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Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a

16 Januar 1922, München

2. Das Wesen der Anthroposophie

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Anthroposophie wird heute noch von vielen Menschen als ein mehr oder weniger phantastischer Versuch angesehen, durch Erkenntnis in Weltgebiete einzudringen, mit denen sich ernste Wissenschaft nichts zu tun machen soll. Nun gibt es allerdings auch heute schon durchaus ernst zu nehmende Wissenschaftler, welche davon sprechen, dass ein Hinausgehen über die gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methoden zur Erkenntnis von Welten, in welche diese naturwissenschaftlichen Methoden [nicht] führen, angestrebt werden müsse, und man spricht wohl dann von allerlei Fähigkeiten, welche der eine oder andere Mensch haben kann, um in solche Welten einzudringen. Man gibt sich dann Mühe, dasjenige zu ergründen, das durch solche abnorme Fähigkeiten an den Tag kommt, und registriert es ein in den sonstigen wissenschaftlichen Betrieb. Aber auch solche ernst zu nehmende Wissenschaftler werden in der Regel mit Anthroposophie aus dem Grunde nichts zu tun haben wollen, weil sie den Weg, auf welchem Anthroposophie einzudringen versucht in übersinnliche Welten, nicht als einen wissenschaftlichen anerkennen wollen, sondern ihn höchstens ansehen wollen als eine Art Phantasterei, als eine besondere Art von unmöglicher Mystik oder auch wohl gar als eine besondere Art von Aberglauben. Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, diejenigen Menschen, welche nach Schwärmerei, nach nebelhafter Mystik oder gar nach Aberglauben streben, sie werden zwar manchmal herankommen an dasjenige, was als anthroposophische Erkenntnis sich unserem Geistesleben einverleiben will, allein sie werden auf die Dauer kaum auf ihre Rechnung kommen. Die Menschen, die überall dahin laufen, wo von irgendeiner «Sophie» oder irgendeinem «Okkulten>» die Rede ist, die werden nämlich sehr bald sehen, dass gerade Anthroposophie sich bemüht, ganz aus dem Geiste moderner Wissenschaftlichkeit heraus zu arbeiten, ja, diesen Geist moderner Wissenschaftlichkeit sogar in seine allerletzten Konsequenzen zu treiben, dass aber vor allen Dingen für die Anthroposophie ein durch und durch gesundes und möglichst weitgehendes Denken notwendig ist. Und das lieben ja die Bekenner der Schwärmereien und von nebelhaften Mystiken nicht gerade. Dass Anthroposophie solches Streben hat, kann allerdings nicht verhindern, dass immer wieder und wiederum diejenigen Menschen, die sie mit einer leichten Handbewegung ablehnen möchten, davon reden, dass nur Neurastheniker oder hysterische Personen an die Anthroposophie herankommen.

[ 2 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden — werde ich mir am heutigen Abend erlauben, gegenüber dem Zerrbilde, das vielfach von der Anthroposophie nach der einen und anderen Richtung gegeben wird, auf das Wesen der Anthroposophie einzugehen, wie es nach den Absichten derjenigen Personen sein soll, welche eben im Sinne dieser ernsten Wissenschaftlichkeit und dieses ernsten Denkens nach einer Erweiterung unserer Erkenntnis streben, weil sie einsehen, dass nach zwei Richtungen hin der Mensch der Gegenwart gerade von unserer wissenschaftlichen Zeitkultur und von demjenigen auch, das sich dieser entgegenstemmt, unbefriedigt bleiben muss. Anthroposophie stellt sich zunächst, wo es sich um naturwissenschaftliche Forschung handelt, streng auf den Boden dieser naturwissenschaftlichen Forschung, und sie sieht mit all denjenigen, die so vorsichtig gehen wie etwa der berühmte du Bois-Reymond, sie sieht genau die Grenzen dieser naturwissenschaftlichen Forschung. Sie sieht, wie das menschliche Denken, das in der neueren Zeit so große Triumphe gefeiert hat, das mit Recht so stolz ist auf seine Methoden, wie dieses menschliche Denken für die naturwissenschaftliche Forschung dennoch nur in der Richtung arbeiten kann, dass es sich an die äußeren, sinnlich gegebenen Tatsachen hält, dass es mehr oder weniger diese sinnlich gegebenen Tatsachen zusammenfasst und zu Naturgesetzen kommt. Wenn man klar durchschaut, dass gerade unser gegenwärtiges mit solcher Gewissenhaftigkeit in der Wissenschaft gehandhabtes Denken ganz und gar herangeschult ist an den äußeren, sinnenfälligen Tatsachen, dass es nur Methoden haben kann, die durchaus dem Lauf dieser sinnenfälligen Tatsachen entsprechen, dann wird man von den Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens sprechen müssen, wird zugeben müssen, dass alle philosophische Spekulation, welche durch reines Denken, durch sich selbst überlassenes Denken hinausgehen möchte, in diejenigen Gebiete, wo das eigentliche Wesen des Menschen als in seinem unsterblichen Grunde wurzelt, dass alles dieses sich selbst überlassene Denken in eine Unsicherheit hineinkommt. Daher streitet man so viel über das eine und das andere philosophische System, welches über Seelenunsterblichkeit, über die göttlich-geistigen Gründe der Welt sprechen will. Man fühlt, wie das Denken, das sich losreißt von den sinnlichen Tatsachen und aus seinen eigenen Gründen heraus bauen möchte, wie dieses Denken absolut in Unsicherheit hineinkommt, sodass man eigentlich das Gefühl haben kann: Dieses Denken befasst sich außerhalb der sinnlich gegebenen Tatsachen mit nichts mehr. Auf der anderen Seite leben heute zahlreiche Personen, welche in einer mehr oder weniger klaren Empfindung das haben, dass sie dennoch vordringen möchten zu demjenigen, was tiefste Menschensehnsucht darstellt, vordringen möchten, erkennend zu jenen Weltengründen, mit denen der Mensch in seinem innersten Wesen zusammenhängt und durch deren Erkenntnis er eine Einsicht in sein unsterbliches Wesen gewinnen könnte. Dann ergeben sich wohl solche Menschen der einen oder der anderen Richtung der Mystik, das heißt, sie nehmen von aller Erkenntnis Abschied. Sie vertiefen sich in das eigene Innere. Sie glauben, wenn sie sich in dieses eigene Innere vertiefen, wenn sie tiefer und tiefer hineinschürfen in die Schächte der eigenen menschlichen Seele, dann müsse sich auch das ewige Wesen des Menschen finden lassen.

[ 3 ] Hier auf diesem Gebiete geht — möchte ich sagen — Anthroposophie genau die naturwissenschaftlichen Beobachtungswege. Und indem sie sich darauf einlässt, dasjenige zu nehmen, was mancher Mystiker darbietet als das eigentliche Wesen des Menschen. So sieht sie, wie darinnen doch nichts anderes vorhanden ist als umgestaltete Wahrnehmungen der äußeren Sinneswelt, die sich gewissermaßen zurückziehen ins Gedächtnis, ins Erinnerungsvermögen. Und wer da weiß, wie im Laufe von Jahren, Jahrzehnten, in der menschlichen Seele dasjenige, was diese Mystik vielleicht halb bewusst in die Erinnerung aufgenommen hat, umgestaltet werden kann und wie das heraufgeholt wird von Mystikern als etwas ganz anderes, als sie glauben, dass irgendetwas ihnen von einem bestimmten göttlich-geistigen Wesen im Menschen kündet, während man es nur zu tun hat mit den umgestalteten Erinnerungen äußerer Wahrnehmungen. Wer Einsicht in diese Dinge hat, wird gerade in diesen mystischen Bestrebungen, so gut sie auch gemeint sein können, eine Klippe sehen für das wirklich wissenschaftsgemäße Eindringen in eine geistige Welt, der der Mensch mit seinem eigentlichen Wesen angehört.

[ 4 ] Und so gibt es — meine sehr verehrten Anwesenden — zwei Klippen, an denen zunächst anthroposophische Forschung vorbeikommen muss. Die eine ist die bloß auf Gedankenarbeit, die sich selbst überlassen sein will, sich stützende philosophische Spekulation über das Außer- und Übernatürliche, das ins Unsichere, ja, ins Nichts hineinführt. Die andere ist die Mystik, die es, obwohl sie glaubt, durch Versenkung in das eigene Innere zum Göttlich-Geistigen vorzudringen, dennoch mit nichts anderem zu tun hat als mit demjenigen, was der Mensch erst durch Naturbeobachtung, durch Beobachtung der äußeren Sinneswelt hinuntergeführt hat in seine Seele und was er dann später wieder heraufholt.

[ 5 ] Diese beiden Klippen, sie stehen in vollständiger Klarheit gerade vor anthroposophischer Forschung. Daher versucht anthroposophische Forschung sich einfach zu sagen: Mit denjenigen Wegen der Erkenntnis, die man einschlagen muss auf dem Gebiet der äußeren Naturerkenntnis, ist überhaupt nicht in das geistige, übersinnliche Gebiet hineinzukommen. Es müssen andere Wege der Forschung eingeschlagen werden. Und da die gewohnten Wege der Forschung sich eben jener Erkenntnisfähigkeiten bedienen, die der Mensch nun einmal im gewöhnlichen Leben hat, so muss anthroposophische Forschung eben andere Erkenntnisfähigkeiten suchen. Da darf gleich von vorneherein gesagt werden: Die hier gemeinte anthroposophische Forschung stützt sich nicht auf irgendwelche abnorme Fähigkeiten, die der Einzelne durch Gnade oder Krankheit haben will, sondern darauf, dass in jeder Menschenseele schlummernde Fähigkeiten sind — wenn man sich wissenschaftlich ausdrücken will —, latente Fähigkeiten sind, die durch gewisse Methoden heraufgeholt werden können; sodass der Mensch dann, wenn er im vollen Besitz desjenigen ist an Erkenntnisfähigkeit, die man anwendet im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, dass er dann erst beginnt — ich möchte sagen —, es noch einmal dem Kinde nachzumachen. Wir sehen das Kind, wie es in die Welt tritt mit nur geringen Fähigkeiten, sich eine Einsicht in die Umgebung zu verschaffen, wir sehen, wie die Fähigkeiten immer tiefer und tiefer hineinführen in die äußere und innere Welt und wie diese Fähigkeiten sich entwickeln. Im gewöhnlichen Leben schließen wir diese Entwicklung an einem gewissen Punkt ab. Und indem wir uns eine bestimmte Art des Denkens, eine bestimmte Art des Fühlens und eine bestimmte Art des Wollens als Erwachsene angeeignet haben, bleiben wir bei diesen stehen, treiben mit diesen unser alltägliches Leben und unsere gewöhnliche Wissenschaft. Derjenige, der anthroposophische Forschung treiben will, der muss die Entwicklung weiterleiten. Er muss sich sagen in einem bestimmten Punkt seines Lebens: Dasjenige, was an Fähigkeiten in der Seele ist, ist auf solche Art nicht voll entwickelt, es kann Weiteres aus den Untergründen der Seele heraufgehoben werden. Und dieses Heraufholen, das führt dann zu denjenigen Erkenntnisfähigkeiten, welche in die übersinnlichen Welten hineingeleiten können. Ich habe — meine sehr verehrten Anwesenden — in ausführlicher Art beschrieben, was der Mensch zu tun hat, um in seiner Seele schlummernde Fähigkeiten heraufzuholen. Ich habe es beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Schriften. Dasjenige, was dort ausführlich beschrieben ist, möchte ich mir gestatten nun im Prinzip anzuführen.

[ 6 ] Dasjenige, was der Mensch zu vollziehen hat, um zu seinen höheren, zu seinen übersinnlichen Erkenntnisfähigkeiten zu kommen, sind nicht äußere Maßnahmen, sind Maßnahmen, die sich im intimsten Inneren der Seele selbst vollziehen. Es sind gewisse Seelenübungen, Seelenübungen, die nach zwei Richtungen hinführen. Die eine Richtung ist eine gewisse Behandlung des Denkens, des Vorstellens, und die andere Richtung ist eine gewisse Behandlung des menschlichen Willens. So, wie das Vorstellen in jedem Menschen ist, so kann es durch gewisse Seelenübungen umgestaltet, weitergebracht werden, und ebenso der menschliche Wille. Dasjenige, was durch das Denken erreicht werden soll, das ist eine gewisse innere Erkraftung, eine gewisse innere Erstarkung des Gedankenlebens selbst zunächst. Man erreicht das nun nicht durch irgendwelche Willkür, durch eine willkürliche innerliche Beschaulichkeit oder dergleichen, sondern man erreicht es im Sinne anthroposophischer Forschung dadurch, dass man dem Denken selbst eine Art innerer Schulung zuteilwerden lässt, und zwar eine solche Schulung, die — ich möchte sagen — nach dem Prinzip arbeitet, nach dem wir sonst auch im Leben den Menschen stärker machen. Wenn ich ein ganz triviales Beispiel gebrauchen darf, so kann ich sagen: Wenn der Mensch irgendein System seiner Muskeln immer wieder und wieder in der Arbeit anstrengt, so wird dieses System besonders kraftvoll. Ganz dasselbe kann nun auch in Bezug auf das Vorstellen selbst erreicht werden. Man kann zum Beispiel Folgendes machen — und viele solcher Übungen sind in den genannten Büchern von mir angeführt worden —, man kann irgendeine Vorstellung oder eine Summe von Vorstellungen in den Mittelpunkt seines ganzen Seelenlebens stellen. Ich nenne das Meditation und Konzentration des Denkens. Man hat es wahrhaftig nicht mit irgendeiner Zauberei zu tun, sondern mit einer Fortentwicklung der ganz gewöhnlichen, normalen menschlichen Fähigkeiten. Man stellt also in den Mittelpunkt des Seelenlebens irgendeine Vorstellung, die man gut überschauen kann. Es wird häufig empfohlen — und mit Recht empfohlen —, dass man sich eine solche Vorstellung in einem Buch oder sonst wo aufsucht, sodass sie einem neu ist, oder dass man sie sich von einem erfahrenen anthroposophischen Forscher geben lässt, damit sie neu ist. Warum soll sie neu sein?

[ 7 ] Weil, wenn wir eine Vorstellung, die wir lange im Leben haben, oder auch kurz haben, weil eine solche Vorstellung, indem wir sie in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit rücken, allerlei Gedächtnisreste hervorruft. Da bleibt vieles im Unterbewussten und Unbewussten. Wir überschauen nicht das, was wir in die Seele hereinstellen, wenn wir aus unserem Wissensschatze eine solche Vorstellung oder Vorstellungsreihe entnehmen. Nehmen wir aber etwas, was uns ganz neu ist, oder irgendetwas, was wir uns geben lassen, dann kann nicht die Rede davon sein, dass da irgendwelche Reminiszenzen herauftauchen, sondern wir geben uns dann mit dem ganzen Seelenleben einem neuen, aber jetzt inneren Eindruck hin, einem Eindruck, den wir nur mit dem Gedanken fassen können. Wir geben uns mit dem ganzen Seelenleben möglichst intensiv zunächst einer solchen Vorstellung hin und wir versuchen, es bis zu einer solchen Lebendigkeit zu bringen in dem Ins-Auge-Fassen einer solchen Vorstellung, wie wir sonst eine Lebendigkeit haben, wenn wir einem äußeren Sinneseindruck gegenüberstehen. Dieses Betätigen der Seele an einem äußeren Sinneseindruck, das muss in jeder Beziehung das Vorbild jeder Übung sein, die zunächst der anthroposophische Forscher in seiner Seele vornimmt.

[ 8 ] Dadurch wird nun in deutlicher Weise ja darauf hingewiesen — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass nicht irgendetwas, was im Inneren des menschlichen Organismus in einer krankhaften Weise hervorgeholt wird, sodass dasjenige, was ich Ihnen jetzt beschreibe, durchaus nicht zur Halluzination, zur Vision und dergleichen führen kann, sondern im Gegenteil, gerade nach dem anderen Pol des menschlichen Seelenlebens hinführt. Nicht dasjenige, was man erreichen kann durch irgendwelches krankhafte Hinbrüten, abgesondert von der äußeren Wahrnehmung, wird als ein Ideal angestrebt, sondern als Ideal gilt gewissermaßen jene gesunde menschliche Seelenhingabe, die man entwickelt, wenn man den äußeren Sinneseindrücken vollbewusst, mit absolutester Beherrschung auch des Willens gegenübersteht. Und indem man diese Lebendigkeit anwendet auf dasjenige, was man in den Mittelpunkt des Seelenlebens in der geschilderten Weise stellt, kommt man dahin, tatsächlich das Vorstellungs-, das Denkleben zu verstärken, kraftvoller zu machen, so wie man einen Muskel verstärkt, wenn man ihn immerfort anwendet.

[ 9 ] Wenn man solche Übungen — viel Geduld und Ausdauer gehört zu ihnen, denn anthroposophische Forschung ist nicht leichter als die Forschung auf irgendeinem Gebiet der äußeren Wissenschaft — fortsetzt, dann merkt man endlich, wie das Denken intensiver, durchkrafteter, verstärkter geworden ist. Und man gelangt dazu, das in sich auszubilden, was man als eine Art erster Stufe auf dem Wege übersinnlicher Erkenntnis bezeichnen kann, und was ich — Namen müssen da sein, man darf sich nur nicht daran stoßen — genannt habe, die Imagination. Man lernt allmählich leben ganz und gar, wie sonst in der Sinnenwelt, in einem innerlich intensiver gemachten Denken.

[ 10 ] Dasjenige, was man aber jetzt vor allen Dingen nötig hat, ist, dass man sich klar ist: Wenn man das ganze Seelenleben auf einen solchen Vorstellungskomplex konzentriert, dann taucht — ich möchte sagen — das Seelenleben allmählich in eine Region unter, in der es zwar Geläufigkeit bekommt, lebendig vorzustellen, Geläufigkeit bekommt darin, solche Vorstellungen in Fülle zu haben, die mit einer inneren Intensität auftreten wie sonst nur die äußeren Sinneswahrnehmungen; aber, wenn man nicht eine andere Fähigkeit entwickelte, so würde man zuletzt in einer gewissen Weise in die Gewalt dieser Vorstellungen kommen. Sie würden einen bedrängen, sie würden da sein, man würde ihnen hingegeben sein. Es würde dazu kommen, dass die Vorstellungen den Menschen haben und nicht der Mensch die Vorstellungen. Dasjenige, was daher notwendig ist, ist, dass diesen Übungen — in der verschiedensten Weise modifiziert — andere an die Seite gestellt werden, Übungen, die darin bestehen, solche Vorstellungen wiederum zu unterdrücken, aus dem Bewusstsein fortzuschaffen; sodass man auf [der einen] Seite die Fähigkeit bekommt, das Bewusstsein vorstellungsgemäß so intensiv als möglich zu machen, und auf der anderen Seite in freier Willkür diese Vorstellungen fortzuschaffen und überzugehen in den Zustand, den man als das leere Bewusstsein bezeichnen kann. Aber man merkt, dass, wenn solche Übungen eine Zeit lang fortgesetzt worden sind, man in seinem ganzen Denkleben frei geworden ist von demjenigen, was der Leib an gewöhnlichem Denkleben als seinen Anteil hat.

[ 11 ] Dieses — meine sehr verehrten Anwesenden — kann man nur bemerken — ich möchte sagen — durch die Erfahrung selbst. In der Handhabung des Denkens, wie ich es Ihnen beschrieben habe, des durchkrafteten Denkens, zeigt sich, wie man sich frei bewegt in den Gedanken und die Gedanken dann als so etwas hat wie einen äußeren Tisch oder irgendeinen anderen Gegenstand. Und sowenig es einem einfallen wird, einen äußeren Gegenstand in das Innere der Seele zu verlegen oder des menschlichen Leibes, so wenig wird man, wenn man eingedrungen ist in ein so modifiziertes Vorstellen, dasjenige, was dann im Bewusstsein auftritt, nur in das Innere des Organismus verlegen. Das ist eine Erfahrung, dass man zu einem Seelenleben kommt, das sich außerhalb des Leibes vollzieht. Das ist wichtig — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass diese erste Stufe, die Stufe der imaginativen Erkenntnis überschritten werde, bevor zu höheren Stufen vorgeschritten wird.

[ 12 ] Nun muss man sich aber über eines klar sein: dass alles dasjenige, was so auftritt, erst einen bildhaften Charakter annimmt. Die gewöhnliche, abstrakte Weise, wie wir sonst die Naturerscheinungen verfolgen, die Glied an Glied sorgfältig reiht, die der Geistesforscher durchaus werten kann in der richtigen Weise, die auch bleiben muss, weil der gesunde Menschenverstand durchaus parallel gehen muss demjenigen, was ich als übersinnliche Forschung beschreibe, diese Art des Glied an Glied reihenden abstrakten Denkens hört für das Gebiet der übersinnlichen Forschung selbst auf und es tritt ein ein innerlich intensives, bildhaftes Vorstellen. Man lebt in Bildern und gelangt dazu, diese Bilder wieder aus dem Bewusstsein [zu] entfernen, um nun mit leerem Bewusstsein verharren zu können.

[ 13 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, es nimmt sich eigentlich recht leicht aus, wenn man sagt: mit leerem Bewusstsein verharren. Aber die meisten Menschen, die diese Schulung nicht durchgemacht haben, die verfallen sogleich, wenn kein Bewusstseinsinhalt da ist, wenn der Bewusstseinsinhalt unterdrückt ist, in eine Art Schlaf. Das ist dasjenige, was für die anthroposophische Forschung erreicht werden muss, dass man, nachdem man erst das Gedankenleben zur vollsten Kraftentfaltung gebracht hat, es dann sogleich wiederum unterdrücken kann und gewissermaßen von sich aus dem Leeren gegenüberstehen könnte. Man steht nur da nicht dem Leeren gegenüber, denn wir werden gleich sehen, dass man dann, wenn man so das Bewusstsein von innen heraus leer macht, nachdem man es erst durchkraftet hat, dass man dann, wenn man leibfrei geworden ist mit seinem Vorstellen, in die übersinnliche Welt eindringt, dass dies der Weg ist, um dann nicht mit schlafendem Bewusstsein zu verharren, sondern dass sich dieses Bewusstsein füllt mit dem Inhalt einer übersinnlichen Welt. Vorstellen muss aber der Mensch noch — ich möchte sagen —, einen Übergang durchmachen. Gelangt man nämlich dazu, immer stärker und stärker in diese Bilderwelt des verstärkten Vorstellens einzutreten, dann kommt man dazu, sich einfach aus den Tatsachen, die man innerlich erlebt, heraus zu sagen: Du hast jetzt nicht jene Leichtigkeit des Denkens in dir, die du früher hattest, die du dir bewahrst für das gewöhnliche Leben; im imaginativen Denken hast du nicht diese Leichtigkeit in dir. Du lebst in diesen Bildern jetzt so, dass du an sie hingegeben bist. Du weißt, du kannst jetzt nicht Vorstellung an Vorstellung einfach gliedern wie früher, sondern die Vorstellungen gliedern sich selber aneinander. Sie fordern durch ihre eigene Wesenheit die Gestaltung, die sie annehmen sollen, und man fühlt sich in einer Welt, die eine Realität ist.

[ 14 ] Man dringt in diese imaginative Welt ein und man erlebt von einem bestimmten Punkte an, wie man in einer Wirklichkeit drinnen — ich möchte sagen — seelisch webt. Und die erste Erfahrung, die man nun macht, indem man auf diese Weise vorgedrungen ist zu einem solchen imaginativen Anschauen, ist diese, dass nun das seit der Geburt verflossene Erdenleben wie in einem großen Tableau vor der Seele lebt. Sonst hat ja der Mensch von diesem Erdenleben den Strom seiner Erinnerungen, aus dem dieses oder jenes auftaucht, willkürlich oder unwillkürlich. So ist es nicht bei demjenigen, was ich jetzt schildere, sondern das, was auftaucht von einem bestimmten Punkt der imaginativen Erkenntnis an, das ist, dass der Mensch wie in einem großen Überblick das Treiben seines inneren Wesens vor sich hat. Er übersieht, wie aus gewissen Kräften heraus diese oder jene Anlage in ihm entstanden ist, wie meinetwillen er zu dieser oder jener heroischen oder unheroischen Entschließung gekommen ist. Nicht so sehr in die einzelnen Tatsachen des Lebens erhält er Einblick, als in die Kräfte, die dahinter stehen, die uns selber geformt haben, die unseren Gedanken die Richtungen und Inhalte gegeben haben, die unsere Gefühle gelenkt haben von innen heraus, wenn sie an der Außenwelt angeregt worden sind, die unseren Willen impulsiert haben. Das alles, was da [eingeflossen] ist seit der Geburt, das überschaut man.

[ 15 ] Man gelangt zur Erfahrung dessen, was nicht aus phantastischer Willkür heraus, sondern aus der Erkenntnis des eben geschilderten Erlebnisses von anthroposophischer Forschung, der Bildekräfteleib, oder mit einem älteren Ausdruck, der Ätherleib genannt wird. Man erlebt dasjenige, was der Mensch in sich trägt, was nicht bloß räumlichen Charakter hat, sondern einen räumlich-zeitlichen Charakter. Was wie eine Einheit dasteht über dem Zeitenraum seit der Geburt, das erlebt man als etwas, das man nicht im Einzelnen hinzeichnen könnte, anders als den Blitz. Man kann in einem einzelnen Moment diesen Bildekräfteleib hinzeichnen; aber er ist in Bewegung, ist dasjenige, was in uns wirkt, was unser ganzes Seelenleben durchströmt und durchpulst. In dem lebt man zunächst.

[ 16 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — hat man sich die Fähigkeit errungen, die Bilder, die in der Imagination auftreten, immer wieder und wiederum so auszulöschen, wie ich es beschrieben habe, dass man zum leeren Bewusstsein vordringt, dann hat man jetzt auch allmählich die Fähigkeit kraftvoll gesammelt, die nun diesen ganzen Bildekräfteleib unterdrücken kann, die ihn gewissermaßen fortschaffen kann. Wie man sonst nur die einzelnen Bilder, zu denen man es gebracht hat, fortschafft, so schafft man diesen Bildekräfteleib fort, entleert man also das Bewusstsein dieses Inhaltes, der nun nicht abstrakte Vorstellungen und Bilder enthält, sondern die Kräfte des inneren Wachstums enthält. Wenn man ihn fortschafft, dann ist man nicht nur aus seinem Leib herausgetreten, dann nimmt man nicht nur außerhalb seines Leibes geistig wahr, dann ist man aus seinem irdischen Dasein herausgetreten. Dann nimmt man wahr in demjenigen, in dem das Wesen der Seele gelebt hat vor der Geburt oder — sagen wir — der Empfängnis, und in dem sie leben wird, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist.

[ 17 ] Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, für die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft handelt es sich nicht um eine philosophische Spekulation, sondern um etwas, was durch stufenweise, durch wirklich systematisch durchgeführte, innere Methoden als menschliche Fähigkeit errungen wird. Man dringt nicht mit bloßen Gedanken zum menschlichen Unsterblichen vor, sondern dringt zu demjenigen, das der Geburt vorangeht und dem Tode folgt — ich möchte sagen — durch eine innere Experimentiermethode vor — wobei ich bitte, dieses Wort nicht misszuverstehen —, aber man muss fortwährend den Versuch machen. Ist man so weit gekommen, dass einem das leibfreie Vorstellen gelingt und man unterdrücken kann die Bilder, die in der Imagination auftreten, dass man aus dem Leben zwischen Geburt und Tod heraustreten und eintreten kann in das Wesen des Menschen, das das Unsterbliche des Menschen ist, hat man die Seele so erkraftet, dass sie zum Leeren kommen kann, dann tritt nicht ein leeres Bewusstsein ein. Sondern es füllt sich dieses Bewusstsein mit Tatsachen, die man sonst niemals wahrnehmen kann, mit Tatsachen aus einer bloß geistigen, übersinnlichen Welt, aus einer Welt, die zwar immer um uns herum ist, die alle Sinnlichkeit durchdringt, in der der Mensch ohne seinen sinnlichen Leib vor der Geburt oder — sagen wir — der Empfängnis als in einer geistigen Welt lebt. Und man gelangt auf diese Weise also dazu, tatsächlich konkret in geistige Vorstellungsinhalte einzutreten, die man sonst auf keine Weise bekommen kann als durch innere Erfahrung. Man gelangt zu der Erfahrung von der menschlichen Unsterblichkeit.

[ 18 ] Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, die Ergebnisse der anthroposophischen Forschung mag man zunächst bezweifeln — man hat ja dazu nicht nur ein Recht, sondern es ist für den ersten Anhub beim Menschen sogar begreiflich —, wenn man aber auf das hinschaut, was zugrunde liegt beim anthroposophischen Forscher, wenn er sich in die Lage versetzt, diese Ergebnisse zu bekommen, dann wird man ihm zugestehen müssen: Die Gesinnung ist eine solche, die einer wahren Wissenschaftlichkeit und wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit gemäß ist. Er versucht seine Seele umzuändern, macht das aber nicht willkürlich, sondern aus einer solchen inneren Gewissenhaftigkeit heraus, wie sie zu finden ist in dem Laboratorium oder der Klinik.

[ 19 ] Dadurch, dass der Mensch, wenn er ein leeres Bewusstsein hergestellt hat, nun etwas wahrnimmt, nimmt er ja im eminentesten Sinne nun nicht mehr mit dem Leibe wahr — was er sonst immer für das gewöhnliche und wissenschaftliche Bewusstsein tut —, sondern nimmt mit der vom Leibe befreiten Seele wahr. Und wenn der Mensch so, wie ich es jetzt angedeutet habe, wahrnimmt dasjenige, was nicht innerhalb der Sinneswelt enthalten ist, was Wesen des Menschen ist, bevor er in das embryonale Leben eintritt, dann kann man sprechen von der zweiten Stufe der höheren Erkenntnis, von der Erkenntnis durch Inspiration. Dasjenige, was da in die Seele hereindringt, indem das Bewusstsein gelernt hat, sich leer zu machen, das wird diesem Bewusstsein hereininspiriert. Und über Unsterblichkeit kann der Mensch durch solche Inspiration erfahrungsgemäß allein etwas ausmachen. Wird es einmal aber als Ergebnis hingestellt, dann kann jeder rein mit dem gesunden Menschenverstand verfolgen, was anthroposophische Forschung macht. Dasjenige, was anthroposophische Forschung macht, führt nicht in Visionen, nicht in krankhafte Zustände hinein, sondern ist in jeder Stufe verfolgbar mit dem gesunden Menschenverstand. Daher kann man immer nachprüfen, ob die Wege, die der Geistesforscher einschlägt, vernünftig sind und ob daher auch Vernunft sein kann in den Ergebnissen, die er angibt.

[ 20 ] Und wenn man nun zu solchen inspirierten Erkenntnissen vordringt, dann ist allerdings die erste Stufe das Erkennen der übersinnlichen Wesenheit der Seele, wie sie war vor der Geburt oder — sagen wir — der Konzeption, wie sie sein wird nach dem Tode, die Erkenntnis der unsterblichen Wesenheit der Seele, aber man kann ja zu diesem unsterblichen Wesen der Seele nur vordringen dadurch, dass diese Seele zu einem leibfreien Erkennen gekommen ist, dass sie rein seelisch die durchsichtige Erkenntnistätigkeit ausübt, die sie sonst mit Hilfe des Gehirn- und Nervensystems ausübt. Diese ist unabhängig von Gehirn- und Nerventätigkeit. Und so wahr der Mensch sein muss eigentlich für das gewöhnliche Bewusstsein mehr oder weniger Materialist, wie der Materialismus recht hat für das gewöhnliche Bewusstsein, dass es gebunden ist an die physische Organisation, dass die physische Organisation zugrunde liegen muss seiner Tätigkeit, so wahr ist es auf der anderen Seite, dass, indem der Mensch solche Fähigkeiten entwickelt, wie ich sie hier beschrieben habe, er dann dazu gelangt, der Seele als Erkenntnisorgan sich frei zu bedienen. Dadurch dringt er nicht nur in die eben gekennzeichnete übersinnliche Welt ein, sondern auch in diejenige, die fortwährend um uns herum ist, von der die gewöhnliche Sinneswelt nur eine Offenbarung ist. Das heißt, jetzt kann der Mensch eindringen in eine Welt, die hinter den Sinneserscheinungen liegt, nicht etwa bloß durch eine philosophische Spekulation, sondern dadurch, dass er rein seelische Organe gebraucht, die er sich erst — ich möchte fast sagen, wenn es nicht philiströs klingen würde — mühsam errungen hat. Und da kommt man dann allerdings in Gebiete hinein, die einem von den heute geläufigen Vorstellungsarten noch sehr übel genommen werden.

[ 21 ] Aber man muss, bevor man die Erkenntnis für diese Gebiete ausbildet, zu den beschriebenen Methoden der Imagination und Konzentration noch andere hinzufügen. Diese anderen gehen nach der Richtung des Willens. Geradeso, wie für das gewöhnliche Bewusstsein der Gedanke abhängig ist vom Gehirn- und Nervenwesen, so ist — ich kann auf die Einzelheiten nicht eingehen, aber für denjenigen, der die moderne naturwissenschaftliche Entwicklung wirklich kennt, wird das ohne Frage sein —, ebenso ist der menschliche Wille, wie er sich entfaltet, in alledem, was den Menschen zum Handeln führt, abhängig zunächst von der menschlichen Leibesorganisation. So, wie man das Gedankenleben frei zu machen hat für übersinnliche Forschung von der leiblichen Organisation, so hat man auch das Willensleben frei zu machen von der Leibesorganisation. Nun führt aber schon jene starke Anstrengung des Willens, die man entfalten muss in der imaginativen Erkenntnis dazu, den Willen allmählich in einer leibfreien Weise anzuwenden.

[ 22 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, vielleicht darf ich hier eine scheinbar persönliche Bemerkung machen, die aber durchaus zur Sache gehört. Ich habe zu Anfang der neunziger Jahre meine «Philosophie der Freiheit» veröffentlicht und habe versucht zu zeigen, worauf eigentlich menschliche Freiheit beruht. Man fragt gewöhnlich: Ist der Mensch frei oder ist er einer absoluten Notwendigkeit unterworfen? Strömt alles heraus aus den notwendigen Bedingungen seines Organismus, was ihn zum Willensentschluss, zur Handlung führt, oder liegt im Menschen die Möglichkeit, sich aus sich selbst heraus, ohne eine Notwendigkeit frei zu entschließen? Ich habe damals versucht zu zeigen, dass allerdings für die weitaus meisten menschlichen Handlungen von einer Notwendigkeit gesprochen werden muss, dass das Instinkt-, das Triebleben, das emotionelle Leben, dass alles das, was an den menschlichen Organismus gebunden ist, Grundlage ist für das weitaus meiste in unseren Handlungen, dass aber der Mensch sich auch aufschwingen kann dazu, als seine Willensmotive reine Gedanken zu haben, reine Gedanken, die sich in sittlichen Idealen innerlich ausleben.

[ 23 ] Wenn der Mensch solch reine Gedanken als sittliche Ideale seinen Willensimpulsen zugrunde legt, dann gelangt er allmählich dahin, als Persönlichkeit ein wirklich freies Wesen zu sein. Und ich habe dazumal die Summe der moralischen Ideale, die in einem Menschen Platz finden können, und die dann ihre äußerliche Offenbarung in der ganzen Art finden, wie sich der Mensch moralisch darlebt, ich habe diese Summe der moralischen Ideale die moralische Intuition genannt. Und ich habe gesagt, dass das wirklich freie Leben des Menschen auf einer solchen Intuition beruht, einer solchen Intuition, von der ich sagte: Was ihr Inhalt ist, das stammt nicht aus dem menschlichen Organismus, das ist einer geistigen Welt entnommen, und aus einer geistigen Welt [heraus] bestimmt sich der freie Mensch. Und wenn man nun in dieser Weise Freiheitsphilosophie treibt, dann ist diese Freiheitsphilosophie durchaus eine Vorbereitung für die Einsicht in solche Erkenntnisfähigkeiten, wie ich sie heute beschrieben habe.

[ 24 ] Wenn man nämlich durchschaut, welches das Wesen dieser moralischen Ideale ist, die sich hier verwirklichen sollen, dann gelangt man dazu, dieses Wesentliche immer weiter und weiter auszudehnen. Und kommen dann solche inneren Übungen dazu, wie ich sie heute dem Prinzip nach beschrieben habe, dann merkt man: Es kann dasjenige, was dem Menschen als einem irdischen Wesen an freien Handlungen zuteil ist, teilnehmen an einer geistigen Welt. Das kann seine ganze Seele ausfüllen, das kann ihn bringen zur Imagination, durch die er seinen Bildekräfteleib überblickt, kann ihn bringen zur Inspiration, durch die er das Seelische überblickt, das er war, bevor er durch die Geburt oder — sagen wir — Empfängnis ins irdische Dasein getreten ist, und das er sein wird, wenn er die Pforte des Todes überschritten haben wird. Dasjenige aber, was da dem Menschen eignet als eine solche übersinnliche Erkenntnis, das muss ausgebildet werden auch noch nach der Seite des Willens hin.

[ 25 ] Da kann man allerdings die besten Früchte dadurch zeitigen, dass man versucht, seinen Willen immer kräftiger und kräftiger zu machen in Bezug auf das rein innerliche Leben. Auf vielerlei Wegen kann das geschehen.

[ 26 ] Ich will den folgenden angeben. Wir sind gewohnt, zu denken so, wie die äußeren Tatsachen laufen. Dasjenige, was früher ist, behandeln wir als Ursache, das Spätere als die Wirkung. Und wenn wir im gewöhnlichen Leben drinnenstehen, so denken wir das am Faden der äußeren Tatsachen. Derjenige, der nur so am Faden der äußeren Tatsachen denkt, sich also gewissermaßen rein passiv hingibt dem äußeren Tatsachenverlauf, der kann nicht jene Willensentfaltung erringen, die notwendig ist zum Behuf der übersinnlichen Erkenntnis. Derjenige aber, der zum Beispiel die Übung macht — und immer wieder und wieder macht —, dass er [statt] am Faden der äußeren Ereignisse zu denken, sich diese äußeren Ereignisse rückwärts vorstellt, die letzten zuerst, die vorletzten dann und so weiter, und so weiter — sagen wir zum Beispiel den Verlauf eines Dramas vom letzten Akt zum vorletzten, drittletzten und so weiter, in möglichst kleinen Partien nach rückwärts verfolgt — oder die Erlebnisse, die er tagsüber gehabt hat, am Abend in einer Rückschau so betrachtet, dann ist dazu, wenn es ernsthaft gemacht werden soll, eine andere Willensanstrengung nötig, als diejenige ist, die verwendet wird, wenn er das Denken am Faden der äußeren Tatsachen fortlaufen lässt.

[ 27 ] Diese Willensanstrengung, zu der man da kommt, die bringt es endlich dahin, dasjenige, was sonst — ich möchte sagen, obwohl das vielleicht gerade bei denjenigen Menschen, die nur immer von objektiver Erkenntnis sprechen, nicht beliebt ist —, diese Willensanstrengung bringt es dahin, in einem tieferen Sinne das zu fassen, was im gewöhnlichen Leben nun auch gerade als der schönste und beste Ausdruck des menschlichen Willens an die Organisation gebunden ist: die Liebe auszubilden. Ich weiß — meine sehr verehrten Anwesenden —, Liebe wird nicht gerne als eine Erkenntnisfähigkeit angesehen. So wie sie im gewöhnlichen Leben ist, soll das auch nicht von Anthroposophie in Anspruch genommen werden. Aber wenn auf die Weise eine Willensentfaltung stattfindet, wie ich sie beschrieben habe, dann kommt der Mensch dazu, gerade in der Liebefähigkeit eine der bedeutsamsten Erkenntnisfähigkeiten zu entdecken.

[ 28 ] Durch diese Erkenntnisfähigkeit, die er noch steigern kann dadurch, dass er sich, wenn er in dem Innern gewissermaßen diese Liebefähigkeit etwas erfasst hat, sich ihrer bewusst geworden ist, dass er die äußeren Tatsachen nun so verfolgt, dass er sich wirklich liebevoll in die einzelnen Naturreiche hineinversetzt — ich habe das in den Einzelheiten beschrieben — wie der Mensch, wenn er solche Erkenntnisfähigkeiten entwickelt, wie er das Leben der Pflanze vom Keim bis zur Frucht hin liebevoll verfolgt, sodass er nacherlebt, wie da Blatt um Blatt sich entfaltet. Ebenso kann man — ich möchte sagen — bei einer so entwickelten Liebefähigkeit untertauchen in die tierische Organisation und so weiter. Wenn man auf solche Weise auch das Willensleben verstärkt und dazu übergeht, in ernsthafterer Weise als gewöhnlich sich selbst zu beobachten als handelnder Mensch, wenn man so objektiv, wie sonst nur die äußeren Gegenstände, sich selbst in seinem Handeln beobachtet, wenn man sich angewöhnt, wie ein Zweiter neben sich zu gehen und sich stets zuzuschauen bei seinen Willensentfaltungen, dann kommt der Wille dazu, nicht bloß die Inspiration sich im Menschen entfalten zu lassen, sondern dasjenige, was da hereinspricht in die menschliche Seele aus einer geistigen Welt, das auch mitzuerleben durch die Imagination, dann kommt der Mensch dazu, seine eigene Seele zu einem lebendigen Erkenntnisorgan für das Geistige zu machen. In der Inspiration dringt noch nicht auf deutliche Weise die geistige Welt, sich offenbarend, in die Seele herein. In der dritten Stufe, die ich die Intuition — die wirkliche Intuition, nicht jene verschwommene, von der man auch im äußeren Bewusstsein spricht — genannt habe, in dieser Intuition dringt der Mensch wirklich in die geistige Welt ein.

[ 29 ] Dies soll derjenige allerdings erreicht haben, der eindringen will in die geistige Welt, die uns immer umgibt, von der die äußere Sinneswelt nur die Offenbarung, nur der äußere Ausdruck ist. Dann aber kommt man eben dazu, diese Sinneswelt in einer ganz anderen Weise zu sehen als vorher, in einer Weise, dass man sich schon aussetzen muss dem Vorwurf, ein Phantast zu sein, weil man das Ungewohnte ja so gern eben als phantastisch ansieht. Aber ich werde dennoch nicht anstehen, wenigstens an einem Beispiel zu zeigen, wie das, was uns vorher in einer bestimmten Gestalt für die Sinneswahrnehmung vorliegt, wie das in einer ganz neuen Gestalt auftritt, für Imagination, Inspiration und Intuition.

[ 30 ] Nur damit ich nicht missverstanden werde, möchte ich vorausschicken: Der Mensch, wenn er in abnorme, in pathologische Zustände des visionären Lebens kommt, wenn er von einem hypnotischen Zustand hingenommen ist, von anderen etwas suggeriert bekommt, dann ist er in diesem abnormen Geisteszustand drinnen und der andere Zustand ist gewissermaßen unterdrückt. Der Mensch ist ganz hingegeben dem abnormen Wahrnehmen oder Erleben. Diejenigen, welche in Wirklichkeit die hier gemeinte Anthroposophie verfolgen, werden sehen, dass nicht der geringste Anlass vorhanden ist, dasjenige, was hier anthroposophische Erkenntnismethode genannt wird, zu verwechseln mit irgendetwas Halluzinatorischem, Visionärem, Pathologischem. Das Letztere geht nach einer ganz anderen Seite hin. Man erkennt das hauptsächlich daran, dass bei allen hypnotischen, halluzinatorischen, visionären, pathologischen Zuständen der Mensch diesen Zuständen hingegeben ist, und sein gewöhnliches Seelenleben zeitweilig oder auf die Dauer ausgelöscht ist. Bei demjenigen, was hier beschrieben wird als übersinnliche Erkenntnisart, dringen wir zwar ein in eine ganz andere Art des Anschauens, in eine Wahrnehmung der Welt des Geistes, die nichts gemein hat mit der Welt des Sinnlichen, aber es bleibt in jedem Augenblick, in dem man sich dieser übersinnlichen Erkenntnis hingibt, zugleich die gewöhnliche Erkenntnis, der gewöhnliche Bewusstseinszustand, der ganz normale, gesunde Menschenverstand daneben vorhanden. In jedem Augenblick kontrolliert bei einem wirklichen Erkennen des geistigen Lebens dieser aufrechterhalten gebliebene gesunde Zustand den anderen ungewöhnlichen, aber deswegen nicht minder gesunden.

[ 31 ] Das muss ich vorausschicken, bevor ich beschreiben werde, wie die Dinge sich unter dem Einfluss der übersinnlichen Erkenntnis ausnehmen. Nehmen wir zunächst etwas Kosmisches, die Sonne. Wir erblicken sie für die gewöhnliche Anschauung in der Art, wie es Ihnen bekannt ist: als Scheibe innerhalb des Weltenraums. Wir konstruieren uns da mit den physikalischen Methoden, die wir haben, ihre wahre Größe und Gestalt und so weiter. Für die Erkenntnis, die ich hier geschildert habe, verwandelt sich das Bild, das wir durch die gewöhnliche Wissenschaft von der Sonne haben, vollständig. Das mit den festen Konturen auftretende Sonnenhafte, das Strahlen aussendet, hört auf, so dazustehen vor der übersinnlichen Erkenntnis. Das Sonnenhafte erfüllt gewissermaßen für die übersinnliche Erkenntnis den ganzen Raum. Das Sonnenhafte ist überall da, und wir werden gewahr, dass dieses Sonnenhafte, das überall da ist, nur konzentriert ist gewissermaßen auf die physische Sonne, dass diese physische Sonne nur die physische Offenbarung eines Geistgemäßen ist, das den ganzen Raum ausfüllt. Dann wird man gewahr, wie dieses Sonnenhafte ein Prozess ist, ein Geschehen ist, und zwar ein Geschehen, das man jetzt [kennenlernt], da man ja den Bildekräfteleib des Menschen kennengelernt hat, der das Schaffende im Menschen ist, das Schöpferische, das uns unsere Fähigkeiten gibt und unsere Organe plastisch zubildet.

[ 32 ] Indem man diesen Bildekräfteleib des Menschen kennengelernt hat und kennenlernt, wie die Kräfte dieses Leibes zusammenhängen mit den Kräften des Sonnenhaften, dann erkennt man, dass im Sonnenhaften alles das enthalten ist, was aufbauende Wachstumskräfte sind, was fortschreitende Kräfte des Gedeihens, des Zunehmens, des Werdens sind. Kurz — ich möchte sagen —, der jetzt zur Geistigkeit umgebildete Weltenraum ist einem erfüllt von der Kraft des Werdens, des Wachsens, das sich draußen in der Natur entfaltet, das der Natur zugrunde liegt, und man schaut dieses Sonnenhafte als das Werdende, Wachsende überall eindringen, man schaut es eindringen in die eigene Konstitution des Bildekräfteleibes. Man lernt erkennen, wie der Mensch mit seiner intimen geistig-seelischen und leiblichen Organisation eingegliedert ist einem kosmischen Werdeprinzip. Die Tatsachenwelt wird wirklich um eine Summe von geistigen Prozessen bereichert.

[ 33 ] Ebenso wie man das Sonnenhafte kennenlernt, lernt man das Mondhafte kennen. Es wird man gewahr als denjenigen Prozess, der in allem sich geltend macht als das Absterbende, als das Abnehmende, als das Welkmachende, das sich auch hereinerstreckt in den Menschen und immerzu bewirkt, dass nicht nur aufsteigende Wachstumskräfte in uns sind, die uns geleiten von der Jugend, immer weniger und weniger werden bis gegen das Alter hin, die uns aber geleiten dennoch bis zum Tode, dass nicht nur die Kräfte des Wachsens in uns sind, sondern auch die anderen, die des Zerstörens, des Abnehmens, des Alterns, dass die Mondenkräfte dieses sind.

[ 34 ] Der Mensch lernt sich einfügen in den Sonnen- und Mondenprozess. Und auf diese Weise — ich möchte sagen — erscheint sich der Mensch als Glied des ganzen Kosmos. So wie unsere Hand als ein Glied an unserem Organismus erscheint, die — wie wir wissen — nicht mehr das ist, was sie als Glied unseres Organismus ist, wenn wir sie wegschneiden, sie hat Sinn nur durch den ganzen Organismus, so gewahren wir, wenn wir ihn mit den geschilderten Erkenntnismitteln betrachten, wie der Mensch zwar durch seine äußere Sinnengestalt abgeschlossen ist von den anderen Dingen der Sinnenwelt, wie aber hinter dieser Sinnengestalt diejenigen Kräfte stehen, die sie gestalten, die sie aber zu gleicher Zeit zu einem Glied des ganzen Kosmos machen.

[ 35 ] Hier ist die Möglichkeit zu zeigen, dass den Kosmos als Summe von geistigen Wesenheiten kennenzulernen, auf keiner Phantastik beruht, sondern darauf, dass der Mensch erst in sich selber das ergreift, wodurch er die Prozesse, die Geschehnisse des Kosmos in ihrer Geistigkeit durchschauen kann. Man gelangt auf diesem Wege immer weiter und weiter, gelangt dazu, den Kosmos als eine Geistwelt zu erkennen. Und ist man dazu aufgestiegen, auf diese Weise in der Seele wirklich das Geistige zu schauen, dann steigt man eigentlich erst auf zu demjenigen, was nun erhaben ist über Wachstumskräfte und Zerstörungskräfte, was über Sonnen- und Mondenhaftes im Menschen gewissermaßen bei innerlichem Kampf den Sieg davon trägt. Man gelangt da in der vollendetsten Weise zu der wirklichen Erkenntnis des menschlichen Ich und man lernt erkennen jetzt, dass dieses Ich nicht beschränkt ist auf das eine Erdenleben.

[ 36 ] Hat man erst durch Inspiration erkannt, was durch Geburt und Tod geht, und wie die Seele ist außer dem Leibe, hat man erkannt, wie dasjenige, was außer dem Leibe ist, sich verbindet durch die Konzeption mit demjenigen, was ihm durch die Vererbungskräfte gegeben ist, dann merkt man, wenn man das zusammen wahrnehmen kann, dass noch etwas in der Seele wirkt, was rein geistig ist, was aber wirkt in unserem Ich. Ohne dieses Geistige wäre dieses Ich im Menschen durchaus ein machtloses Ding. Dieses Geistige, das ergibt sich dann, wenn man zur Intuition gelangt, als die Wiederholung der früheren Erdenleben. Der Mensch hat frühere Erdenleben durchgemacht — und immer wieder Leben zwischen dem Tod und einer neuen Verkörperung. Und dasjenige, was sich in einem Erdenleben betätigt für das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft mit Hilfe des gewöhnlichen Organismus, was durch diesen gewöhnlichen Organismus seinen Ausdruck findet, geht durch die Todespforte und durch die geistigen Welten. Indem es durchgegangen ist durch die geistigen Welten, indem es alles in sich aufgenommen hat, was es vorher nur durch den Leib in der Welt gewirkt und erfahren hat, tritt es in ein neues Erdenleben ein.

[ 37 ] Dasjenige, was man auf diesem Gebiet erfährt, gehört zu den intimsten Erlebnissen der Seele, zu jenen Erlebnissen, wo man gewahr wird, wie hinter selbst dem Geistig-Seelischen, das am Organismus arbeitet, schon etwas anderes liegt, etwas, was schon Erdenerfahrungen gesammelt hat, was etwas hereinträgt in dieses Leben, was in den beiden Welten nicht enthalten ist, die man schon kennengelernt hat. Es ist nicht in der Sinneswelt und nicht in der geistig-seelischen Welt enthalten. Man lernt dasjenige erkennen, was nun erhaben ist über Sinnliches und Seelisch-Geistiges dadurch, dass es schon die Erfahrung einer Sinneswelt hinter sich hat. Man lernt, weil man zuerst jene beiden anderen Welten kennengelernt hat, auch jene Welt, wo sich das sich Wiederholende im Menschen offenbart, kennen.

[ 38 ] Das kann gesagt werden über die Welt außerhalb des Menschen im Zusammenhang mit dem Menschen selber.

[ 39 ] Damit habe ich Ihnen ungefähr angedeutet das Wesen der Anthroposophie, wie man durch sie eindringen kann in den unsterblichen Teil der menschlichen Wesenheit, wie man in den Kosmos und in den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos eindringen kann. Lernt man aber den Menschen kennen an sich und in seiner Stellung zur Welt auf diese Art, dann dringt man allmählich zu den Gebieten vor, wo Anthroposophie nicht bloß eine Erkenntnis bleibt, die sie allerdings sein will zunächst, von der sie ganz und gar ausgeht, sondern man dringt zu demjenigen vor, was heute auch schon Anthroposophie in einem gewissen Sinne vermag, nämlich zu den Anwendungen der Anthroposophie auf die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft und des praktischen Lebens. Ich kann über diese Dinge hier nur noch kurze Andeutungen machen, möchte sie aber aus den Prinzipien heraus machen, die ich über das Wesen der Anthroposophie eben auseinandergesetzt habe.

[ 40 ] Zunächst lernt man den Menschen als ein Sinneswesen kennen, als ein Wesen, das als Natürliches innerhalb der Naturtatsachen, Naturkräfte und Naturstoffe besteht. Lernt man erkennen durch Physiologie und Biologie, wie die Stoffe der äußeren Natur in den Menschen eindringen, welche Wege sie durchmachen, welche Kräfte dann weiterwirken, dann wird man gewahr, wie der Mensch — ich möchte sagen — als ein physisch-sinnliches Ganzes dasteht. Aber lernt man den Menschen auf die Art kennen, wie ich es eben beschrieben habe, dann steht der Mensch nicht in dieser Art als ein physisch-sinnliches Ganzes vor uns, denn dann werden wir gewahr vor allen Dingen, wie der Mensch aus dem Kosmos herein in Bezug auf seine verschiedenen Glieder in der verschiedensten Weise bestimmt ist. So zeigt sich für die charakterisierte übersinnliche Erkenntnis, dass das Sonnenhafte, das aus dem Kosmos auf den Menschen wirkt und im Menschen weiter wirkt, seine Wirkung hat auf alles dasjenige, was ich die Haupt-, die Kopforganisation des Menschen nennen möchte, diejenige Organisation, welche in der Hauptsache die Nerven-Sinnes-Organisation ist. Das ist also das, was mit dem Werden, mit dem Wachsen des Menschen zu tun hat, was am stärksten innerlich tätig ist, beim ganz kleinen Kinde.

[ 41 ] Im Laufe des Lebens werden immer mehr und mehr die mondhaften Kräfte, die [ablähmenden], die zum physischen Tode führenden Kräfte wirksam. Die sind vorzugsweise tätig am entgegengesetzten Pol der menschlichen Organisation, in dem System der Gliedmaßen, der Bewegungsorgane und der innerlichen Bewegungsorgane, der Stoffwechselorgane. Kurz, wir lernen nun den Menschen nicht bloß als eine Ganzheit auffassen, sondern lernen ihn eingliedern in die Außenwelt. Das kann dann weiter spezialisiert werden. Was uns am Menschen wie abgeschlossen scheint für das gewöhnliche Bewusstsein, das wird zum Geschehen, zum Prozess für die übersinnliche Erkenntnis. Wir lernen sprechen durch übersinnliche Erkenntnis nicht nur vom Gehirn und seinen Teilen, sondern vom Gehirnprozess, vom lungenhaften Prozess, vom Herzensprozess, kurz, vom Menschen als einer in sich beweglichen, sogar seiner physischen Organisation nach vom Bildekräfteleib durchdrungenen Gestalt, sie bewegend, und wir lernen dasjenige, was der Ätherleib vollbringt mit dem physischen Leibe als eine Summe von Prozessen kennen. Dadurch aber dringen wir tiefer in die menschliche Wesenheit ein.

[ 42 ] Wir lernen die Bezüge der menschlichen Wesenheit zur Umgebung, im weitesten Sinn zum Kosmos kennen. Wir gelangen auf diesem Wege zu einer wirklichen, echten Menschenerkenntnis. Und sie haben gesehen, wir erringen nicht nur eine Menschenerkenntnis, sondern auch eine Erkenntnis der äußeren Welt. Wir lernen das Sonnenhafte, Mondhafte, dasjenige, was sonst im Kosmos lebt, in der Pflanzen-, Tier- und Gesteinswelt kennen. Wir lernen dadurch, dass wir den Menschen als Glied des Kosmos kennenlernen, sein Verhältnis zum Kosmos kennen; wir lernen die Prozesse kennen, die sich in gesunden und kranken Menschen ausleben. Wir lernen erkennen äußere Prozesse, die im gewissen Sinne die entgegengesetzten Prozesse dieser Prozesse sind. Wir lernen die Pflanzen, die Mineralien kennen, die die entgegengesetzten Prozesse enthalten. Wir dringen durch zu einer Pathologie und Therapie, zu einer medizinischen Wissenschaft, die nicht nur auf Probieren und Versuche angewiesen ist, sondern die, wie jede rationelle Naturwissenschaft, aus der Menschen- und Welterkenntnis heraus Gesundheit und Krankheit verfolgen lernt und verfolgen lernt, wie irgendein Arzneistoff im Menschen irgendeinem Prozesse hilft, der abweicht von dem, was dem Menschen frommt. So kann man einsehen, wie es gekommen ist, dass die anthroposophische Forschung fruchtbar gemacht wurde, indem begründet wurde in Stuttgart unser Klinisch-Therapeutisches Institut, in dem nach neuen Heilmitteln, nach neuen Therapien gesucht wird. Die Versuche sind schon so weit fortgeschritten, dass sie vor die Welt beweisend werden hintreten können, wie es möglich war, auf diesem Gebiet des praktisch-wissenschaftlichen Lebens Anthroposophie fruchtbar zu machen.

[ 43 ] Ebenso — meine sehr verehrten Anwesenden — konnten wir, indem Anthroposophie hineinführt in die Gestaltung der Welt, hinausführt aus demjenigen, was da ist, in dasjenige, was gestaltend ist, ebenso konnten wir einen Weg finden, von dem gesagt werden darf, dass er in einer gewissen Weise gerade die Erfüllung des Goethe’schen Kunstweges ist, zum Beispiel durch unseren Bau in Dornach, durch das Goetheanum, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, die nicht nur gewissermaßen eine äußerliche Umrahmung ist für die anthroposophische Betätigung, sondern die in ihrem Baustil künstlerisch so empfunden ist wie Anthroposophie mit demjenigen, mit dem sie als Weltanschauung vor die Menschheit hintritt. Hätte eine andere geistige Bewegung einen eigenen Bau gebraucht, sie hätte sich an den oder jenen Baumeister gewandt, der ihr aus dem romanischen oder gotischen oder sonst einem Baustil heraus eine Umrahmung geschaffen hätte.

[ 44 ] Die Anthroposophie will nicht abstrakte Erkenntnis sein, nicht bloß Theorie sein, sie kann nicht bloß die einzelnen Wissenschaften befruchten, sondern sie dringt vor von der gestalteten zu der sich gestaltenden Welt. Und nehmen wir einen Ausspruch, durch den Goethe gerade seine Art künstlerischer Empfindung charakterisiert hat. Er sagt: Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne die Kunst niemals würden offenbar werden können. — Goethe will, indem er künstlerisch schafft, nicht menschliche Willkür dem Stoffe einpflanzen, sondern das, was aus dem Kosmos selbst heraus im Geistigen empfunden oder — wie wir heute sagen wollten — im Geistigen erschaut wird. Ein Bau konnte erstehen, der in seinen Formen genau dasselbe für die äußere Anschauung sagt, was in Worten gesagt wird, indem man aus der Idee heraus die anthroposophische Anschauung, das Schauen der geistigen Welt vertritt. Und so wird Anthroposophie befruchtend auch für das künstlerische Leben wirken können.

[ 45 ] In Stuttgart hat Emil Molt im Jahre 1919 die Waldorfschule begründet, die von mir geleitet wird. Diese Waldorfschule ist durchaus keine Weltanschauungsschule, und diejenigen sagen etwas durchaus Falsches, die der Ansicht sind, dass in sie Anthroposophie als Weltanschauung hineingetragen werde. Das ist nicht der Fall. Es ist so weit gegangen, dass dort die religiösen Weltanschauungen vertreten werden von den Repräsentanten der einzelnen Religionsbekenntnisse. Katholische Weltanschauung wird von den Pfarrern der katholischen Kirche gelehrt, protestantische Weltanschauung von den Pfarrern der protestantischen Kirche. Nur für diejenigen Kinder, die sonst gar keinen Religionsunterricht hätten, haben wir einen besonderen Religionsunterricht eingeführt, der aber nicht eine anthroposophische Weltanschauung den Kindern aufpfropfen will. In der pädagogischen Methode der Waldorfschule, in der Didaktik, soll sich das aussprechen, was Anthroposophie auf diesem wichtigsten Gebiet des praktischen Lebens geben kann.

[ 46 ] Und — meine sehr verehrten Anwesenden — anthroposophische Erkenntnis gibt eben Menschenerkenntnis. Man kann verfolgen mit ihr, wie das Geistig-Seelische von dem ersten Lebensaugenblick beim Kinde sich auslebt, immer mehr und mehr in die äußere physische Form plastisch hineinwirkt dasjenige, was geistig-seelisch ist. Man kann gewisse Gesetze finden, die anders sind im Kinde bis zum Sprechenlernen, dann wiederum anders sind bis zum neunten Lebensjahr etwa, dann wiederum bis zur Geschlechtsreife. Man kann das Kind ganz und gar kennenlernen, man braucht kein Revolutionär zu werden in Bezug auf die Grundgesetze des Lebens. Dasjenige, was wir brauchen, ist praktische Menschenerkenntnis. Anthroposophie will nicht revolutionierende neue Grundsätze um jeden Preis schaffen, sie will das Kind so kennenlernen, dass derjenige, der mit Unterricht zu tun hat, das alles, was an Lehrplan, an Lehrziel entfaltet wird, gewissermaßen ablesen kann an der geistig-seelisch-leiblichen Erkenntnis, zu der es Anthroposophie bringen kann, wie ich es mir erlaubt habe zu beschreiben.

[ 47 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man darf wohl sagen: Hätte auf irgendeinem anderen Gebiete irgendetwas in gleicher Art fruchtbar wirken können, wie sich zum Beispiel beim anthroposophischen Kongress in Stuttgart diesen verflossenen Sommer manches ausgelebt hat, die Welt würde anders auf so etwas hingesehen haben. Haben wir doch zum Beispiel bei diesem Kongress erlebt, wie die äußere, experimentelle Psychologie und Pädagogik eine so vorzügliche Besprechung erlebt hat, wie in dem Vortrag von Dr. von Heydebrand. Es würde dieses, wenn es auch anderen Gebieten gegeben worden wäre, durch lange Zeiten das Tagesgespräch gegeben haben für alle, die an Erziehung und Unterricht beteiligt sind. Anthroposophie, die sich eben ihr Feld zu erkämpfen hat, zu erkämpfen auf pädagogischem Gebiet und auch auf anderen Gebieten, [wird dann auch für andere Gebiete fruchtbar werden].

[ 48 ] Wir haben es erlebt in der neueren Kultur, dass das Denken, die ganze Vorstellungsart, welche hervorgeht einfach aus der naturwissenschaftlichen Denkweise, uns hineingeführt hat in eine soziale Weltauffassung und Lebensanschauung, die nun ihre furchtbar zerstörenden Früchte vor allen Dingen im Osten Europas treiben. Wir haben es erlebt, was das rein naturwissenschaftliche Leben, das nicht zum Geiste vordringen will, auf sozialem Gebiete für Früchte trägt. Dasjenige, was an Anthroposophie zur Offenbarung kommen soll, soll nicht bloß erfassen den Menschen als ein Naturwesen und ihn auch in das soziale Leben hineindenken als Naturwesen, sondern ihn erfassen als Wesen von Leib, Seele und Geist. Und auf diesem Wege kann Anthroposophie das soziale Leben befruchten. Das kann sich allerdings nur nach und nach zeigen, es muss sich allmählich in einzelnen praktischen Dingen ausleben, die auch schon verfolgt worden sind. Davon will ich nicht sprechen, aber davon, dass auch die Nationalökonomie, die aus rein äußeren Anschauungen entstanden ist, eine vorzügliche Kritik erfahren hat durch Emil Leinhas, sodass hier, in seinem Vortrag «Der Bankrott der Nationalökonomie», der jetzt auch gedruckt vorliegt, ein Weg gezeigt wurde, wie in das soziale Leben Geistigkeit eingeführt werden kann. Aber nicht bloß so wird hier das soziale Leben seinen entsprechenden Richtungen entgegengeführt, wie bei einem, der zu einem Ofen spricht: Lieber Ofen, deine Aufgabe ist es, das Zimmer warm zu machen, also mache es warm. Das hilft bekanntlich nichts, sondern man muss dem Ofen Heizmaterial zuführen, dann kommt das Warmmachen von selbst. Durch Zureden, durch einen kategorischen Imperativ, wird das soziale Leben nicht seinen entsprechenden Richtungen entgegengeführt. Das kann einzig und allein dadurch erreicht werden, dass man von den Kräften Gebrauch macht, die wirklich ins praktische Leben eingeführt werden können.

[ 49 ] Und als Letztes, wo Anthroposophie befruchtend wirken kann — es ist aber vielleicht das Allerwichtigste, gehört jedoch nicht zu unserem Thema —, nenne ich das Gebiet des religiösen Lebens. Gerade hier wird Anthroposophie verkannt, indem man glaubt, sie wolle irgendetwas Sektiererisches dem Leben einverleiben, indem sie aber zeigt, wie Erkenntnis — die es so strenge mit sich nimmt wie die gewöhnliche Wissenschaft — zum GeistigSeelischen vordringt in der Welt und in dem Wesenskern des Menschen erfüllt dasjenige, was als Ergebnis von ihr kommt, die menschliche Seele, auch mit religiöser Innigkeit. Der Mensch lernt gewissermaßen dasjenige — indem er religiös erwachsen ist — erkennen, durchleuchtet von dem Licht, das durch Anschauen der geistigen Welten, denen der Mensch doch angehört, allein kommen kann.

[ 50 ] Nichts möchte Anthroposophie sein für das religiöse Leben als das, was nach den Anforderungen und Sehnsüchten des modernen Menschen dieses Leben so durchleben kann, dass es innerliche Sicherheit bietet, dass es Halt gibt für das Leben, dass es eintreten kann auch in die Lebenspraxis. Denn das ist doch zuletzt dasjenige, worauf alles ankommt: die Lebenspraxis. Wenn wir zu einer geistigen Welt aufsteigen würden, die wir nur aus Wolkenkuckucksheim halb träumend erblicken würden, und das andere Leben ohne den Einfluss dieser geistigen Welt verlaufen würde, so wäre diese geistige Welt für den Menschen von höchst fragwürdigem Wert. Nicht so tritt Anthroposophie vor den Menschen hin, dass diese sich nach dem Muster gewisser Mystiker richten soll, denen die sinnliche Welt immer zu schlecht ist. Sie möchte auch zu den höheren Welten aufrücken, aber sie weiß, dass die höheren geistigen Welten diejenigen sind, die ihr Leben gerade dadurch zur Offenbarung bringen, dass das Physisch-Materielle ihre Schöpfung ist.

[ 51 ] Und so sucht Anthroposophie Grundlage zu werden für eine wahre Lebenspraxis. Wir durchpulsen uns mit dem, was im geistigen Leben erschaut werden kann, versuchen es aber in alle Gebiete des Lebens, der Lebenspraxis, hineinzutragen. Denn nicht diejenige geistige Welt ist die richtige, in die man sich flüchten muss, sondern diejenige, in der man tatkräftig ins Leben untertauchen kann. Und so möchte Anthroposophie werden nicht irgendetwas, was gegen die großen Fortschritte der Naturerkenntnis und dessen, was aus Naturerkenntnis hervorgeht, sich wendet, sondern etwas, was geradezu dieser Naturerkenntnis im Sinne einer Geisterkenntnis, aber auch im Sinne einer wahren geistgemäßen menschenwürdigen Lebenspraxis weiterbildet. Niemand mehr als gerade der, der auf dem Boden dieser geisteswissenschaftlichen Anthroposophie steht, wird die große Bedeutung der neuzeitlichen Naturwissenschaft anerkennen und ablehnen jeden Dilettantismus auf jedem Gebiet, wenn dieser für das geistige Leben tonangebend werden will. Aber das muss dennoch aus den tiefsten Sehnsuchten des menschlichen Herzens und alles menschlichen Erkenntnisstrebens hervorgehen, was zum Schluss Anthroposophie sein will.

[ 52 ] So wie wir den ganzen, den vollen Menschen erst vor uns haben, wenn wir nicht nur die äußere Natur des Menschen, die äußere, leibliche Organisation ins Auge fassen, sondern wenn wir ihn durchseelt und durchgeistigt erschauen, so haben wir auch nur ein wirkliches Wissen von der Welt und dem Menschen und eine geistgemäße und menschenwürdige Lebenspraxis, wenn wir unsere Naturpraxis und unser Naturwissen durchdringen wollen mit dem, was aus dem Geiste, aus der Seele kommt. Und so möchte sich Anthroposophie nicht widersetzen den naturwissenschaftlichen Fortschritten, sondern möchte selber echten wissenschaftlichen Sinn haben, möchte sein dasjenige, was für den ganzen Menschen die Seele ist, der Geist ist in der Leiblichkeit. Das möchte sie für das äußere Naturwissen, für die äußere Naturpraxis sein. Gewissermaßen möchte sie sehen in der großartigen, gewaltigen Naturanschauung und -praxis der neueren Zeit auch eine Seele, auch einen Geist, und als Zentrum, als seelisches und geistiges Zentrum für Naturwissen und Naturpraxis möchte die hier gemeinte Anthroposophie auftreten und verstanden sein.