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Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a

7 April 1920, Dornach

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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
  1. Fachwissenschaften und Anthroposophie

10. Die Hygiene als soziale Frage

10. Hygiene as a Social Issue

Roman Boos: Sehr verehrte Anwesende! Es lag mit diesen Vorträgen der Versuch vor, aus Fachwissenschaften heraus darzulegen, in welcher Art und Weise sich eine Befruchtung und eine Weiterbildung der einzelnen fachwissenschaftlichen Gebiete durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ergeben könnte. Die Besucher werden den durchaus einheitlichen Eindruck dieser ganzen Veranstaltung haben empfangen können, daß da nicht in einem engen Zirkel etwas ausgebrütet wird, sondern daß von einem zentralen Punkte aus eine wirkliche geistige Befruchtung in die einzelnen Fachgebiete hinein sich vollziehen kann. Wenn auch vielleicht durchaus nicht gleich am Anfang der Bemühungen jeder dies erkennen konnte, so hat doch sicher jeder, der gleichsam auf die hier vorhandenen Stoßkräfte hinschaute, der auf das hinschaute, was an befruchtenden Kräften herausstrahlt und nicht auf den Wert der erstgeprägten Formulierungen, sich überzeugen können, daß hier etwas vorliegt in bezug auf unser Geistesleben, was Beachtung und soweit als möglich auch von weiten Kreisen Mitarbeit und Entgegenkommen verdient — gerade hier in der Schweiz. Das ist deshalb so, weil gerade hier sich eine geistige Kraft ans Licht ringt, die tatsächlich den Anspruch erheben darf, geistig befruchtend zu wirken in die soziale Gemeinschaft hinein.

Roman Boos: Distinguished guests! The aim of these lectures was to demonstrate, from the perspective of the individual academic disciplines, how anthroposophically oriented spiritual science might contribute to the enrichment and further development of those disciplines. Visitors will have been able to gain the thoroughly consistent impression from this entire event that what is taking place here is not something hatched within a narrow circle, but rather that, from a central point, a genuine spiritual enrichment can take place within the individual academic disciplines. Even if perhaps not everyone was able to recognize this right at the outset of these efforts, everyone who looked, as it were, at the driving forces present here—who focused on the enriching forces radiating from them rather than on the value of the initial formulations—has surely been able to convince themselves that there is something here pertaining to our spiritual life that deserves attention and, as far as possible, cooperation and receptiveness from broad circles—especially here in Switzerland. This is because it is precisely here that a spiritual force is struggling to come to light, one that may indeed lay claim to having a spiritually enriching effect on the social community.

Anschließend an den Vortrag von Herrn Dr. Steiner über «Die Hygiene als soziale Frage» wird noch Gelegenheit zu einer Aussprache sein.

Following Dr. Steiner’s lecture on “Hygiene as a Social Issue,” there will be an opportunity for discussion.

[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Daß die soziale Frage zu den die Gegenwart am meisten beschäftigenden Angelegenheiten gehören soll, das wird in weitesten Kreisen nicht bezweifelt, und überall, wo man nur ein wenig Herz hat für das, was sich in der Gegenwart aus der Entwicklung der Menschheitsgeschichte heraus ergibt, was da vorliegt an drohenden oder zu bearbeitenden Impulsen für die Zukunft, das läßt sich zusammenfassen unter dem Namen der sozialen Frage. Man muß sich aber sagen, daß die Betrachtung, die Behandlung dieser sozialen Frage in der Gegenwart an dem Grundübel leidet, mit dem so vieles in unserem Erkenntnisleben, in unserem moralischen Leben, ja in unserem ganzen Zivilisationsleben behaftet ist, nämlich an dem Intellektualismus unserer Zeit, daß sie daran leidet, daß ihre Probleme so häufig bloß in den Gesichtswinkel einer intellektualistischen Betrachtung gestellt werden. Es wird von diesem oder jenem mehr nach rechts oder links gelegenen Standpunkte aus über die soziale Frage verhandelt. Das Intellektualistische dieser Verhandlungen zeigt sich darin, daß man von gewissen Theorien ausgeht, davon ausgeht, das oder jenes müsse so oder so sein, das oder jenes müsse abgeschafft werden. Dabei nimmt man überall wenig Rücksicht auf den Menschen selbst. Man behandelt den Menschen so, wie wenn es etwas Allgemeines wie «der Mensch» gäbe, als ob es nicht etwas gäbe, was in einer gewissen Beziehung individuell bei jedem Menschen besonders ausgebildet ist. Man wendet die Betrachtung nicht hin auf die Eigenart und Eigentümlichkeit des einzelnen Menschen. Daher gewinnt auch unsere ganze Betrachtung der sozialen Frage etwas Abstraktes, etwas, was heute so wenig übergeht in die sozialen Empfindungen, in die Gesinnungen, die spielen zwischen Mensch und Mensch. Man merkt das, was hier als ein Mangel der sozialen Betrachtung vorliegt, wohl am deutlichsten, wenn man auf ein bestimmtes Gebiet seine Aufmerksamkeit richtet, auf ein solches, das vielleicht mehr als manches andere geeignet ist, einer sozialen Betrachtung unterworfen zu werden, wenn man zum Beispiel auf das Gebiet der Hygiene hinschaut, insofern Hygiene eine öffentliche Angelegenheit ist, die nicht den einzelnen Menschen, sondern die Menschengemeinschaft angeht.

[ 1 ] Rudolf Steiner: My dear friends here today! There is no doubt in the broadest circles that the social question is among the matters most pressing in our time, and wherever there is even a little concern for what is currently emerging from the course of human history—for the impulses facing us now, whether threatening or requiring our attention for the future—all of this can be summarized under the heading of the social question. One must realize, however, that the consideration and treatment of this social question today suffers from the fundamental flaw that afflicts so much in our intellectual life, our moral life, indeed our entire civilized life—namely, the intellectualism of our time—and that it suffers from the fact that its problems are so often viewed solely from the perspective of an intellectualist approach. The social question is discussed from this or that standpoint, situated more to the right or to the left. The intellectualistic nature of these discussions is evident in the fact that they proceed from certain theories—assuming that this or that must be one way or another, or that this or that must be abolished. In doing so, little consideration is given to the human being himself. People are treated as if there were such a thing as a general concept like “human beings,” as if there were nothing that is individually and uniquely developed in each person in a certain respect. Attention is not directed toward the individuality and uniqueness of each person. Consequently, our entire approach to the social question takes on an abstract quality—one that today finds little resonance in the social sentiments and attitudes that interact between people. One notices what is here a deficiency in social analysis most clearly when one focuses one’s attention on a specific area—one that is perhaps more suited than many others to being subjected to social analysis—for example, when one looks at the field of hygiene, insofar as hygiene is a public matter that concerns not the individual but the human community.

[ 2 ] Zwar fehlt es uns auch heute durchaus nicht an hygienischen Anweisungen, an Abhandlungen und Schriften über Gesundheitspflege auch als öffentliche Angelegenheit. Allein, man muß fragen: Diese Anweisungen, diese Betrachtungen des Hygienischen, wie stellen sie sich in das soziale Leben hinein? — Und da muß man eben sagen: Sie stellen sich so hinein, daß einzelne Reden über eine richtige Gesundheitspflege veröffentlicht werden als das Ergebnis ärztlicher, physiologischer, medizinischer Wissenschaft, wobei gewissermaßen das Vertrauen, das man zu einem Fach hat, dessen innere Wesenheit man nicht zu prüfen in der Lage ist, die Grundlage bilden soll für die Annahme solcher Regeln. Rein auf Autorität hin können weiteste Kreise, die es doch angeht — denn es geht alle Menschen an —, das annehmen, was gewissermaßen aus den Studierkammern und Untersuchungszimmern, den Untersuchungslaboratorien des Mediziners über Hygiene an die Öffentlichkeit tritt.

[ 2 ] Admittedly, even today we certainly do not lack hygiene guidelines, treatises, and writings on health care—including as a matter of public policy. Yet one must ask: How do these guidelines and these reflections on hygiene fit into social life? — And here one must say: They fit in such a way that individual discourses on proper health care are published as the result of medical, physiological, and clinical science, whereby—in a sense—the trust one places in a field whose inner nature one is unable to verify is supposed to form the basis for accepting such rules. Solely on the basis of authority, the broadest circles—which are, after all, concerned by this matter, since it concerns all people—can accept what, in a sense, emerges from the study rooms, examination rooms, and laboratories of medical professionals regarding hygiene and is presented to the public.

[ 3 ] Wenn man aber davon überzeugt ist, daß im Laufe der neueren Geschichte, im Laufe der letzten vier Jahrhunderte, in der Menschheit die Sehnsucht heraufgezogen ist nach demokratischer Ordnung aller Angelegenheiten, so tritt einem, wenn das auch heute vielen als grotesk erscheint, doch entgegen dieses ganz Undemokratische des reinen Autoritätsglaubens, der auf hygienischem Gebiet gefordert wird. Das Undemokratische dieses Autoritätsglaubens tritt der Sehnsucht nach Demokratie gegenüber, wie sie in der Gegenwart oftmals — wenn auch, man möchte sagen in sehr paradoxer Weise — bis zu einem Kulminationspunkt heraufgeschritten ist.

[ 3 ] But if one is convinced that, in the course of recent history—over the past four centuries—a longing has arisen among humanity for a democratic order in all matters, then one is confronted—even if this seems grotesque to many today—with the thoroughly undemocratic nature of the blind faith in authority that is demanded in the field of public health. The undemocratic nature of this belief in authority stands in contrast to the yearning for democracy, which in the present day has often—albeit, one might say, in a very paradoxical way—reached a climax.

[ 4 ] Ich weiß sehr gut, daß der Satz, den ich eben ausgesprochen habe, von vielen als paradox empfunden wird, denn man stellt einfach nicht zusammen die Art und Weise, wie jemand das entgegennimmt, was auf Gesundheitspflege bezüglich ist, mit der demokratischen Forderung, wonach über öffentliche Angelegenheiten, die jeden mündig gewordenen Menschen angehen, auch die Gemeinschaft dieser mündig gewordenen Menschen zu urteilen habe — sei es direkt oder sei es durch ihre Vertreter. Gewiß muß ja gesagt werden: Es kann vielleicht nicht in vollständig demokratischer Weise sich so etwas ausleben wie eine hygienische Anschauung, eine hygienische Pflege des öffentlichen Lebens, weil es abhängig ist von dem Urteil desjenigen, der auf einem bestimmten Gebiete nach Erkenntnis sucht. Aber auf der anderen Seite muß doch die Frage auftauchen: Sollte nicht ein stärkeres Demokratisieren, als es heute unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich ist, auf einem solchen Gebiete angestrebt werden können, das so nahe, so unendlich nahe jeden einzelnen Menschen und damit die Menschengemeinschaft angeht, wie die öffentliche Gesundheitspflege? Es wird uns heute gewiß viel gesagt über die Art und Weise, wie der Mensch drinnenstehen soll im Leben in bezug auf Luft und Licht, in bezug auf Nahrung, in bezug auf die Ableitung der entweder durch den Menschen selbst oder durch seine Umgebung hervorgebrachten Abfallprodukte und so weiter und so weiter. Aber dasjenige, was da als Regeln über diese Dinge in die Menschheit geworfen wird, das ist meistens unprüfbar für diejenigen Menschen, auf die es angewendet werden soll.

[ 4 ] I am well aware that the statement I just made is perceived by many as paradoxical, because people simply do not associate the way someone accepts matters pertaining to health care with the democratic demand that public affairs—which concern every person who has attained legal age—must also be judged by the community of those who have attained legal age—whether directly or through their representatives. Certainly, it must be said: It may not be possible to fully realize something like a hygienic perspective—a hygienic approach to public life—in a completely democratic manner, because it depends on the judgment of those who seek knowledge in a particular field. But on the other hand, the question must surely arise: Should we not strive for a greater degree of democratization—greater than is possible today under current conditions—in a field as closely, as infinitely closely, related to every individual and thus to the human community as public health care? We certainly hear a great deal today about the way in which people should live their lives with regard to air and light, with regard to food, with regard to the disposal of waste products generated either by people themselves or by their environment, and so on and so forth. But the rules regarding these matters that are imposed on humanity are, for the most part, unverifiable for the very people to whom they are supposed to apply.

[ 5 ] Nun möchte ich nicht mißverstanden werden; ich möchte nicht dahin mißverstanden werden, daß ich in diesem Vortrage, der ja gewidmet sein soll dem Thema «Die Hygiene als soziale Frage», für irgend etwas besonders Stellung nehme. Ich möchte das, was heute vom Parteistandpunkte aus oder vom Standpunkte einer gewissen wissenschaftlichen Überzeugung aus gewissermaßen einseitig behandelt zu werden pflegt, das möchte ich nicht einseitig behandeln. Ich möchte — vielleicht gestatten Sie dieses kleine scheinbare Herausfallen aus der Rolle in der Einleitung —, ich möchte weder irgendwelche Partei nehmen für den alten Aberglauben, daß Teufel und Dämonen herumgehen und als Krankheiten in die Menschen aus- und einziehen, noch möchte ich Partei nehmen für den modernen Aberglauben, daß die Bazillen und Bakterien in die Menschen einziehen und ausziehen und die Krankheiten bewirken. Ob man es zu tun hat mit einem spiritistischen, spirituellen Aberglauben von alther oder mit einem materialistischen Aberglauben, das mag uns heute weniger beschäftigen. Aber berühren möchte ich etwas, was unsere ganze Zeitbildung durchdringt, namentlich insofern diese Zeitbildung abhängig ist von den wissenschaftlichen Grundüberzeugungen unserer Zeit.

[ 5 ] Now, I do not wish to be misunderstood; I do not wish to be misunderstood as taking a particular stance on anything in this lecture, which is, after all, intended to be devoted to the topic “Hygiene as a Social Issue.” I do not wish to treat in a one-sided manner what today tends to be addressed, in a sense, from a party standpoint or from the standpoint of a certain scientific conviction. I would like—perhaps you will allow this slight, apparent departure from the script in the introduction—I would like to take no side whatsoever in favor of the old superstition that devils and demons roam about, entering and leaving people as diseases, nor would I like to take sides in favor of the modern superstition that germs and bacteria enter and leave people and cause diseases. Whether we are dealing with a spiritualist, spiritual superstition of old or with a materialistic superstition is of less concern to us today. But I would like to touch on something that permeates our entire conception of time, namely insofar as this conception of time depends on the fundamental scientific convictions of our age.

[ 6 ] Wenn auch heute von vielen Seiten versichert wird, daß wissenschaftlich der Materialismus, wie er sich in der Mitte und noch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geltend gemacht hat, überwunden sei, so kann doch diese Behauptung nicht gelten für denjenigen, der nun wirklich das Wesen des Materialismus und seines Gegenteils durchschaut, denn es ist dieser Materialismus höchstens für einige Menschen überwunden, die sehen, daß die heutigen wissenschaftlichen Tatsachen nicht mehr zulassen, daß man in Bausch und Bogen erklärt: Alles, was es gibt, ist nur irgendein mechanischer, physikalischer oder chemischer Prozeß, der sich im Materiellen abspielt. — Damit ist es nicht getan, daß, gezwungen durch die Macht der Tatsachen, einige Menschen zu dieser Überzeugung gekommen sind. Denn gegenüber dieser Überzeugung steht die andere Tatsache da, daß nun trotz dieser Überzeugung auch diejenigen, die sie haben — und die anderen erst recht —, wenn es darauf ankommt, irgend etwas konkret zu erklären, sich eine Anschauung über irgend etwas Konkretes zu bilden, dann doch in ihre Denkweise die materialistische Richtung aufnehmen. Man sagt ja auch, Atome und Moleküle seien unschädliche Rechnungsmünzen, von denen man nichts anderes behaupten wolle, als daß sie Gedankendinge seien. Aber die Betrachtung ist deshalb doch eine atomistische, eine molekularistische geblieben. Wir erklären die Welterscheinungen aus dem Verhalten und aus der gegenseitigen Beziehung der Atome oder der Molekularprozesse heraus, und es kommt da nicht darauf an, ob wir uns nun die Vorstellung machen, irgendein Gedanke, ein Gefühl oder irgendein anderer Prozeß hänge nur mit materiellen Vorgängen der Atome und Moleküle zusammen, sondern es kommt darauf an, welche Richtung unsere ganze Seelenverfassung, welche Richtung unser Geist einnimmt, wenn er für seine Erklärungen nur das als Grundlage nimmt, was atomistisch gedacht ist, was aus dem Kleinsten, dem erfundenen Kleinsten hervorgeht. Nicht darauf kommt es an, ob man wortwörtlich oder gedanklich die Überzeugung hat: es gibt noch etwas anderes als atomistische Wirkungen, als materielle Atomwirkungen —, sondern darauf kommt es an, ob man die Möglichkeit hat, andere Weltenerklärungen zur Richtschnur seines Geistes zu machen als das Herleiten der Erscheinungen aus dem Atomistischen. Nicht [auf das],‚was wir glauben, sondern wie wir erklären, wie wir uns in der Seele verhalten, darauf kommt es an. Und hier an diesem Orte muß die Überzeugung vertreten werden, daß über das Übel, das man in dieser Weise charakterisieren kann, wie ich es eben jetzt getan habe, nur wirkliche, echte Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, hinweghelfen kann.

[ 6 ] Even though many today assert that, scientifically speaking, materialism—as it prevailed in the middle and even in the last third of the 19th century—has been overcome, this claim cannot hold true for anyone who truly understands the nature of materialism and its opposite, for this materialism has been overcome, at most, only by a few people who see that today’s scientific facts no longer permit one to declare across the board: Everything that exists is merely some mechanical, physical, or chemical process taking place in the material world. — It is not enough that, compelled by the force of the facts, some people have arrived at this conviction. For standing in contrast to this conviction is the other fact that, despite this conviction, even those who hold it—and the others all the more so—when it comes down to explaining something concrete or forming a view on something concrete, still adopt a materialistic orientation in their way of thinking. It is also said that atoms and molecules are harmless counting tokens, about which one intends to claim nothing more than that they are mental constructs. Yet the perspective has nonetheless remained an atomistic, a molecular one. We explain the phenomena of the world based on the behavior and mutual relationships of atoms or molecular processes, and it does not matter whether we imagine that that some thought, feeling, or other process is connected solely to the material processes of atoms and molecules; rather, what matters is the direction our entire mental state takes, the direction our mind takes, when it bases its explanations solely on what is conceived atomistically—on what arises from the smallest, the fictitiously smallest. What matters is not whether one holds the conviction—whether literally or conceptually—that there is something other than atomistic effects, other than material atomic effects—but rather whether one has the possibility of making explanations of the world other than the derivation of phenomena from atomism the guiding principle of one’s mind. It is not [what] “we believe,” but how we explain things, how we conduct ourselves in our souls—that is what matters. And here, in this place, the conviction must be upheld that only true, genuine spiritual science—anthroposophically oriented spiritual science—can provide a way out of the evil that can be characterized in the manner I have just described.

[ 7 ] Daß dies nun der Fall sein kann, das möchte ich auch im Konkreten belegen. Es gibt wohl kaum etwas, was uns verwirrender entgegentritt, als die heute vielfach geltend gemachten Unterschiede zwischen der menschlichen Leiblichkeit und dem menschlichen Seelischen oder dem menschlichen Geistigen, zwischen dem, was physische Erkrankungen sind, und dem, was sogenannte Seelen- oder Geisteskrankheiten sind. Gerade die sachgemäße Unterscheidung und die sachgemäße Aufeinanderbeziehung solcher Tatsachen des menschlichen Lebens wie die des kranken Leibes oder der scheinbar kranken Seele, die leiden in bezug auf die Einsicht unter der materialistisch-atomistischen Vorstellungsart. Denn, was ist denn eigentlich das Wesen desjenigen Materialismus, der sich als neuere Weltanschauung vieler Menschen allmählich herausgebildet hat und der durchaus nicht überwunden, sondern heute geradezu in seiner Blüte ist? Was ist das Wesen? Das Wesen des Materialismus ist nicht, daß man auf die materiellen Vorgänge hinsieht, daß man hinsieht auf das, was sich an materiellen Vorgängen in der menschlichen Leiblichkeit abspielt und daß man hingebungsvoll den Wunderbau und die Wundertätigkeit des menschlichen Nervensystems und der anderen menschlichen Organe oder des Nervensystems der Tiere oder der Organe anderer Lebewesen studiert; nicht das macht einen zum Materialisten, daß man diese Dinge studiert, sondern das macht einen zum Materialisten, daß man bei dem Studium der materiellen Vorgänge vom Geiste verlassen ist, daß man in die Welt der Materie hineinschaut und nur Materie und materielle Vorgänge sieht.

[ 7 ] I would also like to provide concrete evidence that this can indeed be the case. There is hardly anything more confusing to us than the distinctions frequently made today between the human physical body and the human soul or spirit, between what constitutes physical illness and what are so-called mental or spiritual illnesses. It is precisely the proper distinction and the proper interrelation of such facts of human life—such as the sick body or the seemingly sick soul—that suffer in terms of understanding under the materialistic-atomistic mode of thought. For what, in fact, is the essence of that materialism which has gradually emerged as the modern worldview of many people—a worldview that has by no means been overcome but is, in fact, in its prime today? What is its essence? The essence of materialism is not that one observes material processes, that one observes what takes place in terms of material processes within the human body, and that one devotedly studies the marvelous structure and activity of the human nervous system and other human organs, or the nervous system of animals, or the organs of other living beings; it is not the study of these things that makes one a materialist, but rather the fact that, in studying material processes, one is devoid of spirit—that one looks into the world of matter and sees only matter and material processes.

[ 8 ] Das ist es aber, was Geisteswissenschaft geltend machen muß — ich kann heute über diesen Punkt nur zusammenfassend sprechen —, daß überall, wo uns äußerlich für die Sinne materielle Vorgänge erscheinen, jene Vorgänge, welche die heutige Wissenschaft allein als beobachtbar und exakt gelten lassen will, daß überall da diese materiellen Vorgänge nur die äußere Erscheinung, die äußere Offenbarung sind von hinter ihnen und in ihnen wirksamen geistigen Kräften und Mächten. Es ist nicht Kennzeichen der Geisteswissenschaft, auf den Menschen hinzuschauen und zu sagen: Ach, da hat er seinen Leib; dieser Leib ist eine Summe von materiellen Vorgängen, aber darinnen kann der Mensch nicht allein bestehen, er hat unabhängig davon seine unsterbliche Seele; und daß man jetzt anfängt, in recht mystischer Weise über diese von dem Leib unabhängige, unsterbliche Seele allerlei abstrakte Theorien, allerlei abstrakte Anschauungen auszubilden, darin charakterisiert sich gar nicht eine geistige Weltanschauung. Man kann durchaus sagen: Der Mensch hat außer seinem Leib, der in materiellen Prozessen besteht, auch eine unsterbliche Seele, die nach dem Tode in irgendein Geisterreich entführt wird. — Man ist deshalb im Sinne anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft noch nicht ein Geisteswissenschafter.

[ 8 ] But this is precisely what spiritual science must assert—I can only speak briefly on this point today—that wherever processes appear to us externally as material to the senses, those processes that modern science alone wishes to regard as observable and exact—that everywhere these material processes are merely the outward appearance, the outward manifestation of spiritual forces and powers at work behind them and within them. It is not a characteristic of spiritual science to look at a human being and say: “Ah, there is his body; this body is a sum of material processes, but the human being cannot consist solely of it—he has, independent of it, his immortal soul; and the fact that one now begins, in a rather mystical way, to formulate all sorts of abstract theories and conceptions about this immortal soul independent of the body—this in no way characterizes a spiritual worldview. One can certainly say: In addition to his body, which consists of material processes, a human being also has an immortal soul that is carried off to some spirit realm after death. — Yet this does not make one a spiritual scientist in the sense of anthroposophically oriented spiritual science.

[ 9 ] Man ist erst dann ein Geisteswissenschafter, wenn man sich klar darüber wird, daß dieser materielle Leib mit seinen materiellen Prozessen ein Geschöpf des Seelischen ist, wenn man im einzelnen versteht, einzugehen darauf, wie das Seelische, das vor der Geburt oder sagen wir vor der Empfängnis des Menschen da war, wirkt, wie dieses Seelische gestaltet, wie es plastiziert an dem Aufbau, ja an der Substantiierung des menschlichen Leibes. Wenn man überall die unmittelbare Einheit dieses Leibes und des Seelischen wirklich durchschauen kann und wenn man durchschauen kann, wie durch die Wirksamkeit des Geistig-Seelischen im Leibe dieser Leib als solcher abgebraucht wird, wie dieser Leib in jeder Minute partiell stirbt und wie dann im Momente des Todes nur, ich möchte sagen die radikale Ausgestaltung desjenigen geschieht, was durch die Einwirkung des Seelisch-Geistigen auf den Leib in jedem Augenblick vor sich geht, wenn man dieses lebendige Wechselspiel, dieses fortwährende Wirken der Seele im Leibe durchschaut, im einzelnen Konkreten durchschaut, wenn man bestrebt ist zu sagen: das Seelische gliedert sich auseinander in ganz konkrete Prozesse, so geht es über in die Prozesse des Leberwirkens, so geht es über in die Prozesse der Atemwirkung, so in die Prozesse der Herzwirkung, so in die Prozesse der Gehirnwirkung — kurz, wenn man bei der Schilderung des Materiellen im Menschen das Leibliche des Menschen als das Ergebnis eines Geistigen darzustellen versteht, dann ist man Geisteswissenschafter. Geisteswissenschaft kommt gerade dadurch zur wirklichen Schätzung des Materiellen, daß sie in dem einzelnen konkreten materiellen Vorgang nicht bloß dasjenige sieht, was die heutige Wissenschaft sieht, was das Auge konstatiert oder was dann als Ergebnis der äußeren Beobachtung in abstrakten Begriffen festgehalten wird, sondern Geisteswissenschaft ist dadurch allein Geisteswissenschaft, daß sie überall zeigt, wie der Geist im Materiellen wirkt, daß sie gerade hingebungsvoll auf die materiellen Wirkungen des Geistes hinschaut.

[ 9 ] One is only a scholar of the spiritual sciences when one realizes that this material body, with its material processes, is a creation of the soul; when one understands in detail how the soul—which existed before birth, or let us say before the conception of the human being—works, how this soul shapes and molds the structure indeed, in the substantiation of the human body. When one can truly perceive the immediate unity of this body and the soul in every respect, and when one can perceive how, through the activity of the spiritual-soul in the body, this body as such is worn down, how this body dies in part every minute, and how then, at the moment of death— I would say the radical manifestation of that which takes place at every moment through the influence of the spiritual-soul aspect on the body—if one can perceive this living interplay, this continuous activity of the soul within the body, in its concrete details; if one strives to say: the soul breaks down into very concrete processes—thus it passes into the processes of liver function, thus into the processes of respiration, thus into the processes of heart function, thus into the processes of brain function—in short, when, in describing the material aspects of the human being, one understands how to portray the human body as the result of a spiritual force, then one is a spiritual scientist. Spiritual science arrives at a true appreciation of the material precisely because it sees in each individual concrete material process not merely what modern science sees, what the eye observes, or what is then recorded in abstract terms as the result of external observation; rather, spiritual science is spiritual science only insofar as it demonstrates everywhere how the spirit works within the material world, and that it devotedly focuses on the material effects of the spirit.

[ 10 ] Das ist dasjenige, worauf es auf der einen Seite ankommt. Auf der anderen Seite kommt es darauf an, daß man gerade dadurch bewahrt wird vor all dem abstrakten, geschwätzigen Herumreden über eine vom [physischen] Menschen unabhängige Seele, über die man, insofern sich abspielt das Leben zwischen Geburt und Tod, doch nur phantasieren kann. Denn zwischen Geburt und Tod ist, mit Ausnahme des Schlafes, das Geistig-Seelische so an die leiblichen Wirkungen hingegeben, daß es in ihnen lebt, durch sie lebt, in ihnen sich darstellt. Man muß dazu kommen, das Geistig-Seelische außerhalb des menschlichen Lebenslaufes studieren zu können und den menschlichen Lebenslauf zwischen Geburt und Tod als ein Ergebnis des Geistig-Seelischen hinzunehmen. Dann schaut man hin auf die wirkliche, konkrete Einheit des Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Leiblichen. Dann treibt man anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, denn dann hat man in Aussicht, daß dieser Mensch mit allen seinen einzelnen Gliederungen dasteht vor einem als ein Ergebnis des Geistig-Seelischen, auch für die Erkenntnis. Die mystische theosophische Anschauung, die von allerlei leibfreien Geistigkeiten schöne Theorien aufstellt, die kann nicht dienen den konkreten Wissenschaften des Lebens, die kann überhaupt nicht dem Leben dienen, die kann nur der intellektualistischen oder seelischen Wollust dienen, die das Leben, das äußere Leben so schnell wie möglich abmachen will und dann, um eine innerliche Befriedigung zu haben, um einer innerlichen Wollust sich hingeben zu können, sich allerlei Phantasien über das Geistig-Seelische webt.

[ 10 ] That is what matters on the one hand. On the other hand, it is important that this very fact protects us from all the abstract, verbose rambling about a soul independent of the [physical] human being—about which, insofar as life unfolds between birth and death, one can only fantasize. For between birth and death—with the exception of sleep—the spiritual-soul aspect is so devoted to physical processes that it lives within them, lives through them, and manifests itself in them. One must come to be able to study the spiritual-soul aspect outside the course of human life and accept the course of human life between birth and death as a result of the spiritual-soul aspect. Then one looks upon the real, concrete unity of the spiritual-psychic with the physical-bodily. Then one pursues anthroposophically oriented spiritual science, for then one has the prospect of seeing this human being, with all his individual aspects, standing before one as a result of the spiritual-psychic, including for the sake of knowledge. The mystical theosophical view, which constructs beautiful theories about all manner of non-physical spiritual beings, cannot serve the concrete sciences of life; it cannot serve life at all; it can only serve intellectual or psychological indulgence, which seeks to wants to dispense with outer life as quickly as possible and then, in order to attain inner satisfaction and indulge in inner sensual pleasure, weaves all manner of fantasies about the spiritual and soul-life.

[ 11 ] Hier in dieser anthroposophisch orientierten Geistesbewegung handelt es sich darum, durchaus ernst zu arbeiten, eine Geisteswissenschaft zu pflegen, welche in der Lage ist, Physik, Mathematik, Chemie, Physiologie, Biologie, Anthropologie durchaus zu beleben, so daß es sich hier nicht darum handelt, religiös oder philosophisch auf der einen Seite zu konstatieren, daß der Mensch in sich eine unsterbliche Seele trägt, und dann Anthropologie, Biologie, Physik und Chemie so zu treiben, als ob man nur materielle Prozesse vor sich hätte, sondern es handelt sich hier darum, das, was man an Erkenntnis über das Seelisch-Geistige gewinnen kann, auf die Einzelheiten des Lebens anzuwenden, hineinzuschauen in den Wunderbau des Leibes selber. Man kann durchaus sagen, wenn es auch für manchen paradox klingt: Da wollen manche gute Mystiker oder gute Theosophen sein und wollen alles mögliche schwätzen darüber, wie der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich und so weiter, aber sie haben nicht einmal eine Ahnung davon, welche Seelenäußerung das zum Beispiel ist, wenn man sich schneuzt. Es kommt darauf an, eben die Materie nicht als Materie, sondern die Materie als die Offenbarung des Geistes zu sehen. Dann bekommt man auch gesunde, inhaltserfüllte Anschauungen über den Geist, dann aber bekommt man auch eine Geisteswissenschaft, welche fruchtbar sein kann für die Wissenschaften des Lebens.

[ 11 ] Here, in this anthroposophically oriented spiritual movement, the aim is to work with the utmost seriousness to cultivate a spiritual science capable of truly enlivening physics, mathematics, chemistry, physiology, biology, and anthropology—so that the point here is not to simply assert, on a religious or philosophical level, that human beings possess an immortal soul within themselves, and then to pursue anthropology, biology, physics, and chemistry as if one were dealing only with material processes; rather, the aim here is to apply the knowledge one can gain about the soul and spirit to the details of life, to look into the marvelous structure of the body itself. One can certainly say—even if it sounds paradoxical to some—that there are those who want to be good mystics or good theosophists and want to prattle on about all sorts of things, such as how the human being consists of a physical body, an etheric body, an astral body, the “I,” and so on, but they do not even have the slightest idea of what kind of expression of the soul it is, for example, when one blows one’s nose. What matters is to see matter not as mere matter, but as the manifestation of the spirit. Then one gains healthy, meaningful insights into the spirit, and one also develops a spiritual science that can be fruitful for the life sciences.

[ 12 ] Damit aber wird auch noch etwas anderes erreicht. Damit wird erreicht, daß man wiederum überwinden kann das, was in der neueren Zeit, gerade wegen des Materialistischwerdens der wissenschaftlichen Erkenntnisse, ins Spezialistentum hineingetrieben hat. Ich will wahrhaftig nicht irgendeine Philippika gegen das Spezialistentum halten, denn ich kenne sehr gut seine Berechtigung. Ich weiß, daß gewisse Dinge heute einfach deshalb, weil man zu ihnen eine spezialisierte Technik braucht, auch aus dem Spezialistentum heraus betrieben werden müssen. Aber es handelt sich darum, daß niemals derjenige, der an dem Materiellen haftet, wenn er zum Spezialisten wird, eine im Leben anwendbare Weltanschauung gewinnen kann, denn die materiellen Vorgänge sind ein unendliches Feld. Sie sind ein unendliches Feld draußen in der Natur, sie sind ein unendliches Feld im Menschen. Wenn man nur das menschliche Nervensystem studiert nach alle dem, was bis heute vorliegt, so kann man lange Zeit damit zubringen, jedenfalls so viel Zeit, als Fachleute gewöhnlich zubringen wollen für ihr Fachstudium. Aber wenn man in dem, was im Nervensystem geschieht, eben nur das vor sich hat, was die materiellen Prozesse sind, nur das, was ausgesprochen wird in den abstrakten Begriffen, die heute Gegenstand der Wissenschaft sind, dann leitet einen nichts hin zu irgend etwas Universellem, das Grundlage einer Weltanschauung werden kann. In dem Augenblicke, wo Sie anfangen, geisteswissenschaftlich zu betrachten, sagen wir das menschliche Nervensystem, da können Sie dieses Nervensystem gar nicht betrachten, ohne daß dasjenige, was Sie in ihm wirksam finden als Geist, Sie sogleich hinführt zu dem, was nun dem Muskelsystem, dem Knochensystem, dem Sinnessystem als Geistig-Seelisches zugrundeliegt, denn das Geistige ist nicht etwas, was sich in einzelne Teile auseinanderlegt wie das Materielle, sondern das Geistige ist etwas — im geringsten ist es damit nur charakterisiert —, was wie eine Gliedgestalt, wie ein Organismus sich ausbreitet. Und wie ich einen Menschen nicht betrachten kann, indem ich bloß seine fünf Finger betrachte und ihn sonst zudecke, so kann ich auch geisteswissenschaftlich nicht eine Einzelheit betrachten, ohne daß dasjenige, was ich in dieser Einzelheit als Geistig-Seelisches wahrnehme, mich zu einer Ganzheit führt. Werden wir zu einer solchen Ganzheit geführt — allerdings kann es vielleicht auch nur ein Spezialist für die Gehirn- oder Nervenforschung sein —, so werden wir aber doch an der Betrachtung dieses einzelnen Gliedes des menschlichen Organismus ein Gesamtbild vom Menschen zu bekommen vermögen; dann werden wir in die Lage geführt, nun wirklich etwas Universelles für eine Weltanschauung zu bekommen, und dann liegt das Eigentümliche vor, daß wir dann beginnen können, auch von etwas zu sprechen, was allen Menschen, die überhaupt gesunden Sinn und gesunden Verstand haben, begreiflich sein kann.

[ 12 ] But this also achieves something else. It makes it possible to overcome what, in recent times—precisely because of the materialistic turn in scientific knowledge—has driven us toward specialization. I truly do not wish to deliver some kind of tirade against specialization, for I am well aware of its justification. I know that certain things today must be carried out by specialists simply because they require specialized techniques. But the point is that those who cling to the material world can never, once they become specialists, gain a worldview applicable to life, for material processes constitute an infinite field. They are an infinite field out in nature; they are an infinite field within the human being. If one studies only the human nervous system based on everything that is available today, one can spend a long time doing so—at least as much time as specialists usually wish to devote to their field of study. But if, in what happens in the nervous system, one has before one only the material processes—only what is expressed in the abstract concepts that are the subject of science today—then nothing leads one toward anything universal that can become the foundation of a worldview. The moment you begin to view, say, the human nervous system from the perspective of the spiritual sciences, you cannot look at this nervous system at all without what you find active within it as spirit immediately leads you to what underlies the muscular system, the skeletal system, and the sensory system as a spiritual-soul aspect; for the spiritual is not something that breaks down into individual parts like the material, but the spiritual is something—and this is merely a minimal characterization of it—that extends like a limb structure, like an organism. And just as I cannot observe a human being by merely looking at his five fingers while covering the rest of him, so too, from a spiritual-scientific perspective, I cannot observe a single detail without what I perceive in that detail as spiritual-soul elements leading me to a whole. If we are led to such a wholeness—though it may, of course, be only a specialist in brain or nervous system research—we will nevertheless be able, through the observation of this single part of the human organism, to gain an overall picture of the human being; then we will be enabled to truly grasp something universal for a worldview, and then the distinctive feature is that we can begin to speak of something that can be understood by all people who possess sound judgment and sound reason.

[ 13 ] Das ist der große Unterschied zwischen dem, wie Geisteswissenschaft über den Menschen sprechen kann, und wie spezialisierte, materialistische Wissenschaft über den Menschen sprechen muß. Sehen Sie, nehmen wir den einfachen Fall, wie spezialisierte, materialistische Wissenschaft Ihnen vorliegt in irgendeinem der heute gebräuchlichen Handbücher. Wenn Sie als gewöhnlicher Mensch, der nicht viel gelernt hat über das Nervensystem, ein Handbuch über das Nervensystem in die Hand nehmen — nun, Sie werden wahrscheinlich bald wieder zu lesen aufhören oder Sie werden jedenfalls nicht sehr viel gewinnen, was Ihnen eine Grundlage abgeben kann dafür, daß Sie den Menschen als wirkliches Menschenwesen in seinem Wert, in seiner Würde anschauen können. Hören Sie aber dasjenige, was aus dem Fonds der Geisteswissenschaft über das menschliche Nervensystem gesprochen werden kann, so schließt sich überall an eine solche Besprechung dasjenige an, was dann zum ganzen Menschen führt, was so Aufklärung gibt über den ganzen Menschen, daß einem in der Idee, die einem aufgeht, etwas vorliegt von Wert, Wesen und Würde des Menschen, mit dem man es zu tun hat. Und bei nichts macht sich das mehr geltend, als wenn wir nun nicht bloß den gesunden Menschen betrachten in bezug auf irgendeines seiner Glieder, sondern es macht sich insbesondere dann geltend, wenn wir den kranken Menschen betrachten, diesen kranken Menschen mit seinen so vielen Abweichungen von dem sogenannten Normalen, namentlich wenn wir in der Lage sind, den ganzen Menschen zu betrachten, wenn er unter dem Einflusse dieser oder jener Erkrankungen steht. Dasjenige, was uns da die Natur vor die Seele stellt in dem kranken Menschen, das ist geeignet, uns tief in die Weltenzusammenhänge hineinzuführen, uns hinzuführen darauf, wie dieser Mensch organisiert ist und wie wegen seiner Organisation die atmosphärischen, ja die außerirdischen Einflüsse auf diesen Menschen wirken können, wie diese menschliche Organisation zusammenhängt mit diesen oder jenen Stoffen der Natur, die sich dann als Heilmittel herausstellen und so weiter.

[ 13 ] That is the major difference between how the humanities can speak about human beings and how specialized, materialistic science must speak about them. Look, let’s take the simple case of how specialized, materialistic science is presented to you in any of the textbooks in common use today. If you, as an ordinary person who hasn’t learned much about the nervous system, pick up a textbook on the nervous system—well, you’ll probably stop reading it pretty soon, or at any rate, you won’t gain much that can provide you with a foundation for viewing human beings as genuine human beings in their value and dignity. But if you listen to what can be said about the human nervous system from the perspective of spiritual science, such a discussion is always followed by insights that lead to an understanding of the whole human being—insights that shed such light on the whole human being that, in the idea that dawns upon you, you find something of the value, essence, and dignity of the human being with whom you are dealing. And nowhere is this more evident than when we do not merely consider the healthy person in relation to any one of their limbs; rather, it becomes particularly evident when we consider the sick person—this sick person with their many deviations from the so-called “normal”—especially when we are able to consider the whole person as they are under the influence of this or that illness. What nature presents to our soul in the sick person is capable of leading us deep into the interconnections of the worlds, of showing us how this person is organized and how, because of this organization, atmospheric, even extraterrestrial influences may affect this person, and how this human constitution relates to certain substances in nature that then prove to be remedies, and so on.

[ 14 ] Wir werden da in weite Zusammenhänge hineingeführt, und man darf sagen: Wenn man dasjenige ergänzt, was in dieser Art über den gesunden Menschen erkannt werden kann, durch das, was man erkennen kann durch den kranken Menschen, dann geht einem dadurch eine tiefe Einsicht auf in den ganzen Zusammenhang und die tiefere Bedeutung des Lebens. Aber alles, was einem so aufgeht, ist Grundlage für eine Menschenkenntnis, ist Grundlage für etwas, was dann in Ausdrucksformen gebracht werden kann, die zu allen Menschen gesprochen werden können. Wir sind heute natürlich noch nicht so weit, weil Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier gemeint ist, erst kurze Zeit arbeiten kann. Deshalb können die Vorträge, die hier gehalten werden, wie eben vorhin in den einleitenden Worten von Dr. Boos gesagt worden ist, vielfach nur als ein Anfang dastehen. Aber es ist die Tendenz dieser Geisteswissenschaft, dasjenige, was in den einzelnen Wissenschaften vorliegt, zu einer solchen Gestalt herauszuarbeiten, daß das, was jeder Mensch über den Menschen wissen sollte, auch wirklich an jeden Menschen herangebracht werden kann.

[ 14 ] We are led into broader contexts here, and it can be said that when we supplement what can be understood in this way about the healthy human being with what can be understood through the sick human being, this gives us a deep insight into the entire context and the deeper meaning of life. But everything that becomes clear to us in this way forms the foundation for an understanding of human nature—the foundation for something that can then be expressed in ways that speak to all people. Of course, we are not yet that far along today, because spiritual science, in the sense intended here, has only been in practice for a short time. Therefore, as Dr. Boos mentioned just now in his introductory remarks, the lectures given here can in many cases be regarded only as a beginning. But the aim of this spiritual science is to develop what exists in the individual sciences into a form such that what every person should know about humanity can truly be conveyed to every person.

[ 15 ] Und nun denke man sich, wenn Geisteswissenschaft erst so umgestaltend auf die Wissenschaft wirkt und wenn es dann dieser Geisteswissenschaft gelingt, Erkenntnisformen für das gesunde und kranke Menschenwesen auszugestalten, die man dem allgemeinen menschlichen Bewußtsein zugänglich machen kann, wenn das gelingt — wie anders Mensch zu Mensch stehen wird im sozialen Leben, wie anders verständnisvoll der einzelne Mensch dem anderen Menschen entgegengestellt sein wird als heute, wo jeder an dem anderen vorbeigeht und kein Verständnis für die besondere Individualität dieses anderen Menschen hat. Die soziale Frage wird erst dann aus ihrem Intellektualismus herausgeholt, wenn sie auf den verschiedensten Gebieten des Lebens aus der Sachkenntnis hervorgehen wird, wenn ihr zugrundeliegen die konkreten Erfahrungen des Lebens. Das zeigt sich insbesondere auf dem Gebiete der Gesundheitspflege. Denn man denke sich die soziale Wirkung dessen, daß an den Menschen ein Verständnis für dasjenige herangebracht wird, was am anderen Menschen gesund, was am anderen Menschen krank ist; man denke sich, was es heißt: Durch die ganze Menschheit wird die Gesundheitspflege mit Verständnis in die Hand genommen. — Gewiß, hier soll nicht etwa ein wissenschaftlicher oder ärztlicher Dilettantismus gepflegt werden — das muß schon gelten —, aber denken Sie sich, es wird einfach für das Gesunde und Kranke in unseren Mitmenschen teilnahmsvolles, nicht bloß Gefühl, sondern Verständnis erweckt, Verständnis aus einer Anschauung über den Menschen. Denken Sie sich die soziale Wirkung einer solchen Sache, und Sie werden sich sagen müssen: Da sieht man, daß aus der Sachkenntnis auf den einzelnen Gebieten die soziale Reform, der soziale Neuaufbau hervorgehen muß, nicht aus allgemeinen, seien sie marxistische, seien sie Oppenheimersche Theorien, seien sie so oder so geartete Theorien, die hinwegschauen über den Menschen, die aus abstrakten Begriffen heraus eine Weltgestaltung machen wollen. Nicht daraus kann das Heil hervorgehen, sondern aus dem hingebungsvollen Erkennen der einzelnen Gebiete. Und die Gesundheitspflege, die Hygiene, ist ein solches ganz besonderes Gebiet, denn sie führt uns, ich möchte sagen am nächsten an alles dasjenige heran, was unser Mitmensch an Freude hat durch seine gesunde, normale Lebensart oder an Schmerzen und Leiden, an Einschränkungen durch dasjenige, was als mehr oder weniger Krankes in ihm ruht.

[ 15 ] And now imagine: if spiritual science were to have such a transformative effect on science, and if this spiritual science were then to succeed in develop forms of knowledge for both the healthy and the sick human being that can be made accessible to the general human consciousness—if that succeeds—how differently people will relate to one another in social life, how much more understanding each individual will show toward the other than today, when everyone passes each other by and has no understanding of the other person’s unique individuality. The social question will only be freed from its intellectualism when it arises from expert knowledge in the most diverse areas of life, when it is grounded in concrete life experiences. This is particularly evident in the field of health care. For just imagine the social impact of instilling in people an understanding of what is healthy and what is sick in their fellow human beings; imagine what it means for all of humanity to take charge of health care with understanding. — Certainly, this is not about cultivating some kind of scientific or medical dilettantism—that much must be clear—but imagine: it simply awakens in us a sympathetic response to what is healthy and what is sick in our fellow human beings—not merely an emotion, but understanding, an understanding born of a vision of the human being. Imagine the social impact of such an endeavor, and you will have to admit: Here we see that social reform and social reconstruction must arise from expertise in the individual fields, not from general theories—be they Marxist, Oppenheimian, or theories of any other kind—that overlook the human being and seek to shape the world based on abstract concepts. Salvation cannot come from these, but rather from the devoted understanding of individual fields. And health care—hygiene—is one such very special field, for it brings us, I would say, closest to everything our fellow human beings experience—whether joy through their healthy, normal way of life, or pain and suffering, or limitations caused by whatever lies within them that is more or less diseased.

[ 16 ] Das ist so etwas, was uns gleich hinweist auf die besondere soziale Art, wie Geisteswissenschaft sie auf dem hygienischen Gebiete schaffen kann. Denn wenn in einer solchen Art der Pfleger der Menschheitskunde, der Pfleger der Kunde von dem gesunden und kranken Menschen, auch derjenige, der sich nun zum Arzt spezialisiert, mit einer solchen Erkenntnis in die menschliche Sozietät hineingestellt ist, dann wird er in der Lage sein, innerhalb dieser menschlichen Gesellschaft Aufklärung zu schaffen, denn er wird Verständnis finden. Und es wird sich nicht nur solch ein Verhältnis des Ärztes zur Sozietät herausstellen, daß man, wenn man nicht gerade sein Freund oder sein Verwandter ist, an seinem Hause vorbeigeht und ihn holen läßt, wenn einem etwas weh tut oder wenn man sich das Bein gebrochen hat, sondern es wird sich ein Verhältnis zum Ärzte so herausstellen, daß der Arzt der fortwährende Lehrer und Anweiser der prophylaktischen Gesundheitspflege ist, daß in der Tat ein fortwährendes Eingreifen des Ärztes dasteht, um nicht nur den Menschen, bei dem das Erkranktsein so weit geht, daß er es bemerkt, zu heilen, sondern um die Menschen, so weit das angängig ist, gesund zu erhalten. Ein lebendiges soziales Wirken wird stattfinden zwischen dem Ärzte und der ganzen übrigen Menschheit. Dann aber wird auf die Medizin selber ausstrahlen die Gesundheit einer solchen Erkenntnis, denn wir sind ja gerade dadurch, daß der Materialismus sich auch über die medizinische Betrachtung des Lebens ausgedehnt hat, wahrhaftig in merkwürdige Anschauungen hineingerannt.

[ 16 ] This is precisely the kind of thing that immediately points to the unique social contribution that the spiritual sciences can make in the field of health. For when a practitioner of the science of humanity—one who studies healthy and sick human beings, including those who go on to specialize as physicians—is placed within human society with such insight, then he will be able to bring enlightenment to that society, for he will find understanding. And the relationship between the physician and society will not merely be such that—unless one is his friend or relative—one walks past his house and has him summoned only when something hurts or when one has broken a leg; rather, the relationship with the physician will develop in such a way in which the doctor is the constant teacher and guide in preventive health care, so that there is, in fact, a continuous role for the doctor—not only to heal those whose illness has progressed to the point where they notice it, but also to keep people healthy as far as possible. A vibrant social interaction will take place between the physician and the rest of humanity. Then, however, the healthfulness of such an insight will radiate out onto medicine itself, for it is precisely because materialism has spread even to the medical view of life that we have truly run aground in strange conceptions.

[ 17 ] Da haben wir auf der einen Seite die physischen Erkrankungen. Sie werden studiert, indem man die Organentartungen oder das, was sonst an physisch wahrnehmbaren oder an physisch gedachten Vorgängen innerhalb der menschlichen Leibeshaut sein soll, findet, und es wird das Augenmerk darauf gelenkt, daß man Schädigungen, die man da findet, ausbessern kann. In dieser Richtung wird nun ganz materialistisch über das Leibliche des Menschen in seinem normalen und in seinem abnormen Zustande gedacht. Daneben treten die sogenannten Seelen- oder Geisteskrankheiten auf. Diese Seelen- oder Geisteskrankheiten nun hat man auf der einen Seite, weil man materialistisch dachte, zu bloßen Gehirnkrankheiten gemacht oder sonst zu Erkrankungen des Nervensystems, hat wohl auch Grundlagen dafür in dem sonstigen Organsystem des Menschen gesucht. Aber weil man überhaupt keine Anschauung ausbildete über die Art, wie in der menschlichen Leiblichkeit der Geist und die Seele wirken, konnte man keine Anschauung gewinnen über das Verhältnis der Geisteskrankheiten, der sogenannten Geisteskrankheiten, zu dem, was der Mensch sonst ist. Und so, möchte ich sagen, stehen die Geisteskrankheiten auf der einen Seite da, sie sind sogar heute erfaßt von einer merkwürdigen Zwitterwissenschaft, von der Psychoanalyse, die materialistisch denkt, aber das Materialistische ganz und gar nicht versteht; sie stehen da, diese Geistes- und Seelenkrankheiten, ohne daß man irgendwie in vernünftiger Weise sie zusammenbringen kann mit dem, was im menschlichen Organismus eigentlich vor sich geht.

[ 17 ] On the one hand, we have physical illnesses. These are studied by identifying organ degenerations or whatever else is supposed to be physically perceptible or physically conceivable processes within the human body, and attention is focused on the possibility of repairing any damage found there. In this regard, the human body—in both its normal and abnormal states—is viewed in a thoroughly materialistic way. Alongside these are the so-called mental or psychological illnesses. These mental or psychological illnesses have, on the one hand—because of materialistic thinking—been reduced to mere brain diseases or other disorders of the nervous system, and one has likely also sought their underlying causes in the rest of the human organ system. But because no conception was developed at all regarding the way in which the spirit and the soul act within the human physical body, it was impossible to gain any insight into the relationship between mental illnesses—the so-called mental illnesses—and the rest of what a human being is. And so, I would say, mental illnesses stand there on one side; even today they are encompassed by a peculiar hybrid science, psychoanalysis, which thinks materialistically but does not understand materialism at all; these mental and psychological illnesses stand there without any reasonable way to reconcile them with what is actually taking place within the human organism.

[ 18 ] Geisteswissenschaft kann nun zeigen — und ich habe darauf aufmerksam gemacht —, daß dasjenige, was ich hier ausspreche, nicht bloß Programm ist, sondern daß es in Einzelheiten verfolgt wird — gerade bei der Gelegenheit, die sich jetzt dargeboten hat bei der Abhaltung eines Kursus für Ärzte, der in diesen Wochen hier stattgefunden hat. Geisteswissenschaft kann ja durchaus im einzelnen zeigen, wie alles, was sogenannte Geistes- und Seelenkrankheiten sind, auf Organstörungen beruht, auf Organentartungen, Organvergrößerungen, Organverkleinerungen im menschlichen Organismus. Irgendwo im Herzen, in der Leber, in der Lunge, irgendwo ist etwas nicht in Ordnung, wenn zur selben Zeit oder später etwas auftritt, was eine sogenannte Geisteskrankheit ist. Eine Geisteswissenschaft, welche dazu durchdringt, den Geist im normalen Herzen in seiner Wirksamkeit zu erkennen, eine solche Geisteswissenschaft ist auch imstande — und braucht sich dessen nicht zu schämen —, in der Entartung des Herzens, in den Fehlern des Herzens eine Ursache für den sogenannten kranken Geist oder die kranke Seele zu suchen.

[ 18 ] Spiritual science can now demonstrate—and I have drawn attention to this—that what I am stating here is not merely a program, but that it is being carried out in detail—precisely on the occasion that has now presented itself with the holding of a course for physicians, which took place here in recent weeks. Spiritual science can indeed demonstrate in detail how all so-called mental and psychological illnesses are based on organ disorders, on organ degeneration, organ enlargement, and organ atrophy in the human organism. Somewhere in the heart, in the liver, in the lungs—somewhere—something is not right when, at the same time or later, a so-called mental illness manifests. A spiritual science that penetrates to the point of recognizing the spirit in its normal functioning within the heart—such a spiritual science is also capable—and need not be ashamed of this—of seeking a cause for the so-called diseased spirit or diseased soul in the degeneration of the heart and in the defects of the heart.

[ 19 ] Der hauptsächlichste Fehler des Materialismus besteht nämlich nicht darin, daß er den Geist ableugnet — da könnte ja die Religion dann dafür sorgen, daß der Geist noch anerkannt wird —, der Hauptfehler des Materialismus besteht darin, daß er die Materie nicht erkennt, weil er nur ihre Außenseite beobachtet. Gerade das ist der Mangel des Materialismus, daß er keinen Einblick in die Materie gewinnt, zum Beispiel bei der bloß psychoanalytischen Behandlung, bei der bloßen Beobachtung von irgend etwas, was in der Seele vorgegangen ist und das die Psychoanalyse als Seeleninseln bezeichnet, also ein Abstraktum. Vielmehr muß man verfolgen, wie gewisse Seeleneindrücke, die der Mensch zu dieser oder jener Zeit seines Lebens erhält und die in normaler Weise gebunden sind an den normalen Organismus, auf fehlerhafte Organe auftreffen — statt zum Beispiel auf eine gesunde Leber auf eine kranke —; ein solches Auftreffen kann sich vielleicht in einer ganz anderen Zeit zeigen als zu der Zeit, wo der Defekt organisch bemerkbar geworden ist.

[ 19 ] The most fundamental flaw of materialism does not lie in the fact that it denies the spirit—in which case religion could ensure that the spirit is still recognized—but rather in the fact that it fails to recognize matter because it observes only its outward appearance. This is precisely the shortcoming of materialism: that it fails to gain insight into matter—for example, in purely psychoanalytic treatment, in the mere observation of whatever has taken place in the soul and which psychoanalysis refers to as “islands of the soul,” that is, an abstraction. Rather, one must trace how certain psychological impressions—which a person receives at this or that time in their life and which are normally bound to the healthy organism—encounter defective organs—for example, a diseased liver instead of a healthy one; such an encounter may manifest itself at a time entirely different from when the organic defect first became apparent.

[ 20 ] Geisteswissenschaft braucht nicht davor zurückzuschrecken, dies zu zeigen, wie die sogenannten Geistes- oder Seelenkrankheiten immer zusammenhängen mit irgend etwas im menschlichen Leibe. Die Geisteswissenschaft muß geradezu streng darauf hinweisen, daß, wenn man bloß das Seelische, den seelischen Komplex studiert, die Abweichungen des Seelischen von dem sogenannten normalen seelischen Leben, daß man da nichts hat als höchstens eine einseitige Diagnose. Daher kann Psychoanalyse niemals etwas anderes sein als höchstens etwas Diagnostisches; sie kann niemals zur wirklichen Therapie auf diesem Gebiete führen. Aus diesem Grunde, weil die Therapie bei Geisteskrankheiten gerade einsetzen muß mit der Leibeskur, deshalb muß man bis in die einzelnen Teile hinein die Verzweigungen des Geistigen in der Materie kennen, wenn man wissen will, wo man einzusetzen hat im materiellen Leib — der aber durchgeistigt ist —, wo man einzusetzen hat, um dasjenige zu kurieren, was sich in abnormen seelischen Verhältnissen eben nur symptomatisch zeigt. Gerade das muß Geisteswissenschaft am entschiedensten betonen, daß die sogenannten Geistes- und Seelenkrankheiten verfolgt werden müssen bis hinein in die Organologie des Menschen. In die abnorme Organologie des Menschen kann man aber nur hineinsehen, wenn man den Geist bis in die kleinsten Teile der Materie hinein verfolgen kann.

[ 20 ] Spiritual science need not shy away from showing how so-called mental or psychological illnesses are always connected to something in the human body. Spiritual science must emphasize quite strictly that if one studies only the psychological, the psychological complex—the deviations of the psyche from so-called normal psychological life—one has nothing more than, at best, a one-sided diagnosis. Therefore, psychoanalysis can never be anything more than, at best, a diagnostic tool; it can never lead to true therapy in this field. For this reason—because therapy for mental illnesses must begin precisely with physical treatment— therefore one must know, down to the individual parts, the ramifications of the spiritual in matter if one wishes to know where to begin in the physical body—which is, however, spiritualized—where to begin in order to cure that which manifests itself only symptomatically in abnormal psychological conditions. This is precisely what spiritual science must emphasize most strongly: that so-called mental and psychological illnesses must be traced all the way down to the organology of the human being. However, one can only gain insight into the abnormal organology of the human being if one can trace the spirit down into the smallest parts of matter.

[ 21 ] Und umgekehrt: Dasjenige, was scheinbar bloß auf das Seelische oder im Seelischen wirkende Lebenserscheinungen sind, sagen wir dasjenige, was in den Temperamenten und in der Betätigung der Temperamente des Menschen hervortritt, was hervortritt in der ganzen Art und Weise, wie der Mensch als kleines Kind spielt, wie er geht, was er tut, das alles, was heutzutage nur geistig-seelisch verstanden wird, das hat auch seine leibliche Seite. Und ein Verfehltes in bezug auf manches in der Erziehung des Kindes kann in späterer Zeit in einer ganz gewöhnlichen physischen Erkrankungsform zum Vorschein kommen. Ja, man wird geradezu in gewissen Fällen dazu geführt, wenn man Geisteskrankheiten vor sich hat, auf das Leibliche zu sehen, um da das zu erforschen, worauf es ankommt, und bei physischen Erkrankungen auf das Geistige zu sehen und da zu erforschen, worauf es ankommt. Denn das ist das Wesentliche der Geisteswissenschaft, daß sie nicht in Abstraktionen von einem nebulosen Geistigen spricht, wie es die Mystiker, wie es die einseitigen Theosophen tun, sondern daß sie den Geist verfolgt in seine materiellen Wirkungen hinein, daß sie nirgends das Materielle so begreift, wie es die heutige äußere Wissenschaft begreift, sondern überall bei der Betrachtung des Materiellen zum Geiste vordringt und so auch beobachten kann, wo sich ein abnormes Seelenleben dadurch äußern muß, daß ein, wenn auch vielleicht äußerlich verborgenes, abnormes körperliches Leben vorliegt.

[ 21 ] And conversely: That which appears to be merely psychological or manifestations of life acting within the soul—that is, what emerges in a person’s temperaments and in the expression of those temperaments, what emerges in the entire way a person plays as a small child, how they walk, what they do—all of that which is understood today solely in spiritual-psychological terms, also has a physical aspect. And a mistake made in certain aspects of a child’s upbringing can later manifest itself in the form of a quite ordinary physical illness. Indeed, in certain cases—particularly when dealing with mental illnesses—one is led to look at the physical aspect in order to investigate what is truly at stake, and in the case of physical illnesses, to look at the spiritual aspect and investigate what is truly at stake there. For this is the essence of spiritual science: that it does not speak in abstractions of a nebulous spiritual realm, as the mystics and the one-sided theosophists do, but rather that it traces the spirit into its material effects, that it never understands the material in the same way that today’s external science does, but rather, in its consideration of the material, always penetrates to the spirit and can thus also observe where an abnormal soul life must manifest itself through the presence of an abnormal physical life—even if this is perhaps hidden on the outside.

[ 22 ] Man macht sich in weitesten Kreisen heute über die ernsthaft gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ganz falsche Vorstellungen — vielleicht manchmal mit Recht, wenn man diejenigen reden hört, die nicht wahrhaftig eingehen wollen auf dasjenige, um was es sich eigentlich handelt, und nur reden von abstrakten Theorien, der Mensch bestehe aus dem und dem, und es gäbe wiederholte Erdenleben und so weiter. Diese Dinge sind ja selbstverständlich allerwichtigst und sehr schön. Aber wenn es sich darum handelt, besonders ernsthaft zu arbeiten in dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung, dann muß eingegangen werden auf die einzelnen Kapitel, auf die einzelnen Gebiete dieses Lebens. Und im allerweitesten Sinne führt das wiederum zu einem sozial gesinnten Zusammensein der Menschen. Denn wenn man so sieht, wie die krank erscheinende Seele ihre Impulse hineinstrahlt in den Organismus, wenn man diesen Zusammenhang zwischen dem Organismus und der krank erscheinenden Seele fühlen kann — fühlen mit Verständnis —, wenn man auf der anderen Seite weiß, wie die Lebenseinrichtungen auch auf die physische Gesundheit des Menschen wirken, wie das Geistige, das in sozialen Einrichtungen scheinbar nur äußerlich besteht, hineinwirkt in die physische Gesundheitspflege des Menschen, wenn man das alles überschaut, dann ist man in einer ganz anderen Weise drinnenstehend in der menschlichen Sozietät. Man beginnt dadurch ein richtiges Menschenverständnis zu gewinnen, und man behandelt den anderen Menschen ganz anders; man verfolgt seinen Charakter ganz anders. Man weiß, gewisse Eigenschaften hängen mit diesem oder jenem zusammen, man weiß sich diesen Eigenschaften gegenüber zu benehmen, man weiß, besonders wenn man Aufgaben damit verbunden hat, in der richtigen Weise die Temperamente der Menschen in die menschliche Sozietät hineinzustellen und namentlich in der richtigen Weise zu entwickeln.

[ 22 ] Today, in the broadest circles, people have completely false notions about the seriously intended, anthroposophically oriented spiritual science—perhaps sometimes with good reason, when one hears those who do not truly wish to engage with what this is actually about, and who speak only of abstract theories, such as that the human being consists of this and that, and that there are repeated earthly lives, and so on. These things are, of course, of the utmost importance and very beautiful. But when it comes to working particularly earnestly within this spiritual science movement, one must delve into the individual chapters, into the individual areas of this life. And in the broadest sense, this in turn leads to a socially minded community of people. For when one sees how the seemingly sick soul radiates its impulses into the organism, when one can feel this connection between the organism and the seemingly sick soul—feel it with understanding— if, on the other hand, one knows how the structures of life also affect a person’s physical health, how the spiritual aspect—which in social institutions seems to exist only externally—influences the care of a person’s physical health, if one surveys all of this, then one is engaged in human society in an entirely different way. As a result, one begins to gain a true understanding of human nature, and one treats other people quite differently; one perceives their character in an entirely different way. One knows that certain characteristics are connected to this or that; one knows how to behave toward these characteristics; and one knows—especially when tasked with related responsibilities—how to properly integrate people’s temperaments into human society and, in particular, how to develop them in the right way.

[ 23 ] Ein soziales Gebiet wird insbesondere intensiv beeinflußt werden müssen in hygienischer Beziehung von einer so errungenen Menschenkenntnis, das ist das Gebiet der Erziehung, das Gebiet des Unterrichts. Man kann eigentlich gar nicht ermessen, ohne wirklich umfassend den Menschen zu kennen, was es heißt: die Kinder sitzen in der Schule mit gebückten Rücken, so daß fortwährend ihre Atmung in Unordnung ist, oder die Kinder werden nicht angehalten, laut und deutlich, deutlich vokalisierend, deutlich konsonantisierend zu sprechen. Das ganze spätere Leben hängt im wesentlichen davon ab, ob das Kind in der Schule in der richtigen Weise atmet und ob es angehalten wird, laut und deutlich und artikuliert zu sprechen.

[ 23 ] One social sphere in particular will have to be profoundly influenced, in terms of hygiene, by such an understanding of human nature—namely, the sphere of education, the sphere of instruction. Without a truly comprehensive understanding of human nature, it is actually impossible to fully grasp what it means when children sit in school with hunched backs, causing their breathing to be constantly disrupted, or when children are not encouraged to speak loudly and clearly, with distinct vowel and consonant pronunciation. A child’s entire future life essentially depends on whether the child breathes correctly in school and whether the child is encouraged to speak loudly, clearly, and articulately.

[ 24 ] In solchen Dingen — ich reiße nur Beispiele heraus, denn auf andere Gebiete ließe sich ein Ähnliches anwenden — zeigt sich die Spezialisierung der Gesamthygiene auf das Schulwesen, und gerade darin zeigt sich die ganze soziale Bedeutung der Hygiene, zeigt sich aber auch, wie das Leben fordert, daß wir nicht weiter spezialisieren, sondern daß wir das Spezialisierte zusammenbringen zu einer Gesamtanschauung. Wir brauchen nicht nur das, was den Lehrer befähigt zu wissen, nach gewissen pädagogischen Normen soll man ein Kind so oder so erziehen, sondern wir brauchen das, was den Lehrer befähigt, ein Urteil darüber zu haben, was es heißt, wenn er diesen oder jenen Satz von dem Kind klar artikuliert aussprechen läßt oder wenn er das Kind, nachdem es einen halben Satz gesagt hat, schon wieder Luft schnappen läßt und so weiter und nicht dafür sorgt, daß die Luft verbraucht wird, während der Satz ausgesprochen wird. Gewiß, es gibt auch darüber viele Anhaltspunkte und Regeln, aber die richtige Art der gegenseitigen Anerkennung und die richtige Anwendung dieser Dinge zieht erst in unser Herz hinein, wenn wir die ganze Bedeutung für das Menschenleben und für die soziale Gesundheit ermessen, denn dann erst wird die Sache ein sozialer Impuls.

[ 24 ] In such matters—I am merely citing a few examples, for similar principles could be applied to other areas—the specialization of general hygiene in the school system becomes evident, and it is precisely here that the full social significance of hygiene is revealed; yet it also shows how life demands that we not specialize further, but rather that we bring together these specialized fields into a holistic view. We need not only what enables the teacher to know that, according to certain pedagogical standards, a child should be educated in one way or another, but we also need what enables the teacher to form a judgment about what it means when he has the child clearly articulate this or that sentence, or when he allows the child, after saying half a sentence, to take a breath again, and so on—and does not ensure that the child takes a breath while the sentence is being spoken. Certainly, there are also many guidelines and rules regarding this, but the proper kind of mutual recognition and the proper application of these things only take root in our hearts when we grasp their full significance for human life and for social well-being, for only then does the matter become a social impulse.

[ 25 ] Diese Erwägungen waren es, die zugrundelagen, als ich beim Ausgangspunkte der Gründung der Waldorfschule in Stuttgart vorher den Lehrern dort den pädagogisch-didaktischen Kurs gehalten habe, diese Erwägung, daß man Lehrer braucht, die aus der ganzen Tiefe einer menschenverstehenden Weltanschauung arbeiten können für die Erziehung und für den Unterricht der Kinder. Was da in die Sätze, die als pädagogisch-didaktische Kunst ausgesprochen worden sind, hineingelegt worden ist, das strebt alles danach hin, aus den Kindern, die erzogen und unterrichtet werden, Menschen zu machen, bei denen später — dadurch, daß sie angehalten werden, als Kind die Funktionen des Lebens in der richtigen Weise zu vollziehen —, Lunge und Leber und Herz und Magen in Ordnung sind, weil die Seele in der richtigen Weise gearbeitet hat daran.

[ 25 ] These considerations formed the basis when, at the very beginning of the founding of the Waldorf School in Stuttgart, I gave the teachers there a course on pedagogy and didactics—the consideration that we need teachers who can work from the full depth of a worldview that understands human beings, for the education and instruction of children. Everything that was embedded in the statements expressed as the art of pedagogy and didactics is directed toward making the children who are being educated and taught into human beings in whom, later on—because they are encouraged as children to perform the functions of life in the right way— their lungs, liver, heart, and stomach will be in good working order, because the soul has worked on them in the right way.

[ 26 ] Niemals wird diese Weltanschauung in materialistischer Weise das alte Wort deuten: In einem gesunden Körper lebt eine gesunde Seele. — Materialistisch gedeutet hieße das, wenn man den Körper gesund hat, wenn man ihn mit allen möglichen physischen Mitteln gesund gemacht hat, dann würde er von selber der Träger einer gesunden Seele. Unsinn ist das. Sinn hat das: In einem gesunden Körper lebt eine gesunde Seele nur, wenn man in der folgenden Weise vorgeht, daß heißt, wenn man sich sagt: Da habe ich einen gesunden Körper vor mir, der zeigt mir, daß ihn aufgebaut hat, plastisch ausgestalter hat, gesund gemacht hat die Kraft einer gesunden Seele. Ich erkenne aus diesem Körper, daß eine autonome gesunde Seele in ihm gearbeitet hat. — Das ist der Sinn des Ausspruchs. Aber nur so kann dieser Ausspruch auch einer gesunden Hygiene zugrundeliegen, mit anderen Worten: Wir brauchen nicht etwa neben den Lehrern, die nur aus einer pädagogisch abstrakten Wissenschaft heraus arbeiten, noch einen Schularzt, der alle vierzehn Tage einmal, wenn es hoch kommt, durch die Schule geht und auch nichts Gescheites anzufangen weiß, nein, wir brauchen eine lebendige Verbindung der medizinischen Wissenschaft mit der pädagogischen Kunst. Wir brauchen eine pädagogische Kunst, die in allen ihren Maßnahmen in hygienisch richtiger Weise die Kinder erzieht und unterrichtet. Das ist dasjenige, was die Hygiene zu einer sozialen Frage macht, denn die soziale Frage ist im wesentlichen eine Erziehungsfrage, und die Erziehungsfrage ist im wesentlichen eine medizinische Frage, aber eine Frage nur derjenigen Medizin, die geisteswissenschaftlich befruchtet ist, einer Hygiene, die geisteswissenschaftlich befruchtet ist.

[ 26 ] This worldview will never interpret the old saying in a materialistic way: “A healthy body houses a healthy soul.” — Interpreted materialistically, this would mean that if one has a healthy body—if one has made it healthy by every possible physical means—then it would automatically become the vessel of a healthy soul. That is nonsense. The meaning is this: “A healthy soul dwells in a healthy body” only if one proceeds in the following way—that is, if one says to oneself: Here I have a healthy body before me, which shows me that the power of a healthy soul has built it up, shaped it, and made it healthy. I recognize from this body that an autonomous, healthy soul has been at work within it. — That is the meaning of the saying. But only in this way can this saying also form the basis for sound hygiene; in other words: We do not need, in addition to teachers who work solely from an abstract pedagogical science, a school doctor who, at most, makes the rounds of the school once every fourteen days and does not know what to do with himself—no, we need a living connection between medical science and the art of education. We need an art of education that, in all its measures, raises and instructs children in a hygienically sound manner. This is what makes hygiene a social issue, for the social issue is essentially an educational issue, and the educational issue is essentially a medical issue—but only a matter for that medicine which is enriched by the humanities, a hygiene enriched by the humanities.

[ 27 ] Diese Dinge, die weisen dann noch auf etwas hin, was außerordentlich bedeutungsvoll ist gerade mit Bezug auf das Thema «Hygiene als soziale Frage». Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn Geisteswissenschaft gepflegt wird und wenn Geisteswissenschaft etwas Konkretes für den Menschen ist, dann weiß er, daß in dem, was er in der Geisteswissenschaft erhält, etwas ruht, was sich unterscheidet von dem, was er im bloßen Intellektualismus — und auch die Naturwissenschaft der Gegenwart ist bloßer Intellektualismus —, was er in dem bloßen Intellektualismus oder in der bloß intellektualistisch ausgebildeten Naturwissenschaft oder in der bloß intellektualistisch ausgebildeten Historie oder der Rechtswissenschaft von heute hat. Alle Wissenschaften sind heute intellektualistisch; wenn sie behaupten, Erfahrungswissenschaften zu sein, so beruht das nur darauf, daß sie die sinnlich beobachteten Erfahrungsergebnisse intellektualistisch ausdeuten. Von diesen intellektualistisch ausgedeuteten naturwissenschaftlichen oder sonstigen Resultaten unterscheidet sich dasjenige, was in der Geisteswissenschaft gegeben ist, ganz wesentlich. Es wäre sogar recht traurig, wenn dasjenige, was in unserer intellektualistischen Kultur lebt, nicht bloß Bild wäre, sondern eine reale Macht, die auf den Menschen tiefer wirkt. Alles Intellektualistische bleibt nämlich nur an der Oberfläche des Menschen. Dieser Satz ist ganz umfassend gemeint.

[ 27 ] These things also point to something that is extraordinarily significant, particularly in relation to the topic of “hygiene as a social issue.” For, ladies and gentlemen, when the science of the spirit is cultivated and when the science of the spirit is something concrete for human beings, then they know that what they receive through the science of the spirit contains something that differs from what they find in mere intellectualism —and even contemporary natural science is mere intellectualism—what they have in mere intellectualism or in natural science, history, or jurisprudence of today, which are trained purely in an intellectualistic manner. All sciences today are intellectualistic; if they claim to be empirical sciences, this is based solely on the fact that they interpret the results of sensory observation in an intellectualistic manner. What is offered by the science of the spirit differs quite fundamentally from these intellectualistically interpreted scientific or other results. It would indeed be quite sad if what lives in our intellectualistic culture were not merely an image but a real power that affects human beings more deeply. For everything intellectualistic remains only on the surface of the human being. This statement is meant in a very comprehensive sense.

[ 28 ] Derjenige, der Geisteswissenschaft nur intellektualistisch betreibt, das heißt, der sich nur Notizen macht: es gibt einen physischen Leib, einen Ätherleib, einen Astralleib, ein Ich, ein wiederholtes Erdenleben, ein Karma und so weiter —, und das so notiert, wie man in der Naturwissenschaft oder in der heutigen Sozialwissenschaft notiert, der treibt Geisteswissenschaft nicht im Ernste, denn er verpflanzt die Denkweise, die er sonst hat, nur auf das, was ihm in der Geisteswissenschaft entgegentritt. Das Wesentliche bei der Geisteswissenschaft ist aber, daß sie in anderer Weise gedacht, in anderer Weise empfunden, in ganz anderer Weise als der intellektualistischen seelisch erlebt werden muß. Deshalb ist Geisteswissenschaft etwas, was durch sich selbst einen lebendigen Bezug zum gesunden und kranken Menschen erhält, allerdings in etwas anderer Weise, als man es sich oftmals träumen läßt. Es werden sich doch wohl die Menschen genügend überzeugt haben, wie machtlos man mit dem ist, was man, sei es als Ermahnung, sei es als Zureden, in der rein intellektualistischen Kultur anfängt gegenüber dem sogenannten Geisteskranken. Der Geisteskranke behauptet, zu ihm sprechen Stimmen; Sie sagen ihm alles mögliche, was Sie aus Ihrer intellektuellen Vernunft heraus finden — vergeblich, denn er weiß Ihnen alle möglichen Einwände. Schon das könnte darauf hinweisen, wie man es nicht mit einer Erkrankung des bewußten Seelenlebens oder auch des unterbewußten Seelenlebens, sondern mit einer Erkrankung des Organismus zu tun hat. Geisteswissenschaft lehrt erkennen, daß man allerdings auch nicht auf einem solchen Wege, der ein sogenannter spiritueller sein soll, auf dem man zum Beispiel zu Hypnose und Suggestion greift, den sogenannten Geistes- oder Seelenkrankheiten beikommen kann, sondern daß man ihnen auf sogenanntem physischem Wege beikommen muß, das heißt durch Organheilungen, zu denen man aber erst recht eine Geist-Erkenntnis des Menschen braucht. Geist-Erkenntnis weiß, daß sie gerade auf dem Gebiete der sogenannten Geisteskrankheiten eigentlich gar nicht eingreifen sollte mit bloßen geistigen oder seelischen Prozeduren, weil die Geisteskrankheit ja gerade darin besteht, daß das geistige Glied des Menschen herausgedrängt ist, wie es sonst nur im Schlafe ist, und schwach ist in diesem Herausgedrängtsein, sondern daß man das Organ kurieren muß, damit es die Seele und den Geist wiederum in gesunder Art zurücknimmt. Dagegen greift dasjenige, was nicht aus dem Intellekt, aus dem Kopfe, sondern aus dem ganzen Menschen als geisteswissenschaftliches Ergebnis hervorgeht, wenn es auftritt als Imagination, Inspiration, Intuition, und wenn es vom Menschen aufgenommen wird, in seinen ganzen Organismus ein. Es greift wirklich in die physische Organisation des Menschen gesundend ein, was Geisteswissenschaft wirklich ist.

[ 28 ] Anyone who approaches spiritual science merely as an intellectual exercise—that is, who merely takes notes: there is a physical body, an etheric body, an astral body, an “I,” repeated earthly lives, karma, and so on— and who notes these down just as one does in the natural sciences or in today’s social sciences—such a person is not pursuing spiritual science in earnest, for they are merely transferring the way of thinking they otherwise have to whatever they encounter in spiritual science. The essential point about spiritual science, however, is that it must be thought in a different way, felt in a different way, and experienced spiritually in a way entirely different from the intellectualistic approach. That is why spiritual science is something that, by its very nature, maintains a living connection to both healthy and sick people—albeit in a somewhat different way than one often imagines. Surely people have by now become sufficiently convinced of how powerless one is with what one attempts—be it as admonishment or as persuasion—in a purely intellectualistic culture when dealing with the so-called mentally ill. The mentally ill person claims that voices speak to him; you tell him all sorts of things that you can come up with based on your intellectual reasoning—to no avail, for he has all sorts of objections to offer. This alone could indicate that we are not dealing with a disorder of the conscious or even the subconscious soul life, but rather with a disorder of the organism. Spiritual science teaches us to recognize that one cannot, however, treat so-called mental or psychological illnesses through such methods—which are supposed to be “spiritual,” such as hypnosis and suggestion—but rather that they must be treated through so-called physical means, that is, through the healing of organs; for this, however, one needs, more than ever, a spiritual understanding of the human being. Spiritual insight knows that, particularly in the realm of so-called mental illnesses, one should not intervene at all with mere spiritual or psychological procedures, because mental illness consists precisely in the fact that the human spirit has been forced out—as it otherwise is only during sleep— and is weak in this state of being pushed aside; rather, one must cure the organ so that it may once again take in the soul and spirit in a healthy manner. In contrast, that which arises not from the intellect, from the head, but from the whole human being as a result of spiritual science—when it manifests as imagination, inspiration, or intuition, and when it is absorbed by the human being—penetrates the entire organism. What spiritual science truly is actually intervenes in a healing way in the physical organization of the human being.

[ 29 ] Dagegen ist kein Beweis, daß manche geisteswissenschaftliche Träumer sich krank fühlen innerhalb der Geisteswissenschaft oder eben das Gegenteil von dem zeigen, was ich eben ausgesprochen habe. Es gibt eben so unendlich viele, die nicht Geisteswissenschafter sind, sondern die intellektualistische Notizensammler der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse sind. Aber Geisteswissenschaft wirklich in ihrer Substanz verbreiten, das ist selber eine soziale Hygiene, denn sie wirkt auf den ganzen Menschen, sie normalisiert wiederum seine Organologie, wenn diese droht, nach Träumen oder nach einer anderen Seite diese oder jene Tendenz zu einer Abweichung ins Abnorme zu entwickeln. Das ist der gewaltige Unterschied desjenigen, was im Geisteswissenschaftlichen gegeben wird, von dem, was in der bloß intellektualistischen Wissenschaft auftritt: daß die auf dem Gebiete des Intellektualismus hervortretenden Begriffe viel zu schwach sind, weil sie bloß bildhaft sind, um einzugreifen in den Menschen, um gesundend auf ihn wirken zu können. Die geisteswissenschaftlichen Begriffe dagegen sind so, daß sie herausgeholt sind aus dem ganzen Menschen. Bei der Formung der geisteswissenschaftlichen Begriffe hat wahrhaftig nicht bloß das Gehirn mitgewirkt, sondern Lunge und Leber und Herz und der ganze Mensch, und es durchdringt sie, wenn ich so sagen darf, in einer plastischen Ausgestaltung, was sie aus der Kraft des ganzen Menschen haben. Und durchdringt man sich mit diesen geisteswissenschaftlichen Begriffen, nimmt man sie erkennend durch den gesunden Menschenverstand auf, so wirken sie wiederum zurück in hygienischer Weise auf den ganzen Menschen. Das ist es, was, von der Geisteswissenschaft ausgehend, in das Hygienische als eine soziale Angelegenheit richtunggebend eingreifen kann.

[ 29 ] On the other hand, there is no evidence that some dreamers in the humanities feel out of place within the humanities or, in fact, demonstrate the exact opposite of what I have just stated. There are just as many—indeed, an infinite number—who are not humanities scholars but rather intellectualistic collectors of notes on the findings of the humanities. But truly disseminating spiritual science in its essence is in itself a form of social hygiene, for it affects the whole human being; it, in turn, normalizes his organology when it threatens to develop—whether through dreams or some other influence—this or that tendency toward a deviation into the abnormal. This is the immense difference between what is offered in the humanities and what occurs in purely intellectualistic science: that the concepts that emerge in the realm of intellectualism are far too weak—because they are merely figurative—to intervene in the human being or to have a healing effect on him. The concepts of spiritual science, on the other hand, are such that they are drawn from the whole human being. In the formation of spiritual scientific concepts, it is truly not merely the brain that has been involved, but the lungs, the liver, the heart, and the whole human being; and what they derive from the power of the whole human being permeates them, if I may say so, in a plastic form. And when one immerses oneself in these spiritual-scientific concepts, absorbing them with clear understanding through sound common sense, they in turn exert a hygienic influence on the whole human being. This is what, originating from spiritual science, can play a guiding role in the field of hygiene as a social matter.

[ 30 ] Aber noch in vieler anderer Weise — ich kann nur Beispiele herausziehen — wird Geisteswissenschaft orientierend eingreifen in das ganze Gesundheitsleben der Menschheit, wenn diese Geisteswissenschaft wirklich in ihrem vollen Ernste einmal unter der Menschheit Fuß faßt. Ich will nur auf eines hinweisen. Zu denjenigen Kapiteln, die immer wieder und wiederum durch Geisteswissenschaft studiert werden müssen, gehört die Beziehung des wachen Menschen zum schlafenden Menschen, gehört der gewaltige Unterschied, der besteht zwischen der menschlichen Organisation im Wachen und der menschlichen Organisation im Schlafen. Wie Geist und Seele sich verhalten im Wachen, wenn einander durchdringen die Leiblichkeit und die Geistigkeit und das Seelische des Menschen, wie sie sich verhalten, wenn sie temporär voneinander getrennt sind wie im Schlaf — das wird sorgfältig gerade durch Geisteswissenschaft studiert.

[ 30 ] But in many other ways as well—I can only cite a few examples—spiritual science will play a guiding role in the entire health of humanity once this spiritual science truly takes root among humanity in all its seriousness. I want to point out just one thing. Among the topics that must be studied again and again through spiritual science is the relationship between the waking human being and the sleeping human being, including the enormous difference that exists between the human constitution in wakefulness and the human constitution in sleep. How the spirit and soul relate to one another in the waking state, when the physical, spiritual, and soul aspects of the human being interpenetrate one another, and how they relate when they are temporarily separated from one another, as in sleep—this is studied carefully precisely through spiritual science.

[ 31 ] Nun kann ich, ich möchte sagen nur referierend einen gewissen Satz angeben, der aber ein ganz gesichertes Ergebnis der Geisteswissenschaft ist. Wir sehen im Leben sogenannte epidemische Krankheiten auftreten, Krankheiten, die ganze Menschenmassen ergreifen, die also durchaus zu gleicher Zeit eine soziale Angelegenheit sind. Die gewöhnliche materialistische Wissenschaft studiert sie am menschlichen physischen Organismus. Sie weiß nichts davon, welche ungeheure Bedeutung gerade für Epidemien und für die Dispositionen für epidemische Krankheiten in dem anormalen Verhalten des Menschen zu Wachen und Schlafen liegt. Dasjenige, was im menschlichen Organismus während des Schlafens geschieht, ist etwas, was, wenn es zum Beispiel im Überflusse geschieht, im hohen Grade für sogenannte epidemische Krankheiten prädisponiert. Menschen, die sich durch einen zu langen Schlaf Prozesse im menschlichen Organismus bereiten, die nicht da sein sollten, weil der Schlaf nicht so lange das Wachleben unterbrechen sollte, die sind in ganz anderer Weise für epidemische Krankheiten prädisponiert und die stellen sich auch in Epidemien in einer ganz anderen Weise hinein.

[ 31 ] Now I can—I would say merely by way of reference—cite a certain statement, which is, however, a well-established finding of spiritual science. In life, we see so-called epidemic diseases arise—diseases that affect entire masses of people and are therefore, in every respect, a social phenomenon. Conventional materialistic science studies them in relation to the human physical organism. It is unaware of the immense significance—particularly for epidemics and for predispositions to epidemic diseases—of abnormal human behavior regarding waking and sleeping. What occurs in the human organism during sleep is something that, when it occurs in excess, for example, predisposes a person to so-called epidemic diseases to a high degree. People who, by sleeping too long, induce processes in the human organism that should not be present—because sleep should not interrupt waking life for so long—are predisposed to epidemic diseases in an entirely different way, and they also experience epidemics in a completely different manner.

[ 32 ] Nun können Sie von selbst ermessen, was es bedeutet, die Menschen aufzuklären über die richtige Verteilung von Schlafen und Wachen. Das können Sie nicht durch Vorschriften. Sie können allenfalls den Leuten vorschreiben, daß sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken, wenn sie Scharlach haben; Sie können nicht Vorträge abhalten, wenn die Grippe herrscht: da parieren die Leute — weil ja heute der Mensch zur Freiheit neigt, ich meine, weil das Autoritätsgefühl nicht so groß ist wie in früheren Zeiten —, da parieren also die Menschen. Ich sage nicht, daß sie nicht mit Recht parieren, ich sage nichts gegen das, was auf diesem Wege geschieht, aber Sie können unmöglich in derselben Weise den Menschen vorschreiben: Ihr müßt sieben Stunden schlafen. — Dennoch ist das wichtiger als die anderen Vorschriften, daß die Menschen, die es nötig haben, sieben Stunden schlafen, die anderen, die es nicht nötig haben, viel kürzer schlafen dürfen und so weiter. Solche Dinge aber, die so intim mit dem Persönlichsten des Menschenlebens zusammenhängen, die haben in großartiger Weise eine soziale Wirkung. Da hängt es tatsächlich von dem Intimsten im Menschen ab, wie die sozialen Auswirkungen geschehen, ob zum Beispiel eine größere oder geringere Anzahl von Menschen diesem oder jenem Beruf entzogen werden oder nicht, wodurch unter Umständen auf einen ganz anderen Ort eine Wirkung ausgeübt wird. Da greift in der Tat die Hygiene in ungeheurer Weise in das soziale Leben hinein. Ganz abgesehen davon, was man über Ansteckung oder Nichtansteckung denkt, es greift bei Epidemien dieses Element in das soziale Leben ein. Da können Sie nicht durch äußere Vorschriften wirken, da können Sie nur wirken, wenn Sie in die menschliche Sozietät hineinbringen ein Laienpublikum, das aber mit Menschenverständnis dem aufklärend für Prophylaxe wirkenden Ärzte gegenübersteht, wo immer zur Erhaltung der Gesundheit ein lebendiges Zusammenwirken zwischen dem sachverständigen Ärzte und dem menschenverständigen Laien eintreten kann.

[ 32 ] Now you can judge for yourself what it means to educate people about the proper balance between sleep and wakefulness. You can’t do that through regulations. At most, you can order people not to send their children to school if they have scarlet fever; you cannot give lectures when the flu is going around: people will resist—because people today tend toward freedom, I mean, because the sense of authority isn’t as strong as it was in earlier times—so people will resist. I’m not saying they’re wrong to defy such rules; I have no objection to what happens as a result, but you simply cannot dictate to people in the same way: “You must sleep seven hours.”—Nevertheless, it’s more important than other regulations that people who need to sleep seven hours do so, while others who don’t need to may sleep much less, and so on. But such matters, which are so intimately connected with the most personal aspects of human life, have a tremendous social impact. It actually depends on what is most intimate within a person as to how these social effects play out—whether, for example, a larger or smaller number of people are drawn away from this or that profession, which may, under certain circumstances, have an effect on an entirely different place. In fact, hygiene intervenes in social life in a tremendous way. Quite apart from what one may think about contagion or non-contagion, this factor intervenes in social life during epidemics. You cannot achieve results through external regulations; you can only be effective if you bring into human society a lay audience that, with its understanding of human nature, stands alongside physicians who work to educate the public about prevention—wherever a lively collaboration between the expert physician and the lay person with an understanding of human nature can take place to maintain health.

[ 33 ] Wenn wir alle diese Dinge überblicken, dann werden wir uns sagen: Hier haben wir geschildert eine Seite der Hygiene als soziale Frage, die im eminentesten Sinne davon abhängig ist, daß wir ein freies Geistesleben haben, daß wir tatsächlich ein Geistesleben haben, wo innerhalb des Geistgebietes diejenigen, die in der Pflege des Geisteslebens — auch insofern es sich in seine einzelnen praktischen Gebiete hineinerstreckt, wie zum Beispiel in die Hygiene —, die in der Pflege des Geisteslebens völlig unabhängig sind von allem anderen, was nicht die reine Erkenntnis, was nicht die Pflege des Geisteslebens selber gibt. Dasjenige, was der einzelne leisten kann zum Besten seiner Mitmenschen, das muß ganz allein aus seinen Fähigkeiten hervorgehen, darüber darf es keine staatlichen Normen geben, darüber darf auch nicht von wirtschaftlichen Mächten eine Abhängigkeit bestehen, das muß in die persönliche Abhängigkeitssphäre des einzelnen Menschen gestellt sein und muß weiter gestellt sein in das verständnisvolle Vertrauen, das dem fähigen Menschen die anderen, die die Anwendung seiner Fähigkeiten brauchen, entgegenbringen können.

[ 33 ] When we take a broad view of all these things, we will say to ourselves: Here we have described one aspect of hygiene as a social issue that, in the most profound sense, depends on our having a free spiritual life—on our actually having a spiritual life—where, within the realm of the spirit, those who are engaged in the cultivation of spiritual life —including insofar as it extends into its individual practical domains, such as hygiene—are, in the cultivation of spiritual life, completely independent of everything else that does not constitute pure knowledge or the cultivation of spiritual life itself. What the individual can accomplish for the benefit of his fellow human beings must arise solely from his own abilities; there must be no government regulations governing this, nor may there be any dependence on economic powers; this must be placed within the sphere of personal autonomy of the individual and must furthermore be grounded in the understanding trust that others—who need the application of his abilities—can place in the capable individual.

[ 34 ] Da braucht man das von allem Obrigkeitlichen, vom Staatlichen und vom Wirtschaftlichen durchaus unabhängige Geistesleben, das rein aus den geistigen Kräften heraus selber sachverständig wirkt. Gerade wenn Sie das durchdenken, was die Hygiene wirklich zu etwas machen kann, was innig verbunden ist mit einsichtsvoller Menschenerkenntnis und mit einsichtsvollem sozialem Menschenverhalten, wenn Sie sachverständig auf den einzelnen Zweig wie die Hygiene eingehen, dann werden Sie darauf kommen — und das fordert gerade das einzelne konkrete Sachgebiet, und wie für die Hygiene könnte es auch für andere Gebiete aufgezeigt werden —, daß der Geist in Verwaltung genommen werden muß von denjenigen, die an seiner Pflege beteiligt sind. Was auch abstrakte Theorien sagen mögen gegen die selbständige Stellung des Geisteslebens — es fordert das einzelne konkrete Sachgebiet, daß die Verwalter des Geistigen nicht bloß Sachverständige sind, die als Experten bei den Ministerien sind, sondern daß diejenigen, die im geistigen Leben wirksam sind, auch die Verwalter dieses geistigen Lebens sein müssen, und zwar die alleinigen Verwalter dieses geistigen Lebens. Dann, wenn so aus sozialer Einsicht aus dem freien Geistesleben heraus eine wirklich als soziale Institution bestehende Hygiene da ist, dann wird für diese Hygiene in ganz anderer Weise wirtschaftlich gearbeitet werden können, gerade in einem unabhängigen Wirtschaftsleben, in einem Wirtschaftsleben, das so aufgebaut ist, wie ich es geschildert habe in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage», wie es wiederholt geschildert worden ist in den Zeitschriften, die dieser Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus dienen, zum Beispiel in der schweizerischen «Sozialen Zukunft», die von Dr. Boos herausgegeben wird.

[ 34 ] What is needed here is an intellectual life that is entirely independent of all forms of authority—whether governmental or economic—and that acts competently on its own, drawing purely from its own intellectual powers. Precisely when you think through what hygiene can truly achieve—something that is intimately connected with insightful knowledge of human nature and with insightful social behavior—and when you expertly address the specific field of hygiene, you will come to realize—and this is precisely what this specific field demands, and just as it can be demonstrated for hygiene, so it could be shown for other fields—that the spirit must be placed under the stewardship of those who are involved in its cultivation. Whatever abstract theories may say against the independent status of spiritual life—this specific, concrete field demands that the stewards of the spiritual realm not merely be experts employed by government ministries, but that those who are active in spiritual life must also be the stewards of that spiritual life, and indeed the sole stewards of that spiritual life. Then, when—out of social insight arising from free spiritual life—there exists a hygiene that truly functions as a social institution, it will be possible to work economically for this hygiene in an entirely different way, precisely within an independent economic life, an economic life structured as I have described in my *Key Points of the Social Question*, as has been repeatedly described in the journals dedicated to this idea of the threefold social order, for example in the Swiss journal *Soziale Zukunft*, published by Dr. Boos.

[ 35 ] Wenn tatsächlich dasjenige, was latent ist, was ruhend ist im Schoße der menschlichen Sozietät an Kräften für die Pflege des Hygienischen, wenn das mit Menschenverständnis entgegengenommen wird von der Sozietät, wenn das allgemeine Ordnung wird, dann wird in das Wirtschaftsleben, in das unabhängige Wirtschaftsleben hineingetragen werden können alles das, was aus diesem unabhängigen Wirtschaftsleben heraus, ohne alle Rücksicht auf irgendwelche Abhängigkeit von Erwerbsimpulsen oder von staatlichen Impulsen, was rein aus diesem unabhängigen Wirtschaftsleben heraus arbeiten kann, dasjenige, was im Dienste einer echten, wahren Hygiene gepflegt werden muß. Dann wird aber auch — und nur dann — in das Wirtschaftsleben eintreten können jener Hochsinn, der notwendig ist, damit im Menschenleben Hygiene gepflegt werden kann. Wenn der bloße Erwerbssinn unseres Wirtschaftslebens herrschend ist, das immer mehr die Tendenz hat, dem Einheitsstaat eingegliedert zu werden, und wenn die allgemeine Meinung die ist, man müsse dasjenige produzieren, wodurch man am meisten erwerbe, dann können sich auch nicht geltend machen die auf sich selbst gestellten Impulse eines auf diesem Gebiete der Hygiene gepflegten freien Geisteslebens; dann wird dieses Geistesleben abhängig von Außergeistigem, von Staatlichem oder Wirtschaftlichem, dann wird das Wirtschaftliche zum Herrn über das Geistige. Das Wirtschaftliche darf nicht zum Herrn über das Geistige werden. Das zeigt sich am allerbesten, wenn man das hervorbringen soll, was vom Geiste gefordert wird im Wirtschaftsleben, wenn man dienen soll einer echten, wahren Hygiene.

[ 35 ] If, in fact, those forces for the promotion of hygiene—which lie latent and dormant within the bosom of human society—are received by society with human understanding, and if this becomes the general order, then everything that can emerge from this independent economic life—without any regard for dependence on profit motives or government intervention, and which can function purely out of this independent economic life—that which must be cultivated in the service of genuine, true hygiene—will be able to be carried into economic life, into independent economic life. But then—and only then—will that higher sense of purpose, which is necessary for hygiene to be upheld in human life, be able to enter economic life. If the mere profit motive of our economic life—which increasingly tends to be incorporated into the unitary state—prevails, and if the general opinion is that one must produce whatever yields the greatest profit, then the self-directed impulses of a free spiritual life cultivated in the realm of hygiene cannot assert themselves; then this spiritual life becomes dependent on non-spiritual factors—on the state or the economy—and the economic sphere becomes the master of the spiritual. The economic sphere must not become the master of the spiritual. This is most clearly evident when we are called upon to bring forth what the spirit demands in economic life, when we are called upon to serve genuine, true hygiene.

[ 36 ] Die Kräfte des Wirtschaftslebens, des freien Wirtschaftslebens, werden hinzukommen in dem dreigliedrigen sozialen Organismus zu der Einsicht, die eine öffentliche Angelegenheit wird, und zu dem Menschenverständnis, das eine öffentliche Angelegenheit wird. Und wenn auf der einen Seite die Menschen drinnenstehen werden in einem freien Geistesleben, in dem eine wirklich auf sachlichem Boden stehende Hygiene gepflegt werden kann, und wenn auf der anderen Seite die Menschen jenen Hochsinn entwickeln werden, durch den im Wirtschaftsleben wiederum jeder mit Verständnis den Produktionen entgegenkommen wird — aber mit einem solchen Verständnis, das nicht bloß aus dem Erwerbssinn, sondern aus den Einsichten kommt, die im freien geistigen Betrieb entstehen —, dann, wenn einmal dieses einsichtsvolle soziale Menschenverständnis da sein wird, dann werden sich die Menschen demokratisch in Parlamenten oder sonst zusammenfinden können, denn dann wird geprägt werden aus dem freien Geistesleben die Einsicht in die Notwendigkeit einer Hygiene als sozialer Erscheinung. Und geprägt wird das, was notwendig ist für die Pflege der Hygiene, von dem von Sachlichem und Fachlichem getragenen Wirtschaftsleben, durch den Hochsinn, der darin entwickelt werden wird. Dann werden die mündig gewordenen Menschen auf dem Boden des Rechtslebens verhandeln können auf der einen Seite aus ihrer Einsicht und ihrem Menschenverständnis, auf der anderen Seite aus ihren Beziehungen zum Wirtschaftsleben, das der Hygiene dient. Dann werden die Menschen verhandeln können als Gleiche auf dem Boden des Staats- oder Rechtslebens über die Maßnahmen, die in bezug auf Hygiene und auf öffentliche Gesundheitspflege getroffen werden können. Dann werden allerdings nicht die Laien, die Dilettanten, gesund machen, aber mit Verständnis wird der mündig gewordene Mensch demjenigen als einem Gleichen gegenüberstehen, der ihm das oder jenes sagt: dem sachverständigen Mediziner. Dem Laien aber macht sein Menschenverständnis möglich, bei dem, was zusammen mit dem Mediziner im sozialen Leben gepflegt wird, mit Verständnis dem Fachwissen so entgegenzukommen, daß er im demokratisch gedachten Parlamente nicht bloß auf Autorität hin, sondern auf ein gewisses Verständnis hin «ja» sagen kann. Gerade wenn wir sachlich auf einem solchen speziellen Gebiete verfolgen, wie zusammenwirken die drei Glieder im sozialen Organismus, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, finden wir die ganze Berechtigung dieser Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Man kann diese Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus nur bekämpfen, wenn man sie vorerst bloß abstrakt erfaßt hat.

[ 36 ] The forces of economic life—of free economic life—will contribute, within the threefold social organism, to the insight that becomes a matter of public concern and to the understanding of human nature that becomes a matter of public concern. And when, on the one hand, people are immersed in a free spiritual life in which a truly objective hygiene can be cultivated, and when, on the other hand, people develop that elevated sense through which, in economic life, everyone will in turn approach production with understanding—but with an understanding that arises not merely from the drive for profit, but from the insights that emerge in free spiritual activity —then, once this insightful social understanding of humanity is in place, people will be able to come together democratically in parliaments or elsewhere; for then the insight into the necessity of hygiene as a social phenomenon will be shaped by the free spiritual life. And what is necessary for the maintenance of hygiene will be shaped by economic life—grounded in practical and technical matters—through the higher sense that will be developed within it. Then, people who have become mature will be able to negotiate on the basis of legal life: on the one hand, from their insight and understanding of humanity; on the other hand, from their relationships to economic life, which serves hygiene. Then people will be able to negotiate as equals on the basis of political and legal life regarding the measures that can be taken with respect to hygiene and public health care. It will not, however, be the laypeople or the dilettantes who will restore health, but with understanding, the person who has attained maturity will stand as an equal before the one who tells him this or that: the expert physician. For the layperson, however, his or her understanding of human nature makes it possible—in the context of what is cultivated together with the physician in social life—to approach specialized knowledge with understanding, so that in a democratically conceived parliament, he or she can say “yes” not merely on the basis of authority, but on the basis of a certain understanding. Precisely when we objectively examine, in a specific field such as this, how the three members of the social organism interact, then, my esteemed audience, we find full justification for this idea of the threefold social order. One can only oppose this idea of the threefold social order if one has initially grasped it merely in the abstract.

[ 37 ] Nun, ich konnte Ihnen auch heute nicht mehr geben als eine skizzenhafte Andeutung desjenigen, was auf einem bestimmten konkreten Gebiete, dem Gebiet der Hygiene — wenn man richtig über sie denkt —, notwendig aus der Dreigliederung des sozialen Organismus folgt. Aber wenn die Wege, die ich heute nur in ihrem Anfang habe andeuten können, weiterverfolgt werden, wird man sehen, daß zwar derjenige, der mit einigen abstrakten Begriffen an den Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus herantritt, diesen in einer gewissen Weise bekämpfen kann — er bringt in der Regel Gründe vor, die man sich selbst längst als Einwände gemacht hat. Wer aber mit vollem inneren Verständnis auf die einzelnen Gebiete des Lebens eingeht und auf das Ausleben dieser einzelnen Gebiete mit all dem Individuellen, das sie in das Menschenleben hineinbringen — um die handelt es sich im sozialen Zusammenleben —, wer wirklich etwas versteht auf einem konkreten Lebensgebiete, wer sich Mühe gibt, etwas von wahrer Lebenspraxis auf irgendeinem Gebiete zu verstehen, der wird immer mehr und mehr hineingeführt werden in diejenige Richtung, die angedeutet wird durch die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 37 ] Well, even today I could offer you nothing more than a rough outline of what, in a specific concrete field—the field of hygiene, if one thinks about it correctly—necessarily follows from the threefold structure of the social organism. But if the paths I have been able to hint at only in their beginnings today are pursued further, it will become clear that, while someone who approaches the impulse of the threefold social organism with a few abstract concepts may, in a certain sense, oppose it—they generally put forward reasons that one has long since raised as objections oneself— But whoever engages with the individual spheres of life with full inner understanding and with the lived reality of these individual spheres—with all the individuality they bring into human life—for this is what social life is all about— whoever truly understands something in a concrete sphere of life, whoever makes an effort to understand something of true practical living in any sphere, will be led more and more in the direction indicated by the idea of the threefold social organism.

[ 38 ] Wahrhaftig nicht aus einer Träumerei, nicht aus einem abstrakten Idealismus ist diese Idee entsprungen; sie ist entsprungen als eine soziale Forderung der Gegenwart und der nächsten Zukunft gerade aus der konkreten, sachgemäßen Betrachtung der einzelnen Gebiete des Lebens. Und wiederum, wenn man dann diese einzelnen Gebiete des Lebens durchdringt mit dem, was wirkt aus dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, dann findet man für alle diese Gebiete dasjenige, was ihnen doch gerade heute, wie mir scheint, not tut. Und nur einige Andeutungen wollte ich Ihnen am heutigen Abend darüber geben, wie durch das, was für das soziale Leben folgt aus Geisteswissenschaft als Dreigliederung des sozialen Organismus, befruchtet werden kann das Gebiet, auf dem heute noch Autoritätsglauben und ganz blinde Unterwerfung hingenommen werden müssen, so daß es als eine soziale Angelegenheit aus einem wirklichen Menschenverständnis heraus in der menschlichen Gesellschaft sich einleben und gepflegt werden kann. Aus diesem Grunde darf hier gesagt werden: Durch diese Befruchtung, welche das Gebiet der Hygiene aus einer geisteswissenschaftlich erweiterten Medizin heraus erhalten kann, kann gerade die Hygiene eine soziale, eine wahrhaft soziale Angelegenheit werden, und sie kann auch im echtesten Sinne in hohem Grade demokratisch gepflegt werden als eine allgemeine Volksangelegenheit.

[ 38 ] This idea truly did not arise from a daydream or from abstract idealism; it arose as a social demand of the present and the near future precisely from a concrete, objective examination of the individual spheres of life. And again, when one permeates these individual spheres of life with what arises from the impulse of the threefold structure of the social organism, one finds in all these spheres precisely what they need today, as it seems to me. And this evening I wanted to offer you just a few hints as to how what follows from spiritual science for social life—namely, the threefold social order—can enrich the sphere in which, even today, belief in authority and completely blind submission must still be tolerated, so that it can take root and be nurtured in human society as a social concern arising from a genuine understanding of the human being. For this reason, it may be said here: Through this enrichment that the field of hygiene can receive from a form of medicine expanded by spiritual science, hygiene in particular can become a social—a truly social—matter, and it can also be cultivated in the truest sense to a high degree democratically as a matter of general public concern.

Im Anschluß an seinen Vortrag beantwortet Rudolf Steiner eine Reihe von schriftlich gestellten Fragen.

Following his lecture, Rudolf Steiner answers a series of questions submitted in writing.

[ 39 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Bei solchen Dingen, wie sie heute besprochen worden sind, handelt es sich darum, daß man zunächst auf den ganzen Geist des Ausgesprochenen eingehen kann. Es ist manchmal schwierig, Fragen, wenn sie so formuliert werden, daß sie aus der gegenwärtigen Denkweise und Gesinnung heraus geformt sind, dann ohne eine Umformung oder wenigstens ohne eine Erklärung sachgemäß zu beantworten. So gleich diese erste Frage, die Ihnen oder vielen von Ihnen wahrscheinlich furchtbar einfach erscheint, so daß man sie mit ein paar Sätzen oder mit einem Satze beantworten könnte:

[ 39 ] Ladies and gentlemen! When it comes to matters such as those discussed today, the key is to first grasp the overall spirit of what has been said. It is sometimes difficult to answer questions—when they are phrased in a way that reflects current ways of thinking and attitudes—appropriately without rephrasing them or, at the very least, without providing an explanation. Take, for example, this first question, which probably seems terribly simple to you or to many of you, so much so that it could be answered with a few sentences or even a single sentence:

Wie gewöhnt man sich das zu lange Schlafen ab?

How can you break the habit of sleeping too long?

[ 40 ] Nun, um diese Frage zu beantworten, wäre es nötig, daß ich einen fast noch längeren Vortrag hielte als den, den ich schon gehalten habe, denn ich müßte erst die verschiedenen Elemente zusammentragen, um diese Frage ganz sachgemäß zu beantworten. Es darf aber vielleicht folgendes gesagt werden: Es ist heute in der Menschheit eine fast alle Menschen ergreifende intellektualistische Seelenverfassung vorhanden. Diejenigen, die glauben, aus dem Gefühl heraus zu urteilen oder zu leben, oder die glauben, aus irgendeiner anderen Ecke heraus nicht intellektualistisch zu sein, die sind es gerade erst recht. Nun ist der Grundcharakter des intellektualistischen Seelenlebens der, daß durch dasselbe unsere Instinkte ruiniert werden. Die richtigen Instinkte des Menschen werden ruiniert. Es ist tatsächlich so, daß, wenn man heute auf nicht ganz ruinierte Instinkte hinweisen will, man entweder auf die Urmenschheit hinweisen muß oder sogar auf das Tierreich.

[ 40 ] Well, to answer this question, I would have to give a lecture even longer than the one I have already given, because I would first have to bring together the various elements in order to answer this question properly. But perhaps the following can be said: Today, there is an intellectualistic state of mind prevalent among humanity that affects almost everyone. Those who believe they judge or live based on feeling, or who believe they are not intellectualistic for some other reason, are in fact precisely the ones who are. Now, the fundamental characteristic of an intellectualistic state of mind is that it ruins our instincts. Humanity’s true instincts are ruined. In fact, if one wishes to point to instincts that are not entirely ruined today, one must look either to prehistoric humanity or even to the animal kingdom.

[ 41 ] Denn sehen Sie, bei einer anderen Gelegenheit konnte ich in diesen Tagen auf ein Beispiel hinweisen, das sehr viel sagt. Es gibt Vögel, die fressen aus ihrer Gier heraus Insekten, zum Beispiel Kreuzspinnen. Sie verfallen aber durch das Fressen dieser Kreuzspinnen, die für sie giftig sind, in Konvulsionen, in Zuckungen; sie müssen sehr bald elendiglich sterben, nachdem sie die Kreuzspinne verschluckt haben. Ist aber Bilsenkraut in der Nähe, dann fliegt der Vogel dahin, saugt den Heilsaft heraus und rettet sich damit das Leben. Nun denken Sie, wie da etwas entwickelt ist, was bei uns Menschen zusammengeschrumpft ist auf die wenigen Reflexinstinkte, die wir haben, zum Beispiel, wenn sich uns eine Fliege auf die Nase setzt, machen wir, ohne erst eine tiefe Erwägung anzustellen, [eine Bewegung,] daß sie wegfliegt. Ein Abwehrinstinkt macht sich auf den Insultreiz geltend. Bei dem Vogel, der die Kreuzspinne frißt, folgt auf die Wirkung, welche die Kreuzspinne in seinem Organismus hat, folgt auf diesen Insult eine solche instinktive Abwehr, die ihn zu etwas ganz Vernünftigem treibt. Noch können wir solche Instinkte bei solchen Menschen finden, die in grauer Vorzeit gelebt haben, wenn wir ihre Geschichte richtig zu deuten verstehen. Aber in unserer Zeit macht man andere Erfahrungen. Ich habe es immer als ungeheuer schmerzlich erlebt, wenn ich zu irgend jemandem kam, der sich an den Mittagstisch gesetzt hat und der eine Waage neben dem Teller hatte, ausgesprochen eine Waage, so etwas erlebt man wirklich — ich war sonst gewöhnt, daß Messer und Gabel und ähnliche Geräte neben dem Teller liegen —, eine Waage, und da wog er sich das Stückchen Fleisch zu, denn dann wußte er erst, wieviel Fleisch er essen soll nach seinem Organismus, wenn er es gewogen hatte. Denken Sie sich einmal, wie bar aller wirklichen ursprünglichen Instinkte eine Menschheit nun schon geworden ist, der man so etwas vorschreiben muß.

[ 41 ] You see, on another occasion recently, I was able to point out an example that speaks volumes. There are birds that, out of greed, eat insects—for example, cross spiders. However, by eating these cross spiders—which are poisonous to them—they fall into convulsions and spasms; they die a miserable death very soon after swallowing the cross spider. But if henbane is nearby, the bird flies over to it, sucks out the healing sap, and thereby saves its life. Now consider how something has developed there that has shrunk in us humans to the few reflex instincts we possess; for example, when a fly lands on our nose, we make a movement—without first engaging in deep deliberation—to make it fly away. A defensive instinct responds to the offensive stimulus. In the case of the bird that eats the cross spider, the effect that the cross spider has on its organism—this insult—is followed by such an instinctive defense that drives it to act in a perfectly reasonable way. We can still find such instincts in people who lived in ancient times, if we know how to interpret their history correctly. But in our time, we have different experiences. I have always found it immensely distressing when I visited someone who had sat down to lunch and had a scale next to their plate—literally a scale, you really do see such things—I was otherwise used to seeing a knife, fork, and similar utensils next to the plate—a scale, and there he would weigh out his piece of meat, because only then, after weighing it, would he know how much meat he should eat according to his body’s needs. Just imagine how devoid of all true, primal instincts humanity has now become, that it must be prescribed such a thing.

[ 42 ] Da handelt es sich dann darum, daß man nicht beim Intellektualismus stehenbleibt, sondern aufsteigt zum geisteswissenschaftlichen Erkennen. Sie werden jetzt glauben, daß ich pro domo spreche, wenn auch pro domo dieses großen Hauses, aber ich spreche nicht pro domo, sondern ich spreche tatsächlich dasjenige aus, was ich glaube als Wahrheit erkannt zu haben, ganz abgesehen davon, daß ich selbst diese Wahrheit vertrete. Man kann schon sehen, daß man, wenn man nicht nur in das bloß Intellektualistische dringt, sondern in das, was geisteswissenschaftlich erfaßt werden soll, was daher mehr in bildlichem Sinne vor die Menschheit hintritt, daß man da merkt: Durch das Erfassen solcher eben nicht für den bloßen Intellekt zugänglicher Erkenntnisse wird man wiederum zurückgeführt zu gesunden Instinkten, wenn auch nicht im Einzelfall, sondern mehr in den Dingen, die in den Untergründen des Lebens liegen. Derjenige, der sich mindestens einige Zeit — wenn es auch noch so wenig Zeit ist — damit befaßt, die ganz andere Seelenverfassung zu entwickeln, die man entwickeln muß, wenn man Geisteswissenschaftliches wirklich verstehen will, der wird wiederum in solchen Dingen, wie zum Beispiel in dem Schlafbedürfnis, zu gesunden Instinkten zurückgeführt. Das Tier schläft ja nicht zuviel in normalen Lebensverhältnissen. Der Urmensch hat auch nicht zuviel geschlafen. Man braucht sich nur zu erziehen wiederum zu gesunden Instinkten, die einem abgewöhnt werden in der heutigen so intellektualistischen Kultur, so daß man sagen kann: Wirklich wirksames Mittel, sich das zu lange Schlafen abzugewöhnen, ist es, wenn man geisteswissenschaftliche Wahrheiten aufnehmen kann, ohne dabei einzuschlafen. Wenn man also gleich einschläft bei geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, dann wird man sich tatsächlich einen zu langen Schlaf nicht abgewöhnen. Wenn es einem aber gelingt, bei geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, die man durchnimmt, nun wirklich mit innerem menschlichem Anteil dabei zu sein, dann wird dieses innere Menschliche so aktiviert, daß man tatsächlich seine für den Organismus gerade brauchbare Schlafenszeit herauskriegt.

[ 42 ] The point here is not to remain stuck at the level of intellectualism, but to rise to a spiritual-scientific understanding. You may now think that I am speaking pro domo—even if it is pro domo of this great institution—but I am not speaking pro domo; rather, I am actually expressing what I believe I have recognized as truth, quite apart from the fact that I myself uphold this truth. One can already see that when one penetrates not merely into the purely intellectual, but into what is to be grasped through the science of the spirit—which therefore presents itself to humanity more in a pictorial sense—one realizes: By grasping such insights—which are not accessible to the mere intellect—one is led back to healthy instincts, if not in individual cases, then more so in the things that lie in the depths of life. Anyone who devotes at least some time—no matter how little—to developing the entirely different state of mind that is necessary if one truly wishes to understand spiritual science will, in turn, be led back to healthy instincts in matters such as, for example, the need for sleep. After all, animals do not sleep too much under normal living conditions. Primitive man did not sleep too much either. One need only train oneself to return to healthy instincts—which are weaned away from us in today’s overly intellectualized culture—so that one can say: A truly effective way to break the habit of sleeping too long is to be able to absorb spiritual scientific truths without falling asleep in the process. So if one falls asleep immediately upon encountering spiritual scientific truths, one will indeed not break the habit of sleeping too long. But if one succeeds in truly engaging with spiritual scientific truths—which one is working through—with one’s inner human nature, then this inner human nature is activated in such a way that one actually determines the amount of sleep that is currently beneficial for one’s organism.

[ 43 ] Es ist wiederum ungeheuer schwer, intellektualistische Regeln anzugeben, zum Beispiel zu sagen, ein einzelner Mensch, der das oder jenes an der Leber oder an der Niere hat, was ihn ja nicht gerade im gewöhnlichen Sinne krank macht, aber was doch da ist, der muß so oder so lange schlafen. Das führt in der Regel doch zu nichts Besonderem. Und auf künstliche Weise den Schlaf erzeugen, das ist wiederum nicht dasselbe, wie wenn der Körper aus seinem Schlafbedürfnis heraus nur so lange dem Geiste den Eintritt verweigert, als er es eben braucht. So kann man also sagen: Eine gerade aus der Geisteswissenschaft heraus folgende richtige Hygiene, die wird den Menschen schon auch dazu bringen, seinen Schlaf in der richtigen Weise zu bemessen. Deshalb kann auch die andere Frage, die hier gestellt worden ist, nicht so einfach beantwortet werden:

[ 43 ] Again, it is incredibly difficult to lay down intellectual rules—for example, to say that a person who has this or that condition affecting their liver or kidneys—which doesn’t exactly make them sick in the usual sense, but which is nevertheless present—must sleep for a certain amount of time. As a rule, this doesn’t really lead to anything in particular. And artificially inducing sleep is, in turn, not the same as when the body, out of its own need for sleep, simply denies the mind entry for as long as it needs to. So one can say: Proper hygiene based directly on spiritual science will indeed lead people to regulate their sleep in the right way. That is why the other question raised here cannot be answered so simply:

Wie kann man wissen, wieviel Schlaf man nötig hat?

How can you tell how much sleep you need?

[ 44 ] Ich möchte sagen, das braucht man nicht im diskursiven Denken zu wissen, das ist gar nicht nötig, aber man hat wohl nötig, sich solche Instinkte anzueignen, die man sich aneignet nicht durch das Sammeln von Notizen aus der Geisteswissenschaft, sondern durch die Art, wie man Geisteswissenschaftliches versteht, wenn man es mit vollem Anteil aufnimmt. Diesen Instinkt erlangt man, und dann mißt man sich den Schlaf in individueller Weise in der richtigen Art zu. Das ist also das, was in der Regel darauf zu sagen ist. Wie gesagt, ich kann mehr nur eine Wegleitung geben zur Beantwortung dieser Frage, nicht das, was vielleicht gerade erwartet wird. Aber das, was erwartet wird, ist nicht immer das Richtige.

[ 44 ] I would like to say that one does not need to know this in discursive thinking—it is not necessary at all—but one does need to acquire such instincts, which one acquires not by collecting notes from the humanities, but through the way one understands the humanities when one absorbs them with full engagement. Once you have acquired this instinct, you can then determine the right amount of sleep for yourself in your own individual way. So that is generally what can be said about this. As I said, I can only offer guidance on how to answer this question—not necessarily what might be expected. But what is expected is not always correct.

Ist das Schlafen bei offenem Fenster gesund?

Is it healthy to sleep with the window open?

[ 45 ] Auch solche Dinge können eigentlich nicht immer ganz im allgemeinen beantwortet werden. Es ist durchaus denkbar, daß für den einen Menschen das Schlafen bei offenem Fenster sehr gesund ist, je nachdem die besonderen Einrichtungen seiner Atmungsorgane sind, daß aber für einen anderen Menschen zum Beispiel ein sonst vor dem Schlafen gut gelüftetes Zimmer, das dann aber die Fenster verschlossen hat, während er schläft, das bessere ist. Es handelt sich da tatsächlich darum, Verständnis zu gewinnen für die Beziehung des Menschen zur außermenschlichen Umgebung, um dann im einzelnen Falle nach diesem Verständnis urteilen zu können.

[ 45 ] Even questions like these cannot always be answered in general terms. It is entirely conceivable that for one person, sleeping with the window open is very healthy, depending on the specific characteristics of their respiratory system, while for another person, for example, a room that is otherwise well-ventilated before bedtime but has the windows closed while they sleep might be better. It is indeed a matter of gaining an understanding of the relationship between humans and their external environment, so that one can then make judgments based on this understanding in each individual case.

Wie erklären Sie geisteswissenschaftlich das Zustandekommen geistiger Störungen durch begangene Verbrechen, das heißt, worin ist hierbei die körperliche Krankheit zu erkennen, die den geistigen Störungen zugrundeliegt?

From a humanities perspective, how do you explain the development of mental disorders as a result of crimes committed—that is, how can we identify the physical illness underlying these mental disorders?

[ 46 ] Nun, hier würde es ja auch notwendig sein, auf die ganze Verbrecher- und im Grunde genommen auch psychiatrische Anthropologie einzugehen, wenn die Frage erschöpfend behandelt werden soll. Ich möchte nur das folgende sagen: Erstens handelt es sich bei der Betrachtung solcher Dinge darum, daß man schon vorauszusetzen hat, daß unter den Organdispositionen eines Menschen, der zum Verbrecher wird, von vorneherein Abnormes sich findet. Sie brauchen ja nur die in dieser Richtung wirklich ganz sachlich getriebenen Studien Moriz Benedikts, des ersten bedeutenderen Kriminalanthropologen, zu verfolgen, und Sie werden sehen, wie man in der Tat durch pathologische Untersuchung die Formen einzelner menschlicher Organe in Zusammenhang bringen kann mit der Disposition zu Verbrechen. Da hat man also schon eine Abnormität drinnenliegend, obwohl natürlich materialistische Denker wie Moriz Benedikt daraus falsche Schlüsse ziehen, denn jemand, der in dieser Richtung solche Zeichen zeigt, ist durchaus nicht von vorneherein ein geborener Verbrecher. Es handelt sich darum, daß man auf das, was an Defekten vorliegt im Organismus — Organdefekte sind es, nicht die schon vorhandene Geisteskrankheit —, gerade durch die Erziehung und später durch entsprechendes Geistiges, also auf geistig-seelische Weise wirken kann, wenn nur der Tatbestand geisteswissenschaftlich untersucht wird. Also die Schlußfolgerungen, die Benedikt aus den pathologischen Untersuchungen zieht, sind nicht richtig. Auf solche Organdefekte kann man schon hindeuten, aber dann muß man sich klar sein darüber, daß ja im gewöhnlichen Menschenleben namentlich diejenigen Dinge wiederum zurückwirken, die nun nicht intellektualistisch sind, sondern die gefühlsmäßig oder emotionell sind. Die wirken allerdings zunächst auf die Drüsentätigkeit oder dergleichen, auf die Absonderungstätigkeit zurück, aber dabei wiederum auch auf die Organe. In dieser Beziehung rate ich Ihnen, zum Beispiel ein interessantes Büchelchen zu lesen, das von einem dänischen Mediziner verfaßt ist, über die Mechanik der Gemütsbewegungen. Da steht mancherlei in dieser Richtung gut Verwertbares darinnen. Und nun stelle man sich die leibliche Disposition vor, die man bei jedem wird verfolgen können, der als Verbrecher in Betracht kommt, und man nehme dazu alles das, was für den ertappten Verbrecher an Gemütserschütterndem folgt und was als Fortsetzung dieser Gemütserschütterungen nun wiederum in die Organe hineinwirkt, dann hat man den Weg, die defekten Organe für das zu suchen, was als Folgeerscheinung eine Geisteskrankheit hervorbrachte, die bei begangenem Verbrechen auftreten kann. Man muß in dieser Weise eine Aufklärung über solche Zusammenhänge sich verschaffen.

[ 46 ] Well, in order to address this question exhaustively, it would be necessary here to delve into the entire field of criminal anthropology—and, essentially, psychiatric anthropology as well. I would just like to say the following: First, when considering such matters, one must assume from the outset that there are abnormalities among the physical dispositions of a person who becomes a criminal. You need only examine the truly objective studies conducted in this area by Moriz Benedikt, the first major criminal anthropologist, and you will see how, through pathological examination, the forms of individual human organs can indeed be linked to a predisposition toward crime. So there is already an abnormality present there, although, of course, materialist thinkers like Moriz Benedikt draw the wrong conclusions from this, for someone who exhibits such signs is by no means a born criminal from the outset. The point is that one can address the defects present in the organism—specifically organ defects, not preexisting mental illness—precisely through education and later through appropriate spiritual influences, that is, in a spiritual-psychological way, provided that the facts are investigated from a spiritual-scientific perspective. Thus, the conclusions that Benedikt draws from the pathological examinations are incorrect. One can certainly point to such organ defects, but then one must be clear that in ordinary human life, it is precisely those things that are not intellectual in nature but rather emotional or affective that have a reciprocal effect. These do indeed initially affect glandular activity or similar processes, such as secretory functions, but in turn also affect the organs. In this regard, I advise you to read, for example, an interesting little book written by a Danish physician on the mechanics of emotional states. It contains a great deal of useful information along these lines. And now imagine the physical constitution that one can observe in anyone considered a criminal, and consider all the emotional upheavals that follow for the caught criminal—and how these emotional upheavals, in turn, affect the organs—then one has the means to identify the defective organs responsible for the mental illness that may arise as a consequence of the crime committed. One must, in this way, gain an understanding of such connections.

Wie verhält sich die Theosophie zur Anthroposophie? Wird die früher hier vertretene Theosophie nicht mehr in vollem Umfang anerkannt?

What is the relationship between Theosophy and Anthroposophy? Is the Theosophy that was previously advocated here no longer fully recognized?

[ 47 ] Dazu möchte ich nur sagen: Hier ist niemals etwas anderes als die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vertreten worden, und dasjenige, was heute hier vertreten wird, wurde immer hier vertreten, und wenn das identifiziert worden ist mit dem, was auf vielen Seiten als sogenannte Theosophie vertreten wird, so beruht das eben auf einem Mißverständnis. Dieses Mißverständnis wird auch noch dadurch ein Mißverständnis bleiben, daß die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft innerhalb gewisser Grenzen sich eine Zeitlang im Rahmen der Theosophical Society bewegt hat; aber auch in dem Rahmen dieser Theosophischen Gesellschaft wurde von den Vertretern der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft damals nichts anderes vertreten als das, was von mir heute hier vertreten wird. Nur sah man eben in der Theosophical Society so lange zu, als einem die Sache nicht gar zu ketzerisch ausschaute. Als man aber bemerkte, daß Anthroposophie etwas ganz anderes ist als die abstrakte Mystik, die sich vielfach als Theosophie geltend macht, da schmiß man die Anthroposophen heraus. Es ist durchaus von der anderen Seite diese Prozedur vorgenommen worden, während das, was hier vertreten wird, nie eine andere Gestalt gehabt hat als die, die es heute hat.

[ 47 ] I would just like to say this: Nothing other than anthroposophically oriented spiritual science has ever been represented here, and what is represented here today has always been represented here; and if this has been identified with what is presented in many quarters as so-called theosophy, that is simply due to a misunderstanding. This misunderstanding will remain a misunderstanding precisely because the anthroposophically oriented spiritual science, within certain limits, operated for a time within the framework of the Theosophical Society; but even within the framework of that Theosophical Society, the representatives of the anthroposophically oriented spiritual science advocated nothing other than what I am advocating here today. It was simply that the Theosophical Society turned a blind eye as long as the matter did not appear too heretical. But when it became apparent that anthroposophy is something entirely different from the abstract mysticism that often presents itself as theosophy, the anthroposophists were expelled. This procedure was carried out entirely by the other side, whereas what is advocated here has never taken any form other than the one it has today.

[ 48 ] Natürlich, diejenigen, die sich nur oberflächlich mit den Dingen befassen oder die sich ihre Kenntnisse nur von solchen Mitgliedern der Gesellschaft geholt haben, die sich selbst nur oberflächlich damit befaßt haben — denn man muß ja nicht immer draußen stehen, um Anthroposophie oberflächlich aufzufassen oder Anthroposophie mit Theosophie zu verwechseln, man kann damit auch in der Gesellschaft drinnenstehen —, diejenigen, die sich also nur Kenntnis verschaffen auf die Weise solch oberflächlich erfaßten Betriebes, die kommen zu solchen Verwechslungen. Aber hier wird dasjenige vertreten, was ich heute wiederum für ein bestimmtes Gebiet charakterisiert habe, und niemals ist etwas anderes hier vertreten worden, wenn auch selbstverständlich fortwährend gearbeitet wird und gewisse Dinge heute präziser, voller, intensiver charakterisiert werden können, als sie selbstverständlich vor fünfzehn, zehn oder fünf Jahren präzisiert werden konnten. Das eben ist gerade der Charakter des Arbeitens, daß man weiterkommt, daß man namentlich auch in der Formulierung beim Sich-verständlich-Machen von etwas so Schwierigem, wie es Geisteswissenschaft ist, weiterkommt. Auf diejenigen Menschen, die aus bösem Willen daraus Stricke gedreht haben, daß das, was früher unvollkommener gesagt wurde, später vollkommener gesagt wird, die daraus allerlei Wandlungen von Weltanschauungen ableiten, auf solche böswilligen Menschen und ihre Aussagen braucht man sich ja wirklich nicht einzulassen. Denn Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist etwas Lebendiges und nicht etwas Totes, und derjenige, der glaubt, daß sie nicht vorwärtsschreiten kann, der sie da festnageln will, wo sie einmal gestanden hat, in einer Weise, wie es öfters geschieht, der glaubt nicht an das Lebendige, sondern der möchte sie zu etwas Totem machen.

[ 48 ] Of course, those who deal with these matters only superficially, or who have derived their knowledge solely from those members of society who themselves have dealt with them only superficially—for one need not always stand on the outside to grasp anthroposophy superficially or to confuse anthroposophy with theosophy, one can do so even from within the Society—those who, therefore, acquire their knowledge only through such a superficially understood approach are the ones who fall into such misunderstandings. But what is represented here is precisely what I have once again characterized today for a specific field, and nothing else has ever been represented here, even though, of course, work is ongoing and certain things can be characterized today more precisely, more fully, and more intensely than they could, of course, have been specified fifteen, ten, or five years ago. That is precisely the nature of this work: that one makes progress, particularly in the formulation and clarification of something as difficult as spiritual science. As for those people who, out of malice, have twisted the fact that what was once expressed more imperfectly is later expressed more perfectly into a snare—those who derive all manner of shifts in worldviews from this—there is really no need to engage with such malicious people and their statements. For spiritual science, as it is understood here, is something living and not something dead, and anyone who believes that it cannot move forward—who wants to pin it down where it once stood, as often happens—does not believe in what is living, but rather seeks to turn it into something dead.

Wollen Sie sich bitte äußern, wie denn das Entstehen einer Epidemie wie der Grippe oder des Scharlachs zustandegekommen ist, wenn nicht durch Übertragung von Bazillen. Bei vielen Krankheiten ist der Krankheitserreger wissenschaftlich festgestellt worden. Wie stellen Sie sich dazu?

Please explain how an epidemic such as the flu or scarlet fever could have arisen if not through the transmission of germs. For many diseases, the pathogen has been scientifically identified. What is your view on this?

[ 49 ] Nun, wenn ich auch gerade diese Frage erörtern sollte, von der ich angedeutet habe, daß ich nicht Partei ergreifen will, dann müßte ich einen ganzen Vortrag halten. Allein, ich möchte auf folgendes aufmerksam machen. Derjenige, welcher genötigt ist durch seine Erkenntnisse, darauf aufmerksam zu machen, daß für Krankheiten, in deren Begleitung Bazillen oder Bakterien auftreten, als primäre Ursachen tiefere Ursachen vorhanden sind als eben das Auftreten der Bazillen, der behauptet ja noch nicht, daß die Bazillen nicht da seien. Es ist durchaus etwas anderes, zu behaupten, die Bazillen sind da und sie treten im Gefolge der Krankheit auf, als die primäre Ursache bei den Bazillen zu suchen. Dasjenige, was nach dieser Richtung zu sagen ist, habe ich gerade bei diesem Kursus für Ärzte, der jetzt gehalten wird, in ausführlicher Weise entwickelt. Aber das nimmt eben durchaus Zeit in Anspruch. Das gilt auch in bezug auf gewisse Elemente, die vorher behandelt werden müßten. Das läßt sich in einer Fragenbeantwortung nicht so rasch abmachen. Dennoch will ich auf das folgende hinweisen. Es ist diese menschliche Konstitution nicht eine so einfache Sache, wie man sich oftmals vorstellt. Der Mensch ist nun einmal ein vielgliedriges Wesen. Ich habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln» anfänglich dargestellt, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, ein Wesen, das man nennen kann erstens den Nerven-Sinnes-Menschen, zweitens den rhythmischen Menschen, drittens den Stoffwechsel-Menschen. Das ist nun einmal der Mensch. Und diese drei Glieder der menschlichen Natur wirken ineinander; und sie dürfen nicht, wenn der Mensch gesund sein soll, anders ineinanderwirken, als daß in einer gewissen Weise zugleich eine Trennung der Gebiete da ist. So zum Beispiel darf der Nerven-Sinnes-Mensch, der mehr ist als das, was sich die heutige Physiologie vorstellt, nicht ohne weiteres seine Wirkungen auf den Stoffwechsel-Menschen anders übertragen, als daß diese Wirkungen vermittelt werden durch die rhythmischen Bewegungen der Zirkulations- und Atmungsvorgänge, die ja bis in die äußerste Peripherie des Organismus sich hineinerstrekken. Dieses Zusammenwirken, das kann aber in einer gewissen Weise unterbrochen werden.

[ 49 ] Well, if I were to discuss this very question—about which I have indicated that I do not wish to take sides—I would have to give an entire lecture. However, I would like to draw attention to the following. Someone who, based on his findings, is compelled to point out that for diseases accompanied by germs or bacteria, there are deeper underlying causes than the mere presence of the germs themselves—such a person is not claiming that the germs are not there. It is quite a different matter to assert that the germs are present and appear in the wake of the disease than to seek the primary cause in the germs themselves. I have elaborated in detail on what needs to be said in this regard precisely in this course for physicians that is currently being held. But that certainly takes time. The same applies to certain elements that would need to be addressed first. This cannot be dealt with so quickly in a Q&A session. Nevertheless, I would like to point out the following: The human constitution is not as simple a matter as is often imagined. Human beings are, after all, multifaceted beings. In the opening of my book *The Mysteries of the Soul*, I described the human being as a threefold being—a being that can be called, first, the nervous-sensory human; second, the rhythmic human; and third, the metabolic human. That is what a human being is. And these three aspects of human nature interact with one another; and if a person is to be healthy, they must not interact in any other way than such that, in a certain sense, there is also a separation of these spheres. For example, the nervous-sensory human—who is more than what modern physiology conceives of—cannot simply transmit his effects to the metabolic human in any other way than through the rhythmic movements of the circulatory and respiratory processes, which extend all the way to the outermost periphery of the organism. This interaction, however, can be interrupted in a certain way.

[ 50 ] Nun ist durch dieses Zusammenwirken etwas ganz Bestimmtes bewirkt. Es ist zum Beispiel — wenn solche Fragen gestellt werden, verzeihen Sie, daß man dann auch sachgemäß antworten muß, und ich will ja schon so dezent wie möglich sein, aber es ist dann doch notwendig, manches Wort auszusprechen, das eben auch sachgemäß angehört werden muß —, es ist zum Beispiel durchaus so, daß im menschlichen Unterleib Prozesse ablaufen, welche eingegliedert sind in den ganzen Organismus. Sind sie in den ganzen Organismus eingegliedert, dann wirken sie in der richtigen Weise. Werden sie durch irgendwelche Vorgänge entweder direkt im Unterleib erhöht, so daß sie dort reger werden, oder werden die entsprechenden Vorgänge — denn solche entsprechende Vorgänge sind immer da — im menschlichen Haupte oder in der menschlichen Lunge in ihrer Intensität kleiner, dann tritt etwas sehr Eigentümliches ein. Dann zeigt sich, daß der menschliche Organismus zu seinem normalen Leben in sich Prozesse entwickeln muß, die gerade nur bis zu einem gewissen Maße hin sich entwickeln dürfen, damit sie den ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Wird der Prozeß erhöht, dann lokalisiert er sich, und dann tritt zum Beispiel im Unterleib des Menschen ein Prozeß auf, wodurch nicht in der richtigen Weise getrennt ist dasjenige, was im Menschenhaupte oder in der Lunge vor sich geht und was gewissen Prozessen im Unterleib entspricht. Es entsprechen sich immer die Prozesse so, daß sie einander parallel gehen. Dadurch aber wird das, was nur bis zu einem gewissen Maße im Menschen vorhanden sein darf, damit es seine Vitalität, die geist- und seelengetragene Vitalität, unterhält, gewissermaßen über ein gewisses Niveau hinaufgebracht. Dann wird das die Atmosphäre, möchte ich sagen, für allerlei Niederorganismen, für allerlei kleine Organismen, dann können sich diese kleinen Organismen da entfalten. Dasjenige, was das Schaffenselement der kleinen Organismen ist, das ist immer im Menschen drinnen, ist nur über den ganzen Organismus ausgedehnt. Wird es konzentriert, dann ist es Lebensboden für Kleinorganismen, Mikroben; da finden diese einen Boden drin. Aber die Ursache, warum sie da gedeihen können, die ist in überaus feinen Vorgängen im Organismus zu suchen, die sich dann als das Primäre herausstellen.

[ 50 ] Now, this interaction has brought about something very specific. For example—when such questions are asked, please forgive me for having to answer them appropriately, and I do want to be as discreet as possible, but it is nevertheless necessary to say certain things that must also be heard in the proper context—it is certainly the case that processes take place in the human abdomen that are integrated into the entire organism. If they are integrated into the entire organism, then they function properly. If, due to certain processes, they are either heightened directly in the lower abdomen—so that they become more active there—or if the corresponding processes—for such processes are always present—in the human head or in the human lungs decrease in intensity, then something very peculiar occurs. It then becomes apparent that, in order to function normally, the human organism must develop processes within itself that are permitted to develop only to a certain extent, so that they engage the whole person. If the process is intensified, it becomes localized, and then, for example, a process occurs in the human abdomen whereby there is no proper separation between what is taking place in the human head or lungs and what corresponds to certain processes in the abdomen. The processes always correspond to one another in such a way that they run parallel. As a result, however, what is only meant to be present in the human being to a certain extent—so that it sustains his vitality, the vitality supported by spirit and soul—is, so to speak, raised above a certain level. Then this becomes, so to speak, the atmosphere for all manner of lower organisms, for all manner of small organisms, and these small organisms can then develop there. That which constitutes the creative element of small organisms is always present within the human being; it is simply spread throughout the entire organism. When it becomes concentrated, it serves as a breeding ground for small organisms, microbes; they find a habitat there. But the reason why they can thrive there lies in extremely subtle processes within the organism, which then prove to be the primary factor.

[ 51 ] Ich spreche wirklich nicht aus einer Antipathie gegen die Bazillentheorie; ich verstehe durchaus die Gründe, die die Leute haben, die dem Bazillenglauben huldigen. Das können Sie mir glauben, daß, wenn ich nicht aus sachlichen Gründen so sprechen müßte, wie ich jetzt spreche, ich diese Gründe schon anerkennen würde, aber es ist eben hier die Erkenntnis, die notwendig zur Anerkennung von etwas anderem führt und die einen dann zwingt, das zu sagen. [Ich kann zum Beispiel sagen:] Ich sehe eine gewisse Landschaft, da sind sehr viele außerordentlich schöne Rinder, wohl gepflegt. Ich frage nun: Warum sind denn da diese Lebensverhältnisse in der Gegend? Sie kommen von den schönen Rindern. Ich erkläre die Lebensverhältnisse dieser Gegend, indem ich erkläre, es sind da schöne Rinder eingezogen von irgendwoher; die haben sich da ausgebreitet. — Das werde ich nicht tun, nicht wahr, sondern ich werde die primären Ursachen untersuchen, den Fleiß und das Verständnis der Leute, und das wird mir erklären, warum auf diesem Boden diese schönen Rinder sich entwickeln. Aber ich würde eine oberflächliche Erklärung abgeben, wenn ich bloß sagen würde: Hier ist es schön, hier lebt es sich gut, weil da schöne Rinder eingezogen sind.

[ 51 ] I am truly not speaking out of antipathy toward the germ theory; I fully understand the reasons people have for adhering to the germ theory. You can believe me when I say that if I were not compelled by objective reasons to speak as I am now, I would certainly acknowledge those reasons; but it is precisely this insight that leads to the recognition of something else and then compels one to say this. [For example, I can say:] I see a certain landscape with a great many exceptionally beautiful cattle, well cared for. I now ask: Why are the living conditions in this area what they are? They stem from the beautiful cattle. I explain the living conditions of this area by saying that beautiful cattle were brought in from somewhere else; they have spread out there. — I won’t do that, will I? Instead, I’ll examine the primary causes—the diligence and understanding of the people—and that will explain to me why these beautiful cattle thrive in this region. But I would be offering a superficial explanation if I were to simply say: “It’s beautiful here, life is good here, because beautiful cattle have moved in.”

[ 52 ] Die gleiche Logik ist es im Grunde, wenn ich den Typhusbazillus finde und dann erkläre, man habe den Typhus aus dem Grunde, weil die Typhusbazillen eingezogen sind. Zur Erklärung des Typhus sind noch ganz andere Dinge notwendig, als bloß sich auf die Typhusbazillen zu berufen. Aber man wird noch auf eine ganz andere Weise irregeführt, wenn man sich einer solchen falschen Logik hingibt. Gewiß, die primären Prozesse, die den Typhusbazillen die Grundlage für ihr Dasein abgeben, die sind dann wiederum Grundlage für alles mögliche andere, was nicht primär ist. Und man kann sehr leicht dasjenige, was sekundär ist, mit dem eigentlichen ursprünglichen Krankheitsbilde entweder ganz verwechseln oder damit konfundieren. Das sind die Dinge, die hier auf diesem Punkt zu dem Richtigen führen oder die zeigen, wie das, was in einem gewissen Sinne berechtigt ist, in seine Grenzen zu weisen ist.

[ 52 ] It is essentially the same logic when I find the typhoid bacillus and then explain that someone has typhoid because the typhoid bacilli have entered the body. To explain typhus, entirely different factors are necessary than merely invoking the typhus bacilli. But one is misled in an entirely different way when one succumbs to such flawed logic. Certainly, the primary processes that provide the basis for the existence of the typhus bacilli are, in turn, the basis for all sorts of other things that are not primary. And it is very easy to either completely confuse what is secondary with the actual original clinical picture or to conflate the two. These are the factors that lead to the correct understanding on this point or that demonstrate how something that is, in a certain sense, justified must be brought within its proper limits.

[ 53 ] Vielleicht sehen Sie doch aus der Art und Weise, wie ich diese Antwort gegeben habe — obwohl ich ja nur skizzieren kann, daher leicht mißverstanden werden kann —, daß es sich hier wirklich nicht handelt um das allbeliebte Schimpfen auf die Bazillentheorie, sondern daß es sich hier wirklich darum handelt, die Dinge ganz ernsthaft zu untersuchen.

[ 53 ] Perhaps you can see from the way I’ve phrased this answer—even though I can only sketch it out, and it’s therefore easily misunderstood—that this really isn’t about the all-too-common bashing of the germ theory, but rather about examining the issues very seriously.

Darf ich um einige Beispiele bitten, wie leibliche organische Störungen geistig-seelische Leiden hervorrufen können?

Could you please give me some examples of how physical, organic disorders can cause mental and emotional distress?

[ 54 ] Nun, auch das würde, wenn es ausführlich beantwortet werden sollte, natürlich heute viel zu weit führen. Aber ich möchte da nur auf eines hinweisen. Sehen Sie, es ist in der Entwicklung des medizinischen Denkens der Menschen nicht so, wie es heute in der Geschichte der Medizin dargestellt wird, daß mit Hippokrates die Heilkunde gewissermaßen begonnen habe und sich dann der Hippokratismus weiter entwickelt habe. Soweit man es verfolgen kann, weiß man, daß bei Hippokrates viel mehr die letzten Ausläufer einer alten Instinkt-Medizin vorlagen als bloß der Anfang der heutigen intellektualistischen Medizin. Aber wir finden noch etwas anderes. Sehen Sie, aus dieser alten Instinkt-Medizin heraus, solange diese noch geltend war, hat man zum Beispiel nicht von seelischen Depressionen einer gewissen Art gesprochen, was ja eine sehr abstrakte Ausdrucksweise ist, sondern man hat von Hypochondrie — Unterleibsknorpeligkeit — gesprochen. Man hat also gewußt, daß es sich dabei um Störungen im Unterleib handelt, um Verhärtungen im Unterleib, wenn Hypochondrie auftritt. Man kann nicht sagen, daß die Alten mystischer waren als wir.

[ 54 ] Well, if I were to answer that in detail, it would of course take us far too far afield today. But I would just like to point out one thing. You see, the development of human medical thought is not as it is portrayed today in the history of medicine—namely, that medicine began, so to speak, with Hippocrates and that Hippocratic medicine then developed further. As far as we can trace it, we know that Hippocrates represented much more the final vestiges of an ancient, instinct-based medicine than merely the beginning of today’s intellectualized medicine. But we find something else as well. You see, within this ancient instinct-based medicine—as long as it was still in practice—people did not, for example, speak of a certain kind of mental depression, which is, after all, a very abstract way of expressing it, but rather spoke of hypochondria—abdominal cartilaginousness. So it was understood that when hypochondria occurs, it involves disturbances in the lower abdomen—specifically, hardening in the lower abdomen. One cannot say that the ancients were more mystical than we are.

[ 55 ] Ebenso kann man sehr leicht zeigen, wie gewisse chronische Lungendefekte durchaus zusammenhängen mit dem, was man einen falschen mystischen Sinn der Menschen nennen könnte. Und so könnte man auf alles mögliche hinweisen, ganz abgesehen davon, daß — wie es wiederum einem richtigen Instinkt entspricht — die Alten bei den Temperamenten durchaus auf Organisches hingewiesen haben. Sie ließen entstehen das cholerische Temperament aus der Galle heraus, aus der weißen Galle, das melancholische aus der schwarzen Galle und all dem, was die schwarze Galle im Unterleib bewirkt. Sie ließen entstehen dann das sanguinische Temperament aus dem Blute, das phlegmatische Temperament aus dem, was sie Schleim nannten. Dann aber, wenn sie Entartungen der Temperamente sahen, waren das für sie durchaus Dinge, die hinweisen auf die Entartungen des betreffenden Organischen. Wie das in der Instinkt-Medizin getrieben worden ist und in der Instinkt-Hygiene, das läßt sich durchaus in streng wissenschaftlicher Weise wiederum in die Seelenverfassung hereinnehmen und vom Standpunkt unserer heutigen Erkenntnis aus pflegen.

[ 55 ] Likewise, it is very easy to show how certain chronic lung disorders are indeed related to what one might call a false mystical sense in people. And so one could point to all sorts of things, quite apart from the fact that—as is again in keeping with a correct instinct—the ancients certainly pointed to organic factors in connection with the temperaments. They derived the choleric temperament from bile, specifically white bile; the melancholic temperament from black bile and all that black bile causes in the lower abdomen. They then derived the sanguine temperament from blood and the phlegmatic temperament from what they called phlegm. But when they observed deviations in the temperaments, they regarded these as clear indications of deviations in the corresponding organic functions. The way this was approached in instinct-based medicine and instinct-based hygiene can certainly be incorporated into the study of the psychological constitution in a strictly scientific manner and cultivated from the standpoint of our current understanding.

Hier ist eine Frage, bei der man noch mehr mißverstanden werden kann: Haben Sie Kenntnis von der Augendiagnose? Anerkennen Sie dieselbe als Wissenschaft?

Here's a question that could lead to even more misunderstandings: Are you familiar with eye diagnosis? Do you recognize it as a science?

[ 56 ] Nun, es ist ja im allgemeinen richtig, daß man bei einem Organismus und insbesondere bei dem komplizierten menschlichen Organismus aus allem möglichen Einzelnen, wenn man es in der richtigen Weise durchschaut, auf das Ganze schließen kann. Und wiederum, wie dieses Einzelne im menschlichen Organismus liegt, das hat eine große Bedeutung. In einer gewissen Weise ist das, was der Augendiagnostiker in der Iris untersucht, einerseits so sehr isoliert von dem übrigen menschlichen Organismus, andererseits ist es in einer so eigentümlichen Weise eingeschaltet in den übrigen Organismus, daß in der Tat da ein ausdrucksvolles Organ gegeben ist. Aber gerade bei solchen Dingen darf nicht schematisiert werden; und der Fehler bei solchen Dingen besteht darin, daß eben schematisiert wird. Es ist zum Beispiel durchaus so, daß Menschen einer andersgearteten Seelen- und Körperverfassung andere Merkmale in ihrer Iris zeigen als wiederum andere Menschen. Da ist, wenn man so etwas anwenden will, eine so intime Kenntnis desjenigen, was im menschlichen Organismus geschieht, notwendig, daß man dann, wenn man diese intime Kenntnis hat, eigentlich nicht mehr nötig hat, aus einem einzelnen Organ heraus zu suchen. Und wenn man angewiesen ist, intellektualistisch an irgendwelche Regeln sich zu halten und schematisch solche Dinge zu machen, dann wird nicht viel Gescheites dabei herausschauen.

[ 56 ] Well, it is generally true that, when it comes to an organism—and especially the complex human organism—one can infer the whole from all manner of individual details, provided one understands them correctly. And, in turn, the specific location of these individual details within the human organism is of great significance. In a certain sense, what the iridologist examines in the iris is, on the one hand, so very isolated from the rest of the human organism, yet on the other hand, it is integrated into the rest of the organism in such a unique way that it is indeed an expressive organ. But it is precisely with such matters that one must not resort to schematization; and the mistake in such matters lies precisely in this schematization. For example, it is certainly true that people with different constitutional and physical constitutions exhibit different characteristics in their irises than other people do. If one wishes to apply such a method, an intimate knowledge of what occurs within the human organism is necessary; and once one possesses this intimate knowledge, it is actually no longer necessary to search for clues in a single organ. And if one is compelled to adhere to certain rules in an intellectualistic manner and to approach such matters schematically, then not much of value will come of it.

Welche Beziehung haben Krankheiten für den Fortgang der Weltgeschichte, insbesondere die jetzt neu auftretenden Krankheiten?

What role do diseases play in the course of world history, particularly those that are emerging now?

[ 57 ] Ein Kapitel einer ganzen Kulturgeschichte! Nun, ich will nur das folgende bemerken. Man muß, wenn man Geschichte studiert, einen Sinn dafür haben, Symptomatologie zu treiben, das heißt, vieles von dem, was heute als Geschichte genommen wird, nur als Symptom aufzufassen für manches, was viel tiefer dahinterliegt, was wirklich die geistige Strömung ist, die diese Symptome nur trägt. Und so kommt dasjenige, was in den Tiefen der Menschheitsentwicklung ist, tatsächlich auch symptomatisch in diesen oder jenen Zeitkrankheiten zum Vorschein. Es ist interessant, die Beziehungen zu studieren zwischen dem, was in den Tiefen der Menschheitsentwicklung waltet, und dem, was sich abspielt in den Symptomen dieser oder jener Krankheit. Man kann auch aus dem Vorhandensein gewisser Krankheiten schließen auf Impulse im geschichtlichen Werden, die einer nicht so gearteten Symptomatologie entgehen. Die Frage könnte dann aber auch noch auf etwas anderes hinweisen, was auch nicht unwesentlich ist beim Verfolgen des geschichtlichen Werdens der Menschheit. Das ist dieses: Krankheiten, gleichgültig, ob sie beim einzelnen Menschen auftreten oder in der menschlichen Gesellschaft epidemisch auftreten, sind vielfach auch Reaktionen auf andere Ausartungen, die ja vom gesundheitlichen Standpunkte aus vielleicht als weniger schlimm angesehen werden, die aber vom moralischen oder von einem geistigen Standpunkte aus dennoch als sehr schlimm angesehen werden müssen. Man darf das, was da gesagt wird, nur nicht etwa auf die Heilkunde oder auf die Hygiene anwenden — das wäre ganz falsch. Krankheiten muß man heilen. In der Hygiene muß man menschenfördernd tätig sein. Da darf man nicht etwa sagen: Ich will erst prüfen, ob es vielleicht dein Karma ist, daß du diese Krankheit hast, dann muß ich sie dir lassen, wenn nicht, kann ich sie dir kurieren. — Diese Anschauungen gelten nicht, wenn es sich darum handelt, zu heilen. Aber dasjenige, was für uns Menschen in unserem Eingreifen in die Natur nicht gilt, das gilt deshalb doch objektiv in der Welt draußen. Und da muß man sagen, daß zum Beispiel auch manches, was als Anlage zu moralischen Exzessen besteht, sich so tief in die Organisation des Menschen eingräbt, daß Reaktionen kommen, die dann in bestimmten Krankheiten erscheinen, und daß die Krankheit die Unterdrückung eines moralischen Exzesses ist.

[ 57 ] A chapter in the history of an entire culture! Well, I just want to make the following point. When studying history, one must have a knack for symptomatology—that is, to view much of what is taken as history today merely as a symptom of something much deeper lying beneath it, which is truly the spiritual current that merely carries these symptoms. And so what lies in the depths of human development does indeed manifest symptomatically in this or that ailment of the times. It is interesting to study the relationships between what prevails in the depths of human development and what plays out in the symptoms of this or that illness. One can also infer from the existence of certain diseases impulses in historical development that escape a symptomatology of a different nature. The question, however, might also point to something else that is by no means insignificant when tracing the historical development of humanity. This is the following: Diseases, regardless of whether they occur in individual human beings or appear epidemically in human society, are in many cases also reactions to other forms of degeneration—which, from a health perspective, may be regarded as less serious, but which, from a moral or spiritual perspective, must nevertheless be regarded as very serious. One must not, however, apply what is being said here to medicine or hygiene—that would be entirely wrong. Diseases must be cured. In the field of hygiene, one must act in a way that promotes human well-being. One must not say, for example: “I will first examine whether it is perhaps your karma that you have this disease; if so, I must let you have it; if not, I can cure you.”—Such views do not apply when it comes to healing. But what does not apply to us humans in our intervention in nature does, nevertheless, apply objectively in the outside world. And here one must say that, for example, many things that exist as a predisposition to moral excesses become so deeply ingrained in the human constitution that reactions occur which then manifest as certain illnesses, and that the illness is the suppression of a moral excess.

[ 58 ] Bei dem einzelnen Menschen ist es nicht einmal von einer so großen Bedeutung, diese Dinge zu verfolgen, denn die soll man seinem individuellen Schicksal überlassen und in die soll man sich im Grunde ebensowenig hineinmischen, wie man sich in die Briefgeheimnisse anderer Menschen nicht hineinmischt — wenn nicht gerade von einem Standpunkte, der einem gerade jetzt so nahetritt: «Durch Kriegsgesetze behördlich geöffnet». Geradesowenig, wie man sich in die Briefgeheimnisse eines Menschen hineinmischen sollte, so wenig sollte man sich hineinmischen in sein individuelles Karma. Aber in der Weltgeschichte ist das wiederum etwas anderes. Da handelt es sich schon darum, weil da doch der einzelne Mensch in der Weltgeschichte bei ihren Gesetzen nur eine, ich möchte sagen statistische Rolle spielt. Man muß immer darauf hinweisen, daß die Statistik den Lebensversicherungen eine gute Unterlage bietet, zu beurteilen, wie groß die Sterblichkeit ist, danach lassen sie sich ja ihre Quoten einzahlen. Die Sache stimmt ganz gut, und die Rechnung ist ganz richtig, es ist alles ganz wissenschaftlich. Aber nun — man braucht nicht just in dem Augenblicke zu sterben, der einem von der Lebensversicherungsstatistik ausgerechnet worden ist, man braucht auch nicht so lange zu leben, als da ausgerechnet wird. Wenn der einzelne Mensch in Betracht kommt, da treten andere Dinge ein. Aber wenn Menschengruppen oder gar die ganze Menschheitsentwicklung in Betracht kommt, dann kann es sehr gut sein, daß man nicht ein abergläubischer, sondern sehr gut ein wissenschaftlicher Mensch ist, wenn man untersucht, inwiefern Krankheitssymptome, Krankheiten, die auftreten, korrigierend sind für andere Exzesse, so daß man in der Tat da schon eine gewisse Rückwirkung auch der Krankheit sehen kann oder wenigstens ein Hervorgerufensein der Krankheit durch etwas, was, wenn die Krankheit nicht gekommen wäre, sich in ganz anderer Form entwickelt hätte. Das sind nur so ein paar Punkte, wie das betrachtet werden kann, was durch diese Frage etwa berührt wird.

[ 58 ] For the individual, it is not even all that important to keep track of these matters, for they should be left to one’s individual fate, and one should, in essence, interfere in them just as little as one interferes in the privacy of other people’s correspondence—unless, of course, from a standpoint that is particularly close to one’s heart right now: “Officially opened under martial law.” Just as one should not interfere with the privacy of a person’s correspondence, so too should one not interfere with their individual karma. But in world history, this is a different matter altogether. There, it does matter, because in world history, the individual plays only a—I would say—statistical role in relation to its laws. One must always point out that statistics provide life insurance companies with a sound basis for assessing mortality rates; after all, that is how they calculate their premiums. This makes perfect sense, and the calculation is entirely correct; it’s all very scientific. But then again—one doesn’t necessarily have to die at the exact moment calculated by life insurance statistics, nor does one have to live as long as the calculations predict. When the individual is considered, other factors come into play. But when groups of people—or even the development of humanity as a whole—are taken into account, it may very well be that one is not a superstitious person, but rather a very scientific one, when one examines the extent to which symptoms of illness, and illnesses that arise serve to correct other excesses—so that one can indeed see a certain counteractive effect of the illness itself, or at least that the illness was brought about by something that, had the illness not occurred, would have developed in an entirely different form. These are just a few ways in which one might consider the issues touched upon by this question.

[ 59 ] Damit ist aber unsere Zeit doch wohl so weit vorgeschritten, daß auch wir jetzt den anderen, die sich schon so zahlreich entfernt haben, folgen werden.

[ 59 ] But surely our time has now progressed so far that we, too, will follow the others who have already departed in such great numbers.