Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a
19 November 1921, Berlin
1. Anthroposophie Und Geisteswissenschaft
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Anthroposophie möchte die menschliche Erkenntnis bis zu denjenigen Gebieten führen, in denen die großen Lebens- und Seelenfragen liegen, die Fragen, welche sich beschäftigen mit dem menschlichen Schicksal im Großen, mit der Frage der Ewigkeit der Menschenseele, mit demjenigen, was aus der Welt jenseits von Geburt und Tod hereinwirkt in das menschliche Leben und so weiter. Aber diese Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, will ihre Forschung durchaus anstellen im Einklange mit dem gegenwärtigen Wissenschaftsgeist. Wenn dieser Wissenschaftsgeist sie heute noch vielfach ansieht als das Ergebnis von irgendwelchen Phantasmen, so muss Anthroposophie glauben, dass diese Dinge heute noch auf völligem Missverständnis beruhen. Aber allerdings muss Anthroposophie hinausgehen über diejenigen Ergebnisse, die heute von der anerkannten Wissenschaft gefunden werden können. Dennoch aber bringt diese Anthroposophie gerade der modernen Naturwissenschaft die größte Schätzung und die vollste Anerkennung entgegen. Diese Naturwissenschaft hat im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte an der Gesamterziehung der Menschheit Unsägliches geleistet. Für die Anthroposophie sind diese Leistungen zunächst vorzugsweise bedeutsam durch den Stand der Seelenverfassung, zu der sich ein Mensch bringen kann, der völlig einzudringen vermag in die Disziplin dieses naturwissenschaftlichen Geistes und seiner Forschungsmethode, der sich durchdringen kann mit jener Gesinnung, welche innerhalb dieser modernen Naturwissenschaft herrscht.
[ 2 ] Ich möchte sagen, diese moderne Naturwissenschaft hat eigentlich erst die ganze Bedeutung desjenigen ans Tageslicht gefördert, was wir unsere Sinneserkenntnis nennen. Und wer sprechen will — wie das heute Abend geschehen soll — von übersinnlicher Erkenntnis, der muss vor allen Dingen sich vollständig und ohne jeglichen Dilettantismus klar sein über das Wesen der sinnlichen Erkenntnis. Durch die systematische Durchführung der Beobachtungsmethoden, durch die Herausgestaltung der Experimentierweise, durch die mathematische und sonstige verstandesmäßige Behandlung von Beobachtung und Experiment hat wirklich die moderne Naturwissenschaft allmählich sich zu dem Ideal erhoben, durch die Betrachtung der Sinneswelt zu etwas zu kommen, was immer mehr und mehr sich einem Objektiven annähert, einem Objektiven, in das nichts sich hineinmischen darf von subjektiver, persönlicher Willkür des Menschen, nichts sich hineinmischen darf von irgendwelchen Phantasmen oder Illusionen. In dieser Beziehung muss auch eine übersinnliche Erkenntnis durchaus der Naturwissenschaft nacheifern.
[ 3 ] Wenn wir den menschlichen Verstand lediglich dazu gebrauchen — und als Mathematiker tut man das ja ganz besonders —, um die sinnlichen Erscheinungen zu ordnen, zu systematisieren und ihnen dadurch ihre Gesetze abzulauschen, dann kommt man allmählich darauf, dass die Sinne und ihre Erklärungen im Grunde genommen die großen Erzieher des menschlichen Verstandes sind, jenes Verstandes, der doch in einer gewissen Beziehung abhängig ist von der inneren organischen Verfassung des Menschen. Wir wissen, wie sehr wir abhängig sind — und die moderne Wissenschaft, die Physiologie, die Pathologie, kann das noch erhärten — in unserem Urteilen und in dem Bilden unserer Vorstellungen von dem, was unsere körperlich-seelische Verfassung ist. Aber indem wir uns in wissenschaftlicher Weise den Sinneswahrnehmungen hingeben, sind wir immerfort gezwungen, dasjenige zu rektifizieren, was als Illusionen, als Phantasmen aus uns herauswill, in einem objektiven Sinne. Dem — ich sage das noch einmal — muss durchaus übersinnliche Erkenntnis nacheifern.
[ 4 ] Allein die moderne naturwissenschaftliche Methode kommt mit diesen ihren Anstrengungen gegenüber der äußeren Natur an eine bestimmte Grenze, und bedeutende Naturforscher haben aus dem Wesen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis heraus über diese «Grenzen des Naturerkennens» ja deutlich gesprochen. Man kommt nicht weiter als bis zu der Ordnung der Sinneserscheinungen. In dem Augenblick, wo man hinausgehen will durch die verstandesmäßige Spekulation über — ich möchte sagen — den Sinnesteppich, der sich um uns herum ausbreitet, muss man entweder die Grenzen der Naturerkenntnis statuieren, oder aber man muss gleichsam mit dem losgelassenen Verstande die Begriffe hinaus erstrecken, spekulieren, Hypothesen bauen ins Leere, ins Unbestimmte. Solche Hypothesen sind ja genügend gebaut worden. Gar manche Menschen haben versucht, vorsichtig mit den Begriffen und Ideen hinauszuarbeiten ins Jenseits des Sinnesgebietes. Allein alles solches Arbeiten lässt zuletzt doch den Menschen unbefriedigt, denn er kann sich niemals einen Aufschluss darüber geben, welche Berechtigung das Hinauserstrecken der an der Sinneswelt gewonnenen Ideen in das Jenseits der Sinne eigentlich haben kann.
[ 5 ] Und so sind alle Philosophien, alle Spekulationen, welche in dieses Jenseits der Sinneswelt hinauswollen, für den ernsten Denker, namentlich für den an naturwissenschaftliche Begriffe gewöhnten Denker durchaus unbefriedigend, und wir sehen die Folgen davon in den verschiedenen Weltanschauungsbestrebungen der Gegenwart. Das menschliche Herz, die menschliche Seele kann nicht stehen bleiben bei dem, was die äußeren Sinne ihr sagen können. Die menschliche Seele weiß, dass das bloß zeitlich begrenzte Schicksal, das von ihr aus an diese Sinneswelt gebunden ist, nicht ihr letztes Wesen treffen kann, und so nehmen denn tiefere Naturen, ernstere Seelen in der Gegenwert vielfach Zuflucht zu allerlei mystischen Bestrebungen.
[ 6 ] Diese mystischen Bestrebungen sind darauf gerichtet, die Erkenntnis mehr oder weniger abzuwenden von der äußeren Sinneswelt, mehr oder weniger auch abzuwenden von der intellektualistischen Durchdringung dieser Sinneswelt und dafür in das eigene Innere des Menschen zu schauen. Allein ebenso wenig, wie man zu einem wirklich befriedigenden Aufschluss über das Wesen der Menschenseele bloß durch äußere Naturwissenschaft oder durch auf sie gebaute Spekulationen gelangen kann, ebenso wenig kann man im Ernste durch das gewöhnliche «mystische Vertiefen» zu einem befriedigenden Erkennen über des Menschen Seelenwesen kommen. Denn was bringt es uns denn, wenn wir auch noch so sehr dieses mystische Vertiefen ausbilden? Was dringt uns denn dadurch aus dem Innern des Menschen an die Oberfläche des Bewusstseins? Gewiss glauben manche Naturen, alle subjektive Willkür auszuschließen, still, meditativ sich dem hinzugeben, was gewissermaßen ein objektives inneres Heraufströmen aus der Seele uns über das eigene menschliche Wesen sagen kann.
[ 7 ] Wer aber das menschliche Seelenwesen wirklich zergliedern kann, wer prüfen kann, wie in diesem menschlichen Seelenleben auf dem Umwege eines sich modifizierenden äußeren Lebens doch nichts anderes vorhanden ist als die äußeren Eindrücke, was wir so seit unserer Geburt aus der Außenwelt in die Seele hereingenommen haben, der wird zuletzt doch immer entdecken, dass der Mystiker, der in seiner eigenen Seele oftmals seinen göttlichen Ursprung, ein Ewiges, gefunden zu haben meint, es schließlich mit nichts anderem zu tun hat als mit den Reminiszenzen an Erlebnisse, denen der Mensch ausgesetzt war namentlich in denjenigen Zeiten der Kindheit, in denen man sich noch nicht vollständig Rechenschaft gibt über das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt. Und wenn man außerdem durch eine gediegene Seelenkunde in der Lage ist, einzusehen, wie die innere Seelenverfassung, das, was man eine gewisse
[ 8 ] Kurz, wer ernste anthroposophische Geisteswissenschaft sucht, muss an den beiden Klippen vorbeikommen: an der begrenzten Naturwissenschaft einerseits und an der so reich in Illusionen lebenden Mystik andererseits. Er muss eine sichere Methode suchen, die durchaus der naturwissenschaftlichen Sicherheit nachgebildert ist, die durchdrungen ist von derselben Gesinnung, in der man lebt als Wissenschaftler, wenn man im Laboratorium experimentiert oder am Seziertisch Physiologie oder Pathologie ausbildet. Nicht nur zu anderen Ergebnissen als die anerkannte Wissenschaft muss Anthroposophie kommen, sondern sie muss auch ihre eigene Methode ausbilden.
[ 9 ] Nun werden Sie es begreifen, dass ich in dem kurzen Vortrage eines Abends, sowohl was die Ergebnisse dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft wie auch was ihre Methode und Beweisgründe bertrifft, nur Richtlinien werde angeben können, nur einige Anregungen. Ich werde zeigen können, wie die Beweise gefunden werden. Allein das, wovon ich hier einen kurzen Abriss zu geben gedenke, ist ja heute schon der Inhalt einer reichen Literatur, und daher kann ich nur Anregungen, nicht irgendetwas Abschließendes im Rahmen eines Vortrages geben.
[ 10 ] Hinausgehen über die gewöhnliche wissenschaftliche Methode muss anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft! Warum ist denn die Naturwissenschaft begrenzt? Warum führt Mystik nicht zu dem wirklichen Wesenskern des Menschen? Weil sowohl die Naturwissenschaft wie die Mystik sich auf diejenigen Erkenntnisfähigkeiten beschränken, die der Mensch im normalen Leben ausbildet, sei es durch sein natürliches Wachsen, durch seine organische Entwicklung, sei es durch die heute gebräuchliche Erziehung. Damit bilden wir eben nur die naturwissenschaftliche Methode aus. Anthroposophie muss nun durchaus darauf aufmerksam machen, dass der Mensch sich noch anderer Fähigkeiten bewusst werden kann, die tiefer in seiner Seele ruhen, die für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft in dieser Seele schlummern, und dass er solche Fähigkeiten auch bewusst zu echt wissenschaftlicher Erkenntnis anwenden kann. Um diese Fähigkeiten auszubilden, soll aber nicht in irgendein Leeres gegriffen werden, nicht zu irgendeinem mystischen Dunkel wieder die Zuflucht genommen werden, sondern es soll ausgegangen werden von dem, was durchaus in der gewöhnlichen Wissenschaft und im gewöhnlichen Menschenleben vorhanden ist.
[ 11 ] Da haben wir das, was uns in der Mystik so illusionenreich entgegentritt: das menschliche Erinnerungsvermögen an der einen Grenze unseres gewöhnlichen Poles. Dieses Erinnerungsvermögen ist ja durchaus abhängig von der organischen Konstitution des Menschen. Allein es ist dieses Erinnerungsvermögen doch das, was uns als Menschen unser zusammenhängendes Bewusstsein, unser zusammenhängendes Ich gibt. Man braucht nur daran zu denken, in welcher schlimmen Lage diejenigen Menschen seelisch sind, bei denen das fortlaufende Erinnerungsvermögen bis in die Kindheit hinein getrübt ist. Es gibt Krankheitszustände, in denen lange Zeiträume in der Erinnerung ausfallen. Solche Menschen haben gewissermaßen ein Stück ihres eigenen Seelenlebens aus sich herausgestoßen. Sie fühlen nicht mehr und erleben nicht mehr ihren ganzen Menschen. An ihnen kann man sehen, welche Bedeutung die zusammenhängende Erinnerung für das gesunde Seelenleben des Menschen hat. Worin besteht nun das Wesen dieser Erinnerung? Es besteht darin, dass wir Erlebnisse, die wir in unserem gewöhnlichen Leben zwischen der Geburt und dem jetzigen Lebensaugenblick hatten, im Bilde heraufrufen können in unser Bewusstsein. Wir tragen in uns Bilder, die wir in unserem gewöhnlichen Leben vor unsere Seele zaubern können, mehr oder weniger treu. An diese Seelenfähigkeit knüpft zunächst die anthroposophische Methode an und bildet, indem sie dieses Erinnerungsvermögen umgestaltet, die sogenannte imaginative Erkenntnis aus. Diese ist nicht etwa eine Summe von Imaginationen, von Einbildungen, sondern sie ist etwas, was durchaus durch strenge innere Selbsterziehung allein gewonnen werden kann und ebenso einer Objektivität, allerdings einer geistigen Objektivität entspricht, wie auch die Erinnerung einer Objektivität, nicht einer bloßen Phantastik entspricht. Ich will kurz das Prinzip angeben, wie man zu dieser ersten Stufe einer übersinnlichen Erkenntnis, zu der imaginativen Erkenntnis kommen kann.
[ 12 ] Da handelt es sich darum, dass man in ähnlicher Weise, wie es sonst bei der Erinnerung der Fall ist, Vorstellungen in seinem Bewusstsein anwesend sein lässt. Allein es dürfen dies — man hat es ja nicht mit einer Ausbildung, sondern mit einer Umgestaltung des Erinnerungsvermögens zu tun — nicht Vorstellungen sein, die man einfach aus dem Schatze seiner Erinnerungen heraufholt. Solche Vorstellungen leben ja verändert durch das Gemütsleben, ja selbst durch die organische Konstitution des Menschen, und niemals kann der Mensch wissen, was sich ihm da heraufsuggeriert, wenn er einfach Erinnerungsvorstellungen in seinem Bewusstsein anwesend sein lässt.
[ 13 ] Entweder muss man, um das herbeizuführen, was uns zur Imagination bringen kann, und was ich Meditation nennen möchte — ich habe es so in meinen Schriften genannt —, entweder muss man irgendeine Vorstellung von einem erfahrenen Anthroposophen sich geben lassen, oder aber man muss versuchen, selber sich eine Vorstellung oder einen Vorstellungskomplex zu bilden, der leicht überschaubar ist, den man so übersieht, wie zum Beispiel ein Dreieck in der Geometrie überschaut werden kann, bei dem man ganz sicher sein kann: Das, was man im Bewusstsein anwesend hat, ist alles, was vorliegt. Da wirkt nichts aus der Gemütswelt, aus der Organkonstitution herauf, da hat man wirklich alles, was man überblickt.
[ 14 ] Doch nicht auf diesen Inhalt kommt es an, sondern darauf, dass die Seele nun alle ihre Kräfte zusammennimmt, um diesen Inhalt eine kürzere oder längere Weile — der eine braucht dafür eine längere, der andere eine kürzere Zeit, das hängt von den Anlagen der Menschen ab — in ihrem Bewusstsein anwesend sein zu lassen. Denn auf die Entwicklung dieser in der Seele schlummernden Kräfte kommt es an, nicht auf das, was wir da denkend in unser Bewusstsein bringen, sondern auf das, was wir an dem Gedachten tun. Wenn wir — zum Vergleich sei das gesagt — unsere Armmuskeln durch irgendeine Arbeit besonders anstrengen, so werden sie immer kräftiger und kräftiger, sie entwickeln immer mehr und mehr Stärke. Im Arbeiten, im Üben entwickelt sich diese physische Stärke, diese physische Kraft. Genau ebenso ist es, wenn wir etwa in jahrelanger Übung uns Vorstellungen in der angedeuteten Weise im Bewusstsein gegenwärtig machen und nun durch einige Zeit im Bewusstsein halten. Was da die Seele tun muss, das stärkt solche Seelenkräfte, die man im gewöhnlichen Leben nicht hat.
[ 15 ] Ich bemerke ausdrücklich: Was ich hier schildere, ist leicht geschildert, aber es ist schwer auszuführen. Es ist nicht leichter, in den Methoden der Geisteswissenschaft vorwärts zu kommen als in den Methoden des Laboratoriums oder der Sternwarte. Gewiss, es gibt Menschen, die für die Entwicklung solcher inneren Seelenkräfte besonders veranlagt sind, sie machen vielleicht sehr rasche Fortschritte. Aber im Allgemeinen braucht man — ohne dass man täglich besonders viel Zeit nötig hat, denn die einzelne Übung kann schr kurz sein, [wie] sie wirkt, kommt auf die Kraft der Übung an, nicht auf die Länge der Zeit, die nur einschläfert —, man braucht Wiederholung, immer wiederkehrende Übung, um endlich dahin zu kommen, etwas ganz Bestimmtes an sich zu bemerken; nämlich, dass man aus den Tiefen der Seele etwas herausgeholt hat, dessen man sich früher weder für das gewöhnliche Leben noch für die gewöhnliche Wissenschaft bedient hat. Um uns zu verständigen, möchte ich einen Vergleich gebrauchen.
[ 16 ] Wir erinnern uns als Menschen mit dem gewöhnlichen Bewusstsein bis zu einem gewissen Zeitpunkt unserer Kindheit zurück. Was vor diesem liegt, entzieht sich der gewöhnlichen Erinnerung. Warum ist das? Nun, in dieser Zeit arbeitet das, was das Kind seelisch erlebt durch Eindrücke der Außenwelt, durch die Kombinationen der Außenwelt und durch die Durchdringung der Gefühlsseite seiner Seele mit Willensimpulsen. Es arbeitet dies durchaus noch nicht an den Vorstellungen, die mit der Sprachentwicklung erst herauftauchen. Sondern was das Kind da an der Außenwelt entfacht, das prägt sich in das noch plastische, bildsame Gehirn ein, und es ist ein interessantes Studium, zu sehen, wie bildsam das physische Gehirn eines Kindes ist, wie es sich wie elastisch ausbildet gemäß dem, was das Kind an der Außenwelt erlebt. Aber man darf auch sagen: Dieses physische Gehirn des Menschen versteift sich, und gerade in dem Augenblick, wo es sich besonders versteift hat, hört das Bilden des Gehirns auf, und diejenigen Kräfte werden frei, die früher am Gehirn gearbeitet haben. Sie liefern jetzt das kindliche Vorstellungsleben. Vorzugsweise an der Sprache entfacht sich dieses. Das bildet der Mensch weiter aus, er bildet gewissermaßen fortdauernd durch die sorgfältige Erziehung das aus, was er vermöge der Bildung seines Gehirns in den ersten Lebensjahren herausbringen kann.
[ 17 ] In einer wunderbaren Ahnung hat ein Mann wie Jean Paul von der Erziehung so gesprochen, dass er sagte: Der Mensch lernt in den ersten drei Lebensjahren mehr als später in drei akademischen Jahren. Eigentlich ist das durchaus wahr, denn in den ersten drei Lebensjahren wird unser Organismus gebildet, und wir können im Grunde genommen unsere ganze spätere Erziehung nur in dem Sinne gestalten und gestaltet bekommen, als dieses unser physisches Gehirn gebildet ist in den allerersten Lebensjahren.
[ 18 ] Bei diesen Fähigkeiten, die sich auf diese Weise ausbilden, bleibt nun der Mensch heute sowohl in der anerkannten Wissenschaft wie auch im gewöhnlichen Leben stehen. Die anthroposophische Methode möchte nun in einem höheren Sinne — das wiederum jetzt nicht für die physische Bildung, wohl aber für die seelische Bildung — aufnehmen, was in den ersten Kindheitsjahren geleistet worden ist für die menschliche Organisation. Führt man solche Meditationen, wie ich es angedeutet habe, durch, hat man eine — nach den individuellen Anlagen — genügend lange Zeit, solche Vorstellungen im Bewusstsein anwesend sein lassen, hat man die Seelenkräfte dadurch verstärkt, dann merkt man: Jetzt geschieht, und zwar im Vollbewusstsein des Menschen, etwas Ähnliches, wie in der allerersten Kindheit geschehen ist, nur greift man durch eine regelrecht geleitete Meditation nicht ein auf die physische Organisation, sondern auf die feinere Organisation, die dem physischen Organismus zugrunde liegt und die man eigentlich jetzt erst entdeckt.
[ 19 ] Man muss durchaus im Laufe der Meditation darauf kommen, wie man vorher mit seinem Vorstellungsvermögen in ehrlicher Art sich gestehen musste: Da hast du Grenzen deines Erkennens. So muss man ganz ehrlich dastehen können auf dem Boden des naturwissenschaftlichen Forschens und sich sagen können etwa im Sinne eines du Bois-Reymond, der im Anfang der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts seine berühmte Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» in Leipzig gehalten hat. Für das gewöhnliche Vorstellen gibt es Grenzen des Erkennens, über die man nicht hinauskommen kann. Aber wenn man dieses meditative Leben durchführt, so findet man, dass tatsächlich ebenso, wie das Kind durch die Entwicklung sich immer tiefer und tiefer hineinverwebt in die äußeren Weltengeheimnisse, gewisse Grenzen nun praktisch überwunden werden. Man kann sich dann ehrlich gestehen: Vorher hattest du die Grenzen, weil du gewisse Fähigkeiten nicht gebrauchtest. Jetzt hast du diese Fähigkeiten entwickelt und nun kannst du über diese Grenzen hinüberkommen. So verwandelt Anthroposophie die Erkenntnis, die sonst nur eine intellektuell-formale ist, in eine lebenspraktische. Es wird, bevor gewisse Grenzen des Erkennens überschritten werden, erst die Fähigkeit zu diesem Überschreiten und vor allem das Bewusstsein ausgebildet, das innerlich einsehen kann: Jetzt vermagst du etwas anderes, als du vorher vermocht hast.
[ 20 ] Und namentlich das eine innere Erlebnis macht man: Im Vorrücken in der Meditation kommt man darauf, dass man, ohne sinnlich wahrzunehmen, in eine innere Tätigkeit kommt, die durchaus mit derselben Lebendigkeit verläuft, mit der eine Sinneswahrnehmung verläuft. Was man innerlich erlebt in der Meditation, sind Bilder, solche Bilder, die zwar lebendiger sind als die Erinnerungsvorstellungen, lebendig wie die Sinnesvorstellungen, aber nicht einen solchen Inhalt haben wie die Sinnesvorstellungen. Wie man sonst nur erlebt, wenn man mit den Augen die Farben sieht, mit den Ohren die Töne hört, wogegen ja das bloße Vorstellen, auch das Erinnern, etwas Blasses ist, so erlebt man mit derselben Eingabe durch den ganzen Menschen, wie man auch sonst in der Sinneswahrnehmung mit dem ganzen Menschen erlebt, jetzt etwas Neues: eine Welt der Imaginationen, die für das Bewusstsein da ist, die vorher nicht da war, eine durchaus neue Welt. Und man hat sich die Objektivität dieser Welt dadurch erobert, dass man jene Anstrengungen vorher gemacht hat, von denen ich gesprochen habe.
[ 21 ] Ich konnte dies nicht weiter ausführen, nur das Prinzip andeuten. In einzelnen meiner Schriften — zum Beispiel in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und auch in dem zweiten Teil der «Geheimwissenschaft im Umriss» — finden Sie die Einzelheiten dieses meditativen Übens geschildert. Hier genügt es, das Prinzip angedeutet zu haben, wodurch man zur imaginativen Erkenntnis kommt.
[ 22 ] Wenn man zu denen, die heute oftmals glauben, voll und ganz auf dem Boden naturwissenschaftlicher Gesinnung zu stehen, von dieser imaginativen Erkenntnis spricht, so sagen sie: Das ist zwar scheinbar mühevoll erobert, aber es ist doch nichts anderes als irgendetwas durch Autosuggestion Erworbenes, etwas, das geradeso wie irgendwelche Visionen oder Halluzinationen aus zurückgedrängter Nervenkraft zur Oberfläche des Bewusstseins heraufbefördert wird. Deshalb muss immer wieder und wieder betont werden, dass dies, was die Anthroposophie in dieser Weise ausbildet, durchaus auf dem entgegengesetzten Wege gegenüber den krankhaften Seelenerlebnissen, der Illusion, der Halluzination oder der Medialität, liegt. Man braucht nur an eines zu erinnern: Wer zum Beispiel das prüft, was ich in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» über die Meditationsübungen ausgeführt habe, der wird sehen, dass vor allem darauf Bedacht genommen ist, das Seelenleben des Menschen völlig gesund, völlig intakt zu erhalten neben der Entwicklung dieser höheren Erkenntnis, also — sagen wir — des imaginativen Lebens. Bei einem krankhaften Seelenleben ist es so, dass das krankhafte Seelenleben das gesunde übertönt, es gleichsam auslöscht. Bei jenem Seelenleben, das zum Behufe höherer Erkenntnis von der Anthroposophie gesucht wird, bleibt das gesunde Seelenleben neben demjenigen, was als Imagination nun auch gesund gesucht wird, durchaus intakt. Als etwas ganz anderes gegenüber dem gewöhnlichen Seelenleben tritt die Imagination auf, aber in keinem Augenblicke ist der, welcher zu ihr gekommen ist, in einer anderen inneren Seelenlage, als dass seine übrige Erinnerung und sein übriges Erkennen gesund neben der Imagination fortbestehen.
[ 23 ] Die Imagination — sagte ich — ist eine umgestaltete Erinnerung. Dies spricht sich auch in ihrem ganzen Wesen aus. Manche Anfänger auf diesem Wege bilden diese Imagination aus. Sie freuen sich dann, wenn sie zu den ersten elementaren Resultaten gekommen sind, dass sie ein bildhaftes, objektiv gegebenes Vorstellungsleben entwickeln können, das sie nun schon, wenigstens andeutend, hinweist auf eine übersinnliche Welt. Allein sie verlieren es wieder. Das beruht auf dem eigentlichen Wesen dieser imaginativen, wie überhaupt aller höheren Erkenntnis. Diejenige Erkenntnis, die wir uns sonst durch das gewöhnliche Bewusstsein in der Außenwelt erwerben, sie führt eben zur Erinnerung; wir können sie aus dem Gedächtnis wieder hervorholen. Was im imaginativen Leben auftritt, das ist da, lebendig, wie ein Sinneserlebnis, wie Töne oder Farben. Aber es prägt sich nicht der Erinnerung ein. Das ist es, was gerade den Anfänger am allermeisten überrascht. Er glaubt, eine übersinnliche Erkenntnis haben zu können, und er glaubt, sie wie eine gewöhnliche Erinnerung mittragen zu können durch das Leben. Geradeso wie wir, wenn wir eine Farbe angesehen haben, uns dann von ihr abwenden und sie dann nicht mehr haben, so haben wir die übersinnliche Erfahrung nicht mehr, wenn wir sie übersinnlich-seelisch vergessen haben. Das muss alles berücksichtigt werden. Wer über diese übersinnliche Welt spricht, der spricht nie aus dem Gedächtnis heraus; er spricht aus einem unmittelbaren Erleben der übersinnlichen Welt.
[ 24 ] Lassen Sie mich eine kleine persönliche Bemerkung machen. Selbst wenn man einen Vortrag wie den heutigen hält, wo man in orientierender Weise von der übersinnlichen Welt spricht, so bereitet man sich dazu nicht so vor wie zu anderen Erkenntnisvorträgen, sondern man hat vor allem die Vorbereitung so zu leiten, dass man den Organismus, das Seelenleben in Stand setzt, die übersinnlichen Erkenntnisse an sich herankommen zu lassen.
[ 25 ] Denn habe ich heute eine übersinnliche Erkenntnis, so ist sie, wenn ich sie gehabt habe, wie vergessen, und will ich sie wieder haben, so muss ich sie wieder herbeiführen. Ich kann mich nicht einfach daran erinnern, ich kann nur das herbeiführen, was ich in der Meditation und Konzentration getan habe, um damals dieses übersinnliche Erlebnis herbeizuführen.
[ 26 ] Also schon in der Imagination sind die übersinnlichen Welten so gegeben, dass sie sich dem Gedächtnis nicht einprägen. Warum denn das? Das ist aus dem Grunde, weil die übersinnliche Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, eben durchaus nicht etwas Formales ist, sondern uns im Gegensatz real die übersinnliche Welt herbeiführt. Wir können Erkenntnisse, die uns bloß Bilder von der äußeren materiellen Welt geben, immer wieder erinnern. Haben wir sie uns einmal angeeignet, so ist es gut, dann können wir sie aus dem Gedächtnis hervorholen. Diese Erkenntnisart beruht nur auf Bildvorgängen, auf Spiegelungsvorgängen gegenüber der äußeren Welt. Es ist im Grunde genommen nicht eine Summe von realen Vorgängen. Reale Vorgänge spielen sich eben so ab, dass sie der Wiederholung, der rhythmischen Wiederholung, nicht dem Gedächtnisse unterliegen.
[ 27 ] Es ist sehr trivial, aber doch zutreffend, wenn ich sage: Unser Organismus bedarf des Essens. Was wir an Nahrungsmitteln aufnehmen, wird von ihm auf irgendeine Weise verarbeitet, die jetzt nicht weiter auszuführen ist. Aber wenn sie verarbeitet sind, ist es sozusagen mit dem entsprechenden Prozess vorüber. Am nächsten Tage aber müssen wir wieder essen, und niemand kann sich darauf berufen, dass er doch gestern gegessen hat; er wird es auch nicht. Wir haben es nicht mit einem formalen Spiegelungsvorgang zu tun, sondern mit einem realen Vorgang. Solche realen Vorgänge sind die, welche in der hier gemeinten übersinnlichen Erkenntnis auftreten. Das, was einmal als Seeleninhalt herbeigeführt ist, muss immer wieder herbeigeführt werden, indem man dieselben Maßnahmen wieder trifft. An die kann man sich erinnern, die damals die Vorbereitung zu bestimmten übersinnlichen Erlebnissen gebildet haben. Aber nur, indem man dieselben Maßnahmen trifft, kann man zu denselben Ergebnissen kommen.
[ 28 ] Nun hat man, wenn man zu dieser imaginativen Welt gekommen ist, aber ein volles Bewusstsein davon, dass man einmal eine Welt von Imaginationen hat. Die Art, wie man diese Imaginationen erlebt, ist ein inneres Ergreifen des ganzen Menschen. Aber man weiß auch, dass man keine Außenwelt mit dem Bewusstsein ergriffen hat, sondern dass man eigentlich nur alles, was man aus dem Bewusstsein herausgeholt hat, aus dem eigenen Innern heraufholte. Der Halluzinierende, der sich irgendwelchen Visionen hingibt, hält das, was er in seinen Bildern hat, für Wirklichkeiten. Der, welcher anthroposophisch geschult in der Imagination lebt, er weiß, dass er zunächst in der Imagination nur sich selber hat. Es ist in diesem Bewusstsein des Nur-sich-selber-Habens schon eine gewisse Kraftentwicklung enthalten, denn alles — möchte ich sagen —, was so an lebendigen Bildern auftritt, lebendig wie nur irgendeine äußere Sinnesempfindung, das verführt dazu, die Sache für eine Außenwelt zu halten. Sie ist auch objektiv, aber unser eigenes objektives Innere. Man muss schon eine gewisse innere Bewusstseinskraft anwenden, um voll gewahr zu werden: Man hat es mit dem eigenen Innern zu tun.
[ 29 ] Aber es kann diese Imagination so weit fortschreiten, dass man dieses eigene Innere wirklich nur vor sich bekommt, und zwar, sodass man nunmehr mit Hilfe dieser imaginativen Erkenntnis die erste, allerdings jetzt — ich möchte sagen — subjektiv-objektive übersinnliche Erfahrung macht. Dass man etwas wie ein Lebenstableau — ich kann nicht sagen räumlich, auch nicht zeitlich, es ist etwas Zeitlich-Räumliches, etwas, wo man etwas Zeitliches vor sich hat, aber wie durchaus nebeneinander —, dass man ein solches Lebenstableau vor sich hat, das bis in die Nähe der Geburt zurückreicht, das man selber in diesem Erdenleben durchlaufen hat bis zur Geburt. [Das tritt in einem solchen zeitlich-räumlichen Bilde vor die Seele.] Man übersieht zugleich, was im Laufe langer Zeiten als Erlebnisse an uns herangetreten ist. Sonst ist ja die Erinnerung so, dass aus dem Strom der Erlebnisse das eine oder andere herauftaucht. Jetzt aber hat man, nicht als Erinnerung, sondern als Bild, und zwar als inneres durchkraftetes Bild, sein gesamtes Leben vor sich, wie es selbst von naturforschenden Leuten, die gewissenhaft genug in solchen Dingen sind, geschildert wird, dass man es durchaus als Wahrheit erkennen kann. Wie zum Beispiel der, der dem Ertrinken nahe ist, in einer deutlichen Weise sein Leben vor sich sieht, so hat der in dieser Weise zur imaginativen Erkenntnis Fortgeschrittene in einem überschaubaren Tableau sein Leben vor sich.
[ 30 ] Das ist die erste Erfahrung, die man macht. Es ist diejenige Erfahrung, die einen schon dazu hinleiten kann, dass man sieht: Der im anthroposophischen Sinne als Geistesforscher Auftretende muss kennenlernen auch alle inneren Erlebnisse, welche solche übersinnlichen Erfahrungen begleiten. Was er mitteilt, dient durchaus zur Erkraftung, zur Beruhigung des Lebens. Es gibt dem Leben Sicherheit, es zeigt die ewige Wesenheit des Menschen, wie wir noch sehen werden. Aber das Forschen, das Erleben selbst ist durchaus etwas, was nicht jeder Mensch von vornherein begehren möchte. Man muss dazu schon das volle gesunde Seelenleben erst ausgebildet haben, wozu ja in den schon genannten Büchern erschöpfende Anleitungen gegeben sind, um eben auch unbefangen und stark dem gegenüberzustehen, was zwar nicht zum Einsehen, zum Empfangen der Mitteilungen über die übersinnliche Welt, wohl aber zum Forschen in diesen Gebieten notwendig ist.
[ 31 ] Das Erblicken dieses Lebenstableaus gibt durchaus innerlich das Erlebnis, das ich ein «bedrückendes» nennen möchte, etwas wie eine Art Albdrücken legt sich auf das Leben. Und gerade darin besteht der Fortschritt, dass der anthroposophisch Forschende mit starker Seelenkraft diesen Dingen entgegentritt und sie überwindet, dass er zuerst als Vorbereitung das gesunde Seelenleben so weit ausgebildet hat, dass er das, was ihm als Begleiterscheinungen des Erkennens der übersinnlichen Welten entgegentritt, auch in gesunder Weise ertragen kann. In der Entwicklung solcher Kräfte liegt dann der weitere Fortschritt. Denn der muss ja dahin gehen, dass der Mensch nicht nur das Erinnerungsvermögen umgestaltet, wie ich geschildert habe, zur Erlangung der imaginativen Erkenntnis. Sondern der weitere Fortschritt besteht darin, dass man Vergessen ausbildet, das Unterdrücken von Vorstellungen, und dass man es in diesem Unterdrücken von Vorstellungen so weit bringt, dass man nun das ganze Lebenstableau auch unterdrücken, aus dem Bewusstsein herausschaffen kann. Zu diesem kunstvollen Vergessen entwickelt man sich, wenn man die geschilderten überschaubaren Vorstellungen, nachdem man sie in seinem Bewusstsein hat anwesend sein lassen, immer wieder und wieder in völliger Willkür fortschafft, während sie eigentlich unser Bewusstsein in Anspruch nehmen wollen. Während der Mensch sonst, wenn er sich nur seiner Natur hingibt, den Hang entwickelt, an diesen Vorstellungen festzuhalten, muss jemand, der im anthroposophischen Sinne ein wirklicher Geistesforscher werden will, die Fähigkeit ausbilden, mit vollbewusstem Willen nun auch diese Vorstellungen wieder zu unterdrücken und das Bewusstsein völlig leer zu machen, ohne — gestatten Sie diese Bemerkung — dabei einzuschlafen. Die meisten Menschen haben eigentlich, wenn sie ihr Bewusstsein leer machen wollen, nur die Fähigkeit, in sanften Schlummer zu versinken. Aber darin besteht das, was der geisteswissenschaftliche Forscher mit aller Kraft, ja mit gesteigerter Kraft entwickeln muss: Vorstellungen in sein Bewusstsein hereinzurücken und sie dann wieder herauszubringen, sodass er mit leerem Bewusstsein zu verharren imstande ist, und zwar durch kürzere oder längere Zeit.
[ 32 ] Das ist das Bedeutsame der anthroposophischen Methode, dass man den Willen in das ganze Vorstellungsleben hineinbringen muss, dass man Vorstellungen vollständig überschaubar im Bewusstsein gegenwärtig sein lässt, sie wieder aus dem Bewusstsein hinauszaubert, und so den Willen hineinschiebt in das Vorstellen, in das Bilden der Gedanken. Während man sonst seine Gedanken nur an dem fortlaufenden äußeren Leben, passiv diesem hingegeben, entwickelt, hat man nun einige Zeit eine innere starke Kraft gewonnen an dem Unterdrücken von Vorstellungen. Hat man das Vergessen in dieser Weise umgestaltet, dann ist man in der Lage, auch dieses ganze Lebenstableau auszulöschen, sodass man nun nicht bloß eine einzelne Vorstellung aus dem Bewusstsein fortschafft, sondern das ganze innere Leben, das seit der Geburt bis zu diesem Augenblicke Tableau-artig vor die Seele getreten ist. Bedrückt fühlt man sich diesem Tableau gegenüber aus dem Grunde, weil man jetzt nicht nur Bildvorstellungen vor sich hat wie sonst, sondern das, was selbst innere Bildekräfte sind. Die Erfahrung macht man, dass man, indem man dieses Lebenstableau ergriffen hat, nicht bloß etwas Intellektualistisch-Formales ergriffen hat, sondern dieselben Kräfte, die unsere inneren Wachstumskräfte sind. Das erblickt man, was seit der Kindheit den Organismus als Bildekräfte oder — wenn ich sagen darf — als rein ätherische Kräfte durchgestaltet hat. Was an uns gestaltet hat, das ist es, was man zunächst ins Bewusstsein hereingerufen hat, und was man nun wieder aus dem Bewusstsein herausbringt.
[ 33 ] Hat man es so weit gebracht, dann kommt, als Folge, die andere Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, die ich in meinen Büchern die inspirierte Erkenntnis genannt habe, womit nicht etwas Alt-Abergläubisches gemeint ist, sondern nur das, was ich schildere — man braucht überall eine Terminologie. Diese Inspiration besteht nun darin, dass man das fortschafft, was sich auf die bisherige Art ergeben hat, dass man die Bedingungen herbeiführt, die das Bewusstsein leer machen. Aber das Bewusstsein bleibt nicht leer. Dadurch, dass man die Bildekräfte des Menschen im Bewusstsein gehabt hat — die Kräfte, welche Leber, Lunge, Herz und so weiter durchbilden, das nimmt man an ihnen wahr —, und indem man diese Kräfte nun aus dem Bewusstseins fortschafft, bleibt es nicht leer. Sondern, was nun im Bewusstsein auftritt, ist ein wirkliches Geistesleben, eine wirkliche übersinnliche Welt. Denn indem wir diese Bildekräfte aus unserem Bewusstsein fortschaffen, nehmen wir gewissermaßen — wie wir sonst von einem Erlebnis Abschied nehmen — zunächst für den Moment der Erkenntnis gleichsam Abschied von der äußeren Sinneswelt, mit der die Lebenserfahrungen verbunden sind, die in dem Lebenstableau sich abbilden. Wir sind in diesem Augenblicke in einer anderen Welt. Wir sind in der Welt, in der nicht nur die Kräfte liegen, die seit der Geburt an uns bilden, sondern die an uns gebildet haben vor der Geburt oder der Konzeption.
[ 34 ] Wir werden jetzt durch ausgebildete Erkenntnis gewahr, dass wir, bevor wir uns als seelisch-geistige Wesen demjenigen eingegliedert haben, was uns die Vererbungsströmung der physisch-materiellen Welt geben kann, in einer anderen, geistigen Welt waren, aus der wir heruntergestiegen sind und uns dem eingegliedert haben, was uns materiell wie eine äußere Umhüllung, wie ein äußeres Instrument während des physischen Erdenlebens umgibt. Wir gelangen so durch eine wirkliche Erkenntnispraxis zur Wahrnehmung dessen, was durch die gewöhnlichen Erkenntniskräfte nicht wahrgenommen werden kann. Wir gelangen dazu, eine Welt auch dann wahrzunehmen, wenn wir von der Sinnenwelt in der geschilderten Weise Abschied genommen haben. Wir nehmen eine menschliche Wesenskraft wahr, wenn wir nicht nur für die Sinneswelt die Anschauung ausgelöscht haben, sondern auch unsere Erlebnisse mit dem eben geschilderten Lebenstableau ausgelöscht haben. Immer aber bleibt für einen also Erkennenden die gesunde Seelenverfassung vorhanden. Niemals ist der, welcher auf diese Weise zur inspirierten Erkenntnis aufsteigt, etwa jetzt in der Lage, dass er wie der Halluzinierende oder der Psychopath etwas in sich hätte, was ihm sein gesundes Seelenleben auslöschte und sich an dessen Stelle setzte, sondern das gesunde Seelenleben bleibt. Und wie in der Imagination das gesunde Seelenleben neben der Imagination steht, so ist es jetzt so, dass im rhythmischen Wechsel steht: vorgeburtliches Leben, Leben im GeistigSeelischen, dann der Mensch, der hier auf der Erde auf seinen zwei Beinen steht und mit uns denkt. Und wir schwingen gewissermaßen im Rhythmus hin und her, im Rhythmus zwischen übersinnlicher und sinnlicher Welt. Wir atmen ein, wir atmen aus. Es erlebt sich fast so: das, was wir waren, bevor wir uns der Erdenwelt eingegliedert haben, und wir leben wieder zurück zu dem, was wir als Erdenmenschen sind. Wir erleben einen Rhythmus wie den Atmungsrhythmus. Und wenn aller Rhythmus in der Welt verwandt ist, ein Rhythmus immer die Abbildung des anderen ist, so kann wenigstens in dem Atmungsrhythmus etwas gesehen werden, was eine Analogie bildet zu dem, was ich eben als Rhythmus geschildert habe. Daher gibt es eine heute für den westländischen Menschen nicht mehr brauchbare Methode: die alte indische Yoga-Methode, die von diesen Dingen auch spricht. Aber sie ist für den heutigen Menschen deshalb nicht brauchbar mehr, weil dieser nicht, wie der alte Inder oder der moderne Inder, gewöhnliche Yoga-Übungen machen kann, sondern der westländische Mensch braucht heute Übungen, wie ich sie schilderte.
[ 35 ] Wie werden aber die Yoga-Übungen nun ausgeführt? Es sei hier zur Verdeutlichung kurz angeführt. Der Yogi gibt sich einem nicht unbewusst verlaufenden, sondern einem geregelten, bewusst verlaufenden Atmungsprozess hin. Er durchlebt bewusst, was sonst unbewusst verläuft. An einem veränderten, geregelten Atmungsprozess und in einem entsprechenden Ein- und Ausatmen lebt er sich auf diese Weise in den Rhythmus der Welt hinein. Und in der Tat, durch seine besondere Konstitution gelangt er dazu, wenn er seine Übungen lange Zeit durchführt, dass er das übersinnliche Leben vor der Geburt erschauen kann, wo es einmal auftritt als ein Geistig-Seelisches, das andere Mal hier im Erdenleben. Man sieht, es ist schon durch die Analogie eine Berechtigung gegeben, hier von <«Atmung> zu sprechen. Denn wie wir den Atem einziehen, ihn wieder von uns stoßen, so vereinigt sich das Physische des Menschen, das durch die materielle Vererbungsströmung gegeben ist, mit dem Geistig-Seelischen, atmet es gewissermaßen ein. Der Atemzug dauert nur ein Erdenleben lang. Und ebenso wird dann im Tode das Geistig-Seelische wieder ausgeatmet.
[ 36 ] Dieses Geborenwerden und Sterben ist das, was nun allerdings im Erkenntnisprozess die inspirierte Erkenntnis nachbildet. So sonderbar und paradox es klingt, was sonst nur einmal erlebt wird im Geborenwerden und Sterben, dieses für den physischen Leib Vereinigtwerden mit dem Geistig-Seelischen, dann das Heraustreten des Geistig-Seelischen, das ist das, was in Erkenntnisnachahmung das ausbildet, was anthroposophische Erkenntnis ist. Dadurch gelangt man, nun nicht durch Spekulation, nicht durch Philosophieren, auch nicht durch irgendwelche Mystik, die doch nur auf Illusionen beruhen kann, sondern durch eine wirkliche Erkenntnispraxis, in das Hineinerleben derjenigen Welt, in welcher der Mensch war vor der Geburt, in der er sein wird, wenn er die Pforte des Todes überschritten haben wird. Es ist für den heutigen Menschen allerdings noch sonderbar, wenn, wie es zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft im Umriss» geschieht, diejenigen Welten, die der Mensch durchlebt vor der Geburt und nach dem Tode, so in ihren Einzelheiten geschildert werden, wie sonst vom Naturforscher, vom Botaniker, Mineralogen oder Geologen die Einzelheiten des pflanzlichen Lebens oder der sonstigen Dinge unserer sinnlichen Welt geschildert werden. Aber daran wird sich die Menschheit gewöhnen müssen, dass es möglich ist, dem Menschen innere Kräfte zum Bewusstsein zu bringen, seine Bildekräfte, die ihn durchseelende Kräfte sind, die aber schon übersinnliche Sinneskräfte — lassen Sie mich das paradoxe Wort gebrauchen — sind und die deshalb den Menschen als geistig-seelisches Wesen in eine Wechselbeziehung bringen mit den geistigseelischen Welten, von denen er vor der Geburt und nach dem Tode umgeben ist.
[ 37 ] Nicht also ein logisches Schließen ist es, was der hier gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft zugrunde liegt, wenn von übersinnlichen Welten gesprochen wird, wenn von dem ewigen Wesen des Menschen gesprochen wird, sondern ein Hinführen der praktischen Erkenntnis zur Anschauung desjenigen im Menschen, was nun wirklich geistig-seelische Natur ist, was schöpferisch ist, nicht geschaffen vom Organismus, was von sich aus den Organismus umgestaltet und dadurch die Gewähr der Ewigkeit, des Durchganges durch Geburt und Tod, hat. Nur das Ungewohnte einer solchen Erkenntnismethode lässt heute noch die vielen Missverständnisse erstehen, von denen anthroposophische Geisteswissenschaft umgeben ist. Und es ist durchaus verständlich, wenn auch gutmeinende Wissenschaftler das, was Anthroposophie bietet und was in wissenschaftlich so strenger Weise als eine echte Erkenntnismethode geschildert wird, wie das sonst zum Beispiel bei der Mathematik geschieht, wenn sie es sich vornehmen, dann erst ein Zerrbild von ihm schaffen und schließlich von dem, was sie nicht verstehen, sagen: Das ist doch nichts anderes als eine Summe von Illusionen, Halluzinationen und Phantastereien, wenn sie also erst ihr Zerrbild hinstellen und dann ihr eigenes Gebilde kritisieren. Aber — sehr verehrte Anwesende — wenn das Anthroposophie wäre, was mancher heutige Gelehrte aus ihr macht, dann würde ich dies hier noch viel strenger und viel abfälliger kritisieren, als mancher Gelehrte es macht. Aber Anthroposophie entwickelt gerade die gesunden Wege gegenüber all den pathologischen Wegen, die ihr von denen zugeschrieben werden, die ihre Methoden missverstehen. Doch ich will mich über die vielen Missverständnisse nicht weiter verbreiten, ich möchte nur noch auf eines aufmerksam machen.
[ 38 ] Es ist in der Tat so, dass die praktischen Erkenntniskräfte, die ich geschildert habe, durch all das, was man so durchmacht, erstarken. Zunächst hat man Kräfte gewonnen dadurch, dass man sein Lebenstableau hinuntersinken lässt, dann aber es angefüllt erhält mit einer geistigen Kraft. Jetzt beginnt für den Forscher wieder ein Erlebnis, vor dem sich mancher unbewusst fürchtet, weswegen er gar nicht an diese Geisteserkenntnis, wenn er sie einmal kennenlernt, weiter herantreten möchte. Wer die geistige Welt in dieser Weise schaut, wie ich es geschildert habe, der fühlt eigentlich in seiner Seele die ganze Zeit hindurch, indem er sein Bewusstsein dieser geistigen Welt ausgesetzt hat, etwas wie eine schmerzvolle Entbehrung. Diese gibt durchaus, wenn sie — ich möchte sagen — nicht mit voller gesunder Seele erfahren wird, Anlass zu einer sehr pessimistischen Auffassung des Lebens. Allein da alle Vorbereitung in der Anthroposophie so getroffen werden muss, dass der Mensch in seiner Seelenverfassung durchaus gesund ist, so weiß er, dass er von diesem Pessimismus, der sich ihm vor die Seele legt, wenn man nur ihm sich hingeben würde, sagen würde: Die ganze Welt ist eine von Schmerzen durchzogene, in Schmerzen seufzende. Es ergibt sich aber dieser Pessimismus als etwas, was zu den Notwendigkeiten der Welt gehört. Man erlebt ihn, man erlebt etwas durchaus Schmerzvolles, während man in Inspiration der übersinnlichen Welt hingegeben ist.
[ 39 ] Aber warum erlebt man dieses Schmerzvolle? Man sieht es ein: Dieses Schmerzvolle ist nur die Wiederholung jener schmerzvollen Sehnsucht, welche die Kraft der Seele bildet, durch die sich die Seele hereingezogen fühlt aus geistig-seelischen Welten in die materielle physische Verkörperung. Diese Sehnsucht der Seele muss man gerade auf dieser Stufe in der Erkenntnis nacherleben. Und was bei den Pessimisten als Weltschmerz auftritt, ist der noch einmal, nur ins Phantasiebewusstsein hereinreichende Strahl von dem, was in dieser Weise in wirklicher übersinnlicher Erkenntnis, aufs höchste gesteigert, als eine Art Lebensschmerz empfunden wird von dem, der zur übersinnlichen Erkenntnis kommen will. Man muss sich ja durchaus darüber klar sein, dass das Aufsuchen der Erkenntnisse nicht immer bloß eine lustvolle Angelegenheit sein kann. Wer zu einigen, vielleicht bescheidenen übersinnlichen Erkenntnissen oder überhaupt zu wirklichen, wahren Lebenserkenntnissen gekommen ist, der wird immer sagen: Was ich an Glück erlebt habe, das nehme ich dankbar von den Weltenmächten hin. Das aber, was ich an Schmerzerlebnissen, an Bitternissen durchgemacht habe, war für mich eine gute Vorbereitung, um in diejenige Seelenverfassung zu kommen, die wirklich durch tiefere Erkenntnis in die Geheimnisse des Lebens hineinführt. Deshalb sind auch die gewöhnlichen schmerzlichen Erfahrungen eine gute Vorbereitung, wenn sie gesund durchlebt werden und man sich durch sie nicht völlig auch körperlich niederdrücken lässt, für das, was man als Begleiterscheinung der inspirierten Erkenntnis zu erfahren hat. Aber durch alles, was man da durchmacht, gelangt man jetzt dazu, jenes Vorstellungsvermögen, das dem Menschen sofort verloren geht, wenn er in das Gefühlsleben oder in das eigene Willensleben hinuntersteigt, in all das hineinzutragen, was ich als über sinnliche Welt geschildert habe.
[ 40 ] Das ist ja das Wesentliche, dass man sich nicht nebulosen Seeleninhalten hingibt, sondern dass man das, was man zuerst in der Imagination als starkes bildhaftes Vorstellen entwickelt hat, auf dem ganzen ferneren Wege mitnimmt. Unser Gefühlsleben steigt ja, den Träumen gleich, aus dunklen Seelentiefen herauf. Wir werden die Gefühle in der Vorstellung gewahr. Wirklich wachend können wir als Menschen der Gegenwart eigentlich doch nur in dem Vorstellen leben. Das Gefühlsleben hat gegenüber dem Vorstellungsleben immer etwas Traumhaftes. Und das Willensleben ist eigentlich auch bei Tage für gewöhnlich etwas Schlafendes. Der Mensch nimmt allerdings wahr, dass er durch seinen Willen zum Beispiel die Arme bewegt. Aber was da als Willenskräfte in ihm lebt, das ist für ihn eigentlich ebenso verborgen wie das, was er vom Einschlafen bis zum Aufwachen seelisch durchlebt. So bekommen wir für die gewöhnliche Seelenverfassung mit dem Gefühlsleben ein träumerisches Element in das Leben hinein, mit unserem Willensleben aber sogar ein schlafendes.
[ 41 ] Es ist interessant, wie Psychologen, wie etwa Theodor Ziehen, mit dieser Tatsache kämpfen, dass im gewöhnlichen Leben die Willenserlebnisse nur vorstellungsgemäß vorhanden sind. Mit demjenigen Seelenleben, das ich jetzt geschildert habe, nimmt aber der Mensch sein Vorstellungsleben überallhin mit und durchsetzt es mit vollbewusstem Willen. Wie er sonst im vollbewussten Urteil die einzelnen Vorstellungen zusammengliedert, willentlich, so verfolgt er alles, was ich jetzt geschildert habe — trotzdem es vielleicht für manchen paradox erscheinen mag — durch anthroposophische Erkenntnis mit einem vollbewussten, wachen Vorstellungsleben. Dadurch kommt es, dass er zuletzt eine innere Kraft entwickelt, die ihn nicht etwa innerhalb des bereicherten Innenlebens sein Selbst verlieren lässt, sondern die ihn im Gegenteil dazu kommen lässt, sein Selbst in derjenigen Gestalt zu sehen, wie es sich im gewöhnlichen Bewusstsein niemals darstellt. Denn dieses gewöhnliche Bewusstsein wird ja innerlich so geleitet, dass wir auf dasselbe hinschauen, und es mit dem Worte "Ich» bezeichnen. Wenn wir aber überschauen können, was in diesem Wörtchen «Ich» sich ausdrückt, so haben wir zwar das Bewusstsein, dass ihm eine Realität zugrunde liegt, aber in unserem gewöhnlichen Bewusstsein haben wir diese Realität nicht.
[ 42 ] Indem wir «Ich bim» sagen, deuten wir eigentlich auf etwas hin, das wir nur als Bild haben, so wie wir unsere Willensimpulse nur als Bild haben. Denn dieses Ich weist tief in jene schlafenden Untergründe des Seelenlebens und des organischen Lebens überhaupt hinunter, in denen auch der schlafende Wille wurzelt. Nur ein Bild steigt herauf. Jetzt aber sind wir selber dort hinuntergestiegen, jetzt haben wir durch die übersinnliche Erkenntnis der Imagination und Inspiration unser Bewusstsein bis zur Realität des Bewusstseins hinuntergetragen, jetzt ist uns unsere wahre Wesenheit in einer dritten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis gegeben: In der Intuition — wobei dieses Wort nicht so genommen wird, wie man es gewöhnlich gebraucht, sondern es soll auf dasjenige besonders hingewiesen werden, was sich auf die zwei anderen Vorstufen begründen kann —, in diesem intuitiven Bewusstsein bekommt die Rede von den wiederholten Erdenleben einen Sinn. Man schaut durch das inspirierte Erkennen zurück auf das geistig-seelische, vorgeburtliche Leben. In dieser Selbsterkenntnis nun, die als Intuition auftritt, schaut man sein Ich in jener bereicherten Gestalt, in der es sich nicht erschöpft in [einem] Erdenleben, sondern in der es die Ergebnisse früherer Erdenleben hinüberführte in das jetzige, und in der es die Ergebnisse dieses Lebens zeigt als die Grundlagen für spätere Erdenleben.
[ 43 ] Ich wollte damit nur kurz begreiflich machen, dass es von dem anthroposophischen Geistesforscher nicht ein hypothetisches Herumreden ist, wenn er von wiederholten Erdenleben spricht, sondern dass es ein ganz systematisches Suchen jener Erkenntniskräfte ist, welche den Menschen über die gewöhnliche Sinnenwelt hinausführen, und dieses systematische Suchen bringt ihn nun auch zur Anerkennung der wiederholten Erdenleben. Damit aber durchschaut er auch, wie das, was als ein notwendiges Schicksal auftritt und uns in einer bestimmten Weise in das Leben hineinstellt, zusammenhängt mit diesen wiederholten Erdenleben, während alles, was sich als unser gewöhnliches, bewusstes Denken zwischen der Geburt und dem Tode entwickelt, gerade die Grundlage der in diesem Erdenleben entwickelten menschlichen Freiheit ist. Man gewinnt auf dieser Stufe der Erkenntnis die Anschauung, wie das, was in uns notwendig ist, was unser Schicksal ausmacht, mit unseren wiederholten Erdenleben zusammenhängt. Während sich der Mensch in dem einzelnen Erdenleben durch sein voll entwickeltes individuelles, persönliches Denken, das sich aus den wiederholten Erdenleben losreißt und sich persönlich im Einzelleben ausgestaltet, als ein freies Wesen gerade in das Erdenleben hineinstellt. Daher kommt es, dass der, welcher heute vor Ihnen spricht, nicht nur Anthroposophie ausgebildet hat, sondern schon im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts seine «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat, worin untersucht wird, auf welchen Grundlagen die menschliche Freiheit wirklich beruht. Diejenige Notwendigkeit, in die der Mensch durch die wiederholten Erdenleben hineingestellt ist, baut sich auf das, was unterhalb der Schwelle dessen liegt, was aus unseren freien Gedanken fließt. Eine «Philosophie der Freiheit» ist durchaus vereinbar mit anthroposophischer Geisteswissenschaft.
[ 44 ] Ich konnte mit diesem Vortrage nur die Richtlinien zeichnen, derer man bedarf, wenn man orientierend auf die anthroposophische Geisteswissenschaft hinweisen will. Was über den Rahmen dieses Vortrages hinausführt, muss in der einschlägigen Literatur gesucht werden. Zum Schlusse möchte ich nur noch in einigen Punkten gewissermaßen die Auswirkung der Anthroposophie in den einzelnen Wissenschaften andeuten.
[ 45 ] Durch diejenige Anschauung, die man durch die imaginative Erkenntnis gewinnt, lernt man die ganzen menschlichen Bildekräfte kennen. Man ist dann imstande, auf dem Seziertische durch Autopsie kennenzulernen nicht nur, was die menschliche Bildung äußerlich ist, und dadurch Physiologie, Therapie und Pathologie zu begründen, sondern wie man durch die gewöhnliche Erkenntnis lernt, wie das Mathematische die äußere Welt beherrscht. So lernt man jetzt durch eine innere Erkenntnis das Qualitative der äußeren Wesen kennen, durch eine Erkenntnis, die inspiriert ist wie die Mathematik, nur dass sie qualitativ ist, nicht nur quantitativ und formal, wie die Mathematik, sondern in das Reale der Wesen untertaucht. Dadurch lernt man den Menschen innerlich erkennen. Und in dem Augenblicke, wo man zu den inneren Bildekräften des Menschen — in jenem Tableau, wie ich es geschildert habe — kommt, lernt man auch die inneren Bildekräfte der mineralischen, pflanzlichen und tierischen Wesen und die Bildekräfte der Welt kennen. Dadurch eröffnet sich einem dann der Blick für die Zusammengehörigkeit dessen, was in der Natur draußen ausgebreitet ist, mit dem, was im Menschen in den inneren Bildekräften und in ihren Folgen in den Organen des Menschen lebt.
[ 46 ] Man lernt die Organe des Menschen im gesunden und kranken Zustande kennen. Wer mit dieser Erkenntnis zum Beispiel das menschliche Herz betrachtet, der weiß, dass ein Herz nicht nur die Form ist, die man in der äußeren Anschauung überschaut, sondern dass der Herzprozess ein solcher ist, der nur aus der Erkenntnis des ganzen Menschen begreiflich wird, weil man ihn sonst nur einseitig betrachten würde. Es ist damit ähnlich wie mit der Magnetnadel, die man auch einseitig betrachtet, wenn man von ihr sagen würde: Sie richtet ihre eine Spitze nach Norden, die andere nach Süden. Nein, man nimmt zur Erklärung der Magnetnadel die ganze Erde zu Hilfe und sagt: Der Nordpol der Erde zieht durch seine Kräfte die eine Hälfte der Magnetnadel an, der Südpol die andere, Aber gerade beim Menschen möchte man nur das betrachten, was innerhalb der Haut liegt, einzeln für sich. Aber auch beim Menschen muss man aus dem, was innerhalb der Haut eingeschlossen liegt, hinausgehen, so wie man bei der Magnetnadel über diese selbst hinausgeht. Man muss den ganzen Menschen kennen, wenn man den gesunden und kranken Menschen studieren will. Dazu eröffnet die Geisteswissenschaft die Möglichkeit, und wir konnten dazu schon aufgrund der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine Medizin ausbilden. Es besteht in Stuttgart unter den Einrichtungen des «Kommenden Tages» auch ein Medizinisch-Therapeutisches Institut mit entsprechenden Ärzten, wo durchaus, aus der ganzen Anthroposophie befruchtet, medizinische Arbeit geleistet wird. Ich selber konnte zwei medizinische Kurse vor Ärzten halten und dabei zeigen, was Anthroposophie zu leisten imstande ist, indem sie das, was als geistige Entität der Sinneswelt zugrunde liegt, hinzufügt zu dem anderen, und wie sie so eine bloß empirisch angesehene Wissenschaft, wie zum Beispiel die Medizin, befruchten kann. Die gegenwärtige Menschheit wird sich an die Anschauung gewöhnen müssen, wie die volle Wirklichkeit nicht bloß die materielle, sondern die von der Geistigkeit durchdrungene ist.
[ 47 ] Ebenso wie die Medizin durch die Anthroposophie befruchtet werden kann, so kann zum Beispiel das äußere soziale Leben befruchtet werden, andere Wissenschaften können es auch. Namentlich auf einem Gebiet haben wir schon versucht, den praktischen Beweis dafür zu liefern, nämlich in der von Emil Molt in Stuttgart begründeten Freien Waldorfschule, die eine Einheitsschule im besten Sinne des Wortes sein soll, die von mir geleitet wird. An dieser Waldorfschule wird nicht etwa Weltanschauung im anthroposophischen Sinne gepflogen; das sagen nur die, die gegenüber der Anthroposophie alle möglichen Missverständnisse auftürmen möchten. In dieser Waldorfschule wird aus wirklicher Menschenerkenntnis, also auch Kindeserkenntnis, die nicht nur das Äußere des Menschen betrachtet und es in pädagogisch-didaktische und so weiter Formeln bringt; sondern aus wirklicher Kindeserkenntnis heraus wird dort der Mensch erzogen und unterrichtet, sodass der, welcher an dieser Schule Lehrer ist, vor allem beobachten muss, was sich in dem Kinde leiblich, seelisch und geistig an die Oberfläche arbeitet, was sich hindurcharbeitet durch Miene und Sprache, durch Denken, Fühlen und Wollen, sodass er mit einem durch Anthroposophie in dieser Beziehung geschulten Blick durch das, was ihm von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag im werdenden Menschen entgegentritt, so den Menschen heranerzieht, dass die Erziehung selbst eine organische ist. Es wird ja die Jugenderziehung heute meist so geleitet, dass wir einiges in der Kindheit übermittelt bekommen, manches recht gut. Es soll durchaus nicht gegen das bisherige Erziehungssystem gewettert werden, aber das muss doch gesagt werden, dass in dem werdenden Menschen manches heranerzogen wird, was viel zu scharf konturiert an das Kind herangebracht wird, sich dann später mit dem Menschen nicht weiterentwickelt, sondern einfach in ihm bleibt. Dagegen besteht die Methode der Waldorfschule darin, dass dem Kinde Vorstellungen, Gefühle und Willensimpulse gegeben werden, bei denen man keinen Anspruch darauf macht, dass sie definitionsgemäß so bleiben, wie sie das Kind aufnimmt, sondern dass sie durchaus organisch — also in sich bewegenden Konturen — ihm übermittelt werden; sodass in dem Kinde dasjenige, was es als Unterricht bekommt, selber etwas ist, was wächst, so wie die Glieder des Kindes selbst wachsen.
[ 48 ] So kann man den Weltenvorgängen nachbilden die verschiedenen Gebiete des sozialen Lebens, jenen Weltenvorgängen, die nicht nur materielle, sondern auch geistdurchdrungene sind. Und es schien mir eine bedeutungsvolle Errungenschaft, dass auf dem letzten Kongress der Anthroposophischen Bewegung in Stuttgart (vom 28. August bis 7. September 1921) von Dr. Caroline von Heydebrand, einer Lehrerin der Waldorfschule, ein Vortrag gehalten werden konnte über das Thema «Gegen Experimental-Psychologie und Experimental-Pädagogik». Nichts soll hier von mir gesagt werden gegen die großen Verdienste, die Experimental-Psychologie und -Pädagogik immerhin haben. Aber gerade, wenn man solche Verdienste anerkennt, kann man nicht darüber hinweg, wie auf dem Gebiete der Pädagogik und der Psychologie der Mensch eigentlich innerlich dem Menschen fremd geworden ist, also auch das Kind. Man muss erst äußerlich experimentieren, wie der Mensch vorstellt, wie er die Dinge behält, weil man nicht innerlich mit dem Kinde verbunden ist. Ein bedeutender Vortrag ist es, der überall bekannt zu werden verdient, den Dr. Caroline von Heydebrand auf dem Stuttgarter Kongress hielt. Und einen anderen Vortrag, der auch bekannt werden sollte, hat Emil Leinhas gehalten über den Zusammenbruch der Nationalökonomie, in dem er die gegenwärtige Nationalökonomie mit all ihren Widersprüchen charakterisierte, ein Vortrag, der durchaus bahnbrechend sein könnte für eine aus der Geisteswissenschaft zu holende Erneuerung der wissenschaftlichen und auch der praktischen Behandlung der sozialen Frage, wie ich sie etwa selber darzustellen versucht habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» aus den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der nächsten Zukunft.
[ 49 ] So kann die Geisteswissenschaft durch das, was sie in unmittelbarer geistiger Anschauung erlangt, nicht nur dem Menschen Sicherheit geben über seine ewige Wesenheit und ihm damit einen inneren Mittelpunkt geben, den er braucht, wenn er nicht durch das Wahrnehmen etwa seiner vermeintlichen Nichtigkeit lebensuntüchtig werden soll, sondern Anthroposophie kann überhaupt das Leben sehr befruchten, wie sie auch in die Kunst eindringen kann. Goethe sagte, indem er solche Dinge aus seiner umfassenden Weltanschauung heraus geahnt hat — ich habe das in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu zeigen versucht in meinen Goethe-Schriften, woraus ersichtlich werden kann, wie die Anthroposophie auch aus der Goethe’schen Weltanschauung hervorgehen kann, man muss sie dazu nur weiterführen —, Goethe sagte ja an einer Stelle, die Kunst beruhe auf einem gewissen Offenbarwerden geheimer Naturgesetze, die ohne sie nie anschaulich werden würden. — Oder an einer anderen Stelle sagte er einmal: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, der sehnt sich nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. — Und als er in Italien reiste, schrieb er nach dem Anblicke von künstlerischen Schöpfungen, die ihn besonders interessierten, an seine Weimarer Freunde: «Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da ist Gott.» Und: «Ich habe die Vermutung, dass die Griechen nach den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur selbst verfährt, und denen ich auf der Spur bin.»
[ 50 ] Aber man kann nur dieses Schaffende der Natur schauen, wenn man das hinter den sinnlichen Tatsachen und Naturwesenheiten befindliche Geistige durch eine anthroposophische Erkenntnis erschaut. Daher kann auch das, was uns in der Kunst sinnlich-anschaulich entgegentritt, aber so, dass das Sinnlich-Anschauliche immer zu unserem Geiste und unserer Seele spricht, das kann durch das imaginative und durch das inspirierte Anschauen durchaus befruchtet werden. Nur diejenigen, die von Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, eigentlich nichts ahnen, sondern nur die gewöhnliche intellektualistische Erkenntnis im Auge haben, reden davon, dass man durch das Schaffen aus dem Geiste nur zu einer strohernen allegorischen Kunst kommen könne. Aber nichts Allegorisches oder Symbolisches finden Sie zum Beispiel in dem Hochschulbau in Dornach, der dort der anthroposophischen Geisteswissenschaft errichtet ist, und der auch in allen seinen Formen herausgeschaffen ist aus dem Schauen der geistigen Welt, aus dem Schauen desjenigen an Formen, an Farbenharmonien, was in den äußeren Stoff so hineingeheimnisst werden kann, dass eben erfüllt ist, was Goethe ausdrückte mit den Worten: Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden. — Auch die Kunst also kann durch Anthroposophie befruchtet werden.
[ 51 ] Und in der Eurythmie bringen wir heute eine doch schon viel angeschaute menschliche Bewegungskunst vor die Welt, wo das, was im Inneren des Menschen ist an Maß, Harmonie, Bedeutung, innerlicher Stilisierung, herausgeholt wird und ausgedrückt wird in der Bewegung einzelner Menschen oder Menschengruppen, sodass nicht etwa nur mimische Tänze entstehen, sondern etwas ganz anderes, etwas, was eine wirkliche sichtbare Sprache ist und daher das innere Seelenleben so mit Notwendigkeit zum Ausdruck bringt, wie die hörbare Sprache oder der Gesang es tun.
[ 52 ] Und auch das religiöse Leben muss ja befruchtet werden, indem der Mensch hinaufgeführt wird in jene übersinnlichen Welten, in denen er gerade für das religiöse Empfinden die Heimat seines Geistes und seiner Seele haben muss. Daher ist es eigentlich grotesk, wenn in einer neueren Schrift, wo über religiöse Versuche in der Gegenwart gehandelt wird und unter anderem auch über Anthroposophie, die ja gar nicht irgendwie eine Religionsgründung sein will, sondern — wie ich, es heute geschildert habe — wissenschaftliche Erkenntnis, wenn dort die Anthroposophie so beurteilt wird, dass man sagt: Der wirklich religiöse Mensch könnte sie eigentlich nicht dulden, denn sie sei eine Konkurrenz der Religion, sie könnte vielleicht sogar ein Religionsersatz werden. Religionsersatz — der schrecklichste der Schrecken! Der, der zum offiziellen Pfleger des religiösen Lebens bestellt ist, denkt heute schon ganz ökonomisch-kaufmännisch über Anthroposophie. Es erwächst ihm ein Konkurrent, — und aus dem Gefühl des Konkurrenten spricht er weiter: «Die Schöpfung der Anthroposophie bedeutet den Tod der Religion.»
[ 53 ] Nun — sehr verehrte Anwesende —, man sollte allerdings bei gesunden Sinnen und bei geradem Verstande glauben, dass gerade das religiöse Leben sich dadurch gefördert fühlen könnte, dass von Seiten einer Wissenschaft, die es so streng nimmt wie nur irgendeine wissenschaftliche Erkenntnis, die übersinnlichen Welten für die menschliche Anschauung so erschlossen werden, dass die von einem Geistesforscher gegebene Darstellung auch von dem Nichtforscher eingesehen werden kann. Denn das kann bei der Geisteswissenschaft der Fall sein, die zu dem materiellen Erkennen einfach die Erkenntnis des diese materiellen Vorgänge der Welt durchsetzenden Geisteslebens hinzubringt. Doch gegenüber dieser Erkenntnis hat man allerdings heute schon einige Furcht. Ein Philosoph, der heute ein großes Ansehen hat, hat vor einigen Jahren einmal gesagt: Er wolle über das Verhältnis des Geistes zum Leibe des Menschen sprechen. Man könne das ja auch, denn man brauche dazu weder den Geist noch den Körper zu kennen, sondern nur das Verhältnis der beiden zu studieren. Dazu brachte er dann ein Gleichnis, indem er sagte, zu seinem Auditorium sprechend, sagte: Ich brauche ja auch nicht jeden Einzelnen von Ihnen zu kennen und jedem Einzelnen vorgestellt zu sein, sondern es besteht, auch ohne dass wir einander kennen, ein gewisses Verhältnis zwischen uns. Indem wir in einem Raume beisammen sind, ist ein gewisses Verhältnis von Ihnen zu mir.
[ 54 ] Also, man fürchtet sich heute in den Kreisen, wo man über Weltanschauung spricht, vor einer wirklichen GeistErkenntnis, die man aber braucht, wenn man über Geist und Körper sprechen will, weil man sich so sehr in eine agnostische Erkenntnisweise hineingeredet hat, die überall nur Grenzen sehen will, und die die Erkenntnispraxis nicht entwickeln will, welche die Erkenntnisgrenzen überschreitet.
[ 55 ] Gewiss, Geisteswissenschaft muss langsam erarbeitet werden, wie irgendeine Wissenschaft. Aber die Praxis ist so, dass sie, wie die anderen Wissenschaften, in das Naturdasein hineinführt. Und die Geisteswissenschaft führt den Menschen nicht hinein in ein erträumtes Wolkenkuckucksheim, sondern in die reale geistige Welt. Daher durchdringt sie die materielle Welt mit den geistigen Impulsen, die den Menschen eingreifen lassen können in alle materiellen Verhältnisse; sodass er nicht ein Brüter über das geistige Leben wird, sondern einer, der durchdrungen wird von dem wirklichen geistigen Wirken und dadurch in der großen Welt erkennen und arbeiten kann. Denn nur derjenige ist erkennend, der sich nicht in ein Wolkenkuckucksheim hineinträumt, sondern der sich bewusst ist, dass der Geist praktisch und gestaltend in das materielle Leben eingreifen muss durch den Menschen. In diesem Sinne macht Anthroposophie den Menschen nicht unpraktisch, sondern gerade praktisch für das gewöhnliche Erdenleben, stellt ihn hinein in seine Pflichten und in die gewöhnlichen Lebensaufgaben. Sie bereitet ihn zwar für die Ewigkeit vor, aber sie bereitet ihn so dazu vor, dass er das Ewige in das Zeitliche hineintragen kann. Sie lehnt es nicht ab, die materiellen Erscheinungen und materiellen Wesenheiten ehrlich zu erforschen, sie sucht aber den Geist, der diese Materie überall durchdringt. Sie sucht das Geistige vor allem in der menschlichen Erkenntnis selber, befreit dadurch auf der einen Seite die Erkenntnis, die sich sonst nur sklavisch an die materielle Außenwelt anschließen kann, und schafft dadurch auf der anderen Seite solche Handlungsimpulse, dass der Mensch praktisch ins Leben eingreifen kann. Daher kann man von der Anthroposophie sagen: Sie erstrebt es wenigstens, dass die Materie durch den Menschen selber durchgeistigt werde, dass der Mensch sich aber nicht verliere in den Umkreis der materiellen Vorgänge, sondern dass er sich selber finden kann durch eine freie Erkenntnis als ein freier Mensch im ganzen Umfange des Lebens.
