Anthroposophy
Its Roots of Knowledge and Fruits of Life
GA 78
31 August 1921, Stuttgart
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Anthroposophy: Its Roots of Knowledge and Fruits of Life, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Gestern erlaubte ich mir darauf hinzuweisen, wie ich dasjenige, was ich in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen die agnostische Gesinnung zu formulieren versuchte, aus den Quellen anthroposophischer Weltanschauung 1893 niedergelegt habe in meiner «Philosophie der Freiheit». Diese «Philosophie der Freiheit» trägt auf ihrem Titelblatt das Motto: «Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.» Zunächst war dieses Motto gerichtet gegen eine Weltanschauungsrichtung, die ich bis zu einem gewissen Grade außerordentlich verehrte: gegen die Weltanschauungsrichtung Eduard von Hartmanns, dessen «Philosophie des Unbewußten» das Motto trug: «Spekulative Resultate nach induktiv-naturwissenschaftlicher Methode.»
[ 1 ] Yesterday I took the liberty of pointing out how I had set forth in my *Philosophy of Freedom* (1893), drawing on the sources of the anthroposophical worldview, what I had attempted to articulate in the 1880s and 1890s of the previous century in opposition to the agnostic mindset. This *Philosophy of Freedom* bears the motto on its title page: “Results of psychological observation using the scientific method.” Initially, this motto was directed against a school of thought that I, to a certain extent, held in the highest regard: the school of thought of Eduard von Hartmann, whose *Philosophy of the Unconscious* bore the motto: “Speculative results based on the inductive-scientific method.”
[ 2 ] «Spekulative Resultate», das war etwas, was mir im Grunde zu widerstreben schien dem eigentlichsten Sinn wirklicher Geistes- und Menschenerkenntnis, denn unter spekulativen Resultaten, spekulativen Denkinhalten kann man nur das verstehen, was sich dann ergibt, wenn man durch eine abstrakte Logik aus dem, was man wahrnimmt, schließt auf irgend etwas nicht Wahrnehmbares, wenn man also durch Schlußfolgerung gewissermaßen rekurriert nach einem Unbekannten hin, das eben nur durch Denkfolgerungen, nicht durch Wahrnehmung erreichbar sein soll.
[ 2 ] “Speculative results”—that was something that, at its core, seemed to me to run counter to the very essence of genuine intellectual and human understanding; for by “speculative results” or “speculative thought content” one can only mean what arises when, through abstract logic, one proceeds from what one perceives to something that cannot be perceived—that is, when, through inference, one recurs, as it were, toward an unknown that is said to be accessible only through the chain of thought, not through perception.
[ 3 ] Gegen diese ganze Denkweise mußte ich geltend machen, daß restlos dasjenige, was für den Menschen Erkenntnis und Lebensinhalt in jeder Richtung sein soll, in irgendeiner Weise unmittelbar in die Beobachtung, in die Wahrnehmung auch eintreten müsse. Gerade so, wie äußerliche naturwissenschaftliche Tatsachen sich vor das Bewußtsein hinstellen und beobachtet werden können, so müssen auch seelisch-geistige Inhalte vor das Bewußtsein hintreten und dadurch der Beobachtung zugänglich sein. Denn könnte man nicht dahin gelangen, alles dasjenige, was in irgendeiner Hinsicht den Menschen gerade in bezug auf sein tiefstes Inneres angeht, auch in sein Bewußtsein hereinzubringen, dann müßte man annehmen, der Mensch werde gelenkt und geleitet an Fäden aus unbekannten Welten herein, aus Welten, die man höchstens im abstrakten Denken erschließen, die man aber niemals erleben kann. Wer aber das Phänomen der Freiheit, das Erlebnis der Freiheit im vollen Sinne des Wortes unmittelbar in seinem Bewußtsein trägt, der kann nicht anders, als metaphysische Resultate in dem Sinne, wie ich das angedeutet habe, abweisen; er muß streben, als Beobachtungsresultate, als möglichen gegenwärtigen Seeleninhalt dasjenige zu haben, was auf ihn gerade in bezug auf sein intimstes Wesen Einfluß haben kann. Freiheitsphilosophie erschien mir unzertrennlich von demjenigen, was ausgesprochen werden kann in dem Satze: «Seelische Beobachtungs-Resultate nach naturwissenschaftlicher Methode», das heißt, die Beobachtungsmethode, auf die die Naturwissenschaft gelernt hatte zu halten, müßte auch auf das ausgedehnt werden, was Inhalt des geistigen Lebens für den Menschen werden soll.
[ 3 ] In response to this entire way of thinking, I had to argue that whatever is to be knowledge and the meaning of life for human beings in every respect must, in some way, enter directly into observation and perception. Just as external scientific facts present themselves to consciousness and can be observed, so too must psychological and spiritual contents present themselves to consciousness and thereby be accessible to observation. For if one could not bring into consciousness everything that, in any respect, concerns human beings precisely in relation to their deepest inner being, then one would have to assume that human beings are guided and directed by strings from unknown worlds—worlds that can be accessed at most through abstract thought, but which can never be experienced. But whoever carries the phenomenon of freedom—the experience of freedom in the full sense of the word—directly within their consciousness cannot help but reject metaphysical conclusions in the sense I have indicated; they must strive to regard as the results of observation, as possible present contents of the soul, precisely that which can influence them in relation to their most intimate being. The philosophy of freedom seemed to me inseparable from what can be expressed in the phrase: “Results of psychological observation according to the scientific method”—that is, the method of observation that the natural sciences had learned to rely on would also have to be extended to what is to become the content of human spiritual life.
[ 4 ] Die Frage nach einer Freiheitsphilosophie wurde aus solchen Grundlagen heraus zu einer brennenden, denn was der Begriff der Freiheit in sich einschließt, ist eine unmittelbare menschliche Erfahrung, und man braucht im Grunde genommen nur Unbefangenheit genug dazu, um sich zu sagen: Die menschliche Freiheit wird erlebt. — Es gibt im Bewußtsein das Erlebnis des freien menschlichen Wesens. Die aus dem Agnostizismus hervorgehende Naturanschauung kann in diesem Falle, weil sie alles dasjenige, was nach dem Geiste hinweist, eigentlich ablehnt, kein unbefangenes Urteil gewinnen über dieses unmittelbare Freiheitserlebnis; denn sie sieht ja ihr Ideal darin, alles nach der sogenannten kausalen Methode zu erklären, das heißt so, daß jegliches Geschehen durch eine Ursache bedingt ist und sich als eine Wirkung erweist. Und diese agnostisch-naturwissenschaftliche Gesinnung glaubt, gegen die Gesetze einer wirklichen Welterklärung zu verstoßen, wenn sie irgendwo etwas gelten läßt, was nicht nach dem Prinzip der kausalen Notwendigkeit zu erklären ist. Aber man mag sich noch so anstrengen mit einer Welterklärung im Sinne der Kausalnotwendigkeit: gerade wenn man diese kausale Erklärung konsequent ausbildet, dann kommt man durch sie nicht an das Erlebnis der menschlichen Freiheit heran. Dieses unmittelbare Erlebnis fällt aus der Kausalerklärung einfach heraus.
[ 4 ] Based on these foundations, the question of a philosophy of freedom became a burning issue, for what the concept of freedom encompasses is an immediate human experience, and all one really needs is enough open-mindedness to say to oneself: Human freedom is experienced. — There is, in consciousness, the experience of the free human being. The view of nature arising from agnosticism cannot, in this case—because it essentially rejects everything that points toward the spiritual—form an unbiased judgment about this direct experience of freedom; for it sees its ideal in explaining everything according to the so-called causal method, that is, in such a way that every event is conditioned by a cause and proves to be an effect. And this agnostic-scientific mindset believes it is violating the laws of a genuine explanation of the world if it accepts, anywhere, something that cannot be explained according to the principle of causal necessity. But no matter how hard one tries to explain the world in terms of causal necessity, the very act of consistently developing this causal explanation prevents one from approaching the experience of human freedom. This immediate experience simply falls outside the scope of the causal explanation.
[ 5 ] Wie hat sich die agnostisch-naturwissenschaftliche Gesinnung nun geholfen? Sie hat einfach, ich möchte sagen, das unmittelbare Erlebnis der menschlichen Freiheit sich verdunkelt durch die kausale Erklärung. Man sagt: Die Kausalerklärung läßt die menschliche Freiheit nicht zu; also ist sie nicht da. — Und so wird man, wenn man auf der einen Seite nicht anders kann, als unbefangen auf das Freiheitserlebnis hinzuschauen und anderseits es ehrlich meint mit der Naturwissenschaft der neueren Zeit, als Mensch vor den Zwiespalt hingestellt, entweder die Freiheit abzuschaffen, was man nur kann, wenn man eben die Unbefangenheit sich verdunkelt, oder allerlei Auskunftsmittel zu ersinnen, damit in scheinbarer Weise doch diese Freiheit in irgendeinen begriffsmäßigen Zusammenhang gebracht werden könne mit der Kausalerklärung der Naturwissenschaft.
[ 5 ] How, then, has the agnostic-scientific mindset coped with this? It has simply—I would say—allowed the immediate experience of human freedom to be obscured by causal explanation. People say: Causal explanation does not allow for human freedom; therefore, it does not exist. — And so, if on the one hand one cannot help but look impartially at the experience of freedom, and on the other hand is sincere about modern science, one is confronted with a dilemma: either to abolish freedom—which is possible only by obscuring that very impartiality— or to devise all manner of explanatory devices so that, at least in appearance, this freedom might be brought into some conceptual connection with the causal explanation of modern science.
[ 6 ] Diese Wege könnten für ein anthroposophisches Denken nicht gegangen werden. Das müßte gerade, wenn es mit der naturwissenschaftlichen Kausalerklärung und auch mit dem Grundsatze: «Unbefangenheit der Beobachtung» es ehrlich meinte, auch das Phänomen der Freiheit unbefangen beobachten. Und so ergab sich denn die Notwendigkeit, den Geist naturwissenschaftlicher Anschauung, jenen Geist, der ausgebildet ist im Beobachten der physischen, der biologischen, der sonstigen Erscheinungen der äußeren Natur, auch anzuwenden auf die Erscheinung, auf die Offenbarung der menschlichen Freiheit. Das aber konnte nur geschehen dadurch, daß die ganze erkennende Seelenverfassung gegenüber diesem Freiheitsproblem eine andere wurde, als sie in der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ist. Die letztere mußte man auf der einen Seite festhalten; aber, um in ihrem Sinne zum Freiheitsproblem hinüberzukommen, mußte man sie auf der andern Seite weiter ausgestalten. Man mußte gewissermaßen dasjenige, was man in der Naturwissenschaft sich erringt durch ein die Naturerscheinungen zusammenfassendes und durchhellendes Denken, in das freie menschliche Erleben selber heraufheben.
[ 6 ] These paths could not be taken by anthroposophical thinking. Precisely if it were sincere in its commitment to scientific causal explanations and to the principle of “impartiality of observation,” it would also have to observe the phenomenon of freedom impartially. And so the necessity arose to apply the spirit of the scientific worldview—that spirit trained in observing the physical, biological, and other phenomena of external nature—to the phenomenon and revelation of human freedom as well. But this could only happen if the entire cognitive disposition of the soul toward this problem of freedom became different from what it is in the scientific approach. On the one hand, one had to hold fast to the latter; but, in order to move toward the problem of freedom in its spirit, one had to further develop it on the other hand. One had to, so to speak, elevate into free human experience itself that which is achieved in the natural sciences through a mode of thinking that synthesizes and illuminates natural phenomena.
[ 7 ] Im Naturbeobachten lehnt man sich an die äußere Sinneserfahrung an. Man entwickelt der Sinneserfahrung entgegen die menschliche Gedankenwelt, den Inhalt des Denkens, und es ergibt sich als die wahre Wirklichkeit dasjenige, was sich zusammenfügt aus dem einseitigen Erfahrungsinhalte der Außenwelt und dem einseitigen Inhalte des Denkens. Man ergänzt dasjenige, was, wie ich gestern sagte, als eine halbe Wirklichkeit dem Menschen durch seine Organisation entgegentritt. Man kann, wenn man diese Freiheit erfassen will, die ja ein unmittelbar mit dem Menschen identisches Erlebnis ist, nicht an Äußeres sich anlehnen. Man muß das Denken selber verbinden mit demjenigen, was man, ich möchte sagen, in dem Prozesse seines Ichs ist. Man muß dasjenige anschauen, was in der Freiheit vor einem steht, aber indem man anschaut, muß man zu gleicher Zeit das Denken entwickeln, wie man es sonst an den Erscheinungen der äußeren Natur entwickelt.
[ 7 ] In observing nature, one relies on external sensory experience. One develops the human world of thought—the content of thinking—in contrast to sensory experience, and what emerges as true reality is that which is formed from the one-sided content of experience from the external world and the one-sided content of thought. One supplements that which, as I said yesterday, confronts the human being as a half-reality through his or her constitution. If one wishes to grasp this freedom—which is, after all, an experience immediately identical with the human being—one cannot rely on external phenomena. One must connect thinking itself with that which is, I would say, in the process of one’s “I.” One must observe what stands before one in freedom, but while observing, one must at the same time develop thinking, just as one otherwise develops it through the phenomena of external nature.
[ 8 ] Was Goethe so gefallen hat, als Heinroth sein Denken ein gegenständliches genannt hat, das muß auf einer noch höheren Stufe zutage treten, wenn man die Offenbarung der Freiheit erfassen will, denn Goethe verband sein Denken mit dem Äußerlich-Sinnlichen der pflanzlichen Welt. Da gelang es ihm, das Denken untertauchen zu lassen in das Objekt, mit dem aktiven Denken in dem Objekt selbst drinnen zu leben; aber das Objekt blieb passiv. Will man dieses, wenn ich es da noch so nennen darf, gegenständliche Denken auf die Freiheit anwenden, dann muß man ein ÜbersinnlichGeistiges, das im Menschenseelenweben in fortwährender Tätigkeit ist, noch auf eine viel innigere Weise durchdringen mit der Aktivität des Denkens. Man muß nicht ein Äußerliches, man muß dasjenige, was in einem selber sich entwikkelt, mit der Aktivität des Denkens durchdringen. Dadurch aber reißt sich das, was nun Inhalt des Denkens wird, los von einem jeglichen Haften an einem Objekt im gewöhnlichen Sinne.
[ 8 ] What Goethe found so appealing when Heinroth called his thinking “concrete” must become apparent on an even higher level if one is to grasp the revelation of freedom, for Goethe linked his thinking to the external, sensory aspects of the plant world. There he succeeded in immersing his thinking in the object, in living with active thinking within the object itself; but the object remained passive. If one wishes to apply this—if I may still call it that—concrete thinking to freedom, then one must permeate the supersensible-spiritual realm, which is in constant activity within the fabric of the human soul, with the activity of thinking in an even more intimate way. One must not penetrate something external; one must penetrate that which develops within oneself with the activity of thought. Through this, however, that which now becomes the content of thought breaks free from any attachment to an object in the ordinary sense.
[ 9 ] Was hier das Denken vollzieht, es wird selber ein Akt der Befreiung. Es hebt sich das Denken, indem es nicht inhaltlos wird, sondern gerade indem es angefüllt ist mit dem intimsten Fließen des Menschenwesens selbst, herauf zu einem freien Flusse, der das eine aus dem andern hervorströmen läßt. Es erfüllt sich der Seeleninhalt mit etwas, das er selber erzeugt und das in seiner Erzeugung zu gleicher Zeit objektiv ist. Der Geist naturwissenschaftlicher Denkungsweise ist heraufgetragen in das Aufsuchen der dem Menschen wichtigsten Seelenresultate.
[ 9 ] What thought accomplishes here becomes an act of liberation in itself. Thought rises—not by becoming devoid of content, but precisely by being filled with the most intimate flow of human existence itself—to a free flow that allows one thing to well up from another. The soul’s content is filled with something that it itself produces and that, in its very production, is at the same time objective. The spirit of the scientific way of thinking is elevated to the exploration of the soul’s most important achievements for human beings.
[ 10 ] Damit aber war für das Gebiet, das dem Menschen als ethisches, als sittliches Wesen zugrunde liegt, die geisteswissenschaftliche Methode geltend gemacht, und diese besteht in nichts anderem als in dem Erleben eines Inhalts, der da ist, wenn das menschliche Seelenleben sich losreißt von dem Haften an einem äußeren Objekte. Und wenn die Seele dann noch etwas erleben kann, dann ist das Erlebnis ein übersinnliches. Qualitativ ist dasjenige, was da erstrebt worden ist als seelische Beobachtungsresultate, nichts anderes, als was später von mir geltend gemacht worden ist mit Bezug auf die Erforschung der verschiedenen Gebiete der übersinnlichen Welten. Man wird durch dasjenige, was später geltend gemacht worden ist, allerdings in andere Gebiete geführt als diejenigen, die dem Menschen zunächst im gewöhnlichen Leben vorliegen; aber man verfährt mit Bezug auf das Innerste der Seelenverfassung auch für diese übersinnlichen Gebiete nicht anders, als man zu verfahren hat, wenn man das Wesen der menschlichen Freiheit untersucht, so daß man eine wirkliche Erkenntnis dieses Wesens erhält. Man beschränkt den Gegenstand der Untersuchung zunächst auf den Menschen als freies Wesen innerhalb der physischen Welt, aber dieses freie Wesen wurzelt in einem Übersinnlichen. Man bewegt sich in den Freiheitsuntersuchungen in einem Strom übersinnlicher Forschung. Wer dann in vollem Sinne ernst nimmt, was er da eigentlich tut, was da eigentlich in ihm geschieht, indem er sich in diesem Strom übersinnlicher Forschung bewegt, bei dem bietet sich nach und nach selbst der Weg, dasjenige, was er nun angewendet hat behufs Untersuchung der menschlichen Freiheit, auch für weitere Gebiete anzuwenden. Und eines tritt für ihn hervor aus solchen Untersuchungen mit einer deutlich sprechenden Notwendigkeit: daß der Mensch, wenn er sich nur nicht durch naturwissenschaftliche Vorurteile den Weg zur Freiheit verdunkelt, wenn er unbefangen dasjenige im Freiheitswesen untersucht, was ihm im alleralltäglichsten Leben vorliegt, daß der Mensch dazu kommt, wenigstens zunächst für dieses Gebiet anzuerkennen, daß er imstande ist, sich in seinem inneren Seelenleben loszureißen von der Leiblichkeit, die sonst das Werkzeug des Denkens ist, weil diese Leiblichkeit eben gerade das liefern muß, was die äußere Beobachtung bietet, zu der dann der Gedanke als die Ergänzung hinzutritt. Und man weiß, was übersinnliche Forschung ist, wenn man in richtiger Weise geforscht hat über das Freiheitsproblem. Man steht in dem Geiste dieser Forschung schon drinnen, der dann auch hinaufführt in die Höhe der übersinnlichen Welt. Gerade aber aus dem Grunde, weil der Geist des Agnostizismus es dahin gebracht hat, lieber ein unbefangenes Beobachtungsresultat wie dasjenige, das von der Untersuchung der Freiheit kommt, hinwegzuleugnen, als den Sinn der Kausalerklärung zu modifizieren, war es tatsächlich notwendig, sich entgegenzustellen dem, was naturwissenschaftliche Weltanschauung am Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Freiheitsproblem gemacht hatte.
[ 10 ] Thus, however, the spiritual-scientific method was applied to the realm that underlies human beings as ethical, moral beings, and this method consists of nothing other than the experience of a content that is present when human soul life breaks free from its attachment to external objects. And if the soul is then able to experience something further, that experience is a supersensible one. Qualitatively, what has been sought here as results of soul observation is nothing other than what I later asserted with regard to the exploration of the various realms of the supersensible worlds. What was later asserted does indeed lead one into realms other than those immediately accessible to human beings in ordinary life; but with regard to the innermost nature of the soul’s constitution, one proceeds in these supersensible realms no differently than one must proceed when investigating the essence of human freedom, so that one gains a true understanding of this essence. One initially limits the subject of investigation to the human being as a free being within the physical world, but this free being is rooted in the supersensible. In the investigation of freedom, one moves within a current of supersensible research. For anyone who takes fully seriously what he is actually doing—what is actually happening within him as he moves within this current of supersensible research—the path gradually opens up of applying what he has now employed for the investigation of human freedom to other realms as well. And one thing emerges for them from such investigations with a clearly evident necessity: that if a person does not obscure the path to freedom through scientific prejudices, if they impartially investigate that aspect of the nature of freedom which is present in their most everyday life, then that person will come to at least initially, in this realm, to recognize that he is capable of detaching himself, in his inner spiritual life, from the physicality that is otherwise the instrument of thought—because this physicality must precisely provide what external observation offers, to which thought then adds its complement. And one knows what supersensible research is when one has properly investigated the problem of freedom. One is already immersed in the spirit of this research, which then leads one upward into the heights of the supersensible world. But precisely because the spirit of agnosticism has led people to prefer denying an unbiased observational result—such as that which arises from the investigation of freedom—rather than modifying the meaning of causal explanation, it was indeed necessary to oppose what the scientific worldview had made of the problem of freedom by the end of the 19th century.
[ 11 ] Was der Mensch in seinem Innersten erlebt, was er erlebt in bezug auf sein Verhältnis zur Welt, das erfordert, daß er sich verständigt mit sich selbst über das in der Welt und in seinem Wesen, woraus der Impuls der Freiheit quillt. Wenn sich der Mensch über dieses nicht mit sich selbst verständigen kann, dann treten für ihn die Folgen im unmittelbaren Leben auf. Dann treten diese so auf, daß er sich selber ein unverständliches, ein für seine eigene Erkenntnis und dadurch auch für sein Leben nicht durchsichtiges Wesen ist. Er fühlt sich dann in der Welt so, als ob er nicht auf einem richtigen Boden mit seiner Erkenntnis stünde. Er sieht gewissermaßen in sich hinein, und da, wo er sein eigenes Wesen glänzen und leuchten sehen wollte, da sieht er eine Art Aushöhlung. Über diese Aushöhlung läßt sich «Ignorabimus» sagen, läßt sich diskutieren und philosophieren, mit dieser Aushöhlung läßt sich aber nicht leben. Sie höhlt das Leben selber aus, verödet es, ertötet seine wichtigsten, seine intensivsten Antriebe, tilgt aus dasjenige, was der Mensch braucht an innerem Lebensgehalt, um den Zusammenhang zu finden mit dem äußeren Lebensgehalt in der für ihn und die Welt notwendigen Betätigung. Will man den Menschen in seinem Verhältnisse zur Tat begreifen, dann braucht man eine Freiheitsphilosophie. Dann braucht man aber auch, zunächst wenigstens für das Problem der Freiheit, eine übersinnliche Forschung.
[ 11 ] What a person experiences in their innermost being—what they experience in relation to the world—requires that they come to terms with themselves regarding what is in the world and in their own nature from which the impulse of freedom springs. If a person cannot come to terms with this within themselves, the consequences will manifest in their immediate life. These consequences manifest in such a way that he becomes an incomprehensible being to himself—one that is not transparent to his own understanding and, consequently, to his life as well. He then feels in the world as if his understanding were not grounded on solid ground. He looks, as it were, into himself, and where he would like to see his own being shining and glowing, he sees a kind of hollowness. One can speak of this void—one can discuss and philosophize about it—but one cannot live with this void. It hollows out life itself, renders it barren, kills its most important, its most intense drives, and erases that inner substance of life which human beings need in order to find a connection with the outer substance of life in the activity necessary for themselves and the world. If one wishes to understand human beings in their relationship to action, then one needs a philosophy of freedom. But then one also needs—at least initially, for the problem of freedom—a transcendental inquiry.
[ 12 ] An diesem Problem der Freiheit zeigt es sich mit aller Schärfe, wie das menschliche Wesen selber sich entgegenstellen muß der agnostischen Weltanschauung. Das konnte, wollte man zur Anthroposophie vorrücken, sich einem schwer auf die Seele legen, wenn man es zu gleicher Zeit ganz ehrlich meinte mit dem, was in großartiger Weise naturwissenschaftliche Forschung in der neueren Zeit hervorgebracht hat. Denn wer die Erkenntnis so betrachtet, wie ich das gestern geschildert habe — als einen Lebensprozeß, nicht nur als etwas Formales —, der muß, wenn er nach Erkenntnis strebt, sein Leben verbinden mit diesem realen Erkenntnisprozefß3 selbst. Und indem er ein Mensch der Tat wird, verbindet sich dasjenige, was er für die Welt ist, mit dem, was sich durch seine Erkenntnis in ihm als sein innerstes Wesen ihm selber offenbart.
[ 12 ] This problem of freedom reveals with the utmost clarity how human beings themselves must oppose the agnostic worldview. If one were to move toward anthroposophy, this could weigh heavily on one’s soul, especially if one were at the same time entirely sincere about the magnificent achievements of scientific research in recent times. For whoever regards knowledge as I described it yesterday—as a life process, not merely as something formal—must, in striving for knowledge, connect his life with this real process of knowledge³ itself. And as they become a person of action, what they are to the world becomes united with what is revealed to them through their knowledge as their innermost being.
[ 13 ] Nun konnte einem in dieser Epoche des Agnostizismus auch eine menschliche Erscheinung gegenübertreten, die sich darstellt wie die lebendige Verkörperung der Frage: Wie läßt sich leben mit demjenigen, was agnostische Gesinnung als eine absolute, unumstößliche Wahrheit ansieht? — Demjenigen, der sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auseinandersetzen wollte mit dieser bedeutsamen Lebensrätselfrage, mußte diese menschliche Erscheinung in irgendeiner Weise selber wie ein Zeitenrätsel begegnen. Mit dieser menschlichen Erscheinung meine ich Friedrich Nietzsche. Friedrich Nietzsche war wohl für jeden in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine menschliche Erscheinung, die wie lebendig verkörperte dasjenige, was sich einem vor die Seele drängte, wenn man nach den Erkenntnisquellen anthroposophischen Lebens suchte. Das ist das Einzigartige der Persönlichkeit Friedrich Nietzsches, daß gewissermaßen in seiner Seele sich ablud alles dasjenige, was man gerade an den hervorragendsten nach dem Agnostizismus hindrängenden Gedanken- und Empfindungswelten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erleben konnte.
[ 13 ] Now, in this era of agnosticism, one might also encounter a human figure who presents himself as the living embodiment of the question: How can one live with that which the agnostic mindset regards as an absolute, irrefutable truth? —For anyone in the last third of the 19th century who sought to grapple with this profound existential enigma, this human figure must itself have appeared, in some way, as an enigma of the times. By this human figure, I mean Friedrich Nietzsche. For everyone in the last third of the 19th century, Friedrich Nietzsche was indeed a human figure who seemed to embody, as if alive, that which pressed itself upon one’s soul when seeking the sources of knowledge of an anthroposophical life. This is what makes Friedrich Nietzsche’s personality so unique: that, in a sense, everything one could experience in the last third of the 19th century—specifically the most outstanding worlds of thought and feeling that were pushing toward agnosticism—found its outlet in his soul.
[ 14 ] Friedrich Nietzsche war ausgegangen von einem rechten Erkenntnisleben, und obwohl er eigentlich ein ausgezeichneter Philologe war, so ausgezeichnet, daß, bevor er noch seinen Doktor gemacht hatte, er eine Universitätsprofessur erlangte, lebte sich in seiner Seele aus ein Zusammenhang mit.der naturwissenschaftlichen Richtung seiner Zeit. Er konnte nicht anders, als sich zur Welt so verhalten, daß ihm diese Welt Wahrnehmung wurde im Sinne der naturwissenschaftlichen Gesinnung seiner Zeit. Da er erleben mußte aus dem Ganzen, aus dem Vollmenschentum heraus, so brauchte er für diese Wahrnehmungswelt, die doch nur die halbe Welt ist, dasjenige, was aus dem Inneren der Seele sich mit dieser Wahrnehmungswelt zu einer vollen Wirklichkeit erst verbinden muß. Nietzsche sah die äußere Wahrnehmungswelt, und er sah sie so an, wie man sie eben ansehen mußte im Sinne seiner Epoche. Und der Eindruck dieser Wahrnehmungswelt schmerzte Nietzsche. Man muß nur die ganze Psychologie dieser Nietzsche-Seele sich selber einmal vor die eigene Seele rücken, um den Satz verstehen zu können: Die äußere Beobachtung, tingiert von naturwissenschaftlicher Gesinnung, wurde für Nietzsche zum innerlichen Schmerz. — Nichts Geringeres liegt hier vor, als daß allmählich die naturwissenschaftliche Denkweise die äußere Wahrnehmungswelt zu einer solchen gemacht hat, die innerlich Schmerz macht, wenn man sie auf sich wirken läßt. Denn alles dasjenige macht Schmerz, was der Mensch so ansehen möchte, daß es ihn erfüllt, daß es seiner Seele Inhalt gibt, und von dem er dann doch gewahr wird, daß es dieser nicht einen vollen Inhalt gibt, daß es ihn leer läßt. Dann tritt das Furchtbare in seiner Seele auf, daß er Hunger hat nach dem, was ihm die Welt geben sollte, und daß er diesen Hunger nicht sättigen kann, weil ihm die Welt keine volle Sättigung geben kann.
[ 14 ] Friedrich Nietzsche had started out with a sound intellectual foundation, and although he was in fact an outstanding philologist—so outstanding, in fact, that he had secured a university professorship even before earning his doctorate—his soul was deeply imbued with the scientific spirit of his time. He could not help but relate to the world in such a way that this world became perception for him in the sense of the scientific mindset of his time. Since he had to experience the whole—from the perspective of full humanity—he needed, for this world of perception—which is, after all, only half the world—that which, from within the soul, must first unite with this world of perception to form a full reality. Nietzsche saw the external world of perception, and he viewed it as one simply had to view it in the spirit of his era. And the impression of this world of perception pained Nietzsche. One need only bring the entire psychology of Nietzsche’s soul before one’s own soul to understand the statement: External observation, tinged with a scientific mindset, became an inner pain for Nietzsche. — What is at stake here is nothing less than the fact that, gradually, the scientific way of thinking has transformed the external world of perception into one that causes inner pain when one allows it to take effect upon oneself. For everything that causes pain is that which a person would like to view in such a way that it fills him, that it gives his soul substance, and of which he then realizes that it does not provide his soul with full substance, that it leaves him empty. Then the terrible realization arises in his soul that he hungers for what the world ought to give him, and that he cannot satisfy this hunger because the world cannot provide him with full satisfaction.
[ 15 ] Das fühlte Nietzsche zunächst, als er in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts Mann wurde. Da wandte er sich an dasjenige, was ihn gewissermaßen über diesen im Innersten seiner Seele an der äußeren Wahrnehmung erlebten Schmerz, über dieses Weltenleid hinwegführen konnte. Er suchte überall nach Elementen in dem, was ihm in der Weltenkultur, in der Menschheitsentwickelung entgegentreten konnte, um sich hinwegzuheben über den großen inneren Schmerz, den er im Verkehr mit der Welt erlebte. Und da ergab sich ihm zunächst zweierlei: Erstens lebte er sich ein in die wunderbare Richard Wagnersche musikalische Welt und künstlerische Weltanschauung. Er suchte mit seiner ganzen Seele aufzugehen in die Art und Weise, wie Richard Wagner, hinter sich lassend die äußere Welt, sich erhob zu einer vom Menschen zu schaffenden Welt, die alles das zu Hilfe nimmt, was die Menschheit in ihren Mythen und so weiter jemals geschaffen hat, um hinauszukommen über das unmittelbare äußere Dasein. Und das verband sich für Friedrich Nietzsche mit dem zweiten Element, mit der Schopenhauerschen Philosophie, deren Anhänger Richard Wagner selbst nach seiner Feuerbachschen Zeit geworden war. In der Schopenhauerschen Philosophie lebte für Nietzsche erst ganz die Bestätigung, daß die Wahrnehmung der Außenwelt wirklich nur den Pessimismus anregen kann. Es lebte für ihn die Bestätigung, daß dasjenige, was die Seele erleben muß, nicht in der äußeren Welt, nicht in der Welt des blinden Willens zu finden sei, daß der Mensch sich also hinwegheben muß durch ein von ihm selbst Geschaffenes über dasjenige, was äußere Beobachtung geben kann. Für Friedrich Nietzsche war es eine Wohltat, von Schopenhauer auf der einen Seite zu hören, daß die menschliche Vorstellungswelt, die in Gemäßheit seiner Epoche nur ein unvollkommenes, schmerzvolles Bild der Welt liefern konnte, eigentlich nur eine illusorische sei, und daß dasjenige, was nicht Illusion ist, der Wille, im Grunde genommen für den Menschen nichts Zwingendes hat, so daß der Mensch ein Recht hat, sich gewissermaßen durch die Illusion über die Blindheit und Torheit des Willens in der Welt hinwegzuheben.
[ 15 ] This is what Nietzsche first felt as he came of age in the 1860s. At that time, he turned to whatever could, in a sense, lead him beyond this pain—experienced in the innermost depths of his soul through his perception of the external world—and beyond this suffering of the world. He searched everywhere for elements within what he encountered in world culture and in the development of humanity that could help him rise above the great inner pain he experienced in his interaction with the world. And there, two things presented themselves to him at first: First, he immersed himself in Richard Wagner’s wondrous musical world and artistic worldview. He sought with his whole soul to lose himself in the way Richard Wagner, leaving the external world behind, rose to a world to be created by human beings—a world that draws upon everything humanity has ever created in its myths and so on—in order to transcend immediate external existence. And for Friedrich Nietzsche, this was linked to the second element: Schopenhauer’s philosophy, to which Richard Wagner himself had become a follower after his Feuerbach period. In Schopenhauer’s philosophy, Nietzsche found the full confirmation that the perception of the external world can truly inspire only pessimism. For him, it confirmed that what the soul must experience cannot be found in the external world, nor in the world of blind will; that human beings must therefore rise above what external observation can provide through something they have created themselves. For Friedrich Nietzsche, it was a relief to hear from Schopenhauer, on the one hand, that the human world of ideas—which, in keeping with its era, could offer only an imperfect, painful image of the world—was in fact merely an illusion, and that what is not an illusion—the will—is, in essence, not binding upon human beings, so that humans have a right, as it were, to rise above the blindness and folly of the will in the world through this illusion.
[ 16 ] Mit diesem zweiten Element verband sich etwas anderes für Nietzsche. Es verband sich das, was sich ihm ergab aus seinen philologischen Vertiefungen heraus: ein Sich-Hineinleben in die Art und Weise der griechischen Seelenverfassung, in dte Art und Weise, wie der Grieche sich auf seine Art hinweggeholfen hat über das unbefriedigende Dasein, wie Nietzsche meinte. Er vertiefte sich in den eigentlichen Sinn der griechischen Kunst, und ihm kam dieser Sinn so vor, als ob der Grieche voll empfunden hätte die ganze Tragik und den ganzen Schmerz des unbefriedigenden sinnlichen Daseins. Er meinte, daß der Grieche zur Kunst gegriffen habe, um sich hinwegzuheben über den sonst notwendigen Pessimismus des Daseins. Griechische Kunst, deren Wiedererneuerung Nietzsche auch für den modernen Menschen wünschte, war für ihn ein Trost, den die Menschheit suchte gegenüber der nur in pessimistischem Sinne zu erfühlenden äußerlichen Wahrnehmungswelt.
[ 16 ] For Nietzsche, this second element was connected to something else. It was connected to what emerged for him from his philological studies: an immersion into the nature of the Greek soul, into the way in which the Greeks, in their own way, coped with what Nietzsche regarded as an unsatisfying existence. He delved into the true meaning of Greek art, and this meaning struck him as though the Greeks had fully experienced the entire tragedy and all the pain of an unsatisfying sensory existence. He believed that the Greeks had turned to art in order to rise above the otherwise inevitable pessimism of existence. Greek art—whose revival Nietzsche also desired for modern man—was, for him, a consolation that humanity sought in the face of an external world of perception that could be experienced only in a pessimistic sense.
[ 17 ] Der Mensch brauchte, so meint Nietzsche, die Flucht hinauf in eine Welt, die ihn hinwegführte über den Schmerz des Daseins. Und aus dieser Gesinnung heraus, aus dieser Tragik, aus diesem Seelenschmerze heraus schrieb Nietzsche sein erstes Buch «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Der Geist, aus dem heraus er es schrieb, war der Glaube, daß der Grieche das Tragische des wahrnehmbaren Daseins so tief empfand, daß er sich über diese Tragik nur hinwegbringen konnte, indem er sich über alle Wirklichkeit die Tragödie im Geiste schuf, um in dieser Trost zu empfinden für die Tragödie der äußeren Wahrnehmungs-Wirklichkeit. Von diesem Sinn des Weltenseins, wie er ihn auffaßte, war dann Nietzsche erfüllt, als er seine «Unzeitgemäßen Betrachtungen» schrieb, als er David Friedrich Strauß abfertigte, als er das Unbefriedigende einer bloß historischen Darstellungsweise, die nur immer registriert, schildern wollte, als er den eigentlichen Geist der Wagnerschen Musik angeben wollte und als er über Schopenhauer selber sprechen wollte. Das war alles in der ersten Hälfte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts.
[ 17 ] According to Nietzsche, human beings needed to escape into a world that would carry them beyond the pain of existence. And it was out of this mindset, out of this tragedy, out of this anguish of the soul, that Nietzsche wrote his first book, *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*. The spirit from which he wrote it was the belief that the Greeks felt the tragedy of perceptible existence so deeply that they could only overcome this tragedy by creating, in their minds, a tragedy that transcended all reality, in order to find solace in it for the tragedy of external perceptual reality. Nietzsche was then imbued with this sense of being in the world, as he understood it, when he wrote his “Untimely Meditations,” when he dismissed David Friedrich Strauss, when he sought to describe the unsatisfactory nature of a merely historical mode of representation that merely records, when he sought to articulate the true spirit of Wagner’s music, and when he sought to speak about Schopenhauer himself. All of this took place in the first half of the 1870s.
[ 18 ] In diesen «Unzeitgemäßen Betrachtungen» hielt Nietzsche seiner Zeit, die an der unbefriedigenden, für ihn schmerzvollen Wahrnehmung haftete, den Spiegel so vor, daß er überall dem, was die Zeitgenossen sagten, das entgegensetzte, was der Vollmensch in sich finden und erfinden muß, um überhaupt das zu ertragen, worinnen nach Nietzsches Meinung die Zeitgenossen philiströs glücklich zu sein sich einbilden konnten. David Friedrich Strauß stellte er geradezu als den Typus des Philisters hin, der hinweist auf das Befriedigende der äußeren Wahrnehmungswelt, der in hausbackener Art nicht aufsteigen will zu einem über diese Wahrnehmungswelt hinwegführenden Geist.
[ 18 ] In these “ “Untimely Meditations,” Nietzsche held up a mirror to his era—which was mired in a perception he found unsatisfying and painful—in such a way that he countered everything his contemporaries said with what the “full human” must find and invent within himself in order to endure at all that which, in Nietzsche’s opinion, his contemporaries could delude themselves into believing made them philistinely happy. He portrayed David Friedrich Strauss as the very archetype of the philistine, one who points to the satisfactions of the external world of perception and who, in a homespun manner, refuses to rise to a spirit that transcends this world of perception.
[ 19 ] Dann aber kam für Nietzsche die Zeit um 1876, in der sich ihm zeigte, welchen Druck diese naturwissenschaftliche Gesinnung der neueren Zeit, die im Grunde genommen doch alles durchdringt, was einem geistig entgegentritt, auf die menschliche Seele ausüben kann. Zuletzt wurdedie Kraft, mit der sich Nietzsche in eine Trosteswelt hinaufflüchten wollte gegenüber dem Unbefriedigenden der äußeren Wahrnehmungswelt, flügellahm. Er konnte sich nicht mehr dem Glauben hingeben, daß man irgendwie aus dem Menschen selber heraus finden könne einen Ausweg in eine trostvolle, selbstgeschaffene Welt, denn er empfand nach und nach dasjenige, was sich da über die äußere Wahrnehmungswirklichkeit erheben will, wie eine Lüge, wie eine lügenvolle Illusion. Und die Jahre 1875, 1876 wurden für ihn solche, wo er, wie er sich selber ausdrückte, eine solche Lebenslüge nach der andern aufs Eis legte, damit sie erfrieren müßte.
[ 19 ] But then, around 1876, Nietzsche came to realize the pressure that this modern scientific mindset—which, in essence, permeates everything that confronts the mind—can exert on the human soul. Ultimately, the strength with which Nietzsche had sought to take refuge in a world of consolation—as a counterbalance to the unsatisfactory nature of the external world of perception—was sapped. He could no longer indulge in the belief that one could somehow find, from within humanity itself, a way out into a comforting, self-created world, for he gradually came to perceive that which seeks to rise above the reality of external perception as a lie, as a deceitful illusion. And the years 1875 and 1876 became, for him, years in which, as he himself put it, he cast one such “life lie” after another onto the ice, so that they might freeze to death.
[ 20 ] Das war im Grunde genommen ein noch tragischerer Seelenzustand als der frühere, denn in dem früheren glaubte er, daß er Trost finden könne in den Lebensillusionen über die Wahrnehmungswelt, die sich als Wirklichkeit trotz ihrer Einseitigkeit aufdrängte. Jetzt aber konnte er nicht einmal mehr an diesen Illusionen als an einem Trost festhalten, und er wurde in einer gewissen Beziehung ein Wahrheitsfanatiker, so daß er sich sagte: Mag diese Wirklichkeit, die die äußeren Sinne darbieten, noch so tief die Seele innerlich schmerzvoll zerreißen, sie ist die Wirklichkeit, die uns zunächst vorliegt. — Diese ungeheure Last übte die agnostische Gesinnung auf Friedrich Nietzsche aus. Er konnte fortan diese Last nicht mehr heben, und so seufzte er denn aus dasjenige, was er in seinen Aphorismenbüchern «Menschliches Allzumenschliches» gab: O du armer Mensch — so etwa empfand Nietzsche —, o du armer Mensch, du malst dir Ideale, Illusionen vor, in denen du dich hinausflüchtest aus dem sinnlichen in ein übersinnliches Gebiet; du willst dich erheben von einem Menschlichen zu einem Göttlichen; du fällst, indem du Kräfte entwickelst, die zu solchen Illusionen dich verführen, nur noch tiefer in die menschlichen Untergründe hinein, und dasjenige, was du zunächst in naiver Weise als dein Menschliches entwickelt hast, das wird ein Untermenschliches, ein Allzumenschliches. Prüfe deine Instinkte, prüfe deinen Egoismus, und du wirst sehen, wie du dir die Selbstlosigkeit als Illusion, als ein moralisches Ideal vorzauberst! Die Wahrheit ist, daß du redest von selbstlosen Idealen, aber im Grunde genommen nur einem feineren, einem allzumenschlichen Egoismus huldigst; in deinem Unterbewußtsein lebt ein Element, das tief unter deinem Menschlichen steht, nicht nur steht unter dem, wozu du dich hinaufschrauben willst, als zu einem Göttlichen. — Aus solcher Stimmung heraus entstanden für einen wirklichen Wahrheitssucher die Schriften «Menschliches Allzumenschliches».
[ 20 ] This was, in essence, an even more tragic state of mind than the previous one, for in the earlier state he believed he could find solace in the illusions of life regarding the perceptual world, which imposed itself as reality despite its one-sidedness. Now, however, he could no longer even cling to these illusions as a source of comfort, and in a certain sense he became a fanatic of truth, so that he said to himself: No matter how deeply this reality, as presented by the external senses, may tear the soul apart with inner pain, it is the reality that lies before us for the time being. — This immense burden was imposed on Friedrich Nietzsche by his agnostic disposition. From then on, he could no longer bear this burden, and so he sighed forth what he expressed in his book of aphorisms, *Human, All Too Human*: “O you poor human being”—this is roughly how Nietzsche felt—“O you poor human being, you conjure up ideals, illusions, into which you flee from the sensory realm into a supersensory one; you want to rise from the human to the divine; by developing forces that seduce you into such illusions, you only fall deeper into the human depths, and what you initially developed in a naïve way as your humanity becomes something subhuman, something all-too-human. Examine your instincts, examine your selfishness, and you will see how you conjure up selflessness as an illusion, as a moral ideal! The truth is that you speak of selfless ideals, but fundamentally you are merely worshiping a more refined, an all-too-human selfishness; in your subconscious there lives an element that lies far beneath your humanity—not merely beneath what you strive to ascend to, namely the divine. — It was from this state of mind that the writings “Human, All-Too-Human” emerged for a true seeker of truth.
[ 21 ] Aber Nietzsche war nicht bloß ein theoretischer Erkenner, Nietzsche war eine Seele, innerhalb der sich ablud alles dasjenige, was man in der Weltanschauungsentwickelung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erleben konnte. Nietzsche konnte auch diesen Wahrheitsfanatismus nicht so ausgießen in seine Schriften und seine Gedanken, in seine Worte, wie ihn ausgießen die Theoretiker. Nietzsche konnte nicht in der selbstgenügsamen Weise etwa reden wie ein Emil Du BoisReymond in seiner Ignorabimus- oder Welträtsel-Rede. Das Reden in solcher Art war für Nietzsche unsäglich weltenfremd, denn für ihn war Weltennähe dasjenige, was unmittelbar im Intimen der menschlichen Seele lebt, was sich erleben läßt, wenn man gerade in sein tiefstes Inneres hinuntersteigt. Deshalb konnte es für Nietzsche die Stimmung nicht geben, die aalglatt sich von Begriff zu Begriff elegant hinschlängelt in Ignorabimus-Reden. Man beobachte nur einmal vom rein menschlichen, aber vom vollmenschlichen Standpunkt, Stil und Haltung einer solchen Ignorabimus-Rede. Da ist es, als ob der Mensch so redete, daß sein Herz bei seiner Rede, daß sein Vollmensch bei seiner Rede gar nicht dabei wäre, daß automatisch ablaufen die Gedanken des Kopfes. Es windet sich aalglatt irgend etwas recht wenig Festes und Dichtes durch alle die Satzgefüge, die von dem Laplaceschen Weltgedanken und dergleichen reden und dann davon, daß da, wo die naturwissenschaftlich erfaßbare Welt aufhört, der Supernaturalismus beginnen müsse, daß aber, wo Supernaturalismus beginnt, eben die Wissenschaft aufhören müsse.
[ 21 ] But Nietzsche was not merely a theoretical thinker; Nietzsche was a soul within whom everything that could be experienced in the development of worldviews during the last third of the 19th century found expression. Nietzsche could not pour this fanaticism for truth into his writings and his thoughts, into his words, in the same way that theorists do. Nietzsche could not speak in the self-sufficient manner of, say, an Emil Du Bois-Reymond in his “Ignorabimus” or “The Riddle of the World” speech. Speaking in such a manner was, for Nietzsche, unspeakably alien to the world, for to him, closeness to the world was that which lives directly within the innermost recesses of the human soul—that which can be experienced when one descends into one’s deepest inner self. That is why Nietzsche could not share the mood that glides smoothly and elegantly from concept to concept in “Ignorabimus” speeches. One need only observe, from a purely human yet fully human standpoint, the style and attitude of such an “Ignorabimus” discourse. It is as if the person were speaking in such a way that his heart—that his fully human self—were not present at all while he speaks, as if the thoughts of the mind were running their course automatically. Something quite insubstantial and diffuse winds its way, as smooth as an eel, through all the sentence structures that speak of Laplace’s conception of the world and the like, and then of the fact that where the scientifically comprehensible world ends, supernaturalism must begin—but that where supernaturalism begins, science must end.
[ 22 ] Für Nietzsche wurde das, was er da erleben konnte, ein wirklicher Lebensinhalt und eine Lebenstragik. Die wissenschaftliche Entwickelung selber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde für Friedrich Nietzsche zur innersten Lebenstragik, denn er mußte jetzt, nachdem er ein Wahrheitsfanatiker, ein Positivist, ein Voltairianer geworden war, dasjenige, was sich in seinem Kopfe entlud, mit seinem ganzen Menschen durchdringen, er mußte das Vollmenschliche dabei empfinden. Was er früher aus dem Geiste des menschlichen Hauptes heraus, aus dem Kopfwissen, sich erträumt hatte in seiner «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», in seinen «Unzeitgemäßen Betrachtungen» als den Trost über die wissenschaftliche Lebenstragik, das konnte er jetzt nicht mehr aus seinem Gedankensystem gewinnen, das ergab für ihn nicht mehr das Denken. Er wollte in der ersten Epoche seines Lebens die dunkle wie ich gestern charakterisiert habe —, wie aus einem Schlafe heraus wirkende Wahrnehmung durchdringen und erleuchten mit menschlichem Seeleninhalte. Aber dieser menschliche Seeleninhalt wurde für ihn nur dasjenige, was sich ihm dann als Illusion entpuppte. Und so fühlte er sich in seiner positivistischen Periode hingewiesen auf die einseitige Wahrnehmungswelt, die nur ein Teil der Wirklichkeit ist, aber nicht die volle Wirklichkeit.
[ 22 ] For Nietzsche, what he was able to experience there became the very meaning of his life and the tragedy of his existence. Scientific development itself in the last third of the 19th century became the innermost tragedy of life for Friedrich Nietzsche, for now—having become a fanatic of truth, a positivist, a Voltairean—he had to let what was unfolding in his mind permeate his entire being; he had to feel the fullness of humanity in the process. What he had previously dreamed up from the spirit of the human mind—from intellectual knowledge—in his *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music* and in his *Untimely Meditations* as a consolation for the scientific tragedy of life, he could no longer derive from his system of thought; for him, that system no longer yielded thought. In the first phase of his life—the “dark” one, as I characterized it yesterday—he sought to penetrate and illuminate perception—which seemed to arise as if from sleep—with the content of the human soul. But this human spiritual content became for him only that which subsequently turned out to be an illusion. And so, during his positivist period, he felt confined to the one-sided world of perception, which is only a part of reality, but not the whole of reality.
[ 23 ] So mußte Nietzsche aus andern Quellen heraus zu einer Erfüllung der Seele mit einem Inhalt kommen, mit dem sich für ihn wenigstens leben ließ. Was ihm der Gedanke nicht mehr erleuchtete, das mußte, wie in einem inneren Seelenbrande, der für ihn verhängnisvoll wurde, Gefühl und Emotion entwickeln, und wir sehen dieses Gefühl und diese Emotion wie gedankenverbrennend wirken in seinen aus der Seele wie durch eine innere Seelenentzündung heraus entstandenen Schriften aus den siebziger Jahren «Morgenröte» und «Fröhliche Wissenschaft». So schön diese auch sind — es hat sich dasjenige, was sich ihm in krankhaften Seelenerlebnissen aufgehäuft hatte, in Entzündungen entladen, die feuriges Leben durch die Seele gossen, und dieses feurige Leben konnte nun für kurze Zeit ihn hinwegheben über das Unbefriedigende, über das ihn früher jener Trost hinwegheben sollte, von dem ich Ihnen gesprochen habe.
[ 23 ] Thus Nietzsche had to turn to other sources to find a way to fill his soul with a content that would at least allow him to go on living. What thought could no longer illuminate for him had to be developed—as in an inner spiritual fire that proved fateful for him—through feeling and emotion, and we see this feeling and this emotion acting as if to burn away thought in his writings from the 1870s, *Dawn* and *The Gay Science*, which sprang from his soul as if through an inner spiritual inflammation. As beautiful as these works may be—what had accumulated within him through pathological psychological experiences discharged itself into inflammations that poured fiery life through his soul, and this fiery life was now able, for a short time, to lift him above the unsatisfactory, above that which had previously been meant to lift him through the comfort of which I have spoken to you.
[ 24 ] Aber noch war Nietzsche so fest in seinem Inneren, daß er dieses Entzündliche seiner Seele empfand; noch war er so fest in seinem Inneren, daß er den Drang fühlte, zu der äußeren Wahrnehmung das innere Erlebnis hinzuzufinden. Und indem er gewissermaßen seine letzten Kräfte zusammenfaßte, um hinwegzukommen über die einseitige Wahrnehmungswelt, hinzukommen zu demjenigen Erlebnis, das mit dieser äußeren Wahrnehmung zusammen erst die volle Wirklichkeit gibt, liegt in dieser Bestrebung dasjenige, was sich in ihm auslebte in seiner dritten Epoche, als er seinen «Zarathustra» schrieb, jenen «Zarathustra», der dadurch zu charakterisieren ist, daß Nietzsche sich sagte: Nun ist man Mensch geworden, aber als Mensch ist man verurteilt, an der Welt zu leiden, denn die Welt gibt einem eine Einseitigkeit, die Welt erfüllt einen nicht. Man ist Mensch geworden und steht in der Welt. Aber was heißt Mensch sein, wenn die Welt in dem Menschen nicht das auslöst, was diesen zu einem Wesen macht, nach dem seine tieferen Kräfte selber drängen müssen? — Und so preßte sich aus der Nietzsche-Seele heraus der Gedanke: Also darf der Mensch nicht Mensch bleiben, denn bleibt er Mensch, so höhlt er sich aus, so muß er im Schmerze ertrinken. Der Mensch muß zum Übermenschen werden. Der Mensch, der sich mit seinem Wesen in der Welt nicht verständigen kann, er muß sich überwinden. Es muß eine Brücke geben, wie es sie gibt vom Wurm zum Menschen, so vom Menschen zum Übermenschen. Sprengen wollte Nietzsche diese menschliche Hülle, damit aus diesem Sprengen das werde, was nun in Übereinstimmung mit der Welt aus den tiefsten Triebfedern des Menschlichen heraus leben konnte. Und Zarathustra sollte der Lehrer und Träger dieser Übermenschen-Idee sein.
[ 24 ] But Nietzsche was still so firmly rooted within himself that he sensed this fiery quality of his soul; he was still so firmly rooted within himself that he felt the urge to find his inner experience alongside his external perception. And as he, so to speak, mustered his last reserves of strength to transcend the one-sided world of perception, to reach that experience which, together with this external perception, alone constitutes full reality—it is in this striving that lies what came to full expression within him during his third epoch, when he wrote his *Zarathustra*, that *Zarathustra* which can be characterized by Nietzsche’s own words: Now one has become human, but as a human being one is condemned to suffer from the world, for the world imposes a one-sidedness upon one; the world does not fulfill one. One has become human and stands in the world. But what does it mean to be human if the world does not trigger within the human being that which makes him a being toward which his deeper powers themselves must strive? — And so the thought forced its way out of Nietzsche’s soul: Therefore, man must not remain a man, for if he remains a man, he hollows himself out; he must drown in pain. Man must become the Übermensch. Man, who cannot come to terms with his nature in the world, must overcome himself. There must be a bridge, just as there is one from the worm to man, so too from man to the Übermensch. Nietzsche wanted to shatter this human shell so that from this shattering might emerge that which could now live in harmony with the world, springing from the deepest driving forces of humanity. And Zarathustra was to be the teacher and bearer of this idea of the Übermensch.
[ 25 ] Aber da konnte Nietzsche nicht sprechen in den Formen, welche der moderne Wissenschaftsgeist, der Geist des Agnostizismus heraufgebracht hatte. Da mußte er sich eine andere Sprache, eine ins Lyrisch-Episch-Dramatische drängende Sprache finden; da mußte er eine Sprache finden, die sogar aus dem Bewußtseinszustand herausführte, in dem konzipiert ist dieser moderne agnostische Wissenschaftsgeist. Es ist etwa, wie wenn Nietzsche überall, gerade in den bedeutsamsten Partien seines «Zarathustra», herausdrängte aus dem gewöhnlichen Bewußtsein zu einer Art Überbewußtsein, als ob er eine Verwandlung, eine Metamorphose des Bewußtseins suchte, um in einer Welt leben zu können, die mit dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein nicht erreichbar ist. Es war Nietzsche, als ob er die Art, wie der Mensch mit der Welt lebt, überwinden müsse. Zarathustra soll nicht ein Mensch sein, der den pedantischen Schritt mitmacht, den sich die Menschheit der neueren Zeit angewöhnt hat, in dem Zeitenmaße, in dem sich die äußere einseitige Wahrnehmungswelt bewegt. Zarathustra sollte werden ein leichtfüßiger Geist, der hinwegtanzt über dasjenige, was sonst den Menschen lastend herunterhält in diese einseitige Wahrnehmungswelt.
[ 25 ] But Nietzsche could not speak in the forms that the modern scientific spirit—the spirit of agnosticism—had brought about. He had to find another language—one that surged toward the lyrical, epic, and dramatic; he had to find a language that would even lead one out of the state of consciousness in which this modern, agnostic scientific spirit is conceived. It is as if Nietzsche, everywhere—especially in the most significant passages of his *Thus Spoke Zarathustra*—were pushing his way out of ordinary consciousness toward a kind of super-consciousness, as if he were seeking a transformation, a metamorphosis of consciousness, in order to be able to live in a world that cannot be reached by ordinary everyday consciousness. It was as if Nietzsche felt he had to transcend the way humans relate to the world. Zarathustra is not meant to be a person who follows the pedantic pace that modern humanity has grown accustomed to, moving at the tempo dictated by the external, one-sided world of perception. Zarathustra was to become a light-footed spirit who dances right past whatever else weighs people down and holds them back in this one-sided world of perception.
[ 26 ] Man sieht überall ein lyrisch-pathetisches Sich-Hinaufarbeiten des Nietzsche-Bewußtseins in eine höhere übersinnliche Welt, in eine Welt, in der der Übermensch gefunden werden konnte, in eine Welt, die man nicht finden kann innerhalb des gewöhnlichen Bewußtseins. Und man sieht in andern Schriften dieser letzten Periode des NietzscheSchaffens, wie auftaucht eine Idee, die nach derselben Richtung hindrängt: jene rätselvolle, geheimnisvolle Idee von der ewigen Wiederkehr des Gleichen.
[ 26 ] Everywhere one sees a lyrical and impassioned striving of Nietzsche’s consciousness toward a higher, supernatural world—a world in which the Übermensch could be found, a world that cannot be found within ordinary consciousness. And in other writings from this final period of Nietzsche’s work, one sees the emergence of an idea that pushes in the same direction: that enigmatic, mysterious idea of the eternal recurrence of the same.
[ 27 ] Indem Nietzsche dieses Leben betrachtete, wie es durchlebt wird zwischen Geburt und Tod, kam es ihm aus alldem, was ich jetzt als Ablagerung in seiner Seele geschildert habe, so vor, als ob es sich unmöglich in sich erschöpfen könnte, als ob es ein Nonsens wäre, wenn es ebenso verliefe, wie es sich darstellte zwischen Geburt und Tod. Da drängte sich aus seinem Inneren heraus die Idee von der Wiederkehr des Gleichen, die Idee, daß das Leben, das ich jetzt durchlebe zwischen Geburt und Tod, nicht das einzige ist, sondern immer wiederkehrt und wiederkehren muß. Und nun tritt, ich möchte sagen, erst das höchst Tragische in Nietzsche auf: die Ungenügsamkeit an dem einen Erdenleben, aber auch das Unvermögen, sich zu einer wahrhaftigen welt- und geistgemäßen Entwickelungsidee zu erheben, welche in den wiederholten Erdenleben einen Fortschritt, einen Aufstieg der Menschheit sieht. Unvermögend war Nietzsche, den wiederholten Erdenleben, die er annahm, einen Sinn aus einem geistgefaßten Entwickelungsgedanken heraus zu geben. So ergriff er krampfhaft die wiederholten Erdenleben, so war er unvermögend, hinauszukommen über eine solche Wiederholung, die immer nur das Gleiche ablaufen läßt, so oft sich auch dieses Erdenleben wiederholen mag. Dieses Erdenleben trägt die Forderung, nicht einzig dazustehen, für ihn in sich. Aber es zeigt sich unvermögend, auch in ewigen Wiederholungen jemals etwas anderes hervorzubringen als das, was das einmal im tiefsten Sinne Unbefriedigende und TragikErweckende ist.
[ 27 ] As Nietzsche contemplated this life, as it is lived between birth and death, it seemed to him—based on all that I have now described as having accumulated in his soul—as if it could never be exhausted in itself, as if it would be nonsense for it to unfold exactly as it appeared between birth and death. Then, from deep within him, the idea of the return of the same surged forth—the idea that the life I am now living between birth and death is not the only one, but rather returns again and again and must return. And now, I would say, the most tragic aspect of Nietzsche emerges: the dissatisfaction with this one earthly life, but also the inability to rise to a truly world- and spirit-appropriate idea of development, one that sees in repeated earthly lives a progress, an ascent of humanity. Nietzsche was unable to give the repeated earthly lives, which he accepted, a meaning derived from a spiritually conceived idea of development. Thus, he clung desperately to the repeated earthly lives; thus, he was unable to transcend such a repetition, which always allows only the same to unfold, no matter how often this earthly life may repeat itself. This earthly life carries within it the demand not to remain merely as it is. But it proves incapable, even in eternal repetitions, of ever producing anything other than that which is, in the deepest sense, unsatisfying and tragic.
[ 28 ] Wenn man dasjenige, was ich da als Nietzsches Seeleninhalt schildere, so nimmt, daß es nun nicht ein System abstrakter Gedanken ist, sondern daß es heraufquillt aus der Vollnatur des Menschen, heraufquillt aus dem Menschen so, daß alles dasjenige dabei ist, was dieser Mensch nach Geist, Seele und Körper ist, dann kann man schon so hinschauen auf diese Persönlichkeit, daß man versteht ihr Zusammenbrechen am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Und es kann uns schon aufmerksam machen auf die besondere Natur der Erkenntnisquellen, die wir brauchen, wenn man sieht, wie ein solches Leben zusammengebrochen ist an den Erkenntnisquellen, die der Agnostizismus als die alleinigen, als die absolut richtigen ansieht.
[ 28 ] If one considers what I describe here as the content of Nietzsche’s soul—not as a system of abstract thoughts, but as something that wells up from the fullness of human nature, wells up from the human being in such a way that it encompasses everything that this person is in terms of mind, soul, and body, then one can indeed view this personality in such a way that one understands his collapse at the end of the 1880s. And it can indeed draw our attention to the special nature of the sources of knowledge we need, when we see how such a life collapsed on the very sources of knowledge that agnosticism regards as the sole ones, as the absolutely correct ones.
[ 29 ] Friedrich Nietzsche hat sich im allerredlichsten Sinne bemüht, mit seinem vollen, ganzen menschlichen Anteil in demjenigen zu leben, was die Erkenntnis im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dem Menschen für sein Leben geben kann. In seinem Erleben wurde Nietzsche ein Kämpfer gegen seine Zeit. So habe ich mein Buch, das ich über Nietzsche geschrieben habe, genannt: «Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit». Nietzsche entwickelte in sich eine Gesinnung, wie sie gerade bei einem tief erlebenden Menschen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die Wissenschaftsentwickelung kommen mußte. Er erlebte diese so, wie sie in einer solchen Persönlichkeit durchlebt werden kann, und er erlebte das, was eine solche Persönlichkeit zu einem Kämpfer gegen diese Zeit, diese Zeit des Agnostizismus machen muß. Nietzsche war zwar veranlagt zu einem Kämpfer gegen seine Zeit; aber er ist zusammengebrochen, und bevor er zusammengebrochen ist, fühlte er sich mit seinem innerlichen Kampfesgeist noch am wohlsten, wenn er viele Meter über dem Meere als Eremit leben konnte, über alldem, was der Mensch unseres Zeitalters mit seinem Leben, so wie es sich herausgebildet hat, mitmacht. Zum Kämpfer gegen seine Zeit und zum Einsiedler machte Nietzsche dieses Miterleben mit den Erkenntnisquellen des 19. Jahrhunderts, überhaupt unserer Zeit.
[ 29 ] Friedrich Nietzsche strove, in the most sincere sense, to live with his full, whole human being in accordance with what the insights of the last third of the 19th century could offer humanity for its life. In his experience, Nietzsche became a fighter against his time. That is why I titled the book I wrote about Nietzsche: “Nietzsche, a Fighter Against His Time.” Nietzsche developed within himself a mindset that was bound to emerge in a deeply sensitive individual during the last third of the 19th century as a result of scientific developments. He experienced these developments as such a personality could, and he experienced what was bound to turn such a personality into a fighter against his time—this age of agnosticism. Nietzsche was indeed predisposed to be a fighter against his time; but he broke down, and before he broke down, he felt most at ease with his inner fighting spirit when he could live as a hermit many meters above sea level, above all that people of our age experience in their lives as they have come to be. It was this engagement with the sources of knowledge of the 19th century—and indeed of our time in general—that made Nietzsche both a fighter against his time and a hermit.
[ 30 ] Darum konnte Nietzsche nicht diejenige Forderung erfüllen, die gerade vor den Erkennenden als eine so gewaltige in unserem Zeitalter hintritt. Fordert dieses Zeitalter von uns, daß wir uns nach einem Sils-Maria als Eremit zurückziehen, um mit unserer Zeit wenigstens leben zu können? Nein, dieses Zeitalter, gerade wenn es uns zum Kämpfer gegen die Epoche macht, dann fordert es von uns, daß wir uns mitten hineinstellen in das soziale Menschenleben, da hinein, wo die großen Probleme nicht in abgesonderten Theorien, wo sie lebensvoll einer Lösung entgegengeführt werden müssen. Nietzsche zeigt uns, was eine die Zeit echt erlebende erkennende Natur durchmachen muß; er zeigt uns die Tragik des Lebens einer solchen erkennenden Kämpfernatur. Aber er zeigt uns doch zugleich — so wahr er auch aus innerster Gesinnung heraus zum Kämpfer seiner Zeit gebildet war, so wahr es ist, daß dieser Kampf gegen das Agnostische in unserer Zeit notwendig ist —, daß ihm, Friedrich Nietzsche, dem tragischen Kämpfer gegen diese agnostische Epoche, die rechten Waffen fehlten zu diesem notwendigen Kampf. Nach diesen rechten Waffen muß man ausschauen; und es ist einmal meine ehrliche Überzeugung, daß für unsere Zeit diese rechten Waffen, diese Geisteswaffen allein die Mittel, die Forschungsweise, die Lebensimpulse der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft geben können.
[ 30 ] That is why Nietzsche could not fulfill the demand that presents itself to those who seek knowledge as such a formidable one in our age. Does this age demand of us that we retreat to Sils-Maria as hermits, just so we can at least keep up with our times? No, this age—precisely because it makes us fighters against the epoch—demands that we place ourselves right in the midst of social human life, right there where the great problems must be led toward a solution in a vital, lived way, rather than in isolated theories. Nietzsche shows us what a discerning nature that genuinely experiences the times must go through; he shows us the tragedy of the life of such a discerning, combative spirit. But at the same time he shows us—as true as it is that he was, from the depths of his innermost being, shaped into a fighter of his time, and as true as it is that this struggle against agnosticism is necessary in our time—that he, Friedrich Nietzsche, the tragic fighter against this agnostic era, lacked the right weapons for this necessary struggle. We must look for these proper weapons; and it is my sincere conviction that, for our time, these proper weapons—these spiritual weapons—can be provided solely by the methods, the approach to research, and the life-impulses of anthroposophically oriented spiritual science.
