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Die Wirklichkeit der höheren Welten
GA 79

28 November 1921, Oslo

3. Grundlagen der Anthroposophie

[ 1 ] In drei Vorträgen denke ich Ihnen einen Überblick zu geben über das, was Anthroposophie zu sagen hat über den Menschen und über das Verhältnis des Menschen zur Welt. Dies sind ja ohne Zweifel die beiden bedeutendsten Fragegebiete für alle menschliche Anschauung: die Welt und der Mensch. Sie schließen im Grunde genommen sowohl jede kleinste wie jede größte wissenschaftliche und Lebensfrage ein. Es liegt nun in der Natur der Aufgabe, daß ich mich darauf zu beschränken haben werde, zu sagen, was über diese beiden Fragegebiete innerhalb der anthroposophischen Horizonte liegt, das also, was sich bezieht auf die großen Lebensfragen des menschlichen Daseins, welche über die sinnliche Erkenntnis und über das Feld der gewöhnlichen Wissenschaft hinausgehen.

[ 2 ] Man kann nicht leugnen, daß in bezug auf den Menschen, in bezug auf Selbsterkenntnis des Menschen eine derjenigen Fragen gegeben ist, welche den Menschen selbst am tiefsten, am intensivsten berühren muß. Denn der Mensch muß, um Sicherheit im Leben zu haben, um einen festen Standpunkt im Leben zu haben, eine Anschauung seiner eigenen Wesenheit haben. Und der Mensch hat, das darf wohl gesagt werden, jederzeit auch nach Welterkenntnis gesucht, denn er weiß, daß das, was in den Geheimnissen der Weltentwickelung eingeschlossen ist, zusammenhängt mit seinem eigenen Wesen, daß er vor allen Dingen über das letztere, über das eigene Wesen nur etwas wissen kann, wenn er erkennt, was die Welt, der er einmal angehört, ihm zu geben vermag. Nun kann man auch nicht leugnen, daß in der Gegenwart ein reges Interesse vorhanden ist für alles, was in bezug auf Menschenerkenntnis und Welterkenntnis über die gewöhnliche Sinneswissenschaft hinausgeht, und wir sehen zahlreiche Versuche, über diese gewöhnliche Wissenschaft hinauszugehen, um zu erforschen, was jenseits von Geburt und Tod liegt, was jenseits desjenigen liegt, was man durch die gewöhnliche Sinnesbeobachtung und durch den auf diese Sinnesbeobachtung gestützten Verstand ergründen kann. Wir sehen ja in der neueren Zeit gerade wissenschaftlich forschende Menschen in der mannigfaltigsten Weise bemüht, über die gekennzeichneten Gebiete hinauszugehen, und ich möchte einleitungsweise wenigstens markante Anschauungen gegenwärtiger Forscher erwähnen, welche beweisen, daß ein reges Interesse für Fragen, wie die in meinen drei Vorträgen zu behandelnden, vorhanden ist, daß es aber auch außerordentlich schwierig ist, selbst den in der gewöhnlichen Wissenschaft ganz gut bewanderten Persönlichkeiten, in das Gebiet des Geistigen, des Seelischen einzudringen. Ich möchte nicht im Abstrakten herumreden, möchte gleich von konkreten Beispielen ausgehen.

[ 3 ] Ein deutscher Forscher, der sich viel damit beschäftigt hat, zu sehen, wie die übersinnliche Natur der Seele als solche zu erforschen ist, wie die übersinnliche Natur der Seele auf die sinnliche Natur des Leibes wirkt, hat aus seiner ärztlichen und sonstigen Naturforschererfahrung heraus manches Beispiel von der Wirkung der Seele, des zweifellos Seelischen auf die menschliche Körperlichkeit gegeben, und ein eklatantes Beispiel, das dieser Arzt und Forscher Schleich, der mir auch persönlich sehr gut bekannt ist, in einem seiner Bücher erwähnt, ist das folgende. Er stellt dar, wie in furchtbarer Aufregung ein Patient zu ihm kam, der in seinem Büro während des Tages sich ein wenig die Haut mit der tintigen Feder geritzt hatte. Es war, wie der Arzt konstatieren konnte, eine außerordentlich leichte, unbedeutende Verwundung. Aber der Patient war von der Wahnidee befallen, daß er sich eine Blutvergiftung durch diesen Stich mit der tintigen Feder zugezogen habe, und daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm die Hand nicht abgenommen, amputiert würde, und er bat, so schnell als möglich die Hand, den Arm amputiert zu bekommen. Der Arzt konnte ihm nichts anderes sagen als, er solle nur ruhig sein, die Sache werde in ein paar Tagen vorüber sein und er habe gar nichts zu befürchten. Selbstverständlich konnte eben der Arzt unter voller Verantwortung nichts anderes als dieses sagen. Er konnte ihm doch nicht den Arm wegschneiden. Der Betreffende aber gab sich nicht damit zufrieden, ging zu einem anderen Arzt, der ihm dasselbe sagte, der ihm den Arm natürlich auch nicht abschnitt. Aber etwas ängstlich, weil mit den menschlichen Gemütszuständen sehr gut bekannt, war Schleich doch, und er erkundigte sich am nächsten Morgen nach dem Patienten, und siehe da: der Patient war gestorben! Die Autopsie ergab nichts von irgendeiner bemerkbaren inneren Blutvergiftung oder dergleichen. Es konnte gar keine Rede davon sein. Aber der Patient war gestorben. Schleich fügt zu diesem Fall, den er erzählt, hinzu: Tod durch radikale Autosuggestion. Der Betreffende habe sich eingebildet, er müsse sterben; das war eine außerordentlich radikale Autosuggestion, und der Betreffende ist wirklich unter dem Einfluß dieser Autosuggestion gestorben.

[ 4 ] So sagt ein Forscher, der immerhin mit allen naturwissenschaftlichen Methoden, mit allen medizinischen Methoden sehr gut bekannt ist. Er berichtet diesen Fall, um daran zu erhärten, welche Macht etwas rein Seelisches, also ein Gedanke, der gefaßt wird, auf den Verlauf von Körperprozes sen haben könne: bis zum Herbeiführen des Todes. So meint Schleich. Schleich bringt eine ganze Menge anderer Fälle als Beispiele, die weniger markant und radikal sind, um zu beweisen, daß tatsächlich eine Möglichkeit vorhanden ist, hinzuschauen auf das in Gedanken, in Empfindungen, in Gefühlen, Willensimpulsen lebende Seelenwesen, das durch die eigene Kraft nun wirken kann auf das Körperliche. Also es soll sozusagen dargestellt werden die Wirkung des Übersinnlichen auf das Sinnliche.

[ 5 ] Ein anderer Fall, der von einem viel bedeutenderen Naturforscher erzählt wird, von Oliver Lodge, ist der folgende: Oliver Lodge hat ja seinen Sohn Raymond im Weltkriege verloren. Der Betreffende ist an der belgisch-deutschen Grenze gefallen, und Sir Oliver Lodge — er hat ja schon seit langem hingeneigt dazu, eine Brücke zu bauen von SinnlichNaturwissenschaftlichem zu Übersinnlichem — wurde durch diesen Fall, durch den Verlust seines geliebten Sohnes, ja noch persönlich außerordentlich stark getroffen. Und durch allerlei Veranstaltungen, die an ihn herantraten, die hier nichts zur Sache tun, die ich daher auch nicht zu erzählen brauche, wurde er dazu geführt, die mediale Kraft einer Persönlichkeit dazu zu benützen, mit der abgeschiedenen Seele seines Sohnes Raymond Lodge in Verbindung zu treten.

[ 6 ] Nun, wenn in gewöhnlichen Spiritistenkreisen ein solcher Fall auftaucht, braucht man ihn nicht besonders ernst zu nehmen, denn man weiß ja, wie unkritisch da verfahren wird, und wie laienhaft gegenüber den naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden über solche Fälle, über solche Dinge in solchen Kreisen geurteilt und geforscht wird. Aber man muß die Sache ernster nehmen, wenn man es zu tun hat mit einem der größten Naturforscher der Gegenwart, mit jemandem, der durchaus auf dem Gebiet äußerer naturwissenschaftlicher Forschung gründlich bewandert ist, der die naturwissenschaftliche Methode kennt. Und aus diesem Grunde ist es auch, daß das Buch, welches Sir Oliver Lodge geschrieben hat über den Geistverkehr mit seinem Sohne Raymond Lodge, einen so großen Eindruck gemacht hat. Wenn man das Buch liest, so hat man ohne weiteres sogleich das Gefühl: Man hat es hier zu tun mit einer Persönlichkeit, welche nicht leichtsinnig, nicht ohne wissenschaftliche Verantwortung und Gewissenhaftigkeit an die Untersuchung solcher Dinge herangeht. Und auch in den anderen Dingen, die ich hier nicht erzählen will, sieht man überall, daß Oliver Lodge auf dieses Gebiet dieselbe Denkweise anwendet, dieselbe wissenschaftliche Methode, die er gewöhnt ist, im physikalischen Laboratorium anzuwenden. Das Reale, das er nun erzählt und das, wie man ja sagen kann, mit Recht einen großen Eindruck hervorgerufen hat bei all denen, die das Werk von Sir Oliver Lodge lasen, das ist das Folgende. Durch das betreffende Medium wurden Oliver Lodge und einige andere Persönlichkeiten, die bei den Versuchen dabei waren, darauf aufmerksam gemacht, wie sein Sohn, das heißt die Seele, der Geist seines Sohnes ihm berichten will von einer Szene, die sich kurz vor dem Tode an der belgisch-deutschen Grenze zugetragen hat, und es wurde durch das Medium erzählt, daß sich Raymond Lodge photographieren ließ, und dieser Akt des Photographierens wurde mit einer besonderen Ausführlichkeit auf medialem Wege erzählt. Es wurde ausdrücklich gesagt: Es wurden zwei Aufnahmen gemacht, und diese zwei Aufnahmen wurden beschrieben, und es wurde hingedeutet darauf, daß auf der zweiten Aufnahme die ganze Stellung des Sohnes von Oliver Lodge erwas anders ist als auf der ersten Aufnahme. In der Zeit, als diese mediaJlen Mitteilungen in London durch das Medium gemacht worden sind — und von Sir Oliver Lodge wird es so dargestellt, daß man wirklich sieht, er braucht, ich betone das immer wieder, alle wissenschaftlichen Vorsichtsmaßregeln —, in der Zeit, in der der Versuch angestellt wurde, wußte niemand in London etwas von den Photographien oder von dem Akt der photographischen Aufnahme. Es konnte also, so meinte Lodge, nachdem er alles geprüft hat, die Mitteilung, wenn sie wahr ist, nur von dem toten Sohne selber kommen. Und siehe da, nach etwa zwei oder drei Wochen kamen die Photographien wirklich nach London, die vorher niemand gekannt hat. Sie waren so, wie sie durch das Medium, beziehungsweise also nach dem Glauben von Sir Oliver Lodge durch die Seele seines Sohnes beschrieben waren. Darinnen konnte auch ein Naturforscher zunächst, man möchte sagen, ein experimentum crucis sehen. Es konnte eben niemand die Photographien in London gesehen haben. Und es stellte sich heraus, daß die Mitteilung bis auf den Grad hin genau war, daß tatsächlich zwei Aufnahmen gemacht waren, und die zweite Aufnahme hatte die andere Haltung. Der Photograph hatte die Aufnahme gemacht in der Gruppe, innerhalb welcher Raymond Lodge war, und sie bei der zweiten Aufnahme etwas anders gesetzt, und das war nun ganz genau wirklich beschrieben worden. Man hat nicht den geringsten Grund, bei einem gewissenhaften Naturforscher an dieser mitgeteilten Tatsache irgendwie zu zweifeln.

[ 7 ] Nun, ich habe Ihnen zwei radikale Fälle dargestellt, die zeigen, wie aus der Sehnsucht, der Erkenntnissehnsucht von durchaus ernsten wissenschaftlichen Persönlichkeiten in unserer Gegenwart das Streben entsteht, vom Menschen mehr kennenzulernen, als die äußere sinnliche Forschung geben kann.

[ 8 ] Wer vom anthroposophischen Gesichtspunkte sprechen will, und wer über die Grundlagen der anthroposophischen Forschung berichten will, der ist heute schon einmal genötigt, darauf aufmerksam zu machen, daß diese Methoden anthroposophischer Forschung doch noch andere sind als diejenigen, die selbst von so ernst zu nehmenden Persönlichkeiten heute geübt werden. Denn diese Grundlagen — ich hoffe, daß das durch die drei Vorträge, die ich hier zu halten habe, nach allen Seiten hin klar wird —, diese Grundlagen anthroposophischer Forschung sollen, selbst solchen kritischen Geistern gegenüber, noch kritischer, noch gewissenhafter in bezug auf wissenschaftliche Denkweise und Gesinnung sein. Und wer es nun wagt, selbst gegenüber solchen Persönlichkeiten Kritik zu üben, der ist vielleicht erst berufen, darüber zu urteilen, auf einer wie viel größeren Sicherheit, als selbst die gewissenhaftesten Naturforscher der Gegenwart, Anthroposophie, die man so leicht der Phantastik zeiht, bauen will. Und um gerade auf das Kritische, auf das im ernsten Sinne Wissenschaftliche der anthroposophischen Grundlagen hier hinzuweisen, will ich das nun vorbringen, was gegen die wissenschaftliche Ausdeutung, die in beiden Fällen hier von angesehenen Persönlichkeiten gegeben wird, doch kritisch sich einwenden läßt. Ich gehe heute von diesen Dingen aus, weil gerade mit Bezug auf mein heutiges Thema manches ja vorausgenommen ist durch meine beiden letzten Vorträge, so daß Wesentliches wohl für die meisten der hier versammelten verehrten Zuhörer in diesen beiden Vorträgen schon gesagt worden ist, und ich will daher das Gesagte von einem anderen Gesichtspunkte aus kurz beleuchten. Schleich gegenüber mit seinem Tod durch Autosuggestion muß folgendes eingewendet werden. Ich bitte zunächst das so aufzufassen, daß ich nur einen kritischen Einwand mache, wie die Sache auch sein könnte! Nehmen wir einmal an, die betreffende Persönlichkeit, die sich die tintige Feder in die Hand gestochen hat und glaubte, an Blutvergiftung zu leiden, hätte doch einen innerlichen Defekt gehabt, der einen schnellen Tod in der nächsten Nacht einfach durch natürliche Ursache herbeiführen mußte. Solche plötzlichen Tode gibt es ja. Aber auf der anderen Seite weiß jeder, der sich im Ernste bekanntmacht mit dem, was immerhin an einer Verstärkung, an einer Intensivierung der menschlichen Erkenntniskräfte geleistet werden kann in dem Sinne, wie ich das in den letzten Tagen versuchte auseinanderzusetzen, daß gewisse unbestimmte Gemütskräfte durch abnorme Zustände, man kann durchaus sagen, durch abnorme pathologische Zustände, zu einer besonderen Höhe getrieben werden können. Und die Fälle sind ja durchaus vorhanden und wiederum im kritischen Sinne so in der Literatur verzeichnet, daß sie jeder nachprüfen kann, wo immerhin der Wille des Menschen — wir werden gleich nachher sehen, wie das möglich ist — sich umgestaltet, metamorphosiert zu einer gewissen Erkenntniskraft. Und weil der Wille des Menschen in die Zukunft gerichtet ist, kann er, durch gewisse pathologische Voraussetzungen bedingt, das, was sich aus dem ganzen menschlichen Zusammenhang heraus für die Zukunft eines Menschen vorbereitet, unter Umständen vorausahnen. Ob man das nun Ahnungen nennt oder wie man es nennen will, das ist gleichgültig. Und es ist durchaus in das Gebiet des Tatsächlichen zu rechnen, daß Menschen in pathologischen Zuständen, die leichter Art sind, so daß sie nicht gerade als Krankheit zum Vorschein kommen, sagen wir, vorausahnen, wie sie in vierzehn Tagen — sie sehen es im Bilde — vom Pferde stürzen werden. Alle Vorsichtsmaßnahmen helfen nichts, weil sie ja die begleitenden Umstände doch nicht wahrnehmen. Sie haben einfach das vorausgeahnt, was in der Zukunft eintreten wird.

[ 9 ] Kritisch ist nun einzuwenden von dem, der wirklich die geistigen Verhältnisse des Menschen in ihrer Intensivierung kennt, daß ja bei dem betreffenden Patienten des Schleich einfach das vorgelegen haben kann, was seinen Tod in der nächsten Nacht bewirkte, und er vorher eine innere Ahnung hatte von diesem eintretenden Tode. Solche innere Ahnung braucht nicht zum Bewußtsein zu kommen, kann durchaus im Unterbewußten bleiben. Aber ihre Wirkung auf das Bewußtsein kann sie äußern durch das, was man nennt: Man wird nervös, man wird zappelig, man tut allerlei Dinge, die unüberlegt sind. Und es könnte durchaus das Stoßen der tintigen Feder in die Hand unter dem Einfluß der Nervosität, die von dieser Ahnung kam, gekommen sein, so daß der Betreffende einfach innerlich unbewußt wußte — wenn ich mich des Paradoxons bedienen darf —, er werde sterben. Aber er kleidete das nicht in die Behauptung, daß er seinen Tod ahne, sondern er wurde nervös, stieß sich die Feder in die Hand und kleidete das in die Behauptung, er werde an Blutvergiftung sterben. Es handelte sich dann nicht um einen Tod durch Autosuggestion, sondern darum, daß der Betreffende eine innere Ahnung hatte von seinem kommenden Tode, und alles, was er unternahm, aus seiner Ahnung heraus unternahm. Wenn die Sache so ist, dann verwechselt Schleich einfach Ursache und Wirkung, dann liegt eben nicht eine Autosuggestion in der Weise vor, wie Schleich es annimmt, daß der bewußte Gedanke irgendwo suggestiv den Tod bewirkt habe, sondern dann liegt das vor, daß der Tod unter allen Umständen eingetreten wäre, daß aber die Todesahnung den Betreffenden zu seinen Forderungen gebracht hat. Sie sehen, man kann sich schon kritisch auch zu solchen Dingen verhalten, wenn man bekannt ist mit dem, was eben durchaus auch möglich ist: das Heraufdämmern von gewissen unterbewußten Zuständen, die in der Seele immer vorhanden sind, in das Bewußtsein, aber in maskierten Zuständen. Vieles von dem, was sich im Bewußtsein äußert, ist eigentlich in anderer Form in den unbewußten Tiefen der Menschenseele vorhanden und wird nur vom Bewußtsein anders ausgelegt. Nehmen wir den andern Fall von Sir Oliver Lodge. Sie werden wahrscheinlich alle das kennen, was man «second sight», das zweite Gesicht, nennt. Da kann durchaus durch eine Intensivierung der menschlichen Erkenntniskräfte der Mensch etwas schauen, was er eben durch seine gewöhnlichen gesunden Sinne nicht schauen kann. Da kann in einer gewissen Weise der Mensch schauen, wie es nicht den sonstigen Bedingungen des Raumes, in den er eingespannt ist, entspricht, und da kann der Mensch in einer gewissen Weise Raum und Zeit mit seinem Wahrnehmungsvermögen überwinden. Nun, hieraus ergibt sich der kritische Einwand, selbst gegen die Gewissenhaftigkeit von Sir Oliver Lodge. Denn immerhin braucht Sir Oliver Lodge dieses Experimentum crucis, um zu beweisen, daß kein anderer, als die Seele seines Sohnes aus dem Jenseits mit ihm gesprochen haben könne. Aber derjenige, der weiß, wie fein und intim gerade dieses «second sight» wirkt, wie sich durch die Intimitäten dieser Art von Wahrnehmung Raum und Zeit unter gewissen abnormen Umständen — wie sie ja bei einer medialen Persönlichkeit immer vorhanden sind, wenn auch meistens nicht zum Heile dieser medialen Persönlichkeit — überwinden lassen, der weiß auch, daß das bis zu dem Grade gehen kann, den man in der folgenden Art charakterisieren kann.

[ 10 ] Die beiden Bilder sind jedenfalls vierzehn Tage oder drei Wochen später in London angekommen. Diejenigen Personen, die bei der Mediumssitzung waren, hatten ihre Augen auf diese Bilder gerichtet. Es war eine Zukunftstatsache, daß Sir Oliver Lodge selber und seine Verwandten diese Bilder ansahen. Und diese Zukunftstatsache, die brauchte einfach durch eine Art zweiten Gesichts das Medium zu interpretieren. Wenn dies der Fall war, kann man nicht mehr sprechen von einem Hereinleuchten des Übersinnlichen der Seele des Raymond Lodge in die Experimentierstube von Sir Oliver Lodge; dann hat man es in diesem Falle zu tun mit etwas, das durchaus im Bereich des Irdischen sich abspielt, einfach mit einem Zukunftsehen, das ja auch über das gewöhnliche Wahrnehmungsvermögen hinausgeht, das aber nicht berechtigt, anzunehmen, daß die jenseitige Seele sich herein in das Sitzungszimmer geäußert habe.

[ 11 ] Ich erwähne diese beiden Fälle und die kritischen Einwände, um ein Gefühl davon hervorzurufen, wie vorsichtig und wie durchaus kritisch die Denkweise der anthroposophischen Geistesforschung ist. Denn diese anthroposophische Geistesforschung geht zunächst überhaupt gar nicht aus — das haben ja schon meine beiden letzten Vorträge gezeigt — von abnormen Erscheinungen, sondern sie geht aus von dem durchaus normalen Menschenleben, von dem, was als Erkenntniskräfte, als Willenskräfte, als Gefühlskräfte im normalen menschlichen Leben da ist. Und diese Kräfte will anthroposophische Forschung zum Behufe der Erkenntnis übersinnlicher Welten weiter entwickeln, um gewissermaßen ein innerliches Recht zu haben, um die richtige Gewissenhaftigkeit zu haben, Übungen vorzunehmen, welche das Denken verstärken. Meditationsübungen, wie ich sie in den letzten Tagen beschrieben habe, verstärken das Denken bis zu einem hohen Grade, so daß der Mensch zu einem Denken kommt, das ebenso lebendig, intensiv ist, wie das sinnliche Wahrnehmen. Oder es sind Willensübungen, wie ich sie auch schon erwähnt habe, wie ich sie auch weiterhin noch charakterisieren will in diesen Vorträgen. Um diese Übungen vorzunehmen, dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß der Mensch eine intensive Aufmerksamkeit habe auf das normale Leben, daß er sich gut auskenne in den Verhältnissen, in denen der Mensch im normalen Leben selber drinnen steht.

[ 12 ] In Deutschland hat jüngst ein wissenschaftlich geschulter Mann einen kurzen Abriß der von mir gegründeten anthroposophischen Wissenschaft gegeben. Der betreffende Mann ist durchaus nicht ein Blindgläubiger. Er stellt das, was ja in einer reichen Literatur von mir gegeben worden ist, in einem kurzen Abriß zusammen. Er stellt es zusammen, indem er zunächst sich weder für ja noch für nein entscheidet, und er macht eine Bemerkung, die sich so ausnimmt, wie die Bemerkungen eines starken Gegners, obwohl der Mann weder Gegner noch Anhänger ist. Aber ich muß gestehen, daß mir diese scharfe Bemerkung außerordentlich gut gefällt, gut gefällt aus der ganzen Situation heraus, in der anthroposophische Geistesforschung gegenüber der anderen geistigen Zivilisation in unserer Gegenwart ist. Der Mann macht die Bemerkung: Manche meiner Behauptungen wären, wenn man sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein verfolgt, unwiderstehlich komisch. — Ich muß gestehen, daß mir diese Bemerkung außerordentlich gut gefällt aus folgendem einfachem Grunde. Wenn man solche Dinge erzählt, wie die von Oliver Lodge oder den anderen Fall, den ich erzählt habe, da horchen die Menschen auf, weil es in einem gewissen Sinne an die Sensationsgefühle heranschlägt, weil es herausrückt aus dem, was man gewöhnt ist, und da findet man keine unwiderstehliche Komik. Wenn aber der Anthroposoph genötigt ist, gerade an das ganz normale Menschliche anzuknüpfen, an die gewöhnliche menschliche Erinnerung, an die gewöhnlichen menschlichen Willensiußerungen, und davon redet, daß man durch gewisse Übungen das menschliche Gedankenleben verstärken kann durch Meditation, daß man durch Selbsterziehung den Willen in einer gewissen Weise entwickeln kann, so daß der Mensch ein anderer wird als er vorher war und als anderer dann in die übersinnlichen Welten eindringen könne, dann kann, weil man sozusagen mit gewöhnlichen Worten redet, welche die Menschen eben im Leben auf das anwenden, was immer um sie ist, die sie sich daher nicht nehmen lassen wollen für etwas anderes, dann kann man unwiderstehlich komisch wirken. Daher wirkt auf diejenigen Menschen, welche die Worte nur auf das anwenden wollen, worauf sie eben im gewöhnlichen Leben angewendet werden, manches so unwiderstehlich komisch. Der anthroposophische Geistesforscher findet nur, daß sehr häufig solche Urteile über anthroposophische Geisteswissenschaft sich vor ihm so ausnehmen, wie wenn jemand einen Brief bekommt, den er lesen sollte, ihn aber nicht liest, sondern die Tinte chemisch analysiert. Ich muß gestehen, daß mir sehr vieles, was über Anthroposophie gesagt wird, so vorkommt, wie wenn jemand einen Brief nicht liest, sondern die Tinte chemisch analysiert.

[ 13 ] Das ist das Wesentliche bei den Grundlagen der Anthroposophie, daß man ausgeht von den durchaus normalen menschlichen Erlebnissen, daß man das gut kennt, was heutige wissenschaftliche Erkenntnis ist, was heutiges moralisches, ethisches Leben ist, und daß man gerade diese Dinge zu einer höheren Intensität entwickelt, so daß man dann in die höheren Welten eindringt durch die Steigerung derjenigen Erkenntniskräfte, die eigentlich in ihrem minderen Grade auch im gewöhnlichen Leben und in der Wissenschaft vorhanden sind. Allerdings muß man dazu eben einen Sinn haben für diese gewöhnlichen Erlebnisse des Menschen. Man muß dasjenige, was ja durchaus gewöhnliches, normales Erlebnis ist, aber herausfällt aus dem, was man gern aufmerksam beobachtet, ins Auge fassen. Es müssen sozusagen Dinge Rätselfragen werden können, deren Rätselhaftigkeit man im gewöhnlichen Leben leicht übersieht, obwohl sie dastehen im gewöhnlichen Leben. Und hier schon beginnt für manchen. die unwiderstehliche Komik, wenn man sagt: Vor allen Dingen müssen gerade Rätselfragen werden die Fragen, die sich auf den Wechselzustand des Menschen zwischen Wachen und Schlafen beziehen. Wir wechseln für unser Leben fortwährend zwischen Wachen und Schlafen, beachten aber wenig diesen Pendelschlag des Lebens, der sich abspielt zwischen dem Zustande des Wachens und dem Zustande des Schlafens. Man hat ja die sonderbarsten Theorien aufgebaut. Ich könnte lange sprechen, wenn ich die einzelnen Theorien erwähnen würde, die man aufgebaut hat über den Wechselzustand von Wachen und Schlafen. Aber ich will nur die eine, die bekannteste, gebräuchlichste erwähnen, die einfach annimmt: Während des Wachens wird der Mensch ermüdet, und wenn er genügend ermüdet ist, dann schläft er eben ein, und der Schlaf bringt dann wiederum die Ausgleichung für die Ermüdung. Er schafft — man kann das nun so oder so darstellen, mehr oder weniger materialistisch — die Ursache der Ermüdung fort. Ich möchte einmal wissen, ob derjenige, der radikal diese Theorie vertritt, schon einmal genügend beobachtet hat, wenn so jemand, der nun durchaus keine Veranlassung gehabt hat, am Tage besonders zu ermüden, sagen wir, ein dicker Rentier, wenn der, ich will nicht einmal sagen, abends spät, sondern vielleicht des Nachmittags zu einem schwierigeren Konzert oder gar zu einem Vortrage geht und vielleicht nicht erst nach den ersten fünf Minuten, sondern nach zwei Minuten einschläft, ob man bei dem durchaus sagen kann, daß die Ermüdung die Ursache des Einschlafens ist.

[ 14 ] Es sind das durchaus Dinge, die ja zunächst wirklich eine Art von komischem Anstrich haben, die aber in ihrer vollen, ernsten Rätselhaftigkeit, gerade wenn man sie allseitig beurteilt, vor des Menschen Seele treten müssen. Und wer einfach glaubt, durch die gewöhnlichen, heute anerkannten naturwissenschaftlichen Methoden den Wechsel zwischen Wachen und Schlafen studieren zu können, der wird eben niemals zu irgendeiner befriedigenden Problemlösung auf diesem Gebiete kommen können. Denn schon solche durchaus normalen Fragen des Lebens setzen voraus, daß man nicht mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften, sondern mit den durch Meditation, Konzentration, durch andere Seelenübungen, wie ich sie beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft», mit verstärktem, mit intensiviertem Denken und auch mit einem umgestalteten Willen an die Erscheinungen herantritt.

[ 15 ] Was gewinnt man, wenn man zunächst versucht, durch eine ernst gemeinte Meditation sein Denken zu verstärken? Ich habe es in diesen Tagen erörtert, wie diese Meditation, wenn sie in gesundem Sinne wirken soll, darauf ausgeht, das Denken so zu verstärken, daß dieses Denken eine umgewandelte Erinnerung wird. Im gewöhnlichen Erinnern haben wir ja innerliche Bilder, welche uns irgend etwas abbilden, was wir im gewöhnlichen Erdenleben seit der Geburt durchgemacht haben. Von einem realen Ereignis stellt sich uns in der Erinnerung ein Bild vor die Seele, und der Zusammenhang des gesunden Seelenlebens und der Zusammenhang mit der äußeren Welt, in dem wir drinnenstehen, bürgt uns einfach dafür, daß wir in den Erinnerungen Dinge nicht irgendwie phantastisch aufwerfen, sondern daß das Erinnerungsbild hinweist auf etwas, was wirklich einmal real da war. So muß man dahin gelangen, Bilder, wie die Erinnerungsbilder sonst sind, im imaginativen Erkennen, wie ich es genannt habe in diesen Tagen, vor die Seele stellen zu können, Bilder, die einfach dadurch entstehen, daß man immer mehr und mehr meditative Vorstellungen in sein Bewußtsein hereinrückt und, so wie man sonst einen Muskel an der Arbeit erkraftet, die Seelenfähigkeit des Denkens erkraftet, stärker macht. Man muß dazu gelangen, das Denken so stark zu machen, daß es in seinem Inhalte lebt, wie man sonst nur in der Sinneserfahrung, in den Sinnen lebt. Dann aber, wenn man eine genügend lange Zeit solche Übungen durchgemacht hat, wenn man wirklich zu einer solchen inneren Lebendigkeit des Denkens gekommen ist, dann tritt das ein, was man eben bildhaftes, gestaltendes, morphologisches Denken nennen kann. Dann hat man im Denken ein so Lebendiges, einen so lebendigen Inhalt, wie man ihn sonst nur in der sinnlichen Wahrnehmung hat. Dann aber lernt man noch etwas anderes erkennen. Das, was uns die moderne Wissenschaft heraufgebracht hat, wird ja eigentlich von vielen bedauert: Es ist der Materialismus. Nun aber muß auf einem gewissen Gebiete gerade Anthroposophie, welche mit ihren Methoden in die übersinnlichen Welten eindringen will, unter der Anregung der modernen Wissenschaft im rechten Sinne auf gewissen Gebieten durchaus materialistisch werden. Und das ist der Fall, wenn man nun gelernt hat, sein Denken in gesunder Weise zu verstärken, wenn man gelernt hat, im imaginativen Denken Bilder von sinnlicher Lebendigkeit vor Augen zu haben, durch die man wirklich frei wird in der Behandlung des Wahrnehmungsmaterials, wie man sonst nur frei ist in der Sinneswahrnehmung, wo man ganz gewiß weiß: Wenn ich Rot sehe, wenn ich Cis höre, so habe ich es mit etwas Äußerlichem zu tun, nicht mit etwas, was aus meiner Seele aufsteigt. So weiß ich, wenn ich das imaginative Denken habe, daß ich nicht etwas habe, was als Phantasma aus meiner Seele aufsteigt, sondern was in mir lebt wie eine Sinneswahrnehmung.

[ 16 ] Dann aber, wenn man dieses innerlich erlebt, dieses Freigewordensein von der Leiblichkeit, wie man eben nur frei ist in der Sinneswahrnehmung, dann weiß man auch, was die Erinnerung des gewöhnlichen Lebens ist, dann weiß man, daß man mit der Erinnerung, mit den Gedächtnisvorstellungen jederzeit hinuntertaucht in den physischen Leib, daß man jederzeit, indem man eine Erinnerungsvorstellung hat, einen parallelgehenden physischen oder wenigstens ätherischen Leibesvorgang hat. Man lernt die materielle Bedeutung desjenigen Lebens kennen, das das gewöhnliche Gedankenleben ist. Man schreibt nicht mehr, wie es etwa der französische Philosoph Bergson tut, das, was in den Erinnerungen lebt, der selbständigen Seele zu, sondern man weiß, daß im gewöhnlichen Erinnerungsleben die Seele einfach in den Leib untertaucht und im Leibe das Instrument hat, die Erinnerungen heraufzuzaubern. Denn man weiß jetzt, daß man erst in der Imagination dazu gekommen ist, körperfrei zu denken, mit der bloßen Seele zu denken, und daß man das niemals im gewöhnlichen Leben tut. Im gewöhnlichen Leben nimmt man sinnlich wahr, zieht die Gedanken ab von der sinnlichen Wahrnehmung, behält die Gedanken im Gedächtnis. Dieses Im-Gedächtnis-Behalten aber bedeutet, in den Leib untergetaucht sein. Man lernt jetzt erst durch imaginatives Erkennen den Prozeß des Erinnerns und den Prozeß der Sinneswahrnehmungen kennen. Man lernt erkennen, was es heißt, frei, leib-, körperfrei in Gedanken zu leben. Man lernt aber auch erkennen, was es heißt, mit den Gedanken durch die Erinnerungen unterzutauchen in den physischen Organismus. Und ebenso, wie man dieses kennenlernen kann durch ein Intensivermachen des Denkens, durch ein Verstärken, Erkraften des Denkens in der Meditation, so kann man nach der anderen Seite, nach der Willensseite, eine Art von Selbsterziehung üben, durch die man zu einem ähnlichen Resultate kommt. Im gewöhnlichen Leben hat ja der Wille eigentlich nur einen bestimmten Wert, wenn er in die äußere Handlung überfließt, sonst bleibt er ein bloßer Wunsch, selbst wenn wir in unseren höchsten Idealen leben, in den schönsten Idealen, wenn wir ganz Idealisten sind. Sind wir nicht in der Lage, Hand anzulegen an die äußere physische Wirklichkeit, können wir die schönsten Ideale haben, es bleibt beim bloßen Wunsch. Was hat denn also der Wunsch eigentlich für eine besondere Eigenschaft? Der Wunsch hat die besondere Eigenschaft, daß er sich von der Wirklichkeit zurückzieht. Und man kann bildhaft sagen: Es ist wie ein Einziehen der seelischen Fühler, wenn man im bloßen Wunsche lebt. Man lebt ganz innerlich im Seelischen, wenn man im bloßen Wunsche lebt. Aber man weiß auch, wie der Wunsch gefärbt ist zunächst von den menschlichen Temperamenten. Anderes wünschen melancholische Menschen, anderes wünschen sanguinische Menschen. Und derjenige, der nun mit gewissenhafter naturwissenschaftlicher Methode zu Werke gehen würde, würde schon auch die physischen Bedingungen des Wünschens sehen. Man kann also die ätherischen Bedingungen des Wünschens in den Temperamenten sehen, aber auch die physischen Bedingungen des Wünschens, die besondere Art der Blutzusammensetzung, der sonstigen Körperbeschaffenheit und dergleichen erkennen. Allerdings ist es da notwendig, daß man jene Kritikhaftigkeit, von der ich in der Einleitung zu meinem heutigen Vortrage schon gesprochen habe, wirklich üben kann, und ich möchte sagen, durch diese Kritikhaftigkeit wird mancher schöne Traum zerstreut. Gestatten Sie mir auch den Hinweis, wie da mancher schöne Traum zerstreut wird.

[ 17 ] Ich will gewiß nicht pietätlos sein und aus Pietätlosigkeit vor Ihnen sehr ideale Dinge zerstören, denn ich habe ein Gefühl für das Schöne, für das Herrliche, das zum Beispiel enthalten ist in der Mystik einer Heiligen Theresa oder eines Johannes vom Kreuz. Glauben Sie nicht, daß ich irgend jemandem nachstehe in der Verehrung des Schönen, das in diesen mystischen Äußerungen liegt. Aber der, welcher sich nun Erfahrung gesammelt hat für die besondere Art, wie zum Beispiel die Heilige Theresa oder Johannes vom Kreuz ihre Gesichte, ihre Visionen vorbringen, der weiß, welchen Anteil an diesen Dingen das menschliche Wünschen hat, welchen Anteil gerade bei diesen mystischen Dingen die in dem Untergrund der Seele lebenden Wünsche haben, und er wird dann weitergeführt von den Wünschen auf die körperliche Beschaffenheit. Für den Forscher gibt es nichts, was in dieser Weise entheiligt werden könnte dadurch, daß man auf die Wahrheit hinweist. Allein, es ist eine gewisse innere Aufgeregtheit gewisser Organe, eine andere Nervenwirkung in gewissen Organen, welche heraufwirkt in die Seele und selbst so Schönes bewirkt, wie dasjenige, was vorgebracht wird von Johannes vom Kreuz oder der Heiligen Theresa oder anderen solchen Mystikern. Und man hat viel mehr Recht, wenn man in einer gewissen Körperbeschaffenheit auch die Beschaffenheit der Bilder sucht, die hier so schön, so wunderbar poetisch zutage treten, als wenn man diese Beschaffenheit der Bilder in dem Schauen irgendeines nebulosen Geheimnisses sucht. Wie gesagt, nicht zerpflücken möchte ich das, was ich nicht weniger verehre als irgend jemand hier, aber auf die Wahrheit muß hingewiesen werden, auf den kritischen Geist der anthroposophischen Grundlagen, darauf, daß sich der Anthroposoph vor allen Dingen keinen Illusionen hingeben darf. Und illusionsfrei muß er zunächst sein auch gegenüber dem menschlichen Wünschen und seinem Wurzeln in dem menschlichen Organismus, in dem physischen Organismus, und in dem, ich möchte sagen, Aufleuchten dessen, was im menschlichen Organismus — wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf — kocht und zu den schönsten Visionen wird.

[ 18 ] Der Mensch muß nicht nur, wenn er Geistesforscher im anthroposophischen Sinn werden will, sein Denkvermögen verstärken durch Meditation, er muß auch durch Selbsterziehung sein Wunschleben zu einem anderen machen. Das geschieht auf die Weise, daß man das, was sonst im Leben wie von selbst geschieht, systematisch in die Hand nimmt. Seien wir ehrlich: Im gewöhnlichen Leben lassen wir uns von allem viel mehr leiten, als daß wir unser eigenes Leben leiten. Im gewöhnlichen Leben wirken diese oder jene Dinge auf uns ein, und wenn wir zehn Jahre zurückblicken in unser vergangenes Erdenleben, so finden wir durchaus, daß die äußeren Verhältnisse, die Menschen, mit denen wir zusammengekommen sind, dasjenige in uns zur Entwickelung gebracht haben, was heute in uns anders ist, als es vor zehn Jahren war. Wer im ernsten Sinne anthroposophischer Geistesforscher werden will, der muß in dieser Beziehung auch solche Übungen machen, die Willensübungen sind. Der gewöhnliche Lebenswille hat einen Sinn, wenn er auf äußere Handlungen geht. Der anthroposophische Geistesforscher muß die Willensimpulse anwenden auf die eigene Entwickelung, auf das eigene Leben. Er muß sich vornehmen können: in bezug auf diese oder jene Charaktereigenschaft, in bezug auf diese oder jene Lebensäußerung mußt du anders werden als du jetzt bist.

[ 19 ] So paradox es klingen mag, etwas, was man stark in Gewohnheit hat, und wenn es selbst nur eine Kleinigkeit ist, es hilft einem, wenn aus der eigensten Initiative, aus ureigenstem Impuls heraus man sich vornimmt, mit Bezug auf irgendeine Sache anders zu werden. Eine Kleinigkeit, sage ich, es braucht nur die Kleinigkeit der Handschrift zu sein. Wenn sich jemand wirklich mit eiserner Energie vornimmt, eine andere Handschrift zu schreiben, als er bisher geschrieben hat, so ist die Anwendung dieser Kraft durch die Abänderung einer Gewohnheit — hier wiederum mit Bezug auf die Gewohnheit — zu vergleichen mit der Verstärkung einer Muskelkraft, weil der Wille verstärkt ist. Und indem der Wille innerlich sich verstärkt, nicht auf Äußerliches, sondern innerlich angewandt wird, entwickelt er dabei seine Wirkungen im Menschen. Und was ich sonst durch meine Willenswirkungen an der äußeren Welt verändere, das verändere ich nun in bezug auf meinen eigenen Menschen. Und wenn man solche Willensübungen, wie sie wiederum in anthroposophischen Schriften im einzelnen angegeben sind, durchmacht, dann kommt man dazu, das Wunschleben so umzugestalten, daß es nun frei wird von der menschlichen Organisation, wie durch das Meditieren das Denken vom Körper, vom Leibe frei wird. Dann ist das vorüber — für diejenigen Augenblicke, in denen man in anthroposophischer Forschung verweilt —, wovon man noch sagen kann: Der Wunsch ist der Vater des Gedankens. — Wenn solche Selbsterziehung, solches Auf-sich-selber-Anwenden der Erziehungsimpulse geübt wird im reifsten Alter, dann wird der Wunsch zu einer innerlichen Kraft, welche sich verbindet mit dem frei gewordenen Denken. Und dadurch gelangt man dazu, nun wirklich zu sehen, was die Willensimpulse des gewöhnlichen Lebens sind, was die Gedanken des gewöhnlichen Lebens sind. Wie man früher Rot und Blau oder Cis oder C wahrzunehmen gelernt hat, so lernt man jetzt Gedanken wahrzunehmen als Wirklichkeiten, so lernt man jetzt dieWillensimpulse von sich abgesondert kennen.

[ 20 ] Man gelangt auf diese Weise dazu, erst die Wechselzustände zwischen Wachen und Schlafen in der richtigen Weise zu beurteilen. Erst dadurch, daß man den Gedanken durch Übung so gemacht hat, daß er objektiv geworden ist wie eine Sinneswahrnehmung, daß man mit diesem in freier Meditation entwickelten Gedanken nicht mehr mit seinem Leibe verbunden ist wie mit einem erinnerten Gedanken, gelangt man dazu, den Akt des Einschlafens in der richtigen Weise durch Anschauung erfassen zu können. Derjenige, der so etwas wie das gewöhnliche, normale Einschlafen mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften durchschauen will, der wird Hypothesen über Hypothesen aufstellen können: Er lernt nicht erkennen, was das Einschlafen selber ist. Und dieses verstärkte Denken, das man sich angeeignet hat, und andererseits der umgestaltete Wunsch, die sind es, welche dem Menschen zeigen: Wenn du einschläfst, so kannst du in einem gewissen Sinne den Moment deines Einschlafens noch verfolgen, du schaust gewissermaßen auf dein Einschlafen hin, und du erfährst jetzt, daß du, indem du einschläfst, nicht einfach vor dir hast einen veränderten Zustand deines Leibes, sondern daß du wirklich mit deinem selbständigen Seelenleben aus deinem Leibe hinausschlüpfst, hinausgehst, denn du Jäßt etwas zurück, und das sind deine Gedanken.

[ 21 ] Erst dadurch, daß man die Gedanken verstärkt hat, kann man sie bewußt zurücklassen beim Einschlafen. Sie bleiben beim Leibe, die Gedanken, sie durchsetzen den Leib als Bildekräfte. Und man merkt, man ist nur herausgetreten aus seinem Leibe mit dem Fühlen und dem Wollen. Aber man hat damit auch, indem man sieht, mit welchem Seelischen man heraustritt aus dem Leib, eine anschauliche Sicherheit davon bekommen, daß man ein selbständiges Seelisches hat, daß man mit dem selbständigen Seelischen aus dem Leib herausrückt. Und man weiß jetzt: Was man im Bette beim Einschlafen zurückgelassen hat, ist nicht bloß das, was man durch die physische Anatomie und Physiologie und Biologie erforschen kann, sondern das ist durchsetzt von dem Gedankengewebe. Man mußte das Gedankengewebe erst stark genug machen, damit man es nun so verlassen kann, bewußt, wie man sich abwendet mit dem Gesicht von den Farben, wie man die Anschauung verläßt. Und man weiß durch das verstärkte Denken: Du hast in deinem Bette zurückgelassen, damit diese für sich bestehen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, deinen physischen Leib und einen Kraftleib, der die kraftartig wirkenden Gedanken enthält. — Diese gestaltenden Gedanken, diese morphologischen Gedanken, von denen ich in den vorigen Vorträgen gesprochen habe, die sind in unserem gewöhnlichen Bewußtsein nur wie Spiegelbilder. Sie haben auch eine Wirklichkeit, und mit dieser Wirklichkeit sitzen sie als ein besonderer ätherischer Leib in dem physischen Leib darinnen. Man weiß jetzt: Mit deinem Willen, mit deinem Fühlen bist du einschlafend aus deinem Sinnenleibe und aus deinem Gedankenleibe — ich kann auch sagen physischen Leib und Ätherleib, oder physischen Leib und Bildekräfteleib — herausgetreten. Nur sind wir im gewöhnlichen Leben so geartet, daß unser Bewußtsein nicht stark genug ist, sich bewußt besonnen zu erhalten, wenn es nicht gedankenerfüllt ist. Das Bewußtsein, wie wir es im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft haben, muß sich mit dem Leibe vereinigen und die Gedanken des Leibes in sich erleben, dann ist es eben voll bewußt. Wenn es als bloßes Fühlen und Wollen nun heraustritt aus dem Leibe, dann wird es im Gewöhnlichen eben unbewußt. Aber wer das in diesen Tagen hier erwähnte imaginative Denken sich angeeignet hat, der erlebt eben den Augenblick des Einschlafens bewußt, und er kann auch solche Zustände herbeiführen, die sonst so sind, wie der gewöhnliche Schlaf, nur daß sie jetzt nicht unbewußt sind, sondern daß der Mensch in sich ein Kraftendes fühlt, daß er das, womit er aus dem Leibe herausgetreten ist, den Gefühls- und Willensorganismus der Seele, wirklich erlebt, daß er also dasjenige, was leibfrei werden kann, wirklich erlebt.

[ 22 ] Wer auf diese Weise kennengelernt hat den Moment des Einschlafens, der lernt auch den Moment des Aufwachens kennen. Er lernt jetzt beurteilen, daß der Moment des Aufwachens eigentlich aus zwei Teilen besteht: Wir wachen auf, wie wir sonst uns verhalten, wenn wir durch einen Sinneseindruck gereizt werden. Es muß bei jedem Aufwachen irgendwie etwas unsere Seele reizen. Es braucht nur der eigene Leib zu sein, der lange genug geschlafen hat, und der in seinem veränderten Zustand diesen Reiz ausübt. Aber es ist immer, geradeso wie beim sinnlichen Eindruck ein Reiz da ist, ein Reiz da beim Aufwachen, und dieser Reiz spricht zu unserem Gefühl, das beim Einschlafen herausgetreten ist. Wie sonst die Augen, die Ohren Ton oder Farbe wahrnehmen, so nimmt jetzt die selbständige Seele mit ihrem Fühlen etwas Äußerliches wahr, und es ist der Moment des Aufwachens ein Wahrnehmen durch das Gefühl, und es ist der Moment des Aufwachens ein Ergreifen des Körpers. Wie wenn wir sonst einen Arm bewegen oder ein Bein bewegen, so ergreifen wir mit dem selbständigen Willen den Organismus. Es sind wirklich zwei Akte, die da sind beim Aufwachen.

[ 23 ] Jetzt haben wir für das Einschlafen und Aufwachen die Wechselbeziehung kennengelernt zwischen der selbständigen Seele, die in ihrem Fühlen und Wollen sich aus dem Leibe jede Nacht herausbegibt, und den Zuständen, in denen diese Seele ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wo sie eben mit dem Leibe verbunden ist. Die Grundlagen anthroposophischer Forschung sind also eine Erkraftung der Erkenntnis- und Willensfähigkeit, so daß man Dinge anschauen kann, wirklich wahrnehmen kann, die man sonst nicht wahrnehmen kann. Und ist man imstande, in dieser Weise die Wechselzustände zwischen Schlafen und Wachen wahrzunehmen, so kann man auch noch zu etwas anderem vorrücken.

[ 24 ] Wenn man immer mehr und mehr solche Übungen, wie ich sie in diesen Tagen geschildert habe, wie sie in den angedeuteten Büchern ausführlich mit Einzelheiten beschrieben sind, weiter macht, dann kommt man dadurch dazu, eben nicht immer schlafen zu müssen, wenn man aus seinem Leibe heraus ist, sondern willkürlich Gefühl und Wille aus seinem Leibe wirklich herausziehen zu können und wirklich zurückzuschauen auf den Leib. Dann ist der Leib des Menschen etwas, was objektiv ist, wie sonst das Pult oder der Tisch. Und erst dadurch lernt man wirklich eine Sache kennen, daß man nicht mehr mit ihr verknüpft ist, nicht mit ihr subjektiv durchdrungen ist, sondern dadurch, daß man sie als Objekt vor sich hat. Was man als Objekt vor sich hat, wenn man mit Wille und Gefühl herausrückt aus dem menschlichen Leib, das ist vor allen Dingen der physische Leib. Wir werden morgen sehen, wie er in etwas veränderter Form auftritt, wie man durch diese Anschauung außerhalb des Leibes eben auch eine neue Anschauung vom physischen Wesen des Menschen bekommt. Aber es ist vor allen Dingen der Bildekräfteleib, der aus einem Gedankengewebe, aber aus kraftenden Gedanken besteht. Auf den sieht man zurück wie auf einen Spiegel. Und man hat die eigentümliche Tatsache, daß man früher als Subjekt, als Persönlichkeit, mit seinen Gedanken verbunden war; jetzt hat man die Gedankenwelt, ich möchte sagen, wie auf einer photographischen Platte vor sich, indem man auf den eigenen Leib zurückschaut. Es ist, wie man sonst eben im Auge drinnen ein kleines Abbild der überschauten Welt hat. Wie das Auge dadurch ein Organ für das Sehen ist, daß sich die Welt drinnen abbilden kann, so wird für eine solche Anschauung der zurückgebliebene Äther- und physische Leib ein Spiegelungsapparat, wo sich nun eben geistig-seelisch etwas spiegelt, während sich im Auge nur äußerlich physisch etwas spiegelt. Aber man sieht durch diesen Spiegel eben nicht nur das Gedankengewebe, sondern man sieht die Welt, indem man die Gedanken zurückgelassen hat am physischen Leibe.

[ 25 ] So kann man ganz genau im einzelnen schildern, wie es hergeht, wenn der Mensch meditativ und durch Selbsterziehung des Willens seine Erkenntniskräfte zum Behuf der Erkenntnis übersinnlicher Welten verstärkt. Dadurch kommt der Mensch dazu, gewisse Zustände zu entwickeln, die nun nicht schlafend sind, wenn er außerhalb des Leibes ist, sondern das darstellen, was ich in meinen Schriften die Kontinuität des Bewußtseins genannt habe. Der Mensch geht mit seinem selbständigen seelischen Wesen im höheren Erkennen wirklich aus seinem Leibe heraus. Er erkennt dieses Herausgekommensein dadurch, daß er den Gedankenspiegel jetzt nicht an sich, sondern außer sich hat. Der Mensch geht aus dem Leibe heraus, aber er bleibt — ich habe das schon ausgeführt — durchaus seiner selbst bewußt. Er kann immer wieder zurückkehren, er ist keiner, der halluziniert, der sich Visionen hingibt, sondern mit mathematischer Sicherheit den ganzen Vorgang verfolgt, der sich hier abspielt. Dadurch, daß der Mensch in dieser Weise den Vorgang verfolgen kann, kann er nun auch zurück das gewöhnliche irdische Leben beurteilen. Er weiß, wie das ist, wenn er nun mit der selbständigen Seele in den Körper untertaucht. Er lernt nicht nur das Einschlafen, das Herausgehen aus dem Körper kennen, er lernt jetzt g'anz willkürlich in seinen Körper mit der selbständigen Seele untertauchen. Das macht noch einen besonderen Eindruck, wenn der Mensch einmal seine selbständige Seele erlebt hat und dann untertaucht, der Körper ihn wieder gefangennimmt. Da hört dasjenige auf, was man selbständig als geistig-seelische Welt um sich hat. Man fühlt es wie abschwinden, und man fühlt, wie man absorbiert wird, indem man wieder untertaucht in den Körper. Man lernt ebenso das Herausgehen aus dem Körper kennen, indem man sieht, wie die Gedanken sich von einem entfernen, wie sie beim Körper bleiben, und wie man mit dem fühlenden und wollenden Wesen der Seele aus dem Körper herausgeht. Man fühlt aber in dem Momente, wo man herausgeht, die geistige Welt auftauchen. Was hat man jetzt kennengelernt? Jetzt hat man kennengelernt auf dem Umwege durch das Aufwachen und Einschlafen das Geborenwerden und Sterben. Man hat kennengelernt, wie der Mensch beim Einschlafen unbewußt mit seinem Fühlen und Wollen aus dem physischen und ätherischen Organismus herausrückt und darin wiederum untertaucht des Morgens beim Aufwachen. Wie er da unbewußt wird, so wird er heller bewußt, wenn er nach stattgehabten Übungen aus seinem physischen Körper herausgeht. Das ist, was man nun erlebt im vollen Bewußtsein als eine Vorausnahme des Vorganges, der im Tode eintritt, und dessen, was man erlebt, wenn man untertaucht aus der geistigen Welt in den physischen Leib. Wenn die Gedanken wiederum verschwinden, wenn sie sich wiederum als bloße Bilder, als Unwirklichkeiten in der Persönlichkeit geltend machen, lernt man den Moment des Geborenwerdens kennen.

[ 26 ] Während man mit den gewöhnlichen wissenschaftlichen Methoden dabei stehenbleibt, den gewöhnlichen Verstand anzuwenden, die Gedanken anzuwenden auf die äußere Beobachtung oder das Experiment, die mit einem verbunden bleiben, macht man durch anthroposophische Forschung eine andere Persönlichkeit aus sich insofern, als man die Gedanken verobjektiviert, als man seinen eigenen Leib zu einem umfassenden großen Sinnesorgan macht. Ich möchte sagen, ein einziges Auge wird der eigene Leib. Das Auge ist aber jetzt außer ihm, ist zugleich wie eine photographische Platte. Die Welt, in der man ist, die geistig-seelische Welt, die bildet sich jetzt gedankenhaft in der Außenwelt ab. Und jetzt kommt man dazu, indem man sozusagen ganz normale Vorgänge, das Aufwachen und Einschlafen, das Geborenwerden und Sterben, durchschaut hat, auch eine innere Anschauung zu haben von dem Seelischen. Jetzt lernt man durch Anschauung entscheiden, ob das eine bloß unbewußte Vorstellung war, was Professor Schleich Tod durch Autosuggestion nennt, oder ob das «second sight» war, was Oliver Lodge beschreibt. Man lernt jetzt nämlich wirklich erkennen, wie sich der Mensch verhält, wenn er nicht zum bewußten Geistesforscher wird, sondern wenn durch abnorme Verhältnisse herausgedrängt wird das selbständige Seelische aus dem physischen Leibe. Dazu ist Veranlassung, wenn der physische Leib in irgendeiner Weise krank wird. Sagen wir nur, irgendein Organ wird verletzt. Das kann schon durchaus hinreichen, daß bei dem noch zum selbständigen Schauen unfähigen Menschen, Seelen- und Geistesmenschen, nun doch, weil er nicht durch den bloßen Schlaf, sondern durch pathologische Zustände herausgedrängt wird aus seinem physischen Leib, ein unvollkommenes Schauen von dem auftritt, was sonst in bewußter, methodischer Weise von dem Geistesforscher bewirkt wird. Daher hat man nicht nötig, die abnormen Beobachtungen, die heute schon durchaus die Leute interessieren, die etwas über das gewöhnliche Triviale hinauskommen wollen, in ihrer Wahrheit zu leugnen. Aber man wird auch kritisch dagegen, und diese Kritik rührt einfach davon her, daß anthroposophische Geisteswissenschaft nicht das ist, was ihr viele Leute nachsagen, daß sie nicht die Karikatur ist, die viele Leute aus ihr machen, sondern eben mit der Anerkennung aller wissenschaftlichen, gewissenhaften Methodik, die sich die Menschheit im Laufe der letzten Jahrhunderte errungen hat, aufrücken will durch Erweckung besonderer Geisteskräfte in die übersinnlichen Welten. Und da der Mensch mit seinem innersten, ewigen Wesenskern diesen übersinnlichen Welten angehört, so kann der Mensch nach seinem sterblichen und unsterblichen Teil, nach seiner ganzen Wesenheit nur durch diese Geistesforschung erkannt werden, wie das im morgigen Vortrage gezeigt werden soll. Dadurch aber, daß der Mensch in dieses sein Ewiges untertaucht, daß er gewissermaßen nicht bloß eine Anthropologie aufbaut, durch die man weiß, wie der Mensch durch seinen Körper weiß, sondern daß er aufbaut eine Anthroposophie, die da weiß, wie der Mensch durch seine Seele und durch seinen Geist als selbständige Wesenheit weiß, dadurch lernt der Mensch erst die wahre Welt kennen.

[ 27 ] Von diesem Gesichtspunkte aus das wahre Wesen des Menschen, auch sein unsterbliches, sein ewiges Wesen, und die wahre Gestalt der Welt zu schildern, das wird die Aufgabe der beiden nächsten Vorträge sein.