The Task of Anthroposophy
in the Context of Science and Life
GA 77a
28 July 1921, Darmstadt
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Die Aufgabe der Anthroposophie gegenüber Wissenschaft und Leben
3. Die Geistige Signatur der Gegenwart
3. Die Geistige Signatur der Gegenwart
[ 2 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen! Anthroposophie kann eine Angelegenheit sein, die der einzelne Mensch in seinem Kämmerchen mit sich abmacht, gewissermaßen wie etwas, was eben die intimsten Herzens- und Seelenfragen berührt, etwas, wovon man die Überzeugung gewinnen kann, daß es zusammenhängt mit dem, was den einzelnen Menschen, indem er sich in seiner vollen Individualität und Persönlichkeit erlebt, an das Ewige, an das Göttliche bindet. Mehr von diesem Gesichtspunkte ist ja gestern von mir gesprochen worden. Heute möchte ich von dem anderen Gesichtspunkte einiges zu Ihnen sprechen, von dem Gesichtspunkte, von dem aus anthroposophische Geisteswissenschaft eine Angelegenheit unseres gegenwärtigen Zeitalters sein kann. Dieses Zeitalters, das ja aus den Untergründen der Menschheitsentwicklung eine Unsumme von Fragen an die Oberfläche geworfen hat, die nun nicht bloß den einzelnen Menschen in seinem stillen Kämmerchen angehen, sondern die eine gemeinsame, eine, wenn man so sagen will, durchaus soziale Angelegenheit der ganzen Menschheit sind.
[ 2 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen! Anthroposophie kann eine Angelegenheit sein, die der einzelne Mensch in seinem Kämmerchen mit sich abmacht, gewissermaßen wie etwas, was eben die intimsten Herzens- und Seelenfragen berührt, etwas, wovon man die Überzeugung gewinnen kann, daß es zusammenhängt mit dem, was den einzelnen Menschen, indem er sich in seiner vollen Individualität und Persönlichkeit erlebt, an das Ewige, an das Göttliche bindet. Mehr von diesem Gesichtspunkte ist ja gestern von mir gesprochen worden. Heute möchte ich von dem anderen Gesichtspunkte einiges zu Ihnen sprechen, von dem Gesichtspunkte, von dem aus anthroposophische Geisteswissenschaft eine Angelegenheit unseres gegenwärtigen Zeitalters sein kann. Dieses Zeitalters, das ja aus den Untergründen der Menschheitsentwicklung eine Unsumme von Fragen an die Oberfläche geworfen hat, die nun nicht bloß den einzelnen Menschen in seinem stillen Kämmerchen angehen, sondern die eine gemeinsame, eine, wenn man so sagen will, durchaus soziale Angelegenheit der ganzen Menschheit sind.
[ 3 ] Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus anthroposophisches Streben beleuchten will, dann muß man wohl zunächst einige Gesichtspunkte angeben über dasjenige, was ich nennen möchte «die Signatur unserer Zeit», was gewisse Kräfte und Strömungen, gewisse Bestrebungen in unserer Zeit ganz besonders charakterisiert. Ich werde selbstverständlich nicht die Möglichkeit zur Charakteristik von Einzelheiten unseres Zeitalters haben, ich möchte aber diejenigen Strebungen und Strömungen, die ja natürlich in weitesten Kreisen gut bekannt sind, obwohl sie in ihrem vollen Gewicht leider allzuwenig gewürdigt werden, in den großen Linien hinstellen, in Linien, die zeigen, wie sich das einzelne in unserem Zeitalter gewissermaßen bewegt, ohne daß man auf dieses einzelne besonders Rücksicht nimmt.
[ 3 ] Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus anthroposophisches Streben beleuchten will, dann muß man wohl zunächst einige Gesichtspunkte angeben über dasjenige, was ich nennen möchte «die Signatur unserer Zeit», was gewisse Kräfte und Strömungen, gewisse Bestrebungen in unserer Zeit ganz besonders charakterisiert. Ich werde selbstverständlich nicht die Möglichkeit zur Charakteristik von Einzelheiten unseres Zeitalters haben, ich möchte aber diejenigen Strebungen und Strömungen, die ja natürlich in weitesten Kreisen gut bekannt sind, obwohl sie in ihrem vollen Gewicht leider allzuwenig gewürdigt werden, in den großen Linien hinstellen, in Linien, die zeigen, wie sich das einzelne in unserem Zeitalter gewissermaßen bewegt, ohne daß man auf dieses einzelne besonders Rücksicht nimmt.
[ 4 ] Vielleicht wird es manchen sonderbar, ja paradox berührt haben, als ich gestern einen Satz aussprach, der eigentlich mit sehr vielem in Widerspruch steht, was gerade da in der neueren Menschheitsgeschichte heraufgezogen ist, wo man Weltanschauungen zu gestalten beabsichtigt. Ich habe den Satz ausgesprochen, daß der Mensch, wenn er so recht heranwächst im naturwissenschaftlichen Bewußtsein, das ja längst zum allgemeinen Menschheitsbewußtsein geworden ist und das auch in gewisse religiöse Auffassungen übergegangen ist —, daß sich der Mensch da einen Seinsbegriff aneignet, ein Gefühl vom Existieren auch seiner selbst, den er nicht mehr festhalten kann, wenn er in seiner Selbstbesinnung auf sein eigenes Denken zurückblickt. Ich habe den Satz ausgesprochen, daß der Mensch aus dem Zeitbewußtsein allein — und ich meine damit das Bewußtsein der letzten drei bis vier Jahrhunderte schon — zu dem Satz kommen kann: «Ich denke, also bin ich nicht». — Der Mensch kann den Seinsbegriff, den er braucht, um seine naturwissenschaftliche Weltanschauung zu rechtfertigen, nicht auch gleichzeitig anwenden darauf, was sich ihm in seinem Denken, namentlich in seinem intellektuellen Leben erschließt. Und man muß vielleicht in dem Weltanschauungsstreben, das mit Descartes heraufgezogen ist, und das doch fast das ganze Weltanschauungsstreben der neueren Zeit infiziert hat, man muß in dem Satze «Ich denke, also bin ich» mehr eine Art Rettungsversuch sehen, ein Suchen nach irgendeinem festen Punkte im eigenen Innern. Man muß das Heraufkommen dieses Satzes «Ich denke, also bin ich» psychologisch ergreifen, könnte man sagen. Und die Psychologie könnte uns sagen: Die Philosophen und diejenigen, die ihnen anhängen, beschäftigen sich mit diesem Satze, glauben an diesen Satz, weil er ihnen eine gewisse illusorische Hilfe bietet gegen das Versinken im Nichtsein, [das einen ereilt,] wenn man auf das eigene Innere blickt und sich für das Sein an der äußeren naturwissenschaftlichen Weltanschauung heranerzogen hat. — Es könnte sogar für Anthroposophen paradox erscheinen, wenn dieser Satz ausgesprochen wird von demjenigen, der ja mit der «Philosophie der Freiheit» im Beginne der neunziger Jahre gerade der Signatur unserer Zeit entgegentreten wollte. Indem ich dazumal in meiner «Philosophie der Freiheit» von dem reinen Denken ausgegangen bin, könnte es scheinen, als ob das, was dazumal gesagt worden ist über das reine Denken, durch das man die allgemeinen Weltenkräfte wie an einem Zipfel erfaßt, — als ob heute über dieses reine Denken gewissermaßen der Stab gebrochen werden sollte. Aber gerade das ist nicht der Fall. Und gerade darum, daß man vom reinen Denken ausgehend das seelische Sein wiederfindet, gerade darum, im Sinne einer Zeitangelegenheit, handelt es sich für anthroposophische Geisteswissenschaft. Man wird aber nur zum Verständnis des eben Ausgesprochenen gelangen, wenn man in dem Sinne, wie ich es angedeutet habe, sich ein wenig bekanntmacht mit der Signatur unserer Zeit, mit den hauptsächlichsten charakteristischen Eigenschaften dieser unserer Zeit.
[ 4 ] Vielleicht wird es manchen sonderbar, ja paradox berührt haben, als ich gestern einen Satz aussprach, der eigentlich mit sehr vielem in Widerspruch steht, was gerade da in der neueren Menschheitsgeschichte heraufgezogen ist, wo man Weltanschauungen zu gestalten beabsichtigt. Ich habe den Satz ausgesprochen, daß der Mensch, wenn er so recht heranwächst im naturwissenschaftlichen Bewußtsein, das ja längst zum allgemeinen Menschheitsbewußtsein geworden ist und das auch in gewisse religiöse Auffassungen übergegangen ist —, daß sich der Mensch da einen Seinsbegriff aneignet, ein Gefühl vom Existieren auch seiner selbst, den er nicht mehr festhalten kann, wenn er in seiner Selbstbesinnung auf sein eigenes Denken zurückblickt. Ich habe den Satz ausgesprochen, daß der Mensch aus dem Zeitbewußtsein allein — und ich meine damit das Bewußtsein der letzten drei bis vier Jahrhunderte schon — zu dem Satz kommen kann: «Ich denke, also bin ich nicht». — Der Mensch kann den Seinsbegriff, den er braucht, um seine naturwissenschaftliche Weltanschauung zu rechtfertigen, nicht auch gleichzeitig anwenden darauf, was sich ihm in seinem Denken, namentlich in seinem intellektuellen Leben erschließt. Und man muß vielleicht in dem Weltanschauungsstreben, das mit Descartes heraufgezogen ist, und das doch fast das ganze Weltanschauungsstreben der neueren Zeit infiziert hat, man muß in dem Satze «Ich denke, also bin ich» mehr eine Art Rettungsversuch sehen, ein Suchen nach irgendeinem festen Punkte im eigenen Innern. Man muß das Heraufkommen dieses Satzes «Ich denke, also bin ich» psychologisch ergreifen, könnte man sagen. Und die Psychologie könnte uns sagen: Die Philosophen und diejenigen, die ihnen anhängen, beschäftigen sich mit diesem Satze, glauben an diesen Satz, weil er ihnen eine gewisse illusorische Hilfe bietet gegen das Versinken im Nichtsein, [das einen ereilt,] wenn man auf das eigene Innere blickt und sich für das Sein an der äußeren naturwissenschaftlichen Weltanschauung heranerzogen hat. — Es könnte sogar für Anthroposophen paradox erscheinen, wenn dieser Satz ausgesprochen wird von demjenigen, der ja mit der «Philosophie der Freiheit» im Beginne der neunziger Jahre gerade der Signatur unserer Zeit entgegentreten wollte. Indem ich dazumal in meiner «Philosophie der Freiheit» von dem reinen Denken ausgegangen bin, könnte es scheinen, als ob das, was dazumal gesagt worden ist über das reine Denken, durch das man die allgemeinen Weltenkräfte wie an einem Zipfel erfaßt, — als ob heute über dieses reine Denken gewissermaßen der Stab gebrochen werden sollte. Aber gerade das ist nicht der Fall. Und gerade darum, daß man vom reinen Denken ausgehend das seelische Sein wiederfindet, gerade darum, im Sinne einer Zeitangelegenheit, handelt es sich für anthroposophische Geisteswissenschaft. Man wird aber nur zum Verständnis des eben Ausgesprochenen gelangen, wenn man in dem Sinne, wie ich es angedeutet habe, sich ein wenig bekanntmacht mit der Signatur unserer Zeit, mit den hauptsächlichsten charakteristischen Eigenschaften dieser unserer Zeit.
[ 5 ] Und eine solche, man kann sagen auf alle übrigen lichtwerfende Eigenschaft, folgt gerade aus der Art und Weise, wie die Menschheit unseres Zeitalters der wissenschaftlichen Überzeugung gegenübertritt, in die man sich in den letzten Jahrhunderten eingewöhnt hat. Meine verehrten Anwesenden, der Mensch ist heute so stolz darauf, zu sagen, er habe den Autoritätsglauben der früheren Jahrunderte, wie ihn die Bekenntnis-Verwaltungen vorgeschrieben haben, abgestreift. Der Mensch ist heute so stolz darauf, sich zu sagen, er glaube nur an das, was er in seinem eigenen, persönlichen Wesen ergreifen könne. Und dennoch ist es für den Tieferblickenden so, als ob der alte Autoritätsglaube der Bekenntnisreligionen nur auf ein anderes Gebiet übergesprungen wäre, und dieses Gebiet ist gerade das, was man mit einer großen Unbestimmtheit, aber dafür mit einem umso stärkeren Glauben, abstrakt «die Wissenschaft» nennt. Die Wissenschaft. — Sobald der heutige Mensch hört: «die Wissenschaft», dann regt sich in ihm wiederum alles, was vom alten Autoritätsglauben einstmals nach ganz anderen Richtungen hingegangen ist. Was wissenschaftlich festgestellt sein soll, ist heute — aus Gründen, die sich die Menschen in weiteren Kreisen gar nicht sehr stark klar machen — eine Autorität von viel stärkerer Kraft, als jemals eine Autorität es war. Wie oft hört man heute die Antwort auf irgend etwas, was herausquillt als Frage aus dem menschlichen Innern: Die Wissenschaft sagt dieses oder jenes. — Diese allgemeine Macht, die Wissenschaft, hat heute alle Autorität für sich in Anspruch genommen. Sie hat diese Autorität bei denjenigen Menschen, die von sich selbst der Ansicht sind, daß sie auf der Höhe ihrer Zeit stehen, auch mit Bezug auf Weltanschauungsfragen in Anspruch genommen.
[ 5 ] Und eine solche, man kann sagen auf alle übrigen lichtwerfende Eigenschaft, folgt gerade aus der Art und Weise, wie die Menschheit unseres Zeitalters der wissenschaftlichen Überzeugung gegenübertritt, in die man sich in den letzten Jahrhunderten eingewöhnt hat. Meine verehrten Anwesenden, der Mensch ist heute so stolz darauf, zu sagen, er habe den Autoritätsglauben der früheren Jahrunderte, wie ihn die Bekenntnis-Verwaltungen vorgeschrieben haben, abgestreift. Der Mensch ist heute so stolz darauf, sich zu sagen, er glaube nur an das, was er in seinem eigenen, persönlichen Wesen ergreifen könne. Und dennoch ist es für den Tieferblickenden so, als ob der alte Autoritätsglaube der Bekenntnisreligionen nur auf ein anderes Gebiet übergesprungen wäre, und dieses Gebiet ist gerade das, was man mit einer großen Unbestimmtheit, aber dafür mit einem umso stärkeren Glauben, abstrakt «die Wissenschaft» nennt. Die Wissenschaft. — Sobald der heutige Mensch hört: «die Wissenschaft», dann regt sich in ihm wiederum alles, was vom alten Autoritätsglauben einstmals nach ganz anderen Richtungen hingegangen ist. Was wissenschaftlich festgestellt sein soll, ist heute — aus Gründen, die sich die Menschen in weiteren Kreisen gar nicht sehr stark klar machen — eine Autorität von viel stärkerer Kraft, als jemals eine Autorität es war. Wie oft hört man heute die Antwort auf irgend etwas, was herausquillt als Frage aus dem menschlichen Innern: Die Wissenschaft sagt dieses oder jenes. — Diese allgemeine Macht, die Wissenschaft, hat heute alle Autorität für sich in Anspruch genommen. Sie hat diese Autorität bei denjenigen Menschen, die von sich selbst der Ansicht sind, daß sie auf der Höhe ihrer Zeit stehen, auch mit Bezug auf Weltanschauungsfragen in Anspruch genommen.
[ 6 ] Nun aber, welcher Art ist das Verhältnis der heutigen Menschheit gerade gegenüber der wissenschaftlichen Autorität? Die Dinge haben es mit sich gebracht, daß wissenschaftlich dasjenige anerkannt wird, wovon man glaubt, daß es jeder Mensch, so wie er nun einmal nach der gewöhnlichen Menschenerziehung, der gebräuchlichen Menschenerziehung bis zu einer gewissen Stufe hin sich entwickelt hat, begreift. Wissenschaft soll im Grunde genommen nichts anderes feststellen, als wozu jeder Mensch, wenn er eben nur die nötigen Vorbedingungen dazu hat, Ja sagen kann. Wissenschaft soll etwas ganz Allgemeines sein. Wissenschaft soll in jedem Menschen auf ein und dieselbe Art leben. Denn man weiß ja, wie es von denen, die vor allen Dingen an der Autorität der Wissenschaft hängen, aufgenommen wird, wenn von einer einzelnen Persönlichkeit irgendwo ein Aufbäumen gegen diese allgemeine Gültigkeit des wissenschaftlichen Urteils stattfindet. So daß man sagen könnte: Das Ideal wissenschaftlicher Weltanschauung ist das, daß sie eine Summe von Urteilen über Welt- und Menschheitsangelegenheiten gibt, die mit vollständigem Nivellement in jedem Menschen auf die gleiche Art gelten. Eine Uniformierung gigantischer Art, möchte man sagen, ist das Ideal dieser wissenschaftlichen Überzeugung.
[ 6 ] Nun aber, welcher Art ist das Verhältnis der heutigen Menschheit gerade gegenüber der wissenschaftlichen Autorität? Die Dinge haben es mit sich gebracht, daß wissenschaftlich dasjenige anerkannt wird, wovon man glaubt, daß es jeder Mensch, so wie er nun einmal nach der gewöhnlichen Menschenerziehung, der gebräuchlichen Menschenerziehung bis zu einer gewissen Stufe hin sich entwickelt hat, begreift. Wissenschaft soll im Grunde genommen nichts anderes feststellen, als wozu jeder Mensch, wenn er eben nur die nötigen Vorbedingungen dazu hat, Ja sagen kann. Wissenschaft soll etwas ganz Allgemeines sein. Wissenschaft soll in jedem Menschen auf ein und dieselbe Art leben. Denn man weiß ja, wie es von denen, die vor allen Dingen an der Autorität der Wissenschaft hängen, aufgenommen wird, wenn von einer einzelnen Persönlichkeit irgendwo ein Aufbäumen gegen diese allgemeine Gültigkeit des wissenschaftlichen Urteils stattfindet. So daß man sagen könnte: Das Ideal wissenschaftlicher Weltanschauung ist das, daß sie eine Summe von Urteilen über Welt- und Menschheitsangelegenheiten gibt, die mit vollständigem Nivellement in jedem Menschen auf die gleiche Art gelten. Eine Uniformierung gigantischer Art, möchte man sagen, ist das Ideal dieser wissenschaftlichen Überzeugung.
[ 7 ] Wenn man so etwas ausspricht, könnte es zunächst vielleicht sogar als eine Trivialität erscheinen. Im Leben bedeutet diese Trivialität aber außerordentlich viel. Denn bei dem großen Einflusse, den Wissenschaft, namentlich insofern, als sie sich auf naturwissenschaftliche Grundlagen stützt, in unserer Zeit gewonnen hat — und wie ich gestern ausgeführt habe, mit Recht auf gewissen Gebieten —, muß man annehmen, daß, wo Wissenschaftlichkeit die Menschen immer mehr und mehr uniformiert, es immer mehr und mehr so wird, daß der eine Mensch nur der Abklatsch des anderen wird. Und in der Tat, wenn man Wissenschaft nun nicht ihrem Inhalte nach nimmt, sondern darnach, was sie geleistet hat in der neusten Zeit in bezug auf die Entwicklung des Menschengeschlechts, so sieht man, wie diese Uniformierung aus der wissenschaftlichen Überzeugungskraft heraus zu einer allgemeinen Menschheitsangelegenheit gemacht werden will. Man braucht nur hinzusehen auf die furchtbaren, zerstörenden Mächte, die heute im Osten von Europa wüten — Mächte, deren Bedeutung hier leider in bezug auf ihre Zerstörungsgewalt noch immer nicht hinlänglich genug gewürdigt werden —, so sieht man, wie ja die Menschen, die sich heute solchen Zerstörungsgewalten mit einem gewissen Fanatismus hingeben, eigentlich davon ausgegangen sind, gewisse Lehren, die aus wissenschaftlichen Untergründen herauskommen, oder vielleicht besser gesagt eine gewisse Seelenverfassung, die aus diesen wissenschaftlichen Untergründen herauskommt, auch zur Basis des sozialen Denkens zu machen. Und was durch dieses Überführen der wissenschaftlichen Seelenverfassung in das soziale Denken angestrebt wird, jenes große Menschheitsgefängnis, wo eben der eine nur der Abklatsch des anderen auch in sozialer Beziehung sein soll, wie etwa im Leninismus oder Trotzkismus, da wird es bis zur Paradoxie, aber allerdings bis zur höchst tragischen Paradoxie geführt. Man sieht schon überall — ich habe ja da nur hingewiesen auf einen extremen, einen radikalen Fall —, man sieht schon überall, man könnte sagen wie ausfließend in den Entwicklungstendenzen unserer Zeit, wie die wissenschaftliche Seelenverfassung dieses Nivellement der Menschheit bewirken will. Das ist im Grunde eine der Hauptkräfte, welche in der Signatur der gegenwärtigen Menschheitsentwicklung sich finden: dieses Nivellement von der Theorie, vom Denken, vom Forschen her. Dadurch wird gar nichts gesagt gegen die Berechtigung dieses Forschens, wie aus meinen gestrigen Ausführungen hervorging. Denn auf naturwissenschaftlichem Boden ist dieses Forschen eben voll begründet, und es hat die Wissenschaft und die Technik einmal zu den großen, voll berechtigten Triumphen geführt, die ich hier nicht zu schildern brauche.
[ 7 ] Wenn man so etwas ausspricht, könnte es zunächst vielleicht sogar als eine Trivialität erscheinen. Im Leben bedeutet diese Trivialität aber außerordentlich viel. Denn bei dem großen Einflusse, den Wissenschaft, namentlich insofern, als sie sich auf naturwissenschaftliche Grundlagen stützt, in unserer Zeit gewonnen hat — und wie ich gestern ausgeführt habe, mit Recht auf gewissen Gebieten —, muß man annehmen, daß, wo Wissenschaftlichkeit die Menschen immer mehr und mehr uniformiert, es immer mehr und mehr so wird, daß der eine Mensch nur der Abklatsch des anderen wird. Und in der Tat, wenn man Wissenschaft nun nicht ihrem Inhalte nach nimmt, sondern darnach, was sie geleistet hat in der neusten Zeit in bezug auf die Entwicklung des Menschengeschlechts, so sieht man, wie diese Uniformierung aus der wissenschaftlichen Überzeugungskraft heraus zu einer allgemeinen Menschheitsangelegenheit gemacht werden will. Man braucht nur hinzusehen auf die furchtbaren, zerstörenden Mächte, die heute im Osten von Europa wüten — Mächte, deren Bedeutung hier leider in bezug auf ihre Zerstörungsgewalt noch immer nicht hinlänglich genug gewürdigt werden —, so sieht man, wie ja die Menschen, die sich heute solchen Zerstörungsgewalten mit einem gewissen Fanatismus hingeben, eigentlich davon ausgegangen sind, gewisse Lehren, die aus wissenschaftlichen Untergründen herauskommen, oder vielleicht besser gesagt eine gewisse Seelenverfassung, die aus diesen wissenschaftlichen Untergründen herauskommt, auch zur Basis des sozialen Denkens zu machen. Und was durch dieses Überführen der wissenschaftlichen Seelenverfassung in das soziale Denken angestrebt wird, jenes große Menschheitsgefängnis, wo eben der eine nur der Abklatsch des anderen auch in sozialer Beziehung sein soll, wie etwa im Leninismus oder Trotzkismus, da wird es bis zur Paradoxie, aber allerdings bis zur höchst tragischen Paradoxie geführt. Man sieht schon überall — ich habe ja da nur hingewiesen auf einen extremen, einen radikalen Fall —, man sieht schon überall, man könnte sagen wie ausfließend in den Entwicklungstendenzen unserer Zeit, wie die wissenschaftliche Seelenverfassung dieses Nivellement der Menschheit bewirken will. Das ist im Grunde eine der Hauptkräfte, welche in der Signatur der gegenwärtigen Menschheitsentwicklung sich finden: dieses Nivellement von der Theorie, vom Denken, vom Forschen her. Dadurch wird gar nichts gesagt gegen die Berechtigung dieses Forschens, wie aus meinen gestrigen Ausführungen hervorging. Denn auf naturwissenschaftlichem Boden ist dieses Forschen eben voll begründet, und es hat die Wissenschaft und die Technik einmal zu den großen, voll berechtigten Triumphen geführt, die ich hier nicht zu schildern brauche.
[ 8 ] Diesem einen Pol der neuzeitlichen Menschheitsentwicklung steht nun aber allerdings ein anderer gegenüber, der nicht minder zur Signatur der gegenwärtigen Geistigkeit der Menschheit gehört. In demselben Maße, wie vom Intellekt und von der intellektualistischen Naturbeobachtung her dieses Nivellement der Menschheit angestrebt wird, in demselben Maße rächt sich in der menschlichen Natur das Individuelle, das Persönliche; es treten ja überall in der Welt Polaritäten auf, hier ist auch eine solche, eine innerliche. Und wir sehen, wie gegenüber dem eben geschilderten Nivellement auf der anderen Seite die instinktiven Kräfte der Menschennatur auftreten. Man möchte sagen bis zum animalischen Niveau hin treten die Willensimpulse mit instinktiver Gewalt aus dem Individuellen des Menschen heraus. Während die Menschen mit ihrem Kopf hinstreben nach einem gewissen Nivellement, macht sich überall das Allerpersönlichste aus den Untergründen des Menschen heraus geltend, dasjenige, was den einzelnen Menschen von jedem Nebenmenschen im höchsten Maße unterscheidet. So daß wir in dem Augenblick, wo wir absehen von den Gedanken, die sich die Menschen über die Welt im angedeuteten wissenschaftlichen Sinne machen möchten, und übergehen zu dem, was die Menschen fühlen, was die Menschen als Grundlage, als Impuls ihres Wollens anerkennen, wir sehen können, wie die Menschen vollständig aneinander vorbeigehen, wie der einzelne für den anderen nicht mehr ein irgendwie geartetes Verständnis hat. Nur auf engste Kreise noch beschränkt sich ein — oftmals auch künstlich gezüchtetes — Verständnis des einen Menschen für den anderen. Die Menschen verstehen sich heute nicht. Wir reden so viel von sozialen Idealen, von künstlichen Institutionen, welche ein soziales Leben herbeiführen sollen, und dies hauptsächlich aus dem Grunde, um uns über die elementare Tatsache hinwegzutäuschen, daß wir in unserem Instinkt, in unserer Willens- und Gefühlsentwicklung eigentlich furchtbar antisozial geworden sind. Ein antisoziales Element geht durch die Menschheit, sobald man von dem Gedankenleben absieht, und auf dasjenige sieht, was in den Untergründen des Gefühlslebens, in den Untergründen der Willensimpulse eigentlich lebt. Das ist der große Streit in unserer Zeit, in den die Menschheit eingesponnen ist: daß sie auf der einen Seite ein Kopfnivellement sucht und auf der anderen Seite aus den Untergründen der menschlichen Organisation heraus eine Differenzierung entwickelt, die eigentlich in unerhörtester Weise antisozial wirkt.
[ 8 ] Diesem einen Pol der neuzeitlichen Menschheitsentwicklung steht nun aber allerdings ein anderer gegenüber, der nicht minder zur Signatur der gegenwärtigen Geistigkeit der Menschheit gehört. In demselben Maße, wie vom Intellekt und von der intellektualistischen Naturbeobachtung her dieses Nivellement der Menschheit angestrebt wird, in demselben Maße rächt sich in der menschlichen Natur das Individuelle, das Persönliche; es treten ja überall in der Welt Polaritäten auf, hier ist auch eine solche, eine innerliche. Und wir sehen, wie gegenüber dem eben geschilderten Nivellement auf der anderen Seite die instinktiven Kräfte der Menschennatur auftreten. Man möchte sagen bis zum animalischen Niveau hin treten die Willensimpulse mit instinktiver Gewalt aus dem Individuellen des Menschen heraus. Während die Menschen mit ihrem Kopf hinstreben nach einem gewissen Nivellement, macht sich überall das Allerpersönlichste aus den Untergründen des Menschen heraus geltend, dasjenige, was den einzelnen Menschen von jedem Nebenmenschen im höchsten Maße unterscheidet. So daß wir in dem Augenblick, wo wir absehen von den Gedanken, die sich die Menschen über die Welt im angedeuteten wissenschaftlichen Sinne machen möchten, und übergehen zu dem, was die Menschen fühlen, was die Menschen als Grundlage, als Impuls ihres Wollens anerkennen, wir sehen können, wie die Menschen vollständig aneinander vorbeigehen, wie der einzelne für den anderen nicht mehr ein irgendwie geartetes Verständnis hat. Nur auf engste Kreise noch beschränkt sich ein — oftmals auch künstlich gezüchtetes — Verständnis des einen Menschen für den anderen. Die Menschen verstehen sich heute nicht. Wir reden so viel von sozialen Idealen, von künstlichen Institutionen, welche ein soziales Leben herbeiführen sollen, und dies hauptsächlich aus dem Grunde, um uns über die elementare Tatsache hinwegzutäuschen, daß wir in unserem Instinkt, in unserer Willens- und Gefühlsentwicklung eigentlich furchtbar antisozial geworden sind. Ein antisoziales Element geht durch die Menschheit, sobald man von dem Gedankenleben absieht, und auf dasjenige sieht, was in den Untergründen des Gefühlslebens, in den Untergründen der Willensimpulse eigentlich lebt. Das ist der große Streit in unserer Zeit, in den die Menschheit eingesponnen ist: daß sie auf der einen Seite ein Kopfnivellement sucht und auf der anderen Seite aus den Untergründen der menschlichen Organisation heraus eine Differenzierung entwickelt, die eigentlich in unerhörtester Weise antisozial wirkt.
[ 9 ] Da ist der Mensch im Grunde genommen hineingestellt. Und aus dieser Frage, die zu den wichtigsten Bestandteilen in der Signatur des geistigen Lebens der Gegenwart gehört, gehen im Grunde genommen alle anderen Fragen hervor; ging im Grunde genommen das hervor, was sich als eine so furchtbare Katastrophe im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.
[ 9 ] Da ist der Mensch im Grunde genommen hineingestellt. Und aus dieser Frage, die zu den wichtigsten Bestandteilen in der Signatur des geistigen Lebens der Gegenwart gehört, gehen im Grunde genommen alle anderen Fragen hervor; ging im Grunde genommen das hervor, was sich als eine so furchtbare Katastrophe im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.
[ 10 ] Verfolgt man, was an Urteilen an der Oberfläche schwebt, wie die Völker, die Menschen einander beurteilen, wie sie sich gegenseitig Schuld und Unschuld zuschieben, wie sie reden über das, was sie als Recht oder Unrecht anerkennen wollen, dann hat man ja eben im Grunde genommen in allem, was da an der Oberfläche geredet wird, nur eine Oberflächenansicht. In den Untergründen wütet jener Gegensatz, wüten jene Polaritäten, von denen ich eben geredet habe.
[ 10 ] Verfolgt man, was an Urteilen an der Oberfläche schwebt, wie die Völker, die Menschen einander beurteilen, wie sie sich gegenseitig Schuld und Unschuld zuschieben, wie sie reden über das, was sie als Recht oder Unrecht anerkennen wollen, dann hat man ja eben im Grunde genommen in allem, was da an der Oberfläche geredet wird, nur eine Oberflächenansicht. In den Untergründen wütet jener Gegensatz, wüten jene Polaritäten, von denen ich eben geredet habe.
[ 11 ] Dem gegenübergestellt findet sich in einer gewissen Weise jene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die eine Angelegenheit des ganzen, des Vollmenschen werden will, die sein Gefühl und seinen Willen ergreifen will. Sie schöpft auf der einen Seite, wie ich gestern ausgeführt habe, aus Erkenntnisquellen, welche in das menschliche Innere hineinschauen lernen. Sie schöpft aus gewissen Fähigkeiten, die über die alltäglichen hinaus durch die gestern angedeutete Methode entwickelt werden können. Sie schöpft aus diesen latenten, im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft schlafenden Erkenntniskräften heraus etwas, was hinunterschaut in die menschliche Natur, in diejenigen Regionen, die im gewöhnlichen Leben durch das so notwendige Erinnerungsvermögen, durch das Gedächtnis, zugedeckt werden, so wie der Raum, der hinter einem Spiegel ist, durch den Spiegel zugedeckt wird. Durchbrechen wir auf dem gestern angedeuteten Wege das, wovor die Kraft unseres Erinnerungsvermögens steht, entwickeln wir Kräfte zur übersinnlichen Schau, dann gelangen wir allerdings, wie ich es gestern angedeutet habe, zuerst dahin, die menschlichen Organe selbst in ihrer Lebendigkeit zu durchschauen. Wir gelangen da hinein, wohinein eine lebendige Medizin forschen muß, wohinein eine lebendige Anthropologie forschen muß. Aber wir gelangen dann über das, was wir am gegenwärtigen Menschen als das Geistig-Materielle finden, hinaus zu dem vorgeburtlichen Menschen, besser gesagt zu dem Menschen, wie er war in der geistigen Welt, bevor er dieses Erdenleben angetreten hat durch die Konzeption. Wir gelangen zu einer wirklichen Erweiterung derjenigen Kräfte des menschlichen Seelenlebens, die sich sonst — die Spanne Zeit ausfüllend, die da liegt einige Jahre nach unserer Geburt bis zu unserem gegenwärtigen Zeitpunkte — nur über dieses Leben innerhalb des irdischen Daseins erstrecken. Wir gelangen dadurch, daß wir das Gedächtnis durchbrechen, zu einer höheren Seelenkraft, zu einer höheren Erkenntniskraft; wir gelangen dadurch zum Anschauen der geistig-seelischen Wesenheit des Menschen, wie sie war, bevor der Mensch für dieses Erdenleben hier konzipiert worden ist. Und von da aus geht dann die Strömung, an welche zu denken dem heutigen Menschen so schwer wird: die Strömung, von der Selbsterkenntnis aus zur Welterkenntnis vorzudringen.
[ 11 ] Dem gegenübergestellt findet sich in einer gewissen Weise jene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die eine Angelegenheit des ganzen, des Vollmenschen werden will, die sein Gefühl und seinen Willen ergreifen will. Sie schöpft auf der einen Seite, wie ich gestern ausgeführt habe, aus Erkenntnisquellen, welche in das menschliche Innere hineinschauen lernen. Sie schöpft aus gewissen Fähigkeiten, die über die alltäglichen hinaus durch die gestern angedeutete Methode entwickelt werden können. Sie schöpft aus diesen latenten, im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft schlafenden Erkenntniskräften heraus etwas, was hinunterschaut in die menschliche Natur, in diejenigen Regionen, die im gewöhnlichen Leben durch das so notwendige Erinnerungsvermögen, durch das Gedächtnis, zugedeckt werden, so wie der Raum, der hinter einem Spiegel ist, durch den Spiegel zugedeckt wird. Durchbrechen wir auf dem gestern angedeuteten Wege das, wovor die Kraft unseres Erinnerungsvermögens steht, entwickeln wir Kräfte zur übersinnlichen Schau, dann gelangen wir allerdings, wie ich es gestern angedeutet habe, zuerst dahin, die menschlichen Organe selbst in ihrer Lebendigkeit zu durchschauen. Wir gelangen da hinein, wohinein eine lebendige Medizin forschen muß, wohinein eine lebendige Anthropologie forschen muß. Aber wir gelangen dann über das, was wir am gegenwärtigen Menschen als das Geistig-Materielle finden, hinaus zu dem vorgeburtlichen Menschen, besser gesagt zu dem Menschen, wie er war in der geistigen Welt, bevor er dieses Erdenleben angetreten hat durch die Konzeption. Wir gelangen zu einer wirklichen Erweiterung derjenigen Kräfte des menschlichen Seelenlebens, die sich sonst — die Spanne Zeit ausfüllend, die da liegt einige Jahre nach unserer Geburt bis zu unserem gegenwärtigen Zeitpunkte — nur über dieses Leben innerhalb des irdischen Daseins erstrecken. Wir gelangen dadurch, daß wir das Gedächtnis durchbrechen, zu einer höheren Seelenkraft, zu einer höheren Erkenntniskraft; wir gelangen dadurch zum Anschauen der geistig-seelischen Wesenheit des Menschen, wie sie war, bevor der Mensch für dieses Erdenleben hier konzipiert worden ist. Und von da aus geht dann die Strömung, an welche zu denken dem heutigen Menschen so schwer wird: die Strömung, von der Selbsterkenntnis aus zur Welterkenntnis vorzudringen.
[ 12 ] Ich weiß sehr gut, meine verehrten Anwesenden, wie sehr paradox befunden wird, was ich von Welterkenntnis in meiner «Geheimwissenschaft» gezeichnet habe. Aber wer sich hineinfindet in dieses Wachsen einer übersinnlichen Erkenntniskraft, in dieses — ich möchte den Ausdruck lieber gar nicht gebrauchen, weil heute so viel Mißbrauch damit getrieben wird —, in dieses wahre, echte Hellsehen, der wird schon finden, wie sich erweitert, was sonst nur für eine kleine Spanne Zeit in der Erinnerungsfähigkeit gegeben wird, wie es sich erweitert zu einer Welterkenntniskraft.
[ 12 ] Ich weiß sehr gut, meine verehrten Anwesenden, wie sehr paradox befunden wird, was ich von Welterkenntnis in meiner «Geheimwissenschaft» gezeichnet habe. Aber wer sich hineinfindet in dieses Wachsen einer übersinnlichen Erkenntniskraft, in dieses — ich möchte den Ausdruck lieber gar nicht gebrauchen, weil heute so viel Mißbrauch damit getrieben wird —, in dieses wahre, echte Hellsehen, der wird schon finden, wie sich erweitert, was sonst nur für eine kleine Spanne Zeit in der Erinnerungsfähigkeit gegeben wird, wie es sich erweitert zu einer Welterkenntniskraft.
[ 13 ] Das, was hier vorliegt — gewiß, die Leute sagen immer, man solle das beweisen. Aber diejenigen, die immerfort und bei jeder Gelegenheit vom Beweisen sprechen, die haben sich nie bekannt gemacht mit der Natur des Beweisens selbst. Bewiesen werden kann nur, was zunächst als Tatsache wenigstens vermutet wird. Alles andere sogenannte Beweisen ist ein dialektisches Spielen mit Begriffen, ist ein Häufen von Begriff auf Begriff. Und die Menschheit gibt sich in bezug auf dieses Beweisen, das so oftmals gefordert wird, nur großen Illusionen hin; gegen das berechtigte Beweisen soll damit nichts eingewendet werden, selbstverständlich. Der anthroposophische Forscher hat einfach hinzuweisen darauf, was sich ihm ergibt, wenn das Erkenntnisvermögen in der angedeuteten Weise erweitert wird. Und was da geschieht, möchte ich in der folgenden Weise andeuten.
[ 13 ] Das, was hier vorliegt — gewiß, die Leute sagen immer, man solle das beweisen. Aber diejenigen, die immerfort und bei jeder Gelegenheit vom Beweisen sprechen, die haben sich nie bekannt gemacht mit der Natur des Beweisens selbst. Bewiesen werden kann nur, was zunächst als Tatsache wenigstens vermutet wird. Alles andere sogenannte Beweisen ist ein dialektisches Spielen mit Begriffen, ist ein Häufen von Begriff auf Begriff. Und die Menschheit gibt sich in bezug auf dieses Beweisen, das so oftmals gefordert wird, nur großen Illusionen hin; gegen das berechtigte Beweisen soll damit nichts eingewendet werden, selbstverständlich. Der anthroposophische Forscher hat einfach hinzuweisen darauf, was sich ihm ergibt, wenn das Erkenntnisvermögen in der angedeuteten Weise erweitert wird. Und was da geschieht, möchte ich in der folgenden Weise andeuten.
[ 14 ] Wenn wir auf unser gewöhnliches, irdisches Erinnerungsvermögen hinblicken, so werden wir sagen: Dieses Erinnerungsvermögen gliedert uns zusammen mit all den Erlebnissen, die wir von einem gewissen Zeitpunkte dieses irdischen Daseins an durchgemacht haben. Diese Erlebnisse liegen zunächst im gegenwärtigen Augenblick mehrheitlich im Unterbewußten der menschlichen Organisation. Wir holen sie entweder willkürlich herauf, oder sie treiben durch ihre eigene Macht in das Bewußtsein herauf. Aus dem Strome der Erlebnisse, die wir durchgemacht haben, tauchen die Erinnerungen auf. Und die Erinnerungsmöglichkeit muß eine kontinuierliche sein, damit unser Seelenleben, unsere Seelenverfassung eine gesunde ist. Wir stehen so als Menschen, dadurch, daß wir diese Erinnerungsmöglichkeit haben, nicht nur in uns drinnen, sondern wir hängen durchaus auch zusammen mit alledem, womit wir durch die Erfahrungen durch das äußere Leben Zusammenhang haben. Durch unsere gesunde Besonnenheit finden wir schon den Unterschied heraus zwischen dem Bilde, das heute auftaucht als Nacherlebnis in der Erinnerung, und jenem intensiven, durchsättigten Erleben, das einmal da war, das in unserer Erinnerung lebt, dessen Erinnerung uns zurückgeblieben ist aus dem, was uns mit der Welt zusammengeschlossen hatte. Indem wir ein Erlebnis hatten, waren wir als Mensch daran beteiligt; wir hingen zusammen mit den Objekten; die Objekte ergossen in unsere Persönlichkeit ihre Wesenheit aus. Alles, was da in Lebendigkeit abfloß, was intensiv erlebt wurde, was wir durchmachten mit der Außenwelt, mit der Natur oder mit anderen Menschen, es verwandelte sich in Bilder, und aus den Bildern heraus zaubern wir das Erleben wiederum herauf. — Warum können wir in der Gegenwart das, was wir erlebt haben, wieder heraufzaubern? Weil wir einmal als Mensch damit verbunden waren, weil wir in dem Erlebnis mit der Außenwelt eine Einheit waren.
[ 14 ] Wenn wir auf unser gewöhnliches, irdisches Erinnerungsvermögen hinblicken, so werden wir sagen: Dieses Erinnerungsvermögen gliedert uns zusammen mit all den Erlebnissen, die wir von einem gewissen Zeitpunkte dieses irdischen Daseins an durchgemacht haben. Diese Erlebnisse liegen zunächst im gegenwärtigen Augenblick mehrheitlich im Unterbewußten der menschlichen Organisation. Wir holen sie entweder willkürlich herauf, oder sie treiben durch ihre eigene Macht in das Bewußtsein herauf. Aus dem Strome der Erlebnisse, die wir durchgemacht haben, tauchen die Erinnerungen auf. Und die Erinnerungsmöglichkeit muß eine kontinuierliche sein, damit unser Seelenleben, unsere Seelenverfassung eine gesunde ist. Wir stehen so als Menschen, dadurch, daß wir diese Erinnerungsmöglichkeit haben, nicht nur in uns drinnen, sondern wir hängen durchaus auch zusammen mit alledem, womit wir durch die Erfahrungen durch das äußere Leben Zusammenhang haben. Durch unsere gesunde Besonnenheit finden wir schon den Unterschied heraus zwischen dem Bilde, das heute auftaucht als Nacherlebnis in der Erinnerung, und jenem intensiven, durchsättigten Erleben, das einmal da war, das in unserer Erinnerung lebt, dessen Erinnerung uns zurückgeblieben ist aus dem, was uns mit der Welt zusammengeschlossen hatte. Indem wir ein Erlebnis hatten, waren wir als Mensch daran beteiligt; wir hingen zusammen mit den Objekten; die Objekte ergossen in unsere Persönlichkeit ihre Wesenheit aus. Alles, was da in Lebendigkeit abfloß, was intensiv erlebt wurde, was wir durchmachten mit der Außenwelt, mit der Natur oder mit anderen Menschen, es verwandelte sich in Bilder, und aus den Bildern heraus zaubern wir das Erleben wiederum herauf. — Warum können wir in der Gegenwart das, was wir erlebt haben, wieder heraufzaubern? Weil wir einmal als Mensch damit verbunden waren, weil wir in dem Erlebnis mit der Außenwelt eine Einheit waren.
[ 15 ] Wenn Sie das, was anthroposophische Geisteswissenschaft auf den verschiedensten Gebieten des Erkennens durchgeführt hat, überschauen, dann werden Sie wahrnehmen, wie der Mensch im gewöhnlichen Leben ja immer nur einen Teil dessen, was er ist, überblickt. Wir müssen ja unsere Erkenntniskraft erweitern, wenn wir hinunterschauen wollen in unser eigenes Innere. Nehmen Sie nur das, was ich schon gesagt habe, daß wir, wenn wir unser gewöhnliches Erinnerungsvermögen durchbrechen, erst hinunterschauen in den lebendigen Zusammenhang unserer Organisation, und wie wir dann über die Organisation in diejenigen Kräfte hinausschauen, innerhalb welcher wir gelebt haben in einem rein geistig-seelischen Dasein vor dem irdischen Dasein. Der Mensch hängt in seiner ganzen Wesenheit mit dem gesamten Weltendasein zusammen. Und wie er als der Mensch, der eingeschlossen ist zwischen Geburt und Tod, nur damit zusammenhängt, was er in der charakterisierten Weise gemeinsam mit der Welt genossen oder erlebt hat, so hängt er damit, was man dann durch weiteres Forschen in sich entdeckt, mit der gesamten Menschheitsentwicklung der Erde und auch mit der Erdentwicklung selber zusammen. Es ist nichts anderes, als zu gleicher Zeit eine Überwindung, ein Durchbrechen des Gedächtnisses und ein Wiederauftreten der Gedächtniskraft auf einer höheren Stufe. Indem wir diejenige Gedächtniskraft im kleinen, die uns unsere irdischen Erlebnisse bewahrt, überwinden, gelangen wir auf einer höheren Stufe zu einer neuen Gedächtniskraft, durch die wir die Bilder entwickeln können von den Schicksalen, die die Erde selber durchgemacht hat in anderen planetarischen Formen, wie ich das in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe. Und so wie wir durch unser alltägliches Gedächtnis bildhaft heraufzaubern, was wir erlebt haben seit unserer Geburt, so können wir, wenn wir den ganzen Menschen kennenlernen, durch Geisteswissenschaft das aus der Menschheitsorganisation heraufzaubern, was diese ganze Menschheitsorganisation mitgemacht hat, womit sie verbunden war: die gesamte Weltenentwicklung. Denn der Mensch ist ein Mikrokosmos. Wir haben es nicht mit einer andern Welt zu tun als mit derjenigen, mit der wir selbst verknüpft waren. Das habe ich in meiner «Geheimwissenschaft» gezeigt.
[ 15 ] Wenn Sie das, was anthroposophische Geisteswissenschaft auf den verschiedensten Gebieten des Erkennens durchgeführt hat, überschauen, dann werden Sie wahrnehmen, wie der Mensch im gewöhnlichen Leben ja immer nur einen Teil dessen, was er ist, überblickt. Wir müssen ja unsere Erkenntniskraft erweitern, wenn wir hinunterschauen wollen in unser eigenes Innere. Nehmen Sie nur das, was ich schon gesagt habe, daß wir, wenn wir unser gewöhnliches Erinnerungsvermögen durchbrechen, erst hinunterschauen in den lebendigen Zusammenhang unserer Organisation, und wie wir dann über die Organisation in diejenigen Kräfte hinausschauen, innerhalb welcher wir gelebt haben in einem rein geistig-seelischen Dasein vor dem irdischen Dasein. Der Mensch hängt in seiner ganzen Wesenheit mit dem gesamten Weltendasein zusammen. Und wie er als der Mensch, der eingeschlossen ist zwischen Geburt und Tod, nur damit zusammenhängt, was er in der charakterisierten Weise gemeinsam mit der Welt genossen oder erlebt hat, so hängt er damit, was man dann durch weiteres Forschen in sich entdeckt, mit der gesamten Menschheitsentwicklung der Erde und auch mit der Erdentwicklung selber zusammen. Es ist nichts anderes, als zu gleicher Zeit eine Überwindung, ein Durchbrechen des Gedächtnisses und ein Wiederauftreten der Gedächtniskraft auf einer höheren Stufe. Indem wir diejenige Gedächtniskraft im kleinen, die uns unsere irdischen Erlebnisse bewahrt, überwinden, gelangen wir auf einer höheren Stufe zu einer neuen Gedächtniskraft, durch die wir die Bilder entwickeln können von den Schicksalen, die die Erde selber durchgemacht hat in anderen planetarischen Formen, wie ich das in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe. Und so wie wir durch unser alltägliches Gedächtnis bildhaft heraufzaubern, was wir erlebt haben seit unserer Geburt, so können wir, wenn wir den ganzen Menschen kennenlernen, durch Geisteswissenschaft das aus der Menschheitsorganisation heraufzaubern, was diese ganze Menschheitsorganisation mitgemacht hat, womit sie verbunden war: die gesamte Weltenentwicklung. Denn der Mensch ist ein Mikrokosmos. Wir haben es nicht mit einer andern Welt zu tun als mit derjenigen, mit der wir selbst verknüpft waren. Das habe ich in meiner «Geheimwissenschaft» gezeigt.
[ 16 ] So sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, wie anthroposophische Geisteswissenschaft eine Erweiterung des Menschheitsbewußtseins wird. Wir sehen, wie man dadurch, daß man in größere Tiefen des Menschenwesens hinuntersteigt, zu gleicher Zeit hineinsteigt in das objektive Weltenwerden. In demselben Maße, in dem man gewissermaßen für Augenblicke verzichtet auf das gewöhnliche Innenleben, tritt in dieses Innenleben hinein, was sonst objektives Außenleben geblieben ist. In demselben Augenblick, in dem man untertaucht in die Regionen, die sonst dem Bewußtsein entzogen sind, taucht man in diejenigen Regionen ein, die uns als objektive Wesenheit, als Mensch herausgebildet haben aus dem gesamten Weltenall. Nicht anders kommt das zustande, was anthroposophische Geisteswissenschaft an Welterkenntnis liefern will.
[ 16 ] So sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, wie anthroposophische Geisteswissenschaft eine Erweiterung des Menschheitsbewußtseins wird. Wir sehen, wie man dadurch, daß man in größere Tiefen des Menschenwesens hinuntersteigt, zu gleicher Zeit hineinsteigt in das objektive Weltenwerden. In demselben Maße, in dem man gewissermaßen für Augenblicke verzichtet auf das gewöhnliche Innenleben, tritt in dieses Innenleben hinein, was sonst objektives Außenleben geblieben ist. In demselben Augenblick, in dem man untertaucht in die Regionen, die sonst dem Bewußtsein entzogen sind, taucht man in diejenigen Regionen ein, die uns als objektive Wesenheit, als Mensch herausgebildet haben aus dem gesamten Weltenall. Nicht anders kommt das zustande, was anthroposophische Geisteswissenschaft an Welterkenntnis liefern will.
[ 17 ] Aus der Signatur der Gegenwart heraus, wie ich sie charakterisiert habe, wendet der heutige Mensch gegen ein solches Welterkennen ein: Ja, aber da gelangt man ja in eine Region hinein, in der die Subjektivität in beliebiger Weise sich geltend machen kann. — Und es wird immer mit einem gewissen Wohlgefühl, könnte man sagen, von gewissen Leuten darauf hingewiesen, daß ja die verschiedensten Geistesforscher, die schon da waren, in verschiedenster Art Kunde gegeben haben davon, was sie geschaut haben im Weltenall. Allerdings wird diese Verschiedenheit hauptsächlich von denen hervorgehoben, die sich nicht intimer, nicht wirklich eigentlich mit dem befaßt haben, was von den verschiedensten Geistesforschern gesagt wird. Denn geradeso, wie es begreiflich erscheint, daß ein Baum verschieden ausschaut, wenn er von verschiedenen Seiten photographiert wird — und eigentlich erst ein Gesamtbild des Baumes auf eine äußerliche Weise zustandekommt, wenn der Baum von vier oder sechs Seiten photographiert wird, und diese Photographien dann miteinander angeschaut werden —, so müßte es auch ganz begreiflich erscheinen, daß der Mensch, der die geisteswissenschaftliche Methode auf sein eigenes Seelenleben anwendet, selbstverständlich zunächst von seinem subjektiven Gesichtspunkte ausgeht, daß aber, wenn er vorrückt in seinem Forschen, sicher immer der Standpunkt bemerkbar sein wird, auf dem er steht. Und geradeso, wie das Photographieren eines Baumes von einer bestimmten Seite objektiv [richtig] ist, so kann auch die Schilderung eines Geistesforschers objektiv [richtig] sein — trotzdem sie anders lautet als bei einem anderen, der eben von einem anderen Gesichtspunkt ausgegangen ist. Man wird aber bemerken, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft, die ich zu vertreten habe, sich bemüht, dasjenige, was charakterisiert wird, stets von den verschiedensten Seiten zu charakterisieren, und daß dadurch in einer gewissen Weise ausgeglichen werden soll, was durch die Schilderung von nur einem Gesichtspunkte aus einseitig werden kann — dieses Schildern von einem Gesichtspunkte aus, das ja namentlich auftreten kann, wenn irgend jemand meine Bücher nimmt und sie in abstrakter Weise miteinander vergleicht und sich dann sagt: Ja, da steht über eine Sache dieses und hier steht jenes. — Das kann sehr leicht ausgemünzt werden, als ob Widersprüche da wären. Dieses entspringt aber aus nichts anderem, als aus dem Bemühen, die Dinge von den verschiedensten Seiten her zu schildern, damit eben gerade durch diese besonderen Wendungen in der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine Art Allseitigkeit erzielt werden könne.
[ 17 ] Aus der Signatur der Gegenwart heraus, wie ich sie charakterisiert habe, wendet der heutige Mensch gegen ein solches Welterkennen ein: Ja, aber da gelangt man ja in eine Region hinein, in der die Subjektivität in beliebiger Weise sich geltend machen kann. — Und es wird immer mit einem gewissen Wohlgefühl, könnte man sagen, von gewissen Leuten darauf hingewiesen, daß ja die verschiedensten Geistesforscher, die schon da waren, in verschiedenster Art Kunde gegeben haben davon, was sie geschaut haben im Weltenall. Allerdings wird diese Verschiedenheit hauptsächlich von denen hervorgehoben, die sich nicht intimer, nicht wirklich eigentlich mit dem befaßt haben, was von den verschiedensten Geistesforschern gesagt wird. Denn geradeso, wie es begreiflich erscheint, daß ein Baum verschieden ausschaut, wenn er von verschiedenen Seiten photographiert wird — und eigentlich erst ein Gesamtbild des Baumes auf eine äußerliche Weise zustandekommt, wenn der Baum von vier oder sechs Seiten photographiert wird, und diese Photographien dann miteinander angeschaut werden —, so müßte es auch ganz begreiflich erscheinen, daß der Mensch, der die geisteswissenschaftliche Methode auf sein eigenes Seelenleben anwendet, selbstverständlich zunächst von seinem subjektiven Gesichtspunkte ausgeht, daß aber, wenn er vorrückt in seinem Forschen, sicher immer der Standpunkt bemerkbar sein wird, auf dem er steht. Und geradeso, wie das Photographieren eines Baumes von einer bestimmten Seite objektiv [richtig] ist, so kann auch die Schilderung eines Geistesforschers objektiv [richtig] sein — trotzdem sie anders lautet als bei einem anderen, der eben von einem anderen Gesichtspunkt ausgegangen ist. Man wird aber bemerken, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft, die ich zu vertreten habe, sich bemüht, dasjenige, was charakterisiert wird, stets von den verschiedensten Seiten zu charakterisieren, und daß dadurch in einer gewissen Weise ausgeglichen werden soll, was durch die Schilderung von nur einem Gesichtspunkte aus einseitig werden kann — dieses Schildern von einem Gesichtspunkte aus, das ja namentlich auftreten kann, wenn irgend jemand meine Bücher nimmt und sie in abstrakter Weise miteinander vergleicht und sich dann sagt: Ja, da steht über eine Sache dieses und hier steht jenes. — Das kann sehr leicht ausgemünzt werden, als ob Widersprüche da wären. Dieses entspringt aber aus nichts anderem, als aus dem Bemühen, die Dinge von den verschiedensten Seiten her zu schildern, damit eben gerade durch diese besonderen Wendungen in der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine Art Allseitigkeit erzielt werden könne.
[ 18 ] Wer das ganz kennenlernt, was auf dem inneren Wege gesucht und gefunden wird, der wird immer mehr und mehr sich klarmachen können, wie sich da ein inneres Vermögen, eine innere Fähigkeit entwickelt, die eigentlich dem ähnlich ist, was der Mensch in der mathematischen Seelenverfassung hat. [Es ist] wie in der Mathematik, wo wir etwas haben, was uns einen bestimmten seelischen Inhalt gibt, der ganz aus dem Innern gewonnen ist. Denn die Mathematik ist ganz aus dem Innern gewonnen; wir wissen, daß eine mathematische Wahrheit wahr ist, wenn wir sie innerlich durchschaut haben, mögen auch Millionen von Menschen es anders sagen. Dasjenige, was sich da abspielt in der Seele, indem wir eine mathematische Wahrheit festzuhalten wissen, die zu gleicher Zeit innerlich und äußerlich ist, das spielt sich in ähnlicher Weise [in der Seele] ab, wenn wir — allerdings durch das Subjektive hindurch — zu dem innerlich Objektiven kommen, das uns in anthroposophischer Geisteswissenschaft wirklich vorliegen kann. Nur der Anfang des Forschungsweges ist subjektiv, von dem schweigt aber der wahre Anthroposoph. Das, was sich dann nach Überwindung der subjektiven Eigentümlichkeiten des Forschers ergibt, das ist durchaus ein Objektives, von dem kann man sprechen wie von einer äußeren Beobachtung, die man durch die Sinne oder auch durch die Waage oder mit dem Meßstab gemacht hat; geradeso, wie man von mathematischen Feststellungen sprechen kann, nur daß diese formal sind, während diejenigen Feststellungen, die man durch Geisteswissenschaft macht, eben inhaltvoll sind.
[ 18 ] Wer das ganz kennenlernt, was auf dem inneren Wege gesucht und gefunden wird, der wird immer mehr und mehr sich klarmachen können, wie sich da ein inneres Vermögen, eine innere Fähigkeit entwickelt, die eigentlich dem ähnlich ist, was der Mensch in der mathematischen Seelenverfassung hat. [Es ist] wie in der Mathematik, wo wir etwas haben, was uns einen bestimmten seelischen Inhalt gibt, der ganz aus dem Innern gewonnen ist. Denn die Mathematik ist ganz aus dem Innern gewonnen; wir wissen, daß eine mathematische Wahrheit wahr ist, wenn wir sie innerlich durchschaut haben, mögen auch Millionen von Menschen es anders sagen. Dasjenige, was sich da abspielt in der Seele, indem wir eine mathematische Wahrheit festzuhalten wissen, die zu gleicher Zeit innerlich und äußerlich ist, das spielt sich in ähnlicher Weise [in der Seele] ab, wenn wir — allerdings durch das Subjektive hindurch — zu dem innerlich Objektiven kommen, das uns in anthroposophischer Geisteswissenschaft wirklich vorliegen kann. Nur der Anfang des Forschungsweges ist subjektiv, von dem schweigt aber der wahre Anthroposoph. Das, was sich dann nach Überwindung der subjektiven Eigentümlichkeiten des Forschers ergibt, das ist durchaus ein Objektives, von dem kann man sprechen wie von einer äußeren Beobachtung, die man durch die Sinne oder auch durch die Waage oder mit dem Meßstab gemacht hat; geradeso, wie man von mathematischen Feststellungen sprechen kann, nur daß diese formal sind, während diejenigen Feststellungen, die man durch Geisteswissenschaft macht, eben inhaltvoll sind.
[ 19 ] Das zeigt aber, daß diese anthroposophische Geisteswissenschaft vor allen Dingen bemüht ist, unmittelbar zum Menschen zu sprechen. Das ist auch ihre Aufgabe. Während die gegenwärtige Wissenschaftlichkeit nach einem Nivellement strebt, gewissermaßen danach strebt, den einen Menschen zum Abklatsch des andern zu machen, kann anthroposophische Geisteswissenschaft nicht anders, als zu jedem Menschen als zu einer Individualität zu sprechen, Das ist, möchte ich sagen, das unmittelbare soziale Vertrauen, das man sich im Wirken für diese anthroposophische Geisteswissenschaft erwirbt, daß man nicht irgendetwas hinstellen will, was dadurch, daß man es erforscht hat, nun gelten soll für alle Menschen, sondern durch das man nur appellieren will an die Menschen, indem man sagt: man hat den Inhalt anthroposophischer Geisteswissenschaft selbst erforscht. Aber dieser Inhalt ist der wahre Inhalt der Menschennatur. Spreche ich zu den einzelnen Menschen, so spreche ich so, daß ich sie nicht im Nivellement sehe, sondern jeden einzelnen als Individualität anspreche. Ich rechne darauf, daß, weil ja der Mensch Mensch ist, weil die Menschen gleichen seelisch-geistig-leiblichen Ursprungs sind, daß verwandte Saiten anklingen, daß aus dem Innersten heraus auf individuelle Weise dasselbe wiederkommt, was von dem einen Menschen angeschlagen wird. Nicht so, wie man sonst in der Wissenschaft spricht, spricht man durch Anthroposophie zu den Menschen, als ob man Anhängerschaft für etwas nun einmal Festgestelltes suchen würde, sondern so spricht man durch Anthroposophie, daß man an das Innere eines jeden einzelnen Menschen appelliert und sagt: Wenn du in dein eigenes Inneres hineinschaust, dann entdeckst du auf diesem Wege in deiner eigenen Wesenheit das, was ich dir mitteilen will, weil ich es erforscht habe. — Die Art des Sprechens von Mensch zu Mensch über Geisteswissenschaft, alle Art des Unterrichtens nimmt einen anderen Ton, eine andere Gesinnung an, indem man die Mitteilungen in Formeln der anthroposophischen Geisteswissenschaft hüllt. Das ist das, was an anthroposophischer Geisteswissenschaft wirksam ist gegen die Signatur unserer Zeit, wie ich sie geschildert habe: Dasjenige, was wiederum aus dem Denken, aber aus dem Denken aus dem Vollmenschen heraus, appelliert, appelliert zu gleicher Zeit an jeden einzelnen Menschen. Das Gegenteil davon ist das, was angestrebt wird im Nivellement. Es wird angestrebt die Individualisierung des Menschen durch das, was Erkenntnis ist, durch das, was Erarbeitung eines Weltanschauungsinhaltes ist. Dieser Inhalt anthroposophischer Geisteswissenschaft soll der allersubjektivste und zugleich der objektive, der allerpersönlichste und zugleich der allgemein geltende Inhalt der menschlichen Wissenschaftlichkeit sein. Die Menschheit der Gegenwart braucht diesen Gegensatz gegen das Nivellement. Von dem Nivellement ist ausgegangen das, was ich Ihnen geschildert habe, was im Grunde genommen ein antisoziales Element ist, weil es sich als Gegenpol geltend macht: das Unverständnis des einen Menschen gegenüber dem anderen Menschen. Von anthroposophischer Geisteswissenschaft soll ausgehen das liebevolle Verstehen des einen Menschen gegenüber dem anderen; und es wird vor allen Dingen nicht nur eine allgemeine Menschenkenntnis, eine allgemeine Anthroposophie kommen, sondern durch das, was diese allgemeine Anthroposophie und Welterkenntnis sein wird, wird eine Seelenverfassung angeregt werden, die auch wiederum liebevolles Verständnis für jede einzelne Eigentümlichkeit unseres nächsten Menschen in sich schließt.
[ 19 ] Das zeigt aber, daß diese anthroposophische Geisteswissenschaft vor allen Dingen bemüht ist, unmittelbar zum Menschen zu sprechen. Das ist auch ihre Aufgabe. Während die gegenwärtige Wissenschaftlichkeit nach einem Nivellement strebt, gewissermaßen danach strebt, den einen Menschen zum Abklatsch des andern zu machen, kann anthroposophische Geisteswissenschaft nicht anders, als zu jedem Menschen als zu einer Individualität zu sprechen, Das ist, möchte ich sagen, das unmittelbare soziale Vertrauen, das man sich im Wirken für diese anthroposophische Geisteswissenschaft erwirbt, daß man nicht irgendetwas hinstellen will, was dadurch, daß man es erforscht hat, nun gelten soll für alle Menschen, sondern durch das man nur appellieren will an die Menschen, indem man sagt: man hat den Inhalt anthroposophischer Geisteswissenschaft selbst erforscht. Aber dieser Inhalt ist der wahre Inhalt der Menschennatur. Spreche ich zu den einzelnen Menschen, so spreche ich so, daß ich sie nicht im Nivellement sehe, sondern jeden einzelnen als Individualität anspreche. Ich rechne darauf, daß, weil ja der Mensch Mensch ist, weil die Menschen gleichen seelisch-geistig-leiblichen Ursprungs sind, daß verwandte Saiten anklingen, daß aus dem Innersten heraus auf individuelle Weise dasselbe wiederkommt, was von dem einen Menschen angeschlagen wird. Nicht so, wie man sonst in der Wissenschaft spricht, spricht man durch Anthroposophie zu den Menschen, als ob man Anhängerschaft für etwas nun einmal Festgestelltes suchen würde, sondern so spricht man durch Anthroposophie, daß man an das Innere eines jeden einzelnen Menschen appelliert und sagt: Wenn du in dein eigenes Inneres hineinschaust, dann entdeckst du auf diesem Wege in deiner eigenen Wesenheit das, was ich dir mitteilen will, weil ich es erforscht habe. — Die Art des Sprechens von Mensch zu Mensch über Geisteswissenschaft, alle Art des Unterrichtens nimmt einen anderen Ton, eine andere Gesinnung an, indem man die Mitteilungen in Formeln der anthroposophischen Geisteswissenschaft hüllt. Das ist das, was an anthroposophischer Geisteswissenschaft wirksam ist gegen die Signatur unserer Zeit, wie ich sie geschildert habe: Dasjenige, was wiederum aus dem Denken, aber aus dem Denken aus dem Vollmenschen heraus, appelliert, appelliert zu gleicher Zeit an jeden einzelnen Menschen. Das Gegenteil davon ist das, was angestrebt wird im Nivellement. Es wird angestrebt die Individualisierung des Menschen durch das, was Erkenntnis ist, durch das, was Erarbeitung eines Weltanschauungsinhaltes ist. Dieser Inhalt anthroposophischer Geisteswissenschaft soll der allersubjektivste und zugleich der objektive, der allerpersönlichste und zugleich der allgemein geltende Inhalt der menschlichen Wissenschaftlichkeit sein. Die Menschheit der Gegenwart braucht diesen Gegensatz gegen das Nivellement. Von dem Nivellement ist ausgegangen das, was ich Ihnen geschildert habe, was im Grunde genommen ein antisoziales Element ist, weil es sich als Gegenpol geltend macht: das Unverständnis des einen Menschen gegenüber dem anderen Menschen. Von anthroposophischer Geisteswissenschaft soll ausgehen das liebevolle Verstehen des einen Menschen gegenüber dem anderen; und es wird vor allen Dingen nicht nur eine allgemeine Menschenkenntnis, eine allgemeine Anthroposophie kommen, sondern durch das, was diese allgemeine Anthroposophie und Welterkenntnis sein wird, wird eine Seelenverfassung angeregt werden, die auch wiederum liebevolles Verständnis für jede einzelne Eigentümlichkeit unseres nächsten Menschen in sich schließt.
[ 20 ] Was soziales Leben ist, kann nicht begründet werden, wenn es nicht begründet wird aus den tiefsten, heiligsten Wurzeln der Menschenwesenheit selber heraus; die sind aber doch für die heutige Menschheitsentwicklungsphase die individuellen, wie ich gestern andeutete. Daher wird Geisteswissenschaft im wesentlichen diesen anderen Einschlag der geistigen Signatur der Gegenwart geben, den wir so stark brauchen.
[ 20 ] Was soziales Leben ist, kann nicht begründet werden, wenn es nicht begründet wird aus den tiefsten, heiligsten Wurzeln der Menschenwesenheit selber heraus; die sind aber doch für die heutige Menschheitsentwicklungsphase die individuellen, wie ich gestern andeutete. Daher wird Geisteswissenschaft im wesentlichen diesen anderen Einschlag der geistigen Signatur der Gegenwart geben, den wir so stark brauchen.
[ 21 ] Damit ist aber schon gesagt, daß auch der andere Pol, der charakterisiert werden mußte mit Bezug auf die Signatur der Gegenwart, einen anderen Charakter annehmen wird. Im praktischen Leben wird eintreten, was nun nicht ein antisoziales Element ist, sondern was ein soziales Element ist. Dieses antisoziale Element, woher kommt es denn eigentlich? Es kommt davon her, daß, indem gerade die Kopfkultur einen Höhepunkt erreicht hat, die Instinkte aus der menschlichen Natur heraus walten und das Fühlen und Wollen ergreifen. Was anthroposophisches Erkennen ist, leuchtet hinein in das Fühlen, leuchtet hinein in das Wollen; es stumpft nicht ab die elementare Gewalt des Fühlens und Wollens, wie die Menschen so leicht glauben; es nimmt den Menschen nicht ihre ursprüngliche Naivität. Nein, wenn irgend etwas Schönes beleuchtet wird, verliert es seine Eigentümlichkeit nicht, sondern sie tritt erst recht hervor. Das, was in den Untergründen der menschlichen Natur liegt, wird nicht stumpfer, wenn es anthroposophisch beleuchtet wird, sondern es wird gerade in richtiger Weise entfaltet, ohne daß der Mensch die heutige Zeitkrankheit, die Nervosität, dadurch mitzumachen hat. Der Gedanke leuchtet wiederum hinein in das Fühlen, das Fühlen ergreift ihn, und indem wir in das Fühlen mit dem Gedanken hineinleuchten, verwandelt sich das «Ich denke, also bin ich nicht», das «Ich bin nur im Bilde, indem ich denke» — es verwandelt sich das Denken in ein Sein. Und erst indem wir in das Wollen untertauchen, das sonst nur im Schlafe erlebt wird — denn was weiß der Mensch im gewöhnlichen Erkennen von der Beziehung, die da herrscht zwischen einem Gedanken, der zum Willen führen soll, und dem Heben der Hand? —, indem dieses Denken geisteswissenschaftlich in dieses Wollen eintaucht, entwickelt sich das, was nun, wie man sagen könnte, im hellen Licht der Geisteserkenntnis von dem einen Menschen zum anderen Menschen hinführt. Die Menschheit kann ein soziales Ganzes nur dadurch werden, daß die Gefühle, daß die Willensimpulse durchleuchtet werden, jetzt nicht von abstrakter, intellektualistischer Erkenntnis, sondern von dem höheren Schauen. Dadurch aber, daß sie von dem höheren Schauen durchtränkt werden, wird eine wahrhafte Sozialwissenschaft, eine Sozialethik entstehen. Gerade eine solche Sozialethik sollte in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» gegeben werden. Da zeigte ich, daß sich der Mensch ja im Grunde genommmen nur frei fühlen kann, indem er aus dem reinsten Denken heraus einen Impuls für das Handeln, für das Wollen entwickelt. Der Mensch könnte sich niemals frei fühlen, wenn er aus irgendwelchen anderen Untergründen heraus Willensimpulse schöpfen müßte. Wenn wir einem Spiegel gegenüberstehen, und bloß ein Bild vor uns haben — der Vergeich ist mehr als ein Vergleich —, so kann uns dieses Bild nicht zwingen. Wenn mich irgend etwas schiebt, so bin ich gezwungen durch Kausalität. Wenn ich das Bild anschaue, kann ich nicht gezwungen werden; das Bild hat keine Kraft in sich, um mich zu zwingen. Wenn ich meine Willensimpulse in dem reinen Bildgedanken erfasse, dann haben diese Bildgedanken keine kausale Macht, keine Schwungkraft. Indem man die Bildhaftigkeit des Denkens erkennt, erkennt man, wie im reinen Denken der freie Wille wirklich aufgeht, so daß nur im Individuellsten des Menschen auch die Impulse für freies Handeln gefunden werden können. Dadurch aber, daß in dieses reine Denken, das uns zunächst Bild ist, der Wille einzieht, gerade dadurch, daß der Wille einzieht, wie es der Fall ist beim liebevollen sozialen Handeln oder bei höherer übersinnlicher Erkenntnis, wie Sie in den Ausführungen meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» sehen können, dadurch wird das sonst reine Denken von dem erfüllt, was des Menschen ureigene, ewige Wesenheit ist. Und das erste Hellsehen, meine verehrten Anwesenden, ist schon da, wenn ein freier Willensentschluß im Gedanken aufleuchtet. Und im Grunde genommen ist alles das, was dann von mir als Methode zum Heraufführen in die höchsten Geisteswelten angegeben wird, nichts anderes als eine metamorphosierte Ausgestaltung dessen, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» als dem freien Wollen zugrunde liegend geschildert habe. Erkennt man, wie in diesem vom Willen durchzogenen reinen Denken dasjenige vorliegt, worin der Mensch das Weltgeschehen zunächst erfassen kann wie an einem Zipfel, dann lernt man auch allmählich einsehen, wie man diese Seelenverfassung, die sonst nur in der freien Handlung des Menschen vorhanden ist, in der gestern geschilderten Weise erweitern kann, und wie man dadurch zu übersinnlichen Erkenntnissen kommen kann. Will der Mensch sich als freies Wesen erkennen, so muß er den Anfang machen mit diesem wahren übersinnlichen Schauen, sonst wird ihm Freiheit immer etwas Unmögliches sein. Die Freiheit verträgt sich auch nicht mit der Naturkausalität — auch nicht für den Kantianer oder für den, der wenigstens behauptet, einer zu sein. Und auf keine andere Weise kommt man zu einem Harmonisieren von Naturkausalität und menschlicher Freiheit, als indem man die Sache so durchschaut, wie ich es eben geschildert habe.
[ 21 ] Damit ist aber schon gesagt, daß auch der andere Pol, der charakterisiert werden mußte mit Bezug auf die Signatur der Gegenwart, einen anderen Charakter annehmen wird. Im praktischen Leben wird eintreten, was nun nicht ein antisoziales Element ist, sondern was ein soziales Element ist. Dieses antisoziale Element, woher kommt es denn eigentlich? Es kommt davon her, daß, indem gerade die Kopfkultur einen Höhepunkt erreicht hat, die Instinkte aus der menschlichen Natur heraus walten und das Fühlen und Wollen ergreifen. Was anthroposophisches Erkennen ist, leuchtet hinein in das Fühlen, leuchtet hinein in das Wollen; es stumpft nicht ab die elementare Gewalt des Fühlens und Wollens, wie die Menschen so leicht glauben; es nimmt den Menschen nicht ihre ursprüngliche Naivität. Nein, wenn irgend etwas Schönes beleuchtet wird, verliert es seine Eigentümlichkeit nicht, sondern sie tritt erst recht hervor. Das, was in den Untergründen der menschlichen Natur liegt, wird nicht stumpfer, wenn es anthroposophisch beleuchtet wird, sondern es wird gerade in richtiger Weise entfaltet, ohne daß der Mensch die heutige Zeitkrankheit, die Nervosität, dadurch mitzumachen hat. Der Gedanke leuchtet wiederum hinein in das Fühlen, das Fühlen ergreift ihn, und indem wir in das Fühlen mit dem Gedanken hineinleuchten, verwandelt sich das «Ich denke, also bin ich nicht», das «Ich bin nur im Bilde, indem ich denke» — es verwandelt sich das Denken in ein Sein. Und erst indem wir in das Wollen untertauchen, das sonst nur im Schlafe erlebt wird — denn was weiß der Mensch im gewöhnlichen Erkennen von der Beziehung, die da herrscht zwischen einem Gedanken, der zum Willen führen soll, und dem Heben der Hand? —, indem dieses Denken geisteswissenschaftlich in dieses Wollen eintaucht, entwickelt sich das, was nun, wie man sagen könnte, im hellen Licht der Geisteserkenntnis von dem einen Menschen zum anderen Menschen hinführt. Die Menschheit kann ein soziales Ganzes nur dadurch werden, daß die Gefühle, daß die Willensimpulse durchleuchtet werden, jetzt nicht von abstrakter, intellektualistischer Erkenntnis, sondern von dem höheren Schauen. Dadurch aber, daß sie von dem höheren Schauen durchtränkt werden, wird eine wahrhafte Sozialwissenschaft, eine Sozialethik entstehen. Gerade eine solche Sozialethik sollte in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» gegeben werden. Da zeigte ich, daß sich der Mensch ja im Grunde genommmen nur frei fühlen kann, indem er aus dem reinsten Denken heraus einen Impuls für das Handeln, für das Wollen entwickelt. Der Mensch könnte sich niemals frei fühlen, wenn er aus irgendwelchen anderen Untergründen heraus Willensimpulse schöpfen müßte. Wenn wir einem Spiegel gegenüberstehen, und bloß ein Bild vor uns haben — der Vergeich ist mehr als ein Vergleich —, so kann uns dieses Bild nicht zwingen. Wenn mich irgend etwas schiebt, so bin ich gezwungen durch Kausalität. Wenn ich das Bild anschaue, kann ich nicht gezwungen werden; das Bild hat keine Kraft in sich, um mich zu zwingen. Wenn ich meine Willensimpulse in dem reinen Bildgedanken erfasse, dann haben diese Bildgedanken keine kausale Macht, keine Schwungkraft. Indem man die Bildhaftigkeit des Denkens erkennt, erkennt man, wie im reinen Denken der freie Wille wirklich aufgeht, so daß nur im Individuellsten des Menschen auch die Impulse für freies Handeln gefunden werden können. Dadurch aber, daß in dieses reine Denken, das uns zunächst Bild ist, der Wille einzieht, gerade dadurch, daß der Wille einzieht, wie es der Fall ist beim liebevollen sozialen Handeln oder bei höherer übersinnlicher Erkenntnis, wie Sie in den Ausführungen meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» sehen können, dadurch wird das sonst reine Denken von dem erfüllt, was des Menschen ureigene, ewige Wesenheit ist. Und das erste Hellsehen, meine verehrten Anwesenden, ist schon da, wenn ein freier Willensentschluß im Gedanken aufleuchtet. Und im Grunde genommen ist alles das, was dann von mir als Methode zum Heraufführen in die höchsten Geisteswelten angegeben wird, nichts anderes als eine metamorphosierte Ausgestaltung dessen, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» als dem freien Wollen zugrunde liegend geschildert habe. Erkennt man, wie in diesem vom Willen durchzogenen reinen Denken dasjenige vorliegt, worin der Mensch das Weltgeschehen zunächst erfassen kann wie an einem Zipfel, dann lernt man auch allmählich einsehen, wie man diese Seelenverfassung, die sonst nur in der freien Handlung des Menschen vorhanden ist, in der gestern geschilderten Weise erweitern kann, und wie man dadurch zu übersinnlichen Erkenntnissen kommen kann. Will der Mensch sich als freies Wesen erkennen, so muß er den Anfang machen mit diesem wahren übersinnlichen Schauen, sonst wird ihm Freiheit immer etwas Unmögliches sein. Die Freiheit verträgt sich auch nicht mit der Naturkausalität — auch nicht für den Kantianer oder für den, der wenigstens behauptet, einer zu sein. Und auf keine andere Weise kommt man zu einem Harmonisieren von Naturkausalität und menschlicher Freiheit, als indem man die Sache so durchschaut, wie ich es eben geschildert habe.
[ 22 ] Dann aber begründet sich noch etwas anderes. Was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert habe als Grundlage des sozialen Wollens, ist viel, viel verkannt worden. Die Leute haben eingewendet: Wie sollen die Menschen denn zusammenwirken im sozialen Organismus, wenn jeder nur den inneren Antrieben seiner individuellen Wesenheit folgt? — Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, daß durch eine wirkliche, echte, wahre geistige Entwicklung des Menschen heranerzogen werden kann, was ich nennen möchte: das wirkliche soziale Vertrauen. Ein menschenwürdiges Dasein im sozialen Leben ist ja doch nur möglich, wenn wir nicht von außen her durch Gebote oder anderes zum Handeln gezwungen werden, sondern wenn wir aus dem innersten Triebe unseres Wesens heraus frei handeln können. Dann aber müssen wir dieses große Vertrauen zum anderen entwickeln können, das Vertrauen, daß er allmählich auch dazu gelangt, aus dem innersten Trieb seiner Menschennatur heraus zu handeln. Und dadurch, daß der Mensch vorschreitet zum Innersten seines Wesens und allmählich sich ein solches Verständnis des einen zum anderen entwickelt, wird durch ein volles gegenseitiges Vertrauen eine soziale Ethik, ein sozialer Organismus aus der individuellen Gestaltung des einzelnen Wollens heraus sich ergeben können. — So hängt das, was bewußtes Vertrauen ist, zusammen mit dem, was ja im Sinne des heutigen Strebens der Menschennatur doch nur als das soziale Wollen angesehen werden kann.
[ 22 ] Dann aber begründet sich noch etwas anderes. Was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert habe als Grundlage des sozialen Wollens, ist viel, viel verkannt worden. Die Leute haben eingewendet: Wie sollen die Menschen denn zusammenwirken im sozialen Organismus, wenn jeder nur den inneren Antrieben seiner individuellen Wesenheit folgt? — Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, daß durch eine wirkliche, echte, wahre geistige Entwicklung des Menschen heranerzogen werden kann, was ich nennen möchte: das wirkliche soziale Vertrauen. Ein menschenwürdiges Dasein im sozialen Leben ist ja doch nur möglich, wenn wir nicht von außen her durch Gebote oder anderes zum Handeln gezwungen werden, sondern wenn wir aus dem innersten Triebe unseres Wesens heraus frei handeln können. Dann aber müssen wir dieses große Vertrauen zum anderen entwickeln können, das Vertrauen, daß er allmählich auch dazu gelangt, aus dem innersten Trieb seiner Menschennatur heraus zu handeln. Und dadurch, daß der Mensch vorschreitet zum Innersten seines Wesens und allmählich sich ein solches Verständnis des einen zum anderen entwickelt, wird durch ein volles gegenseitiges Vertrauen eine soziale Ethik, ein sozialer Organismus aus der individuellen Gestaltung des einzelnen Wollens heraus sich ergeben können. — So hängt das, was bewußtes Vertrauen ist, zusammen mit dem, was ja im Sinne des heutigen Strebens der Menschennatur doch nur als das soziale Wollen angesehen werden kann.
[ 23 ] Man sieht am besten, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu der gegenwärtigen Signatur des Geisteslebens steht, wenn man hinschaut darauf, was — aus den Untergründen heraus, die ich eben charakterisiert habe — aus der religiösen Auffassung der Menschheit allmählich geworden ist. Geisteswissenschaft wird gerade von dieser Seite immer wieder angegriffen, indem gesagt wird, Geisteswissenschaft wolle durch Erkenntnis in die übersinnlichen Welten eintreten, aber gerade darin bestünde doch das Wesen des religiösen Lebens, so sagt man, daß man eben dasjenige, zu dem man als göttliche Weltordnung Vertrauen hat, nicht kennt, daß man also ein bloß subjektives Vertrauen hat. Es würde also darnach das Wesen der Religion gerade darin bestehen, daß man in ihr eine bloße Glaubensgewißheit entwickelt, und daß man die Erkenntnisgewißheit ausschließt. Aber meine sehr verehrten Anwesenden, diese Glaubensgewißheit, die ja identisch ist mit dem, was man Vertrauen nennen kann, die kann sich im Grunde genommen für den, der in diesen Sachen ehrlich denkt, innerhalb des religiösen Lebens auch nicht auf einem anderen Wege herstellen, als wiederum aus dem, was aus einer wirklich übersinnlichen Erkenntnis folgt. Schon eine historische Betrachtung könnte die Menschheit das lehren. Was ist es denn, woher die heutigen Menschen, die sich in der angedeuteten Weise gegen Anthroposophie auflehnen, ihr religiöses Vertrauen nehmen? Ist es etwas wirklich Elementares? Das ist eine bloße Illusion. Es sind die Reste der historischen Religionen. Es sind die Reste dessen, was sich in der Geschichte heraufentwickelt hat als die historischen Religionen. Im Sinne anthroposophischer Geisteswissenschaft haben diese Religionen ihre volle Berechtigung, und ihre letzte Höhe, wodurch die Erdenentwicklung ihren eigentlichen Sinn erhalten hat, ihre höchste Höhe haben sie eben in dem Christentum erhalten. In dem Christentum ist dasjenige enthalten, was als Urreligion zu gelten hat, die letzte Form der Religion, zu der die Menschheit hat emporsteigen können, und die für die übrige Zeit der Menschheit die fortgeltende sein muß. Anthroposophische Geisteswissenschaft tastet das Christentum nicht nur nicht an, sondern sie begründet es erst im tieferen Sinne. Aber auf der anderen Seite muß man sagen: Woher haben denn die Religionen ihren Inhalt genommen? Sie haben ihn — das kann historisch nachgewiesen werden —, sie haben ihn auch aus geistigen Schauungen, wenn auch aus alten instinktiven geistigen Schauungen, entnommen. Auf keinem anderen Wege, als auf dem, den die Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung jetzt wissenschaftlich weisen will, haben die Religionen in alten instinktiven Schauungen ihren übersinnlichen Inhalt bekommen. Dieser hat sich fortgepflanzt, der ist da in Schrift und Tradition. Und die Religionen hätten keinen Inhalt, wenn es nicht einmal instinktive übersinnliche Schauungen der Menschen gegeben hätte. Schon daraus, und noch aus vielem anderen, ist zu entnehmen, wie unrecht es ist, zu sagen, es dürfe von anthroposophischer Seite nicht ein Weg gewiesen werden in die übersinnlichen Welten, denn für die Religionen müßten die übersinnlichen Welten gerade als das ferne Unbekannte gewahrt werden, zu dem man nicht durch das Erkennen kommen könne, sondern nur durch das naive Vertrauen und durch den Glauben. Der Wert der Religionen wird sich enthüllen, wenn vom Lichte der Erkenntnis in sie hineingeleuchtet wird. Diejenigen sind im Grunde schwache Christen, die glauben, daß durch irgendeine geisteswissenschaftliche Entdeckung die Größe und Bedeutsamkeit des Christentums beeinträchtigt werden könnte. Diejenigen sind gerade schwache Christen nach meiner Auffassung, die da glauben, daß man nicht mit irgendeiner Wissenschaft heran dürfe an das Christentum, weil es darunter leiden könnte. Geradesowenig, wie in den Evangelien etwas von Amerika steht, Amerika aber als Realität gelten gelassen werden muß, so müssen auch gelten gelassen werden die wiederholten Erdenleben, trotzdem in den Evangelien nichts davon steht.
[ 23 ] Man sieht am besten, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu der gegenwärtigen Signatur des Geisteslebens steht, wenn man hinschaut darauf, was — aus den Untergründen heraus, die ich eben charakterisiert habe — aus der religiösen Auffassung der Menschheit allmählich geworden ist. Geisteswissenschaft wird gerade von dieser Seite immer wieder angegriffen, indem gesagt wird, Geisteswissenschaft wolle durch Erkenntnis in die übersinnlichen Welten eintreten, aber gerade darin bestünde doch das Wesen des religiösen Lebens, so sagt man, daß man eben dasjenige, zu dem man als göttliche Weltordnung Vertrauen hat, nicht kennt, daß man also ein bloß subjektives Vertrauen hat. Es würde also darnach das Wesen der Religion gerade darin bestehen, daß man in ihr eine bloße Glaubensgewißheit entwickelt, und daß man die Erkenntnisgewißheit ausschließt. Aber meine sehr verehrten Anwesenden, diese Glaubensgewißheit, die ja identisch ist mit dem, was man Vertrauen nennen kann, die kann sich im Grunde genommen für den, der in diesen Sachen ehrlich denkt, innerhalb des religiösen Lebens auch nicht auf einem anderen Wege herstellen, als wiederum aus dem, was aus einer wirklich übersinnlichen Erkenntnis folgt. Schon eine historische Betrachtung könnte die Menschheit das lehren. Was ist es denn, woher die heutigen Menschen, die sich in der angedeuteten Weise gegen Anthroposophie auflehnen, ihr religiöses Vertrauen nehmen? Ist es etwas wirklich Elementares? Das ist eine bloße Illusion. Es sind die Reste der historischen Religionen. Es sind die Reste dessen, was sich in der Geschichte heraufentwickelt hat als die historischen Religionen. Im Sinne anthroposophischer Geisteswissenschaft haben diese Religionen ihre volle Berechtigung, und ihre letzte Höhe, wodurch die Erdenentwicklung ihren eigentlichen Sinn erhalten hat, ihre höchste Höhe haben sie eben in dem Christentum erhalten. In dem Christentum ist dasjenige enthalten, was als Urreligion zu gelten hat, die letzte Form der Religion, zu der die Menschheit hat emporsteigen können, und die für die übrige Zeit der Menschheit die fortgeltende sein muß. Anthroposophische Geisteswissenschaft tastet das Christentum nicht nur nicht an, sondern sie begründet es erst im tieferen Sinne. Aber auf der anderen Seite muß man sagen: Woher haben denn die Religionen ihren Inhalt genommen? Sie haben ihn — das kann historisch nachgewiesen werden —, sie haben ihn auch aus geistigen Schauungen, wenn auch aus alten instinktiven geistigen Schauungen, entnommen. Auf keinem anderen Wege, als auf dem, den die Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung jetzt wissenschaftlich weisen will, haben die Religionen in alten instinktiven Schauungen ihren übersinnlichen Inhalt bekommen. Dieser hat sich fortgepflanzt, der ist da in Schrift und Tradition. Und die Religionen hätten keinen Inhalt, wenn es nicht einmal instinktive übersinnliche Schauungen der Menschen gegeben hätte. Schon daraus, und noch aus vielem anderen, ist zu entnehmen, wie unrecht es ist, zu sagen, es dürfe von anthroposophischer Seite nicht ein Weg gewiesen werden in die übersinnlichen Welten, denn für die Religionen müßten die übersinnlichen Welten gerade als das ferne Unbekannte gewahrt werden, zu dem man nicht durch das Erkennen kommen könne, sondern nur durch das naive Vertrauen und durch den Glauben. Der Wert der Religionen wird sich enthüllen, wenn vom Lichte der Erkenntnis in sie hineingeleuchtet wird. Diejenigen sind im Grunde schwache Christen, die glauben, daß durch irgendeine geisteswissenschaftliche Entdeckung die Größe und Bedeutsamkeit des Christentums beeinträchtigt werden könnte. Diejenigen sind gerade schwache Christen nach meiner Auffassung, die da glauben, daß man nicht mit irgendeiner Wissenschaft heran dürfe an das Christentum, weil es darunter leiden könnte. Geradesowenig, wie in den Evangelien etwas von Amerika steht, Amerika aber als Realität gelten gelassen werden muß, so müssen auch gelten gelassen werden die wiederholten Erdenleben, trotzdem in den Evangelien nichts davon steht.
[ 24 ] Das ist es, was aus einer bestimmten Seelenverfassung heraus Anthroposophie zu einer Zeitangelegenheit macht. Ich habe das dargestellt in meinen «Rätseln der Philosophie», wo ich gezeigt habe, wie die einzelnen philosophischen Anschauungen bis zur Gegenwart dahin tendieren, in die anthroposophische Anschauung einzulaufen. So daß in der Tat aus der Signatur der geistigen Gegenwart heraus abgelesen werden kann, wie man zu anthroposophischer Weltanschauung aufsteigen kann.
[ 24 ] Das ist es, was aus einer bestimmten Seelenverfassung heraus Anthroposophie zu einer Zeitangelegenheit macht. Ich habe das dargestellt in meinen «Rätseln der Philosophie», wo ich gezeigt habe, wie die einzelnen philosophischen Anschauungen bis zur Gegenwart dahin tendieren, in die anthroposophische Anschauung einzulaufen. So daß in der Tat aus der Signatur der geistigen Gegenwart heraus abgelesen werden kann, wie man zu anthroposophischer Weltanschauung aufsteigen kann.
[ 25 ] Diese Signatur der geistigen Gegenwart möchte ich Ihnen jetzt zum Schlusse noch mit ein paar Strichen zeichnen, aus der Anthroposophie selbst heraus, damit Sie sehen, daß derjenige, der auf dem Boden der Anthroposophie steht, nicht davor zurückschreckt, die Ergebnisse seiner Forschung mitzuteilen, die er auf dem Wege, der Ihnen geschildert worden ist, erforscht hat, und die für ihn ebenso feststehen, wie die Ergebnisse der Astronomie, der Physiologie, der Biologie, der Pflanzenkunde.
[ 25 ] Diese Signatur der geistigen Gegenwart möchte ich Ihnen jetzt zum Schlusse noch mit ein paar Strichen zeichnen, aus der Anthroposophie selbst heraus, damit Sie sehen, daß derjenige, der auf dem Boden der Anthroposophie steht, nicht davor zurückschreckt, die Ergebnisse seiner Forschung mitzuteilen, die er auf dem Wege, der Ihnen geschildert worden ist, erforscht hat, und die für ihn ebenso feststehen, wie die Ergebnisse der Astronomie, der Physiologie, der Biologie, der Pflanzenkunde.
[ 26 ] Wenn wir mit anthroposophisch geschärftem Blick eine verhältnismäßig kurze Spanne in der Menschheitsentwicklung zurückschauen, so finden wir, wie wir zum Beispiel schon das Griechentum nicht verstehen können. Es ist im vorhergehenden Vortrage von Herrn Dr. Heyer darauf hingewiesen worden, wie sich das Bewußtsein der Menschheit im Laufe der geschichtlichen Entwicklung geändert hat. Wir brauchen, um das rein empirisch zu erhärten, nur hinzuschauen auf die besondere Art des griechischen Bewußtseins. Herman Grimm, der, trotzdem er in vieler Beziehung angefochten wird, für solche Dinge den feinen Blick eines historischen Schauers sich bewahrt hatte, er hat mit folgenden scharfen Worten auf dieses unser VerständnisVerhältnis zu den Griechen hingewiesen. Er sagte: Dasjenige, was die Römer dargelebt haben, wie ein Cäsar, ein Brutus gelebt hat, das können wir verstehen. Unsere Bewußtseinselemente haben sich seither nicht so verändert, daß wir das nicht verstehen könnten. Dasjenige, was uns von Alkibiades, von Perikles, von Plato, Sophokles erzählt wird, das bilden sich die Leute nur ein zu verstehen, wenn sie auf dem Standpunkte des heutigen Menschheitsverständnisses bleiben. Wie Märchenhelden sind eigentlich die nur schattenhaft vor den gewöhnlichen Menschheitsideen aufsteigenden Gestalten eines Perikles und Alkibiades. — Märchengestalten sieht Herman Grimm in der ganzen griechischen Geschichte. Geisteswissenschaft ist dazu berufen, das herbeizuführen, was das Bewußtsein erweitern kann, so daß man wirklich die innere Seelenverfassung so wandelt, daß man wiederum drinnenstehen kann in diesem besonderen inneren Erleben der Griechen. Und da muß man sagen: Dieses Erleben der Griechen, es beruhte auf einem historischen Gesetz, das heute erst von der anthroposophischen Geisteswissenschaft in seinem vollen Umfange anerkannt wird. Es ist das Gesetz, das ich Ihnen nun in der folgenden Weise charakterisieren will.
[ 26 ] Wenn wir mit anthroposophisch geschärftem Blick eine verhältnismäßig kurze Spanne in der Menschheitsentwicklung zurückschauen, so finden wir, wie wir zum Beispiel schon das Griechentum nicht verstehen können. Es ist im vorhergehenden Vortrage von Herrn Dr. Heyer darauf hingewiesen worden, wie sich das Bewußtsein der Menschheit im Laufe der geschichtlichen Entwicklung geändert hat. Wir brauchen, um das rein empirisch zu erhärten, nur hinzuschauen auf die besondere Art des griechischen Bewußtseins. Herman Grimm, der, trotzdem er in vieler Beziehung angefochten wird, für solche Dinge den feinen Blick eines historischen Schauers sich bewahrt hatte, er hat mit folgenden scharfen Worten auf dieses unser VerständnisVerhältnis zu den Griechen hingewiesen. Er sagte: Dasjenige, was die Römer dargelebt haben, wie ein Cäsar, ein Brutus gelebt hat, das können wir verstehen. Unsere Bewußtseinselemente haben sich seither nicht so verändert, daß wir das nicht verstehen könnten. Dasjenige, was uns von Alkibiades, von Perikles, von Plato, Sophokles erzählt wird, das bilden sich die Leute nur ein zu verstehen, wenn sie auf dem Standpunkte des heutigen Menschheitsverständnisses bleiben. Wie Märchenhelden sind eigentlich die nur schattenhaft vor den gewöhnlichen Menschheitsideen aufsteigenden Gestalten eines Perikles und Alkibiades. — Märchengestalten sieht Herman Grimm in der ganzen griechischen Geschichte. Geisteswissenschaft ist dazu berufen, das herbeizuführen, was das Bewußtsein erweitern kann, so daß man wirklich die innere Seelenverfassung so wandelt, daß man wiederum drinnenstehen kann in diesem besonderen inneren Erleben der Griechen. Und da muß man sagen: Dieses Erleben der Griechen, es beruhte auf einem historischen Gesetz, das heute erst von der anthroposophischen Geisteswissenschaft in seinem vollen Umfange anerkannt wird. Es ist das Gesetz, das ich Ihnen nun in der folgenden Weise charakterisieren will.
[ 27 ] Je mehr wir zurückgehen in der Menschheitsentw1cklung‚ ins Griechentum, Ägyptertum, ins Persertum, ins Indertum und in die vorhistorischen Zeiten, desto mehr finden wir, daß eigentlich die ganze menschliche Konstitution eine andere ist. Wir sehen heute das Leben sich in dem Kinde so entwickeln, daß das Seelenleben in einem hohen Grade an die körperliche Organisation gebunden ist. Nehmen Sie mein Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» oder anderes, was ich im Zusammenhang mit der Pädagogik gesagt habe, und Sie werden sehen, wie mit dem Zahnwechsel im siebenten, achten Jahr die ganze Seelenverfassung des Kindes sich ändert. Und aus dem gewöhnlichen Leben heraus ist ja bekannt, wie die ganze Seelenverfassung des Menschen sich ändert, wenn er geschlechtsreif wird. Weniger bemerkbar ist schon, daß ähnliche Veränderungen wiederum im Beginn der zwanziger Jahre und am Ende der zwanziger Jahre vor sich gehen; diese spielen sich mehr innerlich ab, aber sie sind ganz deutlich auch für den Gegenwartsmenschen noch vorhanden. Wenn wir dagegen in die höheren Jahre heraufkommen, in die dreißiger Jahre, dann wird da das seelisch-geistige Leben des Menschen in hohem Grade unabhängig vom Körperlichen. Da treten wir ein in dasjenige Stadium unserer Entwicklung, in dem wir durch äußere Erfahrung, durch das Zusammensein mit der Welt, unsere Seele verändern. Da verändern wir unsere Seele nicht mehr durch das, was etwa in solcher Art wie der Zahnwechsel, die Geschlechtsreife, oder die Umänderungen nach dem zwanzigsten Jahr in uns vorgeht. — Das aber, was sich bei uns mehr auf die jugendlichen Jahre bis an das Ende der zwanziger Jahre erstreckt, das erstreckte sich in alten Zeiten bis hinauf in das hohe Menschenalter. Dieses Gesetz ist ein historisches Gesetz. Das kann man beobachten, wenn man sich jenes Beobachtungsvermögen für das innere Seelenleben angeeignet hat, das uns in den Resten, die heute noch bei alten Menschen auftreten, zeigt, daß eine solche Entwicklung einmal da war. Weiß man das, dann sieht man zum Beispiel in die alte urindische Zeit zurück, in Zeiten, die ins Vorhistorische führen, wo der Mensch bis in die fünfziger Jahre hinauf in seinem seelisch-geistigen Leben von der körperlichen Entwicklung abhängig war. Man wurde da ein Patriarch gleichzeitig durch die körperliche Entwicklung und in der seelischen Entwicklung, wie man heute ein geschlechtsreifer Mensch gleichzeitig physisch und seelisch wird. Dieses Zusammenklingen des Körperlichen mit dem Seelisch-Geistigen ging in alten Zeiten bis ins hohe Menschenalter hinauf. Der Mensch erfuhr in jenen alten Zeiten auch jene absteigende Linie der körperlichen Entwicklung, die etwa mit dem 35. Jahr beginnt. Bis dahin wächst und sproßt unser Organismus; von da ab geht es abwärts, von da ab ist eine niedersteigende Entwicklung vorhanden. Diese niedersteigende Entwicklung machen wir heute nicht in derselben Weise durch; wir werden allerdings von dem Alter bedrückt, das ist aber erwas anderes, als das in alten Zeiten war. In alten Zeiten war es so, daß gleichzeitig mit dem Steiferwerden, mit dem Vertrockneterwerden der äußerlichen Körperlichkeit ein helles Aufleuchten der Geistigkeit vorhanden war, so daß man im Patriarchenalter hineinwuchs in naturgemäßer Entwicklung in eine gewisse Geistigkeit. Was in älteren Zeiten für ein höheres Alter noch vorhanden war, das war für den Griechen bis in die Mitte der dreißiger Jahre noch vorhanden. Was der Grieche bis ungefähr zu seinem 35. Lebensjahr noch durchmachte, das machen wir als Menschen in den dreißiger Jahren einfach nicht mehr durch und strahlen es daher auch nicht mehr im sozialen Leben aus. Das brachte in das ganze soziale Griechenleben das hinein, was zum Beispiel Goethe empfand, als er in Italien von Sehnsucht getrieben in sich das Griechentum nacherleben wollte, und wo er sagte: Wenn ich aber diese griechischen Kunstwerke ansehe, und sehe, wie die Griechen bei der Schaffung ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selber verfährt bei Schaffung ihrer Naturwerke, dann empfinde ich Notwendigkeit, dann empfinde ich Gott. — Das haben die Griechen nicht anders vermocht, die Gesetze der Natur in ihren Kunstwerken nachzuformen, als dadurch, daß sie das Sich-Empfinden in der Harmonisierung des Geistig-Seelischen und des Physisch-Leiblichen, die da sind, wenn der Mensch gerade die Mitte seines Lebens in voller, auch körperlicher Entwicklung erreicht, daß sie das in ihren vorzüglichsten Exemplaren {[?] haben durchmachen können. Aus dieser physischseelischen Organisation ging die griechische Art künstlerischen Schaffens, ging die griechische Art des religiösen Fühlens hervor, und ging auch das medizinische Denken beim Griechen hervor. Das war die Signatur der Geistigkeit in der Menschheit, die einfach davon herrührte, daß in den dreißiger Jahren das erlebt wurde, was ich geschildert habe. Man könnte sagen: Wie in der Mitte des Waagebalkens das Gleichgewicht des Waagebalkens erlebt wird, so haben die Griechen das Gleichgewicht des Menschenlebens dadurch erlebt, daß sie das Hereinspielen des Seelisch-Geistigen bis in die Mitte der dreißiger Jahre noch erfaßten. Wir erfassen es nicht mehr. Wir erreichen — wenn ich in derselben Redeweise fortfahren soll — eine physische Entwicklung, die auf die seelische noch einen Einfluß hat, in unserem heutigen Zeitalter nur bis zum Ende der zwanziger Jahre. Dadurch hört für unsere späteren Lebensjahre dasjenige auf, was aus den Tiefen der Menschennatur heraufsteigt und die Weltanschauung durchzieht. Dadurch ist aber auch die Notwendigkeit heraufgezogen, daß das, was sich nicht mehr auf natürliche Art in der Menschheit entwickelt nach dem 28. Lebensjahr, auf bewußte Art durch anthroposophisch-geisteswissenschaftliche Erziehung errungen werde, daß das tatsächlich seelisch innerlich errungen werde, was früher aus der Menschennatur selber aufstieg. Das ist die Signatur unserer Zeit geworden, daß wir nur noch in jungen Jahren in der Körperlichkeit drinnen leben. Das ist das, was nun auch, und zwar — jetzt darf ich es sagen, ohne mißverstanden zu werden — in berechtigter Weise, in den Materialismus hineingeführt hat. Denn das Kind muß, indem es sich selbst betrachtet, materialistisch sein, weil sich die Geistigkeit aus der Materie heraus erst loslöst. Wir sind als Menschheit in den neueren Jahrhunderten in dem Maße materialistisch geworden, je mehr wir an dasjenige Zeitalter gebunden sind, das in der aufsteigenden materiellen, organischen Entwicklung ist, und je weniger wir noch von der Natur bekommen in der abwärtsgehenden Entwicklung nach dem 35. Lebensjahr.
[ 27 ] Je mehr wir zurückgehen in der Menschheitsentw1cklung‚ ins Griechentum, Ägyptertum, ins Persertum, ins Indertum und in die vorhistorischen Zeiten, desto mehr finden wir, daß eigentlich die ganze menschliche Konstitution eine andere ist. Wir sehen heute das Leben sich in dem Kinde so entwickeln, daß das Seelenleben in einem hohen Grade an die körperliche Organisation gebunden ist. Nehmen Sie mein Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» oder anderes, was ich im Zusammenhang mit der Pädagogik gesagt habe, und Sie werden sehen, wie mit dem Zahnwechsel im siebenten, achten Jahr die ganze Seelenverfassung des Kindes sich ändert. Und aus dem gewöhnlichen Leben heraus ist ja bekannt, wie die ganze Seelenverfassung des Menschen sich ändert, wenn er geschlechtsreif wird. Weniger bemerkbar ist schon, daß ähnliche Veränderungen wiederum im Beginn der zwanziger Jahre und am Ende der zwanziger Jahre vor sich gehen; diese spielen sich mehr innerlich ab, aber sie sind ganz deutlich auch für den Gegenwartsmenschen noch vorhanden. Wenn wir dagegen in die höheren Jahre heraufkommen, in die dreißiger Jahre, dann wird da das seelisch-geistige Leben des Menschen in hohem Grade unabhängig vom Körperlichen. Da treten wir ein in dasjenige Stadium unserer Entwicklung, in dem wir durch äußere Erfahrung, durch das Zusammensein mit der Welt, unsere Seele verändern. Da verändern wir unsere Seele nicht mehr durch das, was etwa in solcher Art wie der Zahnwechsel, die Geschlechtsreife, oder die Umänderungen nach dem zwanzigsten Jahr in uns vorgeht. — Das aber, was sich bei uns mehr auf die jugendlichen Jahre bis an das Ende der zwanziger Jahre erstreckt, das erstreckte sich in alten Zeiten bis hinauf in das hohe Menschenalter. Dieses Gesetz ist ein historisches Gesetz. Das kann man beobachten, wenn man sich jenes Beobachtungsvermögen für das innere Seelenleben angeeignet hat, das uns in den Resten, die heute noch bei alten Menschen auftreten, zeigt, daß eine solche Entwicklung einmal da war. Weiß man das, dann sieht man zum Beispiel in die alte urindische Zeit zurück, in Zeiten, die ins Vorhistorische führen, wo der Mensch bis in die fünfziger Jahre hinauf in seinem seelisch-geistigen Leben von der körperlichen Entwicklung abhängig war. Man wurde da ein Patriarch gleichzeitig durch die körperliche Entwicklung und in der seelischen Entwicklung, wie man heute ein geschlechtsreifer Mensch gleichzeitig physisch und seelisch wird. Dieses Zusammenklingen des Körperlichen mit dem Seelisch-Geistigen ging in alten Zeiten bis ins hohe Menschenalter hinauf. Der Mensch erfuhr in jenen alten Zeiten auch jene absteigende Linie der körperlichen Entwicklung, die etwa mit dem 35. Jahr beginnt. Bis dahin wächst und sproßt unser Organismus; von da ab geht es abwärts, von da ab ist eine niedersteigende Entwicklung vorhanden. Diese niedersteigende Entwicklung machen wir heute nicht in derselben Weise durch; wir werden allerdings von dem Alter bedrückt, das ist aber erwas anderes, als das in alten Zeiten war. In alten Zeiten war es so, daß gleichzeitig mit dem Steiferwerden, mit dem Vertrockneterwerden der äußerlichen Körperlichkeit ein helles Aufleuchten der Geistigkeit vorhanden war, so daß man im Patriarchenalter hineinwuchs in naturgemäßer Entwicklung in eine gewisse Geistigkeit. Was in älteren Zeiten für ein höheres Alter noch vorhanden war, das war für den Griechen bis in die Mitte der dreißiger Jahre noch vorhanden. Was der Grieche bis ungefähr zu seinem 35. Lebensjahr noch durchmachte, das machen wir als Menschen in den dreißiger Jahren einfach nicht mehr durch und strahlen es daher auch nicht mehr im sozialen Leben aus. Das brachte in das ganze soziale Griechenleben das hinein, was zum Beispiel Goethe empfand, als er in Italien von Sehnsucht getrieben in sich das Griechentum nacherleben wollte, und wo er sagte: Wenn ich aber diese griechischen Kunstwerke ansehe, und sehe, wie die Griechen bei der Schaffung ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selber verfährt bei Schaffung ihrer Naturwerke, dann empfinde ich Notwendigkeit, dann empfinde ich Gott. — Das haben die Griechen nicht anders vermocht, die Gesetze der Natur in ihren Kunstwerken nachzuformen, als dadurch, daß sie das Sich-Empfinden in der Harmonisierung des Geistig-Seelischen und des Physisch-Leiblichen, die da sind, wenn der Mensch gerade die Mitte seines Lebens in voller, auch körperlicher Entwicklung erreicht, daß sie das in ihren vorzüglichsten Exemplaren {[?] haben durchmachen können. Aus dieser physischseelischen Organisation ging die griechische Art künstlerischen Schaffens, ging die griechische Art des religiösen Fühlens hervor, und ging auch das medizinische Denken beim Griechen hervor. Das war die Signatur der Geistigkeit in der Menschheit, die einfach davon herrührte, daß in den dreißiger Jahren das erlebt wurde, was ich geschildert habe. Man könnte sagen: Wie in der Mitte des Waagebalkens das Gleichgewicht des Waagebalkens erlebt wird, so haben die Griechen das Gleichgewicht des Menschenlebens dadurch erlebt, daß sie das Hereinspielen des Seelisch-Geistigen bis in die Mitte der dreißiger Jahre noch erfaßten. Wir erfassen es nicht mehr. Wir erreichen — wenn ich in derselben Redeweise fortfahren soll — eine physische Entwicklung, die auf die seelische noch einen Einfluß hat, in unserem heutigen Zeitalter nur bis zum Ende der zwanziger Jahre. Dadurch hört für unsere späteren Lebensjahre dasjenige auf, was aus den Tiefen der Menschennatur heraufsteigt und die Weltanschauung durchzieht. Dadurch ist aber auch die Notwendigkeit heraufgezogen, daß das, was sich nicht mehr auf natürliche Art in der Menschheit entwickelt nach dem 28. Lebensjahr, auf bewußte Art durch anthroposophisch-geisteswissenschaftliche Erziehung errungen werde, daß das tatsächlich seelisch innerlich errungen werde, was früher aus der Menschennatur selber aufstieg. Das ist die Signatur unserer Zeit geworden, daß wir nur noch in jungen Jahren in der Körperlichkeit drinnen leben. Das ist das, was nun auch, und zwar — jetzt darf ich es sagen, ohne mißverstanden zu werden — in berechtigter Weise, in den Materialismus hineingeführt hat. Denn das Kind muß, indem es sich selbst betrachtet, materialistisch sein, weil sich die Geistigkeit aus der Materie heraus erst loslöst. Wir sind als Menschheit in den neueren Jahrhunderten in dem Maße materialistisch geworden, je mehr wir an dasjenige Zeitalter gebunden sind, das in der aufsteigenden materiellen, organischen Entwicklung ist, und je weniger wir noch von der Natur bekommen in der abwärtsgehenden Entwicklung nach dem 35. Lebensjahr.
[ 28 ] Das ist die Signatur unserer Zeit. Das hat uns in den Materialismus hineingeführt, indem wir uns als Menschheit in den letzten Jahrhunderten den unbewußten Kräften überlassen haben.
[ 28 ] Das ist die Signatur unserer Zeit. Das hat uns in den Materialismus hineingeführt, indem wir uns als Menschheit in den letzten Jahrhunderten den unbewußten Kräften überlassen haben.
[ 29 ] Was anthroposophische Geisteswissenschaft will, das ist, daß wir das, was uns die Natur nicht mehr gibt, nunmehr geradeso naiv, wie wir es früher von der Natur empfangen haben, vom Geiste empfangen, daß wir den Mut entwickeln, die Kraft entwickeln, vom Geisteslande aus zu empfangen, was wir aus dem Naturlande nicht mehr empfangen können. Die geistige Signatur unserer Zeit weist uns darauf hin, unsere volle Menschlichkeit, die wir nicht mehr von der Natur erlangen können, aus geistiger, aus freier Willensbetätigung heraus zu entwikkeln. Das begründet nicht eine Dekadenz. Nein, die Dekadenz wird gerade dadurch begründet, daß man sich in einer Zeit, die den Geist verlangt, nur der Natur überlassen will. Der Materialismus ist als eine notwendige Erscheinung heraufgezogen. Die Überwindung des Materialismus muß ebenso als eine notwendige Erscheinung eintreten. Das glaubt anthroposophische Geisteswissenschaft aus den Zeichen der Zeit, aus der Signatur der Zeit ablesen zu können. Aus diesem Welt- und Menschheitsbewußtsein heraus will sie wirken.
[ 29 ] Was anthroposophische Geisteswissenschaft will, das ist, daß wir das, was uns die Natur nicht mehr gibt, nunmehr geradeso naiv, wie wir es früher von der Natur empfangen haben, vom Geiste empfangen, daß wir den Mut entwickeln, die Kraft entwickeln, vom Geisteslande aus zu empfangen, was wir aus dem Naturlande nicht mehr empfangen können. Die geistige Signatur unserer Zeit weist uns darauf hin, unsere volle Menschlichkeit, die wir nicht mehr von der Natur erlangen können, aus geistiger, aus freier Willensbetätigung heraus zu entwikkeln. Das begründet nicht eine Dekadenz. Nein, die Dekadenz wird gerade dadurch begründet, daß man sich in einer Zeit, die den Geist verlangt, nur der Natur überlassen will. Der Materialismus ist als eine notwendige Erscheinung heraufgezogen. Die Überwindung des Materialismus muß ebenso als eine notwendige Erscheinung eintreten. Das glaubt anthroposophische Geisteswissenschaft aus den Zeichen der Zeit, aus der Signatur der Zeit ablesen zu können. Aus diesem Welt- und Menschheitsbewußtsein heraus will sie wirken.
[ 30 ] Menschen, die etwas tiefer eingedrungen sind in diese Signatur unserer Zeit und die in der letzten Zeit da oder dort gesprochen haben, haben im Grunde genommen immer nur in negativer Weise darauf hingewiesen, was an Niedergangskräften in unserer Zeit ist und was im Grunde genommen sein muß, wenn wir diese eben charakterisierte Entwicklung des Menschengeschlechts ins Auge fassen. Man braucht da nicht auf Spengler hinzuweisen, auf den ja heute viel hingewiesen wird, sondern man kann hinweisen auf einen unserer besten Philosophen, Gideon Spicker, der aus weitherzigem Bewußtsein seine Schrift verfaßt hat und der immer wieder darauf hingewiesen hat, wie der Mensch in unserer Zeit nicht mehr die Verbindungsbrücke schaffen kann zu dem, was ihm eigentlich das volle Bewußtsein als Mensch gibt, was ihn anbindet wiederum an das Ewige, was ihn durchdrungen sein läßt von dem Göttlich-Ewigen. Und beherzigenswerte Worte hat gerade Gideon Spicker im Jahre 1909 gesprochen, indem er in seiner Art die Signatur unserer Zeit beschrieben hat. Er sagte: Wir haben es dahin gebracht, eine Metaphysik zu haben ohne übersinnliche Überzeugung; eine Erkenntnistheorie ohne objektive Bedeutung; eine Logik ohne Inhalt, eine Psychologie ohne Seele, eine Ethik ohne Verbindlichkeit und eine Religion ohne Vernunftgründe. —
[ 30 ] Menschen, die etwas tiefer eingedrungen sind in diese Signatur unserer Zeit und die in der letzten Zeit da oder dort gesprochen haben, haben im Grunde genommen immer nur in negativer Weise darauf hingewiesen, was an Niedergangskräften in unserer Zeit ist und was im Grunde genommen sein muß, wenn wir diese eben charakterisierte Entwicklung des Menschengeschlechts ins Auge fassen. Man braucht da nicht auf Spengler hinzuweisen, auf den ja heute viel hingewiesen wird, sondern man kann hinweisen auf einen unserer besten Philosophen, Gideon Spicker, der aus weitherzigem Bewußtsein seine Schrift verfaßt hat und der immer wieder darauf hingewiesen hat, wie der Mensch in unserer Zeit nicht mehr die Verbindungsbrücke schaffen kann zu dem, was ihm eigentlich das volle Bewußtsein als Mensch gibt, was ihn anbindet wiederum an das Ewige, was ihn durchdrungen sein läßt von dem Göttlich-Ewigen. Und beherzigenswerte Worte hat gerade Gideon Spicker im Jahre 1909 gesprochen, indem er in seiner Art die Signatur unserer Zeit beschrieben hat. Er sagte: Wir haben es dahin gebracht, eine Metaphysik zu haben ohne übersinnliche Überzeugung; eine Erkenntnistheorie ohne objektive Bedeutung; eine Logik ohne Inhalt, eine Psychologie ohne Seele, eine Ethik ohne Verbindlichkeit und eine Religion ohne Vernunftgründe. —
[ 31 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen. Anthroposophie will dem Menschen wiederum eine Erkenntnistheorie geben, die in die Wirklichkeit hineinführt, weil die Wirklichkeit zugleich materiell und geistig ist. Anthroposophische Geisteswissenschaft will dem Menschen eine wirkliche Überzeugung von der übersinnlichen Welt geben — durch die Aufzeigung des Weges zum Schauen dieser Welt. Anthroposophische Geisteswissenschaft will eine Logik begründen, die wiederum in die Wirklichkeit der Dinge untertaucht. Anthroposophische Geisteswissenschaft will von einem Seelenleben als Wirklichkeit sprechen, nicht bloß von demjenigen Seelenleben, das wir bildhaft herausdeuten aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Anthropologie. Anthroposophische Geisteswissenschaft will aus den Untergründen der Menschheit heraus eine verbindliche Sozialethik schaffen. Und anthroposophische Geisteswissenschaft will eine religiöse Überzeugung geben, die gestützt ist auf die Erkenntnisse, auf das Schauen dessen, was im religiösen Leben als das göttliche Dasein existieren muß.
[ 31 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen. Anthroposophie will dem Menschen wiederum eine Erkenntnistheorie geben, die in die Wirklichkeit hineinführt, weil die Wirklichkeit zugleich materiell und geistig ist. Anthroposophische Geisteswissenschaft will dem Menschen eine wirkliche Überzeugung von der übersinnlichen Welt geben — durch die Aufzeigung des Weges zum Schauen dieser Welt. Anthroposophische Geisteswissenschaft will eine Logik begründen, die wiederum in die Wirklichkeit der Dinge untertaucht. Anthroposophische Geisteswissenschaft will von einem Seelenleben als Wirklichkeit sprechen, nicht bloß von demjenigen Seelenleben, das wir bildhaft herausdeuten aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Anthropologie. Anthroposophische Geisteswissenschaft will aus den Untergründen der Menschheit heraus eine verbindliche Sozialethik schaffen. Und anthroposophische Geisteswissenschaft will eine religiöse Überzeugung geben, die gestützt ist auf die Erkenntnisse, auf das Schauen dessen, was im religiösen Leben als das göttliche Dasein existieren muß.
[ 32 ] So will anthroposophische Geisteswissenschaft auf die Signatur unserer Zeit wirken, aber nicht deshalb, weil das aus irgendeinem utopistischen Sinne oder aus einem willkürlichen Willensentschluß hervorgeht, sondern weil das denjenigen, die nun die größte Not und die tiefste Sehnsucht unserer Zeit zu beobachten vermögen, im allerwesentlichsten Sinne für unser Zeitalter notwendig erscheint.
[ 32 ] So will anthroposophische Geisteswissenschaft auf die Signatur unserer Zeit wirken, aber nicht deshalb, weil das aus irgendeinem utopistischen Sinne oder aus einem willkürlichen Willensentschluß hervorgeht, sondern weil das denjenigen, die nun die größte Not und die tiefste Sehnsucht unserer Zeit zu beobachten vermögen, im allerwesentlichsten Sinne für unser Zeitalter notwendig erscheint.
