Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a
11 January 1921, Dornach
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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
11. Proben für die Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften I
11. Examples of the Relationship Between the Humanities and the Individual Disciplines I
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! In diesen vier Vorträgen möchte ich sprechen über die Befruchtung, welche einzelne Fachwissenschaften durch die geisteswissenschaftlichen Methoden erfahren können. Heute soll nur eine Art Einleitung zu den eigentlichen Betrachtungen gegeben werden, mit denen ich dann morgen beginnen will. Ich werde mir in diesen Vorträgen weniger eine systematische Darstellung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse selbst zur Aufgabe setzen, als den Versuch, die Brücke zu schlagen zwischen dieser Geisteswissenschaft und dem anderen wissenschaftlichen Leben der Gegenwart.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! In these four lectures, I would like to speak about the enrichment that individual academic disciplines can derive from the methods of the humanities. Today, I will offer only a kind of introduction to the actual reflections, which I intend to begin tomorrow. In these lectures, my aim will be less to provide a systematic presentation of the findings of the humanities themselves than to attempt to build a bridge between the humanities and the broader scientific landscape of our time.
[ 2 ] Ich möchte aber doch zur Einleitung einiges über den besonderen Charakter der geisteswissenschaftlichen Methode vorausschicken. Diese Methode unterscheidet sich ja von allem, was heute gewöhnlich als wissenschaftlich angesehen wird. Erstens wird ja aus den heutigen Denkgewohnheiten und Anschauungen heraus schon die Möglichkeit bezweifelt, in dasjenige Gebiet des Wirklichen einzudringen, mit dem sich diese Geisteswissenschaft beschäftigen will. Zweitens wird aber auch aus denselben Denkgewohnheiten und Empfindungen heraus immer wieder gesagt, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft lasse es fehlen an dem, was man «Beweise» für ihre Erkenntnisse nennt.
[ 2 ] However, by way of introduction, I would like to say a few words about the distinctive character of the method of spiritual science. This method, after all, differs from everything that is commonly regarded as scientific today. First, based on today’s habits of thought and perspectives, the very possibility of penetrating the realm of reality with which this spiritual science seeks to engage is already called into question. Second, based on these same habits of thought and perceptions, it is repeatedly claimed that this anthroposophically oriented spiritual science lacks what are called “proofs” for its insights.
[ 3 ] Nun, nachdem im Verlauf der Vorträge einige Proben der Beziehungen zwischen der Geisteswissenschaft und den Fachwissenschaften gegeben sein werden, werde ich gerade auf diese zwei Einwürfe noch einmal kurz zurückkommen. Heute möchte ich mich darauf beschränken, einleitend zu sagen, daß diese Geisteswissenschaft allerdings in ihrer ganzen Forschungsweise sich unterscheidet von dem, was sonst heute im wissenschaftlichen Leben geltend gemacht wird, daß aber dennoch diese Geisteswissenschaft nichts anderes sein will als eine wirkliche Fortsetzung gerade der strengsten wissenschaftlichen Erkenntnisweise der Gegenwart. Sie will durchaus Rechnung tragen denjenigen Fortschritten, die die Menschheit gemacht hat in den letzten Jahrhunderten, insbesondere im 19. Jahrhundert, in bezug auf Exaktheit und Gewissenhaftigkeit der wissenschaftlichen Methoden. Sie möchte durchaus nicht in irgendeiner laienhaften oder dilettantischen Weise über die geistigen Welten reden, sondern aus derselben Erkenntnisgesinnung und Erkenntnisanlage heraus, aus denen die Wissenschaft der Gegenwart im allgemeinen reden will. Aber sie ist sich zu gleicher Zeit klar darüber, daß die Erkenntnisfähigkeiten erweitert werden müssen, wenn man zu einer, wenn auch nur relativen Beantwortung derjenigen Fragen kommen will, welche unbeantwortet bleiben auf allen Gebieten des heutigen wissenschaftlichen Lebens. Noch mehr aber möchte diese Geisteswissenschaft gerade gegenüber der heutigen Zeit das Unbefriedigende an unserem gegenwärtigen wissenschaftlichen Leben betonen; sie möchte zeigen, daß zwar auf der einen Seite dieses wissenschaftliche Leben in einer ganz außerordentlich bedeutsamen Weise hat eingreifen können in die technische Praxis, daß aber andererseits diesen großen Fortschritten auf technischen Gebieten, die unser ganzes modernes Leben umgestaltet haben, keineswegs zur Seite stehen ebensolche Fortschritte in bezug auf die soziale Praxis. Das ist wichtig gerade aus dem Grunde heute zu betonen, weil die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft glaubt, von ihrem Gesichtspunkte aus auf der einen Seite eine Vertiefung und Erweiterung des Naturerkennens zu gewinnen, aber auf der anderen Seite vermeint, nicht stehenbleiben zu müssen bei dieser, ich möchte sagen betrachtenden Art der Erkenntnis, weil sie glaubt, übergehen zu können zu solchen Erkenntnissen, welche nicht nur die theoretische Anschauung des Menschen ergreifen, sondern den ganzen Menschen, vor allen Dingen das Willensleben, und dieses nicht in allgemeinen Abstraktionen, sondern in all der Konkretheit, in all der Differenziertheit, wie es wirken soll im sozialen Gebiet — wenn wir dazu kommen wollen, uns in ebenso fruchtbarer und geschickter Weise in der sozialen Technik zu verhalten, wie wir es in der mechanistischen können.
[ 3 ] Now, since some examples of the relationship between spiritual science and the specialized sciences will be provided in the course of these lectures, I will briefly return to these two points. Today I would like to limit myself to saying, by way of introduction, that this spiritual science does indeed differ in its entire approach to research from what is otherwise upheld in scientific life today, but that nevertheless this spiritual science claims to be nothing other than a genuine continuation of precisely the most rigorous scientific methods of our time. It certainly seeks to take into account the progress humanity has made in recent centuries—particularly in the nineteenth century—with regard to the precision and rigor of scientific methods. It has no intention whatsoever of speaking about the spiritual worlds in any layman-like or dilettantish manner, but rather from the same spirit of inquiry and the same cognitive framework from which contemporary science generally seeks to speak. At the same time, however, it is clear that cognitive capacities must be expanded if one is to arrive at an answer—even if only a relative one—to those questions that remain unanswered in all areas of contemporary scientific life. Even more than that, this spiritual science seeks to emphasize, particularly in light of the present age, what is unsatisfactory about our current scientific life; it seeks to show that, while on the one hand this scientific life has been able to influence technical practice in an extraordinarily significant way, on the other hand these great advances in technical fields—which have transformed our entire modern life—are by no means accompanied by corresponding advances in social practice. It is important to emphasize this today precisely because the anthroposophically oriented spiritual science referred to here believes that, from its own perspective, it can achieve a deepening and broadening of our understanding of nature on the one hand, but on the other hand believes it need not remain confined to this, I might say, a contemplative mode of knowledge—because it believes it can move on to insights that engage not only the human mind’s theoretical perspective but the whole human being, above all the life of the will, and this not in general abstractions, but in all its concreteness, in all its nuance, as it is meant to function in the social realm—if we are to learn to conduct ourselves in social technology in a manner just as fruitful and skillful as we do in the mechanistic realm.
[ 4 ] Auf diese Zusammenhänge möchte ich einleitend eben deshalb hinweisen, weil ja in der Gegenwart gefühlt werden kann, daß die Menschheit immer mehr und mehr nach Bewußtheit über all ihr Tun hinstrebt. Unsere ganze wissenschaftliche Entwicklung seit drei bis vier Jahrhunderten ist ja ein Hinausstreben aus gewissen mehr oder weniger undeutlichen, unklaren, wenn auch deshalb vielleicht in anderer Beziehung doch sicheren Vorstellungswelten, zu vollbewußten, klaren Vorstellungswelten. Wieviel auch noch fehlen mag in der Richtung des Ideals der naturwissenschaftlichen Erkenntnis — auf dem Wege, dieses Ideal in einer gewissen Weise auszugestalten befindet sich ja die Naturwissenschaft zweifellos; und sie hat sich eben durch ihre Anwendungen in der Technik auch äußerlich bewährt.
[ 4 ] I would like to point out these connections at the outset precisely because we can sense today that humanity is striving more and more toward awareness of all its actions. Our entire scientific development over the past three to four centuries has, after all, been a striving to move beyond certain more or less vague, unclear—though perhaps, in other respects, nevertheless reliable—worlds of ideas, toward fully conscious, clear worlds of ideas. However much may still be lacking in terms of the ideal of scientific knowledge—natural science is undoubtedly on the path to realizing this ideal in a certain way; and it has also proven itself externally through its applications in technology.
[ 5 ] Nicht in gleicher Weise, können wir sagen, ist diese Bewährung eingetreten in der sozialen Praxis. Dennoch aber ist gerade von sozial denkenden Leuten in der neueren Zeit geltend gemacht worden, man müsse auch das soziale Leben nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten durchforschen. Und die breiten Kreise des Proletariats — ich will jetzt keine Kritik üben, ich will nur charakterisieren — sind überzeugt davon, daß dasjenige, was sie als soziale Theorien predigen, durchaus auf wissenschaftlichen Untergründen beruhe. Am stolzesten auf die wissenschaftlichen Untergründe ist alles dasjenige, was aus der sozialen Lehre des Marxismus hervorgegangen ist. Das aber ist etwas, was auf der anderen Seite außerordentlich bedenklich machen müßte, denn die sozialen Zustände innerhalb des zivilisierten Lebens lehren heute schon, wie wenig diese soziale Praxis zu irgendeinem fruchtbaren Resultate führen kann. Sie kann nur dazu führen, daß auf dem Wege der sozialen Zerstörung immer weiter geschritten wird. Da muß doch gefragt werden: Worin liegt denn eigentlich das wahrscheinlich außerordentlich Fehlerhafte in der Übertragung der wissenschaftlichen Anschauungsweise auf die soziale Praxis?
[ 5 ] We might say that this validation has not occurred in the same way in social practice. Nevertheless, it has been argued in recent times, particularly by socially minded people, that social life, too, must be examined according to scientific criteria. And broad sections of the proletariat—I do not wish to offer criticism here, I merely wish to describe the situation—are convinced that what they preach as social theories is firmly grounded in scientific principles. Most proud of this scientific foundation are all those ideas that have emerged from the social doctrine of Marxism. But this is something that, on the other hand, should give cause for extraordinary concern, for social conditions within civilized life today already demonstrate how little this social practice can lead to any fruitful results. It can only lead to ever-further steps down the path of social destruction. One must therefore ask: What exactly is so profoundly flawed about applying the scientific perspective to social practice?
[ 6 ] Wenn man den Blick wirft auf das, was in der neueren Zeit wissenschaftliche Gesinnung geworden ist, so muß man sagen: Es wird gelten gelassen die empirische Methode. Diese empirische Methode, welche ja, um rationell zu werden, von der Empirie zum Experiment vorschreitet, hält sich an die äußere Erfahrung. Sie wendet auf diese äußere Erfahrung an eigentlich nur, was als die einzig wirkliche, erfahrungsfreie Wissenschaft angesehen wird: die mathematische Betrachtungsweise, Mathematik im weitesten Sinne. Man muß die Art und Weise, wie der Mensch zu den empirischen Tatsachen der Außenwelt kommt, die ihm durch die Sinne gegeben sind, auch durch die «bewaffneten» Sinne, wie er dann diese empirischen Tatsachen der Außenwelt registriert, kombiniert, wie er versucht, aus ihnen Gesetze zu begründen, die von der untersten Stufe des statistischen Ordnens bis zu den fast schon mathematisch auftretenden, zusammenfassenden Naturgesetzen gehen, streng vergleichen mit der Art und Weise, wie man zu den mathematischen Wahrheiten selbst kommt. Diese beruhen durchaus auf einer inneren Anschauung, auf einer inneren Konstruktion innerhalb des seelischen Lebens selber. Und durch dieses innere Konstruieren haben die mathematischen Erkenntnisse ihre Gewißheit. Diese wird nicht auf irgendeine induktive Weise gewonnen, sondern sie gilt durchaus als etwas, was der deduktiven Betrachtung unterliegt, so daß man sagen kann: Mathematik und alles dasjenige, was dazu gehört in der Mechanik, die Phoronomie und so weiter, ist durchaus etwas, was der Mensch aus seinem Seelenleben heraus selber aufbaut.
[ 6 ] If one considers what has come to be regarded as the scientific mindset in modern times, one must say: The empirical method is accepted. This empirical method, which—in order to become rational—progresses from empiricism to experimentation, adheres to external experience. It applies to this external experience, in essence, only what is regarded as the only true, non-empirical science: the mathematical approach—mathematics in the broadest sense. One must also consider the way in which a person arrives at the empirical facts of the external world, which are given to him through the senses—including the “armed” senses, how he then registers and combines these empirical facts of the external world, and how he attempts to derive laws from them—ranging from the lowest level of statistical classification to the almost mathematically abstract, general laws of nature—must be strictly compared with the way in which one arrives at mathematical truths themselves. These are based entirely on an inner intuition, on an inner construction within the life of the soul itself. And it is through this inner construction that mathematical insights derive their certainty. This certainty is not arrived at in any inductive manner, but is rather regarded as something subject to deductive reasoning, so that one can say: Mathematics and everything associated with it—in mechanics, phoronomy, and so on—is something that human beings construct themselves out of their own inner life.
[ 7 ] Nun ist es ja interessant, daß schon in der Morgenröte der neueren Wissenschaftsentwicklung diese Art und Weise, sich auf der einen Seite zur Empirie, auf der anderen Seite zur Mathematik zu stellen, nach einer ganz bestimmten Richtung hin charakterisiert worden ist, nämlich so, wie es am klarsten zutagetritt in der bekannten Kantischen Formel, daß eigentlich in jeder wirklichen Erkenntnis nur soviel Wissenschaft anzutreffen ist, als darin Mathematik ist. Und heute vernehmen wir ja noch immer, daß im Grunde genommen das wissenschaftliche Bestreben darin bestehen muß, die Naturerscheinungen zu einem Bilde zu vereinigen, das sich irgendwie mathematisch durchdringen, mathematisch beherrschen läßt; wir versuchen zum Beispiel, dadurch ein physikalisches Weltenbild zu gewinnen, das wir in einer gewissen Weise mathematisch-durchsichtig gestalten können. Also wir verfahren auf diesem Gebiete so, daß wir dasjenige, was wir in Beobachtungen oder Experimenten von der Außenwelt erhalten, durchdringen mit demjenigen, was aus dem Innern der Seele selber als eine in sich geschlossene, in sich lichtvolle, klare Wissenschaft aufgebaut werden kann.
[ 7 ] Now, it is indeed interesting that even at the dawn of modern scientific development, this approach—which positions itself toward empiricism on the one hand and mathematics on the other—was characterized in a very specific way, namely, as is most clearly expressed in Kant’s well-known formula: that in every true insight, there is actually only as much science as there is mathematics. And even today, we still hear that, fundamentally, the scientific endeavor must consist of unifying natural phenomena into a picture that can somehow be mathematically penetrated and mathematically mastered; we try, for example, to gain a physical worldview through this process, one that we can shape in a certain way to be mathematically transparent. Thus, in this field, we proceed by permeating what we receive from the external world through observations or experiments with that which can be built up from within the soul itself as a self-contained, luminous, and clear science.
[ 8 ] Diese Art und Weise, die Welt erkenntnismäßig zu behandeln, hat sich allmählich im modernen Bewufßtsein so eingebürgert, daß sie von vielen als die einzig mögliche angesehen wird. Und man eignete sich nach und nach, weil eben in der letzten Zeit die großen Fortschritte gerade nach der Richtung einer solchen Erkenntnis gemacht worden sind, ein Bewußtsein an, welches dahin ging, daß man sagte: So muß verfahren werden, so muß man forschen, so muß im Grunde genommen der Mensch sich verhalten auf der einen Seite zu demjenigen, was er aus seinem Innern zur Außenbeobachtung gibt, und auf der anderen Seite zu demjenigen, was ihm aus der Außenwelt entgegentritt. Man hat sich in einer gewissen Weise an diesem Forschen, an dieser Methode wissenschaftlich erzogen.
[ 8 ] This way of approaching the world through knowledge has gradually become so ingrained in modern consciousness that many regard it as the only possible one. And because, in recent times, great progress has been made precisely in the direction of such knowledge, people have gradually come to adopt a mindset that led them to say: This is how one must proceed, this is how one must conduct research; this is, in essence, how a person must relate, on the one hand, to what he brings from within himself to external observation, and, on the other hand, to what confronts him from the external world. In a certain sense, people have been scientifically educated in this method of research.
[ 9 ] Nun trat eben die Notwendigkeit an die neuere Menschheit heran, wissenschaftliche Art auch einzuführen in die Sozialwissenschaft und damit in die Art, wie man das soziale Leben erkennend beherrschen will. Man braucht nur an eine einzige Tatsache zu erinnern, um darauf hinzuweisen, welche Einseitigkeit damit aufgetreten ist. Am einseitigsten hat Karl Marx und seine Schule die Übertragung der Wissenschaftsgesinnung der neueren Zeit auf die soziale Technik, auf die soziale Praxis hingeführt. Und was ist dabei herausgekommen? Es ist hier nicht nötig, da ich nur eine Einleitung geben will, auf die besondere Art des Deduzierens der pseudowissenschaftlichen Methode des Marxismus einzugehen, aber hingewiesen werden muß darauf, welche Art von Ergebnissen dadurch gezeitigt worden sind. Es ist zum Glaubensbekenntnis geworden gerade aus diesen Untergründen heraus, daß man eigentlich, wenn man das Menschenleben in sozialer Beziehung betrachtet, zugeben muß, daß alles das, was im geschichtlichen Verlauf der Menschheit geschehen ist, sich erklären lassen muß aus den verschiedenen Formen der Produktionsvorgänge. Also die äußeren, materiellen Prozesse wurden zugrundegelegt; und dasjenige, was sich im Menschenleben entwickelt hat, was hervorging aus dem Seelischen des Menschen, was sich bildete durch Denkerisches und dergleichen, das wurde als eine, wie man sagte «Ideologie» hingenommen. So entstand der Glaube, man könne die soziale Praxis durchaus nicht aus irgendwelchen Ideen, aus irgendwelchen Impulsen des menschlichen Lebens formen, sondern man könne sie eigentlich nur durchschauen, indem man sich in die Institutionen, in den Produktionsprozeß selber einläßt, indem man also erkennend arbeite unmittelbar an der Umformung der Produktionsprozesse; dann werde sich dasjenige, was Inhalt der Ideologie ist, schon ergeben.
[ 9 ] Now, the need arose for modern humanity to introduce the scientific method into the social sciences as well—and thus into the way in which one seeks to understand and master social life. One need only recall a single fact to illustrate the one-sidedness that has resulted from this. Karl Marx and his school have taken the application of the modern scientific mindset to social technique and social practice to its most extreme. And what has come of it? Since I am only offering an introduction, it is not necessary here to delve into the specific mode of deduction characteristic of Marxism’s pseudoscientific method, but attention must be drawn to the kind of results this has produced. It has become a creed, precisely on this basis, that when one considers human life in social terms, one must admit that everything that has occurred in the course of human history can be explained by the various forms of production processes. Thus, the external, material processes were taken as the foundation; and that which developed in human life—that which arose from the human psyche, that which took shape through thought and the like—was accepted as what was called “ideology.” Thus arose the belief that social practice could by no means be shaped by any ideas or impulses of human life, but that it could actually only be understood by engaging with the institutions and the production process itself—that is, by working consciously and directly on the transformation of the production processes; then the content of ideology would naturally emerge.
[ 10 ] Man kann sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß durchaus das, was geltend gemacht worden ist als eine streng exakte Methode in der Naturwissenschaft, durch die wissenschaftliche Erziehung übertragen worden ist auf das soziale Gebiet und daß man dadurch auf diesem Gebiet dazu gekommen ist, den Menschen mit seinem Wollen, mit seinen Kräften, mit seinem ganzen Wesen aus dem historischen, aus dem sozialen Prozeß auszuschalten und als das Reale in diesem sozialen Prozeß nur die Produktionsweise, die materiellen Vorgänge anzusehen. Und heute stehen wir an einem sehr kritischen Wendepunkt der Zeit. Heute handelt es sich darum, auf vielen Gebieten unseres Zivilisationslebens vom Menschen aus gestaltend zu wirken in dem sozialen Leben. Und mit der geschilderten Anschauung läßt sich das nicht erreichen — nämlich mit einer Anschauung, die in demjenigen, was im Grunde aus dem menschlichen Innern hervorgeht, nur eine Ideologie, also nur eine Art Traum sieht. Mit einer solchen läßt sich nicht die Kraft finden, in das soziale Leben einzugreifen.
[ 10 ] It can be said, ladies and gentlemen, that what has been presented as a strictly exact method in the natural sciences has, through scientific education, been transferred to the social sphere, and that this has led to the tendency in this sphere to exclude human beings—with their will, his powers, and his entire being from the historical and social process, and to regard as the only reality in this social process the mode of production and material processes. And today we stand at a very critical turning point in history. Today, the task is to exert a formative influence on social life, starting from the human being, in many areas of our civilized existence. And this cannot be achieved with the view described above—namely, a view that sees what essentially springs from the human inner being as merely an ideology, that is, merely a kind of dream. With such a view, one cannot find the strength to intervene in social life.
[ 11 ] Es hat aber das, was sich heute aus der besonderen Artung moderner Wissenschaftlichkeit ergibt, eine Art Weltbedeutung. Und es obliegt einem, nachzudenken darüber, warum man im Stiche gelassen wird von dem, was der Mensch aus seinem Inneren heraus bewirken kann mit Bezug auf die soziale Praxis. Da muß angefangen werden nachzudenken darüber: Kann denn die naturwissenschaftliche Methode, die auf dem Gebiet der Naturwissenschaft ganz berechtigt ist, auch auf einem solchem Gebiet wie dem Gebiet der sozialen Praxis unmittelbar angewendet werden? Das ist eine Frage, die heute nicht nur als eine wissenschaftliche, sondern die als eine große Menschheitsfrage vor uns steht, die aber doch in einer gewissen Art erst wissenschaftlich wird gelöst werden müssen. Denn alles hängt davon ab, sich klar zu werden darüber, ob die Methoden, die wir in der Naturwissenschaft heute anwenden, in sich abgeschlossen sind, oder ob sie in irgendeiner Weise so entwicklungsfähig sind, daß wir dann auch die Möglichkeit gewinnen, in einer einheitlichen Weise aus wissenschaftlichem Geiste heraus auf der einen Seite Naturerkenntnis zu treiben, auf der anderen Seite aber auch eine soziale Erkenntnis zu haben, die den Menschen umfaßt, nicht bloß die Produktionsprozesse, und die sich dann ebenso erweitern kann zu einer sozialen Technik, zu einer sozialen Praxis, wie sich die Naturerkenntnis erweitert hat zu einer mechanistischen Praxis und Technik.
[ 11 ] However, what arises today from the distinctive nature of modern scientific thought has a kind of global significance. And it is up to us to reflect on why we are let down by what human beings can bring about from within themselves with regard to social practice. We must begin by asking: Can the scientific method—which is entirely justified in the realm of the natural sciences—also be directly applied to a field such as social practice? This is a question that confronts us today not only as a scientific one but as a major question for humanity—one that, however, must first be resolved scientifically in a certain sense. For everything depends on clarifying whether the methods we apply in the natural sciences today are self-contained, or whether they are capable of development in such a way that we then also gain the possibility to pursue, in a unified manner and in the spirit of science, on the one hand, knowledge of nature, and on the other hand, a social understanding that encompasses human beings—not merely production processes—and that can then expand just as knowledge of nature has expanded into mechanistic practice and technology.
[ 12 ] So hängen die wissenschaftlichen Fragen, wie anthroposophische Geisteswissenschaft meint, mit dem ganzen Leben unserer Zeit zusammen. Und es glaubt diese Geisteswissenschaft, damit herauszusprechen aus den unmittelbarsten Bedürfnissen unserer Zeit. Sie glaubt aber auch, daß es unmöglich ist, auf eine andere Weise den Weg zu finden aus den Wirrnissen der Zeit heraus, als dadurch, daß man in das Wesen des wissenschaftlichen Lebens selber eindringt.
[ 12 ] Thus, as anthroposophical spiritual science holds, scientific questions are connected to the whole of life in our time. And this spiritual science believes it is thus giving voice to the most immediate needs of our time. However, it also believes that it is impossible to find a way out of the turmoil of our times in any other way than by penetrating into the very essence of scientific life itself.
[ 13 ] Und da entsteht die große Frage: Gibt es Möglichkeiten, sich noch in anderer Art der Wirklichkeit gegenüberzustellen, als dadurch, daß man nach dem Muster der mathematischen Entwicklung sein Seelenleben ausgestaltet und es dann auf die empirische Wirklichkeit anwendet? Da ist es eben, wo die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einsetzt mit ihrer Methodologie, wo sie einsetzt so, daß sie fragt: Ist es nur möglich, aus dem Innern des Menschen heraus das zu gewinnen, was sich in den anerkannten mathematischen Formeln ausdrückt? Oder ist es möglich, noch ganz anderes aus dem Innern des Menschen heraus zu gewinnen als dasjenige, was der Inhalt der heutigen Mathematik ist? — Das ist eben das erste methodologische Ergebnis anthroposophischer Geisteswissenschaft, daß man nicht nur Mathematik herausgestalten kann aus der menschlichen Seele, sondern noch andere Seelenerlebnisse. Und von diesen anderen Seelenerlebnissen unterscheidet die anthroposophische Geisteswissenschaft drei Stufen. Dasjenige, was mathematische Gebilde sind, ist im Grunde genommen, insbesondere seiner Qualität nach, eigentlich schon Geisteswissenschaft; man erkennt sie nur nicht als solche. Was dann folgt, ist das, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» genannt habe die Imagination. Damit ist nicht ein phantastischer Inhalt gemeint, sondern das Herausgestalten eines Seeleninhaltes, der genau in derselben Weise rein innerlich aus der menschlichen Seele gewonnen ist wie der mathematische Gehalt, der aber nun nicht bloß formal ist wie der mathematische, sondern der selber inhaltsvoll ist, der in einer anderen Weise sich zur Wirklichkeit stellt als der mathematische Inhalt.
[ 13 ] And this raises the big question: Are there ways to engage with reality other than by structuring one’s inner life according to the pattern of mathematical development and then applying it to empirical reality? This is precisely where the anthroposophically oriented spiritual science referred to here comes into play with its methodology—where it begins by asking: Is it only possible to draw from within the human being what is expressed in recognized mathematical formulas? Or is it possible to draw something entirely different from within the human being than what constitutes the content of modern mathematics? — This is precisely the first methodological finding of anthroposophical spiritual science: that one can draw not only mathematics but also other soul experiences from the human soul. And within these other soul experiences, anthroposophical spiritual science distinguishes three levels. What constitutes mathematical structures is, in essence—and particularly in terms of its quality—already spiritual science; it is simply not recognized as such. What follows is what I have called “imagination” in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* This does not refer to a fantastical content, but rather to the shaping of a soul content that is derived purely inwardly from the human soul in exactly the same way as mathematical content, but which is not merely formal like the mathematical content; rather, it is itself rich in content and relates to reality in a different way than mathematical content.
[ 14 ] Ich nenne das, was da gewissermaßen als eine höhere Stufe, als eine inhaltsvollere Mathematik aus dem Innern der Seele gewonnen wird, aus dem Grunde Imagination, weil, wenn man sich in den mathematischen Inhalt vertieft, man im Mathematischen keinen Seinsgehalt hat; der Seinsgehalt muß den mathematischen Formeln von der Empirie, von außen her gegeben werden. In demjenigen, was in unserem Bewußtsein präsent ist mit den mathematischen Formeln, hat man keinen Seinsgehalt. Das hat für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft seine tiefe Berechtigung. Wenn wir in der mathematisch-empirischen Betrachtungsweise den Seinsgehalt schon vom Innern her dieser Außenwelt, die uns in der sinnlichen Beobachtung vorliegt, entgegenbringen würden, dann würden wir diese Außenwelt nicht erleben können. Wir würden sie nicht durchsichtig finden. Dieses Sein, das wir der Außenwelt zuschreiben, das ist uns nur dadurch gegeben, daß wir in dem, was wir methodisch dieser Außenwelt entgegenbringen, keinen Seinsgehalt haben, sondern daß wir uns bewußt sind, daß wir ihr nur einen Bildinhalt entgegenbringen. Wer sich einmal klar ist gerade über diesen Bildcharakter des Mathematischen, der wird in ihm das besonders Charakteristische finden in der naturwissenschaftlichen Methode der Gegenwart.
[ 14 ] I call what is, in a sense, a higher level—a more substantial mathematics derived from within the soul—“imagination” for the following reason: when one delves into mathematical content, one finds no substance of being within mathematics; the content of being must be supplied to the mathematical formulas from empiricism, from the outside. In what is present in our consciousness along with the mathematical formulas, there is no content of being. This has its profound justification in ordinary life and in ordinary science. If, in the mathematical-empirical approach, we were to bring the content of being from within to this external world that presents itself to us in sensory observation, then we would not be able to experience this external world. We would not find it transparent. This being that we attribute to the external world is given to us only because, in what we methodically bring to bear on this external world, we have no substance of being, but rather because we are aware that we are bringing only an image to it. Anyone who is clear about precisely this image-like character of mathematics will find in it the particularly distinctive feature of the contemporary scientific method.
[ 15 ] In dem Augenblick, wo an die Geisteswissenschaft herangetreten wird, bleibt man nicht stehen bei der besonderen Seelenverfassung, die man durch Vererbung, durch Erziehung sich errungen hat und die man dann auch in der gewöhnlichen Wissenschaft anwendet. Man schreitet weiter in der Entwicklung der Seele. Man holt aus der Seele die in ihr latenten Kräfte heraus. Der ganze Vorgang ist subjektiv kein anderer als derjenige, der sich ergibt, wenn man in dem Zeitpunkte, in dem man noch nichts von irgendeiner mathematischen Anschauung in der Seele hat, übergeht zu demjenigen, wo sich die Seele erfüllt mit mathematischen Anschauungen, mit Verhältnissen von Figuren und so weiter. Rein innerlich, qualitativ genommen ist diese Seelenentwicklung, die durch die hier gemeinte anthroposophisch orientierte mit Geisteswissenschaft angestrebt wird, eben durchaus nichts anderes als eine Weiterführung des Prozesses, der sich vollzieht, wenn man aus dem nicht mit Mathematik erfüllten Bewußtsein in das mathematik-erfüllte Bewußtsein übergeht. Dieser Prozeß wird fortgebilder.
[ 15 ] The moment one approaches spiritual science, one does not remain stuck in the particular state of mind that one has acquired through heredity and upbringing—and which one then applies in ordinary science as well. One proceeds further in the development of the soul. One draws out the latent powers within the soul. Subjectively, this entire process is no different from what occurs when, at a point in time when one has no mathematical concepts in the soul, one transitions to a state where the soul is filled with mathematical concepts, with relationships between figures, and so on. Purely inwardly, considered qualitatively, this development of the soul—which is sought through the anthroposophically oriented spiritual science referred to here—is, in fact, nothing other than a continuation of the process that takes place when one transitions from a consciousness not filled with mathematics to a consciousness filled with mathematics. This process is further developed.
[ 16 ] Aber wenn man diesen Prozeß fortbildet, dann stellt sich etwas sehr Gewichtiges ein. Man erkennt: Nur in diesen eigentümlichen Gebilden, die wir als Mathematik im weitesten Sinne zusammenfassen können, ist es möglich, rein formal zu erleben. Es gibt kein anderes Gebiet innerhalb dessen, was unser gewöhnliches Bewußtsein erreichen kann, wo wir rein formal erleben können, als die Mathematik. Wenn daher dieser Prozeß weitergebildet wird über die Mathematik hinaus zu demjenigen, was ich die erste höhere Stufe der Erkenntnis nenne, dann tritt das ein, daß wir nicht mehr bloß formal, nicht mehr bloß bildhaft erleben, sondern daß wir in dem Erleben selber Seinsgehalt haben, wie wir Seinsgehalt haben, wenn wir Hunger oder Durst spüren oder wenn wir einen Willensimpuls, der auch verknüpft ist mit irgendeinem organischen Vorgang, in uns entwickeln. Wir können also nicht den Prozeß in der Entstehung mathematischer Gebilde über dieses Entstehen mathematischer Gebilde hinaus ausdehnen, ohne daß wir in das Sein eintreten. Dann aber vollzieht sich in polarischer Weise das, daß wir in demselben Maße, in dem wir im innerlichen Leben in das Sein hineingehen, im Bewußtsein präsent von diesem Sein nur Bilder haben. Deshalb nenne ich dieses Bewußtsein das imaginative Bewußtsein.
[ 16 ] But if one takes this process a step further, something very significant emerges. One realizes: Only within these peculiar constructs—which we can collectively refer to as mathematics in the broadest sense—is it possible to experience something purely formally. There is no other realm within the scope of our ordinary consciousness where we can experience things purely formally other than mathematics. Therefore, when this process is extended beyond mathematics to what I call the first higher stage of knowledge, then what happens is that we no longer experience merely formally, no longer merely pictorially, but rather that we have a content of being within the experience itself, just as we have a content of being when we feel hunger or thirst, or when we develop within ourselves a volitional impulse that is also linked to some organic process. We cannot, therefore, extend the process of the emergence of mathematical structures beyond this very emergence without entering into Being. But then the following occurs in a polar manner: to the very extent that we enter into Being in our inner life, we have only images of this Being present in our consciousness. That is why I call this consciousness “imaginative consciousness.”
[ 17 ] Wenn wir uns mathematisch zur Umwelt verhalten, so ist, möchte ich sagen, ein völliges Gleichgewicht vorhanden zwischen dem, was uns von außen als Sein entgegentritt, und dem, was im Innern als bloßes Bild auftritt. Und es ist sogar in dem besonderen Verhalten des Hin- und Hergehens zwischen der äußeren Anschauung und der inneren Konstruktion, in diesem Hin- und Hergehen zwischen der Empfindung der Außenwelt und ihrem Durchgeistigen mit den konstruierten mathematischen Gebilden, etwas wie ein geistiger Prozeß, etwas von Systole und Diastole vorhanden. Dasjenige, was uns von außen entgegentritt, das bringt uns das Sein. Was von innen aus der Außenwelt entgegengebracht wird, das bringt uns die lichtvolle Durchdringung des Seins. Und wir würden auf diesem Gebiete — das ergibt eine einfache Überlegung über den Erkenntnisvorgang — das Gefühl bekommen, wir umfaßten nicht das Sein, wenn wir von innen mit den mathematisch erzeugten Gebilden selber ein Sein in die Welt hinaustragen würden. Es würde gewissermaßen Sein von innen mit Sein von außen zusammenschlagen, und das gäbe etwas, was dem Bewußtsein dunkel bliebe. Es würde sich nicht der volle Gehalt der Außenwelt mathematisch lichtvoll durchdringen lassen.
[ 17 ] When we approach the environment mathematically, I would say there is a complete balance between what confronts us from the outside as being and what appears within us as a mere image. And there is even, in the particular back-and-forth movement between external observation and internal construction—in this back-and-forth between the perception of the external world and its spiritualization through constructed mathematical forms—something akin to a spiritual process, something of systole and diastole. That which confronts us from the outside brings us Being. What is brought forth from within in response to the external world brings us the luminous permeation of Being. And in this realm—as a simple reflection on the process of cognition reveals—we would have the feeling that we do not encompass Being if, from within, we ourselves were to project a Being out into the world through the mathematically generated constructs. In a sense, it would fuse Being from within with Being from without, and this would result in something that would remain obscure to consciousness. The full content of the external world could not be mathematically permeated with light.
[ 18 ] In demselben Moment, wo wir aufsteigen zu einer höheren Erkenntnis, erleben wir allerdings das Sein im Innern. Dafür wird demjenigen, was im Bewußtsein präsent wird, Bildcharakter aufgedrückt. Aber wir erleben eben das Sein im Innern. Wir wissen, daß die Bilder, die wir erleben, durchaus objektiv sind, weil wir jetzt zwar das Sein nicht als äußeren Inhalt der Bilder unmittelbar erleben und deshalb wissen, daß unsere Bilder nicht Träume, nicht Phantasien sind, sondern daß sie der adäquate Ausdruck einer Wirklichkeit sind, die wir nur seelenhaft erleben können. Das heißt, wir erheben uns, indem wir eine solche Fortsetzung unseres inneren Seelenprozesses durchmachen, von der Betrachtung der sinnlichen Welt zur Anschauung der übersinnlichen Welt. Wir kommen in der Tat auf diese Weise in eine Welt hinein, die wir auf keine andere Art vor unser Bewußtsein hinstellen können.
[ 18 ] At the very moment we ascend to a higher level of knowledge, however, we experience Being within ourselves. In this process, what becomes present in consciousness takes on the character of an image. But we are, in fact, experiencing Being within ourselves. We know that the images we experience are entirely objective, because although we do not now directly experience Being as the external content of the images, we therefore know that our images are not dreams or fantasies, but rather that they are the adequate expression of a reality that we can experience only through the soul. This means that, by undergoing such a continuation of our inner soul process, we rise from the observation of the sensory world to the contemplation of the supersensory world. In this way, we do indeed enter a world that we cannot bring before our consciousness in any other way.
[ 19 ] Die erste Stufe der imaginativen Erkenntnis gibt uns die Möglichkeit, eine neue Welt vor unser Bewußtsein hinzustellen, die wir — zum Unterschied von der Welt, die wir gewöhnlich vor uns haben, die wir auch in der gewöhnlichen Wissenschaft vor uns haben — nur innerlich erleben, von der wir aber wissen, daß durch das Bild, das wir objektiv vor unser Bewußtsein hingestellt finden, wir eine Offenbarung des Seins haben.
[ 19 ] The first stage of imaginative insight gives us the ability to place a new world before our consciousness—one that, unlike the world we usually have before us, including the one we encounter in conventional science, we experience only inwardly; yet we know that through the image we find objectively set before our consciousness, we have a revelation of being.
[ 20 ] So konnte ich wenigstens mit einigen Strichen zeigen, worauf die Erkenntnismethode beruht, durch die die Geisteswissenschaft eindringen will in die Welten, die der gewöhnlichen Wissenschaft nicht gegeben sind. Dieser sind sie nicht gegeben, weil in einem gewissen Sinne richtig ist, daß in ihr nur so viel Wissenschaftliches ist, als Mathematik in ihr ist. Damit ist aber in ihr nur dasjenige enthalten, was wir im Seelenleben als Bildhaftes haben können, was selber keine Realität ist. In dem Augenblick, wo wir eine Erkenntnis suchen, trotzdem wir unsere eigene Realität auslöschen, wird, was in unserem Bewußtsein präsent wird, als Objekt bildhaft, während früher das Subjektive bildhaft war. In unserem Verkehr mit dem Bilde wird die Realität erlebt. Und es handelt sich jetzt nur darum, wie wir in diesen Erkenntnisprozeß ebenso die Möglichkeit hineinbringen, uns in ihm frei zu bewegen, wie wir sie in dem gewöhnlichen äußeren, empirischen Erkenntnisprozeß haben, wo wir unsere Beobachtungen so machen, wie es unseren Intentionen entspricht, wo wir unsere Versuchsanordnungen so gestalten, wie wir es zweckmäßig finden, um dieses oder jenes Resultat zu ergründen und so weiter. Würde der Geistesforscher nur stehenbleiben bei der Entwicklung der Imagination, so würde ja nur das in ihm sein, daß er eine Realität erlebt, die sich ihm in einem Bilde darstellt, aber er würde diese imaginative Welt, zu der er sich erhoben hat, nicht beherrschen können. Diese Welt, die sich darstellt in den Imaginationen, die erobert man sich dadurch, daß man sich durch Methoden, die wahrhaftig schwerer sind als die Methoden der Laboratoriumsforschung oder astronomischen Forschung, im Innern der Seele in ganz intimer Weise weiterbringt.
[ 20 ] Thus I was at least able to sketch out, in a few strokes, the basis of the method of knowledge through which spiritual science seeks to penetrate the worlds that are inaccessible to ordinary science. They are inaccessible to ordinary science because, in a certain sense, it is true that there is no more scientific content in it than there is mathematics. But this means that it contains only what we can experience in our inner life as imagery—which is not reality in and of itself. The moment we seek knowledge, even as we set aside our own reality, what becomes present in our consciousness takes on an image-like quality as an object, whereas previously it was the subjective aspect that was image-like. Reality is experienced in our interaction with the image. And the question now is simply how we can introduce into this process of knowledge the same freedom of movement that we have in the ordinary, external, empirical process of knowledge—where we make our observations in accordance with our intentions, where we design our experimental setups as we deem appropriate to investigate this or that result, and so on. If the spiritual researcher were to stop at the development of imagination, then all that would remain within him would be the experience of a reality that presents itself to him in an image; but he would not be able to master this imaginative world to which he has risen. This world, which presents itself in the imaginations, is mastered by advancing in a very intimate way within the soul through methods that are truly more difficult than those of laboratory research or astronomical research.
[ 21 ] [bis hier ist der Text von Rudolf Steiner korrigiert worden]
[ 21 ] [The text up to this point has been corrected by Rudolf Steiner]
[ 22 ] Das Elementare davon möchte ich heute andeuten. Das Genauere finden Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern.
[ 22 ] Today I would like to touch on the basics of this. You can find more detailed information in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, in my *Secret Science*, and in other books.
[ 23 ] Man versucht, dasjenige, was beim gewöhnlichen Erkennen naturgemäß in uns sich abspielt, in die menschliche Willkür hineinzubekommen. Indem wir die Tatsachen der Natur verfolgen, indem wir uns den Dingen der Natur hingeben, bilden wir uns von ihnen Vorstellungen. Diese Vorstellungen gewinnen Dauer, aber eine in gewisser Weise modifizierte Dauer. Wir können uns an unsere Erlebnisse erinnern. Wir können uns Vorstellungen bilden von dem, was unsere Erlebnisse waren. Ich bitte zu beachten, meine sehr verehrten Anwesenden, wie ich diesen Satz gestaltet habe. Auf dem Gebiet der anthroposophischen Geisteswissenschaft muß man sehr genau sprechen und seine Sätze sehr genau gestalten.
[ 23 ] We attempt to incorporate into human volition that which naturally takes place within us during ordinary perception. By observing the facts of nature, by immersing ourselves in the things of nature, we form concepts of them. These ideas take on a lasting quality, but a lasting quality that is, in a certain sense, modified. We can remember our experiences. We can form ideas of what our experiences were. I ask you to note, my esteemed audience, how I have phrased this sentence. In the field of anthroposophical spiritual science, one must speak very precisely and formulate one’s sentences very precisely.
[ 24 ] Die heutige Psychologie redet so, als ob eine Vorstellung, die man gefaßt hat an einem Erlebnis, irgendwie herunterspazieren würde in irgendwelche seelischen Untergründe und wiederum heraufspazieren würde, wenn man sich erinnert. Das ist vor einer genaueren Seelenbeobachtung durchaus nicht haltbar, sondern da liegt etwas ganz anderes vor. Wenn man den Prozeß beobachtet, durch den man auf eine äußere Sinneswahrnehmung hin eine Vorstellung gewinnt, und wenn man das beobachtet, was da im Innern der Seele vor sich geht, dann tritt das Gleiche, nur polarisch gewendet, ein. [Man kann das beobachten], wenn man nun wiederum denjenigen inneren Vorgang — der allerdings unbestimmt ist, den man aber allmählich als Geistesforscher fassen lernt —, wenn man den inneren Vorgang, der sich abspielt vor einer Erinnerung, in seiner Gestaltung zur Vorstellung verfolgt. Die Vorstellung im Erinnern bildet sich aus einem inneren Prozeß auf genau dieselbe Weise heraus, wie sich bei der äußeren Wahrnehmung die Vorstellung bildet am äußeren Sinneswahrnehmungsprozeß. Die Vorstellungen als solche sind in der Zwischenzeit nicht da; sie wandern nicht in unsere Seele hinunter und wieder hinauf ins Bewußtsein, sondern es wird tatsächlich auf dieselbe Weise erinnert wie bei der äußeren Wahrnehmung, nur auf dem Wege von innen herauf, während bei der äußeren Wahrnehmung vorgestellt wird auf dem Wege von außen nach innen. Aber wir gelangen in einer gewissen Weise dazu, dasjenige, was vorübergehendes Erlebnis war, dauernd zu machen. Dieser Prozeß wird sorgfältig methodisch exakt umgeformt durch eine gewisse Konzentration und Meditation, die nur lange genug und intensiv genug angewendet werden muß auf das intime Leben der Seele. Dann gestaltet sich dieses Leben der Seele so, daß die Imagination, imaginatives Erkennen in sie eintreten kann. Die Umgestaltung geschieht dadurch, daß man nun aus voll bewußtem Willen heraus leicht überschaubare Vorstellungen in den Mittelpunkt des Bewußtseins rückt, also solche Vorstellungen, die ganz überschaubar sind, so daß sich keine Reminiszenzen bilden können, die aus Unter- oder Unbewußtem herauf solche Wirkungen geben können. Und dadurch, daß man den Vorstellungen Dauer verleiht und sich auf die dauernde Vorstellung konzentriert, wird das fortgebildet, was sonst nur in der Kraft des Erinnerns lebt; es wird umgebildet zu einer höheren Kraft, die imaginative Kraft wird. Und diese Kraft muß man beherrschen, um in dieser Erkenntnisstufe etwas zu haben, zu dem man sich als Mensch ebenso verhalten kann, wie man sich sonst im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft als Mensch zur Umwelt verhält. Dann ist es notwendig, daß man noch etwas anderes in seine Willkür hereinbekommt: die Vorstellung wiederum zu unterdrücken, wiederum aus dem Bewußtsein herauszuschicken.
[ 24 ] Contemporary psychology speaks as if a mental image formed from an experience somehow “walks down” into some sort of psychological depths and then “walks back up” when one recalls it. This is by no means tenable upon closer observation of the soul; rather, something entirely different is at work. When one observes the process by which one forms a mental image in response to an external sensory perception, and when one observes what is taking place within the soul, the same thing occurs, only in reverse. [One can observe this] when one traces the inner process—which is, admittedly, indefinite, but which one gradually learns to grasp as a researcher of the spirit—when one follows the inner process that takes place before a memory, in its development into a mental image. The mental image in recollection arises from an inner process in exactly the same way that, in external perception, the mental image arises from the external sensory perception process. The images as such are not present in the meantime; they do not travel down into our soul and back up into consciousness, but rather we actually remember in the same way as in external perception, only by moving upward from within, whereas in external perception, the image is formed by moving from the outside in. But in a certain sense, we come to make what was a fleeting experience into something lasting. This process is carefully, methodically, and precisely transformed through a certain kind of concentration and meditation, which must be applied long enough and intensely enough to the inner life of the soul. Then this life of the soul takes on a form that allows imagination—imaginative cognition—to enter it. The transformation occurs when, out of fully conscious will, one brings clearly comprehensible mental images into the center of consciousness—that is, images that are entirely clear and comprehensible, so that no reminiscences can form that might produce such effects arising from the subconscious or unconscious. And by giving these images duration and concentrating on the enduring image, what otherwise lives only in the power of memory is further developed; it is transformed into a higher power, which becomes the power of imagination. And one must master this power in order to have, at this stage of insight, something to which one can relate as a human being in the same way that one otherwise relates to one’s surroundings as a human being in ordinary life and in ordinary science. Then it is necessary to introduce something else into one’s will: to suppress the image once again, to send it out of consciousness once more.
[ 25 ] Dadurch, daß man dazu kommt, in absoluter Beherrschung des inneren Seelenvorganges die Vorstellung dauernd zu machen, dann die Vorstellung abzubrechen, das Bewußtsein leer zu lassen, und diesen Übergang praktiziert — erfülltes Bewußtsein, leeres Bewußtsein, erfülltes Bewußtsein, leeres Bewußtsein —, dadurch, meine sehr verehrten Anwesenden, steigt man auf zu dem, was dann inspirierte Vorstellung genannt werden kann. Stoßen Sie sich nicht an den Worten; eine Terminologie muß man haben, es ist nichts anderes gemeint, als das, was ich charakterisiere, ich will damit nicht anknüpfen an irgendwelche abergläubische Vorstellungen. Diese inspirierte Vorstellung ergibt dann für die menschliche Innenerkenntnis schon ein ganz bedeutsames Resultat, während man in der Imagination nur das als Ergebnis hat, daß man den Strom des menschlichen Lebens, den man durchgemacht hat von derjenigen Zeit angefangen, bis zu der man sich zurückerinnern kann, wie etwas gegenwärtig Vorhandenes zurückverfolgen kann. Man hat ein Tableau seines ganzen bisherigen Erlebens vor sich. Dasjenige, was sonst ein Strom ist, aus dem nur wie Wellen die Erinnerungen auftauchen, das ist nun ein einheitliches Ganzes: Das ist das erste Ergebnis der Imagination.
[ 25 ] By coming to the point where, with absolute mastery over the inner workings of the soul, one can continuously form a mental image, then interrupt that image, leave the consciousness empty, and practice this transition—fulfilled consciousness, empty consciousness, fulfilled consciousness, empty consciousness— in this way, my esteemed audience, one ascends to what can then be called inspired imagination. Do not take offense at the words; one must have terminology, and nothing else is meant than what I am describing—I do not intend to tie this to any superstitious notions. This inspired intuition then yields a very significant result for human inner knowledge, whereas in imagination the only result is that one can trace the stream of human life one has lived—from the earliest time one can remember—as something that is present now. One has before one a tableau of one’s entire life experience to date. What is otherwise a stream from which memories emerge only like waves is now a unified whole: this is the first result of imagination.
[ 26 ] Das Ergebnis der zweiten, der höheren Erkenntnisstufe, die sich auf dem Wege entwickelt, wie ich es eben dargestellt habe, das ist die Erkenntnis des Ewigen in unserer Seele, des wirklich Ewigen in unserer Seele, das durch Geburten und Tode geht. Um sich in der Welt des Übersinnlichen ebenso frei zu orientieren wie man sich orientiert in der sinnlichen Empirie, muß man zu dieser Vorstellung aufsteigen. Und jetzt ist man in der Lage, auch die Imagination, durch die man eine höhere Welt erkennt, beliebig zu haben, sie wiederum zu unterdrücken und dadurch Vorgänge in dieser höheren Welt wirklich zu beobachten. Geradesowenig wie jemand äußerlich beobachten kann, der seine Augen nicht umher bewegen könnte und nur starr den Blick auf etwas richten würde, geradesowenig würde jemand in der übersinnlichen Welt beobachten können, wenn er nur imaginieren kann und nicht auslöschen kann durch Willkür die Imaginationen. Hier ist es ein Bewegen der Sinnesorgane, die gleichsam hingleiten über die äußere Welt, in der äußeren Empirie; in den höheren Welten ist es die Ruhe der Seele, aber die Beweglichkeit des Äußeren, der Imaginationen selber, die uns die Orientierung in dieser übersinnlichen Welt vermitteln.
[ 26 ] The result of the second, higher level of knowledge—which develops along the path I have just described—is the recognition of the eternal within our soul, the truly eternal within our soul, which passes through births and deaths. In order to navigate the world of the supersensible just as freely as one navigates the world of sensory experience, one must rise to this level of understanding. And now one is in a position to freely engage the imagination—through which one perceives a higher world—or to suppress it, and thereby truly observe processes in this higher world. Just as someone who could not move their eyes around and would only stare fixedly at something cannot observe the external world, so too could no one observe the supersensible world if they could only imagine and could not arbitrarily suppress those imaginations. Here, it is the movement of the sense organs, which, as it were, glide over the external world, in external empiricism; in the higher worlds, it is the stillness of the soul, but the mobility of the external—of the imaginations themselves—that provides us with orientation in this supersensible world.
[ 27 ] Die dritte Stufe der übersinnlichen Welterkenntnis ist das, was ich im wahren Sinne des Wortes die Intuition nenne - nicht in dem gewöhnlichen, verworrenen Sinne. Diese Intuition wird dadurch erreicht, daß der Mensch ein vollständiges Bewußtsein sich nun auch von dem verschafft, was ihn dann erfüllt, wenn er die Imaginationen ausgelöscht hat, wenn er also ein leeres Bewußtsein hergestellt hat. Man kann nicht, wenn man das getan hat, zu gleicher Zeit einen Inhalt haben, selbstverständlich nicht, aber das, was eintritt, ist, daß man nachher, wenn man wiederum zur Imagination zurückkehrt, den Inhalt mitnimmt, den man erlebt hat im leeren Bewußtsein. Merken Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, wie sich nun der Inhalt der übersinnlichen Welten gewissermaßen aus dem Subjektiven nach dem Objektiven wendet. Erst hat man die Imagination, man erlebt ein Sein, und dieses Sein tritt einem adäquat im Bilde vor das Bewußtsein. Man weiß, daß das das adäquate Bild ist, aber das Sein selbst wird nicht präsent im Bewußtsein. In der Inspiration lernt man sich orientieren, aber es wird noch immer nicht das Sein präsent im Bewußtsein. Jetzt, in der Intuition, tritt das, was man erlebt hat - auch wenn das Bewußtsein nicht ein Sein unmittelbar erlebt hat, aber die Seele ein Sein in Realität erlebt hat —, jetzt tritt das, was während des leeren Bewußtseins da war, auch auf, wenn man die Imagination wieder hat. Das heißt: Dasjenige übersinnliche Sein, in dem man ja objektiv war, das tritt in das Subjektive herein. In der Intuition hat man tatsächlich subjektiv präsent die objektive, übersinnliche Seinswelt.
[ 27 ] The third stage of supersensible knowledge of the world is what I call intuition in the true sense of the word—not in the ordinary, confused sense. This intuition is achieved when a person gains complete awareness of what fills them once they have extinguished their imaginations—that is, once they have created an empty state of consciousness. Once one has done this, one cannot—of course not—have a content at the same time; but what happens is that afterward, when one returns to imagination, one carries with one the content one experienced in the empty state of consciousness. Do you see, my esteemed audience, how the content of the supersensible worlds now turns, as it were, from the subjective to the objective? First one has imagination; one experiences a being, and this being appears adequately before one’s consciousness in the form of an image. One knows that this is the adequate image, but the being itself does not become present in consciousness. In inspiration, one learns to orient oneself, but the Being still does not become present in consciousness. Now, in intuition—even though consciousness has not directly experienced a Being, but the soul has experienced a Being in reality—what was present during the state of empty consciousness also appears when one returns to imagination. This means: that supersensible Being in which one was, objectively speaking, now enters into the subjective realm. In intuition, one actually has the objective, supersensible world of Being subjectively present.
[ 28 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eine Charakteristik, wie hineingeschritten wird in diese übersinnliche Welt. Sie sehen aus dieser Darstellung — die ja natürlich nur skizzenhaft sein kann und für diejenigen, die mit der Sache durch die Literatur noch nicht bekannt sind, gewiß nur etwas Anregendes, nicht etwas Überzeugendes haben kann —, Sie sehen daraus wenigstens, daß es sich dabei wirklich nicht um beliebige Phantastereien einiger Querköpfe handelt oder um irgendwelche Suggestionen, die innerhalb einer Sekte verbreitet werden, sondern daß es sich handelt um scharf umrissene Prozesse, die in der Seele vollzogen werden, um Prozesse, die erlebbar sind, um durch sie in eine andere Wirklichkeit hineinzukommen, als diejenige ist, die man im gewöhnlichen Leben vor sich hat. Dadurch aber, meine sehr verehrten Anwesenden, sieht man ja durch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft im menschlichen Leben sich entwickeln eine Beziehung des Subjektiven zum Objektiven, und zwar zum ObjektivÜbersinnlichen, das in ebenso scharfer Weise definiert ist, wie in der mathematischen Wissenschaft der Bezug zwischen dem, was innerlich mathematisch nur formal ausgebildet wird, und demjenigen, was in der Empirie als Sein gegeben ist und beleuchtet wird durch die Mathematik. Sie sehen also: Derselbe Prozeß, durch den zum Beispiel die naturwissenschaftlichen Theoretiker, die die Naturwissenschaft für etwas so Sicheres halten, daß sie sagen: Es ist in der Naturerkenntnis nur so viel Wissenschaftliches, als Mathematik darinnen ist —, dieser selbe Wissenschaftsprozess wird durch anthroposophische Geisteswissenschaft zur Grundlage genommen und nur entsprechend weiter ausgebildet.
[ 28 ] That, my esteemed audience, is a description of how one enters this supersensible world. From this description—which, of course, can only be sketchy and, for those who are not yet familiar with the subject through the literature, can certainly serve only as a source of inspiration rather than a source of conviction— you can at least see from it that this is truly not a matter of arbitrary fantasies of a few mavericks or of some suggestions spread within a sect, but rather that it involves sharply defined processes that take place in the soul, processes that can be experienced, enabling one to enter into a reality other than the one one encounters in ordinary life. Through this, however, my esteemed audience, one can see how this anthroposophically oriented spiritual science reveals a relationship developing in human life between the subjective and the objective—specifically, the objective supersensible, which is defined just as precisely as the relationship in mathematical science between what is internally formed mathematically only in a formal sense, and that which is given as being in empirical reality and is illuminated by mathematics. So you see: The very same process through which, for example, theoretical natural scientists—who consider natural science to be so certain that they say, “There is only as much that is scientific in the knowledge of nature as there is mathematics in it”—this very same scientific process is taken as a foundation by anthroposophical spiritual science and developed further accordingly.
[ 29 ] Und das zeigt uns, meine sehr verehrten Anwesenden, daß wir in die Lage kommen können, nicht nur die Wirklichkeit, welche das äußere Reich der Natur umfaßt, erkennend zu durchdringen, sondern auch andere Wirklichkeiten. Und da der Mensch einer anderen Wirklichkeit als der Naturwirklichkeit entspringt, so kann er auch nicht verstanden werden, und es kann auch nicht ausgebildet werden irgendeine Praxis, die sich auf das Leben des Menschen selber bezieht, wenn man nur eine Wissenschaft hat, die sich auf die Natur bezieht.
[ 29 ] And this shows us, ladies and gentlemen, that we can come to a position where we can penetrate not only the reality that encompasses the external realm of nature, but also other realities. And since human beings originate from a reality other than that of nature, they cannot be understood, nor can any practice relating to human life itself be developed, if one possesses only a science that relates to nature.
[ 30 ] Dann aber, wenn man eine Wissenschaft hat, die sich auf den geistigen Inhalt der Welt bezieht — und das ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft —, dann hat man damit eine Grundlage gegeben auch zum Verständnis desjenigen, was seelisch und was geistig im Menschen ist. Damit hat man eine Wissenschaft, die von sich aus übergehen kann zu einer sozialen Praxis, zu einer — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — sozialen Technik, so wie die gewöhnliche Naturwissenschaft übergeht von der Wissenschaft zur äußeren Mechanik oder Technik, zur Praxis. Daher glaubt diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, daß auch für eine Soziologie, für eine Sozialwissenschaft, für das soziale Wirken Impulse nur gefunden werden können, wenn zu gleicher Zeit der Weg gesucht wird aus der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methode heraus in die geisteswissenschaftliche Methode. Man möchte sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, eine wirkliche Soziologie, eine wirkliche soziale Wissenschaft wird erst geschaffen werden können, wenn man diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft suchen wird. Da sehen wir die Weltbedeutung dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.
[ 30 ] But once we have a science that relates to the spiritual content of the world—and that is anthroposophically oriented spiritual science—we have thereby laid the foundation for understanding what is psychically and what is spiritually present in human beings. This provides a science that can, of its own accord, transition into social practice, into—if I may use the term—social technology, just as conventional natural science transitions from science to external mechanics or technology, to practice. Therefore, this anthroposophically oriented spiritual science believes that impulses for sociology, for the social sciences, and for social action can only be found if, at the same time, the path is sought from the conventional scientific method toward the spiritual scientific method. One might say, ladies and gentlemen, that a true sociology, a true social science, can only be created if one seeks this anthroposophically oriented spiritual science. Therein we see the global significance of this anthroposophically oriented spiritual science.
[ 31 ] Aber über eines müssen wir uns klar sein: Wenn man einmal diese geisteswissenschaftliche Methode handhaben gelernt hat, so ist damit zugleich eine gewisse Fortsetzung der Naturwissenschaft selber gegeben. Daher werden nicht nur die Geisteswissenschaften, die ja sämtlich unter der einseitigen modernen wissenschaftlichen Methodik leiden, eine Befruchtung erfahren, sondern es werden durchaus auch die Naturwissenschaften selbst eine Befruchtung erfahren können. Denn seien wir uns nur klar darüber: Man kann in der Morgenröte der neueren Zeit fast mit Händen greifen, wie diese besondere Art, sich mathematisch zur Welt zu stellen, entstanden ist.
[ 31 ] But we must be clear about one thing: Once one has learned to apply this humanities-based method, it simultaneously represents a certain continuation of the natural sciences themselves. Consequently, not only will the humanities—which all suffer from one-sided modern scientific methodology—be enriched, but the natural sciences themselves will also be able to benefit from this enrichment. For let us be clear about this: in the dawn of modern times, one can almost touch with one’s hands the way in which this particular mathematical approach to the world came into being.
[ 32 ] Wer die wissenschaftliche Entwicklung früherer Jahrhunderte wirklich kennt, der weiß, daß eigentlich immer mehr und mehr die Mathematik sich auch als im inneren Bewußtsein des Menschen liegend entwickelt hat; es ist nicht ganz genau der Zeitpunkt anzugeben, allein wenigstens approximativ. Wenn wir bis zu Galilei zurückgehen, dann finden wir ungefähr den Zeitpunkt, wo im Bewußtsein der europäischen wissenschaftlichen Menschheit das gesonderte mathematische Bild sich losgelöst hat von dem Inhalt, mit dem es früher noch gewissermaßen synthetisch verbunden war. In dem Beobachtungsobjekt hatte man den mathematischen Inhalt und den empirischen Seinsinhalt. Das mathematische Denken hat sich erst nach und nach herausgelöst, langsam und allmählich; in den Elementen war es auch schon früher da, aber besonders stark hat es sich losgelöst mit der Entdeckung der Fallgesetze in der Galilei-Zeit und durch dasjenige, was Galilei selber als die Gesetze des Pendels gefunden hat.
[ 32 ] Anyone who is truly familiar with the scientific development of earlier centuries knows that, in fact, mathematics has increasingly developed as something rooted in human consciousness; it is not possible to pinpoint the exact moment, but at least an approximate one can be identified. If we go back to Galileo, we find roughly the point in time when, in the consciousness of the European scientific community, the distinct mathematical image became detached from the content with which it had previously been, so to speak, synthetically connected. The object of observation contained both mathematical content and empirical content. Mathematical thinking only gradually separated itself, slowly and step by step; it was already present in the elements earlier on, but it became particularly distinct with the discovery of the laws of falling bodies in Galileo’s time and through what Galileo himself discovered as the laws of the pendulum.
[ 33 ] Wenn man das ganze Verhältnis zwischen Mathematik und Empirie, wie es in der damaligen Zeit auftrat, ins Auge faßt, dann sagt man sich: Es ist ja, so wie heute der Mensch ein Bewußtsein von dem inneren Zusammenhang hat, eigentlich erst in der neuesten Zeit der Menschheitsentwicklung zu dieser Bildfähigkeit des mathematischen Inhalts gekommen. Früher waren wir mehr mit dem sinnlichen Inhalt verknüpft. Sie werden, wenn Sie Aristoteles und die griechischen Denker ansehen, noch ungesondert den sinnlich-physischen Inhalt von dem mathematischen Inhalt finden. In meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» finden Sie das für das Begriffssystem des Menschen überhaupt dargestellt.
[ 33 ] When one considers the entire relationship between mathematics and empiricism as it presented itself at that time, one realizes: Just as people today have an awareness of the inner connection, it is actually only in the most recent period of human development that humanity has attained this capacity to visualize mathematical content. In the past, we were more closely linked to sensory content. If you look at Aristotle and the Greek thinkers, you will still find the sensory-physical content and the mathematical content intermingled. In my book *The Riddles of Philosophy*, you will find this presented in relation to the human conceptual system as a whole.
[ 34 ] Wir haben seit Galileis Zeit eine bestimmte Entwicklung durchgemacht, und diese Entwicklung zeigt sich heute in zweierlei: Erstens strebt die Menschheit wie durch einen unbestimmten Instinkt über das Mathematische hinaus, und sie gelangt zu allerlei über-euklidischen Geometrien und dergleichen. Sie möchte das Mathematische losgerissen vom empirischen Inhalt rein innerlich weiter fortbilden. Man kann heute sogar schon genau bemerken, wo das Mathematische anstößt an das Wirkliche. Das ist zum Beispiel in der synthetischen, in der projektiven Geometrie der Fall. Aber zugleich sehen wir, wie der Mensch gewissermaßen richtungslos wird, indem er zwar den Drang hat, das Mathematische weiter auszubilden, aber nicht weiß, daß, wenn man es losreißt von jenem strengen Wechselverhältnis mit der sinnlichen Empirie, man leicht in das Bodenlose hineinkommt — wenn man es nicht umwandelt zu Imagination und Inspiration. Und wir sehen heute in der wissenschaftlichen Entwicklung diesen Prozeß des Hypermathematischen, der mathematischen Hypertrophie möchte ich sagen, namentlich in der Relativitätstheorie Einsteins und seiner Anhänger vor uns. Da wird die Mathematik aus einem Instinkt heraus losgelöst von dem, was wirklich Systole und Diastole ist oder sich wenigstens damit vergleichen läßt. Und dadurch kommt man zu einem Richtungslosen; man kommt dazu, Theorien aufzubauen, welche zeigen, daß man dazu gekommen ist, nicht mehr wirklichkeitsgemäß zu arbeiten, sondern daß man zu weit geht in diesem Seelenentwickeln zum Mathematischen hin, daß man übertreibt, daß man noch in den Punkten mathematisch sein lassen will, was eigentlich in Imagination, Inspiration und Intuition übergehen sollte.
[ 34 ] Since Galileo’s time, we have undergone a certain development, and this development manifests itself in two ways today: First, humanity, as if driven by an indefinable instinct, strives beyond mathematics, arriving at all manner of non-Euclidean geometries and the like. It seeks to develop mathematics further in a purely internal way, detached from its empirical content. Today, one can even clearly discern where mathematics comes into conflict with reality. This is the case, for example, in synthetic and projective geometry. But at the same time, we see how human beings become, so to speak, directionless: although they have the urge to further develop mathematics, they do not realize that if one tears it away from that strict interrelationship with sensory experience, one easily falls into the abyss—unless one transforms it into imagination and inspiration. And today, in scientific development, we see this process of the hypermathematical—mathematical hypertrophy, I might say—unfolding before us, particularly in the theory of relativity of Einstein and his followers. There, mathematics is detached, out of an instinct, from what is truly systole and diastole, or at least from what can be compared to them. And as a result, one arrives at a state of aimlessness; one ends up constructing theories that show that one has come to work no longer in accordance with reality, but that one is going too far in this development of the soul toward the mathematical, that one is exaggerating, that one still wants to keep certain aspects mathematical when they should actually transition into imagination, inspiration, and intuition.
[ 35 ] Gerade an solcher Einseitigkeit sieht man, meine sehr verehrten Anwesenden, wie in unserer Zeit durchaus schon die Reife da ist, über die bloß mathematische Wissenschaft hinauszugehen, wie aber der Mensch gewissermaßen in einer Art von geistigem Beharrungsvermögen die Richtung fortsetzt, die zu solchen Triumphen in der mathematischen Behandlung der Natur geführt hat, über die Grenze hinaus, wo Mathematik möglich ist. Er überläßt sich dem geistigen Trägheitsgesetz, er metamorphosiert nicht dasjenige, was im Mathematischen erlebt wird, zum Imaginativen, wodurch er nicht mehr durch das, was innerlich ausgestaltet wird, die gewöhnliche empirische Wirklichkeit erfaßt, sondern eine übersinnliche, geistige Wirklichkeit. Wir sind heute auf dem Punkte, wo wir uns auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft besinnen müssen, wie wir Mathematik anzuwenden haben, aber auch wie wir die Natur mit Imagination, Inspiration, Intuition zu durchdringen haben. Und wir sind an dem Punkte, wo die Weltentwicklung mit Notwendigkeit streng eine wissenschaftliche Methode fordert, die auch in die soziale Praxis, in das soziale Leben der Menschen eindringen kann.
[ 35 ] It is precisely in such one-sidedness, my esteemed audience, that one sees how, in our time, the maturity to go beyond mere mathematical science is certainly already present; yet how humanity, in a sort of intellectual inertia, continues along the path that has led to such triumphs in the mathematical treatment of nature—beyond the boundary where mathematics is possible. He surrenders to the law of intellectual inertia; he does not transform what is experienced mathematically into the imaginative, whereby he no longer grasps ordinary empirical reality through what is internally formed, but rather a supersensory, spiritual reality. Today we have reached the point where, even in the realm of the natural sciences, we must reflect on how we are to apply mathematics, but also on how we are to penetrate nature with imagination, inspiration, and intuition. And we have reached the point where the development of the world necessarily demands a rigorous scientific method that can also penetrate social practice and the social life of human beings.
[ 36 ] Daher, meine sehr verehrten Anwesenden, hat die anthroposophische Richtung, welche ich nun schon seit vielen Jahren auch hier in Stuttgart vertreten darf, ihr Augenmerk darauf gerichtet, nicht bloß irgendwie Beziehungen herzustellen zu der einen Seite des Lebens, zur Vertiefung in das rein Geistige, sondern sie hat es sich angelegen sein lassen, hineinzuarbeiten in die einzelnen wissenschaftlichen Gebiete. Und davon möchte ich Ihnen eben Proben geben.
[ 36 ] Therefore, ladies and gentlemen, the anthroposophical movement—which I have had the privilege of representing here in Stuttgart for many years now—has focused not merely on establishing some kind of connection with one aspect of life, namely a deepening into the purely spiritual, but has made it a priority to engage with the individual scientific fields. And I would like to provide you with some examples of this.
[ 37 ] Im Vortrag morgen möchte ich Proben davon geben, wie befruchtend diese Geisteswissenschaft wirken kann auf dem Gebiete der unorganischen und der organischen Naturwissenschaft. Bis in das MedizinischTherapeutische hinein versucht die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sich mit der Naturwissenschaft nicht nur auseinanderzusetzen, sondern die naturwissenschaftlichen Tatsachen aufzunehmen, um sie durch neue Methoden zu befruchten und dadurch etwas für die Menschheit zu schaffen, was noch hinausführen kann über die bloß mechanistische Technik, in der wir es so weit gebracht haben in der neueren Zeit. In diesem zweiten Vortrag möchte ich zeigen, wie im Psychologisch-Historischen, in alle dem, was das eigentlich Menschliche selber anbetrifft, die Geisteswissenschaft erst eine wirkliche Seelenkunde schaffen muß, eine wirkliche Völkerkunde, auch eine wirkliche Jurisprudenz.
[ 37 ] In tomorrow’s lecture, I would like to provide examples of how enriching this spiritual science can be in the fields of inorganic and organic natural science. Even in the realm of medicine and therapy, anthroposophically oriented spiritual science seeks not only to engage with the natural sciences but also to incorporate scientific facts in order to enrich them through new methods and thereby create something for humanity that can lead beyond the purely mechanistic technology to which we have progressed in modern times. In this second lecture, I would like to show how, in the psychological-historical realm—in everything that pertains to what is truly human—spiritual science must first create a genuine science of the soul, a genuine ethnology, and also a genuine jurisprudence.
[ 38 ] Im dritten Vortrag möchte ich dann zeigen, wie diese Geisteswissenschaft dazu berufen ist, tatsächlich dasjenige auch auszuführen, was fadengezeichnet ist in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ich möchte das zeigen, was befruchtend wirken soll im sozialen Tun, im sozialen Wollen selber, was soziale Impulse schafft dadurch, daß wir erfüllt werden durch die Geisteswissenschaft nicht nur von Ideen, die gewissermaßen kontemplativ sich der Natur hingeben, sondern von solchen Ideen, die selbst zu Lebenskräften werden, damit sie den Menschen wie mit Seelenblut durchdringen, wenn er in das soziale Leben eingreift. Und zum Schluß will ich zeigen, wie das religiöse, das ethische Leben befruchtet wird, und wie das ethische Leben als der höchste Ausfluß, die höchste Blüte des sozialen Lebens erscheinen kann dadurch, daß der Mensch sich nicht bloß mit abstrakten Ideen oder mit unbestimmten Impulsen erfüllt, sondern mit Ideen, die Leben in ihm gewinnen, die ihn innerlich lichtvoll so durchdringen, daß er mit starken Kräften dann auch in das soziale Leben eingreifen kann.
[ 38 ] In the third lecture, I would like to show how this spiritual science is called upon to actually carry out what is outlined in my book *The Key Points of the Social Question*. I would like to demonstrate what is meant to have a fertilizing effect on social action and on social will itself—what creates social impulses by ensuring that spiritual science fills us not only with ideas that, in a sense, contemplatively surrender to nature, but with ideas that themselves become life forces, so that they permeate human beings like the blood of the soul when they engage in social life. And finally, I want to show how religious and ethical life are enriched, and how ethical life can appear as the highest outflow, the highest flowering of social life, because the human being is filled not merely with abstract ideas or vague impulses, but with ideas that come to life within him, that permeate him so radiantly from within that he can then intervene in social life with powerful forces.
[ 39 ] Wenigstens skizzenhaft möchte ich Ihnen den Weg zeigen, den man beschreiten kann von der Naturwissenschaft hinauf zu den Geisteswissenschaften, namentlich in Soziologie und Ethik. Gerade durch diese Vorträge kann gezeigt werden, daß wirklich mit wissenschaftlichem Ernst, mit einer Methode, die durchaus ebenso gewissenhaft, ebenso erfüllt von Verantwortlichkeitsgefühl der Welt und der Menschheit entgegentritt wie die anderen Wissenschaften, durch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dem Leben der gegenwärtigen Zivilisation gedient werden kann durch eine Befruchtung aller einzelnen Fachwissenschaften.
[ 39 ] I would like to show you, at least in broad strokes, the path one can take from the natural sciences up to the humanities, specifically in sociology and ethics. It is precisely through these lectures that it can be shown that this anthroposophically oriented human science—with genuine scientific rigor and a method that approaches the world and humanity just as conscientiously and with just as deep a sense of responsibility as the other sciences—can serve the life of contemporary civilization by enriching all the individual disciplines.
