The Task of Anthroposophy
in the Context of Science and Life
GA 77a
28 July 1921, Darmstadt
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Task of Anthroposophy in the Context of Science and Life, tr. SOL
3. Die Geistige Signatur der Gegenwart
3. The Spiritual Signature of the Present
[ 2 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen! Anthroposophie kann eine Angelegenheit sein, die der einzelne Mensch in seinem Kämmerchen mit sich abmacht, gewissermaßen wie etwas, was eben die intimsten Herzens- und Seelenfragen berührt, etwas, wovon man die Überzeugung gewinnen kann, daß es zusammenhängt mit dem, was den einzelnen Menschen, indem er sich in seiner vollen Individualität und Persönlichkeit erlebt, an das Ewige, an das Göttliche bindet. Mehr von diesem Gesichtspunkte ist ja gestern von mir gesprochen worden. Heute möchte ich von dem anderen Gesichtspunkte einiges zu Ihnen sprechen, von dem Gesichtspunkte, von dem aus anthroposophische Geisteswissenschaft eine Angelegenheit unseres gegenwärtigen Zeitalters sein kann. Dieses Zeitalters, das ja aus den Untergründen der Menschheitsentwicklung eine Unsumme von Fragen an die Oberfläche geworfen hat, die nun nicht bloß den einzelnen Menschen in seinem stillen Kämmerchen angehen, sondern die eine gemeinsame, eine, wenn man so sagen will, durchaus soziale Angelegenheit der ganzen Menschheit sind.
[ 2 ] Ladies and gentlemen, dear fellow students! Anthroposophy can be a matter that the individual settles with himself in the privacy of his own room—in a sense, something that touches upon the most intimate questions of the heart and soul, something about which one can become convinced that it is connected to what binds the individual, as he experiences himself in his full individuality and personality, to the eternal and the divine. I spoke more from this perspective yesterday. Today I would like to say a few words to you from the other perspective—the perspective from which anthroposophical spiritual science can be a matter of our present age. This age, which has indeed brought to the surface from the depths of human development a vast number of questions that now concern not merely the individual in his quiet little room, but are a common—if one may say so—entirely social matter for all of humanity.
[ 3 ] Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus anthroposophisches Streben beleuchten will, dann muß man wohl zunächst einige Gesichtspunkte angeben über dasjenige, was ich nennen möchte «die Signatur unserer Zeit», was gewisse Kräfte und Strömungen, gewisse Bestrebungen in unserer Zeit ganz besonders charakterisiert. Ich werde selbstverständlich nicht die Möglichkeit zur Charakteristik von Einzelheiten unseres Zeitalters haben, ich möchte aber diejenigen Strebungen und Strömungen, die ja natürlich in weitesten Kreisen gut bekannt sind, obwohl sie in ihrem vollen Gewicht leider allzuwenig gewürdigt werden, in den großen Linien hinstellen, in Linien, die zeigen, wie sich das einzelne in unserem Zeitalter gewissermaßen bewegt, ohne daß man auf dieses einzelne besonders Rücksicht nimmt.
[ 3 ] If one wishes to examine anthroposophical endeavors from this perspective, one must first outline a few points regarding what I would like to call “the signature of our time”—that is, the specific forces, currents, and aspirations that particularly characterize our era. Of course, I will not have the opportunity to describe the details of our age; however, I would like to outline in broad strokes those aspirations and currents—which are, of course, well known in the widest circles, although, unfortunately, their full significance is all too rarely appreciated—in a way that shows how the individual, so to speak, moves within our age without this individual being given special consideration.
[ 4 ] Vielleicht wird es manchen sonderbar, ja paradox berührt haben, als ich gestern einen Satz aussprach, der eigentlich mit sehr vielem in Widerspruch steht, was gerade da in der neueren Menschheitsgeschichte heraufgezogen ist, wo man Weltanschauungen zu gestalten beabsichtigt. Ich habe den Satz ausgesprochen, daß der Mensch, wenn er so recht heranwächst im naturwissenschaftlichen Bewußtsein, das ja längst zum allgemeinen Menschheitsbewußtsein geworden ist und das auch in gewisse religiöse Auffassungen übergegangen ist —, daß sich der Mensch da einen Seinsbegriff aneignet, ein Gefühl vom Existieren auch seiner selbst, den er nicht mehr festhalten kann, wenn er in seiner Selbstbesinnung auf sein eigenes Denken zurückblickt. Ich habe den Satz ausgesprochen, daß der Mensch aus dem Zeitbewußtsein allein — und ich meine damit das Bewußtsein der letzten drei bis vier Jahrhunderte schon — zu dem Satz kommen kann: «Ich denke, also bin ich nicht». — Der Mensch kann den Seinsbegriff, den er braucht, um seine naturwissenschaftliche Weltanschauung zu rechtfertigen, nicht auch gleichzeitig anwenden darauf, was sich ihm in seinem Denken, namentlich in seinem intellektuellen Leben erschließt. Und man muß vielleicht in dem Weltanschauungsstreben, das mit Descartes heraufgezogen ist, und das doch fast das ganze Weltanschauungsstreben der neueren Zeit infiziert hat, man muß in dem Satze «Ich denke, also bin ich» mehr eine Art Rettungsversuch sehen, ein Suchen nach irgendeinem festen Punkte im eigenen Innern. Man muß das Heraufkommen dieses Satzes «Ich denke, also bin ich» psychologisch ergreifen, könnte man sagen. Und die Psychologie könnte uns sagen: Die Philosophen und diejenigen, die ihnen anhängen, beschäftigen sich mit diesem Satze, glauben an diesen Satz, weil er ihnen eine gewisse illusorische Hilfe bietet gegen das Versinken im Nichtsein, [das einen ereilt,] wenn man auf das eigene Innere blickt und sich für das Sein an der äußeren naturwissenschaftlichen Weltanschauung heranerzogen hat. — Es könnte sogar für Anthroposophen paradox erscheinen, wenn dieser Satz ausgesprochen wird von demjenigen, der ja mit der «Philosophie der Freiheit» im Beginne der neunziger Jahre gerade der Signatur unserer Zeit entgegentreten wollte. Indem ich dazumal in meiner «Philosophie der Freiheit» von dem reinen Denken ausgegangen bin, könnte es scheinen, als ob das, was dazumal gesagt worden ist über das reine Denken, durch das man die allgemeinen Weltenkräfte wie an einem Zipfel erfaßt, — als ob heute über dieses reine Denken gewissermaßen der Stab gebrochen werden sollte. Aber gerade das ist nicht der Fall. Und gerade darum, daß man vom reinen Denken ausgehend das seelische Sein wiederfindet, gerade darum, im Sinne einer Zeitangelegenheit, handelt es sich für anthroposophische Geisteswissenschaft. Man wird aber nur zum Verständnis des eben Ausgesprochenen gelangen, wenn man in dem Sinne, wie ich es angedeutet habe, sich ein wenig bekanntmacht mit der Signatur unserer Zeit, mit den hauptsächlichsten charakteristischen Eigenschaften dieser unserer Zeit.
[ 4 ] Perhaps it struck some as strange, even paradoxical, when I uttered a sentence yesterday that actually contradicts much of what has recently emerged in the history of humanity, particularly in the realm of shaping worldviews. I said that when a person truly matures in scientific consciousness—which has long since become part of the general consciousness of humanity and has also found its way into certain religious views— —that human beings thereby acquire a concept of being, a sense of existence—including their own—which they can no longer hold onto when, in their self-reflection, they look back on their own thinking. I stated that human beings, based solely on their consciousness of time—and by this I mean the consciousness of the last three to four centuries—can arrive at the statement: “I think, therefore I am not.” — Human beings cannot simultaneously apply the concept of being—which they need to justify their scientific worldview—to what unfolds before them in their thinking, namely in their intellectual life. And perhaps one must see in the quest for a worldview that emerged with Descartes—and which has nonetheless infected almost the entire quest for a worldview in modern times—one must see in the statement “I think, therefore I am” more of a kind of attempt at salvation, a search for some fixed point within oneself. One must, so to speak, understand the emergence of this statement, “I think, therefore I am,” from a psychological perspective. And psychology might tell us: Philosophers and their followers engage with this statement and believe in it because it offers them a certain illusory aid against sinking into nothingness—[which befalls one] when one looks inward and has been brought up to view existence through the lens of the external, scientific worldview. — It might even seem paradoxical to anthroposophists if this statement were uttered by the very person who, with The Philosophy of Freedom in the early 1890s, sought precisely to counter the defining spirit of our age. Since I took pure thinking as my starting point in my Philosophy of Freedom at that time, it might seem as though what was said then about pure thinking—through which one grasps the general forces of the world as if by a single thread—were to be, so to speak, cast aside today. But that is precisely not the case. And precisely because one rediscovers spiritual being by starting from pure thinking—precisely because of this, in the sense of a matter of our time—this is what anthroposophical spiritual science is concerned with. But one will only come to understand what has just been said if, in the sense I have indicated, one familiarizes oneself a little with the character of our time, with the most principal characteristic features of our age.
[ 5 ] Und eine solche, man kann sagen auf alle übrigen lichtwerfende Eigenschaft, folgt gerade aus der Art und Weise, wie die Menschheit unseres Zeitalters der wissenschaftlichen Überzeugung gegenübertritt, in die man sich in den letzten Jahrhunderten eingewöhnt hat. Meine verehrten Anwesenden, der Mensch ist heute so stolz darauf, zu sagen, er habe den Autoritätsglauben der früheren Jahrunderte, wie ihn die Bekenntnis-Verwaltungen vorgeschrieben haben, abgestreift. Der Mensch ist heute so stolz darauf, sich zu sagen, er glaube nur an das, was er in seinem eigenen, persönlichen Wesen ergreifen könne. Und dennoch ist es für den Tieferblickenden so, als ob der alte Autoritätsglaube der Bekenntnisreligionen nur auf ein anderes Gebiet übergesprungen wäre, und dieses Gebiet ist gerade das, was man mit einer großen Unbestimmtheit, aber dafür mit einem umso stärkeren Glauben, abstrakt «die Wissenschaft» nennt. Die Wissenschaft. — Sobald der heutige Mensch hört: «die Wissenschaft», dann regt sich in ihm wiederum alles, was vom alten Autoritätsglauben einstmals nach ganz anderen Richtungen hingegangen ist. Was wissenschaftlich festgestellt sein soll, ist heute — aus Gründen, die sich die Menschen in weiteren Kreisen gar nicht sehr stark klar machen — eine Autorität von viel stärkerer Kraft, als jemals eine Autorität es war. Wie oft hört man heute die Antwort auf irgend etwas, was herausquillt als Frage aus dem menschlichen Innern: Die Wissenschaft sagt dieses oder jenes. — Diese allgemeine Macht, die Wissenschaft, hat heute alle Autorität für sich in Anspruch genommen. Sie hat diese Autorität bei denjenigen Menschen, die von sich selbst der Ansicht sind, daß sie auf der Höhe ihrer Zeit stehen, auch mit Bezug auf Weltanschauungsfragen in Anspruch genommen.
[ 5 ] And this characteristic—which, one might say, sheds light on all the others—follows directly from the way in which the people of our age approach scientific conviction, to which they have become accustomed over the past few centuries. Ladies and gentlemen, people today are so proud to say that they have cast off the belief in authority of earlier centuries, as prescribed by the denominational institutions. People today are so proud to tell themselves that they believe only in what they can grasp within their own personal being. And yet, to the deeper observer, it seems as though the old belief in authority of the confessional religions has merely shifted to another realm—and this realm is precisely what is abstractly called “science,” with great vagueness but all the more intense conviction. Science. — As soon as people today hear the word “science,” everything within them that once stemmed from the old belief in authority—but had since taken entirely different directions—is stirred once more. What is deemed to have been scientifically established is today—for reasons that people in wider circles do not fully grasp—an authority of far greater power than any authority has ever been. How often does one hear today the answer to something that wells up as a question from within the human soul: “Science says this or that.” — This universal power, science, has today claimed all authority for itself. It has claimed this authority even with regard to questions of worldview among those people who consider themselves to be at the forefront of their time.
[ 6 ] Nun aber, welcher Art ist das Verhältnis der heutigen Menschheit gerade gegenüber der wissenschaftlichen Autorität? Die Dinge haben es mit sich gebracht, daß wissenschaftlich dasjenige anerkannt wird, wovon man glaubt, daß es jeder Mensch, so wie er nun einmal nach der gewöhnlichen Menschenerziehung, der gebräuchlichen Menschenerziehung bis zu einer gewissen Stufe hin sich entwickelt hat, begreift. Wissenschaft soll im Grunde genommen nichts anderes feststellen, als wozu jeder Mensch, wenn er eben nur die nötigen Vorbedingungen dazu hat, Ja sagen kann. Wissenschaft soll etwas ganz Allgemeines sein. Wissenschaft soll in jedem Menschen auf ein und dieselbe Art leben. Denn man weiß ja, wie es von denen, die vor allen Dingen an der Autorität der Wissenschaft hängen, aufgenommen wird, wenn von einer einzelnen Persönlichkeit irgendwo ein Aufbäumen gegen diese allgemeine Gültigkeit des wissenschaftlichen Urteils stattfindet. So daß man sagen könnte: Das Ideal wissenschaftlicher Weltanschauung ist das, daß sie eine Summe von Urteilen über Welt- und Menschheitsangelegenheiten gibt, die mit vollständigem Nivellement in jedem Menschen auf die gleiche Art gelten. Eine Uniformierung gigantischer Art, möchte man sagen, ist das Ideal dieser wissenschaftlichen Überzeugung.
[ 6 ] But what, then, is the relationship of humanity today to scientific authority? Circumstances have brought it about that, scientifically speaking, what is recognized is that which every person—having developed to a certain level through ordinary human education, the customary human education—is believed to understand. Science is, in essence, meant to establish nothing other than what every person, provided they have the necessary prerequisites, can say “yes” to. Science is meant to be something entirely universal. Science is meant to exist in every person in exactly the same way. For we know how those who cling above all to the authority of science react when a single individual somewhere rebels against this universal validity of scientific judgment. So one could say: The ideal of a scientific worldview is that it provides a set of judgments about matters concerning the world and humanity that apply in exactly the same way to every person, with complete uniformity. A uniformity of gigantic proportions, one might say, is the ideal of this scientific conviction.
[ 7 ] Wenn man so etwas ausspricht, könnte es zunächst vielleicht sogar als eine Trivialität erscheinen. Im Leben bedeutet diese Trivialität aber außerordentlich viel. Denn bei dem großen Einflusse, den Wissenschaft, namentlich insofern, als sie sich auf naturwissenschaftliche Grundlagen stützt, in unserer Zeit gewonnen hat — und wie ich gestern ausgeführt habe, mit Recht auf gewissen Gebieten —, muß man annehmen, daß, wo Wissenschaftlichkeit die Menschen immer mehr und mehr uniformiert, es immer mehr und mehr so wird, daß der eine Mensch nur der Abklatsch des anderen wird. Und in der Tat, wenn man Wissenschaft nun nicht ihrem Inhalte nach nimmt, sondern darnach, was sie geleistet hat in der neusten Zeit in bezug auf die Entwicklung des Menschengeschlechts, so sieht man, wie diese Uniformierung aus der wissenschaftlichen Überzeugungskraft heraus zu einer allgemeinen Menschheitsangelegenheit gemacht werden will. Man braucht nur hinzusehen auf die furchtbaren, zerstörenden Mächte, die heute im Osten von Europa wüten — Mächte, deren Bedeutung hier leider in bezug auf ihre Zerstörungsgewalt noch immer nicht hinlänglich genug gewürdigt werden —, so sieht man, wie ja die Menschen, die sich heute solchen Zerstörungsgewalten mit einem gewissen Fanatismus hingeben, eigentlich davon ausgegangen sind, gewisse Lehren, die aus wissenschaftlichen Untergründen herauskommen, oder vielleicht besser gesagt eine gewisse Seelenverfassung, die aus diesen wissenschaftlichen Untergründen herauskommt, auch zur Basis des sozialen Denkens zu machen. Und was durch dieses Überführen der wissenschaftlichen Seelenverfassung in das soziale Denken angestrebt wird, jenes große Menschheitsgefängnis, wo eben der eine nur der Abklatsch des anderen auch in sozialer Beziehung sein soll, wie etwa im Leninismus oder Trotzkismus, da wird es bis zur Paradoxie, aber allerdings bis zur höchst tragischen Paradoxie geführt. Man sieht schon überall — ich habe ja da nur hingewiesen auf einen extremen, einen radikalen Fall —, man sieht schon überall, man könnte sagen wie ausfließend in den Entwicklungstendenzen unserer Zeit, wie die wissenschaftliche Seelenverfassung dieses Nivellement der Menschheit bewirken will. Das ist im Grunde eine der Hauptkräfte, welche in der Signatur der gegenwärtigen Menschheitsentwicklung sich finden: dieses Nivellement von der Theorie, vom Denken, vom Forschen her. Dadurch wird gar nichts gesagt gegen die Berechtigung dieses Forschens, wie aus meinen gestrigen Ausführungen hervorging. Denn auf naturwissenschaftlichem Boden ist dieses Forschen eben voll begründet, und es hat die Wissenschaft und die Technik einmal zu den großen, voll berechtigten Triumphen geführt, die ich hier nicht zu schildern brauche.
[ 7 ] When one says something like this, it might at first even seem like a triviality. In life, however, this triviality means an extraordinary amount. For given the great influence that science—particularly insofar as it is based on the natural sciences—has gained in our time—and, as I explained yesterday, rightly so in certain fields—one must assume that, as scientific thinking increasingly standardizes people, it is becoming more and more the case that one person becomes merely a carbon copy of another. And indeed, if one considers science not in terms of its content but in terms of what it has accomplished in recent times with regard to the development of the human race, one sees how this standardization, driven by scientific persuasiveness, seeks to become a matter of universal human concern. One need only look at the terrible, destructive forces raging today in Eastern Europe—forces whose significance, unfortunately, is still not sufficiently appreciated here in terms of their destructive power— and one sees how, indeed, the people who today devote themselves to such forces of destruction with a certain fanaticism have actually set out to make certain doctrines—arising from scientific foundations—or perhaps, better said, a certain state of mind arising from these scientific foundations, the basis of social thought as well. And what is sought through this transposition of the scientific state of mind into social thought—that great prison of humanity where one person is supposed to be merely a carbon copy of another, even in social relations, as in Leninism or Trotskyism—is driven to the point of paradox, but indeed to a most tragic paradox. One can already see everywhere—I have, after all, merely pointed to an extreme, a radical case—one can already see everywhere, one might say as if flowing naturally from the developmental trends of our time, how the scientific mindset seeks to bring about this leveling of humanity. This is essentially one of the main forces found in the signature of humanity’s current development: this leveling driven by theory, thought, and research. This in no way calls into question the legitimacy of such research, as was evident from my remarks yesterday. For in the realm of the natural sciences, this research is indeed fully justified, and it has led science and technology to the great, fully justified triumphs that I need not describe here.
[ 8 ] Diesem einen Pol der neuzeitlichen Menschheitsentwicklung steht nun aber allerdings ein anderer gegenüber, der nicht minder zur Signatur der gegenwärtigen Geistigkeit der Menschheit gehört. In demselben Maße, wie vom Intellekt und von der intellektualistischen Naturbeobachtung her dieses Nivellement der Menschheit angestrebt wird, in demselben Maße rächt sich in der menschlichen Natur das Individuelle, das Persönliche; es treten ja überall in der Welt Polaritäten auf, hier ist auch eine solche, eine innerliche. Und wir sehen, wie gegenüber dem eben geschilderten Nivellement auf der anderen Seite die instinktiven Kräfte der Menschennatur auftreten. Man möchte sagen bis zum animalischen Niveau hin treten die Willensimpulse mit instinktiver Gewalt aus dem Individuellen des Menschen heraus. Während die Menschen mit ihrem Kopf hinstreben nach einem gewissen Nivellement, macht sich überall das Allerpersönlichste aus den Untergründen des Menschen heraus geltend, dasjenige, was den einzelnen Menschen von jedem Nebenmenschen im höchsten Maße unterscheidet. So daß wir in dem Augenblick, wo wir absehen von den Gedanken, die sich die Menschen über die Welt im angedeuteten wissenschaftlichen Sinne machen möchten, und übergehen zu dem, was die Menschen fühlen, was die Menschen als Grundlage, als Impuls ihres Wollens anerkennen, wir sehen können, wie die Menschen vollständig aneinander vorbeigehen, wie der einzelne für den anderen nicht mehr ein irgendwie geartetes Verständnis hat. Nur auf engste Kreise noch beschränkt sich ein — oftmals auch künstlich gezüchtetes — Verständnis des einen Menschen für den anderen. Die Menschen verstehen sich heute nicht. Wir reden so viel von sozialen Idealen, von künstlichen Institutionen, welche ein soziales Leben herbeiführen sollen, und dies hauptsächlich aus dem Grunde, um uns über die elementare Tatsache hinwegzutäuschen, daß wir in unserem Instinkt, in unserer Willens- und Gefühlsentwicklung eigentlich furchtbar antisozial geworden sind. Ein antisoziales Element geht durch die Menschheit, sobald man von dem Gedankenleben absieht, und auf dasjenige sieht, was in den Untergründen des Gefühlslebens, in den Untergründen der Willensimpulse eigentlich lebt. Das ist der große Streit in unserer Zeit, in den die Menschheit eingesponnen ist: daß sie auf der einen Seite ein Kopfnivellement sucht und auf der anderen Seite aus den Untergründen der menschlichen Organisation heraus eine Differenzierung entwickelt, die eigentlich in unerhörtester Weise antisozial wirkt.
[ 8 ] This one pole of modern human development, however, is counterbalanced by another that is no less characteristic of humanity’s current spiritual condition. To the same extent that this leveling of humanity is sought through the intellect and intellectualistic observation of nature, to that same extent the individual and the personal assert themselves in human nature; polarities arise everywhere in the world, and here, too, is one such polarity—an inner one. And we see how, in contrast to the leveling just described, the instinctive forces of human nature come to the fore on the other side. One might say that the impulses of the will burst forth with instinctive force from the individuality of the human being, reaching down to the animal level. While people strive with their minds toward a certain leveling, the most deeply personal aspects assert themselves everywhere from the depths of the human being—that which distinguishes the individual from every fellow human being to the greatest degree. Thus, the moment we turn away from the ideas people wish to form about the world in the scientific sense indicated, and turn instead to what people feel—what they recognize as the foundation, as the impulse of their will—we can see how people completely pass each other by, how the individual no longer has any kind of understanding of the other. An understanding of one person by another—often artificially cultivated—is now limited to only the narrowest circles. People do not understand one another today. We talk so much about social ideals, about artificial institutions intended to bring about social life, and we do this mainly to delude ourselves about the fundamental fact that, in our instincts and in the development of our will and feelings, we have actually become terribly antisocial. An antisocial element pervades humanity as soon as one looks beyond intellectual life and examines what actually lives in the depths of emotional life, in the depths of the impulses of the will. This is the great conflict of our time, in which humanity is entangled: that on the one hand it seeks intellectual uniformity, and on the other hand develops, from the depths of human organization, a differentiation that actually has an incredibly antisocial effect.
[ 9 ] Da ist der Mensch im Grunde genommen hineingestellt. Und aus dieser Frage, die zu den wichtigsten Bestandteilen in der Signatur des geistigen Lebens der Gegenwart gehört, gehen im Grunde genommen alle anderen Fragen hervor; ging im Grunde genommen das hervor, was sich als eine so furchtbare Katastrophe im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.
[ 9 ] This is essentially the situation in which humanity finds itself. And from this question—which is one of the most important elements defining the character of contemporary spiritual life—all other questions essentially arise; it was essentially from this that what developed into such a terrible catastrophe in the second decade of the 20th century emerged.
[ 10 ] Verfolgt man, was an Urteilen an der Oberfläche schwebt, wie die Völker, die Menschen einander beurteilen, wie sie sich gegenseitig Schuld und Unschuld zuschieben, wie sie reden über das, was sie als Recht oder Unrecht anerkennen wollen, dann hat man ja eben im Grunde genommen in allem, was da an der Oberfläche geredet wird, nur eine Oberflächenansicht. In den Untergründen wütet jener Gegensatz, wüten jene Polaritäten, von denen ich eben geredet habe.
[ 10 ] If one observes the judgments that float on the surface—how peoples and individuals judge one another, how they assign guilt and innocence to one another, how they speak of what they wish to recognize as right or wrong—then, fundamentally, everything that is said on the surface is merely a superficial view. Beneath the surface, that very contradiction rages—those very polarities of which I have just spoken.
[ 11 ] Dem gegenübergestellt findet sich in einer gewissen Weise jene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die eine Angelegenheit des ganzen, des Vollmenschen werden will, die sein Gefühl und seinen Willen ergreifen will. Sie schöpft auf der einen Seite, wie ich gestern ausgeführt habe, aus Erkenntnisquellen, welche in das menschliche Innere hineinschauen lernen. Sie schöpft aus gewissen Fähigkeiten, die über die alltäglichen hinaus durch die gestern angedeutete Methode entwickelt werden können. Sie schöpft aus diesen latenten, im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft schlafenden Erkenntniskräften heraus etwas, was hinunterschaut in die menschliche Natur, in diejenigen Regionen, die im gewöhnlichen Leben durch das so notwendige Erinnerungsvermögen, durch das Gedächtnis, zugedeckt werden, so wie der Raum, der hinter einem Spiegel ist, durch den Spiegel zugedeckt wird. Durchbrechen wir auf dem gestern angedeuteten Wege das, wovor die Kraft unseres Erinnerungsvermögens steht, entwickeln wir Kräfte zur übersinnlichen Schau, dann gelangen wir allerdings, wie ich es gestern angedeutet habe, zuerst dahin, die menschlichen Organe selbst in ihrer Lebendigkeit zu durchschauen. Wir gelangen da hinein, wohinein eine lebendige Medizin forschen muß, wohinein eine lebendige Anthropologie forschen muß. Aber wir gelangen dann über das, was wir am gegenwärtigen Menschen als das Geistig-Materielle finden, hinaus zu dem vorgeburtlichen Menschen, besser gesagt zu dem Menschen, wie er war in der geistigen Welt, bevor er dieses Erdenleben angetreten hat durch die Konzeption. Wir gelangen zu einer wirklichen Erweiterung derjenigen Kräfte des menschlichen Seelenlebens, die sich sonst — die Spanne Zeit ausfüllend, die da liegt einige Jahre nach unserer Geburt bis zu unserem gegenwärtigen Zeitpunkte — nur über dieses Leben innerhalb des irdischen Daseins erstrecken. Wir gelangen dadurch, daß wir das Gedächtnis durchbrechen, zu einer höheren Seelenkraft, zu einer höheren Erkenntniskraft; wir gelangen dadurch zum Anschauen der geistig-seelischen Wesenheit des Menschen, wie sie war, bevor der Mensch für dieses Erdenleben hier konzipiert worden ist. Und von da aus geht dann die Strömung, an welche zu denken dem heutigen Menschen so schwer wird: die Strömung, von der Selbsterkenntnis aus zur Welterkenntnis vorzudringen.
[ 11 ] In contrast to this, in a certain sense, there is that anthroposophically oriented spiritual science which seeks to become a matter for the whole, the complete human being, and which seeks to engage the human being’s feelings and will. On the one hand, as I explained yesterday, it draws upon sources of knowledge that learn to look into the human inner being. It draws upon certain abilities that go beyond the everyday and can be developed through the method I hinted at yesterday. From these latent powers of knowledge—which lie dormant in ordinary life and in ordinary science—it draws forth something that looks down into human nature, into those regions that are veiled in ordinary life by the all-so-necessary power of recollection, by memory, just as the space behind a mirror is veiled by the mirror. If we break through, via the path I indicated yesterday, what stands in the way of the power of our memory, and develop powers of supersensible perception, then we will indeed, as I indicated yesterday, first arrive at the point of seeing through the human organs themselves in their liveliness. We enter the realm into which a living medicine must delve, into which a living anthropology must delve. But we then go beyond what we find in the present human being as the spiritual-material to the pre-birth human being—or rather, to the human being as he was in the spiritual world before he began this earthly life through conception. We arrive at a true expansion of those forces of human soul life which otherwise—filling the span of time from a few years after our birth up to the present moment—extend only over this life within earthly existence. By breaking through memory, we arrive at a higher soul force, at a higher power of knowledge; through this we attain a vision of the human being’s spiritual-soul essence as it was before the human being was conceived here for this earthly life. And from there flows the current that is so difficult for people today to conceive of: the current that moves from self-knowledge toward knowledge of the world.
[ 12 ] Ich weiß sehr gut, meine verehrten Anwesenden, wie sehr paradox befunden wird, was ich von Welterkenntnis in meiner «Geheimwissenschaft» gezeichnet habe. Aber wer sich hineinfindet in dieses Wachsen einer übersinnlichen Erkenntniskraft, in dieses — ich möchte den Ausdruck lieber gar nicht gebrauchen, weil heute so viel Mißbrauch damit getrieben wird —, in dieses wahre, echte Hellsehen, der wird schon finden, wie sich erweitert, was sonst nur für eine kleine Spanne Zeit in der Erinnerungsfähigkeit gegeben wird, wie es sich erweitert zu einer Welterkenntniskraft.
[ 12 ] I am well aware, my esteemed audience, of how paradoxical people find what I have described regarding knowledge of the world in my Occult Science. But anyone who immerses themselves in this development of a supersensible power of knowledge—in this—I would rather not use the term at all, because it is so widely misused today—in this true, genuine clairvoyance—will discover how what is otherwise limited to a brief span of time in the capacity for memory expands into a power of world-knowledge.
[ 13 ] Das, was hier vorliegt — gewiß, die Leute sagen immer, man solle das beweisen. Aber diejenigen, die immerfort und bei jeder Gelegenheit vom Beweisen sprechen, die haben sich nie bekannt gemacht mit der Natur des Beweisens selbst. Bewiesen werden kann nur, was zunächst als Tatsache wenigstens vermutet wird. Alles andere sogenannte Beweisen ist ein dialektisches Spielen mit Begriffen, ist ein Häufen von Begriff auf Begriff. Und die Menschheit gibt sich in bezug auf dieses Beweisen, das so oftmals gefordert wird, nur großen Illusionen hin; gegen das berechtigte Beweisen soll damit nichts eingewendet werden, selbstverständlich. Der anthroposophische Forscher hat einfach hinzuweisen darauf, was sich ihm ergibt, wenn das Erkenntnisvermögen in der angedeuteten Weise erweitert wird. Und was da geschieht, möchte ich in der folgenden Weise andeuten.
[ 13 ] What we have here—certainly, people always say one should prove it. But those who constantly speak of proof at every opportunity have never familiarized themselves with the nature of proof itself. Only what is at least initially presumed to be a fact can be proven. All other so-called “proofs” are merely a dialectical play with concepts, an accumulation of concept upon concept. And when it comes to this “proof” that is so often demanded, humanity merely indulges in grand illusions; of course, this is not meant as an objection to legitimate proof. The anthroposophical researcher need only point out what becomes apparent to him when the faculty of cognition is expanded in the manner indicated. And I would like to outline what happens there in the following way.
[ 14 ] Wenn wir auf unser gewöhnliches, irdisches Erinnerungsvermögen hinblicken, so werden wir sagen: Dieses Erinnerungsvermögen gliedert uns zusammen mit all den Erlebnissen, die wir von einem gewissen Zeitpunkte dieses irdischen Daseins an durchgemacht haben. Diese Erlebnisse liegen zunächst im gegenwärtigen Augenblick mehrheitlich im Unterbewußten der menschlichen Organisation. Wir holen sie entweder willkürlich herauf, oder sie treiben durch ihre eigene Macht in das Bewußtsein herauf. Aus dem Strome der Erlebnisse, die wir durchgemacht haben, tauchen die Erinnerungen auf. Und die Erinnerungsmöglichkeit muß eine kontinuierliche sein, damit unser Seelenleben, unsere Seelenverfassung eine gesunde ist. Wir stehen so als Menschen, dadurch, daß wir diese Erinnerungsmöglichkeit haben, nicht nur in uns drinnen, sondern wir hängen durchaus auch zusammen mit alledem, womit wir durch die Erfahrungen durch das äußere Leben Zusammenhang haben. Durch unsere gesunde Besonnenheit finden wir schon den Unterschied heraus zwischen dem Bilde, das heute auftaucht als Nacherlebnis in der Erinnerung, und jenem intensiven, durchsättigten Erleben, das einmal da war, das in unserer Erinnerung lebt, dessen Erinnerung uns zurückgeblieben ist aus dem, was uns mit der Welt zusammengeschlossen hatte. Indem wir ein Erlebnis hatten, waren wir als Mensch daran beteiligt; wir hingen zusammen mit den Objekten; die Objekte ergossen in unsere Persönlichkeit ihre Wesenheit aus. Alles, was da in Lebendigkeit abfloß, was intensiv erlebt wurde, was wir durchmachten mit der Außenwelt, mit der Natur oder mit anderen Menschen, es verwandelte sich in Bilder, und aus den Bildern heraus zaubern wir das Erleben wiederum herauf. — Warum können wir in der Gegenwart das, was wir erlebt haben, wieder heraufzaubern? Weil wir einmal als Mensch damit verbunden waren, weil wir in dem Erlebnis mit der Außenwelt eine Einheit waren.
[ 14 ] When we consider our ordinary, earthly memory, we will say: This memory binds us together with all the experiences we have gone through from a certain point in time in this earthly existence onward. At present, most of these experiences lie in the subconscious of the human organism. We either bring them up voluntarily, or they rise into consciousness through their own power. Memories emerge from the stream of experiences we have undergone. And the capacity for memory must be continuous so that our inner life, our state of mind, remains healthy. As human beings, because we possess this capacity for memory, we exist not only within ourselves but are also deeply connected to everything with which we have a connection through our experiences in external life. Through our healthy discernment, we are already able to distinguish between the image that emerges today as a retrospective experience in memory and that intense, saturated experience that once was, that lives on in our memory, the memory of which has remained with us from what had connected us to the world. When we had an experience, we were involved in it as human beings; we were connected to the objects; the objects poured their essence into our personality. Everything that flowed from us in liveliness, everything that was intensely experienced, everything we went through with the outside world, with nature, or with other people—it was transformed into images, and from these images we conjure up the experience once again. — Why can we conjure up what we have experienced in the present? Because we were once connected to it as human beings, because we were one with the outside world in that experience.
[ 15 ] Wenn Sie das, was anthroposophische Geisteswissenschaft auf den verschiedensten Gebieten des Erkennens durchgeführt hat, überschauen, dann werden Sie wahrnehmen, wie der Mensch im gewöhnlichen Leben ja immer nur einen Teil dessen, was er ist, überblickt. Wir müssen ja unsere Erkenntniskraft erweitern, wenn wir hinunterschauen wollen in unser eigenes Innere. Nehmen Sie nur das, was ich schon gesagt habe, daß wir, wenn wir unser gewöhnliches Erinnerungsvermögen durchbrechen, erst hinunterschauen in den lebendigen Zusammenhang unserer Organisation, und wie wir dann über die Organisation in diejenigen Kräfte hinausschauen, innerhalb welcher wir gelebt haben in einem rein geistig-seelischen Dasein vor dem irdischen Dasein. Der Mensch hängt in seiner ganzen Wesenheit mit dem gesamten Weltendasein zusammen. Und wie er als der Mensch, der eingeschlossen ist zwischen Geburt und Tod, nur damit zusammenhängt, was er in der charakterisierten Weise gemeinsam mit der Welt genossen oder erlebt hat, so hängt er damit, was man dann durch weiteres Forschen in sich entdeckt, mit der gesamten Menschheitsentwicklung der Erde und auch mit der Erdentwicklung selber zusammen. Es ist nichts anderes, als zu gleicher Zeit eine Überwindung, ein Durchbrechen des Gedächtnisses und ein Wiederauftreten der Gedächtniskraft auf einer höheren Stufe. Indem wir diejenige Gedächtniskraft im kleinen, die uns unsere irdischen Erlebnisse bewahrt, überwinden, gelangen wir auf einer höheren Stufe zu einer neuen Gedächtniskraft, durch die wir die Bilder entwickeln können von den Schicksalen, die die Erde selber durchgemacht hat in anderen planetarischen Formen, wie ich das in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe. Und so wie wir durch unser alltägliches Gedächtnis bildhaft heraufzaubern, was wir erlebt haben seit unserer Geburt, so können wir, wenn wir den ganzen Menschen kennenlernen, durch Geisteswissenschaft das aus der Menschheitsorganisation heraufzaubern, was diese ganze Menschheitsorganisation mitgemacht hat, womit sie verbunden war: die gesamte Weltenentwicklung. Denn der Mensch ist ein Mikrokosmos. Wir haben es nicht mit einer andern Welt zu tun als mit derjenigen, mit der wir selbst verknüpft waren. Das habe ich in meiner «Geheimwissenschaft» gezeigt.
[ 15 ] If you take a broad view of what anthroposophical spiritual science has accomplished in the most diverse fields of knowledge, you will realize how, in ordinary life, a person is always aware of only a part of what they are. We must, after all, expand our power of cognition if we wish to look down into our own inner being. Just consider what I have already said: that when we break through our ordinary memory, we first look down into the living interconnection of our physical organization, and then, through that organization, we look beyond to those forces within which we lived in a purely spiritual and soul-based existence prior to our earthly existence. Human beings are connected in their entire being with the whole of world existence. And just as the human being—enclosed between birth and death—is connected only to what he has shared or experienced with the world in the manner described, so too is he connected—through what is then discovered within oneself through further exploration—to the entire development of humanity on Earth and also to the development of the Earth itself. It is nothing other than, at the same time, an overcoming, a breaking through of memory, and a reemergence of the power of memory on a higher level. By overcoming, on a small scale, the power of memory that preserves our earthly experiences, we attain, on a higher level, a new power of memory through which we can develop images of the destinies that the Earth itself has undergone in other planetary forms, as I have described in my Occult Science. And just as we use our everyday memory to conjure up in vivid images what we have experienced since our birth, so too—when we come to know the whole human being—can we, through spiritual science, conjure up from the organization of humanity what this entire human organization has gone through, what it has been connected to: the entire development of the worlds. For the human being is a microcosm. We are dealing with no other world than the one to which we ourselves have been linked. I have demonstrated this in my Occult Science.
[ 16 ] So sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, wie anthroposophische Geisteswissenschaft eine Erweiterung des Menschheitsbewußtseins wird. Wir sehen, wie man dadurch, daß man in größere Tiefen des Menschenwesens hinuntersteigt, zu gleicher Zeit hineinsteigt in das objektive Weltenwerden. In demselben Maße, in dem man gewissermaßen für Augenblicke verzichtet auf das gewöhnliche Innenleben, tritt in dieses Innenleben hinein, was sonst objektives Außenleben geblieben ist. In demselben Augenblick, in dem man untertaucht in die Regionen, die sonst dem Bewußtsein entzogen sind, taucht man in diejenigen Regionen ein, die uns als objektive Wesenheit, als Mensch herausgebildet haben aus dem gesamten Weltenall. Nicht anders kommt das zustande, was anthroposophische Geisteswissenschaft an Welterkenntnis liefern will.
[ 16 ] Thus, my esteemed audience, we see how anthroposophical spiritual science becomes an expansion of human consciousness. We see how, by descending into the greater depths of the human being, one simultaneously enters into the objective unfolding of the world. To the same extent that one, so to speak, temporarily sets aside one’s ordinary inner life, that which has otherwise remained an objective outer life enters into this inner life. At the very moment one dives into the regions that are otherwise hidden from consciousness, one plunges into those regions that have shaped us as objective beings—as human beings—out of the entire universe. This is the very way in which anthroposophical spiritual science seeks to provide an understanding of the world.
[ 17 ] Aus der Signatur der Gegenwart heraus, wie ich sie charakterisiert habe, wendet der heutige Mensch gegen ein solches Welterkennen ein: Ja, aber da gelangt man ja in eine Region hinein, in der die Subjektivität in beliebiger Weise sich geltend machen kann. — Und es wird immer mit einem gewissen Wohlgefühl, könnte man sagen, von gewissen Leuten darauf hingewiesen, daß ja die verschiedensten Geistesforscher, die schon da waren, in verschiedenster Art Kunde gegeben haben davon, was sie geschaut haben im Weltenall. Allerdings wird diese Verschiedenheit hauptsächlich von denen hervorgehoben, die sich nicht intimer, nicht wirklich eigentlich mit dem befaßt haben, was von den verschiedensten Geistesforschern gesagt wird. Denn geradeso, wie es begreiflich erscheint, daß ein Baum verschieden ausschaut, wenn er von verschiedenen Seiten photographiert wird — und eigentlich erst ein Gesamtbild des Baumes auf eine äußerliche Weise zustandekommt, wenn der Baum von vier oder sechs Seiten photographiert wird, und diese Photographien dann miteinander angeschaut werden —, so müßte es auch ganz begreiflich erscheinen, daß der Mensch, der die geisteswissenschaftliche Methode auf sein eigenes Seelenleben anwendet, selbstverständlich zunächst von seinem subjektiven Gesichtspunkte ausgeht, daß aber, wenn er vorrückt in seinem Forschen, sicher immer der Standpunkt bemerkbar sein wird, auf dem er steht. Und geradeso, wie das Photographieren eines Baumes von einer bestimmten Seite objektiv [richtig] ist, so kann auch die Schilderung eines Geistesforschers objektiv [richtig] sein — trotzdem sie anders lautet als bei einem anderen, der eben von einem anderen Gesichtspunkt ausgegangen ist. Man wird aber bemerken, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft, die ich zu vertreten habe, sich bemüht, dasjenige, was charakterisiert wird, stets von den verschiedensten Seiten zu charakterisieren, und daß dadurch in einer gewissen Weise ausgeglichen werden soll, was durch die Schilderung von nur einem Gesichtspunkte aus einseitig werden kann — dieses Schildern von einem Gesichtspunkte aus, das ja namentlich auftreten kann, wenn irgend jemand meine Bücher nimmt und sie in abstrakter Weise miteinander vergleicht und sich dann sagt: Ja, da steht über eine Sache dieses und hier steht jenes. — Das kann sehr leicht ausgemünzt werden, als ob Widersprüche da wären. Dieses entspringt aber aus nichts anderem, als aus dem Bemühen, die Dinge von den verschiedensten Seiten her zu schildern, damit eben gerade durch diese besonderen Wendungen in der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine Art Allseitigkeit erzielt werden könne.
[ 17 ] From the perspective of the present, as I have characterized it, people today object to such a view of the world: “Yes, but that leads one into a realm where subjectivity can assert itself in any way it pleases.” — And it is always pointed out—with a certain sense of satisfaction, one might say—by certain people that the most diverse spiritual researchers who have come before have, in the most varied ways, reported on what they have beheld in the universe. Admittedly, this diversity is emphasized mainly by those who have not engaged more intimately, not truly and thoroughly, with what the various spiritual researchers have said. For just as it seems understandable that a tree looks different when photographed from different angles—and that an overall picture of the tree is actually only obtained in an external sense when the tree is photographed from four or six angles, and these photographs are then viewed together— so it should also seem quite understandable that a person who applies the spiritual scientific method to his or her own inner life naturally begins from a subjective standpoint, but that, as he or she progresses in this research, the perspective from which he or she operates will certainly always be evident. And just as photographing a tree from a particular angle is objectively [correct], so too can a spiritual researcher’s description be objectively [correct]—even if it differs from that of another researcher who has simply started from a different point of view. One will notice, however, that the anthroposophical spiritual science, which I represent, strives to characterize the subject in question from the most diverse angles, and that this is intended, in a certain way, to balance out what might become one-sided when described from only one perspective—this description from a single perspective, which can occur, in particular, when someone takes my books, compares them in an abstract way, and then says to themselves: “Yes, here it says this about a certain thing, and here it says that.” — This can very easily be misinterpreted as if there were contradictions. But this stems from nothing other than the effort to describe things from the most diverse angles, so that precisely through these particular approaches in anthroposophical spiritual science, a kind of comprehensiveness might be achieved.
[ 18 ] Wer das ganz kennenlernt, was auf dem inneren Wege gesucht und gefunden wird, der wird immer mehr und mehr sich klarmachen können, wie sich da ein inneres Vermögen, eine innere Fähigkeit entwickelt, die eigentlich dem ähnlich ist, was der Mensch in der mathematischen Seelenverfassung hat. [Es ist] wie in der Mathematik, wo wir etwas haben, was uns einen bestimmten seelischen Inhalt gibt, der ganz aus dem Innern gewonnen ist. Denn die Mathematik ist ganz aus dem Innern gewonnen; wir wissen, daß eine mathematische Wahrheit wahr ist, wenn wir sie innerlich durchschaut haben, mögen auch Millionen von Menschen es anders sagen. Dasjenige, was sich da abspielt in der Seele, indem wir eine mathematische Wahrheit festzuhalten wissen, die zu gleicher Zeit innerlich und äußerlich ist, das spielt sich in ähnlicher Weise [in der Seele] ab, wenn wir — allerdings durch das Subjektive hindurch — zu dem innerlich Objektiven kommen, das uns in anthroposophischer Geisteswissenschaft wirklich vorliegen kann. Nur der Anfang des Forschungsweges ist subjektiv, von dem schweigt aber der wahre Anthroposoph. Das, was sich dann nach Überwindung der subjektiven Eigentümlichkeiten des Forschers ergibt, das ist durchaus ein Objektives, von dem kann man sprechen wie von einer äußeren Beobachtung, die man durch die Sinne oder auch durch die Waage oder mit dem Meßstab gemacht hat; geradeso, wie man von mathematischen Feststellungen sprechen kann, nur daß diese formal sind, während diejenigen Feststellungen, die man durch Geisteswissenschaft macht, eben inhaltvoll sind.
[ 18 ] Whoever comes to fully understand what is sought and found on the inner path will be able to realize more and more clearly how an inner faculty, an inner ability, develops there—one that is actually similar to what a person possesses in the mathematical state of mind. [It is] like in mathematics, where we have something that gives us a certain mental content derived entirely from within. For mathematics is derived entirely from within; we know that a mathematical truth is true once we have grasped it inwardly, even if millions of people say otherwise. What takes place in the soul when we are able to grasp a mathematical truth—which is at once inner and outer—takes place in a similar way [in the soul] when we arrive—albeit through the subjective—at the inner objectivity that can truly be present to us in anthroposophical spiritual science. Only the beginning of the path of research is subjective, but the true anthroposophist remains silent about that. What then emerges after the researcher has overcome his or her subjective peculiarities is thoroughly objective; one can speak of it just as one might of an external observation made through the senses or even with a scale or a measuring stick; just as one can speak of mathematical findings, except that these are formal, whereas the findings made through spiritual science are, in fact, rich in content.
[ 19 ] Das zeigt aber, daß diese anthroposophische Geisteswissenschaft vor allen Dingen bemüht ist, unmittelbar zum Menschen zu sprechen. Das ist auch ihre Aufgabe. Während die gegenwärtige Wissenschaftlichkeit nach einem Nivellement strebt, gewissermaßen danach strebt, den einen Menschen zum Abklatsch des andern zu machen, kann anthroposophische Geisteswissenschaft nicht anders, als zu jedem Menschen als zu einer Individualität zu sprechen, Das ist, möchte ich sagen, das unmittelbare soziale Vertrauen, das man sich im Wirken für diese anthroposophische Geisteswissenschaft erwirbt, daß man nicht irgendetwas hinstellen will, was dadurch, daß man es erforscht hat, nun gelten soll für alle Menschen, sondern durch das man nur appellieren will an die Menschen, indem man sagt: man hat den Inhalt anthroposophischer Geisteswissenschaft selbst erforscht. Aber dieser Inhalt ist der wahre Inhalt der Menschennatur. Spreche ich zu den einzelnen Menschen, so spreche ich so, daß ich sie nicht im Nivellement sehe, sondern jeden einzelnen als Individualität anspreche. Ich rechne darauf, daß, weil ja der Mensch Mensch ist, weil die Menschen gleichen seelisch-geistig-leiblichen Ursprungs sind, daß verwandte Saiten anklingen, daß aus dem Innersten heraus auf individuelle Weise dasselbe wiederkommt, was von dem einen Menschen angeschlagen wird. Nicht so, wie man sonst in der Wissenschaft spricht, spricht man durch Anthroposophie zu den Menschen, als ob man Anhängerschaft für etwas nun einmal Festgestelltes suchen würde, sondern so spricht man durch Anthroposophie, daß man an das Innere eines jeden einzelnen Menschen appelliert und sagt: Wenn du in dein eigenes Inneres hineinschaust, dann entdeckst du auf diesem Wege in deiner eigenen Wesenheit das, was ich dir mitteilen will, weil ich es erforscht habe. — Die Art des Sprechens von Mensch zu Mensch über Geisteswissenschaft, alle Art des Unterrichtens nimmt einen anderen Ton, eine andere Gesinnung an, indem man die Mitteilungen in Formeln der anthroposophischen Geisteswissenschaft hüllt. Das ist das, was an anthroposophischer Geisteswissenschaft wirksam ist gegen die Signatur unserer Zeit, wie ich sie geschildert habe: Dasjenige, was wiederum aus dem Denken, aber aus dem Denken aus dem Vollmenschen heraus, appelliert, appelliert zu gleicher Zeit an jeden einzelnen Menschen. Das Gegenteil davon ist das, was angestrebt wird im Nivellement. Es wird angestrebt die Individualisierung des Menschen durch das, was Erkenntnis ist, durch das, was Erarbeitung eines Weltanschauungsinhaltes ist. Dieser Inhalt anthroposophischer Geisteswissenschaft soll der allersubjektivste und zugleich der objektive, der allerpersönlichste und zugleich der allgemein geltende Inhalt der menschlichen Wissenschaftlichkeit sein. Die Menschheit der Gegenwart braucht diesen Gegensatz gegen das Nivellement. Von dem Nivellement ist ausgegangen das, was ich Ihnen geschildert habe, was im Grunde genommen ein antisoziales Element ist, weil es sich als Gegenpol geltend macht: das Unverständnis des einen Menschen gegenüber dem anderen Menschen. Von anthroposophischer Geisteswissenschaft soll ausgehen das liebevolle Verstehen des einen Menschen gegenüber dem anderen; und es wird vor allen Dingen nicht nur eine allgemeine Menschenkenntnis, eine allgemeine Anthroposophie kommen, sondern durch das, was diese allgemeine Anthroposophie und Welterkenntnis sein wird, wird eine Seelenverfassung angeregt werden, die auch wiederum liebevolles Verständnis für jede einzelne Eigentümlichkeit unseres nächsten Menschen in sich schließt.
[ 19 ] This shows, however, that this anthroposophical spiritual science strives above all to speak directly to the human being. That is also its task. While contemporary scientific thinking strives for a leveling—in a sense, striving to make one person a carbon copy of another—anthroposophical spiritual science cannot help but speak to each person as an individual, This, I would say, is the direct social trust one gains through working for this anthroposophical spiritual science: that one does not seek to present something which, simply because it has been researched, is now supposed to apply to all people, but rather seeks only to appeal to people by saying: one has researched the content of anthroposophical spiritual science oneself. But this content is the true content of human nature. When I speak to individual people, I speak in such a way that I do not view them as part of a homogenized mass, but address each one as an individual. I count on the fact that, because human beings are human, because they share the same soul-spirit-body origin, a chord will resonate within them; that from the innermost depths, in an individual way, the same thing will emerge that has been struck by one human being. Anthroposophy does not speak to people in the way science usually does—as if seeking followers for something that has already been established—but rather, through Anthroposophy, one appeals to the innermost being of each individual and says: If you look into your own inner being, then in this way you will discover within your own being what I wish to communicate to you, because I have researched it. — The way of speaking from person to person about spiritual science, and every form of teaching, takes on a different tone, a different attitude, when the messages are clothed in the formulas of anthroposophical spiritual science. This is what is effective in anthroposophical spiritual science against the defining characteristic of our time, as I have described it: that which appeals—arising from thinking, but from thinking rooted in the fully developed human being—appeals simultaneously to every single person. The opposite of this is what is sought in the process of leveling. The aim is the individualization of the human being through what is knowledge, through the development of a worldview. This content of anthroposophical spiritual science is intended to be the most subjective and at the same time the most objective, the most personal and at the same time the most universally valid content of human scholarship. Contemporary humanity needs this contrast to leveling. Leveling has given rise to what I have described to you—which is, in essence, an antisocial element because it asserts itself as an antithesis: the lack of understanding of one human being toward another. From anthroposophical spiritual science should arise the loving understanding of one human being toward another; and above all, not only will a general knowledge of human nature and a general anthroposophy emerge, but through what this general anthroposophy and world-knowledge will be, a state of mind will be inspired that in turn encompasses loving understanding for every individual characteristic of our fellow human beings.
[ 20 ] Was soziales Leben ist, kann nicht begründet werden, wenn es nicht begründet wird aus den tiefsten, heiligsten Wurzeln der Menschenwesenheit selber heraus; die sind aber doch für die heutige Menschheitsentwicklungsphase die individuellen, wie ich gestern andeutete. Daher wird Geisteswissenschaft im wesentlichen diesen anderen Einschlag der geistigen Signatur der Gegenwart geben, den wir so stark brauchen.
[ 20 ] What social life is cannot be grounded unless it is grounded in the deepest, most sacred roots of human existence itself; yet, as I hinted at yesterday, for the current phase of human development, these are the individual roots. Therefore, spiritual science will essentially impart this different character to the spiritual signature of the present, which we so desperately need.
[ 21 ] Damit ist aber schon gesagt, daß auch der andere Pol, der charakterisiert werden mußte mit Bezug auf die Signatur der Gegenwart, einen anderen Charakter annehmen wird. Im praktischen Leben wird eintreten, was nun nicht ein antisoziales Element ist, sondern was ein soziales Element ist. Dieses antisoziale Element, woher kommt es denn eigentlich? Es kommt davon her, daß, indem gerade die Kopfkultur einen Höhepunkt erreicht hat, die Instinkte aus der menschlichen Natur heraus walten und das Fühlen und Wollen ergreifen. Was anthroposophisches Erkennen ist, leuchtet hinein in das Fühlen, leuchtet hinein in das Wollen; es stumpft nicht ab die elementare Gewalt des Fühlens und Wollens, wie die Menschen so leicht glauben; es nimmt den Menschen nicht ihre ursprüngliche Naivität. Nein, wenn irgend etwas Schönes beleuchtet wird, verliert es seine Eigentümlichkeit nicht, sondern sie tritt erst recht hervor. Das, was in den Untergründen der menschlichen Natur liegt, wird nicht stumpfer, wenn es anthroposophisch beleuchtet wird, sondern es wird gerade in richtiger Weise entfaltet, ohne daß der Mensch die heutige Zeitkrankheit, die Nervosität, dadurch mitzumachen hat. Der Gedanke leuchtet wiederum hinein in das Fühlen, das Fühlen ergreift ihn, und indem wir in das Fühlen mit dem Gedanken hineinleuchten, verwandelt sich das «Ich denke, also bin ich nicht», das «Ich bin nur im Bilde, indem ich denke» — es verwandelt sich das Denken in ein Sein. Und erst indem wir in das Wollen untertauchen, das sonst nur im Schlafe erlebt wird — denn was weiß der Mensch im gewöhnlichen Erkennen von der Beziehung, die da herrscht zwischen einem Gedanken, der zum Willen führen soll, und dem Heben der Hand? —, indem dieses Denken geisteswissenschaftlich in dieses Wollen eintaucht, entwickelt sich das, was nun, wie man sagen könnte, im hellen Licht der Geisteserkenntnis von dem einen Menschen zum anderen Menschen hinführt. Die Menschheit kann ein soziales Ganzes nur dadurch werden, daß die Gefühle, daß die Willensimpulse durchleuchtet werden, jetzt nicht von abstrakter, intellektualistischer Erkenntnis, sondern von dem höheren Schauen. Dadurch aber, daß sie von dem höheren Schauen durchtränkt werden, wird eine wahrhafte Sozialwissenschaft, eine Sozialethik entstehen. Gerade eine solche Sozialethik sollte in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» gegeben werden. Da zeigte ich, daß sich der Mensch ja im Grunde genommmen nur frei fühlen kann, indem er aus dem reinsten Denken heraus einen Impuls für das Handeln, für das Wollen entwickelt. Der Mensch könnte sich niemals frei fühlen, wenn er aus irgendwelchen anderen Untergründen heraus Willensimpulse schöpfen müßte. Wenn wir einem Spiegel gegenüberstehen, und bloß ein Bild vor uns haben — der Vergeich ist mehr als ein Vergleich —, so kann uns dieses Bild nicht zwingen. Wenn mich irgend etwas schiebt, so bin ich gezwungen durch Kausalität. Wenn ich das Bild anschaue, kann ich nicht gezwungen werden; das Bild hat keine Kraft in sich, um mich zu zwingen. Wenn ich meine Willensimpulse in dem reinen Bildgedanken erfasse, dann haben diese Bildgedanken keine kausale Macht, keine Schwungkraft. Indem man die Bildhaftigkeit des Denkens erkennt, erkennt man, wie im reinen Denken der freie Wille wirklich aufgeht, so daß nur im Individuellsten des Menschen auch die Impulse für freies Handeln gefunden werden können. Dadurch aber, daß in dieses reine Denken, das uns zunächst Bild ist, der Wille einzieht, gerade dadurch, daß der Wille einzieht, wie es der Fall ist beim liebevollen sozialen Handeln oder bei höherer übersinnlicher Erkenntnis, wie Sie in den Ausführungen meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» sehen können, dadurch wird das sonst reine Denken von dem erfüllt, was des Menschen ureigene, ewige Wesenheit ist. Und das erste Hellsehen, meine verehrten Anwesenden, ist schon da, wenn ein freier Willensentschluß im Gedanken aufleuchtet. Und im Grunde genommen ist alles das, was dann von mir als Methode zum Heraufführen in die höchsten Geisteswelten angegeben wird, nichts anderes als eine metamorphosierte Ausgestaltung dessen, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» als dem freien Wollen zugrunde liegend geschildert habe. Erkennt man, wie in diesem vom Willen durchzogenen reinen Denken dasjenige vorliegt, worin der Mensch das Weltgeschehen zunächst erfassen kann wie an einem Zipfel, dann lernt man auch allmählich einsehen, wie man diese Seelenverfassung, die sonst nur in der freien Handlung des Menschen vorhanden ist, in der gestern geschilderten Weise erweitern kann, und wie man dadurch zu übersinnlichen Erkenntnissen kommen kann. Will der Mensch sich als freies Wesen erkennen, so muß er den Anfang machen mit diesem wahren übersinnlichen Schauen, sonst wird ihm Freiheit immer etwas Unmögliches sein. Die Freiheit verträgt sich auch nicht mit der Naturkausalität — auch nicht für den Kantianer oder für den, der wenigstens behauptet, einer zu sein. Und auf keine andere Weise kommt man zu einem Harmonisieren von Naturkausalität und menschlicher Freiheit, als indem man die Sache so durchschaut, wie ich es eben geschildert habe.
[ 21 ] This already implies, however, that the other pole—which had to be characterized in relation to the signature of the present—will also take on a different character. In practical life, what will emerge is not an antisocial element, but rather a social element. Where, then, does this antisocial element actually come from? It arises from the fact that, precisely because intellectual culture has reached a peak, the instincts inherent in human nature take hold and seize the realm of feeling and willing. Anthroposophical knowledge shines into feeling and into willing; it does not dull the elemental force of feeling and willing, as people so easily believe; it does not rob human beings of their original naivety. No, when something beautiful is illuminated, it does not lose its distinctive character; rather, it stands out all the more. What lies in the depths of human nature does not become dulled when illuminated by anthroposophy; rather, it is unfolded in just the right way, without the individual having to succumb to the modern-day ailment of nervousness as a result. Thought, in turn, shines into feeling; feeling seizes hold of it; and as we shine thought into feeling, the “I think, therefore I am not,” the “I am only in the image when I think”—thinking is transformed into being. And only when we immerse ourselves in the will—which is otherwise experienced only in sleep—for what does a person know, in ordinary cognition, of the relationship that exists between a thought intended to lead to the will and the raising of the hand? — by immersing this thinking, through spiritual science, into this willing, what develops is what one might say leads from one human being to another in the bright light of spiritual knowledge. Humanity can become a social whole only by having its feelings and impulses of will illuminated—not by abstract, intellectualistic knowledge, but by higher insight. And through their being permeated by this higher insight, a true social science, a social ethics, will arise. It is precisely such a social ethics that I sought to present in my book The Philosophy of Freedom. There I showed that, fundamentally, a human being can only feel free by developing an impulse for action and volition out of the purest thinking. A human being could never feel free if he had to draw impulses of will from any other sources. When we stand before a mirror and have merely an image before us—the comparison is more than just a comparison—this image cannot compel us. If something pushes me, I am compelled by causality. When I look at the image, I cannot be compelled; the image has no power in itself to compel me. When I grasp my volitional impulses in the pure image-thought, these image-thoughts have no causal power, no momentum. By recognizing the imagery of thought, one recognizes how free will truly unfolds in pure thinking, so that the impulses for free action can be found only in the most individual aspects of the human being. But precisely because the will enters into this pure thinking—which is initially an image to us—precisely because the will enters, as is the case with loving social action or with higher supersensible knowledge, as you can see in the explanations in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?—precisely through this, the otherwise pure thinking is filled with what is the human being’s very own, eternal essence. And the first glimpse of clairvoyance, my esteemed audience, is already present when a free act of will flashes into thought. And, in essence, everything I then describe as a method for ascending into the highest spiritual worlds is nothing other than a transformed elaboration of what I have described in my Philosophy of Freedom as the foundation of free will. If one recognizes how, in this pure thinking permeated by the will, there lies that through which human beings can initially grasp world events as if by a single thread, then one also gradually learns to see how this state of the soul—which otherwise exists only in human free action—can be expanded in the manner described yesterday, and how one can thereby attain supersensible knowledge. If a human being wishes to recognize himself as a free being, he must begin with this true supersensible perception; otherwise, freedom will always remain something impossible for him. Freedom is also incompatible with natural causality—not even for the Kantian or for those who at least claim to be one. And there is no other way to harmonize natural causality and human freedom than by understanding the matter as I have just described it.
[ 22 ] Dann aber begründet sich noch etwas anderes. Was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert habe als Grundlage des sozialen Wollens, ist viel, viel verkannt worden. Die Leute haben eingewendet: Wie sollen die Menschen denn zusammenwirken im sozialen Organismus, wenn jeder nur den inneren Antrieben seiner individuellen Wesenheit folgt? — Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, daß durch eine wirkliche, echte, wahre geistige Entwicklung des Menschen heranerzogen werden kann, was ich nennen möchte: das wirkliche soziale Vertrauen. Ein menschenwürdiges Dasein im sozialen Leben ist ja doch nur möglich, wenn wir nicht von außen her durch Gebote oder anderes zum Handeln gezwungen werden, sondern wenn wir aus dem innersten Triebe unseres Wesens heraus frei handeln können. Dann aber müssen wir dieses große Vertrauen zum anderen entwickeln können, das Vertrauen, daß er allmählich auch dazu gelangt, aus dem innersten Trieb seiner Menschennatur heraus zu handeln. Und dadurch, daß der Mensch vorschreitet zum Innersten seines Wesens und allmählich sich ein solches Verständnis des einen zum anderen entwickelt, wird durch ein volles gegenseitiges Vertrauen eine soziale Ethik, ein sozialer Organismus aus der individuellen Gestaltung des einzelnen Wollens heraus sich ergeben können. — So hängt das, was bewußtes Vertrauen ist, zusammen mit dem, was ja im Sinne des heutigen Strebens der Menschennatur doch nur als das soziale Wollen angesehen werden kann.
[ 22 ] But there is something else that needs to be clarified. What I described in my Philosophy of Freedom as the foundation of social will has been greatly, greatly misunderstood. People have objected: How are people supposed to cooperate within the social organism if everyone simply follows the inner impulses of their individual nature? — But that is not the point at all. The point is that through a genuine, authentic, true spiritual development of the human being, what I would like to call “true social trust” can be cultivated. After all, a dignified existence in social life is only possible if we are not compelled to act from the outside by commandments or other means, but if we can act freely out of the innermost impulse of our being. But then we must be able to develop this great trust in others—the trust that they, too, will gradually come to act out of the innermost impulse of their human nature. And as human beings advance toward the innermost core of their being and gradually develop such an understanding of one another, a social ethic—a social organism—will be able to emerge from the individual shaping of each person’s will, through full mutual trust. — Thus, what constitutes conscious trust is connected to what, in the sense of human nature’s present-day aspirations, can indeed be regarded as nothing other than social will.
[ 23 ] Man sieht am besten, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu der gegenwärtigen Signatur des Geisteslebens steht, wenn man hinschaut darauf, was — aus den Untergründen heraus, die ich eben charakterisiert habe — aus der religiösen Auffassung der Menschheit allmählich geworden ist. Geisteswissenschaft wird gerade von dieser Seite immer wieder angegriffen, indem gesagt wird, Geisteswissenschaft wolle durch Erkenntnis in die übersinnlichen Welten eintreten, aber gerade darin bestünde doch das Wesen des religiösen Lebens, so sagt man, daß man eben dasjenige, zu dem man als göttliche Weltordnung Vertrauen hat, nicht kennt, daß man also ein bloß subjektives Vertrauen hat. Es würde also darnach das Wesen der Religion gerade darin bestehen, daß man in ihr eine bloße Glaubensgewißheit entwickelt, und daß man die Erkenntnisgewißheit ausschließt. Aber meine sehr verehrten Anwesenden, diese Glaubensgewißheit, die ja identisch ist mit dem, was man Vertrauen nennen kann, die kann sich im Grunde genommen für den, der in diesen Sachen ehrlich denkt, innerhalb des religiösen Lebens auch nicht auf einem anderen Wege herstellen, als wiederum aus dem, was aus einer wirklich übersinnlichen Erkenntnis folgt. Schon eine historische Betrachtung könnte die Menschheit das lehren. Was ist es denn, woher die heutigen Menschen, die sich in der angedeuteten Weise gegen Anthroposophie auflehnen, ihr religiöses Vertrauen nehmen? Ist es etwas wirklich Elementares? Das ist eine bloße Illusion. Es sind die Reste der historischen Religionen. Es sind die Reste dessen, was sich in der Geschichte heraufentwickelt hat als die historischen Religionen. Im Sinne anthroposophischer Geisteswissenschaft haben diese Religionen ihre volle Berechtigung, und ihre letzte Höhe, wodurch die Erdenentwicklung ihren eigentlichen Sinn erhalten hat, ihre höchste Höhe haben sie eben in dem Christentum erhalten. In dem Christentum ist dasjenige enthalten, was als Urreligion zu gelten hat, die letzte Form der Religion, zu der die Menschheit hat emporsteigen können, und die für die übrige Zeit der Menschheit die fortgeltende sein muß. Anthroposophische Geisteswissenschaft tastet das Christentum nicht nur nicht an, sondern sie begründet es erst im tieferen Sinne. Aber auf der anderen Seite muß man sagen: Woher haben denn die Religionen ihren Inhalt genommen? Sie haben ihn — das kann historisch nachgewiesen werden —, sie haben ihn auch aus geistigen Schauungen, wenn auch aus alten instinktiven geistigen Schauungen, entnommen. Auf keinem anderen Wege, als auf dem, den die Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung jetzt wissenschaftlich weisen will, haben die Religionen in alten instinktiven Schauungen ihren übersinnlichen Inhalt bekommen. Dieser hat sich fortgepflanzt, der ist da in Schrift und Tradition. Und die Religionen hätten keinen Inhalt, wenn es nicht einmal instinktive übersinnliche Schauungen der Menschen gegeben hätte. Schon daraus, und noch aus vielem anderen, ist zu entnehmen, wie unrecht es ist, zu sagen, es dürfe von anthroposophischer Seite nicht ein Weg gewiesen werden in die übersinnlichen Welten, denn für die Religionen müßten die übersinnlichen Welten gerade als das ferne Unbekannte gewahrt werden, zu dem man nicht durch das Erkennen kommen könne, sondern nur durch das naive Vertrauen und durch den Glauben. Der Wert der Religionen wird sich enthüllen, wenn vom Lichte der Erkenntnis in sie hineingeleuchtet wird. Diejenigen sind im Grunde schwache Christen, die glauben, daß durch irgendeine geisteswissenschaftliche Entdeckung die Größe und Bedeutsamkeit des Christentums beeinträchtigt werden könnte. Diejenigen sind gerade schwache Christen nach meiner Auffassung, die da glauben, daß man nicht mit irgendeiner Wissenschaft heran dürfe an das Christentum, weil es darunter leiden könnte. Geradesowenig, wie in den Evangelien etwas von Amerika steht, Amerika aber als Realität gelten gelassen werden muß, so müssen auch gelten gelassen werden die wiederholten Erdenleben, trotzdem in den Evangelien nichts davon steht.
[ 23 ] The best way to see how anthroposophical spiritual science relates to the current character of spiritual life is to look at what—arising from the underlying currents I have just described—has gradually become of humanity’s religious outlook. Spiritual science is repeatedly attacked from this very angle, with the claim that it seeks to enter the supersensory worlds through knowledge; yet, it is said, this is precisely the essence of religious life—that one does not know that which one trusts as the divine world order, and thus one has merely a subjective trust. According to this view, the essence of religion would consist precisely in developing a mere certainty of faith within it, while excluding certainty based on knowledge. But, my dear friends here present, this certainty of faith—which is, after all, identical to what one might call trust—cannot, in essence, be established within religious life for anyone who thinks honestly about these matters in any other way than through what follows from truly supersensory knowledge. Even a historical perspective could teach humanity this. Where, after all, do people today—who rebel against anthroposophy in the manner described—derive their religious trust? Is it something truly fundamental? That is a mere illusion. They are the remnants of the historical religions. They are the remnants of what has developed throughout history as the historical religions. In the sense of anthroposophical spiritual science, these religions have their full justification, and they have attained their ultimate height—through which earthly evolution has received its true meaning—precisely in Christianity. Christianity contains what must be regarded as the primordial religion—the ultimate form of religion to which humanity has been able to ascend, and which must remain valid for the rest of human history. Anthroposophical spiritual science not only does not undermine Christianity, but rather establishes its foundation in a deeper sense. But on the other hand, one must ask: Where did the religions derive their content? They derived it—as can be historically proven—from spiritual visions, albeit from ancient, instinctive spiritual visions. It was through no other means than the one that spiritual science, in its anthroposophical orientation, now seeks to demonstrate scientifically that the religions derived their supersensible content from ancient, instinctive visions. This content has been passed down; it is preserved in scripture and tradition. And the religions would have no content at all if there had not even been instinctive, supersensible visions among human beings. From this alone—and from much else besides—it is clear how wrong it is to say that anthroposophy should not point a path into the supersensible worlds; for the religions, the supersensible worlds must be preserved precisely as the distant unknown, which cannot be reached through knowledge but only through naive trust and faith. The value of religions will be revealed when the light of knowledge shines into them. Those who believe that any discovery in the field of spiritual science could diminish the greatness and significance of Christianity are, in essence, weak Christians. In my view, those who believe that one must not approach Christianity with any kind of science because it might suffer as a result are, in fact, weak Christians. Just as the Gospels contain no mention of America, yet America must be accepted as a reality, so too must repeated earthly lives be accepted, even though the Gospels say nothing about them.
[ 24 ] Das ist es, was aus einer bestimmten Seelenverfassung heraus Anthroposophie zu einer Zeitangelegenheit macht. Ich habe das dargestellt in meinen «Rätseln der Philosophie», wo ich gezeigt habe, wie die einzelnen philosophischen Anschauungen bis zur Gegenwart dahin tendieren, in die anthroposophische Anschauung einzulaufen. So daß in der Tat aus der Signatur der geistigen Gegenwart heraus abgelesen werden kann, wie man zu anthroposophischer Weltanschauung aufsteigen kann.
[ 24 ] This is what, stemming from a particular state of mind, makes anthroposophy a matter of its time. I have described this in my Riddles of Philosophy, where I have shown how the various philosophical views up to the present tend to converge with the anthroposophical view. Thus, the character of the present spiritual age indeed reveals how one can ascend to an anthroposophical worldview.
[ 25 ] Diese Signatur der geistigen Gegenwart möchte ich Ihnen jetzt zum Schlusse noch mit ein paar Strichen zeichnen, aus der Anthroposophie selbst heraus, damit Sie sehen, daß derjenige, der auf dem Boden der Anthroposophie steht, nicht davor zurückschreckt, die Ergebnisse seiner Forschung mitzuteilen, die er auf dem Wege, der Ihnen geschildert worden ist, erforscht hat, und die für ihn ebenso feststehen, wie die Ergebnisse der Astronomie, der Physiologie, der Biologie, der Pflanzenkunde.
[ 25 ] To conclude, I would now like to sketch this hallmark of spiritual presence for you with just a few strokes, drawing directly from anthroposophy itself, so that you may see that anyone who stands on the foundation of anthroposophy does not shy away from sharing the results of their research—research they have conducted along the path that has been described to you— and which are just as certain to him as the findings of astronomy, physiology, biology, and botany.
[ 26 ] Wenn wir mit anthroposophisch geschärftem Blick eine verhältnismäßig kurze Spanne in der Menschheitsentwicklung zurückschauen, so finden wir, wie wir zum Beispiel schon das Griechentum nicht verstehen können. Es ist im vorhergehenden Vortrage von Herrn Dr. Heyer darauf hingewiesen worden, wie sich das Bewußtsein der Menschheit im Laufe der geschichtlichen Entwicklung geändert hat. Wir brauchen, um das rein empirisch zu erhärten, nur hinzuschauen auf die besondere Art des griechischen Bewußtseins. Herman Grimm, der, trotzdem er in vieler Beziehung angefochten wird, für solche Dinge den feinen Blick eines historischen Schauers sich bewahrt hatte, er hat mit folgenden scharfen Worten auf dieses unser VerständnisVerhältnis zu den Griechen hingewiesen. Er sagte: Dasjenige, was die Römer dargelebt haben, wie ein Cäsar, ein Brutus gelebt hat, das können wir verstehen. Unsere Bewußtseinselemente haben sich seither nicht so verändert, daß wir das nicht verstehen könnten. Dasjenige, was uns von Alkibiades, von Perikles, von Plato, Sophokles erzählt wird, das bilden sich die Leute nur ein zu verstehen, wenn sie auf dem Standpunkte des heutigen Menschheitsverständnisses bleiben. Wie Märchenhelden sind eigentlich die nur schattenhaft vor den gewöhnlichen Menschheitsideen aufsteigenden Gestalten eines Perikles und Alkibiades. — Märchengestalten sieht Herman Grimm in der ganzen griechischen Geschichte. Geisteswissenschaft ist dazu berufen, das herbeizuführen, was das Bewußtsein erweitern kann, so daß man wirklich die innere Seelenverfassung so wandelt, daß man wiederum drinnenstehen kann in diesem besonderen inneren Erleben der Griechen. Und da muß man sagen: Dieses Erleben der Griechen, es beruhte auf einem historischen Gesetz, das heute erst von der anthroposophischen Geisteswissenschaft in seinem vollen Umfange anerkannt wird. Es ist das Gesetz, das ich Ihnen nun in der folgenden Weise charakterisieren will.
[ 26 ] When we look back at a relatively short period in human development with an anthroposophically sharpened perspective, we find that we cannot even understand, for example, Greek civilization. In his previous lecture, Dr. Heyer pointed out how human consciousness has changed in the course of historical development. To corroborate this purely empirically, we need only look at the distinctive nature of Greek consciousness. Herman Grimm, who—despite being contested in many respects—had retained the keen insight of a historical observer for such matters, pointed out our relationship of understanding toward the Greeks with the following incisive words. He said: “What the Romans lived out—how a Caesar or a Brutus lived—that we can understand. The elements of our consciousness have not changed so much since then that we cannot understand this. What is told to us about Alcibiades, Pericles, Plato, and Sophocles—people only imagine they understand it when they remain at the level of today’s understanding of humanity. Like fairy-tale heroes, the figures of Pericles and Alcibiades actually rise only as shadowy forms against the backdrop of ordinary human concepts. — Herman Grimm sees fairy-tale figures throughout Greek history. Spiritual science is called upon to bring about what can expand consciousness, so that one can truly transform one’s inner state of mind in such a way as to once again stand within this particular inner experience of the Greeks. And here one must say: This experience of the Greeks was based on a historical law that is only now recognized in its full scope by anthroposophical spiritual science. It is the law that I now wish to characterize for you in the following way.
[ 27 ] Je mehr wir zurückgehen in der Menschheitsentw1cklung‚ ins Griechentum, Ägyptertum, ins Persertum, ins Indertum und in die vorhistorischen Zeiten, desto mehr finden wir, daß eigentlich die ganze menschliche Konstitution eine andere ist. Wir sehen heute das Leben sich in dem Kinde so entwickeln, daß das Seelenleben in einem hohen Grade an die körperliche Organisation gebunden ist. Nehmen Sie mein Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» oder anderes, was ich im Zusammenhang mit der Pädagogik gesagt habe, und Sie werden sehen, wie mit dem Zahnwechsel im siebenten, achten Jahr die ganze Seelenverfassung des Kindes sich ändert. Und aus dem gewöhnlichen Leben heraus ist ja bekannt, wie die ganze Seelenverfassung des Menschen sich ändert, wenn er geschlechtsreif wird. Weniger bemerkbar ist schon, daß ähnliche Veränderungen wiederum im Beginn der zwanziger Jahre und am Ende der zwanziger Jahre vor sich gehen; diese spielen sich mehr innerlich ab, aber sie sind ganz deutlich auch für den Gegenwartsmenschen noch vorhanden. Wenn wir dagegen in die höheren Jahre heraufkommen, in die dreißiger Jahre, dann wird da das seelisch-geistige Leben des Menschen in hohem Grade unabhängig vom Körperlichen. Da treten wir ein in dasjenige Stadium unserer Entwicklung, in dem wir durch äußere Erfahrung, durch das Zusammensein mit der Welt, unsere Seele verändern. Da verändern wir unsere Seele nicht mehr durch das, was etwa in solcher Art wie der Zahnwechsel, die Geschlechtsreife, oder die Umänderungen nach dem zwanzigsten Jahr in uns vorgeht. — Das aber, was sich bei uns mehr auf die jugendlichen Jahre bis an das Ende der zwanziger Jahre erstreckt, das erstreckte sich in alten Zeiten bis hinauf in das hohe Menschenalter. Dieses Gesetz ist ein historisches Gesetz. Das kann man beobachten, wenn man sich jenes Beobachtungsvermögen für das innere Seelenleben angeeignet hat, das uns in den Resten, die heute noch bei alten Menschen auftreten, zeigt, daß eine solche Entwicklung einmal da war. Weiß man das, dann sieht man zum Beispiel in die alte urindische Zeit zurück, in Zeiten, die ins Vorhistorische führen, wo der Mensch bis in die fünfziger Jahre hinauf in seinem seelisch-geistigen Leben von der körperlichen Entwicklung abhängig war. Man wurde da ein Patriarch gleichzeitig durch die körperliche Entwicklung und in der seelischen Entwicklung, wie man heute ein geschlechtsreifer Mensch gleichzeitig physisch und seelisch wird. Dieses Zusammenklingen des Körperlichen mit dem Seelisch-Geistigen ging in alten Zeiten bis ins hohe Menschenalter hinauf. Der Mensch erfuhr in jenen alten Zeiten auch jene absteigende Linie der körperlichen Entwicklung, die etwa mit dem 35. Jahr beginnt. Bis dahin wächst und sproßt unser Organismus; von da ab geht es abwärts, von da ab ist eine niedersteigende Entwicklung vorhanden. Diese niedersteigende Entwicklung machen wir heute nicht in derselben Weise durch; wir werden allerdings von dem Alter bedrückt, das ist aber erwas anderes, als das in alten Zeiten war. In alten Zeiten war es so, daß gleichzeitig mit dem Steiferwerden, mit dem Vertrockneterwerden der äußerlichen Körperlichkeit ein helles Aufleuchten der Geistigkeit vorhanden war, so daß man im Patriarchenalter hineinwuchs in naturgemäßer Entwicklung in eine gewisse Geistigkeit. Was in älteren Zeiten für ein höheres Alter noch vorhanden war, das war für den Griechen bis in die Mitte der dreißiger Jahre noch vorhanden. Was der Grieche bis ungefähr zu seinem 35. Lebensjahr noch durchmachte, das machen wir als Menschen in den dreißiger Jahren einfach nicht mehr durch und strahlen es daher auch nicht mehr im sozialen Leben aus. Das brachte in das ganze soziale Griechenleben das hinein, was zum Beispiel Goethe empfand, als er in Italien von Sehnsucht getrieben in sich das Griechentum nacherleben wollte, und wo er sagte: Wenn ich aber diese griechischen Kunstwerke ansehe, und sehe, wie die Griechen bei der Schaffung ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selber verfährt bei Schaffung ihrer Naturwerke, dann empfinde ich Notwendigkeit, dann empfinde ich Gott. — Das haben die Griechen nicht anders vermocht, die Gesetze der Natur in ihren Kunstwerken nachzuformen, als dadurch, daß sie das Sich-Empfinden in der Harmonisierung des Geistig-Seelischen und des Physisch-Leiblichen, die da sind, wenn der Mensch gerade die Mitte seines Lebens in voller, auch körperlicher Entwicklung erreicht, daß sie das in ihren vorzüglichsten Exemplaren {[?] haben durchmachen können. Aus dieser physischseelischen Organisation ging die griechische Art künstlerischen Schaffens, ging die griechische Art des religiösen Fühlens hervor, und ging auch das medizinische Denken beim Griechen hervor. Das war die Signatur der Geistigkeit in der Menschheit, die einfach davon herrührte, daß in den dreißiger Jahren das erlebt wurde, was ich geschildert habe. Man könnte sagen: Wie in der Mitte des Waagebalkens das Gleichgewicht des Waagebalkens erlebt wird, so haben die Griechen das Gleichgewicht des Menschenlebens dadurch erlebt, daß sie das Hereinspielen des Seelisch-Geistigen bis in die Mitte der dreißiger Jahre noch erfaßten. Wir erfassen es nicht mehr. Wir erreichen — wenn ich in derselben Redeweise fortfahren soll — eine physische Entwicklung, die auf die seelische noch einen Einfluß hat, in unserem heutigen Zeitalter nur bis zum Ende der zwanziger Jahre. Dadurch hört für unsere späteren Lebensjahre dasjenige auf, was aus den Tiefen der Menschennatur heraufsteigt und die Weltanschauung durchzieht. Dadurch ist aber auch die Notwendigkeit heraufgezogen, daß das, was sich nicht mehr auf natürliche Art in der Menschheit entwickelt nach dem 28. Lebensjahr, auf bewußte Art durch anthroposophisch-geisteswissenschaftliche Erziehung errungen werde, daß das tatsächlich seelisch innerlich errungen werde, was früher aus der Menschennatur selber aufstieg. Das ist die Signatur unserer Zeit geworden, daß wir nur noch in jungen Jahren in der Körperlichkeit drinnen leben. Das ist das, was nun auch, und zwar — jetzt darf ich es sagen, ohne mißverstanden zu werden — in berechtigter Weise, in den Materialismus hineingeführt hat. Denn das Kind muß, indem es sich selbst betrachtet, materialistisch sein, weil sich die Geistigkeit aus der Materie heraus erst loslöst. Wir sind als Menschheit in den neueren Jahrhunderten in dem Maße materialistisch geworden, je mehr wir an dasjenige Zeitalter gebunden sind, das in der aufsteigenden materiellen, organischen Entwicklung ist, und je weniger wir noch von der Natur bekommen in der abwärtsgehenden Entwicklung nach dem 35. Lebensjahr.
[ 27 ] The further back we go in the development of humanity—into Greek, Egyptian, Persian, and Indian civilizations, and into prehistoric times—the more we find that the entire human constitution is, in fact, a different one. Today we see life developing in the child in such a way that the life of the soul is closely bound to the physical organization. Take my little book The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science or other writings I have produced in connection with pedagogy, and you will see how, with the change of teeth in the seventh or eighth year, the child’s entire mental constitution changes. And from everyday life, we know how a person’s entire mental constitution changes when they reach sexual maturity. What is less noticeable, however, is that similar changes take place again at the beginning and end of one’s twenties; these occur more internally, but they are still quite clearly present even for people today. When, on the other hand, we reach our later years—our thirties—the human soul-spiritual life becomes highly independent of the physical. We then enter that stage of our development in which we transform our soul through external experience and through our interaction with the world. We no longer transform our soul through processes such as the loss of baby teeth, sexual maturation, or the changes that occur after the age of twenty. — But what in our time extends primarily from the teenage years through the late twenties used to extend, in ancient times, all the way into old age. This is a historical law. One can observe this once one has acquired the capacity to observe inner soul life, which shows us—in the remnants still evident today in elderly people—that such a development once existed. Once one knows this, one can look back, for example, to the ancient Indian era—to times leading back into prehistory—when human beings, well into their fifties, were still dependent on physical development in their soul-spiritual life. In those days, one became a patriarch simultaneously through physical development and through psychological development, just as a sexually mature person today becomes so both physically and psychologically. This harmony between the physical and the psychological-spiritual extended well into old age in ancient times. In those ancient times, people also experienced that downward trajectory of physical development that begins around the age of 35. Until then, our organism grows and flourishes; from that point on, it declines—a downward trajectory sets in. We do not undergo this downward trajectory in the same way today; we are certainly weighed down by old age, but that is something different from what it was in ancient times. In ancient times, as the outer physical body became stiffer and more withered, there was simultaneously a bright radiance of spirituality, so that as one grew into old age, one naturally developed a certain spirituality. What in earlier times was still present in advanced age was still present for the Greeks well into their mid-thirties. What the Greeks still experienced up to about the age of 35 is something we, as human beings in our thirties, simply no longer experience and therefore no longer radiate in social life. This imbued the entire social life of the Greeks with what, for example, Goethe felt when, driven by longing in Italy, he sought to relive the Greek spirit within himself, and where he said: But when I look at these Greek works of art, and see how the Greeks, in creating their works of art, followed the same laws by which nature itself proceeds in creating its natural works, then I feel a sense of necessity; then I feel God. — The Greeks were able to re-create the laws of nature in their works of art only by experiencing, in their finest examples {[?], the harmonization of the spiritual-soul and the physical-bodily, which occurs when a human being reaches the very midpoint of life in full, including physical, development. From this physical-psychic constitution arose the Greek style of artistic creation, the Greek style of religious feeling, and also Greek medical thought. This was the hallmark of spirituality in humanity, which simply stemmed from the fact that in one’s thirties, what I have described was experienced. One could say: Just as the balance of a scale is experienced at its midpoint, so the Greeks experienced the balance of human life by still being able to grasp the interplay of the soul-spiritual realm right up to the mid-thirties. We no longer grasp it. To continue in the same vein, in our present age we reach a stage of physical development—which still exerts an influence on the soul—only up to the end of our twenties. Consequently, in the later years of our lives, that which rises from the depths of human nature and permeates our worldview ceases. Consequently, however, the necessity has also arisen that what no longer develops naturally in humanity after the age of 28 must be consciously attained through anthroposophical-spiritual-scientific education—that what formerly arose from human nature itself must now be truly attained within the soul. This has become the hallmark of our time: that we now live within physicality only during our young years. This is what has now also—and, I may say this without being misunderstood, quite justifiably—led us into materialism. For the child, in observing itself, must be materialistic, because spirituality is only just beginning to detach itself from matter. As humanity, we have become increasingly materialistic in recent centuries to the extent that we are bound to the era characterized by ascending material and organic development, and to the extent that we receive less and less from nature as we enter the downward phase of development after the age of 35.
[ 28 ] Das ist die Signatur unserer Zeit. Das hat uns in den Materialismus hineingeführt, indem wir uns als Menschheit in den letzten Jahrhunderten den unbewußten Kräften überlassen haben.
[ 28 ] This is the hallmark of our time. It has led us into materialism because, as humanity, we have surrendered ourselves to unconscious forces over the past few centuries.
[ 29 ] Was anthroposophische Geisteswissenschaft will, das ist, daß wir das, was uns die Natur nicht mehr gibt, nunmehr geradeso naiv, wie wir es früher von der Natur empfangen haben, vom Geiste empfangen, daß wir den Mut entwickeln, die Kraft entwickeln, vom Geisteslande aus zu empfangen, was wir aus dem Naturlande nicht mehr empfangen können. Die geistige Signatur unserer Zeit weist uns darauf hin, unsere volle Menschlichkeit, die wir nicht mehr von der Natur erlangen können, aus geistiger, aus freier Willensbetätigung heraus zu entwikkeln. Das begründet nicht eine Dekadenz. Nein, die Dekadenz wird gerade dadurch begründet, daß man sich in einer Zeit, die den Geist verlangt, nur der Natur überlassen will. Der Materialismus ist als eine notwendige Erscheinung heraufgezogen. Die Überwindung des Materialismus muß ebenso als eine notwendige Erscheinung eintreten. Das glaubt anthroposophische Geisteswissenschaft aus den Zeichen der Zeit, aus der Signatur der Zeit ablesen zu können. Aus diesem Welt- und Menschheitsbewußtsein heraus will sie wirken.
[ 29 ] What anthroposophical spiritual science seeks is that we receive from the spirit—with the same naivety with which we once received it from nature—that which nature no longer gives us; that we develop the courage and the strength to receive from the realm of the spirit what we can no longer receive from the realm of nature. The spiritual signature of our time points us toward developing our full humanity—which we can no longer attain from nature—through spiritual activity and the exercise of free will. This does not give rise to decadence. No, decadence arises precisely because, in a time that demands the spirit, people wish to leave themselves solely to nature. Materialism has emerged as a necessary phenomenon. The overcoming of materialism must likewise occur as a necessary phenomenon. Anthroposophical spiritual science believes it can discern this from the signs of the times, from the signature of the times. It seeks to work from this consciousness of the world and of humanity.
[ 30 ] Menschen, die etwas tiefer eingedrungen sind in diese Signatur unserer Zeit und die in der letzten Zeit da oder dort gesprochen haben, haben im Grunde genommen immer nur in negativer Weise darauf hingewiesen, was an Niedergangskräften in unserer Zeit ist und was im Grunde genommen sein muß, wenn wir diese eben charakterisierte Entwicklung des Menschengeschlechts ins Auge fassen. Man braucht da nicht auf Spengler hinzuweisen, auf den ja heute viel hingewiesen wird, sondern man kann hinweisen auf einen unserer besten Philosophen, Gideon Spicker, der aus weitherzigem Bewußtsein seine Schrift verfaßt hat und der immer wieder darauf hingewiesen hat, wie der Mensch in unserer Zeit nicht mehr die Verbindungsbrücke schaffen kann zu dem, was ihm eigentlich das volle Bewußtsein als Mensch gibt, was ihn anbindet wiederum an das Ewige, was ihn durchdrungen sein läßt von dem Göttlich-Ewigen. Und beherzigenswerte Worte hat gerade Gideon Spicker im Jahre 1909 gesprochen, indem er in seiner Art die Signatur unserer Zeit beschrieben hat. Er sagte: Wir haben es dahin gebracht, eine Metaphysik zu haben ohne übersinnliche Überzeugung; eine Erkenntnistheorie ohne objektive Bedeutung; eine Logik ohne Inhalt, eine Psychologie ohne Seele, eine Ethik ohne Verbindlichkeit und eine Religion ohne Vernunftgründe. —
[ 30 ] People who have delved somewhat more deeply into this defining characteristic of our time and who have spoken here and there recently have, in essence, always pointed out—in a negative sense—the forces of decline present in our time and what must fundamentally be the case when we consider the development of the human race just described. There is no need to refer to Spengler, who is, of course, frequently cited today; rather, one can point to one of our finest philosophers, Gideon Spicker, who wrote his work out of a broad-minded awareness and who repeatedly pointed out how people in our time can no longer build the bridge to what actually gives them full consciousness as human beings—that which in turn connects them to the Eternal, allowing them to be permeated by the Divine-Eternal. And it was Gideon Spicker, in particular, who spoke words worth heeding in 1909, describing in his own way the hallmark of our time. He said: We have managed to end up with a metaphysics without supernatural conviction; an epistemology without objective meaning; a logic without content; a psychology without a soul; an ethics without obligation; and a religion without rational grounds. —
[ 31 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen. Anthroposophie will dem Menschen wiederum eine Erkenntnistheorie geben, die in die Wirklichkeit hineinführt, weil die Wirklichkeit zugleich materiell und geistig ist. Anthroposophische Geisteswissenschaft will dem Menschen eine wirkliche Überzeugung von der übersinnlichen Welt geben — durch die Aufzeigung des Weges zum Schauen dieser Welt. Anthroposophische Geisteswissenschaft will eine Logik begründen, die wiederum in die Wirklichkeit der Dinge untertaucht. Anthroposophische Geisteswissenschaft will von einem Seelenleben als Wirklichkeit sprechen, nicht bloß von demjenigen Seelenleben, das wir bildhaft herausdeuten aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Anthropologie. Anthroposophische Geisteswissenschaft will aus den Untergründen der Menschheit heraus eine verbindliche Sozialethik schaffen. Und anthroposophische Geisteswissenschaft will eine religiöse Überzeugung geben, die gestützt ist auf die Erkenntnisse, auf das Schauen dessen, was im religiösen Leben als das göttliche Dasein existieren muß.
[ 31 ] Well, ladies and gentlemen, dear fellow students. Anthroposophy seeks to provide humanity once again with a theory of knowledge that leads into reality, because reality is both material and spiritual. Anthroposophical spiritual science seeks to give human beings a genuine conviction regarding the supersensible world—by pointing out the path to perceiving this world. Anthroposophical spiritual science seeks to establish a logic that, in turn, delves into the reality of things. Anthroposophical spiritual science seeks to speak of a life of the soul as a reality, not merely of the life of the soul that we interpret figuratively from the scientific findings of anthropology. Anthroposophical spiritual science seeks to create a binding social ethic drawn from the depths of humanity. And anthroposophical spiritual science seeks to provide a religious conviction grounded in insights—in the perception of that which must exist as the divine presence in religious life.
[ 32 ] So will anthroposophische Geisteswissenschaft auf die Signatur unserer Zeit wirken, aber nicht deshalb, weil das aus irgendeinem utopistischen Sinne oder aus einem willkürlichen Willensentschluß hervorgeht, sondern weil das denjenigen, die nun die größte Not und die tiefste Sehnsucht unserer Zeit zu beobachten vermögen, im allerwesentlichsten Sinne für unser Zeitalter notwendig erscheint.
[ 32 ] Thus, anthroposophical spiritual science seeks to influence the character of our time, not because this arises from some utopian ideal or an arbitrary decision of will, but because it appears, in the most essential sense, to be necessary for our age to those who are now able to observe the greatest need and the deepest longing of our time.
