The Task of Anthroposophy
in the Context of Science and Life
GA 77a
28 July 1921, Darmstadt
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The Task of Anthroposophy in the Context of Science and Life, tr. SOL
2. Schlusswort nach dem Vortrag von Carl Unger über «Technik als freie Kunst»
2. Closing Remarks Following Carl Unger’s Lecture on “Technology as a Free Art”
[ 1 ] Liebe Kommilitonen, verehrte Anwesende! Ich möchte mich sehr gerne streng an das Thema halten, und da über Dreigliederung nachher noch gesprochen werden soll, alle Fragen, die sich auf die Dreigliederung beziehen, auf später verschieben. Aber insofern glaube ich doch, daß es berechtigt ist, ein paar Worte auch hier über die Dreigliederung zu sagen, weil ja Herr Dr. Unger selber in seinen Auseinandersetzungen von der Dreigliederungsidee als der Grundlage für seine Anschauungen über die Schöpfung der Technik als einer freien Kunst ausgegangen ist.
[ 1 ] Dear fellow students, distinguished guests! I would very much like to stick strictly to the topic, and since we will be discussing the threefold social order later, I will postpone all questions relating to it until then. However, I do believe it is justified to say a few words about the threefold division here as well, since Dr. Unger himself, in his discussions, has taken the idea of the threefold division as the foundation for his views on the creation of technology as a free art.
[ 2 ] Man kann in einem gewissen Sinne nicht ganz aufrechterhalten — ich habe das in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» auch zum Ausdruck gebracht, und Herr Dr. Unger hat das ja wohl auch so gemeint —, man kann nicht aufrechterhalten im strengen Sinne des Wortes, daß die Dreigliederungsidee als solche, also die Dreigliederung des sozialen Organismus als Idee, als Begriff, eine Art neue Entdeckung sei. Eher liegt vielleicht eine Art neue Entdeckung in den sozialen Gesetzmäßigkeiten, auf die ich in den Aufsätzen 1905 hingewiesen habe. Die Dreigliederungsidee ist eigentlich alt, und auch in der Form als Dreigliederungsidee ist sie öfter erwähnt worden. Das wesentliche, wie die Dreigliederungsidee hier vor Sie hintritt und wie sie in der Gegenwart auftritt, das ist nicht ihr eigentlicher Ideencharakter, sondern das ist die Stellung, die sie einnehmen will gegenüber dem ganzen sozialen Organismus. Die Idee, das Gesamtleben der Menschheit zu gliedern in einen geistigen Teil, in einen staatlich-juristischen Teil und in einen wirtschaftlichen Teil, diese Idee mußte ja immer wieder auftreten, und es können da oder dort, wenn der Anspruch erhoben würde, daß man es hier mit etwas vollständig Neuem als Idee zu tun hätte, wie ich glaube, ganz selbstverständlich Primatansprüche gemacht werden, die mir sehr gut bekannt sind. Deshalb habe ich in den «Kernpunkten» darauf hingewiesen, daß es sich, so wie die Dreigliederungsidee hier auftritt, ja um etwas ganz anderes handelt.
[ 2 ] In a certain sense, one cannot quite maintain—I also expressed this in my “Key Points of the Social Question,” and Dr. Unger surely meant the same thing— one cannot maintain, in the strict sense of the word, that the idea of threefolding as such—that is, the threefolding of the social organism as an idea, as a concept—is a kind of new discovery. Rather, perhaps there is a kind of new discovery in the social laws to which I referred in my essays from 1905. The idea of threefolding is actually an old one, and it has also been mentioned frequently in the form of the “idea of threefolding.” What is essential—how the idea of threefolding presents itself to you here and how it manifests itself in the present—is not its actual conceptual character, but rather the position it seeks to occupy in relation to the entire social organism. The idea of dividing the entire life of humanity into a spiritual part, a political-legal part, and an economic part—this idea was bound to arise again and again; and here and there, if the claim were made that we are dealing here with something completely new as an idea, I believe that claims to primacy—which are very familiar to me—would quite naturally be made. That is why I pointed out in the “Key Points” that, as the idea of threefolding appears here, it is in fact something entirely different.
[ 3 ] Diese Dreigliederungsidee, so wie sie zum Beispiel von mir vertreten wird, ist ganz aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der Bedürfnisse der Gegenwartsmenschheit hervorgegangen. Man mußte ja, wenn man in der Gegenwart mit offenen Augen die Verhältnisse durchschaut, schon am Ende des 19. Jahrhunderts erkennen, daß die Dinge zu einer Katastrophe drängten. Und ich habe im Frühling des Jahres 1914 darauf hingewiesen in einem Vortragszyklus, den ich in Wien vor einem kleineren Kreise gehalten habe — ein größerer würde mich dazumal wegen meiner Ausführungen wahrscheinlich ausgelacht haben —, daß schon in der nächsten Zeit die Verhältnisse der zivilisierten Welt — ich sagte dazumal nicht etwa bloß: die europäischen Verhältnisse — zu einer entscheidenden Katastrophe drängten. Sehen Sie, das war in einer Zeit, die schon sehr nahe vor der Katastrophe stand. Trotzdem mußte man es in den nächsten Wochen erleben, daß Leute, die in ihren Stellungen für den Gang der Ereignisse verantwortlich waren, etwa in folgender Weise sprachen. Ein Staatsmann mit Verantwortung, hervorragend zu nennen — natürlich nur im Sinne desjenigen, was unsere Zeit so häufig «hervorragend» nennt —, sagte, als es sich darum handelte, die allgemeine Weltsituation in einem Parlament zu besprechen: die Verhältnisse Mitteleuropas zu Rußland ständen in der denkbar günstigsten Weise; man könne überzeugt sein davon, daß der Friede immer mehr und mehr konsolidiert werde. Das dürfe er sagen durch die freundnachbarlichen Beziehungen, die zum Beispiel herrschten zwischen Petersburg und Berlin. — So wurde im Mai 1914 von verantwortlicher Stelle aus gesprochen, nachdem man, wie es eben von mir geschah, schon vorher mit aller Energie darauf hatte hinweisen müssen, daß die Verhältnisse einer Katastrophe zudrängen mußten, und zwar einfach deshalb, weil die drei Glieder des menschlichen Zusammenlebens, das geistige, das juristisch-rechtliche und das wirtschaftliche, im gesamten sozialen Leben so ineinander gewirkt hatten, daß die Katastrophe in ihren Tiefen eigentlich nur in dem Durcheinanderwirbeln dieser drei Gebiete gesehen werden kann. Man konnte ja sehen, namentlich wenn man ein Auge dafür hatte, wie der überhandnehmende Intellektualismus der neueren Zeit auf unser gesamtes öffentliches Leben wirkte, wie die völlige Hingabe der Menschen an das intellektualistische Element, so wie es sich in der gebräuchlichen Wissenschaftsgesinnung herausgebildet hat, die ja alles andere auch durchdrungen hat —, man konnte sehen, wie diese Hingabe an das Intellektualistische alles in einem gewissen Sinne für die Katastrophe vorbereitete. Da liegen doch die tieferen Gründe, und wer sie heute noch nicht da liegen sieht, der kann auch nicht in fruchtbarer Weise an einer Diskussion über Aufbaukräfte teilnehmen.
[ 3 ] This idea of threefold social organization, as advocated by me, for example, has emerged entirely from decades of observing the needs of humanity today. Indeed, if one looks at the circumstances of the present with open eyes, one had to recognize as early as the end of the 19th century that events were heading toward a catastrophe. And in the spring of 1914, I pointed this out in a series of lectures I gave in Vienna to a small group—a larger audience would likely have laughed at me at the time because of my remarks—that in the very near future, conditions in the civilized world—I did not say at the time merely “European conditions”—were heading toward a decisive catastrophe. You see, this was at a time when we were already very close to the catastrophe. Nevertheless, in the weeks that followed, we had to witness people who, in their positions, were responsible for the course of events, speaking in roughly the following manner. A statesman in a position of responsibility—one whom one might call “outstanding”—though, of course, only in the sense that our age so often uses the term “outstanding”—said, when the general world situation was being discussed in parliament, that Central Europe’s relations with Russia were as favorable as could be imagined; one could be convinced that peace was becoming more and more consolidated. He was able to say this because of the friendly, neighborly relations that prevailed, for example, between St. Petersburg and Berlin. — This is how officials spoke in May 1914, after they—just as I had done— had previously been compelled to point out with all our energy that conditions were bound to lead to a catastrophe—simply because the three elements of human coexistence—the spiritual, the legal, and the economic—had become so intertwined throughout social life that the catastrophe, in its depths, could really only be seen in the upheaval of these three spheres. One could indeed see—especially if one had an eye for it—how the rampant intellectualism of recent times was affecting our entire public life, how people’s complete devotion to the intellectualist element, as it had developed in the prevailing scientific mindset—which, after all, had permeated everything else as well— one could see how this devotion to intellectualism was, in a certain sense, paving the way for catastrophe. Therein lie the deeper reasons, and anyone who does not yet see them there today cannot participate fruitfully in a discussion about constructive forces.
[ 4 ] Sehen Sie, damals konnte man ja so etwas erleben — ich sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil es mir doch als eigenes Erlebnis symptomatisch bedeutsam erscheint —: Ich habe im Jahre 1914, Anfang des Sommers, in Paris einen deutschen Vortrag gehalten über die Dinge, über die ich gewöhnlich spreche und zum Beispiel auch gestern gesprochen habe. Dieser Vortrag wurde nicht etwa für eine deutsche Kolonie dort gehalten, sondern er wurde Wort für Wort übersetzt, er wurde also ausdrücklich für Franzosen gehalten, nicht für deutsche Kolonisten, die in Paris lebten — die waren auch nicht drinnen. Man konnte also im Mai 1914 mit dem, was aus deutschem Geistesleben im strengsten Sinne geflossen ist — denn im Grunde ist es doch so, daß alles das, was hier als Anthroposophie geltend gemacht wird, aus deutschem Geistesleben geflossen ist —, man konnte mit dem in der ganzen Welt irgendwie einen gewissen Eindruck machen. Wir waren soweit auf geistigem Gebiete. Was aber dem entgegengearbeitet hat, war wiederum das wirtschaftliche Gebiet. Und das muß man nur einmal genau durchschauen, wie dieses Nicht-in-Harmonie-Arbeiten des geistigen Lebens mit dem wirtschaftlichen Leben — wenn ich mich des kritischen Ausdrucks bedienen darf — das Urphänomen war all der Erscheinungen, die sich vorbereiteten in den achtziger Jahren, die auf ihrem Höhepunkt angelangt waren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es fließen da natürlich unzählige Kräfte und Strömungen zusammen, so daß man natürlich nicht alles in ein paar Worten zusammenfassen kann.
[ 4 ] You see, back then one could actually experience something like that—I’m not saying this out of immodesty, but because it strikes me as symptomatically significant as a personal experience—: In 1914, at the beginning of summer, I gave a lecture in Paris on the topics I usually speak about—and which I also spoke about yesterday, for example. This lecture was not given for a German colony there, but was translated word for word; it was thus explicitly intended for the French, not for German colonists living in Paris—who were not even in the audience. So in May 1914, with what had flowed from German spiritual life in the strictest sense—for fundamentally, everything that is presented here as anthroposophy has flowed from German spiritual life—one could somehow make a certain impression with it throughout the world. We had reached that point in the spiritual realm. But what worked against this, once again, was the economic realm. And one need only look closely at how this lack of harmony between spiritual life and economic life—if I may use that critical term—was the root phenomenon of all the events that were unfolding in the 1880s and had reached their peak at the turn of the 19th to the 20th century. Of course, countless forces and currents converge here, so it is naturally impossible to summarize everything in just a few words.
[ 5 ] Aber wenn man eine wichtige Erscheinung, eine grundlegende Erscheinung hervorheben will, so könnte das etwa in der Art geschehen, wie ich es 1908 einmal in einem Vortrage in Nürnberg getan habe. Ich habe damals darauf hingewiesen, wie charakteristisch es für das moderne soziale Leben ist, daß das Persönliche eigentlich immer mehr und mehr ausgeschaltet worden ist, namentlich auch in dem, was man Kapitalismus nennt, in dem Kapitalismus im allgemeinen — ohne das Kapital in der Wirtschaft verpönen zu wollen, man kann ja selbstverständlich das moderne Wirtschaftsleben nicht ohne Kapitalanlagen, also ohne Kapitalismus führen, und so zu reden, wie heute vielfach geredet wird über Kapitalismus, ist nichts anderes als purstes Laientum oder Dilettantismus. Das, um was es sich handelt, das ist, daß das kapitalistische Wesen im Grunde genommen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, sagen wir — vorbereitet wurde es schon früher —, immer unpersönlicher und unpersönlicher geworden ist. Ich führe da sehr gerne eine Anekdote an; Anekdoten sind ja manchmal charakteristisch für das, was sich abspielte. Als das internationale Wirtschaftsleben noch mehr von der Persönlichkeit abhängig war, kam es einmal vor, daß zu Rothschild in Paris auch der Finanzminister des Königs von Frankreich kommen mußte, weil der König sich, aus Gründen, die Sie sich leicht ausmalen können, an den Bankier wenden mußte. Er kam gerade in der Zeit, als Rothschild mit einem Lederhändler beschäftigt war. Nun führt ja der Kapitalismus zu einem gewissen instinktiven Sozialismus, das muß man sich klar machen. Rothschild, der ja sehr mächtig war und der in allem, was er kapitalistisch verwaltete, das persönliche Element drinnen geltend machte, nicht das unpersönliche Kapitalistische — Rothschild war also beschäftigt mit einem Lederhändler. Der Diener kam herein und meldete den Finanzminister des Königs. Er soll warten, bis ich fertig bin, — sagte Rothschild. Das konnte schon der Diener nicht recht begreifen und der, der draußen wartete, erst recht nicht. Er meinte, da müsse ein Mißverständnis vorliegen. Sagen Sie doch, schickte er nochmals den Diener, der Minister des Königs von Frankreich wäre da. — Rothschild ließ ihm wieder sagen, ja, er müsse halt warten. Das verstand der Minister erst recht nicht, er riß die Türe auf und war drinnen. Er sagte: Ich bin der Finanzminister des Königs von Frankreich. — Schön, sagte Rothschild, ich habe noch zu tun, bitte nehmen Sie einen Stuhl und setzen Sie sich. — Ja, aber ich bin doch der Minister des Königs von Frankreich! — Bitte nehmen Sie zwei Stühle, — sagte Rothschild.
[ 5 ] But if one wishes to highlight an important phenomenon, a fundamental phenomenon, one could do so in much the same way as I once did in a lecture in Nuremberg in 1908. At that time, I pointed out how characteristic it is of modern social life that the personal has, in fact, been increasingly marginalized, particularly in what is called capitalism—in capitalism in general—without wishing to condemn capital in the economy, for, of course, modern economic life cannot be conducted without capital investments—that is, without capitalism—and to speak of capitalism as is often done today is nothing other than the purest form of layman’s thinking or dilettantism. What is at issue is that the capitalist system has, fundamentally speaking, since the beginning of the 20th century—though the groundwork was laid earlier—become increasingly impersonal. I’d like to cite an anecdote here; anecdotes are, after all, sometimes characteristic of what took place. When international economic life was still more dependent on the individual, it once happened that the finance minister of the King of France had to go to Rothschild in Paris because the king, for reasons you can easily imagine, had to turn to the banker. He arrived just as Rothschild was dealing with a leather merchant. Now, capitalism does lead to a certain instinctive socialism—one must realize that. Rothschild, who was, of course, very powerful and who, in everything he managed in a capitalist manner, emphasized the personal element rather than the impersonal capitalist one—Rothschild was, in other words, in the midst of a transaction with a leather merchant. The servant came in and announced the king’s finance minister. “Tell him to wait until I’m finished,” said Rothschild. The servant couldn’t quite make sense of that, and the man waiting outside certainly couldn’t either. He thought there must be some misunderstanding. “Please tell him,” he sent the servant back, “that the minister of the King of France is here.” — Rothschild had him told again, “Yes, he’ll just have to wait.” The minister couldn’t make head or tail of it; he flung open the door and stepped inside. “I am the Minister of Finance of the King of France,” he said. “Very well,” said Rothschild, “I’m still busy. Please take a chair and sit down.” “Yes, but I am the Minister of Finance of the King of France!” “Please take two chairs,” said Rothschild.
[ 6 ] Ich erzähle das darum, damit Sie auch aus dieser Anekdote sehen, daß in der Tat im Kapitalismus etwas tätig war, was im persönlichen Wollen, in den persönlichen Emotionen lag. Dieses persönliche Element, das hörte auf. Was ich gesagt habe, ist selbstverständlich keine Beweisführung, nur eine Illustration. Die Beweisführung müßte in einer ganzen Reihe von Vorträgen geleistet werden. Aber eben um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nahm dieses persönliche Element die Wendung zum rein Sachlichen. Ich möchte sagen: Es traten Kräfte ein, durch die sich die Kapitalmassen wie von selbst bewegten. Das Aktienkapital trat in den Vordergrund gegenüber dem einzelnen Kapital, die Gesellschaft an die Stelle des Einflusses der einzelnen Persönlichkeit. Damit trat ein unpersönliches Element auf, so daß der Mensch im modernen Wirtschaftsleben allmählich wie in ein unpersönliches Element eingespannt wurde. Und an die Stelle der persönlichen Initiative trat das, was man nennen kann die Routine. Es war nicht mehr möglich, im Wirtschaftsleben etwas anderes zu entfalten als Routine. Wer die Wirtschaftsgeschichte studiert, wird finden, wie diese Dinge in der Entwicklung des modernen Wirtschaftslebens begründert sind, und wie sie es sind, die zu der furchtbaren Weltkatastrophe drängten. — Die war nun da, und so konnte man gerade in dieser Zeit glauben, daß eben der rechte Zeitpunkt gekommen wäre, wo die Menschen aus der Lebenspraxis heraus begreifen könnten, daß das Zusammenwirken dieser drei Gebiete in entsprechender Weise gesucht werden müsse. Und das ist es, was das Wesentliche ist an dem, was als Dreigliederung des sozialen Organismus auftrat: nicht die Idee als solche, sondern die Art und Weise, wie in jeder Einzelheit aus der unmittelbaren Lebenspraxis heraus die Dinge aus dem Konkreten gedacht sind. Es ist etwas durch und durch Anti-Utopistisches in diesem Dreigliederungsimpuls, wie er hier auftritt, etwas, was abweist jede Art von Utopie, was nur aus dem Praktischen des Lebens heraus arbeiten will.
[ 6 ] I am telling you this so that you, too, can see from this anecdote that there was indeed something at work in capitalism that lay in personal will and personal emotions. This personal element came to an end. What I have said is, of course, not a line of reasoning, but merely an illustration. A proof would have to be presented over the course of a whole series of lectures. But precisely at the turn of the 19th to the 20th century, this personal element shifted toward the purely objective. I would say: Forces came into play through which the masses of capital moved as if of their own accord. Share capital came to the fore in place of individual capital, and society took the place of the influence of the individual personality. With this, an impersonal element emerged, so that in modern economic life, the individual was gradually drawn into an impersonal framework. And in place of personal initiative came what might be called routine. It was no longer possible to develop anything other than routine in economic life. Anyone who studies economic history will find how these factors are rooted in the development of modern economic life, and how they were the very forces that drove us toward the terrible global catastrophe. — That catastrophe was now upon us, and so it was precisely at this time that one could believe the right moment had arrived for people to realize, through their practical experience of life, that the interplay of these three spheres must be sought in an appropriate manner. And that is the essence of what emerged as the threefold structure of the social organism: not the idea as such, but the way in which, in every detail, things are conceived from the concrete reality of immediate practical life. There is something thoroughly anti-utopian in this impulse toward threefolding, as it appears here—something that rejects any kind of utopia and seeks only to work from the practical realities of life.
[ 7 ] Das ist dasjenige, was so wenig gesehen wird und was — auch oftmals von Anhängern des sogenannten Dreigliederungsgedankens — nicht in gebührender Weise berücksichtigt wird. Es geschieht sehr häufig, daß über die Dreigliederung, auch sogar von Anhängern, so diskutiert wird, als wäre sie eine Utopie, als wäre sie nicht hervorgegangen aus dem, was eigentlich alle Menschen auf ihren Gebieten wollen. Man braucht eben nur die einzelnen Willen zusammenzufassen. Bewußt sind sich die Menschen meistens nicht darüber, was sie wollen, aber sie wollen es doch. Das Unterbewußte spielt eine viel größere Rolle im sozialen Leben, als man denkt. Deshalb haben mir immer wieder Leute gesagt: Ja, was da in den «Kernpunkten» steht, die ja doch dem Dreigliederungsimpuls, wie er heute auftritt, zugrunde liegen, das will diese oder jene Gesellschaft auf diesem oder jenem Gebiete auch. — Ein anderer kam mit einem andern Spezialgebiet. Das ist nichts Neues, sagten sie. — Umso besser, sagte ich. Je weniger etwas neu ist, desto besser. Je mehr es wurzelt in dem, was die Menschen schon wollen, umso besser. Es kommt eben lediglich darauf an, daß eine gewisse Verständigung unter den einzelnen Spezialgebieten eintrete. Und da glaube ich allerdings, daß der Vortrag von Herrn Dr. Unger heute insofern eine außerordentliche Wichtigkeit haben konnte, weil er ja ganz beseelt war von dem Gedanken, daß schließlich dasjenige, was der Techniker auf seinem Gebiete will, nicht gelöst werden kann als eine besondere Frage, ohne daß der Blick gewendet wird auf das gesamte soziale Leben. Es hat deshalb keine große Bedeutung, wenn man davon spricht, daß die Spezialideen schon mal geäußert worden sind oder da oder dort aufgetreten sind in Anklängen, oder wenn man sagt, daß sogar alles schon mal aufgetreten sei. Nehmen wir einmal die äußerste Hypothese an. Nehmen wir an, Herr Dr. Unger hätte gar nichts Neues gesagt, sondern seine Ideen seien seit Jahrzehnten meinetwillen von den verschiedensten technischen Zweigen und Gesellschaften ausgesprochen worden. Ich glaube aber, daß man mir in einem zustimmen muß, auch wenn diese Hypothese richtig wäre: Ausgeführt worden sind sie aber nicht, diese Ideen — das wird ja wohl niemand behaupten. Daß sie gehegt worden sind, kann mancher behaupten, daß sie ausgeführt worden sind, kann aber keiner behaupten. Sie sind heute Fragen, wie sie vor Jahrzehnten Fragen gewesen sind. Und das darum, weil sie spezialistisch behandelt wurden, so daß sich der Techniker auf seinen Kreis einschränkte, und von diesem Kreise aus alle speziellen Technikerfragen behandelte. So lassen sich die Dinge aber heute nicht lösen. Wir haben nicht nur eine Weltwirtschaft, wir haben auch ein Weltempfinden, etwas, was über die ganze Welt geht, und was auf wirtschaftlich-technischem Gebiete nur als Weltfrage behandelt werden kann. Die Antwort, warum die Lösung nicht gefunden werden konnte, ist die, daß der Techniker gewissermaßen alleinstand. Der Techniker mußte dieses Alleinstehen sogar schmerzlich empfinden aus dem Grunde, weil er ja, so wie er sich herausgebildet hat als moderner Techniker, das modernste an Persönlichkeit des modernen Lebens ist. Man kann von den verschiedensten anderen Ständen des modernen Lebens sagen: da und dort haben sie ihre Wurzeln. Was der moderne Techniker ist, ist er mit der modernen Technik geworden. Er stellt in der ganzen sozialen Ordnung einen Stand dar, und durch seinen besonderen Beruf ergibt sich ein sozialer Zusammenhang, der selber eine soziale Frage ist. Die kann aber nur im Zusammenhang mit dem ganzen sozialen Leben behandelt werden. Daher wird dasjenige, was Dr. Unger formuliert hat mit dem Worte «Technik als freie Kunst», solange eine Utopie bleiben, solange nicht gefunden wird der Anschluß der speziellen Technikerwünsche und Technikerideen an die universellen sozialen Ideen. Am meisten hat der Techniker nötig, sich einen universellen Blick für die sozialen Bedürfnisse anzueignen, und zwar aus dem Grunde, weil er sich als etwas Neues hineingestellt hat in das moderne Leben. Der Landwirt hat ja diesen sozialen Blick auch nötig, insofern die Landwirtschaft selber von der Technik übersponnen wird. Aber als Landwirt selbst ist er uralt. Aber an dem, was sich da als etwas ganz Neues hineingestellt hat in die moderne soziale Entwicklung, an dem muß gerade das Wesentliche der sozialen Frage am bedeutsamsten hervortreten. Und das ist das, was vielleicht besonders betont werden muß. Ich will nicht auf spezielle Dreigliederungsfragen eingehen, die sofort da sind, wenn man über spezielle Fragen der Techniker spricht. Das Wesentliche liegt darin, daß die Technikerfragen behandelt werden als ein Kapitel der allgemeinen großen sozialen Fragen. Da kommt es nicht darauf an, etwa anzunehmen, daß man von anthroposophischer Seite aus die Technikerfrage nun einfach äußerlich in die Dreigliederungsbewegung hineinziehen wolle. Die Dreigliederungsbewegung wäre ein bloßes Schlagwort, wenn man die Sache so behandeln wollte. Aber nicht um Schlagworte handelt es sich, sondern um etwas anderes. Darum handelt es sich, daß durch die Bewegung, die sich auch anders nennen könnte, die drei Glieder des sozialen Lebens in ein richtiges Verhältnis gebracht werden sollen gegenüber dem Intellektualismus, der das Bestreben hat, alles in einen Topf zusammen zu werfen, wenn er auch dann aus dem einen Topf zum Beispiel die Vierzehn Punkte herausnimmt, die, sofern es Woodrow Wilsons Vierzehn Punkte waren, in bezug auf ihren Intellektualismus wahrhaftig nichts zu wünschen übrig lassen. Die Dreigliederungsidee wurde von mir zuerst geäußert, gerade als man in einem furchtbar ernsten Moment wiederum einmal nicht aus der Lebenspraxis heraus die Lösung der Fragen suchte, sondern aus Köpfen, aus dem Intellektualismus heraus, mit den Vierzehn Punkten Wilsons. Man konnte besonders auch im Ausland sehen, wie diese Vierzehn Punkte, als sie auftraten, etwas Pathologisches in der Menschheit ansprachen, und es war im höchsten Maße zu bedauern, daß im ernstesten Augenblick der neueren deutschen Geschichtsentwicklung, im Herbste 1918, Mitteleuropa sich sogar auf diese Vierzehn Punkte einließ und nicht sehen konnte, wie wir gerade im gegenwärtigen Augenblick genötigt sind, uns ohne alle blassen Theorien unmittelbar auf die Lebenspraxis einzulassen und aus ihr heraus die Dinge zu studieren. Die Vierzehn Punkte waren eine Utopie; die weitere Entwicklung hat das gezeigt. Die Menschheit wird sich überzeugen müssen, daß mit solchen Utopien nichts zu erreichen ist, sondern daß lediglich etwas erreicht wird, wenn man wirklichkeitsgemäß sich auf das einläßt, was da ist; wenn man aus dem Daseienden heraus nicht nur logisch — das ist heute leicht —, sondern wirklichkeitsgemäß zu denken versteht.
[ 7 ] This is precisely what is so rarely recognized and what—even by supporters of the so-called threefold social order—is not given due consideration. It happens very often that the threefold social order is discussed—even by its proponents—as if it were a utopia, as if it had not emerged from what all people actually want in their respective fields. One simply needs to bring together these individual wills. People are usually not conscious of what they want, but they want it nonetheless. The subconscious plays a much greater role in social life than one might think. That is why people have told me time and again: “Yes, what is written in the ‘Key Points’—which, after all, underlie the threefold social order as it appears today—is exactly what this or that society wants in this or that field.” — Someone else brought up a different specialized field. “That’s nothing new,” they said. — “All the better,” I said. The less new something is, the better. The more it is rooted in what people already want, the better. It simply comes down to ensuring that a certain degree of mutual understanding develops among the individual specialized fields. And in this regard, I do believe that Dr. Unger’s lecture today was of extraordinary importance, precisely because it was entirely inspired by the idea that, ultimately, what the technician seeks in his field cannot be resolved as a separate issue without turning one’s gaze toward social life as a whole. It is therefore of little significance when people say that these specialized ideas have already been expressed, or have surfaced here and there in echoes, or when they claim that everything has already been said before. Let us assume the most extreme hypothesis. Let us assume that Dr. Unger said nothing new at all, but that his ideas had, for my sake, been expressed for decades by the most diverse technical disciplines and societies. I believe, however, that one must agree with me on one point, even if this hypothesis were correct: these ideas have not been implemented—surely no one would claim otherwise. Many may claim that they were cherished, but no one can claim that they were implemented. They remain questions today, just as they were questions decades ago. And this is because they were treated in a specialized manner, so that the engineer confined himself to his own field and addressed all specialized technical questions from within that field. But that is not how things can be solved today. We do not merely have a global economy; we also have a global consciousness—something that extends across the entire world and that, in the economic and technical spheres, can only be addressed as a global issue. The reason why a solution could not be found is that the technician was, in a sense, on his own. The technician must even have found this isolation painful, precisely because—having developed into a modern technician—he represents the very epitome of modern life. One can say of the most diverse other professions in modern life: here and there they have their roots. What the modern engineer is, he has become through modern technology. He represents a profession within the entire social order, and his specific occupation gives rise to a social context that is itself a social issue. But this can only be addressed in the context of social life as a whole. Therefore, what Dr. Unger has formulated with the phrase “technology as a free art” will remain a utopia as long as no connection is found between the specific desires and ideas of technicians and universal social ideas. What the technician needs most is to acquire a universal perspective on social needs, precisely because he has positioned himself as something new within modern life. The farmer, too, needs this social perspective, insofar as agriculture itself is permeated by technology. But as a farmer, he is an age-old figure. Yet it is precisely in that which has entered modern social development as something entirely new that the essence of the social question must emerge most significantly. And that is what perhaps needs to be emphasized most of all. I do not wish to go into specific questions of threefolding that immediately arise when discussing specific technical issues. The essential point is that technical issues are treated as a chapter within the broader, general social questions. It is not a matter of assuming, for example, that from an anthroposophical perspective one simply wants to incorporate the technical issue into the threefolding movement from the outside. The threefold social order movement would be nothing more than a catchphrase if one were to treat the matter in this way. But this is not about catchphrases; it is about something else. What is at stake is that through this movement—which could also be called by another name—the three members of social life are to be brought into a proper relationship with respect to intellectualism, which strives to to lump everything together, even if it then takes out of that lump, for example, the Fourteen Points, which—insofar as they were Woodrow Wilson’s Fourteen Points—truly leave nothing to be desired in terms of their intellectualism. I first articulated the idea of the threefold social order precisely at a terribly serious moment when, once again, people were not seeking solutions to these questions from practical life experience, but rather from their minds, from intellectualism—as exemplified by Wilson’s Fourteen Points. One could see, especially abroad, how these Fourteen Points, when they appeared, appealed to something pathological in humanity, and it was most regrettable that at the most critical moment in recent German historical development, in the fall of 1918, Central Europe actually went along with these Fourteen Points and failed to see how, precisely at this very moment, we are compelled to engage directly with practical life—without any abstract theories—and to study matters from that perspective. The Fourteen Points were a utopia; subsequent developments have shown this. Humanity will have to come to realize that nothing can be achieved with such utopias, but that something is achieved only when one engages realistically with what is there; when one knows how to think, based on what exists, not merely logically—which is easy today—but in a realistic way.
[ 8 ] Nach einem solchen Denken strebt Anthroposophie, die nur eingesehen werden kann, wenn man es, wenn vom Geiste die Rede ist, nicht macht wie jener Bauer, dem ein Magnet gezeigt wurde, und der sagte: Ach, Unsinn, das ist doch ein Hufeisen, damit will ich mein Pferd beschlagen. — So ungefähr verhält sich derjenige zur Wirklichkeit, der dieser Wirklichkeit den Geist ableugnet. Und das ist nicht zu umgehen, daß, wenn jemand wirklichkeitsgemäß denken will, er auch auf das Geistige zu sprechen kommen muß. Daher ist Anthroposophie eine Geisteswissenschaft. Und das, was sie mit den tiefsten, bedeutsamsten Zeitforderungen gemein hat, das ist, daß sie wirklichkeitsgemäß, daß sie praktisch sein will, da, wo es sich um das Praktische, namentlich das wirtschaftlich-technische Leben handelt. Und jeder, wenn er auch diese oder jene sonst abweichende Ansicht hat oder zu haben glaubt — daß zum Beispiel die Anthroposophie sich zu wenig mit Gott beschäftigte, was eine ganz unbegründete Meinung ist, oder daß für manche Leute sie sich wieder viel zu viel mit Gott beschäftige, die von dieser Seite her Gegner sind, und ebenso sind die anderen Dinge, die hier erwähnt wurden, sie sind wieder von anderen Gesichtspunkten aus gesagt —, aber jeder, wenn er auch irgendwelche andere Ansichten über das eine oder das andere hat, wenn er es ernst meint mit einem wirklichkeitsgemäßen Gestalten unserer sozialen Verhältnisse auf irgendeinem Spezialgebiet aus dem universalen Denken des Ganzen heraus, wird dann auch Anknüpfungspunkte finden zu dem, was als anthroposophische Bewegung sich geltend macht. Denn sie will nicht phantastisch sein, sondern sie will menschlich sein. Und mit dem, der das Menschliche versteht, wird sie sich gerne zusammenfinden.
[ 8 ] Anthroposophy strives for this kind of thinking, which can only be understood if, when speaking of the spirit, one does not act like that farmer who was shown a magnet and said: “Oh, nonsense—that’s just a horseshoe; I’ll use it to shoe my horse.” — That is roughly how someone behaves toward reality when they deny the spiritual aspect of that reality. And there is no getting around the fact that if someone wants to think in accordance with reality, they must also address the spiritual. That is why anthroposophy is a spiritual science. And what it has in common with the deepest, most significant demands of our time is that it seeks to be grounded in reality—that is, to be practical—wherever practical matters are concerned, particularly in economic and technical life. And everyone—even if they hold, or believe themselves to hold, this or that divergent view—such as, for example, that anthroposophy does not concern itself enough with God, which is a completely unfounded opinion, or that, for some people, it concerns itself far too much with God, and who are opponents from this perspective, and likewise the other points mentioned here, which are expressed from different viewpoints— but everyone—even if they hold other views on one thing or another—if they are serious about shaping our social conditions in a way that corresponds to reality in any specific field, based on a universal understanding of the whole, will also find points of connection with what is known as the anthroposophical movement. For it does not seek to be fanciful, but rather to be human. And it will gladly join forces with those who understand what it means to be human.
