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Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a

17 June 1920, Dornach

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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
  1. Fachwissenschaften und Anthroposophie

15. Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik

15. Humanities, Natural Sciences: Science, Technology Humanities, Natural Sciences, Technology

Öffentlicher Vortrag, gehalten für Studenten der Technischen Hochschule

Public lecture given to students at the Technical University

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, Kommilitonen! Wenn ich heute versuchen werde, vor Ihnen einiges aus dem Gebiet desjenigen darzulegen, was ich seit einer Reihe von Jahren anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nenne, so geschieht es in dem Bewußtsein, daß ich am heutigen Abend in einem gewissermaßen ersten Vortrag nichts anderes werde geben können als einige Anregungen, und daß ich mir durchaus nicht die Illusion mache, daß durch eine solche Darlegung gleich im Handumdrehen irgendeine Überzeugung hervorzurufen ist. Es wird aber vielleicht möglich sein, daß nach der allgemeinen Charakteristik, die ich geben werde, in der darauf folgenden Aussprache spezielle Wünsche befriedigt werden können und spezielle Fragen behandelt werden können.

[ 1 ] Ladies and gentlemen, fellow students! As I attempt today to present to you some aspects of what I have for a number of years referred to as “anthroposophically oriented spiritual science,” I do so fully aware that, in this first lecture of sorts this evening, I will be able to offer nothing more than a few ideas, and that I am under no illusion that such a presentation will immediately bring about any kind of conviction. However, it may be possible that, following the general overview I will provide, specific requests can be addressed and specific questions can be discussed in the ensuing discussion.

[ 2 ] Ich möchte, um unsere Zeit nicht allzusehr auszudehnen, sogleich eingehen auf das zunächst Wesentliche, und das ist: eine Charakteristik dessen zu geben, was Geisteswissenschaft in anthroposophisch orientiertem Sinne eigentlich sein will. Sie unterscheidet sich von dem, was man gewöhnlich Wissenschaft nennt, durch die Methode ihrer Forschung. Und sie ist überzeugt davon, daß gerade ein ernstes, ehrliches Wollen in der Wissenschaft der neuesten Zeit, konsequent verfolgt, zu ihrer Methode schließlich führen muß. Ich möchte zu Ihnen durchaus in einem wissenschaftlichen Sinne sprechen, bin ich ja doch selbst wahrhaftig nicht ausgegangen von irgendeiner Anschauung der Theologie, nicht von irgendwelchen Weltanschauungsfragen oder Philosophien in dem Sinne, wie sie gewöhnlich gepflegt werden, sondern bin ich doch selbst ausgegangen von technischen Studien. Und aus technischen Studien selbst heraus hat sich mir diese Geisteswissenschaft als eine Notwendigkeit unserer geschichtlichen Entwicklungsperiode ergeben. Daher darf ich mich besonders freuen, am heutigen Abend gerade zu Ihnen sprechen zu können.

[ 2 ] So as not to take up too much of your time, I would like to get straight to the heart of the matter, which is to provide a description of what spiritual science, in the anthroposophically oriented sense, actually aims to be. It differs from what is commonly called science in its method of research. And it is convinced that a serious, honest striving within modern science, if pursued consistently, must ultimately lead to its method. I would like to speak to you in a thoroughly scientific sense, for I myself have truly not set out from any theological perspective, nor from any questions of worldview or philosophy in the sense in which they are usually cultivated, but rather from technical studies. And it was precisely from these technical studies that this spiritual science emerged for me as a necessity of our historical period of development. That is why I am particularly pleased to be able to speak to you specifically this evening.

[ 3 ] Wenn wir Naturwissenschaft treiben, so haben wir im Sinne des heutigen Denkens zunächst etwas vor uns, was sich um uns herum ausbreitet als die Welt der sinnlichen Tatsachen. Und wir verwenden dann unser Denken, wir verwenden namentlich unser methodisch geschultes Denken dazu, aus einem entsprechenden Verfolgen dieser sinnlichen Tatsachen Gesetze zu finden. Wir suchen nach dem, was wir gewohnt sind zu nennen Naturgesetze, historische Gesetze und so weiter. Diese Art, sich zur Welt zu stellen, ist nun durchaus nicht etwas, was die Geisteswissenschaft etwa ablehnt, sondern sie will sich auf den festen Boden dieser Forschung stellen. Nur forscht sie, auf diesem festen Boden stehend, ich möchte sagen, indem sie vom Gesichtspunkt des menschlichen Lebens selbst ausgeht. Sie kommt, gerade weil sie ernst machen möchte mit naturwissenschaftlicher Forschung, einfach an jene Grenze naturwissenschaftlicher Erkenntnis, welche von besonnenen Naturforschern durchaus zugegeben wird. Und sie steht mit Bezug auf das, was Naturwissenschaft sein kann, ganz auf dem Boden derjenigen, die da sagen: In der Zusammenfasssung der äußeren Tatsachen dringen wir mit wissenschaftlicher Methodik bis zu einer gewissen Stufe vor, können aber nicht über eine gewisse Grenze hinauskommen, wenn wir auf dem Boden dieser naturwissenschaftlichen Forschung selbst stehenbleiben.

[ 3 ] When we engage in the natural sciences, in the sense of contemporary thinking, we first encounter something that extends around us as the world of sensory facts. And we then use our thinking—specifically, our methodologically trained thinking—to derive laws from a systematic investigation of these sensory facts. We seek what we are accustomed to calling laws of nature, historical laws, and so on. This way of approaching the world is by no means something that the humanities reject; rather, they seek to stand on the firm ground of this research. Only, standing on this firm ground, it conducts its research—I would say—by proceeding from the standpoint of human life itself. Precisely because it seeks to take scientific research seriously, it simply reaches that limit of scientific knowledge which is fully acknowledged by level-headed natural scientists. And with regard to what natural science can be, it stands entirely on the ground of those who say: In the synthesis of external facts, we advance to a certain level using scientific methodology, but we cannot go beyond a certain limit if we remain on the ground of this natural scientific research itself.

[ 4 ] Aber dann, wenn das erreicht ist, was im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Naturwissenschaft angestrebt wird, dann beginnt erst dasjenige, was die hier gemeinte Geisteswissenschaft will. Wir kommen, indem wir denkend die Tatsachen um uns herum verstehen, zu gewissen Grenzbegriffen. Ich erwähne hier nur solche Grenzbegriffe, gleichgültig ob man sie nun auffaßt als bloße Funktionen oder als Realitäten, Grenzbegriffe wie Atom, Materie und so weiter. Wir operieren wenigstens mit ihnen, auch wenn wir hinter ihnen keine dämonischen Wesenheiten suchen. Diese Grenzbegriffe, Grenzvorstellungen, die uns ganz besonders auch entgegentreten, wenn wir die für die Technik grundlegenden naturwissenschaftlichen Zweige verfolgen, die stehen gewissermaßen wie Pfeiler da. Und man bleibt, wenn man innerhalb der gewöhnlichen Wissenschaft stehen will, durchaus eben vor diesen Grenzpfeilern stehen.

[ 4 ] But once what is sought in ordinary life and also in ordinary natural science has been achieved, only then does what spiritual science—as understood here—aims for truly begin. By thinking through and understanding the facts around us, we arrive at certain limit concepts. I am referring here only to such boundary concepts—regardless of whether one regards them as mere functions or as realities—boundary concepts such as the atom, matter, and so on. We operate with them, at the very least, even if we do not seek demonic entities behind them. These boundary concepts, these boundary ideas—which confront us particularly when we pursue the branches of natural science that form the foundation of technology—stand, as it were, like pillars. And if one wishes to remain within the realm of ordinary science, one stands precisely before these boundary pillars.

[ 5 ] Für den Geistesforscher, wie ich ihn hier meine, beginnt aber an diesen Grenzpfeilern erst die eigentliche Arbeit. Da handelt es sich darum, daß der Geistesforscher in dem, was ich Meditation nenne — bitte stoßen Sie sich nicht daran, es ist ein technischer Ausdruck wie andere auch —, in einen gewissen inneren Kampf kommt, in ein inneres Kämpfen des Lebens mit diesen Begriffen, mehr oder weniger mit allen Grenzbegriffen der Naturwissenschaft. Und dieser innere Kampf, er bleibt für ihn nicht unfruchtbar.

[ 5 ] For the spiritual researcher—as I understand the term here—the real work only begins at these boundary markers. The point is that, in what I call meditation—please don’t take offense; it is a technical term like any other—the spiritual researcher enters into a certain inner struggle, an inner wrestling of life with these concepts, more or less with all the boundary concepts of natural science. And this inner struggle is not fruitless for him.

[ 6 ] Ich muß dabei eines Mannes gedenken, der hier in dieser Stadt, an dieser Hochschule, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gelehrt hat und der immer wieder und wiederum diesen Kampf betonte, in den der Mensch hineinkommt, wenn er an die Grenze der gewöhnlichen Wissenschaft kommt. Es ist Friedrich Theodor Vischer, der etwas wußte von dem, was der Mensch erleben kann, wenn er ankommt bei den Begriffen Materie, Atom, Naturgesetz, Kraft und so weiter. Nicht in einem Hinbrüten besteht dasjenige, was ich hier meine, sondern es besteht darin, daß alles zu Rate gezogen wird im Innern unserer Seele, was zu diesen Begriffen geführt hat, daß wir versuchen, mit diesen Begriffen meditativ zu leben.

[ 6 ] I must recall a man who taught here in this city, at this university, in the second half of the last century, and who repeatedly emphasized the struggle that a person faces when they reach the limits of conventional science. It is Friedrich Theodor Vischer, who knew something of what a person can experience when they encounter concepts such as matter, the atom, natural law, force, and so on. What I mean here is not a matter of brooding, but rather of bringing to bear within our soul everything that has led to these concepts, so that we may try to live meditatively with them.

[ 7 ] Was heißt das eigentlich? Es heißt, in sich die innere Disziplin zu begründen, hinschauen zu können, geradeso wie man sonst auf die äußeren Objekte hinschaut, auf das, was man endlich in der Seele hat, wenn man bei einem solchen Grenzbegriff ankommt; ich könnte Ihnen viele andere nennen, als die, die ich eben genannt habe. Dann, wenn man versucht, mit Abstraktion von allem übrigen Erleben streng den ganzen Umfang des Seelischen auf solche Begriffe zu konzentrieren, dann macht man eine innerliche Entdeckung. Und diese innerliche Entdeckung, sie hat etwas Erschütterndes. Nämlich sie zeigt uns, daß von einem gewissen Punkte des Lebens aus, des inneren Lebens aus, unsere Begriffe etwas werden, was durch sich selbst in unserer Seele wächst, was anders sich verhält nach solcher inneren meditativen Arbeit, als es sich verhält, wenn wir es nur als das Resultat äußeren Beobachtens nehmen. So wie wir beim heranwachsenden Kinde beobachten, wie gewisse Organe, die zuerst mehr undifferenziert hervortreten, differenzierter werden, wie wir wahrnehmen, wie Organe wachsen, so fühlen wir bei einer solchen meditativen Hingabe an die Resultate wissenschaftlichen Erlebens, wie ein innerliches Wachstum der Seele stattfindet. Und dann kommt das Erschütternde, daß man sich sagt: Nicht durch eine Spekulation, nicht durch spekulative Philosophie kommt man weiter über das hinaus, was man die Grenze des Naturerkennens nennt, sondern durch unmittelbares Erleben, also dadurch, daß man dasjenige umwandelt, was man durch Denken gewonnen hat, in innerliches Erleben des Anschauens.

[ 7 ] What does that actually mean? It means establishing inner discipline within oneself, being able to look—just as one would otherwise look at external objects—at what one ultimately has in one’s soul when one arrives at such a boundary concept; I could name many others besides the ones I just mentioned. Then, when one tries—abstracting from all other experience—to strictly concentrate the entire scope of the soul onto such concepts, one makes an inner discovery. And this inner discovery has something profoundly moving about it. Namely, it shows us that, from a certain point in life—from inner life—our concepts become something that grows of its own accord within our soul, something that behaves differently after such inner meditative work than it does when we take it merely as the result of external observation. Just as we observe in a growing child how certain organs, which at first appear more undifferentiated, become more differentiated—just as we perceive how organs grow—so, in such meditative devotion to the results of scientific experience, we feel an inner growth of the soul taking place. And then comes the startling realization: one goes beyond what is called the limit of scientific knowledge not through speculation or speculative philosophy, but through direct experience—that is, by transforming what has been gained through thinking into an inner experience of contemplation.

[ 8 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist der erste Schritt, der getan wird. Es ist eben durchaus zu spüren, wie die Methode eine ganz andere wird und wie daher gegenüber der gewöhnlichen wissenschaftlichen Methode, die mehr als von irgend jemandem auch von mir objektiv anerkannt werden kann, etwas ganz Neues eintritt, indem das bloße Denken, das bloße Erfassen, übergeht in inneres Erleben. Und dann tritt eben durch ein konsequentes, geduldiges, ausdauerndes Erleben in dieser Richtung dasjenige ein, was zum Schluß nicht anders benannt werden kann als ein Erleben eines geistigen Daseins. Man kann von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft aus nicht auf eine andere Art sprechen über das Erleben der geistigen Welt. Denn dieses Erleben der geistigen Welt, das ist nicht etwas, was dem Menschen angeboren ist. Es ist etwas, was von dem Menschen eben errungen werden muß. Kommt man bis zu einer gewissen Stufe dieses Erlebens, dann merkt man, daß dieses Denken, das wir sonst ausüben, das sonst unser Werkzeug ist zum Erfassen der Umwelt, daß dieses Denken doch in einem anderen Verhältnis zu unserer ganzen Leibeswesenheit steht, als man eigentlich anzunehmen gezwungen ist aus dem bloßen Naturerkennen heraus.

[ 8 ] That, my esteemed audience, is the first step that is taken. One can indeed clearly sense how the method becomes something entirely different and how, in contrast to the ordinary scientific method—which I, like anyone else, can objectively acknowledge—something entirely new emerges, in that mere thinking, mere comprehension, gives way to inner experience. And then, through consistent, patient, and persistent experience in this direction, what ultimately emerges can be described as nothing other than the experience of a spiritual existence. From the perspective of anthroposophically oriented spiritual science, one cannot speak of the experience of the spiritual world in any other way. For this experience of the spiritual world is not something innate in human beings. It is something that must be attained by the human being. When one reaches a certain level of this experience, one realizes that this thinking, which we otherwise engage in—which is otherwise our tool for grasping the environment—stands in a different relationship to our entire physical being than one is actually compelled to assume based on the mere knowledge of nature.

[ 9 ] Aus dem bloßen Naturerkennen heraus bemerkt man, wie mit den körperlichen Veränderungen und Umwandlungen, mit dem jugendlichen Alter, mit dem Greisenalter und so weiter, sich auch die seelischen Zustände ändern. Mit dem naturwissenschaftlichen Denken kann man physiologisch weitergehen. Man kann zeigen, wie tatsächlich in dem Nervensystem, im Gehirn ein Ausdruck dessen vorhanden ist, was die Struktur, die Konfiguration unseres Denkens ist. Und man kann da, wenn man von einer Seite her konsequent die Sache verfolgt, sagen: Ja, es geht aus irgend etwas, was natürlich heute höchstens hyporhetisch festgestellt werden könnte, dasjenige hervor, was Denken, was Leben in Gedanken ist.

[ 9 ] Simply by observing nature, one notices how mental states also change along with physical changes and transformations—such as those associated with youth, old age, and so on. With scientific thinking, one can go further physiologically. One can demonstrate how, in fact, the nervous system and the brain reflect the structure and configuration of our thinking. And if one pursues the matter consistently from one angle, one can say: Yes, what we call thinking—what it means to live in thought—arises from something that, of course, can at most be established hypothetically today.

[ 10 ] Derjenige, der das so weit innerlich erlebt hat, was ich charakterisiert habe als erlebbar, der spricht anders, der sagt: Wenn man geht, meinetwillen über eine aufgeweichte Straße, oder wenn ein Wagen über eine aufgeweichte Straße fährt, dann hat man den Eindruck von Furchen, von Tritten. Es wäre offenbar ganz falsch, wenn man nun — nur weil man es nicht weiß — die Theorie aufstellte, es müßte ein außerirdisches Wesen gewesen sein, durch das diese Tritte, diese Furchen entstanden sind, oder wenn man die Hypothese aufstellte, unter der Erdoberfläche seien gewisse Kräfte, die so wirken, daß sie diese Tritte, diese Furchen bewirkt haben.

[ 10 ] Anyone who has experienced inwardly to this extent what I have described as something that can be experienced speaks differently; they say: When one walks—say, on a muddy road—or when a car drives over a muddy road, one gets the impression of ruts and footprints. It would obviously be entirely wrong to now—simply because one does not know—put forward the theory that an extraterrestrial being must have been responsible for creating these footprints and ruts, or to propose the hypothesis that there are certain forces beneath the Earth’s surface that act in such a way as to have caused these footprints and ruts.

[ 11 ] So sagt man — und ich sage ausdrücklich, mit gewissem Recht — aus der naturwissenschaftlichen Berrachtung heraus: Das, was physiologische Gestaltung des Gehirns ist, das ist es doch, was zum Schluß in der Funktion des Denkens zum Ausdruck kommt. Derjenige, der das erlebt hat, was ich charakterisiert habe, der sagt nicht so; er sagt: So wenig diese Tritte und Furchen von innen heraus aufgeworfen sind durch innere Kräfte der Erde, sondern wie irgend etwas darübergefahren oder -gegangen ist, so ist das physische Gehirn von dem leibfreien Denken in seine Furchen versetzt worden. Und dasjenige, was noch in einer gewissen Weise, wenn wir durch die Geburt ins physische Dasein getreten sind, diese Furchen verändert, das ist es auch, was heruntersteigend aus geistigen Welten überhaupt die Arbeit verrichtet, diese Furchen erst auszugestalten.

[ 11 ] This is what is said—and I say expressly, with some justification—from a scientific perspective: What constitutes the physiological structure of the brain is, after all, what is ultimately expressed in the function of thought. Anyone who has experienced what I have described does not speak this way; they say: Just as these ruts and furrows are not formed from within by the Earth’s internal forces, but rather as if something had driven or walked over them, so too has the physical brain been set into its furrows by disembodied thinking. And that which, in a certain way, continues to alter these furrows even after we have entered physical existence through birth—that is also what, descending from the spiritual worlds, performs the work of shaping these furrows in the first place.

[ 12 ] Man kommt also auf diese Weise darauf, daß das Seelische durchaus das Aktive ist, durchaus dasjenige ist, was das Leibliche erst gestaltet. Ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, daß selbstverständlich Hunderte von Einwänden gemacht werden können gegen das, was ich sage, wenn man bloß vom intellektualistischtheoretischen Standpunkt ausgeht. Allein, Geisteswissenschaft muß eben hinweisen auf das Erleben, sie muß hinweisen darauf, daß man bis zu diesem Erleben mit Berechtigung glaubt, aus dem leiblichen Gehirn heraus entstehe das Gedankenleben als eine Funktion, während man, wenn man dieses Gedankenleben nun selbst erlebt, weiß, wie es in sich selbst aktiv, wie es in sich selbst wesenhaft und in Bewegung ist und wie es das eigentlich Aktive ist gegenüber dem Passiven der Leiblichkeit.

[ 12 ] In this way, one comes to the conclusion that the psychological is indeed the active force, indeed that which first shapes the physical. I know, my esteemed audience, that of course hundreds of objections can be raised against what I am saying if one proceeds solely from an intellectualistic-theoretical standpoint. However, spiritual science must point to experience; it must point out that, until one has this experience, one is justified in believing that the life of thought arises from the physical brain as a function, whereas when one actually experiences this life of thought oneself, one knows how it is active in itself, how it is essential and in motion in itself, and how it is the truly active force in contrast to the passivity of the physical body.

[ 13 ] So also ist das, was gewissermaßen als ein erstes Ausgangserlebnis dasteht, etwas, was nicht durch eine gradlinige Fortsetzung der gewöhnlichen wissenschaftlichen Methoden gewonnen wird, sondern nur durch eine Metamorphose, nur durch eine Umgestaltung der gewöhnlichen wissenschaftlichen Methode in eine Methode, die nur erlebt werden kann, die nicht in einem Spekulieren besteht, sondern in einem innerlichen Erleben.

[ 13 ] Thus, what stands, so to speak, as an initial experience is something that is not obtained through a straightforward continuation of ordinary scientific methods, but only through a metamorphosis—only through a transformation of the ordinary scientific method into a method that can only be experienced, one that does not consist of speculation but of an inner experience.

[ 14 ] Das ist die eine Seite. Die andere Seite dieses inneren Erlebens bezieht sich mehr auf die innere Willensentwicklung des Menschen. Wir können, indem wir unser Leben betrachten, hinsehen auf Verwandlungen, die wir im Leben durchgemacht haben. Wir denken zurück, wie wir in innerlich-seelischer, in äußerlich-leiblicher Verfassung waren vor einem, vor fünf, vor zehn Jahren, und wir sagen uns: Wir haben Veränderungen, Verwandlungen durchgemacht. — Diese Veränderungen, diese Verwandlungen, die wir durchmachen, wie machen wir sie durch? Wir geben uns in einer gewissen Weise passiv der Außenwelt hin. Wir brauchen ja nur wirklich zu sagen: Hand aufs Herz, wie weit sind wir aktiv in dem, was wir zunächst durch die äußere Welt geworden sind? Die äußere Welt, Vererbung, Erziehung und so weiter, sie gestaltet uns; und das, was uns darin gestaltet, wirkt weiter nach. Da sind wir in der Regel eigentlich die Passiven. Wenn man nun das umgestaltet in Aktivität, wenn man daraus das bildet, was man im eminentesten Sinne nennen könnte SelbstWillenszucht, und zwar in der Weise, wie ich es gleich charakterisieren werde, so tritt das zweite Element zu dem hinzu, was wir als erstes Element auf dem Wege der Geistesforschung charakterisiert haben. Wenn man es nämlich dahin bringt — und das kann nur durch methodische Schulung in dem Sinne erreicht werden, wie es dargestellt wurde in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen Büchern —, wenn man es durch die methodische Schulung dazu bringt, sich zu sagen: ich will mir einmal, wenn auch nur einen kleinen Teil desjenigen, was in mir entstehen soll, vornehmen; ich will mir vornehmen, daß dieses oder jenes eine Eigenschaft von mir werden soll —, und wenn ich es dahin bringe, eine solche Eigenschaft durch eine starke Erregung des Willens wirklich, vielleicht erst nach Jahren, in mir zu erzeugen, wenn ich das, was ich sonst nur passiv im Leben werde, aus mir selber mache, wenn ich meinen Willen, wenn ich es etwas paradox ausdrücken darf, in die Hand nehme und meine Entwicklung voll in die Hand nehme — in einem gewissen Teil kann man es selbstverständlich nur —, dann tritt auch das noch dazu ein, daß dasjenige, was sonst bloß Gedächtnis ist, bloß Erinnerung ist, in einer gewissen Weise zu einem realen Gebiet sich zusammenschließt. Man überschaut gewissermaßen sein Leben wie etwas, was man in einer Reihe überschaut, und man gelangt dann dazu, den Willen in seiner wahren Charaktereigenschaft kennenzulernen.

[ 14 ] That is one side of it. The other side of this inner experience relates more to the development of a person’s inner will. As we reflect on our lives, we can look back on the transformations we have undergone. We think back to what our inner, spiritual state and our outer, physical condition were like one, five, or ten years ago, and we say to ourselves: We have undergone changes and transformations. — These changes, these transformations that we undergo—how do we go through them? In a certain sense, we passively surrender ourselves to the outer world. After all, we really only need to ask ourselves honestly: To what extent are we actively involved in what we have initially become through the external world? The external world—heredity, upbringing, and so on—shapes us; and what shapes us within continues to have an effect. As a rule, we are actually the passive ones here. If one now transforms this into activity, if one shapes it into what one might call, in the most eminent sense, “self-discipline of the will”—in the manner I am about to describe—then this second element is added to what we have characterized as the first element on the path of spiritual research. For if one brings it to that point—and this can only be achieved through methodical training in the sense described in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* and in other books—if, through methodical training, one brings oneself to say: I will set myself the goal, even if only a small part of what is to arise within me; I want to set out to make this or that a quality of my own—and if I manage, through a strong stirring of the will, to truly bring about such a quality within myself—perhaps only after years—if I take what I would otherwise only passively become in life make it my own, when I take my will—if I may put it somewhat paradoxically—into my own hands and take full control of my development—to a certain extent, of course, one can only do so—then what otherwise is merely memory, merely recollection, also begins to coalesce, in a certain way, into a real realm. One surveys one’s life, as it were, as something one surveys in sequence, and one then comes to know the will in its true nature.

[ 15 ] Während man das Denken kennenlernt als etwas, was eigentlich, je mehr man in das Leben hineinrritt, sich vom Leiblichen loslöst, kommt man dazu, seinen Willen so erkennen zu lernen, daß er eigentlich immer mehr und mehr das Leibliche erfaßt, immer mehr und mehr uns durchdringt, uns durchfließt, und daß im Grunde genommen der Tod nichts anderes ist als ein Kampf des Willens mit den leiblichen Funktionen so, daß die Leibesfunktionen an einer gewissen Grenze angekommen sind, wenn wir durch einen früheren oder späteren Tod hindurchgehen, und daß dann dasjenige, was nicht mehr unseren Leib so bearbeiten kann, der Wille, vollständig aufgeht in dem, was der Leib tut, daß dieser Wille sich loslöst und daß ein Element der Seele nun tatsächlich in eine reale, in eine geistige Welt tritt, wenn wir mit dem Tode abgehen.

[ 15 ] While we come to understand thinking as something that, the deeper we delve into life, actually detaches itself from the physical, we also come to recognize our will in such a way that it actually encompasses the physical more and more, permeates us more and more, flows through us, and that, fundamentally, death is nothing other than a struggle of the will with the bodily functions, such that that the bodily functions have reached a certain limit when we pass through death—whether early or late—and that then what can no longer act upon our body—the will—is completely absorbed into what the body does, so that this will detaches itself and an element of the soul now actually enters a real, spiritual world when we depart with death.

[ 16 ] So handelt es sich also darum, daß das, was man im gewöhnlichen Sinne die Unsterblichkeitssidee nennt, nicht durch irgendeine Spekulation von der hier gemeinten Geisteswissenschaft verfolgt wird, daß im Grunde genommen diese Geisteswissenschaft vollständig bricht mit der Art und Weise, wie sich die Welt gewöhnlich dieser Idee nähert. Es handelt sich darum, daß Geisteswissenschaft eigentlich als eine Fortsetzung naturwissenschaftlicher Forschung durch Gedankenund Willenszucht dahin gelangt, das, was wir in uns tragen, Denken und Wollen, in seiner Ausgestaltung so zu erfassen, daß man es auch dann erfaßt, wenn dieses Seelische, das im Denken und Wollen lebt, eben leiblos lebt in einer Weise, wie es nicht mehr von den Sinnen erreicht werden kann.

[ 16 ] The point, then, is that what is commonly referred to as the “idea of immortality” is not pursued by spiritual science—as understood here—through any kind of speculation; rather, this spiritual science fundamentally breaks entirely with the way in which the world usually approaches this idea. The point is that spiritual science, as a continuation of scientific research through the discipline of thought and will, ultimately arrives at a point where it can grasp what we carry within us—thinking and willing—in such a way that we can comprehend it even when this spiritual aspect, which lives in thinking and willing, exists in a disembodied state that can no longer be reached by the senses.

[ 17 ] Gewiß, es ist nun einmal so, daß das, was ich Ihnen hier in aller Kürze auseinandergesetzt habe, von den weitesten Kreisen unserer Gegenwart als etwas Phantastisches, Schwärmerisches angesehen wird. Allein, wie sollte das anders sein? Alles, was einmal neu in die Welt tritt und scheinbar dem widerspricht, was schon da war, wird zunächst als etwas Phantastisches, Schwärmerisches angesehen. Aber ich glaube nicht, daß es für alle Zeiten so sein wird, daß man nicht anerkennen wird, daß das, was hier als die Methode der Geisteswissenschaft wenigstens in zwei ihrer charakteristischen Elemente geschildert worden ist, nur eine Fortsetzung, aber eine lebensvolle Fortsetzung desjenigen ist, was Naturwissenschaft eigentlich erreicht, aber womit Naturwissenschaft an eine bestimmte Grenze kommt.

[ 17 ] It is certainly true that what I have briefly outlined here is regarded by the broadest circles of our contemporary society as something fanciful and idealistic. But how could it be otherwise? Everything that first enters the world and appears to contradict what was already there is initially regarded as something fanciful and idealistic. But I do not believe that it will always be the case that people will fail to recognize that what has been described here—at least in two of its characteristic elements—as the method of spiritual science is merely a continuation, albeit a vibrant continuation, of what natural science actually achieves, but with which natural science reaches a certain limit.

[ 18 ] Wenn man heute vom Geist spricht im allgemeinen, so wird einem das ja schon nicht mehr ganz übel genommen. Das war so noch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wo man in einer gewissen materialistischen Art aus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen heraus eine Weltanschauung gebildet hat, die eigentlich nur die letzte Konsequenz des naturwissenschaftlichen Denkens selbst ziehen wollte. Heute ist es schon wieder gestattet, wenigstens in spekulativer Weise vom Geiste zu sprechen. Aber das wird einem noch gar sehr übel genommen, wenn man in der Weise vom Geiste spricht, wie ich es eben getan habe, denn das hat eine gewisse Konsequenz.

[ 18 ] When one speaks of the spirit in general today, people no longer take it entirely amiss. That was still the case in the last third of the 19th century, when, in a certain materialistic vein, people formed a worldview based on scientific findings that was really only intended to draw the ultimate conclusion from scientific thinking itself. Today, it is once again permissible to speak of the spirit, at least in a speculative sense. But people still take great offense if one speaks of the spirit in the way I just did, for that has certain implications.

[ 19 ] Wenn man sich das angeeignet hat, was ich in meinem Buche «Vom Menschenrätse» das «schauende Bewußtsein» genannt habe, wenn man sich das angeeignet hat, was aus einem so entwickelten Denken und Wollen hervorgeht, dann weiß man sich in der Tat durch dieses schauende Bewußtsein in einer geistigen Welt — geradeso wie man sich durch seine Augen und Ohren in einer farbigen und tönenden Welt weiß. Es erfüllt sich einem gewissermaßen dasjenige, was in der Umgebung ist, mit Geist. Geradeso wie sich für einen Menschen, der blind geboren ist und operiert wird und von einem bestimmten Moment seines Lebens an die Farben sieht, die Farbenwelt eröffnet, wie für ihn die Welt, die vorher in seiner Umgebung war, nun mit etwas anderem erfüllt wird, so ist es, wenn dieses schauende Bewußtsein eintritt. Es erfüllt sich die Welt, die man bisher gewohnt war, als die Welt der Sinne und des kombinierenden Verstandes anzuschauen, mit Geistigkeit. Und der Geist wird etwas Konkretes. Der Geist wird etwas, das man auch in seiner konkreten Gestaltung verfolgen kann. Man spricht nicht mehr im allgemeinen vom Geist. Wenn jemand im allgemeinen vom Geist spricht, so ist es, wie wenn ein Mensch über eine Wiese geht, wo Blumen stehen. Wenn man ihn fragt: Was ist das für eine Blume und was ist jenes für eine Blume? —, so sagt er uns: Das sind alles Pflanzen, Pflanzen, Pflanzen. — So gestattet man den Menschen heute auch zu sagen: Hinter der Sinneswelt ist eine geistige Welt. — Dabei kann aber die Geisteswissenschaft nicht stehenbleiben, sondern sie muß die geistigen Tatsachen im Konkreten so untersuchen — weil eben die geistige Welt um uns herum ist wie die farbige oder die tönende Welt —, wie man sonst mit den Sinnen und dem kombinierenden Verstand diese farbige und tönende Welt untersucht. Und da eignet man sich vor allem anderen eine ganz bestimmte Art an, sich zur Welt zu stellen. Es ist ja auch so, daß, wenn man blind geboren ist und plötzlich sehend wird, man sich ein anderes Verhältnis zur Welt aneignet. Man muß sich erst orientieren; man weiß nichts über die Raumperspektive, man muß sie erst lernen. So muß man sich natürlich auch ein bestimmtes Verhältnis, eine bestimmte Stellung zu der Welt aneignen, wenn man in das schauende Bewußtsein übergeht. Dann erscheint einem manches in einer eigenartigen Weise. Deshalb wird der Geistesfoscher von den Zeitgenossen noch mißverstanden.

[ 19 ] Once one has assimilated what I have called in my book *The Council of Man*, and once one has assimilated what arises from such developed thinking and willing, then one truly knows oneself to be in a spiritual world through this contemplative consciousness—just as one knows oneself to be in a world of colors and sounds through one’s eyes and ears. In a sense, one’s surroundings become imbued with spirit. Just as the world of colors opens up to a person who was born blind, undergoes surgery, and begins to see colors from a certain point in their life—just as the world that previously existed in their surroundings is now filled with something else—so it is when this “contemplative consciousness” takes hold. The world that one had previously been accustomed to viewing as the world of the senses and the reasoning mind becomes imbued with spirit. And the spirit becomes something concrete. The spirit becomes something that one can also trace in its concrete form. People no longer speak of the spirit in general terms. When someone speaks of the spirit in general terms, it is as if a person were walking across a meadow where flowers grow. If one asks him, “What kind of flower is that, and what kind of flower is that?”—he replies, “They are all plants, plants, plants.”—In the same way, people today are permitted to say: Behind the sensory world lies a spiritual world. — But spiritual science cannot stop there; rather, it must examine spiritual realities in concrete terms—precisely because the spiritual world is all around us, just like the world of colors and sounds—in the same way that we otherwise examine this world of colors and sounds with our senses and our reasoning mind. And in doing so, one acquires, above all else, a very specific way of relating to the world. After all, it is also the case that when one is born blind and suddenly regains sight, one develops a different relationship to the world. One must first find one’s bearings; one knows nothing about spatial perspective and must first learn it. In the same way, of course, one must also acquire a certain relationship, a certain stance toward the world, when one transitions into the contemplative consciousness. Then many things appear to one in a peculiar way. That is why the spiritual researcher is still misunderstood by his contemporaries.

[ 20 ] Sehen Sie, der Geistesforscher sagt ja niemals, daß das, was durch die Methode der strengen Naturwissenschaft gewonnen ist, auch dasjenige, was als die Konsequenzen aus diesen Ergebnissen der strengen Naturwissenschaft gezogen ist, in irgendeiner Weise logisch unrichtig verfolgt sei oder dergleichen, aber er ist genötigt, zu dem aus seiner Geistesschau etwas hinzuzufügen, was dann allerdings nicht bloß hinzuaddiert ist, sondern was die Resultate der Naturwissenschaft in vieler Beziehung ganz ändert.

[ 20 ] You see, the spiritual researcher never says that what has been obtained through the methods of rigorous natural science—or what has been deduced as the consequences of these findings of rigorous natural science—is in any way logically flawed or anything of the sort, but he is compelled to add something derived from his spiritual insight, which is not merely an addition but, in many respects, completely transforms the results of natural science.

[ 21 ] Nehmen Sie zum Beispiel die Geologie. Ich will ein Beispiel herausgreifen. Es ist besser, sich über konkrete Fragen zu unterhalten, als in allgemeinen Redensarten zu phrasieren. Ich verstehe vollständig und konnte selbst diese Methode verfolgen: Wenn man aus dem, was sich heute abspielt um uns herum in den Formationen des Gesteins, in den Ablagerungen der Flüsse und Gewässer und so weiter, die aufeinanderliegenden geologischen Schichten untersucht und dann ausrechnet — wenn das Betreffende auch nicht immer eine wirkliche Rechnung ist, sondern nur etwas Approximatives—, wenn man da ausrechnet, wie lange diese jeweiligen Gesteinsschichten schon bestanden haben, dann kommt man zu den bekannten Größenzahlen. Und man kommt dann, wie Sie alle wissen, bis zu jenem Anfang der Erdenentwicklung, wo die Erde — wie man hypothetisch annimmt —, aus irgend etwas sich herausgebildet hat, aus einer Art von Urnebel oder dergleichen. Ich brauche das nicht näher auseinanderzusetzen. Sie kennen das alles.

[ 21 ] Take geology, for example. I’d like to single out one example. It’s better to discuss specific questions than to speak in general terms. I fully understand this and have been able to follow this method myself: If, based on what is happening around us today in rock formations, in river and lake sediments, and so on, one examines the superimposed geological layers and then calculates—even if the calculation in question is not always an exact one, but only an approximation—if one calculates how long these respective rock layers have existed, then one arrives at the familiar figures. And one then arrives, as you all know, at that beginning of the Earth’s development where the Earth—as is hypothetically assumed—emerged from something, from a kind of primordial nebula or the like. I need not go into this in greater detail. You are all familiar with this.

[ 22 ] Aber für den Geistesforscher ist es so, einfach dadurch, daß er solches erlebt hat, wie ich es Ihnen geschildert habe — allerdings nur skizzenhaft, um anzuregen, nicht um zu überzeugen -, für den Geistesforscher ist es so, daß er sich sagen muß: Ich nehme einmal an, daß jemand die Veränderungen eines menschlichen Organismus untersucht, sagen wir die Veränderungen des Herzens jeweils nach fünf Jahren. Ich verfolge, wie sich das menschliche Herz oder ein anderes Organ im Verlaufe von fünf, von zehn Jahren ändert, was da geschieht. Und nun rechne ich aus, wie dasjenige, was sich mir da dargestellt hat, wenn ich einfach konsequent zurückschließe aus dem, was ich mir errechnet habe, wie das vor dreihundert Jahren war. Da bekomme ich, allerdings rein rechnerisch, ein bestimmtes Resultat heraus, wie dieses menschliche Herz vor dreihundert Jahren war. Nur ist just dagegen einzuwenden, daß dieses Herz dazumal noch gar nicht vorhanden war. Genauso richtig wie die geologische Betrachtungsweise, wäre auch diese Betrachtungsweise, aus den kleinen Veränderungen des menschlichen Herzens zu schließen, wie dieses Herz vor dreihundert Jahren war —- nur war es dazumal noch gar nicht da. Ebenso richtig - denn ich erkenne durchaus an, daß das, was die Geologie erschließt, wenigstens eine relative Richtigkeit hat - ist auch alles das, was erschlossen wird aus den geologischen Tatsachen für die Entwicklung der Erde. Aber wir versetzen dann das, was sich uns ergibt als Konsequenz unserer Rechnung, in Zeiten, in denen die Erde in ihrer jetzigen Form noch nicht vorhanden war. Oder wir versetzen, indem wir einen Endzustand ausrechnen und von einer Entropie oder dergleichen sprechen, das, was sich uns aus unseren Beobachtungen ergibt, die über einen beschränkten Zeitraum gemacht wurden, in eine Zeitepoche, die noch Millionen von Jahren voraus liegt. Das ist für den Geistesforscher dann ebenso, wie wenn er ausrechnen soll, welche Beschaffenheit das menschliche Herz haben wird nach dreihundert Jahren.

[ 22 ] But for the spiritual researcher—simply because he has experienced such things as I have described to you—albeit only in outline form, to stimulate thought rather than to convince—for the spiritual researcher, it is the case that he must say to himself: Let me assume that someone is studying the changes in a human organism—let’s say the changes in the heart every five years. I observe how the human heart or another organ changes over the course of five or ten years, and what happens there. And now I calculate—based on what has presented itself to me—how things were three hundred years ago, simply by consistently extrapolating backward from my calculations. This yields—admittedly, purely mathematically—a specific result regarding what this human heart was like three hundred years ago. The only objection to this is that this heart did not even exist back then. Just as valid as the geological approach would be this approach of inferring, from the small changes in the human heart, what that heart was like three hundred years ago—only it wasn’t even there back then. Equally valid—for I fully acknowledge that what geology reveals has at least a relative validity—is everything that is deduced from geological facts regarding the Earth’s development. But we then project what results from our calculations into times when the Earth did not yet exist in its present form. Or, by calculating a final state and speaking of entropy or the like, we project what emerges from our observations—made over a limited period of time—into an epoch that lies millions of years in the future. For the spiritual researcher, this is just as if he were to calculate what the human heart will be like three hundred years from now.

[ 23 ] Das ist es, worauf man kommt, wenn man die gewöhnliche wissenschaftliche Methode umwandelt in Erlebbares. Denn, sehen Sie, der Mensch ist tatsächlich wie ein Extrakt des ganzen Kosmos. Im Menschen findet man — irgendwie verändert, irgendwie extrahiert, kompensiert oder dergleichen — das, was im Kosmos als Gesetz vorhanden ist. Sie werden mich fragen: Ja, wie kannst du Schwärmer denn so etwas behaupten, daß die Erde noch nicht in ihrer jetzigen Form vorhanden gewesen sei? Da muß du uns doch einen Weg zeigen, wie man dazu kommt, so etwas zu behaupten.

[ 23 ] This is what one arrives at when one transforms the ordinary scientific method into something that can be experienced. For, you see, human beings are in fact like an extract of the entire cosmos. In human beings one finds—somehow transformed, somehow extracted, compensated for, or the like—what exists in the cosmos as law. You will ask me: Well, how can you, a dreamer, claim such a thing—that the Earth did not yet exist in its present form? Surely you must show us a way to arrive at such a claim.

[ 24 ] Ich will, allerdings nur skizzenhaft, charakterisieren, wie man zu solchen Behauptungen kommt, wie ich sie vorgebracht habe. Man entdeckt, indem man das Wollen, das Denken erlebt, wie ich es Ihnen geschildert habe, daß der Mensch wirklich eine Art Mikrokosmos ist. Ich sage das nicht als Phrase, wie es die nebulosen Mystiker sagen, sondern in dem Bewußtsein, daß es mir so klar geworden ist wie nur irgendeine Lösung einer Differentialgleichung, aus vollständig logischer Klarheit heraus. Man entdeckt, daß der Mensch innerlich eine Zusammenfassung, ein Kompendium der ganzen Welt ist. Und geradeso wie in unserem gewöhnlichen Leben wir ja auch nicht bloß dasjenige wissen, was uns eben in dem Augenblick sinnlich umgibt, wie wir, indem wir absehen von dem, was uns in diesem Augenblick sinnlich umgibt, hinblicken auf das Bild von etwas, was wir erlebt haben vor etwa zehn oder fünfzehn Jahren, wie das vor uns auftaucht als etwas, was nicht mehr vorhanden ist — es ist aber etwas von ihm in uns vorhanden, was uns ermöglicht, das, was dazumal vorhanden war, nachzukonstruieren —, so ist es auch mit dem erweiterten Bewußtsein, das durch Umwandlung des gewöhnlichen Denkens und Wollens entsteht. Indem der Mensch tatsächlich verbunden war mit alle dem, was Vergangenheit ist, nur in einem umfassenderen, in einem ganz anderen, in einem geistigeren Sinne verbunden war mit dem, was Vergangenheit ist, als er verbunden war mit Erlebnissen vor zehn, fünfzehn Jahren, die er wieder heraufholen kann aus seinem Inneren, so ist es möglich, wenn das Bewußtsein erweitert wird, daß wir einfach herausfinden, wie aus einer kosmischen Erinnerung, dasjenige, wo wir ja dabei waren, was einfach nicht in uns für das gewöhnliche Bewußtsein weiterlebt, was aber weiterlebt für dasjenige Bewußtsein, das durch die Metamorphose entstanden ist, die ich geschildert habe.

[ 24 ] I would like to outline—albeit only briefly—how one arrives at assertions such as those I have put forward. By experiencing volition and thought as I have described them to you, one discovers that human beings are truly a kind of microcosm. I am not saying this as a cliché, as those nebulous mystics do, but with the awareness that it has become as clear to me as any solution to a differential equation, arising from complete logical clarity. One discovers that the human being is, inwardly, a synthesis, a compendium of the entire world. And just as in our ordinary lives we do not merely know what sensually surrounds us at any given moment—just as, by looking beyond what sensually surrounds us at that moment, we gaze upon the image of something we experienced some ten or fifteen years ago, which appears before us as something that no longer exists — yet something of it remains within us, enabling us to reconstruct what existed back then — so it is also with the expanded consciousness that arises through the transformation of ordinary thinking and willing. Since the human being was in fact connected to everything that is past—but connected to it in a more comprehensive, in a completely different, in a more spiritual sense than he was connected to experiences from ten or fifteen years ago that he can recall from within himself— it is possible, when consciousness is expanded, for us to simply discover—as if from a cosmic memory, the one in which we were actually present—that which does not live on within us for ordinary consciousness, but which does live on for the consciousness that has arisen through the metamorphosis I have described.

[ 25 ] Es ist also nichts anderes als eine Erweiterung, als eine Erhöhung derjenigen Kraft, die sonst unsere Erinnerungskraft ist, wodurch der Mensch innerlich, einfach aus der eigenen Natur, die eine Zusammenfassung des Makrokosmos ist, konstruktiv auferstehen läßt dasjenige, was tatsächlich in einem bestimmten Zeitraum unserer Erde war. Der Mensch sieht dann hin auf einen Zustand der Erde, wo sie noch nicht materiell war. Und während er sonst aus den gegenwärtigen Erlebnissen der Geologie sich irgend etwas konstruieren muß, was in der Zeit gelegen haben soll, sieht er nun hin auf einen Zeitpunkt, wo die Erde noch nicht da war, wo sie in einer viel geistigeren Gestalt war. Er sieht, indem er das, was in ihm lebt, konstruktiv nachschafft, dasjenige, was tatsächlich der Bildung unserer Erde zugrundeliegt.

[ 25 ] It is, therefore, nothing other than an expansion, an enhancement of that power which is otherwise our power of memory, through which human beings, from within—simply by virtue of their own nature, which is a synthesis of the macrocosm—constructively bring to life that which actually existed on our Earth during a specific period of time. Humanity then looks back to a state of the Earth when it was not yet material. And whereas he would otherwise have to construct something from current geological observations that is supposed to have existed in the past, he now looks back to a time when the Earth did not yet exist, when it was in a much more spiritual form. By constructively recreating what lives within him, he sees that which actually underlies the formation of our Earth.

[ 26 ] Und ebenso ist es mit dem, was in einer gewissen Weise als etwas Konstruktives in uns von einem Zukunftszustand der Erde auftauchen kann. Ich weiß, wie unbefriedigend eine solche skizzenhafte Schilderung sein muß, doch Sie können daraus sehen, daß das nicht aus blauem Dunst oder aus der Phantasie geschöpft ist, was ich als Geisteswissenschaft charakterisiere. Es ist natürlich etwas Ungewohntes. Aber dann, wenn man einmal die Metamorphose des Bewußtseins vollzogen hat, dann ist dasjenige, was man da innerlich konstruktiv darstellt, mit einer ebensolchen innerlichen Klarheit vor dem Bewußtsein wie das, was man in der Mathematik oder in der Geometrie vor das Bewußtsein hinzaubert, was ja auch aus dem Inneren des Menschen heraus konstruiert ist.

[ 26 ] And the same is true of what, in a certain sense, can emerge within us as something constructive from a future state of the Earth. I know how unsatisfactory such a sketchy description must be, but you can see from it that what I characterize as spiritual science is not drawn from thin air or from the imagination. It is, of course, something unfamiliar. But once one has undergone the metamorphosis of consciousness, what one represents inwardly in a constructive way stands before one’s consciousness with just as much inner clarity as what one conjures up in mathematics or geometry—which, after all, is also constructed from within the human being.

[ 27 ] Und wenn dann jemand kommt und sagt: Ja, du mußt aber doch etwas behaupten, was alle Menschen einsehen können —, so sage ich: Jawohl, so ist es auch, aber es handelt sich zunächst darum, daß derjenige, der etwas einsehen will, zuerst alles das durchmachen muß, was dazu notwendig ist — so wie derjenige, der eine Differentialgleichung lösen will, erst das durchmachen muß, was ihn dann dazu befähigt, sie lösen zu können.

[ 27 ] And if someone then comes along and says: “Yes, but you have to make a claim that everyone can understand”—then I say: “Yes, that is true, but the point is that whoever wants to understand something must first go through everything necessary to do so—just as someone who wants to solve a differential equation must first go through the process that enables them to solve it.”

[ 28 ] Und wenn auf der anderen Seite eingewendet wird: Ja, das Mathematisch-Geometrische stellt vor das Bewußtsein nur etwas hin, was wir anwenden, wenn wir die Realität der Außenwelt verfolgen —, dann sage ich: Ja, das ist so, aber wenn wir das konstruktiv vor uns hinstellen, dann gelangen wir zu der Überzeugung, daß es ein bloß Formales ist. Wenn man das Charakterisierte im Bewußtsein hat, weiß man: es ist eine Realität. Und wenn jemand sagt, das sei vielleicht eine Selbstsuggestion, dann sage ich: Alles, was uns die Möglichkeit gibt, überhaupt zu sagen, etwas ist real, das ist nur ein Ergebnis des Erlebens. Und wenn manche Leute einwenden, es könne sich jemand täuschen, es könne jemand zum Beispiel den lebhaften Gedanken an Zitronensäure fassen, die er trinkt, und wenn er sensitiv ist, könne er sogar den Zitronengeschmack haben —, so sage ich: Das ist möglich. Aber so, wie man im gewöhnlichen Leben die bloß gedachte Hitze unterscheiden kann von jener Hitze, die auf einen wirkt, wenn man wirklich ein heißes Eisen berührt, ebenso kann man durch innerliches Erleben, wenn man das schauende Bewußtsein hat, unterscheiden zwischen dem, was bloß Phantasie, was bloß Suggestion ist, und dem, was Realität ist, denn das Ergreifen aller Wirklichkeit ist ein innerliches Erleben. Und es ist notwendig, daß man die Dinge bis zum Ende verfolgt, nicht irgendwo stehenbleibt. Wer da stehenbleibt, wo eigentlich der Weg weiterführen sollte, der unterliegt vielleicht der Suggestion. Ich sage daher: Es ist allerdings möglich, wenn jemand sensitiv ist und sich der Autosuggestion hingibt, zu sagen: Ich habe den Gedanken an Zitronenlimonade, ich fühle selbst den Geschmack —, aber den Durst wird ihm die gedachte Zitronenlimonade nicht löschen. Es handelt sich darum, daß man von der Geschmacksempfindung zum Durstlöschen übergeht, daß man also den Weg konsequent verfolgt. Das Erleben muß nur konsequent verfolgt werden, dann ist auch das, daß man irgend etwas im geistigen Sinne als Wirklichkeit bezeichnet, durchaus Ergebnis des Erlebens. Es kann die Bezeichnung einer sinnlichen Wirklichkeit oder Realität im Grunde genommen nicht ertheoretisiert werden, sondern sie ist ein Ergebnis des Erlebens.

[ 28 ] And if, on the other hand, it is objected: “Yes, but mathematics and geometry merely present to consciousness something that we apply when we investigate the reality of the external world”—then I say: Yes, that is true, but when we constructively set it before us, we come to the conviction that it is merely a formal construct. When one has the characterized element in one’s consciousness, one knows: it is a reality. And if someone says that this might be self-suggestion, then I say: Everything that gives us the possibility of saying at all that something is real is merely a result of experience. And when some people object that someone might be mistaken—that, for example, someone might form a vivid mental image of citric acid that they are drinking, and if they are sensitive, they might even perceive the taste of lemon—I say: That is possible. But just as in ordinary life one can distinguish between merely imagined heat and the heat that affects one when one actually touches a hot iron, so too, through inner experience—if one possesses a contemplative consciousness—one can distinguish between what is merely fantasy, what is merely suggestion, and what is reality; for the apprehension of all reality is an inner experience. And it is necessary to follow things through to the end, not to stop halfway. Whoever stops where the path should actually continue may fall prey to suggestion. I therefore say: It is certainly possible, if someone is sensitive and gives in to autosuggestion, to say, “I have the thought of lemonade; I can even taste it”—but the imagined lemonade will not quench their thirst. The point is to move from the sensation of taste to quenching one’s thirst—that is, to consistently follow the path. The experience simply must be consistently pursued; then the fact that one designates something in a spiritual sense as reality is entirely the result of that experience. The designation of a sensory reality cannot, in essence, be theorized, but is rather the result of experience.

[ 29 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe Ihnen jetzt jene Geisteswissenschaft charakterisiert, zu der man kommt, wenn man ganz als moderner naturwissenschaftlicher Mensch durch das hindurchgeht, was heute das Leben darbietet. Dieses Leben hat sich ja wahrhaftig in den letzten dreißig bis fünfzig Jahren namentlich durch Umschwünge der Technik außerordentlich verändert. Wenn ich mich selbst zurückerinnere an die Jahre, wo man in Wien die erste Lehrkanzel für Technik einrichtete im Beginne der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, und [bedenke,] was alles seit jener Zeit geschehen ist, dann bekomme ich ungefähr eine Vorstellung, wie sehr sich dieser moderne Mensch verändert hat durch alles das, was hineingezogen ist in unser erkennendes, in unser sittliches, aber namentlich auch in unser soziales Leben. Derjenige, der das ehrlich mitgemacht hat, der nicht aus irgendeinem Vorurteil sagt: Ach was, diese Naturwissenschaft kann uns doch nichts geben! —, sondern der gerade auf den Standpunkt sich stellt: Die Naturwissenschaft kann uns viel geben! —, der gerade ganz mit Herz und Seele bei den Triumphen der neueren Naturwissenschaft ist, der kann dazu kommen, daß das, was der Welt geistig zugrundeliegt, auf die Art erfaßt werden muß, die ich versuchte, Ihnen heute darzustellen.

[ 29 ] Well, my esteemed audience, I have now described for you that spiritual science one arrives at when, as a modern person grounded in the natural sciences, one goes through everything that life offers today. This life has indeed changed extraordinarily over the last thirty to fifty years, particularly as a result of technological upheavals. When I think back to the years when the first chair of engineering was established in Vienna in the early 1880s, and [consider] everything that has happened since that time, then I get some idea of just how much this modern person has changed as a result of everything that has found its way into our intellectual, our moral, but especially our social life. The person who has honestly gone through this process—who does not say, out of some prejudice: “Oh, come on, natural science can’t possibly offer us anything!”—but rather takes the stance that “Natural science can offer us a great deal!”—and who is fully engaged, heart and soul, in the triumphs of modern natural science—such a person may come to realize that what underlies the world spiritually must be grasped in the way I have attempted to describe to you today.

[ 30 ] Dann schaut man wohl zurück in frühere Zeiten der Menschheitsentwicklung und sagt sich: In diesen früheren Zeiten der Menschheitsentwicklung haben die Menschen ja kaum vom Geiste gesprochen. Und die Art und Weise, wie sie vom Geiste gesprochen haben, sie ist traditionell erhalten geblieben in verschiedenen religösen Bekenntnissen, die man heute wahrhaftig, wenn man ganz ehrlich ist und nicht doppelte Buchführung des Lebens führen will, nicht mit den Ergebnissen der gewöhnlichen Naturwissenschaft vereinigen kann. Diese geistigen Erlebnisse, so muß man sagen, sind aus einer ganz anderen Bewußtseinsverfassung der Menschen entsprungen. Das, was wir gelernt haben durch die drei bis vier Jahrhunderte, in denen die naturwissenschaftlichen Methoden heraufgezogen sind, was uns geworden ist als Seelenverfasssung durch die kopernikanische, die galileische Denkweise, durch Kepler, indem wir in der neueren Zeit durchgegangen sind durch alles das, was abgezogen hat die technischen Gesetze aus naturwissenschaftlichen Gesetzen, dadurch haben wir nicht bloß Ergebnisse erlangt, dadurch ist auch die ganze zivilisierte Menschheit in einer gewissen Art erzogen worden. Die ganze Konfiguration der Seele ist eine andere geworden, wahrhaftig nicht, indem wir theoretischer geworden sind, sondern indem wir bewußter geworden sind, indem wir notwendigerweise durch die Entwicklung der Menschheit gewisse instinktive Zustände früherer Zeitalter verlassen mußten. Und wir blicken zurück auf das, was frühere Zeitalter als Geistigkeit empfunden haben, die sich in religiösen Traditionen erhalten hat, und wir sagen uns: Was damals als Geistigkeit da war, das wurde im menschlichen Instinkt erfaßt. Von dem konnte man nicht sagen, daß dazu notwendig sei ein solches Heraufheben des Bewußtseins aus den Methoden der Naturwissenschaft, aus den Methoden des sozialen Erlebens der neueren Zeit. Da sprachen die Menschen so, daß ihnen, indem sie die Naturerscheinungen sahen, gewissermaßen diese Naturerscheinungen den Geist, von dem sie redeten, mitgaben. Wie hat etwa ein alter zivilisierter Ägypter zu der Welt gestanden? Er schaute hinauf, verfolgte den Lauf der Sterne, die Konfiguration des Sternenhimmels. Er sah nicht bloß dasjenige in diesem Sternenhimmel, was Kopernikus, Galilei, Kepler gesehen haben, sondern er sah etwas, was für ihn zugleich ein Geistiges offenbarte. Geradeso wie, wenn ich meinen Arm bewege, ein Seelisch-Aktives dieser Handbewegung zugrundeliegt, so fühlte der Mensch früherer Zeitepochen in dem, was äußerlich geschah, dasjenige, was als Geistiges diesem äußerlichen Geschehen zugrundeliegt, aber instinktiv.

[ 30 ] Then one looks back on earlier periods of human development and says to oneself: In those earlier periods of human development, people hardly ever spoke of the Spirit. And the way in which they spoke of the spirit has been preserved in various religious creeds—creeds that, if one is truly honest and does not wish to lead a double life, cannot be reconciled with the findings of conventional natural science. These spiritual experiences, it must be said, sprang from an entirely different state of human consciousness. What we have learned over the course of the three to four centuries in which scientific methods have come to the fore—what has become our spiritual disposition through the Copernican and Galilean ways of thinking, through Kepler, as we have passed through in more recent times everything that has distilled the technical laws from the laws of science— has not merely yielded results; it has also, in a certain sense, shaped the entire civilized human race. The entire configuration of the soul has changed—not, in truth, because we have become more theoretical, but because we have become more conscious, because we have necessarily had to leave behind certain instinctive states of earlier ages through the development of humanity. And we look back on what earlier ages perceived as spirituality—which has been preserved in religious traditions—and we say to ourselves: What existed as spirituality back then was grasped by human instinct. Of that, one could not say that it necessarily required such an elevation of consciousness arising from the methods of the natural sciences or from the methods of social experience in more recent times. People spoke in such a way that, as they observed natural phenomena, these phenomena, as it were, imparted to them the spirit of which they spoke. How, for example, did an ancient civilized Egyptian relate to the world? He looked up, following the course of the stars and the configuration of the starry sky. He saw not only what Copernicus, Galileo, and Kepler saw in that starry sky, but he also saw something that revealed something spiritual to him. Just as when I move my arm, a spiritual-active force underlies this hand movement, so too did people of earlier eras sense, instinctively, in what was happening externally, that which, as a spiritual reality, underlies this external event.

[ 31 ] Dann kam die neuere Zeit herauf, die Zeit der Naturwissenschaft. Ich möchte sagen, wir blicken zurück auf eine lange Zeit, die eigentlich erst ihren Schluß erreichte um die Mitte des 15. Jahrhunderts, auf eine lange Zeit der Menschheitsentwicklung, in der die Menschen nicht anders konnten, als dasjenige, was sinnlich um sie herum war, zugleich als Geistiges zu sehen. Wenn wir heute von Aggregatzuständen reden, von festen, von flüssigen, von Luftformen, dann reden wir so, daß wir das Materielle ins Auge fassen. Der alte Mensch, wenn er von dem sprach, was für uns heute die Aggregatzustände sind, so waren das für ihn wohl Elemente, aber diese Elemente waren nicht bloß das Materielle, es war das Geistige, das sich in ihnen offenbarte. Was als materielle Welt den Menschen umgab, war für ihn ebenso der äußere physisch-geistige Ausdruck für das Geistig-Seelische, wie für uns der physische Organismus ein Ausdruck ist für Geistig-Seelisches — aber alles instinktiv. Dieser Weg ist notwendig verlassen worden in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, als die Menschheit überging zu etwas ganz anderem, was dann leitend wurde in der Zivilisation. Die Menschheit ging über zu dem, was das Naturanschauen heraushob aus dem bloßen Beobachten, das ja immer etwas verknüpft ist mit dem instinktiven, mit dem geistigen Schauen der Natur, was sich ja noch in dem Namen «Anschauung» verbirgt. Der Mensch ging über von dem bloßen Beobachten der Natur zu dem, was man nennen könnte experimentierendes Erfassen der Natur.

[ 31 ] Then came the modern era, the era of the natural sciences. I would like to say that we are looking back on a long period—one that actually did not come to an end until around the middle of the 15th century—a long period of human development in which people had no choice but to perceive the sensory world around them as something spiritual as well. When we speak today of states of matter—solid, liquid, and gaseous forms—we do so in a way that focuses on the material. For people of the past, when they spoke of what we today call states of matter, these were indeed elements to them, but these elements were not merely material; it was the spiritual that revealed itself through them. What surrounded human beings as the material world was for them just as much the outer, physical-spiritual expression of the spiritual-soul aspect as the physical organism is for us an expression of the spiritual-soul aspect—but all of this was instinctive. This path has necessarily been abandoned over the last three to four centuries, as humanity transitioned to something entirely different, which then became the guiding force in civilization. Humanity moved on to what the contemplation of nature distinguished from mere observation—which is, after all, always linked to the instinctive, to the spiritual contemplation of nature, as is still implied in the term “contemplation.” Human beings moved from the mere observation of nature to what one might call the experimental grasping of nature.

[ 32 ] Seit Bacon und andere gewirkt haben, ist an die Stelle der bloßen Naturbeobachtung das experimentierende Erfassen der Natur getreten. Wir machen im Laboratorium, im physikalischen Kabinett das Experiment, das wir dann auf die technische Arbeit ausdehnen. In dem, was wir selber als Bedingung hervorbringen für irgendein natürliches Geschehen, überschauen wir eben diese Bedingungen. Durch das Experiment sind wir in einer anderen Lage als bei der bloßen Naturbeobachtung. In der Natur kann ich nicht wissen, ob das, was sich mir da enthüllt, sei es für meinen Verstand oder für meine Phantasie, ob das auch irgendeine Totalität ist oder ob ich mich hineinvertiefen muß, viel, viel tiefer, als sich mir zunächst die Sache darstellt. Kurz, trotz allem genauen Beobachten bleibt dasjenige, was ich in der Natur beobachte, wie ein Unbekanntes vor mir. Wenn ich das Experiment vor mir habe, stelle ich die Bedingungen selber her; ich verfolge, wie das eine aus dem andern hervorgerufen wird, und das, was dann noch unbekannt ist, ist im Grunde das, was eigentlich interessiert. Wer ein Experiment zusammenstellt und zuletzt beobachtet, was beobachtet werden kann, der hat eigentlich im Auge das Ergebnis dessen, was aus den für ihn überschaubaren Bedingungen folgt. Es ist im Experiment alles in einer ganz anderen Weise durchsichtig als das, was ich in der Natur beobachte.

[ 32 ] Since the time of Bacon and others, the mere observation of nature has been replaced by the experimental understanding of nature. We conduct experiments in the laboratory and in the physics lab, which we then apply to technical work. In the conditions we ourselves create for any natural phenomenon, we are able to grasp precisely these conditions. Through experimentation, we find ourselves in a different position than we are in mere observation of nature. In nature, I cannot know whether what is revealed to me—whether to my intellect or to my imagination—constitutes some kind of totality, or whether I must delve much, much deeper than the matter initially appears to me. In short, despite all careful observation, what I observe in nature remains an unknown to me. When I conduct an experiment, I set the conditions myself; I track how one thing is brought about by another, and what remains unknown is, in essence, what is actually of interest. Anyone who sets up an experiment and ultimately observes what can be observed actually has in mind the result of what follows from the conditions that are comprehensible to them. In an experiment, everything is transparent in a completely different way than what I observe in nature.

[ 33 ] Und so haben sich die Menschen allmählich daran gewöhnt, in dem überschaubaren Experiment den Interpreten der Natur zu haben, gewissermaßen das Naturgesetz da zu verfolgen, wo man die Bedingungen seiner Offenbarung selber verfolgen kann. Diese experimentierende Methode ist aber noch immer verknüpft mit einer gewissen inneren Sehnsucht, die früher das Erkennen durch und durch getragen hat. In jenen alten Zeiten, als es noch keine Technik, noch keine Naturwissenschaft in unserem Sinne gegeben hat, war dasjenige, was man als Wissenschaft betrachtete, vor allen Dingen aus der Erkenntnis-Sehnsucht hervorgegangen, aus der Sehnsucht, zu erkennen, zu erforschen, «was die Welt im Innersten zusammenhält», wenn ich mich so ausdrücken darf. Jetzt, nachdem die experimentierende Methode aufgetreten ist, ist es nicht die ErkenntnisSehnsucht allein, sondern die Sehnsucht, das nachzuschaffen, was die Natur bildet. Aber es lebt die alte Erkenntnis-Sehnsucht noch fort. Man schafft das nach, was man im Experiment vor sich haben will, um durch das, was man da überschaubar hat, die Natur selber zu enträtseln. So ist mit einer gewissen Selbstverständlichkeit in der neueren Zeit aus dieser experimentierenden Methode die Technik erwachsen, und mit der Technik haben wir eine neue Phase begonnen.

[ 33 ] And so people have gradually become accustomed to having nature as their guide in this manageable experiment—to observing the laws of nature, as it were, in a setting where they can themselves observe the conditions under which those laws manifest. This experimental method, however, is still linked to a certain inner longing that once underpinned knowledge through and through. In those ancient times, when there was still no technology, no natural science as we understand it, what was regarded as science had arisen above all from the longing for knowledge—from the longing to understand, to explore “what holds the world together at its core,” if I may put it that way. Now, since the experimental method has emerged, it is no longer the longing for knowledge alone, but the longing to recreate what nature creates. Yet the old longing for knowledge still lives on. One recreates what one wishes to have before one in the experiment, in order to unravel nature itself through what one has there within one’s grasp. Thus, in more recent times, technology has emerged quite naturally from this experimental method, and with technology we have entered a new phase.

[ 34 ] Wir können also sagen: In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit haben wir zuerst das von ErkenntnisSehnsucht bestimmte Forschen, dann die experimentierende Methode, die in sich aber mit dem Nachschaffen der Natur noch immer die Sehnsucht des alten Erkenntnisstrebens vereint. Indem wir aber übergingen — man braucht nur zu verfolgen, was eigentlich geschehen ist — von dem, was man erleben kann mit dem Experiment, zu dem, was dann aus dem Experiment heraus mit den erkannten Naturgesetzen durch die technischen Gestaltungen geschieht, die so tief eingreifen in das menschliche, in das soziale Leben, da müssen wir uns sagen: Da ist ein Drittes vorhanden, das übergeht von dem, was wir im Nachschaffen der Natur noch haben, zu dem, was nun schaffend im Menschen selber ist. Dieses Schaffende — ich glaube nicht, daß ich zu ganz unempfindsamen Seelen spreche, wenn ich von diesem Schaffenden das folgende sage: Derjenige, der mit jenem eigentümlichen Duktus, mit jener eigentümlichen Seelenverfassung gerade eine technische Schulung durchmacht, der fühlt sich anders in dieser Schulung drinnen als jemand, der etwa eine theologische Schulung, die eine Nachbildung der ältesten Erkenntnismethoden ist, oder eine schon experimentierende naturwissenschaftliche Schulung durchmacht. Wer eine experimentierende naturwissenschaftliche Schulung durchmacht, der wendet das Mathematische, das Geometrische, das Theoretisch-Mechanische, das Phorometrische und so weiter auf das an, was er dort beobachtet. Er rechnet die Natur gewissermaßen nach.

[ 34 ] We can therefore say: In the history of human development, we first have research driven by a longing for knowledge, then the experimental method, which, however, still combines within itself the longing of the old quest for knowledge with the recreation of nature. But as we moved on—one need only trace what actually happened—from what can be experienced through experimentation to what then arises from experimentation, based on the recognized laws of nature, through technical designs that intervene so deeply in human and social life, we must acknowledge: There is a third element present that transitions from what we still have in the recreation of nature to what is now creative within human beings themselves. This creative force—I do not believe I am speaking to entirely insensitive souls when I say the following about it: Anyone who is undergoing technical training with that distinctive style, with that distinctive state of mind, feels differently within this training than someone who is, for example, undergoing theological training—which is a reproduction of the oldest methods of knowledge—or experimental scientific training. Those who undergo experimental scientific training apply mathematics, geometry, theoretical mechanics, phorometry, and so on to what they observe there. They, so to speak, calculate nature.

[ 35 ] Auf einem ganz anderen Bewußtseinsstandpunkt steht man, wenn man zunächst das vor sich hat, was gewissermaßen ganz innerlich durchschaubar ist: das Mathematische, das Geometrische —, und wenn man das nicht nur im Experiment anwendet, also im Nachbilden der Natur, sondern wenn man es in völlig freiem Schaffen auf die Gestaltung von Maschinen anwendet, Wenn man sieht, daß das, was man erlebt hat als Mathematik, als theoretisch-mechanistische Chemie, hinausdringt in die Gestaltung eines technischen Gebildes, da erlebt man in einer ganz anderen Weise die Welt, als der bloße Naturforscher oder der theoretisierende Techniker sie erlebt.

[ 35 ] One occupies an entirely different state of consciousness when one is first confronted with what is, in a sense, completely transparent from within: mathematics, geometry—and when one applies this not only in experimentation—that is, in the reproduction of nature—but also applies it in completely free creation to the design of machines, When one sees that what one has experienced as mathematics and as theoretical-mechanistic chemistry extends into the design of a technical structure, one experiences the world in a completely different way than the mere natural scientist or the theorizing engineer does.

[ 36 ] Was ist der eigentliche Unterschied? Eines berücksichtigt man oftmals nicht. Denken Sie sich einmal, wir bezeichnen im gewöhnlichen trivialen Leben alles mögliche als «wirklich», auch das, was in einem höheren Sinne nicht wirklich ist. Wir nennen eine Rose «wirklich». Ist denn eine Rose in einem höheren Sinne wirklich? Wenn ich sie hier vor mir habe, abgerissen vom Rosenstamm, kann sie nicht leben. Sie kann nur so gestaltet sein, wie sie ist, wenn sie am Rosenstamm wächst, wenn sie aus der Rosenwurzel heraus wächst. Indem ich sie abschneide, habe ich eigentlich vor mir eine reale Abstraktion, etwas, was so, wie ich es vor mir habe, gar nicht bestehen kann. Das ist aber bei jedem Naturgebilde in einer gewissen Weise so. Wenn ich ein Naturgebilde betrachte, selbst einen Kristall, bei dem es noch am wenigsten der Fall ist, kann ich ihn nicht verstehen, wenn ich bloß auf ihn hinschaue, weil er im Grunde genommen ebensowenig aus sich selbst bestehen kann wie die Rose. Ich müßte also sagen: Dieser Kristall ist nur möglich in der ganzen Umgebung, indem er vielleicht in einer Druse herausgewachsen ist in der Gebirgsformation.

[ 36 ] What is the real difference? There is one thing we often fail to consider. Just think about it: in our ordinary, everyday lives, we call all sorts of things “real”—even things that, in a higher sense, aren’t really real. We call a rose “real.” But is a rose really real in a higher sense? When I have it here in front of me, torn from the rose stem, it cannot live. It can only be the way it is when it grows on the rose stem, when it grows from the rose root. By cutting it off, I actually have before me a real abstraction—something that, as I have it before me, cannot exist at all. But this is true, in a certain sense, of every natural formation. When I look at a natural formation—even a crystal, where this is least the case—I cannot understand it merely by looking at it, because, fundamentally, it can no more exist on its own than the rose can. So I would have to say: This crystal is only possible within its entire environment, having perhaps grown out of a druse in the mountain formation.

[ 37 ] Wenn ich aber das vor mir habe, was ich selber geformt habe als ein technisches Gebilde, so stehe ich dazu anders. Das kann man empfinden, sogar empfinden als etwas radikal Bedeutsames im Erleben des modernen Menschen, der aus seiner technischen Bildung heraus hinblickt auf das, was die Technik in dem modernen Leben geworden ist. Wenn ich ein technisches Gebilde habe, das ich herauskonstruiert habe aus der Mathematik, aus der theoretischen Mechanik, da habe ich etwas vor mir, was in sich abgeschlossen ist. Und lebe ich in dem, was im Grunde genommen der Umfang alles technischen Schaffens ist, so habe ich nicht bloß ein Abbild der Naturgesetze vor mir, sondern in dem, was aus den Naturgesetzen heraus zu technischen Gebilden geworden ist, steht tatsächlich etwas Neues vor mir da. Es ist etwas anderes, was da als Gesetze den technischen Gebilden zugrundeliegt, als das, was auch der unorganischen Natur zugrundeliegt. Es ist nicht bloß so, daß die Gesetze der unorganischen Natur einfach übertragen werden, sondern so, daß der ganze Sinn des Gebildes gegenüber dem Kosmos ein anderer wird, indem ich als frei schaffender Mensch das, was ich sonst erlebe, aus der Gestaltung physikalischer oder chemischer Untersuchungen heraus in das technische Gebilde hineinversetze.

[ 37 ] But when I have before me something I myself have shaped as a technical construct, my attitude toward it is different. One can sense this—indeed, perceive it as something radically significant in the experience of modern human beings, who, drawing on their technical education, look upon what technology has become in modern life. When I have a technical construct that I have engineered from mathematics and theoretical mechanics, I have before me something that is self-contained. And if I live within what is, in essence, the realm of all technical creation, then I have before me not merely a reflection of the laws of nature, but in what has emerged from the laws of nature to become technical constructs, there is in fact something new standing before me. The laws underlying these technical constructs are different from those underlying inorganic nature. It is not merely a matter of the laws of inorganic nature being simply transferred, but rather that the entire meaning of the structure in relation to the cosmos becomes different, in that I, as a freely creative human being, transpose what I otherwise experience—derived from the structure of physical or chemical investigations—into the technical structure.

[ 38 ] Damit kann man aber sagen: Indem die moderne Menschheit dazu gelangt ist, das Technische herausgezogen zu haben aus dem ganzen Umfang des Natürlichen, indem wir lernen mußten in der neueren Zeit, im Gebiet des Technischen so zu leben, daß wir mit dem menschlichen Bewußtsein in einem ganz anderen Verhältnis zum Technischen stehen als zu dem in der Natur Hervorgebrachten, sagen wir uns: Jetzt ist es zum ersten Mal, daß wir vor einer Welt stehen, die nun gewissermaßen seelisch durchsichtig ist. Die Welt der Naturforschung ist in einer gewissen Weise seelisch undurchsichtig; man blickt nicht auf den Grund. Die Welt des Technischen ist so wie ein durchsichtiger Kristall — natürlich seelisch verstanden. Damit ist wirklich eine neue Stufe der geistigen Entwicklung der Menschheit gerade mit der modernen Technik erstiegen. Damit ist etwas anderes eingezogen in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Deshalb haben sich auch moderne Philosophen nicht zu helfen gewußt mit dem, was da in diesem modernen Bewußtsein gerade durch die Triumphe der Technik entstanden ist. Ich darf vielleicht hinweisen darauf, wie wenig die rein philosophische, spekulative Denkweise anzufangen wußte mit dem, was gerade von der Technik her das moderne Menschheitsbewußtsein ergriffen hat. Wir werden ja heute viel mehr ergriffen von dem, was ausgeht von leitenden, führenden Strömungen der Menschheitsentwicklung, als wir glauben. Dasjenige, was heute allgemeines Bewußtsein ist, war noch nicht da, als es noch kein Zeitungswesen gab, als der einzige geistige Verkehr der war, daß die Leute am Sonntag in der Kirche den Pfarrer von der Kanzel reden hörten. Das, was heute allgemeine Bildung ist, das fließt durch gewisse Kanäle von den führenden Strömungen in die breiten Massen hinein, ohne daß man sich dessen bewußt ist. Und so hat im Grunde genommen das, was durch das technische Bewußtsein gekommen ist, im Verlaufe einer sehr kurzen Zeit die Formen der Gedanken der breitesten Massen geprägt; es lebt in den breitesten Massen, ohne daß diese es wissen.

[ 38 ] But this leads us to say: Since modern humanity has succeeded in separating technology from the entire realm of nature, and since we have had to learn in recent times to live within the realm of technology in such a way that our human consciousness stands in a completely different relationship to technology than to what nature produces, we say to ourselves: Now, for the first time, we stand before a world that is, in a sense, spiritually transparent. The world of natural science is, in a certain way, spiritually opaque; one cannot see to the bottom of it. The world of technology is like a transparent crystal—understood, of course, in a spiritual sense. With modern technology, a truly new stage in humanity’s spiritual development has thus been reached. With this, something new has entered the history of human development. That is why even modern philosophers have been at a loss to deal with what has arisen in this modern consciousness precisely through the triumphs of technology. I might perhaps point out how little the purely philosophical, speculative mode of thinking has been able to make sense of what has seized modern human consciousness precisely through technology. After all, we are far more influenced today by the leading currents of human development than we realize. What is now part of general consciousness did not yet exist when there were no newspapers, when the only form of intellectual exchange was people listening to the pastor speak from the pulpit on Sundays in church. What constitutes general education today flows through certain channels from the leading currents into the broad masses without people being aware of it. And so, essentially, what has emerged through technical consciousness has, in the course of a very short time, shaped the thought patterns of the broadest masses; it lives within the broadest masses without them even knowing it.

[ 39 ] Und so können wir sagen, daß da etwas ganz Neues eingezogen ist. Und da, wo sich ein Bewußtsein ganz einseitig gemacht hat — was wir in Europa glücklicherweise noch nicht erreicht haben —, wo sich ein Bewußtsein ganz einseitig, geradezu besessen gemacht hat von diesem Abgezogenen, da trat eine merkwürdige philosophische Richtung auf, der sogenannte Pragmatismus des William James und anderer, der da sagt: Wahrheit, Ideen, welche bloß Wahrheit sein wollen, das ist überhaupt etwas Unwirkliches. In Wahrheit ist bloß dasjenige Wahrheit, von dem wir sehen, daß es verwirklicht werden kann. — Wir bilden uns als Menschen gewisse Ziele; wir formen danach die Wirklichkeit. Und wenn wir uns sagen: das oder jenes ist nach einem Naturgesetze wirklich —, so bilden wir daraus ein entsprechendes Gebilde. Können wir in der Maschine, in der Mechanik das verwirklichen, was wir uns vorstellen, so ist für uns durch die Anwendung im Leben erwiesen, daß das Wahrheit ist. Aber es gibt keinen anderen Beweis als den der Anwendung im Leben. Und so ist nur dasjenige, was wir im Leben verwirklichen können, wahr. — Der sogenannte Pragmatismus, der alles logische innerliche Verfolgen der Wahrheit ableugnet und eigentlich nur die Bewahrheitung der Wahrheit durch das, was außen sich vollzieht, gelten läßt, figuriert heute in den breitesten Kreisen als amerikanische Philosophie. Und das ist etwas, was auch in Europa einige Leute seit Jahrzehnten, auch schon vor dem Kriege, ergriffen hatte.

[ 39 ] And so we can say that something entirely new has taken hold. And where consciousness has become entirely one-sided—which, fortunately, we have not yet reached in Europe—where consciousness has become entirely one-sided, downright obsessed with this abstract concept, a peculiar philosophical movement emerged: the so-called pragmatism of William James and others, which asserts: Truth, ideas that merely seek to be truth—these are, in general, something unreal. In truth, the only thing that is truth is that which we see can be realized. — As human beings, we set certain goals for ourselves; we shape reality accordingly. And when we say to ourselves: this or that is real according to a law of nature—we form a corresponding construct from it. If we can realize in machinery, in mechanics, what we imagine, then its application in life proves to us that it is true. But there is no other proof than that of its application in life. And so only that which we can realize in life is true. — So-called pragmatism, which denies any logical, internal pursuit of truth and essentially accepts only the verification of truth through what takes place externally, is regarded today in the broadest circles as American philosophy. And this is something that has also taken hold of some people in Europe for decades, even before the war.

[ 40 ] Alle diejenigen, die Philosophen sind und noch in den alten Bahnen fortdenken wollen, die wissen nichts anderes anzufangen mit dem, was als neuere Technik, als das Bewußtsein der neueren Technik aufgetreten ist, als den Wahrheitsbegriff überhaupt abzusetzen. Indem sie herausgetreten sind aus dem instinktiven Erfassen der Natur, aus dem experimentierenden Nachschaffen der Natur, zu dem freien Gestalten der Natur, ist ihnen nichts geblieben als das freie äußere Gestalten. Das innere Erleben der Wahrheit, jenes seelische In-sich-Erleben desjenigen, was als Geistiges die Seele durchziehen kann, das wird damit eigentlich geleugnet, und nur das, was in den äußeren zweckmäßigen Gebilden verwirklicht werden kann, das gilt als Wahrheit. Das heißt, der in der menschlichen Seele sich selber tragende Wahrheitsbegriff ist eigentlich abgesetzt.

[ 40 ] All those who are philosophers and still wish to continue thinking along the old lines know of no other way to deal with what has emerged as modern technology—and as an awareness of modern technology—than to abandon the very concept of truth. By stepping out of the instinctive grasping of nature, out of the experimental recreation of nature, and into the free shaping of nature, they have been left with nothing but free external shaping. The inner experience of truth—that spiritual experience within oneself of what, as something spiritual, can permeate the soul—is thereby effectively denied, and only that which can be realized in external, functional structures is regarded as truth. This means that the concept of truth, which is self-sustaining within the human soul, is effectively set aside.

[ 41 ] Nun, es ist auch eine andere Entwicklung möglich; es ist die Entwicklung möglich, daß wir erleben, wie sich in der eigentlichen Substanz der technischen Gebilde etwas abhebt von dem Natürlichen, in dem jetzt nichts mehr drinnen steckt, was wir erahnen können, sondern nur das, was wir überschauen können. Denn wenn wir es nicht überschauen, können wir es nicht gestalten. Indem wir dies erleben, indem wir uns gerade richtig durchdringen mit dem, was daran erlebt werden kann, muß in uns umso mehr erwachen ein gewisses Bedürfnis. Diese neue Außenwelt, die zeigt sich uns ohne die innere Bewahrheitung der Ideen, die zeigt sich uns ohne das innere Erleben der Ideen. Daher werden wir durch dieses neue Erleben vorbereitet zum reinen Erleben desjenigen, was Geistigkeit ist, desjenigen, was der Mensch, abgezogen von allem äußeren Beobachten, so im Innern erleben muß, wie ich es am Beginne meiner heutigen Betrachtungen versuchte, Ihnen skizzenhaft darzustellen.

[ 41 ] Well, another development is also possible; it is possible that we will experience how, within the very substance of technical structures, something becomes distinct from the natural—something in which there is now nothing left that we can intuit, but only what we can comprehend. For if we cannot grasp it, we cannot shape it. As we experience this, as we allow ourselves to be thoroughly permeated by what can be experienced in it, a certain need must awaken within us all the more. This new external world reveals itself to us without the inner verification of ideas; it reveals itself to us without the inner experience of ideas. Therefore, this new experience prepares us for the pure experience of what spirituality is—that which the human being, stripped of all external observation, must experience within, as I attempted to sketch out for you at the beginning of my reflections today.

[ 42 ] Und so glaube ich, daß, weil wir in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit vorgedrungen sind zu einer Anschauung von jener Wirklichkeit, die wir äußerlich überschauen können, wo wir nicht mehr mit Äußerlichkeit irgendein Dämonisches, Gespenstiges sehen können, weil wir dazu gelangt sind endlich, das äußere Sinnliche nicht mehr so deuten zu können, daß wir sagen, es ist uns undurchsichtig und wir können dahinter irgend etwas Geistiges vermuten —, so müssen wir in uns die Kräfte für den Geist durch die eigene Entwicklung der Seele zu finden suchen.

[ 42 ] And so I believe that, because we have advanced in the history of human development to a view of that reality which we can survey from the outside—where we can no longer perceive anything demonic or ghostly in the external world—because we have finally reached the point where we can no longer interpret the external sensory world in such a way that we say, it is opaque to us and we can surmise that there is something spiritual behind it—we must seek within ourselves the powers for the spirit through the soul’s own development.

[ 43 ] Mir hat es immer so geschienen, als ob ein wirklich ehrliches Erleben jenes Bewußtseins, das uns gerade aus der Technik zukommt, uns auffordert — weil uns sonst das, was mit unserer Menschennatur innig verknüpft ist, geradezu verloren gehen müßte —, dasjenige, was Geistigkeit ist, nun im Innern zu erleben, um so zu dem einen Pol der durchschaubaren Mechanik, der durchschaubaren Chemie dasjenige hinzuzufügen, was nun mit Geistesschau erlangt werden kann, was sich im Geiste vor die Menschen hinstellen kann. Mir scheint, daß es in unserer Zeit notwendig ist, daß sich offenbart die Geistesschau der Anthroposophie, aus dem Grunde, weil wir eben eine bestimmte Entwicklungstufe in der Menschheitsgeschichte erlangt haben.

[ 43 ] It has always seemed to me that a truly honest experience of that consciousness which comes to us precisely through technology calls upon us—because otherwise what is intimately linked to our human nature would be virtually lost—to experience that which is spirituality —so that we might add to the one pole of transparent mechanics and transparent chemistry that which can now be attained through spiritual insight, that which can present itself to humanity in the spirit. It seems to me that in our time it is necessary for the spiritual vision of anthroposophy to be revealed, precisely because we have now reached a certain stage of development in human history.

[ 44 ] Und ein anderes, verehrte Anwesende, kommt noch hinzu: Mit dieser neueren Technik ist zu gleicher Zeit ein neues soziales Leben heraufgezogen. Ich brauche es nicht zu schildern, wie gerade die moderne Technik den modernen Industrialismus geschaffen hat, wie diese moderne Technik das moderne Proletariat hervorgebracht hat in der Gestalt, wie es heute ist. Aber mir kommt es vor, daß, wenn man sich nur auf den Standpunkt der früheren wissenschaftlichen Methode stellen will, auf den Standpunkt desjenigen, was aus der Beobachtung hervorgeht, dann unsere Gedanken zu kurz werden. Wir kommen nicht dazu, dasjenige zu umfassen, was im sozialen Leben wirklich sich offenbart. Um zu erfassen, was im sozialen Leben aus dem Menschlichen hervorgeht, dazu ist notwendig, daß wir zu Wahrheiten kommen, die sich nur durch die Menschennatur selber offenbaren. Und so glaube ich, daß der Marxismus und andere ähnliche Quacksalbereien, die heute die Menschen in solchen Aufruhr versetzen, nur wird überwunden werden können, wenn man besondere Methoden, die gefunden werden als notwendigen Gegenpol zur Technik, anwendet auf das, was soziales Leben der Menschen ist, und wenn man dadurch wird hineintragen können in das äußere Leben, in die breiten Massen Geistigkeit, weil man selbst diese Geistigkeit durch inneres Erleben gefunden hat.

[ 44 ] And there is another point, distinguished guests: Along with this newer technology, a new social life has emerged. I need not describe how modern technology in particular has created modern industrialism, or how this modern technology has brought forth the modern proletariat in the form it takes today. But it seems to me that if one insists on adopting only the standpoint of the earlier scientific method—the standpoint of what emerges from observation—then our thinking falls short. We fail to grasp what truly manifests itself in social life. To comprehend what emerges from the human condition in social life, it is necessary for us to arrive at truths that are revealed only through human nature itself. And so I believe that Marxism and other similar quackories, which are causing such turmoil among people today, can only be overcome if we apply specific methods—which are found to be a necessary counterbalance to technology—to what constitutes human social life, and if, through this, one is able to bring spirituality into outward life, into the broad masses, because one has oneself found this spirituality through inner experience.

[ 45 ] Deshalb ist es nicht ein Zufall, daß aus demselben Grund und Boden heraus, aus dem sich mir die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ergeben hat, auch das erwachsen ist— für mich wahrhaftig ungesucht —, was ich darzustellen versuchte in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ich versuchte einfach die Konsequenzen zu ziehen aus dem, was geisteswissenschaftliches Erkennen ist für das soziale Leben. Und es ergab sich mir das ganz von selbst, was ich in diesem Buche dargestellt habe.

[ 45 ] It is therefore no coincidence that from the very same soil from which my anthroposophically oriented spiritual science arose, there has also grown—truly without my seeking it—what I attempted to present in my book *The Key Points of the Social Question*. I simply tried to draw the conclusions from what spiritual-scientific knowledge means for social life. And what I presented in this book emerged quite naturally for me.

[ 46 ] Ich glaube nicht, daß man ohne Geisteswissenschaft die Methoden finden kann, die erfassen, wie Mensch zu Mensch steht im sozialen Leben. Und ich glaube, daß, weil wir heute noch nicht dazu gelangt sind, das soziale Leben zu erkennen, sich dieses Leben selber von uns nicht bezwingen läßt und daß wir deshalb in dem Moment, wo nach der furchtbaren Kriegskatastrophe die Menschen vor die Notwendigkeit gestellt sind, einen Neuaufbau zu vollziehen, zunächst in ein Chaos hineingekommen sind. Es ist notwendig, das, was vollzogen werden soll, aus geistigen Gesetzen heraus zu vollziehen, nicht aus demjenigen Gesetz heraus, das ein mißverständliches Erkennen glaubt, auf Naturgesetze begründen zu können, wie es im Marxismus und anderen radikalen Ausgestaltungen der sozialen Wissenschaft der Fall ist.

[ 46 ] I do not believe that, without the humanities, one can find methods that capture how people relate to one another in social life. And I believe that, because we have not yet reached the point of understanding social life, this life itself cannot be mastered by us, and that we have therefore, at the very moment when—following the terrible catastrophe of war—people are faced with the necessity of rebuilding, initially fallen into chaos. It is necessary to carry out what is to be accomplished on the basis of spiritual laws, not on the basis of that law which a misguided understanding believes it can ground in the laws of nature, as is the case in Marxism and other radical forms of social science.

[ 47 ] So, meine sehr verehrten Anwesenden, durfte ich wohl gerade vor Ihnen etwas begründen, was für mich im Grunde genommen etwas recht Persönliches ist. Und ich darf sagen: Ich fühle mich, indem ich vor Ihnen gesprochen habe, in diesem Moment zurückversetzt in eine frühere Zeit, in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, wo wir in Mitteleuropa uns in eine Zeit hineinlebten, die von allen empfunden wurde als eine Zeit des Aufstieges. Wir — diejenigen Menschen, die so wie ich sind, indem sie alt geworden sind — wir sind heute angelangt an einem Zeitpunkt, wo das, was dazumal an Lenzeshoffnungen aufgetaucht ist, in einer gewissen, recht tragischen Gestalt vor unserem geistigen Auge steht. Diejenigen, die zurückblicken auf das, was dazumal wie ein unbesiegbarer Aufstieg erschien, die blicken heute auf etwas zurück, worin sich für viele Menschen etwas offenbart, was doch in vieler Hinsicht ein Irrtum war.

[ 47 ] So, my esteemed audience, I have just had the opportunity to explain to you something that is, at its core, quite personal to me. And I must say: Having spoken before you, I feel transported back at this very moment to an earlier time, to the 1880s, when we in Central Europe were living through a period that was perceived by all as a time of ascendancy. We—those of us who, like me, have grown old—have now reached a point where what once emerged as hopes of spring now stands before our mind’s eye in a certain, rather tragic form. Those who look back on what once seemed like an invincible ascent now look back on something that, for many people, reveals itself to have been, in many respects, a mistake.

[ 48 ] Indem ich zu Ihnen spreche, spreche ich zu Kommilitonen, welche in einer anderen Lage sind. Viele unter Ihnen sind wohl in dem Alter, wo ich jene Lenzeshoffnung erlebt habe; jetzt erleben sie etwas, was sehr unähnlich ist den Phantasien, die dazumal aus den Lenzeshoffnungen heraus vor die menschliche Seele getreten sind. Aber derjenige, der so erfüllt ist von der Möglichkeit und Notwendigkeit geistigen Erkennens wie der, der vor Ihnen spricht, der kann niemals pessimistisch sein gegenüber der Kraft der Menschennatur; der kann nur optimistisch sein. Und deshalb erscheint es mir durchaus nicht als etwas, was ich nicht als ein Mögliches vor meine Seele hinstelle, daß, wenn Sie einmal das Alter erreicht haben, in dem ich heute vor Ihnen spreche, Sie den umgekehrten Weg durchgemacht haben — jenen umgekehrten Weg, der aus der Kraft der menschlichen Seele, vor allen Dingen aus der Geisteskraft der menschlichen Seele, nun wiederum aufwärts führt. Und weil ich an den Menschen glaube aus Geist-Erkenntnis heraus, so glaube ich, daß man nicht reden kann wie Spengler von einem Untergang, einem Tod der abendländischen Zivilisation. Sondern indem ich an die Kraft der Seele glaube, die in Ihnen lebt, glaube ich, daß wir wiederum zu einem Aufstieg kommen müssen. Denn dieser Aufstieg wird nicht von einem leeren Phantom bewirkt, sondern vom menschlichen Willen. Und ich glaube so stark an die Wahrheit der Ihnen geschilderten Geisteswissenschaft, daß ich überzeugt davon bin: Dieser Wille der Menschen kann getragen werden, kann einen neuen Aufstieg bewirken, kann eine neue Morgenröte bewirken. Und deshalb, meine verehrten Anwesenden, möchte ich schließen mit dem Wort, das mir in die Ohren tönte als jungem Studenten, als der neue Rektor für Mechanik und Maschinenbau in Wien seine Rektorats-Antrittsrede hielt, dazumal für Menschen, die auch an einen neuen Aufstieg glaubten, und mit Recht daran glaubten, wenn auch nachher nur einseitig ein technischer Aufstieg, nicht ein sozialer, nicht ein politischer Aufstieg kam. Jetzt aber stehen wir in einem Zeitraum, in dem wir ja, wenn wir nicht verzweifeln wollen, nur an einen Aufstieg denken können, denken müssen. Deshalb sage ich, was jener Mann dazumal zu uns jungen Leuten gesagt hat: «Kommilitonen, ich schließe damit, daß derjenige, der ehrlich empfindet mit der Entwicklung der Menschheit gegenüber dem, was entstehen soll aus aller Wissenschaft, aus aller Technik, daß der nur sagen kann: Immer vorwärts!»

[ 48 ] As I speak to you, I am speaking to fellow students who are in a different situation. Many of you are probably at the age when I experienced that “Lenzeshoffnung”; now you are experiencing something very unlike the fantasies that once emerged from those springtime hopes and presented themselves to the human soul. But anyone who is as filled with the possibility and necessity of spiritual knowledge as the one speaking before you can never be pessimistic about the power of human nature; such a person can only be optimistic. And that is why it does not at all strike me as something I cannot conceive of—that once you have reached the age at which I am speaking to you today, you will have traveled the reverse path—that reverse path which, drawing on the power of the human soul, above all on the spiritual power of the human soul, now leads upward once more. And because I believe in humanity out of spiritual insight, I believe that one cannot speak, as Spengler does, of a decline, of a death of Western civilization. Rather, because I believe in the power of the soul that lives within you, I believe that we must once again achieve an ascent. For this ascent is not brought about by an empty phantom, but by the human will. And I believe so strongly in the truth of the spiritual science I have described to you that I am convinced: this human will can be sustained, can bring about a new ascent, can bring about a new dawn. And therefore, distinguished guests, I would like to conclude with the words that rang in my ears as a young student, when the new dean of mechanics and mechanical engineering in Vienna delivered his inaugural address—at that time to people who also believed in a new rise, and rightly so, even if what followed was ultimately only a one-sided technological advancement—not a social one, nor a political one. But now we find ourselves in an era in which, if we do not wish to despair, we can—and must—think only of progress. That is why I say what that man said to us young people back then: “Fellow students, I conclude by saying that anyone who sincerely feels, in light of humanity’s development and what is to emerge from all science and all technology, can only say: Always forward!”

Aussprache

Pronunciation

[ 49 ] Frage: Was berechtigt uns dazu, wenn wir über die Grenzen des Denkens hinausgehen, die Einheit des Denkens zu verlassen und vom Denken zur Meditation überzugehen?

[ 49 ] Question: When we go beyond the limits of thought, what justifies our leaving the unity of thought and moving from thought to meditation?

[ 50 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es handelt sich, wie mir scheint, bei dieser Frage um etwas sehr Bedeutsames, das allerdings in seiner Gänze nur durch gründliche erkenntnistheoretische und erkenntniskritische Betrachtung verständlich gemacht werden kann. Ich will aber versuchen, ein wenig auf das eine oder andere hinzuweisen, das für die Beantwortung dieser Frage in Betracht kommt.

[ 50 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! It seems to me that this question concerns something very significant, which, however, can only be fully understood through a thorough epistemological and critical examination of knowledge. I will, however, attempt to point out a few things that are relevant to answering this question.

[ 51 ] Da darf ich vielleicht aufmerksam machen auf das letzte Kapitel, das ich angefügt habe der zweiten Auflage meines Buches «Die Rätsel der Philosophie», worin ich dargestellt habe den Entwicklungsgang der Philosophie selber und worin ich dann versuchte zu zeigen, wie gerade im gegenwärtigen Augenblick der menschheitlichen Entwicklung die Philosophie an dem Punkt angekommen ist, gewissermaßen aus sich selbst heraus dieses Hinausgehen des Denkens über denjenigen Standpunkt des Denkens zu fordern, der gerade sich einstellt, wenn man an den Grenzen des Naturerkennens angelangt ist. Ich habe dazumal versucht, folgendes zu zeigen:

[ 51 ] Perhaps I should draw attention to the final chapter I added to the second edition of my book *The Riddles of Philosophy*, in which I outlined the course of philosophy’s development and attempted to show how, precisely at this moment in human development, philosophy has reached the point where—as it were, of its own accord—it demands that thought go beyond the very standpoint of thought that arises when one reaches the limits of knowledge of nature. At that time, I attempted to demonstrate the following:

[ 52 ] Die Menschen können, wenn sie die Erkenntnismethoden genau studieren, wie etwa der große Physiologe Du Bois-Reymond dies getan hat, ganz bis zu dem Gesichtspunkt kommen, den Du Bois-Reymond in seiner Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf der berühmten Naturforscherversammlung in Leipzig ausgesprochen hat und auch wiederholt hat in der Rede über «Die sieben Welträtsel». Ich will nur kurz darauf hinweisen, daß dazumal Du Bois-Reymond davon sprach, daß man mit der Anwendung desjenigen, was hier «das einheitliche Denken» genannt worden ist, dazu kommt, den sogenannten Laplaceschen Geist auszubilden, das heißt, ein solches Denken über die Materie zu entwickeln, wie es dann möglich ist, wenn man mit den astronomischmathematischen Methoden den Lauf der Planeten eines Sonnensystems zu erfassen sucht.

[ 52 ] If people study the methods of knowledge closely—as the great physiologist Du Bois-Reymond did—they can arrive at the very same point of view that Du Bois-Reymond expressed in his speech “On the Limits of Natural Knowledge,” delivered in the 1870s at the famous Congress of Natural Scientists in Leipzig, and which he also reiterated in his speech on “The Seven Mysteries of the World.” I would just like to briefly point out that at that time, Du Bois-Reymond spoke of how, by applying what has been called here “unified thinking,” leads to the development of the so-called Laplacian mind—that is, a way of thinking about matter such as is possible when one seeks to grasp the motion of the planets in a solar system using astronomical-mathematical methods.

[ 53 ] Wenn man nun durch eine gewisse innere Anschauung den Blick auf das richtet, was sich da in uns selbst vollzieht, wenn man also einmal versucht, das Subjekt zum Objekt zu machen, dann stellt sich heraus, daß dieses Denken, das man da entwickelt, nun nicht bloß etwa so definiert werden kann, daß es da wäre, um irgendeine Außenwelt abzubilden oder um die Tatsachen einer Außenwelt zu kombinieren. Ich muß in dem, was so über das Denken gedacht wird, noch einen letzten Rest jener alten Teleologie sehen, jener alten Zweckmäßigkeitslehre, die überall nicht nach dem Warum fragt, sondern nach dem Wozu, die nicht fragt, wie es kommt, daß die ganze Organisation des Menschen oder irgendein anderer Organismus oder ein Organ wie die Hand in einer bestimmten Weise gestaltet ist, sondern die fragt, wie sich zu einem gewissen Zweck diese Hand eben zweckmäßig gestalten müßte. — Das wird, wenn man sich dessen auch heute nicht mehr bewußt ist oder noch nicht bewußt ist, auch ausgedehnt auf die Betrachtung des Denkens. Man fragt: Wozu ist das Denken eigentlich da? — Man macht sich das nicht immer klar, aber man fragt es unbewußt. Das Denken, so meint man, das Erkennen überhaupt, sei dazu da, daß man eine äußere Welt in sich gewissermaßen hineinsauge, daß man das, was zuerst draußen ist, in seinem Innern habe, wenn auch nur im Bilde. Nun aber kann man realistisch, aber natürlich geistig-realistisch verfolgen, was das Denken eigentlich ist. Dann merkt man, daß dieses Denken durchaus eine reale Kraft ist, die uns selber gestaltet.

[ 53 ] If one now, through a certain inner insight, directs one’s gaze toward what is taking place within oneself—that is, if one attempts to turn the subject into an object—then it becomes apparent that this thinking, which one is developing here, cannot simply be defined as existing merely to represent some external world or to combine the facts of an external world. In what is thought about thinking in this way, I must still see a final remnant of that old teleology, that old doctrine of purposefulness, which everywhere asks not “why” but “what for,” which does not ask how it is that the entire organization of a human being or any other organism or an organ such as the hand is shaped in a certain way, but rather asks how this hand would have to be shaped appropriately for a certain purpose. — This extends, even if people are no longer aware of it today or are not yet aware of it, to the consideration of thought itself. One asks: What is the actual purpose of thought? — One does not always make this clear to oneself, but one asks it unconsciously. Thinking, it is believed, and cognition in general, exists so that one might, as it were, draw the external world into oneself—so that what is initially outside may be held within, even if only as an image. Now, however, one can realistically—though, of course, in a spiritual-realistic sense—explore what thinking actually is. Then one realizes that this thinking is indeed a real force that shapes us.

[ 54 ] Sehen Sie, diese Geisteswissenschaft, von der ich hier spreche, ist nicht eine abstrakte Theorie, nicht irgend etwas, was nur eine Weltanschauung in Ideen sein will. Unter anderem habe ich in der letzten Zeit hier einen pädagogischen Kursus gehalten, in dem ich versuchte, die Geisteswissenschaft auf die Pädagogik anzuwenden. Es war ein Kursus für die Lehrerschaft, bevor die Waldorfschule begründet wurde. Außer diesem pädagogischen Kursus habe ich auch einen Kursus gehalten, der versuchte, aus der Geisteswissenschaft heraus das Therapeutische der Medizin zu ergreifen und zu zeigen, wie gerade aus geistigem Forschen Lichter fallen können auf dasjenige, wozu man eigentlich niemals vollständig gelangt, wenn man nur mit den heutigen Methoden der Physiologie und der Biologie forscht. Nun, ich möchte Ihnen nicht etwas speziell Therapeutisches sagen, aber ich möchte doch eines erwähnen, um die Methode zu charakterisieren, das ist, daß ja heute in der gebräuchlichen Philosophie eigentlich immer nur spekuliert wird über den Zusammenhang des Geistig-Seelischen mit dem Leiblich-Körperlichen. Da gibt es allerlei Theorien über Wechselwirkungen, über Parallelismus und so weiter, allerlei materialistische Deutungen der Seelenvorgänge. Aber man hat eigentlich immer in einer gewissen Abstraktion vor sich auf der einen Seite « Beobachten des Geistig-Seelischen, auf der anderen Seite das des Leiblich-Physischen, und man spekuliert dann, wie diese beiden miteinander in ein Verhältnis kommen können. Geisteswissenschaft studiert wirklich methodisch — aber eben mit demjenigen Denken, das da erweckt wird —, wie das Seelisch-Geistige im Leiblich-Physischen wirkt. Und auch wenn ich mich vielleicht manchem Mißverständnis aussetze, daß das, was ich sage, als paradox genommen wird, will ich eines herausheben:

[ 54 ] You see, this spiritual science I am speaking of here is not an abstract theory; it is not merely something that aims to be a worldview consisting of ideas. Among other things, I have recently held an educational course here in which I attempted to apply spiritual science to education. It was a course for teachers, given before the Waldorf School was founded. In addition to this educational course, I also taught a course that sought to grasp the therapeutic aspect of medicine from the perspective of spiritual science and to show how spiritual research in particular can shed light on that which one can never fully attain by relying solely on today’s methods of physiology and biology. Now, I do not wish to speak to you about anything specifically therapeutic, but I would like to mention one thing to characterize the method: namely, that in today’s mainstream philosophy, there is really always only speculation about the connection between the spiritual-psychic and the physical-bodily. There are all sorts of theories about interactions, about parallelism, and so on—all sorts of materialistic interpretations of psychological processes. But in a certain sense, one always has before one, in a state of abstraction, on the one hand, the “observation of the spiritual-soul aspects,” and on the other, that of the physical-bodily aspects; and one then speculates on how these two might relate to one another. Spiritual science studies—truly methodically, but precisely with the kind of thinking that is awakened there—how the spiritual-soul aspect works within the physical-bodily realm. And even if I may be exposing myself to some misunderstanding, in that what I say might be taken as a paradox, I want to emphasize one thing:

[ 55 ] Wenn wir das Kind beobachten, wie es heranwächst bis zum Zahnwechsel um das siebente Jahr, dann merken wir, daß nicht nur dieser Zahnwechsel sich vollzieht, sondern daß da auch die Konfiguration des Geistig-Seelischen eine wesentliche Änderung erfährt. Wenn Sie nun zurückdenken in Ihrem eigenen Leben, so werden Sie finden — auch wenn man noch nicht methodisch forscht —, daß die scharf konturierten Gedanken, die sich dann festigen zur Erinnerung und für den Lauf des Lebens sich fortpflanzen, daß diese scharf umrissenen Gedanken aus der Denkkraft heraus erst sich bilden können in der Zeit, in der der Organismus das heraustreibt, was die zweiten Zähne sind — es ist das ja etwas, was aus dem ganzen Organismus, nicht bloß aus dem Kiefer kommt. Verfolgt man das methodisch weiter, so kommt man darauf, sich zu sagen: Geradeso wie etwa bei physikalischen Vorgängen irgendeine Kraftart, etwa mechanische Kraft, verwandelt werden kann in Wärme und man dann sagt: Wärme wird frei, Wärme erscheint, so hat man im menschlichen Lebenslauf zu verfolgen, was im Organismus leibt — der Ausdruck ist uns ganz verlorengegangen — im Zahnwechsel, und was dann frei wird, wenn der Zahnwechsel nach und nach sich vollzieht, was dann aus dem latenten Zustand in den freien Zustand übergeht, was zuerst nur innerlich gewirkt hat. Die zweiten Zähne sind erschienen; da wirkt ein gewisser Kräftezusammenhang, ein Kräftesystem im Innern, bis diese zweiten Zähne entstehen. Dann wird dieser Kräftezusammenhang frei, und er erscheint in seinem Freiwerden als jenes Geistig-Seelische, das dann die scharf konturierten Gedanken der Erinnerung gibt.

[ 55 ] When we observe a child as it grows until the teeth begin to change around the age of seven, we notice that not only does this change in teeth take place, but that the configuration of the spiritual-soul aspect also undergoes a significant change. If you now think back on your own life, you will find—even without conducting methodical research—that the sharply defined thoughts, which then solidify into memories and carry on throughout the course of life, can only first form out of the power of thought during the time when the organism is pushing forth what are known as the permanent teeth — for this is, after all, something that comes from the entire organism, not merely from the jaw. If one pursues this methodically further, one comes to say to oneself: Just as, for example, in physical processes, a certain type of force—such as mechanical force—can be converted into heat, and one then says: Heat is released, heat appears—so in the course of human life one must trace what remains in the organism—we have completely lost this term—during the change of teeth, and what is then released as the change of teeth gradually takes place, what then passes from a latent state into a free state, what at first had been active only internally. The second set of teeth has appeared; a certain interplay of forces, a system of forces within, is at work until these second teeth emerge. Then this interplay of forces is set free, and in its liberation it manifests as that spiritual-soul aspect which then gives rise to the sharply defined thoughts of memory.

[ 56 ] Mit diesem Beispiel will ich nur zeigen, wie in der Tat diese Geisteswissenschaft auf Gebiete angewendet wird, an die man heute nicht denkt. Sie ist eine Fortsetzung des Naturwissenschaftlichen. Genau dieselbe Form des Denkens ist es, die man anwendet, wenn man vom Freiwerden der Wärme spricht. Dieselbe Form, die man sich nur erst herausgebildet hat, wendet man dann auf die menschliche Entwicklung an, und man sagt sich: Das, was als Erinnerung, als Denkkraft erscheint, das schiebt die zweiten Zähne heraus — wenn ich mich trivial ausdrücken darf.

[ 56 ] With this example, I simply want to show how this spiritual science is, in fact, applied to areas that do not come to mind today. It is a continuation of the natural sciences. It is precisely this same form of thinking that is applied when one speaks of the release of heat. The same form—which one has only just developed—is then applied to human development, and one says to oneself: What appears as memory, as the power of thought, is what brings in the second set of teeth—if I may put it in trivial terms.

[ 57 ] Da hat man nicht ein Spekulieren über den Zusammenhang von Leib und Seele, sondern da verfolgt man ganz empirisch, wie man es als Naturforscher gewöhnt ist, nur mit höher entwickelten Denkmethoden, dasjenige, was eben beobachtbar ist. Nur ist das Ganze, was man um sich hat, auch geistig beobachtet. Und so kommt man dazu, nicht mehr in abstrakter, nebuloser Weise über Wechselwirkung von Leib und Seele und Geist zu sprechen, sondern man gibt an, wie in einem gewissen Lebensalter eine Kraft leiblich wirkt, die dann sich als Geistig-Seelisches emanzipiert in einem anderen Lebensalter. Und man gelangt dazu, mit dem Geist hineinzukommen in das Materielle, das Materielle geistig zu verstehen. Das ist das Eigentümliche, daß der Materialismus gerade das Materielle nicht verstanden hat, daß er eigentlich der Materie so gegenübersteht, daß sie unverstanden für ihn bleibt. Der Materialismus hat gerade die Materie nicht verstanden. Die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, dringt durch ihre geistige Methode gerade zum Verständnis des Materiellen vor. Und es war tatsächlich den zuhörenden Ärzten und Medizinstudierenden [des Kurses für Mediziner] äußerst interessant, daß man ihnen zeigen konnte, wie man nun wirklich dazu gelangt, das Geistig-Seelische wirksam darzustellen im Leiblichen, wie man zum Beispiel darstellen kann, wie eigentlich das Herz in seiner Funktion aus der Geisteswissenschaft heraus in ganz anderer Weise begriffen werden kann als mit den Methoden der heutigen Physiologie oder Biologie.

[ 57 ] Here, one does not speculate about the relationship between body and soul, but rather, in a purely empirical manner—as natural scientists are accustomed to doing, albeit with more highly developed methods of thought—one investigates only what is actually observable. However, everything that surrounds one is also observed spiritually. And so one comes to no longer speak in an abstract, nebulous way about the interaction of body, soul, and spirit, but rather describes how, at a certain stage of life, a force acts physically, which then emancipates itself as a spiritual-soul force at another stage of life. And one comes to penetrate the material realm with the spirit, to understand the material spiritually. This is the peculiar thing: that materialism has failed to understand the material realm itself, that it actually approaches matter in such a way that it remains incomprehensible to it. Materialism has failed to understand matter itself. Spiritual science, as referred to here, advances through its spiritual method precisely toward an understanding of the material realm. And it was indeed of great interest to the doctors and medical students in attendance [at the course for medical professionals] that they were shown how one can truly come to effectively represent the spiritual-soul aspects within the physical body—how, for example, one can demonstrate that the heart’s function can be understood in a completely different way through spiritual science than through the methods of modern physiology or biology.

[ 58 ] Also darum handelt es sich, daß in der Tat nicht bloß durch irgendeine phantastische Ausgestaltung, sondern durch ein wirkliches Weiterführen das Denken sich entwickelt, das aber einfach durch einen Grenzzustand oder Kritikzustand durchgehen muß. Bei diesem Durchgehen durch den Grenzzustand wird eben das Denken etwas anderes. Sie dürfen nicht sagen, daß die Einheit des Denkens damit irgendwie zerstört wird. Es wird zum Beispiel die Kraft, die im Eis wirkt, nicht etwas, was nicht mehr sein darf, wenn das Eis zergeht durch Schmelzen und zu Wasser wird. Und die Kraft, die im Wasser wirkt, wird nicht etwas anderes, wenn das Wasser durchgeht durch den Siedepunkt und durch die Verdampfung. So handelt es sich darum, daß an dem Punkt, den ich als einen Entwicklungspunkt für das Denken charakterisiert habe, diese Denkkraft durchgeht durch einen solchen Grenzzustand und dann allerdings in einer anderen Form erscheint, so daß sich das Erleben vom früheren Erleben unterscheidet wie Dampf von Wasser. Dadurch kommt man aber dazu, die Denkkraft selbst, das Denken — ich könnte dasselbe auch vom Wollen beweisen — als etwas zu verstehen, was real im Menschen wirkt. Man sieht dann in der Denkkraft, die man später im Leben hat, dasjenige, was im kindlichen Alter im Leibe gewirkt hat. Es wird also gerade in einer merkwürdigen Weise alles zur Einheit.

[ 58 ] So this is what it comes down to: that thought develops not merely through some fanciful elaboration, but through a genuine progression—one that must, however, pass through a limit state or a state of critique. It is precisely in this passage through the borderline state that thought becomes something else. You must not say that the unity of thought is thereby somehow destroyed. For example, the force at work in ice does not become something that is no longer permitted to exist when the ice melts and turns into water. And the force at work in water does not become something else when the water passes through the boiling point and through evaporation. The point is, then, that at the point I have characterized as a point of development for thinking, this power of thought passes through such a limit state and then indeed appears in a different form, so that the experience differs from the earlier experience just as steam differs from water. This, however, leads one to understand the power of thought itself—I could demonstrate the same with regard to the will—as something that acts realistically within the human being. One then sees in the power of thought that one possesses later in life the very thing that was at work in the body during childhood. Thus, in a remarkable way, everything becomes a unity.

[ 59 ] Ich gebe gerne zu, Geisteswissenschaft kann in manchen Einzelfragen irren. Sie ist am Anfang. Aber darum handelt es sich nicht. Sondern es handelt sich darum, in welche Richtung gestrebt wird. Und so kann man sagen: Es wird versucht, dasjenige, was im Denken sich offenbart, in seiner Gestaltung des Menschen zu beobachten, es zu beobachten als eine reale, den menschlichen Organismus gestaltende, durchbildende Kraft. Es wird das Denken in seiner Realität betrachtet. Deshalb sagt man sich zuletzt: Diejenigen, die noch das Denken erkenntniskritisch so betrachten, daß sie nur ach einem Zweck fragen: Warum ist das Denken so, daß es äußere Sinneswahrnehmungen kombiniert? —, die geben sich einem gewissen Irrtum hin, einem Irrtum, den ich Ihnen jetzt charakterisieren möchte.

[ 59 ] I readily admit that the science of the spirit may be mistaken on certain specific points. It is still in its infancy. But that is not the point. The point is rather the direction in which it is striving. And so one can say: An attempt is being made to observe what reveals itself in thinking as it shapes the human being—to observe it as a real force that shapes and permeates the human organism. Thinking is considered in its reality. That is why one ultimately concludes: Those who still view thinking from an epistemological perspective—asking only one question: “Why is thinking such that it combines external sensory perceptions?”—are succumbing to a certain error, an error that I would now like to describe to you.

[ 60 ] Nehmen wir an, das Weizenkorn oder die Weizenähre wächst aus dem Würzelchen heraus durch den Halm; die pflanzenbildende Kraft äußert sich und kann aus dem Samen heraus eine neue Pflanze gestalten, die wiederum bis zum Samen kommt und so weiter. Wir sehen das, was da als Bildekraft in der Pflanze wirkt, kontinuierlich in geschlossenem Fortgang in der Pflanze selbst wirksam von Gestaltung zu Gestaltung, wie Goethe sagt: von Metamorphose zu Metamorphose. So versucht man in der Geisteswissenschaft das Denken, das sich im Menschen äußert, als gestaltende Kraft zu verfolgen, und man kommt dazu, zu sagen: Indem das Denken im Menschen eine gestaltende Kraft ist, kommt auch eine Nebenwirkung zustande, und diese Nebenwirkung, die ist eigentlich erst das gewöhnliche Erkennen. Aber wenn ich das Denken in seiner Wesenheit nach dieser Nebenwirkung charakterisieren will, so tue ich genau dasselbe, wie wenn ich sage: Was interessiert mich, was da in der Pflanze als bildende Kraft durch die Wurzel, die Halme in die Ähre hinaufschießt; das interessiert mich nicht; ich gehe von der Ernährungschemie aus und untersuche, was da im Weizenkorn erscheint als Ernährungssubstanz. — Das ist natürlich auch eine berechtigte Betrachtung des Weizenkornes. Man kann es auch so betrachten. Aber wenn ich das tue, dann sehe ich dabei ab von dem, was eigentlich kontinuierlich in der Pflanzenbildung fortfließt. Und so ist es mit dem Erkennen. In dem, was gewöhnlich von den Erkenntnistheoretikern, von den Philosophen gedacht wird und von denjenigen, die die Naturwissenschaft begrundlagen wollen mit irgendwelchen Betrachtungen, sind dieselben Wirkungen, die auftreten, wenn das Denken, das eigentlich uns gestalten will, nach außen hin sich in einer Nebenwirkung äußert. Das ist so, wie wenn das, was in der Weizenpflanze wächst, nur gedacht wird als Grundlage für die Ernährung eines anderen Wesens. Aber es ist falsch, den Weizen nur auf diese hin zu untersuchen. Das hat mit dem Wesen des Weizenkornes nichts zu tun. Da bringe ich einen anderen Gesichtspunkt hinein.

[ 60 ] Let us assume that the grain of wheat or the ear of wheat grows out of the rootlet through the stalk; the plant-forming force manifests itself and can shape a new plant from the seed, which in turn develops into a seed, and so on. We see what acts as a formative force within the plant, continuously and in a closed cycle, at work within the plant itself from one form to the next, as Goethe says: from metamorphosis to metamorphosis. Thus, in spiritual science, one attempts to trace thinking—as it manifests in human beings—as a formative force, and one comes to say: Since thinking in human beings is a formative force, a side effect also arises, and this side effect is, in fact, what we commonly call “cognition.” But if I want to characterize thinking in its essence based on this side effect, I am doing exactly the same thing as if I were to say: I am not interested in what is at work in the plant as a formative force—shooting up through the root and the stalks into the ear of wheat; that does not interest me; I start from nutritional chemistry and investigate what appears in the grain of wheat as a nutritional substance. — That, of course, is also a valid way of looking at the grain of wheat. One can view it that way as well. But when I do so, I am disregarding what actually flows continuously in the plant’s formation. And so it is with cognition. In what is usually conceived by epistemologists, by philosophers, and by those who wish to ground the natural sciences in various kinds of considerations, we find the same effects that occur when thinking—which actually seeks to shape us—manifests itself outwardly as a side effect. It is as if what grows in the wheat plant were conceived solely as a basis for the nourishment of another being. But it is wrong to examine the wheat solely from this perspective. That has nothing to do with the essence of the grain of wheat. Here I introduce a different point of view.

[ 61 ] So ist die Philosophie heute auf einem Holzwege, wenn sie das Erkennen nur untersucht in bezug auf das Auffassen der Außenwelt. Denn das Wesentliche ist, daß das Erkennen eine im Menschen gestaltende Kraft ist und das andere geradezu als Nebenwirkung auftritt. Und diejenige Betrachtungsweise, die das Denken nur in dem Zustand belassen will, in dem es Naturgesetze abstrahiert, Wahrnehmungen sammelt, ist gerade in derselben Lage wie jemand, der behaupten würde, man solle nicht Pflanzenbiologie treiben, um das Wesen der Pflanze kennenzulernern, sondern Ernährungschemie.

[ 61 ] Thus, philosophy today is on the wrong track when it examines cognition solely in relation to the perception of the external world. For the essential point is that cognition is a formative power within human beings, and the other aspect is merely a side effect. And the approach that seeks to confine thought solely to the state in which it abstracts natural laws and collects perceptions is in exactly the same position as someone who would claim that one should not study plant biology to understand the nature of plants, but rather nutritional chemistry.

[ 62 ] Das sind Dinge, an die man heute nicht denkt, die aber eine große Rolle spielen in der Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Zukunft, jener wissenschaftlichen Zukunft, die zu gleicher Zeit auch die Zukunft für eine solche soziale Gestaltung ist, durch die der Mensch im Erfassen des sozialen Lebens durch den Geist auch wirklich eingreifen kann in diese soziale Gestaltung. Denn das scheint es mir gerade zu sein, was zur Katastophe geführt hat: daß wir nicht mehr das Leben meistern, weil wir [nicht daran denken, daß wir] in einen Zustand der Menschheitsentwicklung eingetreten sind, in dem das Leben vom Geiste aus gemeistert werden muß, von jenem Geiste aus, der von innen heraus erkannt wird und dadurch auch das erkennt, was uns in der Außenwelt entgegentritt.

[ 62 ] These are things we don’t think about today, but which play a major role in the further development of the scientific future—that scientific future which is, at the same time, also the future for a form of social organization through which human beings, by grasping social life through the spirit, can truly intervene in this social organization. For it seems to me that this is precisely what has led to the catastrophe: that we no longer master life because we [do not realize that we] have entered a stage of human development in which life must be mastered by the spirit—by that spirit which is recognized from within and thereby also recognizes what confronts us in the external world.

[ 63 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, mit solchen Dingen ist man heute in weitesten Kreisen ein Sonderling, ein Schwärmer, und jedenfalls mutet man einem solchen nicht zu, daß er die Außenwelt wirklich realistisch durchschaut. Aber ich glaube doch, daß ich nicht fehlgehe, wenn ich sage: Die Anwendung der Geisteswissenschaft auf die gesamte äußere Welt läßt sich vergleichen mit dem folgenden. Wenn jemand ein hufeisenförmiges Eisen herlegt, da kommt ein Bauer und sagt: Damit werde ich mein Pferd beschlagen. — Ein anderer, der weiß, was das für ein Gegenstand ist, sagt zu ihm: Das ist kein Hufeisen, das ist ein Magnet, der dient zu etwas ganz anderem. — Der Bauer aber sagt: Was geht mich das an, ich beschlage mein Pferd damit. So kommt einem heute diejenige Wissenschaftlichkeit vor, die durchaus nicht zugeben will, daß das Geistige überall im Materiellen lebt. Wer das Geistige im Materiellen ableugnet, gleicht dem, der da spricht wie der Bauer: Was geht mich der Magnet an, ich beschlage mein Pferd mit dem Eisen. — Ich glaube allerdings, daß uns die Erkenntnis davon aufgehen muß, daß wir in allem Materiellen nicht bloß ein Abstrakt-Geistiges, sondern ein Konkret-Geistiges zu erkennen haben, daß wir uns aber dann bequemen müssen, im einzelnen dieses Konkret-Geistige ebenso zu studieren, wie wir das im Materiellen tun, und daß das einen Fortschritt in erkenntnismäßiger und in sozialer Beziehung für die Zukunft bedeuten wird.

[ 63 ] Yes, my esteemed audience, in today’s world, such views make one an eccentric or a dreamer in the broadest circles, and in any case, no one would expect such a person to truly understand the external world in a realistic way. But I believe I am not mistaken when I say: The application of spiritual science to the entire external world can be compared to the following. If someone lays out a horseshoe-shaped piece of iron, a farmer comes along and says, “I’ll use this to shoe my horse.” — Another person, who knows what kind of object it is, says to him: “That’s not a horseshoe; it’s a magnet, and it serves a completely different purpose.” — But the farmer replies: “What’s that got to do with me? I’m going to shoe my horse with it.” This is how the so-called “scientific” attitude appears to us today—one that absolutely refuses to admit that the spiritual lives everywhere within the material. Anyone who denies the spiritual in the material is like the farmer who says: “What do I care about the magnet? I shoe my horse with the iron.” — I do believe, however, that we must come to realize that in all material things we must recognize not merely an abstract spiritual element, but a concrete spiritual element; and that we must then take the trouble to study this concrete spiritual element in detail, just as we do with the material, and that this will mean progress for the future, both in terms of knowledge and in social relations.

[ 64 ] Aber es ist leichter, Spekulationsergebnisse und allerlei Philosophien zu äußern über das, was der Geist ist, es ist leichter, Pantheist oder dergleichen zu sein aus Spekulation, als nach dem Muster strenger Naturwissenschaft, nur eben mit der erlebbaren Methode, so wie ich es geschildert habe, die naturwissenschaftlichen Forschungen fortzusetzen und dann dazu zu kommen, [das Geistige im Materiellen zu finden] — geradeso wie man Wärme, auch wenn sie sich nicht äußert, dennoch zur Erscheinung bringt, indem man zeigt, unter welchen Umständen sich das, was latent ist, offenbart. Wenn man diese Methode, die man gewöhnlich anwendet im Äußeren, anwendet und fortsetzt auf das Innere, namentlich aber auf den ganzen Menschen, dann wird man von dem Inneren heraus gerade das Geistige im Materiellen begreifen. Und es wird vor allen Dingen dasjenige erfüllt werden nach und nach, was eigentlich schon seit uralten Zeiten zu uns herüberklingt und was dennoch für den Menschen zu erfüllen eine tiefe Notwendigkeit ist, das, was von dem apollinischen Tempel in Delphi uns immer noch herüberklingt in die Geistesohren: Mensch, erkenne dich selbst! — Und so, wie Philosophen und Theologen von diesem «Erkenne dich selbst» gesprochen haben, so hat auch der mehr oder weniger nach dem Materialistischen hinneigende Naturgelehrte Ernst Haeckel davon gesprochen. Dieses «Erkenne dich selbst» sitzt tief in der Menschennatur, Und die neuere Zeit ist eben an einem Punkte angelangt, wo diesem «Erkenne dich selbst» in konkreter Weise entgegengekommen werden muß.

[ 64 ] But it is easier to express speculative conclusions and all sorts of philosophies about what the spirit is; it is easier to be a pantheist or the like out of speculation than to continue scientific research according to the model of rigorous natural science—using only the experiential method, as I have described it—and then to arrive at [finding the spiritual in the material] —just as one brings heat to light, even when it does not manifest itself, by showing under what circumstances that which is latent reveals itself. If one applies this method—which is usually applied to the external world—and extends it to the inner world, and specifically to the whole human being, then one will, from within, come to understand precisely the spiritual within the material. And above all, what has actually been echoing to us since time immemorial—and what is nevertheless a profound necessity for humanity to fulfill—will gradually be realized: that which still echoes to us from the Apollonian temple at Delphi into the ears of the spirit: “Man, know thyself!” — And just as philosophers and theologians have spoken of this “Know thyself,” so too has the natural scientist Ernst Haeckel—who leaned more or less toward materialism—spoken of it. This “Know thyself” is deeply rooted in human nature, and modern times have now reached a point where this “Know thyself” must be addressed in a concrete way.

[ 65 ] Mit diesen Andeutungen glaube ich doch gezeigt zu haben, daß es sich nicht um ein Versündigen gegen die Einheit des Denkens handelt, sondern um eine Fortsetzung des Denkens über einen Grenzpunkt hinaus. So wie es nicht unmöglich ist, die Kräfte im Wasser zu einer ganz anderen Offenbarung zu bringen nach dem Durchgehen durch den Siedepunkt, so wird auch nicht gesündigt gegen das, was im kombinierenden Denken mit der Wahrnehmung erlebt wird, wenn man dieses Denken über den Grenzpunkt hinausführt. Es ist ganz selbstverständlich, daß dann eine Metamorphose des Denkens erreicht wird. Aber gegen eine irgendwie geartete Einheitlichkeit des Denkens ist damit durchaus nicht gesündigt worden. Sie werden überhaupt nicht finden, daß man durch die Geisteswissenschaft zur Ablehnung der Naturwissenschaft kommt, sondern man kommt gerade zu einer tieferen Durchdringung. Man kommt gerade zu dem, was ich für besonders wichtig für die Menschheitsentwicklung halte: zu einer das Leben befruchtenden Einführung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in die ganze Weltauffassung, die aber nur dadurch bewirkt werden kann, daß wir von dem geistigen Anschauen des Natürlichen zum reinen Erleben des Geistigen aufsteigen, das sich dann auch in unser Wollen ergießen und in uns zu einer lebendigen Kraft werden kann. Weil es das kann, weil das lebendige Erkennen uns zu gleicher Zeit nicht nur weise, sondern auch geschickter macht, deshalb glaube ich an eine Menschenzukunft, an einen Menschenfortschritt, wenn in der Zukunft mehr, als es bisher der Fall war, hingeschaut wird auf das Geistige im Materiellen, wenn gesucht wird im Materiellen das Geistige, das dann auch übertragen werden kann auf das Soziale, so daß in der Zukunft die Lösung der sozialen Frage uns erscheinen wird als Durchgeistigung des sozialen Lebens, als Durchgeistigung mit demjenigen Geist, den wir gerade als Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Forschens uns erringen können.

[ 65 ] With these remarks, I believe I have shown that this is not a transgression against the unity of thought, but rather a continuation of thought beyond a boundary. Just as it is not impossible to bring the forces in water to a completely different manifestation after passing through the boiling point, so too is there no violation of what is experienced in combinatory thinking with perception when one takes this thinking beyond the threshold. It goes without saying that a metamorphosis of thought is then achieved. But this in no way constitutes a violation of any kind of unity of thought. You will find no evidence whatsoever that spiritual science leads to a rejection of natural science; on the contrary, it leads precisely to a deeper understanding. One arrives precisely at what I consider particularly important for human development: an integration of scientific knowledge into the entire worldview that enriches life—an integration that can only be achieved by ascending from the spiritual contemplation of the natural world to the pure experience of the spiritual, which can then also flow into our will and become a living force within us. Because this is possible—because living knowledge makes us not only wiser but also more skilled—I believe in a future for humanity, in human progress, if in the future, more than has been the case thus far, attention is paid to the spiritual within the material, when the spiritual is sought within the material—which can then also be applied to the social sphere—so that in the future the solution to the social question will appear to us as the spiritualization of social life, as spiritualization with that very spirit which we can attain precisely as a continuation of scientific research.

Professor Dr. Th. Meyer: Ich bin vollständig mit Herrn Dr. Steiner darin einverstanden, daß die Grenzbegriffe des naturwissenschaftlichen Erkennens nicht die Grenzbegriffe des Seins und der Wirklichkeit sind. Ich habe auch mit warmem und ergriffenem Herzen ihn von den Hoffnungen sprechen hören, die das deutsche Volk auch trotz seines Zusammenbruches für die Zukunft hegen darf. Aber ich habe doch einigermaßen Zweifel in dem Punkte, ob die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gerade die Fähigkeit besitzen wird, zu einer neuen Höhe, zu der Deutschland streben soll, zu führen. Und zwar meine ich, liege das Bedenken in folgendem: Herr Dr. Steiner hat immer wieder betont, daß der Weg in die höheren Welten, von dem er gesprochen hat, durch das Schauen erreicht wird, durch ein schauendes Bewußtsein, durch ein Erleben, und daß dieser Weg durchaus Wissenschaft ist, nicht Phantasie. Dieses innere Schauen hat selbstverständlich das, was in der Logik Evidenz besitzt. Das heißt, man kann das, was ich mit äußeren oder inneren Augen gesehen habe, nicht bestreiten. Ich sehe einen Baum und brauche nicht zu beweisen, daß der Baum da sein muß. Es gibt keinen metaphysischen Beweis dafür, es ist evident, daß der Baum da ist. Herr Dr. Steiner beansprucht nun für sein inneres Schauen diese Evidenz. Das heißt, er sieht die höhere Welt und sieht die Zusammenhänge der höheren Welt, und weil er sie sieht, eben deshalb ist diese höhere Welt da; sie ist unbestreitbar. Ich möchte auch nicht bestreiten, daß die höhere Welt für den, der sie schaut, evident ist. Nur fragt es sich, ob sie für jedermann evident ist, und da habe ich ein Bedenken. Seitdem mir die Anthroposophie bekannt ist, beruft sie sich darauf, daß dieses innere Schauen, dieses schauende Bewußtsein uralt ist, daß es schon lange Menschen gegeben hat, die sich zu der Höhe dieses schauenden Bewußtseins erheben, schon lange in Indien erhoben haben. Daher nimmt auch die Anthroposophie eine ganze Anzahl von Ausdrücken aus dem Indischen auf. Sie braucht für die verschiedenen Geisteserkenntnisse, die sie vermittelt, indische Ausdrücke. Nun liegt aber die Tatsache so, daß Dr. Steiner nun doch wieder behauptet, daß er etwas Neues bringe. Es hat aber doch vor Dr. Steiner eine ganze Anzahl theosophischer Vereine in Deutschland, auch in England gegeben. Herr Dr. Steiner hat ursprünglich diesen theosophischen Vereinen angehört, dann ist er in Widerstreit mit ihnen gekommen und ist aus diesen Vereinen ausgetreten. Er hat eben, weil er in inneren Zwiespalt mit ihnen kam, seine Auffassung der Dinge nicht mehr mit dem Namen Theosophie bezeichnet, sondern eben, weil sein inneres Schauen verschieden ist von dem inneren Schauen der anderen 'Theosophen, es mit dem Namen Anthroposophie belegt.

Da möchte ich nun sagen: Wenn nun das frühere schauende Bewußtsein sich geirrt hat, wenn erst Dr. Steiner das Richtige gebracht hat, wer garantiert mir dafür, daß nun nicht wieder ein anderer kommt und sagt: Dieses höhere schauende Bewußtsein, das Herr Dr. Steiner gebracht hat, ist nicht zum letzten Ziel durchgedrungen. Es kann ein anderer zu einem ganz anderen Ziele kommen. Dadurch wird das Schauen Dr. Steiners subjektiv. Es ist die Anschauung eines einzelnen. Ob man sich darauf verlassen kann, wird doch zweifelhaft.

Das ist mein Bedenken, das sich ergibt in bezug auf das Übersinnliche der ganzen Bewegung, daß da ein verschiedenes inneres Schauen ist. Es dürfte doch gar kein Zwiespalt eintreten zwischen den verschiedenen Schauenden. Ich möchte aber nicht schließen, ohne meinen aufrichtigen und warmen Dank Herrn Dr. Steiner auszusprechen für die vielfachen feinen Anregungen, die er in seiner Rede heute abend gegeben hat.

Professor Dr. Th. Meyer: I fully agree with Dr. Steiner that the limits of scientific knowledge are not the limits of being and reality. I have also listened with a warm and moved heart as he spoke of the hopes that the German people may still cherish for the future, despite their collapse. But I do have some doubts as to whether the anthroposophically oriented spiritual science will in fact possess the capacity to lead Germany to the new heights to which it should aspire. Specifically, I believe my reservation lies in the following: Dr. Steiner has repeatedly emphasized that the path to the higher worlds of which he has spoken is attained through vision, through a visionary consciousness, through experience, and that this path is indeed science, not fantasy. This inner vision, of course, possesses what in logic is called evidence. That is to say, one cannot dispute what I have seen with my outer or inner eyes. I see a tree and do not need to prove that the tree must be there. There is no metaphysical proof of it; it is evident that the tree is there. Dr. Steiner now claims this evidentiary status for his inner vision. That is, he sees the higher world and perceives the interrelationships within it, and precisely because he sees them, this higher world exists; it is indisputable. Nor do I wish to dispute that the higher world is evident to the one who beholds it. The question is, however, whether it is evident to everyone, and that is where I have reservations. Ever since I became acquainted with anthroposophy, it has maintained that this inner vision, this contemplative consciousness, is ancient—that there have long been people who have risen to the heights of this contemplative consciousness, and who have long since done so in India. For this reason, anthroposophy also draws on a whole range of expressions from India. It requires Indian terms for the various spiritual insights it conveys. The fact is, however, that Dr. Steiner now claims once again that he is introducing something new. Yet even before Dr. Steiner, there were a number of theosophical societies in Germany, as well as in England. Dr. Steiner originally belonged to these theosophical societies, but then he came into conflict with them and withdrew from them. Precisely because he found himself in inner conflict with them, he no longer referred to his view of things by the name “theosophy”; rather, precisely because his inner vision differs from that of the other “theosophists,” he designated it by the name “anthroposophy.”

Now I would like to say: If the earlier intuitive consciousness was mistaken, and if Dr. Steiner was the first to present the correct view, who can guarantee that someone else won’t come along and say: ‘This higher, intuitive consciousness that Dr. Steiner has presented has not reached its ultimate goal. Someone else might arrive at a completely different goal.’ This makes Dr. Steiner’s insight subjective; it is the perspective of a single individual. Whether one can rely on it is, after all, doubtful.

My concern regarding the spiritual nature of the entire movement is that there is a diversity of inner vision. There really ought to be no conflict whatsoever between the various observers. However, I do not wish to conclude without expressing my sincere and heartfelt thanks to Dr. Steiner for the many subtle insights he offered in his speech this evening.

[ 66 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich werde nicht nötig haben, Sie noch allzulange aufzuhalten, denn ich werde nur aufmerksam zu machen haben darauf, daß dem sehr verehrten Herrn Vorredner gerade in dem Wichtigsten, was er als Bedenken vorgebracht hat, doch einiges Irrtümliche unterlaufen ist.

[ 66 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! I will not need to keep you here for very long, for I merely wish to point out that the distinguished speaker who spoke before me has, in fact, made a few errors—precisely regarding the most important points he raised as concerns.

[ 67 ] Zunächst handelt es sich darum — ich möchte gewissermaßen vom Ende aus beginnen —, daß ich einiges Irrtümliche richtigstelle. Die Sache ist nicht so, daß dem, was ich Ihnen hier dargestellt habe, andere theosophische Vereine, denen ich angehört habe, mit ihren Lehren vorangegangen sind. So ist die Sache nicht. Sondern ich habe in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts meine Interpretationen der Goetheschen Weltanschauung zu schreiben begonnen. Sie sind dazumal als Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutsche National-Literatur» in Stuttgart erschienen. Wer diese verfolgt, der wird finden, daß der Keim zu alle dem, was ich Ihnen heute vorgetragen habe, durchaus in jenen Einleitungen liegt. Sie werden dann finden, daß ich in meiner «Philosophie der Freiheit» in der ersten Auflage 1894 versucht habe darzustellen, wie der Mensch allmählich durch die Entwicklung seines Denkens bis zu einer gewissen Stufe kommt, und wie dann sich angeschlossen hat daran dasjenige, was dann das diskursive Denken in das schauende Denken hineinführt.

[ 67 ] First of all—and I would like to begin, so to speak, from the end—I need to correct a few misconceptions. It is not the case that other theosophical societies to which I have belonged preceded what I have presented to you here with their teachings. That is not how it is. Rather, I began writing my interpretations of Goethe’s worldview in the 1880s. At that time, they appeared as introductions to Goethe’s scientific writings in Kürschner’s *Deutsche National-Literatur* in Stuttgart. Anyone who follows these will find that the seeds of everything I have presented to you today are certainly to be found in those introductions. You will then find that in my *Philosophy of Freedom*, in the first edition of 1894, I attempted to describe how human beings gradually reach a certain stage through the development of their thinking, and how this was followed by that which then leads discursive thinking into intuitive thinking.

[ 68 ] Dann ist es dazu gekommen, in der Zeit so um 1902 in Berlin, daß ich einmal ersucht wurde, in einem Kreise, der sich ein theosophischer nannte, dasjenige vorzutragen, was ich über den Geist zu sagen hatte. Ich hatte dazumal verschiedene Theosophen kennengelernt, aber das, was sie geäußert haben, konnte mich eigentlich nicht dazu veranlassen, diejenige theosophische Literatur mit einiger Aufmerksamkeit zu verfolgen, die bei dieser Theosophischen Gesellschaft üblich war. Und so trug ich eben dazumal das vor, was sich mir selbst aus eigener anschauender Forschung ergeben hatte. Das führte dazu, daß von Leuten in England, die mein Buch «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» gelesen hatten, sehr bald diese Vorträge ins Englische übersetzt wurden und in einer englischen Zeitung erschienen sind. Ich wurde dann aufgefordert, Vorträge zu halten für eine Anzahl von Leuten der Gesellschaft, die sich eben die «Theosophische Gesellschaft» nannte. Ich habe niemals zurückgehalten damit, vor denen, die mich riefen — ob sich diese nun so oder so nannten —, über das zu reden, was ich zu sagen habe. Ich habe aber auch nirgends etwas anderes vertreten als das, was ich aus der eigenen Forschung heraus zu sagen habe. So habe ich auch in der Zeit, in der ich der Theosophischen Gesellschaft angehört habe, nichts anderes vertreten als das, was ich aus eigener Forschung zu vertreten habe.

[ 68 ] Then, around 1902 in Berlin, I was once asked to speak before a group that called itself theosophical about what I had to say regarding the spirit. I had met various theosophists at that time, but what they had expressed did not really prompt me to follow with any attention the theosophical literature that was common within this Theosophical Society. And so at that time I simply presented what had emerged for me from my own intuitive research. This led to people in England who had read my book *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life* very quickly having these lectures translated into English and published in an English newspaper. I was then invited to give lectures to a number of people in the Society, which called itself the “Theosophical Society.” I have never hesitated to speak to those who invited me—regardless of what they called themselves—about what I have to say. However, I have never advocated anything other than what I have to say based on my own research. Thus, even during the time I belonged to the Theosophical Society, I advocated nothing other than what I have to advocate based on my own research.

[ 69 ] Daß ich das, was ich vorbrachte, schon damals «Anthroposophie» nannte, das möge Ihnen daraus hervorgehen, daß ich in derselben Zeit — nicht erst später, als ich etwa zu einer anderen Anschauung gekommen war als diese Gesellschaft — auch in einem anderen Kreis von Leuten in Berlin vortragen habe, und ich habe dort kein Jota anderes vorgetragen als gerade das, was ich aus meiner Forschung heraus vorzutragen hatte. Und dort kündigte ich meine Vorträge an — damit die Leute nicht irgendwie im Irrtum sein könnten — als anthroposophische Betrachtungen der Menschheitsentwicklung. Also ebensolange wie irgendein Mensch mich mit der Theosophie in Berührung bringen kann, ebensolange nenne ich meine Weltanschauung «Anthroposophie». Da war niemals ein Bruch. Das ist dasjenige, was ich jetzt nur darüber sagen möchte, um Sie nicht zu lange aufzuhalten.

[ 69 ] That I already referred to what I presented as “anthroposophy” back then should be clear to you from the fact that, at the same time—not just later, when I had perhaps come to a different view than that of this Society—I also gave lectures to another group of people in Berlin, and there I presented not a jot different from precisely what I had to present based on my research. And there I announced my lectures—so that people would not be misled in any way—as anthroposophical reflections on human evolution. So for as long as anyone can associate me with theosophy, I will continue to call my worldview “anthroposophy.” There has never been a break. That is all I would like to say on the matter for now, so as not to keep you too long.

[ 70 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, manche Leute sagen ja, wenn man die Philosophiegeschichte studiere, finde man, daß die Philosophen — fangen wir an bei Thales bis hinauf zu Eucken oder anderen — alle möglichen Ansichten aufgestellt hätten und daß sie sich oftmals widersprochen hätten; wie könne man da zu einer Sicherheit des Erkennens kommen? — Gerade das setzte ich mir in meinen «Rätseln der Philosophie» zur Aufgabe: zu zeigen, daß die Sache sich nicht so verhält, sondern daß dasjenige, was scheinbare Abweichungen in den verschiedenen Philosophien sind, die dieses Namens wert sind, nur immer davon herkommen, daß der Eine die Welterscheinungen von einem Standpunkte aus betrachtet, [der Andere von einem anderen Standpunkte aus]. Wenn man einen Baum fotografiert von einer Seite, so hat man das, was man auf dem Bilde sieht, nur von einer bestimmten Seite. Fotografiert man den Baum von einer anderen Seite, so bekommt man ein ganz anderes Bild — und doch ist es derselbe Baum. Wenn man nun darauf kommt, daß viele wirklich wahrheitshaltige Philosophien nicht dadurch sich unterscheiden, daß die eine von der andern abweicht, sondern daß sie einfach von verschiedenen Standpunkten aus ein und dasselbe anschauen, weil man überhaupt nicht zu einer [einzigen] Wahrheit kommen kann, dann merkt man, daß das ein Vorurteil ist, wenn man sagt, daß die Philosophien sich widersprechen.

[ 70 ] Well, ladies and gentlemen, some people say that when one studies the history of philosophy, one finds that philosophers—starting with Thales and going all the way up to Eucken or others—have put forward all sorts of views and that they have often contradicted one another; how, then, can one arrive at certainty in knowledge? — That is precisely what I set out to do in my *Riddles of Philosophy*: to show that this is not the case, but rather that what appear to be discrepancies among the various philosophies worthy of the name always stem solely from the fact that one person views the phenomena of the world from one standpoint, [while another views them from a different standpoint]. If you photograph a tree from one side, what you see in the picture is only from a specific angle. If you photograph the tree from another side, you get a completely different image—and yet it is the same tree. If one then realizes that many truly valid philosophies do not differ in that one deviates from the other, but rather that they simply view one and the same thing from different vantage points—because it is impossible to arrive at a [single] truth in the first place—then one realizes that it is a prejudice to say that philosophies contradict one another.

[ 71 ] Ich habe es in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» gezeigt, daß das ein Vorurteil ist, wenn man sagt, daß die Philosophen sich widersprechen. Es gibt allerdings solche, die in einem gewissen Widerspruch stehen, allein das sind diejenigen, die sich eben geirrt haben. Man kann nicht daraus, daß zwei Kinder in einer Klasse eine Aufgabe verschieden lösen, sagen, man sei deshalb nicht sicher, wer das Richtige gefunden habe. Man weiß schon, was das Richtige ist, wenn man die richtige Lösung versteht. Also daraus, daß die Dinge verschieden sind, läßt sich nicht ableiten, daß sie falsch sind. Das ließe sich nur ableiten aus dem inneren Gang der Sache selber. Da müßte man schon hinschauen auf den inneren Gang der Sache selber. Und es ist eine äußerliche Betrachtung, wenn man sagt: der Steiner ist ausgetreten aus der Theosophischen Gesellschaft. — Erstens bin ich nicht ausgetreten, sondern, nachdem ich zuerst mit allen Kräften hineingezerrt worden bin zum Vortragen meiner eigenen Weltanschauung, durchaus von nichts anderem, bin ich — ich darf vielleicht vor Ihnen den manchmal verpönten Ausdruck gebrauchen — herausgeschmissen worden, und zwar aus dem Grunde, meine sehr verehrten Anwesenden, weil die «andere Art der Wahrheit», nämlich der Wahnwitz jener Theosophen, die es endlich dahin gebracht haben, einen indischen Knaben zu präsentieren, von dem man behauptete, er sei der neu erschienene Christus; er werde nach Europa gebracht und in ihm sei der wiederverkörperte Christus erschienen. — Weil ich selbstverständlich diese Narrheit als eine Narrheit charakterisierte und weil dazumal diese Narrheit über die ganze Welt Tausende von Anhängern fand, nahm diese Anhängerschaft die Veranlassung, mich hinauszuwerfen. Ich habe mir nichts daraus gemacht. Ich habe jedenfalls nicht geglaubt, daß das, was man sich errungen hat durch inneres Forschen, etwa deshalb unsicher erscheint, weil eine Gesellschaft, die sich theosophische nennt, einen herausexpediert, eine Gesellschaft, die da behauptet, in dem indischen Knaben verkörpere sich wiederum der Christus.

[ 71 ] In my book *The Riddles of Philosophy*, I have shown that it is a prejudice to say that philosophers contradict one another. There are, however, some who do present a certain contradiction, but these are simply the ones who were mistaken. One cannot conclude, simply because two children in a class solve a problem differently, that it is therefore uncertain who arrived at the correct answer. One already knows what is correct once one understands the correct solution. Therefore, the fact that things differ does not imply that they are wrong. That could only be deduced from the inner workings of the matter itself. One would have to look at the inner workings of the matter itself. And it is an external observation to say: “Steiner has resigned from the Theosophical Society.” — First of all, I did not resign; rather, after I was initially dragged in with all my strength to present my own worldview—and nothing else at all—I was—and perhaps I may use the sometimes frowned-upon expression before you—thrown out, and for the reason, my esteemed audience, that the “other kind of truth,” namely the madness of those Theosophists who finally went so far as to present an Indian boy whom they claimed was the newly appeared Christ; they said he would be brought to Europe and that the reincarnated Christ had appeared in him. — Because I naturally characterized this folly as folly, and because at that time this folly found thousands of followers all over the world, these followers took the opportunity to throw me out. I didn’t let it bother me. In any case, I did not believe that what one has attained through inner research appears uncertain simply because a society that calls itself theosophical expels one—a society that claims that Christ has reincarnated in that Indian boy.

[ 72 ] So äußerlich dürfen solche Sachen nicht betrachtet werden, indem man einfach über das Konkrete hinwegsieht und sagt: Nun ja, da sind verschiedene Ansichten vorhanden. — Man muß schon das, was auftritt, sich etwas genauer ansehen. Und so möchte ich Ihnen doch anheimstellen, wenn Sie einmal Zeit haben — aber Sie würden viel damit zu tun haben —, einmal all die Quacksalbereien, die aufgetreten sind in den sogenannten theosophischen Gesellschaften, zu vergleichen mit dem, was ich von jeher versucht habe, aus guter Wissenschaftlichkeit heraus zu bringen. Ich sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern aus Wirklichkeitserkenntnis der Sache und aus geistigem Ringen heraus. Und bedenken Sie, daß ich selbst heute gesagt habe: In einzelnem kann geirrt werden, aber es handelt sich darum, eine neue Richtung zu zeigen. Es braucht durchaus nicht so zu sein, daß in allen Einzelheiten das absolut Richtige dasteht. So könnte ja durchaus irgendeiner sagen, er schaue ein rechtwinkliges Dreieck an und kriege da alles Mögliche heraus. Dann kommt einmal einer und sagt: Das Hypotenusen-Quadrat [des rechtwinkligen Dreiecks] ist gleich der Summe der beiden Katheten-Quadrate. — Da kann man nicht sicher wissen, ob es allgemein richtig sein könnte, weil er es nur allein sagt. Nein, wenn einem aus den inneren Gründen es sich aus der Anschauung des Mathematischen ergeben hat, daß das Hypotenusen-Quadrat gleich ist der Summe der beiden Katheten-Quadrate, dann mag eine Million von Menschen sagen, es sei anders, dann weiß ich es und widerspreche einer Million von Menschen. Denn die Wahrheit hat tatsächlich nicht bloß eine äußere Begründung der Übereinstimmung, sondern vor allem auch eine Begründung in ihrer inneren Substantialität.

[ 72 ] Such matters should not be viewed in such a superficial way, by simply overlooking the specifics and saying, “Well, there are different points of view.” — One really must take a closer look at what is happening. And so I would like to suggest to you, if you ever have the time—though it would take a great deal of effort—to compare all the quackery that has arisen in the so-called theosophical societies with what I have always sought to present based on sound scientific principles. I say this not out of immodesty, but out of a realistic understanding of the matter and out of intellectual struggle. And bear in mind that I myself said today: One may err in particular details, but the point is to point the way in a new direction. It is by no means necessary that every single detail be absolutely correct. After all, someone might well say that they are looking at a right-angled triangle and drawing all sorts of conclusions from it. Then someone comes along and says: “The square of the hypotenuse [of the right-angled triangle] is equal to the sum of the squares of the two legs.” — One cannot know for certain whether this might be generally true, because he is the only one saying it. No, if, based on internal reasons arising from the contemplation of mathematics, it has become clear to me that the square of the hypotenuse is equal to the sum of the squares of the two legs, then even if a million people say it is otherwise, I know better and will contradict a million people. For the truth does indeed have not only an external justification of its validity, but above all a justification in its inner substance.

[ 73 ] Gewiß, jeder kann das nachprüfen. Und ich habe nie etwas anderes behauptet, als daß derjenige, der da will, geradeso die geisteswissenschaftliche Methode kennenlernen kann, wie er die Methoden der Chemie kennenlernen kann. Wenn die Dinge aber erforscht sind, dann können sie von jedem denkenden Mensch nachgeprüft werden. Und so kann auch das, was ich sage oder was ich schreibe und geschrieben habe aus der Geisteswissenschaft heraus, von jedem denkenden Menschen nachgeprüft werden. Da werden gewiß mancherlei Irrtümer drinnen sein, selbstverständlich, aber das ist genauso wie bei anderen Forschungen, Es handelt sich nicht um diese Irrtümer im einzelnen, sondern es handelt sich um den Grundcharakter des Ganzen.

[ 73 ] Certainly, anyone can verify this. And I have never claimed anything other than that anyone who wishes to do so can become familiar with the method of spiritual science just as they can become familiar with the methods of chemistry. But once these things have been researched, they can be verified by any thinking person. And so, what I say or what I write—and have written—based on spiritual science can also be verified by any thinking person. There will certainly be various errors in it, of course, but that is just as it is with other research. It is not a matter of these errors in detail, but rather of the fundamental character of the whole.

[ 74 ] Habe ich Ihnen heute einen einzigen indischen Ausdruck gebraucht? Und wenn irgend etwas manchmal dadurch bezeichnet wird, daß man irgendeinen alten Ausdruck gebraucht, so ist das eben ein terminus technicus, den man deshalb gebraucht, weil im gegenwärtigen Sprachgebrauch ein solcher Ausdruck nicht vorhanden ist. Wenn ich auch den pythagoreischen Lehrsatz an der Tafel beweisen kann oder etwas anderes, ist einem deshalb vorzuwerfen, daß das schon vor Jahrhunderten da war? Für mich handelt es sich nicht darum, uralt Indisches oder dergleichen vorzubringen, sondern dasjenige vorzubringen, was sich aus der Sache selbst ergibt. Wie heute derjenige, der den pythagoreischen Lehrsatz begreift und versteht, ihn aus der Sache selbst begreift, trotzdem man ihn in einem bestimmten Zeitpunkt als zuerst auftauchend findet, so muß natürlich manches, aber doch eigentlich nur scheinbar, übereinstimmen mit dem, was schon da war. Aber gerade dagegen habe ich mich immer am allerlebhaftesten gewehrt, daß dasjenige, was hier versucht wird aus dem gegenwärtigen Zeitpunkte des Menschheitsbewußtseins heraus, irgend etwas zu tun habe mit irgendeiner alten indischen Mystik oder dergleichen. Anklänge sind da, selbstverständlich, weil das instinktive Erkennen in uralten Zeiten manches gefunden hat, was heute wieder auftauchen muß. Aber das, was ich meine, ist nicht aus alten Traditionen geschöpft. Das ist wirklich so geschöpft, daß wahr ist, für mich wahr ist, was ich damals niederschrieb, als ich mein Buch «Theosophie» schrieb in der ersten Auflage 1904: Ich will nichts andreres mitteilen als das, was ich durch geisteswissenschaftliche Forschung so erkannt habe, wie man irgendeine andere wissenschaftliche Wahrheit durch äußeres Beobachten und kombinierendes Denken erkennt und wofür ich selber persönlich eintreten kann. — Es mag gewiß mancher anderer Meinung sein, aber ich trage nichts anderes vor als dasjenige, wofür ich persönlich eintreten kann. Das sage ich nicht aus Unbescheidenheit, sondern aus dem Grunde, weil ich als ein Mensch erscheinen möchte, der nicht aus einem anderen Geiste als aus dem Geiste der modernen Naturwissenschaft und auch der neueren Technik heraus eine neue Geisteswissenschaft hinstellen will, und weil ich meine, daß man dieses neue Bewußtsein erst versteht, gerade in naturwissenschaftlicher und technischer Eigenart, wenn man durch beide getrieben wird zur Anschauung des Geistes.

[ 74 ] Have I used a single Indian expression today? And if something is sometimes referred to using some old expression, that is simply a technical term used precisely because no such expression exists in current linguistic usage. Even if I can prove the Pythagorean theorem on the blackboard—or something else—can one be criticized for that simply because it existed centuries ago? For me, it is not a matter of presenting ancient Indian concepts or the like, but of presenting what arises from the matter itself. Just as today, anyone who grasps and understands the Pythagorean theorem does so by deriving it from the matter itself—even though it first appeared at a specific point in time—so, naturally, some things must coincide with what was already there, though in reality this is only an apparent coincidence. But it is precisely against this that I have always protested most vehemently—that what is being attempted here from the present stage of human consciousness has anything to do with any ancient Indian mysticism or the like. There are echoes, of course, because instinctive insight in ancient times discovered many things that must resurface today. But what I mean is not drawn from ancient traditions. It is truly such that what I wrote back then, when I wrote the first edition of my book *Theosophy* in 1904, is true—true for me: I wish to communicate nothing other than what I have come to know through spiritual scientific research—just as one comes to know any other scientific truth through external observation and synthetic thinking—and for which I myself can personally vouch. — Certainly, some may disagree, but I present nothing other than that for which I can personally vouch. I say this not out of immodesty, but because I wish to appear as a person who seeks to establish a new spiritual science not from any spirit other than that of modern natural science and also of modern technology, and because I believe that this new consciousness can only be understood—precisely in its natural-scientific and technical character—when one is driven by both of these toward a contemplation of the spirit.

[ 75 ] Ich bitte, meine Worte nicht so aufzufassen, als hätte ich dem, was der verehrte Herr Vorredner gesagt hat, ausweichen wollen. Nein, ich bin dankbar, daß mir Gelegenheit gegeben wurde, einige tatsächliche Irrtümer richtigzustellen, die sich sehr verbreitet haben. Aber manches, sehr vieles sogar, von dem, was heute verbreitet wird über das, was ich auch in Stuttgart seit Jahrzehnten vortrage, ist durchaus auf Irrtümern beruhend. Und es schien mir notwendig, was auch anerkennenswerterweise der Herr Vorredner getan hat, etwas einzugehen auf das Vorgebrachte, weil es sich nicht darum handelt, nur das mich persönlich Berührende richtigzustellen, sondern auch etwas, was der Herr Vorredner zusammenbrachte mit dem Substantantiellen der Frage, durch das Historische richtigzustellen.

[ 75 ] Please do not take my words to mean that I was trying to evade what the esteemed speaker before me said. No, I am grateful that I have been given the opportunity to correct some factual errors that have become quite widespread. But some things—indeed, quite a lot—of what is being said today about what I have been lecturing on in Stuttgart for decades is based entirely on errors. And it seemed necessary to me—as the previous speaker commendably did—to address the points raised, because this is not merely a matter of correcting what affects me personally, but also of correcting, through historical context, what the previous speaker linked to the substantive core of the issue.

[ 76 ] Frage: Wenn Dr. Steiner mir nur einen Punkt der Geisteswissenschaft so beweist, wie die Lehre des Pythagoras bewiesen werden kann, dann folge ich ihm gerne, dann ist es Wissenschaft.

[ 76 ] Question: If Dr. Steiner can prove even one point of spiritual science to me in the same way that the teachings of Pythagoras can be proven, then I will gladly follow him; then it is science.

[ 77 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden, wer kann den pythagoreischen Lehrsatz wirklich beweisen? Der pythagoreische Lehrsatz kann nicht dadurch bewiesen werden, daß ich auf die Tafel ein rechtwinkliges Dreieck zeichne, und dann nach einer der üblichen Methoden, der Beweis durchgeführt wird. Das ist nur eine Veranschaulichung des Beweises. Es handelt sich doch darum, daß derjenige, der den pythagoreischen Lehrsatz beweisen will, in die Notwendigkeit versetzt wird, das, was mathematisch konstruierbar ist, in innerer Anschauung vor sich zu haben — wenn eben auch nur in der inneren Anschauung der geometrischen Raumesanschauung. Denken Sie sich also ein Bewußtsein, das diese Raumesanschauung nicht hätte. Das würde nicht das Substantielle jenes pythagoreischen Lehrsatzes vor sich haben, und es würde so gar keinen Sinn haben, den pythagoreischen Lehrsatz zu beweisen. Den pythagoreischen Lehrsatz können wir nur dadurch beweisen, daß wir das Substantielle der Raumesanschauung und Raumesgestaltung vor uns haben. In dem Augenblick, wo wir zu einer anderen Form des Bewußtseins aufsteigen, tritt zu der gewöhnlichen Raumesanschauung etwas anderes dazu. [...] Es handelt sich also beim pythagoreischen Lehrsatz darum, wenn er bewiesen werden soll, daß diese Raumesanschauung zugrundeliegen muß. Dazu ist aber zunächst notwendig, daß man sich gewissermaßen in diese neue Konfiguration des Bewußtseins hineinfindet. Nur, solange man keine Anschaung von der Raumgestaltung hat, kommt man überhaupt nicht zu jenem Konstatieren, das zum Beweise des pythagoreischen Lehrsatzes führt. Und nur so lange glaubt man, daß nicht in derselben Weise die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung zu beweisen sid, als man noch nicht jenen Übergang vollzogen hat von dem gewöhnlichen Bewußtsein zum erlebenden Bewußtsein, das ich geschildert habe.

[ 77 ] Rudolf Steiner: My dear friends here today, who can truly prove the Pythagorean theorem? The Pythagorean theorem cannot be proven simply by drawing a right-angled triangle on the blackboard and then carrying out the proof using one of the standard methods. That is merely an illustration of the proof. The point is that whoever wishes to prove the Pythagorean theorem is compelled to have before them, in inner vision, that which is mathematically constructible—even if only within the inner vision of geometric spatial perception. So imagine a consciousness that lacked this spatial intuition. It would not have the essential nature of the Pythagorean theorem before it, and it would make no sense at all to prove the Pythagorean theorem. We can prove the Pythagorean theorem only by having the essential nature of spatial intuition and spatial configuration before us. The moment we ascend to another form of consciousness, something else is added to the ordinary conception of space. [...] Thus, if the Pythagorean theorem is to be proven, it must be based on this conception of space. But for this, it is first necessary to find one’s way, as it were, into this new configuration of consciousness. Only as long as one has no conception of spatial configuration does one fail entirely to arrive at the observation that leads to the proof of the Pythagorean theorem. And only as long as one has not yet made that transition from ordinary consciousness to the experiential consciousness I have described will one believe that the results of spiritual scientific research cannot be proven in the same way.

[ 78 ] Ich bin davon ausgegangen, daß das erlebende Bewußtsein erst da ist. Und so wie derjenige, der nicht eine Raumesanschauung hat, vom pythagoreischen Lehrsatz nicht reden kann, so kann man nicht reden von dem Beweis irgendeines Satzes der Geisteswissenschaft, wenn man die ganze Anschauungsweise nicht zugibt. Aber diese Anschauungsweise ist etwas, was [zuerst] errungen werden muß. Sie ist nicht von selbst da. Unsere Zeit erfordert aber, daß man sich zu etwas völlig Neuem entschließt, wenn man zu diesem Fortschritt der Wissenschaft übergehen will. Und ich glaube allerdings, daß noch sehr vieles überwunden werden muß, bis in breiteren Kreisen für die Geisteswissenschaft so etwas eintritt, wie es damals durch die kopernikanische Weltanschauung eingetreten ist gegenüber allen früheren Vorstellungen von der Unendlichkeit des Raumes. Früher hat man sich da oben eine blaue Kugel vorgestellt. Jetzt stellt man sich vor: es gibt Grenzen des Naturerkennens, die nicht überwunden werden können —, oder: man kann nicht hinaus über das gewöhnliche Denken. — Solche Dinge sind durchaus dem bekannt, der die Geschichte der Menschheitsentwicklung verfolgt. Und ich kann nur sagen: Entweder ist das, was ich versuchte vorzutragen, ein Weg zur Wahrheit — nicht die fertige Wahrheit —, dann wird er schon gegangen werden, oder aber es ist ein Weg zum Irrtum, dann wird er überwunden werden. Aber das schadet nichts. Was aber nicht erlöschen darf in uns, nicht durch voreilige Kritik hinweggefegt werden darf, das ist das immerwährende Streben nach aufwärts und vorwärts. Und nur von diesem Streben ist eigentlich das beseelt, was ich Ihnen heute versuchte zu charakterisieren als den Weg, den die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einschlagen will.

[ 78 ] I assumed that the experiencing consciousness exists only then. And just as someone who lacks a spatial conception cannot speak of the Pythagorean theorem, so one cannot speak of the proof of any proposition in spiritual science if one does not acknowledge the entire mode of perception. But this way of perceiving is something that must [first] be attained. It does not arise of its own accord. Our time, however, demands that one commit to something entirely new if one wishes to move toward this progress in science. And I do believe that much still needs to be overcome before something similar to what occurred with the Copernican worldview—which overturned all earlier conceptions of the infinity of space—can take hold in wider circles with regard to spiritual science. In the past, people imagined a blue sphere up there. Now people imagine that there are limits to our understanding of nature that cannot be overcome—or, that we cannot go beyond ordinary thinking. — Such things are certainly familiar to anyone who follows the history of human development. And I can only say: Either what I have attempted to present is a path to the truth—not the complete truth—and then it will surely be followed; or it is a path to error, and then it will be overcome. But that does no harm. What must not be allowed to die out within us, what must not be swept away by hasty criticism, is the ever-present striving upward and forward. And it is this striving alone that actually animates what I have attempted to characterize for you today as the path that anthroposophically oriented spiritual science seeks to take.

[ 79 ] Frage: Wir müssen den bestimmten Glauben haben, daß die Mühe, die wir aufwenden, sich auch lohnen wird. Ist es überhaupt möglich, das Geistesleben an und für sich zu erkennen? Dr. Steiner sagt, es sei möglich, den Geist der Welt, den Geist alles Lebens und aller Natur zu erkennen und mit ihm in Fühlung zu kommen. Ist das mit unserem Geiste, mit unserem Denken möglich? Ich muß das bezweifeln. Das Denken besteht aus Vorstellungen. Ich denke in Bildern.

[ 79 ] Question: We must have the firm belief that the effort we expend will be worthwhile. Is it even possible to recognize spiritual life in and of itself? Dr. Steiner says it is possible to recognize the spirit of the world, the spirit of all life and all of nature, and to come into contact with it. Is that possible with our spirit, with our thinking? I have to doubt that. Thinking consists of mental images. I think in images.

[ 80 ] Rudolf Steiner: Wollte ich auf die Frage eingehen, so müßte ich Sie ja sehr lange aufhalten. Das will ich nicht und werde ich nicht tun. Ich bedaure nur, daß diese Frage nicht früher gestellt worden ist, dann könnte ich sie gründlicher beantworten.

[ 80 ] Rudolf Steiner: If I were to address this question, I would have to keep you waiting for quite a long time. I don’t want to do that, and I won’t. I only regret that this question wasn’t asked earlier; then I could have answered it more thoroughly.

[ 81 ] Sie können in meinen Schriften überall diejenigen Dinge finden, die ich mir hypothetisch einwende und die dort auch besprochen sind, so daß Sie in der Literatur schon eine Behebung Ihrer Zweifel finden können. Hier möchte ich aber nur das folgende sagen: Es ist bei gewissen Menschen so, daß sie durch vorgefaßte Meinungen gewissermaßen es sich unmöglich machen, von der Erscheinung weiterzukommen. Sie weisen auf die Erscheinungen hin und sagen dann: Was dahinter liegt, das erkennen wir nicht. — Der ganze Kantianismus beruht im Grunde genommen auf diesem Irrtum. Und angefangen hat mein ganzes Streben damit, daß ich versuchte, diesen Irrtum zu bekämpfen. Ich möchte Ihnen durch einen Vergleich klarmachen, wie man allmählich zu einer Behebung dieser Zweifel kommen kann.

[ 81 ] Throughout my writings, you can find the very points I raise as hypothetical objections—and which are also discussed there—so that you can already find answers to your doubts in the literature. Here, however, I would like to say only the following: It is the case with certain people that, through preconceived notions, they make it impossible for themselves, so to speak, to move beyond appearances. They point to the appearances and then say: We do not recognize what lies behind them. — The entire Kantian tradition is, in essence, based on this error. And my entire endeavor began with my attempt to combat this error. I would like to use an analogy to explain to you how one can gradually resolve these doubts.

[ 82 ] Wenn jemand einen einzelnen Buchstaben ansieht so kann er sagen: Dieser einzelne Buchstabe weist auf nichts anderes hin als auf das, was seine Form ist, und diese seine Form kann ich nicht auf etwas anderes beziehen; sie sagt mir nichts anderes. — Und wenn ich, sagen wir, eine elektrische Erscheinung anschaue, so ist es geradeso, wie wenn ich einen Buchstaben anschaue, der mir nichts sagt. Etwas anderes ist es aber, wenn ich viele Buchstaben nacheinander anschaue und ein Wort habe, so daß ich dadurch vom Anschauen zum Lesen geführt werde. Ich habe auch nichts anderes vor mir als das, was angeschaut wird, aber ich dringe vor zu dem Sinn. Da werde ich zu etwas ganz anderem geführt. Und so ist es auch richtig, daß, solange man nur einzelne Naturerscheinungen und einzelne Naturelemente erfaßt — Elemente im Sinne von mathematischen Elementen — kann man mit Recht sagen, man dringt nicht ins Innere. Aber wenn man versucht, dann im Zusammenhang alle zu beleben, mit einer neuen Tätigkeit einzusetzen, so wie beim Übergang vom bloßen einzelnen Buchstaben zum Lesen des Wortes, dann wird es etwas ganz anderes Deshalb ist dasjenige, was Geisteswissenschaft sein will, nichts anderes als Phänomenologie, aber Phänomenologie, die nicht dabei stehenbleibt, die einzelnen Phänomene zusammenzusetzen, sondern sie zu lesen im Zusammenhang der Phänomene. Es ist Phänomenologie, und es wird nicht gesündigt dadurch, daß man spekulierend über die Phänomene hinausgeht, sondern man fragt ihnen ab, ob sie nicht nur in Einzelheiten, sondern im Zusammenhang für eine gewisse innerliche Tätigkeit etwas zu sagen haben.

[ 82 ] When someone looks at a single letter, they can say: This single letter refers to nothing other than its form, and I cannot relate this form to anything else; it tells me nothing else. — And when I look at, say, an electrical phenomenon, it is just as if I were looking at a letter that tells me nothing. But it is different when I look at many letters one after another and form a word, so that I am led from looking to reading. I also have nothing else before me but what is being observed, but I penetrate to the meaning. There I am led to something entirely different. And so it is also true that, as long as one grasps only individual natural phenomena and individual natural elements—elements in the sense of mathematical elements—one can rightly say that one does not penetrate to the inner essence. But when one attempts to bring them all to life in their context, to engage them in a new activity—just as in the transition from the mere individual letter to reading the word—then it becomes something entirely different. That is why what aspires to be spiritual science is nothing other than phenomenology, but a phenomenology that does not stop at assembling the individual phenomena, but rather reads them within the context of phenomena. It is phenomenology, and there is no fault in speculating beyond the phenomena; rather, one inquires of them whether they have something to say—not merely in detail, but in context—for a certain inner activity.

[ 83 ] Es ist zu begreifen, daß man, wenn man nur die einzelnen Phänomene anschaut, auf dem Standpunkt stehen kann, auf dem Haller gestanden hat, als er sagte:

[ 83 ] It must be understood that, if one considers only the individual phenomena, one may find oneself in the same position as Haller was when he said:

Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist,
Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist.

No creative spirit penetrates the depths of nature,
Blessed is he to whom she reveals only her outer shell.

[ 84 ] Aber man versteht auch, wenn jemand so die Phänomenologie erfaßt wie Goethe — und die Geisteswissenschaft ist nur fortgeschrittener Goetheanismus —, daß Goethe angesichts der Worte Hallers sagt:

[ 84 ] But one can also understand why, when someone approaches phenomenology the way Goethe did—and the science of the spirit is simply Goetheanism taken a step further—Goethe, in response to Haller’s words, says:

«Ins Innre der Natur —»
O, du Philister!
«Dringt kein erschaffner Geist,
Glückselig, wem sie nur
die äußre Schale weist.»

Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.»

“Into the heart of nature—”
Oh, you philistine!
“No creative spirit penetrates,
Blessed is he to whom she shows
only the outer shell.”

I’ve heard this repeated for sixty years,
I curse it, but secretly;
Tell me a thousand thousand times:
She gives everything abundantly and gladly;
Nature has neither core
Nor shell,
She is all at once.
Examine yourself above all else,
Whether you are core or shell.”