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Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a

12 January 1921, Dornach

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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
  1. Fachwissenschaften und Anthroposophie

12. Proben für die Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften II

12. Essays on the Relationship Between the Humanities and the Individual Sciences II

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, von denen wir heute auszugehen haben, können aus dem Grunde in den Mittelpunkt gerückt werden, weil das Nachfolgende dadurch beleuchtet werden kann. Zunächst wird es scheinen, als ob das heutige Thema wenig zu tun hätte mit der Absicht, Beziehungen herzustellen zwischen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis und dem praktischen Leben; aber die Dinge würden gewissermaßen zu stark in der Luft hängen, wenn wir nicht übergehen würden zu denjenigen Dingen, die uns in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Betrachtungen führen können. Und dieser Mittelpunkt wissenschaftlicher Betrachtung steht ja heute so vor uns, daß er eigentlich von der gebräuchlichen Wissenschaft ausgeschaltet wird. Denn man muß sich doch gestehen: Sieht der Mensch die Natur an, versucht er aus seinen Anschauungen die Natur zu erkennen, dann ist er bei all diesen Anschauungen dabei; der Erkenntnisprozeß fließt ab unter seiner unmittelbaren Anteilnahme, er kann sich gewissermaßen nicht ausschalten. Und erst wenn man seine Anteilnahme kennengelernt hat, wird man in der Lage sein, das in der richtigen Weise anzuschauen, was man im Sinne heutiger Betrachtungsweise gerne ganz absondern möchte vom Menschen, nämlich diejenigen Erscheinungen, aus denen man, wie man sagt, ein «objektives Weltenbild» aufbauen will. Man will ja heute, um zu einem physikalischen Weltbild zu kommen, durchaus vom Menschen ganz absehen; man will das Ideal erreichen, daß der Mensch nichts von sich selbst in das physikalische Weltbild hineintrage. Um aber ein solches Ideal zu erfüllen, muß ja zuerst die Frage entschieden werden, inwieweit der Mensch imstande ist, die Phänomene ganz abgesondert von sich selbst zu betrachten. Und auf der anderen Seite handelt es sich darum, daß, gerade wenn der Mensch betrachtet wird im Geiste der heutigen wissenschaftlichen Anschauung, man gar nicht umhin kann, dasjenige, was man nun aus dieser Naturanschauung gewonnen hat und was scheinbar ganz unabhängig vom Menschen dastehen soll, wiederum auf den Menschen anzuwenden. Es ist ja heute fast durchweg üblich geworden, auch psychologische Betrachtungen, Betrachtungen über das menschliche Seelenleben, dadurch einzuleiten, daß man rein naturwissenschaftlich erkundete Resultate vorausschickt. Ja, man betrachtet sogar dasjenige, was man als solche physiologischen Ergebnisse der Psychologie vorausschicken kann, als das Wesentliche. Damit aber bringt man dasjenige, dem man doch selbst erst die Bestimmung gegeben hat, es solle in seiner GesetzmäBigkeit unabhängig vom Menschen untersucht werden, selbst wieder in die Untersuchungen über den Menschen herein. Und es ist dann kein Wunder, daß auch psychologische Untersuchungen an Grenzen kommen, die im höchsten Grade unbefriedigend sein müssen. Das ist gewohnheitsgemäß so geworden in der wissenschaftlichen Betrachtung. Man kann aber auch sagen, daß durch diese Denkgewohnheiten der Mensch im Grunde ganz ausgeschaltet worden ist aus der Weltbetrachtung. Wir können sagen, daß zum Beispiel das Ideal astronomischer Betrachtungsweise darin besteht, möglichst bei dem stehenzubleiben, was sich ausdrükken läßt durch Messen, Zählen und dergleichen. Es ist das physikalische Ideal auch auf die Astronomie übertragen worden, und man versucht zu Vorstellungen zu kommen über die Beziehungen der Weltenkörper, in die man dann auch die Erde einbezieht, und schaltet dabei den Menschen völlig aus. Das ist ja ganz offensichtlich für den, der heute die wissenschaftliche Betrachtungsweise auf diesem Gebiete ins Auge faßt. Man betrachtet ihn gar nicht in irgendeinem Zusammenhang mit demjenigen, was man sonst als Gesetzmäßigkeit untersucht.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! The spiritual-scientific considerations from which we must proceed today can be placed at the center of our discussion because they shed light on what follows. At first, it may seem as though today’s topic has little to do with the aim of establishing connections between spiritual scientific insight and practical life; but things would, so to speak, remain too much up in the air if we did not turn to those matters that can lead us to the heart of scientific inquiry. And this focal point of scientific inquiry stands before us today in such a way that it is, in fact, excluded by conventional science. For one must admit: when a person observes nature and attempts to understand it through his perceptions, he is fully engaged in all these perceptions; the process of cognition unfolds under his immediate participation—he cannot, so to speak, step aside. And only when one has become aware of this involvement will one be able to view in the proper way that which, in the spirit of today’s approach, one would like to separate entirely from the human being—namely, those phenomena from which, as they say, one wishes to construct an “objective worldview.” After all, in order to arrive at a physical worldview today, one wants to disregard human beings entirely; one seeks to achieve the ideal in which human beings do not introduce anything of themselves into the physical worldview. But in order to fulfill such an ideal, the question must first be settled as to what extent human beings are capable of observing phenomena entirely apart from themselves. On the other hand, the issue is that, precisely when human beings are viewed in the spirit of today’s scientific worldview, one cannot help but apply to human beings once again what has been derived from this view of nature—which is supposed to stand entirely independent of human beings. After all, it has become almost universal practice today to introduce even psychological considerations—reflections on human mental life—by first presenting findings derived purely from the natural sciences. Indeed, what can be presented as such physiological findings in psychology is even regarded as the essential point. But in doing so, one reintroduces into the study of human beings precisely that which one had originally designated to be investigated in terms of its laws independently of human beings. And it is then no wonder that psychological investigations, too, reach limits that must be highly unsatisfactory. This has become the customary practice in scientific inquiry. But one could also say that, through these habits of thought, the human being has essentially been entirely excluded from the view of the world. We can say, for example, that the ideal of the astronomical approach consists in limiting oneself as much as possible to what can be expressed through measurement, counting, and the like. The physical ideal has also been applied to astronomy, and attempts are made to arrive at conceptions of the relationships between celestial bodies—including the Earth—while completely excluding human beings from this process. This is quite obvious to anyone who considers the scientific approach in this field today. Humanity is not regarded at all in any connection with what is otherwise investigated as a law of nature.

[ 2 ] In der Physik ist es ja ganz üblich und vielleicht sogar selbstverständlich — wir werden dann in späteren Vorträgen sehen, inwiefern selbstverständlich —, daß der Mensch ausgeschaltet wird. Man kommt dann über die Chemie zu den mehr organischen Wissenschaften, die dann ja gipfeln sollen in der Biologie und in der speziellen Anthropologie. Aber gerade da hat ja die Betrachtungsweise des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr das Bestreben gehabt, zu untersuchen durch alle möglichen auf diesem Gebiete ja sehr anerkennenswerte Methoden, wie die eine Tierform aus der anderen Tierform sich herausentwickelt, wie sich die einfachsten Tierformen vervollkommnen — wenn man den Ausdruck im relativen Sinne gebraucht, darf man ihn ja wohl gebrauchen —, wie dann an der Spitze der Tierformen der Mensch betrachtet werden kann.

[ 2 ] In physics, it is quite common—and perhaps even taken for granted (we will see in later lectures to what extent this is the case)—that human beings are excluded from consideration. From there, one moves through chemistry to the more organic sciences, which are then supposed to culminate in biology and specialized anthropology. But it is precisely here that the 19th-century approach increasingly sought to investigate—using all manner of methods that are indeed highly commendable in this field—how one animal form evolves from another, how the simplest animal forms become more perfect — if one uses the term in a relative sense, one may well use it —, and how humans can then be regarded as the pinnacle of animal forms.

[ 3 ] Aber es liegt in alle dem, was da aufgetreten ist als Entwicklungsgeschichte, als Deszendenztheorie das Bestreben, den Menschen dadurch zu begreifen, daß man nur ja recht gut die Gesetzmäßigkeiten des tierischen Lebens verstehen lernt, daß man dann anwendet diejenigen Gesetzmäßigkeiten, die man im tierischen Leben gefunden hat, auf das Leben des Menschen, sich diese Gesetzmäßigkeiten in einer gewissen Weise modifiziert denkt, um den Menschen zu begreifen. Auf einem speziellen Gebiet hat das ja dazu geführt, die Untersuchungen am tierischen Organismus geradezu als ausschlaggebend zu betrachten auch für den Menschen. So sehr man sich vielleicht auch klar ist darüber, daß da allerlei theoretische Einwände gemacht werden müssen — man betrachtet doch dasjenige, was man in bezug auf biologische Wahrheiten durch das Tierexperiment gewinnt, in einer gewissen Weise ganz als bindend auch für den Menschen. Man betrachtet in den Grundlagen der Therapie das, was man durch das Tierexperiment gewinnt, als das Ausschlaggebende in einem gewissen Sinne auch für dasjenige, was man dann im Menschen anerkennen will. Gerade auf diesem Gebiet zeigt sich ganz deutlich, wie man dadurch, daß man glaubt, der tierischen Organisation nahezukommen, vermeint, auch der menschlichen Organisation nahekommen zu können, nur durch eine gewisse Modifikation der Ergebnisse.

[ 3 ] But inherent in everything that has occurred as a history of development as the theory of descent, lies the endeavor to understand human beings by first learning to understand the laws of animal life very well, then applying those laws found in animal life to human life, and conceiving of these laws in a certain modified way in order to understand human beings. In one specific field, this has indeed led to the view that research on animal organisms is virtually decisive for humans as well. No matter how clearly one may realize that all sorts of theoretical objections must be raised—one nevertheless regards what is gained through animal experimentation with regard to biological truths as, in a certain sense, entirely binding for humans as well. In the fundamentals of therapy, what is gained through animal experimentation is regarded as decisive, in a certain sense, even for what one then seeks to recognize in human beings. It is precisely in this field that it becomes very clear how, by believing one is approaching the animal organism, one assumes one can also approach the human organism—merely through a certain modification of the results.

[ 4 ] Genau dasselbe, nur in entsprechender Weise für ein Gebiet modifiziert, hat sich auf dem nationalökonomischen Feld ergeben. Da haben wir schon seit Adam Smith Theorien, die eigentlich den Menschen als solchen nicht als soziales Objekt betrachten. Es wird ganz davon abgesehen, daß der Mensch in seiner Totalität innerhalb der sozialen Ordnung steht, und es wird eigentlich nicht der Mensch betrachtet, sondern der Mensch, insofern er «Besitzer» ist, als «Privateigentümer» und so weiter. Der Mensch wird nicht betrachtet als freies Wesen, insofern die Freiheit aus dem Zentrum seiner Natur herausfließt, sondern es wird nur betrachtet dasjenige, was man nennt die «wirtschaftliche Freiheit». Wir sehen also auch da den Menschen als solchen aus der Betrachtungsweise ausgeschaltet. Und man kann in dieser Ausschaltung des Menschen nichts anderes sehen als einen Grundzug der ganzen neueren Wissenschaftlichkeit.

[ 4 ] Exactly the same thing, only modified accordingly for a specific field, has emerged in the field of economics. Ever since Adam Smith, we have had theories that do not actually regard human beings as such as social entities. It is completely disregarded that human beings, in their totality, are part of the social order; and what is actually considered is not the human being per se, but the human being insofar as he is an “owner,” a “private owner,” and so on. Human beings are not regarded as free beings, insofar as freedom flows from the very core of their nature, but only what is called “economic freedom” is considered. Thus, here too, we see human beings as such excluded from the field of consideration. And one can see nothing else in this exclusion of human beings but a fundamental trait of the entire modern scientific approach.

[ 5 ] Nun fragt es sich, ob man denn, wenn man hintendiert zu einer solchen Ausschaltung des Menschen, dadurch kommen könne zu einer irgendwie bedeutsamen, irgendwie befriedigenden oder die Wirklichkeit treffenden Charakteristik des außermenschlichen Weltbildes, das sich in der anorganischen Naturwissenschaft zum Beispiel darbietet. Um dieses in der richtigen Weise zu beleuchten, ist es notwendig, daß wir nicht unmittelbar, sondern mittelbar auf das Gebiet der anorganischen Naturwissenschaft zu sprechen kommen und heute uns bekannt machen mit dem Weg, der zu einer solchen unbefangenen Besprechung führen kann.

[ 5 ] The question now arises as to whether, if one tends toward such an exclusion of the human, one can thereby arrive at a characterization of the non-human worldview—as presented, for example, in inorganic natural science—that is in any way meaningful, in any way satisfying, or true to reality. To shed light on this properly, it is necessary that we approach the field of inorganic natural science not directly but indirectly, and that we familiarize ourselves today with the path that can lead to such an unbiased discussion.

[ 6 ] Ich will ausgehen von einem Gebiet, das ja besonders charakteristisch ist, weil es demjenigen, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, die ganze Diskrepanz zeigt zwischen einer wirklichkeitsgemäßen Anschauung und einer solchen Anschauung, die aus allerlei theoretischen Voraussetzungen heraus konstruiert ist und trotzdem glaubt, gerade die Wirklichkeit zu treffen. Wie gesagt, dieses Gebiet ist besonders charakteristisch, weil es auf der einen Seite diese Diskrepanz zeigt und auf der anderen Seite zeigt, wie weit entfernt eigentlich die heutige gewöhnliche Wissenschaftsbetrachtung von dem ist, was die hier gemeinte Geisteswissenschaft sein will und wodurch Geisteswissenschaft die einzelnen Fachwissenschaften befruchten will. Ich meine das Gebiet der Optik, insbesondere das Gebiet der Farbenlehre. Man wird ja heute selbstverständlich sofort als wissenschaftlicher Dilettant abgetan, wenn man aufmerksam macht auf die Frage, ob die Goethesche Farbenlehre eine Berechtigung habe oder diejenige Farbenlehre, die heute die von der Physik anerkannte ist. Nun, das Wesentliche bei der Sache ist ja dieses, daß Goethe niemals auch nur irgendeine wissenschaftliche Untersuchung machen wollte, ohne den Menschen in das ganze Weltengefüge hineinzustellen. Er will nicht eine vom Menschen abgesonderte wissenschaftliche Untersuchung machen; er rückt daher auch alles Experimentieren mit den Farben an den Menschen selber heran.

[ 6 ] I want to begin with an area that is particularly characteristic because it reveals to those grounded in spiritual science the full discrepancy between a view that corresponds to reality and a view that is constructed from all sorts of theoretical assumptions yet nevertheless believes it captures reality itself. As I said, this field is particularly characteristic because, on the one hand, it reveals this discrepancy and, on the other hand, it shows just how far removed today’s conventional scientific perspective actually is from what spiritual science—as understood here—aspires to be, and through which spiritual science seeks to enrich the individual specialized sciences. I am referring to the field of optics, in particular the study of color. Today, of course, one is immediately dismissed as a scientific dilettante if one draws attention to the question of whether Goethe’s theory of color is valid or whether it is the theory of color recognized by physics today that is valid. Well, the essential point here is that Goethe never wanted to conduct any scientific investigation whatsoever without placing the human being within the entire fabric of the world. He does not wish to conduct scientific research in isolation from the human being; therefore, he also brings all experimentation with colors into direct relation to the human being himself.

[ 7 ] Unsere gegenwärtige Weltanschauung, wie sie sich in den Wissenschaften ausspricht — und es ist, wie wir noch sehen werden, durchaus Weltanschauung, die sich in den Wissenschaften ausspricht, wenn das auch öfter geleugnet wird —, diejenige Weltanschauung, die sich heute in den Wissenschaften ausspricht, sie ist ja weit abgekommen von den Wegen, die gerade Goethe vorgezeichnet hat, der ja auf diesem Gebiet eigentlich als Dilettant angesehen wird von den sogenannten Fachleuten. Ich habe versucht, gerade dasjenige, worauf es bei einer Würdigung Goethes in wissenschaftlicher Beziehung ankommt, in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners Nationalliteratur zum Ausdruck zu bringen diese besondere Strömung wissenschaftlichen Arbeitens, wie sie Goethe eingeschlagen hat. Diese besondere Strömung ist eigentlich gegenwärtig versiegt. Dagegen wird die wissenschaftliche Betrachtungsweise der Gegenwart — die ja insbesondere tüchtig ist auf dem Gebiet der anorganischen Naturwissenschaften und auf all den Gebieten, wo das Anorganische in das Organische herübergenommen werden kann —, die Goethesche Anschauungsweise verpönen. Dafür fußt sie ganz und gar auf dem, was die Naturwissenschaft durch solche Anschauungen geworden ist, wie etwa die Newtonschen sind. Wenn auch Newtons Anschauungen selbst in vieler Beziehung überholt sind, so muß man doch sagen: Die Art und Weise des Forschens, sie ist von den Newtonschen Anschauungen durchaus abhängig. Und so hat auch die Goethesche Farbenlehre keine Fortsetzung erfahren in unserer anerkannten Wissenschaft, sondern nur die Newtonsche.

[ 7 ] Our current worldview, as expressed in the sciences—and, as we shall see, it is indeed a worldview that finds expression in the sciences, even if this is often denied— the worldview that is expressed in the sciences today has strayed far from the paths laid out by Goethe himself, who is, after all, regarded in this field as little more than a dilettante by the so-called experts. I have attempted, in my introductions to Goethe’s scientific writings in Kürschner’s *Nationalliteratur*, to express precisely what is essential to a scientific appreciation of Goethe—this particular current of scientific work as pursued by Goethe. This particular current has, in fact, now dried up. In contrast, the contemporary scientific approach—which is particularly effective in the field of inorganic natural sciences and in all areas where the inorganic can be applied to the organic—disapproves of the Goethean perspective. Instead, it is based entirely on what natural science has become through views such as those of Newton. Even if Newton’s views themselves are outdated in many respects, one must still say: the very method of research is entirely dependent on Newtonian views. And so Goethe’s theory of colors has found no continuation in our established science, but only the Newtonian one.

[ 8 ] Nun möchte ich heute gewissermaßen aphoristisch von verschiedenen Punkten her in das hineinführen, was uns dann weiterbringen kann.

[ 8 ] Today, I would like to offer a sort of aphoristic introduction, approaching the topic from various angles, to help us move forward.

[ 9 ] In Goethes Sinn handelt es sich bei der Farbenlehre durchaus darum, die Betrachtung der Farben im Zusammenhang mit demjenigen anzustellen, was im menschlichen Organismus selber vorgeht. Sie brauchen ja nur die Goethesche Farbenlehre aufzuschlagen, und Sie werden sehen, daß Goethe zunächst ausgeht von den physiologischen Farben, von dem Verhalten des Auges, das er aber im Grunde genommen anders betrachtet, mit einer anderen Einstellung betrachtet, möchte man sagen, als man es heute tut. Heute betrachtet man das Auge eigentlich so, daß man es sich herausgenommen denkt aus dem ganzen menschlichen Organismus, daß man es gewissermaßen aussondert von diesem Organismus, daß man es als einen optischen Apparat betrachtet und nun versucht kennenzulernen, wie — wenn dieses Auge herausgenommen ist aus dem Organismus, wenn es als optischer Apparat betrachtet wird —, wie dann sich die Eindrücke auf das Auge, die Reize auf das Auge und so weiter darstellen. Versuchen Sie sich nur einmal zu vergegenwärtigen, wie diese Anschauungsweise eigentlich vorgeht. Wenn man sich irgend etwas gegenüber dem Auge verdeutlichen will, wenn man irgendwie die Frage beantworten will: Wie verhält sich das Auge zu irgendeinem sichtbaren Objekt? —, kann man ja bei dieser Anschauungsweise fast gar nicht anders, als das Auge selbst in irgendeinem Durchschnitt auf die Tafel zu zeichnen, von dem Objekt Linien zu führen nach dem Auge und so weiter; dann kann man sich noch fragen: Wie verhalten sich die verschiedenen Glieder des Auges zu demjenigen, was da einen Reiz ausübt?

[ 9 ] In Goethe’s view, the Theory of Colors is indeed about examining colors in connection with what takes place within the human organism itself. You need only open Goethe’s Theory of Colors, and you will see that Goethe begins with physiological colors and the behavior of the eye—though he views them, one might say, from a different perspective than we do today. Today, we actually view the eye as if it were removed from the entire human organism—as if we were, so to speak, isolating it from this organism—regarding it as an optical apparatus and then attempting to understand how — when this eye is removed from the organism, when it is regarded as an optical apparatus — how the impressions on the eye, the stimuli to the eye, and so on, present themselves. Just try to visualize for a moment how this way of looking at things actually works. If one wants to clarify something regarding the eye, if one wants to answer the question in some way: How does the eye relate to any visible object? — with this approach, one can hardly do anything other than draw the eye itself on the board in some cross-section, draw lines from the object to the eye, and so on; then one might still ask: How do the various parts of the eye relate to whatever is exerting a stimulus?

[ 10 ] Es ist vielleicht für denjenigen, der ganz eingeschult ist in die heutige wissenschaftliche Betrachtung, schwer zu fassen, welches nun der Unterschied ist dieser Anschauungsweise, die ich eben in etwas radikaler Art charakterisiert habe, zu der Goetheschen, und wie sich zu dieser Anschauungsweise verhält die physiologischsubjektive Weise, wie Goethe seine Experimente macht. Er experimentiert durchaus so, daß er das Auge darinnenstehen läßt im lebendigen Prozeß des Organismus; er läßt das Auge so, daß es bei seinem Experimentieren gewissermaßen einen Grad von am menschlichen Organismus befindlichen bewußten Organs hat. Also das am Menschen erlebte Auge, das mit dem Menschen lebendig im Zusammenhang gefühlte Auge, das betrachtete Goethe als den Ausgangspunkt für seine physiologischsubjektiven Farbenuntersuchungen.

[ 10 ] It may be difficult for those who are thoroughly versed in today’s scientific perspective to grasp the difference between this approach—which I have just characterized in somewhat radical terms—and Goethe’s, and how the physiological-subjective method by which Goethe conducts his experiments relates to this approach. He conducts his experiments in such a way that he allows the eye to remain within the living process of the organism; he positions the eye so that, during his experiments, it possesses, as it were, the status of a conscious organ within the human organism. Thus, Goethe regarded the eye as experienced in the human being—the eye felt to be vividly connected to the human being—as the starting point for his physiologically subjective investigations of color.

[ 11 ] Das Auge, das Goethe den Erscheinungen exponiert bei seinen Experimenten, das kann man im Grunde nicht auf die Tafel zeichnen. Und dasjenige, was Goethe dann als Erscheinungen im Licht- und Farbengebiet beschreibt, das kann man im Grunde genommen auch nicht auf die Tafel zeichnen. Daher ist Goethe abgeneigt jenen Abstraktionen, welche der heutige Physiker ja sofort auf die Tafel zeichnet, wenn er irgend etwas auf dem Gebiet der Farben oder der Optik überhaupt meint. Goethe ist abgeneigt, dieses ganze abstrakte Liniensystem aufzuzeichnen. Er beschreibt das, was gewissermaßen im Bewußtwerden irgendeines optischen Vorganges lebt.

[ 11 ] The eye that Goethe exposes to phenomena in his experiments—that, essentially, cannot be drawn on the blackboard. And what Goethe then describes as phenomena in the realm of light and color—that, strictly speaking, cannot be drawn on the blackboard either. That is why Goethe is averse to those abstractions that today’s physicist immediately draws on the blackboard whenever he refers to anything in the realm of color or optics in general. Goethe is averse to sketching out this entire abstract system of lines. He describes what, in a sense, lives in the becoming-consciousness of any optical process.

[ 12 ] Erst dann, wenn Goethe übergeht von den subjektiven Farben zu den objektiven Farben, wenn er also die äußeren physischen Farbengebilde untersucht, erst dann beginnt er eigentlich in dem Sinne zu zeichnen, wie es der heutige Physiker liebt. Der ganze Sehprozeß beim heutigen Physiker ist — wenigstens im Gedanken — ausgegliedert aus der menschlichen Natur, er wird ins Unorganische übersetzt, in mathematischen Linien dargestellt. Bei Goethe wird das Leben nicht ausgetilgt aus dem Sehprozeß, sondern es wird dasjenige, was im modifizierten Sehprozeß sich ergibt, bloß beschrieben; es wird höchstens dadurch versinnlicht, daß man die Erscheinungen, ich möchte sagen mit einer inneren, sinnreichen Symbolik fixiert.

[ 12 ] Only when Goethe moves from subjective colors to objective colors—that is, when he examines external, physical color phenomena—only then does he actually begin to draw in the sense that today’s physicists prefer. For the modern physicist, the entire process of seeing is—at least in theory—separated from human nature; it is translated into the inorganic and represented in mathematical lines. For Goethe, life is not eradicated from the process of seeing; rather, what emerges in the modified process of seeing is merely described; at most, it is rendered meaningful by fixing the phenomena—I would say—with an inner, meaningful symbolism.

[ 13 ] Es ist wichtig, gerade auf so etwas hinzuweisen, weil in dem Vorgehen, in der ganzen Einstellung auf die Erscheinungen dasjenige liegt, was die Goethesche Naturbetrachtung unterscheidet von der gegenwärtigen Naturbetrachtung. Diese Goethesche Naturbetrachtung, sie ist vielleicht wesentlich unbequemer als die heutige. Denn es ist im allgemeinen leichter, durch mathematische Linien sich die Dinge auf die Tafel hinzuzeichnen, als dasjenige ins geistig-seelische Auge zu fassen, was starke Ansprüche macht an unsere Imagination und was man nicht eigentlich mit scharf umrissenen Linien zeichnen kann.

[ 13 ] It is important to point out precisely this, because it is in the approach—in the entire attitude toward phenomena—that what distinguishes Goethe’s view of nature from the contemporary view of nature lies. This Goethean view of nature is perhaps fundamentally more inconvenient than today’s. For it is generally easier to sketch things on a board using mathematical lines than to grasp with the mind’s eye that which places great demands on our imagination and which cannot really be drawn with sharply defined lines.

[ 14 ] Aber dabei, meine sehr verehrten Anwesenden, zeigt sich zu gleicher Zeit etwas anderes. Goethe geht aus von den physiologischen Farben; das habe ich Ihnen ja dargestellt, als ich seinen Weg charakterisiert habe, durch andere Untersuchungsmethoden zu Erkenntnissen zu kommen, als es die heutigen Untersuchungsmethoden sind. Dann aber gipfelt seine ganzen Betrachtungsweise in dem Kapitel, das er nannte «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe». Da geht Goethe gewissermaßen direkt aus dem Physikalischen heraus in das Seelische hinein, und er charakterisiert dann mit einer außerordentlichen Treffsicherheit das ganze Spektrum der Farben. Er charakterisiert den Eindruck, der erlebt wird; er ist ja etwas durchaus objektiv Erlebtes. Wenn er auch im Subjekt erlebt wird, so ist er doch im Subjekt etwas durchaus objektiv Erlebtes, der Eindruck, den, sagen wir, die nach der warmen Seite des Spektrums hin gelegenen Farben machen, rot, gelb. Er schildert sie in ihrer Aktivität, wie sie gewissermaßen auf den Menschen aufreizend oder anregend wirken. Und er schildert, wie dann die Farben, die nach der kalten Seite hin gelegen sind, abregend wirken, zur Hingabe anspornen; und er schildert, wie das Grün in der Mitte eine ausgleichende Wirkung har.

[ 14 ] But at the same time, my esteemed audience, something else becomes apparent. Goethe takes physiological colors as his starting point; I have already explained this to you when I described his approach to gaining insights through methods of investigation different from those used today. But then his entire approach culminates in the chapter he titled “The Sensual-Moral Effect of Color.” Here, Goethe moves, so to speak, directly from the physical realm into the realm of the soul, and he then characterizes the entire spectrum of colors with extraordinary precision. He characterizes the impression that is experienced; it is, after all, something experienced in a thoroughly objective manner. Even though it is experienced within the subject, it is nonetheless something experienced quite objectively within the subject—the impression made, let us say, by the colors on the warm side of the spectrum, such as red and yellow. He describes them in terms of their activity, how they have, so to speak, a stimulating or invigorating effect on people. And he describes how the colors on the cool side of the spectrum have a calming effect, inspiring a sense of surrender; and he describes how green, in the middle, has a balancing effect.

[ 15 ] Er schildert also gewissermaßen ein Gefühlsspektrum. Und es ist interessant, sich zu vergegenwärtigen, wie da ein seelisch Differenziertes unmittelbar herausspringt aus der geordneten physikalischen Betrachtungsweise. Wer einen solchen Gang der Untersuchungen versteht, der kommt zu folgenden Ergebnissen. Er sagt sich: Die einzelnen Farben des Spektrums stehen vor uns, sie werden erlebt als Entitäten, die sich ausnehmen als vom Menschen durchaus abgesondert. In der gewöhnlichen Lebenserfassung legen wir ganz selbstverständlich und berechtigt den größten Wert darauf, dieses objektive Element, sagen wir im Rot, im Gelb, unmittelbar ins Auge zu fassen. Aber es ist überall da ein Unterton. Es ist, wenn man auf das unmittelbare Erleben sieht, dieses eigentlich nur in der Abstraktion zu trennen von dem, was ein sogenanntes äußerlich vom Menschen abgesondertes Erlebnis der roten Nuance und der blauen Nuance ist in objektivem Sinn; es ist eine abstrakte Absonderung von dem, was ja unmittelbar im Seh-Akt auch miterlebt wird, was aber nur angeschlagen wird, was sozusagen miterlebt wird in einem leisen Unterton, der aber niemals wegbleiben kann, so daß man auf diesem Gebiet rein physikalisch nur betrachten kann, wenn man erst das, was seelisch erlebt wird, abstrahiert von dem Physikalischen.

[ 15 ] In a sense, he describes a spectrum of emotions. And it is interesting to consider how a psychologically nuanced perspective immediately emerges from the orderly, physical approach. Anyone who understands this line of inquiry arrives at the following conclusions. They say to themselves: The individual colors of the spectrum stand before us; they are experienced as entities that appear to be entirely separate from human beings. In our ordinary perception of life, we quite naturally and justifiably place the greatest value on immediately perceiving this objective element—say, in red or yellow—with our eyes. But there is always an undertone. When one looks at the immediate experience, it can actually only be separated—in the abstract—from what is, in an objective sense, a so-called experience of the red and blue hues that is externally separate from the human being; it is an abstract separation from what is, in fact, also directly experienced in the act of seeing—but which is only hinted at, so to speak, and experienced in a subtle undertone that can never be absent—so that in this realm one can observe purely physically only after first abstracting what is experienced psychologically from the physical.

[ 16 ] Wir haben also zunächst das äußere Spektrum, und wir haben an diesem äußeren Spektrum den Unterton der seelischen Erlebnisse. Wir stehen also mit unseren Sinnen, mit dem Auge, gegenüber der äußeren Welt, und wir können nicht das Auge anders einstellen, als daß meistens, wenn auch oft sogar unbewußt oder unterbewußt, seelisches Erleben mit unterläuft. Wir nennen das, was da durch das Auge erlebt wird, die Empfindung. Wir sind nun gewöhnt, meine sehr verehrten Anwesenden, das, was an der Empfindung erlebt wird, seelisch erlebt wird — an dem sich also ein Reiz, der herrührt von dem objektiv Ausgebreiteten, als Empfindung darstellt —, das Subjektive zu nennen. Aber Sie sehen aus der Art und Weise, wie ich das gerade in Anlehnung an Goethe dargestellt habe, daß wir gewissermaßen ein Gegenspektrum, ein seelisches Gegenspektrum aufstellen können, das ganz genau in Parallele gebracht werden kann mit dem äußeren optischen Spektrum.

[ 16 ] So we first have the external spectrum, and within this external spectrum we have the undertone of psychological experiences. We thus face the outer world with our senses, with the eye, and we cannot adjust the eye in such a way that, in most cases—even if often unconsciously or subconsciously—a psychological experience does not accompany it. We call what is experienced through the eye “sensation.” We are now accustomed, my esteemed audience, to calling the subjective that which is experienced in sensation—that is, the experience in which a stimulus originating from the objectively extended world presents itself as sensation. But you can see from the way I have just described this, drawing on Goethe, that we can, so to speak, establish a counter-spectrum—a psychological counter-spectrum—that can be brought into exact parallel with the external optical spectrum.

[ 17 ] Wir können ein Spektrum differenzierter Gefühle aufstellen: aufregend, anregend, ausgleichend, hingebend und so weiter. Wenn wir nach außen schauen, sehen wir das Gelb; wir erfühlen daran als Unterton das Anregende, das von außen gewissermaßen aktiv auf uns Wirkende. Wie steht die Sache nun mit dem seelischen Erlebnis? Dieses seelische Erlebnis, das kommt gewissermaßen aus unserem Inneren der Außenwelt entgegen. Aber nehmen wir einmal an, wir wären imstande, ganz genau festzuhalten, was wir an dem Rot, dem Gelb, dem Grün, dem Blau, dem Violett erlebt haben. Nehmen wir an, wir würden die Gefühle differenziert so festhalten können, daß wir im Inneren ein Gefühlsspektrum haben, wie wir von außen das gewöhnliche optische Spektrum haben. Wenn wir uns nun denken, daß von außen her an dem Rot, Gelb, Grün, Blau, Violett, also an dem Objektiven, sich entzünden die Untertöne des Aufregens, Anregens, Ausgleichens, des Hingebungsvollen, wir es also gewissermaßen als etwas die äußeren Erscheinungen Begleitendes sehen, diese äußere Erscheinung also ohne uns da ist, aber durch uns da ist das begleitende Gefühlsspektrum — würde es dann etwas so Absurdes sein vorauszusetzen, daß ebenso auch von innen heraus das geschehen könnte, was sonst ohne unser Zutun von außen diesem Gefühlsspektrum zugrundeliegt? Würde es etwas so Absurdes sein, daß jetzt im Innern das Gefühlsspektrum da wäre und daraus hervorspringen würde im Erleben des Menschen das Farbenspektrum, das jetzt in inneren Bildern erfaßt wird? Geradeso wie sonst das Farbenspektrum da ist und die inneren Gefühlserlebnisse dazukommen durch unser Dabeisein, so könnte es auch sein, daß die Gefühlserlebnisse, die sich im differenzierten Spektrum darstellen lassen, als das Objektive, das nach innen zu gelegene Objektive angesehen würden und jetzt herausspringt als Unterton dasjenige, was sich nun vergleichen läßt mit dem objektiven Farbenspektrum.

[ 17 ] We can identify a spectrum of nuanced feelings: exciting, stimulating, balancing, devotional, and so on. When we look outward, we see the color yellow; we sense in it, as an undertone, the stimulating quality—that which, in a sense, actively affects us from the outside. But what about the inner experience? This inner experience, so to speak, emerges from within us and meets the outer world. But let us suppose for a moment that we were able to pinpoint exactly what we experienced in red, yellow, green, blue, and violet. Let us suppose we could record these feelings in such a nuanced way that we would have an inner spectrum of feelings, just as we have the ordinary optical spectrum from the outside. If we now imagine that from the outside—in the red, yellow, green, blue, and violet, that is, in the objective world—the undertones of excitement, stimulation, balance, and devotion are kindled, so that we see them, as it were, as something accompanying the external phenomena—that is, this external phenomenon exists without us, but the accompanying spectrum of emotions exists through us—would it then be so absurd to assume that what otherwise underlies this spectrum of emotions from the outside, without our intervention, could also occur from within? Would it be so absurd to imagine that this spectrum of feelings might now exist within us, and that from it might spring forth, in human experience, the spectrum of colors that is now perceived in inner images? Just as the color spectrum is otherwise present and inner emotional experiences are added through our presence, so it could also be that the emotional experiences, which can be represented in the differentiated spectrum, would be regarded as the objective—the objective situated within—and that what can now be compared to the objective color spectrum would emerge as an undertone.

[ 18 ] Nun behauptet Geisteswissenschaft ja nichts anderes, als daß eine Methode möglich ist, wo das, was ich Ihnen jetzt als ein Postulat hingestellt habe, wirklich [innerlich] so erlebt wird wie aus dem äußeren Erlebnis wo das objektive Spektrum da ist und gewissermaßen als ein Schleier über das objektive Spektrum sich hinzieht das subjektive Gefühlsspektrum. Ebenso kann nun im Innern erlebt werden das Gefühlsspektrum, an das jetzt das Farbenerlebnis sich anschließt. Dies kann wirklich erlebt werden, und es liegt demjenigen zugrunde, was ich gestern mehr abstrakt charakterisiert habe als die Imagination. Es kann durchaus das, was im Raum ausgebreitetes Phänomen, äußeres Phänomen ist, auch als inneres Phänomen hervorgeholt werden aus dem Menschen. Und wie sich das äußere Phänomen gegen uns zu in der Erkenntnis verdünnt, so verdichtet sich das innere Erlebnis, indem es von dem unbewußt in uns entwickelten Bewußtsein — wie ich es gestern angedeutet habe — aufgenommen wird.

[ 18 ] Now, spiritual science claims nothing other than that a method is possible in which what I have just presented to you as a postulate is truly experienced [internally] in the same way as in the external experience where the objective spectrum is present, and where, as it were, the subjective spectrum of feelings extends like a veil over the objective spectrum. Likewise, the spectrum of feelings—to which the experience of color is now linked—can be experienced inwardly. This can truly be experienced, and it underlies what I characterized yesterday, in a more abstract sense, as imagination. It is entirely possible to bring forth from within the human being that which is a phenomenon spread out in space—an external phenomenon—as an inner phenomenon. And just as the external phenomenon becomes diluted in our perception as it approaches us, so the inner experience becomes more concentrated as it is taken up by the consciousness that has developed unconsciously within us—as I indicated yesterday.

[ 19 ] Man muß sich nur klar sein darüber, meine sehr verehrten Anwesenden, daß das, was in der hier gemeinten Geisteswissenschaft auftritt, durchaus nicht etwa nebulose Phantasien sind, wie es zumeist die Ergebnisse irgendwelcher als «mystische Weltanschauungen» bekannten Träumereien sind. Was hier als anthroposophische Geisteswissenschaft gemeint ist, fußt zwar auf Erlebnissen, die man sonst nicht hat, die erst heranentwickelt werden müssen, die aber in absolut klaren Begriffen gefaßt werden können, die überall mit absolut klaren Begriffen verfolgt werden können.

[ 19 ] One must simply be clear, my esteemed audience, that what arises in the spiritual science referred to here is by no means a matter of nebulous fantasies, as is usually the case with the results of certain daydreams known as “mystical worldviews.” What is meant here by anthroposophical spiritual science is indeed based on experiences that one does not otherwise have—experiences that must first be developed—but which can be expressed in absolutely clear terms and can be traced through and through with absolutely clear concepts.

[ 20 ] Man kann also sagen, daß Goethe das objektiv Äußere durchaus so dargestellt hat wie ein Mensch, der sich halb instinktiv bewußt ist: Es gibt von dem, was er da äußerlich beschreibt, ein inneres Gegenbild; es gibt zu der äußeren Anschauung eine innere Anschauung. — Wenn man sich erstens einmal hineingefunden hat in diesen Gedankengang, und wenn man sich zweitens Mühe gegeben hat in der gestern angegebenen Richtung wirklich so etwas zu erleben, wie ich es jetzt angedeutet habe, nämlich dasjenige, was differenziertes Gefühlsleben ist, sich aufhellen zu lassen zu Imaginationen, die dann angesprochen werden dürfen mit denselben Worten, mit denen man die äußeren Erscheinungen bezeichnet — wenn man sich zu diesen Dingen aufgeschwungen hat, dann bietet sich einem der Ausblick zu einem Erfassen des Menschen, das ja gerade fehlt in den modernen wissenschaftlichen Anschauungen. Wie sollte man denn auch zu einer Anschauung vom Menschen kommen, wenn man alles künstlich abtrennt, was im Verkehr des Menschen mit der Welt auftritt, wenn man nur nach außen schauen will und gar nicht nach innen? Das und nichts anderes ist es schließlich, was immer wiederum gerade von wissenschaftlicher Seite her als ein Vorwurf gegenüber der Geisteswissenschaft erhoben wird, daß sie nicht wissenschaftlich vorgehe. Ein Vorurteil ist das, das dadurch entstanden ist, daß man von vorneherein nur dasjenige als wissenschaftliche Betrachtung gelten läßt, was vom Menschen abgesondert ist, und gar nicht die Untertöne dabei ins Auge faßt, die den menschlichen Anteil dabei kennzeichnen. Dadurch kann man dann nicht den Übergang finden zu dem, was der Mensch eigentlich in seinem Inneren erlebt. Die Farben, die ich jetzt meine, die ebenso hervorgehen aus dem Gefühlsspektrum, wie das Gefühlsspektrum hervorgeht aus dem äußeren objektiven Spektrum, diese Farben, die werden im imaginativen Anschauen erlebt, und sie bilden ebenso die Vermittlung, das Übersinnliche geistig zu erkennen, wie die äußeren Spektralfarben die Vermittlung bilden, das äußerliche Sinnlich-Körperliche zu erkennen. Man könnte sagen, die Oberflächen der äußeren Körper offenbaren sich in den gewöhnlichen Spektralfarben. Wenn ich mich jetzt in einer etwas merkwürdigen, scheinbar paradoxen Art ausspreche, so müßte ich sagen: Die Oberflächen des Geistigen — selbstverständlich wird jeder vernünftige Mensch wissen, was ich meine, daß ich also nicht irgendeine Kugel meine, wenn ich von einem Geistigen spreche —, die Oberfächen des Geistigen, die sprechen sich aus in denjenigen Farben, die hervorgerufen werden in der Imagination aus dem Gefühlsspektrum. Statt diesen Gedanken zunächst zu verfolgen und sich zu sagen, wenn die äußere Natur eben so ist, wie sie ist, dann muß auch das andere Anschauen möglich sein, dann muß man versuchen zu diesem Anschauen zu kommen — statt sich das zu sagen, also wirklich die Konsequenz aus einer äußeren Naturanschauung zu ziehen, befassen sich ja die Gegner viel mehr damit, Hohn und Spott auf das zu gießen, was die menschliche Aura genannt wird, die ja nichts anderes ist als eben das zum inneren Wahrnehmen Gebrachte, auf anderem Gebiet, wie hier auf dem Gebiet des Gefühlsspektrums.

[ 20 ] One can therefore say that Goethe depicted the objective external world exactly as a person who is, in a half-instinctive way, aware that there is an inner counterpart to what he is describing externally; that there is an inner perception corresponding to the external one. — Once, first of all, one has familiarized oneself with this line of thought, and once, secondly, one has made an effort to truly experience, in the direction indicated yesterday, what I have now alluded to—namely, that which constitutes a differentiated emotional life—and to allow it to be illuminated by imaginations that may then be described with the same words with which one describes external phenomena—once one has risen to these things, then the prospect opens up for a grasp of the human being that is precisely lacking in modern scientific views. How, after all, could one arrive at a view of the human being if one artificially separates everything that occurs in the human being’s interaction with the world, if one wants to look only outward and not inward at all? That, and nothing else, is ultimately what is repeatedly raised—precisely from the scientific side—as a criticism against the humanities, namely that they do not proceed scientifically. This is a prejudice that has arisen because, from the outset, only that which is separated from the human being is accepted as scientific observation, without taking into account the underlying nuances that characterize the human element in the process. As a result, one cannot find the path to what the human being actually experiences within. The colors I am referring to now—which emerge from the spectrum of feeling just as the spectrum of feeling emerges from the external, objective spectrum—are experienced in imaginative contemplation, and they serve as the medium for spiritually perceiving the supersensible, just as the external spectral colors serve as the medium for perceiving the external, sensory-physical world. One could say that the surfaces of external bodies reveal themselves in the ordinary spectral colors. If I were now to express myself in a somewhat strange, seemingly paradoxical way, I would have to say: The surfaces of the spiritual—of course, any reasonable person will know what I mean; that is, I am not referring to just any sphere when I speak of the spiritual—the surfaces of the spiritual express themselves in those colors that are evoked in the imagination from the spectrum of feeling. Instead of first pursuing this line of thought and telling themselves that if external nature is exactly as it is, then the other way of perceiving it must also be possible—and that one must therefore try to arrive at this perception—instead of saying this to themselves, that is, actually drawing the logical conclusion from an external view of nature, the opponents are far more concerned with heaping scorn and ridicule upon what is called the human aura, which is, after all, nothing other than that which has been brought into inner perception in another realm—such as here, in the realm of the emotional spectrum.

[ 21 ] Aber wenn man sich durchdrungen hat mit dieser Anschauung, meine sehr verehrten Anwesenden, dann hat das allerlei im Gefolge. Es hat zum Beispiel im Gefolge, daß man dieselbe Art der Gedankenrichtung, durch die man versucht, ein Bild zu bekommen von der Art, wie äußere Sinneseindrücke entstehen, nun auch nach dem Innern des Menschen fortsetzt, so daß man sich sagen kann: Es geht irgend etwas vor, das man ja dann erkennen kann, indem der Mensch sich den Sinneseindrücken hingibt und sie bis ins Vorstellen hinein zu seinen eigenen Erlebnissen macht. Aber es muß auch etwas vorgehen im Menschen, wenn er dasjenige wahrnimmt, was in seinem Innern ist, wenn er also seinem Innern sich hingibt. Dann geht da etwas nach innen Gerichtetes vor, ebenso wie sonst etwas vorgeht, wenn er sich mit seiner Anschauung, seiner Wahrnehmung nach außen richtet. Und wenn man dann seine Untersuchungsweise auf dieses einstellt, dann wird von da aus auch ein Licht geworfen auf gewisse physiologische Tatsachen, die sonst, wenn sie uns so wie in der heutigen Wissenschaft entgegentreten, durchaus unbefriedigend sind für den, der ein wirkliches Verständnis sucht und nicht bloß ein solches, das anerzogen ist.

[ 21 ] But once one has fully absorbed this perspective, my esteemed audience, it has all sorts of consequences. For example, it entails that one extends the same line of thought—through which one attempts to form a picture of how external sensory impressions arise—to the inner life of the human being, so that one can say: Something is taking place that can be recognized when a person surrenders to sensory impressions and transforms them into their own experiences through the power of imagination. But something must also be taking place within a person when they perceive what is inside them—that is, when they surrender to their inner life. Then something directed inward is taking place, just as something else takes place when they direct their perception and observation outward. And if one then adjusts one’s method of investigation to this, light is also shed on certain physiological facts which, otherwise—when they are presented to us as they are in modern science—are thoroughly unsatisfactory for those who seek a genuine understanding and not merely one that has been instilled.

[ 22 ] Wie gesagt, ich werde aphoristisch von verschiedenen Warten her die Dinge beleuchten; wir werden schon zu Zusammenhängen kommen. Sie wissen, in der heutigen Wissenschaft hat man gegeben eine Unterscheidung der Nerven, die sich nach dem Innern des Menschen ausbreiten, die die Vermittlung der Wahrnehmungen sein sollen. Diesen Nerven stellt man gegenüber eine andere Gattung von Nerven, diejenigen Nerven, welche nun von den Zentralorganen zu den menschlichen Gliedern und so weiter hingehen sollen; diesen Nerven soll die Aufgabe obliegen, das Wollen ebenso zu vermitteln, wie den anderen Nerven die Aufgabe obliegen soll, die Sinneswahrnehmungen zu vermitteln. Man hat ja recht nette Konstruktionen ersonnen von einem Leiten der Empfindungen zum Zentralorgan, von einem Umformen dort in Willensimpulse, von einem Innervieren der motorischen Nerven, die dann dasjenige vermitteln sollen, was aus dem Willen heraus zur Bewegung und dergleichen führt. Gewiß, diejenigen Dinge, die man anführt, um die Unterscheidung dieser zwei Nervengattungen zu rechtfertigen, sind sehr verführerisch. Ich brauche nur zu erinnern an das, was man zum Beispiel glaubt studieren zu können an einer bekannten, sehr schmerzlichen Erkrankung, der Tabes. Da glaubt man, daß ja natürlich alles das, was sensitive Nerven sind, intakt ist, daß nur die motorischen Nerven Schädigungen erlitten haben.

[ 22 ] As I said, I will shed light on these matters aphoristically from various perspectives; we will eventually arrive at the connections. You know that in modern science, a distinction has been made between the nerves that extend throughout the human body’s interior and are said to mediate perceptions. These nerves are contrasted with another type of nerve—those that are said to run from the central organs to the human limbs and so on; these nerves are said to be responsible for conveying volition, just as the other nerves are said to be responsible for conveying sensory perceptions. People have indeed devised rather neat theories about the transmission of sensations to the central organ, their transformation there into volitional impulses, and the innervation of the motor nerves, which are then supposed to convey what arises from the will and leads to movement and the like. Certainly, the arguments cited to justify this distinction between the two types of nerves are very persuasive. I need only recall, for example, what one believes one can study in a well-known, very painful disease, tabes. There, it is believed that, naturally, everything pertaining to the sensory nerves is intact, and that only the motor nerves have suffered damage.

[ 23 ] Alles, was nach dieser Richtung hin eben aus einer vorgefaßten Einstellung über die Dinge gesagt wird, das hat etwas durchaus Verführerisches. Auf der anderen Seite allerdings müßte man doch stutzig werden erstens durch den anatomischen Befund, der keineswegs irgendeinen Anhaltspunkt gibt zur Unterscheidung dieser Nervenarten, und zweitens auch dadurch, daß die eine Nervenart in die andere übergeführt werden kann. Wenn man die eine durchschneidet und an der Durchschnittstelle einen sensitiven und einen motorischen Nerv verbindet, so können durchaus diese Nerven zu einem einheitlichen gestaltet werden. Man müßte durch solche Dinge, die ja bekannt sind, doch stutzig werden, aber wenn man einmal die Erklärung in eine bestimmte Richtung gebracht hat, dann fährt man in dieser Richtung fort zu denken, und man kann dann eigentlich gar nicht mehr dazu gebracht werden, die Sache wirklich primär zu untersuchen.

[ 23 ] Everything said along these lines—based on a preconceived view of things—has a certain allure. On the other hand, however, one should be suspicious—first, because of the anatomical findings, which provide absolutely no basis for distinguishing between these types of nerves, and second, because one type of nerve can be transformed into the other. If one cuts through one of them and connects a sensory nerve to a motor nerve at the point of the cut, these nerves can certainly be made to function as a single unit. One ought to be suspicious of such things, which are, after all, well known; but once an explanation has been steered in a certain direction, one continues to think along those lines, and it becomes virtually impossible to persuade oneself to truly examine the matter from the ground up.

[ 24 ] Verfolgt man tatsächlich dasjenige, was man unbefangen betrachten kann als die Sinnesvorgänge und als die motorischen Vorgänge, so wird man in Wirklichkeit keinen Anhaltspunkt finden, um eine solche Unterscheidung der Nerven vorzunehmen. Aber wenn man nicht von einseitigen, sondern von totalen Voraussetzungen ausgeht, wird man genötigt sein, ebenso nach innen hin Empfindungsvermittlungen vorauszusetzen, wie man Empfindungsvermittlungen nach außen anerkennt. So wie man die Empfindungsvermittlung durch den Nerv von außen her anerkennt, wodurch man innerlich zum Bewußtsein irgendeiner Entität der Außenwelt kommt, ebenso notwendig ist es, daß ein Bewußtsein vermittelt wird von dem, was innerlich im menschlichen Organismus gelegen ist; es ist notwendig, daß ein wirkliches Empfinden desjenigen auftritt, was innerlich im menschlichen Organismus gelegen ist. Und man wird, wenn man die Untersuchung in dieser Weise fortsetzt, in den sogenannten motorischen Nerven nichts anderes finden als diejenigen Nerven, welche ebenso die Wahrnehmungen des Körperinnern vermitteln, wie die sogenannten sensitiven Nerven die äußeren Entitäten vermitteln. Wir haben auf der einen Seite Nerven, welche uns in Zusammenhang bringen mit der Außenwelt; wir haben auf der anderen Seite Nerven, die uns in Zusammenhang bringen mit unserer eigenen inneren Welt. Es ist ganz selbstverständlich, daß, wenn unsere Sehnerven nicht funktionieren und wir blind sind, wir nicht nach einem Gegenstand greifen können; und wenn der motorische — aber in Wahrheit der sensitive — Nerv, der vermitteln soll, daß ein Glied eine Bewegung ausführen soll, wenn der nicht in uns ist, so nehmen wir einfach das betreffende Glied, die betreffenden Vorgänge in dem Glied nicht wahr, und wir können die Bewegungen nicht ausführen. Ein wirklich konsequentes Denken zeigt uns durchaus, daß wir uns dasjenige, was motorische Nerven genannt wird, als Empfindungsnerven vorzustellen haben — nur als solche, die die inneren Empfindungen vermitteln, die Empfindungen des eigenen Körperinnern, der Vorgänge im eigenen Körperinnern. Sie werden sich überzeugen, daß, wenn Sie eine solche Vorstellung, wie ich sie eben vor Sie hingestellt habe, nun wirklich auf das anwenden, was heute durchaus schon empirisch gegebene Tatsachen sind, Sie dann überall das, was diese empirischen Tatsachen darstellen, widerspruchsfrei durchschauen können, und daß derjenige, der wirklich konsequent denkt, mit den Theorien, wie sie zum Beispiel existieren von dem Unterschied der sensitiven und motorischen Nerven, eigentlich doch nichts anfangen kann, weil sie in Wirklichkeit fortwährend zu Widersprüchen führen.

[ 24 ] If one actually examines what can be impartially regarded as sensory processes and motor processes, one will in reality find no basis for making such a distinction among the nerves. But if one proceeds not from one-sided but from comprehensive premises, one will be compelled to assume the mediation of sensations inwardly just as one acknowledges the mediation of sensations outwardly. Just as one acknowledges the transmission of sensation through the nerve from the outside, through which one internally becomes aware of some entity of the external world, so it is equally necessary that awareness be transmitted of what lies internally within the human organism; it is necessary that a genuine sensation of what lies internally within the human organism occur. And if one continues the investigation in this way, one will find in the so-called motor nerves nothing other than those nerves that convey perceptions of the body’s interior just as the so-called sensory nerves convey perceptions of external entities. On the one hand, we have nerves that connect us to the external world; on the other hand, we have nerves that connect us to our own inner world. It goes without saying that if our optic nerves do not function and we are blind, we cannot reach for an object; and if the motor—but in truth, the sensory—nerve, which is supposed to convey the message that a limb is to perform a movement, is not present in us, then we simply do not perceive the limb in question or the processes taking place within it, and we cannot carry out the movements. Truly consistent thinking clearly shows us that we must conceive of what are called motor nerves as sensory nerves—but only as those that convey inner sensations, the sensations of our own body’s interior, the processes taking place within our own body. You will see for yourselves that if you apply such a conception, as I have just presented it to you, and then actually apply it to what are already well-established empirical facts today, you will be able to understand, without contradiction, everything that these empirical facts represent; and that anyone who thinks truly consistently cannot really make sense of theories—such as those concerning the difference between sensory and motor nerves—because in reality they constantly lead to contradictions.

[ 25 ] Da habe ich Ihnen etwas angedeutet, wo anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auf die Auffassung des menschlichen Organismus hinzielt. Sie tut das wahrhaftig nicht aus irgendeinem Vorurteil heraus, sondern sie tut dies aus einer objektiven Betrachtung der Tatsachen — nur daß sie das Organ, das diese Tatsachen betrachtet, so umgestaltet, daß zur gewöhnlichen gegenständlichen Wahrnehmung die imaginative Wahrnehmung im Sinne des gestern Auseinandergesetzten dazugetreten ist.

[ 25 ] There I hinted at something for you regarding where anthroposophically oriented spiritual science is directed in its understanding of the human organism. It certainly does not do so out of any prejudice, but rather out of an objective consideration of the facts—except that it transforms the organ that perceives these facts in such a way that imaginative perception, in the sense discussed yesterday, is added to ordinary sensory perception.

[ 26 ] Und wenn wir uns wiederum umschauen nach einem anderen Gebiet des heutigen Forschens, dann müssen wir sagen: Wir haben heute ein merkwürdiges Gebilde zum Beispiel als Psychologie. Sehen Sie sich nur das an — aber sehen Sie es an mit gesunder Urteilskraft —, was Theodor Ziehen zum Beispiel seine «physiologische Psychologie» nennt. Da werden Sie zunächst auf die Tatsache hingewiesen, daß wir Vorstellungen haben. Da werden auch die Vorstellungen in bezug auf ihre Qualitäten untersucht, soweit das Beobachtungsvermögen eines solchen Forschers geht. Es werden die Verkettungen, die Assoziationen der Vorstellungen untersucht und so weiter. Es wird also gewissermaßen das Vorstellungsvermögen, so wie es in der empirischen Wirklichkeit gegeben ist, erfaßt. Dann wird diesem psychologischen Vorstellungsfeld mit seinen verschiedenen Prozessen das gegenübergestellt, was die Gehirn-Nerven-Physiologie gibt; und es ist ja nicht zu leugnen, daß sich da wirklich in einem höheren Grade Parallelisierungen ergeben zwischen der Gehirnstruktur und demjenigen, was als die Tatsachen des Vorstellungslebens zutagetritt. Nun umfaßt aber das Seelenleben ja nicht bloß Vorstellungen, es umfaßt auch Gefühls- und Willensimpulse. Und nun sehe man sich einmal an, was in dieser «physiologischen Psychologie» aus dem Gefühl gemacht wird. Es wird einfach statuiert: Gefühle als solche — die ja doch nun wirklich ein recht reales Erleben sind —, die werden überhaupt nicht betrachtet, sondern es wird nur die «Gefühlsbetonung» des Vorstellungslebens betrachtet. Es wird betrachtet, wie mit den Vorstellungen, die sich also nach Assoziationsgesetzen verbinden — der Verbindung entspricht eine gewisse Struktur des Nerven-, des Gehirnbaues —, wie sich damit verbinden die Gefühlsbetonungen. Also diese Gefühlsbetonungen sind Anhängsel des Vorstellungslebens. Es wird gewissermaßen hingewiesen vom Vorstellungsleben auf etwas, was sich so ins Unbestimmte verliert. Es verliert sich ins Unbestimmte die Gefühlsbetonung des Vorstellungslebens.

[ 26 ] And if we turn our attention to another field of contemporary research, we must say: We have a curious construct today, for example, in the form of psychology. Just take a look at it—but look at it with sound judgment—at what Theodor Ziehen, for example, calls his “physiological psychology.” First, you are made aware of the fact that we have mental images. These mental images are also examined in terms of their qualities, to the extent that such a researcher’s powers of observation allow. The chains of associations between mental images are examined, and so on. In a sense, then, the faculty of imagination—as it exists in empirical reality—is captured. This psychological field of mental images, with its various processes, is then contrasted with the findings of brain and nervous system physiology; and it cannot be denied that there are indeed parallels to a significant degree between brain structure and what emerges as the facts of mental life. Now, however, mental life does not consist solely of representations; it also encompasses emotional and volitional impulses. And let us now take a look at what this “physiological psychology” makes of emotion. It is simply asserted: Emotions as such—which are, after all, a very real experience—are not considered at all; instead, only the “emotional coloring” of the life of the imagination is examined. The focus is on how the emotional coloring is associated with the images—which, according to the laws of association, are linked in a way that corresponds to a certain structure of the nervous system and brain—and how these emotional colorings are connected to them. Thus, these emotional emphases are appendages of the life of the imagination. In a sense, the life of the imagination points toward something that is lost in the indeterminate. The emotional emphasis of the life of the imagination is lost in the indeterminate.

[ 27 ] Man kann nicht weiterkommen, wenn man parallelisiert mit dem Vorstellungsleben die Gehirn-, die Nervenstruktur. Man sieht sich gezwungen, vom Vorstellungsleben gar nicht überzugehen zum Gefühlsleben, sondern das Gefühlsleben nur als besondere Betonung des Vorstellungslebens anzusehen. Nun hat man also das Gefühlsleben in der psychologischen Betrachtung verloren. Man hat gerade sein Augenmerk darauf gerichtet, daß die Vorstellungen Gefühlsbetonungen haben — dann verschwindet das Gefühlsleben hinein in ein unbestimmtes X. Wir leben zwar gerade recht real in diesen Gefühlen, aber für den modernen Psychologen verschwinden sie ins Nichts. Etwas, was wir so stark identifizieren mit unserem menschlichen Selbst wie das Gefühlsleben, das soll mit dem Erkennen überhaupt nicht mehr erfaßt werden können.

[ 27 ] One cannot make any progress if one equates the life of the imagination with the structure of the brain and the nervous system. One is compelled not to move from the life of the imagination to the life of feeling at all, but rather to regard the life of feeling merely as a special emphasis within the life of the imagination. Thus, the life of feeling has been lost in psychological analysis. One has just focused attention on the fact that mental images have emotional overtones—and then the emotional life vanishes into an indeterminate X. Although we live quite very much in these feelings, for the modern psychologist they vanish into nothingness. Something with which we identify so strongly with our human self—the emotional life—is supposedly no longer capable of being grasped by cognition at all.

[ 28 ] Und die Willensimpulse, die das eigentlich real von uns Ausgehende für die Außenwelt bilden, die Willensimpulse, für die gibt es in einer solchen physiologischen Psychologie überhaupt keine Möglichkeit, auch nur mit der Betrachtung anzufangen. Für die Gefühle fängt man wenigstens bei dem Vorstellungsleben an und betrachtet sie, insofern sie Gefühlsbetonungen des Vorstellungslebens sind; aber die Willensimpulse, die betrachtet man so, daß man eigentlich dasjenige, was sie im Gefolge haben, nur von außen ansieht. Man sieht seinen Arm sich bewegen, wenn irgendein Willensimpuls da ist; man sieht den Erfolg des Willensimpulses. Man betrachtet also den Willensimpuls von der Außenseite. Es fällt einem gar nicht ein, irgendwie den Weg zu suchen, um wirklich zu der Betrachtungsweise des Willensimpulses zu kommen.

[ 28 ] And as for the impulses of the will—which constitute what actually emanates from us into the external world—there is, in such a physiological psychology, absolutely no possibility even of beginning to consider them. With regard to emotions, one at least begins with the life of imagination and considers them insofar as they are emotional nuances of that life; but the volitional impulses—these are considered in such a way that one actually views only their consequences from the outside. One sees one’s arm move when a volitional impulse is present; one sees the result of the volitional impulse. Thus, one observes the volitional impulse from the outside. It does not even occur to one to seek a way to truly arrive at a way of observing the volitional impulse itself.

[ 29 ] So gliedert sich für den modernen Psychologen in einer gewissen Weise noch zusammen das Vorstellungsleben mit dem Nervenleben. Er findet in einer gewissen Weise, mehr oder weniger materialistisch oder, wie eine gewisse Theorie will, nach dem Prinzip des psychophysischen Parallelismus, noch eine Beziehung, wenn sie auch so äußerlich ist wie bei dem psycho-physischen Parallelismus, zwischen der Struktur des Vorstellungslebens und der Struktur von irgend etwas Leiblichem, aber dann hört die Sache auf, dann geht man absolut nicht weiter.

[ 29 ] Thus, for the modern psychologist, the life of the imagination and the life of the nerves are still, in a certain sense, interconnected. To a certain extent—whether more or less materialistically or, as a certain theory holds, according to the principle of psychophysical parallelism—the psychologist still finds a relationship, even if it is as superficial as in the case of psychophysical parallelism, between the structure of the life of the imagination and the structure of some physical entity; but that is where the matter ends, and one goes absolutely no further.

[ 30 ] Daher jene hoffnungslose Theorie, die immer wieder aufgewärmt und immer wiederum widerlegt wird, von dem Zusammenwirken des Seelisch-Geistigen mit dem Physisch-Leiblichen. Man kennt nicht den wirklichen, empirischen Zusammenhang zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Leiblichen. Man untersucht nicht im einzelnen konkret diesen Zusammenhang, wie man im einzelnen konkret den Zusammenhang von Sauerstoff und Wasserstoff untersucht, sondern man stellt darüber allerlei abstrakte Theorien auf, die dann natürlich immer wiederum widerlegt werden können. Denn es ist ein Grundgesetz, daß dasjenige, was nur theoretisch aus Begriffen heraus konstruiert ist, immer ebensoviel für sich wie gegen sich hat, daß man es ebenso leicht beweisen wie widerlegen kann. Darauf beruht das Geheimnis vieler wissenschaftlicher Diskussionen der Gegenwart, daß Theorien, die auf diese Weise aufgebaut werden, sich ebenso gut bejahen wie verneinen lassen. So ist es mit dem, was da auftritt als eine durchaus ungenügende Erkenntnis vom Menschen. Der Mensch ist eben ausgeschaltet worden in der modernen Wissenschaftsgesinnung.

[ 30 ] Hence that hopeless theory—which is constantly being trotted out only to be refuted time and again—regarding the interaction between the soul-spiritual and the physical-bodily. We do not know the actual, empirical connection between the soul-spiritual and the physical-bodily. This connection is not examined in concrete detail, as one would examine the connection between oxygen and hydrogen in concrete detail; instead, all sorts of abstract theories are devised about it, which can then, of course, always be refuted. For it is a fundamental law that whatever is constructed purely theoretically from concepts always has as much in its favor as against it, so that it can be proven just as easily as it can be refuted. This is the secret behind many contemporary scientific discussions: that theories constructed in this way can just as easily be affirmed as they can be denied. Such is the case with what appears to be a thoroughly inadequate understanding of the human being. The human being has simply been excluded from the modern scientific mindset.

[ 31 ] Dem habe ich das gegenübergestellt, was sich mir ergeben hat über die organische Dreigliederung des menschlichen Wesens. Es ist das Ergebnis einer mehr als dreißig Jahre langen Forschung; und ich konnte mich überzeugen davon, daß dasjenige, was ich Ihnen heute skizzieren werde — ich werde noch von verschiedenen Seiten her darauf zurückkommen in den nächsten Tagen —, ich kann Ihnen versichern, daß ich überall nachgegangen bin den Resultaten der heutigen wissenschaftlichen Forschung, um an ihnen zu verifizieren dasjenige, was sich aus reiner Geisteswissenschaft heraus eben im Lauf der Jahrzehnte ergeben hat. Und ich würde dasjenige, was ich vor einigen Jahren in meinem Buche «Von Seelenrätseln» über diese Ergebnisse mitgeteilt habe, nicht früher mich auszusprechen getraut haben, als bis es mir nun tatsächlich als vollständig verifiziert erschienen ist. Man glaubt immer, der Geisteswissenschafter rede nur so aus der Willkür heraus. In Wahrheit fordern die geisteswissenschaftlichen Untersuchungen geradeso jahrelange Arbeit wie die anderen wissenschaftlichen Untersuchungen.

[ 31 ] I have contrasted this with what I have discovered regarding the organic threefold structure of the human being. It is the result of more than thirty years of research; and I have become convinced that what I will outline for you today—I will return to this from various angles in the coming days— I can assure you that I have thoroughly examined the findings of contemporary scientific research in order to verify against them what has emerged from pure spiritual science over the course of decades. And I would not have dared to speak out about what I communicated regarding these findings a few years ago in my book *On the Mysteries of the Soul* until it actually appeared to me to be fully verified. People always believe that the spiritual scientist speaks merely on a whim. In truth, spiritual scientific investigations require just as many years of work as other scientific investigations.

[ 32 ] Was sich mir da ergeben hat, das ist, daß nur das menschliche Vorstellungsvermögen, das menschliche Vorstellungsfeld, in seiner Struktur einen Zusammenhang hat mit demjenigen, was man das Nerven-Sinnesleben nennen kann. Weil man von dem Vorurteil ausgegangen ist, daß das ganze Seelenleben zusammenhängen müsse mit dem Nerven-Sinnesleben, deshalb verlor man zwei Glieder des Seelenlebens. Man kann eben nichts anderes in Zusammenhang bringen mit dem NervenSinnesleben als das Vorstellungsleben. Man kann nicht das Gefühlsleben und nicht das Willensleben mit dem Nerven-Sinnesleben in unmittelbaren Zusammenhang bringen — in einen mittelbaren allerdings, weil eben auch die Gefühle vorgestellt und die Willensimpulse vorgestellt werden; dadurch kommt ein mittelbarer Zusammenhang heraus. Aber man kann einen unmittelbaren Zusammenhang nicht finden zwischen dem, was Gefühlsleben ist, und dem Nerven-Sinnesleben.

[ 32 ] What became clear to me is that only the human power of imagination—the realm of human imagination—is structurally connected to what might be called the nervous-sensory life. Because people started from the prejudice that the entire life of the soul must be connected to the nervous-sensory life, they lost sight of two aspects of the life of the soul. One can connect nothing other than the life of imagination to the nervous-sensory life. One cannot establish a direct connection between the emotional life or the volitional life and the nervous-sensory life—though an indirect one is possible, precisely because emotions and volitional impulses are also represented in the imagination; this results in an indirect connection. But one cannot find a direct connection between what constitutes the emotional life and the nervous-sensory life.

[ 33 ] Dagegen gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Gefühlsleben und dem Ablauf all derjenigen Prozesse im menschlichen Organismus, die rhythmisch sind, wie Atmen, Blutzirkulation und so weiter, so daß wir sagen müssen: Ebenso wie das Vorstellungsleben mit dem Nerven-Sinnesleben zusammenhängt, so hängt das Gefühlsleben zusammen mit dem rhythmischen System.

[ 33 ] On the other hand, there is a direct connection between the emotional life and the course of all those processes in the human organism that are rhythmic—such as breathing, blood circulation, and so on—so that we must say: Just as the life of imagination is connected to the nervous-sensory life, so the emotional life is connected to the rhythmic system.

[ 34 ] Es ist interessant — ich habe schon aufmerksam gemacht darauf in dem Buche «Von Seelenrätseln» —, einmal das musikalische Erlebnis unter diesen Voraussetzungen zu prüfen. Wer sich einmal befaßt hat mit der Analyse des musikalischen Erlebnisses, der wird wissen, wieviel in diesem musikalischen Erlebnis durchaus Gefühlsmäßiges drinnensteckt, wie aber doch dieses Gefühlsmäßige in einer gewissen Beziehung zum Vorstellungsleben stehen muß. Wir könnten sonst in das musikalische Erlebnis nicht die differenzierte Melodie hereinbringen; wir könnten nicht einmal den einzelnen Ton in seiner objektiven Erfassung drinnen haben, wenn nicht in irgendeiner Weise das Vorstellungserlebnis mit dem Gefühlserlebnis im musikalischen Gesamterlebnis zusammenkämen. Aber immer wieder, und zwar mit Recht, wird betont, das Hauptsächliche beim musikalischen Erlebnis ist das Gefühlserlebnis. Und solche Leute wie Eduard Hanslik in seinem Buche «Vom musikalisch Schönen», sie gehen zu weit, wenn sie das Gefühlserlebnis ganz ausschalten wollen und das Musikalische mehr oder weniger nur in einem Erleben von Tonarabesken sehen wollen. Aber es muß dieses musikalische Erlebnis weiter analysiert werden. Dann kommen wir dazu, dieses musikalische Erlebnis, dem ja in der Objektivität durchaus Rhythmisches und mit Rhythmischem Verwandtes entspricht, in Zusammenhang zu bringen mit demjenigen, was in uns selber gewissermaßen musikalisch verläuft: mit den Vorgängen unseres rhythmischen Systems. Man kann nun in einer restlosen Weise verfolgen, wie durch den Einatmungsprozeß das Gehirnwasser durch den Rückenmarkkanal nach dem Gehirn hingedrängt wird, wie es gewissermaßen anstößt an das Gehirn und wie es wiederum herunterschwingt bei dem Ausatmungsprozeß. Man kann verfolgen, wie nun durch die Modifikation des Atmungsprozesses auch der Rhythmus modifiziert wird in diesem auf- und absteigenden Gehirnwasser. Und man wird, wenn man dieser Anschauung nur mit derselben Objektivität zu Leibe geht wie anderen objektiven Anschauungen der Außenwelt, dazu kommen zu prüfen, wie zum Beispiel das Atmungserlebnis sich modifiziert im Gesang. Man wird irgend etwas, was sich im Gesang als musikalisches Erlebnis ausspricht, im Atmungserlebnis wiederfinden; das Atmungserlebnis wird man im schwingenden Gehirnwasser wiederfinden. Man wird dann den Zusammenschluß dieses rhythmischen Vorgangs im menschlichen Organismus mit dem Nerven-Sinnesvorgang im Gehirn erkennen und wird so die Wechselwirkung des rhythmischen Systems und des Nerven-Sinnessystems erkennen. Und man wird dann sondern können dasjenige, was entspricht dem Gefühlserlebnis, was im menschlichen Organismus durchaus das rhythmische System ist.

[ 34 ] It is interesting—as I have already pointed out in the book *On the Mysteries of the Soul*—to examine the musical experience under these conditions. Anyone who has ever engaged in the analysis of the musical experience will know how much of an emotional element is contained within it, yet how this emotional element must, in a certain sense, be related to the life of the imagination. Otherwise, we could not incorporate the nuanced melody into the musical experience; we could not even include the individual note in its objective perception if the experience of imagination did not in some way merge with the emotional experience within the overall musical experience. Yet time and again—and quite rightly so—it is emphasized that the central element of the musical experience is the emotional experience. And people such as Eduard Hanslik, in his book *On Musical Beauty*, go too far when they seek to eliminate the emotional experience entirely and view the musical as little more than an experience of tonal arabesques. But this musical experience must be analyzed further. Then we come to the point of relating this musical experience—which, in objective terms, certainly corresponds to the rhythmic and to what is related to the rhythmic—to that which, in a sense, proceeds musically within ourselves: to the processes of our rhythmic system. One can now observe in its entirety how, through the process of inhalation, the cerebrospinal fluid is pushed up through the spinal canal toward the brain, how it, so to speak, impacts the brain, and how it in turn flows back down during the process of exhalation. One can observe how, through the modification of the breathing process, the rhythm is also modified in this rising and falling cerebrospinal fluid. And if one approaches this perspective with the same objectivity as other objective observations of the external world, one will come to examine, for example, how the experience of breathing is modified in singing. One will find something—which expresses itself in singing as a musical experience—reflected in the experience of breathing; one will find the experience of breathing reflected in the oscillating cerebrospinal fluid. One will then recognize the connection between this rhythmic process in the human organism and the nervous-sensory process in the brain, and will thus recognize the interaction between the rhythmic system and the nervous-sensory system. And one will then be able to distinguish that which corresponds to the emotional experience—which, in the human organism, is precisely the rhythmic system.

[ 35 ] Es ist eben notwendig, diesen Dingen mit einer sorgfältigen Analyse zu Leibe zu gehen, dann bieten sie durchaus die Möglichkeit, auch im Menschen selber das zu finden, was nun ein wirkliches Bild der menschlichen Organisation gibt.

[ 35 ] It is indeed necessary to tackle these matters with careful analysis; then they certainly offer the possibility of finding within human beings themselves what provides a true picture of human organization.

[ 36 ] Als drittes stellt sich heraus, daß die Willensimpulse zusammenhängen mit den Stoffwechselvorgängen des menschlichen Organismus. So wie die Vorstellungsvorgänge zusammenhängen mit den Nerven-Sinnesvorgängen und die Gefühlsvorgänge mit den rhythmischen Vorgängen, so hängen die Willensimpulse zusammen mit den Stoffwechselvorgängen. Und man kann durchaus im einzelnen finden, wie auf einem Stoffwechselvorgang, der sich in irgendeinem Muskel vollzieht, der Willensimpuls beruht, der in diesem Muskel entspringt, der aus diesem Muskel kommt.

[ 36 ] Third, it turns out that volitional impulses are connected to the metabolic processes of the human organism. Just as the processes of imagination are connected to the nervous-sensory processes and the processes of feeling to the rhythmic processes, so too are volitional impulses connected to the metabolic processes. And it is entirely possible to identify in detail how a metabolic process taking place in a particular muscle underlies the volitional impulse that arises in that muscle and emanates from it.

[ 37 ] Wenn man diese drei Systeme, die den gesamten Prozeß des menschlichen Organismus darstellen, in ihrer Wechselwirkung betrachtet, dann wird man das physisch-leibliche Gegenbild, aber das vollständige physisch-leibliche Gegenbild des Seelischen haben. Man wird das Seelische nach Vorstellen, Fühlen und Wollen widergespiegelt finden im menschlichen Organismus. Und dann wird man nicht mehr geneigt sein, bloß zu sprechen von einer Gefühlsbetonung des Vorstellungslebens, und die Willensimpulse gar nur nach ihren Vorstellungsentsprechungen von außen her zu betrachten und den Stoffwechsel nur seiner materiellen Seite nach zu betrachten. Es ist durchaus notwendig, den Stoffwechsel auch seiner geistigen Seite nach zu betrachten. Da ist er dasjenige, was durchaus dem Willen entspricht.

[ 37 ] If one considers these three systems—which represent the entire process of the human organism—in their interaction, one will find the physical-bodily counterpart, indeed the complete physical-bodily counterpart, of the soul. One will find the soul—in its aspects of imagination, feeling, and will—reflected in the human organism. And then one will no longer be inclined to speak merely of an emotional emphasis in the life of the imagination, nor to view the impulses of the will solely in terms of their corresponding images in the imagination from the outside, nor to consider metabolism solely from its material aspect. It is absolutely necessary to consider metabolism from its spiritual aspect as well. There it is precisely what corresponds to the will.

[ 38 ] Sie werden alles restlos lösen können, was sich Ihnen als Widersprüche bieten könnte gegen diese Darstellungen, wenn Sie richtig empirisch zu Werke gehen, denn diese drei Systeme sind nicht etwa getrennt, sondern sie durchdringen sich. Der Nerv wird organisch aufgebaut durch den Stoffwechsel, ist aber etwas anderes in bezug auf seinen nervösen Prozeß als der Stoffwechsel. Der Stoffwechselprozeß wirkt aber auch im Nerv, denn der Nerv muß organisch auf- und abgebaut werden. Indem der Stoffwechsel im Nerv wirkt, durchzieht sich unser Vorstellungsleben mit dem Willensimpuls. Und man muß schon in einer solchen Weise materialistisch angekränkelt sein wie John Stuart Mill oder diejenigen, die sich zu ihm bekennen, wenn man von bloßen Vorstellungsassoziationen redet — die es in dieser Abstraktheit gar nicht gibt —, wenn man das Element des Willens aus dem Vorstellungsleben ganz heraussondert.

[ 38 ] You will be able to completely resolve any contradictions that might arise in relation to these descriptions if you proceed in a truly empirical manner, for these three systems are not separate but rather interpenetrate one another. The nerve is organically built up through metabolism, but in terms of its nervous process, it is something different from metabolism. However, the metabolic process also operates within the nerve, for the nerve must be organically built up and broken down. As metabolism operates within the nerve, our life of imagination becomes permeated with the impulse of the will. And one must be as afflicted by materialism as John Stuart Mill or those who follow his lead if one speaks of mere associations of ideas—which do not exist in this abstract sense at all—and if one completely separates the element of will from the life of imagination.

[ 39 ] Sie sehen daraus, meine sehr verehrten Anwesenden, wie notwendig es ist, ganz anders die Beziehungen des Seelischen zum Physischen zu suchen, als das heute gewöhnlich geschieht. Ich werde Ihnen im Verlauf der Vorträge noch andere Zeugnisse dafür geben. Sie sehen, um was es sich eigentlich handelt. Darum handelt es sich: in wirklich konkreter Weise empirisch die Beziehungen des Geistig-Seelischen zum Physisch-Leiblichen im Menschen zu suchen und nicht nur abstrakt herumzureden über die Beziehungen von Seele und Geist, womit man dann doch nicht viel mehr hat in dem Wortinhalt als die Beziehungen eines abstrakten SeelischGeistigen zu dem Physisch-Leiblichen.

[ 39 ] As you can see from this, my esteemed audience, how necessary it is to explore the relationship between the soul and the physical body in a completely different way than is commonly done today. I will provide you with further evidence of this as the lectures progress. You can see what this is really all about. This is what it is all about: to investigate, in a truly concrete and empirical way, the relationships between the spiritual-soul aspects and the physical-bodily aspects in the human being, and not merely to talk abstractly about the relationships between soul and spirit—which, in the end, amounts to little more than discussing the relationships of an abstract spiritual-soul entity to the physical-bodily aspects.

[ 40 ] Wenn man aber eine solche Betrachtungsweise anwendet, die nun wirklich das Seelische drinnen schaut im Leiblichen, die den Leib durch und durch in seiner Konfiguration durchseelt erkennt, und umgekehrt wiederum überall dasjenige, was aus dem Leiblichen heraus spielt, in das Seelische hinein spielen sieht, dann ist erst eine Wissenschaft möglich, die die Grundlage einer vernünftigen Medizin und wiederum die Grundlage einer vernünftigen Therapie sein kann. Da beginnt eines der Kapitel, wo Geisteswissenschaft unmittelbar praktische Konsequenzen nach sich zieht, wo sie berufen erscheint, Lösungen zu finden für das, was einem als das Unbefriedigendste entgegentritt, wenn man aufgrund der heutigen Voraussetzungen Menschenerkenntnis als Grundlage für Pathologie und Therapie haben will.

[ 40 ] But if one applies a perspective that truly looks into the physical from within the soul—one that recognizes the body as thoroughly permeated by the soul in its very configuration—and, conversely, sees how everything that emanates from the physical plays a role within the soul, only then is a science possible that can serve as the foundation for rational medicine and, in turn, for rational therapy. This marks the beginning of one of the chapters where spiritual science has direct practical implications, where it appears called upon to find solutions to what strikes one as most unsatisfactory when, given today’s conditions, one wishes to use knowledge of the human being as the foundation for pathology and therapy.

[ 41 ] Ich habe diese beiden ersten Vorträge hauptsächlich aus dem Grunde so angelegt, wie ich sie angelegt habe, damit Sie sehen, daß es sich bei der anthroposophischen Geisteswissenschaft nicht darum handelt, bloß irgendwelche Dinge phantastisch zu konstruieren, sondern daß es sich darum handelt, in ernsthafter Weise eine Weltbetrachtung zu geben, die den Menschen einschließt und die daher auch demjenigen gerecht werden kann, was in praktischer Beziehung nach der einen und anderen von den beiden gestern hier bezeichneten Seiten vom Menschen ausgehen soll. Letzten Endes handelt es sich doch darum, daß man den Menschen wirklich erkennt, daß man nicht bloß über ihn herumredet, sondern ihn wirklich erkennt, wenn man eine Grundlage gewinnen will für das, was in ethischer, in sozialer Beziehung von dem Menschen ausgehen soll. In der heutigen Zeit ist man nun einmal dazu aufgerufen, aus Menschenerkenntnis heraus auch Ziele für das praktische Leben zu gewinnen. Daher mußte schon das Thema dieser Vorträge, die handeln sollen von der Befruchtung der Fachwissenschaften durch die Geisteswissenschaft, so gestellt werden. Und wir werden auch sehen, wie aus einer solchen Betrachtung des Menschen sich sowohl in technischer wie in sozial-praktischer Beziehung fruchtbare Resultate nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für das Leben gewinnen lassen, weil im Grunde genommen, wenn man es nur im richtigen Sinne versteht, wahre Wissenschaft immer dem wahren Leben dienen muß.

[ 41 ] I structured these first two lectures the way I did, primarily so that you can see that anthroposophical spiritual science is not simply a matter of merely constructing fantastical scenarios, but rather about offering a serious worldview that encompasses the human being and can therefore also do justice to what, in practical terms, should flow from each of the two aspects of the human being described here yesterday. Ultimately, it is a matter of truly understanding the human being—not merely talking about him, but truly understanding him—if one wishes to gain a foundation for what should emanate from the human being in ethical and social terms. In today’s world, we are called upon to derive goals for practical life from our understanding of the human being. That is why the theme of these lectures—which are intended to address the enrichment of the specialized sciences through the human sciences—had to be framed in this way. And we shall also see how, from such a view of the human being, fruitful results can be derived—both in technical and in practical-social terms—not only for science but also for life itself; for, fundamentally speaking, if one only understands it in the right sense, true science must always serve true life.