Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a
23 Januar 1922, Köln
6. Das Wesen der Anthroposophie
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Anthroposophie wird heute noch von vielen Menschen, die sie nur von außen her anzuschauen in der Lage sind, für einen mehr oder weniger phantastischen Versuch hingenommen, durch Erkenntnis in Weltgebiete eindringen zu wollen, mit denen sich ein ernster Wissenschaftler nichts zu tun machen soll. Und es ist richtig, dass Anthroposophie durch die Entwicklung besonderer Erkenntniskräfte in Lebensgebiete eindringen will, die dem Menschen vor allen Dingen wichtig sind, und zu denen Naturwissenschaft mit ihren großen Triumphen, die gerade von Anthroposophie voll anerkannt werden, keinen Zugang hat. Man muss vor allen Dingen sagen, dass es heute schon durchaus ernst zu nehmende Wissenschaftler gibt, welche sich befassen mit allerlei abnormen menschlichen Seelen-Körper-Kräften, die darauf hinweisen, wie der Mensch Wirkungen entwickeln kann, die zeigen, dass er durchaus noch in anderer Weise in der Welt wurzelt, als durch bloße Naturwissenschaft festgestellt werden kann. Allein gerade solche ernst zu nehmenden Wissenschaftler finden den Weg, den Anthroposophie einschlägt, gerade phantastisch. Sie finden ihn der Schwärmerei oder vielleicht sogar dem Aberglauben ausgesetzt. Jedenfalls finden sie ihn nicht als einen wissenschaftlich ernst zu nehmenden Weg.
[ 2 ] Nun muss man wirklich sagen: Diejenigen Menschen, die zur Schwärmerei, zur nebelhaften Mystik neigen, und die von der Art sind, dass sie heute, wie das ja so üblich ist, zu allem leicht hinlaufen, was irgendwie sich okkult oder dergleichen nennt, die werden keineswegs auf die Dauer durch die Anthroposophie irgendwelche wahrhaftige Befriedigung haben. Denn diese Anthroposophie will arbeiten mit dem Ernste, mit der Gewissenhaftigkeit, mit der Methodik, welche durchaus in der Richtung neuerer naturwissenschaftlicher Entwicklung liegt. Und es muss vor allen Dingen das gesunde, harmonische, menschliche Denken in dieser Anthroposophie zur Anwendung kommen. Und so nehmen denn gerade die Schwärmer und die abergläubischen Leute von ihr sehr bald Abstand. Das hindert natürlich nicht, dass diejenige Menschen, die alles dasjenige, was ihnen ungewohnt zunächst ist, mit einer leichten Handbewegung ablehnen wollen, dann sagen: Nur Neurastheniker oder hysterische Personen haben ein Interesse an anthroposophischer Forschung.
[ 3 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, dem gegenüber ist es schwierig, das Charakterbild vom Wesen der Anthroposophie in einem kurzen Vortrage eines Abends klarzulegen. Ich will aber versuchen zu zeigen, welches die Wege dieser Anthroposophie sind, und wenigstens andeuten, zu welchen Ergebnissen diese Anthroposophie kommen kann, um dadurch zu charakterisieren, wie diese Anthroposophie allerdings nicht für Schwärmer, für abergläubische Leute sein kann; wie sie aber sein kann ein Seelengut für alle diejenigen, die mit gesundem Menschenverstand im praktischen Leben drinnenstehen, die aber gerade dadurch brauchen, gemäß der geistigen Entwicklung unserer Zeit, Halt, Sicherheit und Richtung für das Seelenleben, und wohl auch gewisse Kräfte, die auch im äußeren praktischen, sozialen Leben nur richtig wirksam sein können, wenn sie aus einer geistigen, aus einer übersinnlichen Welt heraus geschöpft sind und aus einer solchen heraus die Menschenseele tragen.
[ 4 ] Nun könnte allerdings keine geistige Forschung heute auf die Dauer irgendwie Eindruck machen, fruchtbare Wirkungen ausüben, die im Widerspruch sich stellen wollte zu demjenigen, was in so bedeutsamer Weise heraufgekommen ist im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte und insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts durch die Naturwissenschaft mit ihren praktischen Ergebnissen. Das aber will Anthroposophie sicher nicht. Sie möchte gerade diejenigen Wege, die in der Naturwissenschaft zu bedeutungsvollen Ergebnissen geführt haben, bis in die geistigen Welten hinein weiter beschreiten. Daher muss sie gerade auf die Seite derjenigen Naturforscher, der besonnenen Naturforscher sich stellen, welche aus einer gründlichen Verfolgung der naturwissenschaftlichen Wege von Grenzen dieser Naturwissenschaft sprechen. Diese Grenzen ergeben sich ja bald, wenn man bedenkt, dass die Naturwissenschaft nur kann beobachten die äußere Sinneswelt, nur kann durch den Intellekt, durch den Verstand kombinieren die Tatsachen der äußeren Sinneswelt, die sich der Beobachtung oder dem Experiment ergeben, und dann gewisse Naturgesetze aus diesen Beobachtungen, aus diesen Experimenten kombinieren kann; Naturgesetze, in die allerdings auch der Mensch mit seiner physischen Leiblichkeit eingespannt ist. Aber die Versuche, die gemacht werden, um durch den bloßen Verstand — wie man auch wohl sagt, durch philosophisches Denken — über diese Grenzen, die uns die Sinneswelt setzt, hinauszukommen, sie lassen den unbefangenen Menschen doch immer unbefriedigt. Der unbefangene Mensch fühlt: Sobald das wissenschaftliche Denken, wie man es heute gewohnt ist, die Wege der Sinneserfahrung, des Experiments, der Beobachtung verlässt, so kommt das sich selbst überlassene Denken in eine Unsicherheit hinein. Der Streit der philosophischen Systeme bezeugt ja, wie sehr man da mit dem sich selbst überlassenen Denken in ein Unsicheres hineinkommt. Gerade anthroposophische Forschung macht einem klar, wie dieses Denken, das wir im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen, anerkannten Wissenschaft haben, nicht nur seiner Gewohnheit nach oder aus einer Willkür heraus sich an die Sinneserfahrung bei dem besonnenen Naturforscher bindet, sondern wie es selber Schritt für Schritt abhängig ist von dieser Sinneserfahrung, sodass es nur eine Sicherheit hat, wenn diese äußerliche Erfahrung, diese sinnliche Erfahrung es führt.
[ 5 ] Kurz — meine sehr verehrten Anwesenden —, gerade wenn man nicht laienhaft und dilettantisch naturwissenschaftlich denken kann, dann sieht man das Unbefriedigende diesem sich selbst überlassenen Denken gegenüber, das irgendwie philosophisch in das Übersinnliche eindringen will, man sieht diese Berechtigung [dieses Unbefriedigenden] ein. Viele Menschen unserer Zeit halten daher durchaus nicht viel davon, ihre Seelenbedürfnisse, ihre Sehnsuchten gegenüber dem Ewigem in der Menschenseele durch solch ein sich selbst überlassenes Denken zu befriedigen. Und in unserer Zeit, in der die alten Traditionen des religiösen Lebens, des Glaubens, als solche immer wankender und wankender werden, brauchen doch die Menschen solche neuen Stützen. Daher finden sich viele tiefer veranlagte Gemüter in unserer Zeit, welche einsehen: Eine auf das sich selbst überlassene Denken vertrauende Weltanschauung kann der Seele nicht den nötigen Halt, die nötige Sicherheit geben. Daher wenden sich solche tiefer veranlagten Naturen heute gewissen mystischen Richtungen zu.
[ 6 ] Gerade wenn man nun im Ernste von dem spricht, was Anthroposophie für den heutigen Menschen sein kann, muss man diese beiden Klippen, an denen sie mit ihrer Forschung vorbei muss, charakterisieren. Die eine Klippe ist die rein denkerische Weltanschauung, die in das Übersinnliche durch das sich selbst überlassene Denken hinaus will; das andere sind gewisse mystische Richtungen. Diese suchen dadurch, dass der Mensch sich, wie man sagt, in das eigene Innere versenkt, vorzudringen in tiefere Schächte des menschlichen Seelenlebens. Sie suchen aus diesen tieferen Schächten heraufzuholen dasjenige, was im gewöhnlichen Leben nicht da ist, und was das Ewige in der Seele verbindet mit den ewigen, die Welt lenkenden Weltenmächten. Anthroposophie muss auf diese beiden Klippen aufmerksam machen aus dem Grunde, weil sie zeigen muss, wie es ihr durchaus ernst ist, weder nach der einen Seite noch nach der anderen Seite hin, leichtsinnig bei etwas stehen zu bleiben, das doch nicht einen sicheren Erkenntnishalt geben kann. Wer nämlich unbefangen das eigene menschliche Seeleninnere beobachten kann — sehr verehrte Anwesende —, der kann ebenso wenig bei einer mehr oder weniger nebelhaften Mystik stehen bleiben, wie er über die Grenzen der Naturerkenntnis durch das sich selbst überlassene Denken hinaus kann. Man weiß gewöhnlich nicht, wie dasjenige, was im Innern der Seele lebt, zusammenhängt mit den äußeren sinnlichen Eindrücken. Man weiß gewöhnlich nicht, wie eigentümlich dasjenige, was menschliches Gedächtnis, menschliche Erinnerung ist, wirkt. Da hat irgendjemand vor Jahrzehnten vielleicht unbewusst oder unterbewusst, ohne dass er es voll bemerkt hat, irgendeinen Eindruck aus der Außenwelt empfangen. Er ist hinuntergezogen in das seelische Leben; da hat er sich verwandelt. Er hat sich vielleicht verbunden mit dem menschlichen Gefühlsleben; hat sich verbunden mit den menschlichen Sympathien und Antipathien, mit den Willensimpulsen. Er ist etwas ganz anderes geworden, aber er ist doch nur ein umgewandelter äußerer Eindruck. Und dann wird er, wie man sagt, durch innere Versenkung heraufgeholt aus der Seele und wird für etwas gehalten, das aus ewigen Untergründen komme, das nicht aus irgendeiner Außenwelt durch einen äußeren Eindruck gekommen sei. Illusionen über Illusionen können bei nebelhafter Mystik auf diese Weise entstehen. Daher kann Anthroposophie durchaus auch nicht stehen bleiben bei diesem mystischen Sichversenken in das menschliche Innere. Wenn dieses menschliche Innere so genommen wird, wie es im gewöhnlichen Leben dasteht, und wie es auch zur Forschung in der gewöhnlichen Wissenschaft verwendet wird.
[ 7 ] Gerade weil sich Anthroposophie voll klarmacht, dass man weder durch Durchbrechen der sinnlichen Erscheinungen nach außen hin mit dem gewöhnlichen menschlichen Erkennen, noch auch durch inneres Versenken vordringen kann zu irgendetwas, was nicht in diesem gewöhnlichen Leben schon in irgendeiner Form gegeben ist, muss Anthroposophie nach Erkenntniskräften suchen, die erst entwickelt werden, die in der menschlichen Seele schlummern — man könnte auch sagen, wenn man einen wissenschaftlichen Ausdruck gebrauchen will —, in ihr latent liegen und heraufgeholt werden können.
[ 8 ] Dass es solche in der Menschenseele schlummernde Kräfte gibt, die heraufgeholt werden können, die höhere Erkenntniskräfte werden können als die des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft, das kann allerdings nur die Praxis beweisen, von der ich Ihnen heute Abend sprechen will. Dass man aber überhaupt dazu gelange, solche Erkenntniskräfte durch eigene Seelenentwicklung zu suchen, dazu gehört etwas, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Diese intellektuelle Bescheidenheit muss einem in irgendeinem Moment des Lebens einmal sagen: Du warst einstmals ein Kind mit traumhaften Seelenkräften, Seelenkräften die der Außenwelt gegenüber ohne alle Orientierung waren, mit einer Seelenverfassung, die dumpf war gegenüber derjenigen, die du heute in dir trägst. Die äußere Erziehung und das Leben, sie haben herausgeholt aus der Seele dasjenige, was in ihr schlummerte. Sie haben herangebildet diejenigen Erkenntniskräfte, die eben heute allgemein anerkannt werden bei einen Menschen, der eine entsprechende Lebens- oder sonstige Erziehung hat. Nun muss man sich einmal im Leben eben durch intellektuelle Bescheidenheit sagen: Man kann auch von dem Standpunkte aus, den man auf diese Art errungen hat durch die gewöhnliche Erziehung, durch das gewöhnliche Leben, seine Selbstentwicklung nun in die eigenen Hände nehmen und sich weiter bringen, als man war, kann weitere, in der Seele schlummernde Kräfte aus dieser herausholen. Und mit solchen, bei jedem Menschen in der Seele schlummernden Kräften, die durchaus nichts anderes darstellen in ihrer Entwicklung als eine Fortsetzung der normalen menschlichen Seelenkräfte, mit solchen Kräften will Anthroposophie forschen. Forschen nach demjenigen, was hinter der Sinneswelt liegt, forschen nach demjenigen, was als Ewiges in der Menschenseele verborgen ist, und was zusammenhängt mit den allerwichtigsten Sehnsuchten und Lebensrätseln dieser Menschenseele, Ich werde Ihnen allerdings nicht zu sprechen haben von äußeren Maßnahmen, die etwa zu treffen seien, um solche in der Seele schlummernden Kräfte aus dieser heraus zu entwickeln. Ich werde Ihnen von intimen Übungen der menschlichen Seele zunächst zu sprechen haben, wenn ich die Wege charakterisieren will, welche Anthroposophie in die übersinnliche Welt hineinnimmt.
[ 9 ] Ich habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern im Einzelnen auf alles dasjenige hingewiesen, was in energischen und ausdauernden Seelenübungen durchgemacht werden muss, damit der Mensch zu solchen übersinnlichen Erkenntnissen kommen könne. Ich werde das, was dort ausführlich geschrieben ist, heute seinem Prinzipiellen nach zu kennzeichnen haben.
[ 10 ] Das Erste, um das es sich handelt, ist eine Entwicklung der Seele nach [den vorstellenden], nach den Gedankenkräften hin. So wie man einen Muskel dadurch verstärken, erkraften kann, dass man ihn arbeitend gebraucht, so kann man in der Tat auch die Gedankenkräfte der menschlichen Seele, indem man sie in einer gewissen Weise gebraucht und immer wieder gebraucht, ja, in rhythmischer Folge immer wieder gebraucht, verstärken, erkraften, sodass sie etwas ganz anderes werden, als sie zunächst sind. Dazu ist notwendig, dass man eine leicht überschaubare Vorstellung oder einen leicht überschaubaren Vorstellungskomplex in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt, dass man dann das ganze menschliche Seelenleben, indem man die Aufmerksamkeit von allem Übrigen durch starke innere Willkür abzieht, auf diese eine Vorstellung oder diesen einen Vorstellungskomplex konzentriert. Damit man dasjenige erreicht, was zu erreichen notwendig ist, dazu muss allerdings dieser Vorstellungskomplex so sein, dass er nicht aus unserem gewöhnlichen Erinnerungsleben entnommen ist. Das, was wir aus dem gewöhnlichen Erinnerungsleben heraufholen, ich habe ja schon angedeutet, wie es uns in Illusionen versetzen kann, es bringt uns Reminiszenzen herauf, die im Unbewussten schlummern. Man kann gar nicht wissen, was da alles aus der Seele heraufkommt, wenn man aus seinem gewöhnlichen Erinnerungsleben eine Vorstellung oder einen Vorstellungskomplex in den Mittelpunkt des Seelenlebens versetzen würde, und sich dann darauf konzentrieren würde. Man nehme daher dasjenige, was man, sagen wir — es ist nur beispielsweise — in irgendeinem fremden Buch findet, einen Spruch, einen Satz, es kommt nicht auf den Inhalt an, sondern darauf, dass man das Denken erkraftet, in der Gedankenarbeit eben, und dass man dazu irgendeine Materie nimmt, die einem bisher nicht bekannt war, die neu in das Seelenleben eintritt. Wir werden gleich sehen, warum. Oder aber, man lasse sich von irgendeinem auf diesem Gebiet erfahrenen Menschen solch einen Spruch geben. Denn das, worauf es ankommt, ist, dass dasjenige, was da in den Mittelpunkt des Seelenlebens hereindringt, und auf das man dann das ganze Seelenleben konzentriert, auf das man alle Aufmerksamkeit verwendet, dass das so an den Menschen herantritt, wie sonst nur irgendein äußerer Sinneseindruck, wie eine Farbe oder ein Ton oder ein sonstiger äußerer Sinneseindruck. Dasjenige, dem Anthroposophie bei diesem Forschungswege nachstrebt, das ist durchaus die äußere sinnliche Wahrnehmung. Diese äußere sinnliche Wahrnehmung, sie bietet sich ja dar so, dass sie von außen an uns herankommt, dass wir dadurch genötigt sind, ihren Inhalt hinzunehmen. So wie der Mensch der äußeren Wahrnehmung als etwas Fremdem gegenübersteht, und dadurch gerade lebhaft seine Aufmerksamkeit auf sie verwendet, geradeso soll dasjenige, wovon ich hier gesprochen habe, dass es in den Mittelpunkt des Erlebens gerückt wird, dem Seelenleben gegenüberstehen. Denn so lebendig soll der Mensch sein Denken erkraften, wie er sonst nur sich verhält, wenn er einem äußeren Sinneseindruck gegenüber ist.
[ 11 ] Dadurch mache ich schon darauf aufmerksam — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass dasjenige, was Anthroposophie als Erkenntnisweg anstrebt, nicht verwechselt werden darf, wie es heute leider noch vielfach geschieht, mit alledem, was nach der pathologischen, der krankhaften Seite des Seelenlebens hinneigt. Für denjenigen, der das menschliche Seelenleben unbefangen betrachten kann, ist es klar, dass schon die gewöhnliche Erinnerung — allerdings, sie liegt auf gesundem Gebiet, selbstverständlich —, aber, dass schon die gewöhnliche Erinnerung gebunden ist an den menschlichen physischen Organismus, und dass, wenn das normale Gebundensein der menschlichen Seele an den physischen Organismus im Erinnern nach der abnormen Seite sich hin entwickelt, wenn das Seelenleben mehr gebunden wird, intimer gebunden wird an den physischen Organismus, jene pathologischen Zustände auftreten, die sich in Halluzinationen, in Visionen, in Illusionen, in der leichten Suggerierbarkeit und so weiter kundgeben, und die gerade nach dem entgegengesetzten Pol hin liegen, als demjenigen, nach dem anthroposophische Erkenntniswege führen. Alles dasjenige, was da pathologisch uns entgegentritt, das führt das Seelenleben tiefer hinunter in die körperlichen Funktionen, tiefer hinunter, als die Erinnerungsfähigkeit liegt. Dasjenige, was ausgebildet wird durch die geschilderte Erkraftung des Denkens, das macht das menschliche Denken immer ähnlicher und ähnlicher dem Verhalten der menschlichen Seele beim Aufnehmen eines äußeren sinnlichen Wahrnehmungseindruckes. Wie da der Mensch viel lebendiger diesem sinnlichen Eindruck hingegeben ist, als dem gewöhnlichen, mehr passiven Denken, so soll eben das Denken erkraftet werden, damit es so lebendig, so intensiv werde wie sonst das Erleben eines äußeren sinnlichen Eindruckes. Gerade an diesem Lebendigwerden der Gedankenwelt merkt man immer mehr und mehr, dass man in ein Seelenleben hineindringt, das nicht das gewöhnliche ist. Sie wissen ja — meine verehrten Anwesenden —, wie blass, mit Recht blass genannt wird das gewöhnliche Gedankenleben gegenüber dem Leben in sinnlichen Eindrücken und überhaupt in äußeren Vorgängen. So wie man sonst in sinnlichen Eindrücken und äußeren Vorgängen lebt, so soll das ganze Gedankenleben werden für diejenigen Zeiten, in denen man der übersinnlichen Erkenntnis sich hingeben will.
[ 12 ] Nun muss ich, damit ich nicht missverstanden werde, noch einen anderen Unterschied angeben gegenüber den abnormen Seelenzuständen, die ich eben genannt habe, das ist: Indem derjenige, der anthroposophische Forschung sucht, solches Erkraften des Denkens entwickelt, bleibt immerzu in ihrer vollen, gesunden Seelenverfassung die gewöhnliche Persönlichkeit bestehen. Es entwickelt sich gewissermaßen eine zweite Persönlichkeit. Und die erste, die Persönlichkeit mit dem gesunden Menschenverstand, mit der gesunden Kritik, bleibt kontrollierend neben der entwickelten Persönlichkeit, der Persönlichkeit mit der höheren Erkenntnisfähigkeit bestehen. Wenn jemand in Halluzinationen, in Visionen, in Illusionen verfällt, wenn er zum Medium wird, wenn er Suggestionen ausgesetzt ist, dann geht seine ganze gewöhnliche, gesunde Persönlichkeit in den Zustand des Halluzinierens, der Illusionen und so weiter über. Das ist der radikale Unterschied des durch und durch gesunden anthroposophischen Weges, dass die gewöhnliche Persönlichkeit immer so gesund, als sie sonst im Leben dasteht, kontrollierend, Kritik übend, neben der entwickelten anderen Persönlichkeit bestehen bleibt. Indem das vorausgesetzt wird, darf dann erst gesagt werden, dass — es dauert bei dem einen, je nach Anlage, jahrelang, bei dem anderen nur Monate, mancher kann in wenigen Wochen das erreichen durch Meditieren und durch Konzentration auf einen bestimmten Gedankeninhalt, so nenne ich es —, es darf gesagt werden, dass dadurch erreicht werden kann, dass der Mensch ähnlich fühlt wie beim gewöhnlichen Denken. Beim gewöhnlichen Denken braucht er den physischen Organismus. In dieser Beziehung — könnte man sagen — erkennt die anthroposophische Geisteswissenschaft das Berechtigte des Materialismus voll an.
[ 13 ] Der Mensch braucht, um überhaupt seine Seelenfähigkeiten im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft zu entwickeln, den physischen Leib. Und er wird erst vom physischen Leibe frei, indem er also das Denken erkraftet, intensiver, lebendiger macht. Das Denken wird in dem Grade vom physischen Leibe frei, wie die äußeren sinnlichen Erscheinungen vom physischen Leibe frei sind. Bedenken Sie, wie unabhängig der physikalische Apparat des Auges ist von dem übrigen menschlichen Organismus. Ich kann das jetzt nicht weiter charakterisieren, möchte nur andeuten. Dasjenige, was im Auge geschieht unter dem Einflusse der Außenwelt, das macht in einer gewissen Weise aus, dass der Mensch in den Sinneswahrnehmungen des Auges einer objektiven Welt hingegeben ist. Indem er sein Denken mit dieser objektiven Welt verknüpft, wird auch das Denken selber in eine objektive Welt eingeführt. Der Mensch kommt durch das sinnliche Wahrnehmen in einer gewissen Weise aus sich heraus.
[ 14 ] Es ist hier nicht der Ort, tiefe erkenntnistheoretische Betrachtungen anzustellen, aber das, was ich sage, kann jedes einfache Menschengemüt einsehen. Es kommt der Mensch heraus aus sich, wenn er auf diese Weise Meditations- und Konzentrationsübungen macht, wie ich sie beschrieben habe. Dann aber merkt der Mensch, wie er in der Tat jetzt erst allmählich lernt, das seelische Leben als solches unabhängig vom Leibe zu entwickeln. So grotesk, so paradox es für den Menschen der Gegenwart noch klingt: Man lernt durch Erfahrung, durch Lebenspraxis kennen, was es heißt, Gedanken [zu] haben außerhalb des menschlichen physischen Organismus. Diese Gedanken sind allerdings andere als die gewöhnlichen blassen Gedanken, auch als diejenigen, die sich mit Naturgesetzen zu befassen haben. Bildhaft wie die äußeren Sinneseindrücke selbst sind diese entwickelten, erkrafteten Gedanken. Dasjenige, was wiederum dem anthroposophischen Forscher voll klar ist, es darf gerade auf dieser Stufe des Erkennens nicht fehlen. Ich habe in den genannten Schriften und auch sonst diese Stufe des Erkennens die imaginative Stufe genannt. Imaginativ nicht deshalb, weil man sich etwas einbildet, sondern weil das Denken aus der abstrakten Form durchaus in die bildhafte, in die lebendige, in die intensivierte Form übergeht. Aber dasjenige, was innerhalb dieses imaginativen Denkens derjenige, der anthroposophische Forschungswege einschlägt, durchaus in seinem Bewusstsein hat, und was notwendig ist, das ist, dass er weiß: Du trägst jetzt nur etwas in deinen Gedankenbildern mit dir, was innerhalb deiner eigenen menschlichen Wesenheit lebt.
[ 15 ] Sie sehen, wie vorsichtig geschildert werden muss der anthroposophische Erkenntnisweg. Man muss darauf aufmerksam machen, wie diese erste Stufe zwar erleben lässt ein intensiveres, eigenes Inneres des Menschen, wie aber der Mensch sich klar werden muss, dass er noch keine Außenwelt zunächst erlebt, sondern nur dieses menschliche Innere. Aber man erlangt schon ein erstes Ergebnis, wenn man das Innere erkraftet an einem solchen intensiveren, bildhaften, an einem solchen imaginativen Vorstellen. Denn man gelangt nach und nach dazu, wie in einem umfassenden Lebenstableau alles dasjenige vor der Seele stehen zu haben, was an einem gebildet hat, was an einem geschafft hat innerlich seelisch seit der Geburt bis zu dem gegenwärtigen Augenblick. Wir tragen das, was wir in der Seele innerlich haben, ja sonst nur in uns in der Form der gewöhnlichen Erinnerung. Die Strömung, aus der willkürlich oder unwillkürlich die Erinnerungen an dieses oder jenes Erlebnis auftauchen, diese Strömung verläuft im Wesentlichen unterbewusst. Wir wissen ja, wie abstrakt sie verläuft, wie abgeschattet gegenüber den wirklichen Erlebnissen, wenn wir drinnenstehen, diese Erinnerungsbilder sind. Mit diesen Erinnerungsbildern darf dasjenige nicht verwechselt werden, was jetzt vor der imaginativen Erkenntnis auftritt. Nicht etwa bloße Erinnerungen treten auf, sondern es tritt dasjenige auf, was einem andeutet, wie man geworden ist. Ja, bis in die ersten Jahre der Kindheit hinein sieht man innerliche Kräfte, die die gewöhnlichen Fähigkeiten des Lebens in einem entwickelt haben. Man sieht, wie sich die moralischen, die intellektuellen Fähigkeiten entwickelt haben, wie sie sich hineingegliedert haben in die Wachstums-, in die Ernährungskräfte. Man schaut wirklich in das menschliche Innere hinein.
[ 16 ] Man lernt dasjenige erkennen, was ich genannt habe den Bildekräfteleib des Menschen. Man lernt erkennen wirklich einen zweiten Leib. Aber wenn man ihn genau charakterisieren will, muss man sagen: Er ist ein Zeitleib. Er ist etwas, was sich immer beweglich fortentwickelt. Man kann es nicht zeichnen, ohne dass man sich bewusst wird, dass man so zeichnet oder malt, wie man den Blitz malt. Dasjenige, was in der Zeit beweglich ist, kann man nur in einem Augenblick festhalten, so auch diesen menschlichen Bildekräfteleib. In Wahrheit ist er eine einheitlich in der Zeit verlaufende Organisation, und man muss ihn in einer solchen Art verstehen. Ältere Ahnungen hat es ja immer gegeben für solche höheren Erkenntnisse, und man hat dasjenige, was ich Bildekräfteleib nenne, auch Äther- oder Lebensleib genannt. Lernt man es erkennen in der angedeuteten Weise, nicht durch logische Schlüsse oder sonst, sondern durch unmittelbare innere Anschauung mit der hergestellten imaginativen Erkenntnis, dann weiß man ein für alle Mal: Dasjenige, was menschliche Organisation ist, spielt sich nicht nur dadurch ab, dass eine Summe von chemischen und physischen Kräften da ist, die den menschlichen physischen Leib konstituieren, sondern dadurch, dass ein GeistigSeelisches eingezogen ist in die physische Organisation mit der Geburt oder Konzeption, und dass ein zweiter, ein geistig-seelischer, ein übersinnlicher Leib, der nur nicht bloß räumlich, der zeitlich ist, der immer beweglich ist, in uns arbeitet. Und man lernt erkennen die innere Verwandtschaft, die besteht zwischen dem Denken, dem Vorstellen und den Wachstumskräften. Solange man nur den Menschen physiologisch und biologisch betrachtet, findet man auf der einen Seite die Wachstumskräfte, auf der anderen Seite, etwa durch innere Beobachtung, die abstrakten Denkkräfte. Durch die imaginative Anschauung, von der ich eben gesprochen habe, lernt man erkennen, wie ein allmählicher Übergang stattfindet zwischen den gewöhnlichen Wachstumskräften und den Denkkräften, wie das Vorstellen selber, indem es sich erkraftet, in dasjenige hineinführt, was zu gleicher Zeit das Wachstum bewirkt, die Entwicklung der inneren organischen Kraft von Stufe zu Stufe im heranwachsenden Menschen. So wird imaginative Erkenntnis zu einem ersten Ergebnis anthroposophischer Innenforschung.
[ 17 ] Nun genügt es nicht, dass man bloß das Seelenleben auf irgendeine Vorstellung konzentriert oder auf einen Vorstellungskomplex, sondern neben solchen Übungen müssen auch noch andere, in anderer Richtung, getrieben werden. Obwohl alles dasjenige, was ich geschildert habe, und was in den genannten Büchern ausgeführt ist, darauf hinzielt, dass der Mensch in voller Willkür, durchaus mit innerer Besonnenheit, wie man nur sonst im gewöhnlichen Leben dasteht, solche Übungen ausführt, und auch zu solcher Konzentration, solcher Aufmerksamkeitslenkung auf eine gewisse Vorstellung kommt, so ist es doch so, dass man an solche Vorstellungen sich allmählich hingegeben fühlt, zu stark hingegeben fühlt, wenn nicht nach einer anderen Richtung andere Seelenübungen vorgenommen werden. Man muss daher ebenso treulich, wie man sich konzentriert auf gewisse Vorstellungen, wiederum Übungen machen, damit diese Vorstellungen im Bewusstsein jeder Zeit, wenn man will, verlöschen, aus dem Bewusstsein wiederum herausgetan werden. Dann kommt man dazu, dasjenige herzustellen, was man nennen kann deeres Bewusstseim. Leeres Bewusstsein ist sonst bei den Menschen nur vorhanden in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und ist man durch keine Schule der Übung hindurchgegangen, dann ist die große Versuchung vorhanden, dass in dem Augenblick, wo das Bewusstsein leer wird von äußeren Eindrücken — oder auch wo es so stark hingenommen wird von äußeren Eindrücken, dass es sie nicht mehr unterscheidet —, wenn das Bewusstsein auf diese Weise leer wird, eine Art Schlafzustand eintritt. Gerade das ist das Wesentliche für das weitere Fortschreiten anthroposophischer Forschung, dass leeres Bewusstsein hergestellt werden kann, ohne dass der Mensch in irgendeinen Schlafzustand oder Traumzustand kommt, sondern dass er so voll bewusst bleiben kann, ohne dass er irgendetwas durch seine eigene innere Kraft vorstellt, wie er sonst bei äußeren Eindrücken oder bei stark entwickeltem Gedanken- oder Gefühls- oder Willensleben ist. Und dann, wenn zuerst das Gedankenleben erkraftet ist in der geschilderten Weise, so stark erkraftet ist, dass man gewissermaßen innerlich erfasst im unmittelbaren Erleben dieses Erinnerungstableau, von dem ich gesprochen habe, wenn einem da das ganze bisherige Erdenleben wie ein gewaltiges Tableau vor Augen steht, wenn man so weit das Vorstellungsleben erkraftet hat, dann bringt man es auch dazu, bei völligem Wachsein die einzelne Vorstellung, die man auf diese Weise in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt hat, oder die sich selbst dahin gestellt hat, wiederum abzudämpfen, herauszuwerfen aus dem Bewusstsein und ein leeres Bewusstsein herzustellen. Hat man dies eine Zeit lang geübt, es ist wiederum je nach Anlage der Menschen verschieden, ob man längere oder kürzere Zeit dazu braucht. Ich darf nur sagen: Anthroposophische Forschung ist nicht leichter als die Forschungen auf der Sternwarte, im Laboratorium oder in der Klinik, man muss lange Zeit ausdauernd und emsig solche Übungen durchmachen, wie ich sie jetzt schildere.
[ 18 ] Hat man es also dazu gebracht, einzelne Vorstellungen herauszuwerfen aus dem Bewusstsein, nachdem sie da waren, und ein leeres Bewusstsein herzustellen, dann kann man auch dasjenige, was sich als ein solches Erinnerungstableau vor die Seele gestellt hat, was einem als Bildekräfteleib, als Zeitorganismus aufgetreten ist, auch aus dem Bewusstsein herausschaffen. Es gehört eine starke innere Seelenkraft dazu. Man muss sie erst erwerben dadurch, dass man andere Vorstellungen abdämpft bis zum leeren Bewusstsein. Aber man erlangt zuletzt diese Kraft, den ganzen Bildekräfteleib abzudämpfen, sodass er gewissermaßen in die tieferen Schichten des Bewusstseins hinunterdringt. Dann kann der Moment eintreten, wo die imaginative Erkenntnis zunächst für die Erfassung des menschlichen Eigenlebens in das zweite Stadium der übersinnlichen Erkenntnis eintritt, die zweite Stufe der Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis.
[ 19 ] Stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck, man muss ja überall Ausdrücke haben. Sie meinen in diesem Falle nichts Traditionelles oder Abergläubisches, sondern nur das, was ich hier charakterisiere. Nachdem man also zuerst das Denken erkraftet hat, nachdem man dann die Seele so weit erkraftet hat, dass leeres Bewusstsein hergestellt werden kann, dann kann in dieses leere Bewusstsein hineindringen — wie die Atemluft in die Lunge als etwas Objektives eindringt — die objektive geistige Welt.
[ 20 ] Und jetzt wird wirklich Anschauung dasjenige, was der Mensch seelisch-geistig durchlebt hat, bevor er sich als seelisch-geistiges Wesen mit dem physischen Menschenleibe verbunden hat. In diesem Moment der inneren Seelenforschung tritt das Große, Gewaltige ein, dass das Geistig-Seelische an sich, in seiner eigenen Wesenheit, vor dem Schauen der Seele auftritt; dass man die Seele schaut, wie sie war in einer rein geistig-seelischen Welt, bevor sie durch die Geburt oder Empfängnis sich mit den physisch-leiblichen Stoffen und Kräften verbunden hat, die ihr durch die Vererbungskräfte von Eltern und Voreltern mitgegeben werden.
[ 21 ] Das ist das Wesentliche der anthroposophischen Forschung, dass sie nicht durch bloßes Denken, nicht durch mystisches Versenken, sondern durch Entwicklung von Seelenkräften, die sonst im Inneren der Menschen schlummern, zu der Anschauung des wirklichen GeistigSeelischen vorrückt. Man könnte natürlich, wenn man so etwas hört, leicht sagen: Nun ja, dann können zu solcher Überzeugung von der Unsterblichkeit der Menschenseele — oder besser gesagt, wenn ich von dem spreche, wovon ich bisher gesprochen habe —, von dem Ungeborensein der Menschenseele nur diejenigen sprechen, welche eben zu solchen Erkenntnissen aufrücken. Nun, erstens ist das der Fall, dass durch solche Bücher, wie ich sie genannt habe, für jeden Menschen dasjenige ermöglicht werden kann, was ihn die ersten Schritte machen lässt zu einer solchen übersinnlichen Erkenntnis, wie ich sie geschildert habe. Und wenn das auch heute noch ungewohnte Seelenwege sind, derjenige, der in sie eingedrungen ist, weiß, dass sie immer mehr und mehr werden die Wege der Menschheitsentwicklung sein. Weil sie heute erst wie ein Erstes in die Geistesentwicklung der Menschheit eintreten müssen, deshalb nehmen sie sich für viele paradox aus. Allein ebenso wenig, wie man ein Maler zu sein braucht, um mit vollem inneren Seelenanteil vor einem guten Gemälde entzückt zu sein, es zu durchschauen in seiner Wesenheit, in dem, was der Maler gewollt hat, ebenso wenig braucht man anthroposophischer Forscher zu sein, um dasjenige als wahr anzuerkennen, was von dem anthroposophischen Forscher geltend gemacht wird. Der gesunde Menschenverstand reicht durchaus hin, so wie das gewöhnliche Empfinden gegenüber einer Kunstleistung hinreicht, um sie zu würdigen. Denn es ist in der menschlichen Seele eine ursprüngliche Anlage für die Empfindung der Wahrheit. Deshalb kann man durchaus nicht sagen, dass nur derjenige, der selbst in der geschilderten Weise Geistesforscher ist, anerkennen könne die Ergebnisse der Geistesforschung. Nur dass man durch viele Jahrhunderte in der Menschheitsentwicklung gewohnt worden ist, solche Dinge überhaupt nicht gelten zu lassen, das hat allmählich für den Verstand, für den Intellekt die Vorurteile hervorgerufen, die heute noch nicht als für den gesunden Menschenverstand vernünftig erscheinen lassen dasjenige, was die anthroposophische Forschung als ihre Wege und ihre Ergebnisse charakterisiert.
[ 22 ] Nun habe ich Ihnen gekennzeichnet, wie der Mensch zu seinem Unsterblichen zunächst kommt, indem er nach der einen Seite sich hin entwickelt, hinausschauend über Geburt oder Empfängnis durch die imaginative und die inspirierte Erkenntnis. Die Wege anthroposophischer Forschung müssen aber weiter gehen. Nicht bloß soll entwickelt werden dasjenige, was Vorstellungskraft, was Gedankenkraft ist, sondern auch dasjenige, was menschliche Willenskraft ist, soll zu einer höheren Stufe entwickelt werden. Auch davon will ich wiederum das Prinzipielle angeben. Allerdings, dasjenige, was das Intimste der menschlichen Seele ist, das menschliche Fühlen, der menschliche Gemütsinhalt, der liegt ja zwischen dem Denken und dem Wollen mittendrinnen. Aber dasjenige, was so im Mittelpunkt der Seele als unser Gefühls-, unser Gemütsleben ruht, das entwickelt sich mit in die höheren Welten hinein, wenn man auf der einen Seite das Vorstellungsleben, wie angedeutet, entwickelt, auf der anderen Seite das Willensleben entwickelt.
[ 23 ] Ist auf der einen Seite für Anthroposophie — ich möchte sagen — eine Art Ideal das Seelenerleben an der äußeren Wahrnehmung, so wird nach der anderen Seite für die Entfaltung in der Seele schlummernder Willenskräfte dasjenige ein Ideal, was im sittlichen Leben, vor allen Dingen im hingebungsvollen Leben der Liebe, in der menschlichen Seele stattfindet. Ich weiß — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn von hingebungsvoller Liebe gesprochen wird, da wird etwas genannt, was sehr viele Menschen weit wegstellen wollen von allen wirklichen Erkenntniskräften. Allein es ist auch nicht die Rede davon, dass die Liebe, wie sie im gewöhnlichen Leben vorhanden und berechtigt ist, schon irgendeine Erkenntniskraft sein soll. Aber so, wie das Denken nach der einen Seite ausgebildet wird, so wird auch die hingebungsvolle Liebefähigkeit nach der anderen Seite ausgebildet, um dadurch den Willen ebenso frei zu machen vom physischen Organismus, wie das Gedankenleben in der angedeuteten Weise frei gemacht werden kann vom physischen Organismus. Scheinbar sind es durchaus nicht seelische Übungen in der Liebefähigkeit, die da in Betracht kommen. Dennoch, sie führen zu einer bis zur Erkenntnismäßigkeit gesteigerten Liebefähigkeit. Ich will auch hier wiederum das Prinzipielle andeuten. Eine solche Übung, eine solche Fähigkeit, die insbesondere den Willen entwickelt, ist die folgende: Man stellt irgendetwas, von dem man gewöhnt ist, es nur in einer gewissen Weise vom Früheren zum Späteren, vom Anfang bis Ende vorzustellen, nunmehr in umgekehrter Folge vor. Zum Beispiel ein Drama stellt man vor von dem letzten Ereignis des fünften Aktes rückwärts bis zum ersten Ereignis des ersten Aktes. Oder man stellt sich eine Melodie umgekehrt vor. Oder auch man stellt nur am Abend das gewöhnliche Tagesleben in umgekehrter Folge vor. Aber man muss möglichst in die Einzelheiten eingehen, muss in kleinen Partien umgekehrt vorstellen.
[ 24 ] Was hat das für einen Sinn? Meine sehr verehrten Anwesenden, im gewöhnlichen Leben entfalten wir das Denken an der äußeren Tatsachenfolge. Das Denken ist passiiv der äußeren Tatsachenfolge hingegeben. Dadurch macht es sich auch abhängig von den Gesetzen des physischen menschlichen Organismus. Der physische menschliche Organismus ist mit den physischen Sinnen der äußeren Tatsachenfolge hingegeben. Das Denken ist von dieser Tatsachenfolge abhängig. Und indem es erinnerungsmäßig wiederum die Erlebnisse bildhaft heraufbringt, bleibt es dennoch abhängig von der äußeren Tatsachenfolge. Gewiss, man kann einwenden: Mit logischem Denken macht sich der Mensch von dieser Tatsachenfolge unabhängig. Aber worauf zielt er denn schließlich zumeist, wenn er sich unabhängig macht? Gerade darauf, die äußere Tatsachenfolge erst recht gut zu erkennen. Wir denken logisch, damit wir den räumlichen und zeitlichen Verfolg der Tatsachen erst recht gut durchschauen. Von dieser Abhängigkeit von der äußeren Tatsachenwelt, aber auch der Abhängigkeit des Denkens, werden wir herausgehoben dadurch, dass wir in dieser Weise das Denken entwickeln, indem wir von rückwärts nach vorne, also umgekehrt der äußeren Tatsachenfolge, denken. Dadurch aber entwickeln wir nun den Willen. Im Seelenleben ist es so, dass durchaus Gedanken, Gefühle, Wille ineinanderspielen. Im abstrakten Denken können wir die drei trennen; im Seelenleben ist in jedem Denken der Wille enthalten, indem er die Gedanken verbindet und trennt; und im Willen sind die Gedanken wirksam, wenn auch der Zusammenhang der Gedanken zunächst für das gewöhnliche Bewusstsein so unklar ist, wie etwa der nächtlich schlafende Bewusstseinszustand. Aber gerade der Wille, der an das Denken hingegeben ist, er entwickelt sich frei und unabhängig von der Tatsachenwelt und auch von der menschlichen Körperlichkeit durch solches umgekehrtes Denken.
[ 25 ] Fügt man zu diesen Übungen noch andere, die ich bezeichnen möchte als gesteigerte menschliche Selbstschau — alles das muss bei absoluter innerer Besonnenheit, mit absoluter Willkür vollbracht werden —, vollzieht man eine solche Selbstschau in der Art, dass man dasjenige, was man tut, was man denkt und fühlt, die ganze Art und Weise, wie man als Mensch ist und handelt, beobachtet, wie wenn man als ein anderer, als ein zweiter Mensch neben sich selber stünde, wird man in Bezug auf den Willen bedächtig, dann reißt sich der Wille allmählich los von der Körperlichkeit, wenn die Übungen nur lange und energisch ausgeführt werden, insbesondere, wenn man auch noch aktiv in die eigene Entwicklung eingreift. Bedenken Sie nur, wie der Mensch im gewöhnlichen Leben weitergebracht wird durch dasjenige, was das Leben selber gibt. Gewiss, jeder ist doch anders heute, als er vor zehn, zwanzig Jahren war in Bezug auf gewisse feinere Nuancen des Seelenlebens. Das hat das Leben getan. Nimmt man aber diese seine Selbstentwicklung selber in die Hand, nimmt man sich vor: Du sollst dir diese oder jene Eigenschaft einverleiben; arbeitet man darauf hin, sich solche Eigenschaften einzuverleiben, arbeitet man besonders energisch darauf hin, gewisse Gewohnheiten von sich loszubekommen, dann bildet man dasjenige aus, was den Willen losreißt von der physischen Leiblichkeit. Und man gelangt jetzt dazu, den Willen sozusagen nur insoweit in der Seele leben zu haben, als er ganz von Gedanken überall durchzogen ist; er ist losgerissen von der Leiblichkeit, er ist durchsichtig geworden. Bedenken Sie, wie wenig durchsichtig das Wollen ist, wenn wir den Gedanken fassen, sagen wir, den Arm zu heben, die Hand zu heben. Der Gedanke, die Absicht ist klar, und nachher, wenn die Hand gehoben ist, sehen wir an dem Sinneseindruck, was geschehen ist. Was dazwischen liegt an Willensentfaltung, das ist für das menschliche Bewusstsein so verborgen, wie die Vorgänge des Schlafens selber. Jetzt aber erleben wir einen Willen, in dem wir ganz drinnen sind, wie wir sonst nur in den Gedanken sind, einen leibfreien Willen, der sich fügt zu den leibfreien imaginativen und inspirierten Vorstellungen, die wir vorher bekommen haben.
[ 26 ] Und jetzt — meine sehr verehrten Anwesenden —, da wir erleben, wie unser Wille leibfrei werden kann, da wir gewissermaßen mit unserem Willen aus unserem Leibe heraustreten können, jetzt erleben wir das Wesen der menschlichen Unsterblichkeit nach der anderen Seite hin. Denn dieses Heraustreten aus dem Leibe ist nichts anderes als ein Erkenntnisbild desjenigen, was eintritt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt. Indem der Mensch gewahr wird, was er durch diesen erstarkten Willen, durch diesen bedächtig gewordenen Willen, den ich die Stufe der intuitiven Erkenntnis nenne, erlebt, indem er außerhalb des Leibes ist, das ist unmittelbar durch seine Eigenschaften klar als ein Bild desjenigen, was als Geistig-Seelisches in die geistig-seelische Welt eintritt, wenn der Mensch seinen physischen Leib in der physischen Körperlichkeit zurücklässt. In dieser intuitiven Erkenntnis lernt man erkennen die andere Seite der menschlichen Ewigkeit, die über den Tod hinausgehende.
[ 27 ] Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, nicht als ein Gedanke tritt vor anthroposophische Forschung das Ewige der Menschenseele, sondern es gliedert sich zusammen aus dem vorgeburtlichen und aus dem, wenn ich so sagen darf, nachtodlichen Dasein, aus Ungeborenheit und Unsterblichkeit. Und indem man so kennenlernt dasjenige, was ewig ist, was unsterblich ist in der menschlichen Seele, lernt man auch erkennen diejenigen Welten, welche diese Menschenseele umgeben, wenn sie in ihrem rein geistig-seelischen Wesen ist, indem man hinschaut auf dasjenige, was die Seele war vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption. Es ist natürlich noch eine Einwendung möglich, die Einwendung: Ja, wie weiß man denn, dass dasjenige, was man da im Bewusstsein anschaut, wirklich der Zeit nach vor der Geburt oder vor der Konzeption liegt? Nun, wie schon bei der gewöhnlichen Erinnerung, wenn Sie sich erinnern an ein Erlebnis, das Sie vor zehn Jahren hatten, die Erinnerung selbst die Zeit enthält, wie Sie nicht glauben können, Sie haben etwas im Bewusstsein, was nur in der Gegenwart da ist, wie schon der Bewusstseinsinhalt durch sich selbst auf die Zeit hinweist, in der das Erlebnis verlaufen ist, so trägt dasjenige, was wir als GeistigSeelisches erleben, in sich die Zeit vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption. Aber auch werden wir gewahr die Welten, die dann nicht die sinnlichen sind, denn sie nehmen wir nur zwischen Geburt und Tod wahr durch die Menschensinne. Aber diejenigen Welten, die wir wahrnehmen durch die Seelensinne, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, vor der Geburt und nach dem Tode, sie sind jetzt aufgeschlossen. Wir lernen sie als konkrete, wesenhafte Welten kennen. Und indem wir diese Welten kennenlernen, lernen wir auch die geistig-übersinnliche Welt kennen, die uns immer umgibt, in die wir nicht eindringen können durch bloße philosophische Spekulation. In die dringen wir ein, indem wir immer mehr und mehr imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis entwickeln.
[ 28 ] Diese intuitive Erkenntnis, die für das Anschauen der äußeren geistigen Welt in gewisser Beziehung die höchste Erkenntnisstufe ist, sie tritt uns im gewöhnlichen Leben, wenn auch in anderer Form, schon entgegen. Und ich musste bereits Anfang der neunziger Jahre — wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf — aus meiner eigenen Seelenentwicklung heraus in meiner «Philosophie der Freiheit» darauf aufmerksam machen, wie die moralischen, die sittlichen Impulse des Menschen — und das moralische, das sittliche Leben gibt ja dem Menschen seinen eigentlichen Wert und seine eigentliche Würde — aus einer Welt geschöpft werden, die ich auch dazumal eine intuitive Welt genannt habe, eine Welt der geistigen Wesenhaftigkeiten. Und ich sagte schon in dieser «Philosophie der Freiheit»: Dasjenige, was die wahren moralischen Impulse sind, sie werden aus einer geistig-übersinnlichen Welt geholt durch reines, sinnlichkeitfreies Denken. Ich begründete die Freiheit im menschlichen Leben dadurch, dass ich aufmerksam machte: Die Frage wird gewöhnlich falsch gestellt. Man fragt: Ist der Mensch frei oder unfrei? Er ist ebenso wohl frei wie auch unfrei. Unfrei in Bezug auf alles das, was die gewöhnlichen Handlungen des Lebens sind, die an den physischen Organismus gebunden sind, wo sie von Instinkten, Trieben impulsiert werden. Aber der Mensch entwickelt sich immer mehr und mehr zur Freiheit, indem er dazu kommt, schon im gewöhnlichen Leben, wenn auch mehr oder weniger unbewusst, aus einer geistigen Welt durch reines Denken seine Impulse für das sittliche, das moralische Leben herauszuholen. Und soweit ist der Mensch frei, als ihm seine moralischen Impulse aus einer geistigen Welt kommen. Daher wird dasjenige, was der Mensch als moralische Intuitionen erfasst, zum Vorbild für dasjenige, was nun in anthroposophischer Forschung als höchste Erkenntnisstufe, als die intuitive Stufe geltend gemacht werden muss.
[ 29 ] Man möchte sagen: Am moralischen Leben kann man lernen, wozu es auch das Erkenntnisleben bringen muss. Allerdings, für das moralische Leben ist es uns im gewöhnlichen Bewusstsein gegeben, solche Intuitionen zu haben. Sie sind geborgen in dem, was unser Gewissen uns darbietet. In Bezug auf die Erkenntnis der übersinnlichen Welt, der die Menschenseele mit ihrem übersinnlichen Teil angehört, muss die intuitive Erkenntnis erst gesucht werden, nachdem man durchgegangen [ist] durch imaginative, durch inspirierte Erkenntnis. Die inspirierte Erkenntnis bietet erst das Objektive, das Eintreten in eine fremde Welt. Die intuitive Erkenntnis ist die völlige Hingabe an die objektive geistige Welt. Man lernt die letztere Objektivität nur genügend kennen, wenn man erst zugibt, dass die imaginative Erkenntnis einen nur in das eigene Subjektive des Menschen hineinführt. Und lernt man auf diese Weise eine geistige Welt kennen, dann enthüllt sich auch alles dasjenige, was als sinnliche Welt da ist, in der Form des Geistigen. Das heißt, man bleibt für das Gebiet der Natur vollständig auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen. Man redet und phantasiert nicht von allerlei Geistigem, von allerlei nebulosen Wesenhaftigkeiten in der Natur. Man steigt auf durch eine wirkliche Erkenntnis zu demjenigen, was als geistige Wesenheiten erschaut wird, wenn sich die objektiv angesehenen sinnlichen Dinge und Wesenhaftigkeiten vor dem geistigen Blick metamorphosieren in der Art und Weise, wie ich es nur in ein paar Fällen Ihnen heute andeuten kann.
[ 30 ] Schen Sie, in der sinnlichen Anschauung und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist die Sonne gegeben mit sinnlichen Konturen. Wir sehen sie für das gewöhnliche Bewusstsein so. Sie ist mit sinnlichen Konturen gegeben im Weltenraum. Die gewöhnliche Wissenschaft errechnet ihr Richtiges, nicht Anzufechtendes durch Astronomie, Astrophysik in Bezug auf diese Sonne. Für die geistige Anschauung, die ich Ihnen geschildert habe, verwandelt sich die Sonne. Das heißt, sie bleibt natürlich für die eine Persönlichkeit, die voll erhalten bleibt, so wie sie sie sieht. Sonst würde man zum Halluzinanten und nicht zum Geistesforscher. Aber dasjenige, was so voll erhalten bleibt, zeigt sich zu gleicher Zeit in seiner übersinnlichen Wesenheit. Man lernt erkennen, dass die Sonne nicht nur das Wesen ist, das da räumlich draußen im Weltenraum steht, sondern dass ein Sonnenhaftes, das gewissermaßen nur konsolidiert ist, konzentriert ist in dem physischen Raum der Sonne, den ganzen Weltenraum, der uns zugänglich ist, erfüllt, alle Wesen der Naturreiche durchdringt, auch den Menschen selber durchdringt. Man lernt die geistige, übersinnliche Kraft des Sonnenhaften kennen.
[ 31 ] Und so wie man kennenlernt im gewöhnlichen Bewusstsein, dass da die äußeren Tatsachen im Inneren des Menschen weiterleben als Empfindungen, als Gedanken, als Auslöser von Willensimpulsen, so lernt man erkennen, dass im Tieferen der menschlichen Natur das äußere geistig-übersinnlich Sonnenhafte seine Fortsetzung findet. Man lernt das Sonnenhafte in der eigenen menschlichen Natur kennen. Man möchte sagen: Alles verwandelt sich von einem sinnlich, scharf Konturierten in ein Werden, in ein fortdauerndes Leben. Und die eigenen inneren Organe des Menschen, sie metamorphosieren sich vor dem übersinnlichen Blick so, dass sie im Werden erscheinen. Während Herz, Lunge, Gehirn, die anderen menschlichen Organe, für den gewöhnlichen sinnlichen Blick scharf abgeschlossen sind, gewissermaßen Dinge darstellen, geschieht es für den übersinnlichen Blick, dass wir nur reden können von einem Herzprozess, einem Magenprozess, einem Gehirnprozess, einem Lungenprozess. Alles geht ins Leben über, wird lebendig. Und indem das Sonnenhafte sich ergießt in dieses Leben, nehmen wir wahr, eben auf einer höheren Stufe, alles dasjenige, was aufsteigendes Leben ist, was zusammenhängt mit demjenigen, was uns jung macht und jung erhält, was wachsende, sprießende, sprossende Kräfte im Menschen sind, aber auch die sprießenden, sprossenden Kräfte draußen in den Reichen der Natur, im Pflanzenreich, im Tierreich und auch im Mineralreich. Man lernt jetzt geistig-seelisch durchschauen die Reiche der Natur und das eigene menschliche Innere. Das Eigentümliche ist, dass einem sonst der Mensch als Ganzes gegenübersteht; seine einzelnen Organe sind einzelne Teile. Jetzt lernt man erkennen, wie die einzelnen Organe den verschiedenen Gebieten, den verschiedenen Wirkungskräften des Kosmos zugeteilt sind. Man lernt zum Beispiel erkennen, wie die Gehirnkräfte zugeteilt sind den Sonnenkräften zunächst, indem sie in aufsteigender Entwicklung sind in der ersten Lebenshälfte, wie andere Organe, namentlich das Herz, den Sonnenkräften zugeteilt sind.
[ 32 ] Aber man lernt ebenso, wie man das Sonnenhafte nach der einen Seite hin kennenlernt, das Mondenhafte zum Beispiel nach der anderen Seite hin kennen. Wiederum ist der Mond nur sinnlich geschaut der festumgrenzte Weltenkörper. Es durchströmen den ganzen Weltenraum, alle äußeren Reiche der Natur und den Menschen selber ein Mondhaftes. Das schließt in sich alle Kräfte des Abnehmens, alle Kräfte der rückschreitenden Entwicklung, alle Kräfte, durch die wir altern, durch die unsere Organe sich abdämpfen, sich ertöten, irgendwie in absteigende Entwicklung übergehen. Man lernt jetzt von einer neuen Seite kennen dieses Getriebe des menschlichen Organismus und das äußere Getriebe der Natur, indem man zusammenschauen kann das Sonnenhafte und das Mondenhafte.
[ 33 ] Und ebenso lernt man in Bezug auf andere Weltenkörper, überhaupt in Bezug auf den Kosmos, das Kraftende, das Erhaltende, das Prozess-Erhaltende, das Werdende kennen. Man lernt es erkennen in seinem Fortwirken im Menscheninneren, in seinem Wirken draußen in der Natur. Dadurch betritt man aber ein Gebiet, wo gezeigt werden kann, wie Anthroposophie durchaus befruchtend sein kann für andere Wissenschaften, zu denen sie nicht in Opposition steht, die sie gerade weiterbilden möchte, indem sie voll anerkennt, was sie selbst erreichen können, wie Geisteswissenschaft befruchtend wirken kann auf anderen Gebieten des Lebens.
[ 34 ] Dadurch, dass man in dieser Weise durchschauen lernt das Werden, das Prozesshafte des menschlichen inneren Organismus, lernt man erkennen in einer intimeren Weise das Gesundsein des Menschen, das Kranksein des Menschen. Man lernt den Abbau mancher organischer Prozesse kennen, wie er in Krankheitsprozessen auftritt. Man lernt auch erkennen, wie man durch entgegengesetzte Prozesse zur Gesundung beitragen kann. Man lernt vor allen Dingen den Zusammenhang der äußeren Natur mit dem menschlichen Inneren kennen. Man lernt zum Beispiel erkennen, wie gewisse abbauende, zerstörerische Kräfte des einen oder anderen Organs ausgeglichen werden können durch die sonnenhaften, aufbauenden Kräfte, sagen wir, im Pflanzen- oder Mineralreich. Man lernt die Heilkräfte aus einer solchen Verfolgung des Übersinnlichen in der Natur kennen und im Menschen. Und es kann dasjenige aus der Anthroposophie hervorgehen, was nun wirklich gerade gegenüber der Medizin schon hervorgegangen ist.
[ 35 ] Ärzte haben die Anregungen aufgenommen, welche in dieser Art von anthroposophischer Forschung ausgehen können, und in Dornach bei Basel sowie in Stuttgart sind begründet worden medizinischtherapeutische Institute, welche eben daran sind, durchaus in exakter Weise diejenigen Heilmittel und Heilmethoden auszubilden, welche sich ergeben aus den Anregungen der Anthroposophie heraus. Damit ist ein Beispiel genannt für die Befruchtung, welche anthroposophische Forschung für die einzelnen Wissenschaften und praktischen Lebensgebiete liefern soll. Dasjenige, was sonst nur empirisch ausprobiert werden kann, wovon man nach dem Ausprobieren erst sagen kann, wie es wirkt in dieser oder jener Richtung im menschlichen Organismus, das wird durchschaut, weil der Naturprozess nach dem Sonnenhaften und Mondenhaften und nach den anderen kosmischen Prozessen, und der innere menschliche Naturprozess und Seelenprozess und Geistesprozess durchschaut werden kann. Es kann eine rationelle Medizin, eine Medizin des inneren Durchschauens der pathologischen und der Heilprozesse an die Stelle der bloßen Probiermedizin gesetzt werden. Ebenso wird in Stuttgart errichtet ein physikalisches, ein biologisches Institut. Nur das will ich erwähnen. Die einzelnen Wissenschaften können durchaus von Anthroposophie befruchtet werden.
[ 36 ] Aber dasjenige, was Anthroposophie auf diese Art liefert, indem sie den Menschen hinweist auf sein eigenes Unsterbliches im Zusammenhang mit dem geistig-werdenden Übersinnlichen des Weltenalls, so kann auch noch in anderer Weise befruchtend auf das Leben gewirkt werden. Das sollte gezeigt werden an einem besonderen Beispiel, an dem Dornacher Bau, dem Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach bei Basel. Anthroposophie wird ja jetzt schon durch lange Zeit getrieben, und es trat der Zeitpunkt ein, in dem eine Anzahl von Freunden der Anthroposophie die Veranlassung dazu gaben, dass dieser Anthroposophie ein eigenes Heim gebaut werde. Die Verhältnisse, die ich hier nicht zu schildern habe, brachten dieses Heim der Anthroposophie, dieses Goetheanum, in die Nähe von Basel.
[ 37 ] Hätte man auf irgendeinem anderen Gebiet einer geistigen Strömung gegenüber die Notwendigkeit gefühlt, ihr ein eigenes Heim zu bauen, so wäre man eben in Verbindung getreten mit diesem oder jenem Baumeister. Da wäre vielleicht ein romanischer oder ein gotischer oder ein Renaissancebau entstanden oder dergleichen. Das konnte Anthroposophie nicht. Man mag dasjenige, was entstanden ist, nach seiner künstlerischen Seite noch so sehr anfechten — das, was manche behaupten, ist es ja jedenfalls nicht. Aber wenn man gerade von dem durchdrungen ist, was Anthroposophie als Gesinnung der Seele geben kann, dann ist man selbst ein strengster Kritiker und schildert das, was man zu schildern hat, zunächst nur als Anfang. Von diesem Gesichtspunkte aus sei denn auch das Goetheanum geschildert. Es konnte sich bei der Anthroposophie, weil sie nicht nach einer Einseitigkeit hinstrebt, sondern weil sie aus dem ganzen, dem vollen Menschentum herausquillt, und wiederum den ganzen, vollen Menschen in die Welt stellen will, nicht darum handeln, einen beliebig stilisierten Bau als Heim aufzuführen.
[ 38 ] Ich möchte einen trivialen Vergleich gebrauchen: So wie die Nussschale in ihren einzelnen Formen nach genau denselben Gesetzen aufgebaut ist wie der Nusskern — wie Sie sehen, [wirken] in der Nussschale dieselben Kräfte in ihrer Lage, in der gegenseitigen Beziehung, wie im Nusskern drinnen selber —, so muss, wenn Anthroposophie nicht als eine Theorie, nicht als eine Summe von grauen Ideen, sondern als in Ideen auftretendes wirkliches Leben aufgefasst werden soll, dasjenige, was als ihre Umrahmung auftritt, gewissermaßen als ihre bauliche Schale, genau aus demselben Geiste heraus sein, aus dem auch die Ideen geholt sind, in denen das übersinnliche Leben dargestellt wird. Daher musste alles das, was in Dornach architektonisch, malerisch, plastisch oder sonst künstlerisch aufgeführt wurde, aus demselben Geiste heraus sein, aus dem dasjenige ist, was auf dem Podium als Wort gesprochen wird. Nicht anders als der Kern der Nuss zur Schale kann sich dieses in Ideen, in Gedankenformen Auftretende verhalten zu demjenigen, was aus den Formen spricht, die nicht stroherne Allegorien oder Symbole sind; da ist alles ins wirklich Künstlerische ausgeflossen. Und dennoch darf man, wenn das Ganze auch nur ein Anfang ist, mit einer gewissen Sicherheit sich doch auf Goethe berufen und namentlich auf Goethes Kunstanschauung. Man braucht nur zu denken daran, wie Goethe es ausgesprochen hat: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, der empfindet eine tiefe Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. — In einem anderen Spruch sagt Goethe aus derselben Gesinnung heraus: Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden.
[ 39 ] Indem Anthroposophie in der charakterisierten Art wirklich eindringen will in die tiefsten Naturgesetze, in die Gesetze der übersinnlich-geistigen Welt, fühlt sie sich auch inspiriert für das Künstlerische, und weiß das Lebendige, nicht etwa das Symbolische, dem Stoffe einzuverleiben. Sie bekommt gerade das richtige Materialempfinden, um nicht in irgendeinem künstlerischen, symbolisierenden Wolkenkuckucksheim sich wohlzufühlen, sondern im eminentesten Sinne dasjenige, was ihr geistiges Leben ist, durch die Kunstform sich offenbaren zu lassen. So kann, ohne dass dabei etwas Didaktisches auftritt, dasjenige, was über alle Theorie hinausgeht in die Erkenntnis des Übersinnlichen, zugleich befruchtend für das künstlerische Gebiet werden.
[ 40 ] Nur einzelne Beispiele kann ich anführen von dieser praktischen Auswirkung der Anthroposophie. Als Drittes möchte ich anführen die Freie Waldorfschule in Stuttgart, die ja auch eine gewisse Nachfolge sogar hier schon gefunden hat. Diese Freie Waldorfschule ist begründet worden von Emil Molt; sie wird von mir geleitet. Sie wird so geleitet, dass nicht etwa da irgendwie in eine Opposition getreten werden soll zu den großen Errungenschaften der Pädagogik und Didaktik des neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Eingedenk ist man der großen pädagogischen Maximen, die da sind. Allein gerade dasjenige, was heute oftmals auf dem Gebiete des Erziehungswesens als Sehnsucht nach Reformen auftritt, zeigt, dass etwas notwendig ist, um die gutgemeinten Maximen der großen Pädagogen im Einzelnen praktisch auszuführen. Nicht neue theoretische Maximen an die Stelle der alten will auf diesem Gebiet Anthroposophie setzen, sondern der praktischen Ausführung will sie dienen. Daher ist die Freie Waldorfschule in Stuttgart durchaus eine Schule, wo nicht etwa Anthroposophie in die Kinder hineingepfropft werden soll, das liegt uns ganz fern. Wir haben deshalb ruhig den katholischen Religionsunterricht dem katholischen Seelsorger, den evangelischen Religionsunterricht dem evangelischen Seelsorger übertragen. Nur für diejenigen Kinder, die Dissidentenkinder sein würden sonst, haben wir durch einen freien Religionsunterricht gesorgt. Dasjenige, was Weltanschauung auf einem religiösen Gebiete ist, das ist nicht dasjenige wodurch die Waldorfschule ihren spezifischen Charakter bekommt. Dasjenige, wodurch sie wirken will, ist, dass anthroposophische Erkenntnis den Menschen erkennen lehrt nach Leib, Seele und Geist, erkennen lehrt schon im Kinde; dass man aus Menschenkenntnis heraus für jedes Schuljahr, für jeden Monat, für jede Woche den Lehrplan aus dem Kinde ablesen kann; dass man aus wahrer Menschenkenntnis heraus wirklich die pädagogische Kunst und die didaktische Kunst, die Erziehungs- und Unterrichtskunst begründen kann. In das Handhaben der Erziehung und des Unterrichts, in das «Wie», wie man die Sache ausführt, soll hineinwirken dasjenige, was Anthroposophie geben kann. Und wenn man dieser Anthroposophie nicht eben noch so antipathisch gegenüberstünde, rein aus Missverständnis, wie man das tut, so würden ja solche Dinge, wie sie zum Beispiel in diesem Sommer aufgetreten sind während des anthroposophischen Kongresses in Stuttgart, weit mehr berücksichtigt werden.
[ 41 ] Da hat zum Beispiel eine Lehrkraft dieser Waldorfschule gezeigt, wie einseitig alles dasjenige ist, was gerade in neuerer Zeit an experimentierender Pädagogik und experimentierender Psychologie für den Unterricht fruchtbar gemacht werden soll. Auch dagegen lehnt sich Anthroposophie nicht auf, was in dieser Weise experimentierend auftritt, aber sie kann zeigen, dass dasjenige, was man so äußerlich am Menschenkinde lernt, erst in der richtigen Weise fruchtbar werden kann, wenn man auch durch innere Anschauung in die Seele hineinkommt; wenn dem Unterricht zugrunde gelegt werden nicht bloß experimentelle Ergebnisse über das Gedächtnis, die Entwicklung der Verstandes- und Willenskräfte, über Ermüdung und so weiter, die man äußerlich gewonnen hat, bei denen man der Menschenseele fernstehen kann. Sondern, was man auf diese selbst gewinnen kann, wird erst fruchtbar, wenn man auch die Möglichkeit erlangt, intim in die Menschenseele hineinzuschauen, in diese wunderbare, rätselhafte Menschenseele, die sich vom ersten kindlichen Tage an entwickelt, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Hat man dafür das rechte Erkenntnisgefühl, dann ist man erst imstande, zu erziehen. Und Anthroposophie kann, weil sie nicht bloß auf das Äußere geht, sondern den ganzen, den vollen Menschen nach Leib, Seele und Geist erkennen lernt, eine solche höhere, durchseelte, durchgeistigte Erziehungskunst schaffen.
[ 42 ] Erziehungskunst ist dasjenige, was Anthroposophie an der Waldorfschule ausüben will. Nicht irgendeine Weltanschauung wird dabei den Kindern aufgepfropft. Nun hat eine Lehrkraft der Waldorfschule gerade in einer intimen Weise besprochen — der Vortrag ist jetzt auch als Broschüre erschienen — die Bedeutung der Experimentalpsychologie und dasjenige, was sie werden könnte durch Vertiefung. Dr. von Heydebrand hat damit etwas außerordentlich Bedeutungsvolles, meiner Überzeugung nach, dargestellt mit Bezug auf die Würdigung einer einseitigen Entwicklungsströmung in der gegenwärtigen Zeit. Es wäre das zweifellos in pädagogischen Kreisen viel mehr besprochen worden, wenn es nicht just auf dem vielen, so antipathischen Boden der Anthroposophie erwachsen wäre.
[ 43 ] Und auch auf das äußere soziale Leben kann Anthroposophie in lebendiger Weise einwirken. Auch dafür ein Beispiel, wenn es auch nur ein schwacher Anfang ist. Emil Leinhas hat ebenfalls auf dem Stuttgarter anthroposophischen Kongress einen Vortrag gehalten — der ebenfalls jetzt schon gedruckt ist — und darin in geistvoller Weise eine Kritik gegeben der gegenwärtigen Nationalökonomie. Der Titel heißt «Der Bankrott der Nationalökonomie». Emil Leinhas zeigt, wie diese Nationalökonomie unfruchtbar bleiben muss für das wirkliche soziale Leben, wenn nicht dasjenige, was nur nach dem Muster äußeren, naturwissenschaftlichen Denkens aufgefasst wird, durch die Erkenntnis der namentlich im Menschenleben wirkenden geistigen, übersinnlichen Kräfte ergänzt wird.
[ 44 ] Wir sehen ja gerade auf sozialem Gebiet das Verheerende einer Denkweise, die das einseitig Naturwissenschaftliche auch in das soziale Leben hineintragen möchte. Sehen wir auf die furchtbaren Verheerungen, die immer größer und größer werden, die endlich eine Bedrohung für ganz Europa, ja, für das ganze zivilisierte Abendland bilden. Sehen wir auf dasjenige, was im Osten Europas in sozialer Beziehung geschieht, und werden wir uns bewusst, dass die inneren Gründe für das Auftauchen dieser zerstörenden Kräfte dennoch die sind, dass man das soziale Leben nicht zu durchdringen wusste mit demjenigen, was aus einem geistschauenden Bewusstsein hervorgeht. Wenn man die Menschen nur so betrachtet, wie es die Wirtschaftslehrer des neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts getan haben, unbefruchtet von einer geistschauenden Erkenntnis, dann müssen zuletzt jene zerstörerischen sozialen Kräfte auftauchen, wie sie im Osten Europas aufgetaucht sind und eben zu einer Bedrohung der ganzen gebildeten Welt in einem viel höheren Sinne werden müssen, wenn nicht ein geistiges Element in unsere soziale Ordnung einzieht.
[ 45 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, damit habe ich nur auf einige Gebiete hingewiesen, in welchen Anthroposophie befruchtend werden kann, auf wissenschaftlichen und auf den anderen Gebieten des praktischen Lebens. Nur zum Schlusse möchte ich andeuten dasjenige, was jetzt zuletzt genannt werden muss, obwohl es nicht das Letzte ist: Indem anthroposophische Erkenntnis zum wirklichen Anschauen des Ewigen in der Menschenseele führt, indem sie zum wirklichen Erkennen desjenigen führt, was über Geburt und Tod hinausliegt, zum Ungeborenen, zum Unsterblichen im menschlichen Inneren, indem sie in diejenigen Welten führt, in denen die Menschenseele lebt, wenn sie keinen äußeren physischen Leib trägt, indem sie diese beiden Welten kennenlernt, lernt sie auch kennen das, was in der Menschennatur noch ist, tiefer als die physische Menschennatur, umfassender noch, intensiver noch als dasjenige, was die Seele erlebt, wenn sie in der geistigen Welt vor der Geburt oder nach dem Tode ist. Dasjenige, was in der Menschenseele gefunden wird, das erschöpft sich nicht in der Anschauung der natürlichen, der übersinnlichen Welt.
[ 46 ] Nachdem man die beiden Welten kennengelernt hat, die natürlich nur scheinbar zwei Welten sind, die in Wahrheit nach dem ganzen Sinn der Darstellung ineinanderwirken, sodass man nicht vom Dualismus gegenüber einem Monismus sprechen kann in der Anthroposophie; lernt man am menschlichen Inneren etwas erkennen, was als Zusammenfassung sich offenbart dieser zwei Welten, das ist der innerste, menschliche, ewige Wesenskern, der durch wiederholte Erdenleben hindurchgeht, sodass sich das menschliche Leben zusammensetzt aus solchen Stücken, die zwischen Geburt und Tod und zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegen. Und indem man erkennen lernt den äußeren Kosmos seiner geistigen Bedeutung nach, lernt man auch in anderer Weise erkennend hinzuschauen zu Zeiten, in denen der Mensch noch verwandter war dem äußeren kosmischen Dasein. Da gab es noch keine wiederholten Erdenleben. Und einstmals, wenn der Mensch wiederum einen innigeren Zusammenschluss mit dem Kosmos gefunden haben wird, werden auch die wiederholten Erdenleben aufhören. Aber für eine lange Zeitdauer haben wir zu beobachten durch dieselben Kräfte, die ich geschildert habe, dasjenige, was man nennen kann die Anschauung der wiederholten Erdenleben. Dadurch wird man geführt in erkenntnismäßiger Weise zur geistigen Welt.
[ 47 ] Das menschliche Fühlen und Empfinden wird, wie ich schon angedeutet habe, von der Ausbildung der Gedanken- und Willenskräfte mitgenommen. Dieses menschliche Fühlen, insofern es sich in der religiösen Frömmigkeit auslebt und ausleben will, es kann nur eine Vertiefung erfahren dadurch, dass vor die menschliche Seele auch erkenntnismäßig hingestellt wird dasjenige, was ewig in der Seele, was geistig-übersinnlich im Kosmos ist. Anthroposophie will ganz gewiss nicht irgendeine sektiererische Bewegung in der Welt begründen. Sie will nicht eine neue Religion stiften. Nehmen Sie den ganzen Sinn desjenigen, was ich versuchte heute auseinanderzusetzen, es ist etwas, was wissenschaftlich streben will, was allerdings durch seine besondere Art des wissenschaftlichen Strebens niemals zu einer bloßen Spezialität werden kann, weil es jeden Menschen angeht. Daher kann man nicht sagen: Anthroposophie ist etwas wie Botanik oder Zoologie oder Geometrie, die in ihren höheren Partien nur von einzelnen Spezialisten erkannt werden können. Anthroposophie ist etwas, was jeden Menschen angeht. Und die Geistesentwicklung wird es schon mit sich bringen, dass es immer mehr und mehr Menschen angehen wird. Und jeder Mensch kann durch dasjenige, was in ihm selber nach Leib, Seele und Geist ist, wenn er nur unbefangen ist, dasjenige verstehen und entgegennehmen, was Anthroposophie, allerdings als Ergebnis mühseliger Forschungswege, hinzustellen hat vor die Welt. Dadurch aber, dass als Forschungsergebnis die übersinnliche Welt auftritt, wird das religiöse Leben dem Menschen wahrhaftig nicht genommen, sondern vertieft. Religionen hätten alle Ursache, zur Anthroposophie als zu etwas hinzuschauen, was ihnen eine Hilfsleistung bieten kann, was gerade den Menschen dasjenige geben kann, was sie brauchen, um wiederum zur religiösen Frömmigkeit zu kommen, nachdem das sonstige Leben von dieser religiösen Frömmigkeit viel weggenommen hat, insbesondere das moderne Geistesleben. Es ist daher ein völliges Missverständnis, wenn man glaubt, dass wahre, echte, religiöse Frömmigkeit, wahres, echtes religiöses Erleben irgendwie gefährdet werden könnte durch Anthroposophie. So ist auch dieses Gebiet ein solches, wo Anthroposophie durchaus befruchtend wirken kann.
[ 48 ] Derjenige, der durchschaut, auf was es eigentlich ankommt, der wird sich vielleicht sagen, dass gerade Anthroposophie demjenigen entgegenkommt, wonach die tiefsten menschlichen Sehnsuchten der regeren Gemüter des modernen Menschentums hingehen.
[ 49 ] Und soll ich kurz zusammenfassen am Schluss in wenig Worten dasjenige, was ich versuchte — allerdings, in einem kurzen Vortrage kann das nur ungenügend geschehen — als das Wesen der Anthroposophie zu schildern, so möchte ich sagen: Der Mensch steht vor uns mit seiner physisch leiblichen Gestaltung. Wir schauen ihn an. Aus seinem tiefsten Innern spricht sein Seelisch-Geistiges. Aus seinem Antlitz, aus jeder seiner Bewegungen spricht es. Wir haben nicht den ganzen Menschen vor uns, wenn wir nicht dieses Geistig-Seelische in dem Natürlich-Leiblichen schauen. Naturwissenschaft hat es im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, insbesondere im neunzehnten Jahrhundert, zu einer hohen Vollendung gebracht. Anthroposophie will nicht auf Laientum, auf Dilettantismus bauen, obwohl sie für jeden Menschen ist. Der anthroposophische Forscher möchte jedes Laientum, jeden Dilettantismus auf naturwissenschaftlichem Gebiete ausschließen. Er möchte gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet echte Wissenschaftlichkeit und echte Methodik zur Entfaltung gebracht wissen. Damit aber ist er sich gerade klar, wie die äußere Naturwissenschaft, die mit Recht solche Triumphe gefeiert hat, die so bedeutsam ins praktische Leben eingegriffen hat nach der Außenseite hin, wie diese Naturwissenschaft etwas Äußeres darstellt, was zu vergleichen ist mit dem Physisch-Leiblichen des Menschen.
[ 50 ] Überall, wo man wirklich unbefangen als ganzer, voller Mensch hinschaut, ausgerüstet mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft, da tritt einem etwas entgegen, wie das Geistig-Seelische einem entgegentritt aus der menschlichen Physiognomie, aus den menschlichen Bewegungen; da tritt einem etwas als Wissenschaft, als Erkenntnis des Geistig-Seelischen im Naturerkennen entgegen. Ich möchte sagen: Das Naturerkennen kann durch seine Physiognomie, durch die Art und Weise, wie es sich entwickelt, auf dieses Geistig-Seelische einer besonderen Erkenntnis hinweisen. So wie der natürliche Mensch in seiner Leibesgestaltung den Geist, die Seele offenbart, so offenbart wahre, naturwissenschaftliche Erkenntnis eine auf das Geistig-Seelische gehende höhere, übersinnliche Erkenntnis. Das, was Menschenseele und Menschengeist im Menschenleibe, im Menschenkörper sind, das — meine sehr verehrten Anwesenden, also Seele und Geist in der Erkenntnis — möchten für eine wirkliche Naturwissenschaft die anthroposophischen Wege, die anthroposophischen Ergebnisse sein.
