Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a
15 January 1921, Dornach
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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
14. Proben für die Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften IV
14. Essays on the Relationship Between the Humanities and the Individual Disciplines IV
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man so, wie es in diesen Vorträgen geschieht, von den Beziehungen der anthroposophischen Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften spricht, dann wird man vielleicht zunächst am wenigsten veranlaßt sein, die Notwendigkeit zu betonen, auch die technischen Wissenschaften als solche anzuführen, die von dieser Geisteswissenschaft aus wie die anderen Wissenschaften befruchtet werden sollen — wovon ich ja schon Proben charakterisiert habe in den letzten Vorträgen. Allein, wenn dies auch alles nur skizzenhaft geschehen kann, so möchte ich doch darauf hinweisen, wie es allerdings auch eine bedeutsame innere Beziehung gibt zwischen der hier gemeinten Geisteswissenschaft und dem, was man technische Wissenschaften mit ihren praktischen Folgen für das moderne Leben nennen kann. Da darf ich — es ist ja nicht persönlich gemeint, es gehört ja durchaus zur Sache — auf das hinweisen, was ich versuchte schon im Beginn der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts mit meiner «Philosophie der Freiheit».
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When, as in these lectures, we speak of the relationship between anthroposophical spiritual science and the individual specialized sciences, we may at first feel least inclined to emphasize the need to include the technical sciences as well—sciences that, like the others, are to be enriched by this spiritual science—examples of which I have already outlined in my previous lectures. However, even if this can only be done in outline form, I would still like to point out that there is indeed a significant inner relationship between the spiritual science referred to here and what might be called the technical sciences, with their practical implications for modern life. Here I may—and this is not meant personally, but is entirely relevant to the matter at hand—point to what I attempted as early as the beginning of the 1890s with my *Philosophy of Freedom*.
[ 2 ] Diese «Philosophie der Freiheit» ist ja zunächst als eine Grundlegung des ethischen und auch des sozialen Lebens der Menschen gedacht. Sie ist gedacht als eine solche Grundlegung, die durchaus aus dem Geiste der heutigen Zeit heraus sein soll. Und wenn ich gerade den Sinn dessen charakterisieren sollte, was in dieser «Philosophie der Freiheit» liegt, so muß ich hinweisen auf die Art und Weise, wie diese «Philosophie der Freiheit» herausgewachsen ist aus dem Leben der Gegenwart. Sie ist nicht auferbaut auf traditionellen philosophischen Voraussetzungen. Nicht so ist sie entstanden wie vieles auf diesem Gebiete entsteht, daß irgendeine philosophische Strömung vorausgesetzt worden ist, daß man Anhänger geworden ist dieser oder jener philosophischen Schule und dann versucht hat, sich nun auch irgendeine Richtung zu bilden, die eine gewisse Geltung haben soll neben der einen oder anderen, sondern was ich da auszubilden versuchte als Philosophie der Freiheit, als ethische und soziale Grundlegung des Lebens, das ist entstanden aus einer ganz besonderen Denkweise heraus, welche sich gebildet hat zuerst durch die Anschauung des modernen Verkehrslebens. Und da muß ich einige persönliche Bemerkungen einschalten, weil sie vielleicht leichter als eine Auseinandersetzung charakterisieren werden, was ich sagen will, und weil zu einer sonst möglichen Auseinandersetzung die Zeit, die für diese vier Vorträge bestimmt ist, zu kurz ist.
[ 2 ] This “Philosophy of Freedom” is, after all, intended first and foremost as a foundation for human ethical and social life. It is conceived as a foundation that is to be thoroughly rooted in the spirit of the present age. And if I were to characterize the essence of what lies at the heart of this “Philosophy of Freedom,” I must point to the way in which this “Philosophy of Freedom” has grown out of contemporary life. It is not built upon traditional philosophical premises. It did not come into being the way many things in this field do—where some philosophical current is taken for granted, where one has become a follower of this or that philosophical school, and then attempted to develop a certain direction that is supposed to hold some validity alongside one or the other—but rather, what I sought to develop there as a Philosophy of Freedom, as an ethical and social foundation for life, arose from a very particular way of thinking, which was first shaped by an observation of modern social life. And here I must interject a few personal remarks, because they may more easily characterize what I wish to say than a detailed discussion would, and because the time allotted for these four lectures is too short for a discussion that might otherwise be possible.
[ 3 ] Meine Schule, meine wichtigste Schule war die Anschauung des modernen Verkehrslebens, das ich von der frühesten Kindheit an immer jeden Tag vor mir hatte als der Sohn eines kleinen Eisenbahnbeamten, der eingeführt worden ist in alles, was zusammenhängt in technischer Beziehung mit dem Eisenbahnwesen, und auch in alles, was eben zunächst, wenn auch vielleicht damals von einem engen Horizont aus, unmittelbar zusammenhängt in bezug auf das Kommerzielle mit einer solchen Situation. Dann wiederum konnte ich meine Studien mehr als durch irgendeine Schule fortsetzen, da ich jahrelang als Erzieher mich beschäftigen mußte mit den Söhnen von Leuten, die im wesentlichen drinnenstanden in wichtigen industriellen und Verkehrszweigen der Gegenwart beziehungsweise der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Was sich da für das Denken und Empfinden, ich möchte sagen abgesetzt hat, was da herausgeflossen ist aus den Kräften, die gerade dem modernsten Menschheitsstreben sich einverleibten, das forderte eine gewisse Begründung der ethischen und sozialen Lebensanschauung.
[ 3 ] My school—my most important school—was the experience of modern transportation life, which I witnessed every day from my earliest childhood as the son of a low-ranking railroad official who was introduced to everything technically related to the railroad system, as well as in everything that was directly related—albeit perhaps from a narrow perspective at the time—to the commercial aspects of such a situation. Then again, I was able to continue my studies more effectively than any school could have provided, since for years, as a tutor, I had to work with the sons of people who were essentially involved in important industrial and transportation sectors of the present day or, respectively, of the last decades of the 19th century. What emerged there in terms of thought and feeling—I would say what crystallized there—what flowed from the forces that were incorporated into the very most modern aspirations of humanity, demanded a certain justification of the ethical and social outlook on life.
[ 4 ] Wenn man das Leben von solchen Gesichtspunkten aus anschaut, wie ich sie eben gekennzeichnet habe, dann sieht man es ja in denjenigen Funktionen, in denen es sich sozusagen immer mehr und mehr loslöst von der menschlichen Subjektivität, in denen es immer mehr und mehr sozusagen zur äußeren Technik wird. Ich möchte sagen, man hat dann im Leben fortwährend das vor sich, was in der neueren Wissenschaft als ein Prinzip immer wieder und wiederum gefordert wird. Es wird in der neueren Wissenschaft ja gefordert, man soll die Erscheinungen ganz abgesondert vom Menschen behandeln. Und wenn man das Leben, in das gerade die technischen Errungenschaften hineinspielen, auf sich wirken läßt, dann hat man es da in erster Linie zu tun mit dem, was sich abspielt durch die Maschine, durch den Verkehr und so weiter, mit etwas also, was gar sehr von der menschlichen Subjektivität sich abhebt, was gar sehr nur im Objektiven spielt — so sehr nur im Objektiven spielt, daß man sagen kann: Da verliert der Mensch seine Subjektivität, da geht vieles von der Persönlichkeit verloren, da wird der Mensch hineingestellt in die objektiven Triebräderwerke des Lebens.
[ 4 ] If one views life from the perspectives I have just described, then one sees it in those functions in which it, so to speak, becomes more and more detached from human subjectivity, in which it increasingly becomes, so to speak, an external technology. I would say that one is then constantly confronted in life with what modern science repeatedly and consistently demands as a principle. Modern science, after all, demands that phenomena be treated entirely separately from human beings. And when one allows life—into which these very technical achievements are now playing a role—to take effect upon oneself, then one is dealing first and foremost with what takes place through machines, through traffic, and so on—that is, with something that stands in stark contrast to human subjectivity, something that operates almost exclusively in the objective realm—so much so that one can say: “There, the human being loses their subjectivity; there, much of their personality is lost; there, the human being is placed within the objective, mechanical workings of life.”
[ 5 ] Auf der einen Seite trat das im modernen Wissenschaftsleben hervor, indem man in solchen Wissenschaften wie der Optik oder der Wärmelehre oder ähnlichen ganz absehen wollte von dem, was entsteht durch die Wechselbeziehung des menschlichen Wesens mit der Außenwelt, und begründen wollte eine Wissenschaft, die sich dann hingeneigt hat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu den atomistischen Theorien, deren Herrschaft heute noch keineswegs überwunden ist. Man hat das auf der einen Seite. Man hat aber auf der anderen Seite auch das, daß man sieht, es liegt in der ganzen Entwicklung des modernen Lebens dem Wirklichen etwas zugrunde, das sich absondert vom Leben und vom Menschen, von der Subjektivität, von der Persönlichkeit des Menschen. Nun, man kann sich dann in einem solchen Zusammenhang entweder gedankenlos eingliedern in das Triebräderwerk des Lebens, man kann glauben, daß die alten traditionellen Bekenntnisse und Anschauungen auch gewisse ethische Kräfte noch liefern könnten für dieses moderne, vom Menschen abgesonderte Leben, und man kann aus gewissen unterbewußten Untergründen dann eine solche objektive Wissenschaft fordern, wie sie eben gefordert worden ist im Atomismus, in der Physik, der Chemie und sogar in der Biologie.
[ 5 ] On the one hand, this became evident in modern scientific life in that, in sciences such as optics, thermodynamics, and the like, there was a desire to completely disregard what arises from the interrelationship between the human being and the external world, and to establish a science that, in the last third of the 19th century, tended toward atomistic theories, whose dominance has by no means been overcome even today. On the one hand, we have this. On the other hand, however, we also see that, in the entire development of modern life, there lies at the root of reality something that is separated from life and from human beings, from subjectivity, and from the human personality. Now, in such a context, one can either thoughtlessly integrate oneself into the mechanical workings of life, one can believe that the old traditional creeds and views might still provide certain ethical forces for this modern life, which has become separated from human beings; and one can then demand, from certain subconscious depths, an objective science such as has been demanded in atomism, in physics, chemistry, and even in biology.
[ 6 ] Aber man kann auch zu etwas anderem kommen. Man kann aus der ganzen, vollen menschlichen Persönlichkeitsempfindung heraus sich anschauen dieses vom Menschen abgesonderte Leben der modernen Zeit. Man kann es fühlen und empfinden mit all den Wirkungen, die es für die menschliche Persönlichkeit hat, und man kann es dann am besten fühlen, wenn man selber eine technische Bildung sich erringt, wenn man gerade diejenigen geistigen Strömungen durchmacht, welche in der Technik wirksam sind. Wenn ich da auch noch die persönliche Bemerkung einfügen darf: Meine Hochschulbildung war eben eine durchaus technische, nicht irgendwie eine philosophische, sondern eine technisch-naturwissenschaftliche. Wenn man sozusagen ganz hereinwächst in dieses vom Menschen abgesonderte Leben, dann wird sich gerade im Zentrum der Persönlichkeit dasjenige regen, was ich glaubte als die andere Kraft des modernen sozialen Lebens hinstellen zu müssen in der «Philosophie der Freiheit». Denn je mehr auf der einen Seite — man kann sich dabei durchaus bejahend zu diesem technischen Verkehrsleben der modernen Zeit verhalten —, je mehr sich dieses Leben als eine geschichtliche Notwendigkeit herausstellt, je mehr gewissermaßen der Mensch sich an das äußere Geschehen verlieren muß, desto mehr muß die innere Reaktion sich geltend machen: zu bauen die Ethik, zu bauen auch das religiöse Empfinden auf den innersten Kern der menschlichen Persönlichkeit, auf das, was herausgeholt werden kann aus der denkbar stärksten Vertiefung gerade des inneren menschlichen Wesens. Und man wird sich vielleicht denken können, wie man auf der einen Seite ganz bejahend im modernen technischen Leben drinnenstehen kann und sich gerade deshalb sagt: Ja, da verliert der Mensch immer mehr und mehr von seiner Persönlichkeit; um so mehr muß er zu dem innersten Quell seines Seelenlebens Zuflucht nehmen, umso mehr muß er da heraus dasjenige gestalten, was dann Licht hereinbringt in das, was die Persönlichkeit sonst vollständig ablegt. — Und aus diesem innersten Kern des menschlichen Lebens wurde hervorgeholt ein ethischer Individualismus — ein ethischer Individualismus allerdings, der zunächst appelliert an eine sehr bedeutsame soziale Kraft.
[ 6 ] But one can also arrive at a different perspective. One can observe this life of modern times, which is separated from the human being, from the perspective of a full, whole sense of human personality. One can feel and sense it with all the effects it has on the human personality, and one can best feel it when one acquires a technical education oneself, when one goes through precisely those spiritual currents that are at work in technology. If I may also add a personal remark here: My university education was entirely technical—not philosophical in any sense, but rather focused on engineering and the natural sciences. When one, so to speak, grows fully into this life that has become separated from the human being, then precisely at the center of one’s personality will stir that which I felt compelled to present as the other force of modern social life in *The Philosophy of Freedom*. For the more, on the one hand—and one can certainly take an affirmative stance toward this technical, interconnected life of the modern age—the more this life reveals itself as a historical necessity, the more, so to speak, the human being must lose himself in external events, the more the inner reaction must assert itself: to build ethics, and also to build religious feeling, upon the innermost core of the human personality—upon that which can be drawn from the deepest possible immersion in the very essence of the human being. And one might perhaps imagine how, on the one hand, one can stand fully within modern technological life in a positive way and say to oneself precisely for that reason: Yes, human beings are losing more and more of their personality; all the more must they take refuge in the innermost source of their spiritual life, all the more must they shape from there that which then brings light into what the personality would otherwise completely cast aside. — And from this innermost core of human life, an ethical individualism was drawn forth—an ethical individualism, however, that first and foremost appeals to a very significant social force.
[ 7 ] Es ist sehr leicht heute, einen solchen ethischen Individualismus, wie er in meiner «Philosophie der Freiheit» begründet ist, in Grund und Boden hinein zu kritisieren. Gewiß, das kann man, wenn man an alten Traditionen haftet, wenn man nicht dem, was als äußerer Fortschritt in der Menschheit eingetreten ist, auch einen inneren Fortschritt entgegenstellen will. Aber auf der anderen Seite kann man sich auch sagen: Je stärker der äußere Fortschritt ist, um so größer und stärker muß auch die Kraft des inneren Strebens des menschlichen Seelenlebens sein. — Und so kommt man dann dazu, sich zu sagen: Jene Art und Weise des Zusammenfassens von Menschengruppen, wie sie in den alten Ethiken vorhanden war, die ist nicht mehr möglich innerhalb der modernen Menschheitsentwicklung, denn innerhalb solcher Zusammenfassungen verläßt sich der Mensch zu sehr auf das, was aus dem Milieu und aus anderem hereinströmt in seine Seele, um die ethischen Impulse zu geben. Die neuere Zeit hat notwendig, daß der Mensch viel tiefer hineingreift in sein Seelenleben, um die ethischen Impulse herauszuholen. Dann aber ist es allerdings notwendig, daß an diejenige Kraft appelliert wird, die man innerhalb des sozialen Menschenlebens das Vertrauen nennen kann. Dieses Vertrauen muß geradezu eine ethische Kraft werden. Denn nur, wenn man einsieht, daß dann, wenn die Menschen an den innersten Kern ihres Wesens appellieren, wenn sie von daher die ethischen Motive holen, sie dann auch in Freiheit sozial zusammenwirken können, ja, gerade dann in Freiheit sozial zusammenwirken werden, wenn man zu dieser Art von Echtheit, zu dieser Art von Geradheit und Fruchtbarkeit der menschlichen Persönlichkeit das Vertrauen haben kann, dann findet man einzig und allein diejenigen Kräfte, die notwendig sind, das soziale Leben der heutigen Zeit in der richtigen Weise fortschreiten zu machen.
[ 7 ] It is very easy today to thoroughly criticize the kind of ethical individualism that is laid out in my *Philosophy of Freedom*. Certainly, one can do so if one clings to old traditions, if one does not wish to counter what has occurred as external progress in humanity with internal progress as well. But on the other hand, one can also say to oneself: The greater the external progress, the greater and stronger must also be the power of the inner striving of the human soul. — And so one comes to say to oneself: That way of grouping people together, as it existed in the old ethical systems, is no longer possible within modern human development, for within such groupings, people rely too heavily on what flows into their souls from their environment and other sources to provide the ethical impulses. The modern era necessitates that people delve much deeper into their inner lives to draw out ethical impulses. But then, of course, it is necessary to appeal to that force which, within social human life, can be called trust. This trust must become an ethical force in its own right. For only when one recognizes that when people appeal to the innermost core of their being—when they draw their ethical motives from there—can they then also interact socially in freedom; indeed, will interact socially in freedom precisely then—if one can have confidence in this kind of authenticity, in this kind of integrity and fruitfulness of the human personality—only then will one find the forces necessary to ensure that contemporary social life progresses in the right way.
[ 8 ] Man kann ja sagen, da müßte man lange warten, bis die Menschen zu solchem ethischen Individualismus reif werden. — Derjenige, der so etwas sagt, leidet gewöhnlich stark an persönlichem Hochmut, denn er hält sich für reif und die anderen für unreif. Aber außerdem hört da die theoretische Betrachtung auf, wenn diese Fragen beginnen, denn da gibt es nur ein Entweder-Oder. Entweder gehen wir in der Spenglerschen Weise in den Niedergang unseres ethischen und sozialen und damit auch unseres technischen Lebens hinein, oder wir entschließen uns dazu, jene ethischen Impulse aus der Tiefe der menschlichen Seele zu holen, die eben notwendig sind zum weiteren Menschheitsfortschritt. Und alles Deklamieren und Theoretisieren darüber, ob das sein kann, hat keinen Wert, sondern einzig und allein das Wollen eines solchen ethischen Individualismus — denn da wird an das vom reinen Denken durchsetzte Wollen appelliert. Und so meine ich, daß in der Tat gerade die Anschauung der modernsten Art des Lebens diese besondere Art von Ethik hervorrufen müßte. Daher habe ich auch die Vorstellung, daß dieser ethische Individualismus, diese Freiheit im Grunde gerade dort sich geltend machen müßte als eine Wissenschaft, welche sich an den Menschen wendet, an den ganzen vollen Menschen, der ins soziale Leben eingreifen soll, gerade dort, wo auf der anderen Seite darauf gesehen wird, daß die Menschen in das technische, in das kommerzielle, in das moderne wirtschaftliche Leben und in die sonstigen Lebenszweige, die sich ja übrigens alle modern mechanisieren, eingeführt werden. Man braucht eine solche Vorstellung neben demjenigen, was gerade aus der bis zur Technik entwickelten naturwissenschaftlichen Denkweise und Gesinnung hervorgegangen ist. Man braucht da die größte Vertiefung und Erkraftung des menschlichen Lebens, wo auf der anderen Seite erkraftet ist das vom Menschen Abgesonderte.
[ 8 ] One might say, of course, that we would have to wait a long time for people to mature to such a degree of ethical individualism. — Anyone who says such a thing usually suffers greatly from personal arrogance, for he considers himself mature and others immature. But besides that, theoretical consideration ends when these questions arise, for there is only an either-or. Either we follow Spengler’s path into the decline of our ethical and social—and thus also our technological—life, or we resolve to draw from the depths of the human soul those ethical impulses that are precisely necessary for humanity’s continued progress. And all the ranting and theorizing about whether this is possible is of no value; what matters is solely the will toward such ethical individualism—for it appeals to the will imbued with pure thought. And so I believe that, in fact, it is precisely the perspective of the most modern way of life that should give rise to this particular kind of ethics. That is why I also hold the view that this ethical individualism, this freedom must, in essence, assert itself precisely as a science that addresses human beings—the whole, complete human being—who is meant to engage in social life, precisely where, on the other hand, it is recognized that people are being introduced into technical, commercial, and modern economic life, as well as into other spheres of life, all of which, incidentally, are becoming modern and mechanized. We need such a conception alongside that which has emerged precisely from the scientific way of thinking and mindset that has developed into technology. We need the deepest immersion in and strengthening of human life precisely where, on the other hand, that which is separated from the human being is being strengthened.
[ 9 ] Daher war es notwendig, eine Philosophie zu begründen, welche nicht so sein konnte wie die anderen Philosophien. Diese anderen Philosophien stammten ja traditionell doch mehr oder weniger aus der alten Wissenschaftlichkeit. Diese alte Wissenschaftlichkeit hatte immer noch etwas mitbekommen, könnte man sagen, aus der Wahrnehmung an inneren Begriffen und Ideen und so weiter. Wir brauchen nur zurückzudenken um wenige Jahrhunderte, so werden wir sehen, daß da die Menschen nicht so die Natur betrachteten, wie wir sie betrachten — man möge das wie immer nennen, zum Beispiel «animistische Weltanschauung», das dauerte bis ins 15. Jahrhundert hinein ganz allgemein, vielleicht bis viel später noch —, sondern daß die Menschen immer etwas Geistiges mitdachten, indem sie die Natur-Entitäten dachten; dann konnten sie aus dem, was sie da mitdachten bis in die Einzelheiten der anorganischen Natur hinein frische Grundsätze und daraus wiederum ethische Impulse schöpfen. Man war bis ins 19. Jahrhundert hinein, ja bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, noch nicht angewiesen darauf, ganz aus dem Inneren die ethischen, die philosophischen Impulse zu schöpfen, weil man mit der Beobachtung der Außenwelt und der technischen Handhabung der Außenwelt noch etwas Geistiges verband, etwas, was auch mit dem Menschen zusammenhing. Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts hat eine Technik hervorgebracht, die Denkformen forderte, welche sich ganz loslösen vom Menschen. Da ist dann nichts mehr herauszugewinnen an Impulsen, die etwa auch zu ethischen Impulsen werden könnten. Daher müssen diese ethischen Impulse ganz herausgeschöpft werden aus dem Menschen selbst; es muß die ganze individuelle ethische Intuition in die Mitte der ethischen Weltbetrachtung gestellt werden. Das naturwissenschaftliche Zeitalter, von dem man so oft gesprochen hat, fordert ja eine solche rein wissenschaftliche Grundlage der Ethik.
[ 9 ] Therefore, it was necessary to establish a philosophy that could not be like the other philosophies. After all, these other philosophies traditionally stemmed, to a greater or lesser extent, from the old scientific tradition. This old scientific tradition had still retained something, one might say, from the perception of inner concepts and ideas and so on. We need only look back a few centuries to see that people did not view nature the way we do—whatever one may call it, for example, an “animistic worldview,” which persisted quite generally well into the 15th century, and perhaps even much later—but rather that people always considered something spiritual when they thought about natural entities; and from what they conceived in this way—down to the details of inorganic nature—they were able to derive fresh principles and, from these in turn, ethical impulses. Well into the 19th century—indeed, into the second half of the 19th century—people were not yet reliant on drawing ethical and philosophical impulses entirely from within, because they still associated the observation of the external world and the technical handling of that world with something spiritual, something that was also connected to human beings. The last third of the 19th century gave rise to a technology that demanded forms of thought completely detached from the human being. There is then nothing left to be gained in terms of impulses that might, for example, also become ethical impulses. Therefore, these ethical impulses must be drawn entirely from the human being itself; the entire individual ethical intuition must be placed at the center of the ethical view of the world. The age of natural science, of which so much has been spoken, does indeed demand such a purely scientific foundation for ethics.
[ 10 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, um ein wenig zu beleuchten, wie es einen sehr realen Zusammenhang gibt zwischen dem, was modernes Leben ist — insofern dieses moderne Leben durch die Wissenschaft gestaltet worden ist — und dem, was dieses moderne Leben als eine Ethik, die streng auf Wissenschaft gebaut ist, nötig macht. Nun, eine solche Ethik ist aber nur möglich, wenn man das in sich ausbildet, was ich gerade gestern versuchte zu charakterisieren: bewegliche Begriffe, Begriffe, welche so beweglich sind, daß man nun wirklich nicht haften bleibt an den Zusammenhängen, welche ganz abgesondert sind von dem Menschen, sondern welche imstande sind, ich möchte sagen sich umzuwenden, um auch dasjenige zu umfassen, was aus der Tiefe des menschlichen Wesens als Reales pulsiert. Um aber genügend weit zu kommen in einer solchen wissenschaftlichen Weltbetrachtung, dazu ist noch manches andere zu überwinden. Dazu ist vor allen Dingen nötig, daß wir auch Ideen, wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten finden, welche gewachsen sind auf der einen Seite einer naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung und auf der anderen einer historischen, einer geschichtlichen Weltbetrachtung.
[ 10 ] This, my esteemed audience, is meant to shed a little light on how there is a very real connection between what modern life is—insofar as this modern life has been shaped by science—and what this modern life necessitates in terms of an ethics strictly grounded in science. Now, however, such an ethics is possible only if one develops within oneself what I attempted to characterize just yesterday: flexible concepts—concepts that are so flexible that one does not remain stuck in contexts that are entirely detached from the human being, but rather is capable of I would say, to turn around and also encompass that which pulsates as reality from the depths of the human being. But in order to progress far enough in such a scientific worldview, there are still many other obstacles to overcome. Above all, it is necessary that we also find ideas—scientific laws—that have grown, on the one hand, out of a natural-scientific view of the world and, on the other, out of a historical view of the world.
[ 11 ] Geschichte, wie wir sie heute denken, ist ja eine junge Wissenschaft. Sie ist auch noch etwas ganz anderes als selbst im 18. Jahrhundert. Kein Wunder daher, daß das, was wir Wissenschaft der Geschichte nennen, noch wenig ausgebreitet ist, überhaupt noch keine eigene innere Triebkraft hat. Man redet zum Beispiel von den in der Geschichte leitenden Ideen. Nun, von den in der Geschichte leitenden Ideen kann nur der reine Intellektualismus reden, der da glaubt, daß Gedanken, so wie sie der Mensch denkt, sich dann auch vergegenwärtigen als Kräfte der Geschichte, daß Gedanken irgendwie treibende Kräfte in der Geschichte sein könnten. Gedanken sind eben rein kontemplativ, Gedanken können nichts machen. Auf der einen Seite redet man von den treibenden Gedankenmächten, und wenn man sagt «Gedankenmächte», da spricht man schon etwas aus, was eigentlich ein Widerspruch in sich selbst ist. Und auf der anderen Seite verfällt man ins andere Extrem: Man stellt dasjenige, was geschichtlich geschieht, eigentlich nur dar, indem man die äußerlichen, materiellen Umformungen des Kulturlebens darstellt. Man geht dann so weit, wie es die materialistische Geschichtsauffassung gemacht hat, oder man macht Kompromisse, indem man versucht, aus der bloßen Verfolgung der äußeren Kulturerscheinungen Geschichte aufzubauen; man durchdringt dann das mit einigen symbolischen Vorstellungen, wie es mancher Historiker des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts gemacht hat. Aber zu einem solchen Wissen darüber, wie man überhaupt versuchen soll, in dieser Wissenschaft zu Vorstellungen zu kommen über das, was dem geschichtlichen Werden der Menschheit eigentlich zugrundeliegt, zu solchen Vorstellungen konnte man eigentlich noch nicht kommen. Und wenn man heute darauf aufmerksam macht — ich werde gerade an einem Leitmotiv darauf aufmerksam machen —, wenn man darauf aufmerksam macht, dann, ja dann wird man heute noch als Phantast verschrieen, weil das, was heute als Realität angesehen wird, weit verschieden ist von dem, was die wirkliche Realität ist.
[ 11 ] History, as we conceive of it today, is, after all, a young science. It is also something quite different from what it was even in the 18th century. No wonder, then, that what we call the science of history is still not very widespread and, in fact, lacks any internal driving force of its own. People speak, for example, of the guiding ideas in history. Well, only pure intellectualism can speak of the guiding ideas in history—that is, the belief that thoughts, just as humans conceive them, then manifest themselves as forces of history, that thoughts could somehow be driving forces in history. Thoughts are purely contemplative; thoughts cannot do anything. On the one hand, people speak of the driving “powers of thought,” and when one says “powers of thought,” one is already expressing something that is actually a contradiction in terms. And on the other hand, one falls into the opposite extreme: one actually depicts what happens historically only by portraying the external, material transformations of cultural life. One then goes as far as the materialist conception of history has gone, or one makes compromises by attempting to construct history from the mere observation of external cultural phenomena; one then infuses this with a few symbolic concepts, as some historians of the 19th and early 20th centuries did. But such knowledge—regarding how one should even attempt, within this science, to arrive at conceptions of what actually underlies the historical development of humanity—such conceptions have not yet actually been attained. And if one draws attention to this today—I am about to draw attention to it through a leitmotif—if one draws attention to this, then, yes, then one is still denounced as a fantasist today, because what is regarded as reality today is vastly different from what true reality is.
[ 12 ] Heute wird derjenige, der auf diesem Gebiet sich ein wenig umgesehen hat, leicht zustimmen, wenn man sagt: Der Mensch als physisches Wesen muß in seiner Gestaltung verstanden werden, indem man zur Embryologie zurückgeht. Und man wird in einer gewissen Weise dann versuchen — wenn auch da viel Unberechtigtes unterlaufen ist bei den entsprechenden Wissenschaften —, man wird doch mit einem gewissen Recht versuchen, diejenigen Formen, die sich als die Entwicklungsformen des menschlichen Embryos ergeben, zu vergleichen mit den Formen, die sich in der außermenschlichen organischen Welt finden; und man wird dann versuchen, einen Zusammenhang der Tierreihe mit der menschlichen Gestaltung zu finden. Gewiß ist viel Unberechtigtes in dem, was das «biogenetische Grundgesetz» genannt worden ist. Aber in der auf dieser Sache fußenden methodologischen Betrachtung liegt doch etwas, was außerordentlich aussichtsvoll ist für eine wirklichkeitsgemäße Betrachtung der menschlichen Gestaltung. Da wird man also darauf hingewiesen: Man muß den Anfang des Lebens betrachten, wenn man die physische Gestalt des Menschen begreifen will; man muß den Anfang des menschlichen Lebens betrachten, um dann seine Weiterentwicklung einzusehen.
[ 12 ] Today, anyone who has looked into this field even a little will readily agree with the statement: Human beings, as physical beings, must be understood in terms of their physical structure by going back to embryology. And one will then, in a certain way—even if much that is unfounded has crept into the relevant sciences—attempt, with some justification, to compare the forms that emerge as the developmental stages of the human embryo with the forms found in the non-human organic world; and one will then attempt to find a connection between the animal kingdom and human form. Certainly, there is much that is unfounded in what has been called the “biogenetic law.” But in the methodological approach based on this principle there is nevertheless something that holds extraordinary promise for a realistic understanding of the human form. We are thus reminded: One must consider the beginning of life if one wishes to understand the physical form of the human being; one must consider the beginning of human life in order to then comprehend its further development.
[ 13 ] Für die geschichtliche Betrachtungsweise wird man dann höchstens eine Art Analogiespiel treiben. Dieses Analogiespiel ist ja tatsächlich sehr häufig getrieben worden. Gerade die phantastischen Ausgestalter des biogenetischen Grundgesetzes haben dieses biogenetische Grundgesetz auch in eine gewisse materialistische Denkweise herübernehmen wollen in bezug auf die geschichtliche Entwicklung der Menschheit. Und so haben wir erlebt jene merkwürdigen Anschauungen, die das, was heute Inhalt unserer Zivilisation ist, zurückführen auf die früheren Entwicklungsphasen der Menschheit — so ähnlich, wie man vorgeht in der Ausgestaltung des biogenetischen Grundgesetzes. Man sagte sich: Das, was das Kind durchmacht, das führt zurück auf sehr frühe Entwicklungsstufen, auf sehr frühe Kulturen; und das, was dann später durchgemacht wird in der späteren Kindheit, das führt zurück auf die späteren Entwicklungsstadien und so weiter, bis dann der Mensch eben das erreicht hat, was er in der Gegenwart als seine Zivilisation hat. Das ist ein äußerliches Analogiespiel; und viel mehr, als man gewöhnlich glaubt, sind solche äußerlichen Analogiespiele in der Wissenschaftsbetrachtung vorhanden, wenn wir in das Historische hinaufkommen, denn es liegt eben heute dasjenige dem Menschen nicht eigentlich nahe, was ich nennen möchte eine treuliche Beobachtung der Wirklichkeit, ein Eingehen auf die Verhältnisse der Wirklichkeit. Deshalb ist die hier gemeinte Geisteswissenschaft bemüht, innerhalb der anorganischen und organischen Naturwissenschaft den reinen Phänomenalismus auszubilden und ohne Spekulation, ohne zugrundegelegte atomistische oder andere Hypothesen rein die Vorgänge selbst darzustellen, wie sie sich darbieten.
[ 13 ] From a historical perspective, one can at most engage in a sort of game of analogies. This game of analogies has, in fact, been played very frequently. It was precisely the fanciful proponents of the biogenetic law who sought to apply this law to a certain materialistic way of thinking regarding the historical development of humanity. And so we have encountered those peculiar views that trace what constitutes the essence of our civilization today back to earlier phases of human development—in a manner similar to how one proceeds in formulating the biogenetic law. People said to themselves: What a child goes through can be traced back to very early stages of development, to very early cultures; and what is then experienced later in childhood can be traced back to later stages of development, and so on, until human beings have finally reached what they now possess as their civilization. This is an external exercise in analogy; and such external exercises in analogy are far more prevalent in scientific inquiry than is commonly believed, especially when we turn to the historical realm, for what I would call a faithful observation of reality—an engagement with the conditions of reality—is not actually close at hand for people today. For this reason, the spiritual science referred to here strives to develop pure phenomenalism within inorganic and organic natural science and, without speculation and without relying on underlying atomistic or other hypotheses, to depict purely the processes themselves as they present themselves.
[ 14 ] Phänomenologie, das ist das Ideal des wissenschaftlichen Strebens, das in der Anthroposophie vorliegt. Man will nicht von dem, was im Grunde genommen nur sich modifizierende Empfindungsinhalte sind, übergehen zu allerlei Wellenschwingungen und dergleichen, die hypothetisch angenommen, erspekuliert werden. Man will innerhalb der reinen Phänomene stehenbleiben, denn sie besagen sehr viel. Und alles Gerede vom «Ding an sich» ist im Grunde genommen bodenlos. Da sagen die Leute zum Beispiel: Ja, aber aus den Phänomenen kann man doch nicht die zugrundeliegende Wirklichkeit sehen; ein Phänomen deutet ja immer auf das, was zugrundeliegt, und man muß daher über das Phänomen hinausgehen, also irgend etwas annehmen, was das Phänomen in Wechselwirkung mit der menschlichen Subjektivität hervorruft. — Diejenigen, die so sprechen, merken nicht, daß sie eine ganz falsche Denkweise anwenden. Ich möchte diese falsche Denkweise durch ein Gleichnis charakterisieren: Derjenige, der einzelne Buchstaben, zum Beispiel S, I, F, sieht, der wird sagen, diese S oder I oder F besagen nichts, die müssen auf etwas anderes deuten. — Wer einen Schriftzusammenhang, der ja auch nur aus einzelnen Buchstaben besteht, überschaut, wird nicht diesen Schriftzusammenhang auf irgend etwas, was dahinterliegt, beziehen — so nach dem Muster, daß hinter den sinnlichen Erscheinungen die Atomwelt liegen soll —, er wird nicht diesen Buchstabenzusammenhang auf irgend etwas Ersonnenes, Dahinterstehendes beziehen, sondern er wird den Zusammenhang lesen, und er wird wissen, daß, wenn er den ganzen Zusammenhang hat, dieser ihn auf die entsprechende Wirklichkeit hinweist.
[ 14 ] Phenomenology is the ideal of scientific inquiry as it exists in anthroposophy. One does not wish to move from what are, in essence, merely modifying contents of sensation to all sorts of wave oscillations and the like, which are hypothetically assumed and speculated upon. One wishes to remain within the realm of pure phenomena, for they reveal a great deal. And all this talk of the “thing-in-itself” is, in essence, groundless. People say, for example: “Yes, but you can’t see the underlying reality from the phenomena; a phenomenon always points to what lies beneath, and so one must go beyond the phenomenon—that is, assume something that the phenomenon evokes in interaction with human subjectivity.” — Those who speak this way do not realize that they are employing a completely flawed way of thinking. I would like to illustrate this flawed way of thinking with a parable: Someone who sees individual letters—for example, S, I, F—will say that these S, I, or F do not signify anything on their own; they must point to something else. — Anyone who surveys a written context—which, after all, consists only of individual letters—will not relate that written context to anything lying behind it—following the pattern that the atomic world is supposed to lie behind sensory phenomena— they will not relate this sequence of letters to anything imagined or lying behind it, but rather they will read the sequence, and they will know that, once they have the entire sequence, it points to the corresponding reality.
[ 15 ] Es handelt sich auch darum, innerhalb der Welt der Naturphänomene diese Naturphänomene in ihrer Reinheit zu lassen, denn indem man Naturphänomene rein, so wie es der inneren Natur der Phänomene selbst entspricht, lesen lernt, lernt man hineinschauen in dasjenige, was der Wirklichkeit zugrundeliegt — nicht durch irgendein Spekulieren über ein «Ding an sich» oder die Voraussetzung irgendeines «Dinges an sich», wie sie ja doch immer zugrundeliegt den atomistischen Theorien und Hypothesen. Indem man sich angewöhnt ein solches reines Betrachten der Phänomene, indem man sich abgewöhnt alles bloße Spekulieren, alles Leben in irgend welchen hypothetischen Annahmen, indem man gerade im anorganischen und organischen Felde stehenbleibt bei den reinen Beobachtungen, bildet man in sich die Möglichkeit aus, auch zu beobachten auf dem Gebiet der geistigen Entwicklung der Menschheit. Man lernt dann einsehen, daß man nicht durch ein Analogiespiel übertragen kann das biogenetische Grundgesetz auf das geschichtliche Werden, sondern man lernt erkennen, daß man den ganzen Menschen, das ganze menschliche Leben ins Auge fassen muß — so wie man in der Naturwissenschaft, wenn man irgend etwas erkennen will, nicht etwas herausgreifen, sondern die Totalität zusammengehöriger Erscheinungen ins Auge fassen soll. Dann wird man dazu gedrängt, für das Begreifen des geschichtlichen Lebens nicht — wie für das Begreifen des Naturlebens des Menschen — an den Anfang des individuellen Daseins zu gehen, sondern an das Ende. Das Ende muß man auch betrachten. Wenn es auch eine Art von Selbstbetrachtung ist, es ist diese Selbstbetrachtung eine durchaus objektive: Wenn man sich angewöhnt hat, das seelische Leben so konkret zu betrachten, wie man sonst das äußerliche natürliche Leben betrachtet, da findet man, daß, wenn der Mensch über die Lebensmitte hinweg ist, wenn er das 35., 40. Jahr überschritten hat, dieses seelische Leben, ganz abgesehen von allem Äußerlichen, in sich selbst gewisse Erscheinungen zeigt — Erscheinungen, die ganz und gar so verlaufen, daß man sagen kann, man wird überrascht von diesen Erscheinungen.
[ 15 ] It is also a matter of allowing these natural phenomena to remain in their purity within the world of natural phenomena, for by learning to interpret natural phenomena purely—in a way that corresponds to the inner nature of the phenomena themselves—one learns to look into that which underlies reality—not through any speculation about a “thing-in-itself” or the presupposition of some “thing-in-itself,” as is, after all, always the basis of atomistic theories and hypotheses. By accustoming oneself to such a pure contemplation of phenomena, by weaning oneself from all mere speculation, from all reliance on hypothetical assumptions, and by limiting oneself to pure observations—particularly in the inorganic and organic realms—one develops within oneself the capacity to observe in the realm of humanity’s spiritual development as well. One then comes to realize that one cannot apply the fundamental law of biogenesis to historical development through a game of analogies; rather, one learns to recognize that one must take into account the whole human being, the whole of human life—just as in the natural sciences, when one wishes to understand something, one should not isolate a single aspect but rather consider the totality of interrelated phenomena. One is then compelled to approach the understanding of historical life—unlike the understanding of human natural life—not by starting at the beginning of individual existence, but at the end. One must also consider the end. Even if it is a form of self-reflection, this self-reflection is thoroughly objective: Once one has become accustomed to viewing spiritual life as concretely as one otherwise views external, natural life, one finds that when a person has passed the midpoint of life—when they have passed the age of 35 or 40—this spiritual life, quite apart from all external factors, reveals certain phenomena within itself — phenomena that unfold in such a way that one can say one is taken by surprise by them.
[ 16 ] Das seelische Leben selber nimmt eine bestimmte Konfiguration an. Daß das heute so wenig beachtet wird, das rührt daher, daß eben die Beobachtungsgabe in der Jugend wenig ausgebildet wird. Daher werden von den wenigsten Menschen im Alter solche Sachen gesehen werden. Die wenigsten Menschen sind mit einer so frischen Beobachtungsgabe im Alter noch versehen, daß sie diese Dinge berücksichtigen. Wenn man sie nicht unberücksichtigt läßt, dann bemerkt man, wie aus den Tiefen der Seele herauf sich etwas drängt, von dem man sagen kann, es ist wie eine Wiederholung, wie eine innere Wiederholung desjenigen, was alte Kulturepochen der Menschheit an Vorstellungsgesinnung, an Vorstellungsstruktur zeigen. Damit weise ich auf ein Phänomen hin, das für den Historiker im eminentesten Sinne wichtig zu beobachten ist. Man braucht nicht viel nach außen hin zu machen, denn daß die alten Leute ihre Alterserscheinungen etwa zur Grundlage des Lebens machen, das ist nicht notwendig. Aber notwendig ist, daß das Leben in seinem ganzen Umfang betrachtet werde, und da zeigt es sich eben, indem wir hinaufsteigen im Leben, indem wir immer älter und älter werden, daß so etwas ins Bewußtsein herein will, was zunächst einmal ähnlich ist der Denkweise unmittelbar vorhergegangener Kulturepochen. Dem Griechen wird man ähnlich. Und wenn man gerade dieses ganze mittlere Lebensalter so durchlebt wie etwa Goethe, dann kann man unter Umständen auch eine solche Sehnsucht bekommen, das griechische Zeitalter zu durchleben, wie Goethe, bei dem diese Sehnsucht unwiderstehlich geworden ist. Und geht es dann weiter zurück, und beobachtet man dasjenige, was da im Inneren des Menschen aufsteigt, dann kommt man zu noch früheren Kulturepochen. Man merkt dann in jenem Alter, daß man desto besser versteht die besondere Art der Anschauungen der noch älteren Zeiten. Und geradezu in eine in Dokumenten nicht mehr aufgezeichnete Urgeschichte der menschlichen Entwicklung wird man zurückversetzt, wenn man dieses jetzt polarische biogenetische Grundgesetz ins Auge faßt. Das ist nicht durch ein Analogiespiel aus der natürlichen Wissenschaft herübergetragen ins menschliche Leben, sondern das ist der direkten Beobachtung entlehnt.
[ 16 ] Spiritual life itself takes on a certain configuration. The reason this receives so little attention today is that the capacity for observation is poorly developed in youth. Consequently, very few people will perceive such things in old age. Very few people retain such a keen sense of observation in old age that they take these things into account. If one does not disregard them, one notices how something rises up from the depths of the soul—something that can be described as a repetition, an inner repetition of what ancient cultural epochs of humanity reveal in terms of their imaginative mindset and imaginative structure. By this I am pointing to a phenomenon that is of the utmost importance for the historian to observe. One need not make a great show of it outwardly, for it is not necessary for older people to make the signs of aging the very foundation of their lives. But it is necessary that life be viewed in its entirety, and as we ascend through life, as we grow older and older, it becomes evident that something seeks to enter our consciousness that is, at first glance, similar to the way of thinking of immediately preceding cultural epochs. One becomes like the Greeks. And if one experiences this entire middle age in the same way as, say, Goethe did, then under certain circumstances one may also develop a longing to live through the Greek era, just as Goethe did, for whom this longing became irresistible. And if one then goes further back and observes what rises up within the human being, one arrives at even earlier cultural epochs. At that age, one realizes that one understands all the better the particular nature of the worldviews of even older times. And one is transported back into a prehistory of human development—one no longer recorded in documents—when one contemplates this now-polar biogenetic law. This is not carried over into human life through a game of analogy from the natural sciences, but is derived from direct observation.
[ 17 ] Wenn man diesen Forschungsweg weiter ausbildet — ich kann ja nur Richtlinien angeben —, dann kommt man dazu, ein außerordentlich wichtiges Leitgesetz für den historischen Werdegang der Menschheit zu durchschauen. Man kommt dazu zu durchschauen, daß es ältere Kulturen gegeben hat, in denen die Menschen bis ins höhere Lebensalter hinauf, dadurch daß sie einfach ihre Körperlichkeit entwickelt haben, auch ihr GeistigSeelisches mitentwickelt haben, daß ihnen gewissermaßen herausgeboren ist aus ihrer körperlichen Entwicklung ihre geistig-seelische Entwicklung. Wir, in unserer fortgeschrittenen Menschheitszivilisation, wir finden uns noch abhängig von unserer körperlichen Entwicklung in der ersten Kindheit, auch noch in den späteren Jugendjahren, dann aber nicht mehr. In den Zwanzigerjahren hört dann diese Abhängigkeit auf. Wie ist das Kind noch abhängig in seiner ganzen Seelenkonfiguration von seiner körperlichen Entwicklung! Wie können wir da beobachten, wie beides innig miteinander zusammenhängt, welch tief bedeutsame Wirkung hat die Geschlechtsreife, das Geschlechtsreifealter auch auf die geistig-seelische Entwicklung des Menschen! Und gehen wir dann weiter, dann wird schon kaum noch bemerkt, daß wiederum deutlich sich etwas ändert, daß zum Beispiel im Beginn der Zwanzigerjahre eine mehr nach innen gewendete Abhängigkeit des Geistig-Seelischen vom Körperlichen da ist. Dann aber wird dieser Zusammenhang so undeutlich, daß wir sagen können: Heute ist es so, daß bis in die Zwanzigerjahre hinein, bei manchen Menschen bis in die Dreißigerjahre hinein, die Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von der Entwicklung des Körperlichen bleibt, daß aber dann das Geistig-Seelische sich emanzipiert, mehr auf sich angewiesen ist, eine von der Körperlichkeit mehr oder weniger unabhängige Entwicklung durchmacht. Das war in früheren Lebenszeitaltern der Menschheit nicht der Fall. Wir kommen in Urzeiten menschlicher Entwicklung zurück, wo die Menschen nach dem vollendeten fünfzigsten Lebensjahr bis in die Sechzigerjahre hinein noch fühlten dasjenige, was innerlich-seelisch in Abhängigkeit von der äußeren körperlichen Entwicklung sich gestaltete. Es waren diejenigen Zeitalter, in denen die Menschen gewissermaßen ihrer eigenen Natur noch abtrotzen konnten die inneren Erfahrungen, die man beim absteigenden Lebensalter macht. Was man gewinnt an Seelischem und an Geistigem durch den zerfallenden Leib, das haben diese Menschen noch durchgemacht.
[ 17 ] If one continues to develop this line of research—I can, of course, only provide guidelines—one will come to understand an extraordinarily important guiding principle for the historical development of humanity. One comes to realize that there were earlier cultures in which people, by simply developing their physicality, also developed their spiritual and soul aspects as they advanced in age; that, in a sense, their spiritual and soul development arose naturally from their physical development. We, in our advanced human civilization, still find ourselves dependent on our physical development in early childhood, and even in the later years of youth, but not beyond that. This dependence then ceases in the twenties. How dependent the child still is, in the entire configuration of its soul, on its physical development! How can we observe there how intimately the two are connected, what a profoundly significant effect sexual maturity—the age of sexual maturity—also has on a person’s spiritual-soul development! And as we move forward, we hardly notice anymore that something is changing again—that, for example, at the beginning of one’s twenties, there is a more inwardly directed dependence of the spiritual-soul aspect on the physical. But then this connection becomes so indistinct that we can say: Today, the situation is such that well into the twenties—and for some people, well into their thirties—the spiritual-soul aspect remains dependent on physical development; but then the spiritual-soul aspect emancipates itself, becomes more self-reliant, and undergoes a development that is more or less independent of the physical. This was not the case in earlier epochs of human history. We go back to the earliest periods of human development, when people, after reaching the age of fifty and well into their sixties, still felt what was taking shape inwardly and in the soul as a function of external physical development. These were the ages in which people could, so to speak, still wrest from their own nature the inner experiences one undergoes as one grows older. What one gains in the soul and spirit through the decaying body—these people had already experienced it.
[ 18 ] Wenn ich mich jetzt durch ein Gesetz ausdrücken will, das ja eben formuliert werden muß — auch wenn jede Formulierung angefochten werden kann —, so möchte ich sagen: Diese Menschen der ältesten Kulturzeitalter blieben jung bis in die Fünfziger-, Sechzigerjahre ihres Lebens hinein. Wenn dann dieses Leitmotiv fortverfolgt wird, dann findet man im Ägyptertum, im Indertum das Zeitalter, wo die Menschen nur bis in die Vierzigerjahre hinein jung blieben in dieser Beziehung. Und das griechisch-lateinische Zeitalter, aus dem uns so merkwürdige Kunst- und wissenschaftliche Anschauungsweisen geblieben sind, das versteht man, wenn man weiß, wie diese Griechen zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahr durchaus noch so jugendlich waren, weil bei ihnen noch bis zu diesem Alter abhängig war das Geistig-Seelische von ihrer körperlichen Entwicklung. Dann kam unser Zeitalter, wo dies nur bis in die Zwanzigerjahre hinein geht. Und einsehen muß man, daß wir aus unserer körperlichen Entwicklung nur bis in die Zwanzigerjahre hinein uns etwas herausholen können, daß höchstens kontemplativ — als umgekehrtes biogenetisches Grundgesetz — dem subtilen Lebensbeobachter dasjenige sich innerlich darstellt, was eine Wiederholung früher durchlebter Dinge der Menschheit ist. Die Art also, wie man das biogenetische Grundgesetz formuliert hat — wenn sie auch durchaus anfechtbar ist —, es steckt in ihr ein gesunder Kern drinnen. Wie man da formuliert hat, daß der Mensch in seiner Entwicklung von seiner Geburt an kurz dasjenige durchläuft, was die Stammesentwicklung ist, so muß man sagen: Im geschichtlichen Leben ist es so, daß der Mensch innerlich, geistig-seelisch gegen das Alter hin dasjenige anschauungsweise wiederholt, was in früheren Lebensaltern der eigentliche Impuls der Geschichte war.
[ 18 ] If I were to express this now through a law—which, of course, must be formulated, even if every formulation is open to challenge—I would say: These people of the earliest cultural eras remained young well into their fifties and sixties. If we then follow this theme further, we find in Egyptian and Indian cultures an era in which people remained young in this respect only into their forties. And the Greco-Roman era, from which such remarkable artistic and scientific perspectives have come down to us, can be understood when one realizes how these Greeks, between the ages of thirty and forty, were still quite youthful, because for them, the spiritual and soul aspects were still dependent on their physical development up to that age. Then came our era, in which this extends only into one’s twenties. And one must realize that we can derive something from our physical development only up to our twenties; that, at most, in a contemplative sense—as a reversal of the fundamental biogenetic law—what appears inwardly to the subtle observer of life is a repetition of things previously experienced by humanity. So the way in which the biogenetic law has been formulated—even if it is certainly open to challenge—contains a sound core. Just as it has been stated that, in their development from birth onward, human beings briefly pass through what constitutes phylogenetic development, so too must it be said: In the course of historical life, as human beings approach old age, they inwardly—spiritually and psychologically—repeat, in a contemplative manner, what was the actual impulse of history in earlier stages of life.
[ 19 ] Da haben Sie wiederum die Zusammengliederung der Betrachtung des geistigen Lebens mit der Betrachtung des physischen Lebens der Menschheit. Da haben Sie eine Wissenschaft, die nicht auf der einen Seite einseitige Begriffe ausbildet für das natürliche Geschehen und auf der anderen Seite sich Begriffe macht über das geistige Geschehen, die dann nichts mit dem natürlichen Geschehen anfangen können und umgekehrt. Da haben Sie eine einheitliche Denkungsweise, die — indem sie gar nicht einseitig materialistisch und auch nicht einseitig spiritualistisch wird, sondern indem sie die gesamte Wirklichkeit umfaßt — als die eine Strömung dieser Wirklichkeit die äußerliche Körperlichkeit ansieht und als die andere Strömung das Geistig-Seelische, die aber beides rein phänomenologisch betrachtet.
[ 19 ] Here again you have the integration of the study of spiritual life with the study of humanity’s physical life. Here you have a science that does not, on the one hand, develop one-sided concepts for natural phenomena and, on the other hand, formulate concepts about spiritual phenomena that then have nothing to do with natural phenomena—and vice versa. Here you have a unified way of thinking that—by not becoming one-sidedly materialistic or one-sidedly spiritualistic, but rather by encompassing the entirety of reality—regards external physicality as one current of this reality and the spiritual-psychic as another, while viewing both purely phenomenologically.
[ 20 ] So eröffnen sich auch für die einzelnen geistigen wissenschaftlichen Forschungen Perspektiven, die außerordentlich vielversprechend sind, aber man muß eben den Mut haben, zu wirklichen Gesetzen auch in der Geschichte zu gehen. Dasjenige, was heute vielfach noch als Geschichtsmethode besprochen wird, ist ein Herumreden, ist etwas, was nicht auf einem wirklichen Boden steht. Einen wirklichen Boden findet man erst, wenn man gewachsen ist einer phänomenalistischen, einer phänomenologischen Naturbetrachtung, die dann so bewegliche Begriffe schafft, daß diese Begriffe auch tauglich sind, in die Phänomene des geistigen Lebens hineinzudringen.
[ 20 ] This opens up extraordinarily promising perspectives even for individual fields of intellectual and scientific research, but one must have the courage to seek out true laws even in history. What is still often discussed today as a method of history is mere talk—something that has no real foundation. One finds a real foundation only when one has outgrown a phenomenalist, a phenomenological view of nature, which then creates concepts so flexible that these concepts are also capable of penetrating the phenomena of spiritual life.
[ 21 ] Was hier mit anthroposophischer Geisteswissenschaft gemeint ist — ich muß das immer wieder betonen —, ist kein dilettantisches Treiben, es ist ein Forschen, welches das reine Betrachten der Phänomene aus dem Naturwissenschaftlichen hinüberträgt in das Geistige und dadurch gerade jene Versöhnung finden wird, nach der heute die besten Seelen lechzen: die Versöhnung des äußeren Lebens mit dem inneren Leben, die Versöhnung von Wissenschaft und Kunst, die Versöhnung von Wissenschaft und religiöser Empfindung. Aber wenn man einfach sich beschäftigt mit der Fortführung der alten, traditionellen Religionsbekenntnisse, kann man nicht dasjenige schaffen, was der moderne Mensch für sein religiöses Leben fordert. Man braucht heute eine Wissenschaft, die fähig ist, in die Gebiete des Geistes so einzudringen, wie man sonst in die Gebiete des Naturlebens eindringt. Man braucht Menschen, die den wissenschaftlichen Mut haben, das zu suchen, auch wenn es vielfach als Phantastik angesehen wird, weil man nicht daran denkt, dieselbe strenge Wissenschaftlichkeit, die man fordert für die Gebiete der äußeren Natur, herüberzutragen in die Gebiete des geistigen Geschehens.
[ 21 ] What is meant here by anthroposophical spiritual science—and I must emphasize this again and again—is not some amateurish pursuit, but rather a form of research that transcends the mere observation of phenomena from a natural-scientific perspective into the spiritual realm, and through this will find precisely that reconciliation for which the finest souls yearn today: the reconciliation of outer life with inner life, the reconciliation of science and art, the reconciliation of science and religious feeling. But if one simply concerns oneself with perpetuating the old, traditional religious creeds, one cannot create what modern human beings demand for their religious life. Today we need a science capable of penetrating the realms of the spirit just as we otherwise penetrate the realms of natural life. We need people who have the scientific courage to seek this out, even if it is often regarded as fanciful, because people do not think to apply the same rigorous scientific approach that is demanded for the realms of external nature to the realms of spiritual life.
[ 22 ] Das ist die eine Seite, die aus einer menschlichen Lebensbetrachtung folgt für die Anschauung des geschichtlichen Lebens. Die andere Seite ist, daß derjenige, der eine solche Anschauung gewinnt, diese Anschauung auch in sich entwickelt zu sozialen Impulsen. Erst aus einer solchen Anschauung heraus entspringt eigentlich jene Lebendigkeit des Seelenlebens, die ethische Impulse findet, aber ethische Impulse, die so hingebend sind an dasjenige, was die Menschennatur ist, daß sie sich umwandeln auch in soziale Impulse. Mit denjenigen Begriffen, die wir bloß aus der Naturwissenschaft schöpfen, können wir nicht unsere Ideen so lebendig machen, daß sie auch wirken als Ideen, wenn sie dem sozialen Handeln zugrundeliegen sollen.
[ 22 ] This is one aspect that follows from a human perspective on life when it comes to the view of historical life. The other aspect is that whoever gains such a view also develops this view within themselves into social impulses. It is only from such a perspective that the vitality of the soul’s life truly springs forth—a vitality that finds ethical impulses, but ethical impulses so devoted to human nature that they are also transformed into social impulses. With the concepts we derive solely from the natural sciences, we cannot make our ideas so vivid that they also function as ideas when they are to underlie social action.
[ 23 ] In einem eigentlich recht gelehrten Buche der Gegenwart findet sich ein merkwürdiges Zitat, das allerdings herrührt von einem Manne, der nicht gerade sehr gelehrt war, nämlich von Georg Brandes, aber das Zitat ist akzeptiert von einer sehr gelehrten Persönlichkeit. Da wird in dem Werk darauf hingewiesen, warum es so schwer ist, die Menschen ethisch zu belehren, ihnen lehrend etwas beizubringen, zum Beispiel über wesentliche Notwendigkeiten, und es wird diese Schwierigkeit betont, durch Geistiges in das soziale Leben hineinzuwirken. Es wird darauf aufmerksam gemacht — durchaus so, als ob man das voll bejahen würde, was Brandes sagt —, daß die Menge der Menschen ja nicht nach Vernunft, sondern nach unbestimmten Instinkten handle. Nun, einen solchen Ausspruch kann man sehr leicht tun. Man kann sehr leicht dasjenige kritisieren, was sich auslebt, jetzt nicht im Leben des einzelnen Menschen, sondern auf dem Gebiete des menschlichen Zusammenwirkens. Man kann sehr leicht das als bloßes instinktives Ausleben von irgendwelchen Impulsen abkanzeln, abkritisieren, wenn man das Wesen des sozialen Lebens nicht in wirklich wissenschaftlichem Geiste betrachten kann. Kann man das letztere, dann weiß man: Wenn es noch so viele Vernünftigkeiten gäbe innerhalb der intellektuellen Sphäre des Menschen, wenn die Menschen gewissermaßen noch so gescheit wären nach dem Muster jener Gescheitheit, die man in der einseitigen Naturwissenschaft gewinnen kann, so würde das soziale Leben doch immer viele, viele Momente des Unbewußten enthalten müssen, so daß man es noch immer in der Weise abkanzeln könnte, wie Brandes es tut und wie man es heute selbst in den Büchern über die volkswirtschaftlichen Lehren angeführt finder.
[ 23 ] In a contemporary book that is actually quite scholarly, there is a curious quotation—one that, however, comes from a man who was not exactly very learned, namely Georg Brandes—but the quotation has been accepted by a highly learned figure. The work points out why it is so difficult to educate people ethically—to teach them, for example, about fundamental necessities—and it emphasizes this difficulty in influencing social life through intellectual means. It is pointed out—as if one were fully agreeing with what Brandes says—that the masses do not act according to reason, but according to vague instincts. Well, it is very easy to make such a statement. It is very easy to criticize what plays out—not in the life of the individual, but in the realm of human interaction. It is very easy to dismiss or criticize this as merely the instinctive expression of some impulses if one cannot view the nature of social life in a truly scientific spirit. If one can do the latter, then one knows: Even if there were countless rational considerations within the intellectual sphere of human beings, even if people were, so to speak, as clever as they could be according to the model of that cleverness which can be gained from one-sided natural science, social life would still always contain many, many elements of the unconscious, so that one could still dismiss it in the manner that Brandes does and as is still cited today even in books on economic theory.
[ 24 ] Aber was liegt denn da eigentlich zugrunde? Es liegt zugrunde, daß in der Tat jene Vernünftigkeit, von der man so gerne spricht, etwas ist, was sich innerhalb der menschlichen Persönlichkeit ausbildet, was zwar geeignet ist, die Welt zu betrachten, geeignet ist, auch aus dem Inneren des Menschen heraus gewisse Impulse des Handelns hervorzurufen, was aber für sich allein durchaus nicht geeignet ist, ein soziales Zusammenleben zu bewirken. Glaubt man, daß diese innere Vernünftigkeit dazu geeignet ist, dann kommt man eben zu jenen sozialen Theorien, die heute so gang und gäbe sind und die nicht lebensfördernd, nicht lebenserhaltend, sondern die lebenzerstörend sind. Und solche lebenzerstörenden Theorien, die nur so lange glänzen können, als sie Kritik bleiben, die aber sofort ihre Absurdität zeigen, wenn sie ins wirkliche Leben eingeführt werden sollen, sie fließen vielfach aus jener Gesinnung, die heraufgekommen ist mit den in ganz berechtigter Weise als Triumph empfundenen Tatsachen des modernen wissenschaftlichen Lebens. Dasjenige, worum es sich handelt, ist, daß im menschlichen Zusammenwirken, sogar schon in der Sprache, etwas ist, was das Handeln, das menschliche Zusammen-Empfinden durchleuchtet und durchwärmt — allerdings auch durchhaßt —, was nicht in intellektualistische Vernunftbegriffe zu bringen ist.
[ 24 ] But what is actually underlying this? The underlying reality is that the rationality people so readily speak of is, in fact, something that develops within the human personality—something that is indeed suited to observing the world and to eliciting certain impulses for action from within the human being, but which, on its own, is by no means capable of bringing about social coexistence. If one believes that this inner rationality is capable of doing so, then one inevitably arrives at those social theories that are so commonplace today—theories that are not life-affirming, not life-sustaining, but rather life-destroying. And such life-destroying theories—which can shine only as long as they remain mere criticism, but which immediately reveal their absurdity when they are to be introduced into real life—often stem from that mindset that has emerged alongside the achievements of modern scientific life, which are quite rightly perceived as a triumph. The point at issue is that in human interaction—even in language itself—there is something that illuminates and warms—though it also torments—action and human empathy, something that cannot be reduced to intellectualistic concepts of reason.
[ 25 ] Und auf der anderen Seite macht sich im wirtschaftlichen Leben selber etwas geltend, was viel komplizierter sich ausnimmt als das, was in den Naturwissenschaften zugrundegelegt werden muß. Ich mache Sie nur aufmerksam auf all das, was innerhalb des volkswirtschaftlichen Lebens aufgetreten ist, was innerhalb der Nationalökonomie an Definitionen von Warenwert, Warenpreis aufgetreten ist, was aufgetreten ist an Definitionen über die Funktionen von Wert und Preis im wirtschaftlichen Leben und so weiter. Namentlich möchte ich darauf aufmerksam machen, wie vage und unbestimmt solche Definitionen, solche Charakteristiken von Wert und Preis der Ware, von anderen Funktionen im wirtschaftlichen Leben sind.
[ 25 ] On the other hand, something is making itself felt in economic life itself that appears much more complicated than what must be taken as a basis in the natural sciences. I am simply drawing your attention to everything that has arisen within economic life—the definitions of commodity value and commodity price that have emerged in national economics, the definitions regarding the functions of value and price in economic life, and so on. In particular, I would like to draw attention to how vague and indefinite such definitions and characterizations of the value and price of commodities—as well as of other functions in economic life—are.
[ 26 ] Was liegt da zugrunde? Es liegt das zugrunde, daß man mit den auf bloße Intellektualität aufgebauten Begriffen überhaupt das soziale Wesen nicht verstehen kann. Notwendig ist eine innere Seelenerziehung zu denjenigen Vorstellungsarten hin, die ich beschrieben habe im Verlauf dieser Vorträge als imaginative Erkenntnis, dann in höheren Gebieten als inspirierte Erkenntnis. Eine Erziehung zu solchen Vorstellungsarten ist nötig, um das zu erfassen, was jetzt nicht aus dem Einzelnen entspringen soll, sondern was sich ergeben soll im sozialen Zusammenwirken der Menschen. Und die Art und Weise, wie die Menschen sozial zusammenwirken — wenn man es auch Instinkt nennen will —, in die kann man nicht hineinschauen und nicht hineinwirken mit intellektualistischen Begriffen. Da kann man nur hineinwirken mit lebendigen, inhaltvollen Anschauungen des sozialen Lebens selber. Diese inhaltvollen Anschauungen des sozialen Lebens aber eröffnen sich dem Vorstellungsleben auf keine andere Weise als durch Imaginationen, die ich in diesen Vorträgen auch über die andere Wirklichkeit beschrieben habe. Daher wird es erst eine wirkliche soziale Wissenschaft geben, die Grundlage sein kann für das soziale Wirken, wenn man sie herausbildet aus der Methode anthroposophischer Geisteswissenschaft.
[ 26 ] What is the underlying reason for this? It is the fact that one cannot understand the social being at all using concepts based solely on intellectuality. What is necessary is an inner spiritual education toward those modes of perception that I have described in the course of these lectures as imaginative knowledge, and then, in higher realms, as inspired knowledge. An education in such modes of imagination is necessary to grasp what is not to arise from the individual, but rather what is to emerge from the social interaction of human beings. And the way in which human beings interact socially—even if one wishes to call it instinct—cannot be understood or influenced through intellectualistic concepts. One can only influence it through living, meaningful insights into social life itself. But these meaningful insights into social life open up to the life of the imagination in no other way than through imaginations, which I have also described in these lectures in connection with the other reality. Therefore, a true social science—one that can serve as a foundation for social action—will only come into being if it is developed from the method of anthroposophical spiritual science.
[ 27 ] Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich das, was ich selber heute vertreten kann als anthroposophische Geisteswissenschaft, irgendwie als etwas schon Vollkommenes betrachte, das so bleiben kann, wie es ist, sondern ich rede von dem, was durch diese anthroposophische Geisteswissenschaft werden soll— ganz unabhängig von der Gestalt, die sie jetzt hat. Gewiß, sie wird viel besser gestaltet werden, als sie heute schon gestaltet ist durch diejenigen, die sie betreiben. Aber es muß immer und immer wieder darauf hingewiesen werden, daß nur sie es sein kann, die mit ihren Methoden so bewegliche Begriffe findet, daß diese beweglichen Begriffe selber hingehen können, hinströmen können auf den Wellen des sozialen Lebens, beleben können diese Wellen des sozialen Lebens. Und erst, wenn man so in unmittelbarer Anschauung die soziale Struktur durchschauen kann, dann gliedert sie sich in ein Geistesleben, das Selbständigkeit braucht, in ein Rechtsleben, in ein staatlich-praktisches Leben, das wiederum in sich abgeschlossen sein muß und Selbständigkeit braucht, und in ein Wirtschaftsleben, das auf Assoziationen begründet sein muß, weil ein Wirtschaftsleben sich nur entwickeln kann, wenn die Menschen zusammendenken, während das geistige Leben sich nur entwickeln kann, wenn der einzelne Mensch imstande ist, dasjenige dem sozialen Organismus einzufügen, was aus seinen geistigen Impulsen herausfließt.
[ 27 ] You need not believe that I regard what I myself can present today as anthroposophical spiritual science as something already perfect that can remain as it is; rather, I am speaking of what this anthroposophical spiritual science is meant to become—quite independently of the form it currently takes. Certainly, it will be shaped much better than it is today by those who practice it. But it must be pointed out again and again that it alone can, through its methods, find concepts so flexible that these flexible concepts themselves can move, can flow on the waves of social life, and can enliven these waves of social life. And only when one can thus perceive the social structure directly does it break down into a spiritual life that requires autonomy, into a legal life, and into a practical political life—which in turn must be self-contained and require autonomy— and into an economic life that must be based on associations, because an economic life can only develop when people think together, whereas intellectual life can only develop when the individual is able to integrate into the social organism that which flows from his or her intellectual impulses.
[ 28 ] Diese drei Gebiete, die heute im einheitlichen, abstrakten sozialen Organismus zusammengeworfen werden, sie gliedern sich auseinander für eine lebendige Imagination, eine lebendige Anschauung. Sie werden nur deshalb zusammengeworfen, weil man heute nicht praktisch ist im Denken, sondern weil man theoretisiert, weil man sich mehr oder weniger hypothetisch zur Wirklichkeit verhält und, wenn man selber diese Wirklichkeit gestalten will, Hypothesen aufstellt statt reale Impulse in diese Wirklichkeit hineinzugießen. Wer zu Hypothesen geneigt ist in den theoretischen Wissenschaften, der kommt auch nicht dazu, in das soziale Leben Begriffe hineinzutragen, die voll wirklich sind. Daher wird gerade von denjenigen, die sich abgewöhnt haben, praktisch zu denken, vielfach dasjenige als utopistisch betrachtet, was sich findet in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage», die jetzt in neuer Auflage erschienen sind, und in anderen Büchern, die sich anschließen, in alle dem, was veröffentlicht wird in unserer Zeitung, der Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», überhaupt in allem, was ausgeht vom Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus. Es wird das als utopistisch betrachtet, weil diejenigen Menschen, die es so betrachten, selber nicht wissen, wie utopistisch sie sind, wie sie gerade das, was ganz mit Wirklichkeit gesättigt ist, als utopistisch betrachten. Man ist heute im Theoretisieren in den intellektualistischen Wissenschaften so weit gekommen, daß man gar nicht mehr spürt, gar nicht mehr fühlt, wenn irgendwo wahre Wirklichkeit pulsiert. Wenn man sich wirklich einläßt auf dasjenige, was so aus wahrer Wirklichkeit herauskommt, dann wird man finden, daß man nicht zu sagen braucht, es seien Jahrzehnte notwendig zur Verwirklichung, sondern man wird sehen, daß das unmittelbar, wenn es nur erst in Menschenköpfen drinnen ist, auch ins soziale Leben übergeführt werden kann.
[ 28 ] These three areas, which today are lumped together into a single, abstract social organism, can be distinguished from one another through a living imagination, a living perception. They are lumped together solely because people today do not think practically, but rather theorize; because they approach reality more or less hypothetically and, when they themselves wish to shape this reality, formulate hypotheses instead of infusing real impulses into it. Those who are inclined toward hypotheses in the theoretical sciences also fail to introduce concepts into social life that are fully real. Consequently, it is precisely those who have lost the habit of thinking practically who often regard as utopian what is found in my *Key Points of the Social Question*—which has now been republished in a new edition—and in other related books, in everything published in our newspaper, the weekly *Threefold Social Order*, and indeed in everything that emanates from the Association for the Threefold Social Order. It is regarded as utopian because those who view it this way do not themselves realize how utopian they are—how they regard precisely that which is entirely saturated with reality as utopian. Today, theorizing in the intellectualistic sciences has progressed to such an extent that people no longer sense, no longer feel, when true reality is pulsating somewhere. If one truly engages with what emerges from true reality, one will find that it is not necessary to say that decades are required for its realization; rather, one will see that as soon as it is present in people’s minds, it can be immediately translated into social life.
[ 29 ] Das habe ich sagen wollen darüber, wie ins ethische, ins geschichtliche, ins soziale Denken, Fühlen und dann aber auch ins ethische Wollen, ins soziale Wollen hineingetragen werden können diejenigen Ideen und Impulse, die aus der Geisteswissenschaft herauskommen. Und wenn der Mensch wirklich historische Gesetze erkennt, wenn er das Menschenleben so überblickt, wie man es dann überblickt, wenn die Phänomene des geistigen Lebens betrachtet werden, nicht bloß die äußeren Kulturphänomene, dann lernt man mit dem Charakter innerer Notwendigkeit erkennen, was in einem bestimmten Zeitalter gelebt hat. Und aus diesem Bewußtsein einer Verbindung mit seinem Zeitalter erquillt einem dasjenige, was Aufgabe sein kann für dieses Zeitalter. Man wird erfüllt mit seiner inneren Lebensaufgabe. Und wir brauchen heute Menschen, welche sich erfüllen können mit einer realen, einer inhaltvollen Lebensaufgabe.
[ 29 ] That is what I wanted to say about how the ideas and impulses that arise from spiritual science can be incorporated into ethical, historical, and social thinking and feeling—and ultimately into ethical and social will. And when a person truly recognizes historical laws—when they survey human life in the way one does when observing the phenomena of spiritual life, not merely the external phenomena of culture—then one learns to recognize, with a sense of inner necessity, what was lived in a particular age. And from this awareness of a connection with one’s own age springs forth what can be a task for that age. One becomes filled with one’s inner life task. And today we need people who can find fulfillment in a real, meaningful life task.
[ 30 ] Ich konnte nur wenig und das auch nur skizzenhaft mitteilen von dem, was angestrebt wird auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft nach der Richtung hin, daß die einzelnen Fachwissenschaften befruchtet werden sollen. Sie werden immer wieder und wieder hören, wie in einzelnen Gruppen daran gearbeitet wird, die einzelnen Wissenschaften zu befruchten — von der Astronomie angefangen bis in die sozialen Erkenntnisse herein —, und wie gestrebt wird, in ganz fachlicher Weise diese Geisteswissenschaft für die einzelnen Gebiete auszuarbeiten. Mit einem solchen Streben findet man ja heute noch nur ein sehr eingeschränktes Verständnis. Und gerade wenn man solche Vorträge wie diese hält, wenn man daran denkt, daß hier in Stuttgart durch die Bemühungen unserer Waldorfschul-Lehrerschaft und anderer Persönlichkeiten gerade versucht werden soll zu zeigen, wie die einzelnen Fachwissenschaften von anthroposophischer Geisteswissenschaft befruchtet werden können und wie unbedingt notwendig diese Befruchtung ist, wenn wir nicht in den Niedergang hineingehen, sondern einen Aufstieg erstreben wollen, dann muß man auch daran denken, wie gerade von älteren Leuten, die heute im wissenschaftlichen Leben darinnenstehen, solche Bestrebungen angefeindet und zurückgewiesen werden.
[ 30 ] I was able to share only a little—and even then only in a sketchy way—about what is being pursued in the field of the humanities with the aim of enriching the individual academic disciplines. You will hear time and again how individual groups are working to enrich the various sciences—from astronomy all the way to the social sciences—and how they are striving to develop this spiritual science in a thoroughly scientific manner for each specific field. Such endeavors are still met with only a very limited understanding today. And precisely when one gives lectures such as this one, when one considers that here in Stuttgart, through the efforts of our Waldorf school faculty and other individuals, an attempt is being made to show how the individual academic disciplines can be enriched by anthroposophical spiritual science and how absolutely necessary this enrichment is if we are to strive for progress rather than decline, then one must also consider how such endeavors are met with hostility and rejected, particularly by older people who are currently at the heart of scientific life.
[ 31 ] Und ich möchte mich jetzt zum Schluß gerade an denjenigen Teil von Ihnen wenden, an welchen ich zunächst appellieren möchte gerade in der Gegenwart aus ganz bestimmten Motiven heraus. Gerade jetzt, wo anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft so viel angefeindet wird, hört man immer wieder betonen: Warum wendet sich diese Geisteswissenschaft nicht in streng wissenschaftlicher Weise an die Wissenschaft selbst? — Nun, darüber könnte vieles gesagt werden. Vor allen Dingen könnte ja gesagt werden, daß diejenigen, welche solches aussprechen, sich wenig darum bekümmern, wie diese Geisteswissenschaft nun wirklich auf den einzelnen wissenschaftlichen Gebieten arbeitet. Aber es darf vielleicht auch noch etwas anderes gesagt werden. Dasjenige, was ich heute selber vertrete in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, das hat ja seinen Anfang genommen im Beginn der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Ich habe dazumal durchaus versucht, auf gangbaren Wissenschaftswegen das, was gesagt werden sollte, zunächst in elementarer Weise in die wissenschaftlichen Strömungen hereinzubringen. Ich knüpfte an Goethe an in einer Interpretation, die durchaus auch als Interpretation ganz ernst und gewissenhaft aufgenommen wurde. Nun, ich bin ja nicht immer so angefeindet worden wie jetzt — das, was ich in Anlehnung an Goethe geschrieben habe, ist vielfach sogar als etwas sehr Gutes bezeichnet worden. Aber wie hat man es genommen? Man hat es so genommen, daß ich nicht von diesem Hinnehmen befriedigt sein konnte. Die Leute haben gesagt: Ja, da wird ja manches getroffen, was Goethe gemeint hat, da wird Goethe in einer richtigen Weise interpretiert. — Aber man hat nicht bemerkt oder bemerken wollen, daß damit noch etwas anderes gemeint war. Es war ja nicht gemeint, daß man bloß interpretieren wollte den, der als Johann Wolfgang Goethe 1832 gestorben ist, sondern es sollte dasjenige gesucht werden in Goethe, in seiner Weltanschauung, was eine Fortführung erleben kann, was herausströmt, wenn man heute Goethe als einen noch Lebendigen betrachtet, wenn man ihn fortbildet. Stellung zu den Problemen des wissenschaftlichen, des philosophischen, des sozialen Lebens sollte genommen werden.
[ 31 ] And now, in closing, I would like to address that part of you to which I wish to appeal first and foremost, especially at this moment in time, for very specific reasons. Precisely now, when anthroposophically oriented spiritual science is facing so much hostility, one hears it emphasized time and again: Why doesn’t this spiritual science approach science itself in a strictly scientific manner? — Well, much could be said about that. Above all, one could say that those who voice such opinions pay little attention to how this spiritual science actually operates in the individual scientific fields. But perhaps something else may also be said. What I myself advocate today within this anthroposophically oriented spiritual science actually had its beginnings in the early 1880s. At that time, I certainly tried to introduce what needed to be said into the scientific currents—initially in a basic way—using established scientific methods. I drew on Goethe in an interpretation that was indeed taken very seriously and conscientiously. Well, I haven’t always been met with as much hostility as I am now—what I wrote based on Goethe has in many cases even been described as something very good. But how was it received? It was received in such a way that I could not be satisfied with that reception. People said: Yes, this does capture some of what Goethe meant; Goethe is interpreted correctly here. — But they did not notice—or did not want to notice—that there was something else meant by it. After all, the intention was not merely to interpret the man who died as Johann Wolfgang Goethe in 1832, but rather to seek within Goethe—within his worldview—that which can be carried forward, that which flows forth when we regard Goethe today as someone who is still alive, when we develop his ideas further. A stance was to be taken on the problems of scientific, philosophical, and social life.
[ 32 ] Dazu war das, was man heute vielfach «reine Wissenschaft» nennt, durchaus nicht geneigt, heute, wo man ja in wissenschaftlichen Werken Aussprüche lesen kann wie solche, die Wissenschaft habe nicht die Aufgabe, etwa das ethische, das politische, das soziale Leben zu bilden, sie habe alle diese Zweige des Lebens nur objektiv zu betrachten. Also in einem Zeitalter, in dem man sich eigentlich nur auf irgendeinen Sitz hinsetzen will, um die Welt zu berrachten und nur das als Wissenschaft gelten läßt, was aus der Betrachtung der Welt entstanden ist, nicht aber dasjenige, was übergeht in unsere Seelenlebendigkeit, um Wille, Handeln, soziale Tat zu werden, in einem solchen Zeitalter mag es begreiflich erscheinen, daß von der Wissenschaft her zu dem, was eigentlich gemeint war, zunächst keine Stellung genommen wurde. Daher war es notwendig, daß an größere Kreise der Menschheit appelliert wurde, an größere Kreise der Menschheit gedacht wurde, weil die Wahrheit in irgendeiner Weise vor die Menschheit hintreten muß. Und als aus gewissen Empfindungen heraus größere Kreise der Menschheit sich zu dem gefunden hatten, was hier anthroposophische Geisteswissenschaft genannt wird, da haben sich Leute wiederum herbeigelassen zu sagen, dasjenige, was da gesagt wird, das sei nicht wissenschaftlich. Sie haben es zum Beispiel so gemacht wie der Jenenser Professor Rein etwa, der im Jahre 1918 die «Philosophie der Freiheit» charakterisiert als ein Werk, wie es eben nur aus der Kriegszeit heraus geboren sein könne. Der Mann hat eben erst jetzt die «Philosophie der Freiheit» in die Hand bekommen, die Jahreszahl 1918 gefunden, die Jahreszahl der Neuauflage, und in seiner universitären Gewissenhaftigkeit hat er dieses Werk, das schon 1893 veröffentlicht worden ist, als ein Ergebnis des kriegszeitlichen Denkens charakterisiert.
[ 32 ] Moreover, what is often referred to today as “pure science” was by no means inclined to do so—especially now that one can read statements in scientific works such as those claiming that science does not have the task of shaping ethical, political, or social life, but must merely observe all these aspects of life objectively. Thus, in an age in which people essentially just want to sit down somewhere to observe the world and recognize as science only that which has arisen from the observation of the world—but not that which passes into the vitality of our souls to become will, action, and social deeds—in such an age, it may seem understandable that science initially took no stance on what was actually intended. Therefore, it was necessary to appeal to broader circles of humanity, to take broader circles of humanity into account, because the truth must, in some way, present itself to humanity. And when, out of certain feelings, broader circles of humanity had come to embrace what is here called anthroposophical spiritual science, people once again took it upon themselves to say that what is said there is not scientific. They did so, for example, in the manner of Professor Rein of Jena, who in 1918 characterized *The Philosophy of Freedom* as a work that could only have been born out of the war years. The man had only just picked up *The Philosophy of Freedom*, noticed the year 1918—the date of the new edition—and, in his academic scrupulousness, characterized this work, which had already been published in 1893, as a product of wartime thinking.
[ 33 ] Solche Pröbchen von wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit können Sie in der Gegenwart viele finden. Auf viele ähnliche Tatsachen könnte ich noch hinweisen, um Ihnen zu sagen, warum ich mich eigentlich ganz besonders befriedigt fühle, heute zu sehen, daß nun doch von der jüngeren Generation her in der Gegenwart einiges Interesse kommt — wenn auch nicht, wenigstens nicht erheblich, von denjenigen, die in der Wissenschaft durch ein ehrwürdiges Alter oder auch durch ein noch nicht ganz erreichtes ehrwürdiges Alter glänzen. Von dieser Seite her kommt noch wenig Beschäftigen mit anthroposophischer Geisteswissenschaft, dafür um so mehr Mißverständnis.
[ 33 ] You can find many such examples of scientific rigor today. I could point out many similar examples to explain why I actually feel particularly gratified to see today that there is now some interest coming from the younger generation—even if not, or at least not significantly, from those who distinguish themselves in science through a venerable age or even through a venerable age not yet fully attained. From this quarter, there is still little engagement with anthroposophical spiritual science, but all the more misunderstanding.
[ 34 ] Deshalb wende ich mich aus der Reihe derjenigen, die heute hier versammelt sind, gerade an die, die aus ihrem Studentenleben heraus sich dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zuwenden wollen, die ganz gewiß nicht autoritativ oder dogmatisch vor Sie hingestellt werden soll, die nur so genommen werden will, daß man sie prüft. Denn sie ist überzeugt, je mehr man sie prüft, desto mehr wird man sie begründet finden. Sie schreckt nicht zurück vor exakter Prüfung, sie hat sich nur zu wehren gegen das, was wahrhaftig von einer exakten Prüfung sehr weit entfernt ist. Wenn man kleinmütig wäre, könnte man auf dem Gebiet anthroposophischer Geisteswissenschaft schon mutlos werden gegenüber den unexakten Prüfungen, die ja so viel sich geltend machen in der Gegenwart. Vor dem wirklich exakten Prüfen haben diejenigen, die die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, vertreten, keine Angst. Sie wird sich um so mehr bewähren, je genauer man sie prüft, denn sie weiß, sie ist aus wissenschaftlichem Geist hervorgegangen.
[ 34 ] That is why, among those gathered here today, I am addressing specifically those who, as students, wish to turn to this anthroposophically oriented spiritual science—which is certainly not meant to be presented to you in an authoritarian or dogmatic manner, but rather is meant to be approached only in a way that invites scrutiny. For it is convinced that the more one examines it, the more one will find it to be well-founded. It does not shy away from rigorous examination; it must only defend itself against what is truly very far removed from rigorous examination. If one were timid, one might well lose heart in the field of anthroposophical spiritual science in the face of the superficial examinations that are so prevalent today. Those who advocate spiritual science, as it is understood here, have no fear of truly rigorous scrutiny. The more closely it is examined, the more it will prove its worth, for it knows that it has emerged from a scientific spirit.
[ 35 ] Das möchte ich Ihnen heute sagen, gerade Ihnen, meine lieben Kommilitonen, die heute hier versammelt sind; gerade Ihnen möchte ich sagen, daß das, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft von meiner Seite durchdringt, aus einer treulichen Anschauung desjenigen entstanden ist, was ich selber durchgemacht habe. Ich blicke zurück auf ein Studentenleben, das verflossen ist zu der Zeit, als die Hochblüte des Atomismus war, die Hochblüte jener Weltanschauung, wo man aller Optik, aller Wärmelehre und so weiter Hypothesen zugrundelegte, in denen man geschwelgt hat — Hypothesen aber, die herausgeführt haben aus der Erfassung der Wirklichkeit, weil sie der Naturwirklichkeit etwas, was bloß ausgedacht war, zugrundegelegt haben. Von dem ist man ja vielfach weggekommen; man ist heute realistisch gerade auf dem Gebiet der Naturwissenschaft. Aber die Früchte des Denkens, die sich da ausgebildet haben, die sind durchaus noch zu sehen in den historischen, in den sozialen Wissenschaften, und sie bedingen vielfach die Misere unseres gegenwärtigen katastrophalen Lebens mit. In meiner Studentenzeit, da wurden von der Wissenschaft nicht diejenigen Begriffe und Ideen und Seelenimpulse ausgebildet, die dann fortschwimmen können in einer kraftvollen Weise auf den Wogen des sozialen Lebens. Das ist das, was wir heute entbehren: Impulse. Die Leute werden heute ganz fuchtig, wenn man von Impulsen spricht. Es soll dieses Wort «Impulse» aber nichts anderes bedeuten als das, was in der Seele kraftvoll lebt — im Gegensatz zum abstrakten Leben der Gedanken oder Ideen. Gedanken und Ideen sollen es sein, die aus einer solchen anthroposophischen Geisteswissenschaft entspringen, aber Gedanken, die durchsetzt sind von vollem Leben, so daß sie ethische, religiöse, namentlich aber soziale Wirklichkeit werden können.
[ 35 ] That is what I would like to say to you today—especially to you, my dear fellow students, who are gathered here today; it is to you in particular that I would like to say that the anthroposophically oriented spiritual science that permeates my work has arisen from a faithful understanding of what I myself have experienced. I look back on a student life that passed during the heyday of atomism—the heyday of that worldview in which all of optics, thermodynamics, and so on were based on hypotheses in which people revelled — hypotheses, however, that led away from a grasp of reality, because they superimposed something purely imaginary onto natural reality. We have, of course, moved away from that in many respects; today we are realistic, especially in the field of the natural sciences. But the fruits of thought that developed there are still very much evident in the historical and social sciences, and in many ways they contribute to the misery of our present catastrophic existence. During my student days, science did not cultivate those concepts, ideas, and spiritual impulses that could then flow powerfully on the waves of social life. That is what we lack today: impulses. People today get quite upset when one speaks of impulses. Yet the word “impulses” is meant to signify nothing other than that which lives powerfully in the soul—in contrast to the abstract life of thoughts or ideas. Thoughts and ideas should spring from such an anthroposophical spiritual science, but they must be thoughts imbued with full life, so that they can become ethical, religious, and, above all, social reality.
[ 36 ] Wer durch Jahrzehnte das durchgemacht hat, was sich da abgespielt hat in unserer wissenschaftlichen Entwicklung, wer da weiß den Zusammenhang der naturwissenschaftlichen Theorien aus den siebziger, achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit der Hilflosigkeit des heutigen ethischen und sozialen Denkens, der spricht wahrhaftig, meine lieben Kommilitonen, aus tiefem Gefühl heraus zu denjenigen, die heute jung sind. Er erinnert sich dann zurück an die Gründe, warum man so vergebens zur damaligen Jugend gesprochen hat. Sie hatte noch das vor sich, was dann hervorgetreten ist als eine, ich möchte sagen blendende Lebensüberfülle, dasjenige, was von allen Seiten her ertönen ließ die Worte «wie wir’s so herrlich weit gebracht» haben in bezug auf die äußere Kultur. Heute sieht die Jugend allerdings etwas anderes um sich; heute sieht sie um sich die materielle Not und in dieser materiellen Not auch die geistige Not. Im ganzen ist die Situation heute durchaus anders, als sie in meiner Jugend war. Dazumal stand man mit diesen Gedanken ganz allein. Heute, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen, wenn Sie wirklich den Weg finden zu lebensvollen Impulsen, heute werden Sie doch vielleicht Verständnis finden können bei recht vielen, die durch das gegenwärtige Leben geschüttelt sind. Heute spricht das Leben: Ich brauche aus der Wissenschaft heraus geborene lebendige Ideen, die zu ethischen, zu sozialen Impulsen werden können. Heute verlangt die Welt solche Führernaturen, die aus dem Geistigen heraus wirken können, weil nur dieses Geistige inhaltvoll sein kann.
[ 36 ] Anyone who has lived through the developments in our scientific progress over the decades, anyone who understands the connection between the scientific theories of the 1870s and 1880s and the helplessness of today’s ethical and social thinking—such a person, my dear fellow students, truly speaks from the depths of their heart to those who are young today. They then recall the reasons why speaking to the youth of that time was so futile. That generation still had ahead of them what later emerged as—I would say—a dazzling abundance of life, the very thing that prompted people from all sides to exclaim, “How wonderfully far we have come” with regard to material culture. Today, however, young people see something different around them; today they see material hardship all around them, and within that material hardship, spiritual hardship as well. On the whole, the situation today is quite different from what it was in my youth. Back then, one stood entirely alone with these thoughts. Today, my esteemed audience, dear fellow students, if you truly find the path to life-affirming impulses, today you may well find understanding among quite a few who are shaken by contemporary life. Today, life speaks: I need living ideas born of science that can become ethical and social impulses. Today, the world demands leaders who can act from the spiritual realm, because only this spiritual realm can be meaningful.
[ 37 ] Meine verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen, diejenigen, welche berührt sind von dem, was anthroposophische Geisteswissenschaft eigentlich will, sie werden mich verstehen, jeder auf seine Art. Das ist es, was mich mit einer gewissen Befriedigung erfüllt, wenn ich heute zu denjenigen sprechen darf, denen ich mich eigentlich recht sehr verwandt fühle, trotzdem lange hinter mir liegt das Lebensalter, das heute das Ihrige ist, liebe Kommilitonen. Aber wer diese letzten Jahrzehnte mit vollem Bewußtsein durchlebt hat, weiß auch, wie stark man bauen muß auf diejenigen, die heute noch jung sind und die heute in ihrer Jugend kraftvoll wirken wollen. Man kann ja immer nur sehr wenig zu dem beitragen, zu dem man viel beitragen möchte.
[ 37 ] Distinguished guests, dear fellow students—those of you who are moved by what anthroposophical spiritual science truly seeks will understand me, each in your own way. That is what fills me with a certain sense of satisfaction as I speak today to those with whom I actually feel a very close kinship—even though the stage of life that is yours today, dear fellow students, lies long behind me. But anyone who has lived through these last decades with full awareness also knows how strongly one must rely on those who are still young today and who wish to make a powerful impact in their youth. After all, one can always contribute only very little to the very things to which one would like to contribute so much.
[ 38 ] Nur weniges konnte ich sagen in diesen paar Vorträgen; möge dieses Wenige durch unsere hiesigen Mitarbeiter in den Hochschulkursen weiter ausgebildet werden. Und möge dieses Wenige mehr nach seiner Absicht gewertet sein als nach dem, wozu es in diesen vier Vorträgen werden konnte. Aber getroffen möchte ich haben das Herz der heutigen Kommilitonenschaft, zu ihrem Herzen möchte ich gesprochen haben. Nicht bloß — wenn auch in vollem Sinne — aus wissenschaftlichem Geiste heraus möchte ich reden, sondern zu warmen Herzen möchte ich reden, denn wenn diese zwei Dinge sich verbinden werden, der Wille zur wahren Wissenschaft mit der Kraft wackerer Herzen, dann, meine lieben Kommilitonen, dann werden wir vorwärtskommen. Darf man zum Menschen aus solchen Untergründen heraus sprechen, dann darf man noch Hoffnung haben für eine gedeihliche Entwicklung in der nächsten menschlichen Zukunft, gerade auch innerhalb unseres so viel geprüften und daher vielleicht ganz besonders zu einer Entfaltung des geistigen Lebens aufgerufenen deutschen Volkes.
[ 38 ] I was able to say very little in these few lectures; may this little be further developed by our local colleagues in the university courses. And may this little be judged more by its intended purpose than by what it was able to become in these four lectures. But I hope to have touched the hearts of today’s fellow students; I hope to have spoken to their hearts. I do not wish to speak merely—though certainly in the fullest sense—from a scholarly spirit, but rather to warm hearts; for when these two things come together—the will for true scholarship with the strength of courageous hearts—then, my dear fellow students, then we will make progress. If one may speak to people from such foundations, then one may still have hope for a flourishing development in the near human future—especially within our German people, who have been so sorely tested and are therefore perhaps called upon in a very special way to unfold their spiritual life.
Fragenbeantwortung
Question and Answer
Frage: Versteht Herr Dr. Steiner bei Imaginationen unter «Reminiszenzen» dasselbe, was man unter Ideenassoziationen versteht?
Question: When Dr. Steiner refers to “reminiscences” in the context of imagination, does he mean the same thing as what is generally understood by “associations of ideas”?
[ 39 ] Rudolf Steiner: Wenn Sie das verfolgen, was ich auseinandergesetzt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», so werden Sie finden, daß die größten Anstrengungen gefordert werden von demjenigen, der zum imaginativen Leben vorschreiten will, gerade in der Richtung alles zu bekämpfen, was Reminiszenzen, was bloße Ideenassoziationen sind, überhaupt alles zu bekämpfen, was heraufgeholt wird aus dem gewöhnlichen unbewußten oder unterbewußten Seelenleben. In dieser Beziehung kann man sagen, daß man ja in der heutigen wissenschaftlichen Literatur schon manches gut verzeichnet findet. Ich habe selbst einiges aus eigener Beobachtung hervorgehoben in dem genannten Buche. Ich will nur aus einer bekannten Schrift, die in der Wiesbadener Sammlung erschienen ist, ein Beispiel hervorheben, wie solche Reminiszenzen eigentlich wirken, wie schwer es ist, auf sie aufmerksam zu sein, und wie notwendig es ist, auf sie zu achten.
[ 39 ] Rudolf Steiner: If you follow what I have explained in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, you will find that the greatest effort is required of anyone who wishes to advance to the imaginative life—precisely in the direction of combating everything that is mere reminiscence or a mere association of ideas, indeed, combating everything that is drawn up from the ordinary unconscious or subconscious life of the soul. In this regard, it can be said that much has already been well documented in today’s scientific literature. I myself have highlighted some points based on my own observations in the aforementioned book. I would like to cite just one example from a well-known work published in the Wiesbaden Collection to illustrate how such reminiscences actually work, how difficult it is to be aware of them, and how necessary it is to pay attention to them.
[ 40 ] Da geht ein Gelehrter — der die Sache selber schildert — vorbei an einem Buchladen, gewiß das Entzükken manches Gelehrten. Und er findet — er ist Zoologe — eine Schrift über die niederen Tiere, also irgend etwas, was ganz gewiß zu seinem unmittelbaren gegenwärtigen Leben in enger Beziehung steht. Es überrascht ihn selbst, daß er plötzlich bei dem ernstesten Titel anfangen muß zu lachen. Er lacht — man denke, ein Zoologe, ein gelehrter Mann, der bei einem gelehrten Titel lacht. Er kommt sich selbst ganz komisch vor. Und er sucht, hinter die Sache zu kommen, warum er so lachen muß. Er macht die Augen zu; das hilft, denn jetzt hört er ganz in der Ferne einen Leierkasten, der gerade eine Melodie spielt, bei der er in seiner Jugend getanzt hat. Dazumal hat er allerdings an anderes gedacht, was er längst vergessen hat, was längst in die tiefsten Untergründe des Seelischen heruntergezogen ist, aber jetzt ist es heraufgestiegen und hat ihn beim Anblick des ernsten Titels veranlaßt zu lachen. Also etwas, was jahrzehntelang im Seelenleben war, tritt als Reminiszenz wiederum auf.
[ 40 ] A scholar—who describes the incident himself—is walking past a bookstore, surely a delight to many scholars. And he finds—he is a zoologist—a treatise on lower animals, that is, something that is most certainly closely related to his immediate, present life. It surprises even him that he suddenly has to start laughing at the very sight of such a serious title. He laughs—just imagine, a zoologist, a learned man, laughing at a scholarly title. He feels quite ridiculous. And he tries to figure out why he has to laugh like that. He closes his eyes; that helps, because now he hears, far off in the distance, a barrel organ playing a melody to which he used to dance in his youth. Back then, of course, he had other things on his mind—things he has long since forgotten, things that have long since sunk into the deepest recesses of his soul—but now they have resurfaced and caused him to laugh at the sight of the serious title. So something that had been part of his inner life for decades reemerges as a reminiscence.
[ 41 ] An solche Dinge muß man denken, wenn man betont, daß zum Heranbilden des imaginativen Lebens überschaubare Vorstellungen führen müssen, und zwar solche überschaubare Vorstellungen, die man in all ihren Teilen unmittelbar im Bewußtsein präsent machen kann. Denn erst dann, wenn man in sich die Fähigkeit ausbildet, mit der Art von Denken, das man sonst nur in überschaubaren mathematischen, geometrischen Begriffen ausbildet, solche überschaubaren Vorstellungen ins Bewußtsein zu stellen, und wenn man den Willen hat, mit diesen Vorstellungen innerlich zu hantieren, erst dann bringt man es allmählich dazu, wirklich eine Praxis zu haben in der Abweisung alles Reminiszenzlebens, aller Ideenassoziationen und alles Lebens in irgendwelchen unterbewußten Seeleninhalten. Dieses Überwinden von Reminiszenzen und dergleichen, das muß ja allerdings erst erworben werden. Und erst dann, wenn man in gewissenhafter Übung dieses überwunden hat, was Reminiszenzen und dergleichen sind, dann ist man eigentlich fähig, dasjenige auszubilden, was imaginatives Leben ist, und dieses imaginative Leben erweist sich durch seine eigene Qualität ja durchaus als in einer solchen Beziehung zur Realität stehend, wie ich es im ersten Vortrag charakterisiert habe.
[ 41 ] One must keep such things in mind when emphasizing that the development of an imaginative life must be guided by comprehensible concepts—specifically, those comprehensible concepts that can be made immediately present in consciousness in all their parts. For only when one develops within oneself the ability to bring such comprehensible images into consciousness—using the kind of thinking that is otherwise cultivated only in comprehensible mathematical and geometric concepts—and when one has the will to work with these images inwardly, only then does one gradually succeed in truly practicing the rejection of all reminiscence, all associations of ideas, and all activity in any subconscious contents of the soul. This overcoming of reminiscences and the like must, of course, first be acquired. And only then, once one has overcome—through conscientious practice—what reminiscences and the like are, is one actually capable of developing what imaginative life is; and this imaginative life, by its very nature, proves to stand in such a relationship to reality as I characterized it in the first lecture.
[ 42 ] Auch da wird einem vielfach eingewendet — die Einwände sind ja manchmal geradezu typisch —: Ja, so etwas kann ja dann doch bloß eine Autosuggestion oder so etwas sein, deren Ursprünge man nicht ahnt. — Ja, sehen Sie, auch im äußeren Leben kann man sich ja Illusionen hingeben, Täuschungen hingeben, und nur der Lebenszusammenhang macht es, das ganze Leben als solches macht es, daß man ein Urteil über das Wirkliche gewinnt. So muß man sich auch heranbilden zu einem sicheren Urteil in dem, was einem als imaginatives Leben auftritt. Und wenn eingewendet wird, ob es denn mit den Imaginationen nicht auch so sein könnte, wie es bei manchen Leuten ist, denen das Wasser im Munde zusammenrinnt, wenn sie nur an Limonade denken oder davon hören, sagt man, es sei doch nicht die Wirklichkeit, trotzdem das subjektive Erlebnis des Limonadegeschmackes da ist. Gewiß, dieses subjektive Erlebnis haben sie. Wenn man die Objektivität nur nach diesem subjektiven Inhalt beurteilt, ist man natürlich noch nicht so weit, aus dem Inhalt der Imagination dasjenige zu entnehmen, was sie objektiv darstellt, objektiv geistig darstellt. Aber man muß doch sagen: Wenn man so etwas wie eine Autosuggestion in das volle, wirkliche Leben hineinstellt, nicht bei einem herausgeschnittenen Stück bleibt, dann ergibt sich schon die Beziehung zur Realität. Denn man kann schon annehmen, daß die Leute einen intensiven Limonadegeschmack bekommen, wenn sie an Limonade denken, aber ich glaube nicht, daß schon jemand wirklich seinen Durst gelöscht hat mit der vorgestellten Limonade. Wenn man also von einem Stück Wirklichkeit zur totalen Wirklichkeit vorschreitet — und das muß man ebenso auf dem Gebiet der äußeren Wirklichkeit wie auf dem Gebiet der inneren geistigen Wirklichkeit —, dann hört das auf, daß man betört werden kann von bloßen Einbildungen, bloßen Autosuggestionen. Es ist auch in der letzten Zeit immer wieder gesagt worden, daß ja das, was da als geistiger Inhalt geltend gemacht wird, auf zurückgestautem Vorstellungsleben beruhe, und das, was da an zurückgestauten Vorstellungen lebendig gemacht würde, das würde hinaufgetrieben in das Bewußtsein und dadurch entstünden dann Personifikationen und so weiter — so schildert man ja, es klingt für den, der die Sache durchschaut, dilettantisch.
[ 42 ] Here, too, people often object—and these objections are sometimes downright typical—saying: “Yes, but something like that could just be autosuggestion or something similar, the origins of which one is unaware of.” — Yes, you see, even in external life one can succumb to illusions and deceptions, and it is only the context of life—life as a whole—that enables one to form a judgment about reality. In the same way, one must train oneself to form a reliable judgment regarding what presents itself as imaginative life. And if someone objects, asking whether it might not be the case with imaginations as it is with some people whose mouths water just from thinking about or hearing about lemonade—one would say that it is not reality, even though the subjective experience of the taste of lemonade is present. Certainly, they have this subjective experience. If one judges objectivity solely by this subjective content, one is naturally not yet ready to extract from the content of the imagination that which it objectively represents—that which it represents objectively and intellectually. But one must say: If one places something like autosuggestion within the full, real life—rather than remaining with an isolated fragment—then the relationship to reality already becomes apparent. For one can certainly assume that people experience an intense taste of lemonade when they think of it, but I do not believe that anyone has ever truly quenched their thirst with the imagined lemonade. So when one progresses from a fragment of reality to total reality—and this applies equally to the realm of external reality as to that of inner spiritual reality—then one ceases to be deluded by mere imaginings, mere autosuggestion. It has also been said time and again recently that what is claimed to be spiritual content is based on pent-up imaginative life, and that what is brought to life from these pent-up imaginations is driven up into consciousness, thereby giving rise to personifications and so on—that is how it is described; it sounds amateurish to anyone who sees through the matter.
[ 43 ] Ja, so etwas wie Personifikationen und dergleichen, die können bei manchem nebulosen Mystiker entstehen. Denn es gibt ja manche Mystiker, die reden von allen möglichen Seeleninhalten und meinen doch nichts anderes als Reminiszenzen. Es ist schon so, daß mancher behauptet, auf mystische Art die Unio mystica erlebt zu haben, die Verbundenheit mit irgendeinem Göttlichen im Inneren. Aber solche Erlebnisse, die man vor Jahrzehnten gehabt hat, die können als Reminiszenzen herauftreten ins Bewußtsein nicht nur in der alten Gestalt, sondern auch umgestaltet; man kann erleben, daß vor Jahrzehnten Durchgemachtes, das in die Untergründe des Unbewußtseins heruntergetaucht ist, nach Jahrzehnten in erhabener Gestalt herauftaucht. Dasjenige, was mancher Mystiker schildert als den Inhalt des von ihm in der mystischen Vereinigung Erlebten, braucht nichts anderes zu sein als eine Drehorgel, die man vor Jahrzehnten erlebt hat.
[ 43 ] Yes, things like personifications and the like can arise in some vague mystics. For there are, after all, some mystics who speak of all sorts of inner experiences and yet mean nothing other than reminiscences. It is true that some claim to have experienced, in a mystical way, the *unio mystica*—the union with some divine presence within. But such experiences, which one had decades ago, can resurface in consciousness as reminiscences, not only in their original form but also transformed; one can experience that what was lived through decades ago—which had sunk into the depths of the unconscious—resurfaces after decades in a sublime form. What some mystics describe as the content of what they experienced in mystical union need not be anything other than a barrel organ they encountered decades ago.
[ 44 ] Diese Dinge, die werden gerade alle sorgfältig vermieden im wirklich subtilen Gang der Geistesforschung, und die Methoden werden klar ausgebildet, wodurch solche Irrtümer vermieden werden können. Die Leute könnten sich auch von manchem schon dadurch überzeugen, daß die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft ja wahrhaftig nicht bloß davon erzählt, was so in den geistigen Welten ist, sondern daß sie durchaus über die Dinge der gewöhnlichen Wissenschaft so redet wie die anderen Leute auch. Kann man über die Dinge der gewöhnlichen Wissenschaft so reden wie die anderen, dann haben die Wissenschafter kein Recht, davon zu sprechen, daß das, was von der Geistesforschung außerdem noch vorgebracht wird, bloß phantasiert sei oder aus zurückgestautem Vorstellungsleben heraufkomme.
[ 44 ] These things are all carefully avoided in the truly subtle process of spiritual research, and the methods are clearly defined so that such errors can be avoided. People could also be convinced of this by the fact that the anthroposophical spiritual science referred to here does not merely describe what exists in the spiritual worlds, but rather speaks about the subjects of ordinary science in exactly the same way as other people do. If one can speak about the subjects of ordinary science just as others do, then scientists have no right to claim that what is further presented by spiritual research is merely a figment of the imagination or stems from a repressed imaginative life.
[ 45 ] Außerdem liegt noch das vor, daß mit Bezug auf die sogenannte innere Anschauung gar nicht das herauskommt beim wirklich geistigen Anschauen, was die nebulosen Mystiker glauben. Die nebulosen Mystiker, die reden von allerlei inneren Erlebnissen. Die innere Anschauung, die wird gerade bei der wahren Geistesschau, wenn man hinunterdringt durch das gewöhnliche Seelenleben, immer mehr und mehr von dem eigenen materiellen, körperlichen Inneren erfüllt. Man lernt wirklich durch innere Anschauung Anatomie und Physiologie und schwätzt nicht über irgendwelche mystischen Geheimnisse. Das wirkliche Geistesleben lernt man dadurch erkennen, daß man die Welt anschaut, mit der Welt mitlebt — nicht durch eine falsche, nach innen gewendete Askese oder durch faules Zurückziehen in ein weltfremdes Leben, sondern gerade durch ein Versenken in das wirkliche Leben und damit auch durch eine solche Selbstschau, die im Inneren des Menschen gerade dasjenige erlebt, was der nebulose Mystiker nicht sucht.
[ 45 ] Furthermore, with regard to so-called “inner contemplation,” what actually emerges from true spiritual contemplation is not at all what the vague mystics believe. These vague mystics talk about all sorts of inner experiences. But in true spiritual vision—as one penetrates through ordinary soul life—inner contemplation becomes increasingly filled with one’s own material, physical inner being. Through inner contemplation, one truly learns anatomy and physiology, rather than prattling on about some mystical secrets. One learns to recognize true spiritual life by observing the world and living in harmony with it—not through a false, inward-turned asceticism or through a lazy retreat into a life detached from the world, but precisely through immersion in real life and, with that, through a form of self-contemplation that experiences within the human being precisely what the vague mystic does not seek.
[ 46 ] So gipfelt dieses imaginative Leben, das hier gemeint ist, nicht in weltfremder Mystik, nicht in einem Wolkenkuckucksheim, nicht in einem Geiste, der dadurch angestrebt wird, daß man sagt: Die äußere Wirklichkeit ist so schlimm, daß man sich von ihr zurückziehen muß, die wahre Wirklichkeit ist im Jenseits.
[ 46 ] Thus, this imaginative life—which is what is meant here—does not culminate in otherworldly mysticism, nor in a fantasy world, nor in a state of mind sought by saying: “External reality is so terrible that one must withdraw from it; true reality lies in the hereafter.”
[ 47 ] Eine wahre Geistigkeit wird so geschaut, daß sie mit dem Willen verbunden ist, in das Leben unterzutauchen. Sie ist daher nicht lebensfremd, sondern lebensfreundlich. Aus diesem ganzen Lebenszusammenhang bitte ich das zu beurteilen, was hier als anthroposophische Geisteswissenschaft gemeint ist.
[ 47 ] True spirituality is understood as being connected to the will to immerse oneself in life. It is therefore not alien to life, but rather life-affirming. I ask that you judge what is meant here by “anthroposophical spiritual science” within the context of this entire view of life.
Frage: Welches ist der Unterschied zwischen Monokotyledonen und Dikotyledonen?
Question: What is the difference between monocots and dicots?
[ 48 ] Rudolf Steiner: Die Frage nach dem Unterschied der Monokotyledonen und Dikotyledonen, die ist in Kürze nicht zu beantworten. Ich möchte nur folgendes sagen: Ich vermeide es in der Regel, herausgerissene Fragen einfach so zu beantworten, aus dem Grunde, weil man gerade dadurch die Meinung erweckt, daß die Geisteswissenschaft nur so aus dem Blauen heraus urteilt, während doch alles in entsprechender Weise aufgebaut ist und aus seinen Elementen heraus verfolgt wird. Ich möchte darüber nur sagen: Für die geisteswissenschaftliche Untersuchung ist es auch nötig, ein anderes Pflanzensystem als wirklichkeitsgemäß aufzustellen als dasjenige, was wir heute vielfach aufgestellt finden. Sie haben ja schon gesehen: Als ich gestern vom Menschen sprach, mußte ich darauf hinweisen, daß der Mensch nicht in einer solchen Weise angesehen werden kann, daß man einfach den ganzen Menschen nimmt und dann irgendwelche phylogenetischen Forschungen anstellt, wie sie heute angestellt werden, sondern man muß von der Hauptesorganisation ausgehen und diese zurückverfolgen und da an eine völlige Umwandlung tierischer Formen denken, währenddem man bei der Gliedmaßenorganisation eben an Späteres denken muß. Und ich habe gestern auch zuerst den Gegensatz des Rückenmarks und des Gehirns in morphologischer Beziehung auseinandergesetzt, um zu zeigen, daß man nicht in der Entwicklungsgeschichte so vorgehen kann, wie das gewöhnlich geschieht.
[ 48 ] Rudolf Steiner: The question of the difference between monocotyledons and dicotyledons cannot be answered briefly. I would just like to say the following: I generally avoid answering isolated questions in this way, for the reason that doing so gives the impression that spiritual science makes judgments out of thin air, whereas in fact everything is structured in an appropriate manner and traced back to its constituent elements. I would simply like to say this: For spiritual scientific investigation, it is also necessary to establish a system of plant classification that more accurately reflects reality than the one we commonly find today. As you have already seen: When I spoke about the human being yesterday, I had to point out that the human being cannot be viewed in such a way that one simply takes the whole human being and then conducts phylogenetic research as it is conducted today; rather, one must start with the organization of the head, trace it back, and conceive of a complete transformation of animal forms, whereas, when it comes to the organization of the limbs, one must think of a later stage. And yesterday I also first discussed the contrast between the spinal cord and the brain in morphological terms, to show that one cannot proceed in the history of development as is usually done.
[ 49 ] So handelt es sich auch in der Botanik darum, daß man ausgeht von Pflanzenstadien, die heute mehr in der Mitte des Systems liegen. Und man wird auf der einen Seite diese Pflanzenstadien anschauen, die da stehen, wo sich spalten Monokotyledonen und Dikotyledonen, und man wird heruntergehen über die Monokotyledonen bis zu den niedersten Pflanzen, den Pilzen, Algen und so weiter, und man wird auf der anderen Seite hinaufgehen zu den voll entwickelten Pflanzen und so weiter; man wird dadurch ein Pflanzensystem bekommen, das nun wirklich auch einschließt in die morphologische Betrachtung das Verständnis, warum die Pflanzen das eine Organ nach unten, das andere nach oben entwickeln. Man wird im allgemeinen darauf kommen, wie zwei polarische Kräfte auf die Pflanzen wirken, aber auf die Pflanzen der verschiedenen Stufen in anderer Weise. Und da wird man sehen, daß eine gewisse Kraft, welche man etwa in ihrer Richtung als parallelgehend dem Erdradius ansehen muß, zusammenwirkt mit einer anderen Kraft, die schon vielfach in früheren Zeiten geahnt worden ist. Sie brauchen sich nur an jene älteren Spekulationen zu erinnern, die im Anfang des 19. Jahrhunderts zum Beispiel Sprengel und ähnliche gemacht haben über die Spiraltendenz. Aber diese Ausführungen sind unvollkommen, sie sind vielfach Spekulationen, und man wird das, was man da als Morphologie ausgebildet hat, anders ausbilden müssen. Wenn man auf diese Weise vorgeht, dann wird man erkennen, warum das eine Organ so, das andere anders gerichtet ist. Es sind durchaus innerhalb unserer geistigen Mitarbeiterschaft Bestrebungen im Gange, gerade ein Pflanzensystem herauszufinden, in dem schon die Anlagen zur Erklärung der einzelnen morphologischen Erscheinungen enthalten sein werden. Dann wird man aus einer naturgemäßen Anordnung solche Fragen im Zusammenhang leichter beantworten können, als wenn man heute mehr aphoristisch auf sie hinweisen muß.
[ 49 ] In botany, too, the approach is to start with plant stages that today lie more toward the center of the system. On the one hand, we will examine these plant stages that mark the point where monocotyledons and dicotyledons diverge, and we will move down through the monocotyledons to the lowest forms of plant life—fungi, algae, and so on—and on the other hand, we will move up to the fully developed plants and so on; this will result in a plant system that truly incorporates into the morphological analysis an understanding of why plants develop one organ downward and another upward. One will generally come to realize how two polar forces act upon plants, but in different ways on plants at various stages. And there one will see that a certain force—which, in terms of its direction, must be regarded as running parallel to the Earth’s radius—interacts with another force that has long been intuited in earlier times. One need only recall those older speculations made in the early 19th century, for example by Sprengel and others, regarding the spiral tendency. But these explanations are incomplete; they are largely speculative, and what has been developed there as morphology will have to be reworked. If one proceeds in this way, one will recognize why one organ is oriented one way and another differently. There are indeed efforts underway within our intellectual community to develop a system of plant classification that will already contain the foundations for explaining the individual morphological phenomena. Then, based on a natural arrangement, it will be easier to answer such questions in context than it is today, when one must refer to them in a more aphoristic manner.
Frage: Welcher Zusammenhang ist zwischen den Schlinggewächsen und den auf sie einwirkenden Himmelskörpern?
Question: What is the connection between the lianas and the celestial bodies that affect them?
[ 50 ] Rudolf Steiner: Es ist unmöglich, auf solche Fragen, die notwendig machen, die besondere Natur der Einwirkung der Himmelskörper auf die Pflanzen zu erklären, jetzt in einer aphoristischen Weise Antwort zu geben. Denn man setzt sich dann eben dem Vorwurf des Dilettantismus aus, wenn man irgendwie spricht über die Einwirkung der Himmelskörper, ohne daß man gesagt hat, in welchem Sinn das genommen wird. Es ist durchaus notwendig, daß anthroposophische Geisteswissenschaft als eine wirkliche Methode genommen wird. Ebensowenig wie man irgend etwas erklären kann im Wissenschaftlichen, ohne daß man eingeht auf den ganzen Umfang einer Sache — wie man zum Beispiel nicht von jemand verlangt, der anfängt Chemie zu erklären, daß er mit den allerkompliziertesten Dingen anfängt —, ebensowenig kann das in Anlehnung an solche Vortragsversuche geschehen, wie sie hier angestellt worden sind, und ebensowenig können solche Fragen beantwortet werden. Und man könnte eigentlich fast glauben, daß gerade solche Fragen in Anlehnung an diese Vorträge gestellt werden aus gewissen mystischen Neigungen heraus, denen man im Grunde nicht entgegenkommen sollte. Sie werden mich verstehen: Es handelt sich durchaus darum, die hier gemeinte Geisteswissenschaft vor dem Vorwurf des Dilettantismus zu schützen. Und wenn solche Fragen beantwortet werden, ohne in den Zusammenhang hineingestellt zu sein — sie können natürlich beantwortet werden —, dann entsteht eben der Vorwurf des Dilettantismus.
[ 50 ] Rudolf Steiner: It is impossible to provide an aphoristic answer at this time to such questions, which necessitate an explanation of the specific nature of the celestial bodies’ influence on plants. For one exposes oneself to the accusation of dilettantism if one speaks in any way about the influence of the celestial bodies without first specifying the context in which this is to be understood. It is absolutely necessary that anthroposophical spiritual science be taken as a genuine method. Just as one cannot explain anything in the scientific realm without addressing the full scope of a subject—just as, for example, one does not expect someone who is beginning to explain chemistry to start with the most complicated topics— nor can this be done on the basis of such lecture attempts as have been made here, nor can such questions be answered. And one might actually almost believe that precisely such questions are posed in connection with these lectures out of certain mystical inclinations that, fundamentally, should not be accommodated. You will understand me: It is indeed a matter of protecting the spiritual science referred to here from the accusation of dilettantism. And if such questions are answered without being placed in context—they can, of course, be answered—then the accusation of dilettantism inevitably arises.
[ 51 ] Diese Fragen sind schon nicht so gestellt, daß man bei der Beantwortung dieselben Worte gebrauchen kann; sie sind dilettantisch gestellt. Deshalb ist es mir nicht möglich, in dieser Weise über sie zu sprechen. Ich vermute, daß diese Fragen sich an etwas anlehnen, was anderswo gehört worden ist, denn sie stehen nicht im geringsten Zusammenhang mit dem, was hier vorgebracht worden ist über die einzelnen Proben der Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften. Sie müssen mich verstehen, daß es nicht möglich ist, diese Fragen zu beantworten, ohne die Grundelemente derselben auseinandergesetzt zu haben. Es ist schon so: Wenn man solche Fragen beantwortet haben will, dann ist das — ich kann es nicht anders nennen — dilettantisch. Man darf mir das nicht übelnehmen, aber ich habe die Aufgabe, die Wissenschaftlichkeit dieser Geisteswissenschaft durchaus auch durch die Haltung ins rechte Licht zu stellen. Daher werde ich mich auch in Zukunft nicht dazu verleiten lassen, durch diejenigen, die gerne Anhänger sein möchten, aber nicht eingehen wollen auf die Sache, diese Geisteswissenschaft dem Vorwurf des Dilettantismus auszusetzen, indem über alles mögliche geredet wird. Das ist der Charakter von Scharlatanbewegungen, daß über alles mögliche geredet wird. Geisteswissenschaft will auch in ihrer Haltung durchaus wissenschaftlich sein.
[ 51 ] These questions are not even phrased in such a way that one can use the same words when answering them; they are posed in an amateurish manner. Therefore, it is not possible for me to speak about them in this way. I suspect that these questions are based on something heard elsewhere, for they bear no connection whatsoever to what has been presented here regarding the various examples of the relationship between spiritual science and the individual academic disciplines. You must understand that it is not possible to answer these questions without first having analyzed their fundamental elements. The fact is: if one wants such questions answered, then that is—I can’t call it anything else—amateurish. Please do not hold this against me, but I have a duty to present the scientific nature of this spiritual science in its proper light, including through my stance. Therefore, I will not allow myself to be led, even in the future, by those who would like to be followers but are unwilling to engage with the subject matter, to expose this spiritual science to the accusation of dilettantism by discussing all sorts of things. That is the hallmark of charlatan movements: that they discuss all sorts of things. Spiritual science also aims to be thoroughly scientific in its approach.
Frage: Wie kommt die Bewegung des Muskels zustande, da doch der motorische Nerv den Willensimpuls nicht auf den Muskel überträgt? Hat man da einen Zusammenhang mit dem Stoffwechselsystem zu sehen?
Question: How does muscle movement occur, given that the motor nerve does not transmit the voluntary impulse to the muscle? Is there a connection to the metabolic system?
[ 52 ] Rudolf Steiner: Über diese Frage hätte ich gerne, wenn es gegangen wäre, den fünften Vortrag gehalten, denn es ist eine Frage, die in unmittelbarem Anschluß an das steht, was ich in diesen vier Vorträgen auseinandergesetzt habe, nur muß diese Frage in der folgenden Weise behandelt werden:
[ 52 ] Rudolf Steiner: If it had been possible, I would have liked to have given the fifth lecture on this question, for it is a question that follows directly from what I have discussed in these four lectures; however, this question must be addressed in the following manner:
[ 53 ] Da ist angeführt worden, mehr oder weniger bloß richtunggebend, der Unterschied zwischen den sensitiven und den motorischen Nerven. Es ist betont worden, daß die sogenannten motorischen Nerven auch sensitive Nerven sind, nur ist ihre Aufgabe — das kann man sogar schon aus ihrem anatomischen Bau sehen —, nach innen zu empfinden, also dasjenige zu empfinden, was zum Beispiel einem Bewegungsvorgang zugrundeliegt, nicht diesen Bewegungsvorgang selber zu impulsieren, sondern dasjenige zu empfinden, was ihm zugrundeliegt, was da geschieht im Stoffwechsel — der gehört ja immer zu einem Bewegungsvorgang dazu. Wenn man diese ganze Forschung über das Nervensystem verfolgt und dafür das Bild der drahtlosen Telegraphie heranziehen will, dann ist das nicht im Sinne der Geisteswissenschaft, das überläßt man anderen. Nicht wahr, in der Zeit, in der die Telegraphie heraufgekommen ist, hat man allerlei Vergleiche auch vom Telegraphenwesen hergenommen, um die zentripetalen und zentrifugalen Nerven zu vergleichen mit Telegraphen-Zuleitungen und -Wegleitungen und so weiter. Solche Vergleiche wendet Geisteswissenschaft nicht an. Sie will durchaus auf die Sache selbst eingehen und nicht mit Analogien spielen.
[ 53 ] The difference between sensory and motor nerves has been mentioned here, more or less merely as a general guideline. It has been emphasized that the so-called motor nerves are also sensory nerves; however, their function—as can even be seen from their anatomical structure—is to perceive inwardly—that is, to perceive what, for example, underlies a motor process—not to initiate that motor process itself, but to perceive what underlies it, what is happening in the metabolism—which is, after all, always part of a motor process. If one follows all this research on the nervous system and wants to draw on the image of wireless telegraphy for it, then that is not in the spirit of spiritual science; one leaves that to others. Isn’t it true that, back when telegraphy first emerged, all sorts of comparisons were drawn from the field of telegraphy to liken the centripetal and centrifugal nerves to telegraph input and output lines and so on? Spiritual science does not employ such comparisons. It seeks to address the matter itself and not to play with analogies.
[ 54 ] Es handelt sich um folgendes: Immer wenn vorliegt ein Nervenweg, der sich empirisch ausnimmt als Zuleitung, sagen wir zum Rückenmark oder Gehirn und seine Fortsetzung findet im sogenannten motorischen Nerv, handelt es sich dabei immer darum — nehmen wir an zum Beispiel eine Reflexbewegung —, nach außen und nach innen zu empfinden; was der Nerv vermittelt, ist lediglich Empfindung, nur entweder von außen oder aus dem eigenen Leibesinneren. Und der Übergang, der gewöhnlich angesehen wird als Endpunkt der Zuleitung und [Anfangspunkt] der Impulsation, das ist lediglich dasjenige, was ich — und zwar nicht, indem ich ein Beispiel vom Telegraphenwesen her nehme — eine Umschaltung nennen möchte, wobei der ganze Vorgang innerlich seelisch erlebt wird. Da spricht man dann von etwas sehr Realem, wenn man sagt: Da springt etwas über, so wie etwa der elektrische Funke überspringt, wenn ich einen Telegraphendraht durchschneide. — Das ist dann der Vorgang, der sich abspielt in den sogenannten zentralen Nervenorganen.
[ 54 ] The point is this: Whenever there is a nerve pathway that empirically functions as an afferent—say, to the spinal cord or brain—and continues as the so-called motor nerve, the process always involves—let us take a reflex movement as an example—perceiving both external and internal stimuli; what the nerve conveys is merely sensation, either from the outside or from within one’s own body. And the transition—which is usually regarded as the endpoint of the afferent pathway and the [starting point] of the impulse—is simply what I would like to call—and not by drawing an analogy from telegraphy—a “switch,” whereby the entire process is experienced internally and psychologically. One then speaks of something very real when one says: Something jumps across, just as an electric spark jumps across when I cut a telegraph wire. — This is the process that takes place in the so-called central nervous organs.
[ 55 ] Faßt man das zusammen, was sich da über die Natur des Nervensystems ermitteln läßt, dann wird das die Grundlage, um eben weiter nachzuforschen, wie es nun mit den Willensimpulsen steht. Das ist ja eine bloß hypothetische Theorie, daß das, was wir «Wille» nennen, in irgendeiner Weise repräsentiert wird durch den motorischen Nerv, der auch noch ein Sinnesnerv ist. Vielmehr wird man nun dazu geführt, gerade dadurch, daß man real die Phänomene versteht, das Verhältnis des Willen zu suchen zu ganz anderen Organen, als die Nerven sind. Dadurch aber kommt man dazu, gerade dasjenige zu studieren, was so vielfach angefeindet wird — die höheren Glieder der Menschennatur; man kommt dazu, zu sehen, wie der Wille durchaus nicht verstanden werden kann, wenn man ihn in demselben Verhältnis zur Materialität nimmt, wie man zum Beispiel die Vorstellungen im Verhältnis zur Materialität nimmt. Man lernt in der Betrachtung des Willens dann etwas kennen, was im wesentlichen geistig angeschaut werden muß, während das Vorstellungsleben wirklich im materiellen Zusammenhang darinnensteht. Während für die Vorstellungsstrukturen durchaus parallelgehend die Gehirnstrukturen aufgewiesen werden können, kann man das für das Willensleben nicht in derselben Weise. Man muß allerdings, wenn man die materiellen Korrelate finden will, Stoffwechselvorgänge suchen, aber man wird zu ganz anderen Erkenntnissen geführt, die dann hinaufleiten zu geistiger Anschauung. So ungefähr kann hier die Antwort auf die Frage gefaßt werden.
[ 55 ] If we summarize what can be ascertained here about the nature of the nervous system, this will serve as the basis for further investigation into the nature of volitional impulses. After all, it is merely a hypothetical theory that what we call “will” is represented in any way by the motor nerve, which is also a sensory nerve. Rather, it is precisely through a genuine understanding of the phenomena that one is led to seek the relationship of the will to organs entirely different from the nerves. This, however, leads one to study precisely what is so often opposed—the higher aspects of human nature; one comes to see how the will cannot be understood at all if one regards it in the same relationship to materiality as, for example, one regards ideas in relation to materiality. In contemplating the will, one then comes to know something that must essentially be viewed spiritually, whereas the life of imagination is truly embedded within a material context. While brain structures can certainly be shown to correspond in a parallel manner to the structures of imagination, this is not possible in the same way for the life of the will. Admittedly, if one wishes to find material correlates, one must look for metabolic processes; however, this leads to entirely different insights, which in turn lead upward toward spiritual contemplation. This is roughly how the answer to the question can be summarized here.
[ 56 ] Es schockiert ja etwas, wenn man gerade das Vorstellungsleben, das seit der scholastischen Philosophie als das Geistige im Menschen angesehen wird, so ansehen muß, daß es in seiner Struktur am nächsten steht dem materiellen Leibesleben — obwohl es sich nur darauf stützt, wie ich es in diesen Vorträgen angeführt habe. Aber es ist eben so. Dagegen wird man in eine wesentlich geistigere Region geführt, wenn man das Gefühlsleben mit seinen Strukturen betrachtet. Da hängt alles so innig zusammen mit dem rhythmischen Leben der Leiblichkeit. Und dann wird man in die Region des Stoffwechsels geführt, wenn es sich um den Willen handelt; aber in Wahrheit handelt es sich um eine Beherrschung des Stoffes durch geistige Kräfte, die man in unmittelbarer Anschauung vor sich hat, wenn man sich so hinauferhebt zu dem, was der Wille ist — ungetäuscht durch die motorischen Nerven. Man sieht, wie der Wille nicht in so differenzierter Weise eingreift in die materielle Welt wie das Vorstellungsleben.
[ 56 ] It is indeed somewhat shocking to have to view the life of the imagination—which, since the days of Scholastic philosophy, has been regarded as the spiritual aspect of the human being—as being, in its structure, closest to the material life of the body—even though it is based solely on that, as I have pointed out in these lectures. But that is simply how it is. In contrast, one is led into a far more spiritual realm when one considers the life of feeling with its structures. There, everything is so intimately connected with the rhythmic life of the physical body. And then one is led into the realm of metabolism when it comes to the will; but in truth, it involves the mastery of matter by spiritual forces, which one has before one in direct perception when one rises up in this way to what the will is—unclouded by the motor nerves. One sees how the will does not intervene in the material world in such a differentiated way as the life of imagination does.
[ 57 ] Ich erinnere mich an eine Diskussion, die sich anschloß an den Vortrag eines richtigen, handfesten Materialisten. Er hatte das ganze Vorstellungsleben aus dem Gehirn heraus erklärt, so daß zuletzt nichts übrigblieb vom Vorstellungsleben, denn er hatte eigentlich nur Gehirnvorgänge geschildert, diese aber sehr gut geschildert, und dann auch auf die Tafel Figuren gezeichnet, die sich nun wiederum der Vorsitzende, der ein handfester Herbartianer war, angeschaut hat. Dieser sagte nun, er sei kein solcher Materialist wie der Vortragende, aber wenn er nun aus seiner Herbartschen Lehre heraus die Vorstellungsverküpfungen und Vorstellungsverdrängungen aufzeichnen würde, so würden die Figuren geradeso werden wie bei dem materialistischen Vortragenden. Also wenn ein ganz entschiedener Gegner des Materialismus die Vorstellungsstrukturen zeichnet, dann kommen dieselben Figuren heraus wie bei dem Materialisten, der eben nur dasjenige aufzeichnet, was er aus Meynert gelernt hat über Nervenphasen, Nervenzentren und so weiter.
[ 57 ] I remember a discussion that followed a lecture by a true, staunch materialist. He had explained the entire life of the imagination in terms of the brain, so that in the end nothing remained of the life of the imagination, for he had actually described nothing but brain processes—though he had described them very well—and had then also drawn figures on the blackboard, which the chair, who was a staunch Herbartian, proceeded to examine. The chairman then said that he was not a materialist like the speaker, but if he were to map out the connections and repressions of ideas based on Herbart’s teachings, the diagrams would turn out exactly the same as those of the materialist speaker. So when a staunch opponent of materialism draws the structures of representation, the same figures emerge as those of the materialist, who merely records what he has learned from Meynert about nerve phases, nerve centers, and so on.
[ 58 ] Daraus aber kann man anschaulich ersehen, wie ähnlich wird dasjenige, was man im Herbartschen Sinne als Phänomene und Verbindung der Phänomene verfolgen kann im reinen Vorstellungsleben, und dasjenige, was dann jemand auf die Tafel zeichnet, der davon absieht und das Gehirn beschreibt mit Meynertschen oder ähnlichen Hypothesen. Das können Sie mit dem Gefühlsleben nicht so machen, am wenigsten aber mit dem Willensleben. Da müssen Sie zu Dingen gehen, die anschaulich gemacht werden, aber geistig anschaulich gemacht werden, aber nicht so, wie das, was man eben in unmittelbarer Verknüpfung mit dem materiellen Leben aufzeichnen kann.
[ 58 ] From this, however, one can clearly see how similar that which can be traced in the Herbartian sense as phenomena and the connection of phenomena in pure mental life is to that which someone then draws on the blackboard, disregarding this and describing the brain with Meynertian or similar hypotheses. You cannot do this with the life of feeling, and least of all with the life of the will. There you must turn to things that are made vivid—but made vivid mentally—not in the same way as what can be recorded in direct connection with material life.
Frage: Warum muß man nach anthroposophischer Einstellung beim Einstein-Problem plötzlich mit umgekehrten Vorzeichen arbeiten, da, wo man vom Ponderablen zum Äther übergeht?
Question: According to the anthroposophical perspective, why must one suddenly work with reversed signs in the Einstein problem when transitioning from the ponderable to the ether?
[ 59 ] Rudolf Steiner: Das ist natürlich ganz ohne anthroposophische Einstellung zu machen, indem man einfach die Dinge so macht wie auf zahlreichen anderen Gebieten der Wissenschaft auch: Man studiert die Phänomene. Ich habe gezeigt in einem Kursus, den ich vor einigen Monaten vor einer kleineren Anzahl von Zuhörern hier gehalten habe, wie man unbefangen die Phänomene der sogenannten Wärmelehre betrachtet. Dabei handelt es sich darum, daß man dasjenige, was sich für die Phänomene darbietet, versucht in mathematischen Formeln auszudrücken. Es ist ja das Eigentümliche mit einem solchen Ausdrücken in mathematischen Formeln, daß es nur dann richtig ist, wenn es dem Vorgang, den man dann beobachten kann, entspricht, wenn gewissermaßen dasjenige, was sich aus der mathematischen Formel heraus ergibt, in der Wirklichkeit auch zutrifft, wenn es verifiziert werden kann durch die Wirklichkeit. Sie können, wenn Sie in einem abgeschlossenen Raum erwärmtes, unter Druck stehendes Gas haben und die Phänomene, die da entstehen, begreifen wollen, Sie können, wenn auch sehr gekünstelt, die Clausiusschen und andere Formeln anwenden, aber Sie werden sehen — und das wird auch heute zugegeben —, wie die Tatsachen mit den Formeln nicht übereinstimmen. Bei der Einsteinschen Theorie ergibt sich das Merkwürdige, daß zunächst Experimente vorliegen; diese Experimente werden aufgebaut, weil man eine gewisse Theorie voraussetzt; die Experimente bestätigen diese Theorie nicht, und man baut dann eine andere Theorie auf, die nun eigentlich auf gedachten Experimenten beruht. Wenn Sie dagegen den Versuch machen, einfach die Erscheinungen der Wärme so zu behandeln, daß sie dafür in die Formeln einsetzen entsprechende positive und negative Vorzeichen, je nachdem Sie es zu tun haben mit leitender oder strahlender Wärme, dann werden Sie diese Formeln verifiziert finden durch die Wirklichkeit. Allerdings, wenn man zu anderen Imponderabilien übergeht, dann kann man nicht stehenbleiben beim bloßen Positiv- oder Negativ-Setzen, sondern dann muß man andere Verhältnisse hinzufügen. Man muß gewissermaßen sich eine Kraft vorstellen, die im Ponderablen wirkt in radialer Richtung, und dasjenige, was dem Gebiet des Ätherischen angehört, als von der Peripherie herkommend, nur in der Kreisfläche wirkend, aber doch mit negativem Vorzeichen. Und so muß man, indem man zu anderen Ponderabilien geht, die betreffende Größe anders einsetzen; dann wird man finden, daß man zu Formeln kommt, die sich durch die Erscheinungen verifizieren lassen. Das ist ein Weg, der von jedem gegangen werden kann, auch wenn er sich nicht anthroposophisch einstellt.
[ 59 ] Rudolf Steiner: Of course, this can be done entirely without an anthroposophical perspective, simply by proceeding as one does in numerous other fields of science: one studies the phenomena. In a course I gave here a few months ago to a small audience, I demonstrated how to observe the phenomena of so-called thermodynamics with an open mind. The point is to try to express what the phenomena present to us in mathematical formulas. The peculiar thing about such expressions in mathematical formulas is that they are correct only if they correspond to the process that can then be observed—that is, if what results from the mathematical formula also holds true in reality, if it can be verified by reality. If you have a heated, pressurized gas in a closed space and wish to understand the phenomena that arise there, you can—albeit in a very artificial way—apply Clausius’s and other formulas, but you will see—and this is acknowledged even today—that the facts do not agree with the formulas. With Einstein’s theory, the curious thing is that experiments are available first; these experiments are designed because a certain theory is assumed; the experiments do not confirm this theory, and one then constructs another theory, which is actually based on hypothetical experiments. If, on the other hand, you attempt to treat the phenomena of heat simply by inserting the appropriate positive and negative signs into the formulas, depending on whether you are dealing with conductive or radiant heat, then you will find these formulas verified by reality. However, when one moves on to other imponderables, one cannot simply stop at assigning positive or negative signs; rather, one must add other relationships. One must, so to speak, imagine a force acting within the ponderable in a radial direction, and that which belongs to the realm of the ethereal as coming from the periphery, acting only within the circular surface, but with a negative sign. And so, as one moves on to other ponderables, one must apply the relevant quantity differently; then one will find that one arrives at formulas that can be verified by the phenomena. This is a path that anyone can follow, even if they do not adopt an anthroposophical perspective.
[ 60 ] Aber etwas anderes möchte ich dabei betonen: Glauben Sie nicht, daß diejenigen Dinge, die ich Ihnen in diesen vier Vorträgen erzählt habe, Ihnen so erzählt worden sind, weil ich mich anthroposophisch eingestellt habe, sondern ich habe sie Ihnen erzählt, weil sie so sind. Und dasjenige, was anthroposophische Einstellung ist, das folgt nur daraus, daß man sachgemäß die Dinge übersicht; die anthroposophische Einstellung geht nicht den Dingen voran, sondern sie folgt hinterher nach. Man will unbefangen die Dinge erkennen und verstehen, und dann kann die anthroposophische Einstellung erfolgen. Es wäre schlimm bestellt um das, was ich gesagt habe, wenn man von vorurteilsvoller Einstellung ausgehen müßte. Nein, darum handelt es sich gar nicht, sondern darum handelt es sich, streng empirisch die Phänomene zu verfolgen. Die anthroposophische Einstellung muß dann das Letzte sein — wenn ich auch durchaus nicht etwas anderes behaupten möchte, als daß sie trotzdem immer das Beste sein kann.
[ 60 ] But there is something else I would like to emphasize here: Do not think that the things I have told you in these four lectures were presented to you because I have adopted an anthroposophical perspective; rather, I have told you these things because that is how they are. And what constitutes an anthroposophical perspective follows solely from viewing things objectively; the anthroposophical perspective does not precede the things themselves, but follows in their wake. One seeks to recognize and understand things impartially, and then the anthroposophical perspective can emerge. It would be a sorry state of affairs for what I have said if one had to start from a prejudiced attitude. No, that is not the point at all; rather, the point is to observe phenomena strictly empirically. The anthroposophical attitude must then be the last thing—though I certainly do not wish to claim anything other than that it can nevertheless always be the best.
Frage: Was ist zu den Werken Schleichs zu sagen?
Question: What can be said about Schleich's works?
[ 61 ] Rudolf Steiner: Ich rede über die Dinge lieber konkret als abstrakt. Ich habe vieles mit dem Professor Schleich diskutiert und dabei gefunden, daß er wirklich sehr zugänglich ist für manches, daß er über manches außerordentlich interessante Anschauungen hat. Aber er kann den Übergang zu dem Letzten doch nicht finden, weil er aus gewissen Voraussetzungen heraus — nicht aus der Voraussetzungslosigkeit, sondern aus angenommenen Voraussetzungen heraus — Theorien bildet. Am meisten trat mir das entgegen — und ich will jetzt von einem Beispiel sprechen — an einem Fall, den er mir schilderte; Professor Schleich schilderte ihn mir, bevor sein Buch erschienen ist. Es kam zu ihm einmal ein Mann, der hatte sich gestochen irgendwo an einer unschädlichen Stelle mit einer Tintenfeder, und er bildete sich ein, daß er eine Blutvergiftung habe und in der Nacht sterben müßte. Er kam zu Schleich und wollte den Arm amputiert haben. Schleich schaute sich den Arm an und sagte: Das geht doch nicht, das ist doch auch gar nicht nötig, der Stich ist unschädlich, und ich kann Ihnen den Arm nicht wegnehmen. — Der Mann wurde verrückt vor Angst, daß er sterben müsse, er wollte durchaus den Arm ab haben, Schleich schickte ihn aber weg. Der Mann ging dann zu einem anderen Arzt, der aber den Arm auch nicht amputieren wollte. Am nächsten Morgen ging Schleich, der ein großer Menschenfreund und humaner Mann ist und, wenn er etwas anfängt, die Sache nicht einfach liegen läßt, zu dem Mann. Der Mann war tatsächlich in der Nacht gestorben. Nicht eine Spur von Blutvergiftung lag vor, und Schleich diagnostizierte: Tod durch Autosuggestion. — Ja, das ist leicht zu diagnostizieren. Es handelt sich hier aber um etwas ganz anderes. Es ist schade — vielleicht ist es auch nicht möglich gewesen —, daß man bei der Autopsie die wirkliche Todesursache nicht sicher festgestellt hat. Die lag in etwas ganz anderem. Es wurde von dem Mann empfunden eine gewisse Ahnung, ein gewisses Vorgefühl, daß nicht in der Form zum Bewußtsein gekommen ist, daß man es etwa als ganz ausgesprochenes Vorgefühl hätte fassen können. Bei dem Manne äußerte sich das Entgegengehen dem Tode, das nicht verspürt wurde als irgendwelches Organgefühl, nur in einer wahnsinnigen Angst; und das Stechen mit der Feder war nicht anderes, als daß der Mann tapsig geworden war und sich stach. Und sein ganzes Gebaren war nichts anderes als eine gewisse Ahnung; er wäre gestorben — gestochen oder nicht. Das, was da vorlag, war das Vorahnen des im Leibe lebenden Todes, und das andere war nur symptomatisch. Man sollte da den Fall auch psycho-physisch genauer untersuchen und nicht einfach sagen: Tod durch Autosuggestion. — Es lag die Sache so, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe, wenigstens höchstwahrscheinlich. Das ist aber etwas, was sich Schleich nicht einreden lassen wollte; er blieb bei seiner Autosuggestion, für die nichts vorliegt und von der man nur sagen kann, daß sie eine gewagte Hypothese ist.
[ 61 ] Rudolf Steiner: I prefer to speak about things in concrete rather than abstract terms. I have discussed many things with Professor Schleich and found that he is truly very open to certain ideas and has extraordinarily interesting views on some matters. But he cannot make the transition to the ultimate, because he forms theories based on certain presuppositions—not from a state of presuppositionlessness, but from assumed presuppositions. This struck me most of all—and I’d like to give an example now—in a case he described to me; Professor Schleich described it to me before his book was published. A man once came to him who had pricked himself somewhere in a harmless spot with a fountain pen, and he imagined that he had blood poisoning and would die that very night. He went to Schleich and wanted to have his arm amputated. Schleich examined the arm and said, “That’s out of the question; it’s not necessary at all. The prick is harmless, and I can’t amputate your arm.”—The man went mad with fear that he would die; he was determined to have his arm amputated, but Schleich sent him away. The man then went to another doctor, who also refused to amputate the arm. The next morning, Schleich—who is a great humanitarian and a compassionate man, and who, once he starts something, doesn’t simply let it go—went to see the man. The man had, in fact, died during the night. There was not a trace of blood poisoning, and Schleich diagnosed: death by autosuggestion. — Yes, that’s easy to diagnose. But this case involves something entirely different. It is a pity—perhaps it was not even possible—that the autopsy did not definitively determine the true cause of death. It lay in something entirely different. The man had sensed a certain intuition, a certain premonition, which did not come to consciousness in a form that could have been grasped as a fully articulated premonition. In this man’s case, the approach of death—which was not felt as any physical sensation—manifested itself solely as a frenzied fear; and the pricking with the pen was nothing more than the man having become clumsy and pricking himself. And his entire behavior was nothing other than a certain premonition; he would have died—whether pricked or not. What was at play here was the premonition of death living within the body, and the other aspects were merely symptomatic. One should examine this case more closely from a psychophysical perspective and not simply say: death by autosuggestion. — The matter stood as I have now explained it, at least in all likelihood. But this is something Schleich refused to accept; he stuck to his theory of autosuggestion, for which there is no evidence and of which one can only say that it is a bold hypothesis.
[ 62 ] Das ist bei anderen Problemen auch der Fall. Geisteswissenschaft will durchaus überall empirisch in alles hineinforschen und nicht von Voraussetzungen ausgehen, während gerade Schleich wirklich vielfach solche Lieblingsvorstellungen hat. Er ist ein geistreicher und sehr humaner Mann, aber er kann sich nicht zur letzten Unbefangenheit und Vorurteilslosigkeit durchringen. Das ist aber, was angestrebt werden muß in der Anthroposophie, auch gegenüber solchen Dingen, die man schätzt. Und ich kann Ihnen versichern, ich schätze Schleichs Gedanken und Wirken, das ich gut kenne; aber wenn gefragt wird, muß darauf hingewiesen werden, daß er in dieser Weise doch immer bei irgend etwas stehenbleibt. Anthroposophie will durchaus in voller Unbefangenheit die Phänomene beobachten, um dazu zu kommen, die Wirklichkeit zu ergründen, so daß man mit mathematischer Klarheit diese Wirklichkeit durchdringen kann.
[ 62 ] This is also the case with other issues. The spiritual sciences certainly seek to investigate everything empirically and not to start from preconceived assumptions, whereas Schleich, in particular, often holds such favorite notions. He is a witty and very humane man, but he cannot bring himself to achieve complete impartiality and freedom from prejudice. But that is precisely what must be strived for in anthroposophy, even when it comes to things one holds in high regard. And I can assure you that I value Schleich’s ideas and work, which I know well; but when asked, it must be pointed out that, in this way, he always stops short at some point. Anthroposophy seeks to observe phenomena with complete impartiality in order to fathom reality, so that one can penetrate this reality with mathematical clarity.
[ 63 ] Ich kann nur immer wieder betonen, daß es wirklich nicht im Sinne irgendeiner Sektiererei oder irgendeines Dilettantismus ist, was hier in Stuttgart als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sich geltend machen will. Was angestrebt werden will, wenn das auch mit noch so schwachen Kräften heute erst geschehen kann, das ist echte, wahre Wissenschaftlichkeit. Und je mehr man in diesem Sinne Geisteswissenschaft prüfen wird, desto mehr wird man erkennen, daß sie durchaus jeder wissenschaftlichen Prüfungsmethode gewachsen ist. Geisteswissenschaft wird durchaus nicht aus wirklicher Wissenschaftlichkeit heraus mit solchen Mißverständnissen überhäuft, wie sie heute überhäuft wird; ihre Gegner bekämpfen sie wahrhaftig nicht, weil sie zu wissenschaftlich sind, sondern — man gehe der Sache nach —, weil sie zu wenig wissenschaftlich sind. Aber wir brauchen in der Zukunft nicht ein Versiegen, sondern ein Steigern, einen echten wahren Fortschritt der Wissenschaftlichkeit, und das kann zuletzt doch nur ein solcher Fortschritt sein, der nicht nur ins Materielle, sondern auch ins Geistige ganz exakt hineinführt.
[ 63 ] I can only emphasize again and again that what is seeking to establish itself here in Stuttgart as an anthroposophically oriented spiritual science is truly not motivated by any form of sectarianism or dilettantism. What we are striving for—even if this can only be achieved today with such limited resources—is genuine, true scientific rigor. And the more one examines spiritual science in this light, the more one will recognize that it is fully capable of withstanding any scientific method of scrutiny. Spiritual science is by no means showered with such misunderstandings—as it is today—out of a genuine scientific spirit; its opponents do not, in truth, oppose it because it is too scientific, but—if one examines the matter closely—because it is not scientific enough. But in the future we need not a decline, but rather an increase, a genuine and true progress in scientific rigor, and ultimately this can only be a progress that leads with complete precision not only into the material but also into the spiritual realm.
