Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a
26 March 1920, Dornach
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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
3. Fragenbeantwortung «Zur Psychiatrie» nach dem Vortrag von Friedrich Husemann über «Nervosität, Weltanschauung und Anthroposophie»
3. Questions “On Psychiatry” following Friedrich Husemann’s lecture on “Nervousness, Worldview, and Anthroposophy”
Vorbemerkung: Über den Vortrag von Friedrich Husemann ist nichts bekannt, da nicht mitgeschrieben wurde. Man darf aber annehmen, daß einiges aus seinen Ausführungen auch wiederum angesprochen wurde in seinen beim ersten anthroposophischen Hochschulkurs im September 1920 gehaltenen Vorträgen über «Fragen der heutigen Psychiatrie vom Gesichtspunkte der Anthroposophie». Eine Zusammenfassung dieser Vorträge wurde publiziert in dem Sammelband «Aenigmatisches aus Kunst und Wissenschaft», Band I, Stuttgart 1922.
Preliminary Note: Nothing is known about Friedrich Husemann’s lecture, as no notes were taken. However, it may be assumed that some of the points he raised were also addressed in his lectures on “Questions of Contemporary Psychiatry from the Perspective of Anthroposophy,” delivered during the first Anthroposophical University Course in September 1920. A summary of these lectures was published in the anthology “Aenigmatisches aus Kunst und Wissenschaft” (Enigmatic Aspects of Art and Science), Volume I, Stuttgart 1922.
Nach dem Vortrag von Dr. Husemann wurde eine Frage gestellt nach Möglichkeiten eines zukünftigen Studiums der Psychiatrie.
Following Dr. Husemann's presentation, a question was asked about opportunities for pursuing a degree in psychiatry in the future.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Es ist natürlich nicht möglich, heute noch über dieses Thema, das ja eine erschöpfende Behandlung erfordern würde, wenn man überhaupt darauf eingehen wollte, irgendwie anders als höchstens mit ein paar Andeutungen zu sprechen zu kommen, denn das psychiatrische Studium erfordert ja gerade in unserer Zeit ganz gewiß die allerdurchgreifendsten Reformen. Schon wenn man bloß darauf sieht, wie es heute eigentlich unmöglich ist, die Fragestellungen richtig zu machen, die in der Psychiatrie figurieren müssen, so wird man darauf kommen, wie notwendig
[ 1 ] Rudolf Steiner: Of course, it is no longer possible today to discuss this topic—which would require an exhaustive treatment if one were to address it at all—in any way other than with a few brief remarks at most, for the study of psychiatry certainly requires the most far-reaching reforms, especially in our time. Even if one merely considers how impossible it actually is today to properly frame the questions that must be addressed in psychiatry, one will realize how necessary
[ 2 ] 70 eine solche Reform eines psychiatrischen Studiums ist. Allein eine solche Reform wird nicht eintreten können — das schien mir schon aus dem Vortrag von Dr. Husemann selbst hervorzugehen —, wenn nicht vorher Geisteswissenschaft wirklich die einzelnen Fachwissenschaften befruchtet. Denn jene Entwicklung, die ja heute Dr. Husemann so schön geschildert hat, die eingesetzt hat etwa um die Zeit Galileis und die dann kulminiert hat im 19. Jahrhundert, diese wissenschaftliche Entwicklung hat eigentlich in zwei schroff einander gegenüberstehende Denkströmungen das ganze menschliche Gedankenleben auseinandergetrieben. Auf der einen Seite stehen die Vorstellungen, die man über das Materielle und seine Vorgänge hat, auf der anderen Seite steht das Gedankenleben selbst, das immer mehr und mehr einen rein abstrakten Charakter angenommen hat, so daß — da Abstraktionen keine Kräfte in der Welt sein können, also auch im Menschen keine Kräfte sein können, die etwas bewirken — auch für den Menschen nicht die Möglichkeit vorliegt, vom Seelischen aus das Materielle, das Physische zu begreifen, vom Psychischen aus irgendeine Brücke zu schlagen zum Meateriellen.
[ 2 ] 70 such a reform of psychiatric education is. Yet such a reform alone will not be possible—as I understood from Dr. Husemann’s lecture itself—unless the humanities first truly enrich the individual disciplines. For that development—which Dr. Husemann has so beautifully described today, a development that began around the time of Galileo and then culminated in the 19th century—this scientific development has, in fact, torn the entire realm of human thought apart into two sharply opposing currents of thought. On the one hand are the concepts we have of the material world and its processes; on the other hand is the life of thought itself, which has taken on an increasingly abstract character, so that—since abstractions cannot be forces in the world— and thus cannot be forces within human beings capable of bringing about anything—there is no possibility for human beings to comprehend the material and the physical from the perspective of the soul, or to build any bridge from the psychological to the material.
[ 3 ] Der Mensch hat ja heute höchstens eine Vorstellung von einer Summe von Abstraktionen oder selbst von abstrakten Empfindungen und dergleichen, wenn er vom Seelischen redet. Diese Summe von Abstraktionen, die kann selbstverständlich einen Organismus nicht in Bewegung setzen, kann nicht irgendwie eine Brücke schlagen zum Organismus hin. Daher kann man [auf der einen Seite] auch nicht davon sprechen, daß man etwa durch eine Einwirkung auf das Seelenleben, das ja nur eine Summe von Abstraktionen eben ist, irgendwie den äußeren physischen, realen Organismus beeinflussen könne. Auf der anderen Seite steht dasjenige, was man ja auch durch die Wissenschaft gewonnen hat über den physischen Organismus, denn man hat erdichtet, die Seelenerscheinungen seien nur Parallelerscheinungen oder gar Wirkungen des physischen Organismus. Es ist dasjenige, was man an konkreten Vorstellungen ausbildet über diesen physischen Organismus, nicht dazu angetan, daß man irgend etwas herauspressen könnte aus diesen Vorstellungen über das Psychische. Und so stehen eigentlich heute — ganz gleichgültig, ob man mehr oder weniger Materialist ist —, nebeneinander eine Anschauung über das Seelenleben die nur auf Abstraktionen hinblickt, und eine Anschauung über das materielle Leben, auch das organische Leben, aus der sich nicht irgendwie etwas Geistiges herauspressen läßt.
[ 3 ] After all, when people speak of the soul today, they have at most a conception of a sum of abstractions—or even of abstract sensations and the like. This sum of abstractions, of course, cannot set an organism in motion; it cannot in any way build a bridge to the organism. Therefore, [on the one hand], one cannot claim that by influencing the life of the soul—which is, after all, merely a sum of abstractions—one can somehow influence the external, physical, real organism. On the other hand, there is what science has indeed established about the physical organism, for it has been posited that mental phenomena are merely parallel phenomena or even effects of the physical organism. The concrete concepts we form about this physical organism are not suited to allowing us to extract anything at all about the psychological from these concepts. And so today—regardless of whether one is more or less of a materialist—there actually coexist, side by side, a view of the life of the soul that focuses solely on abstractions, and a view of material life—including organic life—from which nothing spiritual can be extracted in any way.
[ 4 ] Da ist es doch eigentlich ziemlich selbstverständlich, daß man gerade für die Psychiatrie eine irgendwie in Betracht kommende Methode nicht leicht finden kann. Daher ist es ja auch gekommen, daß man in der neuesten Zeit schon Abstand davon genommen hat, überhaupt noch von dem Zusammenhang des Physisch-Organischen im Menschen mit dem im Bewußtsein als Prozeß ablaufenden Psychischen zu reden. Und da man in Wirklichkeit zwischen diesen zwei Stühlen, zwischen dem Physisch-Materiellen und dem Abstrakt-Psychischen, eigentlich fortwährend in der Gefahr steht, auf die Erde hinunter sich zu setzen, so ist es notwendig, eine ganz unbewußte Welt, einemerkwürdige und unbewußte Welt zu erfinden. Und das hat man ja nun reichlich getan in der Psychoanalyse, der analytischen Psychologie, einem wissenschaftlichen Objekt, das eigentlich außerordentlich interessant ist. Es wird nämlich — wenn es einmal zu einer Reform der Psychiatrie gekommen ist, so daß man wiederum eine ordentliche Psychiatrie haben wird — dann vor allen Dingen von diesem neuen psychiatrischen Standpunkte aus dieses wissenschaftliche Objekt ordentlich geprüft werden müssen, denn es ist eigentlich [selbst] ein Objekt für die Psychiatrie.
[ 4 ] It is actually quite obvious that, especially in the field of psychiatry, it is not easy to find a method that is even remotely suitable. This is precisely why, in recent times, people have already moved away from speaking at all about the connection between the physical-organic aspects of the human being and the psychological processes unfolding in consciousness. And since, in reality, caught between these two stools—between the physical-material and the abstract-psychic—one is constantly in danger of falling to the ground, it becomes necessary to invent an entirely unconscious world, a strange and unconscious world. And this has indeed been done extensively in psychoanalysis, in analytical psychology—a scientific field that is actually extraordinarily interesting. For once psychiatry has been reformed—so that we once again have a proper form of psychiatry—this scientific subject will, above all, have to be thoroughly examined from this new psychiatric perspective, since it is, in fact, [itself] a subject for psychiatry.
[ 5 ] Also man hat versucht, damit man sich nicht ganz auf die Erde setze zwischen diese zwei Stühle, eine unbewußte Welt sich auszumalen. Ich sage nichts gegen die unbewußte Welt selbstverständlich, aber die muß erforscht werden, die muß durch dasjenige, was Geisteswissenschaft als Schauung einführt, wirklich erkannt werden, die kann nicht in der Weise erphantasiert werden, wie sie die Freudianer oder ähnliche Leute erphantasieren.
[ 5 ] So, in order to avoid getting completely stuck between these two stools, people have tried to imagine an unconscious world. I have nothing against the unconscious world, of course, but it must be researched; it must be truly understood through what spiritual science introduces as “intuition”; it cannot be fantasized about in the way that Freudians or similar people fantasize about it.
[ 6 ] Die Geisteswissenschaft wird dasjenige für eine Reform der Psychiatrie bringen, daß sie von den bloß abstrakten Begriffen, die kein innerliches Leben haben, wiederum zu wirklichkeitsgemäßen Begriffen führen wird, zu solchen Begriffen, die als Begriffe schon in der Welt leben, die gewonnen sind dadurch, daß man mit ihren Methoden in die Wirklichkeit untertaucht. Dann, wenn man zu solchen geistigen Methoden aufsteigt, die wiederum wirklichkeitsgemäße Begriffe liefern, wird man von solchen Begriffen, die bloße Abstraktionen sind, den Übergang finden zu dem, was nun nicht bloße Abstraktion, sondern was Wirklichkeit ist. Das heißt, man wird eine Brücke schlagen können zwischen dem Psychischen und dem Physischen im Menschen. Es muß das Psychische und das Physische in der Vorstellung anders aussehen, als es heute aussieht, wenn man eine Psychiatrie im Ernste will.
[ 6 ] Spiritual science will contribute to a reform of psychiatry by leading it away from merely abstract concepts—which have no inner life—back toward concepts that correspond to reality, concepts that already exist in the world as such and are gained by immersing oneself in reality using its methods. Then, when one rises to such spiritual methods that in turn yield concepts grounded in reality, one will find a transition from concepts that are mere abstractions to what is not mere abstraction but reality itself. That is to say, one will be able to build a bridge between the psychological and the physical in the human being. If one is serious about psychiatry, the psychological and the physical must be viewed differently in one’s conception than they are today.
[ 7 ] Die heutige Summe von Abstraktionen, auch diejenige, welche die abstrakten Naturgesetze in sich faßt — sie werden ja immer filtrierter und filtrierter, diese Naturgesetze —, diese Summe von Abstraktionen ist nicht fähig, in einen wirklichen Prozeß unterzutauchen. Stellen Sie sich nur einmal vor, wie man mit den Abstraktionen, die heute in den Wissenschaften figurieren, so etwas finden könnte wie die zwei wichtigen, ich kann sagen Tatsachen — denn es sind Tatsachen —, die ich im ersten Vortrage dieser Serie von Vorträgen angeführt habe: die geisteswissenschaftlich begründete Herzlehre und die geisteswissenschaftlich begründete Lehre von dem umgekehrten biogenetischen Grundgesetz für den historischen Ablauf des Erdgeschehens. An solchen Beispielen können Sie ersehen, daß die geisteswissenschaftlichen Methoden in der Lage sind, den Weg aus dem inneren Seelenleben heraus in die Tatsachenwelt wirklich zu finden, eine Brücke zu schlagen zwischen dem sogenannten Psychischen und dem sogenannten Physischen.
[ 7 ] Today’s sum of abstractions—including the one that encompasses the abstract laws of nature (for these laws of nature are, after all, becoming ever more and more filtered)—this sum of abstractions is incapable of immersing itself in a real process. Just imagine for a moment how, using the abstractions that figure in the sciences today, one could find something like the two important, I might say facts—for they are facts—that I cited in the first lecture of this series: the spiritual-scientific theory of the heart and the spiritual-scientific theory of the inverse biogenetic law governing the historical course of events on Earth. From such examples you can see that the methods of spiritual science are capable of truly finding the path from the inner life of the soul into the world of facts, of building a bridge between the so-called psychological and the so-called physical.
[ 8 ] Das aber ist vor allen Dingen für die Psychiatrie notwendig, denn da wird man erst auf einen grünen Zweig kommen, wenn man in der Lage sein wird, die entsprechenden Tatsachen richtig zu beobachten. Und die Tatsachen der Psychiatrie, die sind im Grunde genommen noch schwieriger zu beobachten — weil sie eine größere Vorurteilslosigkeit erfordern — als die Tatsachen der physischen Gesetzwirkungen. Denn in dem Menschenleben gibt es im Grunde genommen, sobald man vom sogenannten Gesunden, vom relativ Gesunden zu dem relativ Kranken übergeht, eigentlich fast keine Möglichkeit, den Menschen vollständig isoliert [zu betrachten]. Der Mensch entwickelt sich gewiß zu einer völligen Individualität, zu einem isolierten Leben; das tut er gerade durch sein Psychisches. Aber dasjenige, was im Psychischen abweicht von der geradlinigen Entwicklung, was abweicht von der geradlinigen, sogenannten normalen Entwicklung, das ist nicht so, daß man es isoliert betrachten kann — ich kann das nur andeuten natürlich, man müßte sonst stundenlange Ausführungen machen, wenn man es im einzelnen belegen wollte. Der Mensch ist viel mehr ein, auch im tieferen Sinne genommen, soziales Wesen, als man gewöhnlich meint, und insbesondere lassen sich psychische Erkrankungen eigentlich in den seltensten Fällen bloß beurteilen nach der Biographie des einzelnen, isolierten Individuums. Das ist fast ganz unmöglich.
[ 8 ] But this is necessary above all for psychiatry, for it will only begin to thrive when it is able to correctly observe the relevant facts. And the facts of psychiatry are, in essence, even more difficult to observe—because they require a greater degree of impartiality—than the facts of physical laws. For in human life, as soon as one moves from the so-called healthy, or relatively healthy, to the relatively sick, there is actually almost no possibility of [observing] a person in complete isolation. Human beings certainly develop into complete individuals, into isolated lives; they do so precisely through their psyche. But whatever deviates in the psyche from a linear development—whatever deviates from the linear, so-called normal development—cannot be viewed in isolation—I can only hint at this, of course; otherwise, one would have to spend hours explaining it in detail if one wanted to substantiate it point by point. Human beings are, even in the deepest sense, far more social creatures than is generally supposed, and in particular, mental illnesses can rarely—if ever—be judged solely on the basis of the biography of a single, isolated individual. That is almost entirely impossible.
[ 9 ] Ich möchte Ihnen lieber durch ein hypothetisches Beispiel als durch Theorien das andeuten, was ich eigentlich meine. Sehen Sie, es ist zum Beispiel möglich, daß in irgendeiner Gemeinschaft, sei es in einer Familien- oder sonst irgendeiner Gemeinschaft, zwei Menschen nebeneinander leben. Der eine hat nach einiger Zeit das Unglück, einen Anfall zu bekommen, den man also in das Gebiet des Psychiatrischen versetzt. Man kann nun selbstverständlich diesen Menschen isoliert behandeln. Aber wenn man es tut, namentlich wenn man sich die Anschauung bildet aus der isolierten Betrachtung dieses Menschen, dann wird man in vielen Fällen eigentlich nur einer Gedankenmaske zum Opfer fallen. Denn der Fall kann durchaus so liegen und liegt in zahlreichen Fällen so, daß ein anderer, der mit dem Krankgewordenen, dem psychisch Krankgewordenen zusammenlebt in der Familie oder in irgendeiner anderen Gemeinschaft, eigentlich in sich den, sagen wir Kräftekomplex hat, der bei seinem Mitmenschen zur psychischen Erkrankung geführt hat. Also wir gehen zunächst von diesen zwei Menschen aus: der eine Mensch, A, hat — psychiatrisch betrachtet — den Anfall; der Mensch B hat einen Kräftekomplex in sich, psychisch organischer Natur, der vielleicht, wenn man ihn so für sich betrachten würde, dasjenige in viel stärkerem Maße zeigt, was man bei dem Individuum A die Ursache seiner Erkrankung nennt. Das heißt, der B, der nun gar nicht psychisch erkrankt ist, der hat eigentlich diese Ursache der psychischen Erkrankung in sich in viel stärkerem Maße als der Mensch A, den man ins Sanatorium bringen mußte.
[ 9 ] I would rather illustrate what I actually mean through a hypothetical example than through theories. You see, it is possible, for example, that in any community—be it a family or any other kind of community—two people live side by side. After some time, one of them has the misfortune of suffering an episode that is thus classified as a psychiatric condition. Of course, one can treat this person in isolation. But if one does so—especially if one forms an opinion based on an isolated observation of this person—then in many cases one will actually fall victim to nothing more than a mental construct. For it may well be the case—and in numerous instances it is—that another person living with the one who has become ill, the one who has developed a mental illness, whether in the family or in some other community, actually possesses within themselves the—let us say—complex of forces that led to their fellow human being’s mental illness. So let us start with these two people: one person, A, is—from a psychiatric perspective—experiencing the episode; the other person, B, possesses within themselves a complex of forces of a psychically organic nature that, if considered in isolation, might reveal to a much greater degree what is identified as the cause of Individual A’s illness. In other words, Person B—who is not mentally ill at all—actually possesses this cause of mental illness to a much greater degree than Person A, who had to be admitted to a sanatorium.
[ 10 ] Das ist etwas, was durchaus im Bereich der Wirklichkeit, nicht bloß der Möglichkeit liegt. Denn es beruht darauf, daß der Mensch A, abgesehen von dem Kräftekomplex, den man als die Ursache seiner psychischen Erkrankung bezeichnet, eine schwache Konstitution hat und deshalb diesen Kräftekomplex nicht erträgt. Der andere, B, der den Kräftekomplex auch in sich hat, vielleicht sogar stärker, hat — abgesehen von diesem Kräftekomplex — eine wesentlich stärkere Konstitution als der andere; ihm schadet es nicht. Der B verträgt es, der A nicht. Der A hätte die Krankheit aber auch gar nicht bekommen, wenn er nicht durch den Menschen B, der neben ihm lebt, fortwährend psychisch beeinflußt worden wäre — ein Einfluß, der in diesem Falle außerordentlich beträchtlich sein kann, weil der B robuster ist als der A.
[ 10 ] This is something that certainly lies within the realm of reality, not merely of possibility. For it is based on the fact that Person A, apart from the complex of forces that is identified as the cause of his mental illness, has a weak constitution and therefore cannot tolerate this complex of forces. The other person, B, who also possesses this complex of forces—perhaps even more strongly—has—apart from this complex—a considerably stronger constitution than A; it does him no harm. Person B can tolerate it, but person A cannot. However, person A would not have developed the illness at all if he had not been continuously psychologically influenced by person B, who lives next to him—an influence that in this case can be extraordinarily significant because person B is more robust than person A.
[ 11 ] Da haben Sie ein Beispiel, das eben durchaus in zahlreichen Fällen eine Wirklichkeit darstellt, aus dem Sie ersehen, wie wichtig die psychiatrische Betrachtungsweise ist, wenn sie im Ernste auf Wirklichkeiten ausgehen will, wenn sie nicht spielt in der Weise, wie oftmals heute auf diesem Gebiete gespielt wird. Da handelt es sich wirklich darum, daß man den Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern daß man ihn in seiner ganzen sozialen Umgebung betrachtet. Allerdings, es wird das, was ich hier meine, auf eine recht breite Basis gestellt werden müssen. Denn schließlich liegt es auch für das übrige Krankheitswesen so, daß ein großer Unterschied ist, ob von irgendeinem Komplex ein schwaches Individuum befallen wird oder ein starkes, robustes Individuum. Nehmen wir an, zwei Menschen leben von einem bestimmten Lebensalter an nebeneinander, haben miteinander zu tun. Der eine hat von seiner Jugend und Abstammung her noch eine robuste Bauernnatur, der andere stammt seit drei Generationen von lauter Stadtmenschen ab. Da kann derjenige, der die gesunde Bauernnatur in sich hat und etwas verträgt von inneren Schädigungen, unter Umständen einen Komplex von viel stärkerem Maße in sich tragen, aber er verträgt es, er wird nicht krank. Der andere, der ihn eigentlich nur durch eine psychische Ansteckung hat, durch eine Imitation, durch das, was immer von Mensch zu Mensch vorhanden ist, der verträgt schon die Wirkung nicht.
[ 11 ] Here is an example—one that is, in fact, a reality in numerous cases—from which you can see how important the psychiatric approach is if it is to seriously address realities, rather than engaging in the sort of pretense that is so often seen in this field today. The point here is truly that one should not view a person in isolation, but rather consider them within their entire social environment. Of course, what I mean here will have to be placed on a fairly broad foundation. After all, it is also true for the rest of the field of medicine that there is a great difference between whether a complex condition affects a weak individual or a strong, robust one. Let’s suppose two people live side by side from a certain age onward and interact with one another. One still possesses a robust peasant constitution due to his youth and ancestry, while the other descends from three generations of city dwellers. In such a case, the person who possesses this healthy, robust, peasant constitution—and can tolerate some internal damage—may, under certain circumstances, harbor a much more severe form of the complex within himself, yet he can tolerate it and does not become ill. The other person, who has acquired it essentially only through psychological contagion—through imitation, through whatever is always present in human interaction—cannot even tolerate the effects.
[ 12 ] Hier sehen Sie, was alles in Betracht kommt, wenn Sie nicht von Theorien und Programmen, sondern von der Wirklichkeit aus über Psychiatrie reden wollen; Sie sehen, wie in der Tat heute man sich schon hinwendet zu dem Ernste, der hervorgeht aus der Einsicht, daß im Grunde genommen gerade seit der Galilei-Zeit unsere Wissenschafter sich so vereinseitigt haben, und Sie sehen, wie notwendig es ist, auf allen Gebieten Neues befruchtend aufzunehmen. Sonst muß das menschliche Erkennen, inbesondere auf jenen Gebieten, die in die Praxis, in die Lebenspraxis hineinführen sollen, völlig in die Dekadenz kommen. So könnte ich sagen: Im Grunde gilt in der Psychiatrie dasselbe, was wir dann, wenn wir über die Waldorfschule sprechen, von der pädagogischen Kunst sagen, nämlich daß man nicht mit irgendwelchen neuen Formulierungen theoretischer Art nur kommen soll, sondern daß man die lebendige Geisteswissenschaft selber hineintragen soll in dieses Gebiet. Das, was man da vom pädagogischen Gebiete zu sagen hat, man hat es auch zu sagen vom psychiatrischen Gebiete. Man wird gar niemals in einseitiger Weise davon ausgehen können, daß man sagt, dies oder jenes sei auf dem Gebiete des Psychiatrischen zu verbessern, sondern man wird sich mit dem Gedanken vertraut machen: Entweder man nimmt auf dem Gebiete des Erkennens überhaupt die geisteswissenschaftliche Grundlage an, dann wird diese geisteswissenschaftliche Grundlage die Psychiatrie schon umgestalten, dann wird sie aus der Psychiatrie ganz besonders etwas machen, was heute eigentlich von zahlreichen Menschen ersehnt wird, was aber gar nicht da sein kann durch die neuesten naturwissenschaftlichen Methoden, die Ihnen ja gestern und heute genügend auseinandergesetzt worden sind, oder ... [Lücke in der Nachschrift].
[ 12 ] Here you can see all the factors that come into play when you want to talk about psychiatry not in terms of theories and programs, but in terms of reality; you see how, in fact, people today are already turning toward the seriousness that arises from the realization that, fundamentally speaking, ever since the time of Galileo, our scientists have become so one-sided, and you see how necessary it is to embrace new ideas in a fruitful way in all fields. Otherwise, human knowledge—especially in those fields intended to lead into practice, into the practice of life—will fall into complete decadence. So I could say: Essentially, the same applies in psychiatry as what we say about the art of education when we speak of the Waldorf school—namely, that one should not merely come up with new theoretical formulations, but that one should bring living spiritual science itself into this field. What needs to be said about the field of education must also be said about the field of psychiatry. One can never take a one-sided approach by simply saying that this or that needs to be improved in the field of psychiatry; rather, one must familiarize oneself with the idea: Either one adopts the spiritual-scientific foundation in the realm of knowledge as a whole; in that case, this spiritual-scientific foundation will already transform psychiatry, and it will make psychiatry into something quite special—something that many people actually long for today, but which cannot exist at all through the latest scientific methods, which have been sufficiently explained to you both yesterday and today—or... [Gap in the postscript].
[ 13 ] Sehen Sie, dasjenige, was schließlich vor allen Dingen herauskommen muß aus einem — lassen Sie mich das triviale Wort gebrauchen — Populärwerden der Geisteswissenschaft, das ist eine viel, viel bessere Menschenerkenntnis, als Sie sie heute finden können. Die Menschen stehen sich ja so gegenüber heute, daß von einer Menschenerkenntnis gar nicht gesprochen werden kann. Die Menschen gehen aneinander vorbei, jeder lebt nur in sich. Geisteswissenschaft wird die Menschen aufschließen füreinander. Und dann wird vor allen Dingen vieles von dem, wovon man heute vielleicht noch glaubt, daß es auf dem Gebiete der psychischen Pathologie liege, gerade dadurch hinübergetrieben werden in das Gebiet der psychischen Hygiene. Denn die Sachen liegen durchaus so, daß, ich möchte sagen überall sich gradlinige Strömungen von den Symptomkomplexen des gestörten psychischen Lebens ziehen lassen zu den Vorstellungen, die gerade heute im öffentlichen Leben vielfach gang und gäbe sind und die nun gar nicht als krankhaft gelten, sondern die eben allgemein angenommen sind. Und würde man manchen der sehr allgemein angenommenen Begriffe nachgehen, dann würde man finden, daß zwar langsamer, aber schließlich doch derselbe Weg genommen worden ist, der sich zeigt bei der Verfolgung eines psychisch abnormen Symptomkomplexes, der allerdings mit Schnelligkeit dann abläuft bei einem, den man heute psychisch abnorm findet.
[ 13 ] You see, what must ultimately emerge above all else from—let me use this trivial word—the popularization of spiritual science is a much, much deeper understanding of human nature than you can find today. People stand in such opposition to one another today that one cannot even speak of an understanding of human nature. People pass each other by; each lives only within themselves. Spiritual science will open people up to one another. And then, above all, much of what people today may still believe belongs to the realm of psychological pathology will, precisely because of this, be shifted over into the realm of psychological hygiene. For the fact is that—I would say—everywhere, straight lines can be drawn from the symptom complexes of disturbed psychological life to the ideas that are commonplace in public life today and that are not at all regarded as pathological, but are simply generally accepted. And if one were to trace some of these widely accepted concepts, one would find that, albeit more slowly, the same path has ultimately been taken as that evident in the progression of a psychologically abnormal complex of symptoms—a process that, however, unfolds rapidly in someone whom we today consider psychologically abnormal.
[ 14 ] Alle diese Dinge zeigen, daß doch schließlich alles Reden über Einzelheiten in den Reformen der einzelnen Wissenschaften zu nicht viel führt, daß aber, wenn man sich entschließt — allerdings sind heute die Seelen, viele Seelen, zu schläfrig —, nach einer Befruchtung des wissenschaftlichen Lebens im Sinne der Geisteswissenschaft zu suchen, dann die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft, insbesondere aber dasjenige Gebiet der Wissenschaft, das zu tun hat mit den verschiedenen Abweichungen vom normalen psychischen Leben, die psychiatrische Medizin, dadurch eine notwendige, ich möchte sagen eine selbstverständliche Reform erleiden werden. Selbst wenn diese Fälle bis zur äußersten Rebellion, der Tobsucht, dem Schwachsinn und so weiter hingehen — man wird erst dann finden, was eigentlich diese psychischen Abirrungen vom normalen Leben im Ganzen der normalen Entwicklung bedeuten. Und in vieler Beziehung wird man finden, daß, wenn immer mehr und mehr gesundet unser Weltanschauungsleben, dann vieles von dem gesunden wird, was hineinleuchtet aus dem öffentlichen Irrtum in die krankhaften Verirrungen der psychisch Kranken.
[ 14 ] All these things show that, in the end, all this talk about the details of reforms in the individual sciences leads to very little; but that, if one resolves—though today many souls are many souls are too drowsy—to seek a revitalization of scientific life in the spirit of spiritual science, then the most diverse fields of science—but especially that field of science concerned with the various deviations from normal psychological life, namely psychiatric medicine—will thereby undergo a necessary, I would say, self-evident reform. Even if these cases go as far as extreme rebellion, mania, insanity, and so on—only then will we discover what these psychological deviations from normal life actually signify within the whole of normal development. And in many respects, one will find that as our worldview becomes increasingly healthy, much of what shines in from public error into the pathological aberrations of the mentally ill will also become healthy.
[ 15 ] Denn es ist ja durchaus merkwürdig, wie schwierig eine richtige Grenze zu ziehen ist zwischen dem sogenannten normalen Leben und dem psychisch unnormalen Leben. Es ist zum Beispiel schwer zu sagen, ob eine psychische Normalität vorliegt, sagen wir in dem Falle, der sich ja nicht weit von hier vor nicht allzulanger Zeit in Basel zugetragen hat, wo ein Mann eine große Summe testamentarisch dafür ausgesetzt hat, daß irgend jemand sich einschließt in völlige Einsamkeit, so lange, bis es ihm gelungen ist, die Unsterblichkeit der Seele wirklich zu beweisen. Das ist testamentarisch von einem Manne in Basel so gemacht worden, und ich weiß nicht, was das weitere Schicksal der Sache war. Ich glaube, es haben die Erben dagegen Einspruch erhoben und haben dazumal, allerdings nicht psychiatrisch, sondern juristisch, die Sache zu entscheiden versucht, inwieweit sie ins Psychiatrische hineinspielt oder nicht. Aber wenn Sie sich nun wirklich, jeder einzelne, auf den Weg begeben, zu untersuchen, ob das psychiatrisch zu beurteilen oder ob es eine Mucke ist oder ob es nun wirklich eine übergroße Religiosität ist oder was schon immer, da werden Sie kaum in einer vollen Exaktheit zurechtkommen.
[ 15 ] After all, it is quite strange how difficult it is to draw a clear line between so-called normal life and psychologically abnormal life. For example, it is hard to say whether mental normality exists—take, for instance, the case that occurred not too long ago in Basel, not far from here, where a man bequeathed a large sum of money in his will to anyone who would isolate themselves in complete solitude until they succeeded in truly proving the immortality of the soul. This was stipulated in a will by a man in Basel, and I do not know what became of the matter. I believe the heirs objected to it and at the time attempted—not from a psychiatric perspective, but from a legal one—to determine to what extent it involved psychiatric issues or not. But if each and every one of you were to set out to investigate whether this should be assessed psychiatrically, or whether it is a mental disorder, or whether it is truly an excessive religiosity, or whatever else—you would hardly be able to come to a completely precise conclusion.
[ 16 ] Es handelt sich durchaus darum, daß unsere Begriffe allmählich schwach geworden sind gegenüber der Wirklichkeit; sie müssen wiederum stark werden. Stark aber werden sie nur durch Geisteswissenschaft. Und das wird unter vielem anderen namentlich auch die Psychiatrie zu spüren bekommen.
[ 16 ] The fact is that our concepts have gradually become weak in the face of reality; they must become strong again. But they can only become strong through spiritual science. And among many other fields, psychiatry in particular will come to feel the effects of this.
