Fachwissenschaften und Anthroposophie
GA 73a
11 January 1921, Dornach
11. Proben für die Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften I
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! In diesen vier Vorträgen möchte ich sprechen über die Befruchtung, welche einzelne Fachwissenschaften durch die geisteswissenschaftlichen Methoden erfahren können. Heute soll nur eine Art Einleitung zu den eigentlichen Betrachtungen gegeben werden, mit denen ich dann morgen beginnen will. Ich werde mir in diesen Vorträgen weniger eine systematische Darstellung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse selbst zur Aufgabe setzen, als den Versuch, die Brücke zu schlagen zwischen dieser Geisteswissenschaft und dem anderen wissenschaftlichen Leben der Gegenwart.
[ 2 ] Ich möchte aber doch zur Einleitung einiges über den besonderen Charakter der geisteswissenschaftlichen Methode vorausschicken. Diese Methode unterscheidet sich ja von allem, was heute gewöhnlich als wissenschaftlich angesehen wird. Erstens wird ja aus den heutigen Denkgewohnheiten und Anschauungen heraus schon die Möglichkeit bezweifelt, in dasjenige Gebiet des Wirklichen einzudringen, mit dem sich diese Geisteswissenschaft beschäftigen will. Zweitens wird aber auch aus denselben Denkgewohnheiten und Empfindungen heraus immer wieder gesagt, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft lasse es fehlen an dem, was man «Beweise» für ihre Erkenntnisse nennt.
[ 3 ] Nun, nachdem im Verlauf der Vorträge einige Proben der Beziehungen zwischen der Geisteswissenschaft und den Fachwissenschaften gegeben sein werden, werde ich gerade auf diese zwei Einwürfe noch einmal kurz zurückkommen. Heute möchte ich mich darauf beschränken, einleitend zu sagen, daß diese Geisteswissenschaft allerdings in ihrer ganzen Forschungsweise sich unterscheidet von dem, was sonst heute im wissenschaftlichen Leben geltend gemacht wird, daß aber dennoch diese Geisteswissenschaft nichts anderes sein will als eine wirkliche Fortsetzung gerade der strengsten wissenschaftlichen Erkenntnisweise der Gegenwart. Sie will durchaus Rechnung tragen denjenigen Fortschritten, die die Menschheit gemacht hat in den letzten Jahrhunderten, insbesondere im 19. Jahrhundert, in bezug auf Exaktheit und Gewissenhaftigkeit der wissenschaftlichen Methoden. Sie möchte durchaus nicht in irgendeiner laienhaften oder dilettantischen Weise über die geistigen Welten reden, sondern aus derselben Erkenntnisgesinnung und Erkenntnisanlage heraus, aus denen die Wissenschaft der Gegenwart im allgemeinen reden will. Aber sie ist sich zu gleicher Zeit klar darüber, daß die Erkenntnisfähigkeiten erweitert werden müssen, wenn man zu einer, wenn auch nur relativen Beantwortung derjenigen Fragen kommen will, welche unbeantwortet bleiben auf allen Gebieten des heutigen wissenschaftlichen Lebens. Noch mehr aber möchte diese Geisteswissenschaft gerade gegenüber der heutigen Zeit das Unbefriedigende an unserem gegenwärtigen wissenschaftlichen Leben betonen; sie möchte zeigen, daß zwar auf der einen Seite dieses wissenschaftliche Leben in einer ganz außerordentlich bedeutsamen Weise hat eingreifen können in die technische Praxis, daß aber andererseits diesen großen Fortschritten auf technischen Gebieten, die unser ganzes modernes Leben umgestaltet haben, keineswegs zur Seite stehen ebensolche Fortschritte in bezug auf die soziale Praxis. Das ist wichtig gerade aus dem Grunde heute zu betonen, weil die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft glaubt, von ihrem Gesichtspunkte aus auf der einen Seite eine Vertiefung und Erweiterung des Naturerkennens zu gewinnen, aber auf der anderen Seite vermeint, nicht stehenbleiben zu müssen bei dieser, ich möchte sagen betrachtenden Art der Erkenntnis, weil sie glaubt, übergehen zu können zu solchen Erkenntnissen, welche nicht nur die theoretische Anschauung des Menschen ergreifen, sondern den ganzen Menschen, vor allen Dingen das Willensleben, und dieses nicht in allgemeinen Abstraktionen, sondern in all der Konkretheit, in all der Differenziertheit, wie es wirken soll im sozialen Gebiet — wenn wir dazu kommen wollen, uns in ebenso fruchtbarer und geschickter Weise in der sozialen Technik zu verhalten, wie wir es in der mechanistischen können.
[ 4 ] Auf diese Zusammenhänge möchte ich einleitend eben deshalb hinweisen, weil ja in der Gegenwart gefühlt werden kann, daß die Menschheit immer mehr und mehr nach Bewußtheit über all ihr Tun hinstrebt. Unsere ganze wissenschaftliche Entwicklung seit drei bis vier Jahrhunderten ist ja ein Hinausstreben aus gewissen mehr oder weniger undeutlichen, unklaren, wenn auch deshalb vielleicht in anderer Beziehung doch sicheren Vorstellungswelten, zu vollbewußten, klaren Vorstellungswelten. Wieviel auch noch fehlen mag in der Richtung des Ideals der naturwissenschaftlichen Erkenntnis — auf dem Wege, dieses Ideal in einer gewissen Weise auszugestalten befindet sich ja die Naturwissenschaft zweifellos; und sie hat sich eben durch ihre Anwendungen in der Technik auch äußerlich bewährt.
[ 5 ] Nicht in gleicher Weise, können wir sagen, ist diese Bewährung eingetreten in der sozialen Praxis. Dennoch aber ist gerade von sozial denkenden Leuten in der neueren Zeit geltend gemacht worden, man müsse auch das soziale Leben nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten durchforschen. Und die breiten Kreise des Proletariats — ich will jetzt keine Kritik üben, ich will nur charakterisieren — sind überzeugt davon, daß dasjenige, was sie als soziale Theorien predigen, durchaus auf wissenschaftlichen Untergründen beruhe. Am stolzesten auf die wissenschaftlichen Untergründe ist alles dasjenige, was aus der sozialen Lehre des Marxismus hervorgegangen ist. Das aber ist etwas, was auf der anderen Seite außerordentlich bedenklich machen müßte, denn die sozialen Zustände innerhalb des zivilisierten Lebens lehren heute schon, wie wenig diese soziale Praxis zu irgendeinem fruchtbaren Resultate führen kann. Sie kann nur dazu führen, daß auf dem Wege der sozialen Zerstörung immer weiter geschritten wird. Da muß doch gefragt werden: Worin liegt denn eigentlich das wahrscheinlich außerordentlich Fehlerhafte in der Übertragung der wissenschaftlichen Anschauungsweise auf die soziale Praxis?
[ 6 ] Wenn man den Blick wirft auf das, was in der neueren Zeit wissenschaftliche Gesinnung geworden ist, so muß man sagen: Es wird gelten gelassen die empirische Methode. Diese empirische Methode, welche ja, um rationell zu werden, von der Empirie zum Experiment vorschreitet, hält sich an die äußere Erfahrung. Sie wendet auf diese äußere Erfahrung an eigentlich nur, was als die einzig wirkliche, erfahrungsfreie Wissenschaft angesehen wird: die mathematische Betrachtungsweise, Mathematik im weitesten Sinne. Man muß die Art und Weise, wie der Mensch zu den empirischen Tatsachen der Außenwelt kommt, die ihm durch die Sinne gegeben sind, auch durch die «bewaffneten» Sinne, wie er dann diese empirischen Tatsachen der Außenwelt registriert, kombiniert, wie er versucht, aus ihnen Gesetze zu begründen, die von der untersten Stufe des statistischen Ordnens bis zu den fast schon mathematisch auftretenden, zusammenfassenden Naturgesetzen gehen, streng vergleichen mit der Art und Weise, wie man zu den mathematischen Wahrheiten selbst kommt. Diese beruhen durchaus auf einer inneren Anschauung, auf einer inneren Konstruktion innerhalb des seelischen Lebens selber. Und durch dieses innere Konstruieren haben die mathematischen Erkenntnisse ihre Gewißheit. Diese wird nicht auf irgendeine induktive Weise gewonnen, sondern sie gilt durchaus als etwas, was der deduktiven Betrachtung unterliegt, so daß man sagen kann: Mathematik und alles dasjenige, was dazu gehört in der Mechanik, die Phoronomie und so weiter, ist durchaus etwas, was der Mensch aus seinem Seelenleben heraus selber aufbaut.
[ 7 ] Nun ist es ja interessant, daß schon in der Morgenröte der neueren Wissenschaftsentwicklung diese Art und Weise, sich auf der einen Seite zur Empirie, auf der anderen Seite zur Mathematik zu stellen, nach einer ganz bestimmten Richtung hin charakterisiert worden ist, nämlich so, wie es am klarsten zutagetritt in der bekannten Kantischen Formel, daß eigentlich in jeder wirklichen Erkenntnis nur soviel Wissenschaft anzutreffen ist, als darin Mathematik ist. Und heute vernehmen wir ja noch immer, daß im Grunde genommen das wissenschaftliche Bestreben darin bestehen muß, die Naturerscheinungen zu einem Bilde zu vereinigen, das sich irgendwie mathematisch durchdringen, mathematisch beherrschen läßt; wir versuchen zum Beispiel, dadurch ein physikalisches Weltenbild zu gewinnen, das wir in einer gewissen Weise mathematisch-durchsichtig gestalten können. Also wir verfahren auf diesem Gebiete so, daß wir dasjenige, was wir in Beobachtungen oder Experimenten von der Außenwelt erhalten, durchdringen mit demjenigen, was aus dem Innern der Seele selber als eine in sich geschlossene, in sich lichtvolle, klare Wissenschaft aufgebaut werden kann.
[ 8 ] Diese Art und Weise, die Welt erkenntnismäßig zu behandeln, hat sich allmählich im modernen Bewufßtsein so eingebürgert, daß sie von vielen als die einzig mögliche angesehen wird. Und man eignete sich nach und nach, weil eben in der letzten Zeit die großen Fortschritte gerade nach der Richtung einer solchen Erkenntnis gemacht worden sind, ein Bewußtsein an, welches dahin ging, daß man sagte: So muß verfahren werden, so muß man forschen, so muß im Grunde genommen der Mensch sich verhalten auf der einen Seite zu demjenigen, was er aus seinem Innern zur Außenbeobachtung gibt, und auf der anderen Seite zu demjenigen, was ihm aus der Außenwelt entgegentritt. Man hat sich in einer gewissen Weise an diesem Forschen, an dieser Methode wissenschaftlich erzogen.
[ 9 ] Nun trat eben die Notwendigkeit an die neuere Menschheit heran, wissenschaftliche Art auch einzuführen in die Sozialwissenschaft und damit in die Art, wie man das soziale Leben erkennend beherrschen will. Man braucht nur an eine einzige Tatsache zu erinnern, um darauf hinzuweisen, welche Einseitigkeit damit aufgetreten ist. Am einseitigsten hat Karl Marx und seine Schule die Übertragung der Wissenschaftsgesinnung der neueren Zeit auf die soziale Technik, auf die soziale Praxis hingeführt. Und was ist dabei herausgekommen? Es ist hier nicht nötig, da ich nur eine Einleitung geben will, auf die besondere Art des Deduzierens der pseudowissenschaftlichen Methode des Marxismus einzugehen, aber hingewiesen werden muß darauf, welche Art von Ergebnissen dadurch gezeitigt worden sind. Es ist zum Glaubensbekenntnis geworden gerade aus diesen Untergründen heraus, daß man eigentlich, wenn man das Menschenleben in sozialer Beziehung betrachtet, zugeben muß, daß alles das, was im geschichtlichen Verlauf der Menschheit geschehen ist, sich erklären lassen muß aus den verschiedenen Formen der Produktionsvorgänge. Also die äußeren, materiellen Prozesse wurden zugrundegelegt; und dasjenige, was sich im Menschenleben entwickelt hat, was hervorging aus dem Seelischen des Menschen, was sich bildete durch Denkerisches und dergleichen, das wurde als eine, wie man sagte «Ideologie» hingenommen. So entstand der Glaube, man könne die soziale Praxis durchaus nicht aus irgendwelchen Ideen, aus irgendwelchen Impulsen des menschlichen Lebens formen, sondern man könne sie eigentlich nur durchschauen, indem man sich in die Institutionen, in den Produktionsprozeß selber einläßt, indem man also erkennend arbeite unmittelbar an der Umformung der Produktionsprozesse; dann werde sich dasjenige, was Inhalt der Ideologie ist, schon ergeben.
[ 10 ] Man kann sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß durchaus das, was geltend gemacht worden ist als eine streng exakte Methode in der Naturwissenschaft, durch die wissenschaftliche Erziehung übertragen worden ist auf das soziale Gebiet und daß man dadurch auf diesem Gebiet dazu gekommen ist, den Menschen mit seinem Wollen, mit seinen Kräften, mit seinem ganzen Wesen aus dem historischen, aus dem sozialen Prozeß auszuschalten und als das Reale in diesem sozialen Prozeß nur die Produktionsweise, die materiellen Vorgänge anzusehen. Und heute stehen wir an einem sehr kritischen Wendepunkt der Zeit. Heute handelt es sich darum, auf vielen Gebieten unseres Zivilisationslebens vom Menschen aus gestaltend zu wirken in dem sozialen Leben. Und mit der geschilderten Anschauung läßt sich das nicht erreichen — nämlich mit einer Anschauung, die in demjenigen, was im Grunde aus dem menschlichen Innern hervorgeht, nur eine Ideologie, also nur eine Art Traum sieht. Mit einer solchen läßt sich nicht die Kraft finden, in das soziale Leben einzugreifen.
[ 11 ] Es hat aber das, was sich heute aus der besonderen Artung moderner Wissenschaftlichkeit ergibt, eine Art Weltbedeutung. Und es obliegt einem, nachzudenken darüber, warum man im Stiche gelassen wird von dem, was der Mensch aus seinem Inneren heraus bewirken kann mit Bezug auf die soziale Praxis. Da muß angefangen werden nachzudenken darüber: Kann denn die naturwissenschaftliche Methode, die auf dem Gebiet der Naturwissenschaft ganz berechtigt ist, auch auf einem solchem Gebiet wie dem Gebiet der sozialen Praxis unmittelbar angewendet werden? Das ist eine Frage, die heute nicht nur als eine wissenschaftliche, sondern die als eine große Menschheitsfrage vor uns steht, die aber doch in einer gewissen Art erst wissenschaftlich wird gelöst werden müssen. Denn alles hängt davon ab, sich klar zu werden darüber, ob die Methoden, die wir in der Naturwissenschaft heute anwenden, in sich abgeschlossen sind, oder ob sie in irgendeiner Weise so entwicklungsfähig sind, daß wir dann auch die Möglichkeit gewinnen, in einer einheitlichen Weise aus wissenschaftlichem Geiste heraus auf der einen Seite Naturerkenntnis zu treiben, auf der anderen Seite aber auch eine soziale Erkenntnis zu haben, die den Menschen umfaßt, nicht bloß die Produktionsprozesse, und die sich dann ebenso erweitern kann zu einer sozialen Technik, zu einer sozialen Praxis, wie sich die Naturerkenntnis erweitert hat zu einer mechanistischen Praxis und Technik.
[ 12 ] So hängen die wissenschaftlichen Fragen, wie anthroposophische Geisteswissenschaft meint, mit dem ganzen Leben unserer Zeit zusammen. Und es glaubt diese Geisteswissenschaft, damit herauszusprechen aus den unmittelbarsten Bedürfnissen unserer Zeit. Sie glaubt aber auch, daß es unmöglich ist, auf eine andere Weise den Weg zu finden aus den Wirrnissen der Zeit heraus, als dadurch, daß man in das Wesen des wissenschaftlichen Lebens selber eindringt.
[ 13 ] Und da entsteht die große Frage: Gibt es Möglichkeiten, sich noch in anderer Art der Wirklichkeit gegenüberzustellen, als dadurch, daß man nach dem Muster der mathematischen Entwicklung sein Seelenleben ausgestaltet und es dann auf die empirische Wirklichkeit anwendet? Da ist es eben, wo die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einsetzt mit ihrer Methodologie, wo sie einsetzt so, daß sie fragt: Ist es nur möglich, aus dem Innern des Menschen heraus das zu gewinnen, was sich in den anerkannten mathematischen Formeln ausdrückt? Oder ist es möglich, noch ganz anderes aus dem Innern des Menschen heraus zu gewinnen als dasjenige, was der Inhalt der heutigen Mathematik ist? — Das ist eben das erste methodologische Ergebnis anthroposophischer Geisteswissenschaft, daß man nicht nur Mathematik herausgestalten kann aus der menschlichen Seele, sondern noch andere Seelenerlebnisse. Und von diesen anderen Seelenerlebnissen unterscheidet die anthroposophische Geisteswissenschaft drei Stufen. Dasjenige, was mathematische Gebilde sind, ist im Grunde genommen, insbesondere seiner Qualität nach, eigentlich schon Geisteswissenschaft; man erkennt sie nur nicht als solche. Was dann folgt, ist das, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» genannt habe die Imagination. Damit ist nicht ein phantastischer Inhalt gemeint, sondern das Herausgestalten eines Seeleninhaltes, der genau in derselben Weise rein innerlich aus der menschlichen Seele gewonnen ist wie der mathematische Gehalt, der aber nun nicht bloß formal ist wie der mathematische, sondern der selber inhaltsvoll ist, der in einer anderen Weise sich zur Wirklichkeit stellt als der mathematische Inhalt.
[ 14 ] Ich nenne das, was da gewissermaßen als eine höhere Stufe, als eine inhaltsvollere Mathematik aus dem Innern der Seele gewonnen wird, aus dem Grunde Imagination, weil, wenn man sich in den mathematischen Inhalt vertieft, man im Mathematischen keinen Seinsgehalt hat; der Seinsgehalt muß den mathematischen Formeln von der Empirie, von außen her gegeben werden. In demjenigen, was in unserem Bewußtsein präsent ist mit den mathematischen Formeln, hat man keinen Seinsgehalt. Das hat für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft seine tiefe Berechtigung. Wenn wir in der mathematisch-empirischen Betrachtungsweise den Seinsgehalt schon vom Innern her dieser Außenwelt, die uns in der sinnlichen Beobachtung vorliegt, entgegenbringen würden, dann würden wir diese Außenwelt nicht erleben können. Wir würden sie nicht durchsichtig finden. Dieses Sein, das wir der Außenwelt zuschreiben, das ist uns nur dadurch gegeben, daß wir in dem, was wir methodisch dieser Außenwelt entgegenbringen, keinen Seinsgehalt haben, sondern daß wir uns bewußt sind, daß wir ihr nur einen Bildinhalt entgegenbringen. Wer sich einmal klar ist gerade über diesen Bildcharakter des Mathematischen, der wird in ihm das besonders Charakteristische finden in der naturwissenschaftlichen Methode der Gegenwart.
[ 15 ] In dem Augenblick, wo an die Geisteswissenschaft herangetreten wird, bleibt man nicht stehen bei der besonderen Seelenverfassung, die man durch Vererbung, durch Erziehung sich errungen hat und die man dann auch in der gewöhnlichen Wissenschaft anwendet. Man schreitet weiter in der Entwicklung der Seele. Man holt aus der Seele die in ihr latenten Kräfte heraus. Der ganze Vorgang ist subjektiv kein anderer als derjenige, der sich ergibt, wenn man in dem Zeitpunkte, in dem man noch nichts von irgendeiner mathematischen Anschauung in der Seele hat, übergeht zu demjenigen, wo sich die Seele erfüllt mit mathematischen Anschauungen, mit Verhältnissen von Figuren und so weiter. Rein innerlich, qualitativ genommen ist diese Seelenentwicklung, die durch die hier gemeinte anthroposophisch orientierte mit Geisteswissenschaft angestrebt wird, eben durchaus nichts anderes als eine Weiterführung des Prozesses, der sich vollzieht, wenn man aus dem nicht mit Mathematik erfüllten Bewußtsein in das mathematik-erfüllte Bewußtsein übergeht. Dieser Prozeß wird fortgebilder.
[ 16 ] Aber wenn man diesen Prozeß fortbildet, dann stellt sich etwas sehr Gewichtiges ein. Man erkennt: Nur in diesen eigentümlichen Gebilden, die wir als Mathematik im weitesten Sinne zusammenfassen können, ist es möglich, rein formal zu erleben. Es gibt kein anderes Gebiet innerhalb dessen, was unser gewöhnliches Bewußtsein erreichen kann, wo wir rein formal erleben können, als die Mathematik. Wenn daher dieser Prozeß weitergebildet wird über die Mathematik hinaus zu demjenigen, was ich die erste höhere Stufe der Erkenntnis nenne, dann tritt das ein, daß wir nicht mehr bloß formal, nicht mehr bloß bildhaft erleben, sondern daß wir in dem Erleben selber Seinsgehalt haben, wie wir Seinsgehalt haben, wenn wir Hunger oder Durst spüren oder wenn wir einen Willensimpuls, der auch verknüpft ist mit irgendeinem organischen Vorgang, in uns entwickeln. Wir können also nicht den Prozeß in der Entstehung mathematischer Gebilde über dieses Entstehen mathematischer Gebilde hinaus ausdehnen, ohne daß wir in das Sein eintreten. Dann aber vollzieht sich in polarischer Weise das, daß wir in demselben Maße, in dem wir im innerlichen Leben in das Sein hineingehen, im Bewußtsein präsent von diesem Sein nur Bilder haben. Deshalb nenne ich dieses Bewußtsein das imaginative Bewußtsein.
[ 17 ] Wenn wir uns mathematisch zur Umwelt verhalten, so ist, möchte ich sagen, ein völliges Gleichgewicht vorhanden zwischen dem, was uns von außen als Sein entgegentritt, und dem, was im Innern als bloßes Bild auftritt. Und es ist sogar in dem besonderen Verhalten des Hin- und Hergehens zwischen der äußeren Anschauung und der inneren Konstruktion, in diesem Hin- und Hergehen zwischen der Empfindung der Außenwelt und ihrem Durchgeistigen mit den konstruierten mathematischen Gebilden, etwas wie ein geistiger Prozeß, etwas von Systole und Diastole vorhanden. Dasjenige, was uns von außen entgegentritt, das bringt uns das Sein. Was von innen aus der Außenwelt entgegengebracht wird, das bringt uns die lichtvolle Durchdringung des Seins. Und wir würden auf diesem Gebiete — das ergibt eine einfache Überlegung über den Erkenntnisvorgang — das Gefühl bekommen, wir umfaßten nicht das Sein, wenn wir von innen mit den mathematisch erzeugten Gebilden selber ein Sein in die Welt hinaustragen würden. Es würde gewissermaßen Sein von innen mit Sein von außen zusammenschlagen, und das gäbe etwas, was dem Bewußtsein dunkel bliebe. Es würde sich nicht der volle Gehalt der Außenwelt mathematisch lichtvoll durchdringen lassen.
[ 18 ] In demselben Moment, wo wir aufsteigen zu einer höheren Erkenntnis, erleben wir allerdings das Sein im Innern. Dafür wird demjenigen, was im Bewußtsein präsent wird, Bildcharakter aufgedrückt. Aber wir erleben eben das Sein im Innern. Wir wissen, daß die Bilder, die wir erleben, durchaus objektiv sind, weil wir jetzt zwar das Sein nicht als äußeren Inhalt der Bilder unmittelbar erleben und deshalb wissen, daß unsere Bilder nicht Träume, nicht Phantasien sind, sondern daß sie der adäquate Ausdruck einer Wirklichkeit sind, die wir nur seelenhaft erleben können. Das heißt, wir erheben uns, indem wir eine solche Fortsetzung unseres inneren Seelenprozesses durchmachen, von der Betrachtung der sinnlichen Welt zur Anschauung der übersinnlichen Welt. Wir kommen in der Tat auf diese Weise in eine Welt hinein, die wir auf keine andere Art vor unser Bewußtsein hinstellen können.
[ 19 ] Die erste Stufe der imaginativen Erkenntnis gibt uns die Möglichkeit, eine neue Welt vor unser Bewußtsein hinzustellen, die wir — zum Unterschied von der Welt, die wir gewöhnlich vor uns haben, die wir auch in der gewöhnlichen Wissenschaft vor uns haben — nur innerlich erleben, von der wir aber wissen, daß durch das Bild, das wir objektiv vor unser Bewußtsein hingestellt finden, wir eine Offenbarung des Seins haben.
[ 20 ] So konnte ich wenigstens mit einigen Strichen zeigen, worauf die Erkenntnismethode beruht, durch die die Geisteswissenschaft eindringen will in die Welten, die der gewöhnlichen Wissenschaft nicht gegeben sind. Dieser sind sie nicht gegeben, weil in einem gewissen Sinne richtig ist, daß in ihr nur so viel Wissenschaftliches ist, als Mathematik in ihr ist. Damit ist aber in ihr nur dasjenige enthalten, was wir im Seelenleben als Bildhaftes haben können, was selber keine Realität ist. In dem Augenblick, wo wir eine Erkenntnis suchen, trotzdem wir unsere eigene Realität auslöschen, wird, was in unserem Bewußtsein präsent wird, als Objekt bildhaft, während früher das Subjektive bildhaft war. In unserem Verkehr mit dem Bilde wird die Realität erlebt. Und es handelt sich jetzt nur darum, wie wir in diesen Erkenntnisprozeß ebenso die Möglichkeit hineinbringen, uns in ihm frei zu bewegen, wie wir sie in dem gewöhnlichen äußeren, empirischen Erkenntnisprozeß haben, wo wir unsere Beobachtungen so machen, wie es unseren Intentionen entspricht, wo wir unsere Versuchsanordnungen so gestalten, wie wir es zweckmäßig finden, um dieses oder jenes Resultat zu ergründen und so weiter. Würde der Geistesforscher nur stehenbleiben bei der Entwicklung der Imagination, so würde ja nur das in ihm sein, daß er eine Realität erlebt, die sich ihm in einem Bilde darstellt, aber er würde diese imaginative Welt, zu der er sich erhoben hat, nicht beherrschen können. Diese Welt, die sich darstellt in den Imaginationen, die erobert man sich dadurch, daß man sich durch Methoden, die wahrhaftig schwerer sind als die Methoden der Laboratoriumsforschung oder astronomischen Forschung, im Innern der Seele in ganz intimer Weise weiterbringt.
[ 21 ] [bis hier ist der Text von Rudolf Steiner korrigiert worden]
[ 22 ] Das Elementare davon möchte ich heute andeuten. Das Genauere finden Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern.
[ 23 ] Man versucht, dasjenige, was beim gewöhnlichen Erkennen naturgemäß in uns sich abspielt, in die menschliche Willkür hineinzubekommen. Indem wir die Tatsachen der Natur verfolgen, indem wir uns den Dingen der Natur hingeben, bilden wir uns von ihnen Vorstellungen. Diese Vorstellungen gewinnen Dauer, aber eine in gewisser Weise modifizierte Dauer. Wir können uns an unsere Erlebnisse erinnern. Wir können uns Vorstellungen bilden von dem, was unsere Erlebnisse waren. Ich bitte zu beachten, meine sehr verehrten Anwesenden, wie ich diesen Satz gestaltet habe. Auf dem Gebiet der anthroposophischen Geisteswissenschaft muß man sehr genau sprechen und seine Sätze sehr genau gestalten.
[ 24 ] Die heutige Psychologie redet so, als ob eine Vorstellung, die man gefaßt hat an einem Erlebnis, irgendwie herunterspazieren würde in irgendwelche seelischen Untergründe und wiederum heraufspazieren würde, wenn man sich erinnert. Das ist vor einer genaueren Seelenbeobachtung durchaus nicht haltbar, sondern da liegt etwas ganz anderes vor. Wenn man den Prozeß beobachtet, durch den man auf eine äußere Sinneswahrnehmung hin eine Vorstellung gewinnt, und wenn man das beobachtet, was da im Innern der Seele vor sich geht, dann tritt das Gleiche, nur polarisch gewendet, ein. [Man kann das beobachten], wenn man nun wiederum denjenigen inneren Vorgang — der allerdings unbestimmt ist, den man aber allmählich als Geistesforscher fassen lernt —, wenn man den inneren Vorgang, der sich abspielt vor einer Erinnerung, in seiner Gestaltung zur Vorstellung verfolgt. Die Vorstellung im Erinnern bildet sich aus einem inneren Prozeß auf genau dieselbe Weise heraus, wie sich bei der äußeren Wahrnehmung die Vorstellung bildet am äußeren Sinneswahrnehmungsprozeß. Die Vorstellungen als solche sind in der Zwischenzeit nicht da; sie wandern nicht in unsere Seele hinunter und wieder hinauf ins Bewußtsein, sondern es wird tatsächlich auf dieselbe Weise erinnert wie bei der äußeren Wahrnehmung, nur auf dem Wege von innen herauf, während bei der äußeren Wahrnehmung vorgestellt wird auf dem Wege von außen nach innen. Aber wir gelangen in einer gewissen Weise dazu, dasjenige, was vorübergehendes Erlebnis war, dauernd zu machen. Dieser Prozeß wird sorgfältig methodisch exakt umgeformt durch eine gewisse Konzentration und Meditation, die nur lange genug und intensiv genug angewendet werden muß auf das intime Leben der Seele. Dann gestaltet sich dieses Leben der Seele so, daß die Imagination, imaginatives Erkennen in sie eintreten kann. Die Umgestaltung geschieht dadurch, daß man nun aus voll bewußtem Willen heraus leicht überschaubare Vorstellungen in den Mittelpunkt des Bewußtseins rückt, also solche Vorstellungen, die ganz überschaubar sind, so daß sich keine Reminiszenzen bilden können, die aus Unter- oder Unbewußtem herauf solche Wirkungen geben können. Und dadurch, daß man den Vorstellungen Dauer verleiht und sich auf die dauernde Vorstellung konzentriert, wird das fortgebildet, was sonst nur in der Kraft des Erinnerns lebt; es wird umgebildet zu einer höheren Kraft, die imaginative Kraft wird. Und diese Kraft muß man beherrschen, um in dieser Erkenntnisstufe etwas zu haben, zu dem man sich als Mensch ebenso verhalten kann, wie man sich sonst im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft als Mensch zur Umwelt verhält. Dann ist es notwendig, daß man noch etwas anderes in seine Willkür hereinbekommt: die Vorstellung wiederum zu unterdrücken, wiederum aus dem Bewußtsein herauszuschicken.
[ 25 ] Dadurch, daß man dazu kommt, in absoluter Beherrschung des inneren Seelenvorganges die Vorstellung dauernd zu machen, dann die Vorstellung abzubrechen, das Bewußtsein leer zu lassen, und diesen Übergang praktiziert — erfülltes Bewußtsein, leeres Bewußtsein, erfülltes Bewußtsein, leeres Bewußtsein —, dadurch, meine sehr verehrten Anwesenden, steigt man auf zu dem, was dann inspirierte Vorstellung genannt werden kann. Stoßen Sie sich nicht an den Worten; eine Terminologie muß man haben, es ist nichts anderes gemeint, als das, was ich charakterisiere, ich will damit nicht anknüpfen an irgendwelche abergläubische Vorstellungen. Diese inspirierte Vorstellung ergibt dann für die menschliche Innenerkenntnis schon ein ganz bedeutsames Resultat, während man in der Imagination nur das als Ergebnis hat, daß man den Strom des menschlichen Lebens, den man durchgemacht hat von derjenigen Zeit angefangen, bis zu der man sich zurückerinnern kann, wie etwas gegenwärtig Vorhandenes zurückverfolgen kann. Man hat ein Tableau seines ganzen bisherigen Erlebens vor sich. Dasjenige, was sonst ein Strom ist, aus dem nur wie Wellen die Erinnerungen auftauchen, das ist nun ein einheitliches Ganzes: Das ist das erste Ergebnis der Imagination.
[ 26 ] Das Ergebnis der zweiten, der höheren Erkenntnisstufe, die sich auf dem Wege entwickelt, wie ich es eben dargestellt habe, das ist die Erkenntnis des Ewigen in unserer Seele, des wirklich Ewigen in unserer Seele, das durch Geburten und Tode geht. Um sich in der Welt des Übersinnlichen ebenso frei zu orientieren wie man sich orientiert in der sinnlichen Empirie, muß man zu dieser Vorstellung aufsteigen. Und jetzt ist man in der Lage, auch die Imagination, durch die man eine höhere Welt erkennt, beliebig zu haben, sie wiederum zu unterdrücken und dadurch Vorgänge in dieser höheren Welt wirklich zu beobachten. Geradesowenig wie jemand äußerlich beobachten kann, der seine Augen nicht umher bewegen könnte und nur starr den Blick auf etwas richten würde, geradesowenig würde jemand in der übersinnlichen Welt beobachten können, wenn er nur imaginieren kann und nicht auslöschen kann durch Willkür die Imaginationen. Hier ist es ein Bewegen der Sinnesorgane, die gleichsam hingleiten über die äußere Welt, in der äußeren Empirie; in den höheren Welten ist es die Ruhe der Seele, aber die Beweglichkeit des Äußeren, der Imaginationen selber, die uns die Orientierung in dieser übersinnlichen Welt vermitteln.
[ 27 ] Die dritte Stufe der übersinnlichen Welterkenntnis ist das, was ich im wahren Sinne des Wortes die Intuition nenne - nicht in dem gewöhnlichen, verworrenen Sinne. Diese Intuition wird dadurch erreicht, daß der Mensch ein vollständiges Bewußtsein sich nun auch von dem verschafft, was ihn dann erfüllt, wenn er die Imaginationen ausgelöscht hat, wenn er also ein leeres Bewußtsein hergestellt hat. Man kann nicht, wenn man das getan hat, zu gleicher Zeit einen Inhalt haben, selbstverständlich nicht, aber das, was eintritt, ist, daß man nachher, wenn man wiederum zur Imagination zurückkehrt, den Inhalt mitnimmt, den man erlebt hat im leeren Bewußtsein. Merken Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, wie sich nun der Inhalt der übersinnlichen Welten gewissermaßen aus dem Subjektiven nach dem Objektiven wendet. Erst hat man die Imagination, man erlebt ein Sein, und dieses Sein tritt einem adäquat im Bilde vor das Bewußtsein. Man weiß, daß das das adäquate Bild ist, aber das Sein selbst wird nicht präsent im Bewußtsein. In der Inspiration lernt man sich orientieren, aber es wird noch immer nicht das Sein präsent im Bewußtsein. Jetzt, in der Intuition, tritt das, was man erlebt hat - auch wenn das Bewußtsein nicht ein Sein unmittelbar erlebt hat, aber die Seele ein Sein in Realität erlebt hat —, jetzt tritt das, was während des leeren Bewußtseins da war, auch auf, wenn man die Imagination wieder hat. Das heißt: Dasjenige übersinnliche Sein, in dem man ja objektiv war, das tritt in das Subjektive herein. In der Intuition hat man tatsächlich subjektiv präsent die objektive, übersinnliche Seinswelt.
[ 28 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eine Charakteristik, wie hineingeschritten wird in diese übersinnliche Welt. Sie sehen aus dieser Darstellung — die ja natürlich nur skizzenhaft sein kann und für diejenigen, die mit der Sache durch die Literatur noch nicht bekannt sind, gewiß nur etwas Anregendes, nicht etwas Überzeugendes haben kann —, Sie sehen daraus wenigstens, daß es sich dabei wirklich nicht um beliebige Phantastereien einiger Querköpfe handelt oder um irgendwelche Suggestionen, die innerhalb einer Sekte verbreitet werden, sondern daß es sich handelt um scharf umrissene Prozesse, die in der Seele vollzogen werden, um Prozesse, die erlebbar sind, um durch sie in eine andere Wirklichkeit hineinzukommen, als diejenige ist, die man im gewöhnlichen Leben vor sich hat. Dadurch aber, meine sehr verehrten Anwesenden, sieht man ja durch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft im menschlichen Leben sich entwickeln eine Beziehung des Subjektiven zum Objektiven, und zwar zum ObjektivÜbersinnlichen, das in ebenso scharfer Weise definiert ist, wie in der mathematischen Wissenschaft der Bezug zwischen dem, was innerlich mathematisch nur formal ausgebildet wird, und demjenigen, was in der Empirie als Sein gegeben ist und beleuchtet wird durch die Mathematik. Sie sehen also: Derselbe Prozeß, durch den zum Beispiel die naturwissenschaftlichen Theoretiker, die die Naturwissenschaft für etwas so Sicheres halten, daß sie sagen: Es ist in der Naturerkenntnis nur so viel Wissenschaftliches, als Mathematik darinnen ist —, dieser selbe Wissenschaftsprozess wird durch anthroposophische Geisteswissenschaft zur Grundlage genommen und nur entsprechend weiter ausgebildet.
[ 29 ] Und das zeigt uns, meine sehr verehrten Anwesenden, daß wir in die Lage kommen können, nicht nur die Wirklichkeit, welche das äußere Reich der Natur umfaßt, erkennend zu durchdringen, sondern auch andere Wirklichkeiten. Und da der Mensch einer anderen Wirklichkeit als der Naturwirklichkeit entspringt, so kann er auch nicht verstanden werden, und es kann auch nicht ausgebildet werden irgendeine Praxis, die sich auf das Leben des Menschen selber bezieht, wenn man nur eine Wissenschaft hat, die sich auf die Natur bezieht.
[ 30 ] Dann aber, wenn man eine Wissenschaft hat, die sich auf den geistigen Inhalt der Welt bezieht — und das ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft —, dann hat man damit eine Grundlage gegeben auch zum Verständnis desjenigen, was seelisch und was geistig im Menschen ist. Damit hat man eine Wissenschaft, die von sich aus übergehen kann zu einer sozialen Praxis, zu einer — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — sozialen Technik, so wie die gewöhnliche Naturwissenschaft übergeht von der Wissenschaft zur äußeren Mechanik oder Technik, zur Praxis. Daher glaubt diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, daß auch für eine Soziologie, für eine Sozialwissenschaft, für das soziale Wirken Impulse nur gefunden werden können, wenn zu gleicher Zeit der Weg gesucht wird aus der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methode heraus in die geisteswissenschaftliche Methode. Man möchte sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, eine wirkliche Soziologie, eine wirkliche soziale Wissenschaft wird erst geschaffen werden können, wenn man diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft suchen wird. Da sehen wir die Weltbedeutung dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.
[ 31 ] Aber über eines müssen wir uns klar sein: Wenn man einmal diese geisteswissenschaftliche Methode handhaben gelernt hat, so ist damit zugleich eine gewisse Fortsetzung der Naturwissenschaft selber gegeben. Daher werden nicht nur die Geisteswissenschaften, die ja sämtlich unter der einseitigen modernen wissenschaftlichen Methodik leiden, eine Befruchtung erfahren, sondern es werden durchaus auch die Naturwissenschaften selbst eine Befruchtung erfahren können. Denn seien wir uns nur klar darüber: Man kann in der Morgenröte der neueren Zeit fast mit Händen greifen, wie diese besondere Art, sich mathematisch zur Welt zu stellen, entstanden ist.
[ 32 ] Wer die wissenschaftliche Entwicklung früherer Jahrhunderte wirklich kennt, der weiß, daß eigentlich immer mehr und mehr die Mathematik sich auch als im inneren Bewußtsein des Menschen liegend entwickelt hat; es ist nicht ganz genau der Zeitpunkt anzugeben, allein wenigstens approximativ. Wenn wir bis zu Galilei zurückgehen, dann finden wir ungefähr den Zeitpunkt, wo im Bewußtsein der europäischen wissenschaftlichen Menschheit das gesonderte mathematische Bild sich losgelöst hat von dem Inhalt, mit dem es früher noch gewissermaßen synthetisch verbunden war. In dem Beobachtungsobjekt hatte man den mathematischen Inhalt und den empirischen Seinsinhalt. Das mathematische Denken hat sich erst nach und nach herausgelöst, langsam und allmählich; in den Elementen war es auch schon früher da, aber besonders stark hat es sich losgelöst mit der Entdeckung der Fallgesetze in der Galilei-Zeit und durch dasjenige, was Galilei selber als die Gesetze des Pendels gefunden hat.
[ 33 ] Wenn man das ganze Verhältnis zwischen Mathematik und Empirie, wie es in der damaligen Zeit auftrat, ins Auge faßt, dann sagt man sich: Es ist ja, so wie heute der Mensch ein Bewußtsein von dem inneren Zusammenhang hat, eigentlich erst in der neuesten Zeit der Menschheitsentwicklung zu dieser Bildfähigkeit des mathematischen Inhalts gekommen. Früher waren wir mehr mit dem sinnlichen Inhalt verknüpft. Sie werden, wenn Sie Aristoteles und die griechischen Denker ansehen, noch ungesondert den sinnlich-physischen Inhalt von dem mathematischen Inhalt finden. In meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» finden Sie das für das Begriffssystem des Menschen überhaupt dargestellt.
[ 34 ] Wir haben seit Galileis Zeit eine bestimmte Entwicklung durchgemacht, und diese Entwicklung zeigt sich heute in zweierlei: Erstens strebt die Menschheit wie durch einen unbestimmten Instinkt über das Mathematische hinaus, und sie gelangt zu allerlei über-euklidischen Geometrien und dergleichen. Sie möchte das Mathematische losgerissen vom empirischen Inhalt rein innerlich weiter fortbilden. Man kann heute sogar schon genau bemerken, wo das Mathematische anstößt an das Wirkliche. Das ist zum Beispiel in der synthetischen, in der projektiven Geometrie der Fall. Aber zugleich sehen wir, wie der Mensch gewissermaßen richtungslos wird, indem er zwar den Drang hat, das Mathematische weiter auszubilden, aber nicht weiß, daß, wenn man es losreißt von jenem strengen Wechselverhältnis mit der sinnlichen Empirie, man leicht in das Bodenlose hineinkommt — wenn man es nicht umwandelt zu Imagination und Inspiration. Und wir sehen heute in der wissenschaftlichen Entwicklung diesen Prozeß des Hypermathematischen, der mathematischen Hypertrophie möchte ich sagen, namentlich in der Relativitätstheorie Einsteins und seiner Anhänger vor uns. Da wird die Mathematik aus einem Instinkt heraus losgelöst von dem, was wirklich Systole und Diastole ist oder sich wenigstens damit vergleichen läßt. Und dadurch kommt man zu einem Richtungslosen; man kommt dazu, Theorien aufzubauen, welche zeigen, daß man dazu gekommen ist, nicht mehr wirklichkeitsgemäß zu arbeiten, sondern daß man zu weit geht in diesem Seelenentwickeln zum Mathematischen hin, daß man übertreibt, daß man noch in den Punkten mathematisch sein lassen will, was eigentlich in Imagination, Inspiration und Intuition übergehen sollte.
[ 35 ] Gerade an solcher Einseitigkeit sieht man, meine sehr verehrten Anwesenden, wie in unserer Zeit durchaus schon die Reife da ist, über die bloß mathematische Wissenschaft hinauszugehen, wie aber der Mensch gewissermaßen in einer Art von geistigem Beharrungsvermögen die Richtung fortsetzt, die zu solchen Triumphen in der mathematischen Behandlung der Natur geführt hat, über die Grenze hinaus, wo Mathematik möglich ist. Er überläßt sich dem geistigen Trägheitsgesetz, er metamorphosiert nicht dasjenige, was im Mathematischen erlebt wird, zum Imaginativen, wodurch er nicht mehr durch das, was innerlich ausgestaltet wird, die gewöhnliche empirische Wirklichkeit erfaßt, sondern eine übersinnliche, geistige Wirklichkeit. Wir sind heute auf dem Punkte, wo wir uns auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft besinnen müssen, wie wir Mathematik anzuwenden haben, aber auch wie wir die Natur mit Imagination, Inspiration, Intuition zu durchdringen haben. Und wir sind an dem Punkte, wo die Weltentwicklung mit Notwendigkeit streng eine wissenschaftliche Methode fordert, die auch in die soziale Praxis, in das soziale Leben der Menschen eindringen kann.
[ 36 ] Daher, meine sehr verehrten Anwesenden, hat die anthroposophische Richtung, welche ich nun schon seit vielen Jahren auch hier in Stuttgart vertreten darf, ihr Augenmerk darauf gerichtet, nicht bloß irgendwie Beziehungen herzustellen zu der einen Seite des Lebens, zur Vertiefung in das rein Geistige, sondern sie hat es sich angelegen sein lassen, hineinzuarbeiten in die einzelnen wissenschaftlichen Gebiete. Und davon möchte ich Ihnen eben Proben geben.
[ 37 ] Im Vortrag morgen möchte ich Proben davon geben, wie befruchtend diese Geisteswissenschaft wirken kann auf dem Gebiete der unorganischen und der organischen Naturwissenschaft. Bis in das MedizinischTherapeutische hinein versucht die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sich mit der Naturwissenschaft nicht nur auseinanderzusetzen, sondern die naturwissenschaftlichen Tatsachen aufzunehmen, um sie durch neue Methoden zu befruchten und dadurch etwas für die Menschheit zu schaffen, was noch hinausführen kann über die bloß mechanistische Technik, in der wir es so weit gebracht haben in der neueren Zeit. In diesem zweiten Vortrag möchte ich zeigen, wie im Psychologisch-Historischen, in alle dem, was das eigentlich Menschliche selber anbetrifft, die Geisteswissenschaft erst eine wirkliche Seelenkunde schaffen muß, eine wirkliche Völkerkunde, auch eine wirkliche Jurisprudenz.
[ 38 ] Im dritten Vortrag möchte ich dann zeigen, wie diese Geisteswissenschaft dazu berufen ist, tatsächlich dasjenige auch auszuführen, was fadengezeichnet ist in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ich möchte das zeigen, was befruchtend wirken soll im sozialen Tun, im sozialen Wollen selber, was soziale Impulse schafft dadurch, daß wir erfüllt werden durch die Geisteswissenschaft nicht nur von Ideen, die gewissermaßen kontemplativ sich der Natur hingeben, sondern von solchen Ideen, die selbst zu Lebenskräften werden, damit sie den Menschen wie mit Seelenblut durchdringen, wenn er in das soziale Leben eingreift. Und zum Schluß will ich zeigen, wie das religiöse, das ethische Leben befruchtet wird, und wie das ethische Leben als der höchste Ausfluß, die höchste Blüte des sozialen Lebens erscheinen kann dadurch, daß der Mensch sich nicht bloß mit abstrakten Ideen oder mit unbestimmten Impulsen erfüllt, sondern mit Ideen, die Leben in ihm gewinnen, die ihn innerlich lichtvoll so durchdringen, daß er mit starken Kräften dann auch in das soziale Leben eingreifen kann.
[ 39 ] Wenigstens skizzenhaft möchte ich Ihnen den Weg zeigen, den man beschreiten kann von der Naturwissenschaft hinauf zu den Geisteswissenschaften, namentlich in Soziologie und Ethik. Gerade durch diese Vorträge kann gezeigt werden, daß wirklich mit wissenschaftlichem Ernst, mit einer Methode, die durchaus ebenso gewissenhaft, ebenso erfüllt von Verantwortlichkeitsgefühl der Welt und der Menschheit entgegentritt wie die anderen Wissenschaften, durch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dem Leben der gegenwärtigen Zivilisation gedient werden kann durch eine Befruchtung aller einzelnen Fachwissenschaften.
