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Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a

24 Januar 1922, Elberfeld

7. Das Wesen der Anthroposophie

[ 1 ] Man hört heute oftmals den Satz aussprechen, dass in trüben, chaotischen Zeiten des Geisteslebens, in denen die Seelen den Mut und die Zuversicht und die Hoffnung verloren haben, dass in solchen Zeiten allerlei okkulte oder mystische Bestrebungen einen bereiten Boden finden. Und man rechnet wohl in Kreisen, in denen man auf Unterscheidungen allzu wenig Gewicht legt, gegenwärtig oftmals unter solche Bestrebungen diejenige, die sich als Anthroposophie bezeichnet. Nun soll gerade die Betrachtung des heutigen Abends, die vom Wesen dieser Anthroposophie handeln soll, Ihnen zeigen, wie wenig zutreffend das Zusammenwerfen der anthroposophischen Forschungsart mit manchem anderen ist, mit dem man sie heute zusammenwirft.

[ 2 ] Anthroposophie — meine verehrten Anwesenden — ist durchaus ausgegangen von dem wissenschaftlichen Ernste und der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, die sich namentlich auf naturwissenschaftlichem Boden im Verlaufe der letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte, insbesondere aber des neunzehnten Jahrhunderts, entwickelt haben. Nur will Anthroposophie dasjenige, was man naturwissenschaftlich innerhalb gewisser Grenzen entwickeln kann, weiterführen bis zur Erfassung der sogenannten übersinnlichen Welten, bis zu der Erfassung derjenigen Daseinsrätsel, welche vor allen Dingen die tiefsten Sehnsuchten der menschlichen Seele selber betreffen, die Sehnsucht nach der Erforschung des Ewigen in der menschlichen Seele und des Zusammenhanges dieser Seele mit den göttlich-geistigen Untergründen des Daseins.

[ 3 ] Wenn nun auch Anthroposophie durchaus ausgegangen ist von wissenschaftlichen Grundlagen, so musste sie sich, da sie eben mit den umfassenden, alle Menschen interessierenden, großen Daseinsrätseln zu tun hat, so musste sie sich eben so entwickeln, dass sie entgegenkommt dem Verständnis auch des einfachsten Menschengemütes, dass sie entgegenkommt den praktischen Zeitbedürfnissen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens, die da suchen inneren Halt für die Seele, Sicherheit für die Seele, Kraft zum Handeln, Glauben an die Menschheit, an die menschliche Bestimmung. Und es musste diese Anthroposophie auch entgegenkommen den verschiedensten sozialen und namentlich den religiösen Bestrebungen in der Art, wie ich heute Abend das noch darstellen will, wenn sie auch selbst eben durchaus — das muss immer wieder betont werden — den wissenschaftlichen Ausgangspunkt hat. Aber man möchte in Bezug auf diesen Ausgangspunkt sagen: Anthroposophie muss ernster, als mancher, der da glaubt, auf dem festen Boden der naturwissenschaftlichen Forschung heute zu stehen, ernster diejenigen Möglichkeiten ins Auge fassen, die gerade bei naturwissenschaftlichem Forschen offenstehen. Und da muss Anthroposophie vor allen Dingen hinschauen auf dasjenige, was recht besonnene naturwissenschaftliche Denker als die Grenze der Naturwissenschaft anerkennen.

[ 4 ] Wenn wir uns der Forschungsmethode der Naturwissenschaft bedienen, der Beobachtung der äußeren Sinneswelt, des Experimentes und des Denkens, das die Ergebnisse von Beobachtung und Experiment kombiniert, und so die Naturgesetze [finden], wie wir sie gewohnt sind anzuerkennen, so kommt man eben einfach zu der Anschauung, dass diese naturwissenschaftliche Forschung Grenzen habe, dass sie eigentlich über die Sinneswelt und ihre Gesetze nicht hinauskommen könne, dass sie vom menschlichen Wesen nicht mehr begreifen kann als dasjenige, was als menschlich-physisch-leibliche Natur aus dieser Sinneswelt genommen ist; dass sie sich bescheiden müsse, Grenzen anzuerkennen, gegenüber dem, was des Menschen eigentlichen Wert, sein Wesen, seine Würde ausmacht; bescheiden müsse damit, in das eigentlich Geistig-Seelische des Menschen nicht einzudringen. Gerade solche Dinge muss Anthroposophie, wenn sie selber ernst genommen werden will, durchaus mit der nötigen Gewissenhaftigkeit ins Auge fassen. Sie muss diese eine Klippe klar sehen, dass man nicht bloß aus einer Willkür heraus mit demjenigen Denken, das man an der Naturwissenschaft sich heranerzogen hat, über die Sinnenwelt hinauskommen kann. Nicht aus einer Willkür heraus, sondern weil an der Sinnesbeobachtung dieses Denken selber seine Stärke, seine Erziehung entwickelt und daher sofort ins Leere, ins Unbestimmte, ins Unbefriedigende kommt, wenn es, sich selbst überlassen, in Gebiete eindringen will, die über die Sinnenwelt hinaus liegen.

[ 5 ] Sie wissen ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass es gewisse philosophische Spekulationen gibt, durch welche das sich selbst überlassene Denken hinaus will von dem sinnlich Gegebenen zu dem Übersinnlichen. Es will dieses sich selbst überlassene Denken allerlei logische Schlüsse ziehen vom Zeitlichen nach dem Ewigen hin. Derjenige, der unbefangen seine seelischen Bedürfnisse nach dem Ewigen aber an solchen logischen Schlüssen befriedigen will, der gerät eben ins Unbefriedigende, denn er sieht alsbald: So sicher dieses Denken dann ist, wenn es die Wesenheiten und die Erscheinungen der Natur betrachtet, so unsicher wird dieses sich selbst überlassene Denken, wenn es hinausdringen will über dasjenige, was den Sinnen zugänglich ist. Daher haben wir ja auch den Streit der sogenannten philosophischen Systeme. Der eine, nach seiner subjektiven Eigentümlichkeit, geht in dieser Weise über die Sinnenwelt hinaus und stellt dieses System auf. Der andere stellt jenes System auf. Alles das gibt durchaus keine harmonische Weltanschauung, das gibt eben durchaus etwas Unbefriedigendes. Dasjenige, was ein unbefangenes Gemüt empfinden muss gegenüber solchem sich selbst überlassenen Denken, das muss sich gerade Anthroposophie klar vor Augen führen. Und damit ist ihr gegeben die eine Klippe, an welcher vorbeigekommen werden muss, wenn die Wege eröffnet werden sollen zum Erforschen des Ewigen in der Menschennatur und des Ewigen im Weltall.

[ 6 ] Anthroposophie muss durchaus die Grenzen der Naturerkenntnis anerkennen. Und Anthroposophie muss auf der anderen Seite hinsehen, wie heute gewisse tiefere Gemüter sehen diese Grenzen der Naturerkenntnis und nun woanders Hilfe suchen, die ihnen von der Naturwissenschaft für die großen Rätselfragen des Daseins nicht kommen kann. Sie suchen dann Hilfe in sogenannten mystischen Versenkungen. Sie suchen dann Hilfe in dem, was man oftmals die Selbstschau der Seele nennt. Da soll die Seele durch Versenkung in das eigene Innere in die tieferen Schächte hinuntersteigen, soll dann in diesen tieferen Schächten etwas anderes entdecken als dasjenige, was man durch Naturwissenschaft oder im gewöhnlichen Bewusstsein findet. Aber gerade derjenige, der so ernst mit dem Forschen nach dem Ewigen zu Werke geht wie der in der Anthroposophie Stehende, muss auch in diesem anderen Wege die Illusionen sehen, denen sich solche Mystiker oftmals hingeben. Wer unbefangen das menschliche Seelenleben betrachten kann, der weiß nämlich, was menschliche Erinnerung eigentlich im Gesamt-Seelenleben bedeutet. Die Erinnerungen werden angefacht an den äußeren Sinneswahrnehmungen. Da bekommen wir als Menschen unsere Eindrücke. Wir holen dann die Bilder von solchen Eindrücken oftmals nach Jahren wiederum aus dem Gedächtnis hervor. Und da kann es vorkommen, dass irgendein äußerer Sinneseindruck von unserer Seele aufgenommen worden ist, vielleicht halb unbewusst, ohne dass man es mit der nötigen Aufmerksamkeit betrachtet hat. Er ist dann hinuntergesenkt worden in die tiefsten Tiefen des Seelenlebens, und er kommt willkürlich oder unwillkürlich nach Jahren wieder herauf. Und er braucht nicht so heraufzukommen, wie er in die Seele versenkt worden ist, er kann verwandelt heraufkommen, sodass ihn nur der genauere Kenner des Seelenlebens wiedererkennt. Dasjenige, was durch einen äußeren Eindruck in der Seele losgelöst wird, das wird in Empfang genommen von allerlei Empfindungen, von Gefühlen, von Willensimpulsen, ja, es wird innerlich in Empfang genommen von der organischen, von der Leibeskonstitution des Menschen, von der Gesamtverfassung des menschlichen Leibes. Und ganz verwandelt kann es nach Jahren wiederum aus der Seele hervorgeholt werden. Und derjenige, der dann befangen ist, der kann glauben, dass dasjenige, was nur ein umgewandelter Sinneseindruck ist, der die verschiedensten Metamorphosen in der Seele durchgemacht hat, dass das, wenn es durch innere Versenkung heraufgeholt wird, irgendeine Offenbarung eines Ewigen ist, was nicht aus der sinnlichen Außenwelt stamme. Anthroposophie muss gerade sehen, wie Mystiker, die auf solche Art ihre Offenbarungen suchen, zu den herbsten Illusionen kommen, und sie muss in dieser Mystik die zweite Klippe anerkennen. Sie muss an der Klippe der Grenze der Naturerkenntnis und an der Klippe der Grenze des eigenen menschlichen Seelenlebens vorbeikommen.

[ 7 ] Ich musste diese Worte vorausschicken — meine sehr verehrten Anwesenden —, aus dem Grunde, damit gesehen werde, wie gewissenhaft Anthroposophie alle Fehlerquellen, die entstehen können, aufsucht. Denn ich werde ja im Folgenden Ihnen die Wege, welche Anthroposophie selber einschlägt, um in die geistigen, die übersinnlichen Welten zu kommen, zu schildern haben, und da werde ich Ihnen manches Paradoxe, heute noch ganz Ungewohnte, zu schildern haben. Man könnte leicht glauben — es glauben das viele —, dass Anthroposophie auch nichts weiter sei als ein mehr oder weniger phantastischer Versuch, erkenntnismäßig in Welten einzudringen, mit denen sich eine ernste Wissenschaft nichts zu tun machen sollte. Anthroposophie weiß, wie man über das Geistig-Übersinnliche nicht forschen kann. Und daher kann sie auch einen Ausgangspunkt gewinnen über die Art und Weise, wie man wirklich forschen kann. Indem sie erkennt, welche Wege zu Illusionen und Irrtümern führen können, dringt sie zu der eigentlichen — ich möchte sagen — zunächst vorahnenden Beantwortung der Frage vor. Sie sagt sich: Mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften, wie man sie im alltäglichen Leben, in der anerkannten Wissenschaft hat, mit denen kann man wegen der Grenze der Naturerkenntnis, wegen der Grenze der mystischen Versenkung überhaupt nicht weiter kommen als zu der äußeren Natur und zu demjenigen, was der Mensch aus dieser äußeren Natur in sein Seelenleben hereinbekommt. Will man also über diese äußere Natur hinauskommen, so muss man an Kräfte des Seelenlebens appellieren, die im gewöhnlichen Dasein in der Seele schlummern, die im gewöhnlichen Dasein gar nicht vorhanden sind, oder besser gesagt, deren sich der Mensch nicht bewusst ist. Und solche in der Seele schlummernden Kräfte will Anthroposophie ausbilden, damit diese neu erweckten Erkenntniskräfte dann eindringen in Welten, in welche man mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften eben nicht eindringen kann.

[ 8 ] Man redet heute schon durchaus von Seiten ernster, wissenschaftlicher Forscher von allerlei abnormen Kräften der menschlichen Seele oder des menschlichen Organismus, durch die bezeugt werden soll, dass der Mensch in noch anderen Zusammenhängen drinnensteht, als die gewöhnliche Biologie oder Physiologie sie zeigen. Mit solchen abnormen Kräften des Seelenlebens aber hat Anthroposophie als solche auch nichts zu tun. Sie wendet sich an die normalen Kräfte des menschlichen Seelenlebens und bildet diese nur weiter fort. Dazu hat man allerdings am Ausgangspunkt eines nötig, ich möchte es nennen: intellektuelle Bescheidenheit. Man muss sich einmal sagen können: Wie war man als Kind, als ganz kleines Kind, da man mit einem traumhaften Seelenleben in die Welt hereingegangen ist, in diesem traumhaften Seelenleben sich nur unvollkommen seiner eigenen Leibesglieder bedienen konnte, unvollkommen oder gar nicht sich in der Welt orientieren konnte. Aber aus den Tiefen der menschlichen Wesenheit konnten herausentwickelt werden durch Erziehung und durch das Leben diejenigen Kräfte, die erst in den Tiefen dieser Menschenorganisation schlummerten. Nun muss man sich im Besitze dieser Seelenkräfte, die die Erziehung, die das Leben herangebildet haben, einmal sagen: In dieser menschlichen Seele könnten noch andere Kräfte schlummern, die geradeso von einem gewissen Ausgangspunkte des Lebens aus weiterentwickelt werden können, wie die kindlichen Seelenkräfte bis zu dem gegenwärtigen Entwicklungspunkt weiter entfaltet worden sind. Dass das der Fall ist, kann allerdings nur die Praxis lehren, und in diese Praxis tritt anthroposophische Forschung ein. Und da handelt es sich darum, dass zunächst hineingesehen werde in das ganze menschliche Seelenleben, um die einzelnen Kräfte dieses Seelenlebens, wie sie einfach im normalen Dasein vorhanden sind, weiterzubilden.

[ 9 ] Wir haben es ja — meine sehr verehrten Anwesenden — zunächst zu tun mit der menschlichen Denkkraft, mit der Gedankenbildung auf der einen Seite; wir haben es zu tun mit der Willenskraft auf der anderen Seite. Zwischen beiden, zwischen der Gedankenkraft, die sich entwickelt an den äußeren Eindrücken, oder auch aus den Orientierungen heraus, die uns das Leben geschenkt hat, zwischen dieser Gedankenkraft und der Willenskraft, durch die wir uns hineinstellen als tätige Menschen in das Leben, liegt das Gemüt, liegt die Summe unserer Empfindungen und Gefühle. Es wird sich nun vorzugsweise für die anthroposophische Forschung darum handeln, zu einer höheren Stufe, als das gewöhnliche Leben sie bildet, die Denkkraft und die Willenskraft auszugestalten. Denn nicht durch äußere Maßnahmen kann das Ewige erforscht werden, sondern allein durch intime Ausbildung der Seelenkräfte selbst. Wenn aber die Denkkraft auf der einen Seite, wenn die Willenskraft auf der anderen Seite weiter entfaltet werden, als sie im gewöhnlichen Leben sind, dann wird dasjenige, was das tiefste und innerste, das seelenhafteste Wesen der menschlichen Natur ist, die Gemütskraft, in irgendeiner Weise, wie wir sehen werden, von selber mitgehen. Es kann sich also zunächst um die Frage handeln: Wie ist die Denkkraft zu einer höheren Stufe des Erkennens auszubilden, als das gewöhnliche Leben sie darstellt?

[ 10 ] Ich habe nun in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern die Wege und Übungen geschildert. Ich will heute zunächst das Prinzipielle der Ausbildung der Seelenfähigkeiten kennzeichnen und muss in Bezug auf die Einzelheiten dann auf die genannten Bücher verweisen. Allein für einen einleitenden Vortrag muss es genügen, eben auf das Prinzipielle, das auf den eigentlichen Sinn, auf das Wesen der Sache deutet, hinzuweisen.

[ 11 ] Dasjenige, was wir als Denkkraft im gewöhnlichen Leben haben, lehnt sich ja an äußere Sinneseindrücke an. Die äußeren Sinneseindrücke sind lebendig. Wir stellen uns hin vor die farbige, die tönende Welt. Wir bekommen lebendige Eindrücke. In unserer Seele bleiben zurück die Gedanken, die sich an diesen Eindrücken bilden. Wir nennen sie mit Recht blass. Wir wissen, dass diese Gedanken geringere Intensität im gewöhnlichen Leben haben als die Sinneseindrücke für das Seelenleben. Wir wissen auch, dass die gewöhnlichen Gedanken, die sich an die Sinneseindrücke anschließen, in einer gewissen Weise passiver von den Menschen hingenommen werden, wie die Sinneseindrücke sich in der Seele erregen. Dasjenige, um was es sich zunächst handelt, das ist, dass gerade die Sinneseindrücke mit der Lebendigkeit, in welche sie die Seele versetzen, als ein Vorbild genommen werden für das erhöhte, erkraftete Gedankenleben selbst, das zunächst Anthroposophie ausbilden will zum Behufe ihrer Forschung. Da handelt es sich darum, dass dieses Gedankenleben in der folgenden Weise erhöht, gesteigert, erkraftet werde. Es wird einfach aussehen, was ich zu schildern habe, allein im Ganzen ist Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht einfacher als die Forschungen auf der Sternwarte, oder in chemischen, physikalischen Laboratorien oder auf der Klinik. Dasjenige, was heute in einfacher Weise prinzipiell von mir geschildert wird, erfordert je nach der Anlage, die der Mensch dafür hat, Jahre oder Monate oder Wochen und so weiter.

[ 12 ] Es gibt nun viele solcher inneren Seelenübungen. Ich will nur Charakteristisches herausheben. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass man zunächst aufmerksam werde, wie man im gewöhnlichen Leben eigentlich zum Denken steht. So sonderbar es klingt, derjenige, der unbefangen auf sein eigenes Denken hinsieht, der müsste eigentlich sagen: Der Ausdruck "Ich denke" stimmt nicht ganz. Das Denken entwickelt sich an den äußeren Dingen. Wir werden nur gewahr, weil wir gewissermaßen zurückblicken auf den physischen Organismus, weil wir uns gewissermaßen selbst von außen sehen. Wir werden nur gewahr, dass das Denken, das sich entwickelt, an unseren physischen Organismus gebunden ist, und sprechen daher das Wort "Ich denke». Dieses «Ich denke ist für das gewöhnliche Bewusstsein gar nicht voll berechtigt. Dass es voll berechtigt werde, dazu strebt gerade anthroposophische Forschung. Sie strebt dazu, indem sie zum Beispiel eine einfache Vorstellung oder einen einfachen Vorstellungskomplex in die Mitte des Bewusstseins des ganzen Seelenlebens setzt. Man kann das so tun, dass man das ganze Seelenleben konzentriert auf diese eine Vorstellung oder diesen einen Vorstellungskomplex. Durch Üben ist es zu erreichen. Die einzelnen Übungen habe ich beschrieben in den schon von mir genannten Büchern, die einem helfen können, die Aufmerksamkeit also zu lenken, dass man die Aufmerksamkeit von allem Übrigen, das sonst die Seele von außen und innen beschäftigt, ablenkt und mit voller innerlicher Willkür, wie man sonst nur bei mathematisch-rechnerischen Aufgaben verfährt, hingegeben sein kann mit ganzer Seele einem solchen einfachen Vorstellungskomplex oder einer einfachen Vorstellung.

[ 13 ] Nun ist es besonders gut — es soll eigentlich sein —, dass man eine solche Vorstellung nicht etwa aus der Erinnerung heraufholt. In der Erinnerung sind, wie ich schon angedeutet habe in der Einleitung zu diesem Vortrag, allerlei Erlebnisse in Veränderung, in Metamorphose, vorhanden. Wenn man einfach eine solche Vorstellung aus der Erinnerung heraufholt, dann mischt sich alles mögliche aus dem Unterbewusstsein und Unbewussten hinein in die Sache, und man kann niemals sicher sein, dass man nur dasjenige im Bewusstsein habe, worauf man willkürlich, voll besonnen seine Aufmerksamkeit richtet. Und darauf kommt es an. Daher ist es gut, wenn man zum Beispiel dasjenige, auf das man also die Aufmerksamkeit wenden will, irgendwo in einem Buche oder dergleichen sucht, als etwas, was ganz neu ist, wie ein ganz neuer Sinneseindruck, dem man mit Lebendigkeit der Seele hingegeben sein kann, und der einzig und allein durch sich selber wirkt. Oder man lässt sich von demjenigen, der in solchen Dingen erfahren ist, einen solchen Vorstellungskomplex geben, damit man eben etwas hat, was der Seele vollständig neu ist. Man darf nicht fürchten, dass auf diese Weise ein anderer irgendeine suggestive Gewalt über die Seele bekommen könnte. Denn es handelt sich nicht darum, dass irgendein Vorstellungsinhalt auf die Seele wirkt, sondern darum, dass die Seele ihre ureigensten Kräfte in gespanntester Aufmerksamkeit selber entwickelt. Dann stellt sich das Folgende heraus: Wie man den Muskel eines Armes verstärken, erkraften kann, indem man ihn arbeitend gebraucht, so kann man das Denken als seelische Kraft intensivieren, verstärken, erkraften dadurch, dass man es so in gespanntester Aufmerksamkeit konzentriert auf einen bestimmten Vorstellungskomplex, und solche Übungen in rhythmischer Folge immer wiederholt. Dadurch gelangt man allmählich dazu, das Gedankenleben selber, ohne dass es sich an Sinneseindrücke anlehnt, so lebendig, so intensiv zu machen, wie sonst das seelische Erleben in dem äußeren Sinneseindruck lebendig ist. Wie man sonst nur blasse Gedanken hat gegenüber der Lebendigkeit der Sinneseindrücke, so muss man durch diese seelischen Übungen, die ich Meditation, Konzentration nenne, ein solches Denken entwickeln, das innerlich erkraftet ist bis zu der Lebendigkeit des Sinneseindruckes.

[ 14 ] Sie sehen hier sogleich — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass anthroposophische Forschung durchaus nach der entgegengesetzten Seite hin geht, wie die Entwicklung gewisser pathologischer, krankhafter menschlicher Seelenzustände. Dasjenige, was der Mensch entwickelt in Visionen, Halluzinationen, durch Mediumismus, durch Suggestion und dergleichen in der Hypnose, das geht nach genau der entgegengesetzten Richtung wie dasjenige, was die Fortsetzung der normalen Denkfähigkeit in der anthroposophischen Forschungsmethode ist. Wenn der Mensch irgendetwas entwickelt, was ihn zur Halluzination, zur Vision führt, wobei er suggestiv beeinflussbar wird, so strömen gewissermaßen seine Seelenkräfte von den Sinneseindrücken fort, sie strömen hinunter in den Organismus des Menschen. Der Mensch wird von seinem Organismus mehr abhängig als Halluzinant, als Visionär, als er bei den äußeren Sinneseindrücken ist. Aber gerade die Art des seelischen Erlebens bei dem äußeren Sinneseindruck, die ist das Ideal des anthroposophischen Erkenntnisweges, der entwickelt werden soll. Also der Mensch muss vor allen Dingen, indem er Meditation und Konzentration übt, mit voller innerer Willkür mit willkürlich entwickelter Aufmerksamkeit, dem seelischen Inhalte, den er selbst in die Mitte des Bewusstseins gerückt hat, hingegeben sein. Dadurch kommt etwas zustande, was nun prinzipiell verschieden ist von allen krankhaften Seelenzuständen, mit denen man den anthroposophischen Weg nur missverständlich verwechseln kann. Wenn der Mensch Halluzinant, Visionär wird, wenn er in Hypnose kommt, irgendwie für Suggestionen beeinflussbar wird, so geht seine Gesamtpersönlichkeit unter in dem halluzinatorischen und visionären Leben. Sein gewöhnliches Bewusstsein des gesunden Menschenverstandes verschwindet hinein in das halluzinatorische, das visionäre Erleben.

[ 15 ] Das Gegenteil ist der Fall, wenn sich durch Meditation und Konzentration, die so vollführt werden, wie ich es geschildert habe, eine Art höheres Bewusstsein entwickelt. Wenn der Mensch dazu gelangt, nun wirklich ein gesteigertes, ein intensiveres, ein erkraftetes Denken zu haben, dann entwickeln sich höhere Seelenkräfte. Aber der gewöhnliche, besonnene Mensch, wie er sonst im Erkenntnisleben, im Pflichtleben drinnensteht, der bleibt neben der anderen, gewissermaßen zweiten Persönlichkeit voll erhalten. Er steht eben neben der zweiten Persönlichkeit mit dem höheren Erkenntnisvermögen. Er steht neben ihr mit dem gewöhnlichen Erkenntnisvermögen, kontrollierend, kritisierend. Das ist ein prinzipieller Unterschied, der nicht genug hervorgehoben werden kann, wenn von anthroposophischer Erkenntnis gesprochen wird.

[ 16 ] Und dann, wenn man auf diesem Wege nun durch Meditation und Konzentration das Denken verstärkt, dann kommt man dazu, an einem gewissen Punkte der Entwicklung sich zu sagen: Jetzt bin ich es wirklich in mir, der das denkt; jetzt habe ich in gesteigertem Maße mein Ich in meiner Gedankenwelt erlebt. Wie ich mich sonst in den äußeren Sinneserlebnissen erlebe, so erlebe ich mich jetzt im bloßen Denken. Dieses Denken bildet sich aber auch um. Es sieht gewissermaßen vor dem Seelenblicke nicht mehr so aus, wie das gewöhnliche, für die Sinneswelt entwickelte, blasse Denken aussieht. Es ist nicht mehr ein abstraktes Denken, es ist ein erlebtes Denken. Es ist intensiv, wie die Farben und die Töne. Und man erlebt sich selber intensiv darinnen. Und ein Punkt tritt ein, wo man weiß: Jetzt denkt man nicht mehr mit Hilfe des leiblichen Werkzeuges. Denn man denkt im gewöhnlichen Denken immer mit Hilfe des leiblichen Werkzeuges, das muss gerade die Anthroposophie zugeben. Jetzt hat sich das Denken losgelöst von dem Nervensystem. Solches weiß man durch innere Erfahrung. Man weiß, wenn der Moment gekommen ist, dass es die Seele in sich selber ist, die unabhängig jetzt in Gedanken lebt, in Gedanken, die aber nicht mehr abstrakte Gedanken sind, die Bildergedanken sind. Indem die Seele sich jetzt erst wirklich seelisch erlebt, jetzt tritt das erste Erlebnis in einem bestimmten Momente, wenn der Mensch reif ist dazu, es tritt das erste Ergebnis anthroposophischer Forschung vor dem Seelenblicke auf, und das ist, dass in einem großen Lebenstableau das ganze bisherige Erdenleben bis gegen die Geburt hin auf einmal vor der Seele steht. Wir haben sonst dieses Erdenleben für die Erinnerung erreichbar, aber zunächst als einen unterbewussten oder unbewussten Strom im Innern der Seele. Willkürlich oder unwillkürlich können einige Erinnerungsbilder ab und zu heraufgeholt werden aus diesem Strom, der bis in unsere frühesten Kindheitsjahre zurückgeht. Aber dasjenige, was also als ein mehr oder weniger unbewusster Erinnerungsstrom in der Seele lebt, das ist es nicht, was hier gemeint ist, wenn von dem Lebenstableau gesprochen wird, durch das wir auf einmal das Innere unseres menschlichen Erlebens vor uns haben, soweit dies Erleben das irdische Erleben zunächst ist. Nicht als ob wir einzelne Ereignisse, wie die Erinnerung sie darbietet, vor uns hätten, sondern wir haben vor uns dasjenige, was man überschauen kann als die Impulse, die uns unsere Fähigkeiten geben, als dasjenige, was von innen heraus unsere moralischen Kräfte uns gibt, was von innen heraus aber auch unsere Wachstumskräfte dirigiert, unsere Ernährung leitet. Wir haben vor uns etwas, was ich genannt habe in den genannten Schriften, den Bildekräfteleib, oder, wenn man sich anlehnt an ältere [Namen], die ja immer von solchen Dingen da gewesen sind, den Ätherleib oder Lebensleib des Menschen.

[ 17 ] Das ist eine zweite, eine übersinnliche Organisation. Man kann sie nicht auf dem Wege der gewöhnlichen Naturwissenschaft, auch nicht auf dem Wege des bloßen logischen Denkens erreichen, sondern man muss dasjenige ausgebildet haben, was ich als erkraftetes Denken charakterisiert habe und in den genannten Büchern als imaginative Erkenntnis bezeichnet habe, nicht, weil man es mit Einbildungen zu tun hat, sondern weil dieses Denken bildhaft in der Seele lebt, selber Erkenntnis ist. Und so erlebt man zu dem räumlich-begrenzten, äußeren physischen Leibe dasjenige, was ich einen Zeitleib nennen möchte, einen Leib, der in Bewegung ist, der auf einmal, wie ein gewaltiges Lebenstableau eben vor dem Seelenblicke jetzt geschaut werden kann, der alles enthält, soweit wir zurückschauen können im Erdenleben, was innerlich an uns gestaltet hat. Man kann diesen Bildekräfteleib, der der erste Bestandteil des höheren, des übersinnlichen Menschen ist, nicht unmittelbar zeichnen. Wenn man ihn zeichnen will, muss man sich bewusst sein, dass man so verfährt, wie wenn man etwa den Blitz malte, wo man auch nur einen Augenblick festhalten kann. Das, was man da zeichnen oder malen würde von dem Ätherleib, das wäre wie ein Blitzstrahl, nur einen Augenblick in seiner immerwährenden Beweglichkeit festgehalten.

[ 18 ] Damit — meine sehr verehrten Anwesenden — ist man zu der Erkenntnis vorgedrungen, dass der Mensch in seinem Innern nicht nur etwa die Ergebnisse der leiblich, chemischen, physischen Kräfte birgt, sondern durch Anschauung hat man erkennen gelernt, dass der Mensch etwas gerade Gedankenartiges, durch verdichtete, erstarkte, erkraftete Gedanken Erreichbares in seinem Innern trägt. Es ist das erste anthroposophische Ergebnis, dass man dieses erste übersinnliche Glied der Menschennatur, den Bildekräfteleib, den Ätherleib schauend kennenlernt.

[ 19 ] Um weiterzugelangen, ist nun nötig, dass man nicht nur die Konzentrations- und Meditationsübungen in der Art, wie es beschrieben ist, macht, sondern dass man beachtet, wie man, trotzdem man in völliger Willkür mit absoluter innerer Besonnenheit, wie ein Mathematiker, der rechnet, sich hingeben kann der Meditation und der Konzentration, wie man doch allmählich auch ganz und gar hingegeben ist demjenigen, auf das man sich konzentriert, und wie man Mühe hat, wiederum herauszukommen aus demjenigen, worauf sich die Seele also mit vollgespanntester Aufmerksamkeit konzentriert hat. Man muss daher parallel mit diesen Übungen der Konzentration ganz andere machen, die alle darauf hinauslaufen, nun wiederum dasjenige, was man durch Willkür in das Bewusstsein hereingerückt hat, worauf man sich konzentriert hat, wiederum aus der Seele zu beseitigen, gewissermaßen ebenso besonnen, ebenso willkürlich fortzuschicken. Indem man lange Zeit und in rhythmischer Folge solche Übungen des Unterdrückens von Vorstellungen, die man erst mit aller Kraft in den Mittelpunkt des Bewusstseins gestellt hat, indem man solche Übungen genügend lange Zeit macht, gelangt man zu einer ganz besonderen Seelenfähigkeit, die nun für das weitere Forschen von größerer Wichtigkeit ist. Man gelangt dazu, dasjenige herzustellen, was ich nennen möchte: leeres Bewusstsein bei völligem Wachen.

[ 20 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es wird klar werden können, was damit gemeint ist, wenn man sich darauf besinnt, wie der Mensch — wenn er keine äußeren Eindrücke hat, oder wenn er sie hat, sie so sind wie keine, weil sie im Leierton oder immerwährenden Wiederholungen verlaufen, sodass die Aufmerksamkeit durch sie geschwächt wird — es ist bekannt, wie der Mensch dann in ein schlafähnliches, dumpfes Bewusstsein kommt. Leeres Bewusstsein herzustellen ist ohne ein regelrechtes Üben gar nicht möglich. Erst dadurch, dass man erst geübt hat, starke, erkraftete Gedanken im Bewusstsein zu haben und diese zu unterdrücken, bleibt das Bewusstsein so intensiv, so wach, dass es sich dieses Wachsein bewahrt, wenn es zunächst keinen Inhalt hat. [Dieses leere Bewusstsein muss man zunächst herstellen können, wenn man von dem], was das erste Ergebnis der anthroposophischen Forschung ist, das seelische Innere seit der Geburt in einem Tableau zu schauen, weitergehen will.

[ 21 ] Hat man namentlich solche Übungen im Unterdrücken von Vorstellungen genügend lange geübt, und hat man darin einen gewissen Zustand der Reife erlangt, dann ist man imstande, dieses Lebenstableau, das ich geschildert habe, nun auch zu unterdrücken, nachdem es sich vor die Seele gestellt hat. Und wenn man in die Lage kommt, dieses Lebenstableau, das heißt unseren gesamten inneren Menschen, wie er sich in diesem Erdenleben innerlich gestaltend in unserem Leibe als ein immerwährendes Bewegliches darstellt, wenn man diesen inneren Menschen, diesen inneren ätherischen Erdenmenschen — möchte ich sagen —, diesen Bildekräfteleib unterdrückt und das Bewusstsein nun nicht mit äußeren Eindrücken anfüllt, sondern zunächst leer lässt, dann tritt die zweite Stufe der höheren Erkenntnis ein. Die erste habe ich das imaginative Erkennen genannt. Es liefert nur das subjektive eigene Innere in einem Lebenstableau, wie ich es geschildert habe. Und nun muss man sich ganz klar sein, dass man durch diese erste Stufe übersinnlicher Erkenntnis eben nur das eigene Innere, das Subjektive, hat. Dann wird man auch nicht einmal zu Illusionen, viel weniger zu Visionen, Halluzinationen kommen. Derjenige, der in anthroposophischem Sinne ein Geistesforscher ist, ist sich eben über jeden Schritt seines Forschungsweges absolut klar. Dann aber, wenn durch Unterdrückung dieses Lebenstableaus leeres Bewusstsein hergestellt wird, dann tritt die zweite Stufe der höheren, der übersinnlichen Erkenntnis ein. Ich habe sie die inspirierte Erkenntnis genannt. Man soll dabei nicht an etwas Abergläubisches oder Traditionelles denken, sondern, weil man ja eine Terminologie braucht, nur an dasjenige, was ich selber schildere. Und dann, wenn dies nun eingetreten ist, wenn nun leeres Bewusstsein entstanden ist durch Unterdrückung des Lebenstableaus, des Bildekräfteleibes, dann tritt durch die Inspiration in der Seele auf dasjenige, was die Seele als rein geistig-seelisches Wesen vor der Geburt oder vor der Konzeption — besser gesagt — in einer wie geistig-seelischen Welt selber war. Und jetzt tritt der große Moment der Forschung ein, wo man durch unmittelbare Anschauung bekannt wird mit dem Ewigen in der Menschennatur.

[ 22 ] Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, derjenige, der von anthroposophischen Gesichtspunkten aus spricht, der kann nicht in irgendwelchen abstrakten Begriffen hinweisen darauf, wie man durch logische Schlüsse oder dergleichen beweisen kann die Unsterblichkeit. Er muss Schritt für Schritt angeben, wie es die Seele in intimen inneren Übungen machen muss, um bis zu dem Punkt zu gelangen, wo sie anschauen kann dasjenige, was als Ewiges in unserer Seele lebt, wo sie es anschauen kann, dieses Ewige in der Seele, in der Zeit, wo diese Seele durch die Konzeption sich verbunden hat mit den physisch-leiblichen Kräften, die von den Eltern und Voreltern herrühren. Sie können fragen, wie weiß man, wenn da ein Geistig-Seelisches für die Anschauung durch Inspiration auftritt, dass das das Geistig-Seelische der Seele ist vor der Konzeption.

[ 23 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich kann dasjenige, was hier in unmittelbarem Erlebnis sich vor die Seele stellt, nur durch einen Vergleich erläutern. Derjenige, der die Erinnerung an ein Erdenerlebnis hat, der hat jetzt ein Bild vielleicht von dem, was er vor zehn Jahren erlebt hat. Er weiß durch den Inhalt dieses Bildes, dass er nicht etwas in der Seele hat, was unmittelbar veranlasst ist durch ein Ereignis der jetzigen Zeit. Er weiß, wie er hingewiesen wird durch den Inhalt des Bildes auf etwas, was vor zehn Jahren war. So ist der Inhalt desjenigen, was man jetzt durch das inspirierte Bewusstsein erlebt, so, dass er etwas ganz anderes enthält als dasjenige, was in der sinnlich-physischen Natur vorhanden ist, wo die Seele im Leibe ist. Man erlebt ebenso wie bei der Erinnerung an die Erdenerlebnisse die Zeit mit. Der Eindruck selbst weist darauf hin, dass man es mit dem Vorgeburtlichen beziehungsweise mit dem Leben vor der Konzeption zu tun hat, mit demjenigen Erleben, das die Seele durchgemacht hat in einer rein geistig-seelischen Welt, bevor sie eingetreten ist durch den mütterlichen Leib in das Physisch-Sinnliche, das sie umkleidet dann im Erdenleben.

[ 24 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann, nachdem es bis zu dieser Stufe der inspirierten Erkenntnis gekommen ist, und damit die Unsterblichkeitsfrage nach der einen Seite sich eröffnet hat, in Bezug auf eine gewisse Lösung sich eröffnet hat, nämlich nach der Seite des Ungeborenseins, kann nun durch andere Übungen wiederum erkenntnismäßig, die andere Seite der Unsterblichkeitsfrage ins Auge gefasst werden. Und das kann nur geschehen durch gewisse Willensübungen. Genaueres finden Sie wiederum in den genannten beiden Büchern. Ich will aber das Prinzipielle Ihnen hier angeben.

[ 25 ] Der Wille des Menschen denkt nicht. Er ist unähnlich dem gewöhnlichen Denken. Das gewöhnliche Denken ist eben innerlich erregt durch die äußeren Eindrücke. Der Wille des Menschen stammt aus dem Innern des Organismus selber, aber wir erleben im gewöhnlichen Leben diesen Willen doch nur auf eine ganz besondere Art. Nehmen Sie den einfachsten Willensentschluss oder Willensimpuls. Nehmen Sie an einfach eine Armbewegung, eine Handbewegung, die auf einen Willensimpuls hin ausgeführt wird. Was haben Sie denn eigentlich in diesem Willensimpuls für das Bewusstsein gegeben? Man überlegt sich das gewöhnlich nicht. Für eine geordnete Forschung muss man einen sicheren Ausgangspunkt haben. Dasjenige, was wir zunächst haben, ist der Gedanke: Wir wollen den Arm, die Hand heben, bewegen. Wie aber dann dieser Gedanke untertaucht in die Organisation, wie er erregt die Muskeln, ergreift die Knochen, wie innerhalb der Organisation sich das entfaltet, was Wille ist, davon weiß im gewöhnlichen Bewusstsein der Mensch nichts. Er sieht erst wiederum durch einen äußeren Eindruck, über den er sich einen Gedanken machen kann, den erhobenen Arm, die erhobene Hand. Was zwischen dem ersten Gedanken, der die Arm- oder Handbewegung intendiert, und dem letzten Eindruck, was dazwischen ist, von dem muss man sagen: Wenn man wirklich innere Seelenerkenntnis übt, das entzieht sich ebenso dem Bewusstsein, wie sich das seelische Erleben entzieht dem Bewusstsein vom Einschlafen bis zum Aufwachen, mit Ausnahme der aus dem Schlafe heraufwogenden, chaotischen Träume.

[ 26 ] Man kann sagen: Nur in Bezug auf das Vorstellungsund Denkleben ist der Mensch eigentlich vollständig wach, das Willenselement schließt eine Art Schlafensleben auch im Wachzustand ein. Und so paradox es klingt, es muss ausgesprochen werden: Zwischen dem Gedanken, der einen Willensimpuls zum Ziel hat, und der ausgeführten Handlung ist ein solcher Übergang, der sich durchaus vergleichen lässt mit Einschlafen und Aufwachen. Der Gedanke schläft hinüber in das unbekannte Willensgebiet und wacht wieder auf, indem wir beobachten die ausgeführte Handlung. Je weiter man in die Geheimnisse der Willensentwicklung eindringt — ich kann das nur andeutend erwähnen —, desto mehr kommt man darauf, dass wirklich zwischen diesen zwei angedeuteten Gebieten, dem Gedanken der Absicht und dem Gedanken, der die Beobachtung der Ausführung wiedergibt, dass da wirklich im Wachzustande eine Art Schlaf im Menschen vorhanden ist. Da wird dann eine große Veränderung in Bezug auf den Willen durch Übungen herbeigeführt, durch gewisse Willensübungen.

[ 27 ] Aus der großen Reihe der in meinen Büchern angegebenen Willensübungen will ich einige hervorheben. Zum Beispiel kann man den Willen üben gerade indem man ihn am Denken heranschult. Im Seelenleben ist es ja so, dass die einzelnen Fähigkeiten, Denken, Fühlen und Wollen, die wir unterscheiden müssen im abstrakten Denken, wenn wir etwas beschreiben wollen von der Seele, in Wirklichkeit nicht so auseinanderliegen, sondern dass die eine Fähigkeit in die andere hineinspielt. So spielt der Wille in das Denken hinein, indem wir Gedanken verbinden und sie wieder trennen und so weiter. Nun kann man eine Willensübung machen, indem man willkürlich dasjenige, was man sonst gewöhnt ist, vorwärts zu denken anhand der äußeren Tatsachen, dass man das rückwärts denkt. Zum Beispiel, dass man denkt ein Drama vom fünften bis zum ersten Akt rückwärts, also die letzten Ereignisse des fünften Aktes zurück bis zu den ersten Ereignissen des ersten Aktes, oder die letzte Seite eines Gedichtes, einer Melodie rückwärts empfindet in Gedanken. Oder auch eine Übung, die besonders vorteilhaft ist, kann diese sein, dass man des Abends die Erlebnisse des Tages im Auszuge recht anschaulich vor der Seele vorüberziehen lässt, aber indem man mit dem letzten Ereignis abends beginnt und gegen den Morgen fortschreitet. Man muss dabei die einzelnen Dinge möglichst atomistisch nehmen. Man muss so weit gehen, dass man das Hinaufgehen einer Treppe als Hinuntergehen vorstellt, rückwärts von der obersten zur untersten Stufe und so weiter. Und je mehr man in einer solchen Weise, in einer ganz ungewohnten, nicht an die Tatsachen sich anschließenden Art sich Vorstellungen bildet, desto mehr reißt man den Willen, der gewohnt ist, passiv sich den äußeren Tatsachen zu überlassen, los von den äußeren Tatsachen und auch von der physischen Leiblichkeit.

[ 28 ] Man kann sich dann unterstützen, wenn man solche Übungen gemacht hat, durch andere Übungen, die ich nennen möchte: Übungen ernster Selbstschau und Selbsterziehung. Man muss es seinerzeit dahin bringen können, dass man die eigenen Handlungen, die eigenen Willensimpulse so von außen beurteilt, wie man die Handlungen und Willensimpulse einer anderen Persönlichkeit objektiv beurteilt. Man muss gewissermaßen, in Bezug auf seine Willensentschließungen und Handlungen, sein eigener, objektiver Zuschauer werden können. Ja, man muss noch weiter gehen können. Wenn man das Leben betrachtet — man weiß ja, wie man im Laufe der Jahre ein anderer geworden ist. Jeder weiß, wie er vor zehn Jahren in Bezug auf seine gesamte seelische Stimmung und Seelenverfassung ein anderer geworden ist. Aber dasjenige, was da im Verlaufe der Jahre aus uns gemacht worden ist, das Leben hat es gemacht, die äußere Wirklichkeit. Man muss nur unbefangen diese Dinge anschauen und sehen, wie der Mensch sich passiv dieser äußeren Wirklichkeit hingibt. Der Mensch kann nun, gerade damit er den Weg in die höheren Welten hineinfindet, Selbsterziehung in aktiver Art üben. Er kann gewissermaßen seine Selbsterziehung so in die Hand nehmen, dass er sich vornimmt: Diese Gewohnheit legst du ab. Alle Kräfte verwendet er darauf, eine Gewohnheit abzulegen oder eine andere Eigenschaft sich einzuverleiben. Gelingt einem das durch die eigene Zucht, was einem sonst nur das Leben gibt, dann kommt man allmählich zu dem, was Loslösung des Willens von der physischen Leiblichkeit ist. Und etwas tritt ein, was ich jetzt wiederum — ich möchte sagen — nur paradox charakterisieren kann. Weil ja diese Dinge dem heutigen Denken noch ungewohnt sind, klingen sie paradox. Sie sind aber durchaus sichere Ergebnisse des anthroposophischen Erkenntnisweges, der in der Art, wie ich es heute schildere, behufs Eintretens in die höheren Welten eingeschlagen werden kann.

[ 29 ] Vergleichen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden — wie gesagt, es wird sonderbar klingen —, ein Auge, dessen Glaskörper getrübt ist, das Star-krank ist, das gewissermaßen durch Undurchsichtigkeit uns zum Sehen nicht dienen kann, vergleichen Sie das mit einem Auge, das völlig gesund und durchsichtig ist. Ich möchte sagen, gerade dadurch, dass dieses Auge sich nicht durch seine eigene physische Leiblichkeit bemerkbar macht, sondern dass es selbstlos in unseren Organismus eingegliedert ist, gerade dadurch dient es uns zum Sehen für das gewöhnliche Leben, nicht auf ungesunde, sondern für dieses gewöhnliche Leben durchaus gesunde Art. Es soll nicht etwas Abstraktes, Ungesundes im gewöhnlichen Leben gesucht werden, wodurch man die höheren Welten erreichen kann. Für das gewöhnliche Leben ist unser ganzer physischer Organismus gewissermaßen ein solches großes undurchsichtiges Auge. Und durch solche Willensübungen wird unser ganzer Organismus durchsichtig gemacht. Der Wille wird vergeistigt.

[ 30 ] Wir dringen ein in dasjenige, was zwischen den beiden Gedanken liegt, dem Gedanken, der das Ziel sich setzt einer Handlung, und dem Gedanken der zuletzt beobachteten Handlung. Wir dringen ein, indem wir unseren Organismus gewissermaßen für die Seele voll durchsichtig machen, in eine geistige Welt dadurch. Das ist es. Wie das Auge für sich selber nicht da ist im Organismus, so wird der ganze physische Organismus nicht da sein, wenn diese Willensübungen fortgesetzt werden, er wird gewissermaßen durchsichtig. Und wie der physische Organismus dasjenige ist, was in seinen Instinkten, in seinen Trieben, in seinen Emotionen, seinen ganzen organischen Vorgängen, unsere Willensimpulse auffängt und sie undurchsichtig macht, gewissermaßen in Schlafzustand versenkt, so wird jetzt alles durchsichtig, wie durch den durchsichtigen Glaskörper des Auges alles durchsichtig wird, was eben im Auge Materielles ist.

[ 31 ] Und dadurch, dass wir gewissermaßen unseren ganzen physischen Organismus als durchsichtiges Sinnesorgan gestaltet haben, dadurch haben wir jetzt ausgebildet zu einer höheren Stufe hin eine Seelenkraft, die, wie ich weiß, von vielen nicht gern als Erkenntniskraft hingenommen wird. Sie soll auch nicht als Erkenntniskraft gelten, so wie sie im gewöhnlichen Leben ist, aber sie wird eben höher entwickelt, und da wird sie zu einer Erkenntniskraft. Ich meine die Kraft der Liebe. Die Kraft der Liebe, sie ist im gewöhnlichen Leben dasjenige, was uns als Menschen erst als soziale Wesen vor allen Dingen wertvoll macht. Die Liebe ist die beste, die schönste Kraft des alltäglichen Lebens, im Einzelnen und als soziale Liebe. Wenn sie so gesteigert wird, wie sie durch die genannten Willensübungen gesteigert werden kann, wenn diese Willensübungen unseren Organismus in der geschilderten Weise durchsichtig machen, dann wird die Liebe zu einer höheren Stufe entwickelt. Wir entwickeln die Kraft, überzugehen in das objektiv Geistige, und die dritte Erkenntnisstufe tritt ein, diejenige der wahren Intuition, die ich genannt habe: intuitive Erkenntnis. Das Wort Intuition verwendet man auch im gewöhnlichen Leben — ich werde darauf zurückkommen —, aber nicht so, wie im gewöhnlichen Leben, sondern in dieser entwickelten Form, wie ich es auseinandergesetzt habe, gebrauche ich das Wort intuitive Erkenntnis. Das ist eine Erkenntnis, wo der Mensch im Geistigen drinnensteht, nachdem er seinen Leib gewissermaßen durchsichtig gemacht hat, zum Sinnesorgan umgewandelt hat.

[ 32 ] Und durch diese Erkenntnis — meine sehr verehrten Anwesenden — tritt nun noch ein anderes ein in das Bewusstsein der Seele: Jetzt erkennen wir, wie der Mensch leben kann in dem frei gewordenen Willen, unabhängig von der Leiblichkeit. Der Mensch lebt gewissermaßen mit den Gedanken, die er erst verstärkt hat, die er mit seinem Willen verbindet, er lebt außerhalb des Leibes. Das aber gibt das Erkenntnisabbild des Todesvorganges. Dasjenige, was im Tode wirklich geschieht, dass sich das Geistig-Seelische loslöst vom physischen Leibe und ein eigenes Dasein [weiter] führt in der geistig-seelischen Welt, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, das wird im Bilde, im Erkenntnis-Abbild geschaut durch die intuitive Erkenntnis, indem wir erst unseren ganzen Organismus durch Willenskultur zum Sinnesorgan gemacht haben. So setzt sich Unsterblichkeit aus Ungeborenheit und aus der eigentlichen Unsterblichkeit, aus der Tatsache zusammen, dass die Seele im leiblichen Tode nicht untergehen kann. Aus Ungeborensein und Unsterblichkeit setzt sich zusammen die Ewigkeit der Menschenseele. Geschaut werden kann sie durch wirkliche anthroposophische Forschung. Das soll zunächst darauf hinweisen, wie der Mensch sein eigenes Ewiges, sein Unsterbliches durch Anschauung erkennen lernt.

[ 33 ] Aber indem der Mensch also sein eigenes, seelischgeistiges Wesen erkennen lernt, lernt er auch die geistig-seelische Umwelt erkennen. Er lernt durch die inspirierte und intuitive Erkenntnis die geistig-seelische Welt kennen, in der die Menschenseele vor der Konzeption und nach [dem] Tode lebt, als eine Welt wirklicher geistiger Wesenheiten. So wie als eine Welt voll sinnlicher Wesenheiten die sinnliche Welt vor uns ausgebreitet liegt, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, so liegt vor der Seele, die sich selber erlebt in ihrem geistig-seelischen Dasein, eine geistig-seelische Welt ausgebreitet, aus der wir herausgetreten sind mit der Konzeption und durch die Geburt und in die wir wieder eintreten mit dem Tode, Und so wie unsere eigene Leiblichkeit abfällt von uns, so fällt ab dasjenige, was an Sinnlich-Leiblichem uns verbunden hat mit den anderen Menschen, und wir finden uns mit den anderen Menschen, unserem geistig-seelischen Sein nach, wiederum zusammen. Dadurch wird Unsterblichkeit, wird der Aufenthalt in der geistigen Welt zu einem wirklichen Erkenntnisergebnis.

[ 34 ] Aber auch diejenige geistig-seelische Welt, die uns fortwährend umgibt, die nicht durch das sich selbst überlassene Denken erforscht werden kann auf dem Wege der Gesetze der Naturerkenntnis, diese geistig-seelische Welt, die in der geistigen Natur verborgen ist, wie die Farben und die Töne, die in der sinnlichen Welt verborgen sind, auch diese Welt tritt für diejenige Anschauung auf, die auf dem angegebenen Wege entwickelt werden kann. Und da — möchte ich sagen — wird von selbst die ganze Natur noch zu etwas anderem, als sie für die sinnliche Anschauung schon ist. Nicht, als ob die äußere Natur ihren materiellen Eigenschaften und Stoffen nach verschwände. Sie bleibt vor der übersinnlichen Erkenntnis voll vorhanden, wie der gesunde Mensch vorhanden bleibt mit dem gesunden Menschenverstande neben der Persönlichkeit, die mit den höheren Erkenntniskräften entwickelt wird. Aber zu der äußeren Natur entwickelt sich sozusagen eine übersinnliche, eine geistige Natur — lassen Sie mich den Widerspruch gebrauchen. Ich will ein einzelnes Beispiel für dieses Geistschauen innerhalb der Natur angeben. Für die gewöhnliche Anschauung und Wissenschaft steht die Sonne im Weltenraum mit ihren Konturen. Wir konstruieren uns die Gestalt dieser Sonne, insofern sie im physischen Raume vorhanden ist und im physischen Raume wirkt, durch die Astronomie, die Astrophysik. Für diejenige Forschung, die sich der höheren Fähigkeiten bedient, die ich geschildert habe, wird die Sonne noch etwas ganz anderes. Da lernt man erkennen, wie dasjenige, was als physischer Sonnenleib im Raume vorhanden ist, eben nur der Leib ist für ein Geistiges, aber dieses Geistige erfüllt allen uns zugänglichen Raum. Das Sonnenhafte erfüllt den uns zugänglichen Raum, geht als eine Kraftströmung durch Mineralien, Pflanzen, durch Tiere und durch unsere menschliche Organisation. Es ist gleichsam konsolidiert oder konzentriert in diesem äußeren Räumlich-Physischen des Sonnenkörpers, aber das Sonnenhafte ist überall vorhanden.

[ 35 ] Und wie wir die äußere Natur kennenlernen, indem wir sie in abstrakten Gedanken wiedergeben, indem die äußere Natur in den Bildern fortlebt, lebt die geistige Grundlage der Natur tiefer in unserer geistigen Menschenwesenheit fort. Verfolgen wir unsere abstrakten Gedanken in unserm Innern. Sie sind Bilder der äußeren sinnlichen Natur. Verfolgen wir dasjenige, was geistig in der Außenwelt ist, schauen wir das Sonnenhafte in unserem eigenen Innern, dann lernen wir erst unsere Organisation kennen. Dann finden wir dieses Sonnenhafte in der eigenen Menschennatur, in all den Kräften, die vorzugsweise stark wirken, während wir im Wachstum sind, die die Kräfte sind, die uns in unserer Jugend durchdringen, die die Kräfte sind, die vorzugsweise von unserem Gehirn ausgehen, die plastisch, namentlich während der ersten Kindheit, an unserem physischen Organismus aufbauend wirken. Wir lernen die Sonnenhaftigkeit in unserem eigenen Organismus kennen, und wir lernen jedes einzelne Organ, Herz, Lunge, Gehirn und so weiter kennen, insofern in ihnen enthalten ist eine besondere Ausgestaltung der Sonnenkräfte. Und wir lernen jedes einzelne Organ kennen in Bezug auf seine aufbauenden Gestaltungskräfte, indem wir seinen Zusammenhang mit dem Sonnenhaften kennenlernen. Und ich schrecke nicht davor zurück, die Dinge, die heute den Menschen noch paradox, vielleicht fantastisch vorkommen, die aber sichere Ergebnisse der anthroposophischen Forschung sind, wenigstens prinzipiell zu schildern.

[ 36 ] Ebenso, wie wir das Sonnenhafte kennenlernen, so lernen wir das Mondenhafte kennen. Den physischen Mond lernen wir mit seinen physischen Konturen kennen. Aber das Mondenhafte erfüllt wiederum den ganzen uns zugänglichen Weltenraum, greift ein in alle Reiche der Natur, greift ein in das Pflanzliche, Mineralische, Tierische, greift ein auch in unsere physische Organisation. Wir lernen erkennen im ganzen Menschen das innere Wirken der mondenhaften Kräfte, der abbauenden Kräfte, derjenigen Kräfte, die besonders tätig sind, wenn wir in absteigender, in alternder Entwicklung sind. Aber diese Abbaukräfte sind ja im Ernährungsprozess, ebenso wie die Sonnenkräfte, in der Jugend und im Alter immer tätig; wir lernen das Hereinströmen des ganzen Kosmos in den Menschen kennen. Dadurch aber lernen wir alles dasjenige, was im Menschen vorhanden ist von Prozessen, kennen. Wir lernen den Zusammenhang des Kosmos mit der menschlichen Wesenheit kennen. Und so, wie ich das Prinzipielle für das Sonnenhafte und Mondenhafte darstellen konnte, so kann es auch für anderes im Kosmos dargestellt werden. Ein intimeres Verhältnis, als es die gewöhnliche Wissenschaft und das gewöhnliche Leben kennt, lernt man zwischen dem Menschen und dem Geiste der Natur im Kosmos auf diese Weise kennen.

[ 37 ] Damit aber — meine sehr verehrten Anwesenden — bin ich zugleich an dem Punkte, wo ich besprechen darf, wie Anthroposophie nun, trotzdem sie sich als auf die geschilderte Weise entstandene übersinnliche Wissenschaft entwickelt hat, wie sie dem Leben und den einzelnen Wissenschaften, wie sie dem praktischen Leben überhaupt, in allen Gebieten des Daseins entgegenkommen kann. Da muss ich zunächst darauf hinweisen, wie der Mensch in ganz anderem Sinne erkenntnismäßig durchsichtig wird dadurch, dass man ihn also in seinem Verhältnis zum Kosmos durchschaut. Schon der physische Mensch wird eine Summe von Prozessen. Dasjenige, was uns sonst als abgeschlossenes Herz, als abgeschlossene Lunge, als abgeschlossenes Gehirn erscheint, das verwandelt sich in einer Weise, wie man es vorher nicht ahnt, in Prozesse, in ein Werdendes. Man lernt erkennen, wie in jedem Organ auf andere Art die Aufbau- und die Abbaukräfte enthalten sind. Eine geistige Physiologie, eine geistige Biologie kann aufgebaut werden.

[ 38 ] Aber vor allen Dingen erweisen sich fruchtbar diese Erkenntnisse auf dem Gebiete der Medizin, für die Pathologie, die Therapie, für die Heilkunde überhaupt. Derjenige, der in dieser Weise den menschlichen Organismus durchschaut, der lernt auch die abnormen aufbauenden Kräfte, das heißt die Wucherungskräfte, die Wucherungsprozesse im menschlichen Organismus kennen. Und er lernt auch die abnormen abbauenden Kräfte, die Entzündungsprozesse und so weiter in ihrem Zusammenhang kennen. Und man lernt erkennen zum Beispiel für einen abnormen Aufbau, das heißt für einen Wucherungsprozess, den entgegengesetzten Prozess, auch durch das Zusammenwirken von Sonnen- und Mondenhaftem. Man lernt erkennen in einer Pflanze, in einem Mineral, das entsprechende Heilmittel. Man lernt erkennen, wie ein Wucherungsprozess im menschlichen Organismus einem Abbauprozess in einer Pflanze, in einem Mineral entspricht, und Ähnliches. Kurz, von dem bloßen Probieren in Bezug auf die Heilmittel kommt man zu einem durchsichtigen Erkennen, wie all dasjenige, was in der Natur ausgebreitet ist, durch die Aufbauprozesse und Abbauprozesse, durch die anderen kosmischen Prozesse, die in allen Wesen wirken, wiederum im menschlichen Organismus weiterwirkt.

[ 39 ] Wenn man das im Einzelnen darstellt, dann wirkt es ebenso befruchtend, dass es tatsächlich möglich geworden ist, dass eine ganze Anzahl von Ärzten sich angeregt gefühlt hat, eine solche rationelle Medizin wirklich aufzunehmen, wie sie befruchtet werden kann durch anthroposophische Geistesforschung. In Dornach, in der Nähe von Basel, und auch in Stuttgart, befindet sich bereits ein medizinisch-therapeutisches Institut, geleitet von Fachärzten, die aber in die medizinischen Gebiete dasjenige befruchtend aufnehmen, was durch anthroposophische Forschung aus geistigen Untergründen zu demjenigen hinzugefügt werden kann, was äußere Naturforschung über den menschlichen Leib und die Heilmittel zu erkunden in der Lage ist. Das muss vor allen Dingen gesagt werden: Weder auf diesem Gebiete noch auf irgendeinem anderen Gebiete strebt Anthroposophie irgendwie nach einer ungerechtfertigten Opposition gegen die wirklich berechtigte Wissenschaftlichkeit der heutigen Zeit. Im Gegenteil, Anthroposophie, wenn sie richtig verstanden wird, muss gerade aufbauen auf Wissenschaftlichkeit, auf wirklich strenger Wissenschaftlichkeit. Nicht bekämpft werden soll irgendwie dasjenige, was anerkannte Medizin ist, sondern einzig und allein fortgebildet soll es werden. Und dass es fortgebildet werden kann, das wird eben, wie gesagt, in einem verhältnismäßig doch großen Kreise von Ärzten anerkannt. Und wenn dieser Kreis auch nur relativ groß ist, so wird er sich schon erweitern, denn gerade daran werden die weitesten Kreise der Menschen Interesse haben, dass erkannt werden kann, wie vom Geiste heraus neue Heilkräfte, neue Heilmethoden gefunden werden können. Das ist ein Gebiet, wo Anthroposophie befruchtend wirken kann auf das Leben. Ein anderes Gebiet ist das künstlerische. Meine verehrten Anwesenden, Anthroposophie besteht ja schon seit Jahrzehnten. An einem bestimmten Zeitpunkte konnte eine Anzahl von Freunden der anthroposophischen Weltanschauung die Notwendigkeit empfinden, ein eigenes Heim dieser Anthroposophie zu bauen. Durch Verhältnisse, auf die ich nicht weiter eingehen kann, wurde dieses Heim gebaut — es ist noch nicht ganz fertig — in der Nähe von Basel. Dieses Heim, wie wäre es aus einer anderen geistigen Bewegung heraus gebaut worden? Nun, wenn ein solches notwendig gewesen wäre in einer anderen geistigen Bewegung, so hätte man sich an einen Baumeister gewandt, der hätte aus antikem oder Renaissance- oder Rokoko- oder romanischem oder gotischem Stil heraus oder in einem Gemisch dieser Stilarten einen Bau geschaffen, der eine äußere Umrahmung geworden wäre für dasjenige, was durch Anthroposophie zu treiben ist. So kann Anthroposophie nicht auftreten. Anthroposophie will nicht irgendeine Theorie, nicht irgendetwas, was allein mit dem Intellekt, mit dem menschlichen Kopfe zu tun hat und in jeder Weise eingerahmt werden kann durch irgendeinen Bau. Anthroposophie will auf den ganzen Menschen wirken, wie sie aus dem ganzen Menschen herauskommt. Wie sie gewissermaßen den ganzen Menschen zum Sinnesorgan macht, wie geschildert. So kommt alles, was durch sie in der Welt auftritt, aus dem ganzen, aus dem Vollmenschen heraus. Und wie das Künstlerische, das zu ihr gestaltet werden soll, gestaltet werden muss, ich will es durch einen Vergleich klarmachen. Wenn Sie eine Nussschale haben, sie ist in einer gewissen Weise gefurcht und gerundet. Die Gesetze, nach denen sie gefurcht und gerundet ist, sind dieselben, nach denen der Nusskern gebildert ist. Man kann sich nicht denken, dass nach anderen Gesetzen die Schale gebildet ist als der Kern der Nuss. So ist es, wenn Anthroposophie bauen, malen, bildhauern soll, um sich eine Umrahmung zu schaffen. Da muss gewissermaßen aus denselben Gesetzen heraus alles Künstlerische fließen, aus denen heraus die Ideen fließen, die vom Podium herunter aus dem Schauen der geistigen Welt verkündet werden. Daher wurde nicht ein gewöhnlicher, bestehender Baustil genommen, sondern es wurde ein neuer Baustil gebildet. Er mag noch so unvollkommen als möglich sein, und diejenigen, die ihn tadeln, mögen recht haben. Es ist ein erster Anhub, ein erster Anfang. Aber dasjenige, was angestrebt werden musste, kann ja so charakterisiert werden, dass man sagt: In Dornach musste jede Wandgestaltung, jede Säule, jedes Bildhauerwerk, jede Malerei dasselbe offenbaren, was gesagt wird, wenn in Ideen vom Podium herunter im Dornacher Bau dasjenige, das verkündet wird als Anthroposophie, was in höheren Welten durch unmittelbare Anschauung erkundet werden kann. Das gesprochene Wort ist nur eine andere Form dessen, was künstlerisch als Umrahmung wirken soll. Alles ist wirklich in künstlerische Formen ausgeflossen. Und dabei ist nicht irgendein einziges Symbolum, eine einzige Allegorie, wie manche glauben, in Dornach vorhanden.

[ 40 ] Und man kann sehen, trotzdem alles unvollkommen ist, wie das im Anfang ja nötig ist, man kann sagen: Die Goethe’sche Kunstauffassung, die Goethe’sche Kunstempfindung, sie darf heute gesehen werden in einem solchen Wollen, wenn sich dieses Wollen auch noch recht weit vom Gelingen weiß. Denn, was sagt Goethe gerade da, wo er in der intimsten, tiefsten Weise einmal seine Kunstempfindung, seine Kunstanschauung zum Ausdruck bringen wollte? Er sagte: Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden. — Und einen anderen bedeutsamen Ausspruch hat Goethe getan: Wem die Natur ihre intimsten Geheimnisse zu enthüllen beginnt, der empfindet eine tiefe Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. — Diese Sehnsucht empfindet man aber am meisten dann, wenn man den Geist, der in der Natur wirkt, durch übersinnliches Schauen in seine Seele hinein geoffenbart erhält. Da erhält man nicht symbolische abstrakte Allegorien, sondern wirkliche Geistgestaltung, die auch Materialgefühl hat und die sich als wirklich Künstlerisches den einzelnen Stoffen einverleiben kann. So wirkt befruchtend auf das künstlerische Gebiet in allen Formen dasjenige, was Anthroposophie ist.

[ 41 ] Und ein [Drittes], wo es sich zeigt, wie Anthroposophie befruchtende und neugestaltende Impulse für das Leben gibt, ist die Freie Waldorfschule in Stuttgart, die von Emil Molt begründet wurde und von mir geleitet wird. Diese Waldorfschule will eine Schule sein, in der man nicht etwa Anthroposophie als Weltanschauung der Seele des Kindes aufpfropft. Das liegt uns in der Waldorfschule gänzlich fern. Es handelt sich in der Waldorfschule darum, gerade dasjenige, was Anthroposophie geben kann, in unmittelbare Geschicklichkeit, in pädagogisch-didaktische Geschicklichkeit umzusetzen. In der Waldorfschule handelt es sich nicht darum, den Kindern anthroposophische Ideen in der Schule einzuimpfen, was wir dadurch beweisen, dass wir den evangelischen Religionsunterricht von evangelischen, den katholischen Religionsunterricht von katholischen Seelsorgern erteilen lassen, und dass wir nur für die Dissidentenkinder einen eigenen, freien Religionsunterricht geschaffen haben, der aber auch nicht etwa bloß in Religion umgesetzte Anthroposophie sein will.

[ 42 ] Allein dadurch, dass Anthroposophie liefert in der Weise, wie ich es geschildert habe, eine wirkliche Erkenntnis des ganzen Menschen, des Vollmenschen nach Leib, Seele und Geist, dadurch, dass Anthroposophie gibt eine wirkliche Menschenerkenntnis, zunächst für das Kind, dadurch liefert sie die geistgemäße Grundlage, um wirklich auszuführen dasjenige, was an großen pädagogischen und didaktischen Maximen durch die großen Pädagogen des neunzehnten Jahrhunderts ja vorhanden ist. Auch da will anthroposophische Forschung nicht in Gegensatz, nicht in Opposition treten zu dem Guten, was schon da ist, allein man braucht für die pädagogischdidaktische Praxis wirkliche Menschenerkenntnis. Und es ist möglich, wenn man den ganzen Menschen nach Leib und Seele und Geist voll erkennt, für jedes Lebensjahr, ja für jeden Lebensmonat des Kindes, aus der kindlichen Natur selber abzulesen den Lehrplan, die Lehrziele. Es ist möglich, alles herauszuholen durch eine wahre, wirkliche Menschenerkenntnis aus dem Menschen selber. Praktisch will Anthroposophie wirken in Pädagogik und Didaktik. Nicht abstrakte, neue Grundsätze — die sind genügend vorhanden — will sie aufstellen, sondern gerade die Erziehungspraxis will sie beeinflussen. Und dass man das kann, dass man wirkliche Lehrpläne und Lehrziele nicht durch abstrakte Grundsätze oder durch Majoritätsbeschlüsse aufstellt, sondern, dass man sie ablesen kann aus der Natur des werdenden Menschen selber für jeden Monat, für jedes Jahr, das kann man schon sehen, nachdem man in der Waldorfschule einige Zeit diese anthroposophische Praxis ausgeübt hat. Also nur in pädagogische, in didaktische Praxis, nicht in die Weltanschauung der Kinder, will dasjenige einfließen, was durch die Waldorfschule gewollt wird.

[ 43 ] Und um noch als Letztes zu erwähnen einige andere Gebiete, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass Anthroposophie durchaus, indem sie hinweist auf den ganzen Menschen mit ihren Erkenntnissen, auch auf das soziale Leben befruchtend wirken kann. Wir haben ja gesehen, wie die einseitige Anwendung der naturwissenschaftlichen Denkweise doch ihre Grenzen hat und eben an das wahre Wesen des Menschen nicht heran kann, wie diese Anschauungsweise, wenn sie in die sozialen Impulse hineinfließt, zerstörend wirken muss. Ich glaube nicht, dass in weitesten Kreisen schon genug unbefangenes Urteil vorhanden ist, um einzusehen, wie zerstörend im Osten Europas für die gesamte Menschheitskultur dasjenige ist, was eben aus dieser Anschauung des bloßen Natürlichen für das soziale Leben als soziale Impulse praktische Wirklichkeit und zu gleicher Zeit verwirklichte Illusionen geworden sind. Und wie eine große Drohung schwebrt über der ganzen gegenwärtigen Zivilisation dasjenige, was seinen zerstörenden Anfang im Osten Europas genommen hat.

[ 44 ] Wird man auch die sozialen Impulse dadurch vertiefen, dass man nicht äußerlich auf das Instinktive, das bloße Natürliche im Menschen sieht, und gewissermaßen die menschliche Freiheitshandlung nur als höhere Instinkte auffasst, wird man die wahre Freiheit des Menschen im Geist erkennen können, wie ich sie versucht habe zu schildern aus solchen anthroposophischen Prinzipien heraus in meiner im Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts herausgegebenen «Philosophie der Freiheit», dann wird auch eine Summe von sozialen Impulsen entstehen, die den ganzen Menschen wiederum neben den ganzen Menschen hinstellen und die korrigierend, vergeistigend wirken können auf dasjenige, was heute in so zerstörender Weise, wie ein drohendes Gespenst der Zukunft, über der menschlichen Zivilisation schwebt.

[ 45 ] Wie aus Pädagogik heraus und aus dem sozialen Leben heraus gesund gedacht werden kann, das hat sich gezeigt — ich möchte nur diese zwei Beispiele aus vielen anführen. Im Sommer des verflossenen Jahres, wo wir in Stuttgart den ersten anthroposophischen Kongress abhielten. Dr. Caroline von Heydebrand, eine Lehrkraft der Waldorfschule, hat dargelegt, wie die äußere experimentelle Pädagogik, die durchaus nicht bekämpft werden soll in ihrer Berechtigung, die aber doch nur etwas Äußerliches bietet, in der rechten Weise ergänzt werden kann durch dasjenige, was als intimes Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, auch zwischen dem Lehrer und dem zu Erziehenden auftritt. Der ausgezeichnete Vortrag liegt als Broschüre gedruckt vor, ebenso auf einem anderen Gebiete der Vortrag von Emil Leinhas. Dieser behandelt von anthroposophischen Gesichtspunkten aus dasjenige, was unvollkommen ist an der heutigen Nationalökonomie, unvollkommen vor allen Dingen insofern, als sie unfruchtbar bleibt für das wirkliche soziale Leben. Anthroposophische Volkswirtschaftslehre, sie wird etwas Praktisches sein, sie wird praktische soziale Motive abgeben können. Insofern ist auch ein günstiges Vorzeichen für die Zukunft die Broschüre von Emil Leinhas: Der Bankrott der Nationalökonomie.

[ 46 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, das sind so einzelne Beispiele, an denen sich zeigt, wie Anthroposophie befruchtend für das Leben wirken kann. Man findet ja, wenn man das ethische, das moralische, das sittliche Leben in der unbefangenen Weise betrachtet, wie ich es versucht habe zu betrachten und auf eine sichere Grundlage zu stellen in dem genannten Buche «Die Philosophie der Freiheit», den Begriff der Intuition. Ich konnte zeigen in dieser «Philosophie der Freiheit», wie dasjenige, was im moralischen Gewissen lebt, einfach durch eine unbewusste Intuition des reinen Denkens, durch eine unbewusste moralische Intuition hereingenommen ist aus geistigen Welten. Die wahren, aus dem Gewissen heraufsteigenden moralischen Impulse sind moralische Intuitionen aus der geistigen Welt, die dann in ihrer Wahrheit erst gefunden werden durch die inspirativen und intuitiven Erkenntnisse, wie ich sie heute von anthroposophischen Gesichtspunkten aus geschildert habe.

[ 47 ] So kommt denn Anthroposophie mit ihren Erkenntnissen entgegen auch den intimsten, den wichtigsten Empfindungs- und Gefühlsmomenten der menschlichen Seele, vor allem der religiösen Frömmigkeit. Es wäre eine Verleumdung, wenn man die Sache so darstellte, als ob Anthroposophie irgendeine Sekte stiften oder eine neue Religion begründen wollte. Anthroposophie kann, indem sie auf den Grundlagen der Erkenntnis steht, die ich heute geschildert habe, nichts Sektiererisches an sich haben oder wollen. Sie kann auch keine neue Religion stiften. Aber demjenigen, was die Menschen an Religionen und an religiösen Bedürfnissen haben, dem kann nur entgegengekommen werden im günstigen Sinne, wenn auch die Erkenntnis des Übersinnlichen sich erschließt. Und man sollte glauben, dass gerade die Vertreter der Religionsbekenntnisse eine tiefe Befriedigung erfüllen müsste, wenn in unserer Zeit eine Geistesströmung auftritt, welche von der Erkenntnisseite her dasjenige begründet, was der Glaube sucht. Und eigentlich ist es unverständlich, dass nicht eine Befestigung des religiösen Lebens in Anthroposophie gesehen wird bei den offiziellen Vertretern der Religionsbekenntnisse, sondern oftmals etwas Feindliches. Würden sie Anthroposophie in ihren Grundlagen wirklich erkennen, nicht bloß so obenhin anschauen, so würden sie gerade die festeste Stütze für wirkliche Frömmigkeit, für wirkliches religiöses Leben in dieser Anthroposophie sehen können. Denn, wenn der suchenden Seele entgegenkommt aus übersinnlichen Welten, nicht bloß aus der Sinnenwelt, ein Licht der Erkenntnis, dann erhält der Glaube nicht eine ungünstige Beeinflussung, sondern eine starke Stütze, wie im Moralischen die Seele starke Quellen des Gutseins erhält, wie sie zum moralischen Handeln, Lebenshalt, Lebenssicherheit, Lebensziel erhält, indem sie sich wissen lernt als Glied einer geistigen Welt, wie der äußere Leib Glied einer physischen Welt ist. In diesem Wissen als Glied einer geistigen Welt, wird dem Menschen auch wiederum sein wahrer Menschwert, eine wahre menschenwürdige Ethik und menschenwürdige Sittlichkeit aufgehen können.

[ 48 ] Und so, darf ich wohl zusammenfassend in ein paar Sätzen charakterisieren, was ich als das Wesen der Anthroposophie darstellen wollte, nur wie in einem Bilde dasjenige zusammenfassen, was ich in dieser Betrachtung, die ja, trotzdem sie schon lang genug ist, nur ungenügend ist und nur als Einleitung betrachtet werden kann zu dem, was ich sagen wollte über das Wesen der Anthroposophie.

[ 49 ] Wir haben vor uns den Menschen. Wir haben ihn seiner physischen Leiblichkeit nach vor uns gestaltet. Wir erkennen ihn erst in seiner ganzen Wesenheit, wenn wir sehen, wie seine Physiognomie die Äußerungen seiner Seele ist, wenn seine Bewegungen werden für uns der Ausdruck und die Offenbarungen des Physisch-Natürlichen seiner Körperlichkeit, und wenn wir das SeelischGeistige durchschimmern sehen durch sein PhysischLeibliches. Wir haben in der Naturwissenschaft — die gerade voll anerkannt wird in ihrem berechtigten Streben von Anthroposophie, mit der Anthroposophie in keinen Gegensatz tritt, die sie nur fortbilden will —, wir haben in dieser Naturwissenschaft gewissermaßen die Erkenntnisse des äußeren Weltenleibes. Wir haben selber eine Art Leibliches in der physisch-sinnlichen Naturerkenntnis und in der intellektualistischen Ausdeutung. So, wie wir den ganzen, den Vollmenschen nur vor uns haben, wenn sich durch sein Leiblich-Physisches sein Seelisch-Geistiges offenbart, so haben wir die Naturerkenntnis nur ganz vor uns, wenn sie durch alles, was sie an Tatsachen, an Experimenten, an Offenbarungen, an Naturgesetzen uns bietet — gewissermaßen als in einer wunderbaren Physiognomie —, ein Geistig-Seelisches an Welterkenntnis ausdrückt. Und so möchte Anthroposophie dieses sein: Wie der Mensch sich erst ganz und voll ausspricht, wenn sein Geistig-Seelisches durch sein Leiblich-Physisches spricht, so möchte sein für jeden Erkenntnisleib, der in der äußeren Naturwissenschaft gegeben ist, Anthroposophie die Seele, der Geist der wirklichen, der ganzen, der vollen Menschen- und Welterkenntnis.