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Anthroposophy
Its Roots of Knowledge and Fruits of Life
GA 78

3 September 1921, Stuttgart

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Anthroposophy: Its Roots of Knowledge and Fruits of Life, tr. SOL
  1. Anthroposophie ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte

Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Sie werden aus den vorhergehenden Betrachtungen entnommen haben, daß imaginative Erkenntnis etwas Ähnliches hat mit dem Walten der Erinnerungen in der menschlichen Seele. Man kann in der Tat das imaginative Erkennen auch dadurch charakterisieren, daß man es mit dem Leben in der Erinnerung vergleicht. Man muß dann nur etwas genauer in dieses Leben der Erinnerung einzudringen versuchen, als dies bei den heute gebräuchlichen psychologischen Untersuchungen der Fall ist.

[ 1 ] You will have gathered from the preceding remarks that imaginative cognition bears a certain resemblance to the workings of memory in the human soul. Indeed, imaginative cognition can also be characterized by comparing it to the life of memory. One need only attempt to delve a little more deeply into this life of memory than is the case in the psychological studies commonly conducted today.

[ 2 ] Erinnerung wird sehr häufig so vorgestellt, als ob sich an die äußere Wahrnehmung, die wir durch unsere Sinne machen, Gedanken anknüpfen und als ob wir während der Wahrnehmung, vielleicht noch etwas danach, diese Gedanken an das Wahrgenommene hätten, dann diese Gedanken irgendwie hinunterrollten in ein Unterbewußtes und aus diesem Unterbewußten bei entsprechender Anstrengung wiederum heraufkämen als erinnerte Vorstellungen. Eine Philosophieschule hat davon gesprochen, daß solche Gedanken oder Vorstellungen gewissermaßen unter die Schwelle des Bewußtseins hinuntergehen, um im entsprechenden Augenblick wiederum über diese Schwelle heraufzukommen. Es ist zwar eine bequeme Art zu denken, wenn man den Akt, der sich da vollzieht, so vorstellt, daß die Vorstellungen an den Wahrnehmungen zuerst erregt werden und dann, wenn wir sie nicht mehr haben, irgendwo herumspazieren oder herumschwimmen in einem Uhnterbewußtsein — über das man sich ja nicht eigentlich Gedanken macht — und dann wiederum heraufspazieren, wenn man sie braucht. Denn schon eine oberflächliche Betrachtung der menschlichen Seelenerlebnisse kann zeigen, daß dies ganz gewiß nicht so ist.

[ 2 ] Memory is very often presented as if thoughts were linked to the external perceptions we make through our senses, and as if, during perception—or perhaps even a little afterward—we had these thoughts about what we perceived, and then these thoughts somehow rolled down into the subconscious and, with the appropriate effort, emerged again from this subconscious as remembered images. One school of philosophy has suggested that such thoughts or ideas, so to speak, descend below the threshold of consciousness, only to rise back above that threshold at the appropriate moment. It is certainly a convenient way of thinking to imagine the process taking place in such a way that the mental images arising from perceptions are first evoked and then, when we no longer have them, wander or float around somewhere in the subconscious—which we don’t really give much thought to—and then resurface when we need them. For even a superficial examination of human psychological experiences can show that this is certainly not the case.

[ 3 ] Zunächst ist für die unmittelbare Beobachtung kein beträchtlicher Unterschied zwischen dem Auftreten einer Vorstellung durch äußere Wahrnehmung und dem in der Erinnerung. Das eine Mal erregt die Außenwelt unsere Vorstellung. Die äußere Wahrnehmung ist da, die Vorstellung gliedert sich an. Wir haben allerdings ein Bewußtsein von der äußeren Wahrnehmung und verfolgen dann in Besonnenheit den Vorgang bis zur Vorstellungserregung. Aber das macht nicht das Wesentliche aus. Richtig ist, daß, wenn eine Erinnerungsvorstellung auftritt, dasjenige, was da von innen heraus diese Vorstellung anregt, zunächst für unser Bewußtsein nicht unmittelbar da ist. Aber das Wesentliche ist eben doch nicht, wie ich eben angedeutet habe, daß wir über die Wahrnehmung Bescheid wissen, sondern daß von irgendeiner Seite her, das eine Mal von außen, das andere Mal von innen, eine Vorstellung erregt wird.

[ 3 ] At first glance, there is no significant difference between the emergence of a mental image through external perception and that which arises from memory. In one case, the external world stimulates our mental image. External perception is present, and the mental image follows. We are, however, aware of the external perception and then, with reflection, trace the process all the way to the arousal of the mental image. But that is not the essential point. It is true that when a mental image from memory arises, that which stimulates this image from within is not immediately present to our consciousness at first. But the essential point is not, as I have just indicated, that we are aware of the perception, but rather that a mental image is aroused from some source—sometimes from the outside, sometimes from the inside.

[ 4 ] Gewissermaßen könnte man sagen, wenn man die Worte nicht mißbraucht: in beiden Fällen ist es ein Objektives, das uns drängt zu Vorstellungsbildungen. Und wenn wir den Vorgang des Wahrnehmens und die sich daran knüpfende Vorstellung weiter verfolgen, so werden wir als ein Wesentliches doch das ansehen müssen, daß wir gewisse Übungen vornehmen, wenn wir uns etwas ganz besonders in die Erinnerung einprägen wollen, wenn wir also bestrebt sind, unser Erleben einer Tatsache nicht einfach dem Vergessen anheimzuliefern, sondern wenn wir auf das Behalten ausgehen. Man muß nur einmal studieren, welche Machinationen man zum Behufe des guten Behaltens in seiner Jugend gemacht hat, wenn man dieses gute Behalten nötig hatte. Es geht eben durchaus dasjenige, was zum Erinnern führt, hinaus über das, was zum bloßen Bilden der Vorstellung führt. Wenn man die Erinnerung selber studiert, so wird man merken, daß in der Art und Weise, wie zuweilen rein durch leibliche Dispositionen das Erinnerungsvermögen herabgedämpft oder auch wohl gesteigert wird, unser Gesamtorganismus etwas zu tun hat mit der Bildung der Erinnerungen, daß wir also, wenn wir im Akte des wahrnehmenden Vorstellens leben, eine Tätigkeit ausüben, die organisch ist. Diese organische Tätigkeit bleibt zunächst dem Bewußtsein halb oder ganz verborgen, aber sie ist es, welche das Erinnern eigentlich bewirkt. Dieses beruht darauf, daß eine Vorstellung nicht etwa, wenn sie sich an eine Wahrnehmung anknüpft, hinuntertanzt in das Unterbewußte und dann wieder heraufkommt, sondern es beruht darauf, daß sich an unser wahrnehmendes Vorstellen noch etwas anderes anknüpft als bloß die Vorstellungsbildung. Die Vorstellung klingt ab. Und wenn wir an dem vorgestellten Wahrnehmungsvorgange vorbeigegangen sind, ist eben die Vorstellung abgeklungen; aber es ist etwas anderes in uns vorgegangen, was bei entsprechender Gelegenheit wiederum die Vorstellung hervorrufen kann.

[ 4 ] In a sense—if one does not misuse the terms—one could say that in both cases it is an objective reality that compels us to form mental images. And if we continue to examine the process of perception and the associated mental image, we will have to regard as essential the fact that we engage in certain exercises when we want to commit something particularly firmly to memory—that is, when we strive not simply to let our experience of a fact fall prey to oblivion, but rather when we aim to retain it. One need only reflect on the strategies one employed in one’s youth to ensure a good retention of information, when such retention was necessary. What leads to remembering goes far beyond what leads merely to the formation of a mental image. If one studies memory itself, one will notice that, in the way in which the power of memory is sometimes diminished or even enhanced purely by physical dispositions, our entire organism plays a role in the formation of memories; that is to say, when we are engaged in the act of perceptual representation, we are performing an activity that is organic. This organic activity remains, at first, partially or entirely hidden from consciousness, but it is this activity that actually brings about the act of remembering. This is based on the fact that a mental image, when it is linked to a perception, does not simply “dance down” into the subconscious and then come back up again; rather, it is based on the fact that something else is linked to our perceptual imagination besides mere image formation. The mental image fades away. And once we have moved beyond the perceived perceptual process, the mental image has indeed faded; but something else has taken place within us, which, given the right opportunity, can evoke the mental image once again.

[ 5 ] Wer überhaupt seelische Vorgänge beobachten kann, der findet, daß eine Erinnerungsvorstellung als Vorstellung durchaus eine Neubildung ist, daß sie sich in ähnlicher Weise bildet, wie sich die Wahrnehmungsvorstellung bildet; nur, daß das eine Mal der Vorgang von außen nach innen, das andere Mal von innen nach außen verläuft, daß das eine Mal die Veranlassung als Wahrnehmung deutlich vor das Bewußtsein tritt, das andere Mal dem Bewußtsein als ein innerer, an den Organismus geknüpfter Vorgang verborgen bleibt. Wir wollen einmal diese Tatsache, die ich ja nur skizzenhaft charakterisieren konnte, hinstellen und wollen jetzt zur Betrachtung der imaginativen Erkenntnis zurückgehen. Ich habe beschrieben, wie die imaginative Erkenntnis dadurch ausgebildet wird, daß der Mensch zunächst Übungen macht, die ihn befähigen, in einer solchen Weise innerlich bildlich vorzustellen, wie er vorstellt, wenn er erinnert. Diese Übungen habe ich beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Durch diese Übungen kommt man zu der Fähigkeit imaginativen Erlebens. Man kommt dazu, daß man solche innere vorstellungsähnliche Erlebnisse mit Bildinhalt hat, die nicht an persönlich erlebte Tatsachen erinnern, sondern die durch ihre eigene Wesenheit den Stempel tragen, daß sie Bilder sind von einer Wirklichkeit, die zunächst dem gewöhnlichen Bewußtsein verborgen ist, von einer Wirklichkeit, die wir eine geistige Wirklichkeit nennen können.

[ 5 ] Anyone who is capable of observing mental processes at all will find that a memory image, as an image, is indeed a new formation, that it is formed in a manner similar to how a perceptual image is formed; except that in one case the process proceeds from the outside in, and in the other from the inside out; that in one case the stimulus, as perception, clearly enters consciousness, while in the other it remains hidden from consciousness as an internal process linked to the organism. Let us set aside for the moment this fact, which I have been able to characterize only in outline, and return now to the consideration of imaginative cognition. I have described how imaginative insight is developed through exercises that enable a person to form inner images in the same way one forms them when recalling memories. I have described these exercises in my book *How Does One Attain Insights into the Higher Worlds?* and in my *Outline of Esoteric Science*. Through these exercises, one attains the capacity for imaginative experience. One comes to have such inner, image-like experiences with pictorial content that do not recall personally experienced facts, but which, by their very nature, bear the mark of being images of a reality that is initially hidden from ordinary consciousness—a reality we may call a spiritual reality.

[ 6 ] Wenn man nun aber mit diesem Bilderbewußtsein herangeht an denjenigen Akt, den ich jetzt eben charakterisiert habe, dann stellt er sich in einem etwas andern Lichte dar. Man erkennt, wie sich das vorstellende Wahrnehmen und das erinnernde Vorstellen gegenüber der Fähigkeit des Imaginierens ausnehmen. Da bekommt man vor allen Dingen durch die Fähigkeit der imaginativen Erkenntnis ein besonderes inneres Erleben von dem Vorstellen, von dem Denken selber. Reflektiert man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, so kommt man nicht weit. Der Mensch muß sich schon philosophisch geschult haben, um überhaupt noch etwas festhalten zu können, wenn er zum Objekte das Vorstellen, das Denken selber haben will. Wer sich nicht mit philosophischer Schulung abgibt, der wird ungeduldig werden, wenn man ihm zumutet, er solle das Denken irgendwie selber denken. Sogar Goethe pries sich glücklich, daß er niemals über das Denken gedacht hat. Man kann sich das gerade aus der Natur Goethes heraus sehr gut erklären. Goethe, der, wie ich es in diesen Betrachtungen charakterisiert habe, nach Anschaulichkeit strebte, war es so zumute, wie es einem Fische sein müßte, wenn er aus dem Wasser in die Luft käme, wenn er, Goethe, aus seinem gegenständlichen Elemente in dieses Element des reinen Denkens hineinkam, in dem er nicht geistig atmen konnte, weil es ganz und gar seiner Natur widerstrebte.

[ 6 ] But if one approaches the act I have just described with this pictorial consciousness, it appears in a somewhat different light. One recognizes how representational perception and recalling imagination differ from the faculty of imagination. Above all, through the capacity for imaginative cognition, one gains a special inner experience of conceptualization—of thinking itself. If one reflects with ordinary consciousness, one does not get very far. One must already have undergone philosophical training to be able to grasp anything at all when one wishes to take conceptualization—thinking itself—as the object. Anyone who has not engaged in philosophical training will become impatient if asked to somehow think about thinking itself. Even Goethe considered himself fortunate that he had never thought about thinking. This can be explained very well precisely from Goethe’s nature. Goethe, who—as I have characterized him in these reflections—strived for concreteness, felt the same way a fish must feel when it is taken out of the water and into the air; when he, Goethe, moved from his concrete element into this element of pure thought, in which he could not breathe spiritually, because it was entirely contrary to his nature.

[ 7 ] Aber man kann allerdings und muß auch das Denken selbst erfassen, sonst kommt man nicht zu einer abschließenden philosophischen Anschauung. Es mag nicht jedermanns Sache sein, aber des Philosophen Sache ist es gewiß. Nun aber wird das, was man im gewöhnlichen Bewußtsein als das Denken, als das Vorstellen erfassen kann, was da einen außerordentlich abstrakten, blassen Charakter annimmt, bei dem man nicht lange verweilen möchte, für die imaginative Erkenntnis dichter, anschaulicher, ja, man möchte sagen, es nähert sich das Vorstellen und Denken, das früher abstrakt geistig ausgesehen hat, der materiellen Anschaulichkeit.

[ 7 ] But one can—and indeed must—grasp thought itself; otherwise, one cannot arrive at a definitive philosophical perspective. It may not be everyone’s cup of tea, but it is certainly the philosopher’s task. Now, however, what one can grasp in ordinary consciousness as thinking, as imagination—which takes on an extraordinarily abstract, pale character, one that one does not wish to dwell on for long—becomes denser and more vivid for imaginative cognition; indeed, one might say that imagination and thinking, which previously appeared abstract and spiritual, are approaching material vividness.

[ 8 ] Man soll einen solchen Satz nicht verkennen in seiner ganzen Bedeutung; denn es muß zunächst eigentlich überraschend sein, daß dasjenige, was man gewöhnlich so anspricht, als ob es nichts zu tun hätte mit dem Materiellen, gerade wenn man es in der ersten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, in der Imagination, anschaut, selbst anschaulicher wird und sich sogar einer Gestalt nähert, die, ich möchte sagen, schon an etwas Materielles erinnert. Und zwar erinnert das Bild, das man vom Denken bekommt — Bilder sind es ja, die man für die Imagination bekommt —, an Vorgänge des Ablebens, des sich Ertötens, des Absterbens. Man bekommt tatsächlich für die imaginative Erkenntnis vom Vorstellen, vom Denken, das Bild des absterbenden Materiellen. Ich darf schon sagen, wenn man dasjenige, was ich jetzt eben beschrieben habe, vergleichen will mit irgend etwas in der äußeren Sinneswelt, so kann man es nicht anders vergleichen als mit jenem Vorgange, den man beobachten kann als das Eintreten des physischen Todes an einem Lebewesen. Man hat im Grunde genommen beim Übergange von der gewöhnlichen Erkenntnis zu der imaginativen des Denkens wirklich in der Empfindung so etwas, wie man es hat, wenn man ein Sterben in der physischen Welt mitmacht.

[ 8 ] One should not misunderstand the full significance of such a statement; for it must, at first, actually come as a surprise that what is usually spoken of as having nothing to do with the material world becomes, precisely when viewed at the first stage of supersensory knowledge—in the imagination—all the more vivid and even takes on a form that, I would say, is already reminiscent of something material. Indeed, the image one gains of thinking—for it is images that one receives in imagination—is reminiscent of processes of dying, of self-destruction, of withering away. In fact, in the imaginative perception of the imagination and of thinking, one receives the image of the material world in the process of dying. I may even say that if one wishes to compare what I have just described with anything in the external sensory world, one can only compare it to that process which can be observed as the onset of physical death in a living being. Essentially, in the transition from ordinary cognition to the imaginative cognition of thought, one really experiences something in one’s perception similar to what one experiences when witnessing a death in the physical world.

[ 9 ] Die Erkenntnis wird eben etwas Lebendigeres dadurch, daß man sich der Imagination, der Inspiration nähert, als sie in der abstrakten Form ist, in der sie im gewöhnlichen Bewußtsein ist. Daher ist es auch so, daß das Aufsteigen zu übersinnlichen Erkenntnissen eben mit dem verknüpft ist, was ich gestern innere Schicksalserlebnisse nannte. Man macht mit einer gewissen inneren Gleichgültigkeit dasjenige durch, was Erkenntnisprozesse des gewöhnlichen Bewußtseins sind. Man weiß ja, wie das übrige Leben hinaufführt zur Lust, hinunterführt zum Schmerz, wie wir da in den Empfindungs- und Emotionswogen auf- und absteigen, wie aber verhältnismäßig dasjenige, was in unserem erkennenden Denken abläuft, etwas Eisiges, etwas uns Kaltlassendes hat, etwas, das wenig solcher Wogen in unserem Gemüte hervorruft.

[ 9 ] Insight becomes something more alive precisely because one approaches imagination and inspiration in a way that goes beyond the abstract form in which they exist in ordinary consciousness. That is why the ascent to supersensory insights is precisely linked to what I called yesterday “inner experiences of destiny.” One goes through the processes of ordinary consciousness with a certain inner detachment. We know, after all, how the rest of life leads upward toward pleasure and downward toward pain, how we rise and fall in the waves of sensation and emotion; yet, in comparison, what takes place in our cognitive thinking has something icy about it, something that leaves us cold, something that evokes few such waves in our minds.

[ 10 ] Das wird in der Tat anders, wenn man aufsteigt zur imaginativen Erkenntnis. Da werden die Erkenntnisvorgänge, obwohl sie durchaus geistig-seelischer Natur sind und mit dem Physischen nichts zu tun haben, ähnlicher den Vorgängen des gewöhnlichen Lebens. Man wird mit den Erkenntnisvorgängen intimer dadurch, daß sie einen mit einem erhöhten persönlichen Interesse ergreifen. Und jetzt lernt man eigentlich, indem man diesen Prozeß des Anschaulichwerdens des Denkens, des Vorstellens durchmacht, einen anschaulichen, sich schon an das Materielle annähernden Prozeß kennen. Man kann diesen Prozeß, wenn man sich ihn recht vergegenwärtigt, benützen, um dem inneren Vorgang des Erinnerns nahezukommen. Es wird gewissermaßen der menschliche Organismus dadurch, daß man ihn sich auf diese Art vorgestellt hat, durchsichtig. Man hat zuerst geistig-seelisch in einer Imagination den Denkprozeß erlebt. Man erlebt sein materielles Abbild, wenn man nunmehr das Erinnern studiert; denn dasjenige, was dem Bewußtwerden der Erinnerungsvorstellung vorangeht, ist eine Art materieller Prozeß, der ähnlich ist dem, der sich in der Anschauung als Bild ergibt, wenn man in der Imagination an das Denken so heranrückt, wie ich es eben beschrieben habe. Man kann sagen, hier liegt die Möglichkeit, durch imaginatives Erkennen einzutreten in das Durchschauen des Erinnerungsprozesses. Und wenn man dann seine Erkenntnisbemühungen auf diesem Wege weiterführt, dann gelangt man in der Tat zur Einsicht, daß die Imagination selber geistig-seelisch ein ähnlicher Vorgang ist wie physisch-leiblich der Erinnerungsvorgang ist, nur, ich möchte sagen, in den menschlichen Leib hineinindividualisiert, individualisiert für die persönlichen Erlebnisse. Der Imaginationsvorgang sondert sich ab vom menschlichen Leibe, richtet sich ein auf außerhalb des menschlichen Leibes im Kosmos vor sich gehende ähnliche Prozesse.

[ 10 ] This does indeed change when one ascends to imaginative cognition. There, the processes of cognition—although they are entirely of a spiritual-soul nature and have nothing to do with the physical—become more similar to the processes of ordinary life. One becomes more intimately involved with these cognitive processes as they engage one with a heightened personal interest. And now, by undergoing this process of making thought and imagination more vivid, one actually comes to know a vivid process that is already approaching the material realm. If one truly brings this process to mind, one can use it to approach the inner process of remembering. In a sense, the human organism becomes transparent through having been imagined in this way. One has first experienced the thought process mentally and emotionally in an act of imagination. One experiences its material counterpart when one now studies the act of remembering; for what precedes the emergence of the memory image into consciousness is a kind of material process similar to that which arises as an image in perception when one approaches thinking in imagination as I have just described. One might say that here lies the possibility of gaining insight into the process of memory through imaginative cognition. And if one then continues one’s efforts at understanding along this path, one does indeed come to realize that imagination itself is, in a spiritual-psychic sense, a process similar to the physical-bodily process of memory—only, I would say, individualized within the human body, individualized for personal experiences. The process of imagination detaches itself from the human body and focuses on similar processes taking place outside the human body in the cosmos.

[ 11 ] Im Organismus ist ein physisch-leiblicher Prozeß des Ersterbens tätig; dasjenige, was dafür im Bewußtsein auftritt, sind die Erinnerungsvorstellungen. In der Imagination ist ein Geistig-Seelisches tätig, und ihm entspricht in der Außenwelt ein realer Vorgang, dem man sich allerdings erst noch nähern muß, den man durch die Imagination noch nicht erfassen kann, denn der vollständige übersinnliche Erkenntnisvorgang besteht aus Imagination, Inspiration und Intuition. Aber Sie sehen: es gibt im menschlichen Leben Dinge wie das Erinnern, wie überhaupt die leiblich-seelischen Vorgänge, die man nicht durch Spekulationen, nicht durch philosophische Erwägungen erkennen kann, sondern nur dadurch, daß man sich durch eine Ausbildung zunächst verborgener seelischer Fähigkeiten ihnen annähert. Und daß man sich ihnen annähert, das geht auch noch aus dem Folgenden hervor.

[ 11 ] A physical-bodily process of initial dying is at work in the organism; what appears in consciousness in connection with this are the images of memory. In imagination, a spiritual-psychic process is at work, and this corresponds in the external world to a real process—one that we must, however, first approach more closely, for it cannot yet be grasped through imagination alone, since the complete supersensory process of cognition consists of imagination, inspiration, and intuition. But as you can see, there are things in human life—such as remembering, and indeed all physical-psychic processes—that cannot be understood through speculation or philosophical considerations, but only by approaching them through the cultivation of initially hidden psychic abilities. And the fact that one approaches them is also evident from what follows.

[ 12 ] Wenn wir innerlich-seelisch in dem gewöhnlichen Denken oder Vorstellen leben, dann haben wir gegenüber diesem Denken das Bewußtsein: wir sind es selbst, die eine Vorstellung an die andere reihen; ja, wir haben das deutliche Bewußtsein: wenn wir nicht besonnen eine Vorstellung an die andere mit einer gewissen innerlichen Willkür reihen könnten, sondern wenn die Vorstellungen einander treiben, so daß wir nur wie das Bild eines in uns wirkenden Automaten wären, dann wären wir eben nicht in Wirklichkeit Mensch. Dieses Gefühl, das wir gegenüber unserem gewöhnlichen Denken haben, das ist, wie ich in meiner «Philosophie der Freiheit» glaube gezeigt zu haben, zugleich dasjenige, wovon dann ausfließt unser Gesamtfreiheitsgefühl, durch das überhaupt das Phänomen der Freiheit erst empirisch begriffen werden kann.

[ 12 ] When we live inwardly and spiritually within ordinary thinking or imagination, we are conscious of this thinking in the following way: it is we ourselves who string one idea after another; indeed, we have the clear awareness that if we could not deliberately string one idea after another with a certain inner arbitrariness, but if the ideas were to drive one another so that we were merely like the image of an automaton operating within us, then we would not, in reality, be human. This feeling we have toward our ordinary thinking is, as I believe I have shown in my *Philosophy of Freedom*, at the same time the very source from which our overall sense of freedom flows—a sense through which the phenomenon of freedom itself can be understood empirically in the first place.

[ 13 ] Dieses Gefühl innerlicher Willkür verliert sich zunächst, wenn man zur Imagination aufsteigt. Die Imagination liefert Bilder, die, obwohl sie rein geistig-seelisch erlebt sind, wie ich gestern gesagt habe, nichts mit Visionärem, Halluzinatorischem und dergleichen zu tun haben. Diese Bilder zeigen, weil sie eben inhaltsvolle Bilder sind, daß sie uns in bezug auf ihr Zusammenfassen und Analysieren nicht mehr dieselbe Freiheit gestatten, wie sie waltet, wenn wir im gewöhnlichen Bewußtsein Vorstellungen zusammenfügen oder voneinander trennen. Wir bekommen ganz allmählich ein Gefühl, daß wir uns mit der imaginativen Erkenntnis nicht nur in Bilder hineinleben, wie wir uns in unsere Vorstellungen hineinleben, die im strengen Sinne uns als einzelne von uns zu verbindende Vorstellungen erscheinen; sondern wir bekommen allmählich das Gefühl, daß die Imaginationen eigentlich nur von uns in Einzelheiten zerfällt werden, daß sie aber im Grunde genommen ein Ganzes bilden, daß gewissermaßen durch sie hindurch eine kontinuierliche Kraft waltet. Wir erleben etwas in dem Imaginativen Daseiendes, das wir so erst durch diese imaginative Erkenntnis in unser Bewußtsein hereinbekommen, von dem wir im gewöhnlichen Bewußtsein eigentlich keine Ahnung haben.

[ 13 ] This feeling of inner arbitrariness initially disappears when one rises to the level of imagination. Imagination provides images which, although experienced purely in the mind and soul—as I said yesterday—have nothing to do with the visionary, the hallucinatory, or the like. Because these images are, in fact, rich in content, they show that, when it comes to synthesizing and analyzing them, they no longer allow us the same freedom that prevails when, in ordinary consciousness, we combine or separate ideas. We gradually develop a sense that, through imaginative cognition, we do not merely immerse ourselves in images—as we immerse ourselves in our ideas, which, strictly speaking, appear to us as individual ideas that we must connect— but we gradually gain the sense that the imaginations are actually only broken down into details by us, yet that they essentially form a whole, and that, in a sense, a continuous force operates through them. We experience something in the imaginative realm that we are able to bring into our consciousness only through this imaginative insight—something of which we actually have no inkling in ordinary consciousness.

[ 14 ] Und wiederum: wenn wir nun studieren das gewöhnliche Leben, wenn wir namentlich in der Weise, wie Goethe das mit seinen Metamorphosenstudien getan hat, das Werden des Pflanzlichen, den Übergang der einen Form in die andere, dieses in sich lebende Metamorphosieren beobachten, dann finden wir, daß in diesem Leben des pflanzlichen Materiellen dasjenige vorhanden ist, von dem das ein Bild ist, was wir jetzt als eine kontinuierliche Kraftentfaltung in der Welt der Imaginationen erleben. So kommen wir allmählich darauf, daß wir uns mit der Imagination hindurchgearbeitet haben zu dem Ergreifen desjenigen, was Wachstumskraft ist. Wir kommen darauf, daß wir noch stärker, als das die Mechanisten getan haben, die erspekulierte Lebenskraft ablehnen müssen, weil dasjenige, was auf dem Gebiete dieser Lebenskraft liegt, niemals sich dem gewöhnlichen Gedanken, der gewöhnlichen philosophischen Spekulation ergeben kann, sondern erst einer höheren Auffassungsweise, die errungen werden muß. Wir kommen darauf, wie sich nur das Anorganische dem gewöhnlichen Verstande ergibt und wie dasjenige, was im Wachstum lebt, erfaßt werden muß in einer inneren Seelenverfassung, die wir erst haben, wenn wir uns die Imagination angeeignet haben. So lebt in unserem Organismus diese Wachstumskraft. Wir durchschauen sie, indem wir uns dem imaginativen Leben hingeben.

[ 14 ] And again: when we study ordinary life—especially in the way Goethe did in his studies of metamorphosis, observing the development of the plant kingdom, the transition from one form to another, this metamorphosis that lives within itself— then we find that within this life of the plant realm there exists that of which what we now experience as a continuous unfolding of force in the world of the imagination is but an image. Thus we gradually come to realize that, through the use of the imagination, we have worked our way toward grasping that which is the force of growth. We come to realize that we must reject the speculated-about life force even more strongly than the mechanists have done, because that which lies within the realm of this life force can never yield to ordinary thought or ordinary philosophical speculation, but only to a higher mode of understanding that must be attained. We come to realize how only the inorganic yields to ordinary understanding, and how that which lives in growth must be grasped in an inner state of mind that we possess only once we have mastered the imagination. Thus does this life-force live within our organism. We gain insight into it by devoting ourselves to the life of the imagination.

[ 15 ] Hier muß aufmerksam darauf gemacht werden, daß für jene Übungen, die zum imaginativen Erkennen hinführen, wirklich die Regeln beobachtet werden müssen, die ich in meinen Büchern angegeben habe. Denn worauf zielen alle diese Regeln? Sie zielen darauf, daß alles, was derjenige ausführt, der sich bestrebt, ein höheres Erkenntnisvermögen auszubilden, mit einer solchen inneren Klarheit durchgeführt werden muß, wie man sie hat, wenn man mathematische Vorstellungen ausbildet. Das Bewußtsein muß die Verfassung haben, die es beim Geometrisieren hat, wenn es sich hineinlebt in all das, was notwendig ist, um die Imagination und auch die folgenden Stufen der übersinnlichen Erkenntnis, die Inspiration und Intuition, auszubilden. Wenn Sie denken an das pathologische visionäre, halluzinatorische Leben, an das wenigstens den Schatten des Pathologischen darstellende Traumleben, so werden Sie den gewaltigen Unterschied von alledem und einem mit mathematischer Klarheit dahinlebenden Bewußtsein in Erwägung ziehen können. Es darf dasjenige, was hinführen soll zur Imagination, nicht mit herabgestimmtem Bewußtsein angestrebt werden; denn indem man dasjenige, was rein seelisch-geistig mit mathematischer Klarheit angestrebt werden muß, traumhaft, mystisch, verworren, verdunkelt anstreben würde, könnte man nicht aufsteigen zu höheren Erkenntniskräften, sondern man würde hinuntersinken in Kräfte, die man früher schon hat, nämlich in die Wachstumskräfte, in die inneren Reproduktionskräfte des menschlichen Organismus. Die würde man anreizen zum Wuchern, und es würden eben die Tendenzen des Visionären, des Halluzinatorischen statt der imaginativen Erkenntnis entstehen. Man sieht schon, wie die Dinge zusammenhängen, wenn man sich diese Beschreibung des Weges zu der imaginativen Erkenntnis wirklich vor Augen führt.

[ 15 ] Here it is important to emphasize that, for those exercises that lead to imaginative cognition, the rules I have outlined in my books must truly be followed. For what is the purpose of all these rules? They aim to ensure that everything done by the person striving to develop a higher faculty of cognition is carried out with the same inner clarity one possesses when forming mathematical concepts. Consciousness must be in the same state as it is when engaging in geometry, immersing itself in all that is necessary to develop the imagination and also the subsequent stages of supersensible knowledge—inspiration and intuition. If you think of the pathological, visionary, hallucinatory life—or even the dream life, which at least casts a shadow of the pathological—you will be able to consider the enormous difference between all of that and a consciousness that lives with mathematical clarity. What is meant to lead to imagination must not be pursued with a subdued consciousness; for if one were to pursue that which must be sought purely in a soul-spiritual sense with mathematical clarity in a dreamlike, mystical, confused, or obscured manner, one could not ascend to higher powers of knowledge, but would instead sink down into powers one already possessed earlier—namely, the growth forces, the inner reproductive forces of the human organism. One would stimulate these to proliferate, and tendencies toward the visionary and the hallucinatory would arise instead of imaginative insight. One can already see how these things are connected when one truly holds this description of the path to imaginative insight before one’s mind.

[ 16 ] In dieser imaginativen Erkenntnis lebt man, wie ich es geschildert habe, in einer Welt von Bildern, nur, daß die Bilder durch ihre eigene Wesenheit die Signatur tragen, daß sie Abbilder sind von Realitäten. Aber die Realitäten hat man nicht; man hat vielmehr das allerdeutlichste Bewußtsein, in einer nicht realen Bilderwelt zu leben, und das ist gerade das Gesunde, Der Halluzinierende, der Visionär nimmt seine Visionen, seine Halluzinationen für Wirklichkeit. Der Imaginierende hat gerade dadurch seine nicht nur gewöhnliche, sondern erhöhte Besonnenheit, daß er weiß: Alles dasjenige, was er in der Imagination erlebt, ist Bild, Bild einer Wirklichkeit, aber doch Bild. Er kann gar nicht zu einer Verwechslung dieser Bilderwelt mit Wirklichkeiten kommen. Denn was uns gewissermaßen hinüberträgt in die Wirklichkeit von der Bilderwelt, das ist nun die Inspiration.

[ 16 ] In this imaginative insight, one lives, as I have described, in a world of images, except that the images, by their very nature, bear the mark of being representations of realities. But one does not possess these realities; rather, one has the clearest awareness of living in an unreal world of images, and that is precisely what is healthy. The hallucinator, the visionary, takes his visions and hallucinations for reality. The person who imagines possesses not merely ordinary but heightened discernment precisely because he knows: everything he experiences in his imagination is an image—an image of a reality, but still an image. He cannot possibly confuse this world of images with reality. For what, so to speak, carries us across from the world of images into reality is inspiration.

[ 17 ] Die Imagination gibt zunächst Bild der übersinnlichen Wirklichkeit, die Inspiration weist uns hinüber in diese. Wir erreichen diese Inspiration dadurch, daß wir mit einer inneren Technik, so wie wir durch Meditation, durch Konzentration die Möglichkeit der Imagination herbeiführen, eine andere Fähigkeit ausbilden, die man im gewöhnlichen Leben mit Recht gar nicht besonders schätzen kann. Man muß nämlich so beobachten, daß man sich zu einem einigermaßen klaren Bewußtsein bringt, was das Vergessen, das Hinauswerfen einer Vorstellung aus dem Bewußtsein ist. Man muß sich meditierend üben im künstlichen Vergessen, im Aussondern von Vorstellungen, und muß sich dadurch die Fähigkeit heranbilden, das imaginative Leben, das Leben in Bildern, das man sich angeeignet hat, nun auch ablehnen und zuletzt auslöschen zu können. Wer es nur dahin gebracht hat, Imaginationen zu haben, der kann noch nicht in eine geistige Wirklichkeit eindringen, sondern erst derjenige, der es dahin gebracht hat, diese Imaginationen, die zunächst, ich möchte sagen, nur wie eine Realisierung des imaginativen Vermögens auftreten, wieder zu tilgen, denn diese Imaginationen sind allerdings ein mehr oder weniger Selbstgemachtes. Es handelt sich darum, daß man das Bewußtsein gewissermaßen ganz leer bekommt, daß man den Akt des Vergessens willkürlich anwendet auf dieses imaginative Leben, so daß man wissen lernt, was es heißt, in einem völlig wachen Bewußtsein, das nicht vorstellt, das es aber durch ein vorhergehendes Imaginieren zu seiner inneren Energie gebracht hat und jetzt seinen Inhalt losgeworden ist, was es heißt, in einem solchen kraftvollen Bewußtsein zu leben. Das muß man wissen lernen, dann steigt man auf vom Imaginieren zu der Erkenntnis durch Inspiration, dann weiß man auch, daß man berührt wird von einer geistigen Wirklichkeit, die sich einem offenbart in einem seelisch-geistigen Vorgang, der verglichen werden kann mit dem Ein- und Ausatmen, überhaupt mit dem rhythmischen Atmungsvorgang. Wie der rhythmische Atmungsvorgang darin besteht, daß wir die äußere Luft in uns aufnehmen, sie innerlich durcharbeiten und dann in einer andern Form wiederum abgeben, nachdem wir mit ihr in einer gewissen Weise uns identisch gemacht haben, so lernen wir einen geistig-seelischen Vorgang kennen, der darin besteht, daß wir die innere Kraft des Bewußtseins, die wir gewonnen haben, erfühlen können, gewissermaßen seelisch-geistig einatmen können in dieses durch die Imagination erkraftete Bewußtsein. Dadurch aber leuchtet in diesem erkrafteten Bewußtsein die objektive Imagination auf. Wir atmen ein die geistige Welt, wir bekommen sie in uns herein, wir machen uns mit ihr identisch, wir leben uns aus uns heraus; eine rhythmische Wechselwirkung mit der geistigen Welt tritt ein.

[ 17 ] Imagination first provides a picture of supersensible reality; inspiration points us toward it. We attain this inspiration by using an inner technique—just as we bring about the possibility of imagination through meditation and concentration—to develop another ability that, in ordinary life, is rightly not particularly valued. One must observe in such a way as to attain a reasonably clear awareness of what it means to forget, to cast a mental image out of consciousness. One must practice, through meditation, the art of forgetting—the sifting out of images—and thereby cultivate the ability to reject and ultimately erase the imaginative life, the life in images, that one has acquired. Anyone who has only managed to have imaginations cannot yet penetrate a spiritual reality; only the one who has managed to erase these imaginations—which, I would say, initially appear merely as a realization of the imaginative faculty—can do so, for these imaginations are, in fact, more or less self-created. The point is to, as it were, completely empty one’s consciousness, to apply the act of forgetting at will to this imaginative life, so that one learns what it means to live in a fully alert consciousness—one that does not imagine, but which has derived its inner energy from prior imagining and has now shed its content—what it means to live in such a powerful consciousness. One must learn to know this; then one ascends from imagination to knowledge through inspiration, and then one also knows that one is touched by a spiritual reality that reveals itself to one in a soul-spiritual process that can be compared to inhaling and exhaling—indeed, to the rhythmic process of breathing itself. Just as the rhythmic process of breathing consists of our taking in the external air, processing it internally, and then expelling it again in a different form, after having, in a certain sense, made ourselves one with it—so, too, do we come to know a spiritual-psychic process that consists in our being able to feel the inner power of consciousness that we have gained, to inhale it, so to speak, spiritually and psychically into this consciousness strengthened through imagination. Through this, however, objective imagination shines forth in this invigorated consciousness. We breathe in the spiritual world; we take it into ourselves; we identify with it; we live out of ourselves; a rhythmic interaction with the spiritual world takes place.

[ 18 ] Im alten Indien hatte man instinktive Bestrebungen, um zu einer höheren Erkenntnis zu kommen. Diese instinktiven Bestrebungen, die in dem Joga lebten, benützten, wie Sie vielleicht wissen werden, den Atmungsprozeß, um auf physische Weise, möchte ich sagen, dahin zu kommen, diesen Atmungsprozeß selber als einen geistig-seelischen Vorgang zu erleben. Indem in der orientalischen Jogaübung das Atmen — Einatmen, Atemhalten, Ausatmen — in einer gewissen Weise geregelt wird und eine Hingabe an diesen Atmungsprozeß stattfindet, saugt man gewissermaßen dadurch das Geistig-Seelische aus diesem Atmungsprozeß heraus. Man sondert den Atmungsprozeß von dem Bewußtsein ab gerade dadurch, daß man ihn hereindrückt, und man behält dann das Geistig-Seelische übrig. Diesen Prozeß, der in der Jogaübung durchgemacht worden ist, können wir nach der Organisation unserer gegenwärtigen Kultur nicht nachmachen; und wir sollen ihn nicht nachmachen. Er würde uns herunterwerfen in die leibliche Organisation. Es liegt gewissermaßen unser Seelenleben nicht mehr auf dem Felde, auf dem das Seelenleben des Inders lag. Der hatte das Seelenleben mehr noch gegen die Sensibilität hin; wir haben es gegen die Intellektualität hin. Und in der Sphäre der Intellektualität würde das Jogaatmen den Menschen in die Gefahr bringen, seine leibliche Organisation zu zerstören. Beim Leben in dem intellektuellen Felde ist man genötigt, solche Übungen anzuwenden, wie ich sie beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Diese halten sich rein im Geistig-Seelischen. Sie lassen höchstens anklingen — aber das auch nur selten oder gar nicht für die meisten Fälle — etwas von dem leiblich-physischen Atmungsprozeß. Das Wesentliche aber läuft für unsere Übungen zur Erlangung der Imagination rein im Geistig-Seelischen ab, in der Sphäre, die der Mensch erlebt, wenn er geometrisiert und mathematisiert. Auch das, was zur Inspiration getan werden muß, läuft in dieser Sphäre ab.

[ 18 ] In ancient India, there were instinctive efforts to attain a higher level of knowledge. These instinctive aspirations, which were embodied in yoga, utilized—as you may know—the breathing process to arrive, so to speak, through physical means, at the point of experiencing this breathing process itself as a spiritual-soul process. In the Eastern yoga practice, by regulating the breathing—inhaling, holding the breath, exhaling—in a certain way and surrendering to this breathing process, one, so to speak, extracts the spiritual-psychic element from this breathing process. One separates the breathing process from consciousness precisely by drawing it inward, and what remains is the spiritual-psychic aspect. We cannot replicate this process, which has been undergone in yoga practice, given the organization of our present-day culture; nor should we attempt to do so. It would drag us down into the physical realm. In a sense, our soul life no longer resides in the same realm as that of the Indian. The Indian’s soul life was oriented more toward sensibility; ours is oriented toward intellectuality. And in the sphere of intellectuality, yogic breathing would put a person in danger of destroying their physical constitution. When living in the intellectual realm, one is compelled to practice exercises such as those I have described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. These exercises remain purely within the spiritual-soul realm. At most, they may hint at—though rarely, or not at all in most cases—something of the physical breathing process. The essential part of our exercises for attaining imagination, however, takes place purely in the spiritual-soul realm—in the sphere that a person experiences when engaging in geometry and mathematics. What must be done to attain inspiration also takes place in this sphere.

[ 19 ] Durch die Inspiration tritt die Möglichkeit ein, ein Bewußtsein zu erlangen von einer geistig-seelischen Außenwelt, einer geistig-seelischen Objektivität. Das aber ist verbunden damit, daß nun das Bewußtseinsleben selber eine innere Metamorphose durchmacht. Der Mensch muß es über sich ergehen lassen, daß er als physisches Wesen im Durchleben der Kinder-, der Jugend-, der Alters-, der Greisenjahre äußerliche Wachstumsmetamorphosen durchmacht. In bezug auf das Bewußtsein selbst fühlt der Mensch eine leise Furcht, eine Scheu, solche Metamorphosen, solch ein Lebendiges in dem ganz inneren Seeleninhalt durchzumachen. Das aber muß durchgemacht werden, wenn man zu einer übersinnlichen Erkenntnis kommen will. Was Goethe bis zu einer besonderen Vollkommenheit ausgebildet hat, das Anschauen der Metamorphose, das kann sich besonders gut im Felde des imaginativen Lebens bewegen aus dem Grunde, weil alles dasjenige, was der Imagination unterliegt, sich als lebendige, sich verwandelnde Gestaltungen darstellt. Es tritt irgendeine Gestalt auf vor dem Bewußtsein. Sie verwandelt sich, vielleicht mit Übergängen oder auch ohne Übergänge, in eine ganz andere Gestalt, aber man kann doch gewissermaßen die Kontur der ersten Gestalt in die Kontur der zweiten Gestalt überführen. Es gibt eine Möglichkeit, das eine aus dem andern zu bilden, ohne daß man einen wesentlichen Sprung macht. Das hört auf, wenn man an diejenige Wesenhaftigkeit der Welt herantritt, die durch Inspiration aufgefaßt werden muß: es hört auf, sobald man an die tierische Organisation herantritt.

[ 19 ] Through inspiration, the possibility arises of gaining an awareness of a spiritual-soul outer world, a spiritual-soul objectivity. This, however, is connected to the fact that the life of consciousness itself now undergoes an inner metamorphosis. As a physical being, a person must accept that, in the course of childhood, youth, middle age, and old age, they undergo external metamorphoses of growth. With regard to consciousness itself, a person feels a slight fear, a reluctance, to undergo such metamorphoses—such a living process—within the very innermost content of the soul. But this must be endured if one wishes to attain supersensible knowledge. What Goethe developed to a particular degree of perfection—the contemplation of metamorphosis—can find a particularly natural home in the realm of imaginative life, for the reason that everything subject to the imagination presents itself as living, transforming forms. A certain form appears before consciousness. It transforms—perhaps with transitions or perhaps without—into a completely different form, yet one can, in a sense, carry over the outline of the first form into the outline of the second. There is a possibility of forming one from the other without making a fundamental leap. This ceases when one approaches that essence of the world which must be grasped through inspiration: it ceases as soon as one approaches the animal organization.

[ 20 ] Ich möchte Ihnen dasjenige, dem man sich nähern muß, wenn man an die tierische Organisation herantritt, durch folgendes veranschaulichen. Man kann, wenn man als Psychologe oder auch als Logiker das menschliche Denken studiert, so daß man es etwa bis zu einer Definition des Denkens bringt, einen gewissen Begriff des Denkens aufstellen, und es wird der Stolz der Logiker, der Erkenntnistheoretiker, der Psychologen sein, zu einem solchen klaren, durchsichtigen, deutlichen Begriff des Denkens zu kommen. Sie werden froh sein, wenn sie einen solchen haben, wenn sie sagen können: Denken ist... —, und jetzt kommen Prädikate. Aber nehmen wir an, jemand wäre ganz glücklich gewesen darin, einen solchen Begriff des Denkens aufzustellen, und er würde dann in dem Falle sein, in dem ich war, als ich meine «Philosophie der Freiheit» geschrieben habe: er würde das Denken verfolgen müssen von jener Form, in der es lebt, wenn es sich an die äußere anschauliche Wahrnehmung anknüpft, bis zu derjenigen Form, wo es lebt in freier Geistigkeit in der menschlichen Persönlichkeit als Willensimpuls, als Handlungsimpuls. Da ergibt sich das Denken so, daß wir es durchaus noch als reines, geläutertes Denken erkennen. Wir können von dem Gedanken, den wir studiert haben an der Wahrnehmung, mit der er sich verbindet, übergehen zu jenen Gedanken, die Motive sind für unser Handeln, wenn wir als freie Menschen handeln. Aber wenden wir uns zu diesem Denken, so ist es zwar wirkliches Denken, aber es deckt sich nicht mehr mit der Definition, die wir uns von dem Denken an der Wahrnehmung gemacht haben. Wir können mit dieser Definition nichts mehr machen, denn dieses Denken, das dem Handeln zugrunde liegt als Motiv, obwohl es ein Denken ist, sieht jetzt nicht mehr einem Denken ähnlich, sondern es ist durch und durch zugleich Wille. Es hat sich, man möchte sagen, in sein Gegenteil, in den Willen hinübermetamorphosiert, ist Wille geworden, ist durch und durch, wenn ich mich des Ausdrukkes bedienen darf, substantieller Wille. Sie sehen auch daraus, wie man innerlich beweglich werden muß im Begriffsgebrauche. Wer sich angewöhnt, einen Begriff auszubilden und ihn anzuwenden, der kann sehr leicht in den Fall kommen, daß die Wirklichkeit seinen Begriffsgebrauch zuschanden macht.

[ 20 ] I would like to illustrate what one must approach when considering animal organization with the following example. When one studies human thought—whether as a psychologist or a logician—to the point of arriving at a definition of thought, one can establish a certain concept of thought, and it will be the pride of logicians, epistemologists, and psychologists to arrive at such a clear, transparent, and distinct concept of thought. They will be happy when they have such a concept, when they can say: “Thinking is…”—and now come the predicates. But let us suppose that someone had been entirely successful in establishing such a concept of thinking, and he would then find himself in the same situation I was in when I wrote my *Philosophy of Freedom*: he would have to trace thinking from the form in which it exists when it is linked to external, concrete perception, all the way to the form in which it exists in free spiritual life within the human personality as an impulse of the will, as an impulse to act. There, thinking presents itself in such a way that we still recognize it as pure, purified thinking. We can move from the thought we have studied in connection with the perception to which it is linked to those thoughts that serve as motives for our actions when we act as free human beings. But when we turn to this kind of thinking, it is indeed real thinking, yet it no longer corresponds to the definition we have formed of thinking based on perception. We can no longer make use of this definition, for this thinking—which underlies action as a motive, even though it is a form of thinking—no longer resembles thinking; rather, it is, through and through, will. It has, one might say, metamorphosed into its opposite, into will; it has become will; it is, through and through—if I may use the expression—substantial will. You can also see from this how one must remain mentally flexible in the use of concepts. Anyone who gets into the habit of forming a concept and applying it can very easily find themselves in a situation where reality renders their use of the concept meaningless.

[ 21 ] Nun, nehmen wir an — und das ist ja auch schließlich in bezug auf die äußere Wirklichkeit der Fall —, wir haben uns von Josef Müller in seinem siebenten Jahre einen Begriff gemacht. Wenn wir ihn wieder kennenlernen in seinem fünfzigsten Jahre, dann hilft uns der Begriff nicht, um ihn dann adäquat zu durchschauen. Da müssen wir mit einer Metamorphose rechnen, da hat sich etwas gewandelt. Die Definition des jungen Müller mit sieben Jahren wird uns nicht helfen, wenn wir den fünfzigjährigen Müller vor uns haben. Das Leben spottet der Definition, der scharf konturierten, inhaltsvollen Begriffe. Das ist dasjenige, was die Misere ausmacht bei vielen Diskussionen und Disputationen des Lebens, daß man eigentlich disputiert jenseits der Wirklichkeit, während die Wirklichkeit der starren Definitionen und starren Beschreibungen spottet. Und so ist es auch, daß man eine Einsicht gewinnen muß, wie Denken Wille und Wille Denken wird.

[ 21 ] Well, let’s assume—and this is, after all, the case with regard to external reality—that we have formed a concept of Josef Müller in his seventh year. When we meet him again in his fiftieth year, that concept does not help us to understand him adequately. We must expect a metamorphosis; something has changed. The definition of the young Müller at age seven will not help us when we have the fifty-year-old Müller before us. Life mocks definitions, those sharply defined, meaningful concepts. This is precisely what constitutes the problem in many of life’s discussions and debates: that we are actually debating beyond reality, while reality mocks rigid definitions and rigid descriptions. And so it is also true that we must gain an insight into how thought becomes will and will becomes thought.

[ 22 ] Wenn das zunächst ein Fall ist, der auf den Menschen anwendbar ist, so ist es annähernd schon der Fall, wenn wir durch Inspiration einfach die tierische Organisation kennenlernen wollen. Da können wir nicht bloß von solchen Metamorphosen sprechen, von denen Goethe für das Pflanzenreich gesprochen hat, bei denen wir gewissermaßen noch eine Kontur in die andere überführen können, sondern da müssen wir von innerlichen Übergängen sprechen — oder wenn ich mich des gestern von Dr. Unger und mir gebrauchten Wortes bedienen darf —, da muß man sich der «Umstülpungen», und zwar nicht bloß der geometrischen, sondern der qualitativen Umstülpungen bedienen, um von dem einen ins andere zu kommen. Kurz, man muß sich schon dazu bequemen, daß die innere Seelenverfassung selber eine Metamorphose durchmacht, daß man gewissermaßen ein Erwachsenwerden seines inneren Erlebnisinhaltes, Erkenntnisinhaltes durchmacht.

[ 22 ] If this is initially a case that applies to human beings, it is already largely the case when we simply seek to understand animal organization through inspiration. Here we cannot merely speak of the kind of metamorphoses that Goethe described for the plant kingdom—where, so to speak, we can still transform one form into another—but rather we must speak of inner transitions—or, if I may use the term Dr. Unger and I employed yesterday— one must make use of “inversions”—not merely geometric ones, but qualitative inversions—in order to move from one to the other. In short, one must be prepared to accept that the inner state of the soul itself undergoes a metamorphosis, that one, so to speak, experiences a maturing of the content of one’s inner experiences and insights.

[ 23 ] So kommt es denn, daß wir, indem wir aufsteigen von der Imagination zur Inspiration, nicht dieselben Begriffe gebrauchen können, die nur allzuwirklich und rechtmäßig gebraucht werden für das gewöhnliche Bewußtsein, die natürlich immer zur Orientierung bleiben müssen, aber die modifiziert werden müssen, wenn die Erkenntnis in das eigentliche Innere, das heißt geistige Wesen der Dinge hineinsteigt. Und so wird die logische Unterscheidung von «richtig» und «unrichtig» aus ihrer Abstraktheit herausgehoben, wenn man vom Imaginieren zum Inspirieren aufsteigt. Man kommt nicht mehr aus gegenüber der Welt, die man da als eine geistige Außenwelt erkennt, wenn man in derselben Weise die Begriffe «richtig» oder «unrichtig» verwendet, die man mit Recht auf einer vorhergehenden Stufe der Erkenntnis verwenden gelernt hat. Diese Begriffe verwandeln sich in viel Konkreteres, und zwar in das, was man jetzt in den aufleuchtenden Imaginationen erlebt. Denen gegenüber kann man nicht in derselben Weise sagen «richtig» und «unrichtig», wie den Vorstellungen des Verstandeslebens gegenüber; sondern jetzt treten gerade auf diesem geistig-seelischen Gebiet die konkreteren Vorstellungen auf: das eine ist «gesund», das andere ist «krank», das eine ist lebenfördernd, das andere lebentötend. Der abstrakte Begriff des Richtigen verwandelt sich in den konkreteren Begriff, so daß dasjenige, was wir versucht sind, «richtig» zu nennen, als ein Gesundendes, Lebendiges hineingreift in die geistige Welt, was wir versucht sind, «unrichtig» zu nennen, das greift in einer krankmachenden, ertötenden, lähmenden Weise in die geistige Welt hinein.

[ 23 ] Thus it happens that, as we ascend from imagination to inspiration, we cannot use the same concepts that are all too real and legitimately employed in ordinary consciousness—concepts that, of course, must always serve as points of reference, but which must be modified when knowledge descends into the true inner core, that is, the spiritual essence of things. And so the logical distinction between “right” and “wrong” is lifted out of its abstractness when one ascends from imagination to inspiration. One can no longer relate to the world—which one now recognizes as a spiritual external world—by using the terms “right” or “wrong” in the same way one has rightly learned to use them at a previous stage of knowledge. These terms transform into something much more concrete, namely, what one now experiences in the illuminating imaginations. One cannot apply the terms “right” and “wrong” to these in the same way as one does to the concepts of intellectual life; rather, it is precisely in this spiritual-psychic realm that more concrete concepts emerge: one is “healthy,” the other is “sick”; one promotes life, the other destroys it. The abstract concept of “right” transforms into a more concrete concept, so that what we are tempted to call “right” intervenes in the spiritual world as something healing and life-giving, while what we are tempted to call “wrong” intervenes in the spiritual world in a way that is sickening, deadly, and paralyzing.

[ 24 ] Anschauungen also, die wir gewöhnt worden sind, im physischen Leben anzuwenden, erstehen uns in einer neuen Form, wenn wir die Schwelle zur geistigen Welt überschritten haben, aber wir erleben eben dann den Inhalt dieser Begriffe auf geistig-seelische Weise. Daher werden Sie finden, wie in der Tat bei dem, der es ehrlich meinen darf mit den Erkenntnissen der übersinnlichen Welten, andere Charakterisierungen eintreten; wie er nicht mehr jongliert mit den Begriffen «richtig» oder «unrichtig», sondern wie er ganz von selbst hineinkommt in einen Gebrauch von Ausdrücken wie «gesund» und «ungesund» und ähnlichen. Damit aber habe ich zunächst versucht zu beschreiben — und ich werde in den nächsten Vorträgen viel eingehender auf diese Sachen zurückkommen —, wie man aufsteigen kann von der gewöhnlichen Erkenntnis zur Imagination, zur Inspiration, wie man dadurch in die wahre Wesenheit, das heißt, in die geistig-übersinnliche Wesenheit der Welt methodisch hineinkommt.

[ 24 ] Views, then, that we have become accustomed to applying in physical life take on a new form once we have crossed the threshold into the spiritual world; but it is precisely then that we experience the content of these concepts in a spiritual-soulful way. Therefore, you will find—as is indeed the case with those who can honestly engage with the insights of the supersensible worlds—that different characterizations come into play; that they no longer juggle with the terms “right” or “wrong,” but rather, quite naturally, begin to use expressions such as “healthy” and “unhealthy” and the like. With this, however, I have first attempted to describe—and I will return to these matters in much greater depth in the next lectures—how one can ascend from ordinary cognition to imagination and inspiration, and how one thereby methodically enters into the true essence, that is, into the spiritual-supersensory essence of the world.

[ 25 ] Nun möchte ich daran erinnern, wie ich genötigt war, in meiner «Philosophie der Freiheit», um das menschliche Handeln zu beschreiben, um das Phänomen der Freiheit zu begreifen, auf der einen Seite scharf herauszuarbeiten den Begriff der reinen Wahrnehmung, mit der sich das Denken verbindet. Auf der andern Seite machte ich dazumal aufmerksam, daß die sittlichen Impulse als Intuitionen aus einer geistigen Welt entnommen werden. Ich war also, indem ich versuchte, eine reale Ethik zu begründen, genötigt, auf der einen Seite scharf zu charakterisieren das vom Denken zu durchdringende Wahrnehmen der äußeren Sinneswelt an dem einen Pol, die moralische Intuition auf dem andern Pol des menschlichen Seins, gegenständliches Anschauen oder Erkennen auf der einen Seite, intuitives Erkennen auf der andern Seite. Wenn man den Menschen, wie er in dieser physischen Welt lebt, durchschauen will in bezug auf die Art und Weise, wie er sinnlich wahrnimmt, und in bezug auf die Art und Weise, wie er aus dem tiefsten Inneren seines Wesens heraus zum Handeln seine Impulse entwickelt, dann ist man genötigt, aufmerksam zu machen auf der einen Seite auf das vom Denken durchdrungene Wahrnehmen, das die Wirklichkeit darstellt, und man ist genötigt, andererseits aus der reinen geistigen Empirie heraus eine Wirklichkeit an dem andern Pol zu suchen, diejenige, die in einem intuitiven Erleben der Sittenimpulse wurzelt.

[ 25 ] Now I would like to recall how, in my *Philosophy of Freedom*, in order to describe human action and to understand the phenomenon of freedom, I was compelled, on the one hand, to sharply delineate the concept of pure perception, with which thought is connected. On the other hand, I pointed out at the time that moral impulses are drawn as intuitions from a spiritual world. Thus, in attempting to establish a real ethics, I was compelled, on the one hand, to sharply characterize the perception of the external sensory world—which must be permeated by thought—at one pole, and moral intuition at the other pole of human existence; objective observation or cognition on the one hand, and intuitive cognition on the other. If one wishes to understand human beings as they live in this physical world—in terms of the way they perceive through the senses and the way they develop their impulses to act from the deepest core of their being—then one is compelled, on the one hand, to draw attention to perception permeated by thinking, which represents reality, and, on the other hand, to seek—from pure spiritual empiricism—a reality at the opposite pole, one rooted in an intuitive experience of moral impulses.

[ 26 ] Jetzt in diesen Betrachtungen obliegt es mir, Ihnen vorzuführen die verschiedenen Stufen des Erkennens, die hineinführen in die geistige Welt, das heißt aber nichts anderes als in diejenige Welt, die mit unserer sinnlichen zusammen die volle Wirklichkeit ausmacht. Da müssen wir beginnen mit dem gegenständlichen Erkennen, das ich in der «Philosophie der Freiheit» an den einen Pol setzte, und wir müssen aufsteigen zu dem imaginativen und inspirierten Erkennen. Da werden wir von der geistigen Wirklichkeit berührt. Dann steigen wir auf zur Intuition, und in der Intuition — ich werde das in den nächsten Vorträgen darzustellen haben — werden wir nicht nur berührt von der geistig-übersinnlichen Wirklichkeit, sondern wir leben uns in sie hinein, wir werden mit ihr eins.

[ 26 ] In these reflections, it is my task to present to you the various stages of cognition that lead into the spiritual world—which is nothing other than the world that, together with our sensory world, constitutes the full reality. We must begin with concrete cognition, which I placed at one pole in *The Philosophy of Freedom*, and we must ascend to imaginative and inspired cognition. There we are touched by spiritual reality. Then we ascend to intuition, and in intuition—I will have to describe this in the next lectures—we are not only touched by spiritual-super-sensory reality, but we live ourselves into it; we become one with it.

[ 27 ] Dann leben wir in der Intuition, wenn wir mit der geistigen Wirklichkeit einig sind, das heißt nichts anderes als: an dem einen Pol des Menschen, wie er heute in dieser Weltenperiode dasteht, lebt das gegenständliche Erkennen, auf dem andern Pole das intuitive Erkennen. Zwischen beiden stehen drinnen Imagination und Inspiration. Aber wenn man den Menschen des gewöhnlichen Lebens schildern will, dann muß man, wenn man ihn als Handelnden, als moralisch Tätigen auffaßt, für dieses eine herausgeschälte Gebiet der sittlichen Motive, schon zum Behufe einer Freiheitsphilosophie, die moralische Intuition finden. Man finder dann, wenn man dasselbe für den ganzen Kosmos ausbildet, was man durch eine solche Freiheitsphilosophie für die Grundlage des menschlichen Handelns ausbildet, die Intuition über den ganzen Kosmos realisiert, während man sie sonst nur auf dem eingeschränkten Gebiete des menschlichen Handelns findet. Aber während man einfach durch die gewöhnlichen natürlichen Anlagen des Menschen hier in der physischen Welt zu dem gegenständlichen Erkennen des Alltags die moralische Intuition hinzufügt, wenn man ein moralischer Mensch ist, muß man, wenn man zu wirklicher Welterkenntnis kommen und, ich möchte sagen, landen will bei der kosmischen Intuition, die im Kosmos entspricht der moralischen Intuition für das Innere des Menschen, dann muß man die beiden Stufen der Imagination und Inspiration durchlaufen. Mit andern Worten: schildert man den Menschen, so kann man das tun durch eine Freiheitsphilosophie. Da ist man nur genötigt, zu dem eingeschränkten Gebiet des intuitiven Erlebens für das menschliche Handeln zu kommen. Sucht man eine dieser Freiheitsphilosophie entsprechende kosmische Anschauung, dann muß man dasselbe, was man dort auf eingeschränktem Gebiete getan hat, erweitern, indem man dieStufen der Erkenntnis ausbildet: gegenständliches Erkennen, Imagination, Inspiration, Intuition.

[ 27 ] We live in intuition when we are at one with spiritual reality; this means nothing other than this: at one pole of the human being, as he stands today in this period of the world, lies objective cognition; at the other pole, intuitive cognition. Between the two lie imagination and inspiration. But if one wishes to describe the human being in ordinary life—that is, if one conceives of him as an agent, as a morally active being—then, for this narrowly defined realm of moral motives, one must, for the sake of a philosophy of freedom, find moral intuition. One then finds—when one extends to the entire cosmos what one has developed through such a philosophy of freedom as the foundation of human action—that intuition realized across the entire cosmos, whereas otherwise it is found only within the limited realm of human action. But while, as a moral person, one simply adds moral intuition to the concrete knowledge of everyday life here in the physical world through one’s ordinary natural faculties, if one wishes to attain true knowledge of the world—and, I would say, arrive at cosmic intuition—which corresponds in the cosmos to moral intuition regarding the inner life of the human being—then one must pass through the two stages of imagination and inspiration. In other words: when describing the human being, one can do so through a philosophy of freedom. There, one is compelled only to enter the limited realm of intuitive experience regarding human action. If one seeks a cosmic worldview corresponding to this philosophy of freedom, then one must expand upon what one has done in that limited realm by developing the stages of knowledge: concrete cognition, imagination, inspiration, and intuition.

[ 28 ] Prinzipiell also liegt schon zwischen dem, was die erste Hälfte meiner «Philosophie der Freiheit» ist, wo ich herausarbeite die Wirklichkeit des gegenständlichen Erkennens, und zwischen dem zweiten Teil der «Philosophie der Freiheit», wo ich in dem Kapitel «Die moralische Phantasie» die moralische Intuition herausarbeite, zwischen dem liegt darinnen dasjenige, was Imagination und Inspiration ist. Das konnte damals, als die «Philosophie der Freiheit» ausgearbeitet worden ist, nur angedeutet werden. Es wurde angedeutet, indem ich in der «Philosophie der Freiheit» die Worte ausgesprochen habe: «Das einzelne menschliche Individuum ist von der Welt nicht tatsächlich abgesondert. Es ist ein Teil der Welt, und es besteht ein Zusammenhang mit dem Ganzen des Kosmos der Wirklichkeit nach, der nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen ist. Wir sehen fürs erste diesen Teil als für sich existierendes Wesen, weil wir die Riemen und Seile nicht sehen, durch welche die Bewegung unseres Lebensrades von den Grundkräften des Kosmos bewirkt wird.» Wollen wir nur den Menschen für diese Welt erkennen, so kennen wir den direkten Übergang nicht von dem gegenständlichen Erkennen zu der moralischen Intuition.

[ 28 ] In principle, then, there is already a distinction between the first half of my *Philosophy of Freedom*—in which I elaborate on the reality of object-oriented cognition—and the second part of the *Philosophy of Freedom*, where, in the chapter “The Moral Imagination,” lies what constitutes imagination and inspiration. At the time when the *Philosophy of Freedom* was being written, this could only be hinted at. It was hinted at when I wrote in *The Philosophy of Freedom*: “The individual human being is not actually separated from the world. It is a part of the world, and there is a connection with the whole cosmos in reality, which is interrupted only for our perception. For the time being, we see this part as an entity existing in and of itself, because we do not see the straps and ropes through which the movement of our wheel of life is brought about by the fundamental forces of the cosmos.” If we wish only to recognize the human being for this world, we do not know the direct transition from objective knowledge to moral intuition.

[ 29 ] Dasjenige, worauf bei einer solchen Betrachtung — selbstverständlich sind die Riemen und Seile bildlich gemeint — nur hingedeutet werden kann: daß der Mensch etwas in sich hat, was sein Wesen an den ganzen Kosmos bindet, das müßte im weiteren ausgeführt werden. Es müßte gezeigt werden, wie der Mensch eben so, wie er durch einen Empirismus, der die zwei Mittelglieder überspringen kann, von dem gegenständlichen Wahrnehmungserkennen zu der moralischen Intuition kommen kann, so auch von seinem menschlichen Wahrnehmungserleben zu der kosmischen Intuition kommen kann; denn er hängt mit Riemen undSeilen, das heißt mit geistigen Wesenhaftigkeiten, in seiner Menschlichkeit mit dem Kosmos zusammen. Aber er überschaut das, wie er zusammenhängt, nur, wenn er jetzt ausfüllt, was für die gewöhnliche Betrachtung unausgefüllt bleiben darf zwischen gegenständlichem Erkennen und Intuition, das heißt, wenn er aufsteigt vom gegenständlichen Erkennen durch Imagination und Inspiration zu der kosmischen Intuition.

[ 29 ] What can only be alluded to in such a consideration—where, of course, the straps and ropes are meant figuratively—is that human beings possess something within themselves that binds their essence to the entire cosmos; this would need to be elaborated upon further. It would have to be shown how human beings, just as they can move from objective perceptual cognition to moral intuition through a form of empiricism capable of bypassing the two intermediate links, can also move from their human perceptual experience to cosmic intuition; for they are connected to the cosmos in their humanity by straps and ropes—that is, by spiritual essences. But he can only grasp how he is connected when he now fills in what, for ordinary observation, may remain unfilled between objective cognition and intuition—that is, when he ascends from objective cognition, through imagination and inspiration, to cosmic intuition.

[ 30 ] Das ist der Zusammenhang aller ausgebildeten anthroposophischen Wissenschaft mit demjenigen, was als Keim veranlagt war in der «Philosophie der Freiheit»; nur muß man allerdings einen Sinn haben dafür, daß Anthroposophie etwas Lebendiges ist, daß sie also erst als Keim auftreten mußte, bevor sie sich weiter zu Blättern und zu etwas Weiterem entwickeln konnte. Denn in dieser Lebendigkeit liegt gerade der charakteristische Unterschied anthroposophischer Erkenntnis von dem Toten, das doch schon viele in derjenigen Weisheit empfinden, welche heute noch Anthroposophie ablehnen will, weil sie sie zum Teil nicht verstehen kann, zum Teil nicht verstehen will.

[ 30 ] This is the connection between all developed anthroposophical science and what was laid down as a seed in *The Philosophy of Freedom*; but one must, of course, understand that anthroposophy is a living entity, and that it therefore had to appear first as a seed before it could develop further into leaves and something more. For it is precisely in this vitality that the characteristic difference between anthroposophical knowledge and that which is lifeless lies—a difference that many already sense in the very wisdom that still seeks to reject anthroposophy today, partly because they cannot understand it, and partly because they do not want to understand it.