaftlichen Methode durchaus der Fall ist —, oder man kann das, was sich auf diese Weise bietet, noch durch Verifizierung von außen zu erhärten versuchen. Man kann sich zum Beispiel sagen, man erlebt heute, wenn man den Beobachtungssinn schon dafür geschärft hat, sagen wir um das 35. Jahr herum eine gewisse Lebensmetamorphose. Nun sucht man diese auf nach dem, was sich einem eben darbietet im äußeren historischen Leben, und man bekommt dadurch einen gewissen historischen Zeitpunkt fixiert. Man versuche dann eine andere Lebensmetamorphose aufzufinden, zum Beispiel das, was sich am Ende der Zwanzigerjahre darbietet — man bekommt einen späteren Zeitpunkt. Dadurch bekommt man einzelne Epochen für das, was historisch sich abspielt und was einer inneren Metamorphosierung des Lebens entspricht. Dadurch kann man diese einzelnen individuellen Lebensepochen auf die zurückliegende geschichtliche Entwicklung der Menschheit beziehen. Ist das hinweisend auf den Weg? Ich kann natürlich diesen Weg nur skizzieren. Wenn Sie den Gedanken verfolgen, so wird sich Ihnen ergeben, daß dieser Weg ein ganz exakter ist.
[ 53 ] Was die sogenannte Blaublindheit der Griechen betrifft, so bitte ich vor allem zu berücksichtigen, daß ich wirklich nur von einer sogenannten Blaublindheit sprechen möchte. Es ist mehr ein Sensitivsein der Griechen für die hellen, warmen Farben und ein WenigerInteresse-Haben für die dunklen, für die blauen, kalten Farben. Man muß sich klar sein darüber, daß der Prozeß selber, der da stattfindet, ein viel seelischerer für das griechische Volk ist, als er bei den heutigen partiell Blaublinden ist. Es ist nur ein Analogon, aber es ist eben diese seelische Blaublindheit doch durchaus so stark vorhanden bei den Griechen, daß wir es in der griechischen Sprache noch nachweisen können. Das haben Sie aber wohl schon aus dem Vortrage entnehmen können, daß wir das nicht als eine individuelle Eigenschaft des griechischen Volkes anzuschauen haben, sondern als etwas, was überhaupt in einem bestimmten Zeitraum einer Volksentwicklung auftritt. Selbstverständlich muß da genau ins Auge gefaßt werden, daß ja das, was als Völker auf der Erde nebeneinander lebt, nicht in absolut gleichen Zeiträumen seine relative Epoche hat. Man muß sich klar sein darüber, daß zum Beispiel das chinesische Volk längst über den Zeitraum der Blaublindheit hinaus war, als es in die Geschichte eintrat. Also man muß die Zeiträume gewissermaßen nebeneinander geschichtet empfinden, dann wird man das, was ich gesagt habe, im richtigen Lichte sehen. Den Denkprozeß, wie er sich bei den Griechen äußerte, habe ich versucht darzustellen in meinen «Rätseln der Philosophie»; dieser Denkprozeß der Griechen war auch ein etwas anderer als unser heutiger Denkprozeß. Unser Denkprozeß ist der, daß wir uns einer gewissen Aktivität der Gedanken bewußt sind, mit denen wir die äußeren Tatsachen begleiten, daß wir durch diese Aktivität der Gedanken, deren wir uns bewußt sind, uns zuschreiben die Bildung der Gedanken, und dem Objektiven nur zuschreiben den Sinneseindruck. Das war bei den Griechen anders. Im Griechen — Sie können das leicht nachweisen, wenn Sie mit unbefangenem Urteil auf die griechischen Philosophen hinsehen —, im Griechen lebte ein deutliches Bewußtsein davon, daß er ebenso, wie er Farben an den Dingen sieht, auch die Gedanken an den Dingen sieht, daß er also die Gedanken wahrnimmt. Der Grieche erlebte den Gedanken als etwas Wahrgenommenes, nicht als etwas aktiv Ausgebildetes. Und daher waren die Griechen eigentlich nicht ein nachdenkliches Volk in dem Sinne, wie wir es sind. Nachdenklich sind die Menschen eigentlich erst geworden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Der Denkprozeß hat sich verinnerlicht. Er hat sich verinnerlicht gleichzeitig mit dem Gang des Sinnesprozesses. Die Griechen sahen, ich möchte sagen mehr auf den aktiven Teil des Spektrums hin, auf die rote, die warme Seite des Spektrums; sie empfanden nur undeutlich die kalte, blaue Seite des Spektrums. Und wir haben heute ganz gewiß eine ganz andere Vorstellung von der roten und warmen Seite des Spektrums, wir sehen es viel mehr gegen das Grüne hin verschoben als die Griechen, die es über unser äußerstes Rot hinaus noch sensitiv verfolgten. Es war das griechische Spektrum ganz nach der roten Seite verschoben. Die Griechen sahen daher auch den Regenbogen anders als wir. Und dadurch, daß wir mehr nach der anderen Seite des Spektrums hin unsere Sensitivität verschoben haben, dadurch wenden wir gewissermaßen unsere Aufmerksamkeit dem Dunklen zu, und das ist schon etwas wie das Eingehen in eine Art von Dämmerung. Da wird man nachdenklich. Wenn ich es jetzt mehr bildhaft darstelle, so stoßen Sie sich nicht daran; es liegt eben doch ein sehr realer Vorgang der menschlichen Entwicklung zugrunde. Mit dem Hinüberschieben der Sensitivität von dem warmen Teil des Spektrums nach dem dunklen Teil des Spektrums, tritt etwas ähnliches ein in der ganzen Menschheitsentwicklung, wie es bei einem Menschen der Fall ist, wenn er aus dem vollen Hellen heraus die Dämmerung erlebt, wo er anfängt, mehr auf sich angewiesen zu sein, den inneren Gedankenweg zu verfolgen, und wo er nachdenklich wird. Es denkt sich, möchte ich sagen in der Dämmerung, im Dunkeln aktiver, als es sich denkt, wenn die Sensitivität auf die lebendigen, auf die lebhaften, warmen Farben hin gerichtet ist, wo man mehr in der Außenwelt lebt, mehr das miterlebt, was in der Außenwelt ist. Der Grieche ging mit seinem ganzen Denken mehr in der Außenwelt auf. Er sah daher auch seine Gedanken in der Außenwelt. Der moderne Mensch, der das ganze Spektrum-Anschauen mehr nach dem dunklen Teile hin verlegt hat, der kann nicht seine Gedanken in der Außenwelt sehen. Geradeso wie man in der Nacht, wenn es ringsherum finster ist, nicht irgendwie behaupten wird, daß das, was die Seele erlebt, äußerlich sichtbar ist, sondern weiß, es geht in der Seele vor, so geht das, was der Mensch seit der Verschiebung des Spektrum-Anschauens erlebt, mehr nach dem dunklen Seite hin in der Seele vor, und man kann sagen, es ist eine Verschiebung des Denkens eingetreten seit der griechischen Zeit.
[ 54 ] Solche Dinge ergeben sich der Forschung der Geisteswissenschaft. Ich kann sie hier nur skizzieren; ich hoffe, daß manches von dem, was heute angedeutet worden ist, in den nächsten Tagen hier weiter ausgeführt werden kann, und ich wünsche meinen nachfolgenden Rednern recht viel Glück zu der Behandlung möglichst interessanter Fragen in den nächsten Tagen.
