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Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a

20 Januar 1922, Mannheim

5. Das Wesen der Anthroposophie

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Anthroposophie wird gegenwärtig von vielen Menschen, die sich von außen her zunächst mit ihr beschäftigen, als ein mehr oder weniger phantastischer Versuch angesehen, durch Erkenntnis in Weltgebiete einzudringen, mit denen sich ernste Wissenschaft nichts zu tun machen soll.

[ 2 ] Nun will ja allerdings Anthroposophie eindringen in diejenigen Gebiete, welche gewöhnlich, mit mehr oder weniger Recht, als übersinnliche Gebiete bezeichnet werden, und in denen der Mensch mit seinem eigentlichen tieferen, mit seinem ewigen Wesen wurzelt. Es gibt ja heute allerdings schon ganz ernst zu nehmende wissenschaftliche Forscher, welche sich an allerlei abnorme Fähigkeiten des Menschen wenden, die hinweisen darauf, dass der Mensch noch anderen Gesetzen unterliegt und in anderer Weise mit der Welt zusammenhängt, als in der Art, wie man es durch die gebräuchlichen naturwissenschaftlichen Studien feststellen kann.

[ 3 ] Allein gerade diejenigen, welche sich an solche abnorme menschliche Fähigkeiten wenden, die sie dann in durchaus berechtigter Weise nur wissenschaftlich registrieren, nach ihren Gesetzmäßigkeiten erforschen, gerade diese sehen oftmals den Weg, welchen Anthroposophie einschlägt, als einen phantastisch-nebelhaft-mystischen, als einen solchen an, der sogar zu allerlei abergläubischen Anschauungen und zur Schwärmerei führen müsse. Nun kann man allerdings — meine sehr verehrten Anwesenden — nicht sagen, dass schwärmerisch-mystische Naturen auf die Dauer irgendwie befriedigt sein können von demjenigen, was Anthroposophie ihrem eigentlichen Wesen nach ist. Solche Naturen, die ja wohl, es gibt heute viele solche, überall da hinlaufen, wo von irgendetwas Okkultem — wie sie es nennen — die Rede ist, solche Naturen finden ja sehr bald, dass Anthroposophie durchaus fußen will auf strengem Denken, auf demjenigen, was man bezeichnen kann gewissenhafte wissenschaftliche Methode. Und das taugt für schwärmerische, für nebelhaft-mystisch angelegte Naturen ja eigentlich nicht. Das hindert natürlich auch auf der anderen Seite nicht, dass diejenigen, die das, was ihnen ungewohnt ist, mit einer leichten Handbewegung abweisen wollen, dann doch finden, zur Anthroposophie kämen neurasthenische oder hysterische Naturen und was dergleichen mehr ist.

[ 4 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden — diesem Zerrbild gegenüber, das sehr häufig von Anthroposophie gegenwärtig noch entworfen wird, ist es nicht ganz leicht, in einem kurzen Vortrage das Wesen dieser Forschungsrichtung und dieser Weltanschauung zu charakterisieren. Ich will es heute Abend dadurch versuchen, dass ich zunächst die Wege charakterisiere, auf denen Anthroposophie eindringen will in diejenigen Gebiete, welche der gewöhnlichen Naturwissenschaft nicht zugänglich sind. Und ich will dann versuchen, wenigstens andeutungsweise einiges über die Ergebnisse zu sagen, zu denen man auf solchen Wegen gelangt.

[ 5 ] Man soll nur ja nicht glauben, dass Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, irgendwie oppositionell sich stellen möchte gegen dasjenige, was im Laufe der letzten Jahrhunderte und insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts die einzigartigen naturwissenschaftlichen Methoden für den Menschheitsfortschritt geleistet haben. Das muss durchaus als eine Voraussetzung hingenommen werden, dass Anthroposophie darauf hält, in vollem Einklange mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der neueren Zeit zu stehen, dass Anthroposophie durchaus auch nichts zu tun haben will mit irgendwelchen abnormen menschlichen Fähigkeiten, sondern nur mit einer sachgemäßen Fortsetzung der ganz normalen menschlichen Erkenntnis- und Seelenfähigkeit. Man glaubt ja oftmals, dass gerade durch eine solche normale Fortsetzung und Weiterentwicklung nicht irgendetwas Erhebliches erreicht werden könne. Gegen dieses Vorurteil hat Anthroposophie zunächst anzukämpfen. Da aber begegnet sie zunächst zwei gewaltigen Klippen. Und indem sie in völlig unbefangener Weise sich klar wird über diese zwei Erkenntnisklippen, möchte sie dazu gelangen, einen Weg zu finden, der diese Klippen vermeidet.

[ 6 ] Wir haben auf der einen Seite — wie ich schon erwähnt habe — die gewaltigen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der neueren Zeit mit ihren großartigen praktischen Wirkungen für das Leben. Anthroposophie sieht durchaus hin auf die Anschauungen jener ‹vorsichtigem›, auf der Höhe ihrer Wissenschaft stehenden Naturdenker, welche von den notwendigen Grenzen dieser Naturerkenntnis sprechen.

[ 7 ] Zunächst bietet sich ja der menschlichen Erkenntnis dasjenige dar, was von den Sinneseindrücken kommt, was der Beobachtung, dem Experiment zugänglich ist und was der menschliche Intellekt an Gesetzmäßigkeiten innerhalb dieses Sinnesgebietes finden kann. Nun besteht ja oftmals das Bestreben, über dieses Sinnesgebiet durch bloßes, sich selbst überlassenes Denken hinauszugehen zu Gebieten, welche hinter der Sinneswelt liegen. Das sind die Versuche, welche durch — wie man sagt — philosophisches Denken, philosophische Spekulation über das Sinnesgebiet hinausgehen wollen. Derjenige aber, der nicht als Laie oder Dilettant, sondern als Kenner der naturwissenschaftlichen Methoden diesen gegenübersteht, der kann auch wissen durch die besondere Art der Handhabung des Denkens in der Naturwissenschaft, wie dasjenige Denken, das gerade unsere wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit hervorgebracht hat, wie das sich nicht nur willkürlich an die äußeren Tatsachen der Sinneswelt bindet, sondern wie es sich in der neueren Zeit zu seiner Größe gerade dadurch heranentwickelt hat, dass es sich den Gesetzen der äußeren Sinneswelt angepasst hat, dass es den Tatsachen, die in der äußeren Sinneswelt zu beobachten sind, gewissenhaft folgt. Und hat man einmal dies durchgemacht, wie so das naturwissenschaftliche Denken den Tatsachen folgt, dann weiß man auch, in welche Unsicherheiten, in welche subjektiven Willkürlichkeiten man hineinkommt, wenn man das sichere Gebiet der sinnlichen Tatsachen verlässt, das Gebiet der Beobachtung und des Experiments, und sich hingibt dem sich selbst überlassenen Denken.

[ 8 ] Daher kommt es ja auch, dass diejenigen, an welche dann eine solche Weltanschauung herantritt, die durch dieses Denken zustande gekommen ist, sich unbefriedigt fühlen. Sie müssen sich sagen: Ja, dasjenige, was da der eine oder andere Denker, über die Sinneswelt hinausgehend, in seinen Gedanken kombiniert, es hätte, wenn er anders veranlagt gewesen wäre, eben auch anders ausfallen können. Und es fällt ja auch anders aus. Die philosophischen Systeme streiten miteinander, und der Streit der philosophischen Systeme begründet eben diejenige Unbefriedigung, die sofort auftreten muss für das unbefangene Menschengemüt, wenn Naturwissenschaft ihre Grenzen in der eben angedeuteten Weise überschreitet. Nun, Anthroposophie ist zunächst durchaus nicht geneigt, über die Natur in einer anderen Weise zu denken als der strenge Naturforscher selbst. Und auch dasjenige, was sie über übersinnliche Welten zu ergründen unternimmt, das soll nur sein eine wirkliche Fortsetzung der einheitlichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung, nicht das Auffinden etwa im dualistischen Sinne irgendeiner zweiten Welt zu derjenigen, in welcher wir zunächst leben als Mensch. Aber es gibt heute viel tiefer angelegte Naturen, die fühlen sich gegenüber den Sehnsuchten der Menschenseele doch unbefriedigt von dem, was Naturwissenschaft über die äußere Natur geben kann, der ja auch der Mensch mit seiner physischen Körperlichkeit eingegliedert ist. Dann wenden sich solche tieferen Naturen wohl ab von allem Forschen, von allem gewissenhaften Erkennen im Sinne der Naturwissenschaft, und sie wenden sich zu einer gewissen mystischen Richtung. Das ist ja heute etwas sehr Verbreitetes, dass sich Menschen sagen: Die äußere Beobachtung, das äußere Experiment, sie liefern Großartiges für das praktische Leben, aber der Menschenseele mit ihren Hoffnungen für das Ewige, mit ihrer Sehnsucht, ihr eigenes tieferes Wesen zu ergründen, können sie nichts geben. Solche Naturen suchen sich dann Wege, sich hinunterzuversenken in die tieferen Schächte der Seele, und glauben dann, in diesen tieferen Seelenschächten dasjenige zu finden, in mystischer Versenkung zu finden, was eben durch äußere Beobachtung nicht gefunden werden kann.

[ 9 ] Und damit bin ich an der zweiten Klippe, an welcher Anthroposophie vorbeikommen muss. Sie kann ebenso wenig stehen bleiben bei der begrenzten Naturerkenntnis, wie sie irgendwie stehen bleiben kann bei irgendeiner Art nebelhafter Mystik. Denn gerade derjenige, welcher in unbefangener Seelenbeobachtung — und zu einer solchen muss man ja gerade durch die Anthroposophie immer mehr und mehr vordringen —, derjenige, der durch eine unbefangene Seelenbeobachtung in das Innere dringt, der weiß, wie Eindrücke, die wir vielleicht vor Jahrzehnten, vielleicht damals halb unbewusst, in unsere Seelen aufgenommen haben, wiederum nach langer Zeit herauftauchen, wie sie nicht nur so herauftauchen, wie sie dazumal aufgenommen worden sind, sondern sie verbinden sich in den Tiefen des menschlichen Gemütes mit allerlei Gefühlen, allerlei Empfindungen, sie werden durchsetzt von Willensimpulsen oftmals so, dass der Mensch mit seinem vollen Bewusstsein bei dieser unterbewussten Seelentätigkeit gar keinen Anteil hat. Und dann treten sie nach Jahren aus der Seele heraus bei sich versenkenden Mystikern, die wissen dann nicht, dass das nur umgewandelte äußere Eindrücke sind, halten es für göttliche Eingebungen, glauben, in dem, was sie da heraufholen an umgewandelten äußeren Wahrnehmungseindrücken, nähern sie sich denjenigen Quellen des Weltendaseins, in welche die Menschenseele mit ihrem Ewigen eingesenkt ist.

[ 10 ] Auch dieser Seite der vermeintlichen Erkenntnis des Ewigen wendet sich Anthroposophie nicht zu, sondern sie sagt sich: In der äußeren Naturerkenntnis ergeben sich die äußeren Tatsachen und ihre Gesetzmäßigkeiten, in der inneren Versenkung ergibt sich im Grunde genommen doch nur dasjenige, was unmittelbare oder umgewandelte Erinnerung an die Eindrücke der äußeren Sinneswelt ist. Und gerade, indem ganz exakt Anthroposophie auf diese Dinge eingeht, kommt sie dazu, sich zu sagen: Es ist unmöglich, mit denjenigen Erkenntnisfähigkeiten, die der Mensch zunächst hat für das normale Leben und auch für die gewöhnliche Wissenschaft, auf der einen Seite die Grenzen der Naturerscheinungen zu überschreiten, auf der anderen Seite tiefer in das Wesen der Menschenseele selbst einzudringen. Gerade aus diesem Grunde, weil Anthroposophie nach beiden Richtungen hin unbefangen sieht, sucht sie den Weg einer Weiterentwicklung der menschlichen Seelenfähigkeiten.

[ 11 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man sich auf diesen Weg begeben will, dann gehört etwas dazu, was allerdings der Mensch sich nur langsam und schwer erringt und was ich nennen möchte: intellektuelle Bescheidenheit. Man muss sich nämlich in einem bestimmten Augenblick seines Lebens das Folgende sagen können: Ich bin als ganz kleines Kind durchaus nicht ausgerüstet gewesen mit den Fähigkeiten, die ich heute habe. Ich war unorientiert in der Welt, und aus den Tiefen des Menschwesens herauf haben sich die Fähigkeiten entwickelt, die mir heute Erkenntnis möglich machen, die mir heute die praktische Orientierung im Leben möglich machen. Im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft schließt man nun mit demjenigen, was da durch Erziehung errungen worden ist, was durch das Leben angeeignet worden ist, ab. Derjenige, der im anthroposophischen Sinne zur Forschung kommen will, der darf aber da nicht abschließen, der muss gewahr werden, wie es außer diesen Fähigkeiten des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft in der Seele schlummernde Fähigkeiten gibt, die durch gewisse Seelenübungen, intime Seelenübungen heraufgeholt werden können und durch deren Ausbildung man eben zur Anschauung einer ganz anderen Welt kommt noch, als diejenige ist, die einen sonst umgibt. Die Ausbildung dieser Fähigkeiten geschieht nicht durch äußere Maßnahmen, sie geschieht durch intime Seelenübungen. Und dabei ist zu beachten, dass diese Seelenübungen so vorgenommen werden, dass dabei durchaus waltet jene wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, welche man sich aneignen kann im gegenwärtig berechtigten Wissenschaftsgebiete. Zunächst richtet sich allerdings dasjenige, was durch Anthroposophie zu vollbringen ist, nach dem Innern der Seele hin, aber dabei wird so streng vorgegangen, dass eben Rechenschaft abgelegt werden kann vor den Methoden einer gewissenhaften Wissenschaftlichkeit.

[ 12 ] Nun handelt es sich darum, dass dasjenige, was durch diese intimen Seelenübungen angestrebt werden soll, zunächst eine Erkraftung, eine Verstärkung des gesamten menschlichen Seelenwesens ist — nach der einen Seite hin eine Verstärkung, eine Erkraftung des Vorstellungslebens.

[ 13 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, geradeso, wie man, wenn man einen Muskel zur Arbeit braucht, die Kraft dieses Muskels verstärkt, den Muskel selber stärker macht, so kann man auch dasjenige, was Vorstellungskraft im Menschen ist, verstärken, erkraften, indem man es einfach übersetzt, umsetzt in eine sonst nicht im Leben vorkommende seelische Arbeit. Diese seelische Arbeit, ich werde sie prinzipiell beschreiben, das Ausführliche darüber — denn es sind viele und jahrelange Übungen notwendig zu dieser Erkraftung des Vorstellungslebens —, das Ausführliche finden Sie in meinen Büchern, zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder im II. Teil meiner «Geheimwissenschaft», oder kürzer dargestellt im letzten Kapitel meiner «Rätsel der Philosophie». Aber, wie gesagt, ich möchte das Prinzipielle, das Wesentliche der Sache heute Abend darstellen.

[ 14 ] Es handelt sich zunächst darum, dass man behufs einer Erkraftung des menschlichen Vorstellungswesens leicht überschaubare Vorstellungen oder Vorstellungskomplexe in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt und dann das Seelenleben, mit Abwendung von allem anderen, ganz einem solchen Vorstellungskomplexe hingibt. Es ist gut, ja, fast notwendig, dass man einen solchen Vorstellungskomplex entweder so findet, dass man ihn aufsucht — sagen wir — in einem Buche, das einem zunächst ganz unbekannt ist, das man einfach auf einer Seite aufschlägt, sodass man irgendeinen Spruch, einen Satz nimmt, von dem man ganz sicher ist, er ging einem bisher nicht durch das Bewusstsein, durch das Seelenleben, oder aber man kann sich auch von jemandem, der in diesen Dingen erfahren ist, irgendeinen solchen Inhalt geben lassen, auf den man dann das Seelenleben konzentriert, dem man sich, wie ich das in den genannten Büchern bezeichnet habe, meditativ hingibt. Es ist notwendig, dass man sich einem Seeleninhalt hingibt, der in dieser Weise einem bisher unbekannt war, aus dem Grunde, weil, wenn man aus den Schätzen seiner Erinnerungen heraufholt irgendeinen Seeleninhalt, so hat sich der verknüpft mit allerlei anderen Gebieten des Seelenlebens. Man kann gar nicht wissen, was man da aus den unterbewussten Untergründen der Seele heraufholt und was sich einem dann als Reminiszenzen ergibt. Davor ist man nur behütet, wenn man einen leicht überschaubaren Vorstellungsinhalt hat, der einem aber bisher unbekannt war. Dann handelt es sich darum, mit Außerachtlassung von allem anderen, mit Abwendung der Aufmerksamkeit vom ganzen übrigen Leben und Weltendasein, die Seele auf diesen Vorstellungsinhalt zu konzentrieren, und zwar — Sie finden in den genannten Büchern die Übungen, die dazu führen, angegeben — so zu konzentrieren, dass niemals der voll bewusste Wille, die echte Besonnenheit dabei aufhört, sondern der Mensch sich hingibt einer solchen Konzentration oder Meditation mit vollständig innerer Willkür, mit derjenigen inneren Willkür, mit der man auch einem äußeren, sinnlichen Wahrnehmungsinhalt hingegeben ist.

[ 15 ] Denn das — meine sehr verehrten Anwesenden — ist das Ideal anthroposophischer Methode, nicht irgendwie hinunterzutauchen zunächst in allerlei körperliche oder sonstige verborgene menschliche Zustände, sondern nachzustreben derjenigen Seelenverfassung, die man gerade dann hat, wenn man den äußeren Sinneseindrücken hingegeben ist. Man missversteht durchaus Anthroposophie, wenn man glaubt, dass sie hinstrebt nach denjenigen Gebieten, die das Visionäre, die Halluzination, die Suggestion oder dergleichen betreffen. Bei all dem wendet sich der Mensch an eine solche Seelenberätigung, die in Untergründe taucht, welche nur schwach sich betätigen gegenüber einer äußeren Sinneswahrnehmung, einem äußeren Sinneseindruck. Nicht in dieses nebelhafte Dunkel taucht anthroposophische Methode hinunter, das ist das gerade Gegenteil des Visionären, des Halluzinatorischen, des Suggestiven, dieses ist das Gegenteil von dem, wonach anthroposophische Methode hinstrebt. Sie bildet diejenige Seelenverfassung weiter aus, die man hat gegenüber dem äußeren Sinneseindruck, aber sie bildet sie aus gegenüber einem so zu charakterisierenden Vorstellungsinhalte, wie ich ihn eben geschildert habe.

[ 16 ] Und dann muss man immer mehr und mehr dazu streben, in der Hingabe an einen solchen Vorstellungsinhalt, im Bewusstsein nun so lebendig zu werden, wie man sonst nur einem äußeren Sinneseindruck gegenüber ist. Sie wissen ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie viel mehr lebendig der Mensch ist, wenn er einem äußeren Sinneseindruck hingegeben ist, als bei Verfolgung des gewöhnlichen Gedankenlebens. Man spricht ja zunächst wirklich mit Recht von den blassen Gedanken gegenüber den intensiven, den voll-lebendigen äußeren Sinneseindrücken. Das aber muss anthroposophische Methode erstreben, gegenüber den charakterisierten Gedanken diese Lebendigkeit und Intensität zu erreichen, die sonst nur äußeren Sinneseindrücken gegenüber erreichbar ist. Wie gesagt, das erfordert eine lange Ausdauer und Energie.

[ 17 ] Und die Geistesforschung, von der hier die Rede ist, sie ist nicht leichter als die Forschung auf der Sternwarte oder die Forschung im physikalischen oder chemischen Laboratorium oder auf der Klinik. Es muss durchaus ein langes Üben nach dieser Richtung stattfinden. Wenn es aber stattfindet, dann empfindet sich der Mensch nach einiger Zeit in der Tat in einer inneren Beweglichkeit des Vorstellungswesens, die er früher nicht gekannt hat, und er befindet sich durchaus in einem Erleben, das ihm durch die Erfahrung sagt: Du wirst immer mehr und mehr in deinem seelischen Erleben frei von der Körperlichkeit.

[ 18 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, alles dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben für die Erkenntnis haben, was wir für die sonstigen seelischen Äußerungen haben, ist ja an die Körperlichkeit gebunden. Derjenige, der unbefangen ist, weiß, wie unsere Erinnerungen durchaus an körperliche Funktionen gebunden sind. Er gibt sich also nicht leicht hin der Anschauung, dass man frei vom Körper sein könne, dass man — ich will schon das durchaus unsympathische Wort gebrauchen —, dass man wirklich seelisch leben könne außerhalb seines Leibes. Das ist es aber, was man durch ein immerwährendes Steigern eines solchen Übens erlangen kann. Man gelangt dazu, außerhalb seines Leibes mit seinem Seelenleben zu sein. Aber man weiß zugleich, dass in dieser Art von Erkenntnis, die ich als die erste Stufe der höheren Erkenntnis in den genannten Büchern bezeichnet habe, die Stufe der Imagination, man weiß zugleich, dass mit diesem Seelenleben, das in einem lebendigen, intensiver gemachten, erkrafteten Denken lebt, dass nur zunächst Subjektives, Bildhaftes erlebt werden kann. Das unterscheidet wiederum den anthroposophischen Forscher von dem falschen Mystiker oder gar von der pathologischen Natur. Derjenige, welcher aus pathologischen Zuständen heraus sich einer Seelenfähigkeit hingibt, der weiß durchaus niemals dasjenige zu bewahren, was er im gewöhnlichen Leben als seine Seelenverfassung hat. Ich möchte sagen: Er gleitet mit seinem ganzen Bewusstsein in das Visionäre, in das Halluzinatorische hinüber. Derjenige, der als anthroposophischer Forscher die Seelenfähigkeiten entwickelt, von denen ich gesprochen habe, der bleibt durchaus, auch wenn er diese Fähigkeiten entwickelt, der besonnene Mensch daneben, der er sonst im Leben ist, der Mensch mit strenger Selbstkritik und Weltkritik, der in jedem Augenblick kontrollieren kann, was da in der zweiten Persönlichkeit verläuft, zu der er sich als der imaginativ-erkennenden hinaufgeschwungen hat. Während aus diesem Grunde der krankhafte Mensch seine Halluzinationen, seine Visionen, so wie sie sind, für Wirklichkeiten hält, weiß der anthroposophische Forscher, dass er in den Imaginationen zunächst ein Bildhaftes, ein Subjektives hat, dass aber das Eigenleben gesteigert ist, dass er dieses Eigenleben in einer anderen Art vor sich hat geistig, als das sonst in der menschlichen Seelenverfassung der Fall ist.

[ 19 ] Ein Unterschied gegenüber dem gewöhnlichen Vorstellen ist für dieses imaginative Erkennen dadurch vorhanden, dass es nicht abstrakt verläuft, wie die Begriffe und Ideen des gewöhnlichen Erkennens, sondern dass es in voll gesättigten Bildern lebt. Deshalb nenne ich es imaginatives Erkennen. In diesem imaginativen Erkennen, in dem man das subjektive Bewusstsein des eigenen Wesens gesteigert hat, in diesem imaginativen Erkennen tritt auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Seelenfähigkeiten das erste Ergebnis anthroposophischer Forschung auf. Man gelangt dazu, wie in einem großen Tableau vor sich zu haben dasjenige, was an inneren, seelischen Kräften gewaltet hat in der eigenen menschlichen Wesenheit seit der Geburt. Dasjenige, was man sonst von dieser inneren menschlichen Wesenheit weiß, es ist ja enthalten in dem Strome der Erinnerungen, aus denen man entweder willkürlich einzelne Gebiete heraufholt in Bildern über dasjenige, was man erlebt hat, oder auch es steigen frei Bilder herauf, es bleibt ein — ich möchte sagen — zunächst unterbewusster Strom von Erinnerungen. So ist dasjenige nicht, was man jetzt erblickt, sondern das, was man zuerst erblickt, ist die Summe derjenigen Kräfte, von denen man jetzt weiß, sie haben deine Fähigkeiten geformt, sie haben deinen moralischen Impulsen die Richtung gegeben. Man sieht, wie überschaut, in einem einheitlichen Tableau die Art und Weise, wie man geworden ist, und zwar wie man aus dem Inneren heraus sich gestaltet hat durch die Jahre. Dasjenige, was sonst in der Zeit verlaufen ist, tritt einem in einem einheitlichen Bilde, das aber innerliche Beweglichkeit hat, entgegen.

[ 20 ] Das ist das erste Neue, das man durch solche Seelenentwicklung schaut. Ich habe das, was man auf diese Weise schaut und wovon man nun unmittelbar weiß, es ist eine zweite Leiblichkeit, eine geistige Leiblichkeit in dem Menschen, ich habe es den Bildekräfteleib genannt. Älteres, instinktives Erkennen, das von diesen Dingen schon etwas gekannt hat, hat da von Äther- oder Lebensleib gesprochen. Es ist nicht irgendetwas, das man aufzeichnen kann — höchstens so, wie man den Blitz malt —, man muss durchaus wissen, dass man es mit etwas In-sich-Beweglichem zu tun hat, das in jedem Augenblick sich ändert, das man also nur festhalten kann eben wie es ist in einem Augenblick. Man hat es mit einem — ich möchte sagen — Zeitleib des Menschen zu tun.

[ 21 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, durch die imaginative Erkenntnis kann man zunächst dieses Innere, dieses Innerlich-Bewegliche, diesen Bildekräfteleib des Menschen — wenn ich mich so ausdrücken darf — entdecken. Dasjenige, was ich an Seelenentwicklungen bisher charakterisiert habe, muss aber fortgesetzt werden. Wenn man zunächst geübt hat das Sich-Konzentrieren auf bestimmte Vorstellungen, so wird man in einer gewissen Weise, trotzdem man mit voller innerer Willkür sich diesen Vorstellungen hingibt, wie nur etwa ein Mathematiker seinen Gedankenkombinationen sich hingibt, so wird man in einer gewissen Weise festgehalten von diesen Vorstellungen. Das darf aber eigentlich nicht sein. Deshalb muss von Anfang an — Sie finden das wieder in den genannten Büchern charakterisiert, was an entsprechenden Übungen gemacht werden muss, um das zu erreichen —, deshalb muss von Anfang an nicht nur dieses Konzentrieren auf Vorstellungen geübt werden, sondern es muss ein Zweites geübt werden. Durch ebensolche freie Willkür müssen wiederum die Vorstellungen, auf die man sich gerade mit größter Kraft, mit gesteigerter Seelenkraft gewendet hat, wieder unterdrückt werden können, vollständig unterdrückt werden können, sodass man dasjenige herstellen lernt, was man nennen könnte: leeres Bewusstsein, ein Bewusstsein, das leer ist, wie sonst nur das Bewusstsein im Schlafe leer ist. Wie aber da die innere Gefasstheit der Seele — ich möchte sagen — hinuntersinkt und vollständig abgelähmt ist im Schlafe, so bleibt sie rege, wenn man das Meditieren — wie von mir charakterisiert — vorangehen hat lassen. Man ist mit voller Wachheit in dem leeren Bewusstsein dann lebend. Und ich werde Ihnen zu charakterisieren haben, wie die Möglichkeit, in solch leerem Bewusstsein zu leben, eben bedingt, dass man in eine geistige Welt eintreten kann.

[ 22 ] Zunächst will ich darauf hinweisen, dass derjenige, der sich die Fähigkeit errungen hat, einzelne Bilder, die in der Imagination auftauchen, nicht nur hingebungsvoll zu erleben, sondern auch wiederum aus dem Bewusstsein fortzuschaffen, sodass er im leeren Bewusstsein wach leben kann, ein solcher erringt allmählich die Fähigkeit, alles dasjenige zu unterdrücken, was ich jetzt charakterisiert habe als den Bildekräfteleib, als das große Lebenstableau, das uns innerlich begreiflich macht in dem Kräfteleben, das uns gestaltet hat seit unserer Geburt. Man gelangt dazu, dieses ganze innere Leben, nachdem man es zuerst voll angeschaut hat, wiederum aus dem Bewusstsein fortzuschaffen. Gelangt man aber dazu, gegenüber dem eigenen inneren Lebensinhalt leeres Bewusstsein herzustellen, dann tritt auch die zweite Stufe der menschlichen Erkenntnis mit aller Deutlichkeit auf, die ich genannt habe — ich bitte, meine sehr verehrten Anwesenden, sich an Ausdrücken nicht zu stoßen, sie sollen nur eine Terminologie darstellen, ich meine nichts Abergläubisches, nichts irgendwie in der Tradition Liegendes, sondern nur dasjenige, was ich selbst charakterisiere —, ich habe genannt die zweite Stufe in der menschlichen Erkenntnis: das inspirierte Erkennen. Die erste Stufe also imaginatives Erkennen, die zweite Stufe inspiriertes Erkennen.

[ 23 ] Indem man dieses inspirierte Erkennen durch das leere Bewusstsein erreicht, gelangt man dazu, zunächst durch Unterdrücken des inneren Seelentableaus des Bildekräfteleibes nun das Bewusstsein auszudehnen über die Geburt hinaus. Man erlebt jetzt die Seele, das Seelisch-Geistige des eigenen Wesens in demjenigen Zustande, in dem es war, bevor es sich durch die Geburt — oder sagen wir durch die Konzeption — mit den Vererbungskräften vereinigt hat, die die Kräfte des Leibes sind, die der Mensch von seinen Voreltern, von seinen Eltern erhielt. Man gelangt dazu, zu überschauen die Schicksale, welche das Seelisch-Geistige, welche der ewige Wesenskern des Menschen durchgemacht hat, bevor er sich mit einem physischen Menschenleib vereinigt hat. Sie können fragen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie weiß man denn aber, dass dasjenige, was man da schaut, wirklich einem Erleben der Seele vor der Geburt oder vor der Konzeption angehört. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte klarmachen, was da vor dem anthroposophischen Forscher auftritt, durch einen Vergleich. Wenn ich irgendeine Erinnerung habe an ein Erlebnis vor zehn Jahren, dann weiß ich durch den Inhalt der Erinnerung selber, dass sie nicht irgendetwas ist, was gegenwärtig im Bewusstsein entstanden ist, sondern der eigene Inhalt der Erinnerung weist mich auf die Zeit von vor zehn Jahren hin. So ist der Inhalt desjenigen, was man als Geistig-Seelisches erlebt, dass es seine eigene Zeit in der Beziehung andeutet, dass man weiß, das sind Erlebnisse der Seele, bevor sie in eine irdische Leiblichkeit hineingekommen ist.

[ 24 ] So sonderbar das der heutigen Menschheit noch erscheint, man wird sich überzeugen, dass mit völliger überzeugter Gewissenhaftigkeit Seelenfähigkeiten ausgebildet werden, nicht um zu spekulieren oder mystisch-nebelhaft sich zu versenken, sondern um zu einer wirklichen Anschauung desjenigen zu kommen, was der ewig-geistig-seelische Wesenskern des Menschen ist. Darinnen wird dasjenige bestehen, was Anthroposophie einzufügen hat in die weitere Kulturentwicklung der Menschheit, dass sie zeigen wird: Die Erfahrung selbst muss weiter ausgebildet werden, das Erleben selbst muss gesteigert werden, damit der Mensch in gesteigerter Erkenntnis zum Anschauen desjenigen kommt, was sein ewiger Wesenskern ist. Aus diesem Grunde kann Anthroposophie für das naturwissenschaftliche Gebiet durchaus so vorgehen, wie nur der strengste Naturforscher vorgeht. Sie wird nicht missbrauchen die gewöhnliche Erkenntnismethode, sie kann in den berechtigten Grenzen durchaus für das äußere physische Gebiet Haeckelismus sein, zu Haeckel sich bekennen, weil sie auf der anderen Seite eben weiß, wie man Erkenntnisfähigkeiten ausbildet, die zu einer unmittelbaren Anschauung des ewigen, geistig-seelischen Wesenskerns im Menschen zunächst kommen. Dann — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man diesen geistig-seelischen Wesenskern also ausgebildet hat, wenn man es gebracht hat bis zum inspirierten Erkennen, lernt man ja nicht nur dasjenige kennen, was die Seele des Menschen selber ist, sondern so, wie man durch den menschlichen Leib, der in sich die Sinne trägt, die sinnliche Umgebung kennenlernt, so lernt man durch dieses Erkennen der eigenen Seelenwesenheit auch deren geistige Umgebung kennen, als sie im leibfreien Zustande war, [bevor] sie durch Geburt oder Konzeption eingezogen ist in die physisch-irdische Leiblichkeit.

[ 25 ] Aber es genügt noch nicht, bei dieser inspirierten Erkenntnis stehen zu bleiben. Es ist nur die eine Seite zunächst der Seelenfähigkeiten ausgebildet, das Vorstellungsmäßige. Es muss nach der anderen Seite ausgebildet werden auch das Willensmäßige des menschlichen Seelenlebens. Dann folgt — könnte man sagen — von selbst das Gefühls-, das Gemütsleben, das mittendrinnen liegt zwischen dem Vorstellungsleben und dem Willensleben. Dieses Gemütsleben ist ja das ureigene, das intimste Element des menschlichen Seelenlebens. Es folgt der inspirierten, der imaginativen Erkenntnis und derjenigen, die ich nun weiter charakterisieren will dadurch, dass ich zeige, wie man auch den Willen des Menschen in die geistige Welt hineinführen kann, leibfrei machen kann.

[ 26 ] Ich möchte aus der großen Reihe der Übungen, welche ich in den genannten Büchern angedeutet und ausgeführt habe, herausheben einiges Prinzipielle, durch das man sehen kann, wie diese Entwicklung des Willens geschieht.

[ 27 ] Da möchte ich zunächst auf eine sehr einfache Übung hinweisen, die aber mit Ausdauer und Energie unternommen werden muss, damit sie zum wirklichen positiven Resultate führt. Sie besteht darin, dass man ausgeht von der Erkenntnis, wie unser gewöhnliches Denken durchaus schon von dem Willen jederzeit durchzogen ist. Es ist ja durchaus so, dass wir in abstraktem Denken auseinanderhalten können die Seelenfähigkeiten nach Vorstellen oder Denken, nach Fühlen, nach Wollen. In Wirklichkeit strömt in der Seele alles zusammen, was Vorstellen, was Fühlen, was Wollen ist. Und selbst im reinsten Denken ist immer das Willenselement drinnen. In diesem Denken soll deshalb auch zunächst für die höhere Geistesschulung das Willenselement ausgebildet werden. Nun ist aber das gewöhnliche Denken und auch dasjenige Denken, das der Mensch zunächst in der ihm gewohnten Wissenschaft anwendet; es ist im Einklange mit den äußeren Tatsachenfolgen. Das Frühere wird früher, das Spätere später vorgestellt. Und selbst wenn wir das Denken für das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft befreien von der äußeren Zeitlichkeit und Räumlichkeit, so brauchen wir es in der gewöhnlichen Logik doch so, dass wir eben darauf kommen wollen, wie die Dinge nur so angeordnet sind im Raum und in der Zeit. Wenn wir das Denken auch loslösen von der Wirklichkeit, so ist das doch nur ein Umweg, um wiederum durch das Denken an die wahre Wirklichkeit heranzukommen. Dasjenige aber, was Willensschulung sein soll, muss dieses Denken losreißen von der gewöhnlichen Tatsachenfolge, und das kann dadurch geschehen, dass man, wenn ich es so nennen darf, umgekehrt vorstellt. Nehmen wir an, wir stellen eine Melodie oder ein Drama umgekehrt vor, ein Drama von den letzten Ereignissen des fünften Aktes bis zu den ersten des ersten Aktes zurück. Wenn man so in möglichst kleinen Partien rückwärts vorstellt, dann ist man gezwungen, einen stärkeren Willen anzuwenden für das Denken, als das sonst der Fall ist. Man kann das Denken nach dieser Richtung, oder besser gesagt, den Willen, der im Denken lebt, nach dieser Richtung besonders gut dadurch schulen, dass man seine eigenen Tageserlebnisse jeden Abend rückwärts verfolgt in möglichst kleinen Partien, von dem angefangen, was man des Abends erlebt hat, zum Nachmittag, zum Morgen geht, wirklich dann bis ins Einzelste — ich möchte sagen —, bis in die Atomisierung des Tageslebens hineinlebt, sodass man das Hinaufgehen einer Treppe so vorstellt, dass man, wenn man oben angekommen ist, dann rückwärtsgehend von der letzten zur vorletzten Stufe und so weiter den Weg zurückgeht in Gedanken. Man wird sehen, wie das immer schwieriger wird, je kleinere Partien man nimmt. Aber gerade dadurch reißt man den Willen, der im Denken lebt, los von der äußeren Tatsachenfolge und man wird nach und nach merken, wie man ihn nicht nur losreißt von der äußeren Tatsachenfolge, sondern wie man ihn losreißt von der eigenen Leiblichkeit. Man kann sich unterstützen durch andere Übungen, zum Beispiel dadurch, dass man sich eine gewisse Gewohnheit ausbildet, in seinen eigenen Handlungen, in den Äußerungen seines eigenen Lebens wie eine zweite Persönlichkeit sich neben sich stehend zu betrachten. Wenn man solche nicht nebulose, sondern deutliche Selbstschau übt, wenn man sozusagen — natürlich kann man das nicht immer tun, sondern nur kurze Zeiten zur Übung —, wenn man sozusagen jeden Schritt, auch jeden Schritt des Seelenlebens, wie von außen beobachtet, so kommt man zu einer Unterstützung des Willenselementes.

[ 28 ] Wenn man dann dazu vorschreitet, dass man mehr ins Innere der Seele geht, dass man sich sagt: Du hegst jetzt die Absicht, eine ganz bestimmte, konkret abgerissene Handlung in irgendeiner Zukunft zu tun, du treibst es so weit mit der Selbstschau, dass diese zur Betätigung wird, dass du dein eigenes inneres Leben in die Hand nimmst, Herr wirst deiner Entwicklung, während du dich sonst dem Strome des Lebens überlassen hast. Wenn man dasjenige, was der Strom des Lebens für die eigene Entwicklung der Seele leistet, in die Hand nimmt, dann gelangt man dazu, auch den Willen loszureißen von der gewöhnlichen Leiblichkeit, von der Körperlichkeit. Dann kommt man auch mit dem Willen außerhalb seines Leibes, und es vereinigt sich diese außerhalb des Leibes zu erlebende Willenskraft mit der Vorstellungskraft, die ich charakterisiert habe.

[ 29 ] Dadurch aber gelangt man dazu, etwas in der menschlichen Wesenheit auszubilden, was ja mit Recht im gewöhnlichen Leben nicht als eine Erkenntnisfähigkeit angesehen wird — und ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, wie die Gründe voll berechtigt sind, dass man die hier gemeinten Seelenfähigkeiten nicht als Erkenntnisfähigkeiten gelten lässt —, aber wenn das Seelenwesen des Menschen so gesteigert ist, wie ich es charakterisiert habe, dann kann wohl die Liebefähigkeit, die Hingabe an irgendein Äußeres, sie kann zur Erkenntnisfähigkeit werden. Und so wie das leibfreie Vorstellen, das der Erinnerung ähnlich ist, aber wieder ganz verschieden von ihr vor uns hinstellt Bilder eines Lebens, das wir sonst nicht erkennen können, so stellt auch dieser leibfrei gewordene Wille, der nun gesteigerte Liebefähigkeit darstellt, ein gesteigertes Hinausleben in die Wirklichkeit dar und, da er leibfrei ist, in die geistige Wirklichkeit. Wir erlangen die Fähigkeit, die ich genannt habe in den genannten Büchern die intuitive Erkenntnis, wir erlangen die Fähigkeit, nicht nur einströmen zu lassen, wie in der inspirierten Erkenntnis, die Offenbarungen einer geistigen Welt, sondern wir erlangen die Fähigkeit, mit unserem eigenen Leben uns hinüberzuleben in die fremde, in die äußere Geistigkeit. Indem ich sage, intuitive Erkenntnis, meine ich natürlich eine Steigerung desjenigen, was man auch im gewöhnlichen Leben Intuition nennt, eine Erkenntnis, die nicht nur auf abstrakt-logischem Denken beruht, nennt man auch im gewöhnlichen Leben Intuition. Dasjenige, was ich meine, ist aber durchaus eine exakte Steigerung desjenigen, was sonst Intuition genannt wird, und stellt dar ein wirkliches erkenntnismäßiges Hinüberleben des Menschen in die objektive Geistigkeit. Und wenn der Mensch zu dieser Intuition gelangt ist, dann lernt er auch von sich nun die andere Seite seines Wesens kennen. Durch das bisher Geschilderte gelangt er ja hin bis zu dem Moment seiner Geburt, zu demjenigen Geistig-Seelischen, das der Geburt oder Konzeption vorangegangen ist. Jetzt, indem er den Willen ausbildet zu der intuitiven Erkenntnis, sodass er aus sich herausschreiten kann mit dem Willen, jetzt gelangt er auch zu der Erkenntnis desjenigen, was aus dem menschlichen Leib in der Wirklichkeit herausschreitet, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Erst in dem Moment erkennt der Mensch das Geistig-Seelische, das als Ewiges durch die Pforte des Todes geht, wenn er durch eine Willensentwicklung dieses Geistig-Seelische so erfasst hat, dass es in intuitiver Erkenntnis wirklich aus sich, aus dem gewöhnlichen Menschenwesen, aus dem leiblichen Wesen heraustreten kann. Und jetzt erschaut der Mensch das Wesen der Unsterblichkeit nach den beiden Seiten hin, nach der Seite der Ungeborenheit und nach der Seite der Unsterblichkeit, wie man sie gewöhnlich nennt. Der Mensch lernt auf diese Art kennen — sagte ich schon — auch die geistige Umwelt, in der er lebt vor der Geburt oder Konzeption und nach dem Tode.

[ 30 ] Aber wenn man diese beiden Welten erfasst hat, wenn man erkennt wirklich naturgesetzlich die Sinneswelt, wenn man durch diejenigen Erkenntnisfähigkeiten, die ich geschildert habe, die geistige Welt erkennt, dann gibt es noch immer etwas im menschlichen Innern, das aus den beiden Welten heraus nicht erklärt werden kann. Man steht jetzt gewissermaßen gerade nach der Erkenntnis der beiden Welten — ich nenne sie «beide Weltem, trotzdem sie nur ein Einheitliches ausmachen —, man steht jetzt vor dem Geheimnis des menschlichen Innern. Aber man gelangt auch zu der Fähigkeit, dasjenige jetzt im Menschen zu durchschauen, was beide Welten durch seine Entwicklung in sich vereinigt. Und das ist dasjenige im Menschen, was durch wiederholte Erdenleben hindurchgeht, was also zunächst so durch wiederholte Erdenleben hindurchgeht, dass es hier im physischen Leibe durchlebt das Dasein zwischen Geburt und Tod, oder sagen wir zwischen Konzeption und Tod, dann aber ein anderes Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und da man erkennen lernt, was die Seele sich erringt durch das eine und andere Leben, gelangt man beim Hineinschauen in dasjenige, was die Entwicklungsergebnisse von beiden geben, zu der Anschauung desjenigen, was den wiederholten Erdenleben zugrunde liegt. Und auch diese wiederholten Erdenleben selber werden eine Anschauung.

[ 31 ] Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, indem ich hier im ernsten Sinne von Anthroposophie spreche, kann ich Ihnen nicht wie phantastische Gebilde diese Dinge von wiederholten Erdenleben hinstellen. Ich muss vor Ihnen aufstellen alles das, was die Menschenseele tun muss, um erkenntnismäßig zu diesen Dingen zu gelangen. Ich muss das ja heute selbstverständlich in einem einleitenden Vortrag kurz darstellen, und es könnte sehr leicht die Meinung werden, dass nur derjenige in diese Gebiete hineinschauen kann, welcher alles das durchgemacht hat, was ich prinzipiell geschildert habe ausführlicher in den genannten Büchern. Nun sind diese Bücher gerade dazu da, damit jeder bis zu einer gewissen Stufe die angedeuteten Übungen machen kann, und so auch durch eine wirkliche Anschauung nachgeprüft werden kann dasjenige, was der anthroposophische Forscher sagt. Aber der anthroposophische Forscher bedient sich des gewöhnlichen gesunden Menschenverstandes, des gewöhnlichen Denkens. Und derjenige, der unbeeinflusst durch gewisse Vorurteile, die heute leider so verbreitet sind, einfach sich frägt: «Ist dasjenige, was da vorgebracht wird, vernünftig oder unvernünftig?», der braucht durchaus nicht selbst zum Forscher zu werden, sondern der kann mit seinem gesunden Menschenverstand durchaus sich ein Urteil bilden über den Wert oder Unwert der anthroposophischen Ergebnisse. Geradeso wenig wie einer ein Maler zu sein braucht, um einen sachgemäßen Eindruck von einem Bilde zu erhalten, ebenso wenig braucht einer ein anthroposophischer Forscher zu sein, um ein Urteil darüber zu haben, ob dasjenige vernünftig oder unvernünftig ist, was in der Anthroposophie zutage tritt. Die intuitive Erkenntnis vollendet in einer gewissen Weise die Stufen der höheren Erkenntnis.

[ 32 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, aber schon das gewöhnliche Leben deutet auf einem bestimmten Gebiete hin auf diese Intuition. Ich habe in meinem Buche, das nun schon vor längerer Zeit erschienen ist, das ich geschrieben habe im Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, in meiner «Philosophie der Freiheit», hingedeutet darauf, wie die wirklich freien Handlungen des Menschen beruhen auf Impulsen des sinnlichkeitsfreien Denkens, auf moralischen Idealen, die durchaus leibfrei geschöpft werden vom Menschen aus einer geistigen Welt, sodass ich in dieser «Philosophie der Freiheit» Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von den tiefsten Impulsen des sittlichen Lebens des Menschen gesprochen habe als von moralischen Intuitionen. Und ich versuchte, gerade dadurch den Begriff der Freiheit in einer der heutigen Naturwissenschaft richtunggebenden Weise zu fassen, indem ich zeigte, dass die Frage ganz falsch ist, ob der Mensch frei oder unfrei ist, dass die Frage so gefasst werden muss, dass man einsieht, der Mensch ist für eine große Anzahl seiner Handlungen unfrei, sie quellen heraus aus seinen Instinkten, seinen Trieben, die an den Leib gebunden sind. Der Mensch entwickelt sich aber hin zu einem Erleben von intuitiv-moralischen Impulsen, die rein geistiger Natur sind und dennoch impulsierend sind für das sittliche Handeln. Auf dieser Entwicklungsstufe, wie er die moralische Intuition erfasst, ist er frei. Dasjenige, was ich heute charakterisiere als die Intuition der Erkenntnis, ist nur eine Erweiterung und Vertiefung desjenigen, was für die moralische Welt eigentlich jeder Mensch erfahren kann, der diese moralische Welt in ihren Impulsen durch wirkliche Selbsterkenntnis aufsucht.

[ 33 ] Dasjenige also, was dem Menschen hier auf dieser Welt seinen eigentlichen Wert, seine eigentliche Würde gibt, das moralische Wesen, das ist es, das, richtig erfasst — ich möchte sagen —, an das Ende aller Erkenntnis schon hinweist. Und Anthroposophie muss dann dazu führen, zwischen der Intuition, die sie aber erweitert ins Kosmische und ins Menschliche hinein, zwischen dieser und der gewöhnlichen Erkenntnis die Imagination und die Inspiration einzufügen, wie ich das heute charakterisiert habe.

[ 34 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, so erlangt man eine Erkenntnis des eigenen Ewigen im Menschenwesen. Wenn man aber die Fähigkeiten, von denen ich gesprochen habe, ausbildet, dann wird auch die uns umgebende Welt in einer anderen Gestalt an den Menschen herantreten. Der Mensch wird gewissermaßen ganz als Vollmensch, als ganzer Mensch zu einem Sinnesorgan für die äußere Welt. Und während uns vorher die Welt nur — ich möchte sagen — als der Sinnesteppich entgegentritt, dem dann der Verstand seine Gesetzmäßigkeit absieht, tritt in einer neuen, metamorphosierten Gestalt, aber so, dass die frühere, sinnliche voll erhalten bleibt, tritt die geistige Welt in das menschliche Bewusstsein, in das imaginative, inspirierte und intuitive Bewusstsein herein. Und sie tritt so herein, dass wiederum die Anschauung der Natur, die sonst vorhanden ist, im Menschen, welcher Anthroposoph wird, erhalten bleibt. Während der Halluzinant, der Visionär, sich von der Natur abwendet, in der Regel auch keine Liebe für die Natur hat, bleibt alles dasjenige, was die äußere Naturwissenschaft und die gewöhnliche Naturliebe geben, für den, der anthroposophischer Forscher wird, voll erhalten. Nur durchsetzt und durchdrungen wird dieses durchaus im Sinne der äußeren Naturwissenschaft Angesehene, von den Anschauungen des Geistigen, das immer um uns ist, wie das Physische selbst. Nun erscheint das Äußere, Physische, wenn ich mich vergleichsweise ausdrücken darf, in einer gewissen Beziehung in scharfen Konturen, in fertigen Gebilden.

[ 35 ] Die geistige Anschauung, die auf die geschilderte Weise errungen wird, die entwickelt alles nach gewissen Prozessen, nach einem Geschehen, nach einem Werden hin. Dadurch bekommt das natürliche, das kosmische Geschehen einen ganz neuen Anstrich. Und ich will durchaus nicht davor zurückschrecken — trotzdem solche Dinge heute noch mit wenig Sympathie angenommen werden —, konkrete Einzelheiten als Beispiel zu schildern. Wir sehen zum Beispiel die Sonne als ein begrenztes Gebilde im Himmelsraum. Wir durchforschen sie mit unserer Wissenschaft, mit Astronomie, Astrophysik und so weiter. Dasjenige aber, was uns so als Sonne entgegentritt, das taucht in einer neuen Gestalt vor der geschilderten übersinnlichen Erkenntnis auf. Es taucht auf nun nicht bloß an den Ort gefesselt, an dem es sonst erscheint, es taucht auf als Sonnenhaftes, durchziehend und durchströmend und durchkraftend den ganzen Kosmos. Man lernt das Sonnenhafte als alle Räume durchdringend erkennen. Und indem man es bezieht auf das Menschliche, lernt man das Sonnenhafte in seiner tieferen Bedeutung erkennen. Ich möchte mich, um mich deutlich zu machen, in der folgenden Art ausdrücken.

[ 36 ] Indem wir die äußere Welt um uns haben, die uns unsere Erlebnisse liefert, vergleichen wir diese Erlebnisse mit dem, was wir innen an Vorstellungen, Empfindungen in der Seele daraus bilden. Und nachher in der Erinnerung haben wir die Erlebnisse noch, wir können sie nacherleben. Etwas, was längst vergangen ist, können wir nacherleben, uns mit dem längst Vergangenen verbinden. Es gibt also ein Verhältnis dieses — ich möchte sagen — Abstrakt-Seelischen mit der äußeren konkreten Sinneswelt. So aber gibt es auch ein Verhältnis zwischen dem Tieferen in der eigenen Menschenwesenheit und diesem durch übersinnliche Anschauung Erkannten. Wir tragen in uns die Wirkung des Sonnenhaften, das die Geistesanschauung sich gegeben findet. Dieses Sonnenhafte geht in unsere menschliche Wesenheit hinein, so wie für die Erinnerungen ein äußeres Sinneserlebnis hineingeht, nur bildet es etwas Tieferes im Menschen aus. Das Tiefere muss man auch erst bloß durch eine solche Anschauung, wie ich sie geschildert habe, erkennen, dann lernt man erkennen, dass alles dasjenige, was in uns Kraft des Wachstums, was Kraft der Jugendlichkeit ist, was selbst diejenige Kraft ist, die unsere Nahrungsstoffe im eigenen menschlichen Prozess umsetzt, dass das das Sonnenhafte in uns ist. Wir lernen kennen die aufsteigenden, die sprießenden, sprossenden Kräfte des Weltenalls und die sprießenden, sprossenden Kräfte, die verjüngenden Kräfte in uns selber, in ihren Zusammenhängen. Wir lernen so einen intimeren Zusammenhang des menschlichen Inneren mit dem Kosmos kennen. So, wie wir auf diese Weise das Sonnenhafte erkennen lernen, so lernen wir erkennen das Mondenhafte.

[ 37 ] Wiederum erleben wir den Mond als ein abgeschlossenes, begrenztes, konturiertes Gebilde in der sinnlichen Anschauung. Für die geistige Anschauung, die ich geschildert habe, wird dieses Mondenhafte zu den alle Räume durchziehenden und die Zeit erfüllenden Absterbekräften im Kosmos, Alles Abbauende, alles im Kosmos lähmend Auftretende, alles zum Tode Führende ist Mondenkraft. Und man möchte sagen: Das Sonnenhafte und das Mondenhafte, wie ich es jetzt schildere, es ist bloß konzentriert oder konsolidiert in denjenigen Körpern, die wir durch äußere Sinnesanschauung uns gegeben haben. Man lernt die Welt als Prozesse, als Werden, kennen und diese Prozesse, dieses Werden in das eigene menschliche Innere sich fortsetzen. Man lernt kennen auch die äußeren Naturreiche, wie sie durchzogen werden von solchen kosmischen Kräften. Geradeso, wie man das Sonnen- und Mondenhafte kennenlernt, lernt man andere planetarische oder sonstige Kräfte des Weltalls ohne abergläubische Mystik, durch ganz exakte Anschauung, die exakt entwickelt wurde, kennen. Man lernt das Hineinspielen eines Kosmos, der nicht bloß mathematisch und nicht bloß astrophysisch, sondern geistig-seelisch zu erfassen ist, man lernt dieses Hineinspielen in die Menschennatur kennen, man lernt das Hineinspielen solcher kosmischen Kräfte in die Pflanzennatur, in die Tiernatur erkennen. Man lernt das Sonnenhafte erkennen, das die Pflanze zur Blüte hindrängt, das Mondenhafte, in dem Absterben der Pflanzenwelt. Man lernt die Kräfte erkennen bis in die Reiche des Mineralischen hinein.

[ 38 ] Dringt man zu der Erkenntnis vor, bietet sich auch diejenige Seite der anthroposophischen Forschung, durch welche diese Anthroposophie befruchtend wirkt auf alle anderen Gebiete des Lebens. Und das ist ja die Hoffnung, der sich der anthroposophische Forscher hingibt, und die — zum Teil wenigstens — schon in ihren Anfängen verwirklicht ist, dass Anthroposophie befruchtend werden kann für die anderen Wissenschaften, für die praktischen Gebiete des Lebens.

[ 39 ] Wir haben in Dornach, wir haben auch in Stuttgart bereits ein auf anthroposophischer Grundlage errichtetes medizinisch-therapeutisches Institut. Diesem medizinischen-therapeutischen Institut liegen zugrunde diejenigen Forschungen, die man über die Beziehung des Menschen zum umliegenden Weltenall auf anthroposophischer Grundlage anstellen kann. Dadurch, dass man sich in dieser Weise die kosmischen Wirkungen erkennend aneignet — wie ich nur andeutend schildern konnte mit dem Erkennen des Sonnen- und Mondenhaften —, dadurch erringt man nämlich nicht bloß diejenige Erkenntnis der Menschennatur, die uns die gewöhnliche Physiologie oder Biologie gibt. Man lernt den ganzen Menschen auch kennen, aber so, dass das Scharf-Konturierte übergeht — es bleibt erhalten, aber geht zu gleicher Zeit über, es zeigt sich von einer anderen Seite als Prozess. Während man bei einer gewöhnlichen Biologie, wie man es gewöhnt ist, von Lunge, Herz, Gehirn und so weiter spricht, muss man vom Gesichtspunkte der Anthroposophie aus von dem Gehirnprozess, der aber anschaulich da ist, nicht bloß erschlossen ist, oder nicht bloß in seinen Teilen durch äußere physikalische Versuche gezeigt wird, sondern angeschaut wird; von dem Herzprozess, von dem Lungenprozess, von all dem, was den Menschen ausmacht, von Prozessen, von einem Werden, sprechen. Das alles ist ja nur die innere Fortsetzung des aufsteigenden sonnenhaften Werdens und des absteigenden, mondenhaften Werdens.

[ 40 ] Und verfolgt man diese Dinge weiter, dann lernt man nicht nur den gesunden Menschen kennen mit seinen Organen, sondern man lernt auch kennen die krankhaften [Abbau- und] Aufbauprozesse, die Wucherungen, die Lähmungen, die Abtötungen der Organe. Man lernt erkennen, wie Prozesse zurückgehalten werden können in einzelnen Organen. Man lernt erkennen, wie Prozesse wuchern können, wenn man durchschaut den Zusammenhang solcher inneren Aufbau- und Abbauprozesse. Mit dem Aufbau und Abbau im Weltenall, mit dem Sonnen- und Mondenhaften kann man verfolgen, wie diese Kräfte dann im Pflanzen-, Mineral- und Tierreich vorhanden sind. Und da zeigen sich einem dann die Heilmittel für gewisse Krankheiten dadurch, dass man weiß: In dem Organ geht ein solcher Abbauprozess vor, ihm musst du entgegenstellen dasjenige, was als Abbauprozess draußen vielleicht bei dieser Pflanze, bei jenem Mineralischen vorhanden ist. Man lernt erkennen den inneren Bezug der menschlichen Organisation zu den Reichen der Natur. Man lernt erkennen, wie Medizin von dem bloßen Probieren zu einem rationellen Erfassen, sowohl des gesunden wie des kranken Zustandes des Menschen vorrücken kann, wie eine Pathologie rationell werden kann, wie eine Therapie rationell werden kann, dass durchschaut werden kann der Gesundungs- und Krankheitsprozess. Das ist dasjenige, was sich als eine Entwicklung auf anthroposophischer Grundlage befruchtend für die Medizin ergibt.

[ 41 ] Ich weiß sehr gut — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass man heute noch in Wespennester sticht, wenn man solche Dinge vorbringt, aber die Welt hat schon mit mancherlei, was älteren Zeiten ungewohnt war, sich bekannt machen müssen, und das vorerst Bedrängte ist manchmal später ein Selbstverständliches geworden. Mit solchen Dingen muss sich eben der anthroposophische Forscher trösten. Nun, ich will bloß anführen dieses Beispiel der Befruchtung der Medizin für die Befruchtung der einzelnen Wissenschaften. Wir haben auch in Stuttgart ein physiologisches, ein physikalisches, ein biologisches Forschungsinstitut und versuchen durchaus in anthroposophischer Weise die anthroposophische Methode in die einzelnen Wissenschaften hineinzutragen.

[ 42 ] Aber auch für andere Gebiete des Lebens kann Anthroposophie befruchtend wirken. Wir waren — denn Anthroposophie besteht ja jetzt doch schon durch längere Zeit hindurch als eine Geistesströmung —, wir waren in einer bestimmten Zeit vor die Aufgabe gestellt, der anthroposophischen Bewegung einen eigenen Bau zu errichten. Freunde der anthroposophischen Bewegung haben sich gefunden, um einen eigenen Bau für diese Bewegung zu schaffen. Dieser Bau ist als das Goetheanum, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, in Dornach bei Basel errichtet. Was wäre geschehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn von irgendeiner anderen Geistesströmung oder Kulturströmung ein solcher Bau hätte errichtet werden müssen? Man hätte sich an einen Baumeister gewandt, der aus Renaissance-, Rokokooder antikem Stil eine Umrahmung gegeben hätte, und es würde dann darin getrieben worden sein, was als ein Gegenwärtiges dasteht.

[ 43 ] So konnte Anthroposophie nicht verfahren. Sie will nicht sein etwas, was einseitig sich durch Ideen zum Ausdruck bringt, was gewissermaßen nur theoretisch verbreitet wird, sondern was unmittelbar den vollen Menschen ergreift, was daher in alle Gebiete des Lebens hineingreift. Wenn ich mich eines trivialen Vergleichs bedienen darf, so sei es dieser: Wer eine Nuss anschaut, sagt sich: Die Nuss ist geformt durch gewisse Kräfte, die in ihr wirken, aber die Schale, sie ist in der Richtung derselben Kräfte geformt. Man kann im Grunde genommen gar nicht trennen die Gesetzmäßigkeit der Nussschale von der Gesetzmäßigkeit des Nusskerns selber. Beides ist eines! So möchte Anthroposophie eines sein. Daher muss sie ihre Schale, ihre Umrahmung, ihr Haus aus demselben Impuls heraus bauen mit einem neuen Baustil, mit dem Baustil, der ihren innersten Impulsen entspricht, wie die Nussschale aus denselben Naturkräften und ihren Richtungen heraus gestaltet ist, wie der Nusskern selber.

[ 44 ] Und wenn in Dornach vom Pulte aus gesprochen wird durch die Sprache der Ideen von dem, was im Geiste erschaut werden kann über den Menschen und das Weltenall, so soll dieses an Ideen durch die Sprache der Gedanken Ausgedrückte ganz genau dasselbe Leben enthalten, das die Säulen, das das Gemalte, das die Plastiken dieses Dornacher Goetheanums enthalten. Die Form der Kunst, ohne Allegorie, ohne stroherne Allegorie oder abstrakte Symbolik zu sein — weder das, noch das, findet sich —, sondern alles ist in wirkliche Kunstformen ausgeflossen. Alles soll sprechen aus demselben Leben heraus, aus dem in Gedanken gesprochen werden kann von den Inhalten des geistigen Schauens. Da glaubt man sich zu nähern auf anthroposophischem Boden einer wirklich im Sinne Goethes gehaltenen Kunstanschauung. Man sieht vielleicht am tiefsten hinein in dasjenige, was Goethe erstrebte auf künstlerischem Gebiete, wenn man erinnert an solche Aussprüche Goethes wie diesen: Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie — nämlich die Kunst — niemals offenbar werden würden. — Und Goethe sagt noch: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet die tiefste Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.

[ 45 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, man kann dasjenige, was man an Ideen über die Geheimnisse der Natur zu sagen hat, ohne unkünstlerisch, ohne allegorisch oder symbolisch zu werden, in Kunstformen darstellen, und indem man so vorgeht, entsteht eben ein heute noch ungewohnter Baustil. Anthroposophie konnte sich nicht an etwas anderes wenden, was eine fremde Umrahmung gewesen wäre. Anthroposophie will nicht sein Theorie, Anthroposophie will sein Leben. Daher musste sie auch einfließen in die Formen des Baustils selber, der den Bau ausmacht, den Bau gestaltet hat, in dem Anthroposophie zunächst leben soll.

[ 46 ] Damit — meine sehr verehrten Anwesenden — habe ich auf ein zweites Gebiet hingedeutet, das durch Anthroposophie befruchtet werden kann, auf das Gebiet der Kunst. Auch auf anderen Gebieten der Kunst will Anthroposophie befruchtend wirken. In diesen Tagen soll hier eine Eurythmie-Vorstellung gegeben werden. Bei dieser Gelegenheit wird anzudeuten sein, wie im Sinne einer solchen Bewegungskunst Anthroposophie befruchtend wirken kann.

[ 47 ] In Stuttgart hat Emil Molt errichtet die Waldorfschule, die von mir geleitet wird. Diese Waldorfschule, sie sucht auf pädagogisch-didaktischem Gebiet dasjenige fruchtbar zu machen, was aus anthroposophischen Untergründen heraufkommt. Wie kommt aus diesen Untergründen herauf wirkliche Menschenerkenntnis? Den Menschen lernt man erkennen nach seinem vollen Wesen, nach Leib, Seele und Geist, aber nicht bloß durch irgendwelche Abstraktionen, sondern durch konkretes Anschauen. Man lernt verfolgen das Kind, wie es aus dem Geistig-Seelischen heraus gestaltet nach und nach das äußere Leibliche. Man lernt im Kinde schon verehren das göttlich-geistige Wesen, und man lernt eine völlige Einheit, ein sich gegenseitiges Bilden des Leiblichen und des Geistigen. Nicht will Anthroposophie auf pädagogischem und didaktischem Gebiete etwa in gewöhnlichem Sinne Weltanschauungsschulen begründen. Wir gehen so weit, dass wir dasjenige, was religiöse Weltanschauung zum Beispiel ist, dass wir das überlassen den Vertretern der einzelnen religiösen Gebiete zunächst. Die katholischen Pfarrer unterrichten die katholischen Kinder in der Waldorfschule, die evangelischen Pfarrer unterrichten die evangelischen Kinder. Da aber nach ihrer ganzen Entstehung in der Waldorfschule eine große Anzahl Dissidenten-Kinder waren, ist es notwendig gewesen, dass wir für sie einen freien Religionsunterricht eingerichtet haben; der wird aber ebenso als ein Weltanschauungsunterricht geleitet wie die anderen. Die Schule selbst will nicht irgendwelche anthroposophischen Theorien in die Kinder hineinpfropfen, sondern sie will in die pädagogisch-didaktische Geschicklichkeit, in das Handhaben der Erziehung ausfließen lassen, was aus anthroposophischer Erkenntnis herausfließen kann. Nicht in Opposition will sich stellen Anthroposophie zu den Errungenschaften, die da sind durch die große Pädagogik des neunzehnten Jahrhunderts. Anthroposophie weiß, welche bedeutsamen Maximen in dieser Richtung vorhanden sind, aber sie weiß auch, dass die Mittel erst erlangt werden müssen, um die berechtigte pädagogische Forderung zu erfüllen. Diese Mittel können nur in einer durchdringenden Menschenerkenntnis liegen, und die Mittel möchte Anthroposophie herbeischaffen durch diejenige Menschenerkenntnis, die durch das vergeistigte Schauen erlangt werden kann, wie ich es heute geschildert habe. So möchte Anthroposophie befruchtend in das pädagogische, in das Erziehungs-Gebiet hineinwirken.

[ 48 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wie wenig eigentlich Menschenerkenntnis in der Gegenwart wirklich vorhanden ist, für die Pädagogik geeignete Menschenerkenntnis, das konnte sich zeigen in einem Vortrag, der gehalten worden ist auf dem anthroposophischen Kongress, der im verflossenen Sommer in Stuttgart abgehalten worden ist. Dasjenige — Einzelnes wenigstens —, was auf diesem anthroposophischen Kongress verhandelt worden ist, es wäre hinausgeflutet in die Welt und vielfach besprochen worden, wenn es nicht just auf anthroposophischem Boden — dem heute noch so antipathischen anthroposophischen Boden — erwachsen wäre. Aus dem reichen Gebiete desjenigen, was verhandelt worden ist, will ich hervorheben den Vortrag — der auch gedruckt ist — von Dr. von Heydebrand, einer Lehrkraft der Waldorfschule. Da wird gezeigt in äußerst eindringlicher Weise, wie die Experimentalpädagogik, zu der man heute immer wieder hinarbeitet, ihre Ergänzung finden muss durch eine unmittelbare Anschauung des SeelischGeistigen im Kinde, wie sie aus Anthroposophie erfließen kann. Auch wendet sich nicht Anthroposophie gegen das Berechtigte der experimentellen Pädagogik und Psychologie, aber dieses Berechtigte kommt gerade dadurch zu seinem praktischen Wert, dass es geistgemäß durchdrungen wird. Niemals steht gegen das Berechtigte naturwissenschaftlicher Erkenntnis Anthroposophie in Opposition. Überall möchte sie dasjenige, was bei gehöriger unbefangener Betrachtung selbst herauswächst aus diesem Naturwissenschaftlichen, eben zur Geltung bringen, durchaus im Einklange mit den berechtigten Forderungen der neueren Zeit in Bezug auf das naturwissenschaftliche Anschauen.

[ 49 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Besonders notwendig hat es die heutige Zeit, zu einer vertiefteren Anschauung zu kommen auf einem Gebiete, das dem Menschen unendlich naheliegt, und dessen Naheliegen ihm besonders vor Augen treten muss in der Gegenwart, die aus der großen, furchtbaren Weltkatastrophe hervorgegangen ist. Man hat nämlich geglaubt, dass man auch das soziale Leben des Menschen beherrschen könne von derjenigen Gesetzmäßigkeit aus, die eine einseitig naturwissenschaftliche ist. Nachgebildet wurden die sozialen Gesetze, und nach und nach, ganz wie von selbst, aus dem Unbewussten heraus, die sozialen Kräfte dem naturwissenschaftlich Gesetzmäßigen, dem natürlich Wirksamen. Derjenige, der unbefangen das Leben betrachtet, sieht heute in die Ergebnisse herein. Man könnte auf vieles andere hindeuten außer dem Marxismus noch, was aus den rein natürlichen Kräften heraus an sozialen Einsichten gewonnen werden kann; man braucht nur hinzuweisen auf die Gestalt, wie im Osten Europas verheerend und zerstörend diese Anschauung heute schon, weil sie sich praktisch betätigt, wirkt. Drohend hängt über Europa das, was im Osten seinen Anfang genommen hat. Und Europa — überhaupt die moderne Zivilisation — wird diesem Verhängnis, das da droht, nur entkommen, wenn man sich wiederum vertieft in dasjenige, was geistig-seelisch ist. Wenn man wieder eine Vorstellung bekommt von dem Ganzen, von dem Voll-Menschen nach Leib, Seele und Geist, dann wird man auch Einsichten gewinnen und Anschauungen bekommen in Bezug auf das soziale Leben, Einsichten bekommen dahingehend, wie die sittlichen Impulse aus dem freien, aus dem Vollmenschen heraus, in das soziale Leben fließen können. Das einseitige wirtschaftliche Betrachten wird, trotzdem es exakt wirtschaftlich bleiben kann, einmünden in eine Einsicht von einer sozialen Gestaltung, die den ganzen, den Vollmenschen berücksichtigt. Auch darüber hat es einen Anfang gegeben in dem Vortrag, den Emil Leinhas auf dem genannten Stuttgarter Kongress gehalten hat — der auch schon gedruckt ist —, wo Emil Leinhas in ganz ausgezeichneter Weise gezeigt hat, wie die gegenwärtige National-Ökonomie zu einer Art von Bankrott gekommen ist, wie man aus ihr heraus keine für das Leben fruchtbaren sozialen Impulse finden kann. Ins Leben überzuleiten, ins soziale, ins sittliche Leben überzuleiten dasjenige, was im Menschen erkennend erlebt wird, das macht sich vor allen Dingen Anthroposophie zur Aufgabe.

[ 50 ] Und um ein Letztes zu erwähnen — was nur als ein Letztes erwähnt ist, aber durchaus nicht in seiner Bedeutung ein Letztes ist —, möchte ich drauf aufmerksam machen, dass, indem Anthroposophie die Impulse des Sozialen beleben kann, sie auch dasjenige, was nun nicht außen in der menschlichen Gesellschaft wirkt, sondern im tiefsten Inneren des Menschen wirkt, das religiöse Erleben wird vertiefen können. Anthroposophie — oh, man missversteht sie, wenn man sie nach dieser Richtung hin charakterisiert —, Anthroposophie will durchaus nicht sein irgendetwas Sektiererisches, ganz gewiss nicht eine neue Religionsgründung sein, sie will dasjenige, was die Menschen in ihrem religiösen Gemüte erleben können, dadurch vertiefen, dass sie es durchleuchtet mit der Klarheit einer Erkenntnis des geistigen Lebens. Diejenigen, die die Religion oder gar das Christentum gefährdet glauben durch Anthroposophie, die geben sich einem argen Missverständnis hin; erstens dem Missverständnis, dass dasjenige, was sie in einem blinden Glauben wie ein Ideal hinstellen, gegenüber der anderen, wachsenden Naturerkenntnis sich halten kann; und dann geben sie sich dem blinden Urteil hin, dass Klarheit, klares Hineinschauen in die geistige Welt irgendwie störend sein könne für tiefinnerste Frömmigkeit. Diese tiefinnerste Frömmigkeit, sie wird gerade verstärkt werden können, wenn sie erreicht werden kann auf der Grundlage einer wirklichen Geisterkenntnis. Keine Sekte, keine neue Religion will Anthroposophie begründen, sondern als geistige Wissenschaft möchte sie dienen dem Leben, möchte sie dienen auch dem innersten, intimsten, dem religiösen Leben der Menschen.

[ 51 ] Und so darf ich wohl zusammenfassend zum Schlusse sagen, was das Wesen der Anthroposophie sein will. Aus meinen Erörterungen des heutigen Abends dürfte es hervorgegangen sein, wie Anthroposophie durchaus nicht in Opposition steht gegen moderne, fortschrittliche Weltanschauungen, sondern wie sie durchaus mit ihnen geht. Wie aber die menschliche Wesenheit uns äußerlich darbietet das Leibliche, das Körperliche, wie wir aus diesem Leiblichen, diesem Körperlichen seine Beweglichkeit, seine physiognomischen, seine sonstigen Offenbarungen des Geistig-Seelischen erleben, so sollen wir, wenn wir das Naturgebiet in strenger Naturwissenschaft überschauen, auch dasjenige erkennen innerhalb des Naturgebietes, womit der Mensch als mit seinem ewigen Wesenskern verwachsen ist, wo er urständet mit demjenigen, was in ihm unsterblich ist, eins ist mit dem göttlich-geistigen Wesen der Welt. Und wie wir einen Menschen nur ganz erkennen, wenn wir in seinem Physisch-Leiblichen sein Geistig-Seelisches erblicken, so werden wir die Welt, den Kosmos nur ganz erkennen, wenn wir der äußeren Erkenntnis der Naturwissenschaft die Geisteserkenntnis der Anthroposophie gegenüberstellen wollen. Das aber bemüht sich Anthroposophie zu tun. Sie will dadurch naturgemäß, weltgemäß sein, dass sie zum Vorbild nimmt den Menschen, in dessen Leiblichkeit sich das Geistig-Seelische offenbart.

[ 52 ] So möchte — meine sehr verehrten Anwesenden — Anthroposophie voll anerkennend auf die Erkenntnis der äußeren Natur hinschauen, möchte aber hinzufügen etwas, was da sein kann die Beseelung, die Durchgeistigung dieser äußeren Naturwissenschaft.