Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Essence of Anthroposophy
GA 77b

21 August 1921, Dornach

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Art and Anthroposophy — The Goetheanum Impulse, tr. SOL
  1. Kunst und Anthroposophie Der Goetheanum-Impuls

1. Eröffnungsvortrag

1. Opening Lecture

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es obliegt mir, Sie, die Sie sich zusammengefunden haben zu der geistigen Arbeit, die in den nächsten acht Tagen hier im Goetheanum geleistet werden soll, auf das herzlichste zu begrüßen. Daß dieser Gruß wirklich ein herzlicher ist, das werden Sie mir glauben, wenn ich Sie versichere meiner im Innersten lebenden ehrlichen Überzeugung, daß dasjenige, was hier in diesem Goetheanum geleistet werden soll, nicht allein der subjektiven Willkür eines einzelnen Menschen oder einer Menschengruppe entspringen soll, sondern, daß das sein soll die Erfüllung von Forderungen, welche an die Menschheit der Gegenwart für jeden, der das vernehmen kann, von dem Geiste der Zeit selbst gestellt werden. Und ich habe daher nicht nur Sie alle hier zu begrüßen, sondern mit Ihnen allen, die Sie sich zu ehrlicher Arbeit hier vereinigt haben, möchte ich gerade auch diesen Geist unserer Zeit, diesen Geist der Gegenwart begrüßen, der in so deutlicher Art spricht von dem, was als Niedergangskräfte auf den verschiedensten Gebieten des Lebens und der menschlichen Arbeit gegenwärtig vorhanden ist und was ersetzt werden muß durch neue Kräfte aus dem Gemüte, aus dem Herzen, aus den Seelen der Menschen heraus durch neue Kräfte, die nur gefunden werden können, wenn gewisse geistige Quellen des menschlichen Innern gerade in dieser Gegenwart erschlossen werden: Diesen Geist der Zeit, ihn möchte man begrüßen durch alles, was hier in diesem Goetheanum, das selber aus seinen Forderungen heraus seinen Ursprung hat, geleistet werden kann. Aber es steht in der Gegenwart so manches entgegen der Erfüllung dieser Forderung. Es steht entgegen ungeheuer vieles, was da kommt aus einer gewissen Art von innerer menschlicher Bequemlichkeit; es steht entgegen vieles, was da kommt aus einer ganz besonderen Art von menschlicher Furcht. Und endlich steht entgegen vieles, was wurzelt in alten, schwer zu überwindenden Denkgewohnheiten. Und kaum kann jemand in völlig ehrlicher Weise dem Geiste der neueren Zeit seinen Gruß darbieten, der sich nicht klar werden kann über all die Hindernisse, die da liegen in dieser Seelenbequemlichkeit, in dieser geistigen Furcht, in diesen überkommenen Denkgewohnheiten. Man ist so sehr zum Einleben in dasjenige gekommen, was ja an großen, bedeutsamen, echten Früchten der Menschheitsentwickelung die letzten Jahrhunderte gebracht haben, daß man es heute recht unbequem findet, zu irgend etwas Neuem den Übergang zu suchen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! It is my pleasure to extend a most heartfelt welcome to all of you who have gathered here for the spiritual work that is to be accomplished here at the Goetheanum over the next eight days. You can be assured that this greeting is truly heartfelt, you will believe me when I assure you of my deepest, most sincere conviction that what is to be accomplished here in this Goetheanum is not to spring solely from the subjective whim of a single person or a group of people, but rather is to be the fulfillment of demands that the Spirit of the Age itself places upon the humanity of the present—demands that are clear to everyone who is able to hear them. And so I not only welcome all of you here, but together with all of you who have come together here for sincere work, I would like to welcome precisely this spirit of our time, this spirit of the present, which speaks so clearly of what currently exists as forces of decline in the most diverse areas of life and human work—and what must be replaced by new forces arising from the mind, from the heart, from the souls of human beings—by new forces that can only be found if certain spiritual sources within the human inner being are tapped precisely in the present: This spirit of the times—that is what we wish to welcome through everything that can be accomplished here in this Goetheanum, which itself has its origin in these very demands. But in the present, there are many things that stand in the way of fulfilling this demand. There is an immense amount standing in the way that stems from a certain kind of inner human complacency; there is much standing in the way that stems from a very particular kind of human fear. And finally, there are many things that stand in the way, rooted in old habits of thought that are difficult to overcome. And hardly anyone can offer a completely sincere greeting to the spirit of the modern age without first becoming clear about all the obstacles that lie in this complacency of the soul, in this spiritual fear, and in these traditional habits of thought. People have become so accustomed to the great, significant, and genuine fruits of human development that the past centuries have brought that they now find it quite uncomfortable to seek a transition to anything new.

[ 2 ] Die Menschheit hat am Ende des Mittelalters den Übergang gefunden von dem Glauben an die äußeren Autoritäten in seelischer Beziehung zu einer gewissen inneren Freiheit. Aber sie ist abhängig geworden gerade in diesen letzten drei bis vier Jahrhunderten von etwas anderem, von allerlei Autoritäten, die sie glaubt in ihrem eigenen Herzen zu tragen, die aber doch im Grunde genommen wiederum nur [äußere] Autoritäten sind. Es ist die unbestimmte, kaum zu fassende Autorität dessen, was man gewöhnt worden ist, die «Wissenschaftlichkeit» zu nennen, und es sind andere äußere Autoritäten, die in den sozialen Einrichtungen liegen, denen sich der Mensch der Gegenwart fügen will, und denen er nur entwachsen kann, wenn er aus ureigenster Initiative heraus, aus völlig menschlicher Freiheit heraus ihnen entwächst, wenn er ihnen in Aktivität entwächst, denen er [aber] so schwer entwachsen kann, weil er doch am liebsten bequem fortsetzen möchte so, wie es die Vorschriften des Wissenschaftlichen oder der äußeren sozialen Einrichtungen ergeben können; er taucht in einer gewissen Weise unter in dasjenige, was die gebräuchliche Erziehung, was der gebräuchliche, allgemeine wissenschaftliche Glaube, die allgemeine Kultur gebracht haben. Er sucht, wie man sagt, seine Stellung in der sozialen Welt und kommt nicht dazu, die ureigenste Initiative des seelischen Lebens, die völlige Freiheit des Innern zu finden. Denn das Letztere ist unbequem: Man kann nicht in den eingelaufenen Bahnen denken, man muß aus diesen Bahnen heraus. Das kann man nur durch inneren Mut, das kann man nur durch innere Initiative, das kann man nur aus einem vollständigen Freiheitsgefühl heraus. Bequem ist es, in ausgelaufenen Bahnen, die durch die Jahrhunderte vorgezeichnet sind, sich zu bewegen. Unbequem ist es, aus innerem Mut, aus innerer Freiheit, aus innerer Initiative heraus dasjenige zu suchen, was aus geistigen Höhen herunter die Forderungen des Geistigen unserer Gegenwart selber sind.

[ 2 ] At the end of the Middle Ages, humanity made the transition from a belief in external authorities in spiritual matters to a certain inner freedom. But in these last three to four centuries, it has become dependent on something else—on all manner of authorities that it believes it carries within its own heart, but which, when it comes down to it, are once again merely [external] authorities. It is the vague, almost intangible authority of what we have become accustomed to calling “scientificity,” and there are other external authorities found in the social institutions to which modern people are willing to submit, and from which they can only break free if they do so of their own volition, out of complete human freedom, if they actively transcend them—but from which it is so difficult for them to break free because, after all, they would prefer to continue comfortably in the way dictated by the precepts of “scientificity” or by external social institutions; in a certain sense, they immerse themselves in what conventional education, common scientific belief, and general culture have produced. He seeks, as they say, his place in the social world and fails to find the very essence of initiative in spiritual life, the complete freedom of the inner self. For the latter is uncomfortable: one cannot think within well-worn paths; one must step outside of them. This can only be achieved through inner courage, through inner initiative, and from a complete sense of freedom. It is comfortable to move along well-trodden paths that have been laid out over the centuries. It is uncomfortable to seek, out of inner courage, inner freedom, and inner initiative, that which, descending from spiritual heights, constitutes the very demands of the spiritual life of our present age.

[ 3 ] Und das Zweite, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist, ich möchte fast sagen eine mysteriöse Furcht, die in der Menschheit der Gegenwart ist. Manches andere an Ängstlichkeit ist in dieser Gegenwart nicht zu finden; aber es ist, als ob die Summe aller Ängstlichkeiten, die im menschlichen Gemüte sich ansammeln könnten, sich summieren würde zu einer gemeinsamen inneren Furcht, der Furcht vor dem Neuen, der Furcht vor den noch unbekannten Aufgangskräften auf allen Gebieten des Seelen- und des äußeren Lebens, die wir brauchen. Aber diese Furcht, sie tritt nicht in ihrer wahren Gestalt auf. Die Menschen der Gegenwart würden sich schämen, wenn diese Furcht auftreten würde in ihrer wahren Gestalt und sie sie zeigen müßten. Diese Furcht tritt maskiert auf. Sie tritt auf in einer Maske, die gar nicht so häßlich erscheint, in einer sogar sehr verführerischen Maske. Sie tritt so auf, daß derjenige, der sich eigentlich bloß fürchtet vor dem Neuen, Unbekannten gegenüber dem Älteren, alle möglichen logischen und intellektuellen Vernunftgründe sucht, durch die er es erhärten kann. Wir erleben es jeden Tag, daß eigentlich in den Seelen der Menschen die Furcht vor dem Neuen, Unbekannten sitzt. Sie kommen und sagen: Dasjenige, was uns da gebracht wird, das widerspricht ja, wie man beweisen kann, den sicheren wissenschaftlichen Ergebnissen. Oftmals tritt ein solcher angeblicher Beweis streng geschlossen auf, so daß man ihm kaum in bezug auf seine Gedankennetze entfliehen kann. Aber diese Gedankennetze, sie sind nichts anderes als die wohlgefällige Maske, in die sich die Furcht vor dem Neuen, Unbekannten kleidet. Und weil es im Grunde genommen so schön ist, sich sagen zu können: Man kann etwas logisch beweisen, es stimmen alle einzelnen Gründe gegen das Neue —, maskiert man auch zu gleicher Zeit, daß man vor dem Neuen Furcht hat, eine Furcht, deren, wenn man sie in ihrer wahren Gestalt zeigte, man sich schämen würde. Gar vieles, was heute mit scheinbar wissenschaftlicher Begründetheit auftritt, mit scheinbar strenger Logik, das ist nichts anderes als die Maske innerer Furcht vor dem Neuen, Unbekannten. Anthroposophische Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, will nichts anderes, als in voller Besonnenheit diese inneren Seelengefahren für den weiteren Fortschritt der gegenwärtigen Zeit eben vor das Seelenauge hinführen.

[ 3 ] And the second thing, ladies and gentlemen, is—I would almost say—a mysterious fear that pervades humanity today. Many other forms of anxiety are not to be found in the present; but it is as if the sum of all the anxieties that could accumulate in the human mind were to coalesce into a single, shared inner fear—the fear of the new, the fear of the as-yet-unknown emerging forces in all areas of spiritual and external life that we need. But this fear does not appear in its true form. People today would be ashamed if this fear were to appear in its true form and they were forced to reveal it. This fear appears in disguise. It appears in a mask that does not seem all that ugly—in fact, in a very seductive mask. It manifests in such a way that those who are actually merely afraid of the new and unknown in contrast to the old seek all manner of logical and intellectual rationales through which they can justify their fear. We experience it every day: the fear of the new and unknown actually lies within people’s souls. They come and say: “What is being presented to us here contradicts—as can be proven—the established scientific findings.” Often such supposed proof appears as a tightly woven argument, so that one can scarcely escape its web of reasoning. But these webs of reasoning are nothing other than the pleasing mask in which the fear of the new and unknown cloaks itself. And because, deep down, it feels so good to be able to say to oneself: “One can prove something logically; all the individual arguments point against the new”—one simultaneously masks the fact that one is afraid of the new, a fear of which one would be ashamed if it were revealed in its true form. Much of what appears today with seemingly scientific justification, with seemingly rigorous logic, is nothing other than the mask of an inner fear of the new and the unknown. Anthroposophical spiritual science, as it is understood here, seeks nothing more than to bring these inner dangers to the soul—which threaten the further progress of our present age—before the eye of the soul with complete composure.

[ 4 ] Und das Dritte ist das Verharren in jenen Denkgewohnheiten, die heraufgebracht worden sind seit den letzten drei, vier, fünf Jahrhunderten, wahrhaftig nicht aus wertlosen Quellen; sie sind heraufgekommen aus demjenigen, was seit der Galilei-Zeit in strenger Wissenschaftlichkeit sich wirklich entwickelt hat, was im 19. Jahrhundert eine gewisse Kulmination erfahren hat. Strenge innere Disziplinen, Disziplinen des äußeren Beobachtens und Experimentierens sind über die Menschheit gekommen; sie haben den Geist ihres Wirkens und Arbeitens bis in die untersten Schulen herein ergossen. Aber damit sind auch jene Denkgewohnheiten heraufgezogen, welche — weil sie im Grunde genommen so leicht errungen werden, wenn auch die Methoden strenge sind — sich auch am intensivsten in die menschlichen Seelen einwurzeln, jene Denkgewohnheiten, die wir überall heute finden, wo wir irgendein Gespräch über Wissenschaft und über den Glauben, über die Kunst, über den Fortschritt der Menschheit, über das soziale Leben hören. Und mit dem äußeren Leben hängen diese Denkgewohnheiten ja auf das Innigste zusammen. Der Mensch hat in einer großartigen Weise gelernt, technisch mit dem äußeren Leben fertig zu werden, gerade durch diese Denkgewohnheiten. Daher haben sich diese Denkgewohnheiten auch am intensivsten verbunden mit dem Egoismus, mit all dem, was ihn, diesen Menschen, hereingetragen hat in das moderne soziale Leben. Und so erscheinen diese Denkgewohnheiten, die doch nur das Entwickelungsprodukt der letzten vier bis fünf Jahrhunderte sind, dem heutigen Menschen wie etwas, was zum Denken in aller Absolutheit selber hinführt. Und während der Mensch, schon wenn er gewisse Gewohnheiten sich angeeignet hat, an diesen Gewohnheiten so hängt, daß er aus einem unbewußten Glauben heraus meint, wenn er diese Gewohnheiten ablege, so verliere er einen Teil seines eigenen Wesens, so ist es mit den Denkgewohnheiten noch viel schlimmer, mit jenen Denkgewohnheiten insbesondere, die sich in der neuesten Epoche innerhalb der Menschheit gebildet haben. Der Mensch sieht dasjenige, was nur Denkgewohnheit ist, als das eigentliche Wesen des Denkens selber an. Und da er mit Recht glaubt, daß das Denken zusammenhängt mit dem tiefsten Wesen des Menschen, so hängt er an diesen Denkgewohnheiten so, weil er glaubt, es sei das einzig richtige Denken und meint, sein Selbst, seine menschliche Wesenheit mit diesen Denkgewohnheiten zu verlieren. Er glaubt, allen Boden einer Weltanschauung, einer Lebensauffassung unter den Füßen verlieren zu müssen, wenn er von diesen Denkgewohnheiten abläßt. Und er hat oftmals nicht einmal eine Ahnung davon, wie sehr er das Opfer dieser Denkgewohnheiten der letzten vier bis fünf Jahrhunderte geworden ist, von Denkgewohnheiten, die ebenso überwunden werden müssen wie die Denkgewohnheiten älterer Epochen überwunden worden sind.

[ 4 ] And the third is the persistence of those habits of thought that have been cultivated over the last three, four, or five centuries—admittedly not from worthless sources; they have emerged from what has truly developed in a spirit of rigorous scientific inquiry since the time of Galileo, reaching a certain culmination in the 19th century. Rigorous internal disciplines, as well as disciplines of external observation and experimentation, have come upon humanity; they have permeated even the lowest levels of schooling with the spirit of their activity and work. But along with this have also arisen those habits of thought which—because they are, in essence, so easily acquired, even if the methods are rigorous—take root most deeply in the human soul; those habits of thought that we find everywhere today whenever we hear any discussion of science and faith, of art, of human progress, or of social life. And these habits of thought are, of course, most intimately connected with external life. Human beings have learned, in a magnificent way, to cope technically with external life precisely through these habits of thought. Therefore, these habits of thought have also become most deeply intertwined with egoism, with everything that has carried the human being into modern social life. And so these habits of thought—which are, after all, merely the product of the last four to five centuries—appear to people today as something that leads to thinking in a completely absolute sense. And while people, once they have acquired certain habits, cling to them so strongly that—out of an unconscious belief—they think that if they were to abandon these habits, they would lose a part of their own being, the situation is far worse with habits of thought, particularly those that have formed within humanity in the most recent epoch. People regard what is merely a habit of thought as the very essence of thinking itself. And since they rightly believe that thinking is connected to the deepest essence of the human being, they cling to these habits of thought because they believe them to be the only correct way of thinking and fear that they will lose their self—their human essence—along with these habits. They believe they must lose all foundation for a worldview, a conception of life, if they abandon these habits of thought. And often they do not even have the slightest inkling of how much they have become victims of these habits of thought from the last four to five centuries—habits that must be overcome just as the habits of thought from earlier epochs have been overcome.

[ 5 ] Nur dann, wenn einem die ganze Größe der Aufgabe vor der Seele steht, die sich ergibt aus der Überwindung innerer seelischer Bequemlichkeit, geistiger Furcht und den Denkgewohnheiten, wird man im rechten Sinne den Weg finden zu derjenigen Stätte, an der in vernehmlicher Sprache der Geist der Gegenwart sprechen will von den Forderungen, die notwendig sind, damit nicht die Niedergangskräfte den Sieg über die Aufgangskräfte davontragen. Sie haben die Menschheit eben heruntergeführt in das Chaos. Und dieser Geist der Zeit, er spricht ganz deutlich davon, daß gesucht werden müsse von den Menschen eine Erkenntnis, eine Anschauung von dem Übersinnlichen, von dem Unvergänglichen, von dem Ewigen, gegenüber dem Sinnlichen, Vergänglichen, dem Zeitlichen. Gerade dasjenige, was sich so eingewurzelt hat in die Seelengewohnheiten, in die Denkgewohnheiten der neueren Zeit, gerade das, meine sehr verehrten Anwesenden, hängt immer zusammen mit einer Hiinneigung des Menschen zu dem Vergänglichen, zu dem Zeitlichen, zu dem Sinnlichen.

[ 5 ] Only when one fully grasps the magnitude of the task before one’s soul—a task that arises from overcoming inner complacency, spiritual fear, and habitual patterns of thought—will one truly find the path to that place where, in a language that can be heard, the Spirit of the Present seeks to speak of the demands that are necessary, so that the forces of decline do not prevail over the forces of ascent. They have indeed led humanity down into chaos. And this spirit of the times speaks quite clearly of the need for people to seek an understanding, a vision of the supersensible, of the imperishable, of the eternal—as opposed to the sensible, the perishable, and the temporal. Precisely that which has become so deeply ingrained in the habits of the soul and in the habits of thought of modern times—precisely that, my esteemed audience—is always connected with a human inclination toward the transitory, the temporal, and the sensory.

[ 6 ] Damit wird gar kein Tadel geworfen auf dieses Zeitliche, Vergängliche. Damit wird auch in bezug auf dieses Zeitliche und Vergängliche keine billige Kritik ausgeübt. Es wird durchaus gerade dann, wenn man auf dem Boden anthroposophischer Geisteswissenschaft steht, voll anerkannt, daß die Menschheit es einmal durchmachen mußte, was darinnen liegt, eine Weltanschauung zu haben, die gründlich eingeht auf das Vergängliche, auf das Zeitliche. Anerkannt wird, wie zum Beispiel die Größe des 19. Jahrhunderts darauf beruht, daß der Mensch durchschauen lernte, mit den strengsten Anschauungen durchschauen lernte das Wesen des Vergänglichen, das Wesen des Zeitlichen. Aber schlimm müßte es um die Menschheit stehen, wenn nicht wiederum geschaut würde über dem Vergänglichen und über dem Zeitlichen das Ewige, das Unvergängliche. Aber dieses Ewige, dieses Unvergängliche, es kann nicht geschaut werden mit denjenigen Kräften der Seele, die sehr, sehr dienlich waren der Forschung im Vergänglichen und in dem Zeitlichen. Diese Kräfte der Seele, die intellektualistischen Kräfte, die Kräfte des abstrakten Verstandes und der experimentellen Forschung, sie haben die letzten Jahrhunderte bis zum Höhepunkt ausgebildet. Ausgebildet haben diese letzten Jahrhunderte damit in den Menschen allerdings auch alles dasjenige, was zum Freiheitsgefühl, zum Erwachen der inneren menschlichen Persönlichkeitswerte hat führen können. Aber dasjenige, was man in der eigenen menschlichen Seele entwickelt, wenn man sich nur an der äußerlichen Vergänglichkeit und dem zeitlichen Wesen heranerzieht, das dringt nicht innerlich zum vollen Menschenwesen, und so hat der Mensch in einer gewissen Weise in seinem neuesten Aufstiege gerade das verloren, was mit seinem eigensten Menschenwesen zusammenhängt.

[ 6 ] This does not imply any criticism of the temporal and transitory. Nor does it imply any cheap criticism of the temporal and transitory. On the contrary, precisely when one stands on the ground of anthroposophical spiritual science, it is fully acknowledged that humanity once had to go through the process of having a worldview that thoroughly addresses the transitory and the temporal. It is recognized, for example, that the greatness of the nineteenth century rests on the fact that human beings learned to see through—with the strictest insights—the nature of the transitory, the nature of the temporal. But humanity would be in a dire state if the eternal, the imperishable, were not once again beheld above the transitory and the temporal. But this eternal, this imperishable—it cannot be perceived with those powers of the soul that were very, very useful for research into the transitory and the temporal. These powers of the soul—the intellectualistic powers, the powers of abstract reason and experimental research—have been developed to their peak over the last few centuries. Indeed, over the past few centuries, these powers have also cultivated within human beings everything that could lead to a sense of freedom and the awakening of inner human values of personality. But what one develops within one’s own human soul when one is educated solely in outward transience and temporal existence does not penetrate inwardly to the full human being; and so, in a certain sense, in his most recent ascent, man has lost precisely that which is connected with his very essence as a human being.

[ 7 ] Leicht wird man nun einwenden können: Also führt aus dem erprobten, äußerlich praktischen Weltwesen die anthroposophische Geisteswissenschaft, der Goetheanismus, hinweg in schwindelnde, bodenlose Wolkenkuckucksheime, in dasjenige, was sich abseits von der strengen Methodik der letzten Jahrhunderte zu phantastischen Höhen erheben möchte. Man will vergessen und verschlafen hier — so könnte man einwenden — in diesem Goetheanum alles dasjenige, was die Galilei-Zeit gebracht hat, und man will sich zurückträumen in das Ewige etwa auf platonische Art. Man will in der Ideenwelt Platos schwärmen von einem Ewigen, Unvergänglichen, weil man nicht die Geduld hat, sich einzulassen auf dasjenige, was in bezug auf die wirkliche äußere Welt an Errungenschaften die letzten Jahrhunderte gebracht haben. Aber man lerne sie nur wirklich und ohne Vorurteile kennen, diese Anthroposophie, wie sie hier gepflegt werden will in diesem Goetheanum, und man wird finden, daß man hier nicht mit einem leichtfertigen Überspringen des Galileismus in eine erträumte platonische Welt sich flüchten will, sondern daß man hier alles dasjenige will, was der Mensch erringen kann in wirklicher Einsicht in diese äußere vergängliche Sinneswelt, was er gewinnen kann an äußerer Lebenspraxis, daß man den Galileismus voll in sich aufnehmen will, um seine Strenge, seine Disziplin hinaufzutragen in jene Höhen, in die Plato ohne diese moderne Kultur sich hinaufbegeben durfte. Plato lebte in seiner Ideenwelt, die ihm eben eine lebendige war, er konnte es aus den Kräften seiner Zeitepoche heraus, noch ohne den Galileismus. Wir müßten ins Bodenlose kommen, in Schwärmerei, in Phantastik, wenn wir ohne die Vorstufen desjenigen, was uns die Galilei-, die Kopernikus-, die Keplerzeit, die Giordano Bruno-Zeit gebracht hat, in die platonische Höhenwelt träumend uns begeben würden. Man lerne deshalb nur kennen, was die hier gemeinte Anthroposophie will, dann wird man ihr nicht vorwerfen, daß sie in phantastischer Weise schwärmend in eine platonische Ideenwelt sich vom Leben hinweg wenden möchte. Nein, sie möchte gerade aus dem Geist heraus die Kräfte voller Wirklichkeit schöpfen, um praktisch einzudringen in das wirkliche praktische Leben. Und ebenso wenig, wie der Außenwelt gegenüber die hier gemeinte Anthroposophie schwärmen und träumen will, ebenso wenig will sie in das Innere des Menschen so hineinführen, daß der Mensch als Mystiker ein Einsiedler des Lebens werde, daß er wie ein Eremit sich hinwegstehlen möchte von alle dem, was seine Aufgabe ist im wirklichen äußeren praktischen Leben.

[ 7 ] One might easily object: So, from the tried-and-true, outwardly practical nature of the world, anthroposophical spiritual science—Goetheanism—leads us away into dizzying, bottomless castles in the air, into that which seeks to rise to fantastical heights, far removed from the strict methodology of the past centuries. One might object that here—in this Goetheanum—people want to forget and overlook everything that the age of Galileo brought, and instead dream themselves back to the eternal, in a Platonic sense, so to speak. One wants to wax lyrical in Plato’s world of ideas about the eternal and the imperishable, because one lacks the patience to engage with the achievements that the past few centuries have brought forth in relation to the real external world. But if one were only to get to know it truly and without prejudice—this Anthroposophy, as it seeks to be cultivated here in this Goetheanum—one would find that here one does not seek to take refuge by frivolously skipping over Galileanism into a dreamt-of Platonic world, but rather that here one seeks everything that human beings can attain through genuine insight into this external, transitory sensory world—what they can gain through practical life experience—and that we seek to fully embrace Galilean science in order to carry its rigor and discipline up to those heights to which Plato was able to ascend without this modern culture. Plato lived in his world of ideas, which was indeed a living one for him; he was able to do so drawing on the forces of his own era, even without Galileanism. We would plunge into an abyss of fanaticism and fantasy if, without the preliminary stages of what the eras of Galileo, Copernicus, Kepler, and Giordano Bruno have brought us, we were to venture dreamily into the Platonic world of the heights. One need only understand what the anthroposophy referred to here aims to achieve; then one will not accuse it of wanting to turn away from life by fantasizing and raving about a Platonic world of ideas. No, it seeks precisely to draw forces full of reality from the spirit itself in order to penetrate practical, real life. And just as the anthroposophy referred to here does not wish to rave and dream in relation to the external world, neither does it wish to lead people so deeply into their inner lives that they, as mystics, become recluses from life—that they, like hermits, would wish to slip away from all that is their task in real, external, practical life.

[ 8 ] Anthroposophie weiß sehr gut, daß Methoden, etwa wie sie in Indien gepflegt worden sind, wie etwa die Yoga-Methode, ihre Zeit vorüber haben; sie weiß ganz gut, daß derjenige, der mit völligem Mißverstehen des Geistes der neueren Zeit sich in alte mystische Systeme zurückbegeben will, daß der nach etwas strebt, was hier gerade vermieden werden soll. Er strebt nach einer gewissen Mystik, von der man nichts anderes als das folgende sagen kann.

[ 8 ] Anthroposophy knows very well that methods such as those practiced in India—for example, the yoga method—have had their day; it knows full well that anyone who, with a complete misunderstanding of the spirit of the modern age, wishes to retreat into old mystical systems is striving for something that should be avoided here. He is striving for a certain kind of mysticism about which one can say nothing other than the following:

[ 9 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, es gibt eine Oberflächlichkeit gegenüber der äußeren Welt, die niemals eingehen will auf die wirklichen Tatsachen, die die feineren Gliederungen der Tatsachen nicht verfolgen will, die, ich möchte sagen, in großen Maschen das Leben willkürlich genießen will nach außen hin. Es gibt eine solche Oberflächlichkeit nach außen hin; aber es gibt auch eine Oberflächlichkeit des Herzens. Das ist jene OberflächJichkeit, welche ohne gründliches Erleben der inneren menschlichen Geheimnisse nur immer und immer davon spricht, man solle sich zurückziehen von der Erfassung der Außenwelt, man solle Innerlichstes pflegen. Ein solches mystisches Streben, wie es gerade heute seinen Einzug hält in vielen Kreisen, entspricht nicht den Forderungen des Geistes der Zeit, sondern es fügt hinzu zu der äußeren Oberflächlichkeit die Oberflächlichkeit des Herzens. Und in vielen Kreisen, die sich heute besonders mystisch erhaben dünken, lebt nichts anderes als jene Mystik, die innere Seelenoberflächlichkeit ist. Mit dieser Seelenoberflächlichkeit dringt man nicht ein in die ewigen Geheimnisse des Lebens. In diese dringt man nur ein, wenn man die Geduld dazu hat, die in der Seele schlummernden Kräfte wirklich zu erwecken oder wenigstens sich gedanklich auf dasjenige einzulassen, was die in der Seele schlummernden Kräfte von Stufe zu Stufe finden können. Nur in der Überwindung der Oberflächlichkeit des Herzens, in der Überwindung dieser oberflächlichen Mystik liegt die Möglichkeit, diejenigen Kräfte der Seele zu finden, die in der vorhin angedeuteten rechten Weise hinaufführen von dem Zeitlichen, von dem Vergänglichen in das Ewige, in das Unvergängliche. Das aber, auf eine solche Weise erfaßt, ist dann wirklich in der Lage, befruchtend zu wirken auf die verschiedensten Gebiete des heutigen Lebens. Und diese Befruchtung — wir brauchen sie. Wir haben eine großartige Wissenschaft, welche sich aus Intellektualismus heraus und aus äußerer Beobachtung des äußeren Verlaufes der Dinge bemächtigt hat. Wir brauchen ein Aufrücken von dieser Sinneswissenschaft zu einer Geisteswissenschaft, das in derselben Art vollzogen wird, wie eben das Streben nach Sinneswissenschaft. Wie wenn sie immer Rechenschaft ablegen müßte vor den strengen Methoden und Disziplinen der äußeren Sinneswissenschaft, so möchte die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft das heutige wissenschaftliche Leben überhaupt befruchten.

[ 9 ] Ladies and gentlemen, there is a kind of superficiality toward the external world that refuses to engage with the real facts, that refuses to trace the finer nuances of those facts, and that—I would say—wants to enjoy life arbitrarily, in broad strokes, as it appears on the surface. There is such superficiality outwardly; but there is also a superficiality of the heart. This is the kind of superficiality that, without a profound experience of the inner human mysteries, merely speaks over and over again of the need to withdraw from engaging with the external world and to cultivate what is most inner. Such a mystical striving, as it is making its way into many circles today, does not correspond to the demands of the spirit of the age; rather, it adds to outward superficiality the superficiality of the heart. And in many circles that today consider themselves particularly mystically exalted, nothing else exists but that mysticism which is inner spiritual superficiality. With this superficiality of the soul, one does not penetrate the eternal mysteries of life. One penetrates them only if one has the patience to truly awaken the powers slumbering in the soul—or at least to engage intellectually with what these slumbering powers can discover step by step. Only in overcoming the superficiality of the heart, in overcoming this superficial mysticism, lies the possibility of finding those powers of the soul that, in the proper way indicated earlier, lead upward from the temporal, from the transitory, into the eternal, into the imperishable. But what is grasped in this way is then truly capable of having a fertilizing effect on the most diverse areas of contemporary life. And this fertilization—we need it. We have a magnificent science that has established itself out of intellectualism and out of external observation of the outward course of things. We need a shift from this sensory science to a spiritual science, accomplished in the same way as the pursuit of sensory science itself. Just as if it were always required to account for itself before the strict methods and disciplines of external sensory science, so too would the anthroposophical spiritual science referred to here like to enrich contemporary scientific life as a whole.

[ 10 ] Andere Zweige des Lebens, sie zeigen zuweilen geradezu eine Unmöglichkeit, von der gewöhnlichen Wissenschaft in ihrer heutigen Gestalt befruchtet zu werden. Dasjenige, was an Intellektualismus, an abstrakten Begriffen die neuere Zeit heraufgebracht hat — der Künstler meidet es; der Künstler glaubt gerade, daß ihm die ganze elementarere Macht und Gewalt seines künstlerischen Erlebens genommen werde, wenn diese Wissenschaft ihren Mehltau in sein Herz hineinergießt, wenn er versuchen wollte, mit Hilfe der heute gebräuchlichen Wissenschaft sich zu vertiefen in das, was sein künstlerisches Erlebnis ist. Und so kommen denn viele Leute und sagen: Ja, Geisteswissenschaft will auch das künstlerische Leben befruchten, aber wir verstehen, wie zerstörerisch wissenschaftliches Leben auf künstlerisches Leben wirkt. — So spricht man nur so lange, solange man nicht weiß, wie innig verwandt dasjenige dem künstlerischen Erleben ist, was die Seele des wahren Geisteswissenschafters durchmachen muß, um in die Gebiete zu kommen, wo Geist und Seele wirklich leben: auf diesem Wege begegnet man demjenigen, was künstlerisches Erlebnis ist. Auf diesem Wege muß man nicht nachdenken, da muß man gestalten, da muß man sich verbinden mit demjenigen, was lebt und leibt im Wesen der Dinge, was das Geheimnis der Dinge ausmacht. Und Seelenkräfte werden aus dem Inneren entbunden von der gleichen Anschaulichkeit, von der unmittelbar wirksamen Gegenwart, wie sie im künstlerischen Erlebnis leben. Und lernt man nur erst das außerordentlich Lebendige, lernt man nur erst das Schaffend-Gestaltende der Geisteswissenschaft kennen, dann wird man einsehen, daß diese Geisteswissenschaft nicht abstrakte Begriffe bringt, sondern unmittelbar innere Lebensimpulse, die wieder hinaufdringen zu denjenigen geistigen Regionen, aus denen der Künstler doch schöpfen muß, wenn er nicht in überflüssiger Weise die bloße äußere Natur nachahmen will und dadurch eben einem überflüssigen Naturalismus verfallen müßte. Innig verwandt ist dasjenige, was der Geisteswissenschafter durchzumachen hat mit demjenigen, was der Künstler durchzumachen hat. Und was dem Künstler die Phantasie gestaltet, das gestaltet sich dem Geistesforscher in der übersinnlichen Anschauung. Zwei verschiedene Wege, auf denen man sich gut verstehen kann, wie manche es in älteren Zeiten verstanden haben, diejenigen etwa, die aus einem tiefen Erfühlen von Weltgeheimnissen heraus etwa so etwas vor ihre Seele hingestellt haben, wie es dann durch Raffael in der Sixtinischen Madonna lebt, wie es in Leonardos Abendmahl lebt. Wiederum müssen wir in Regionen des geistigen Lebens, aber im Sinne der neueren Zeit, der modernen Zeit, gelangen, damit wir auch auf künstlerischem Gebiete wiederum etwas haben, was nicht bloß Nachahmen der Natur ist. Denn Nachahmung der Natur, die gelingt keinem. Dasjenige, was man der Natur nachahmen will, das kann die Natur immer noch besser machen. Erst dann findet man den Weg zur Kunst, wenn man den Weg hin zum Geiste findet.

[ 10 ] Other branches of life sometimes seem downright incapable of being enriched by conventional science in its current form. The artist shuns the intellectualism and abstract concepts that modern times have brought forth; the artist believes, in fact, that the entire elemental power and force of his artistic experience would be taken from him if this science were to pour its mildew into his heart, if he were to attempt, with the help of today’s conventional science, to delve into what his artistic experience is. And so many people come and say: Yes, spiritual science also aims to enrich artistic life, but we understand how destructive scientific life is to artistic life. — People speak this way only as long as they do not know how intimately related to artistic experience is what the soul of the true spiritual scientist must go through in order to enter the realms where spirit and soul truly live: it is on this path that one encounters what artistic experience is. On this path, one need not think; one must create; one must connect with that which lives and breathes in the essence of things—that which constitutes the mystery of things. And the soul’s powers are released from within by the very same vividness, by the immediately effective presence, as they live in artistic experience. And once one comes to know the extraordinary vitality, once one comes to know the creative and formative aspect of spiritual science, then one will come to realize that this spiritual science does not offer abstract concepts, but rather immediate inner impulses of life that rise back up to those spiritual realms from which the artist must draw, if he does not wish to imitate mere external nature in a superfluous manner and thereby fall prey to a superfluous naturalism. What the scholar of the spiritual sciences must go through is intimately related to what the artist must go through. And just as the artist’s imagination shapes his art, so too does the scholar of the spiritual sciences shape his understanding through supersensible intuition. These are two different paths through which one can come to a deep understanding—as some did in earlier times, such as those who, out of a profound sense of the world’s mysteries, set before their souls something akin to what lives on in Raphael’s Sistine Madonna or in Leonardo’s Last Supper. Once again, we must enter regions of spiritual life—but in the sense of the newer, modern era—so that we may once more have something in the artistic realm that is not merely an imitation of nature. For no one succeeds in imitating nature. Whatever one seeks to imitate in nature, nature can always do better. Only when one finds the path to the spirit does one find the path to art.

[ 11 ] Und sehen wir auf ein anderes Gebiet, in dem zu einer wirklichen inneren Menschheitstragik bei vielen einzelnen menschlichen Persönlichkeiten das neuere Leben geführt hat, sehen wir, wie auf religiösem Gebiete jene Tiefe abhanden gekommen ist, die man braucht zu einem wirklichen Erringen des Religiösen. Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, soll nicht etwa eine neue Religionsbegründung sein! Sagt man das, so verleumdet man sie. Denn nicht eine neue Religion brauchen wir; dasjenige, was wir brauchen, ist eine Vertiefung der religiösen Impulse im Menschenherzen, in der Menschenseele, die aber kann gefunden werden dadurch, daß der Mensch wiederum die Wege zum geistigen Wesen der Welt findet. So wie die Wissenschaft, wie die Kunst durch die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft befruchtet werden können, so kann durch sie das religiöse Leben vertieft werden. Und ich glaube, ich brauche gar nicht davon zu sprechen für all diejenigen, die über das unmittelbar Alltägliche nur ein wenig hinaussehen, wie wir in dem sozialen Dasein der zivilisierten Welt in ein Chaos hineingekommen sind, das wahrhaftig droht, mit jedem Jahre größer zu werden, das heute schon schreckensvoll genug ist. An allerlei Spekulationen, wie man diese oder jene Einrichtung treffen soll, was man tun soll von Staat zu Staat, von Volk zu Volk, hat es uns aus den alten Anschauungen allerdings nicht gefehlt. Über so etwas ist viel und oft gesprochen worden, nirgends aber gibt es eine Aussicht, daß in durchgreifender Weise das soziale Chaos einem besseren Lichte entgegengehen könnte.

[ 11 ] And if we look at another area in which modern life has led many individuals to a genuine inner human tragedy, we see how, in the religious sphere, that depth has been lost which is necessary for a true attainment of the religious. Anthroposophy, as understood here, is not intended to be a new foundation for religion! To say such a thing is to slander it. For we do not need a new religion; what we need is a deepening of the religious impulses in the human heart and soul—and this can be achieved when human beings rediscover the paths to the spiritual essence of the world. Just as science and art can be enriched by the anthroposophical spiritual science referred to here, so too can religious life be deepened through it. And I believe I need not even mention—for all those who look just a little beyond the immediate everyday—how, in the social life of the civilized world, we have fallen into a chaos that truly threatens to grow greater with each passing year, a chaos that is already dreadful enough today. We have certainly not lacked all manner of speculations, based on old ways of thinking, about how this or that arrangement should be made, or what should be done from state to state and from people to people. Much has been said about such matters, often and at length, but nowhere is there any prospect that the social chaos might be resolved in a fundamental way and move toward a better future.

[ 12 ] Muß das nicht darauf hinweisen, wie nötig es ist, daß zu sozialem Leben die einzelnen Menschen finden, jene einzelnen Menschen, die die Wege bis zu jenem Innersten der menschlichen Seele finden, aus dem heraus Verständnis gefunden werden kann für dasjenige, was Zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk, zwischen Rasse und Rasse notwendig ist! Erst dann, wenn das soziale Leben in geistiger Klarheit in jedem einzelnen Individuum aufgeht, wird das Zeitalter des Individualismus auch ein soziales Zeitalter werden können. Aber nicht dadurch, daß man zum Beispiel schöne Phrasen zimmert über eine Vertiefung des menschlichen Innern, über allerlei soziale Impulse, die der Mensch sich anerziehen soll, kommt man dazu, in der menschlichen Individualität diese sozialen Impulse, diese sozialen Empfindungen wirklich zu begründen. Dazu kommt man erst, wenn der Mensch lernt, so wie er in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gelernt hat, mit seinem sinnlichen Organismus anzugehören der Sinnenwelt, wenn er lernt, mit seinem seelischen Organismus einer seelischen Welt anzugehören, wenn er lernt, mit seinem geistigen Organismus einer geistigen Welt anzugehören, wenn er herunterzutragen vermag Ideen über die große Bestimmung der Menschheit in das einzelne alltägliche Leben.

[ 12 ] Does this not point to how essential it is that individual human beings find their way into social life—those individual human beings who find the paths to the very depths of the human soul, from which understanding can be gained for what is necessary between one person and another, between one people and another, and between one race and another! Only when social life is absorbed into every single individual with spiritual clarity will the age of individualism also be able to become a social age. But it is not by, for example, crafting fine-sounding phrases about a deepening of the human inner life, or about all manner of social impulses that people are supposed to cultivate, that one arrives at truly establishing these social impulses and social feelings within human individuality. One arrives at this only when people learn just as they have learned over the past three to four centuries, to belong to the sensory world through their sensory organism; when they learn to belong to a soul world through their soul organism; when they learn to belong to a spiritual world through their spiritual organism; and when they are able to translate ideas about humanity’s great destiny into their individual everyday lives.

[ 13 ] Die Menschheit ist so stolz geworden auf die in der letzten Zeit ausgebildete Lebenspraxis. Als was hat sich diese Lebenspraxis enthüllt? Als dasjenige, was sich in gewissen Lebenshandgriffen immer mehr und mehr in kleine Kreise zurückgezogen hat, und was zuletzt dazu geführt hat, daß die Menschen mit ihren Gedanken dem überwältigenden Gang der ins Chaos entfliehenden Weltenereignisse nicht mehr nachkommen können. Dasjenige, was sich herausgebildet hat, ist nicht wirkliche Lebenspraxis, sondern ist die Routine auf einzelnen Gebieten, ist bloße Lebensroutine. Was der menschliche Leib ohne Seele und Geist wäre, ist diese Lebensroutine ohne die Befruchtung durch Ideen, die nur aus der Anerkenntnis, aus der Erkenntnis der geistigen Regionen kommen können. Das Alltäglichste, das Kleinste im Leben, es wird zur Routine, es wird nicht zur Praxis, wenn es nicht gerichtet werden kann in einer richtigen Weise auf dasjenige, was im Menschen pulsieren kann aus seinem Gefühle des Zusammenhanges mit der allumfassenden geistigen Welt heraus. Wir werden nicht zu einer solchen Praxis kommen, die unser soziales Leben wiederum tragen kann, wenn wir nicht über alle Routine hinausgehend, den Geist in das alltägliche Leben einführen. Denn nur das Leben der Alltäglichkeit, das wirklich durchgeistet, durchseelt ist, ist auch in Wirklichkeit praktisch.

[ 13 ] Humanity has become so proud of the way of life it has developed in recent times. What has this way of life revealed itself to be? As something that, in certain aspects of daily life, has increasingly withdrawn into ever-smaller circles—and which has ultimately led to people being unable to keep up, in their thoughts, with the overwhelming course of world events as they descend into chaos. What has developed is not a true way of life, but rather routine in individual areas—mere daily routine. What the human body would be without soul and spirit is this routine of life without the enrichment provided by ideas, which can come only from the recognition and understanding of the spiritual realms. The most mundane, the smallest things in life become routine rather than practice if they cannot be properly directed toward that which can pulse within a person out of a sense of connection with the all-encompassing spiritual world. We will not arrive at a form of practice capable of sustaining our social life unless we transcend all routine and introduce the spirit into everyday life. For only a life of the everyday that is truly imbued with spirit and soul is, in reality, practical.

[ 14 ] Daher will dasjenige, das hier geistig erarbeitet werden will in diesem Goetheanum, nicht etwas Weltfremdes, nicht etwas Schwärmerisches werden, nicht etwas werden, was den Menschen wie einen Eremiten hinwegführt aus der Lebenspraxis; es will ihn im Gegenteil vollständig hineinstellen. Wahre, echte Lebenspraxis, die brauchen wir. Das zeigt uns heute jeder Tag, wenn uns verkündet wird, wie jeder Tag mehr die Menschheit in den Niedergang hineinreißt. Deshalb soll hier in diesen acht Tagen gesprochen werden von demjenigen, was wiederum zum Aufgange führt, was fordert der Geist der Zeit von dem Menschen der Gegenwart, was er fordert in dem Sinne, daß nur aus der Einsicht in das Ewige, in das Übersinnliche, in das Unvergängliche jene Kraft gewonnen werden kann, welche gebraucht wird, um die Niedergangskräfte in Aufgangskräfte zu verwandeln. Man muß nur in richtigem Sinne erkennen, wie vor uns lagern die innern Hindernisse der Seelenbequemlichkeit, der geistigen Furcht, der Denkgewohnheiten, und man wird erfühlen, daß dasjenige, was wir brauchen, innere Initiative, Aktivität des seelischen Lebens, vollen Mut zu etwas Neuem, Furchtlosigkeit gegenüber dem Neuen, Unbekannten —, daß das gewonnen werden kann, wenn wir vom Geiste so ergriffen werden, daß der Geist selbst es ist, der in allen unseren Impulsen lebt. Denn so, wie die Welt geistgeschaffen ist, so werden menschliches Handeln, menschliches Tun, menschliches Wissen ein Wahres sein, wenn sie geistdurchdrungen sind. Von solcher geistdurchdrungenen Praxis, von solchem geistdurchdrungenen Wissen möge alles dasjenige Zeugnis ablegen, was in Versuchen erarbeitet werden soll, wie bei früheren solchen Anlässen auch in diesen acht Tagen hier in diesem Goetheanum. Und beseelt von diesem Wunsche, daß wir hier in Gemäßheit dieser großen Forderungen des Geistes unserer Gegenwart zusammen arbeiten mögen, wollte ich Ihnen heute aus dem Geiste heraus, der hier walten soll in diesem der Anthroposophie gewidmeten Goetheanum, zu Beginn dieser Arbeitstage den herzlichsten Gruß bringen, und wollte ich begrüßen den Geist selber, der hier in diesen acht Tagen und immer mehr walten soll und walten möge.

[ 14 ] Therefore, what is to be spiritually developed here in this Goetheanum is not meant to become something detached from the world, something fanciful, or something that leads people away from the practical realities of life like a hermit; on the contrary, it is meant to place them fully within it. True, genuine practical life—that is what we need. Every day today shows us this, as we are told how, with each passing day, humanity is being dragged further into decline. That is why, during these eight days, we shall speak here of that which leads back to ascent—what the spirit of the times demands of people today, and what it demands in the sense that only through insight into the eternal, the supersensible, and the imperishable can we gain the strength needed to transform the forces of decline into forces of ascent. One need only recognize in the true sense how the inner obstacles of spiritual complacency, intellectual fear, and habitual ways of thinking lie before us, and one will sense that what we need—inner initiative, activity of the spiritual life, full courage for something new, fearlessness toward the new, the unknown—that this can be attained when we are so seized by the Spirit that the Spirit itself is what lives in all our impulses. For just as the world is created by the Spirit, so too will human action, human endeavor, and human knowledge be true if they are permeated by the Spirit. May everything that is to be developed through experimentation—as on previous such occasions, and also during these eight days here at the Goetheanum—bear witness to such spirit-imbued practice and such spirit-imbued knowledge. And inspired by this desire that we may work together here in accordance with these great demands of the spirit of our time, I wanted to extend to you today—out of the spirit that is to reign here in this Goetheanum dedicated to anthroposophy—my warmest greetings at the beginning of these working days, and I wanted to welcome the spirit itself, which is to reign here during these eight days and may reign ever more fully.