The Task of Anthroposophy
in the Context of Science and Life
GA 77a
30 July 1921, Darmstadt
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The Task of Anthroposophy in the Context of Science and Life, tr. SOL
7. Schlussrede
7. Closing Remarks
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende, liebe Kommilitonen! Wir stehen am Schlusse dieser Veranstaltung, und auch meinerseits darf der Wunsch ausgesprochen werden, der schon von den verehrten Veranstaltern geäußert worden ist: daß sich bei den uns so sehr willkommenen Zuhörern dieser Tage einiges Befriedigende ins Seelische gesenkt haben möge, und daß auch einiges Befriedigende in der Nachempfindung zurückbleiben könne. Es ist ja natürlich, daß man im Laufe einer so kurzen Veranstaltung nur einige Proben dessen geben kann, was anthroposophische Geisteswissenschaft sein will und was sie namentlich in unserer Zeit der Wissenschaft und dem Leben sein will.
[ 1 ] Ladies and gentlemen, dear fellow students! We have reached the end of this event, and I, too, would like to express the hope already voiced by the esteemed organizers: that something deeply satisfying may have found its way into the souls of our most welcome audience members over these past few days, and that something equally satisfying may remain with them in their reflections afterward. It is, of course, only natural that in the course of such a brief event, one can offer only a few glimpses of what anthroposophical spiritual science seeks to be—and what it seeks to be, in particular, in our age of science and life.
[ 2 ] Daß sich eine Anzahl gerade den wissenschaftlichen Kreisen angehörenden Persönlichkeiten zusammengefunden hat, um aus jugendlicher Begeisterung heraus Anthroposophie zu treiben, gehört zu dem tiefst Befriedigenden für denjenigen, der sein Leben gerne all dem geben möchte, was innerhalb dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft liegt. Daher werden Sie mir glauben, daß ich es aus tiefstem Herzen heraus ausspreche, wenn ich den verehrten Kommilitonen, welche ihre Kraft und ihre Mühe und ihren so guten Willen auf diese Veranstaltung gewendet haben, innigen Dank sage.
[ 2 ] The fact that a number of individuals—precisely those belonging to academic circles—have come together to pursue anthroposophy out of youthful enthusiasm is one of the most deeply gratifying things for anyone who would like to devote his or her life to all that lies within this anthroposophical spiritual science. You will therefore believe me when I say, from the bottom of my heart, that I extend my heartfelt thanks to my esteemed fellow students, who have devoted their energy, their efforts, and their good will to this event.
[ 3 ] Ich bin überzeugt davon, daß auch alle diejenigen, die hier mitgewirkt haben und die an dem einen oder anderen Orte in unserer anthroposophischen Bewegung drinnen stehen, in gleichem Sinne den verehrten Veranstaltern dieser Hochschulkurse aufs allerherzlichste danken. Dieser Dank richtet sich ja in erster Linie an die Arbeitsgruppen des Bundes für anthroposophische Hochschularbeit in Darmstadt, Frankfurt, Gießen, Marburg, Heidelberg und Würzburg, die sich so viel Mühe gegeben haben, daß diese Veranstaltung eine würdige sein konnte. Dieser Dank richtet sich aber auch an alle Teilnehmer dieses anthroposophischen Versuches.
[ 3 ] I am convinced that all those who have contributed to this event and who are involved in one way or another in our anthroposophical movement will, in the same spirit, extend their most heartfelt thanks to the esteemed organizers of these university courses. This gratitude is directed first and foremost to the working groups of the Federation for Anthroposophical University Work in Darmstadt, Frankfurt, Giessen, Marburg, Heidelberg, and Würzburg, who have gone to such great lengths to ensure that this event could be a worthy one. But this gratitude is also directed to all participants in this anthroposophical endeavor.
[ 4 ] Und wenn ich nun einige Schlußworte zu Ihnen reden soll, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen, verlangen Sie nicht von mir, daß ich das, was ich zu sagen habe, was ich jetzt noch am Schlusse vor Sie hinbringen möchte, in der üblichen Weise in eine Schlußrede kleide, sondern lassen Sie mich einiges aussprechen, was mir zum Teil nötig scheint und was mir zum Teil, gerade angesichts dessen, was ich in diesen Tagen hier unter Ihnen erleben durfte, sehr am Herzen liegt.
[ 4 ] And now that I am to address a few closing remarks to you, my esteemed audience, dear fellow students, please do not expect me to present what I have to say—what I would now like to share with you at the end—in the usual form of a closing speech; rather, let me say a few things that seem necessary to me in part and that, especially in light of what I have been privileged to experience here among you these past few days, are very close to my heart.
[ 5 ] Man hat es von manchen Seiten außerordentlich stark angefochten, daß sich die Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, wo während des Krieges gezeigt werden mußte, wie deutsches Geistesleben vor die Welt hinzustellen ist, «Goetheanum» genannt hat. Der Name ist von mir öfter angewendet worden — der Wille aber, diese Bildungsstätte «Goetheanum» zu nennen, ist ja von anderen ausgegangen. Aber vielleicht darf doch gesagt werden, daß innerhalb dieser Benennung etwas liegt, was mit meinem eigenen Hereinwachsen in diesem Erdenleben in die anthroposophische Bewegung zusammenhängt. Und deshalb darf ich das, was ich Ihnen sagen will, zunächst in die Bilder einiger Lebensreminiszenzen kleiden.
[ 5 ] There has been extremely strong opposition from some quarters to the fact that the School of Spiritual Science in Dornach—where, during the war, it was necessary to demonstrate to the world how German spiritual life should be presented—has been named “Goetheanum.” I have used the name on several occasions—but the decision to call this educational institution the “Goetheanum” originated with others. But perhaps it may be said that there is something in this name that is connected to my own growth into the anthroposophical movement during this earthly life. And for that reason, I would like to begin by framing what I wish to say to you in the form of a few memories from my life.
[ 6 ] Als ich selbst in Wien zur Hochschule kam, da war noch jene Zeit, in welcher an Technischen Hochschulen das eigentlich erst eingerichtet wurde, was nun eine so ungeheure Weltbedeutung gewonnen hat: das Elektrotechnische. In Waltenhofen hatte die Wiener «Technik» den ersten Vertreter der Elektrotechnik, der aber aus der allgemeinen Physik herausgewachsen war. Und seither konnte man das alles mitmachen, was gerade von dieser Seite her gekommen ist, und was ja dann soweit wirksam geworden ist, wie wir gesehen haben, daß die Behandlung des Lichtes und manch anderer Naturerscheinungen nunmehr in eine Weltbetrachtung naturwissenschaftlicher Art eingelaufen ist, möchte man sagen, die ganz und gar von der Beobachtung elektrischer Erscheinungen hergenommen ist. An die Stelle der bloß elastischen Atome, mit denen wir noch unsere komplizierten Differenzialgleichungen bewältigen mußten, ist das heutige Bild der Elektronen getreten. Und in diese Jahrzehnte schließt sich Bedeutsames in der Entwicklung der neueren Menschheit ein. Aber es schließt sich auch dasjenige ein, was ich gestern im öffentlichen Vortrage anzudeuten versuchte: das Hinstreben aus dem immer mehr und mehr um sich greifenden materialistischen Anschauen der Umwelt, das ja doch eigentlich in der Elektronenlehre seine Triumphe feiert, wiederum zu einer geistigen Erfassung der Welt. Innerhalb desjenigen, was wir gewinnen können in der Elektronenlehre, finden wir eben den Menschen nicht. Wir müssen den Menschen aber wiederum finden. Und vielleicht ist Ihnen das aus den Bestrebungen, die unseren Vorträgen zugrunde lagen, hervorgegangen, daß es zunächst hauptsächlich Menschenerkenntnis ist, die wir anstreben, aber solche Menschenerkenntnis, die in Zusammenhang steht mit allen übrigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit allem Weltstreben, bis in das einzelne Soziale hinein, was in der Anthroposophie lebendig werden soll.
[ 6 ] When I myself entered university in Vienna, it was still a time when technical universities were just beginning to establish what has since gained such immense global significance: electrical engineering. In Waltenhofen, the Vienna “Technik” had its first representative of electrical engineering, who had, however, emerged from the field of general physics. And since then, we have been able to keep pace with everything that has emerged from this field—and which, as we have seen, has become so influential that the study of light and many other natural phenomena has now become part of a scientific worldview, one might say, derived entirely from the observation of electrical phenomena. The modern concept of electrons has replaced the purely elastic atoms with which we still had to grapple in our complex differential equations. And these decades encompass significant developments in the evolution of modern humanity. But it also encompasses what I attempted to hint at yesterday in my public lecture: the striving to move away from the increasingly pervasive materialistic view of the world—which, after all, actually celebrates its triumphs in the theory of electrons—and back toward a spiritual understanding of the world. Within what we can gain from the theory of electrons, we simply do not find the human being. But we must find the human being once again. And perhaps it has become clear to you from the aspirations underlying our lectures that what we seek first and foremost is knowledge of the human being—but a knowledge of the human being that is connected to all other scientific knowledge and to all worldly endeavors, right down to the individual social sphere, which is to come alive in anthroposophy.
[ 7 ] Mir selbst, als ich mich noch so fühlen durfte, wie viele von Ihnen heute sich fühlen, mir trat inmitten dessen, was mich da aus naturwissenschaftlich-technischer Denkungsweise in meinen Jugendjahren umgab, etwas entgegen, bald nachdem ich die Wiener Technik betreten hatte. Neben den anderen Fächern, denen ich mich widmete, wurde ich auch Hörer meines alten, Freund-gewordenen Lehrers, des längst verstorbenen Karl Julius Schröer. Und es gehört das zu den tiefsten Erlebnissen, was ich dazumal empfand, als Karl Julius Schröer in der ersten Vorlesung über deutsche Literatur ein Wort sprach, das so recht zeigte, wie die Erneuerung des Geisteslebens der neueren Menschheit aus deutschem, germanischem Wesen geboren werden kann. Vielleicht erscheint Ihnen heute dieses Wort nicht mehr so bedeutsam, wie es mir dazumal geklungen hat. Karl Julius Schröer wollte charakterisieren, wie Goethe, Schiller, Herder, Lessing, wie die deutschen Romantiker, die deutschen Philosophen sich hineingestellt haben in das gesamte Geistesleben der Menschheit. Er wollte zu diesem Zwecke zeigen, daß Kunst, daß ästhetisches Erleben für den Deutschen in jener Zeit eine heilige Angelegenheit der Menschheit geworden ist, nicht bloß eine luxuriöse Beigabe zum Leben. In die Kunst sollte ausfließen etwas, was urmenschlich ist. Und das drückte Karl Julius Schröer dazumal in seiner Art in dem Satz aus, den er in der ersten Stunde seiner Vorlesung aussprach: «Der Deutsche hat ästhetisches Gewissen». — Das lag auch dem zugrunde, wie er dann den Goetheschen Faust behandelt hat, wo er Faust darzustellen versuchte als den Helden des unbesieglichen Idealismus, der gerade dazumal aus den tiefen Untergründen des deutschen Geisteslebens in die Welt- und Menschheitsentwicklung eintreten mußte.
[ 7 ] For me, back when I was still allowed to feel the way many of you feel today, something came to meet me—amidst the scientific and technical mindset that surrounded me in my youth—shortly after I entered the Vienna University of Technology. In addition to the other subjects I was studying, I also attended the lectures of my former teacher—who had become a friend—the late Karl Julius Schröer. And among the most profound experiences I had at that time was when, in his first lecture on German literature, Karl Julius Schröer spoke a word that so clearly showed how the renewal of the spiritual life of modern humanity can be born out of the German, Germanic essence. Perhaps today this word no longer seems as significant to you as it did to me back then. Karl Julius Schröer sought to characterize how Goethe, Schiller, Herder, Lessing, the German Romantics, and the German philosophers had immersed themselves in the entire spiritual life of humanity. To this end, he wanted to show that art—that aesthetic experience—had become, for Germans at that time, a sacred matter of humanity, not merely a luxurious addition to life. Something that is fundamentally human was to flow into art. And Karl Julius Schröer expressed this in his own way at the time in the sentence he uttered during the first hour of his lecture: “The German has an aesthetic conscience.” — This also underlay the way he subsequently approached Goethe’s Faust, in which he sought to portray Faust as the hero of invincible idealism, who, precisely at that time, had to emerge from the deepest recesses of German spiritual life into the development of the world and humanity.
[ 8 ] Dann nahm ich Teil an dem, was Karl Julius Schröer dazumal, indem er etwas nachbildete, was Uhland und Grimm in ihrer Lehrtätigkeit entwickelt hatten, «Deutsche Gesellschaft» nannte, — ich nahm Teil an dem, was dazumal die Deutsche Gesellschaft war. Junge Leute hielten Vorträge; sie konnten sich aussprechen, wie es ihnen ums Herz war. Der erste Vortrag, den ich innerhalb dieser Deutschen Gesellschaft zu halten hatte, beschäftigte sich damit, in meiner dazumal ungelenken, jugendlich unreifen Weise Kant und den Kantianismus, jene Barriere, die errichtet war gegenüber dem Wesen der Welt durch die besondere Ausdeutung, die die Phänomene in der neueren Wissenschaft gefunden haben, zurückzuweisen.
[ 8 ] Then I took part in what Karl Julius Schröer called the “Deutsche Gesellschaft” at that time—a movement that drew inspiration from what Uhland and Grimm had developed in their teaching—I took part in what was then known as the Deutsche Gesellschaft. Young people gave lectures; they were able to speak their minds freely. The first lecture I was to give within this “Deutsche Gesellschaft” dealt, in my then clumsy, youthfully immature way, with the rejection of Kant and Kantianism—that barrier erected against the essence of the world by the particular interpretation that phenomena have found in modern science.
[ 9 ] Und dann war es mir vergönnt, als Teilnehmer an der «Deutschen Lesehalle» der Wiener Hochschule in einem Kreise der Wiener Studentenschaft über Johann Gottlieb Fichte zu sprechen. Ich versuchte, in das, was ich über Fichte sagen wollte, gerade alles das hineinzulegen, was mir, dazumal in unreifer Weise, als notwendig erschien für eine Befruchtung des Geisteslebens von einer ganz besonderen Seite her.
[ 9 ] And then I had the privilege, as a participant in the “Deutsche Lesehalle” at the University of Vienna, of speaking about Johann Gottlieb Fichte to a group of Viennese students. I tried to incorporate into what I wanted to say about Fichte precisely everything that, in my immature way at the time, seemed necessary to me for enriching intellectual life from a very special perspective.
[ 10 ] Und einer der Aufsätze, die ich schrieb, als ich dann kurze Zeit die «Deutsche Wochenschrift» in Wien redigierte, hatte denselben Titel wie der zweite Vortrag, den ich hier, allerdings in anderer Art, gehalten habe: «Die geistige Signatur der Gegenwart». Aber es war dieser Aufsatz bestrebt, auf die wahren Quellen deutschen Geisteslebens, die zu einer Vergeistigung der modernen Kultur führen konnten, hinzuweisen.
[ 10 ] And one of the essays I wrote while I was briefly editing the Deutsche Wochenschrift in Vienna had the same title as the second lecture I gave here—albeit in a different manner: “The Spiritual Signature of the Present.” But this essay sought to point out the true sources of German intellectual life that could lead to a spiritualization of modern culture.
[ 11 ] Ich sage das nicht, um irgendwie mit den Dingen zu renommieren, sondern ich möchte solche Bilder hinstelJlen, damit vielleicht der eine oder andere ein wahreres Bild davon bekommt, was auch von mir persönlich in die geisteswissenschaftlich-anthroposophische Bewegung eingeflossen ist, als jenes Bild ist, das jetzt von unwahrhaftiger Seite vielfach verbreitet wird.
[ 11 ] I am not saying this to take credit for anything, but rather I would like to present such images so that perhaps one or two people might gain a truer picture of what I personally have contributed to the spiritual-anthroposophical movement than the image that is now being widely disseminated by those with dishonest motives.
[ 12 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen, ich hatte reichlich Gelegenheit, damals auch die Niedergangskräfte im modernen Wissenschaftsleben kennenzulernen. Und es war mir daher eine tiefe Befriedigung, daß ich mich während meiner Weimarer Mitarbeiterschaft am Goethe-Schiller-Archiv aus meinem Goethestudium heraus, wenn ich so sagen darf, dem Goetheanismus durch Jahre hindurch widmen durfte. Man fühlte sich da so recht im Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens. Weimar war dazumal in den achtziger Jahren noch etwas anderes, als es heute ist. Es war noch über dem ganzen Weimar ein Hauch, der heute nicht mehr da ist, und aus diesem Hauch heraus empfand man gerade das, was das spezifisch Goethische ist. Ich versuchte dazumal, die Hinlenkung auf das, was dann kommen sollte, dadurch zu geben, daß ich in Weimar einmal einen Vortrag hielt über «Die Phantasie als Kulturschöpferin».
[ 12 ] Well, distinguished guests, dear fellow students, I had ample opportunity back then to become acquainted with the forces of decline in modern academic life. And so it gave me deep satisfaction that, during my time working at the Goethe-Schiller Archive in Weimar—drawing on my studies of Goethe, if I may say so—I was able to devote myself to “Goetheanism,” so to speak, for years on end. There, one truly felt at the very center of German intellectual life. Weimar back then, in the 1880s, was still quite different from what it is today. There was still a certain atmosphere pervading the whole of Weimar that is no longer there today, and it was precisely from this atmosphere that one sensed what is specifically “Goethian.” At that time, I attempted to point the way toward what was to come by giving a lecture in Weimar on “The Imagination as the Creator of Culture.”
[ 13 ] Das nun, was ich versuchte, aus wissenschaftlich-philosophischen Untergründen heraus zu geben, das zeigt Ihnen ja schon in seinen allerersten Versuchen, daß es sich darum handelt, aus demjenigen, was bei Goethe die Untergründe seines Denkens, seines Empfindens auf allen Gebieten des Wissens und des Lebens waren, die geistige Strömung zu holen. Ich ging wahrhaftig nicht von Haeckel aus; das kann jeder sehen, der jenes Kapitel verfolgt, das ich in der ersten Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften im Beginn der achtziger Jahre gerade über Haeckelismus geschrieben habe. Aber wer im geisteswissenschaftlichen Leben drinnenstehen will, muß es mit allen Dingen ernst nehmen, er muß tatsächlich das ausführen, was er in Ideen vertritt. Daher müssen diejenigen Strömungen des zeitgenössischen Geisteslebens, die nun einmal mit aller Gewalt und Kraft eingetreten sind in dieses Leben, auch liebevoll durchlebt werden; und dieses Sich-Versenken in Nietzscheanismus, in Haeckelismus, hat man als eine Anhängerschaft [meinerseits] empfunden. Man würde aber, wenn man es nur wollte, die Quellen anthroposophischer Geisteswissenschaft in denjenigen meiner Schriften gut finden können, die vorangegangen sind auch diesen Auseinandersetzungen mit Haeckel oder Nietzsche. Ich versuchte in meiner «Philosophie der Freiheit» zunächst in praktischer Weise hinzudeuten, wie Geistiges in das moralisch-soziale Handeln einfließen muß.
[ 13 ] What I have now attempted to present from a scientific-philosophical foundation shows you, even in its very first attempts, that the aim is to draw the spiritual current from what served as the foundation of Goethe’s thinking and feeling in all areas of knowledge and life. I certainly did not start from Haeckel; anyone can see that by reading the chapter I wrote specifically on Haeckelism in the first introduction to Goethe’s scientific writings in the early 1880s. But anyone who wishes to be fully engaged in the life of the humanities must take everything seriously; they must actually put into practice what they advocate in theory. Therefore, those currents of contemporary spiritual life that have now entered this life with all their might and force must also be lovingly lived through; and this immersion in Nietzscheanism and Haeckelism has been perceived as a form of allegiance [on my part]. However, if one were so inclined, one could easily find the sources of anthroposophical spiritual science in those of my writings that preceded even these debates with Haeckel or Nietzsche. In my Philosophy of Freedom, I first attempted to point out in a practical way how the spiritual must flow into moral and social action.
[ 14 ] Und wenn heute wieder betont wird, daß mein Wirken eingeflossen sei in dasjenige der Theosophischen Gesellschaft, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, muß ich immer wiederum betonen, daß ich niemals und an keinem Orte etwas anderes vertreten habe als dasjenige, was ich gewonnen habe aus meinem eigenen inneren Forschungswege heraus. Daß man mich hören wollte innerhalb des Kreises dieser oder jener Gesellschaft, daß man mich, um das zu hören, aufforderte, innerhalb dieser Gesellschaft zu wirken, das ist etwas, was ich für etwas durchaus Mögliches, ja Notwendiges halte. Und ich werde es mir auch für die Zukunft niemals nehmen lassen, überall da zu sprechen, wo man mich hören will.
[ 14 ] And when it is emphasized once again today that my work has been incorporated into that of the Theosophical Society, then, my esteemed audience, I must stress time and again that I have never, anywhere, advocated anything other than what I have gained through my own inner path of inquiry. That people within the circle of this or that society wanted to hear me, that they invited me to work within that society in order to hear me—that is something I consider entirely possible, indeed necessary. And I will never allow myself to be prevented from speaking wherever people wish to hear me, now or in the future.
[ 15 ] Daher darf ich es betonen, daß die Theosophische Gesellschaft nicht von mir aufgesucht worden ist, sondern daß sie zu mir gekommen ist. Und ich muß immer wiederum betonen, daß, als ich mein erstes, mehr aus dem Naturwissenschaftlichen abgeleitetes Buch «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung» geschrieben hatte, daß man mir da innerhalb theosophischer Kreise, denen ich dazumal nicht angehörte, sagte, in diesem Buche wäre alles enthalten, was man in diesen theosophischen Kreisen eigentlich suchte. Das aber ist nicht aus diesen Kreisen hervorgegangen, sondern das ist auf dem Forschungswege gefunden worden, den ich aus naturwissenschaftlichen Untergründen heraus, ins Geistige hinauf, zur Anthroposophie, zu nehmen mich genötigt fand.
[ 15 ] Therefore, I must emphasize that I did not seek out the Theosophical Society, but rather that it came to me. And I must emphasize again and again that when I wrote my first book, which was based more on the natural sciences Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life and Its Relationship to the Modern Worldview, people within theosophical circles—to which I did not belong at the time—told me that this book contained everything that these theosophical circles were actually seeking. But this did not originate from those circles; rather, it was discovered through the path of research that I felt compelled to take—starting from a foundation in the natural sciences, ascending into the spiritual realm, and leading to anthroposophy.
[ 16 ] Und so war auch die Umgestaltung der «Theosophischen Gesellschaft» in eine «Anthroposophische Gesellschaft» durch die Tatsachen gegeben. Dasjenige aber, das durch das Wirken dieser Gesellschaften floß, das war niemals ein anderes als das, was auch heute fließt. Aber es ist selbstverständlich, daß diese anthroposophische Geisteswissenschaft, weil sie seit Jahrzehnten auf den verschiedensten Gebieten gepflegt wird, sich langsam und allmählich, nach und nach ausgebildet hat, und daß das, was im Anfange in einer mehr abstrakten Gestalt gesagt werden mußte, in immer konkretere und konkretere Gestalt gefaßt werden konnte. Daher kann, wenn heute gesprochen wird, viel mehr aus der geistigen Wirklichkeit heraus geschöpft werden, als in früheren Jahrzehnten geschöpft werden konnte. Aber Geisteswissenschaft in anthroposophischem Sinn wäre nichts Lebendiges, wenn es sich nicht so verhielte. Und diejenigen, die es nicht mit dem toten Geistigen halten, sondern mit dem lebendigen Geistigen, die werden diese lebendige Entwicklung verstehen. Die werden verstehen, daß ebensowenig, wie der reife Mensch noch das Kind sein kann, die in die Jahre gekommene anthroposophische Geisteswissenschaft in derselben Weise sprechen kann, wie sie gesprochen hat, da sie noch Kind war. Wer diese Dinge sachgemäß anschauen will, der sieht, daß es sich gerade so verhalten muß, wie es sich verhält, indem die Sache etwas durch und durch Lebendiges sein will.
[ 16 ] And so the transformation of the “Theosophical Society” into the “Anthroposophical Society” was also brought about by the facts themselves. But what flowed through the work of these societies was never anything other than what flows today. But it goes without saying that this anthroposophical spiritual science, because it has been cultivated for decades in a wide variety of fields, has developed slowly and gradually, step by step, and that what had to be expressed in a more abstract form at the beginning has been able to take on an ever more concrete form. Consequently, when we speak today, we can draw much more from spiritual reality than could be drawn in earlier decades. But spiritual science in the anthroposophical sense would not be a living entity if it were not so. And those who are not concerned with the dead spiritual, but with the living spiritual, will understand this living development. They will understand that just as a mature person can no longer be a child, so too can anthroposophical spiritual science, having come of age, no longer speak in the same way it did when it was still in its infancy. Anyone who wishes to view these matters objectively will see that things must be exactly as they are, precisely because the subject matter seeks to be something thoroughly alive.
[ 17 ] Auch das, was verhältnismäßig spät ergriffen worden ist, das Künstlerische und das Medizinische, hat sich organisch eingegliedert, weil das Bedürfnis im Grunde von der Außenwelt der reinen Anthroposophie entgegengekommen ist. Man gab, ich möchte sagen mehr schicksalmäßig, demjenigen nach, was sich aus den Zeitnotwendigkeiten, aus den Zeichen der Zeit heraus ergeben hatte. Die Zeichen der Zeit aber zu verstehen, das ist es, um was es sich handelt.
[ 17 ] Even those areas that were taken up relatively late—the artistic and the medical—have become organically integrated, because the need for them essentially arose from the external world and was met by pure anthroposophy. One yielded—I would say almost as a matter of destiny—to what had emerged from the necessities of the times, from the signs of the times. But understanding the signs of the times—that is what it is all about.
[ 18 ] Meine verehrten Anwesenden, liebe Kommilitonen, ich könnte noch durch manches andere Bild zeigen, wie im Urquell deutschen Geisteslebens dasjenige zu suchen ist, was in Anthroposophie eingeflossen ist. Ich werde es der Kürze der Zeit halber heute nicht tun. Die einzelnen Beispiele, die ich gegeben habe, habe ich nur aus dem Grunde gegeben, weil in der letzten Zeit auch unter der Flagge einer Feindseligkeit gegen das Deutschtum gegen die anthroposophische Geisteswissenschaft gekämpft wird. Und gegenüber dem, was aus den unsachlichsten Untergründen und aus wissenschaftlichem Unvermögen herauskommt, wie zum Beispiel bei dem Göttinger Professor Fuchs, und was sich da paart mit allerlei Angriffen verschiedener anderer Persönlichkeiten, die niemals auch nur einen Hauch von dem gespürt haben, was anthroposophische Geisteswissenschaft und anthroposophisches Geistes-Wollen wirklich ist, und die gerade auf das deutsche Wesen der Anthroposophie gerichtet sind, demgegenüber muß gesagt werden: Dasjenige, was jemand über Anthroposophie denken will, empfinden will, in allen Ehren; demjenigen, der ein ehrlicher Gegner ist, wird sich die Anthroposophie gegenüberstellen. — Niemals habe ich mich auch gegen die schärfste Kritik gewendet, wenn sie in der Form des Urteils aufgetreten ist. Aber stets werde ich mich wenden gegen etwas anderes. Die Kritik vieler Kreise, die heute der Anthroposophie feindselig gegenübertreten, basiert nicht auf Urteil, [und zwar] aus leicht begreiflichen Gründen: weil diese Kreise dieses Urteil nicht haben, weil sie nicht die Emsigkeit entwickeln wollen, sich wirklich in das Anthroposophische hineinzufinden und in die Art, wie dieses Anthroposophische in das äußere soziale Leben einfließen will; ihre Kritik basiert auf etrwas anderem. In breitesten Kreisen basieren heute die zahlreichen Angriffe, von denen Sie wohl auch schon gehört haben, auf Erlogenem. Das Erlogene geht bis zu den gefälschten Briefen. Das Erlogene geht so weit, daß mir bei meinem Aprilvortrag, der zur Abwehr in Stuttgart gehalten wurde, aus dem Publikum einer dieser Angriffe entgegentrat: Es wurde behauptet, ich hätte das oder jenes in Köln in den letzten Monaten gesagt. Ich mußte erwidern, daß ich seit Jahren nicht in Köln gewesen bin. Der Betreffende berief sich auf einen Brief, der ihm von Köln aus geschrieben worden sei, und er hatte die Dreistigkeit, diesen Brief aufzuzeigen. Ich mußte erwidern: Mag da stehen, was da will, es ist eine Fälschung, denn es ist erlogen, daß ich in den letzten Jahren in Köln war. — Das ist typisch für die Angriffe, die von gewissen Seiten kommen. Man stützt sich nicht auf Urteil und Meinung, es ist alles erlogen. Urteil und Meinung mag jeder haben nach seinen Fähigkeiten, nach dem, was er kann; gegen diese werde ich mich nur in jenen Grenzen wenden, die durch sie selbst herausgefordert sind. Denn wer ein ehrlicher Gegner ist, der hat das Bestreben, auf das zu kommen, was hinter einer Sache ist; es wäre eine Versündigung, sich nicht in vollständigem Einklang mit diesen Gegnern auseinanderzusetzen. Aber wer Verlogenheiten bis zu gefälschten Briefen sucht, mit dem ist keine andere Auseinandersetzung möglich, als daß man die Welt darauf aufmerksam macht, daß er lügt.
[ 18 ] Ladies and gentlemen, dear fellow students, I could cite many other examples to show how what has found its way into anthroposophy is to be found in the very source of German spiritual life. For the sake of brevity, I will not do so today. I have given these individual examples solely because, in recent times, a campaign has been waged against anthroposophical spiritual science under the banner of hostility toward German culture. And in the face of what emerges from the most unscrupulous motives and scientific incompetence—as in the case, for example, of Professor Fuchs of Göttingen— and which is coupled with all manner of attacks by various other figures who have never even sensed a hint of what anthroposophical spiritual science and anthroposophical spiritual will truly are—and which are directed precisely at the German essence of anthroposophy—in the face of this, it must be said: Whatever anyone chooses to think or feel about anthroposophy is their prerogative; anthroposophy will stand its ground against those who are honest opponents. — I have never turned against even the sharpest criticism when it has taken the form of a judgment. But I will always turn against something else. The criticism from many circles that are hostile to anthroposophy today is not based on judgment, [and this is] for easily understandable reasons: because these circles lack such judgment, because they do not wish to make the effort to truly familiarize themselves with anthroposophy and with the way in which it seeks to flow into external social life; their criticism is based on something else. In the broadest circles today, the numerous attacks—of which you have likely already heard—are based on lies. These fabrications go as far as forged letters. They go so far that during my April lecture in Stuttgart—which was given in self-defense—one of these attacks was directed at me from the audience: It was claimed that I had said this or that in Cologne in recent months. I had to reply that I had not been to Cologne for years. The person in question cited a letter that had supposedly been written to him from Cologne, and he had the audacity to produce this letter. I had to reply: No matter what it says, it is a forgery, because it is a lie that I have been in Cologne in recent years. — This is typical of the attacks coming from certain quarters. They do not base their claims on judgment or opinion; it is all a lie. Everyone is entitled to their own judgment and opinion according to their abilities, according to what they are capable of; I will oppose these only within the limits that they themselves provoke. For whoever is an honest opponent strives to get to the heart of a matter; it would be a sin not to engage with such opponents in complete good faith. But with those who resort to deceit—even going so far as to fabricate letters—no other form of engagement is possible than to make the world aware that they are lying.
[ 19 ] Das ist das, was ich gerade hier einmal mit diesen kurzen Worten aussprechen möchte, aus dem Grunde, weil ich ja vor hingebungsvollen jüngeren Persönlichkeiten spreche, die es aus der Tiefe ihrer Begeisterung heraus haben möglich machen können, daß, trotzdem die Anthroposophie heute in so entstellter Gestalt vor die Welt hingestellt wird, doch dieser Vortragskursus und diese Vortragsveranstaltung hat zustande kommen können.
[ 19 ] This is what I would like to express here in just a few words, because I am speaking to devoted younger people who, out of the depth of their enthusiasm, have made it possible—despite the fact that anthroposophy is presented to the world today in such a distorted form—for this lecture series and this lecture event to take place.
[ 20 ] Liebe Kommilitonen, insofern Sie sich so für die Anthroposophie interessieren, wie Sie es jetzt schon gezeigt haben, werden Sie in harte Kämpfe hineingestellt werden, und Sie werden namentlich darauf zu achten haben, von welcher Unwahrhaftigkeit diese Kämpfe durchdrungen sind. Es ist, vielfach gerade in der älteren anthroposophischen Bewegung, wie sie sich seit Jahren entwickelt hat, etwas aufgetreten, was diese Bewegung heute vielfach ungeeignet macht, den gut organisierten Gegnerschaften gegenübertreten zu können. Anthroposophen sind oftmals in ihrem Gemüt ruhige Leute, die eigentlich nur das, was ihr Gemüt in einer gewissen Weise erhebt, empfangen wollen. Sie sind sehr selten kampfgerüstete Leute. Das steht auf der einen Seite. Auf der anderen Seite steht es heute so, daß gerade aus dieser Sehnsucht nach einer innerlich wohlgefälligen Gemütsruhe sehr häufig der Fall eingetreten ist, daß, wenn von außen Angriffe in voller Unwahrhaftigkeit auftraten und man dann genötigt war, die Unwahrheit Unwahrheit zu nennen, sich auch aus anthroposophischen Kreisen die Stimmung nicht gewandt hat gegen diejenigen, die mit Unwahrheiten angegriffen haben, sondern gegen diejenigen, die sich verteidigen mußten. Das ist etwas, was gerade auf unserem Boden außerordentlich stark Sitte geworden ist.
[ 20 ] Dear fellow students, insofar as you are interested in anthroposophy to the extent that you have already demonstrated, you will be drawn into fierce struggles, and you will have to pay particular attention to the dishonesty that pervades these struggles. In many cases, particularly within the older anthroposophical movement as it has developed over the years, something has arisen that today often renders this movement ill-equipped to face its well-organized opponents. Anthroposophists are often calm people at heart who really only want to receive what uplifts their spirits in a certain way. They are very rarely people equipped for battle. That is one side of the coin. On the other hand, the situation today is such that, precisely because of this longing for an inner peace of mind, it has very often happened that when attacks based entirely on falsehoods came from outside and one was then compelled to call a lie a lie, the sentiment even within anthroposophical circles has not turned against those who attacked with lies, but rather against those who had to defend themselves. This is something that has become an exceptionally strong custom, especially in our own circles.
[ 21 ] Nun, meine lieben Kommilitonen, von denjenigen, die schon gezeigt haben, wie sie sich trotz der Schwierigkeiten, die der anthroposophische Weg bietet, in diese Anthroposophie hineinfinden, wie sie Opfer bringen dafür, von denen darf vielleicht ganz besonders erwartet werden, daß sie da, wo Unwahrhaftigkeit auftritt ohne ein Urteil über die wahre Gestalt anthroposophischen Strebens, daß sie da geneigt sind, die Unwahrhaftigkeit mit voller Kraft zu demaskieren. Die Unwahrhaftigkeit spielt ja in der gegenwärtigen Welt auch sonst eine weit verbreitete Rolle, und ein gut Stück von dem, wie wir weiterkommen aus Niedergangskräften zu Aufgangskräften, wird dasjenige sein, was wir entwickeln können an Enthusiasmus für die Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist doch das Höchste, niemals die einzelne Parteirichtung. Auf Wahrhaftigkeit muß ja das ganze System der Anthroposophie aufgebaut werden. Denn wie sollte derjenige, der nicht versteht, im äußeren Leben für die Wahrhaftigkeit einzutreten, hinaufdringen in diejenigen Regionen, wo man nur durch die innere Richtung nach Wahrhaftigkeit gelenkt werden muß, weil man nicht so wie im äußeren Leben in bezug auf die Unwahrhaftigkeit immer zurechtgewiesen werden kann. Was könnte alles der Welt vorgemacht werden aus den Regionen übersinnlicher Welten, wenn nicht der Enthusiasmus für die Wahrhaftigkeit die Basis wäre. Dieser Enthusiasmus für die Wahrhaftigkeit — wir sehen es insbesondere bei den Diskussionen über die Kriegsschuld —, dieser Enthusiasmus für die Wahrhaftigkeit fehlt heute so vielfach auch denjenigen, die sich die Träger der Zivilisation nennen. Dieser Enthusiasmus für die Wahrhaftigkeit, wir brauchen ihn, und wer so verwoben ist mit dem Deutschtum — ich möchte es in aller Bescheidenheit erwähnen —, wie ich selbst, der wird, der kann, der muß überzeugt sein davon, daß dieses Deutschtum keinerlei Abbruch erfährt, wenn auch in den schwierigsten Dingen gedrungen wird auf Wahrhaftigkeit. Alle Angriffe, die sich gerade aus dieser Ecke heraus gegen Anthroposophie richten, tragen den Stempel einer Gesinnungsunwahrhaftigkeit an sich. Begreifen Sie es daher, meine lieben Kommilitonen, wie sehr es mich mit tiefster Befriedigung erfüllen muß, daß Sie es trotz alle dem, was heute in gut organisierter Weise gegen Anthroposophie gerichtet wird, unternommen haben, diese Veranstaltung hier zu machen. Und wer von Ihnen heute schon fühlt, wie ernst dieser Dank ist, der wird auch empfinden müssen, daß auf jenen Wegen, die uns leider in eingeschränkter Weise nur möglich sind, versucht werden wird, im weiteren Verfolgen des anthroposophischen Weges in vollster Harmonie zusammenzuarbeiten. Ich mußte mich oftmals in den Goetheanismus flüchten, aus dem heraus, was in dem modernen Wissenschafts- und technischen Leben nach Neugestaltung drängt. Heute suchen einige von Ihnen, meine lieben Kommilitonen, gewiß aus tiefstem Herzen heraus diesen Weg durch die Anthroposophie. Und es darf aus unbefangener Beobachtung der Zeitentwicklung heraus gesagt werden: Sie suchen diesen Weg aus den wahren Zeichen der Zeit heraus. — Möge es daher gelingen, daß durch unser Zusammenarbeiten mit denjenigen, die heute schon an dem einen oder anderen Platze in der anthroposophischen Bewegung schaffend stehen, insbesondere die Arbeit jugendlicher Geister in der fruchtbarsten Weise sich entfalte. Jugendliche Geister werden dann keinen Anlaß dazu haben, sich dem Spenglerschen Pessimismus zuzuwenden. Spengler hat allerdings zuletzt in Abrede gestellt, daß das, was er anstrebt, Pessismismus sei. Aber jedenfalls hat derjenige, der im anthroposophischen Sinn voll erfüllt wird von einem inneren Gehalt der Aufgangskräfte unseres Zeitalters, keine Veranlaßung, sich dem Spenglertum zuzuwenden. Dagegen kann in einer neuen Gestalt, in einer vergeistigteren Gestalt wiederum aufleben, was auf alle jungen Leute, sofern sie sich der Wissenschaft zuwenden wollten, einen großen Eindruck gemacht hat, wenn sie sich einmal damit beschäftigt haben —, es kann aufleben, was einstmals Fichte in seinen «Reden über das Wesen und die Bestimmung des Gelehrten» am Ende des 18. Jahrhunderts gesprochen hat. Diese Gedanken können, allerdings in umgewandelter Gestalt, gerade zur Fruchtbarmachung der Aufgangskräfte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wiederum ausgesprochen werden. Insbesondere aber darf man sich dabei an diejenigen Worte erinnern, die Fichte gleich eingangs seiner Reden aussprach, indem er sich an alle diejenigen wandte, die nichts wissen wollten von einem Herausschöpfen aus der Geistigkeit für das wirkliche, praktische Leben. Denen sagte er: wenn sie glaubten, daß alle Wirklichkeit in der Sinneswelt erschöpft sei, daß Ideale nur Utopien darstellten, dann sollten sie überzeugt sein, daß derjenige, der so spricht wie er, Fichte, auch ganz klar wisse, vielleicht besser als sie, daß sich Ideale im wirklichen Leben nicht so unmittelbar verwirklichen lassen, wie dasjenige, worauf sie immer deuten. Aber Fichte setzte auch hinzu, daß man solche Geister vielleicht nicht überzeugen könne, und daß daher, weil die Weltenlenkung in Wirklichkeit nicht auf sie gerechnet habe, Gott ihnen schenken möge zur rechten Zeit Nahrungsmittel, Sonne und Regen, und, wenn es sein kann, auch einige gute Gedanken.
[ 21 ] Well, my dear fellow students, of those who have already shown how they are finding their way into anthroposophy despite the difficulties the anthroposophical path presents, and how they are making sacrifices for it—of them, perhaps, we may especially expect that, wherever insincerity arises, without passing judgment on the true nature of anthroposophical striving, they will be inclined to to unmask that insincerity with all their might. Insincerity, after all, plays a widespread role in the present world in other ways as well, and a good part of how we move forward from forces of decline to forces of ascent will be the enthusiasm for truthfulness that we are able to develop. Truthfulness is, after all, the highest good—never any particular partisan orientation. The entire system of anthroposophy must, after all, be built upon truthfulness. For how could one who does not understand how to stand up for truthfulness in outer life ascend to those regions where one must be guided solely by an inner orientation toward truthfulness—since, unlike in outer life, one cannot always be corrected regarding untruthfulness? What could possibly be revealed to the world from the regions of the supersensible worlds if enthusiasm for truth were not the foundation? This enthusiasm for truth—we see it particularly in the discussions about the responsibility for the war—this enthusiasm for truth is so often lacking today, even among those who call themselves the bearers of civilization. We need this enthusiasm for truthfulness, and anyone who is as deeply intertwined with German identity—I would like to mention this in all modesty—as I am myself, will be, can be, and must be convinced that this German identity suffers no detriment whatsoever when truthfulness is insisted upon even in the most difficult matters. All attacks directed against anthroposophy from this very quarter bear the stamp of insincerity. Understand, therefore, my dear fellow students, how deeply gratifying it must be to me that, despite everything that is being directed against anthroposophy today in a well-organized manner, you have undertaken to hold this event here. And whoever among you already senses today how sincere this gratitude is will also have to feel that, along those paths which, unfortunately, are only available to us in a limited way, we will strive to work together in the fullest harmony as we continue to follow the anthroposophical path. I have often had to take refuge in Goetheanism in response to the urge for renewal arising from modern scientific and technical life. Today, some of you, my dear fellow students, are certainly seeking this path through anthroposophy from the depths of your hearts. And it may be said, based on an unbiased observation of the course of history: You are seeking this path in response to the true signs of the times. — May it therefore be possible, through our collaboration with those who are already actively engaged in the anthroposophical movement in one place or another, for the work of youthful minds in particular to unfold in the most fruitful way. Youthful minds will then have no reason to turn to Spenglerian pessimism. Spengler, however, has recently denied that what he strives for is pessimism. But in any case, anyone who is fully imbued, in the anthroposophical sense, with the inner substance of the rising forces of our age has no reason to turn to Spenglerism. On the other hand, what once made a great impression on all young people—provided they were willing to turn to science—once they had engaged with it, may be revived in a new form, in a more spiritualized form: what Fichte once spoke of in his “Addresses on the Nature and Vocation of the Scholar” at the end of the 18th century. These ideas can—albeit in a transformed form—be articulated once more, precisely to help the emerging forces of the first third of the 20th century bear fruit. In particular, however, we should recall the words Fichte spoke right at the beginning of his lectures, addressing all those who wanted nothing to do with drawing from the spiritual realm for real, practical life. To them he said: if they believed that all reality was exhausted in the sensory world, that ideals were merely utopias, then they should be convinced that the one who speaks as he, Fichte, does, also knew quite clearly—perhaps better than they did—that ideals cannot be realized in real life as directly as that to which they always point. But Fichte also added that such minds might not be persuaded, and that therefore—since the providence of the world had not actually counted on them—God might grant them, at the right time, food, sunshine, and rain, and, if possible, a few good thoughts as well.
[ 22 ] So hat Fichte, der Idealist, dazumal am Ende des 18. Jahrhunderts gesprochen, und so darf auch wiederum aus dem innersten Impuls anthroposophischer Geisteswissenschaft heute gesprochen werden. Ich darf es Ihnen nachempfinden in diesem Augenblick, wo wir auseinandergehen, daß Sie etwas von dieser Gesinnung fühlen, und daß Sie aus dieser Gesinnung heraus den Schritt zur Veranstaltung dieser Vorträge, dieser ganzen Veranstaltung, unternommen haben.
[ 22 ] This is how Fichte, the idealist, spoke back then at the end of the 18th century, and this is also how we may speak today, drawn by the innermost impulse of anthroposophical spiritual science. I can sense at this moment, as we part ways, that you feel something of this spirit, and that it was out of this spirit that you took the step to organize these lectures—this entire event.
[ 23 ] Aus dem Dank heraus, der sich aus alledem formt, was Sie an Aufmerksamkeit, an Gesinnung dem entgegengebracht haben, was wir Ihnen haben bieten können, aus diesem Dank heraus spreche ich zu Ihnen. Ich spreche zu Ihnen so, daß ich wirklich glaube, daß es von ganz besonders wesentlicher Bedeutung sein wird für das Heraufkommen einer neuen Geistesbewegung, wenn die in ihrem tiefsten Herzen berührte jugendliche Menschheit sich dieser Bewegung zuwendet. An Ihnen, liebe Kommilitonen, wird es liegen, wie sich die Verhältnisse in den nächsten Jahrzehnten gestalten. An Ihnen wird es liegen, ob das darniederliegende Deutschtum sich wiederum wird aufrichten können. Kraft braucht die Menschheit dazu, nicht bloß Worte — Kraft! Kraft aber kann der gegenwärtigen Menschheit nur aus dem Geiste kommen. Den Anfang in vieler Beziehung hat die jugendliche Menschheit damit gemacht, daß sie diese Studentengruppen gebildet hat. Fortgefahren ist sie, indem die verehrten Studentengruppen von Darmstadt, Frankfurt, Gießen, Marburg, Heidelberg und Würzburg zu dieser Veranstaltung geführt haben. Möge diese Veranstaltung der Ausgangspunkt sein zu einem fruchtbaren Weiterarbeiten, zu einem solchen Weiterarbeiten, das dazu führt, daß wirklich ein Aufgang der Menschheit in den nächsten Generationen, daß insbesondere in Mitteleuropa ein Aufgang der Menschheit geschehen könne. Denn im Grunde genommen war doch alles das, was hier hat geleistet werden wollen in diesen Tagen, nach diesem Ziel, nach diesem Ideal hin gerichtet. So, meine lieben Kommilitonen, so wollen wir aus dem Geiste wahrhaft anthroposophischer Gesinnung heraus zusammenarbeiten, damit hineinfließe, was die Menschheit braucht: vor allen Dingen Kraft der Jugend, Begeisterung der Jugend —, und daß hineinfließe auch jener Ernst, welchen die Jugend durch den Umgang mit der Wissenschaft erlebt. Fest wollen wir stehen auf dem Boden streng wissenschaftlicher Anschauung. Heraus aber wollen wir aus der Abstraktheit, aus dem bloß Theoretischen, aus den toten Begriffsgespinsten. Übergehen wollen wir zu dem lebendigen Erfassen der vollen Wirklichkeit, die sich auslebt nicht nur in der äußeren Sinneswelt, die sich auslebt auch in der seelischen und geistigen Welt.
[ 23 ] It is out of gratitude—arising from all the attention and goodwill you have shown toward what we have been able to offer you—that I speak to you. I speak to you because I truly believe that it will be of the utmost importance for the emergence of a new spiritual movement if the youth of humanity—moved to the depths of their hearts—turn to this movement. It will depend on you, dear fellow students, how circumstances will unfold in the coming decades. It will depend on you whether the downtrodden German people will be able to rise again. Humanity needs strength for this, not just words—strength! But strength can come to humanity today only from the spirit. In many respects, the young generation has made a start by forming these student groups. It has continued by having the esteemed student groups from Darmstadt, Frankfurt, Giessen, Marburg, Heidelberg, and Würzburg organize this event. May this event be the starting point for fruitful further work—work that will lead to a genuine resurgence of humanity in the coming generations, and, in particular, to a resurgence of humanity in Central Europe. For, after all, everything that has been sought to be accomplished here in recent days was directed toward this goal, toward this ideal. So, my dear fellow students, let us work together in the spirit of a truly anthroposophical attitude, so that what humanity needs may flow into it: above all, the strength of youth, the enthusiasm of youth—and may that seriousness which youth experiences through engagement with science also flow into it. Let us stand firmly on the ground of a strictly scientific outlook. But let us move beyond abstractions, beyond mere theory, beyond dead conceptual constructs. Let us move toward a living grasp of the full reality that unfolds not only in the outer sensory world but also in the soul and spiritual worlds.
[ 24 ] Und wenn ich hier im besonderen zu denjenigen spreche, die als angehende Techniker in dieser Bewegung drinnenstehen, so darf ich sagen, daß mir insbesondere dieses Drinnenstehen innerhalb der technischen Betätigung ganz besonders bedeutsam erscheint für cine geistige Bewegung. In der Welt entwickeln sich die Dinge polarisch. Was das Höchste ist an der naturwissenschaftlichen Denkweise, das erlebt der Techniker im Konstruieren, er erlebt es im Bauen, er erlebt es im Laboratorium. Indem wir die Naturgesetze hineingießen in die äußere Welt, indem wir Technik ausbilden, bringen wir vor allen Dingen unsere Seele heran an das, was zunächst nicht den Geist enthält, das Menschenherz tritt aber an alles heran. Die Menschenseele und der Menschengeist, sie begeben sich in diese Sphäre hinein. Gerade mit dem Empfinden des Technischen muß die Empfindung, muß der Gedanke hinaufgelenkt werden zu dem anderen Pol, zu dem, was als Geistigkeit die Welt durchwallt und durchwebt. Technik ist besonders geeignet, dadurch, daß sie in die äußere Sinneswelt am tiefsten eingreift, nach der anderen Seite, nach der Seite der Geistigkeit hinzuweisen. Ich glaube daher, daß gerade vom angehenden Techniker viel von jener Kraft ausgehen kann, die zum Heranbringen einer geistigen Gesinnung, einer geistigen Weltanschauung für die Entwicklung der Menschheit das Wesentlichste beitragen kann.
[ 24 ] And when I speak here specifically to those who, as aspiring technicians, are actively involved in this movement, I may say that this active involvement within technical work seems to me to be of particular significance for this spiritual movement. In the world, things develop in polar opposites. What is highest in the scientific way of thinking, the technician experiences it in design, in construction, and in the laboratory. By pouring the laws of nature into the outer world, by developing technology, we bring our soul, above all, into contact with that which at first does not contain the spirit—yet the human heart approaches everything. The human soul and the human spirit enter into this sphere. It is precisely through the perception of the technical that feeling and thought must be directed upward toward the other pole—toward that which, as spirituality, surges through and weaves through the world. Technology is particularly suited, precisely because it penetrates the outer sensory world most deeply, to point toward the other side—toward the realm of spirituality. I therefore believe that it is precisely from the aspiring technician that much of that power can emanate which can contribute most significantly to the development of humanity by fostering a spiritual attitude and a spiritual worldview.
[ 25 ] Aus dieser Gesinnung heraus wollte ich zu Ihnen allen diese letzten Worte der gegenwärtigen Veranstaltung gesprochen haben. Sie mögen noch einmal ausklingen in dem herzlichen Dank all denjenigen gegenüber, welche zu dieser Veranstaltung beigetragen haben, in dem herzlichen Dank gegenüber all denjenigen, die dieser Veranstaltung ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben.
[ 25 ] It is in this spirit that I wished to address these final words of today’s event to all of you. Let them once again resonate as a heartfelt thank you to all those who contributed to this event, and as a heartfelt thank you to all those who have paid attention to it.
