The Essence of Anthroposophy
GA 80a
19 November 1921, Berlin
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The Essence of Anthroposophy, tr. SOL
1. Anthroposophie Und Geisteswissenschaft
1. Anthroposophy and Spiritual Science
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Anthroposophie möchte die menschliche Erkenntnis bis zu denjenigen Gebieten führen, in denen die großen Lebens- und Seelenfragen liegen, die Fragen, welche sich beschäftigen mit dem menschlichen Schicksal im Großen, mit der Frage der Ewigkeit der Menschenseele, mit demjenigen, was aus der Welt jenseits von Geburt und Tod hereinwirkt in das menschliche Leben und so weiter. Aber diese Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, will ihre Forschung durchaus anstellen im Einklange mit dem gegenwärtigen Wissenschaftsgeist. Wenn dieser Wissenschaftsgeist sie heute noch vielfach ansieht als das Ergebnis von irgendwelchen Phantasmen, so muss Anthroposophie glauben, dass diese Dinge heute noch auf völligem Missverständnis beruhen. Aber allerdings muss Anthroposophie hinausgehen über diejenigen Ergebnisse, die heute von der anerkannten Wissenschaft gefunden werden können. Dennoch aber bringt diese Anthroposophie gerade der modernen Naturwissenschaft die größte Schätzung und die vollste Anerkennung entgegen. Diese Naturwissenschaft hat im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte an der Gesamterziehung der Menschheit Unsägliches geleistet. Für die Anthroposophie sind diese Leistungen zunächst vorzugsweise bedeutsam durch den Stand der Seelenverfassung, zu der sich ein Mensch bringen kann, der völlig einzudringen vermag in die Disziplin dieses naturwissenschaftlichen Geistes und seiner Forschungsmethode, der sich durchdringen kann mit jener Gesinnung, welche innerhalb dieser modernen Naturwissenschaft herrscht.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anthroposophy seeks to guide human knowledge into those realms where the great questions of life and the soul lie—questions that concern the human destiny in the broadest sense, the question of the eternity of the human soul, that which influences human life from the world beyond birth and death, and so on. But this anthroposophy, as understood here, seeks to conduct its research entirely in harmony with the current spirit of science. If this spirit of science still regards it in many cases today as the product of some kind of fantasy, then anthroposophy must believe that such views are still based on a complete misunderstanding. However, anthroposophy must indeed go beyond the findings that can be arrived at today by recognized science. Nevertheless, this anthroposophy holds modern natural science in the highest esteem and offers it the fullest recognition. Over the course of the last three to four centuries, this natural science has made an inestimable contribution to the overall education of humanity. For anthroposophy, these achievements are significant first and foremost because of the state of mind that a person can attain who is fully capable of immersing themselves in the discipline of this scientific spirit and its research methods, and who can imbue themselves with the mindset that prevails within modern natural science.
[ 2 ] Ich möchte sagen, diese moderne Naturwissenschaft hat eigentlich erst die ganze Bedeutung desjenigen ans Tageslicht gefördert, was wir unsere Sinneserkenntnis nennen. Und wer sprechen will — wie das heute Abend geschehen soll — von übersinnlicher Erkenntnis, der muss vor allen Dingen sich vollständig und ohne jeglichen Dilettantismus klar sein über das Wesen der sinnlichen Erkenntnis. Durch die systematische Durchführung der Beobachtungsmethoden, durch die Herausgestaltung der Experimentierweise, durch die mathematische und sonstige verstandesmäßige Behandlung von Beobachtung und Experiment hat wirklich die moderne Naturwissenschaft allmählich sich zu dem Ideal erhoben, durch die Betrachtung der Sinneswelt zu etwas zu kommen, was immer mehr und mehr sich einem Objektiven annähert, einem Objektiven, in das nichts sich hineinmischen darf von subjektiver, persönlicher Willkür des Menschen, nichts sich hineinmischen darf von irgendwelchen Phantasmen oder Illusionen. In dieser Beziehung muss auch eine übersinnliche Erkenntnis durchaus der Naturwissenschaft nacheifern.
[ 2 ] I would like to say that modern natural science has, in fact, been the first to bring to light the full significance of what we call sensory cognition. And anyone who wishes to speak—as we are to do this evening—about supersensory cognition must, above all, have a complete and thoroughly clear understanding of the nature of sensory cognition, free from any form of dilettantism. Through the systematic application of observational methods, through the refinement of experimental techniques, and through the mathematical and other rational treatment of observation and experimentation, modern natural science has indeed gradually risen to the ideal of arriving, through the study of the sensory world, at something that increasingly approaches objectivity—an objectivity into which nothing from subjective, personal arbitrariness of human beings, and nothing from any phantasms or illusions. In this regard, supersensible knowledge must also emulate natural science in every respect.
[ 3 ] Wenn wir den menschlichen Verstand lediglich dazu gebrauchen — und als Mathematiker tut man das ja ganz besonders —, um die sinnlichen Erscheinungen zu ordnen, zu systematisieren und ihnen dadurch ihre Gesetze abzulauschen, dann kommt man allmählich darauf, dass die Sinne und ihre Erklärungen im Grunde genommen die großen Erzieher des menschlichen Verstandes sind, jenes Verstandes, der doch in einer gewissen Beziehung abhängig ist von der inneren organischen Verfassung des Menschen. Wir wissen, wie sehr wir abhängig sind — und die moderne Wissenschaft, die Physiologie, die Pathologie, kann das noch erhärten — in unserem Urteilen und in dem Bilden unserer Vorstellungen von dem, was unsere körperlich-seelische Verfassung ist. Aber indem wir uns in wissenschaftlicher Weise den Sinneswahrnehmungen hingeben, sind wir immerfort gezwungen, dasjenige zu rektifizieren, was als Illusionen, als Phantasmen aus uns herauswill, in einem objektiven Sinne. Dem — ich sage das noch einmal — muss durchaus übersinnliche Erkenntnis nacheifern.
[ 3 ] If we use the human mind solely for the purpose—and as mathematicians, we do this in particular— to organize and systematize sensory phenomena and thereby discern their laws, then one gradually comes to realize that the senses and their explanations are, in essence, the great educators of the human mind—that mind which is, after all, in a certain sense dependent on a person’s inner organic constitution. We know how much we depend—and modern science, physiology, and pathology can further corroborate this—on our physical and mental constitution in our judgments and in the formation of our concepts. But as we engage with sensory perceptions in a scientific manner, we are constantly compelled to correct, in an objective sense, those elements that seek to emerge from us as illusions or phantasms. This—I say it again—must be emulated by supersensory knowledge.
[ 4 ] Allein die moderne naturwissenschaftliche Methode kommt mit diesen ihren Anstrengungen gegenüber der äußeren Natur an eine bestimmte Grenze, und bedeutende Naturforscher haben aus dem Wesen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis heraus über diese «Grenzen des Naturerkennens» ja deutlich gesprochen. Man kommt nicht weiter als bis zu der Ordnung der Sinneserscheinungen. In dem Augenblick, wo man hinausgehen will durch die verstandesmäßige Spekulation über — ich möchte sagen — den Sinnesteppich, der sich um uns herum ausbreitet, muss man entweder die Grenzen der Naturerkenntnis statuieren, oder aber man muss gleichsam mit dem losgelassenen Verstande die Begriffe hinaus erstrecken, spekulieren, Hypothesen bauen ins Leere, ins Unbestimmte. Solche Hypothesen sind ja genügend gebaut worden. Gar manche Menschen haben versucht, vorsichtig mit den Begriffen und Ideen hinauszuarbeiten ins Jenseits des Sinnesgebietes. Allein alles solches Arbeiten lässt zuletzt doch den Menschen unbefriedigt, denn er kann sich niemals einen Aufschluss darüber geben, welche Berechtigung das Hinauserstrecken der an der Sinneswelt gewonnenen Ideen in das Jenseits der Sinne eigentlich haben kann.
[ 4 ] Yet the modern scientific method, in its efforts to understand external nature, reaches a certain limit, and prominent natural scientists have, based on the very nature of scientific knowledge, spoken clearly about these “limits of scientific knowledge.” One cannot go beyond the order of sensory phenomena. The moment one seeks to go beyond—through rational speculation—the “carpet of sensory phenomena,” so to speak, that spreads out around us, one must either establish the limits of knowledge of nature, or else, with the mind set free, as it were, extend concepts outward, speculate, and construct hypotheses into the void, into the indeterminate. Such hypotheses have, of course, been formulated in sufficient number. Quite a few people have attempted to work their way cautiously with concepts and ideas beyond the realm of the senses. Yet all such efforts ultimately leave people unsatisfied, for they can never provide themselves with any insight into what justification there actually may be for extending the ideas gained from the sensory world into the realm beyond the senses.
[ 5 ] Und so sind alle Philosophien, alle Spekulationen, welche in dieses Jenseits der Sinneswelt hinauswollen, für den ernsten Denker, namentlich für den an naturwissenschaftliche Begriffe gewöhnten Denker durchaus unbefriedigend, und wir sehen die Folgen davon in den verschiedenen Weltanschauungsbestrebungen der Gegenwart. Das menschliche Herz, die menschliche Seele kann nicht stehen bleiben bei dem, was die äußeren Sinne ihr sagen können. Die menschliche Seele weiß, dass das bloß zeitlich begrenzte Schicksal, das von ihr aus an diese Sinneswelt gebunden ist, nicht ihr letztes Wesen treffen kann, und so nehmen denn tiefere Naturen, ernstere Seelen in der Gegenwert vielfach Zuflucht zu allerlei mystischen Bestrebungen.
[ 5 ] And so all philosophies, all speculations that seek to reach beyond the sensory world, are thoroughly unsatisfactory to the serious thinker—especially to the thinker accustomed to scientific concepts—and we see the consequences of this in the various ideological movements of the present day. The human heart, the human soul, cannot be content with what the external senses can tell it. The human soul knows that its merely temporal fate—which, from its perspective, is bound to this sensory world—cannot capture its ultimate essence; and so, in response, deeper natures and more serious souls often take refuge in all manner of mystical pursuits.
[ 6 ] Diese mystischen Bestrebungen sind darauf gerichtet, die Erkenntnis mehr oder weniger abzuwenden von der äußeren Sinneswelt, mehr oder weniger auch abzuwenden von der intellektualistischen Durchdringung dieser Sinneswelt und dafür in das eigene Innere des Menschen zu schauen. Allein ebenso wenig, wie man zu einem wirklich befriedigenden Aufschluss über das Wesen der Menschenseele bloß durch äußere Naturwissenschaft oder durch auf sie gebaute Spekulationen gelangen kann, ebenso wenig kann man im Ernste durch das gewöhnliche «mystische Vertiefen» zu einem befriedigenden Erkennen über des Menschen Seelenwesen kommen. Denn was bringt es uns denn, wenn wir auch noch so sehr dieses mystische Vertiefen ausbilden? Was dringt uns denn dadurch aus dem Innern des Menschen an die Oberfläche des Bewusstseins? Gewiss glauben manche Naturen, alle subjektive Willkür auszuschließen, still, meditativ sich dem hinzugeben, was gewissermaßen ein objektives inneres Heraufströmen aus der Seele uns über das eigene menschliche Wesen sagen kann.
[ 6 ] These mystical endeavors are aimed at turning one’s awareness, to a greater or lesser extent, away from the external sensory world, and also, to a greater or lesser extent, away from the intellectual analysis of this sensory world, and instead at looking into the inner self of the human being. But just as one cannot arrive at a truly satisfying understanding of the nature of the human soul merely through external natural science or through speculations based on it, so too can one not seriously arrive at a satisfying understanding of the nature of the human soul through ordinary “mystical deepening.” For what good does it do us, no matter how much we cultivate this mystical deepening? What, through it, rises from within the human being to the surface of consciousness? Certainly, some people believe they can exclude all subjective arbitrariness by quietly and meditatively surrendering to what, in a sense, an objective inner flow from the soul can tell us about our own human nature.
[ 7 ] Wer aber das menschliche Seelenwesen wirklich zergliedern kann, wer prüfen kann, wie in diesem menschlichen Seelenleben auf dem Umwege eines sich modifizierenden äußeren Lebens doch nichts anderes vorhanden ist als die äußeren Eindrücke, was wir so seit unserer Geburt aus der Außenwelt in die Seele hereingenommen haben, der wird zuletzt doch immer entdecken, dass der Mystiker, der in seiner eigenen Seele oftmals seinen göttlichen Ursprung, ein Ewiges, gefunden zu haben meint, es schließlich mit nichts anderem zu tun hat als mit den Reminiszenzen an Erlebnisse, denen der Mensch ausgesetzt war namentlich in denjenigen Zeiten der Kindheit, in denen man sich noch nicht vollständig Rechenschaft gibt über das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt. Und wenn man außerdem durch eine gediegene Seelenkunde in der Lage ist, einzusehen, wie die innere Seelenverfassung, das, was man eine gewisse
[ 7 ] But whoever is truly able to analyze the nature of the human soul—whoever can examine how, in this human soul life, through the detour of a constantly changing external life, there is nothing present other than the external impressions that we have taken into our souls from the outside world since birth—will ultimately always discover that the mystic, who often believes he has found his divine origin, an Eternal—is ultimately dealing with nothing other than the reminiscences of experiences to which the human being was exposed, particularly during those times of childhood when one is not yet fully aware of the relationship between the human being and the external world. And if, moreover, through a sound study of the soul, one is able to see how the inner state of the soul—what might be called a certain
[ 8 ] Kurz, wer ernste anthroposophische Geisteswissenschaft sucht, muss an den beiden Klippen vorbeikommen: an der begrenzten Naturwissenschaft einerseits und an der so reich in Illusionen lebenden Mystik andererseits. Er muss eine sichere Methode suchen, die durchaus der naturwissenschaftlichen Sicherheit nachgebildert ist, die durchdrungen ist von derselben Gesinnung, in der man lebt als Wissenschaftler, wenn man im Laboratorium experimentiert oder am Seziertisch Physiologie oder Pathologie ausbildet. Nicht nur zu anderen Ergebnissen als die anerkannte Wissenschaft muss Anthroposophie kommen, sondern sie muss auch ihre eigene Methode ausbilden.
[ 8 ] In short, anyone seeking serious anthroposophical spiritual science must navigate around two pitfalls: limited natural science on the one hand, and mysticism—which is so steeped in illusions—on the other. One must seek a reliable method that is thoroughly modeled on the certainty of natural science, one that is imbued with the same mindset that scientists adopt when conducting experiments in the laboratory or studying physiology or pathology at the dissection table. Anthroposophy must not only arrive at different conclusions than those of established science, but it must also develop its own method.
[ 9 ] Nun werden Sie es begreifen, dass ich in dem kurzen Vortrage eines Abends, sowohl was die Ergebnisse dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft wie auch was ihre Methode und Beweisgründe bertrifft, nur Richtlinien werde angeben können, nur einige Anregungen. Ich werde zeigen können, wie die Beweise gefunden werden. Allein das, wovon ich hier einen kurzen Abriss zu geben gedenke, ist ja heute schon der Inhalt einer reichen Literatur, und daher kann ich nur Anregungen, nicht irgendetwas Abschließendes im Rahmen eines Vortrages geben.
[ 9 ] You will now understand that, in this brief evening lecture, I will be able to provide only general guidelines—and just a few points for reflection—regarding both the findings of this anthroposophical spiritual science and its methods and lines of reasoning. I will be able to show how the evidence is found. However, what I intend to outline briefly here is already the subject of a vast body of literature, and therefore I can offer only suggestions, not anything conclusive, within the framework of a single lecture.
[ 10 ] Hinausgehen über die gewöhnliche wissenschaftliche Methode muss anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft! Warum ist denn die Naturwissenschaft begrenzt? Warum führt Mystik nicht zu dem wirklichen Wesenskern des Menschen? Weil sowohl die Naturwissenschaft wie die Mystik sich auf diejenigen Erkenntnisfähigkeiten beschränken, die der Mensch im normalen Leben ausbildet, sei es durch sein natürliches Wachsen, durch seine organische Entwicklung, sei es durch die heute gebräuchliche Erziehung. Damit bilden wir eben nur die naturwissenschaftliche Methode aus. Anthroposophie muss nun durchaus darauf aufmerksam machen, dass der Mensch sich noch anderer Fähigkeiten bewusst werden kann, die tiefer in seiner Seele ruhen, die für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft in dieser Seele schlummern, und dass er solche Fähigkeiten auch bewusst zu echt wissenschaftlicher Erkenntnis anwenden kann. Um diese Fähigkeiten auszubilden, soll aber nicht in irgendein Leeres gegriffen werden, nicht zu irgendeinem mystischen Dunkel wieder die Zuflucht genommen werden, sondern es soll ausgegangen werden von dem, was durchaus in der gewöhnlichen Wissenschaft und im gewöhnlichen Menschenleben vorhanden ist.
[ 10 ] Anthroposophically oriented spiritual science must go beyond the ordinary scientific method! Why, then, is natural science limited? Why does mysticism not lead to the true essence of the human being? Because both natural science and mysticism are limited to those cognitive faculties that human beings develop in ordinary life—whether through natural growth, organic development, or the education common today. In this way, we are merely cultivating the scientific method. Anthroposophy must now emphatically draw attention to the fact that human beings can become aware of other faculties that lie deeper within their souls—faculties that lie dormant in the soul for the purposes of ordinary life and ordinary science—and that they can also consciously apply such faculties to genuine scientific knowledge. To develop these abilities, however, one should not reach into some kind of void, nor take refuge once again in some mystical darkness; rather, one must start from what is already present in ordinary science and in ordinary human life.
[ 11 ] Da haben wir das, was uns in der Mystik so illusionenreich entgegentritt: das menschliche Erinnerungsvermögen an der einen Grenze unseres gewöhnlichen Poles. Dieses Erinnerungsvermögen ist ja durchaus abhängig von der organischen Konstitution des Menschen. Allein es ist dieses Erinnerungsvermögen doch das, was uns als Menschen unser zusammenhängendes Bewusstsein, unser zusammenhängendes Ich gibt. Man braucht nur daran zu denken, in welcher schlimmen Lage diejenigen Menschen seelisch sind, bei denen das fortlaufende Erinnerungsvermögen bis in die Kindheit hinein getrübt ist. Es gibt Krankheitszustände, in denen lange Zeiträume in der Erinnerung ausfallen. Solche Menschen haben gewissermaßen ein Stück ihres eigenen Seelenlebens aus sich herausgestoßen. Sie fühlen nicht mehr und erleben nicht mehr ihren ganzen Menschen. An ihnen kann man sehen, welche Bedeutung die zusammenhängende Erinnerung für das gesunde Seelenleben des Menschen hat. Worin besteht nun das Wesen dieser Erinnerung? Es besteht darin, dass wir Erlebnisse, die wir in unserem gewöhnlichen Leben zwischen der Geburt und dem jetzigen Lebensaugenblick hatten, im Bilde heraufrufen können in unser Bewusstsein. Wir tragen in uns Bilder, die wir in unserem gewöhnlichen Leben vor unsere Seele zaubern können, mehr oder weniger treu. An diese Seelenfähigkeit knüpft zunächst die anthroposophische Methode an und bildet, indem sie dieses Erinnerungsvermögen umgestaltet, die sogenannte imaginative Erkenntnis aus. Diese ist nicht etwa eine Summe von Imaginationen, von Einbildungen, sondern sie ist etwas, was durchaus durch strenge innere Selbsterziehung allein gewonnen werden kann und ebenso einer Objektivität, allerdings einer geistigen Objektivität entspricht, wie auch die Erinnerung einer Objektivität, nicht einer bloßen Phantastik entspricht. Ich will kurz das Prinzip angeben, wie man zu dieser ersten Stufe einer übersinnlichen Erkenntnis, zu der imaginativen Erkenntnis kommen kann.
[ 11 ] Here we have what confronts us in such an illusory way in mysticism: the human capacity for memory at the very limit of our ordinary realm. This capacity for memory is, after all, entirely dependent on the human organism. Yet it is precisely this capacity for memory that gives us, as human beings, our coherent consciousness, our coherent “I.” One need only consider the dire psychological state of those people whose continuous memory is clouded all the way back to childhood. There are medical conditions in which long periods of time are missing from a person’s memory. Such people have, in a sense, cast a part of their own inner life out of themselves. They no longer feel or experience their whole being. In them, one can see the significance of coherent memory for a healthy inner life. What, then, is the nature of this memory? It consists in our ability to summon into our consciousness, in the form of images, experiences we have had in our ordinary life between birth and the present moment. We carry within us images that we can conjure up before our soul in our everyday life, more or less faithfully. The anthroposophical method first takes this soul capacity as its starting point and, by transforming this capacity for memory, develops what is known as imaginative knowledge. This is not merely a collection of imaginings or fantasies, but rather something that can be attained solely through rigorous inner self-discipline and corresponds to an objectivity—albeit a spiritual objectivity—just as memory corresponds to objectivity rather than mere fantasy. I will briefly outline the principle of how one can attain this first stage of supersensible knowledge, namely imaginative knowledge.
[ 12 ] Da handelt es sich darum, dass man in ähnlicher Weise, wie es sonst bei der Erinnerung der Fall ist, Vorstellungen in seinem Bewusstsein anwesend sein lässt. Allein es dürfen dies — man hat es ja nicht mit einer Ausbildung, sondern mit einer Umgestaltung des Erinnerungsvermögens zu tun — nicht Vorstellungen sein, die man einfach aus dem Schatze seiner Erinnerungen heraufholt. Solche Vorstellungen leben ja verändert durch das Gemütsleben, ja selbst durch die organische Konstitution des Menschen, und niemals kann der Mensch wissen, was sich ihm da heraufsuggeriert, wenn er einfach Erinnerungsvorstellungen in seinem Bewusstsein anwesend sein lässt.
[ 12 ] The point here is to allow ideas to be present in one’s consciousness in a manner similar to what normally occurs with memory. However—since we are dealing not with a development but with a transformation of the faculty of memory—these must not be images that one simply retrieves from the storehouse of one’s memories. Such mental images are, after all, shaped by one’s emotional life—and indeed by one’s very physical constitution—and a person can never know what is being suggested to them when they simply allow memories to be present in their consciousness.
[ 13 ] Entweder muss man, um das herbeizuführen, was uns zur Imagination bringen kann, und was ich Meditation nennen möchte — ich habe es so in meinen Schriften genannt —, entweder muss man irgendeine Vorstellung von einem erfahrenen Anthroposophen sich geben lassen, oder aber man muss versuchen, selber sich eine Vorstellung oder einen Vorstellungskomplex zu bilden, der leicht überschaubar ist, den man so übersieht, wie zum Beispiel ein Dreieck in der Geometrie überschaut werden kann, bei dem man ganz sicher sein kann: Das, was man im Bewusstsein anwesend hat, ist alles, was vorliegt. Da wirkt nichts aus der Gemütswelt, aus der Organkonstitution herauf, da hat man wirklich alles, was man überblickt.
[ 13 ] In order to bring about what can lead us to imagination—and what I would like to call meditation (as I have referred to it in my writings)— one must either allow oneself to be guided by the vision of an experienced anthroposophist, or one must try to form one’s own vision or complex of ideas that is easily comprehensible—one that can be taken in at a glance, just as, for example, a triangle in geometry can be taken in at a glance—where one can be absolutely certain: what is present in one’s consciousness is all that exists. Nothing from the world of the emotions or from the organ constitution influences this; one truly has everything that one can take in at a glance.
[ 14 ] Doch nicht auf diesen Inhalt kommt es an, sondern darauf, dass die Seele nun alle ihre Kräfte zusammennimmt, um diesen Inhalt eine kürzere oder längere Weile — der eine braucht dafür eine längere, der andere eine kürzere Zeit, das hängt von den Anlagen der Menschen ab — in ihrem Bewusstsein anwesend sein zu lassen. Denn auf die Entwicklung dieser in der Seele schlummernden Kräfte kommt es an, nicht auf das, was wir da denkend in unser Bewusstsein bringen, sondern auf das, was wir an dem Gedachten tun. Wenn wir — zum Vergleich sei das gesagt — unsere Armmuskeln durch irgendeine Arbeit besonders anstrengen, so werden sie immer kräftiger und kräftiger, sie entwickeln immer mehr und mehr Stärke. Im Arbeiten, im Üben entwickelt sich diese physische Stärke, diese physische Kraft. Genau ebenso ist es, wenn wir etwa in jahrelanger Übung uns Vorstellungen in der angedeuteten Weise im Bewusstsein gegenwärtig machen und nun durch einige Zeit im Bewusstsein halten. Was da die Seele tun muss, das stärkt solche Seelenkräfte, die man im gewöhnlichen Leben nicht hat.
[ 14 ] But it is not this content that matters; rather, it is that the soul now mobilizes all its powers to keep this content present in its consciousness for a shorter or longer period of time—some people need a longer time for this, others a shorter time; it depends on people’s dispositions. For what matters is the development of these powers lying dormant in the soul—not what we bring into our consciousness through thought, but what we do with what we have thought. To give an analogy: when we exert our arm muscles particularly hard through some kind of work, they become stronger and stronger; they develop more and more strength. Through work and practice, this physical strength, this physical power, develops. It is exactly the same when, for example, through years of practice, we bring images into our consciousness in the manner described and then hold them there for some time. What the soul must do in this process strengthens those soul forces that we do not possess in ordinary life.
[ 15 ] Ich bemerke ausdrücklich: Was ich hier schildere, ist leicht geschildert, aber es ist schwer auszuführen. Es ist nicht leichter, in den Methoden der Geisteswissenschaft vorwärts zu kommen als in den Methoden des Laboratoriums oder der Sternwarte. Gewiss, es gibt Menschen, die für die Entwicklung solcher inneren Seelenkräfte besonders veranlagt sind, sie machen vielleicht sehr rasche Fortschritte. Aber im Allgemeinen braucht man — ohne dass man täglich besonders viel Zeit nötig hat, denn die einzelne Übung kann schr kurz sein, [wie] sie wirkt, kommt auf die Kraft der Übung an, nicht auf die Länge der Zeit, die nur einschläfert —, man braucht Wiederholung, immer wiederkehrende Übung, um endlich dahin zu kommen, etwas ganz Bestimmtes an sich zu bemerken; nämlich, dass man aus den Tiefen der Seele etwas herausgeholt hat, dessen man sich früher weder für das gewöhnliche Leben noch für die gewöhnliche Wissenschaft bedient hat. Um uns zu verständigen, möchte ich einen Vergleich gebrauchen.
[ 15 ] I would like to emphasize: What I am describing here is easy to describe, but difficult to put into practice. It is no easier to make progress using the methods of spiritual science than it is using the methods of a laboratory or an observatory. Certainly, there are people who are particularly gifted for the development of such inner soul powers; they may make very rapid progress. But in general, one needs—without requiring a great deal of time each day, for the individual exercise can be very brief; [how] effective it is depends on the intensity of the exercise, not on the length of time, which only lulls one to sleep— one needs repetition, constant practice, in order to finally reach the point of noticing something very specific within oneself; namely, that one has drawn something from the depths of the soul that one had not previously made use of, neither in ordinary life nor in ordinary science. To make myself clear, I would like to use a comparison.
[ 16 ] Wir erinnern uns als Menschen mit dem gewöhnlichen Bewusstsein bis zu einem gewissen Zeitpunkt unserer Kindheit zurück. Was vor diesem liegt, entzieht sich der gewöhnlichen Erinnerung. Warum ist das? Nun, in dieser Zeit arbeitet das, was das Kind seelisch erlebt durch Eindrücke der Außenwelt, durch die Kombinationen der Außenwelt und durch die Durchdringung der Gefühlsseite seiner Seele mit Willensimpulsen. Es arbeitet dies durchaus noch nicht an den Vorstellungen, die mit der Sprachentwicklung erst herauftauchen. Sondern was das Kind da an der Außenwelt entfacht, das prägt sich in das noch plastische, bildsame Gehirn ein, und es ist ein interessantes Studium, zu sehen, wie bildsam das physische Gehirn eines Kindes ist, wie es sich wie elastisch ausbildet gemäß dem, was das Kind an der Außenwelt erlebt. Aber man darf auch sagen: Dieses physische Gehirn des Menschen versteift sich, und gerade in dem Augenblick, wo es sich besonders versteift hat, hört das Bilden des Gehirns auf, und diejenigen Kräfte werden frei, die früher am Gehirn gearbeitet haben. Sie liefern jetzt das kindliche Vorstellungsleben. Vorzugsweise an der Sprache entfacht sich dieses. Das bildet der Mensch weiter aus, er bildet gewissermaßen fortdauernd durch die sorgfältige Erziehung das aus, was er vermöge der Bildung seines Gehirns in den ersten Lebensjahren herausbringen kann.
[ 16 ] As human beings with ordinary consciousness, we can recall events up to a certain point in our childhood. What lies before that point eludes ordinary memory. Why is that? Well, during this period, the child’s inner life is shaped by impressions from the external world, by combinations of these external influences, and by the interplay of emotional impulses with volitional impulses within the soul. This process does not yet operate through the concepts that emerge only with the development of language. Rather, what the child perceives in the external world is imprinted upon the still malleable, formative brain, and it is fascinating to observe just how malleable a child’s physical brain is, how elastically it develops in accordance with the child’s experiences of the external world. But one may also say: This physical brain of the human being becomes rigid, and precisely at the moment when it has become particularly rigid, the brain’s formation ceases, and those forces that previously worked on the brain are set free. They now give rise to the child’s imaginative life. This is most readily kindled through language. Human beings continue to develop this; through careful education, they continually shape, as it were, what they are able to bring forth by virtue of the development of their brain in the first years of life.
[ 17 ] In einer wunderbaren Ahnung hat ein Mann wie Jean Paul von der Erziehung so gesprochen, dass er sagte: Der Mensch lernt in den ersten drei Lebensjahren mehr als später in drei akademischen Jahren. Eigentlich ist das durchaus wahr, denn in den ersten drei Lebensjahren wird unser Organismus gebildet, und wir können im Grunde genommen unsere ganze spätere Erziehung nur in dem Sinne gestalten und gestaltet bekommen, als dieses unser physisches Gehirn gebildet ist in den allerersten Lebensjahren.
[ 17 ] In a wonderful insight, a man like Jean Paul spoke of education in such a way that he said: A person learns more in the first three years of life than in three years of academic study later on. In fact, this is absolutely true, for our organism is formed during the first three years of life, and, essentially, we can shape—and have shaped—our entire subsequent education only in accordance with the way our physical brain is formed during those very first years of life.
[ 18 ] Bei diesen Fähigkeiten, die sich auf diese Weise ausbilden, bleibt nun der Mensch heute sowohl in der anerkannten Wissenschaft wie auch im gewöhnlichen Leben stehen. Die anthroposophische Methode möchte nun in einem höheren Sinne — das wiederum jetzt nicht für die physische Bildung, wohl aber für die seelische Bildung — aufnehmen, was in den ersten Kindheitsjahren geleistet worden ist für die menschliche Organisation. Führt man solche Meditationen, wie ich es angedeutet habe, durch, hat man eine — nach den individuellen Anlagen — genügend lange Zeit, solche Vorstellungen im Bewusstsein anwesend sein lassen, hat man die Seelenkräfte dadurch verstärkt, dann merkt man: Jetzt geschieht, und zwar im Vollbewusstsein des Menschen, etwas Ähnliches, wie in der allerersten Kindheit geschehen ist, nur greift man durch eine regelrecht geleitete Meditation nicht ein auf die physische Organisation, sondern auf die feinere Organisation, die dem physischen Organismus zugrunde liegt und die man eigentlich jetzt erst entdeckt.
[ 18 ] With these abilities, which develop in this way, human beings today remain at this stage both in recognized science and in everyday life. The anthroposophical method now seeks to take up—in a higher sense—what has been accomplished for the human organism in the early years of childhood, not for physical development, but for spiritual development. If one practices such meditations as I have described, allowing these images to remain present in consciousness for a sufficiently long time—depending on one’s individual disposition—and thereby strengthens the soul forces, one will notice: Something similar to what happened in very early childhood is now taking place, and indeed within the person’s full consciousness; only, through a properly guided meditation, one does not intervene in the physical organization, but rather in the finer organization that underlies the physical organism and which one is, in fact, only now discovering.
[ 19 ] Man muss durchaus im Laufe der Meditation darauf kommen, wie man vorher mit seinem Vorstellungsvermögen in ehrlicher Art sich gestehen musste: Da hast du Grenzen deines Erkennens. So muss man ganz ehrlich dastehen können auf dem Boden des naturwissenschaftlichen Forschens und sich sagen können etwa im Sinne eines du Bois-Reymond, der im Anfang der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts seine berühmte Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» in Leipzig gehalten hat. Für das gewöhnliche Vorstellen gibt es Grenzen des Erkennens, über die man nicht hinauskommen kann. Aber wenn man dieses meditative Leben durchführt, so findet man, dass tatsächlich ebenso, wie das Kind durch die Entwicklung sich immer tiefer und tiefer hineinverwebt in die äußeren Weltengeheimnisse, gewisse Grenzen nun praktisch überwunden werden. Man kann sich dann ehrlich gestehen: Vorher hattest du die Grenzen, weil du gewisse Fähigkeiten nicht gebrauchtest. Jetzt hast du diese Fähigkeiten entwickelt und nun kannst du über diese Grenzen hinüberkommen. So verwandelt Anthroposophie die Erkenntnis, die sonst nur eine intellektuell-formale ist, in eine lebenspraktische. Es wird, bevor gewisse Grenzen des Erkennens überschritten werden, erst die Fähigkeit zu diesem Überschreiten und vor allem das Bewusstsein ausgebildet, das innerlich einsehen kann: Jetzt vermagst du etwas anderes, als du vorher vermocht hast.
[ 19 ] In the course of meditation, one must certainly come to realize—as one had to honestly admit to oneself beforehand through one’s power of imagination—that there are limits to one’s knowledge. Thus, one must be able to stand quite honestly on the ground of scientific research and say to oneself, for example, in the spirit of du Bois-Reymond, who delivered his famous lecture “On the Limits of Natural Knowledge” in Leipzig in the early 1870s. For ordinary imagination, there are limits to knowledge that cannot be transcended. But when one lives this meditative life, one finds that, just as a child, through its development, becomes ever more deeply interwoven with the mysteries of the outer world, certain limits are now practically overcome. One can then honestly admit to oneself: Before, you had those limits because you did not use certain abilities. Now you have developed these abilities, and you can cross over these limits. In this way, anthroposophy transforms knowledge—which would otherwise be merely intellectual and formal—into practical, life-affirming knowledge. Before certain limits of cognition are crossed, the ability to cross them—and above all, the awareness that can inwardly recognize: “Now you are capable of something different than you were before”—is first cultivated.
[ 20 ] Und namentlich das eine innere Erlebnis macht man: Im Vorrücken in der Meditation kommt man darauf, dass man, ohne sinnlich wahrzunehmen, in eine innere Tätigkeit kommt, die durchaus mit derselben Lebendigkeit verläuft, mit der eine Sinneswahrnehmung verläuft. Was man innerlich erlebt in der Meditation, sind Bilder, solche Bilder, die zwar lebendiger sind als die Erinnerungsvorstellungen, lebendig wie die Sinnesvorstellungen, aber nicht einen solchen Inhalt haben wie die Sinnesvorstellungen. Wie man sonst nur erlebt, wenn man mit den Augen die Farben sieht, mit den Ohren die Töne hört, wogegen ja das bloße Vorstellen, auch das Erinnern, etwas Blasses ist, so erlebt man mit derselben Eingabe durch den ganzen Menschen, wie man auch sonst in der Sinneswahrnehmung mit dem ganzen Menschen erlebt, jetzt etwas Neues: eine Welt der Imaginationen, die für das Bewusstsein da ist, die vorher nicht da war, eine durchaus neue Welt. Und man hat sich die Objektivität dieser Welt dadurch erobert, dass man jene Anstrengungen vorher gemacht hat, von denen ich gesprochen habe.
[ 20 ] And it is precisely this inner experience that one has: As one progresses in meditation, one comes to realize that, without sensory perception, one enters into an inner activity that proceeds with exactly the same liveliness as sensory perception. What one experiences inwardly in meditation are images—images that are indeed more vivid than memories, as vivid as sensory perceptions, but do not have the same content as sensory perceptions. Just as one otherwise experiences colors with the eyes and sounds with the ears—whereas mere imagination, and even memory, is something rather pale by comparison—so, with the same engagement of the whole person, one now experiences—just as one does in sensory perception— one now experiences something new: a world of imaginations that is present to consciousness, which was not there before—a thoroughly new world. And one has attained the objectivity of this world by having previously made those efforts of which I have spoken.
[ 21 ] Ich konnte dies nicht weiter ausführen, nur das Prinzip andeuten. In einzelnen meiner Schriften — zum Beispiel in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und auch in dem zweiten Teil der «Geheimwissenschaft im Umriss» — finden Sie die Einzelheiten dieses meditativen Übens geschildert. Hier genügt es, das Prinzip angedeutet zu haben, wodurch man zur imaginativen Erkenntnis kommt.
[ 21 ] I was unable to elaborate on this further; I could only hint at the principle. In some of my writings—for example, in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and also in the second part of *An Outline of Esoteric Science*—you will find the details of this meditative practice described. Here it suffices to have indicated the principle by which one arrives at imaginative knowledge.
[ 22 ] Wenn man zu denen, die heute oftmals glauben, voll und ganz auf dem Boden naturwissenschaftlicher Gesinnung zu stehen, von dieser imaginativen Erkenntnis spricht, so sagen sie: Das ist zwar scheinbar mühevoll erobert, aber es ist doch nichts anderes als irgendetwas durch Autosuggestion Erworbenes, etwas, das geradeso wie irgendwelche Visionen oder Halluzinationen aus zurückgedrängter Nervenkraft zur Oberfläche des Bewusstseins heraufbefördert wird. Deshalb muss immer wieder und wieder betont werden, dass dies, was die Anthroposophie in dieser Weise ausbildet, durchaus auf dem entgegengesetzten Wege gegenüber den krankhaften Seelenerlebnissen, der Illusion, der Halluzination oder der Medialität, liegt. Man braucht nur an eines zu erinnern: Wer zum Beispiel das prüft, was ich in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» über die Meditationsübungen ausgeführt habe, der wird sehen, dass vor allem darauf Bedacht genommen ist, das Seelenleben des Menschen völlig gesund, völlig intakt zu erhalten neben der Entwicklung dieser höheren Erkenntnis, also — sagen wir — des imaginativen Lebens. Bei einem krankhaften Seelenleben ist es so, dass das krankhafte Seelenleben das gesunde übertönt, es gleichsam auslöscht. Bei jenem Seelenleben, das zum Behufe höherer Erkenntnis von der Anthroposophie gesucht wird, bleibt das gesunde Seelenleben neben demjenigen, was als Imagination nun auch gesund gesucht wird, durchaus intakt. Als etwas ganz anderes gegenüber dem gewöhnlichen Seelenleben tritt die Imagination auf, aber in keinem Augenblicke ist der, welcher zu ihr gekommen ist, in einer anderen inneren Seelenlage, als dass seine übrige Erinnerung und sein übriges Erkennen gesund neben der Imagination fortbestehen.
[ 22 ] When one speaks of this imaginative insight to those who today often believe they stand firmly on the ground of a scientific mindset, they say: “Although this may seem to have been painstakingly attained, it is nothing more than something acquired through autosuggestion—something that, just like any visions or hallucinations, is brought to the surface of consciousness from repressed nervous energy.” That is why it must be emphasized again and again that what anthroposophy cultivates in this way lies entirely on the opposite path from pathological soul experiences, illusion, hallucination, or mediumship. One need only recall one thing: Anyone who, for example, examines what I have set forth in the treatise *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* regarding the meditation exercises will see that the primary concern is to keep the human soul life completely healthy and fully intact alongside the development of this higher knowledge—that is, let us say, the imaginative life. In the case of a diseased soul life, the diseased aspect drowns out the healthy one, effectively extinguishing it. In the soul life sought by anthroposophy for the sake of higher knowledge, however, the healthy soul life remains entirely intact alongside that which is now also sought in a healthy way as imagination. Imagination appears as something entirely different from ordinary mental life, but at no moment is the person who has attained it in a different inner state of mind than one in which their remaining memory and cognition continue to exist healthily alongside imagination.
[ 23 ] Die Imagination — sagte ich — ist eine umgestaltete Erinnerung. Dies spricht sich auch in ihrem ganzen Wesen aus. Manche Anfänger auf diesem Wege bilden diese Imagination aus. Sie freuen sich dann, wenn sie zu den ersten elementaren Resultaten gekommen sind, dass sie ein bildhaftes, objektiv gegebenes Vorstellungsleben entwickeln können, das sie nun schon, wenigstens andeutend, hinweist auf eine übersinnliche Welt. Allein sie verlieren es wieder. Das beruht auf dem eigentlichen Wesen dieser imaginativen, wie überhaupt aller höheren Erkenntnis. Diejenige Erkenntnis, die wir uns sonst durch das gewöhnliche Bewusstsein in der Außenwelt erwerben, sie führt eben zur Erinnerung; wir können sie aus dem Gedächtnis wieder hervorholen. Was im imaginativen Leben auftritt, das ist da, lebendig, wie ein Sinneserlebnis, wie Töne oder Farben. Aber es prägt sich nicht der Erinnerung ein. Das ist es, was gerade den Anfänger am allermeisten überrascht. Er glaubt, eine übersinnliche Erkenntnis haben zu können, und er glaubt, sie wie eine gewöhnliche Erinnerung mittragen zu können durch das Leben. Geradeso wie wir, wenn wir eine Farbe angesehen haben, uns dann von ihr abwenden und sie dann nicht mehr haben, so haben wir die übersinnliche Erfahrung nicht mehr, wenn wir sie übersinnlich-seelisch vergessen haben. Das muss alles berücksichtigt werden. Wer über diese übersinnliche Welt spricht, der spricht nie aus dem Gedächtnis heraus; er spricht aus einem unmittelbaren Erleben der übersinnlichen Welt.
[ 23 ] “Imagination,” I said, “is a transformed memory. This is also evident in its very nature.” Some beginners on this path develop this imagination. They are then delighted when they have achieved the first elementary results—that they can develop a pictorial, objectively given life of the imagination that already points them, at least in a suggestive way, toward a supersensible world. But they lose it again. This stems from the very nature of this imaginative knowledge—and indeed of all higher knowledge. The knowledge we otherwise acquire through ordinary consciousness in the external world leads precisely to memory; we can retrieve it from memory. What occurs in the imaginative life is there, alive, like a sensory experience, like sounds or colors. But it does not imprint itself on memory. This is precisely what surprises the beginner most of all. He believes he can have a supersensible insight, and he believes he can carry it through life like an ordinary memory. Just as when we have looked at a color, then turned away from it, and no longer have it, so too do we no longer have the supersensible experience once we have forgotten it in a supersensible-psychic sense. All of this must be taken into account. Anyone who speaks of this supersensible world never speaks from memory; they speak from an immediate experience of the supersensible world.
[ 24 ] Lassen Sie mich eine kleine persönliche Bemerkung machen. Selbst wenn man einen Vortrag wie den heutigen hält, wo man in orientierender Weise von der übersinnlichen Welt spricht, so bereitet man sich dazu nicht so vor wie zu anderen Erkenntnisvorträgen, sondern man hat vor allem die Vorbereitung so zu leiten, dass man den Organismus, das Seelenleben in Stand setzt, die übersinnlichen Erkenntnisse an sich herankommen zu lassen.
[ 24 ] Let me make a brief personal remark. Even when giving a lecture like today’s, in which one speaks about the supersensible world in a general way, one does not prepare for it in the same way as for other lectures on spiritual knowledge; rather, one must above all direct one’s preparation in such a way as to enable the organism and the life of the soul to receive the supersensible insights.
[ 25 ] Denn habe ich heute eine übersinnliche Erkenntnis, so ist sie, wenn ich sie gehabt habe, wie vergessen, und will ich sie wieder haben, so muss ich sie wieder herbeiführen. Ich kann mich nicht einfach daran erinnern, ich kann nur das herbeiführen, was ich in der Meditation und Konzentration getan habe, um damals dieses übersinnliche Erlebnis herbeizuführen.
[ 25 ] For if I have a supernatural insight today, once I have had it, it is as if I have forgotten it; and if I want to have it again, I must bring it about once more. I cannot simply recall it; I can only repeat what I did in meditation and concentration to bring about that extrasensory experience at that time.
[ 26 ] Also schon in der Imagination sind die übersinnlichen Welten so gegeben, dass sie sich dem Gedächtnis nicht einprägen. Warum denn das? Das ist aus dem Grunde, weil die übersinnliche Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, eben durchaus nicht etwas Formales ist, sondern uns im Gegensatz real die übersinnliche Welt herbeiführt. Wir können Erkenntnisse, die uns bloß Bilder von der äußeren materiellen Welt geben, immer wieder erinnern. Haben wir sie uns einmal angeeignet, so ist es gut, dann können wir sie aus dem Gedächtnis hervorholen. Diese Erkenntnisart beruht nur auf Bildvorgängen, auf Spiegelungsvorgängen gegenüber der äußeren Welt. Es ist im Grunde genommen nicht eine Summe von realen Vorgängen. Reale Vorgänge spielen sich eben so ab, dass sie der Wiederholung, der rhythmischen Wiederholung, nicht dem Gedächtnisse unterliegen.
[ 26 ] Thus, even in the imagination, the supersensible worlds are such that they do not become imprinted on the memory. Why is that? It is because supersensible knowledge, as understood here, is by no means something formal, but rather actually brings the supersensible world to us. We can recall knowledge that merely provides us with images of the external material world time and again. Once we have assimilated it, that is good; then we can retrieve it from memory. This type of knowledge is based solely on image processes, on processes of reflection in relation to the external world. It is, in essence, not a sum of real processes. Real processes unfold in such a way that they are subject to repetition—rhythmic repetition—rather than to memory.
[ 27 ] Es ist sehr trivial, aber doch zutreffend, wenn ich sage: Unser Organismus bedarf des Essens. Was wir an Nahrungsmitteln aufnehmen, wird von ihm auf irgendeine Weise verarbeitet, die jetzt nicht weiter auszuführen ist. Aber wenn sie verarbeitet sind, ist es sozusagen mit dem entsprechenden Prozess vorüber. Am nächsten Tage aber müssen wir wieder essen, und niemand kann sich darauf berufen, dass er doch gestern gegessen hat; er wird es auch nicht. Wir haben es nicht mit einem formalen Spiegelungsvorgang zu tun, sondern mit einem realen Vorgang. Solche realen Vorgänge sind die, welche in der hier gemeinten übersinnlichen Erkenntnis auftreten. Das, was einmal als Seeleninhalt herbeigeführt ist, muss immer wieder herbeigeführt werden, indem man dieselben Maßnahmen wieder trifft. An die kann man sich erinnern, die damals die Vorbereitung zu bestimmten übersinnlichen Erlebnissen gebildet haben. Aber nur, indem man dieselben Maßnahmen trifft, kann man zu denselben Ergebnissen kommen.
[ 27 ] It is very trivial, yet true, when I say: Our body needs food. The food we consume is processed by it in some way, which I won’t go into further here. But once it has been processed, the process in question is, so to speak, over. The next day, however, we must eat again, and no one can claim that they did eat yesterday; nor would they. We are not dealing with a formal process of reflection, but with a real process. Such real processes are those that occur in the supersensible knowledge referred to here. What has once been brought about as a content of the soul must be brought about again and again by repeating the same steps. One can recall the steps that at that time constituted the preparation for certain supersensible experiences. But only by repeating the same steps can one arrive at the same results.
[ 28 ] Nun hat man, wenn man zu dieser imaginativen Welt gekommen ist, aber ein volles Bewusstsein davon, dass man einmal eine Welt von Imaginationen hat. Die Art, wie man diese Imaginationen erlebt, ist ein inneres Ergreifen des ganzen Menschen. Aber man weiß auch, dass man keine Außenwelt mit dem Bewusstsein ergriffen hat, sondern dass man eigentlich nur alles, was man aus dem Bewusstsein herausgeholt hat, aus dem eigenen Innern heraufholte. Der Halluzinierende, der sich irgendwelchen Visionen hingibt, hält das, was er in seinen Bildern hat, für Wirklichkeiten. Der, welcher anthroposophisch geschult in der Imagination lebt, er weiß, dass er zunächst in der Imagination nur sich selber hat. Es ist in diesem Bewusstsein des Nur-sich-selber-Habens schon eine gewisse Kraftentwicklung enthalten, denn alles — möchte ich sagen —, was so an lebendigen Bildern auftritt, lebendig wie nur irgendeine äußere Sinnesempfindung, das verführt dazu, die Sache für eine Außenwelt zu halten. Sie ist auch objektiv, aber unser eigenes objektives Innere. Man muss schon eine gewisse innere Bewusstseinskraft anwenden, um voll gewahr zu werden: Man hat es mit dem eigenen Innern zu tun.
[ 28 ] Once one has entered this imaginative world, however, one is fully aware that one is now in a world of imaginations. The way one experiences these imaginations is an inner grasping that engages the whole person. But one also knows that one has not grasped an external world with one’s consciousness, but that one has in fact only brought up from within oneself everything that one has drawn out of one’s consciousness. The person hallucinating, who surrenders to whatever visions arise, regards what he has in his images as reality. The one who, trained in anthroposophy, lives within imagination, knows that in imagination he has, at first, only himself. There is already a certain development of power inherent in this awareness of having only oneself, for everything—I would say—that appears in the form of living images, as vivid as any external sensory perception, tempts one to regard it as an external world. It is also objective, but it is our own objective inner world. One must indeed apply a certain inner power of consciousness to become fully aware: one is dealing with one’s own inner self.
[ 29 ] Aber es kann diese Imagination so weit fortschreiten, dass man dieses eigene Innere wirklich nur vor sich bekommt, und zwar, sodass man nunmehr mit Hilfe dieser imaginativen Erkenntnis die erste, allerdings jetzt — ich möchte sagen — subjektiv-objektive übersinnliche Erfahrung macht. Dass man etwas wie ein Lebenstableau — ich kann nicht sagen räumlich, auch nicht zeitlich, es ist etwas Zeitlich-Räumliches, etwas, wo man etwas Zeitliches vor sich hat, aber wie durchaus nebeneinander —, dass man ein solches Lebenstableau vor sich hat, das bis in die Nähe der Geburt zurückreicht, das man selber in diesem Erdenleben durchlaufen hat bis zur Geburt. [Das tritt in einem solchen zeitlich-räumlichen Bilde vor die Seele.] Man übersieht zugleich, was im Laufe langer Zeiten als Erlebnisse an uns herangetreten ist. Sonst ist ja die Erinnerung so, dass aus dem Strom der Erlebnisse das eine oder andere herauftaucht. Jetzt aber hat man, nicht als Erinnerung, sondern als Bild, und zwar als inneres durchkraftetes Bild, sein gesamtes Leben vor sich, wie es selbst von naturforschenden Leuten, die gewissenhaft genug in solchen Dingen sind, geschildert wird, dass man es durchaus als Wahrheit erkennen kann. Wie zum Beispiel der, der dem Ertrinken nahe ist, in einer deutlichen Weise sein Leben vor sich sieht, so hat der in dieser Weise zur imaginativen Erkenntnis Fortgeschrittene in einem überschaubaren Tableau sein Leben vor sich.
[ 29 ] But this imagination can progress to the point where one truly sees one’s own inner self right before one’s eyes, and indeed, so that one now, with the help of this imaginative insight, has the first—though now, I would say, subjectively-objective—transcendental experience. That one has before oneself something like a tableau of one’s life—I cannot say spatial, nor temporal; it is something both temporal and spatial, something in which one has something temporal before oneself, yet as if entirely side by side—that one has such a tableau of one’s life before oneself, one that extends back to the time of birth, which one has oneself lived through in this earthly life up to the moment of birth. [This appears before the soul in such a temporal-spatial image.] At the same time, one surveys what has come to us as experiences over the course of long ages. Otherwise, memory works in such a way that one thing or another surfaces from the stream of experiences. Now, however, one has before oneself—not as a memory, but as an image, and specifically as a vivid inner image—one’s entire life, as it is described even by natural scientists who are sufficiently conscientious in such matters, so that one can recognize it as the truth. Just as, for example, someone who is close to drowning clearly sees his life before him, so too does the person who has advanced in this way to imaginative insight see his life before him in a comprehensible tableau.
[ 30 ] Das ist die erste Erfahrung, die man macht. Es ist diejenige Erfahrung, die einen schon dazu hinleiten kann, dass man sieht: Der im anthroposophischen Sinne als Geistesforscher Auftretende muss kennenlernen auch alle inneren Erlebnisse, welche solche übersinnlichen Erfahrungen begleiten. Was er mitteilt, dient durchaus zur Erkraftung, zur Beruhigung des Lebens. Es gibt dem Leben Sicherheit, es zeigt die ewige Wesenheit des Menschen, wie wir noch sehen werden. Aber das Forschen, das Erleben selbst ist durchaus etwas, was nicht jeder Mensch von vornherein begehren möchte. Man muss dazu schon das volle gesunde Seelenleben erst ausgebildet haben, wozu ja in den schon genannten Büchern erschöpfende Anleitungen gegeben sind, um eben auch unbefangen und stark dem gegenüberzustehen, was zwar nicht zum Einsehen, zum Empfangen der Mitteilungen über die übersinnliche Welt, wohl aber zum Forschen in diesen Gebieten notwendig ist.
[ 30 ] This is the first experience one has. It is the experience that can already lead one to realize: Anyone who, in the anthroposophical sense, acts as a spiritual researcher must also become acquainted with all the inner experiences that accompany such supersensory experiences. What they communicate certainly serves to strengthen and bring peace to life. It gives life a sense of security; it reveals the eternal essence of the human being, as we shall yet see. But the research, the experience itself, is certainly not something that every person would wish to pursue from the outset. One must first have developed a full, healthy soul life—for which exhaustive guidance is provided in the books already mentioned—in order to face with an open mind and strength that which is necessary not for understanding or receiving messages about the supersensible world, but for research in these areas.
[ 31 ] Das Erblicken dieses Lebenstableaus gibt durchaus innerlich das Erlebnis, das ich ein «bedrückendes» nennen möchte, etwas wie eine Art Albdrücken legt sich auf das Leben. Und gerade darin besteht der Fortschritt, dass der anthroposophisch Forschende mit starker Seelenkraft diesen Dingen entgegentritt und sie überwindet, dass er zuerst als Vorbereitung das gesunde Seelenleben so weit ausgebildet hat, dass er das, was ihm als Begleiterscheinungen des Erkennens der übersinnlichen Welten entgegentritt, auch in gesunder Weise ertragen kann. In der Entwicklung solcher Kräfte liegt dann der weitere Fortschritt. Denn der muss ja dahin gehen, dass der Mensch nicht nur das Erinnerungsvermögen umgestaltet, wie ich geschildert habe, zur Erlangung der imaginativen Erkenntnis. Sondern der weitere Fortschritt besteht darin, dass man Vergessen ausbildet, das Unterdrücken von Vorstellungen, und dass man es in diesem Unterdrücken von Vorstellungen so weit bringt, dass man nun das ganze Lebenstableau auch unterdrücken, aus dem Bewusstsein herausschaffen kann. Zu diesem kunstvollen Vergessen entwickelt man sich, wenn man die geschilderten überschaubaren Vorstellungen, nachdem man sie in seinem Bewusstsein hat anwesend sein lassen, immer wieder und wieder in völliger Willkür fortschafft, während sie eigentlich unser Bewusstsein in Anspruch nehmen wollen. Während der Mensch sonst, wenn er sich nur seiner Natur hingibt, den Hang entwickelt, an diesen Vorstellungen festzuhalten, muss jemand, der im anthroposophischen Sinne ein wirklicher Geistesforscher werden will, die Fähigkeit ausbilden, mit vollbewusstem Willen nun auch diese Vorstellungen wieder zu unterdrücken und das Bewusstsein völlig leer zu machen, ohne — gestatten Sie diese Bemerkung — dabei einzuschlafen. Die meisten Menschen haben eigentlich, wenn sie ihr Bewusstsein leer machen wollen, nur die Fähigkeit, in sanften Schlummer zu versinken. Aber darin besteht das, was der geisteswissenschaftliche Forscher mit aller Kraft, ja mit gesteigerter Kraft entwickeln muss: Vorstellungen in sein Bewusstsein hereinzurücken und sie dann wieder herauszubringen, sodass er mit leerem Bewusstsein zu verharren imstande ist, und zwar durch kürzere oder längere Zeit.
[ 31 ] Beholding this tableau of life certainly evokes an inner experience that I would call “oppressive”; a kind of nightmare descends upon life. And this is precisely where progress lies: in the fact that the anthroposophical researcher confronts these things with strong spiritual power and overcomes them; in the fact that, as a preparatory step, he has first developed a healthy spiritual life to such an extent that he can endure in a healthy way whatever he encounters as side effects of gaining knowledge of the supersensible worlds. Further progress then lies in the development of such powers. For this progress must, after all, lead to the point where the human being not only transforms the faculty of memory, as I have described, in order to attain imaginative knowledge. Rather, further progress consists in cultivating the ability to forget—the suppression of mental images—and in bringing this suppression of mental images to such a degree that one can now suppress the entire tableau of life and remove it from consciousness. One develops this artful forgetting by repeatedly and arbitrarily banishing the clear, well-defined images described above—after having allowed them to be present in one’s consciousness—even as they actually seek to occupy our consciousness. Whereas a person who simply surrenders to their nature usually develops a tendency to cling to these ideas, someone who wishes to become a true spiritual researcher in the anthroposophical sense must cultivate the ability to suppress these ideas once again through fully conscious will and to completely empty their consciousness—without, if I may make this remark, falling asleep in the process. Most people, when they want to empty their consciousness, are actually only capable of sinking into a gentle slumber. But this is precisely what the spiritual scientist must develop with all his strength—indeed, with heightened strength: to bring ideas into his consciousness and then bring them out again, so that he is able to remain in a state of empty consciousness for shorter or longer periods of time.
[ 32 ] Das ist das Bedeutsame der anthroposophischen Methode, dass man den Willen in das ganze Vorstellungsleben hineinbringen muss, dass man Vorstellungen vollständig überschaubar im Bewusstsein gegenwärtig sein lässt, sie wieder aus dem Bewusstsein hinauszaubert, und so den Willen hineinschiebt in das Vorstellen, in das Bilden der Gedanken. Während man sonst seine Gedanken nur an dem fortlaufenden äußeren Leben, passiv diesem hingegeben, entwickelt, hat man nun einige Zeit eine innere starke Kraft gewonnen an dem Unterdrücken von Vorstellungen. Hat man das Vergessen in dieser Weise umgestaltet, dann ist man in der Lage, auch dieses ganze Lebenstableau auszulöschen, sodass man nun nicht bloß eine einzelne Vorstellung aus dem Bewusstsein fortschafft, sondern das ganze innere Leben, das seit der Geburt bis zu diesem Augenblicke Tableau-artig vor die Seele getreten ist. Bedrückt fühlt man sich diesem Tableau gegenüber aus dem Grunde, weil man jetzt nicht nur Bildvorstellungen vor sich hat wie sonst, sondern das, was selbst innere Bildekräfte sind. Die Erfahrung macht man, dass man, indem man dieses Lebenstableau ergriffen hat, nicht bloß etwas Intellektualistisch-Formales ergriffen hat, sondern dieselben Kräfte, die unsere inneren Wachstumskräfte sind. Das erblickt man, was seit der Kindheit den Organismus als Bildekräfte oder — wenn ich sagen darf — als rein ätherische Kräfte durchgestaltet hat. Was an uns gestaltet hat, das ist es, was man zunächst ins Bewusstsein hereingerufen hat, und was man nun wieder aus dem Bewusstsein herausbringt.
[ 32 ] This is what is significant about the anthroposophical method: that one must bring the will into one’s entire life of imagination; that one must allow ideas to be fully present in consciousness in a way that is clearly comprehensible, then make them vanish from consciousness again, and in this way insert the will into the process of imagining, into the formation of thoughts. Whereas one would otherwise develop one’s thoughts solely in relation to the ongoing external life, passively surrendering to it, one has now, for some time, gained a strong inner power through the suppression of mental images. Once one has transformed the act of forgetting in this way, one is then able to erase this entire tableau of life as well, so that one now removes not merely a single mental image from consciousness, but the entire inner life that has unfolded before the soul like a tableau from birth up to this very moment. One feels overwhelmed by this tableau precisely because one now faces not merely mental images as usual, but that which are inner formative forces themselves. One experiences that, by grasping this tableau of life, one has not merely grasped something intellectual and formal, but the very forces that constitute our inner powers of growth. One beholds what has shaped the organism since childhood as formative forces or—if I may say so—as purely etheric forces. That which has shaped us is what one has first called into consciousness, and what one now brings forth again from consciousness.
[ 33 ] Hat man es so weit gebracht, dann kommt, als Folge, die andere Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, die ich in meinen Büchern die inspirierte Erkenntnis genannt habe, womit nicht etwas Alt-Abergläubisches gemeint ist, sondern nur das, was ich schildere — man braucht überall eine Terminologie. Diese Inspiration besteht nun darin, dass man das fortschafft, was sich auf die bisherige Art ergeben hat, dass man die Bedingungen herbeiführt, die das Bewusstsein leer machen. Aber das Bewusstsein bleibt nicht leer. Dadurch, dass man die Bildekräfte des Menschen im Bewusstsein gehabt hat — die Kräfte, welche Leber, Lunge, Herz und so weiter durchbilden, das nimmt man an ihnen wahr —, und indem man diese Kräfte nun aus dem Bewusstseins fortschafft, bleibt es nicht leer. Sondern, was nun im Bewusstsein auftritt, ist ein wirkliches Geistesleben, eine wirkliche übersinnliche Welt. Denn indem wir diese Bildekräfte aus unserem Bewusstsein fortschaffen, nehmen wir gewissermaßen — wie wir sonst von einem Erlebnis Abschied nehmen — zunächst für den Moment der Erkenntnis gleichsam Abschied von der äußeren Sinneswelt, mit der die Lebenserfahrungen verbunden sind, die in dem Lebenstableau sich abbilden. Wir sind in diesem Augenblicke in einer anderen Welt. Wir sind in der Welt, in der nicht nur die Kräfte liegen, die seit der Geburt an uns bilden, sondern die an uns gebildet haben vor der Geburt oder der Konzeption.
[ 33 ] Once one has reached this point, the next stage of supersensory knowledge follows—what I have called “inspired knowledge” in my books. By this I do not mean some old-fashioned superstition, but only what I describe—terminology is needed everywhere. This inspiration consists in clearing away what has arisen in the previous manner, in creating the conditions that empty the consciousness. But the consciousness does not remain empty. Because one has had the formative forces of the human being in one’s consciousness—the forces that shape the liver, lungs, heart, and so on, which one perceives in them—and by now removing these forces from consciousness, it does not remain empty. Rather, what now arises in consciousness is a true spiritual life, a true supersensible world. For by removing these formative forces from our consciousness, we, as it were—just as we otherwise bid farewell to an experience—first take our leave, so to speak, for the moment of insight, from the external sensory world with which the life experiences depicted in the tableau of life are connected. At this moment, we are in another world. We are in the world where not only do the forces lie that have been shaping us since birth, but also those that shaped us before birth or conception.
[ 34 ] Wir werden jetzt durch ausgebildete Erkenntnis gewahr, dass wir, bevor wir uns als seelisch-geistige Wesen demjenigen eingegliedert haben, was uns die Vererbungsströmung der physisch-materiellen Welt geben kann, in einer anderen, geistigen Welt waren, aus der wir heruntergestiegen sind und uns dem eingegliedert haben, was uns materiell wie eine äußere Umhüllung, wie ein äußeres Instrument während des physischen Erdenlebens umgibt. Wir gelangen so durch eine wirkliche Erkenntnispraxis zur Wahrnehmung dessen, was durch die gewöhnlichen Erkenntniskräfte nicht wahrgenommen werden kann. Wir gelangen dazu, eine Welt auch dann wahrzunehmen, wenn wir von der Sinnenwelt in der geschilderten Weise Abschied genommen haben. Wir nehmen eine menschliche Wesenskraft wahr, wenn wir nicht nur für die Sinneswelt die Anschauung ausgelöscht haben, sondern auch unsere Erlebnisse mit dem eben geschilderten Lebenstableau ausgelöscht haben. Immer aber bleibt für einen also Erkennenden die gesunde Seelenverfassung vorhanden. Niemals ist der, welcher auf diese Weise zur inspirierten Erkenntnis aufsteigt, etwa jetzt in der Lage, dass er wie der Halluzinierende oder der Psychopath etwas in sich hätte, was ihm sein gesundes Seelenleben auslöschte und sich an dessen Stelle setzte, sondern das gesunde Seelenleben bleibt. Und wie in der Imagination das gesunde Seelenleben neben der Imagination steht, so ist es jetzt so, dass im rhythmischen Wechsel steht: vorgeburtliches Leben, Leben im GeistigSeelischen, dann der Mensch, der hier auf der Erde auf seinen zwei Beinen steht und mit uns denkt. Und wir schwingen gewissermaßen im Rhythmus hin und her, im Rhythmus zwischen übersinnlicher und sinnlicher Welt. Wir atmen ein, wir atmen aus. Es erlebt sich fast so: das, was wir waren, bevor wir uns der Erdenwelt eingegliedert haben, und wir leben wieder zurück zu dem, was wir als Erdenmenschen sind. Wir erleben einen Rhythmus wie den Atmungsrhythmus. Und wenn aller Rhythmus in der Welt verwandt ist, ein Rhythmus immer die Abbildung des anderen ist, so kann wenigstens in dem Atmungsrhythmus etwas gesehen werden, was eine Analogie bildet zu dem, was ich eben als Rhythmus geschildert habe. Daher gibt es eine heute für den westländischen Menschen nicht mehr brauchbare Methode: die alte indische Yoga-Methode, die von diesen Dingen auch spricht. Aber sie ist für den heutigen Menschen deshalb nicht brauchbar mehr, weil dieser nicht, wie der alte Inder oder der moderne Inder, gewöhnliche Yoga-Übungen machen kann, sondern der westländische Mensch braucht heute Übungen, wie ich sie schilderte.
[ 34 ] Through developed insight, we now become aware that, before we—as soul-spiritual beings—integrated ourselves into what the hereditary currents of the physical-material world can offer us, we existed in another, spiritual world from which we descended and integrated ourselves into what surrounds us materially—like an outer covering, like an outer instrument—during our physical earthly life. In this way, through a genuine practice of knowledge, we come to perceive what cannot be perceived by the ordinary powers of cognition. We come to perceive a world even after we have taken leave of the sensory world in the manner described. We perceive a human spiritual force when we have not only extinguished our perception of the sensory world but have also extinguished our experiences of the life tableau just described. Yet a healthy state of soul always remains for one who perceives in this way. Never is the person who ascends in this way to inspired knowledge in a state where, like a hallucinator or a psychopath, they have something within them that extinguishes their healthy soul life and takes its place; rather, the healthy soul life remains. And just as in imagination the healthy soul life stands alongside the imaginative process, so it is now that there is a rhythmic alternation: prenatal life, life in the spiritual-soul realm, then the human being who stands here on Earth on two legs and thinks with us. And we swing back and forth, as it were, in rhythm—in the rhythm between the supersensible and the sensible worlds. We breathe in, we breathe out. It feels almost as if we are experiencing what we were before we became part of the earthly world, and then we live our way back to what we are as earthly human beings. We experience a rhythm like the rhythm of breathing. And if all rhythms in the world are related—one rhythm always being a reflection of the other—then at least in the rhythm of breathing something can be seen that forms an analogy to what I have just described as a rhythm. Hence, there is a method that is no longer useful for Westerners today: the ancient Indian yoga method, which also speaks of these things. But it is no longer useful for people today because they cannot, like the ancient or modern Indians, perform ordinary yoga exercises; rather, Westerners today need exercises such as those I have described.
[ 35 ] Wie werden aber die Yoga-Übungen nun ausgeführt? Es sei hier zur Verdeutlichung kurz angeführt. Der Yogi gibt sich einem nicht unbewusst verlaufenden, sondern einem geregelten, bewusst verlaufenden Atmungsprozess hin. Er durchlebt bewusst, was sonst unbewusst verläuft. An einem veränderten, geregelten Atmungsprozess und in einem entsprechenden Ein- und Ausatmen lebt er sich auf diese Weise in den Rhythmus der Welt hinein. Und in der Tat, durch seine besondere Konstitution gelangt er dazu, wenn er seine Übungen lange Zeit durchführt, dass er das übersinnliche Leben vor der Geburt erschauen kann, wo es einmal auftritt als ein Geistig-Seelisches, das andere Mal hier im Erdenleben. Man sieht, es ist schon durch die Analogie eine Berechtigung gegeben, hier von <«Atmung> zu sprechen. Denn wie wir den Atem einziehen, ihn wieder von uns stoßen, so vereinigt sich das Physische des Menschen, das durch die materielle Vererbungsströmung gegeben ist, mit dem Geistig-Seelischen, atmet es gewissermaßen ein. Der Atemzug dauert nur ein Erdenleben lang. Und ebenso wird dann im Tode das Geistig-Seelische wieder ausgeatmet.
[ 35 ] But how are the yoga exercises actually performed? Let us briefly explain this here for clarity. The yogi surrenders to a breathing process that is not unconscious, but rather a regulated, conscious one. He consciously experiences what otherwise takes place unconsciously. Through an altered, regulated breathing process and corresponding inhalation and exhalation, he thus attunes himself to the rhythm of the world. And indeed, through his special constitution, if he performs his exercises over a long period of time, he is able to perceive the supersensible life before birth—where it sometimes appears as a spiritual-soul aspect and at other times here in earthly life. As we can see, the analogy alone justifies speaking of <“breathing”> here. For just as we draw in the breath and then exhale it, so the physical aspect of the human being—which is given through the material current of heredity—unites with the spiritual-soul aspect, inhaling it, so to speak. The breath lasts only for the duration of one earthly life. And in the same way, at death, the spiritual-soul aspect is breathed out again.
[ 36 ] Dieses Geborenwerden und Sterben ist das, was nun allerdings im Erkenntnisprozess die inspirierte Erkenntnis nachbildet. So sonderbar und paradox es klingt, was sonst nur einmal erlebt wird im Geborenwerden und Sterben, dieses für den physischen Leib Vereinigtwerden mit dem Geistig-Seelischen, dann das Heraustreten des Geistig-Seelischen, das ist das, was in Erkenntnisnachahmung das ausbildet, was anthroposophische Erkenntnis ist. Dadurch gelangt man, nun nicht durch Spekulation, nicht durch Philosophieren, auch nicht durch irgendwelche Mystik, die doch nur auf Illusionen beruhen kann, sondern durch eine wirkliche Erkenntnispraxis, in das Hineinerleben derjenigen Welt, in welcher der Mensch war vor der Geburt, in der er sein wird, wenn er die Pforte des Todes überschritten haben wird. Es ist für den heutigen Menschen allerdings noch sonderbar, wenn, wie es zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft im Umriss» geschieht, diejenigen Welten, die der Mensch durchlebt vor der Geburt und nach dem Tode, so in ihren Einzelheiten geschildert werden, wie sonst vom Naturforscher, vom Botaniker, Mineralogen oder Geologen die Einzelheiten des pflanzlichen Lebens oder der sonstigen Dinge unserer sinnlichen Welt geschildert werden. Aber daran wird sich die Menschheit gewöhnen müssen, dass es möglich ist, dem Menschen innere Kräfte zum Bewusstsein zu bringen, seine Bildekräfte, die ihn durchseelende Kräfte sind, die aber schon übersinnliche Sinneskräfte — lassen Sie mich das paradoxe Wort gebrauchen — sind und die deshalb den Menschen als geistig-seelisches Wesen in eine Wechselbeziehung bringen mit den geistigseelischen Welten, von denen er vor der Geburt und nach dem Tode umgeben ist.
[ 36 ] This process of being born and dying is, in fact, what replicates inspired insight within the process of cognition. As strange and paradoxical as it may sound, what is otherwise experienced only once—in birth and death—namely, the physical body’s union with the spiritual-soul aspect, followed by the spiritual-soul aspect’s emergence from it—is precisely what, in the imitation of knowledge, gives rise to what constitutes anthroposophical knowledge. Through this—not through speculation, not through philosophizing, nor through any form of mysticism, which can only be based on illusions—but through a genuine practice of knowledge, one enters into a living experience of that world in which the human being was before birth and in which they will be once they have crossed the threshold of death. It is, however, still strange to people today when, as happens, for example, in *Outline of Esoteric Science*, the worlds that human beings experience before birth and after death are described in such detail as the details of plant life or other aspects of our sensory world are otherwise described by naturalists, botanists, mineralogists, or geologists. But humanity will have to get used to the fact that it is possible to bring inner forces to human consciousness—the formative powers that animate the human being, which are, however, already supersensory sensory powers — let me use this paradoxical term — and which therefore, as a spiritual-soul being, bring the human being into an interrelationship with the spiritual-soul worlds that surround him before birth and after death.
[ 37 ] Nicht also ein logisches Schließen ist es, was der hier gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft zugrunde liegt, wenn von übersinnlichen Welten gesprochen wird, wenn von dem ewigen Wesen des Menschen gesprochen wird, sondern ein Hinführen der praktischen Erkenntnis zur Anschauung desjenigen im Menschen, was nun wirklich geistig-seelische Natur ist, was schöpferisch ist, nicht geschaffen vom Organismus, was von sich aus den Organismus umgestaltet und dadurch die Gewähr der Ewigkeit, des Durchganges durch Geburt und Tod, hat. Nur das Ungewohnte einer solchen Erkenntnismethode lässt heute noch die vielen Missverständnisse erstehen, von denen anthroposophische Geisteswissenschaft umgeben ist. Und es ist durchaus verständlich, wenn auch gutmeinende Wissenschaftler das, was Anthroposophie bietet und was in wissenschaftlich so strenger Weise als eine echte Erkenntnismethode geschildert wird, wie das sonst zum Beispiel bei der Mathematik geschieht, wenn sie es sich vornehmen, dann erst ein Zerrbild von ihm schaffen und schließlich von dem, was sie nicht verstehen, sagen: Das ist doch nichts anderes als eine Summe von Illusionen, Halluzinationen und Phantastereien, wenn sie also erst ihr Zerrbild hinstellen und dann ihr eigenes Gebilde kritisieren. Aber — sehr verehrte Anwesende — wenn das Anthroposophie wäre, was mancher heutige Gelehrte aus ihr macht, dann würde ich dies hier noch viel strenger und viel abfälliger kritisieren, als mancher Gelehrte es macht. Aber Anthroposophie entwickelt gerade die gesunden Wege gegenüber all den pathologischen Wegen, die ihr von denen zugeschrieben werden, die ihre Methoden missverstehen. Doch ich will mich über die vielen Missverständnisse nicht weiter verbreiten, ich möchte nur noch auf eines aufmerksam machen.
[ 37 ] It is not, therefore, logical reasoning that underlies the anthroposophical spiritual science referred to here when speaking of supersensible worlds or of the eternal nature of the human being, but rather a process of guiding practical knowledge toward the contemplation of that aspect of the human being which is truly spiritual —that which is creative, not created by the organism, that which transforms the organism of its own accord and thereby possesses the guarantee of eternity, of the passage through birth and death. It is only the unfamiliarity of such a method of knowledge that still gives rise today to the many misunderstandings surrounding anthroposophical spiritual science. And it is entirely understandable that even well-meaning scientists, when they set out to examine what anthroposophy offers—and what is described in such a scientifically rigorous manner as a genuine method of knowledge, as is otherwise the case with mathematics, for example—first create a distorted image of it and ultimately say of what they do not understand: “This is nothing more than a collection of illusions, hallucinations, and fantasies”—when they first present their distorted image and then criticize their own construct. But—dear friends—if anthroposophy were what some scholars today make of it, then I would criticize it here even more harshly and disparagingly than many scholars do. But anthroposophy develops precisely the healthy paths in contrast to all the pathological paths attributed to it by those who misunderstand its methods. However, I do not wish to dwell further on the many misunderstandings; I would just like to draw attention to one more point.
[ 38 ] Es ist in der Tat so, dass die praktischen Erkenntniskräfte, die ich geschildert habe, durch all das, was man so durchmacht, erstarken. Zunächst hat man Kräfte gewonnen dadurch, dass man sein Lebenstableau hinuntersinken lässt, dann aber es angefüllt erhält mit einer geistigen Kraft. Jetzt beginnt für den Forscher wieder ein Erlebnis, vor dem sich mancher unbewusst fürchtet, weswegen er gar nicht an diese Geisteserkenntnis, wenn er sie einmal kennenlernt, weiter herantreten möchte. Wer die geistige Welt in dieser Weise schaut, wie ich es geschildert habe, der fühlt eigentlich in seiner Seele die ganze Zeit hindurch, indem er sein Bewusstsein dieser geistigen Welt ausgesetzt hat, etwas wie eine schmerzvolle Entbehrung. Diese gibt durchaus, wenn sie — ich möchte sagen — nicht mit voller gesunder Seele erfahren wird, Anlass zu einer sehr pessimistischen Auffassung des Lebens. Allein da alle Vorbereitung in der Anthroposophie so getroffen werden muss, dass der Mensch in seiner Seelenverfassung durchaus gesund ist, so weiß er, dass er von diesem Pessimismus, der sich ihm vor die Seele legt, wenn man nur ihm sich hingeben würde, sagen würde: Die ganze Welt ist eine von Schmerzen durchzogene, in Schmerzen seufzende. Es ergibt sich aber dieser Pessimismus als etwas, was zu den Notwendigkeiten der Welt gehört. Man erlebt ihn, man erlebt etwas durchaus Schmerzvolles, während man in Inspiration der übersinnlichen Welt hingegeben ist.
[ 38 ] It is indeed true that the practical powers of insight I have described are strengthened by everything one goes through. At first, one gains strength by allowing one’s life tableau to sink, but then it is filled with a spiritual power. Now the seeker begins a new experience that many unconsciously fear, which is why, once they have become acquainted with this spiritual insight, they do not wish to approach it any further. Anyone who views the spiritual world in the way I have described actually feels, throughout the entire time they have exposed their consciousness to this spiritual world, something like a painful sense of deprivation in their soul. This certainly gives rise—if it is not experienced, I might say, with a fully healthy soul—to a very pessimistic view of life. However, since all preparation in anthroposophy must be carried out in such a way that the person is thoroughly healthy in their state of mind, they know that—if they were to simply surrender to this pessimism that lays itself before their soul—they would say: The whole world is one permeated by pain, sighing in pain. Yet this pessimism arises as something that is part of the world’s necessities. One experiences it—one experiences something thoroughly painful—while one is immersed in inspiration from the supersensible world.
[ 39 ] Aber warum erlebt man dieses Schmerzvolle? Man sieht es ein: Dieses Schmerzvolle ist nur die Wiederholung jener schmerzvollen Sehnsucht, welche die Kraft der Seele bildet, durch die sich die Seele hereingezogen fühlt aus geistig-seelischen Welten in die materielle physische Verkörperung. Diese Sehnsucht der Seele muss man gerade auf dieser Stufe in der Erkenntnis nacherleben. Und was bei den Pessimisten als Weltschmerz auftritt, ist der noch einmal, nur ins Phantasiebewusstsein hereinreichende Strahl von dem, was in dieser Weise in wirklicher übersinnlicher Erkenntnis, aufs höchste gesteigert, als eine Art Lebensschmerz empfunden wird von dem, der zur übersinnlichen Erkenntnis kommen will. Man muss sich ja durchaus darüber klar sein, dass das Aufsuchen der Erkenntnisse nicht immer bloß eine lustvolle Angelegenheit sein kann. Wer zu einigen, vielleicht bescheidenen übersinnlichen Erkenntnissen oder überhaupt zu wirklichen, wahren Lebenserkenntnissen gekommen ist, der wird immer sagen: Was ich an Glück erlebt habe, das nehme ich dankbar von den Weltenmächten hin. Das aber, was ich an Schmerzerlebnissen, an Bitternissen durchgemacht habe, war für mich eine gute Vorbereitung, um in diejenige Seelenverfassung zu kommen, die wirklich durch tiefere Erkenntnis in die Geheimnisse des Lebens hineinführt. Deshalb sind auch die gewöhnlichen schmerzlichen Erfahrungen eine gute Vorbereitung, wenn sie gesund durchlebt werden und man sich durch sie nicht völlig auch körperlich niederdrücken lässt, für das, was man als Begleiterscheinung der inspirierten Erkenntnis zu erfahren hat. Aber durch alles, was man da durchmacht, gelangt man jetzt dazu, jenes Vorstellungsvermögen, das dem Menschen sofort verloren geht, wenn er in das Gefühlsleben oder in das eigene Willensleben hinuntersteigt, in all das hineinzutragen, was ich als über sinnliche Welt geschildert habe.
[ 39 ] But why do we experience this pain? We come to realize: This pain is merely the repetition of that painful longing which constitutes the soul’s strength—the force through which the soul feels drawn from the spiritual-soul worlds into its material, physical embodiment. It is precisely at this stage that one must relive this longing of the soul through insight. And what appears among pessimists as “world-weariness” is, once again, merely a ray—reaching only into the realm of the imagination—of what is perceived in this way, in true supersensible insight and heightened to the utmost, as a kind of “pain of life” by those who seek to attain supersensible insight. One must certainly be fully aware that the pursuit of knowledge cannot always be merely a pleasurable affair. Anyone who has attained some—perhaps modest—super-sensory insights, or indeed any genuine, true insights into life, will always say: “The happiness I have experienced, I gratefully accept from the world forces.” But what I have gone through in terms of painful experiences and bitterness was, for me, a good preparation for entering that state of mind which truly leads, through deeper insight, into the mysteries of life. That is why even ordinary painful experiences—if they are lived through in a healthy way and one does not allow oneself to be completely overwhelmed by them, even physically—serve as good preparation for what one must experience as a concomitant of inspired insight. But through everything one goes through in this process, one now comes to carry into all that—which I have described as the world beyond the sensory realm—that power of imagination which is immediately lost to a person when they descend into their emotional life or their own volitional life.
[ 40 ] Das ist ja das Wesentliche, dass man sich nicht nebulosen Seeleninhalten hingibt, sondern dass man das, was man zuerst in der Imagination als starkes bildhaftes Vorstellen entwickelt hat, auf dem ganzen ferneren Wege mitnimmt. Unser Gefühlsleben steigt ja, den Träumen gleich, aus dunklen Seelentiefen herauf. Wir werden die Gefühle in der Vorstellung gewahr. Wirklich wachend können wir als Menschen der Gegenwart eigentlich doch nur in dem Vorstellen leben. Das Gefühlsleben hat gegenüber dem Vorstellungsleben immer etwas Traumhaftes. Und das Willensleben ist eigentlich auch bei Tage für gewöhnlich etwas Schlafendes. Der Mensch nimmt allerdings wahr, dass er durch seinen Willen zum Beispiel die Arme bewegt. Aber was da als Willenskräfte in ihm lebt, das ist für ihn eigentlich ebenso verborgen wie das, was er vom Einschlafen bis zum Aufwachen seelisch durchlebt. So bekommen wir für die gewöhnliche Seelenverfassung mit dem Gefühlsleben ein träumerisches Element in das Leben hinein, mit unserem Willensleben aber sogar ein schlafendes.
[ 40 ] That is, after all, the essential point: that one does not surrender to nebulous inner states, but rather carries along—throughout the entire journey ahead—what one first developed in the imagination as a powerful, vivid mental image. Our emotional life, like dreams, rises from the dark depths of the soul. We become aware of our feelings through imagination. As people of the present, we can truly live only in the realm of imagination while awake. Compared to the life of imagination, the emotional life always has something dreamlike about it. And the life of the will is, in fact, usually something dormant even during the day. A person does, of course, perceive that he moves his arms, for example, through his will. But what lives within him as forces of the will is actually just as hidden from him as what he experiences soulfully from the moment he falls asleep until he wakes up. Thus, in our ordinary state of mind, we introduce a dreamlike element into life through our emotional life, but through our volitional life, we introduce an element that is actually dormant.
[ 41 ] Es ist interessant, wie Psychologen, wie etwa Theodor Ziehen, mit dieser Tatsache kämpfen, dass im gewöhnlichen Leben die Willenserlebnisse nur vorstellungsgemäß vorhanden sind. Mit demjenigen Seelenleben, das ich jetzt geschildert habe, nimmt aber der Mensch sein Vorstellungsleben überallhin mit und durchsetzt es mit vollbewusstem Willen. Wie er sonst im vollbewussten Urteil die einzelnen Vorstellungen zusammengliedert, willentlich, so verfolgt er alles, was ich jetzt geschildert habe — trotzdem es vielleicht für manchen paradox erscheinen mag — durch anthroposophische Erkenntnis mit einem vollbewussten, wachen Vorstellungsleben. Dadurch kommt es, dass er zuletzt eine innere Kraft entwickelt, die ihn nicht etwa innerhalb des bereicherten Innenlebens sein Selbst verlieren lässt, sondern die ihn im Gegenteil dazu kommen lässt, sein Selbst in derjenigen Gestalt zu sehen, wie es sich im gewöhnlichen Bewusstsein niemals darstellt. Denn dieses gewöhnliche Bewusstsein wird ja innerlich so geleitet, dass wir auf dasselbe hinschauen, und es mit dem Worte "Ich» bezeichnen. Wenn wir aber überschauen können, was in diesem Wörtchen «Ich» sich ausdrückt, so haben wir zwar das Bewusstsein, dass ihm eine Realität zugrunde liegt, aber in unserem gewöhnlichen Bewusstsein haben wir diese Realität nicht.
[ 41 ] It is interesting how psychologists, such as Theodor Ziehen, struggle with the fact that in everyday life, experiences of the will exist only as mental images. With the inner life I have just described, however, a person carries their life of imagination with them everywhere and interweaves it with fully conscious will. Just as he otherwise consciously synthesizes individual mental images in fully conscious judgment, so too—though this may seem paradoxical to some—does he pursue everything I have just described through anthroposophical insight with a fully conscious, alert life of imagination. As a result, the individual ultimately develops an inner strength that does not cause him to lose his sense of self within this enriched inner life, but rather enables him to see his self in a form that never presents itself in ordinary consciousness. For this ordinary consciousness is, after all, guided inwardly in such a way that we look upon it and designate it with the word “I.” But if we can grasp what is expressed in this little word “I,” we do indeed have the awareness that a reality underlies it, yet in our ordinary consciousness we do not possess this reality.
[ 42 ] Indem wir «Ich bim» sagen, deuten wir eigentlich auf etwas hin, das wir nur als Bild haben, so wie wir unsere Willensimpulse nur als Bild haben. Denn dieses Ich weist tief in jene schlafenden Untergründe des Seelenlebens und des organischen Lebens überhaupt hinunter, in denen auch der schlafende Wille wurzelt. Nur ein Bild steigt herauf. Jetzt aber sind wir selber dort hinuntergestiegen, jetzt haben wir durch die übersinnliche Erkenntnis der Imagination und Inspiration unser Bewusstsein bis zur Realität des Bewusstseins hinuntergetragen, jetzt ist uns unsere wahre Wesenheit in einer dritten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis gegeben: In der Intuition — wobei dieses Wort nicht so genommen wird, wie man es gewöhnlich gebraucht, sondern es soll auf dasjenige besonders hingewiesen werden, was sich auf die zwei anderen Vorstufen begründen kann —, in diesem intuitiven Bewusstsein bekommt die Rede von den wiederholten Erdenleben einen Sinn. Man schaut durch das inspirierte Erkennen zurück auf das geistig-seelische, vorgeburtliche Leben. In dieser Selbsterkenntnis nun, die als Intuition auftritt, schaut man sein Ich in jener bereicherten Gestalt, in der es sich nicht erschöpft in [einem] Erdenleben, sondern in der es die Ergebnisse früherer Erdenleben hinüberführte in das jetzige, und in der es die Ergebnisse dieses Lebens zeigt als die Grundlagen für spätere Erdenleben.
[ 42 ] When we say “I am,” we are actually pointing to something that we have only as an image, just as we have our impulses of will only as images. For this “I” points deep down into those dormant depths of the soul’s life and of organic life in general, in which the dormant will is also rooted. Only an image rises up. But now we ourselves have descended there; now, through the supersensible knowledge of imagination and inspiration, we have carried our consciousness down to the reality of consciousness; now our true being is given to us in a third stage of supersensible knowledge: In intuition—whereby this word is not to be taken in its usual sense, but is meant to refer specifically to that which can be grounded in the two preceding stages—in this intuitive consciousness, the notion of repeated earthly lives takes on meaning. Through inspired insight, one looks back upon the spiritual-soul life prior to birth. In this self-knowledge, which manifests as intuition, one beholds one’s “I” in that enriched form in which it is not exhausted by [a single] earthly life, but in which it has carried over the results of earlier earthly lives into the present one, and in which it reveals the results of this life as the foundations for later earthly lives.
[ 43 ] Ich wollte damit nur kurz begreiflich machen, dass es von dem anthroposophischen Geistesforscher nicht ein hypothetisches Herumreden ist, wenn er von wiederholten Erdenleben spricht, sondern dass es ein ganz systematisches Suchen jener Erkenntniskräfte ist, welche den Menschen über die gewöhnliche Sinnenwelt hinausführen, und dieses systematische Suchen bringt ihn nun auch zur Anerkennung der wiederholten Erdenleben. Damit aber durchschaut er auch, wie das, was als ein notwendiges Schicksal auftritt und uns in einer bestimmten Weise in das Leben hineinstellt, zusammenhängt mit diesen wiederholten Erdenleben, während alles, was sich als unser gewöhnliches, bewusstes Denken zwischen der Geburt und dem Tode entwickelt, gerade die Grundlage der in diesem Erdenleben entwickelten menschlichen Freiheit ist. Man gewinnt auf dieser Stufe der Erkenntnis die Anschauung, wie das, was in uns notwendig ist, was unser Schicksal ausmacht, mit unseren wiederholten Erdenleben zusammenhängt. Während sich der Mensch in dem einzelnen Erdenleben durch sein voll entwickeltes individuelles, persönliches Denken, das sich aus den wiederholten Erdenleben losreißt und sich persönlich im Einzelleben ausgestaltet, als ein freies Wesen gerade in das Erdenleben hineinstellt. Daher kommt es, dass der, welcher heute vor Ihnen spricht, nicht nur Anthroposophie ausgebildet hat, sondern schon im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts seine «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat, worin untersucht wird, auf welchen Grundlagen die menschliche Freiheit wirklich beruht. Diejenige Notwendigkeit, in die der Mensch durch die wiederholten Erdenleben hineingestellt ist, baut sich auf das, was unterhalb der Schwelle dessen liegt, was aus unseren freien Gedanken fließt. Eine «Philosophie der Freiheit» ist durchaus vereinbar mit anthroposophischer Geisteswissenschaft.
[ 43 ] I simply wanted to briefly make it clear that when the anthroposophical spiritual researcher speaks of repeated earthly lives, this is not merely hypothetical speculation, but rather a systematic search for those powers of knowledge that lead the human being beyond the ordinary sensory world—and this systematic search leads him to the recognition of repeated earthly lives. Through this, however, they also come to see how that which appears as a necessary destiny—and places us in life in a certain way—is connected to these repeated earthly lives, while everything that develops as our ordinary, conscious thinking between birth and death is precisely the foundation of the human freedom developed in this earthly life. At this stage of insight, one gains an understanding of how that which is necessary within us—that which constitutes our destiny—is connected to our repeated earthly lives. Meanwhile, in each individual earthly life, the human being, through his fully developed individual, personal thinking—which breaks away from the repeated earthly lives and takes personal form in the individual life—places himself as a free being precisely within that earthly life. This is why the one speaking to you today has not only developed anthroposophy but also wrote his *Philosophy of Freedom* as early as the beginning of the 1890s, in which he examines the foundations upon which human freedom truly rests. The necessity into which the human being is placed through repeated earthly lives is built upon what lies beneath the threshold of what flows from our free thoughts. A “Philosophy of Freedom” is entirely compatible with anthroposophical spiritual science.
[ 44 ] Ich konnte mit diesem Vortrage nur die Richtlinien zeichnen, derer man bedarf, wenn man orientierend auf die anthroposophische Geisteswissenschaft hinweisen will. Was über den Rahmen dieses Vortrages hinausführt, muss in der einschlägigen Literatur gesucht werden. Zum Schlusse möchte ich nur noch in einigen Punkten gewissermaßen die Auswirkung der Anthroposophie in den einzelnen Wissenschaften andeuten.
[ 44 ] In this lecture, I have been able to outline only the basic principles needed to provide an introduction to anthroposophical spiritual science. Anything that goes beyond the scope of this lecture must be sought in the relevant literature. In conclusion, I would like to briefly touch on a few points to illustrate, so to speak, the impact of anthroposophy on the individual sciences.
[ 45 ] Durch diejenige Anschauung, die man durch die imaginative Erkenntnis gewinnt, lernt man die ganzen menschlichen Bildekräfte kennen. Man ist dann imstande, auf dem Seziertische durch Autopsie kennenzulernen nicht nur, was die menschliche Bildung äußerlich ist, und dadurch Physiologie, Therapie und Pathologie zu begründen, sondern wie man durch die gewöhnliche Erkenntnis lernt, wie das Mathematische die äußere Welt beherrscht. So lernt man jetzt durch eine innere Erkenntnis das Qualitative der äußeren Wesen kennen, durch eine Erkenntnis, die inspiriert ist wie die Mathematik, nur dass sie qualitativ ist, nicht nur quantitativ und formal, wie die Mathematik, sondern in das Reale der Wesen untertaucht. Dadurch lernt man den Menschen innerlich erkennen. Und in dem Augenblicke, wo man zu den inneren Bildekräften des Menschen — in jenem Tableau, wie ich es geschildert habe — kommt, lernt man auch die inneren Bildekräfte der mineralischen, pflanzlichen und tierischen Wesen und die Bildekräfte der Welt kennen. Dadurch eröffnet sich einem dann der Blick für die Zusammengehörigkeit dessen, was in der Natur draußen ausgebreitet ist, mit dem, was im Menschen in den inneren Bildekräften und in ihren Folgen in den Organen des Menschen lebt.
[ 45 ] Through the insight gained by imaginative cognition, one comes to know the full range of human formative powers. One is then able, through autopsy on the dissection table, to understand not only what human form is externally—and thereby to establish the foundations of physiology, therapy, and pathology—but also, as one learns through ordinary cognition, how mathematics governs the external world. Thus, through an inner insight—one that is inspired like mathematics, except that it is qualitative rather than merely quantitative and formal—one comes to know the qualitative nature of external beings, delving into the reality of these beings. Through this, one learns to recognize the human being from within. And the moment one arrives at the inner formative forces of the human being—in that tableau as I have described it—one also comes to know the inner formative forces of mineral, plant, and animal beings, as well as the formative forces of the world. This then opens one’s eyes to the interconnectedness of what is spread out in nature outside with what lives within human beings in their inner formative forces and, as a consequence, in their organs.
[ 46 ] Man lernt die Organe des Menschen im gesunden und kranken Zustande kennen. Wer mit dieser Erkenntnis zum Beispiel das menschliche Herz betrachtet, der weiß, dass ein Herz nicht nur die Form ist, die man in der äußeren Anschauung überschaut, sondern dass der Herzprozess ein solcher ist, der nur aus der Erkenntnis des ganzen Menschen begreiflich wird, weil man ihn sonst nur einseitig betrachten würde. Es ist damit ähnlich wie mit der Magnetnadel, die man auch einseitig betrachtet, wenn man von ihr sagen würde: Sie richtet ihre eine Spitze nach Norden, die andere nach Süden. Nein, man nimmt zur Erklärung der Magnetnadel die ganze Erde zu Hilfe und sagt: Der Nordpol der Erde zieht durch seine Kräfte die eine Hälfte der Magnetnadel an, der Südpol die andere, Aber gerade beim Menschen möchte man nur das betrachten, was innerhalb der Haut liegt, einzeln für sich. Aber auch beim Menschen muss man aus dem, was innerhalb der Haut eingeschlossen liegt, hinausgehen, so wie man bei der Magnetnadel über diese selbst hinausgeht. Man muss den ganzen Menschen kennen, wenn man den gesunden und kranken Menschen studieren will. Dazu eröffnet die Geisteswissenschaft die Möglichkeit, und wir konnten dazu schon aufgrund der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine Medizin ausbilden. Es besteht in Stuttgart unter den Einrichtungen des «Kommenden Tages» auch ein Medizinisch-Therapeutisches Institut mit entsprechenden Ärzten, wo durchaus, aus der ganzen Anthroposophie befruchtet, medizinische Arbeit geleistet wird. Ich selber konnte zwei medizinische Kurse vor Ärzten halten und dabei zeigen, was Anthroposophie zu leisten imstande ist, indem sie das, was als geistige Entität der Sinneswelt zugrunde liegt, hinzufügt zu dem anderen, und wie sie so eine bloß empirisch angesehene Wissenschaft, wie zum Beispiel die Medizin, befruchten kann. Die gegenwärtige Menschheit wird sich an die Anschauung gewöhnen müssen, wie die volle Wirklichkeit nicht bloß die materielle, sondern die von der Geistigkeit durchdrungene ist.
[ 46 ] One learns about the human organs in both their healthy and diseased states. Anyone who applies this understanding to the human heart, for example, knows that the heart is not merely the form one perceives from the outside, but that the process of the heart is one that can only be understood through knowledge of the whole human being; otherwise, one would view it only one-sidedly. It is similar to the magnetic needle, which one would also be viewing one-sidedly if one were to say of it: “One end points north, the other south.” No, to explain the magnetic needle, one draws on the entire Earth and says: The Earth’s North Pole attracts one half of the magnetic needle through its forces, and the South Pole the other. But with human beings in particular, one tends to focus only on what lies within the skin, in isolation. Yet with human beings, too, one must go beyond what is enclosed within the skin, just as one goes beyond the magnetic needle itself. One must know the whole human being if one wishes to study both the healthy and the sick. Spiritual science opens up this possibility, and we have already been able to develop a form of medicine based on anthroposophical spiritual science. Among the institutions of “The Coming Day” in Stuttgart, there is also a Medical-Therapeutic Institute staffed by qualified physicians, where medical work is carried out, thoroughly inspired by the whole of anthroposophy. I myself was able to give two medical lectures to physicians, demonstrating what anthroposophy is capable of achieving by adding what underlies the sensory world as a spiritual entity to the other aspects, and how it can thus enrich a science viewed purely empirically, such as medicine. Humanity today will have to become accustomed to the view that full reality is not merely the material, but that which is permeated by the spiritual.
[ 47 ] Ebenso wie die Medizin durch die Anthroposophie befruchtet werden kann, so kann zum Beispiel das äußere soziale Leben befruchtet werden, andere Wissenschaften können es auch. Namentlich auf einem Gebiet haben wir schon versucht, den praktischen Beweis dafür zu liefern, nämlich in der von Emil Molt in Stuttgart begründeten Freien Waldorfschule, die eine Einheitsschule im besten Sinne des Wortes sein soll, die von mir geleitet wird. An dieser Waldorfschule wird nicht etwa Weltanschauung im anthroposophischen Sinne gepflogen; das sagen nur die, die gegenüber der Anthroposophie alle möglichen Missverständnisse auftürmen möchten. In dieser Waldorfschule wird aus wirklicher Menschenerkenntnis, also auch Kindeserkenntnis, die nicht nur das Äußere des Menschen betrachtet und es in pädagogisch-didaktische und so weiter Formeln bringt; sondern aus wirklicher Kindeserkenntnis heraus wird dort der Mensch erzogen und unterrichtet, sodass der, welcher an dieser Schule Lehrer ist, vor allem beobachten muss, was sich in dem Kinde leiblich, seelisch und geistig an die Oberfläche arbeitet, was sich hindurcharbeitet durch Miene und Sprache, durch Denken, Fühlen und Wollen, sodass er mit einem durch Anthroposophie in dieser Beziehung geschulten Blick durch das, was ihm von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag im werdenden Menschen entgegentritt, so den Menschen heranerzieht, dass die Erziehung selbst eine organische ist. Es wird ja die Jugenderziehung heute meist so geleitet, dass wir einiges in der Kindheit übermittelt bekommen, manches recht gut. Es soll durchaus nicht gegen das bisherige Erziehungssystem gewettert werden, aber das muss doch gesagt werden, dass in dem werdenden Menschen manches heranerzogen wird, was viel zu scharf konturiert an das Kind herangebracht wird, sich dann später mit dem Menschen nicht weiterentwickelt, sondern einfach in ihm bleibt. Dagegen besteht die Methode der Waldorfschule darin, dass dem Kinde Vorstellungen, Gefühle und Willensimpulse gegeben werden, bei denen man keinen Anspruch darauf macht, dass sie definitionsgemäß so bleiben, wie sie das Kind aufnimmt, sondern dass sie durchaus organisch — also in sich bewegenden Konturen — ihm übermittelt werden; sodass in dem Kinde dasjenige, was es als Unterricht bekommt, selber etwas ist, was wächst, so wie die Glieder des Kindes selbst wachsen.
[ 47 ] Just as medicine can be enriched by anthroposophy, so too can, for example, external social life be enriched, as can other sciences. We have already attempted to provide practical proof of this in one area in particular: the Free Waldorf School founded by Emil Molt in Stuttgart, which is intended to be a “unified school” in the best sense of the word and which I direct. At this Waldorf School, a worldview in the anthroposophical sense is not, as it were, cultivated; only those who wish to pile up all manner of misunderstandings regarding anthroposophy say such things. At this Waldorf School, education is based on a genuine understanding of human beings—and thus also of children—that does not merely observe the outer appearance of a person and reduce it to pedagogical, didactic, and other such formulas; rather, drawing on a genuine understanding of children, students are educated and taught there in such a way that a teacher at this school must, above all, observe what is working its way to the surface in the child physically, psychically, and spiritually; what works its way through expression and speech, through thinking, feeling, and willing—so that, with a gaze trained in this regard by anthroposophy, the teacher, through what he encounters week by week, indeed day by day, in the developing human being, nurtures the child in such a way that the education itself is an organic process. After all, youth education today is usually conducted in such a way that we receive certain things during childhood—some of them quite well. This is by no means intended as a diatribe against the existing educational system, but it must be said that in the developing human being, certain things are instilled that are presented to the child with far too sharply defined contours; these then do not continue to develop with the person later on, but simply remain within them. In contrast, the Waldorf school method consists of providing the child with ideas, feelings, and impulses of will, without expecting them to remain, by definition, exactly as the child first receives them, but rather that they are conveyed to the child in a thoroughly organic way—that is, with contours that are in constant flux; so that what the child receives as instruction becomes, within the child, something that grows, just as the child’s own limbs grow.
[ 48 ] So kann man den Weltenvorgängen nachbilden die verschiedenen Gebiete des sozialen Lebens, jenen Weltenvorgängen, die nicht nur materielle, sondern auch geistdurchdrungene sind. Und es schien mir eine bedeutungsvolle Errungenschaft, dass auf dem letzten Kongress der Anthroposophischen Bewegung in Stuttgart (vom 28. August bis 7. September 1921) von Dr. Caroline von Heydebrand, einer Lehrerin der Waldorfschule, ein Vortrag gehalten werden konnte über das Thema «Gegen Experimental-Psychologie und Experimental-Pädagogik». Nichts soll hier von mir gesagt werden gegen die großen Verdienste, die Experimental-Psychologie und -Pädagogik immerhin haben. Aber gerade, wenn man solche Verdienste anerkennt, kann man nicht darüber hinweg, wie auf dem Gebiete der Pädagogik und der Psychologie der Mensch eigentlich innerlich dem Menschen fremd geworden ist, also auch das Kind. Man muss erst äußerlich experimentieren, wie der Mensch vorstellt, wie er die Dinge behält, weil man nicht innerlich mit dem Kinde verbunden ist. Ein bedeutender Vortrag ist es, der überall bekannt zu werden verdient, den Dr. Caroline von Heydebrand auf dem Stuttgarter Kongress hielt. Und einen anderen Vortrag, der auch bekannt werden sollte, hat Emil Leinhas gehalten über den Zusammenbruch der Nationalökonomie, in dem er die gegenwärtige Nationalökonomie mit all ihren Widersprüchen charakterisierte, ein Vortrag, der durchaus bahnbrechend sein könnte für eine aus der Geisteswissenschaft zu holende Erneuerung der wissenschaftlichen und auch der praktischen Behandlung der sozialen Frage, wie ich sie etwa selber darzustellen versucht habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» aus den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der nächsten Zukunft.
[ 48 ] In this way, one can model the various spheres of social life on the processes of the world—those processes that are not only material but also imbued with spirit. And it seemed to me a significant achievement that at the last congress of the Anthroposophical Movement in Stuttgart (August 28–September 7, 1921), Dr. Caroline von Heydebrand, a teacher at a Waldorf school, was able to give a lecture on the topic “Against Experimental Psychology and Experimental Pedagogy.” I do not intend to say anything here against the great merits that experimental psychology and pedagogy do, after all, possess. But precisely when one acknowledges such merits, one cannot overlook how, in the fields of pedagogy and psychology, human beings have actually become alienated from one another inwardly—and thus also from the child. One must first experiment externally to understand how human beings conceive of and retain things, because one is not inwardly connected to the child. The lecture delivered by Dr. Caroline von Heydebrand at the Stuttgart Congress is a significant one that deserves to be widely known. And Emil Leinhas delivered another lecture that should also be widely known—on the collapse of the national economy—in which he characterized the current national economy with all its contradictions; a lecture that could well be groundbreaking for a renewal, to be drawn from the humanities, of both the scientific and practical treatment of the social question, as I myself have attempted to outline in my “Key Points of the Social Question,” based on the necessities of life in the present and the near future.
[ 49 ] So kann die Geisteswissenschaft durch das, was sie in unmittelbarer geistiger Anschauung erlangt, nicht nur dem Menschen Sicherheit geben über seine ewige Wesenheit und ihm damit einen inneren Mittelpunkt geben, den er braucht, wenn er nicht durch das Wahrnehmen etwa seiner vermeintlichen Nichtigkeit lebensuntüchtig werden soll, sondern Anthroposophie kann überhaupt das Leben sehr befruchten, wie sie auch in die Kunst eindringen kann. Goethe sagte, indem er solche Dinge aus seiner umfassenden Weltanschauung heraus geahnt hat — ich habe das in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu zeigen versucht in meinen Goethe-Schriften, woraus ersichtlich werden kann, wie die Anthroposophie auch aus der Goethe’schen Weltanschauung hervorgehen kann, man muss sie dazu nur weiterführen —, Goethe sagte ja an einer Stelle, die Kunst beruhe auf einem gewissen Offenbarwerden geheimer Naturgesetze, die ohne sie nie anschaulich werden würden. — Oder an einer anderen Stelle sagte er einmal: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, der sehnt sich nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. — Und als er in Italien reiste, schrieb er nach dem Anblicke von künstlerischen Schöpfungen, die ihn besonders interessierten, an seine Weimarer Freunde: «Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da ist Gott.» Und: «Ich habe die Vermutung, dass die Griechen nach den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur selbst verfährt, und denen ich auf der Spur bin.»
[ 49 ] Thus, through what it attains in direct spiritual insight, spiritual science can not only give human beings certainty about their eternal being—and thereby provide them with the inner center they need if they are not to become incapable of living by perceiving, for example, their supposed insignificance—but anthroposophy can also greatly enrich life in general, just as it can permeate the arts. Goethe said—having intuited such things from his comprehensive worldview (I attempted to demonstrate this in my writings on Goethe in the 1880s, from which it can be seen how anthroposophy can also emerge from Goethe’s worldview; one need only carry it further)— Goethe did indeed say at one point that art is based on a certain revelation of secret laws of nature that would never become vivid without it. — Or, in another passage, he once said: “To whom nature reveals her manifest secret, that person longs for her most worthy interpreter, art.” — And while traveling in Italy, after seeing artistic creations that particularly interested him, he wrote to his friends in Weimar: “The great works of art have been produced by human beings according to true and natural laws, and are at the same time the highest works of nature. Everything arbitrary and imagined falls away; there is necessity, there is God.” And: “I suspect that the Greeks proceeded according to the laws by which nature itself proceeds, and which I am on the trail of.”
[ 50 ] Aber man kann nur dieses Schaffende der Natur schauen, wenn man das hinter den sinnlichen Tatsachen und Naturwesenheiten befindliche Geistige durch eine anthroposophische Erkenntnis erschaut. Daher kann auch das, was uns in der Kunst sinnlich-anschaulich entgegentritt, aber so, dass das Sinnlich-Anschauliche immer zu unserem Geiste und unserer Seele spricht, das kann durch das imaginative und durch das inspirierte Anschauen durchaus befruchtet werden. Nur diejenigen, die von Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, eigentlich nichts ahnen, sondern nur die gewöhnliche intellektualistische Erkenntnis im Auge haben, reden davon, dass man durch das Schaffen aus dem Geiste nur zu einer strohernen allegorischen Kunst kommen könne. Aber nichts Allegorisches oder Symbolisches finden Sie zum Beispiel in dem Hochschulbau in Dornach, der dort der anthroposophischen Geisteswissenschaft errichtet ist, und der auch in allen seinen Formen herausgeschaffen ist aus dem Schauen der geistigen Welt, aus dem Schauen desjenigen an Formen, an Farbenharmonien, was in den äußeren Stoff so hineingeheimnisst werden kann, dass eben erfüllt ist, was Goethe ausdrückte mit den Worten: Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden. — Auch die Kunst also kann durch Anthroposophie befruchtet werden.
[ 50 ] But one can only perceive this creative aspect of nature if one beholds the spiritual reality lying behind sensory facts and natural entities through anthroposophical insight. Therefore, even what confronts us in art in a sensory and visual way—but in such a way that the sensory and visual always speaks to our spirit and soul—can certainly be enriched through imaginative and inspired contemplation. Only those who have no real inkling of spiritual science, as it is meant here, but who focus solely on ordinary intellectualistic knowledge, claim that creating from the spirit can lead only to a hollow, allegorical art. But you will find nothing allegorical or symbolic, for example, in the School of Spiritual Science building in Dornach, which was erected there for anthroposophical spiritual science, and which, in all its forms, has been shaped out of the vision of the spiritual world—out of the vision of those forms and color harmonies that can be so mysteriously infused into the outer material that what Goethe expressed with the words is precisely fulfilled: Art is a manifestation of secret laws of nature that would never become apparent without it. — Thus, art, too, can be enriched by anthroposophy.
[ 51 ] Und in der Eurythmie bringen wir heute eine doch schon viel angeschaute menschliche Bewegungskunst vor die Welt, wo das, was im Inneren des Menschen ist an Maß, Harmonie, Bedeutung, innerlicher Stilisierung, herausgeholt wird und ausgedrückt wird in der Bewegung einzelner Menschen oder Menschengruppen, sodass nicht etwa nur mimische Tänze entstehen, sondern etwas ganz anderes, etwas, was eine wirkliche sichtbare Sprache ist und daher das innere Seelenleben so mit Notwendigkeit zum Ausdruck bringt, wie die hörbare Sprache oder der Gesang es tun.
[ 51 ] And in eurythmy today, we present to the world an art of human movement that has already been widely observed, in which what lies within the human being—in terms of proportion, harmony, meaning, and inner stylization—is drawn out and expressed through the movements of individuals or groups of people, so that what emerges is not merely mimetic dance, but something entirely different: a truly visible language that, like spoken language or song, inevitably gives expression to the inner life of the soul.
[ 52 ] Und auch das religiöse Leben muss ja befruchtet werden, indem der Mensch hinaufgeführt wird in jene übersinnlichen Welten, in denen er gerade für das religiöse Empfinden die Heimat seines Geistes und seiner Seele haben muss. Daher ist es eigentlich grotesk, wenn in einer neueren Schrift, wo über religiöse Versuche in der Gegenwart gehandelt wird und unter anderem auch über Anthroposophie, die ja gar nicht irgendwie eine Religionsgründung sein will, sondern — wie ich, es heute geschildert habe — wissenschaftliche Erkenntnis, wenn dort die Anthroposophie so beurteilt wird, dass man sagt: Der wirklich religiöse Mensch könnte sie eigentlich nicht dulden, denn sie sei eine Konkurrenz der Religion, sie könnte vielleicht sogar ein Religionsersatz werden. Religionsersatz — der schrecklichste der Schrecken! Der, der zum offiziellen Pfleger des religiösen Lebens bestellt ist, denkt heute schon ganz ökonomisch-kaufmännisch über Anthroposophie. Es erwächst ihm ein Konkurrent, — und aus dem Gefühl des Konkurrenten spricht er weiter: «Die Schöpfung der Anthroposophie bedeutet den Tod der Religion.»
[ 52 ] And religious life, too, must be enriched by leading the human being up into those supersensible worlds where, precisely for religious feeling, the spirit and soul must find their home. It is therefore actually grotesque when, in a recent work dealing with contemporary religious experiments—and, among other things, with anthroposophy, which does not in any way claim to be a new religion but rather, as I have described today, scientific knowledge—anthroposophy is judged in such a way that it is said: “The truly religious person could not really tolerate it, for it is a competitor to religion; it might even become a substitute for religion.” A substitute for religion—the most terrible of terrors! The one who is appointed as the official guardian of religious life already thinks of anthroposophy in entirely economic and commercial terms. A competitor is emerging—and speaking from the perspective of that competitor, he continues: “The creation of anthroposophy means the death of religion.”
[ 53 ] Nun — sehr verehrte Anwesende —, man sollte allerdings bei gesunden Sinnen und bei geradem Verstande glauben, dass gerade das religiöse Leben sich dadurch gefördert fühlen könnte, dass von Seiten einer Wissenschaft, die es so streng nimmt wie nur irgendeine wissenschaftliche Erkenntnis, die übersinnlichen Welten für die menschliche Anschauung so erschlossen werden, dass die von einem Geistesforscher gegebene Darstellung auch von dem Nichtforscher eingesehen werden kann. Denn das kann bei der Geisteswissenschaft der Fall sein, die zu dem materiellen Erkennen einfach die Erkenntnis des diese materiellen Vorgänge der Welt durchsetzenden Geisteslebens hinzubringt. Doch gegenüber dieser Erkenntnis hat man allerdings heute schon einige Furcht. Ein Philosoph, der heute ein großes Ansehen hat, hat vor einigen Jahren einmal gesagt: Er wolle über das Verhältnis des Geistes zum Leibe des Menschen sprechen. Man könne das ja auch, denn man brauche dazu weder den Geist noch den Körper zu kennen, sondern nur das Verhältnis der beiden zu studieren. Dazu brachte er dann ein Gleichnis, indem er sagte, zu seinem Auditorium sprechend, sagte: Ich brauche ja auch nicht jeden Einzelnen von Ihnen zu kennen und jedem Einzelnen vorgestellt zu sein, sondern es besteht, auch ohne dass wir einander kennen, ein gewisses Verhältnis zwischen uns. Indem wir in einem Raume beisammen sind, ist ein gewisses Verhältnis von Ihnen zu mir.
[ 53 ] Now—distinguished guests— one should, however, in good sense and with a sound mind, believe that religious life in particular could be enriched by the fact that a science—which takes its subject as seriously as any other scientific discipline—makes the supersensible worlds accessible to human perception in such a way that the description provided by a researcher of the spirit can also be understood by those who are not researchers. For this can indeed be the case with spiritual science, which simply adds to material knowledge the understanding of the spiritual life that permeates the material processes of the world. Yet even today, people already harbor some fear of this knowledge. A philosopher who is highly regarded today once said a few years ago: He wanted to speak about the relationship between the spirit and the human body. One could certainly do so, he argued, because one need not know either the spirit or the body, but only study the relationship between the two. He then offered an analogy, addressing his audience: “After all, I don’t need to know each and every one of you personally, nor do I need to have been introduced to each of you; even without knowing one another, a certain relationship exists between us. By being together in this room, a certain relationship exists between you and me.”
[ 54 ] Also, man fürchtet sich heute in den Kreisen, wo man über Weltanschauung spricht, vor einer wirklichen GeistErkenntnis, die man aber braucht, wenn man über Geist und Körper sprechen will, weil man sich so sehr in eine agnostische Erkenntnisweise hineingeredet hat, die überall nur Grenzen sehen will, und die die Erkenntnispraxis nicht entwickeln will, welche die Erkenntnisgrenzen überschreitet.
[ 54 ] So, in circles where people discuss worldviews, there is a fear today of true spiritual knowledge—which is, however, necessary if one wishes to speak of spirit and body—because people have talked themselves into an agnostic approach to knowledge that sees only limits everywhere and is unwilling to develop the practice of knowledge that transcends those limits.
[ 55 ] Gewiss, Geisteswissenschaft muss langsam erarbeitet werden, wie irgendeine Wissenschaft. Aber die Praxis ist so, dass sie, wie die anderen Wissenschaften, in das Naturdasein hineinführt. Und die Geisteswissenschaft führt den Menschen nicht hinein in ein erträumtes Wolkenkuckucksheim, sondern in die reale geistige Welt. Daher durchdringt sie die materielle Welt mit den geistigen Impulsen, die den Menschen eingreifen lassen können in alle materiellen Verhältnisse; sodass er nicht ein Brüter über das geistige Leben wird, sondern einer, der durchdrungen wird von dem wirklichen geistigen Wirken und dadurch in der großen Welt erkennen und arbeiten kann. Denn nur derjenige ist erkennend, der sich nicht in ein Wolkenkuckucksheim hineinträumt, sondern der sich bewusst ist, dass der Geist praktisch und gestaltend in das materielle Leben eingreifen muss durch den Menschen. In diesem Sinne macht Anthroposophie den Menschen nicht unpraktisch, sondern gerade praktisch für das gewöhnliche Erdenleben, stellt ihn hinein in seine Pflichten und in die gewöhnlichen Lebensaufgaben. Sie bereitet ihn zwar für die Ewigkeit vor, aber sie bereitet ihn so dazu vor, dass er das Ewige in das Zeitliche hineintragen kann. Sie lehnt es nicht ab, die materiellen Erscheinungen und materiellen Wesenheiten ehrlich zu erforschen, sie sucht aber den Geist, der diese Materie überall durchdringt. Sie sucht das Geistige vor allem in der menschlichen Erkenntnis selber, befreit dadurch auf der einen Seite die Erkenntnis, die sich sonst nur sklavisch an die materielle Außenwelt anschließen kann, und schafft dadurch auf der anderen Seite solche Handlungsimpulse, dass der Mensch praktisch ins Leben eingreifen kann. Daher kann man von der Anthroposophie sagen: Sie erstrebt es wenigstens, dass die Materie durch den Menschen selber durchgeistigt werde, dass der Mensch sich aber nicht verliere in den Umkreis der materiellen Vorgänge, sondern dass er sich selber finden kann durch eine freie Erkenntnis als ein freier Mensch im ganzen Umfange des Lebens.
[ 55 ] Certainly, spiritual science must be worked out slowly, just like any other science. But in practice, it leads—just like the other sciences—into the natural world. And spiritual science does not lead people into some dreamy, cloud-cuckoo land, but into the real spiritual world. Therefore, it permeates the material world with spiritual impulses that enable human beings to intervene in all material circumstances; so that they do not become mere dreamers about spiritual life, but rather people who are permeated by genuine spiritual activity and can thereby perceive and work in the wider world. For only the person who does not dream himself into a fantasy world, but who is aware that the spirit must intervene in material life in a practical and formative way through human beings, is truly discerning. In this sense, anthroposophy does not make a person impractical, but rather practical for ordinary earthly life; it places him within his duties and the ordinary tasks of life. It does prepare them for eternity, but it prepares them in such a way that they can carry the eternal into the temporal. It does not reject the honest exploration of material phenomena and material entities, but it seeks the Spirit that permeates this matter everywhere. It seeks the spiritual above all in human knowledge itself; in doing so, it liberates knowledge—which otherwise can only slavishly follow the material external world—and thereby creates impulses for action that enable the human being to intervene practically in life. Therefore, one can say of anthroposophy: It strives, at the very least, for matter to be spiritualized by human beings themselves, so that human beings do not lose themselves in the realm of material processes, but rather can find themselves—through free knowledge—as free human beings within the full scope of life.
