The Essence of Anthroposophy
GA 80a
20 January 1922, Mannheim
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The Essence of Anthroposophy, tr. SOL
5. Das Wesen der Anthroposophie
5. The Essence of Anthroposophy
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Anthroposophie wird gegenwärtig von vielen Menschen, die sich von außen her zunächst mit ihr beschäftigen, als ein mehr oder weniger phantastischer Versuch angesehen, durch Erkenntnis in Weltgebiete einzudringen, mit denen sich ernste Wissenschaft nichts zu tun machen soll.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anthroposophy is currently viewed by many people—who are initially approaching it from the outside—as a more or less fanciful attempt to penetrate, through knowledge, areas of the world with which serious science is not supposed to concern itself.
[ 2 ] Nun will ja allerdings Anthroposophie eindringen in diejenigen Gebiete, welche gewöhnlich, mit mehr oder weniger Recht, als übersinnliche Gebiete bezeichnet werden, und in denen der Mensch mit seinem eigentlichen tieferen, mit seinem ewigen Wesen wurzelt. Es gibt ja heute allerdings schon ganz ernst zu nehmende wissenschaftliche Forscher, welche sich an allerlei abnorme Fähigkeiten des Menschen wenden, die hinweisen darauf, dass der Mensch noch anderen Gesetzen unterliegt und in anderer Weise mit der Welt zusammenhängt, als in der Art, wie man es durch die gebräuchlichen naturwissenschaftlichen Studien feststellen kann.
[ 2 ] Anthroposophy, however, seeks to penetrate those realms that are usually—with more or less justification—referred to as the supersensible realms, and in which human beings are rooted in their true, deeper, eternal nature. Indeed, there are already serious scientific researchers today who are investigating all manner of abnormal human abilities, which indicate that human beings are subject to other laws and are connected to the world in ways different from those that can be ascertained through conventional scientific studies.
[ 3 ] Allein gerade diejenigen, welche sich an solche abnorme menschliche Fähigkeiten wenden, die sie dann in durchaus berechtigter Weise nur wissenschaftlich registrieren, nach ihren Gesetzmäßigkeiten erforschen, gerade diese sehen oftmals den Weg, welchen Anthroposophie einschlägt, als einen phantastisch-nebelhaft-mystischen, als einen solchen an, der sogar zu allerlei abergläubischen Anschauungen und zur Schwärmerei führen müsse. Nun kann man allerdings — meine sehr verehrten Anwesenden — nicht sagen, dass schwärmerisch-mystische Naturen auf die Dauer irgendwie befriedigt sein können von demjenigen, was Anthroposophie ihrem eigentlichen Wesen nach ist. Solche Naturen, die ja wohl, es gibt heute viele solche, überall da hinlaufen, wo von irgendetwas Okkultem — wie sie es nennen — die Rede ist, solche Naturen finden ja sehr bald, dass Anthroposophie durchaus fußen will auf strengem Denken, auf demjenigen, was man bezeichnen kann gewissenhafte wissenschaftliche Methode. Und das taugt für schwärmerische, für nebelhaft-mystisch angelegte Naturen ja eigentlich nicht. Das hindert natürlich auch auf der anderen Seite nicht, dass diejenigen, die das, was ihnen ungewohnt ist, mit einer leichten Handbewegung abweisen wollen, dann doch finden, zur Anthroposophie kämen neurasthenische oder hysterische Naturen und was dergleichen mehr ist.
[ 3 ] Yet it is precisely those who turn to such abnormal human abilities—which they then, quite justifiably, merely record scientifically and investigate according to their laws—who often view the path taken by anthroposophy as fantastical, nebulous, and mystical, as one that must inevitably lead to all manner of superstitious beliefs and fanaticism. Now, however—my esteemed audience—one cannot say that enthusiastic, mystical types can, in the long run, be in any way satisfied by what anthroposophy is in its very essence. Such people—and there are indeed many of them today—who rush wherever there is talk of anything “occult,” as they call it, will very soon discover that anthroposophy is firmly grounded in rigorous thinking, in what might be called a conscientious scientific method. And that really isn’t suitable for enthusiastic, nebulous, and mystically inclined personalities. Of course, this does not prevent those who wish to dismiss what is unfamiliar to them with a casual wave of the hand from concluding that anthroposophy attracts neurasthenic or hysterical personalities and the like.
[ 4 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden — diesem Zerrbild gegenüber, das sehr häufig von Anthroposophie gegenwärtig noch entworfen wird, ist es nicht ganz leicht, in einem kurzen Vortrage das Wesen dieser Forschungsrichtung und dieser Weltanschauung zu charakterisieren. Ich will es heute Abend dadurch versuchen, dass ich zunächst die Wege charakterisiere, auf denen Anthroposophie eindringen will in diejenigen Gebiete, welche der gewöhnlichen Naturwissenschaft nicht zugänglich sind. Und ich will dann versuchen, wenigstens andeutungsweise einiges über die Ergebnisse zu sagen, zu denen man auf solchen Wegen gelangt.
[ 4 ] Well—my esteemed audience—in the face of this distorted image of anthroposophy that is still so frequently portrayed today, it is not entirely easy to characterize the essence of this field of research and this worldview in a short lecture. I will attempt to do so this evening by first describing the paths through which anthroposophy seeks to penetrate those realms that are inaccessible to conventional natural science. And I will then try to say at least a few words about the results that are reached through such paths.
[ 5 ] Man soll nur ja nicht glauben, dass Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, irgendwie oppositionell sich stellen möchte gegen dasjenige, was im Laufe der letzten Jahrhunderte und insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts die einzigartigen naturwissenschaftlichen Methoden für den Menschheitsfortschritt geleistet haben. Das muss durchaus als eine Voraussetzung hingenommen werden, dass Anthroposophie darauf hält, in vollem Einklange mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der neueren Zeit zu stehen, dass Anthroposophie durchaus auch nichts zu tun haben will mit irgendwelchen abnormen menschlichen Fähigkeiten, sondern nur mit einer sachgemäßen Fortsetzung der ganz normalen menschlichen Erkenntnis- und Seelenfähigkeit. Man glaubt ja oftmals, dass gerade durch eine solche normale Fortsetzung und Weiterentwicklung nicht irgendetwas Erhebliches erreicht werden könne. Gegen dieses Vorurteil hat Anthroposophie zunächst anzukämpfen. Da aber begegnet sie zunächst zwei gewaltigen Klippen. Und indem sie in völlig unbefangener Weise sich klar wird über diese zwei Erkenntnisklippen, möchte sie dazu gelangen, einen Weg zu finden, der diese Klippen vermeidet.
[ 5 ] One should certainly not believe that anthroposophy, as understood here, seeks in any way to oppose what the unique methods of the natural sciences have achieved for human progress over the course of the last few centuries, and especially during the nineteenth century. It must certainly be accepted as a prerequisite that anthroposophy is committed to being in full harmony with the scientific findings of recent times, and that anthroposophy has absolutely no interest in any kind of abnormal human abilities, but only in a proper continuation of the entirely normal human capacities for cognition and spiritual life. It is often believed that nothing significant can be achieved precisely through such a normal continuation and further development. Anthroposophy must first combat this prejudice. In doing so, however, it initially encounters two formidable obstacles. And by becoming fully aware of these two obstacles to knowledge in a completely unbiased manner, it hopes to find a path that avoids them.
[ 6 ] Wir haben auf der einen Seite — wie ich schon erwähnt habe — die gewaltigen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der neueren Zeit mit ihren großartigen praktischen Wirkungen für das Leben. Anthroposophie sieht durchaus hin auf die Anschauungen jener ‹vorsichtigem›, auf der Höhe ihrer Wissenschaft stehenden Naturdenker, welche von den notwendigen Grenzen dieser Naturerkenntnis sprechen.
[ 6 ] On the one hand—as I have already mentioned—we have the tremendous scientific research findings of recent times, with their magnificent practical implications for life. Anthroposophy certainly takes into account the views of those “cautious” natural philosophers, who stand at the pinnacle of their science, and who speak of the necessary limits of this knowledge of nature.
[ 7 ] Zunächst bietet sich ja der menschlichen Erkenntnis dasjenige dar, was von den Sinneseindrücken kommt, was der Beobachtung, dem Experiment zugänglich ist und was der menschliche Intellekt an Gesetzmäßigkeiten innerhalb dieses Sinnesgebietes finden kann. Nun besteht ja oftmals das Bestreben, über dieses Sinnesgebiet durch bloßes, sich selbst überlassenes Denken hinauszugehen zu Gebieten, welche hinter der Sinneswelt liegen. Das sind die Versuche, welche durch — wie man sagt — philosophisches Denken, philosophische Spekulation über das Sinnesgebiet hinausgehen wollen. Derjenige aber, der nicht als Laie oder Dilettant, sondern als Kenner der naturwissenschaftlichen Methoden diesen gegenübersteht, der kann auch wissen durch die besondere Art der Handhabung des Denkens in der Naturwissenschaft, wie dasjenige Denken, das gerade unsere wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit hervorgebracht hat, wie das sich nicht nur willkürlich an die äußeren Tatsachen der Sinneswelt bindet, sondern wie es sich in der neueren Zeit zu seiner Größe gerade dadurch heranentwickelt hat, dass es sich den Gesetzen der äußeren Sinneswelt angepasst hat, dass es den Tatsachen, die in der äußeren Sinneswelt zu beobachten sind, gewissenhaft folgt. Und hat man einmal dies durchgemacht, wie so das naturwissenschaftliche Denken den Tatsachen folgt, dann weiß man auch, in welche Unsicherheiten, in welche subjektiven Willkürlichkeiten man hineinkommt, wenn man das sichere Gebiet der sinnlichen Tatsachen verlässt, das Gebiet der Beobachtung und des Experiments, und sich hingibt dem sich selbst überlassenen Denken.
[ 7 ] To begin with, what presents itself to human cognition is that which comes from sensory impressions, that which is accessible to observation and experimentation, and that which the human intellect can discover in terms of laws within this realm of the senses. Now, there is often an effort to go beyond this sensory realm—through mere, unguided thinking—into realms that lie beyond the sensory world. These are the attempts that, through what is called “philosophical thinking” or “philosophical speculation,” seek to go beyond the sensory realm. But anyone who approaches this not as a layperson or dilettante, but as an expert in the methods of the natural sciences, can also know—through the particular way of applying thought in the natural sciences—how the very kind of thinking that our scientific rigor has brought forth—not only binds itself arbitrarily to the external facts of the sensory world, but has, in recent times, developed its greatness precisely by adapting itself to the laws of the external sensory world and by conscientiously following the facts observable in that world. And once one has gone through this process—that is, seen how scientific thinking follows the facts—then one also knows what uncertainties and what subjective arbitrariness one encounters when one leaves the secure realm of sensory facts, the realm of observation and experiment, and surrenders to thinking left to its own devices.
[ 8 ] Daher kommt es ja auch, dass diejenigen, an welche dann eine solche Weltanschauung herantritt, die durch dieses Denken zustande gekommen ist, sich unbefriedigt fühlen. Sie müssen sich sagen: Ja, dasjenige, was da der eine oder andere Denker, über die Sinneswelt hinausgehend, in seinen Gedanken kombiniert, es hätte, wenn er anders veranlagt gewesen wäre, eben auch anders ausfallen können. Und es fällt ja auch anders aus. Die philosophischen Systeme streiten miteinander, und der Streit der philosophischen Systeme begründet eben diejenige Unbefriedigung, die sofort auftreten muss für das unbefangene Menschengemüt, wenn Naturwissenschaft ihre Grenzen in der eben angedeuteten Weise überschreitet. Nun, Anthroposophie ist zunächst durchaus nicht geneigt, über die Natur in einer anderen Weise zu denken als der strenge Naturforscher selbst. Und auch dasjenige, was sie über übersinnliche Welten zu ergründen unternimmt, das soll nur sein eine wirkliche Fortsetzung der einheitlichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung, nicht das Auffinden etwa im dualistischen Sinne irgendeiner zweiten Welt zu derjenigen, in welcher wir zunächst leben als Mensch. Aber es gibt heute viel tiefer angelegte Naturen, die fühlen sich gegenüber den Sehnsuchten der Menschenseele doch unbefriedigt von dem, was Naturwissenschaft über die äußere Natur geben kann, der ja auch der Mensch mit seiner physischen Körperlichkeit eingegliedert ist. Dann wenden sich solche tieferen Naturen wohl ab von allem Forschen, von allem gewissenhaften Erkennen im Sinne der Naturwissenschaft, und sie wenden sich zu einer gewissen mystischen Richtung. Das ist ja heute etwas sehr Verbreitetes, dass sich Menschen sagen: Die äußere Beobachtung, das äußere Experiment, sie liefern Großartiges für das praktische Leben, aber der Menschenseele mit ihren Hoffnungen für das Ewige, mit ihrer Sehnsucht, ihr eigenes tieferes Wesen zu ergründen, können sie nichts geben. Solche Naturen suchen sich dann Wege, sich hinunterzuversenken in die tieferen Schächte der Seele, und glauben dann, in diesen tieferen Seelenschächten dasjenige zu finden, in mystischer Versenkung zu finden, was eben durch äußere Beobachtung nicht gefunden werden kann.
[ 8 ] That is precisely why those who are then exposed to such a worldview—one that has arisen from this way of thinking—feel unsatisfied. They must tell themselves: Yes, what one thinker or another combines in his thoughts, going beyond the sensory world, could have turned out differently if he had been differently inclined. And indeed, it does turn out differently. Philosophical systems are at odds with one another, and this conflict among philosophical systems is precisely the source of the dissatisfaction that must immediately arise in the unbiased human mind when natural science transcends its boundaries in the manner just described. Now, anthroposophy is, to begin with, by no means inclined to think about nature in any other way than the rigorous natural scientist himself does. And even what it undertakes to explore regarding supersensible worlds is intended to be nothing more than a genuine continuation of the unified scientific worldview—not the discovery, for example in a dualistic sense, of some second world alongside the one in which we initially live as human beings. But there are people today with much deeper natures who, in light of the longings of the human soul, feel unsatisfied by what natural science can offer regarding external nature—into which human beings, with their physical bodies, are, after all, integrated. Such deeper natures then turn away from all research, from all conscientious inquiry in the sense of natural science, and turn toward a certain mystical direction. This is, after all, a very widespread phenomenon today: people tell themselves that external observation and external experimentation provide great benefits for practical life, but they can offer nothing to the human soul with its hopes for the eternal and its longing to fathom its own deeper being. Such individuals then seek ways to plunge down into the deeper recesses of the soul, believing that in these deeper recesses—through mystical contemplation—they will find precisely what cannot be found through external observation.
[ 9 ] Und damit bin ich an der zweiten Klippe, an welcher Anthroposophie vorbeikommen muss. Sie kann ebenso wenig stehen bleiben bei der begrenzten Naturerkenntnis, wie sie irgendwie stehen bleiben kann bei irgendeiner Art nebelhafter Mystik. Denn gerade derjenige, welcher in unbefangener Seelenbeobachtung — und zu einer solchen muss man ja gerade durch die Anthroposophie immer mehr und mehr vordringen —, derjenige, der durch eine unbefangene Seelenbeobachtung in das Innere dringt, der weiß, wie Eindrücke, die wir vielleicht vor Jahrzehnten, vielleicht damals halb unbewusst, in unsere Seelen aufgenommen haben, wiederum nach langer Zeit herauftauchen, wie sie nicht nur so herauftauchen, wie sie dazumal aufgenommen worden sind, sondern sie verbinden sich in den Tiefen des menschlichen Gemütes mit allerlei Gefühlen, allerlei Empfindungen, sie werden durchsetzt von Willensimpulsen oftmals so, dass der Mensch mit seinem vollen Bewusstsein bei dieser unterbewussten Seelentätigkeit gar keinen Anteil hat. Und dann treten sie nach Jahren aus der Seele heraus bei sich versenkenden Mystikern, die wissen dann nicht, dass das nur umgewandelte äußere Eindrücke sind, halten es für göttliche Eingebungen, glauben, in dem, was sie da heraufholen an umgewandelten äußeren Wahrnehmungseindrücken, nähern sie sich denjenigen Quellen des Weltendaseins, in welche die Menschenseele mit ihrem Ewigen eingesenkt ist.
[ 9 ] And this brings me to the second obstacle that anthroposophy must overcome. It cannot remain confined to a limited understanding of nature any more than it can remain confined to any kind of nebulous mysticism. For it is precisely the person who, through unbiased observation of the soul—and it is precisely through anthroposophy that one must advance more and more toward such observation—the person who penetrates into the inner self through unbiased observation of the soul, who knows how impressions that we may have absorbed into our souls decades ago, perhaps half-unconsciously at the time, into our souls, resurface after a long time—and not only do they resurface exactly as they were absorbed back then, but they also combine in the depths of the human mind with all manner of feelings and sensations; they are often interwoven with impulses of the will in such a way that the person, with their full consciousness, has no part at all in this subconscious activity of the soul. And then, years later, they emerge from the soul in the case of mystics who are deeply absorbed in themselves; these mystics do not realize that these are merely transformed external impressions; they regard them as divine inspirations, and believe that through what they bring forth—these transformed external sensory impressions—they are drawing closer to those sources of world existence into which the human soul, with its Eternal Self, is immersed.
[ 10 ] Auch dieser Seite der vermeintlichen Erkenntnis des Ewigen wendet sich Anthroposophie nicht zu, sondern sie sagt sich: In der äußeren Naturerkenntnis ergeben sich die äußeren Tatsachen und ihre Gesetzmäßigkeiten, in der inneren Versenkung ergibt sich im Grunde genommen doch nur dasjenige, was unmittelbare oder umgewandelte Erinnerung an die Eindrücke der äußeren Sinneswelt ist. Und gerade, indem ganz exakt Anthroposophie auf diese Dinge eingeht, kommt sie dazu, sich zu sagen: Es ist unmöglich, mit denjenigen Erkenntnisfähigkeiten, die der Mensch zunächst hat für das normale Leben und auch für die gewöhnliche Wissenschaft, auf der einen Seite die Grenzen der Naturerscheinungen zu überschreiten, auf der anderen Seite tiefer in das Wesen der Menschenseele selbst einzudringen. Gerade aus diesem Grunde, weil Anthroposophie nach beiden Richtungen hin unbefangen sieht, sucht sie den Weg einer Weiterentwicklung der menschlichen Seelenfähigkeiten.
[ 10 ] Anthroposophy does not turn to this aspect of the supposed knowledge of the Eternal either, but rather states: In the external study of nature, external facts and their laws emerge; in inner contemplation, however, what ultimately emerges is essentially nothing more than what constitutes a direct or transformed recollection of impressions from the external sensory world. And precisely because anthroposophy addresses these matters with such precision, it comes to conclude: It is impossible, using the faculties of cognition that human beings initially possess for normal life and also for ordinary science, to, on the one hand, transcend the limits of natural phenomena, and, on the other hand, to penetrate more deeply into the very essence of the human soul itself. Precisely for this reason—because anthroposophy views both directions with an open mind—it seeks the path toward a further development of the human soul’s faculties.
[ 11 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man sich auf diesen Weg begeben will, dann gehört etwas dazu, was allerdings der Mensch sich nur langsam und schwer erringt und was ich nennen möchte: intellektuelle Bescheidenheit. Man muss sich nämlich in einem bestimmten Augenblick seines Lebens das Folgende sagen können: Ich bin als ganz kleines Kind durchaus nicht ausgerüstet gewesen mit den Fähigkeiten, die ich heute habe. Ich war unorientiert in der Welt, und aus den Tiefen des Menschwesens herauf haben sich die Fähigkeiten entwickelt, die mir heute Erkenntnis möglich machen, die mir heute die praktische Orientierung im Leben möglich machen. Im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft schließt man nun mit demjenigen, was da durch Erziehung errungen worden ist, was durch das Leben angeeignet worden ist, ab. Derjenige, der im anthroposophischen Sinne zur Forschung kommen will, der darf aber da nicht abschließen, der muss gewahr werden, wie es außer diesen Fähigkeiten des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft in der Seele schlummernde Fähigkeiten gibt, die durch gewisse Seelenübungen, intime Seelenübungen heraufgeholt werden können und durch deren Ausbildung man eben zur Anschauung einer ganz anderen Welt kommt noch, als diejenige ist, die einen sonst umgibt. Die Ausbildung dieser Fähigkeiten geschieht nicht durch äußere Maßnahmen, sie geschieht durch intime Seelenübungen. Und dabei ist zu beachten, dass diese Seelenübungen so vorgenommen werden, dass dabei durchaus waltet jene wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, welche man sich aneignen kann im gegenwärtig berechtigten Wissenschaftsgebiete. Zunächst richtet sich allerdings dasjenige, was durch Anthroposophie zu vollbringen ist, nach dem Innern der Seele hin, aber dabei wird so streng vorgegangen, dass eben Rechenschaft abgelegt werden kann vor den Methoden einer gewissenhaften Wissenschaftlichkeit.
[ 11 ] Now—my esteemed audience—if one wishes to embark on this path, it requires something that people, however, acquire only slowly and with great difficulty, and which I would like to call intellectual humility. For at a certain moment in one’s life, one must be able to say to oneself: As a very small child, I was by no means equipped with the abilities I possess today. I was disoriented in the world, and from the depths of the human being arose the abilities that today make knowledge possible for me, that today enable me to find practical orientation in life. In ordinary life, and also in ordinary science, one is content with what has been attained through education and what has been acquired through life experience. However, anyone who wishes to engage in research in the anthroposophical sense must not stop there; they must become aware that, beyond these abilities of ordinary life and ordinary science, there are abilities slumbering in the soul that can be brought to the surface through certain soul exercises, intimate soul exercises, and through the cultivation of which one gains insight into a world entirely different from the one that otherwise surrounds us. The development of these abilities does not occur through external measures; it occurs through intimate soul exercises. And it must be noted that these soul exercises are carried out in such a way that they are governed entirely by the scientific rigor that one can acquire in the currently recognized fields of science. Initially, however, what is to be accomplished through anthroposophy is directed toward the inner life of the soul; yet the approach is so rigorous that it can be held accountable to the methods of conscientious scientific inquiry.
[ 12 ] Nun handelt es sich darum, dass dasjenige, was durch diese intimen Seelenübungen angestrebt werden soll, zunächst eine Erkraftung, eine Verstärkung des gesamten menschlichen Seelenwesens ist — nach der einen Seite hin eine Verstärkung, eine Erkraftung des Vorstellungslebens.
[ 12 ] The point is that what these intimate soul exercises are intended to achieve is, first and foremost, a strengthening and invigoration of the entire human soul—on the one hand, a strengthening and invigoration of the life of imagination.
[ 13 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, geradeso, wie man, wenn man einen Muskel zur Arbeit braucht, die Kraft dieses Muskels verstärkt, den Muskel selber stärker macht, so kann man auch dasjenige, was Vorstellungskraft im Menschen ist, verstärken, erkraften, indem man es einfach übersetzt, umsetzt in eine sonst nicht im Leben vorkommende seelische Arbeit. Diese seelische Arbeit, ich werde sie prinzipiell beschreiben, das Ausführliche darüber — denn es sind viele und jahrelange Übungen notwendig zu dieser Erkraftung des Vorstellungslebens —, das Ausführliche finden Sie in meinen Büchern, zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder im II. Teil meiner «Geheimwissenschaft», oder kürzer dargestellt im letzten Kapitel meiner «Rätsel der Philosophie». Aber, wie gesagt, ich möchte das Prinzipielle, das Wesentliche der Sache heute Abend darstellen.
[ 13 ] Ladies and gentlemen, just as when you need a muscle to work, you strengthen that muscle—making the muscle itself stronger—so too can you strengthen and develop what constitutes the power of imagination in human beings by simply translating it and transforming it into a form of spiritual work that does not otherwise occur in life. I will describe this spiritual work in general terms; the details—for many years of practice are necessary to strengthen the life of the imagination—can be found in my books, for example in *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?* or in Part II of my *Esoteric Science*, or presented more briefly in the last chapter of my *The Riddles of Philosophy*. But, as I said, I would like to present the fundamental principles, the essence of the matter, this evening.
[ 14 ] Es handelt sich zunächst darum, dass man behufs einer Erkraftung des menschlichen Vorstellungswesens leicht überschaubare Vorstellungen oder Vorstellungskomplexe in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt und dann das Seelenleben, mit Abwendung von allem anderen, ganz einem solchen Vorstellungskomplexe hingibt. Es ist gut, ja, fast notwendig, dass man einen solchen Vorstellungskomplex entweder so findet, dass man ihn aufsucht — sagen wir — in einem Buche, das einem zunächst ganz unbekannt ist, das man einfach auf einer Seite aufschlägt, sodass man irgendeinen Spruch, einen Satz nimmt, von dem man ganz sicher ist, er ging einem bisher nicht durch das Bewusstsein, durch das Seelenleben, oder aber man kann sich auch von jemandem, der in diesen Dingen erfahren ist, irgendeinen solchen Inhalt geben lassen, auf den man dann das Seelenleben konzentriert, dem man sich, wie ich das in den genannten Büchern bezeichnet habe, meditativ hingibt. Es ist notwendig, dass man sich einem Seeleninhalt hingibt, der in dieser Weise einem bisher unbekannt war, aus dem Grunde, weil, wenn man aus den Schätzen seiner Erinnerungen heraufholt irgendeinen Seeleninhalt, so hat sich der verknüpft mit allerlei anderen Gebieten des Seelenlebens. Man kann gar nicht wissen, was man da aus den unterbewussten Untergründen der Seele heraufholt und was sich einem dann als Reminiszenzen ergibt. Davor ist man nur behütet, wenn man einen leicht überschaubaren Vorstellungsinhalt hat, der einem aber bisher unbekannt war. Dann handelt es sich darum, mit Außerachtlassung von allem anderen, mit Abwendung der Aufmerksamkeit vom ganzen übrigen Leben und Weltendasein, die Seele auf diesen Vorstellungsinhalt zu konzentrieren, und zwar — Sie finden in den genannten Büchern die Übungen, die dazu führen, angegeben — so zu konzentrieren, dass niemals der voll bewusste Wille, die echte Besonnenheit dabei aufhört, sondern der Mensch sich hingibt einer solchen Konzentration oder Meditation mit vollständig innerer Willkür, mit derjenigen inneren Willkür, mit der man auch einem äußeren, sinnlichen Wahrnehmungsinhalt hingegeben ist.
[ 14 ] The first step is to bring easily comprehensible ideas or complexes of ideas into the center of one’s consciousness in order to strengthen the human faculty of imagination, and then to devote one’s inner life entirely to such a complex of ideas, turning away from everything else. It is good—indeed, almost necessary—to find such a complex of ideas either by seeking it out—let’s say—in a book that is initially completely unknown to you, which you simply open to a random page, so that you take some saying or sentence about which you are absolutely certain has not previously passed through one’s consciousness or inner life—or one can also have someone experienced in these matters provide one with such content, upon which one then concentrates one’s inner life and to which one devotes oneself meditatively, as I have described in the books mentioned. It is necessary to devote oneself to a content of the soul that was previously unknown to you in this way, for the reason that when you draw up any content of the soul from the treasures of your memories, it has become intertwined with all sorts of other areas of the soul life. One cannot possibly know what one is bringing up from the subconscious depths of the soul and what will then emerge as reminiscences. One is protected from this only when one has a clearly definable mental image that was previously unknown to one. Then the task is to concentrate the soul on this mental content, disregarding everything else and turning one’s attention away from the rest of life and worldly existence, and specifically — You will find the exercises that lead to this described in the books mentioned — in such a way that the fully conscious will and genuine prudence never cease, but rather that one surrenders to such concentration or meditation with complete inner freedom, with the same inner freedom with which one also surrenders to external, sensory perceptions.
[ 15 ] Denn das — meine sehr verehrten Anwesenden — ist das Ideal anthroposophischer Methode, nicht irgendwie hinunterzutauchen zunächst in allerlei körperliche oder sonstige verborgene menschliche Zustände, sondern nachzustreben derjenigen Seelenverfassung, die man gerade dann hat, wenn man den äußeren Sinneseindrücken hingegeben ist. Man missversteht durchaus Anthroposophie, wenn man glaubt, dass sie hinstrebt nach denjenigen Gebieten, die das Visionäre, die Halluzination, die Suggestion oder dergleichen betreffen. Bei all dem wendet sich der Mensch an eine solche Seelenberätigung, die in Untergründe taucht, welche nur schwach sich betätigen gegenüber einer äußeren Sinneswahrnehmung, einem äußeren Sinneseindruck. Nicht in dieses nebelhafte Dunkel taucht anthroposophische Methode hinunter, das ist das gerade Gegenteil des Visionären, des Halluzinatorischen, des Suggestiven, dieses ist das Gegenteil von dem, wonach anthroposophische Methode hinstrebt. Sie bildet diejenige Seelenverfassung weiter aus, die man hat gegenüber dem äußeren Sinneseindruck, aber sie bildet sie aus gegenüber einem so zu charakterisierenden Vorstellungsinhalte, wie ich ihn eben geschildert habe.
[ 15 ] For that—my esteemed audience—is the ideal of the anthroposophical method: not to plunge headlong into all manner of physical or other hidden human states, but to strive for that state of mind one experiences precisely when one is surrendered to external sensory impressions. One completely misunderstands anthroposophy if one believes that it strives toward those realms that pertain to the visionary, the hallucinatory, suggestion, or the like. In all these cases, the human being turns to a state of mind that delves into depths that are only weakly active in relation to external sensory perception or an external sensory impression. The anthroposophical method does not descend into this misty darkness; that is the very opposite of the visionary, the hallucinatory, and the suggestive—it is the opposite of what the anthroposophical method strives for. It further develops the state of mind one has in relation to external sensory impressions, but it develops it in relation to a content of imagination that can be characterized as I have just described it.
[ 16 ] Und dann muss man immer mehr und mehr dazu streben, in der Hingabe an einen solchen Vorstellungsinhalt, im Bewusstsein nun so lebendig zu werden, wie man sonst nur einem äußeren Sinneseindruck gegenüber ist. Sie wissen ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie viel mehr lebendig der Mensch ist, wenn er einem äußeren Sinneseindruck hingegeben ist, als bei Verfolgung des gewöhnlichen Gedankenlebens. Man spricht ja zunächst wirklich mit Recht von den blassen Gedanken gegenüber den intensiven, den voll-lebendigen äußeren Sinneseindrücken. Das aber muss anthroposophische Methode erstreben, gegenüber den charakterisierten Gedanken diese Lebendigkeit und Intensität zu erreichen, die sonst nur äußeren Sinneseindrücken gegenüber erreichbar ist. Wie gesagt, das erfordert eine lange Ausdauer und Energie.
[ 16 ] And then one must strive more and more to become, in one’s devotion to such a mental image, as alive in consciousness as one otherwise is only when faced with an external sensory impression. You know, my esteemed audience, how much more alive a person is when absorbed in an external sensory impression than when engaged in ordinary thought life. It is indeed quite right to speak of “pale thoughts” in contrast to the intense, fully alive external sensory impressions. But the anthroposophical method must strive to achieve, in relation to these characterized thoughts, the same liveliness and intensity that is otherwise attainable only in response to external sensory impressions. As I said, this requires great perseverance and energy.
[ 17 ] Und die Geistesforschung, von der hier die Rede ist, sie ist nicht leichter als die Forschung auf der Sternwarte oder die Forschung im physikalischen oder chemischen Laboratorium oder auf der Klinik. Es muss durchaus ein langes Üben nach dieser Richtung stattfinden. Wenn es aber stattfindet, dann empfindet sich der Mensch nach einiger Zeit in der Tat in einer inneren Beweglichkeit des Vorstellungswesens, die er früher nicht gekannt hat, und er befindet sich durchaus in einem Erleben, das ihm durch die Erfahrung sagt: Du wirst immer mehr und mehr in deinem seelischen Erleben frei von der Körperlichkeit.
[ 17 ] And the spiritual research being discussed here is no easier than research conducted at an observatory, in a physics or chemistry laboratory, or in a clinical setting. It certainly requires long-term practice in this direction. But when this practice takes place, after some time the person does indeed experience an inner flexibility of the imagination that he or she had not known before, and finds himself or herself in an experience that tells him or her through experience: You are becoming more and more free from physicality in your soul life.
[ 18 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, alles dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben für die Erkenntnis haben, was wir für die sonstigen seelischen Äußerungen haben, ist ja an die Körperlichkeit gebunden. Derjenige, der unbefangen ist, weiß, wie unsere Erinnerungen durchaus an körperliche Funktionen gebunden sind. Er gibt sich also nicht leicht hin der Anschauung, dass man frei vom Körper sein könne, dass man — ich will schon das durchaus unsympathische Wort gebrauchen —, dass man wirklich seelisch leben könne außerhalb seines Leibes. Das ist es aber, was man durch ein immerwährendes Steigern eines solchen Übens erlangen kann. Man gelangt dazu, außerhalb seines Leibes mit seinem Seelenleben zu sein. Aber man weiß zugleich, dass in dieser Art von Erkenntnis, die ich als die erste Stufe der höheren Erkenntnis in den genannten Büchern bezeichnet habe, die Stufe der Imagination, man weiß zugleich, dass mit diesem Seelenleben, das in einem lebendigen, intensiver gemachten, erkrafteten Denken lebt, dass nur zunächst Subjektives, Bildhaftes erlebt werden kann. Das unterscheidet wiederum den anthroposophischen Forscher von dem falschen Mystiker oder gar von der pathologischen Natur. Derjenige, welcher aus pathologischen Zuständen heraus sich einer Seelenfähigkeit hingibt, der weiß durchaus niemals dasjenige zu bewahren, was er im gewöhnlichen Leben als seine Seelenverfassung hat. Ich möchte sagen: Er gleitet mit seinem ganzen Bewusstsein in das Visionäre, in das Halluzinatorische hinüber. Derjenige, der als anthroposophischer Forscher die Seelenfähigkeiten entwickelt, von denen ich gesprochen habe, der bleibt durchaus, auch wenn er diese Fähigkeiten entwickelt, der besonnene Mensch daneben, der er sonst im Leben ist, der Mensch mit strenger Selbstkritik und Weltkritik, der in jedem Augenblick kontrollieren kann, was da in der zweiten Persönlichkeit verläuft, zu der er sich als der imaginativ-erkennenden hinaufgeschwungen hat. Während aus diesem Grunde der krankhafte Mensch seine Halluzinationen, seine Visionen, so wie sie sind, für Wirklichkeiten hält, weiß der anthroposophische Forscher, dass er in den Imaginationen zunächst ein Bildhaftes, ein Subjektives hat, dass aber das Eigenleben gesteigert ist, dass er dieses Eigenleben in einer anderen Art vor sich hat geistig, als das sonst in der menschlichen Seelenverfassung der Fall ist.
[ 18 ] Ladies and gentlemen, everything we have in ordinary life in the way of knowledge, everything we have in the way of other mental expressions, is, after all, bound up with physicality. Anyone who is unbiased knows how our memories are thoroughly bound to physical functions. Such a person therefore does not readily succumb to the notion that one can be free from the body, that one—I will even use this thoroughly unsympathetic word—can truly live a spiritual life outside one’s body. Yet this is precisely what one can attain through the continual intensification of such practice. One comes to be outside one’s body with one’s soul life. But at the same time, one knows that in this kind of knowledge—which I have described in the aforementioned books as the first stage of higher knowledge, the stage of imagination—one knows at the same time that with this soul life, which exists within a living, intensified, and invigorated thinking, only the subjective and pictorial can be experienced at first. This, in turn, distinguishes the anthroposophical researcher from the false mystic or even from a pathological disposition. The person who, out of pathological states, surrenders to a soul capacity is absolutely incapable of preserving what he has as his soul disposition in ordinary life. I would say: He slips with his entire consciousness into the realm of the visionary, into the realm of hallucination. The one who, as an anthroposophical researcher, develops the soul faculties of which I have spoken—even as he develops these faculties—remains the level-headed person he otherwise is in life, the person with strict self-criticism and a critical view of the world, who can at every moment monitor what is taking place in that second personality to which he has elevated himself as the imaginative-cognitive being. While, for this reason, the mentally ill person regards his hallucinations and visions, just as they are, as realities, the anthroposophical researcher knows that in his imaginations he initially has something pictorial and subjective, but that this has an intensified inner life of its own, and that he experiences this inner life in a different spiritual way than is otherwise the case in the human soul’s constitution.
[ 19 ] Ein Unterschied gegenüber dem gewöhnlichen Vorstellen ist für dieses imaginative Erkennen dadurch vorhanden, dass es nicht abstrakt verläuft, wie die Begriffe und Ideen des gewöhnlichen Erkennens, sondern dass es in voll gesättigten Bildern lebt. Deshalb nenne ich es imaginatives Erkennen. In diesem imaginativen Erkennen, in dem man das subjektive Bewusstsein des eigenen Wesens gesteigert hat, in diesem imaginativen Erkennen tritt auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Seelenfähigkeiten das erste Ergebnis anthroposophischer Forschung auf. Man gelangt dazu, wie in einem großen Tableau vor sich zu haben dasjenige, was an inneren, seelischen Kräften gewaltet hat in der eigenen menschlichen Wesenheit seit der Geburt. Dasjenige, was man sonst von dieser inneren menschlichen Wesenheit weiß, es ist ja enthalten in dem Strome der Erinnerungen, aus denen man entweder willkürlich einzelne Gebiete heraufholt in Bildern über dasjenige, was man erlebt hat, oder auch es steigen frei Bilder herauf, es bleibt ein — ich möchte sagen — zunächst unterbewusster Strom von Erinnerungen. So ist dasjenige nicht, was man jetzt erblickt, sondern das, was man zuerst erblickt, ist die Summe derjenigen Kräfte, von denen man jetzt weiß, sie haben deine Fähigkeiten geformt, sie haben deinen moralischen Impulsen die Richtung gegeben. Man sieht, wie überschaut, in einem einheitlichen Tableau die Art und Weise, wie man geworden ist, und zwar wie man aus dem Inneren heraus sich gestaltet hat durch die Jahre. Dasjenige, was sonst in der Zeit verlaufen ist, tritt einem in einem einheitlichen Bilde, das aber innerliche Beweglichkeit hat, entgegen.
[ 19 ] This imaginative cognition differs from ordinary imagination in that it does not proceed abstractly, like the concepts and ideas of ordinary cognition, but rather lives in fully saturated images. That is why I call it imaginative cognition. In this imaginative cognition, in which one has heightened the subjective awareness of one’s own being—in this imaginative cognition—the first result of anthroposophical research emerges at a certain stage in the development of these soul faculties. One comes to have before oneself, as in a great tableau, that which has been at work in one’s own human being in terms of inner, soul forces since birth. What one otherwise knows about this inner human being is, after all, contained in the stream of memories from which one either arbitrarily draws up individual areas in images of what one has experienced, or else images rise up freely; it remains—I would say—a stream of memories that is initially subconscious. That is not what one now perceives; rather, what one first perceives is the sum of those forces which one now knows have shaped one’s abilities and have given direction to one’s moral impulses. One sees, as if surveying it from above, in a unified tableau the way one has become—namely, how one has shaped oneself from within over the years. What would otherwise have been lost in the passage of time appears to one in a unified image that nevertheless possesses inner dynamism.
[ 20 ] Das ist das erste Neue, das man durch solche Seelenentwicklung schaut. Ich habe das, was man auf diese Weise schaut und wovon man nun unmittelbar weiß, es ist eine zweite Leiblichkeit, eine geistige Leiblichkeit in dem Menschen, ich habe es den Bildekräfteleib genannt. Älteres, instinktives Erkennen, das von diesen Dingen schon etwas gekannt hat, hat da von Äther- oder Lebensleib gesprochen. Es ist nicht irgendetwas, das man aufzeichnen kann — höchstens so, wie man den Blitz malt —, man muss durchaus wissen, dass man es mit etwas In-sich-Beweglichem zu tun hat, das in jedem Augenblick sich ändert, das man also nur festhalten kann eben wie es ist in einem Augenblick. Man hat es mit einem — ich möchte sagen — Zeitleib des Menschen zu tun.
[ 20 ] This is the first new insight one gains through such spiritual development. I have called what one perceives in this way—and of which one now has direct knowledge—a second physicality, a spiritual physicality within the human being; I have called it the body of formative forces. Older, instinctive insight, which already knew something of these things, spoke of the etheric or life body. It is not something that can be depicted—at most, in the same way one might draw a flash of lightning—one must be fully aware that one is dealing with something that moves within itself, that changes from moment to moment, and that can therefore only be captured exactly as it is in a single moment. One is dealing with—I would say—a “time body” of the human being.
[ 21 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, durch die imaginative Erkenntnis kann man zunächst dieses Innere, dieses Innerlich-Bewegliche, diesen Bildekräfteleib des Menschen — wenn ich mich so ausdrücken darf — entdecken. Dasjenige, was ich an Seelenentwicklungen bisher charakterisiert habe, muss aber fortgesetzt werden. Wenn man zunächst geübt hat das Sich-Konzentrieren auf bestimmte Vorstellungen, so wird man in einer gewissen Weise, trotzdem man mit voller innerer Willkür sich diesen Vorstellungen hingibt, wie nur etwa ein Mathematiker seinen Gedankenkombinationen sich hingibt, so wird man in einer gewissen Weise festgehalten von diesen Vorstellungen. Das darf aber eigentlich nicht sein. Deshalb muss von Anfang an — Sie finden das wieder in den genannten Büchern charakterisiert, was an entsprechenden Übungen gemacht werden muss, um das zu erreichen —, deshalb muss von Anfang an nicht nur dieses Konzentrieren auf Vorstellungen geübt werden, sondern es muss ein Zweites geübt werden. Durch ebensolche freie Willkür müssen wiederum die Vorstellungen, auf die man sich gerade mit größter Kraft, mit gesteigerter Seelenkraft gewendet hat, wieder unterdrückt werden können, vollständig unterdrückt werden können, sodass man dasjenige herstellen lernt, was man nennen könnte: leeres Bewusstsein, ein Bewusstsein, das leer ist, wie sonst nur das Bewusstsein im Schlafe leer ist. Wie aber da die innere Gefasstheit der Seele — ich möchte sagen — hinuntersinkt und vollständig abgelähmt ist im Schlafe, so bleibt sie rege, wenn man das Meditieren — wie von mir charakterisiert — vorangehen hat lassen. Man ist mit voller Wachheit in dem leeren Bewusstsein dann lebend. Und ich werde Ihnen zu charakterisieren haben, wie die Möglichkeit, in solch leerem Bewusstsein zu leben, eben bedingt, dass man in eine geistige Welt eintreten kann.
[ 21 ] Now—my esteemed audience—through imaginative insight one can first discover this inner realm, this inner, dynamic aspect, this body of formative forces within the human being—if I may put it that way. However, what I have described so far regarding the development of the soul must be continued. Once one has practiced concentrating on specific mental images, one is, in a certain sense—even though one devotes oneself to these images with complete inner freedom, just as a mathematician devotes himself to his combinations of thoughts—held fast by these images in a certain way. But that really should not be the case. Therefore, from the very beginning—you will find this described in the books I mentioned, along with the corresponding exercises needed to achieve this—therefore, from the very beginning, one must not only practice this concentration on ideas, but a second practice must also be undertaken. Through precisely the same free will, one must again be able to suppress—completely suppress—the ideas to which one has just turned with the greatest intensity, with heightened spiritual power, so that one learns to bring about what one might call: empty consciousness, a consciousness that is empty, as consciousness is otherwise empty only in sleep. But just as the inner composure of the soul—I might say—sinks and is completely numbed during sleep, so it remains active when one has engaged in meditation—as I have described it—prior to sleep. One then lives in that empty consciousness with full wakefulness. And I will have to explain to you how the very possibility of living in such empty consciousness makes it possible to enter a spiritual world.
[ 22 ] Zunächst will ich darauf hinweisen, dass derjenige, der sich die Fähigkeit errungen hat, einzelne Bilder, die in der Imagination auftauchen, nicht nur hingebungsvoll zu erleben, sondern auch wiederum aus dem Bewusstsein fortzuschaffen, sodass er im leeren Bewusstsein wach leben kann, ein solcher erringt allmählich die Fähigkeit, alles dasjenige zu unterdrücken, was ich jetzt charakterisiert habe als den Bildekräfteleib, als das große Lebenstableau, das uns innerlich begreiflich macht in dem Kräfteleben, das uns gestaltet hat seit unserer Geburt. Man gelangt dazu, dieses ganze innere Leben, nachdem man es zuerst voll angeschaut hat, wiederum aus dem Bewusstsein fortzuschaffen. Gelangt man aber dazu, gegenüber dem eigenen inneren Lebensinhalt leeres Bewusstsein herzustellen, dann tritt auch die zweite Stufe der menschlichen Erkenntnis mit aller Deutlichkeit auf, die ich genannt habe — ich bitte, meine sehr verehrten Anwesenden, sich an Ausdrücken nicht zu stoßen, sie sollen nur eine Terminologie darstellen, ich meine nichts Abergläubisches, nichts irgendwie in der Tradition Liegendes, sondern nur dasjenige, was ich selbst charakterisiere —, ich habe genannt die zweite Stufe in der menschlichen Erkenntnis: das inspirierte Erkennen. Die erste Stufe also imaginatives Erkennen, die zweite Stufe inspiriertes Erkennen.
[ 22 ] First, I would like to point out that anyone who has acquired the ability not only to experience individual images that arise in the imagination with devotion, but also to remove them from consciousness so that they can live awake in an empty state of consciousness, gradually acquires the ability to suppress everything that I have just characterized as the “body of image forces”—the great tableau of life that makes us understand, inwardly, the life of forces that has shaped us since our birth. One comes to the point where, after first having fully contemplated this entire inner life, one can then remove it from consciousness. But once one succeeds in establishing empty consciousness in relation to one’s own inner life content, then the second stage of human knowledge, which I have mentioned, also emerges with complete clarity—I ask you, my esteemed audience, not to take offense at these expressions; they are merely intended to represent a terminology, I mean nothing superstitious, nothing rooted in tradition, but only that which I myself characterize—I have called the second stage of human cognition: inspired cognition. The first stage, then, is imaginative cognition; the second stage is inspired cognition.
[ 23 ] Indem man dieses inspirierte Erkennen durch das leere Bewusstsein erreicht, gelangt man dazu, zunächst durch Unterdrücken des inneren Seelentableaus des Bildekräfteleibes nun das Bewusstsein auszudehnen über die Geburt hinaus. Man erlebt jetzt die Seele, das Seelisch-Geistige des eigenen Wesens in demjenigen Zustande, in dem es war, bevor es sich durch die Geburt — oder sagen wir durch die Konzeption — mit den Vererbungskräften vereinigt hat, die die Kräfte des Leibes sind, die der Mensch von seinen Voreltern, von seinen Eltern erhielt. Man gelangt dazu, zu überschauen die Schicksale, welche das Seelisch-Geistige, welche der ewige Wesenskern des Menschen durchgemacht hat, bevor er sich mit einem physischen Menschenleib vereinigt hat. Sie können fragen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie weiß man denn aber, dass dasjenige, was man da schaut, wirklich einem Erleben der Seele vor der Geburt oder vor der Konzeption angehört. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte klarmachen, was da vor dem anthroposophischen Forscher auftritt, durch einen Vergleich. Wenn ich irgendeine Erinnerung habe an ein Erlebnis vor zehn Jahren, dann weiß ich durch den Inhalt der Erinnerung selber, dass sie nicht irgendetwas ist, was gegenwärtig im Bewusstsein entstanden ist, sondern der eigene Inhalt der Erinnerung weist mich auf die Zeit von vor zehn Jahren hin. So ist der Inhalt desjenigen, was man als Geistig-Seelisches erlebt, dass es seine eigene Zeit in der Beziehung andeutet, dass man weiß, das sind Erlebnisse der Seele, bevor sie in eine irdische Leiblichkeit hineingekommen ist.
[ 23 ] By attaining this inspired insight through empty consciousness, one is able—first by suppressing the inner soul tableau of the body of formative forces—to extend consciousness beyond birth. One now experiences the soul—the soul-spiritual aspect of one’s own being—in the state it was in before it united, through birth—or, let us say, through conception—with the hereditary forces, which are the physical forces that a person received from their ancestors and parents. One comes to survey the destinies that the soul-spiritual aspect—the eternal core of the human being—has undergone before uniting with a physical human body. You may ask—my esteemed audience—how one can know that what one sees there truly belongs to an experience of the soul prior to birth or prior to conception. Ladies and gentlemen, I would like to clarify what appears before the anthroposophical researcher by means of a comparison. If I have any memory of an experience from ten years ago, then I know from the content of the memory itself that it is not something that has arisen in my consciousness at the present moment; rather, the very content of the memory points me back to the time ten years ago. Similarly, the content of what is experienced as spiritual-soul experiences indicates its own time in this context, so that one knows these are experiences of the soul before it entered an earthly physical body.
[ 24 ] So sonderbar das der heutigen Menschheit noch erscheint, man wird sich überzeugen, dass mit völliger überzeugter Gewissenhaftigkeit Seelenfähigkeiten ausgebildet werden, nicht um zu spekulieren oder mystisch-nebelhaft sich zu versenken, sondern um zu einer wirklichen Anschauung desjenigen zu kommen, was der ewig-geistig-seelische Wesenskern des Menschen ist. Darinnen wird dasjenige bestehen, was Anthroposophie einzufügen hat in die weitere Kulturentwicklung der Menschheit, dass sie zeigen wird: Die Erfahrung selbst muss weiter ausgebildet werden, das Erleben selbst muss gesteigert werden, damit der Mensch in gesteigerter Erkenntnis zum Anschauen desjenigen kommt, was sein ewiger Wesenskern ist. Aus diesem Grunde kann Anthroposophie für das naturwissenschaftliche Gebiet durchaus so vorgehen, wie nur der strengste Naturforscher vorgeht. Sie wird nicht missbrauchen die gewöhnliche Erkenntnismethode, sie kann in den berechtigten Grenzen durchaus für das äußere physische Gebiet Haeckelismus sein, zu Haeckel sich bekennen, weil sie auf der anderen Seite eben weiß, wie man Erkenntnisfähigkeiten ausbildet, die zu einer unmittelbaren Anschauung des ewigen, geistig-seelischen Wesenskerns im Menschen zunächst kommen. Dann — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man diesen geistig-seelischen Wesenskern also ausgebildet hat, wenn man es gebracht hat bis zum inspirierten Erkennen, lernt man ja nicht nur dasjenige kennen, was die Seele des Menschen selber ist, sondern so, wie man durch den menschlichen Leib, der in sich die Sinne trägt, die sinnliche Umgebung kennenlernt, so lernt man durch dieses Erkennen der eigenen Seelenwesenheit auch deren geistige Umgebung kennen, als sie im leibfreien Zustande war, [bevor] sie durch Geburt oder Konzeption eingezogen ist in die physisch-irdische Leiblichkeit.
[ 24 ] As strange as this may still seem to humanity today, people will come to realize that spiritual faculties are developed with complete conviction and conscientiousness—not for the sake of speculation or to lose oneself in mystical obscurity, but to arrive at a true understanding of what constitutes the eternal, spiritual, and soulful core of the human being. This is what anthroposophy has to contribute to the further cultural development of humanity: it will show that experience itself must be further developed, and the lived experience itself must be intensified, so that human beings, through heightened insight, may come to perceive what their eternal core of being is. For this reason, anthroposophy can certainly proceed in the field of natural science in exactly the same way as even the most rigorous natural scientist does. It will not misuse the ordinary method of knowledge; within justified limits, it can certainly adhere to Haeckelian principles in the realm of external physics and affirm Haeckel, because, on the other hand, it knows precisely how to develop the faculties of knowledge that lead, as a first step, to a direct perception of the eternal, spiritual-soul core within the human being. Then—my esteemed audience—once one has thus developed this spiritual-soul core, once one has reached the stage of inspired knowledge, one comes to know not only what the human soul itself is, but just as one comes to know the sensory environment through the human body, which bears the senses within itself, so, through this recognition of one’s own soul-being, one also comes to know its spiritual environment as it existed in the bodyless state, [before] it entered into physical, earthly corporeality through birth or conception.
[ 25 ] Aber es genügt noch nicht, bei dieser inspirierten Erkenntnis stehen zu bleiben. Es ist nur die eine Seite zunächst der Seelenfähigkeiten ausgebildet, das Vorstellungsmäßige. Es muss nach der anderen Seite ausgebildet werden auch das Willensmäßige des menschlichen Seelenlebens. Dann folgt — könnte man sagen — von selbst das Gefühls-, das Gemütsleben, das mittendrinnen liegt zwischen dem Vorstellungsleben und dem Willensleben. Dieses Gemütsleben ist ja das ureigene, das intimste Element des menschlichen Seelenlebens. Es folgt der inspirierten, der imaginativen Erkenntnis und derjenigen, die ich nun weiter charakterisieren will dadurch, dass ich zeige, wie man auch den Willen des Menschen in die geistige Welt hineinführen kann, leibfrei machen kann.
[ 25 ] But it is not enough to stop at this inspired insight. At first, only one aspect of the soul’s faculties is developed: the imaginative. The other aspect—the volitional aspect of human soul life—must also be developed. Then, one might say, the life of feeling and emotion, which lies right in the middle between the life of imagination and the life of will, follows of its own accord. This life of emotion is, after all, the most intrinsic, the most intimate element of human soul life. This follows from inspired and imaginative knowledge, and from that which I now wish to characterize further by showing how one can also lead the human will into the spiritual world and liberate it from the body.
[ 26 ] Ich möchte aus der großen Reihe der Übungen, welche ich in den genannten Büchern angedeutet und ausgeführt habe, herausheben einiges Prinzipielle, durch das man sehen kann, wie diese Entwicklung des Willens geschieht.
[ 26 ] From the wide range of exercises that I have outlined and described in the aforementioned books, I would like to highlight a few fundamental principles that illustrate how this development of the will takes place.
[ 27 ] Da möchte ich zunächst auf eine sehr einfache Übung hinweisen, die aber mit Ausdauer und Energie unternommen werden muss, damit sie zum wirklichen positiven Resultate führt. Sie besteht darin, dass man ausgeht von der Erkenntnis, wie unser gewöhnliches Denken durchaus schon von dem Willen jederzeit durchzogen ist. Es ist ja durchaus so, dass wir in abstraktem Denken auseinanderhalten können die Seelenfähigkeiten nach Vorstellen oder Denken, nach Fühlen, nach Wollen. In Wirklichkeit strömt in der Seele alles zusammen, was Vorstellen, was Fühlen, was Wollen ist. Und selbst im reinsten Denken ist immer das Willenselement drinnen. In diesem Denken soll deshalb auch zunächst für die höhere Geistesschulung das Willenselement ausgebildet werden. Nun ist aber das gewöhnliche Denken und auch dasjenige Denken, das der Mensch zunächst in der ihm gewohnten Wissenschaft anwendet; es ist im Einklange mit den äußeren Tatsachenfolgen. Das Frühere wird früher, das Spätere später vorgestellt. Und selbst wenn wir das Denken für das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft befreien von der äußeren Zeitlichkeit und Räumlichkeit, so brauchen wir es in der gewöhnlichen Logik doch so, dass wir eben darauf kommen wollen, wie die Dinge nur so angeordnet sind im Raum und in der Zeit. Wenn wir das Denken auch loslösen von der Wirklichkeit, so ist das doch nur ein Umweg, um wiederum durch das Denken an die wahre Wirklichkeit heranzukommen. Dasjenige aber, was Willensschulung sein soll, muss dieses Denken losreißen von der gewöhnlichen Tatsachenfolge, und das kann dadurch geschehen, dass man, wenn ich es so nennen darf, umgekehrt vorstellt. Nehmen wir an, wir stellen eine Melodie oder ein Drama umgekehrt vor, ein Drama von den letzten Ereignissen des fünften Aktes bis zu den ersten des ersten Aktes zurück. Wenn man so in möglichst kleinen Partien rückwärts vorstellt, dann ist man gezwungen, einen stärkeren Willen anzuwenden für das Denken, als das sonst der Fall ist. Man kann das Denken nach dieser Richtung, oder besser gesagt, den Willen, der im Denken lebt, nach dieser Richtung besonders gut dadurch schulen, dass man seine eigenen Tageserlebnisse jeden Abend rückwärts verfolgt in möglichst kleinen Partien, von dem angefangen, was man des Abends erlebt hat, zum Nachmittag, zum Morgen geht, wirklich dann bis ins Einzelste — ich möchte sagen —, bis in die Atomisierung des Tageslebens hineinlebt, sodass man das Hinaufgehen einer Treppe so vorstellt, dass man, wenn man oben angekommen ist, dann rückwärtsgehend von der letzten zur vorletzten Stufe und so weiter den Weg zurückgeht in Gedanken. Man wird sehen, wie das immer schwieriger wird, je kleinere Partien man nimmt. Aber gerade dadurch reißt man den Willen, der im Denken lebt, los von der äußeren Tatsachenfolge und man wird nach und nach merken, wie man ihn nicht nur losreißt von der äußeren Tatsachenfolge, sondern wie man ihn losreißt von der eigenen Leiblichkeit. Man kann sich unterstützen durch andere Übungen, zum Beispiel dadurch, dass man sich eine gewisse Gewohnheit ausbildet, in seinen eigenen Handlungen, in den Äußerungen seines eigenen Lebens wie eine zweite Persönlichkeit sich neben sich stehend zu betrachten. Wenn man solche nicht nebulose, sondern deutliche Selbstschau übt, wenn man sozusagen — natürlich kann man das nicht immer tun, sondern nur kurze Zeiten zur Übung —, wenn man sozusagen jeden Schritt, auch jeden Schritt des Seelenlebens, wie von außen beobachtet, so kommt man zu einer Unterstützung des Willenselementes.
[ 27 ] First, I would like to point out a very simple exercise, which, however, must be undertaken with perseverance and energy in order to yield truly positive results. It consists of starting from the realization that our ordinary thinking is, in fact, already permeated by the will at all times. It is certainly true that in abstract thinking we can distinguish between the soul’s faculties of imagination or thinking, feeling, and willing. In reality, however, everything—imagination, feeling, and willing—flows together within the soul. And even in the purest form of thinking, the element of will is always present. In this thinking, therefore, the element of will must first be developed for the sake of higher spiritual training. Now, however, ordinary thinking—and also the kind of thinking that people initially apply in the sciences with which they are familiar—is in harmony with external sequences of facts. What comes first is conceived of as earlier, and what comes later as later. And even if we free our thinking for ordinary life and ordinary science from external temporality and spatiality, we still need it in ordinary logic precisely so that we can determine how things are arranged in space and time. Even if we detach thinking from reality, this is still only a detour to approach true reality once again through thinking. But what is meant to be training of the will must tear this thinking away from the ordinary sequence of events, and this can be achieved by, if I may call it that, imagining things in reverse. Let’s suppose we imagine a melody or a drama in reverse—a drama retracing the events from the final scenes of the fifth act back to the opening scenes of the first act. When one imagines things in reverse in as small segments as possible, one is compelled to apply a stronger will to thinking than is otherwise the case. One can train thinking in this direction—or rather, the will that lives in thinking—particularly well by retracing one’s own daily experiences every evening in the smallest possible segments, starting with what one experienced that evening, moving back to the afternoon, then to the morning, and truly down to the minutest details—I would say— to the point of delving into the atomization of daily life, so that one imagines climbing a staircase in such a way that, once one has reached the top, one then walks backward in thought from the last step to the second-to-last and so on. You will see how this becomes increasingly difficult the smaller the segments you take. But it is precisely through this that you detach the will, which lives in thought, from the external sequence of events, and you will gradually notice how you not only detach it from the external sequence of events, but how you detach it from your own physicality. You can support yourself with other exercises, for example, by cultivating a certain habit of observing your own actions and the expressions of your own life as if a second personality were standing beside you. If one practices such self-observation—not in a nebulous way, but clearly; if, so to speak—though of course one cannot do this all the time, but only for brief periods as an exercise—if, so to speak, one observes every step, including every step of one’s inner life, as if from the outside, then one gains support for the element of will.
[ 28 ] Wenn man dann dazu vorschreitet, dass man mehr ins Innere der Seele geht, dass man sich sagt: Du hegst jetzt die Absicht, eine ganz bestimmte, konkret abgerissene Handlung in irgendeiner Zukunft zu tun, du treibst es so weit mit der Selbstschau, dass diese zur Betätigung wird, dass du dein eigenes inneres Leben in die Hand nimmst, Herr wirst deiner Entwicklung, während du dich sonst dem Strome des Lebens überlassen hast. Wenn man dasjenige, was der Strom des Lebens für die eigene Entwicklung der Seele leistet, in die Hand nimmt, dann gelangt man dazu, auch den Willen loszureißen von der gewöhnlichen Leiblichkeit, von der Körperlichkeit. Dann kommt man auch mit dem Willen außerhalb seines Leibes, und es vereinigt sich diese außerhalb des Leibes zu erlebende Willenskraft mit der Vorstellungskraft, die ich charakterisiert habe.
[ 28 ] When you then proceed to delve deeper into the soul, telling yourself: “You now intend to perform a very specific, clearly defined action at some point in the future,” you take this self-observation so far that it becomes active—that you take control of your own inner life, become the master of your own development, whereas before you had simply surrendered yourself to the flow of life. When one takes into one’s own hands what the stream of life accomplishes for the soul’s own development, one then succeeds in tearing the will away from ordinary physicality, from corporeality. Then one also steps outside one’s body with the will, and this volitional power—to be experienced outside the body—unites with the power of imagination that I have described.
[ 29 ] Dadurch aber gelangt man dazu, etwas in der menschlichen Wesenheit auszubilden, was ja mit Recht im gewöhnlichen Leben nicht als eine Erkenntnisfähigkeit angesehen wird — und ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, wie die Gründe voll berechtigt sind, dass man die hier gemeinten Seelenfähigkeiten nicht als Erkenntnisfähigkeiten gelten lässt —, aber wenn das Seelenwesen des Menschen so gesteigert ist, wie ich es charakterisiert habe, dann kann wohl die Liebefähigkeit, die Hingabe an irgendein Äußeres, sie kann zur Erkenntnisfähigkeit werden. Und so wie das leibfreie Vorstellen, das der Erinnerung ähnlich ist, aber wieder ganz verschieden von ihr vor uns hinstellt Bilder eines Lebens, das wir sonst nicht erkennen können, so stellt auch dieser leibfrei gewordene Wille, der nun gesteigerte Liebefähigkeit darstellt, ein gesteigertes Hinausleben in die Wirklichkeit dar und, da er leibfrei ist, in die geistige Wirklichkeit. Wir erlangen die Fähigkeit, die ich genannt habe in den genannten Büchern die intuitive Erkenntnis, wir erlangen die Fähigkeit, nicht nur einströmen zu lassen, wie in der inspirierten Erkenntnis, die Offenbarungen einer geistigen Welt, sondern wir erlangen die Fähigkeit, mit unserem eigenen Leben uns hinüberzuleben in die fremde, in die äußere Geistigkeit. Indem ich sage, intuitive Erkenntnis, meine ich natürlich eine Steigerung desjenigen, was man auch im gewöhnlichen Leben Intuition nennt, eine Erkenntnis, die nicht nur auf abstrakt-logischem Denken beruht, nennt man auch im gewöhnlichen Leben Intuition. Dasjenige, was ich meine, ist aber durchaus eine exakte Steigerung desjenigen, was sonst Intuition genannt wird, und stellt dar ein wirkliches erkenntnismäßiges Hinüberleben des Menschen in die objektive Geistigkeit. Und wenn der Mensch zu dieser Intuition gelangt ist, dann lernt er auch von sich nun die andere Seite seines Wesens kennen. Durch das bisher Geschilderte gelangt er ja hin bis zu dem Moment seiner Geburt, zu demjenigen Geistig-Seelischen, das der Geburt oder Konzeption vorangegangen ist. Jetzt, indem er den Willen ausbildet zu der intuitiven Erkenntnis, sodass er aus sich herausschreiten kann mit dem Willen, jetzt gelangt er auch zu der Erkenntnis desjenigen, was aus dem menschlichen Leib in der Wirklichkeit herausschreitet, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Erst in dem Moment erkennt der Mensch das Geistig-Seelische, das als Ewiges durch die Pforte des Todes geht, wenn er durch eine Willensentwicklung dieses Geistig-Seelische so erfasst hat, dass es in intuitiver Erkenntnis wirklich aus sich, aus dem gewöhnlichen Menschenwesen, aus dem leiblichen Wesen heraustreten kann. Und jetzt erschaut der Mensch das Wesen der Unsterblichkeit nach den beiden Seiten hin, nach der Seite der Ungeborenheit und nach der Seite der Unsterblichkeit, wie man sie gewöhnlich nennt. Der Mensch lernt auf diese Art kennen — sagte ich schon — auch die geistige Umwelt, in der er lebt vor der Geburt oder Konzeption und nach dem Tode.
[ 29 ] This, however, leads to the development of something within the human being that is rightly not regarded as a capacity for knowledge in ordinary life—and I know, my esteemed audience, how fully justified the reasons are for not considering the soul capacities referred to here to be capacities for knowledge— but when the human soul is elevated to the degree I have described, then the capacity for love, the devotion to some external reality, can indeed become a capacity for knowledge. And just as bodyless imagination—which is similar to memory but at the same time quite different from it—presents before us images of a life that we cannot otherwise perceive, so too does this will, which has become bodyless and now represents an elevated capacity for love, represent an elevated living out into reality and, since it is bodyless, into spiritual reality. We attain the capacity—which I have called “intuitive knowledge” in the aforementioned books—we attain the capacity not only to allow the revelations of a spiritual world to flow into us, as in inspired knowledge, but we also attain the capacity to live our way over into the foreign, external spirituality with our own lives. When I say “intuitive knowledge,” I naturally mean an elevation of what is also called “intuition” in everyday life—a form of knowledge that is not based solely on abstract-logical thinking, which is also referred to as “intuition” in everyday life. What I mean, however, is indeed a precise elevation of what is otherwise called intuition, and it represents a genuine, cognitive crossing over of the human being into objective spirituality. And once a person has attained this intuition, they then come to know the other side of their being from within themselves. Through what has been described so far, they reach the moment of their birth—that spiritual-soul aspect that preceded birth or conception. Now, by developing the will toward intuitive knowledge so that he can step out of himself with his will, he also attains knowledge of that which actually steps out of the human body when a person passes through the gate of death. Only at that moment does the human being recognize the spiritual-soul aspect that passes through the gate of death as the eternal, once he has grasped this spiritual-soul aspect through the development of his will in such a way that, in intuitive knowledge, it can truly step out of himself, out of the ordinary human being, out of the physical being. And now the human being beholds the essence of immortality from both sides: from the side of pre-birth and from the side of immortality, as it is commonly called. In this way, as I have already said, the human being also comes to know the spiritual environment in which they live before birth or conception and after death.
[ 30 ] Aber wenn man diese beiden Welten erfasst hat, wenn man erkennt wirklich naturgesetzlich die Sinneswelt, wenn man durch diejenigen Erkenntnisfähigkeiten, die ich geschildert habe, die geistige Welt erkennt, dann gibt es noch immer etwas im menschlichen Innern, das aus den beiden Welten heraus nicht erklärt werden kann. Man steht jetzt gewissermaßen gerade nach der Erkenntnis der beiden Welten — ich nenne sie «beide Weltem, trotzdem sie nur ein Einheitliches ausmachen —, man steht jetzt vor dem Geheimnis des menschlichen Innern. Aber man gelangt auch zu der Fähigkeit, dasjenige jetzt im Menschen zu durchschauen, was beide Welten durch seine Entwicklung in sich vereinigt. Und das ist dasjenige im Menschen, was durch wiederholte Erdenleben hindurchgeht, was also zunächst so durch wiederholte Erdenleben hindurchgeht, dass es hier im physischen Leibe durchlebt das Dasein zwischen Geburt und Tod, oder sagen wir zwischen Konzeption und Tod, dann aber ein anderes Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und da man erkennen lernt, was die Seele sich erringt durch das eine und andere Leben, gelangt man beim Hineinschauen in dasjenige, was die Entwicklungsergebnisse von beiden geben, zu der Anschauung desjenigen, was den wiederholten Erdenleben zugrunde liegt. Und auch diese wiederholten Erdenleben selber werden eine Anschauung.
[ 30 ] But once one has grasped these two worlds—once one truly understands the sensory world in accordance with the laws of nature, and once one perceives the spiritual world through the faculties of cognition I have described—there is still something within the human being that cannot be explained by either of these two worlds. One now stands, so to speak, immediately after gaining knowledge of these two worlds—I call them “both worlds,” even though they constitute a single unity—one now stands before the mystery of the human inner being. But one also attains the ability to perceive within the human being that which unites both worlds through its development. And this is that aspect of the human being which passes through repeated earthly lives—which, at first, passes through these lives in such a way that it experiences existence here in the physical body between birth and death, or, let us say, between conception and death, and then another existence between death and a new birth. And as one learns to recognize what the soul attains through one life and another, by looking into the results of the development of both, one arrives at an insight into what underlies these repeated earthly lives. And these repeated earthly lives themselves also become an insight.
[ 31 ] Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, indem ich hier im ernsten Sinne von Anthroposophie spreche, kann ich Ihnen nicht wie phantastische Gebilde diese Dinge von wiederholten Erdenleben hinstellen. Ich muss vor Ihnen aufstellen alles das, was die Menschenseele tun muss, um erkenntnismäßig zu diesen Dingen zu gelangen. Ich muss das ja heute selbstverständlich in einem einleitenden Vortrag kurz darstellen, und es könnte sehr leicht die Meinung werden, dass nur derjenige in diese Gebiete hineinschauen kann, welcher alles das durchgemacht hat, was ich prinzipiell geschildert habe ausführlicher in den genannten Büchern. Nun sind diese Bücher gerade dazu da, damit jeder bis zu einer gewissen Stufe die angedeuteten Übungen machen kann, und so auch durch eine wirkliche Anschauung nachgeprüft werden kann dasjenige, was der anthroposophische Forscher sagt. Aber der anthroposophische Forscher bedient sich des gewöhnlichen gesunden Menschenverstandes, des gewöhnlichen Denkens. Und derjenige, der unbeeinflusst durch gewisse Vorurteile, die heute leider so verbreitet sind, einfach sich frägt: «Ist dasjenige, was da vorgebracht wird, vernünftig oder unvernünftig?», der braucht durchaus nicht selbst zum Forscher zu werden, sondern der kann mit seinem gesunden Menschenverstand durchaus sich ein Urteil bilden über den Wert oder Unwert der anthroposophischen Ergebnisse. Geradeso wenig wie einer ein Maler zu sein braucht, um einen sachgemäßen Eindruck von einem Bilde zu erhalten, ebenso wenig braucht einer ein anthroposophischer Forscher zu sein, um ein Urteil darüber zu haben, ob dasjenige vernünftig oder unvernünftig ist, was in der Anthroposophie zutage tritt. Die intuitive Erkenntnis vollendet in einer gewissen Weise die Stufen der höheren Erkenntnis.
[ 31 ] You see—my esteemed audience—since I am speaking here in a serious sense about anthroposophy, I cannot present these ideas of repeated earthly lives to you as fantastical constructs. I must lay out before you everything the human soul must do in order to arrive at an understanding of these things. Of course, I must present this briefly today in an introductory lecture, and it could very easily lead to the impression that only those who have gone through everything I have described in principle—and in greater detail in the books mentioned—can gain insight into these realms. Now, these books are intended precisely so that everyone can perform the exercises outlined to a certain degree, and thus verify through direct experience what the anthroposophical researcher says. But the anthroposophical researcher makes use of ordinary common sense and ordinary thinking. And anyone who, uninfluenced by certain prejudices that are unfortunately so widespread today, simply asks themselves, “Is what is being presented here reasonable or unreasonable?” need not become a researcher themselves; rather, they can certainly form a judgment using their common sense regarding the value or lack thereof of the anthroposophical findings. Just as one does not need to be a painter to form an objective impression of a painting, so too does one not need to be an anthroposophical researcher to judge whether what emerges in anthroposophy is reasonable or unreasonable. Intuitive knowledge, in a certain sense, completes the stages of higher knowledge.
[ 32 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, aber schon das gewöhnliche Leben deutet auf einem bestimmten Gebiete hin auf diese Intuition. Ich habe in meinem Buche, das nun schon vor längerer Zeit erschienen ist, das ich geschrieben habe im Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, in meiner «Philosophie der Freiheit», hingedeutet darauf, wie die wirklich freien Handlungen des Menschen beruhen auf Impulsen des sinnlichkeitsfreien Denkens, auf moralischen Idealen, die durchaus leibfrei geschöpft werden vom Menschen aus einer geistigen Welt, sodass ich in dieser «Philosophie der Freiheit» Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von den tiefsten Impulsen des sittlichen Lebens des Menschen gesprochen habe als von moralischen Intuitionen. Und ich versuchte, gerade dadurch den Begriff der Freiheit in einer der heutigen Naturwissenschaft richtunggebenden Weise zu fassen, indem ich zeigte, dass die Frage ganz falsch ist, ob der Mensch frei oder unfrei ist, dass die Frage so gefasst werden muss, dass man einsieht, der Mensch ist für eine große Anzahl seiner Handlungen unfrei, sie quellen heraus aus seinen Instinkten, seinen Trieben, die an den Leib gebunden sind. Der Mensch entwickelt sich aber hin zu einem Erleben von intuitiv-moralischen Impulsen, die rein geistiger Natur sind und dennoch impulsierend sind für das sittliche Handeln. Auf dieser Entwicklungsstufe, wie er die moralische Intuition erfasst, ist er frei. Dasjenige, was ich heute charakterisiere als die Intuition der Erkenntnis, ist nur eine Erweiterung und Vertiefung desjenigen, was für die moralische Welt eigentlich jeder Mensch erfahren kann, der diese moralische Welt in ihren Impulsen durch wirkliche Selbsterkenntnis aufsucht.
[ 32 ] Now—my esteemed audience—even ordinary life points to this intuition in a certain area. In my book, which was published quite some time ago—one I wrote in the early 1890s—in my *Philosophy of Freedom*, I pointed out how truly free human actions are based on impulses of non-sensual thought, on moral ideals that are created by human beings entirely independently of the body from a spiritual world; thus, in this *Philosophy of Freedom* from the early 1890s, I spoke of the deepest impulses of human moral life as moral intuitions. And I attempted, precisely through this, to grasp the concept of freedom in a way that sets the direction for today’s natural sciences, by showing that the question of whether human beings are free or unfree is entirely misguided; rather, the question must be framed in such a way that one recognizes that human beings are unfree in a great many of their actions, which spring from their instincts and drives, which are bound to the body. However, human beings develop toward an experience of intuitive-moral impulses that are of a purely spiritual nature and yet serve as the driving force for moral action. At this stage of development, as they grasp moral intuition, they are free. What I characterize today as the intuition of knowledge is merely an expansion and deepening of what every human being can actually experience in the moral world—provided they seek out this moral world in its impulses through genuine self-knowledge.
[ 33 ] Dasjenige also, was dem Menschen hier auf dieser Welt seinen eigentlichen Wert, seine eigentliche Würde gibt, das moralische Wesen, das ist es, das, richtig erfasst — ich möchte sagen —, an das Ende aller Erkenntnis schon hinweist. Und Anthroposophie muss dann dazu führen, zwischen der Intuition, die sie aber erweitert ins Kosmische und ins Menschliche hinein, zwischen dieser und der gewöhnlichen Erkenntnis die Imagination und die Inspiration einzufügen, wie ich das heute charakterisiert habe.
[ 33 ] That which gives human beings here in this world their true value, their true dignity—the moral being—is what, when properly understood—I might say—already points to the ultimate goal of all knowledge. And anthroposophy must then lead us to insert imagination and inspiration—as I have characterized them today—between intuition (which it, however, expands into the cosmic and the human) and ordinary cognition.
[ 34 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, so erlangt man eine Erkenntnis des eigenen Ewigen im Menschenwesen. Wenn man aber die Fähigkeiten, von denen ich gesprochen habe, ausbildet, dann wird auch die uns umgebende Welt in einer anderen Gestalt an den Menschen herantreten. Der Mensch wird gewissermaßen ganz als Vollmensch, als ganzer Mensch zu einem Sinnesorgan für die äußere Welt. Und während uns vorher die Welt nur — ich möchte sagen — als der Sinnesteppich entgegentritt, dem dann der Verstand seine Gesetzmäßigkeit absieht, tritt in einer neuen, metamorphosierten Gestalt, aber so, dass die frühere, sinnliche voll erhalten bleibt, tritt die geistige Welt in das menschliche Bewusstsein, in das imaginative, inspirierte und intuitive Bewusstsein herein. Und sie tritt so herein, dass wiederum die Anschauung der Natur, die sonst vorhanden ist, im Menschen, welcher Anthroposoph wird, erhalten bleibt. Während der Halluzinant, der Visionär, sich von der Natur abwendet, in der Regel auch keine Liebe für die Natur hat, bleibt alles dasjenige, was die äußere Naturwissenschaft und die gewöhnliche Naturliebe geben, für den, der anthroposophischer Forscher wird, voll erhalten. Nur durchsetzt und durchdrungen wird dieses durchaus im Sinne der äußeren Naturwissenschaft Angesehene, von den Anschauungen des Geistigen, das immer um uns ist, wie das Physische selbst. Nun erscheint das Äußere, Physische, wenn ich mich vergleichsweise ausdrücken darf, in einer gewissen Beziehung in scharfen Konturen, in fertigen Gebilden.
[ 34 ] Now—my esteemed audience—this is how one gains an understanding of one’s own eternal nature within the human being. But if one cultivates the abilities I have spoken of, then the world around us will also present itself to us in a different form. In a sense, the human being, as a complete human being, becomes a sensory organ for the external world. And whereas before the world appeared to us only—I might say—as a sensory tapestry, from which the intellect then discerns its laws, the spiritual world enters human consciousness—into the imaginative, inspired, and intuitive consciousness—in a new, transformed form, yet in such a way that the former, sensory aspect remains fully preserved. And it enters in such a way that the perception of nature, which is otherwise present in the person who becomes an anthroposophist, is preserved. While the hallucinator, the visionary, turns away from nature and, as a rule, has no love for nature, everything that external natural science and ordinary love of nature provide remains fully intact for the one who becomes an anthroposophical researcher. Only is this view—which is entirely in the spirit of external natural science—interwoven and permeated by the perceptions of the spiritual, which is always around us, just as the physical itself is. Now the external, physical world—if I may put it this way—appears, in a certain sense, in sharp contours, in finished forms.
[ 35 ] Die geistige Anschauung, die auf die geschilderte Weise errungen wird, die entwickelt alles nach gewissen Prozessen, nach einem Geschehen, nach einem Werden hin. Dadurch bekommt das natürliche, das kosmische Geschehen einen ganz neuen Anstrich. Und ich will durchaus nicht davor zurückschrecken — trotzdem solche Dinge heute noch mit wenig Sympathie angenommen werden —, konkrete Einzelheiten als Beispiel zu schildern. Wir sehen zum Beispiel die Sonne als ein begrenztes Gebilde im Himmelsraum. Wir durchforschen sie mit unserer Wissenschaft, mit Astronomie, Astrophysik und so weiter. Dasjenige aber, was uns so als Sonne entgegentritt, das taucht in einer neuen Gestalt vor der geschilderten übersinnlichen Erkenntnis auf. Es taucht auf nun nicht bloß an den Ort gefesselt, an dem es sonst erscheint, es taucht auf als Sonnenhaftes, durchziehend und durchströmend und durchkraftend den ganzen Kosmos. Man lernt das Sonnenhafte als alle Räume durchdringend erkennen. Und indem man es bezieht auf das Menschliche, lernt man das Sonnenhafte in seiner tieferen Bedeutung erkennen. Ich möchte mich, um mich deutlich zu machen, in der folgenden Art ausdrücken.
[ 35 ] The spiritual insight attained in the manner described develops everything according to certain processes, toward an event, toward a becoming. As a result, natural and cosmic events take on a completely new character. And I certainly do not wish to shy away from—even though such things are still met with little sympathy today—describing concrete details as examples. We see, for example, the sun as a finite body in the heavens. We explore it through our science—through astronomy, astrophysics, and so on. But what appears to us as the sun takes on a new form in the light of the supersensible knowledge described above. It now appears not merely bound to the place where it usually appears; it appears as the solar principle, permeating, flowing through, and infusing the entire cosmos with its power. One learns to recognize the solar essence as permeating all spaces. And by relating it to the human condition, one learns to recognize the solar essence in its deeper meaning. To make myself clear, I would like to express myself in the following way.
[ 36 ] Indem wir die äußere Welt um uns haben, die uns unsere Erlebnisse liefert, vergleichen wir diese Erlebnisse mit dem, was wir innen an Vorstellungen, Empfindungen in der Seele daraus bilden. Und nachher in der Erinnerung haben wir die Erlebnisse noch, wir können sie nacherleben. Etwas, was längst vergangen ist, können wir nacherleben, uns mit dem längst Vergangenen verbinden. Es gibt also ein Verhältnis dieses — ich möchte sagen — Abstrakt-Seelischen mit der äußeren konkreten Sinneswelt. So aber gibt es auch ein Verhältnis zwischen dem Tieferen in der eigenen Menschenwesenheit und diesem durch übersinnliche Anschauung Erkannten. Wir tragen in uns die Wirkung des Sonnenhaften, das die Geistesanschauung sich gegeben findet. Dieses Sonnenhafte geht in unsere menschliche Wesenheit hinein, so wie für die Erinnerungen ein äußeres Sinneserlebnis hineingeht, nur bildet es etwas Tieferes im Menschen aus. Das Tiefere muss man auch erst bloß durch eine solche Anschauung, wie ich sie geschildert habe, erkennen, dann lernt man erkennen, dass alles dasjenige, was in uns Kraft des Wachstums, was Kraft der Jugendlichkeit ist, was selbst diejenige Kraft ist, die unsere Nahrungsstoffe im eigenen menschlichen Prozess umsetzt, dass das das Sonnenhafte in uns ist. Wir lernen kennen die aufsteigenden, die sprießenden, sprossenden Kräfte des Weltenalls und die sprießenden, sprossenden Kräfte, die verjüngenden Kräfte in uns selber, in ihren Zusammenhängen. Wir lernen so einen intimeren Zusammenhang des menschlichen Inneren mit dem Kosmos kennen. So, wie wir auf diese Weise das Sonnenhafte erkennen lernen, so lernen wir erkennen das Mondenhafte.
[ 36 ] Because we are surrounded by the external world, which provides us with our experiences, we compare these experiences with the inner ideas and feelings we form in our souls as a result. And afterward, in our memory, we still have these experiences; we can relive them. We can relive something that is long past and reconnect with what is long past. There is thus a relationship between this—I would say—abstract-spiritual realm and the external, concrete sensory world. But there is also a relationship between the deeper aspects of our own human being and that which is recognized through supersensible perception. We carry within us the effect of the solar aspect, which spiritual contemplation finds before it. This solar aspect enters into our human being, just as an external sensory experience enters into our memories; only it forms something deeper within the human being. One must first recognize this deeper aspect solely through the kind of insight I have described; only then does one come to realize that everything within us that is a force of growth, a force of youthfulness—even the very force that transforms our nutrients within our own human processes—is the solar principle within us. We come to know the ascending, sprouting, and budding forces of the universe and the sprouting, budding, and rejuvenating forces within ourselves, in their interrelationships. In this way, we come to know a more intimate connection between the human inner being and the cosmos. Just as we learn to recognize the solar aspect in this way, so too do we learn to recognize the lunar aspect.
[ 37 ] Wiederum erleben wir den Mond als ein abgeschlossenes, begrenztes, konturiertes Gebilde in der sinnlichen Anschauung. Für die geistige Anschauung, die ich geschildert habe, wird dieses Mondenhafte zu den alle Räume durchziehenden und die Zeit erfüllenden Absterbekräften im Kosmos, Alles Abbauende, alles im Kosmos lähmend Auftretende, alles zum Tode Führende ist Mondenkraft. Und man möchte sagen: Das Sonnenhafte und das Mondenhafte, wie ich es jetzt schildere, es ist bloß konzentriert oder konsolidiert in denjenigen Körpern, die wir durch äußere Sinnesanschauung uns gegeben haben. Man lernt die Welt als Prozesse, als Werden, kennen und diese Prozesse, dieses Werden in das eigene menschliche Innere sich fortsetzen. Man lernt kennen auch die äußeren Naturreiche, wie sie durchzogen werden von solchen kosmischen Kräften. Geradeso, wie man das Sonnen- und Mondenhafte kennenlernt, lernt man andere planetarische oder sonstige Kräfte des Weltalls ohne abergläubische Mystik, durch ganz exakte Anschauung, die exakt entwickelt wurde, kennen. Man lernt das Hineinspielen eines Kosmos, der nicht bloß mathematisch und nicht bloß astrophysisch, sondern geistig-seelisch zu erfassen ist, man lernt dieses Hineinspielen in die Menschennatur kennen, man lernt das Hineinspielen solcher kosmischen Kräfte in die Pflanzennatur, in die Tiernatur erkennen. Man lernt das Sonnenhafte erkennen, das die Pflanze zur Blüte hindrängt, das Mondenhafte, in dem Absterben der Pflanzenwelt. Man lernt die Kräfte erkennen bis in die Reiche des Mineralischen hinein.
[ 37 ] Once again, we experience the moon as a self-contained, bounded, well-defined entity in sensory perception. In the spiritual perception I have described, this “lunar” quality becomes the forces of decay permeating all space and filling time in the cosmos; everything that breaks down, everything that paralyzes the cosmos, everything that leads to death is lunar power. And one might say: The solar and the lunar, as I am now describing them, are merely concentrated or consolidated in those bodies that we have made accessible to ourselves through external sensory perception. One comes to know the world as processes, as becoming, and these processes, this becoming, continue into one’s own human inner being. One also comes to know the outer realms of nature as they are permeated by such cosmic forces. Just as one comes to know the solar and lunar aspects, so too does one come to know other planetary or various forces of the universe—without superstitious mysticism, but through entirely precise observation that has been rigorously developed. One learns of the interplay of a cosmos that is to be grasped not merely mathematically or astrophysically, but spiritually and psychologically; one comes to know this interplay within human nature; one learns to recognize the interplay of such cosmic forces within the nature of plants and animals. One learns to recognize the solar quality that drives the plant to bloom, and the lunar quality in the withering of the plant world. One learns to recognize these forces even into the mineral kingdom.
[ 38 ] Dringt man zu der Erkenntnis vor, bietet sich auch diejenige Seite der anthroposophischen Forschung, durch welche diese Anthroposophie befruchtend wirkt auf alle anderen Gebiete des Lebens. Und das ist ja die Hoffnung, der sich der anthroposophische Forscher hingibt, und die — zum Teil wenigstens — schon in ihren Anfängen verwirklicht ist, dass Anthroposophie befruchtend werden kann für die anderen Wissenschaften, für die praktischen Gebiete des Lebens.
[ 38 ] As one progresses toward this realization, one also comes to see that aspect of anthroposophical research through which anthroposophy has a fruitful influence on all other areas of life. And this is indeed the hope to which the anthroposophical researcher commits himself, and which—at least in part—has already been realized in its early stages: that anthroposophy can have a stimulating effect on the other sciences and on the practical areas of life.
[ 39 ] Wir haben in Dornach, wir haben auch in Stuttgart bereits ein auf anthroposophischer Grundlage errichtetes medizinisch-therapeutisches Institut. Diesem medizinischen-therapeutischen Institut liegen zugrunde diejenigen Forschungen, die man über die Beziehung des Menschen zum umliegenden Weltenall auf anthroposophischer Grundlage anstellen kann. Dadurch, dass man sich in dieser Weise die kosmischen Wirkungen erkennend aneignet — wie ich nur andeutend schildern konnte mit dem Erkennen des Sonnen- und Mondenhaften —, dadurch erringt man nämlich nicht bloß diejenige Erkenntnis der Menschennatur, die uns die gewöhnliche Physiologie oder Biologie gibt. Man lernt den ganzen Menschen auch kennen, aber so, dass das Scharf-Konturierte übergeht — es bleibt erhalten, aber geht zu gleicher Zeit über, es zeigt sich von einer anderen Seite als Prozess. Während man bei einer gewöhnlichen Biologie, wie man es gewöhnt ist, von Lunge, Herz, Gehirn und so weiter spricht, muss man vom Gesichtspunkte der Anthroposophie aus von dem Gehirnprozess, der aber anschaulich da ist, nicht bloß erschlossen ist, oder nicht bloß in seinen Teilen durch äußere physikalische Versuche gezeigt wird, sondern angeschaut wird; von dem Herzprozess, von dem Lungenprozess, von all dem, was den Menschen ausmacht, von Prozessen, von einem Werden, sprechen. Das alles ist ja nur die innere Fortsetzung des aufsteigenden sonnenhaften Werdens und des absteigenden, mondenhaften Werdens.
[ 39 ] We already have a medical-therapeutic institute founded on anthroposophical principles in Dornach, and we also have one in Stuttgart. This medical-therapeutic institute is based on the research that can be conducted from an anthroposophical perspective on the relationship between human beings and the surrounding cosmos. By assimilating cosmic influences in this way—as I was only able to sketch out by referring to the recognition of the solar and lunar aspects—one attains not merely the understanding of human nature provided by conventional physiology or biology. One also comes to know the whole human being, but in such a way that the sharply defined features give way—they are preserved, yet at the same time they transform, revealing themselves from a different perspective as a process. Whereas in conventional biology, as we are accustomed to, one speaks of the lungs, heart, brain, and so on, from the perspective of anthroposophy one must speak of the brain process—which is vividly present, not merely inferred, nor merely demonstrated in its parts through external physical experiments, but actually observed; we must speak of the heart process, the lung process, and everything that constitutes the human being—of processes, of a becoming. All of this is, after all, merely the inner continuation of the ascending, sun-like becoming and the descending, moon-like becoming.
[ 40 ] Und verfolgt man diese Dinge weiter, dann lernt man nicht nur den gesunden Menschen kennen mit seinen Organen, sondern man lernt auch kennen die krankhaften [Abbau- und] Aufbauprozesse, die Wucherungen, die Lähmungen, die Abtötungen der Organe. Man lernt erkennen, wie Prozesse zurückgehalten werden können in einzelnen Organen. Man lernt erkennen, wie Prozesse wuchern können, wenn man durchschaut den Zusammenhang solcher inneren Aufbau- und Abbauprozesse. Mit dem Aufbau und Abbau im Weltenall, mit dem Sonnen- und Mondenhaften kann man verfolgen, wie diese Kräfte dann im Pflanzen-, Mineral- und Tierreich vorhanden sind. Und da zeigen sich einem dann die Heilmittel für gewisse Krankheiten dadurch, dass man weiß: In dem Organ geht ein solcher Abbauprozess vor, ihm musst du entgegenstellen dasjenige, was als Abbauprozess draußen vielleicht bei dieser Pflanze, bei jenem Mineralischen vorhanden ist. Man lernt erkennen den inneren Bezug der menschlichen Organisation zu den Reichen der Natur. Man lernt erkennen, wie Medizin von dem bloßen Probieren zu einem rationellen Erfassen, sowohl des gesunden wie des kranken Zustandes des Menschen vorrücken kann, wie eine Pathologie rationell werden kann, wie eine Therapie rationell werden kann, dass durchschaut werden kann der Gesundungs- und Krankheitsprozess. Das ist dasjenige, was sich als eine Entwicklung auf anthroposophischer Grundlage befruchtend für die Medizin ergibt.
[ 40 ] And if one continues to explore these matters, one not only comes to understand the healthy human being and his organs, but also comes to understand the pathological [degradation and] regeneration processes, the proliferations, the paralyses, and the necrosis of the organs. One learns to recognize how processes can be held back in individual organs. One learns to recognize how processes can run rampant when one understands the interconnection of such internal processes of formation and breakdown. Through the processes of formation and breakdown in the universe, and through the solar and lunar principles, one can trace how these forces are present in the plant, mineral, and animal kingdoms. And this is where the remedies for certain diseases become apparent, through the knowledge that: a particular process of breakdown is taking place in the organ, and you must counteract it with that which exists as a process of breakdown externally—perhaps in this plant or that mineral. One learns to recognize the inner connection between the human organism and the kingdoms of nature. One learns to recognize how medicine can progress from mere trial and error to a rational understanding of both the healthy and diseased states of the human being; how pathology can become rational; how therapy can become rational; and how the processes of healing and disease can be understood. This is what emerges as a development on an anthroposophical foundation that is fruitful for medicine.
[ 41 ] Ich weiß sehr gut — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass man heute noch in Wespennester sticht, wenn man solche Dinge vorbringt, aber die Welt hat schon mit mancherlei, was älteren Zeiten ungewohnt war, sich bekannt machen müssen, und das vorerst Bedrängte ist manchmal später ein Selbstverständliches geworden. Mit solchen Dingen muss sich eben der anthroposophische Forscher trösten. Nun, ich will bloß anführen dieses Beispiel der Befruchtung der Medizin für die Befruchtung der einzelnen Wissenschaften. Wir haben auch in Stuttgart ein physiologisches, ein physikalisches, ein biologisches Forschungsinstitut und versuchen durchaus in anthroposophischer Weise die anthroposophische Methode in die einzelnen Wissenschaften hineinzutragen.
[ 41 ] I know very well—my esteemed audience—that even today one stirs up a hornet’s nest when one raises such issues, but the world has already had to become acquainted with many things that were unfamiliar in earlier times, and what was initially met with resistance has sometimes later become a matter of course. The anthroposophical researcher must simply take comfort in such things. Well, I simply wish to cite this example of the enrichment of medicine as an illustration of the enrichment of the individual sciences. Here in Stuttgart, too, we have a physiological, a physical, and a biological research institute, and we are making every effort to apply the anthroposophical method to the individual sciences in a thoroughly anthroposophical manner.
[ 42 ] Aber auch für andere Gebiete des Lebens kann Anthroposophie befruchtend wirken. Wir waren — denn Anthroposophie besteht ja jetzt doch schon durch längere Zeit hindurch als eine Geistesströmung —, wir waren in einer bestimmten Zeit vor die Aufgabe gestellt, der anthroposophischen Bewegung einen eigenen Bau zu errichten. Freunde der anthroposophischen Bewegung haben sich gefunden, um einen eigenen Bau für diese Bewegung zu schaffen. Dieser Bau ist als das Goetheanum, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, in Dornach bei Basel errichtet. Was wäre geschehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn von irgendeiner anderen Geistesströmung oder Kulturströmung ein solcher Bau hätte errichtet werden müssen? Man hätte sich an einen Baumeister gewandt, der aus Renaissance-, Rokokooder antikem Stil eine Umrahmung gegeben hätte, und es würde dann darin getrieben worden sein, was als ein Gegenwärtiges dasteht.
[ 42 ] But anthroposophy can also have a stimulating effect on other areas of life. We were—for anthroposophy has, after all, existed as a spiritual movement for quite some time now—we were, at a certain point in time, faced with the task of erecting a building of our own for the anthroposophical movement. Friends of the anthroposophical movement came together to create a building of their own for this movement. This building was erected as the Goetheanum, the School of Spiritual Science, in Dornach near Basel. What would have happened—my dear friends here today—if such a building had had to be erected by any other spiritual or cultural movement? They would have turned to an architect who would have provided a framework in the Renaissance, Rococo, or classical style, and what stands there today as a contemporary structure would then have been carried out within it.
[ 43 ] So konnte Anthroposophie nicht verfahren. Sie will nicht sein etwas, was einseitig sich durch Ideen zum Ausdruck bringt, was gewissermaßen nur theoretisch verbreitet wird, sondern was unmittelbar den vollen Menschen ergreift, was daher in alle Gebiete des Lebens hineingreift. Wenn ich mich eines trivialen Vergleichs bedienen darf, so sei es dieser: Wer eine Nuss anschaut, sagt sich: Die Nuss ist geformt durch gewisse Kräfte, die in ihr wirken, aber die Schale, sie ist in der Richtung derselben Kräfte geformt. Man kann im Grunde genommen gar nicht trennen die Gesetzmäßigkeit der Nussschale von der Gesetzmäßigkeit des Nusskerns selber. Beides ist eines! So möchte Anthroposophie eines sein. Daher muss sie ihre Schale, ihre Umrahmung, ihr Haus aus demselben Impuls heraus bauen mit einem neuen Baustil, mit dem Baustil, der ihren innersten Impulsen entspricht, wie die Nussschale aus denselben Naturkräften und ihren Richtungen heraus gestaltet ist, wie der Nusskern selber.
[ 43 ] Anthroposophy could not proceed in this way. It does not wish to be something that expresses itself one-sidedly through ideas—something that is, so to speak, disseminated only theoretically—but rather something that directly engages the whole human being and therefore permeates all areas of life. If I may use a trivial comparison, let it be this: When one looks at a nut, one says to oneself: The nut is shaped by certain forces at work within it, but the shell is shaped in accordance with those same forces. Essentially, one cannot separate the laws governing the nut shell from the laws governing the nut kernel itself. The two are one! Anthroposophy, too, wishes to be one. Therefore, it must build its shell, its framework, its home from the same impulse—with a new architectural style, one that corresponds to its innermost impulses—just as the nut shell is shaped by the same natural forces and their directions as the nut kernel itself.
[ 44 ] Und wenn in Dornach vom Pulte aus gesprochen wird durch die Sprache der Ideen von dem, was im Geiste erschaut werden kann über den Menschen und das Weltenall, so soll dieses an Ideen durch die Sprache der Gedanken Ausgedrückte ganz genau dasselbe Leben enthalten, das die Säulen, das das Gemalte, das die Plastiken dieses Dornacher Goetheanums enthalten. Die Form der Kunst, ohne Allegorie, ohne stroherne Allegorie oder abstrakte Symbolik zu sein — weder das, noch das, findet sich —, sondern alles ist in wirkliche Kunstformen ausgeflossen. Alles soll sprechen aus demselben Leben heraus, aus dem in Gedanken gesprochen werden kann von den Inhalten des geistigen Schauens. Da glaubt man sich zu nähern auf anthroposophischem Boden einer wirklich im Sinne Goethes gehaltenen Kunstanschauung. Man sieht vielleicht am tiefsten hinein in dasjenige, was Goethe erstrebte auf künstlerischem Gebiete, wenn man erinnert an solche Aussprüche Goethes wie diesen: Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie — nämlich die Kunst — niemals offenbar werden würden. — Und Goethe sagt noch: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet die tiefste Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.
[ 44 ] And when, in Dornach, one speaks from the lectern through the language of ideas about what can be perceived in the spirit regarding humanity and the universe, then what is expressed in ideas through the language of thought should contain precisely the same life that is contained in the columns, the paintings, and the sculptures of this Goetheanum in Dornach. The form of art—without allegory, without flimsy allegory or abstract symbolism—neither one nor the other is found here—but rather, everything has flowed into genuine artistic forms. Everything is meant to speak from the same life from which one can speak in thought about the contents of spiritual vision. One feels, on anthroposophical ground, that one is approaching a view of art truly held in the spirit of Goethe. One perhaps gains the deepest insight into what Goethe strove for in the artistic realm when one recalls such statements by Goethe as this one: “Art is a manifestation of secret laws of nature that would never become apparent without it—namely, art.” — And Goethe also says: “To whom nature begins to reveal her manifest secret, that person feels the deepest longing for her most worthy interpreter, art.”
[ 45 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, man kann dasjenige, was man an Ideen über die Geheimnisse der Natur zu sagen hat, ohne unkünstlerisch, ohne allegorisch oder symbolisch zu werden, in Kunstformen darstellen, und indem man so vorgeht, entsteht eben ein heute noch ungewohnter Baustil. Anthroposophie konnte sich nicht an etwas anderes wenden, was eine fremde Umrahmung gewesen wäre. Anthroposophie will nicht sein Theorie, Anthroposophie will sein Leben. Daher musste sie auch einfließen in die Formen des Baustils selber, der den Bau ausmacht, den Bau gestaltet hat, in dem Anthroposophie zunächst leben soll.
[ 45 ] Yes—my esteemed audience—it is possible to express one’s ideas about the mysteries of nature in artistic forms without becoming unartistic, allegorical, or symbolic; and by proceeding in this way, an architectural style emerges that is still unfamiliar today. Anthroposophy could not turn to anything else that would have served as an external framework. Anthroposophy does not want to be a theory; anthroposophy wants to be a way of life. Therefore, it also had to flow into the very forms of the architectural style that constitutes the building, that has shaped the building in which anthroposophy is first to take root.
[ 46 ] Damit — meine sehr verehrten Anwesenden — habe ich auf ein zweites Gebiet hingedeutet, das durch Anthroposophie befruchtet werden kann, auf das Gebiet der Kunst. Auch auf anderen Gebieten der Kunst will Anthroposophie befruchtend wirken. In diesen Tagen soll hier eine Eurythmie-Vorstellung gegeben werden. Bei dieser Gelegenheit wird anzudeuten sein, wie im Sinne einer solchen Bewegungskunst Anthroposophie befruchtend wirken kann.
[ 46 ] With this—my esteemed audience—I have alluded to a second field that can be enriched by anthroposophy: the field of art. Anthroposophy also aims to have a enriching effect on other areas of art. A eurythmy performance is to be given here in the coming days. On this occasion, we will be able to illustrate how anthroposophy can have a stimulating effect in the context of such a movement art.
[ 47 ] In Stuttgart hat Emil Molt errichtet die Waldorfschule, die von mir geleitet wird. Diese Waldorfschule, sie sucht auf pädagogisch-didaktischem Gebiet dasjenige fruchtbar zu machen, was aus anthroposophischen Untergründen heraufkommt. Wie kommt aus diesen Untergründen herauf wirkliche Menschenerkenntnis? Den Menschen lernt man erkennen nach seinem vollen Wesen, nach Leib, Seele und Geist, aber nicht bloß durch irgendwelche Abstraktionen, sondern durch konkretes Anschauen. Man lernt verfolgen das Kind, wie es aus dem Geistig-Seelischen heraus gestaltet nach und nach das äußere Leibliche. Man lernt im Kinde schon verehren das göttlich-geistige Wesen, und man lernt eine völlige Einheit, ein sich gegenseitiges Bilden des Leiblichen und des Geistigen. Nicht will Anthroposophie auf pädagogischem und didaktischem Gebiete etwa in gewöhnlichem Sinne Weltanschauungsschulen begründen. Wir gehen so weit, dass wir dasjenige, was religiöse Weltanschauung zum Beispiel ist, dass wir das überlassen den Vertretern der einzelnen religiösen Gebiete zunächst. Die katholischen Pfarrer unterrichten die katholischen Kinder in der Waldorfschule, die evangelischen Pfarrer unterrichten die evangelischen Kinder. Da aber nach ihrer ganzen Entstehung in der Waldorfschule eine große Anzahl Dissidenten-Kinder waren, ist es notwendig gewesen, dass wir für sie einen freien Religionsunterricht eingerichtet haben; der wird aber ebenso als ein Weltanschauungsunterricht geleitet wie die anderen. Die Schule selbst will nicht irgendwelche anthroposophischen Theorien in die Kinder hineinpfropfen, sondern sie will in die pädagogisch-didaktische Geschicklichkeit, in das Handhaben der Erziehung ausfließen lassen, was aus anthroposophischer Erkenntnis herausfließen kann. Nicht in Opposition will sich stellen Anthroposophie zu den Errungenschaften, die da sind durch die große Pädagogik des neunzehnten Jahrhunderts. Anthroposophie weiß, welche bedeutsamen Maximen in dieser Richtung vorhanden sind, aber sie weiß auch, dass die Mittel erst erlangt werden müssen, um die berechtigte pädagogische Forderung zu erfüllen. Diese Mittel können nur in einer durchdringenden Menschenerkenntnis liegen, und die Mittel möchte Anthroposophie herbeischaffen durch diejenige Menschenerkenntnis, die durch das vergeistigte Schauen erlangt werden kann, wie ich es heute geschildert habe. So möchte Anthroposophie befruchtend in das pädagogische, in das Erziehungs-Gebiet hineinwirken.
[ 47 ] In Stuttgart, Emil Molt founded the Waldorf School, which I direct. This Waldorf School seeks to put into practice, in the field of education and teaching, the principles that arise from anthroposophical foundations. How does true knowledge of the human being emerge from these foundations? One learns to recognize the human being in their full being—body, soul, and spirit—not merely through abstractions, but through concrete observation. One learns to observe how the child, shaped by the spiritual and soul aspects, gradually forms the outer physical body. One learns to revere the divine-spiritual being already present in the child, and one learns to perceive a complete unity—a mutual shaping of the physical and the spiritual. Anthroposophy does not seek to establish “worldview schools” in the ordinary sense in the fields of education and pedagogy. We go so far as to leave matters such as religious worldview, for example, to the representatives of the various religious traditions for the time being. Catholic pastors teach the Catholic children at the Waldorf School, and Protestant pastors teach the Protestant children. However, since there were a large number of children from dissenting backgrounds at the Waldorf School from its very inception, it has been necessary for us to establish free religious instruction for them; this, however, is conducted in the same way as the other worldview classes. The school itself does not seek to impose any anthroposophical theories on the children, but rather aims to allow what flows from anthroposophical insight to find expression in its pedagogical and didactic skill and in the practice of education. Anthroposophy does not seek to stand in opposition to the achievements brought about by the great pedagogical traditions of the nineteenth century. Anthroposophy is aware of the significant principles that exist in this regard, but it also knows that the means must first be acquired in order to fulfill the legitimate pedagogical demands. These means can only lie in a profound understanding of the human being, and anthroposophy seeks to bring about these means through the very understanding of the human being that can be attained through spiritualized perception, as I have described today. In this way, anthroposophy seeks to have a fruitful influence on the field of education.
[ 48 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wie wenig eigentlich Menschenerkenntnis in der Gegenwart wirklich vorhanden ist, für die Pädagogik geeignete Menschenerkenntnis, das konnte sich zeigen in einem Vortrag, der gehalten worden ist auf dem anthroposophischen Kongress, der im verflossenen Sommer in Stuttgart abgehalten worden ist. Dasjenige — Einzelnes wenigstens —, was auf diesem anthroposophischen Kongress verhandelt worden ist, es wäre hinausgeflutet in die Welt und vielfach besprochen worden, wenn es nicht just auf anthroposophischem Boden — dem heute noch so antipathischen anthroposophischen Boden — erwachsen wäre. Aus dem reichen Gebiete desjenigen, was verhandelt worden ist, will ich hervorheben den Vortrag — der auch gedruckt ist — von Dr. von Heydebrand, einer Lehrkraft der Waldorfschule. Da wird gezeigt in äußerst eindringlicher Weise, wie die Experimentalpädagogik, zu der man heute immer wieder hinarbeitet, ihre Ergänzung finden muss durch eine unmittelbare Anschauung des SeelischGeistigen im Kinde, wie sie aus Anthroposophie erfließen kann. Auch wendet sich nicht Anthroposophie gegen das Berechtigte der experimentellen Pädagogik und Psychologie, aber dieses Berechtigte kommt gerade dadurch zu seinem praktischen Wert, dass es geistgemäß durchdrungen wird. Niemals steht gegen das Berechtigte naturwissenschaftlicher Erkenntnis Anthroposophie in Opposition. Überall möchte sie dasjenige, was bei gehöriger unbefangener Betrachtung selbst herauswächst aus diesem Naturwissenschaftlichen, eben zur Geltung bringen, durchaus im Einklange mit den berechtigten Forderungen der neueren Zeit in Bezug auf das naturwissenschaftliche Anschauen.
[ 48 ] Ladies and gentlemen, just how little true knowledge of human nature—knowledge suitable for education—actually exists today was made clear in a lecture delivered at the Anthroposophical Congress held last summer in Stuttgart. The topics—or at least certain aspects—discussed at this anthroposophical congress would have spread throughout the world and been widely discussed had they not arisen precisely on anthroposophical ground—that anthroposophical ground which is still so unpopular today. From the rich array of topics discussed, I would like to highlight the lecture—which has also been published—by Dr. von Heydebrand, a teacher at a Waldorf school. It demonstrates in an extremely compelling way how experimental pedagogy—toward which we are continually striving today—must be complemented by a direct perception of the soul-spiritual aspects in the child, as can flow from anthroposophy. Nor does anthroposophy oppose the validity of experimental pedagogy and psychology; rather, this validity attains its practical value precisely through being imbued with the spiritual. Anthroposophy never stands in opposition to the validity of scientific knowledge. In every area, it seeks to give due consideration to that which, upon proper and unbiased examination, naturally emerges from scientific knowledge itself—in complete harmony with the legitimate demands of the modern era regarding the scientific perspective.
[ 49 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Besonders notwendig hat es die heutige Zeit, zu einer vertiefteren Anschauung zu kommen auf einem Gebiete, das dem Menschen unendlich naheliegt, und dessen Naheliegen ihm besonders vor Augen treten muss in der Gegenwart, die aus der großen, furchtbaren Weltkatastrophe hervorgegangen ist. Man hat nämlich geglaubt, dass man auch das soziale Leben des Menschen beherrschen könne von derjenigen Gesetzmäßigkeit aus, die eine einseitig naturwissenschaftliche ist. Nachgebildet wurden die sozialen Gesetze, und nach und nach, ganz wie von selbst, aus dem Unbewussten heraus, die sozialen Kräfte dem naturwissenschaftlich Gesetzmäßigen, dem natürlich Wirksamen. Derjenige, der unbefangen das Leben betrachtet, sieht heute in die Ergebnisse herein. Man könnte auf vieles andere hindeuten außer dem Marxismus noch, was aus den rein natürlichen Kräften heraus an sozialen Einsichten gewonnen werden kann; man braucht nur hinzuweisen auf die Gestalt, wie im Osten Europas verheerend und zerstörend diese Anschauung heute schon, weil sie sich praktisch betätigt, wirkt. Drohend hängt über Europa das, was im Osten seinen Anfang genommen hat. Und Europa — überhaupt die moderne Zivilisation — wird diesem Verhängnis, das da droht, nur entkommen, wenn man sich wiederum vertieft in dasjenige, was geistig-seelisch ist. Wenn man wieder eine Vorstellung bekommt von dem Ganzen, von dem Voll-Menschen nach Leib, Seele und Geist, dann wird man auch Einsichten gewinnen und Anschauungen bekommen in Bezug auf das soziale Leben, Einsichten bekommen dahingehend, wie die sittlichen Impulse aus dem freien, aus dem Vollmenschen heraus, in das soziale Leben fließen können. Das einseitige wirtschaftliche Betrachten wird, trotzdem es exakt wirtschaftlich bleiben kann, einmünden in eine Einsicht von einer sozialen Gestaltung, die den ganzen, den Vollmenschen berücksichtigt. Auch darüber hat es einen Anfang gegeben in dem Vortrag, den Emil Leinhas auf dem genannten Stuttgarter Kongress gehalten hat — der auch schon gedruckt ist —, wo Emil Leinhas in ganz ausgezeichneter Weise gezeigt hat, wie die gegenwärtige National-Ökonomie zu einer Art von Bankrott gekommen ist, wie man aus ihr heraus keine für das Leben fruchtbaren sozialen Impulse finden kann. Ins Leben überzuleiten, ins soziale, ins sittliche Leben überzuleiten dasjenige, was im Menschen erkennend erlebt wird, das macht sich vor allen Dingen Anthroposophie zur Aufgabe.
[ 49 ] Ladies and gentlemen! In today’s world, it is particularly necessary to gain a deeper understanding of a field that is infinitely close to human beings—and whose proximity must be especially evident to us in the present, which has emerged from the great, terrible global catastrophe. For it was believed that human social life, too, could be governed by a set of laws that is one-sidedly based on the natural sciences. Social laws were modeled, and little by little—as if of their own accord, emerging from the unconscious—social forces were aligned with the laws of the natural sciences and natural processes. Anyone who observes life with an open mind can see the results of this today. One could point to many other examples besides Marxism to illustrate the social insights that can be derived from purely natural forces; one need only point to the devastating and destructive way in which this view is already having an effect in Eastern Europe today, precisely because it is being put into practice. What began in the East now hangs menacingly over Europe. And Europe—indeed, modern civilization as a whole—will escape this impending doom only if it once again immerses itself in that which is spiritual and soulful. When we regain a sense of the whole—of the whole human being in body, soul, and spirit—then we will also gain insights and perspectives regarding social life, including an understanding of how moral impulses can flow from the free, whole human being into social life. A one-sided economic perspective—even if it remains strictly economic—will lead to an understanding of a social structure that takes into account the whole, complete human being. A beginning was also made in this regard in the lecture that Emil Leinhas gave at the aforementioned Stuttgart Congress—which has already been published—in which Emil Leinhas demonstrated in an excellent manner how the current national economy has reached a kind of bankruptcy, and how no social impulses fruitful for life can be found within it. To translate into life—into social and moral life—that which is experienced through the human faculty of cognition: this is, above all, the task that anthroposophy sets for itself.
[ 50 ] Und um ein Letztes zu erwähnen — was nur als ein Letztes erwähnt ist, aber durchaus nicht in seiner Bedeutung ein Letztes ist —, möchte ich drauf aufmerksam machen, dass, indem Anthroposophie die Impulse des Sozialen beleben kann, sie auch dasjenige, was nun nicht außen in der menschlichen Gesellschaft wirkt, sondern im tiefsten Inneren des Menschen wirkt, das religiöse Erleben wird vertiefen können. Anthroposophie — oh, man missversteht sie, wenn man sie nach dieser Richtung hin charakterisiert —, Anthroposophie will durchaus nicht sein irgendetwas Sektiererisches, ganz gewiss nicht eine neue Religionsgründung sein, sie will dasjenige, was die Menschen in ihrem religiösen Gemüte erleben können, dadurch vertiefen, dass sie es durchleuchtet mit der Klarheit einer Erkenntnis des geistigen Lebens. Diejenigen, die die Religion oder gar das Christentum gefährdet glauben durch Anthroposophie, die geben sich einem argen Missverständnis hin; erstens dem Missverständnis, dass dasjenige, was sie in einem blinden Glauben wie ein Ideal hinstellen, gegenüber der anderen, wachsenden Naturerkenntnis sich halten kann; und dann geben sie sich dem blinden Urteil hin, dass Klarheit, klares Hineinschauen in die geistige Welt irgendwie störend sein könne für tiefinnerste Frömmigkeit. Diese tiefinnerste Frömmigkeit, sie wird gerade verstärkt werden können, wenn sie erreicht werden kann auf der Grundlage einer wirklichen Geisterkenntnis. Keine Sekte, keine neue Religion will Anthroposophie begründen, sondern als geistige Wissenschaft möchte sie dienen dem Leben, möchte sie dienen auch dem innersten, intimsten, dem religiösen Leben der Menschen.
[ 50 ] And to mention one last thing—which is mentioned only as a final point, but is by no means the last in terms of its significance—I would like to draw attention to the fact that, just as anthroposophy can invigorate social impulses, it can also deepen that which does not act externally in human society but rather within the deepest inner being of the human being: the religious experience. Anthroposophy—oh, it is misunderstood when characterized in this way—Anthroposophy certainly does not intend to be anything sectarian, and most certainly not a new religious movement; it seeks to deepen what people can experience in their religious lives by illuminating it with the clarity of an understanding of spiritual life. Those who believe that anthroposophy endangers religion or even Christianity are succumbing to a grave misunderstanding; first, the misunderstanding that what they hold up as an ideal through blind faith can stand up to the other, growing body of scientific knowledge; and second, they succumb to the blind judgment that clarity—a clear insight into the spiritual world—could somehow be disruptive to the deepest piety. This deepest piety can, in fact, be strengthened precisely when it is attained on the basis of a genuine knowledge of the spirit. Anthroposophy does not seek to establish a sect or a new religion; rather, as a spiritual science, it aims to serve life, and it also aims to serve the innermost, most intimate, and religious life of human beings.
[ 51 ] Und so darf ich wohl zusammenfassend zum Schlusse sagen, was das Wesen der Anthroposophie sein will. Aus meinen Erörterungen des heutigen Abends dürfte es hervorgegangen sein, wie Anthroposophie durchaus nicht in Opposition steht gegen moderne, fortschrittliche Weltanschauungen, sondern wie sie durchaus mit ihnen geht. Wie aber die menschliche Wesenheit uns äußerlich darbietet das Leibliche, das Körperliche, wie wir aus diesem Leiblichen, diesem Körperlichen seine Beweglichkeit, seine physiognomischen, seine sonstigen Offenbarungen des Geistig-Seelischen erleben, so sollen wir, wenn wir das Naturgebiet in strenger Naturwissenschaft überschauen, auch dasjenige erkennen innerhalb des Naturgebietes, womit der Mensch als mit seinem ewigen Wesenskern verwachsen ist, wo er urständet mit demjenigen, was in ihm unsterblich ist, eins ist mit dem göttlich-geistigen Wesen der Welt. Und wie wir einen Menschen nur ganz erkennen, wenn wir in seinem Physisch-Leiblichen sein Geistig-Seelisches erblicken, so werden wir die Welt, den Kosmos nur ganz erkennen, wenn wir der äußeren Erkenntnis der Naturwissenschaft die Geisteserkenntnis der Anthroposophie gegenüberstellen wollen. Das aber bemüht sich Anthroposophie zu tun. Sie will dadurch naturgemäß, weltgemäß sein, dass sie zum Vorbild nimmt den Menschen, in dessen Leiblichkeit sich das Geistig-Seelische offenbart.
[ 51 ] And so, to conclude, I may well summarize what the essence of anthroposophy is intended to be. It should have become clear from my remarks this evening that anthroposophy is by no means in opposition to modern, progressive worldviews, but rather that it is fully in harmony with them. But just as the physical, the bodily, presents itself to us as the outward expression of the human being, and just as we experience through this physical, this bodily aspect its mobility, its physiognomic features, and its other manifestations of the spiritual and soul-life, so too, when we survey the realm of nature through rigorous natural science, must we recognize within that realm that which is inseparably connected to the human being’s eternal core of being—where the human being originates from that which is immortal within him and is one with the divine-spiritual essence of the world. And just as we can only fully understand a human being when we perceive the spiritual and soul aspects within their physical body, so too will we only fully understand the world, the cosmos, if we seek to contrast the external knowledge of natural science with the spiritual insight of anthroposophy. This is precisely what anthroposophy strives to do. It seeks to be in harmony with nature and the world by taking as its model the human being, in whose physical body the spiritual and soul aspects are revealed.
[ 52 ] So möchte — meine sehr verehrten Anwesenden — Anthroposophie voll anerkennend auf die Erkenntnis der äußeren Natur hinschauen, möchte aber hinzufügen etwas, was da sein kann die Beseelung, die Durchgeistigung dieser äußeren Naturwissenschaft.
[ 52 ] Thus, my esteemed audience, anthroposophy seeks to view the knowledge of external nature with full appreciation, but would like to add something that may be present there: the animation, the spiritualization of this external natural science.
