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Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a

26 Januar 1922, Berlin

8. Anthroposophie und die Rätsel der Seele

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Die Rätsel der [Natur] treten an den Menschen zunächst heran, insofern er ein erkennendes Wesen ist, und insofern er seine Erkenntnis im praktischen Leben durchzuführen, zu verwirklichen hat. Anders ist es mit den Rätseln der Seele selbst. Wenn die Erkenntnis vor allen Dingen nötig ist zur Orientierung in der Welt, wenn wir uns vorkommen in einer Welt, die sich uns nicht erhellen will durch Erkenntnis, gewissermaßen geistig wie in einem finsteren Raume, so muss man sagen: Die Rätsel der Seele sind solche, die unmittelbar erlebt werden, allerdings in einer Weise erlebt werden, von der sich sehr viele Menschen keine genügende Vorstellung machen. Man redet zwar heute sehr viel von dem unbewussten und unterbewussten Seelenleben; da man aber kaum genügende Wege hat, um zu genaueren Vorstellungen über dieses unterbewusste Seelenleben zu kommen — wie gerade der heutige Abend zeigen soll —, so ist es auch so, dass man den tiefgehenden Einfluss, den Seelenrätsel auf den Menschen haben, nicht genügend würdigen kann aus dem unmittelbaren Bewusstsein der Gegenwart heraus und aus dem, was in dieser Gegenwart anerkannte Wissenschaft ist. Zweifel an denjenigen Dingen, die intim und innig mit den Sehnsuchten und Hoffnungen des menschlichen Seelenlebens zusammenhängen, sie bringen dem Menschen nicht nur Haltlosigkeit der Seele, sie rauben ihm nicht nur die Sicherheit des seelischen Lebens, sie nehmen ihm nicht nur die Kraft, in sittlicher, in sozialer Beziehung seine Stellung im Leben zu finden und zu wahren, sondern sie greifen in die ganze innere Verfassung des Gesamtlebens des menschlichen Organismus ein. Was da vorliegt, durchschaut man durchaus nicht ganz, wenn man nicht weiß, dass es in den tieferen Untergründen des Seelenlebens Kräfte gibt, die dem Menschen zunächst unbekannt sind — und dennoch so arbeiten, wie nur die bewussten Kräfte arbeiten, aber — man möchte sagen — tiefer hineinwühlen in die ganze menschliche Natur.

[ 2 ] Es nimmt sich zunächst als etwas Geringes aus, wenn der Mensch sich über die eine oder andere Frage einem Zweifel hingeben muss, denn Anlass zu Zweifeln gibt es ja genügend gegenüber den großen, nur im Laufe langer Zeit zu lösenden Weltenrätseln. Allein der Zweifel an sich, wenn er sich einlebt in das intimste Seelenleben, wenn gewissermaßen die Seele ihr Dasein fristen muss fortwährend, nicht bewusst, sondern unbewusst — wenn der Ausdruck erlaubt ist — gequält vom Zweifel, dann frisst sich dieser Zweifel so ein in den Organismus, dass er auch die physische Gesundheit nach und nach angreift. Denn was vom Seelischen ausgeht, greift nicht sogleich in das physische Leben ein. Aber was lange Zeit, nach und nach und immer wieder und wieder und insbesondere so, dass es nicht voll in das Bewusstsein heraufkommt, an der Seele in dieser Weise nagt, das untergräbt schließlich auch die physische Gesundheit und damit eigentlich das ganze Dasein des Menschen. Aus diesem Grunde ist das ganze Gebiet dieser Seelenrätsel, insbesondere auch in der neuesten Zeit wiederum, viel in den Gesichtskreis auch ernst strebender Wissenschaftler eingetreten.

[ 3 ] Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, will durchaus streng auf dem Boden ernstester, wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit und Methodik arbeiten, wie sie nur heranerzogen werden konnten im Verlaufe der letzten vier bis fünf Jahrhunderte, insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts, im naturwissenschaftlichen Forschen. Allein, da sich Anthroposophie befassen will mit dem, was die tiefste Sehnsucht, die ernstesten Hoffnungen und die stärksten Kräfte und Lebensquellen der Menschenseele sind, so geht Anthroposophie einen jeden Menschen an — und man möchte sagen —, es liegt schon dadurch in ihrer Natur, sich nicht nur an das einzelne Wissenschaftsgebiet, sondern an alle Menschen zu wenden. Man kann ja auch sehen, wie der einfache gesunde Menschenverstand, wenn er nur nicht von dem einen oder anderen Vorurteil eingenommen ist, durchaus den Weg zum Verständnis der anthroposophischen Forschungsmethoden findet. Darüber habe ich mich in den zwei Vorträgen ausgesprochen, die ich kürzlich hier in der Philharmonie gehalten habe. Heute soll meine Darstellung die Seelenrätsel ganz besonders betreffen.

[ 4 ] Auch vor das naturwissenschaftliche Forum sind ganz intensiv diese Seelenrätsel in der neuesten Zeit getreten. Diese Naturwissenschaft, die, wo sie berechtigt ist, von der Anthroposophie voll anerkannt wird, und die mit Recht immer wieder und wieder auf ihre großen Triumphe für die Erkenntnis wie für das Leben in der neuesten Zeit hinweist, diese Naturwissenschaft hat ernste Denker gerade in der Gegenwart — ich möchte sagen — herangezwungen an die Rätsel der Seele. Naturwissenschaftliche Forschung befasst sich ja vor allem mit dem, was dem Menschen sinnlich gegeben ist, und was durch Beobachtung und Experiment und durch den kombinierenden Verstand bis zu seinen Gesetzen zurückgeführt werden kann. Aber was diesem naturwissenschaftlichen Forschen in der neuesten Zeit immer mehr und mehr abhandengekommen ist, das ist der Mensch selber. Die äußere menschliche Natur, die physische Organisation des Menschen, sie ist und wird ja immer wieder und wieder ins Auge gefasst durch die naturwissenschaftlichen Methoden. In der Ausdehnung dieser Methoden auf die großen Fragen des Seelenlebens insbesondere muss Anthroposophie finden, dass diese naturwissenschaftlichen Methoden sich selber, selbst bei großen Forschern, nicht eigentlich treu bleiben. Aus diesem Grunde möchte ich einleitungsweise auf die Art hinweisen, wie gerade von naturwissenschaftlicher Seite an die Seelenrätsel in der Gegenwart oftmals herangegangen wird, und wie sich anthroposophische Forschung zu diesem Wege dennoch ablehnend verhalten muss, weil sie — wie ich in den vorigen Vorträgen betont habe — für das Gebiet des Übersinnlichen, für das Gebiet des Seelen- und Geisteslebens strenger, kritischer vorgehen muss, aus wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit heraus, als man selbst auf naturwissenschaftlicher Seite vorgeht, wenn Fragen des Seelen- und Geisteslebens in die Betrachtung gezogen werden sollen.

[ 5 ] Von einem Beispiel möchte ich ausgehen, um an ihm zu zeigen, wie Naturwissenschaft glaubt an die Seelenrätsel herankommen zu können, und wie in ganz anderer Art Anthroposophie an diese Seelenrätsel herangehen muss. Ich möchte aufmerksam machen auf eine Schrift, die in allerneuester Zeit in gewissen Kreisen einen großen Eindruck gemacht hat, weil sie das Seelenrätsel bis zur menschlichen Unsterblichkeitsfrage hin behandelt und einen durch und durch naturwissenschaftlichen Geist atmet. Es ist die Schrift, in welcher Oliver Lodge geschrieben hat, was er nach dem Tode seines Sohnes Raymond Lodge angeblich über die Seele seines Sohnes durch mediumistische Kunst hat erfahren können. Man darf diesen, für die Anthroposophie durchaus als verfehlt geltenden Versuch Oliver Lodges, in das Seelenleben bis zur Unsterblichkeitsfrage einzudringen, deshalb anführen, weil der, welcher mit der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit der Naturforschung bekannt ist, jeder Seite — möchte ich sagen — des ausführlichen Buches von Oliver Lodge ansieht, wie dort die strengen naturwissenschaftlichen Methoden gewahrt sind, wie alles, was der Naturforscher gewohnt geworden ist, im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett anzuwenden, hier scheinbar auf die Seelenforschung angewendet ist. Ich möchte nur dasjenige Experiment — es sind ihrer viele in dem genannten Buche — anführen, das am meisten frappiert hat, und das geradezu für viele eine Art «experimentum crucis> war.

[ 6 ] Oliver Lodge hat mit Hilfe eines Mediums angeblich also Nachrichten bekommen von der Seele seines im Kriege gefallenen Sohnes Raymond Lodge. Unter diesen Nachrichten war eine ganz bedeutsam. Da machte, wie Oliver Lodge glaubte, die Seele seines Sohnes durch das Medium ihm die Offenbarung, dass vierzehn Tage vor dem Tode Raymond Lodge mit anderen Kameraden sich habe fotografieren lassen, dass ein Gruppenbild aufgenommen sei, dass der Fotograf zwei Bilder hintereinander aufgenommen habe und dass die Art und Weise, wie Raymond Lodge sitzt, beim ersten und zweiten Bilde etwas anders ist. Von diesem Bilde, um das es sich dabei handelte, wusste niemand etwas, als das Medium diese angeblich von der Seele des Raymond Lodge kommende Nachricht brachte. Die versammelte Familie Oliver Lodges wusste nichts. Das Bild war in Frankreich gemacht worden, war noch nicht in England angekommen, als die entsprechende Sitzung war. Dennoch war durch das Medium die Sache vollständig klar beschrieben worden. Für den strengen Naturforscher Oliver Lodge schien es, als ob [durch] dieses Experiment ganz zweifellos feststehen würde, dass da die Seele seines verstorbenen Sohnes selber gesprochen habe. Denn wer sollte etwas wissen von dem, was an dem Orte, wo das Experiment vollzogen wurde, eben gänzlich unbekannt war. Alle Fehlerquellen, wie man sie ja bei physikalischen Forschungen zum Beispiel kennt, sind sorgfältig ausgeschlossen. Daher war der Eindruck dieses Experimentes, als es in dem ausführlichen Buche beschrieben wurde, auch auf unbefangene Leser außerordentlich frappierend wirkend. Und dennoch: Obgleich hier ein strenger Naturforscher mit Beobachtung aller naturwissenschaftlichen Gewissheit spricht, muss Anthroposophie darauf aufmerksam machen, dass ihre Art der Forschung nach dem Übersinnlichen kritischer sein muss als solche ins Seelengebiet hineingetriebene naturwissenschaftliche Methode. Denn es ist schließlich doch nichts anderes als Laientum in Bezug auf die Seelenforschung, was hier gesprochen hat.

[ 7 ] Es gibt einfach abnorme Kräfte und Fähigkeiten im menschlichen Organismus, und die neuere Wissenschaft macht sich ja in gewissen Grenzgebieten mit solchen abnormen Fähigkeiten sehr viel zu tun. Anthroposophie aber hat es nicht zu tun mit diesen abnormen Fähigkeiten, sondern nur mit der Fortentwicklung der normalen menschlichen Erkenntnisfähigkeit ins übersinnliche Gebiet hinein. Man kann wissen, wie abnorme Fähigkeiten wirken können, wie es tatsächlich möglich ist, dass durch besondere — und es sind immer eigentlich krankhafte Veranlagungen des Menschen, die aber der Mediumismus voraussetzt —, wie durch solche Veranlagungen die Bedingungen des sinnlichen Erfahrens in gewissen Fällen durchbrochen werden können, wie der Raum überwunden werden kann, wie aber auch die Zeit überwunden werden kann, und wie es durchaus ein sicher festgestelltes Ergebnis ist, dass durch solche abnormen, krankhaften Fähigkeiten der Mensch zum Beispiel schaut, wie er bei einem Ritt, der in vierzehn Tagen stattfinden soll, vom Pferde fällt. Wenn die Voraussicht eine richtige ist, tritt das Ereignis ein, trotz aller Vorsicht, die etwa zu seiner Abwendung angewendet wird. Solche Erlebnisse sind gesicherte Ergebnisse; sie beruhen aber nicht auf den normalen Erkenntnisfähigkeiten des Menschen, sondern auf abnormen Fähigkeiten.

[ 8 ] Aber wenn nun Oliver Lodge meint, irgendeine übersinnliche Welt habe zu ihm gesprochen, dann muss man darauf aufmerksam machen, dass in diesem Falle nichts anderes vorhanden zu sein braucht, als dass das Medium eine solche Voraussicht gehabt hat. Die beiden Fotografien sind ja einmal später in England angekommen, und die Augen von Oliver Lodge haben darauf geruht. Das spätere Sehen der Fotografien kann durch abnorme Fähigkeiten des Mediums aufgrund einer solchen Voraussicht gesehen und beschrieben werden. Man hat es also in diesem Falle mit nichts anderem zu tun als mit der Entwicklung abnormer Fähigkeiten, die nicht in ein übersinnliches Gebiet hineinschauen, sondern die nur das schauen, was in der gewöhnlichen physischen Welt vor sich geht. Nur das können diese Fähigkeiten: die Bedingungen des Raumes und der Zeit zu durchbrechen, die sonst unseren Sinnesfähigkeiten gegeben sind.

[ 9 ] Ich führte dieses Beispiel einleitend nur an, um darauf hinzuweisen, wie kritisch Anthroposophie ist, trotzdem sie im strengsten Sinne auf den Weg hindeutet, der wirklich nun ins übersinnliche Gebiet hineinführt und uns zeigt, wie des Menschen ewiger Wesenskern zusammenhängt mit dem Ewigen im Kosmos, wie das einzelne, alltägliche, menschliche Seelenereignis als Ausgangspunkt genommen werden kann zu den großen Fragen von Geburt und Tod, von Unsterblichkeit und Ungeborenheit. Obwohl Anthroposophie im strengsten Sinne solche Wege zu dem Übersinnlichen aufsucht, muss sie dennoch dasjenige kritisch abweisen, was in Anlehnung an abnorme menschliche Fähigkeiten sich nur mit dem befassen kann, was doch nur im Sinnensein sich abspielt. Wer zu würdigen versteht, was solche Kritik der Anthroposophie bedeutet, der wird dann doch gerade gegenüber den Seelenfragen Anthroposophie nicht im Lichte jener Missverständnisse sehen wollen, in denen sie heute von vielen, die sich nur obenhin mit ihr beschäftigen, eben noch gesehen wird. Aber Anthroposophie ist eben ihren ganzen Forschungsmethoden nach darauf angewiesen, in das intimste innere Seelenleben hinein wissenschaftliche Methodik zu tragen. Sie muss in der Seele schlummernde Fähigkeiten erwecken, und sie erweckt sie — nicht durch irgendwelche phantastische oder mystische Methoden, sondern sie erweckt sie durch systematische Schulung, wie ich sie — wenigstens probeweise — in den zwei schon erwähnten Vorträgen beschrieben habe. Aber die gegenwärtige Menschheit würde über solche Fragen leichter ein unbefangenes Urteil gewinnen, wenn man sich darüber unterrichten wollte, wie verschieden die Menschen über die Erdengebiete hin das Schauen und auch den Glauben aus den intimen Untergründen ihres Seelenlebens heraus begründen wollen. Ich möchte dabei nur auf zwei gleichsam polarische Gegensätze hinweisen, wenn es sich darum handelt, die verschiedenartigen Fähigkeiten der Menschen über den Erdkreis hin zu charakterisieren.

[ 10 ] So treten einem ganz besonders die Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten in Bezug auf die Auffassung des Seelenlebens charakteristisch entgegen. Als einen repräsentativen Geist des Westens möchte ich Herbert Spencer anführen, der ja einen so ungeheuren, wenn auch unberechtigten Einfluss auf die Denkweise der neueren Naturanschauung gewonnen hat. Da, wo Herbert Spencer über das Erziehungswesen spricht, da spricht er sich auch über das Ziel der Erziehung des Menschen aus, und dabei gibt er uns Gelegenheit, so recht in das hineinzuschauen, wie er über die Seelenrätsel fühlt.

[ 11 ] Er sagt da, ich will das, was er andeutet, eben auch nur kurz darstellen: Wenn wir auch den Menschen erziehen zu einem guten Bürger, zu einem tüchtigen Mitglied der menschlichen Gesellschaft, zu einem tüchtigen Berufsmenschen, so sei doch das Wichtigste in Bezug auf die Erziehung das, was den Menschen dazu bringe, dass er wieder andere Menschen erziehen könne. Der Elternberuf sei das Höchste im Erziehungswesen. Und bei dieser Gelegenheit ist es besonders interessant, welche Begründung Herbert Spencer für diese seine Anschauung gibt. Er sagt, das höchste Ziel im menschlichen Leben sei die Hervorbringung der nächsten Generation, der Nachkommenschaft. Daher sei auch die Heranziehung der Nachkommenschaft das höchste Ziel des Erziehungswesens. Es soll jetzt keine Kritik an dieser Behauptung Herbert Spencers geübt werden. Man kann diese Behauptung aufstellen, wenn man ganz und gar auf dem Boden steht, der mehr oder weniger alles, was im menschlichen Leben Geltung hat, wissenschaftlich begründen will nur auf dem Boden äußerer Sinnesanschauung, äußerer Naturwissenschaft.

[ 12 ] Aber der gerade polarische Gegensatz zu dieser Anschauung tritt uns entgegen bei einem Geiste des Ostens, der in seinem Wirken in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ganz besonders bedeutsam war, in dem russischen Denker Wladimir Solowjow. Er wendet gewissermaßen den Blick auf die menschlichen Seelenrätsel von einer ganz anderen Seite her. Er sagt, das menschliche Leben habe nur dann einen Wert, wenn es auf der einen Seite sich das Ziel setzt nach Vervollkommnung in der Wahrheit; ohne dieses Ziel wäre das Menschenleben wertlos. Aber wertlos wäre es auch, wenn der Mensch nicht teilhaftig wäre der Unsterblichkeit, denn ein Streben nach Vollkommenheit, das der Vernichtung irgendwie preisgegeben werden könnte, wäre nach Solowjows Meinung der größte Betrug, den das Weltenall an einem Menschen ausüben könnte. Daher fordert er für die höchsten Seelenrätsel das Streben des Menschen nach Vervollkommnung in der Wahrheit und die Teilhaftigkeit an der Unsterblichkeit, und bei dieser Gelegenheit spricht er wieder in sehr charakteristischer Weise — wie der polarische Gegensatz zu Herbert Spencer —, indem er sagt: Wie trostlos und öde wäre das Dasein, wenn es sich nur immer erschöpfen müsste in der Reihe der Generationen, die nacheinander hervorgebracht werden, wenn das Rad des Daseins in solch gleichförmiger Weise nur immer verlaufen würde.

[ 13 ] Wir sehen also: Im Westen und im Osten sprechen sich zwei repräsentative menschliche Denker über dasselbe Gebiet im entgegengesetzten Sinne aus. Man kann sagen: Herbert Spencer schaut, wenn er sich mit Seelenfragen beschäftigt, ganz und gar auf die äußere Natur und lässt nur dasjenige für die Menschenseele gelten, was nach dem Muster der anerkannten naturwissenschaftlichen Schlüsse und Urteile gelten gelassen werden kann nach seiner Meinung. Solowjow fordert aus den Tiefen der Menschenseele heraus geradezu das Gegenteil. Er fordert als Ziel der Menschheitsentwicklung etwas, was sich zwar auch aufbaut auf der Generationenfolge, was aber weit hinausgeht über das, was nach seiner Meinung in einem gleichförmigen Ablauf desselben Rades, das sich nur immer drehen würde in der Geschichte, bestünde.

[ 14 ] Nun scheint mir das eine so unvollkommen wie das andere. Bei Herbert Spencer sehen wir, wie ein Denker sich nicht erheben kann — ich möchte sagen — aus den naturwissenschaftlichen Tiefen zu den Höhen der Seelenrätsel. Bei Solowjow sehen wir, wie aus mystischen Tiefen die unbestimmte, sehr mystisch klingende Forderung nach Unsterblichkeit auftritt, wie aber irgendein Weg, um zu einer wirklichen Erkenntnis auf diesem Gebiete zu kommen, durchaus auch hier mangelt. Und vielleicht darf es gerade in der gegenwärtigen Zeit ausgesprochen werden, dass wenn man unbefangen nach diesen beiden Seiten hinschaut und in aufrichtiger, ehrlicher Weise dem ergeben ist, was als die höchste Blüte des mitteleuropäischen, des deutschen Geisteslebens aufgetreten ist, dass die Vertiefung, die hier notwendig ist in Bezug auf die Seelenrätsel, gerade aus diesem deutschen Geistesleben herausgefunden werden muss.

[ 15 ] Dies — sehr verehrte Anwesende — wollte ich nur vorausschicken, um zu zeigen, dass man allerdings sich Vorstellungen machen muss über die Art und Weise, wie sich die Menschen im neunzehnten Jahrhundert den Seelenrätseln nähern wollten, wie gewissermaßen die Seelenfragen heute brennende Fragen sind, und wie aus den Eigentümlichkeiten des Geisteslebens in den verschiedensten Erdgebieten Hindernisse und Hemmnisse da sind, um in völlig ungehinderter Weise Wege zu finden in die Gebiete hinein, in denen das Ewige der Menschenseele wurzelt. Der Mensch tritt uns ja zunächst im Dasein so entgegen, dass er als ein einheitliches Wesen uns erscheinen muss. Das ist auch voll berechtigt. Aber in diesem einheitlichen Wesen muss man das aufsuchen, was an Wirklichkeitsformen eingetreten ist in diesem einheitlichen Wesen. Die Art und Weise, wie dies von der Anthroposophie versucht wird, wird vielfach angefochten von denjenigen Menschen, die sich in einer abstrakten Weise Monisten oder dergleichen nennen. Anthroposophie sündigt in keiner Weise gegen einen berechtigten Monismus. Denn man verleugnet nicht, dass im Wasser eine einheitliche Wirksamkeit ist, wenn man aufzeigt, wie Sauerstoff und Wasserstoff im Wasser wirksam vorhanden sind. Ebenso wenig verleugnet man das, was uns als einheitliche Menschennatur entgegentritt, wenn man die Wirklichkeitsformen gewissenhaft wissenschaftlich aufsucht, die in der Menschennatur zusammenströmen. Aber diese Wirklichkeitsformen strömen eben in rätselhafter Weise zusammen. Wir sehen, wenn wir uns unsern äußeren sinnlichen Beobachtungen hingeben und diese durch die anerkannte Wissenschaft, durch Physiologie, Biologie und so weiter vertiefen, die äußere physische Leiblichkeit des Menschen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie sich aus dieser physischen Leiblichkeit heraus das Seelische offenbart, wie es die physische Leiblichkeit durchdringt, sie belebt und den Geist in sie hineinströmen lässt.

[ 16 ] Aber erst wenn wir in unbefangener Weise uns klarmachen, wie diese verschiedenen Wirklichkeitsformen — das Leibliche, das Seelische, das Geistige — in dem einheitlichen Menschen zusammenwirken, können wir hoffen, einer Lösung der Seelenrätsel uns zu nähern. Ich will natürlich nicht sagen, dass die Seelenrätsel in letztgültiger Weise heute schon von der Anthroposophie gelöst dargestellt werden können, aber hoffen kann man, auf den Weg der Lösung hinzuweisen. Und immer wieder und wieder wird man hingewiesen auf die beiden so geheimnisvoll an den Menschen herantretenden Enden des physischen Erdendaseins, wenn einem die großen Seelenrätsel vor Augen treten. Man wird hingewiesen auf Geburt und Tod. Betrachten wir zuerst diese sinnlich physischen Enden des Menschenlebens, um dann in das übersinnliche Gebiet aufzusteigen.

[ 17 ] Was das äußere Physisch-Leibliche des Menschen ist, das haben wir im Grunde genommen in seiner ureigenen Form erst im Leichnam vor uns. Daher ist es eigentlich ganz richtig, was viele Naturforscher gesagt haben: dass das Charakteristikon des Todes eigentlich das Vorhandensein des Leichnams ist. So ist es auch für den Tod. Aber wenn man unbefangen das betrachtet, was einem gerade am Leichnam entgegentritt, so ist es charakteristisch genug für die ganze menschliche Wesenheit.

[ 18 ] Du Bois-Reymond glaubte — er sprach das aus in seiner berühmten Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» —, dass der Mensch als ein bewusstes, wachendes Wesen für seine eigene Erkenntnis nicht durchschaubar sei, dass diese Erkenntnis an gewisse Grenzen komme, wenn es sich um das menschliche Bewusstsein handele. Aus den Bewegungen, welche der Stoff in unserm Nervensystem durchmacht, können wir nicht begreifen — so meinte du Bois-Reymond —, wie wir empfinden: «Ich sehe rot, ich höre Orgelton, ich rieche Rosenduft.» Aber du Bois-Reymond meinte, man könnte mit der gewöhnlichen Naturwissenschaft den schlafenden Menschen begreifen, bei dem das Bewusstsein herabgedämmert ist, also gerade dasjenige, was auch nach seiner Meinung für das gewöhnliche Naturerkennen unergründlich ist. Nein! Sondern durch das, worin heute die Naturwissenschaft groß ist, kann der schlafende Mensch ebenso wenig begriffen werden wie die Pflanze. Was als Leben ein Wesen durchklingt, das kann erst geschaut werden in übersinnlicher Erkenntnis, in übersinnlicher Anschauung, wie ich sie charakterisiert habe zum Beispiel in meinen Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft im Umriss» und in den beiden bereits erwähnten Vorträgen. Was den Menschen als schlafendes Wesen belebend so durchdringt wie die Pflanze, es kann nicht durch die gewöhnliche Naturwissenschaft erkannt werden. Hier ist der Mensch als physisches Wesen erst zugänglich, wenn er gestorben ist. Und wenn er gestorben ist und als Leichnam vor uns liegt, so sehen wir ja, wie er beginnt ganz anderen Gesetzen zu folgen, als diejenigen waren, denen er folgte von der Geburt oder der Konzeption bis zum Tode.

[ 19 ] Indem der menschliche Leichnam aber seiner Auflösung entgegengeht, folgt er denselben Gesetzen, die wir draußen in den Naturreichen sehen und die wir durch die gewöhnliche Wissenschaft begründen. Sodass wir in demjenigen, was mit dem menschlichen Leichnam vor sich geht, das vor uns haben, was der Mensch wäre, wenn er als leiblich-physisches Wesen nicht durchdrungen wäre von einem Geistig-Seelischen, das ihn in jedem Augenblick des Lebens dem Tode, der Auflösung entreißen muss. Denn diejenigen Naturgesetze, die wir mit der gewöhnlichen Naturwissenschaft ergründen, lösen den menschlichen Organismus auf, und was ihn zusammenhält, das muss daher anderen Gesetzmäßigkeiten folgen.

[ 20 ] Man lernt also den Menschen, wenn er vom Geistig-Seelischen losgelöst ist, in seinem Leichnam kennen. Diejenigen Gesetze, die da wirksam sind, sie müssen während des ganzen Erdenlebens im Menschen wirksam sein, denn es sind die Gesetze des physischen, des chemischen Daseins, der Stoffe und Kräfte, die der menschliche physische Leib innehat. Sie werden nun in entgegengesetzter Richtung überwunden durch das, was im Menschen außer diesen Stoffen und physischen Kräften noch ist. Will man aber — ich möchte vielleicht in paradoxer Weise sagen — in Reinkultur das menschliche Leiblich-Physische kennenlernen, dann muss man es im Leichnam aufsuchen. Da ist der Mensch der äußeren physischen Natur völlig hingegeben, da kann man sehen, wie er diese physische Organisation auch immer in sich trägt.

[ 21 ] Nun habe ich in den genannten Büchern und in den erwähnten Vorträgen darauf hingewiesen, dass es in der menschlichen Seele schlummernde Kräfte gibt, die erweckt werden können, geradeso, wie in der Seele des im traumhaften Seelenleben webenden Kindes eben Kräfte nach und nach erweckt werden. Hat der Mensch diese intellektuelle Bescheidenheit, dass er sich eines Tages sagt: Du warst einstmals ein ganz kleines Kind mit einem traumhaften Seelenleben, das sich in deine Leiblichkeit ergossen hat; Erziehung und Leben haben aus den Tiefen deiner Menschennatur herausgeholt, was du an Denken, Fühlen und Wollen zur Weltorientierung und zur Selbsterkenntnis heute hast, und was vor allen Dingen die Triumphe der anerkannten Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft, herbeigeführt hat. Aber kann man denn nicht voraussetzen, wenn man alles das hat, was so Leben und Erziehung und vererbte Merkmale einem geben können, dass man doch in irgendeinem Zeitpunkt auch schon des reifen Lebens seelische Fähigkeiten — wenn ich mich wissenschaftlich ausdrücken will — als ‹latente› in der Seele voraussetzt?

[ 22 ] Kann man denn nicht sagen: Man könnte sein Seelenleben in irgendeinem Augenblick seines Lebens selber in die Hand nehmen, um es weiterzuführen von dem Punkte aus, wo es angelangt ist? Dass dies möglich ist, kann nur die Praxis erweisen. Aber die Praxis der anthroposophischen Forschung zeigt das auch. Nur andeutungsweise möchte ich erwähnen, dass es innere Seelenübungen sind, durch die solche schlummernden Fähigkeiten im Menschen erweckt werden. Solche Seelenübungen, die sich vorzugsweise auf das Vorstellungs- und Gedankenleben beziehen, sie bestehen in einer Meditation, in einer systematisch geregelten Konzentration auf ganz bestimmte Vorstellungskomplexe. Was wird erreicht, wenn wir so, wie es in den angedeuteten Büchern beschrieben ist, uns seelisch erkraften, energisch machen?

[ 23 ] Geradeso wie ein Muskel, wenn er gebraucht wird, sich verstärkt durch den Gebrauch, so werden auch unsere seelischen Fähigkeiten in einer ganz bestimmten Weise verstärkt und erkraftet, wenn durch längere Zeit ausdauernd solche Seelenübungen vom Menschen gemacht werden. Und wenn ich charakterisieren soll, wodurch die Menschen zu solchen, auf normalem Wege zu erreichenden Fähigkeiten kommen, so möchte ich sagen: Wenn wir als ehrlicher Mensch auf unser Gedankenleben hinschauen, wie es sich an der äußeren Wahrnehmung und an den Erscheinungen des Lebens entwickelt, dann können wir nur sagen: Es läuft in uns so ab, dass wir gestehen müssten: «Es denkt in uns.» Denn dass ich denke, gerade einer unbefangenen Selbstschau kündigt es sich ja an: Wir bemerken, wie "es» in uns denkt. Und wir beziehen, indem wir durch unsern Leib das Denken sich offenbaren sehen, dieses Denken auf uns selbst zurück und sprechen: «Ich denke», während wir für das gewöhnliche Bewusstsein und für die gewöhnliche Wissenschaft eigentlich nur aussprechen sollten: «Es denkt in uns» Wenn wir aber das Seelenleben durch entsprechende Meditations- und Konzentrationsübungen erkraften, dann kommen wir wirklich zu dem inneren Bewusstsein, das aussprechen darf: "Ich denke.»

[ 24 ] Denn dann reißt sich das Denken los von dem, was die physische Organisation ist. Ich weiß, wie viel Paradoxes für das heutige Bewusstsein mit einem solchen Satze ausgesprochen wird. Allein, hier geht wieder die Anthroposophie mit ihrer Forschung, die eine anschauliche ist, durchaus vorsichtig und kritisch vor. Anthroposophie weiß durchaus, wie das gewöhnliche Denken gebunden ist an die physische Organisation des Menschen. Sie trägt nicht laienhaft, nicht dilettantisch vor. Sie gibt denjenigen recht, die da das Zentralenorgan des Nervensystems, das Gehirn, untersuchen und uns zeigen, wie dieser oder jener Teil der menschlichen Seelenfähigkeiten ausfällt, wenn dieser oder jener Teil des Gehirns abgetragen wird. Anthroposophie untersucht auch, wie das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen gebunden ist an die Verfassung des physischen Organismus. Und sie kommt deshalb zuletzt — das mögen ihr manche sogar in missverständlicher Weise als eine Art Materialismus auslegen — zu der Auffassung, dass für das ganze gewöhnliche Seelenwesen die physische Körperlichkeit die absolute Grundlage ist. Dann aber, wenn entsprechende Meditations- und Konzentrationsübungen gemacht werden und wenn das Denken erkraftet ist, dann reißt sich das Denken als Seelenleben los von der physischen Organisation, dann tritt das Seelenwesen erst als ein in sich selbstständiges auf. Dann weiß der Mensch: "Ich denke, und in dem 'Ich denke weiß er, dass das Denken jetzt verläuft als ein selbstständiger Prozess, rein seelisch-geistig, nicht mehr bedingt, nicht mehr abhängig von der Leibesorganisation.

[ 25 ] Und zu den Gedankenübungen kommen dann Willensübungen hinzu. Wiederum möchte ich nur prinzipiell charakterisieren, wie diese Willensübungen nach einem ganz bestimmten Ziele hinlaufen. Man möchte sagen: So wenig berechtigt es ist, zum gewöhnlichen Denken zu sagen: «Ich denke», so klar müsste es auf der anderen Seite sein, dass der Mensch seinem eigenen Wollen, insofern dieses in das Handeln, in die Tat ausfließt, wie einem recht Unbekannten gegenübersteht. Nehmen Sie nur das einfachste Wollen, zum Beispiel das Aufheben eines Armes oder einer Hand: Zunächst haben Sie den Gedanken des Arm- oder Handaufhebens. Dieser Gedanke ist allerdings klar im Bewusstsein. Dann aber kommt das gänzlich Unbestimmte, wie das, was im Bewusstsein als Zielgedanke der Handlung erlebt wird, hinunterströmt in den physischen Organismus und dort als Willensimpuls sich geltend macht. Denn Sie sehen zuletzt wieder nur das Ergebnis dieses Willensimpulses: die gehobene Hand, den erhobenen Arm. Anfang und Ende des ganzen Vorganges sehen wir, die Mitte hüllt sich in vollständiges Dunkel.

[ 26 ] Indem nun Anthroposophie ihr Schauen entwickelt, weiß sie eine Ähnlichkeit aufzufinden zwischen dem, was da im wachen Tagesleben beim Wollen fortwährend zustande kommt, und dem, was das Denken als Eigentümliches zeigt zwischen Einschlafen und Aufwachen. Das, was zwischen dem Zielgedanken und demjenigen Gedanken, der dann das Erreichen des Zieles im Wollen konstatiert, zwischendrinnen liegt; das ist etwas, was vor der Seele ganz so steht, wie dasjenige Seelenleben, das zwischen Einschlafen und Aufwachen verläuft. Wer mit jenem gestärkten Bewusstsein, das durch Meditation und Konzentration erreicht werden kann, das verfolgt, wie der Schlaf herannaht an den Menschen und wie wieder das Aufwachen geschieht, der weiß, dass in dem Herbeiführen des Schlafes durchaus etwas Positives liegt, dass nicht nur der physische Leib des Menschen in ein anderes Stadium eintritt, sondern dass tatsächlich ein Seelisch-Geistiges im Einschlafen und Aufwachen ein Positives ausführt, dass positive, nur eben unbewusste Erlebnisse stattfinden im Schlafe, die aber absolut gleich sind denjenigen Erlebnissen, die zwischen dem Zielgedanken einer Handlung und dem Gedanken liegen, der das Erreichen einer Handlung konstatiert. Wir verfolgen also eigentlich das Erreichen einer Handlung ins wache Tagesleben herein, wenn wir das Wollen des Bewusstseins im gewöhnlichen Tagesleben verfolgen. In dieses Dunkel, wo das Wollen im gewöhnlichen Seelenleben stattfindet, wollen die Übungen des anthroposophischen Forschers hineinwirken, wenn man die Übungen macht, die ich bei solchen Gelegenheiten gerne andeute. Es gibt viele Übungen, aber ich will jetzt nur diejenigen anführen, die charakteristisch sind, weil sie etwas Prinzipielles darstellen.

[ 27 ] Während man sonst zum Beispiel die Reihenfolge der äußeren Tatsachen so vorstellt, wie sie aufeinander folgen, beginnt man nun übungsgemäß damit, dass man diesen Verlauf rückwärts vorstellt, sodass man zum Beispiel eine Melodie rückwärts empfindet oder ein fünfaktiges Drama in kleinen Partien rückwärts vorstellt, den fünften Akt zuerst bis zum ersten Akt hin, oder, wie es besonders fruchtbar sein kann für jeden, dass man des Abends den Ablauf seines Tageslebens rückwärts verlaufend sich vorstellt in bildmäßiger Weise, sodass man, wenn man eine Treppe hinuntergegangen ist, die Treppe von unten nach oben, von der untersten Stufe bis zur obersten geht. Das bewirkt, dass der Wille, der in den Gedanken lebt, sich losreißt von der äußeren Tatsachenwelt und auch von dem eigenen physischen Innern des Menschen.

[ 28 ] Sodass, wie auf der einen Seite durch Meditation und Konzentration das Denken selbstständig, frei wird, leibfrei sich entfaltet durch diese Willensübungen, jetzt der Wille etwas wird, was unabhängig vom Organismus ist. Während der gewöhnliche Wille des Menschen, insofern er abhängig ist von Instinkten, Trieben, Begierden und Emotionen, die in der Leiblichkeit ihre Grundlage haben, während dieser Wille durchaus auch in der Leiblichkeit seine Grundlage hat, wird er durch solche Willensübungen unabhängig gemacht von der physischen Leiblichkeit.

[ 29 ] Und so wie der Mensch durch das Unabhängig-Machen seines Denkens von der physischen Leiblichkeit in die Lage kommt, über die Geburt und Empfängnis hinaus in das vorgeburtliche Dasein wirklich hineinzuschauen, wie er dazu kommt, das Seelisch-geistig-Ewige in jenem Dasein zu schauen, wie es war in einer seelisch-geistigen Welt vor dem Herunterstieg in das physische Dasein, um sich mit einer physischen Leiblichkeit zu vereinigen, wie also durch die Erkraftung des Gedankenlebens die seelische Existenz vor der Geburt oder Konzeption geschaut werden kann, so tritt dadurch, dass der Wille geschult wird, auch das Bild desjenigen auf, was der Mensch wird, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen sein wird. Indem der Mensch sich gewisse Hilfen schafft für den Willen, der auf diese Weise losgelöst werden kann von der Leiblichkeit, wird dieser Wille immer mehr und mehr fähig, in das äußere objektive Dasein leibfrei einzudringen.

[ 30 ] Eine gute Willensschulung besteht zum Beispiel darin, dass man gleichsam wie eine zweite Persönlichkeit kritisch neben sich selber in Bezug auf seine Handlungen, seine Taten und seine sittlichen Motive einhergeht, sodass man, wie man sonst objektiv einem andern Menschen gegenübersteht, seine eigenen Handlungen in eine objektive Selbstschau bekommt. Dadurch stählt man innerlich die Willenskräfte, sodass sie unabhängig werden von allem Leiblichen.

[ 31 ] Sehr gut ist diese Hilfe noch: Ich brauche dazu nur zu schildern, wie der Mensch immer ein anderer ist nach gewissen Zeiträumen. Wir wissen alle, wie wir in unserer gesamten Seelen- und Lebensverfassung nach einem Jahrzehnt anders geworden sind, als wir vorher waren. Das aber, was uns anders gemacht hat, ist das Leben. Das Leben hat uns in seine große Schule genommen, hat uns andere oder veränderte Seelenerfahrungen gegeben, hat uns gewisse Gewohnheiten genommen, andere gegeben und so weiter. Wir sind mehr oder weniger passiv dem Leben hingegeben, wenn es sich um die Verwandlung, um die Metamorphose unserer eigenen Seelen- oder Leibeskonstitution handelt. Wenn man aber selbst in die Hand nimmt, was da in den sittlichen Gewohnheiten und Motiven wirkt, indem man sich zum Beispiel sagt: Du hast eine Gewohnheit, du willst sie ändern und zu einer ganz anderen machen oder Ähnliches, und wenn man sich darin genügend übt, besonders wenn man sich über die Zeiten hin laufende Ziele steckt, dann erreicht man immer mehr und mehr das, was die Unabhängigkeit des Willens von der physischen Leiblichkeit des Menschen ist. Dadurch aber wird etwas ausgebildet zu einer Erkenntniskraft, von dem man mit Recht sagt, dass es so, wie es im gewöhnlichen Leben ist, eine Erkenntniskraft nicht werden soll, und ich weiß sehr gut, was gegen die Anwendung dieser Kraft, wie sie im gewöhnlichen Leben ist, als Erkenntniskraft spricht. Aber so soll sie auch in der Anthroposophie nicht angewendet werden, sondern verwandelt. Eine Metamorphose soll davon auf übersinnlicher Stufe durchgemacht werden.

[ 32 ] Es ist die Liebe, die Liebefähigkeit des Menschen. Diese Liebefähigkeit ist ja im gewöhnlichen Leben auch an den physischen Organismus gebunden. Indem solche Willensübungen gemacht werden, wie ich es angedeutet habe, und indem der Wille innerlich frei wird von der physischen Leiblichkeit, wird der Mensch fähig, sich völlig hinzugeben an ein äußeres Objektives. Das aber ist jetzt kein sinnlich Objektives, das ist jetzt ein geistig Objektives. Was durch solche Übungen für den Menschen eingetreten ist, kann ich etwa folgendermaßen charakterisieren. Aber ich bitte das, was ich als Charakteristik gebe, nicht misszuverstehen. Es ist im sehr eigentlichen Sinne gemeint, aber gemeint für die Weiterentwicklung der normalen Fähigkeiten des Menschen, nicht für das gewöhnliche Bewusstsein.

[ 33 ] Nehmen wir das menschliche Auge. Es ist verhältnismäßig selbstständig, ist als eine Art selbstständiger Organismus bis zu einem gewissen Grade in den menschlichen Gesamtorganismus eingegliedert. Wir können das Auge sachgemäß im Dienste unserer gesamten Menschlichkeit dadurch gebrauchen, dass es in sich voll durchsichtig ist. Ich möchte sagen im übertragenen Sinne: Das Auge dient uns, weil es selbstlos in unsern Organismus eingeschaltet ist. Wird das Auge getrübt, wird zum Beispiel sein Glaskörper getrübt, tritt irgendwie Star ein, durchsetzt es sich also mit Eigenmaterie, dann hört auch die Möglichkeit auf, durch das Auge in die physische Sinneswelt hinauszusehen. Nun soll durchaus nicht behauptet werden, dass etwa für das gewöhnliche Leben unser physischer Organismus zu vergleichen wäre mit einem kranken, mit Eigenstoff ausgefüllten Auge. Aber für die höhere Erkenntnis ist er es. Gerade das, was ihn zu einem gesunden Organismus im gewöhnlichen physischen Leben macht, das macht ihn auch unfähig, dem Menschen dazu zu dienen, im gewöhnlichen Leben in höhere, übersinnliche Welten erkennend hineinzugelangen. Machen wir dagegen solche Willensübungen, wie ich sie angedeutet habe, um das sonst Dunkel-Bleibende des Willens zu durchdringen, dann machen wir aber auch — in geistig-seelischer Art — den ganzen menschlichen Organismus dadurch durchsichtig, machen ihn gewissermaßen zu einem Sinnesorgan, zu einem Gesamtsinn, zu einem Totalsinn. Und indem wir so dazu gelangen, den ganzen menschlichen Organismus in einer gewissen Beziehung so selbstlos zu machen, wie es das Auge im menschlichen Organismus für das äußere Schauen ist, machen wir den menschlichen Organismus fähig, hineinzuschauen in die übersinnliche geistige Welt, um sich selber in diese hineinzustellen. Denn ein Durchsichtig-Machen des menschlichen Organismus, das bewirken diese Übungen, von denen ich gesprochen habe.

[ 34 ] Für das gewöhnliche Bewusstsein ist ja der gewöhnliche menschliche Organismus durchaus ein Hindernis in Bezug auf eine höhere Erkenntnis. Er ist das Handwerkzeug für das gewöhnliche Leben, für das Sich-hinein-Stellen in die gewöhnliche Welt. Aber der Mensch kann sich nur dadurch in die physische Welt hineinstellen, dass er mit seinem Geistig-Seelischen in diesen physischen Leib hinunterdringt. Da ist dieser physische Leib gewissermaßen ein Undurchsichtiges. Wird er in der angedeuteten Weise durchsichtig, so schauen wir hinaus in die geistige Welt. Dadurch aber, dass wir in dieser Weise den Willen auch losreißen von der physischen Leiblichkeit, gelangt in unsere Erkenntnis hinein ein Bild des Todes, wie er wirklich für den gesamten Menschen ist. Dadurch, dass wir erkennen lernen, wie wir als Menschen im Bewusstsein verharren können — unabhängig von der physischen Leiblichkeit — auch mit dem Willen, der nach der Zukunft hingeht, bekommen wir das Bild desjenigen, was mit dem Geistig-Seelischen des Menschen geschieht, wenn der Leichnam von den äußeren Naturkräften und Naturgesetzen aufgenommen wird. Wir erlangen das Bild des Geistig-Seelischen, das sich vom Leibe befreit, wenn der physische Leib des Menschen dem Tode verfällt,

[ 35 ] Sie sehen daraus — sehr verehrte Anwesende —, die Anthroposophie kann nicht in irgendeiner leichtsinnigen Weise über die menschliche Unsterblichkeit philosophisch spekulieren oder mystisch phantasieren. Sie muss Stück für Stück aufzeigen, wie der Mensch in systematischer innerer Entwicklung aufsteigt zu einem Schauen, das ihn zum Beispiel befähigt, wirklich das zu erkennen, was als geistig-seelischer, ewiger Wesenskern des Menschen durch Geburt und Tod hindurchgeht, unberührt von der physischen Leiblichkeit. Und jetzt können wir sagen, wie dasjenige, was von der physischen Leiblichkeit als Leichnam nach dem Tode den äußeren Naturgesetzen verfällt, sich zu dem verhält, was als Geistig-Seelisches in der meditativen oder in der Willensentwicklung erreicht werden kann. Gerade den umgekehrten Weg, den der Mensch einschlägt, indem er als physische Persönlichkeit durch den Tod durchgeht, gerade den umgekehrten Weg schlägt anthroposophische Erkenntnis, anthroposophisches Leben ein. Der Tod vereinigt den Menschen mit der physisch-sinnlichen Wirklichkeit, wie wir sie durch unsere intellektualistische Erkenntnis durchschauen können. Was als Übung durchgemacht wird in anthroposophischer Forschungsmethode, das vereinigt die Seele mit dem Geistigen, indem es sie sowohl nach dem Gedanken wie nach dem Willen hin losreißt von dem Physisch-Leiblichen. Und indem Wille und Gedanke losgerissen werden von dem Physisch-Leiblichen, wird auch das Gemüt, die Empfindung und das Gefühl, das ja in der Mitte des Seelenlebens und das Intimste des Seelenlebens ist, losgerissen von der physischen Leiblichkeit. Man lernt das erkennen, was sich dem Tode entringen kann, und man lernt es erkennen, indem man zugleich einsehen lernt, was der Tod für eine Bedeutung im Menschenleben nun unter solchen Voraussetzungen eigentlich hat.

[ 36 ] Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass diejenigen Kräfte, die wir im Leichnam wirksam finden, immer zwischen Geburt und Tod, beziehungsweise Konzeption und Tod, im Menschen vorhanden sind. Diejenigen anderen Kräfte, von denen ich gesprochen habe, die in der übersinnlichen Erkenntnis für das unmittelbare geistig-seelische Leben gebraucht werden, das in die Ewigkeit hineingeht, die sind immer als die Gegenkräfte vorhanden gegen jene Kräfte, die im Tode am Leichnam sichtbar werden, sodass das Leben ein fortwährender Kampf zwischen diesen beiden Arten von Kräften ist. Und der Mensch mit seinem Gemüt, das zwischen dem Denken und dem Willen mittendrinnen steht, nimmt dadurch teil an diesem Kampf und sieht, wie die im Leichnam wirkenden Kräfte fortwährend in einer gewissen Weise dem Verfall unterliegen. Wieso denn das? Nun, an diejenigen Kräfte, die am Leichnam wirksam werden, an sie wendet sich, indem sie zwischen Geburt und Tod vorhanden sind, gerade das Denken des gewöhnlichen Bewusstseins. Sie brauchen sich nur an Folgendes zu erinnern — ich könnte aus den Untergründen der Anthroposophie vieles zum Beweise heranholen, es darf aber heute genügen, dass ich hier nur darauf aufmerksam mache.

[ 37 ] Immer, wenn das sprießende, sprossende organische Leben, das in der Ernährung lebt, überhandnimmt und sich ganz besonders ausbildet, wenn der Mensch im Schlafe verharrt, immer, wenn das aufbauende Leben, das wir besonders in der Kindheit entwickeln, wo wir unsern Organismus plastisch gestalten müssen, vorherrscht, dann tritt das bewusste Gedankenleben zurück. Es wendet sich nämlich das bewusste Gedankenleben im physischen Organismus nicht an die aufbauenden Kräfte, sondern an die abbauenden, an die Sterbekräfte, an jene Kräfte, die nur summarisch, in einem einzigen Augenblick, aufs Höchste gesteigert, im menschlichen Tode auftreten. Man möchte sagen: Was im Tode in höchster Steigerung erscheint, lebt immerfort in uns, und würde es nicht in uns leben, so würde sich das gewöhnliche Denken des Menschen nicht entwickeln können. Dieses gewöhnliche Denken wendert sich an die immer in uns absterbenden Kräfte, an die abbauenden Kräfte, die uns in der zweiten Hälfte des Lebens altern lassen, indem sie da die Oberhand bekommen gegen die ja auch immer in uns vorhandenen, uns verjüngenden Kräfte. Diese verjüngenden Kräfte wirken ja im Wollen und im Unterbewussten des Denkens. Aber während das gewöhnliche Erkennen es mit den abbauenden Kräften zu tun hat, wendet die übersinnliche Erkenntnis, wie sie von der Anthroposophie erstrebt wird, das Erkennen gerade nach dem Gegenpol hin.

[ 38 ] Indem der menschliche Organismus in der schon angedeuteten Weise zu einem Sinnesorgan in einem höheren Sinne gemacht wird, kann der Mensch das, was sonst im Wollen schlummernd, schlafend ist, durchsichtig machen, kann dadurch hineinschauen in die geistige Welt und jetzt dasjenige kennenlernen, was er im Schlafzustande an Wollungen nicht schauen kann, weil unser eigener Organismus undurchsichtig ist. Dieses Wollen in der geistigen Welt wird durchsichtig, und wir schauen dann auf das Denken des gewöhnlichen Bewusstseins, indem wir erkennen lernen das erkraftende Denken, das den Menschen aufbaut und hereinwirkt aus einer geistigen Welt, indem es übernimmt, was der Mensch durch die Vererbungskräfte durch die Geburt erhält. Was der Mensch auf diese Weise als Wachstumskräfte erhält, das kann angewendet werden als anschauende Kräfte in der Beobachtung und im Experiment, während sich das physische Experiment an die Sterbekräfte wenden muss. So sehen wir Geborenwerden und Sterben fortwährend wirksam in der menschlichen Natur. Und indem wir so den Tod nicht nur beschränkt sehen auf jenen einen Moment des menschlichen Lebens, sondern indem wir ihn in seinen einzelnen [Grundelementen] ausgebreitet sehen über das ganze Erdendasein, stellen wir ihm das entgegen, was immerzu diesen Tod bekämpft und was, wenn wir es durchschauen, erkennen lässt, wie der Mensch in einem ewigen Dasein lebt, das durch Geburt und Tod unveränderlich, unverweslich — möchte man sagen - hindurchgeht.

[ 39 ] Anthroposophie will durchaus die einzelnen alltäglichen Ereignisse des Seelenlebens — das gewöhnliche Denken, das sie verbunden fühlt mit den Sterbekräften, und das gewöhnliche Wollen, das sie verbunden fühlt mit den Aufbau—, mit den Wachstumskräften — so verfolgen, dass in ihrer Weiterverfolgung gefunden werden können Wege zur Lösung des großen Seelenrätsels der menschlichen Unsterblichkeit. Ich möchte sagen: Das Seelenwesen wird innerlich erkenntnismäßig durchleuchtet, wenn wir zu dem, was wir im gewöhnlichen Seelenleben nur als ein Spiegelbild der sinnlichen Erkenntnis haben, hinzufügen können in dieser Weise die übersinnliche Erkenntnis. Wir tragen zwar im gewöhnlichen Leben die unsterbliche Seele in uns, allein diese unsterbliche Seele ist ja nur ausgefüllt mit dem, was sie von den äußeren Eindrücken bekommt. Auch unsere Erinnerungen sind zuletzt nur Reminiszenzen an die äußeren Eindrücke, wenn auch diese äußeren Eindrücke in Willen und Gemüt aufgenommen und verwandelt worden sind. Und auch das, was eine gewöhnliche Mystik oft für eine Offenbarung hält, erweist sich für eine unbefangene Erkenntnis doch nur als Widerspiegelung des äußeren physisch-sinnlichen Daseins. Der Mensch trägt in sich das Unsterbliche, aber er muss sich erst der tieferen Gründe dieses seines eigenen Wesens im übersinnlichen Schauen bewusst werden, indem er sein ganzes Erkenntnisvermögen verwandelt.

[ 40 ] Dann dringt er ein durch die Tore, welche die Wege zu den eigentlichen großen Seelenrätseln zeigen. In dieser Beziehung kann man gerade drei Bewusstseinsstufen hinstellen. Und in diesen drei Bewusstseinsstufen, welche alle drei im Menschen leben können, zeigt sich so recht der Weg, den im Grunde genommen der Mensch gehen muss, wenn er an die Lösung der Seelenrätsel gehen will. Von dem ganz dumpfen Schlafzustande, der eine Art unbewusstes Bewusstsein darstellt, wollen wir jetzt absehen. Aber aus diesem unbewussten Schlafzustande tauchen auf, wie aus den Tiefen eines Meeres, die Träume, die deshalb nicht weniger merkwürdig sind in ihrer Symbolik, wenn man sie auch ganz ohne Vorurteil betrachtet, wie sie manchmal — um nur eines zu erwähnen — wie das verbildlichte Gewissen vor uns auftreten. Man braucht sich nur zu erinnern, wie im Traume, wenn man sich zum Beispiel einer Unterlassungssünde gegenüber einem Freunde schuldig gemacht hat, diese Unterlassungssünde wie das bildhaft gewordene Gewissen auftaucht. Man könnte auf vieles in dieser Beziehung hinweisen.

[ 41 ] Durchschaut man aber mit unbefangenem Blick, was in diesem Traumleben vorhanden ist, so muss man sagen: Dieses Traumleben spricht Hohn alledem, was den Menschen orientierend ins Dasein hineinstellt im wachen Tagesleben, durch das er sich ja allein zwischen Geburt und Tod in die Welt fruchtbar hineinstellen kann. Woher kommt das? Gerade wer durchschaut, dass der Mensch im Schlafe als geistig-seelisches Wesen vorhanden ist und dass sein Bewusstsein nur herabgedämpft ist, der wird, wenn er das Traumleben studiert, dieses sporadische Aufleuchten des Bewusstseins im Traume so betrachten können, dass der Mensch dann mit seinem GeistigSeelischen gleichsam nur von Ferne herankommt an die Peripherie des Leiblichen, dass er noch nicht völlig beim Aufwachen eintritt in die leibliche Sphäre oder, wenn Träume sein Einschlafen begleiten, aus ihr heraustritt.

[ 42 ] Wenn der Mensch so mit seinem Geistig-Seelischen an der Peripherie des Leiblichen lebt und dieses Leibliche ihm gegenübersteht wie ein dunkles Gebilde, dann tauchen die mit Willkür belasteten Träume auf. Und wenn dann der Mensch sich in seiner physischen Organisation als zu schwach erweist, um — ich möchte sagen — vollständig in seine eigene Organisation das Geistig-Seelische aufzunehmen, sich mit ihm zu durchdringen und es mit sich zu durchdringen, dann setzt sich das geistig-seelische Traumerleben in den physischen Organismus fort, wird dort zum Halluzinatorischen, zum Visionären, zum medialen Leben, zu demjenigen Leben, das leicht suggerierbar ist, und dergleichen mehr. Ja, es treten als krankhafte Erscheinungen des Seelenlebens gerade diejenigen Gebilde auf, die dadurch entstehen, dass das, was als Traumgebilde, als traumhaftes Seelenerleben bloß an der Peripherie des Leiblichen bleiben sollte, zu tief in den physischen Organismus untertaucht. Dadurch werden diejenigen Rätsel des Seelenlebens einer Lösung entgegengeführt, die sich an das halluzinatorische, visionäre oder mediale Leben anschließen. Anthroposophie muss gerade diesen Erscheinungen ablehnend gegenüberstehen, wenn sie sich so geltend machen wollen, dass durch sie wirklich etwas von der geistigen Welt erkannt werden könnte. Wenn aber der Mensch mit seinem GeistigSeelischen nicht nur an der Peripherie des Leiblichen schwebt, sondern wenn er vollständig in seinen physischen Leib untertaucht, sodass die beiden eins werden, wenn also das Willkürleben des Traumes dadurch eine Verwandlung erfährt, dass die Traumbilder durchdrungen werden von den Kräften der Orientierungslinien, die gebildet werden aus der Gesetzmäßigkeit des vollen physischen Leibes mit der äußeren physischen Natur, dann tritt das gesunde, wache Tagesleben ein. Dann ist das, was die physische menschliche Organisation ist, in ihren absterbenden und aufbauenden Kräften eins geworden mit dem Geistig-Seelischen; dann wirken sie als eines zusammen.

[ 43 ] Aber der Mensch, der in seinem Geistig-Seelischen lebt, wirkt durch das Werkzeug des physischen Leibes, der ihm die Orientierung in der physisch-sinnlichen Welt gibt. Wenn nun durch die geschilderten Übungen das eintritt, dass der Mensch in seinem Geistig-Seelischen nicht nur völlig eins wird mit dem physischen Leibe, sondern über dieses hinaus der ganze physische Organismus des Menschen zu einem Sinnesorgan wird, dann tritt der dritte Bewusstseinszustand ein — das übersinnliche Bewusstsein. Dann verhält sich das gewöhnliche, wache Tagesbewusstsein zu dem übersinnlichen Bewusstsein so, wie sich der Traum verhält zum wachen Tagesleben. Auf diese Weise kann man unterscheiden, indem man an die Seelenrätsel herantritt: das dunklere Traumbewusstsein, das hellere, wache Tagesbewusstsein und das übersinnliche Bewusstsein. Das Letzte ist es, das uns dann in die ewigen Gründe der Menschenseele hineinführt, in die Fragen des Ungeborenseins und der Unsterblichkeit. Auch jene Rätsel, die nach dem Krankhaften des Seelenlebens hingehen, lösen sich gerade dadurch, dass man ihre Erscheinungen in sachgemäßer Weise vergleichen kann mit dem, was sich in gesunder Weise als übersinnliche Erkenntnis entwickeln kann.

[ 44 ] Ich habe so darzustellen versucht, was übersinnliche Erkenntnis in Bezug auf die Lösung der Seelenrätsel erreichen kann. Die Möglichkeit, eine solche übersinnliche Erkenntnis zu entwickeln, wie ich sie geschildert habe, hat man erst heute, nachdem die Menschheit durch das naturwissenschaftliche Zeitalter durchgegangen ist und man in diesem Zeitalter die entsprechenden Erkenntnisse durch die gewissenhaft ausgebildeten ernsten, naturwissenschaftlichen Methoden hat erhalten können. Daher wird sich derjenige am sichersten auf dem Gebiete der übersinnlichen Erkenntnis bewegen, der nicht Laie, nicht Dilettant ist auf naturwissenschaftlichem Gebiete, sondern der kennengelernt hat, wie man auf dem Felde dieser Naturwissenschaft wirklich forscht, und der der Naturwissenschaft lässt, was ihrer ist, und dann dem Geistigen lässt, was ihm gehört.

[ 45 ] Aber man hat in früheren Zeiten immer eine Art Ahnung gehabt, wie man eindringen kann in die verborgenen Untergründe des Seelenlebens, die heute durch eine Erkraftung des Seelenlebens wieder erreicht werden. Man hat gesprochen von einer Schwelle, die zu überschreiten ist, wenn man in das wirkliche Seelenleben eindringen will, und hat davon gesprochen, wie man durch ein ahnendes Bewusstsein von dem Überschreiten dieser Schwelle reden kann. Aber man hat auch in sehr charakteristischer Weise davon gesprochen, wie diese Erkenntnis nach dem Übersinnlichen ein Heilungsprozess ist. Man hat menschliches Gesundheitsstreben in inniger Gemeinschaft gefunden mit diesem Durchdrungenwerden mit übersinnlichen Erkenntnissen. Nun, in Bezug auf das Seelenleben und seine Rätsel wird man wieder lernen, dass durch das Sich-Erfüllen mit übersinnlichen Erkenntnissen in der Tat ein Gesundungsprozess gegeben ist. Um dies einzusehen, braucht man nicht selber Seelenforscher zu sein, so wie man auch nicht selber Maler zu sein braucht, um ein Bild zu würdigen. Sondern wie man ein Bild wird würdigen können, wenn man nur gesund erzogen ist, so wird der, der in Bezug auf seinen gesunden Menschenverstand nur richtig erzogen worden ist, auch einsehen können, was der Anthroposoph sagt, und beurteilen, ob es für einen Menschen gesund oder ungesund ist. Man kann durch den gesunden Menschenverstand nachprüfen, was der Anthroposoph behauptet, und man wird darin, indem man es in sich aufnimmt, nichts anderes empfinden als etwas, was sich mit dem ganzen Seelensein des Menschen in gesundender Weise verbindet, was vor allem dem Menschen diejenigen Kräfte zuführt, die ihm in moralischer und sozialer Beziehung Halt geben und ihn hinführen zu dem, was aus der geistigen Welt heraus moralische Impulse geben kann.

[ 46 ] Aus diesem Grunde war ich genötigt, von übersinnlichen Kräften zu sprechen schon im Anfange der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in meiner «Philosophie der Freiheit», wo ich als sittliche Intuition diejenigen Kräfte hingestellt habe, unter deren Einfluss der Mensch erst ein sittlich freies Wesen wird, sodass das, was durch die anthroposophische Erkenntnis errungen werden soll, schon für das sittliche Leben und für das gewöhnliche Bewusstsein ahnungsvoll vorhanden ist. Und indem wir die Kräfte, die darin leben, unserm Erkennen innerlich zugänglich machen, statten wir uns mit heilkräftigen und unserm Leben Halt gebenden Strömungen aus. Dadurch gewinnt der Mensch durch anthroposophische Erkenntnis nicht theoretische Ansichten, sondern etwas, was in sein ganzes Dasein hereinströmt, wodurch sich ihm die Wirklichkeit der äußeren Natur verbindet mit der inneren sittlichen Welt, sodass diese zwei nicht mehr in zwei zerfallen. Und wer jemals gestanden hat vor dem ganzen Umfang der Seelenfragen, der sich hier auftut, der wird auch verstehen, wie man nach einer Seelenerkenntnis streben kann, von der hier gesprochen wird.

[ 47 ] Wenn jemand heute ehrlich auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, dann sieht er auf einen Erdenanfang hin — mag die Kant-Laplacesche Theorie auch heute modifiziert sein —, der aus einem reinen physischen Nebelgasball das physische Dasein hervorgehen lässt, und daraus ist dann später das entstanden, was die höheren Naturreiche und auch den Menschen ausmacht. Und die heutige Physiklehre zeigt, wie das Erdenende einmal im Wärmetod beschlossen sein wird, wie durch einen großen Leichnam das begraben werden wird, was der Mensch als Inhalt seiner Menschenwürde, seines Menschenwertes und seines sittlichen Wertes empfindet. Durch diese naturwissenschaftlichen Ideen bekommt der Mensch heute eine Anschauung von der Willkür der sinnlich-physischen Welt, denn die sinnlichen Kräfte machen Erscheinungsformen notwendig, gegenüber denen dennoch die sittliche Welt dem Verfall anheimgegeben sein müsste, wenn die von der Naturwissenschaft angenommenen Kräfte ausschließlich Geltung haben würden.

[ 48 ] Wenn wir aber die Welt so ansehen, dass wir uns nicht an die gewöhnlichen Gedankenkräfte, an die Sterbekräfte wenden, an die sich ja das intellektuelle Erkennen wendet, weil es gebunden ist an die Sterbekräfte und mit diesen Kräften auch nur das Tote, Unlebendige der Natur erfassen kann, sondern wenn wir hinweisen auf die unsterbliche, lebendige Natur des Weltendaseins, indem wir uns erheben von der gewöhnlichen Seelenerkenntnis zu jener Seelenerkenntnis, die dem übersinnlichen Schauen gegeben ist, dann wird dadurch unsere Seele verankert in einem unsterblichen Weltendasein, und damit wird erst eine Aussicht auf eine wahre Lösung der Seelenrätsel eröffnet. Wenn nun etwa jemand sagen wollte: Dieser Anthroposophie fehlt aber doch die sichere Grundlage der äußeren Tatsachenerkenntnis, denn sie will nur bauen auf dem, was erst aus dem Innern des Seelenlebens entwickelt worden ist. So wird der, der nun alles durchschaut, was ich heute nur andeutungsweise vorbringen konnte, sich doch sagen: Ein solcher Einwand gleicht dem andern, den einer machen würde, der sagte: Jedes Ding muss auf einem festen Boden stehen, damit es nicht fällt. Das ist selbstverständlich richtig für Dinge, die auf der Erde stehen. Schauen wir dagegen in den Weltenraum hinaus, so wäre es töricht zu fragen: Worauf ruht die Erde, worauf der Mond, worauf die anderen Körper des Weltenalls? Sie haben eben ihren Halt in ihren gegenseitig aufeinander wirkenden Kräften, sie tragen einander gegenseitig.

[ 49 ] Und man muss einsehen, wie das, was Anthroposophie zu leisten unternimmt, in der Tat von den verschiedensten Seiten her die Welt charakterisiert und sich dadurch gegenseitig trägt. Ehe man nicht in dieser Weise den kosmischen Aspekt der anthroposophischen Erkenntnis durchschaut, wird man immer meinen, sie sei unbegründet, so wie man — in törichter Weise — finden könnte, dass auch die Erde unbegründet ist, weil sie nicht im Weltenall auf einer festen Unterlage ruht, wie sonst jeder Körper auf einer Unterlage ruht. Sinneserkenntnis, Verstandeserkenntnis muss auf einer Unterlage ruhen. Das aber, was in der angedeuteten Weise aus der Seele entwickelt wird, trägt sich selber, indem es von den verschiedensten Seiten her in das übersinnliche Gebiet des Daseins einzudringen sucht und dadurch auch die Wege bereitet zur wirklichen lebensvollen Lösung der Seelenrätsel.

[ 50 ] So können wir sagen: So wie die Seelenrätsel zusammenhängen mit Gesundungs- und Krankheitsprozessen des ganzen Menschen, so müssen wieder Gesundungsprozesse liegen in dem Sichdurchdringen mit der Erkenntnis des Übersinnlichen der Menschennatur, mit der Erkenntnis des wahren Unsterblichen der menschlichen Wesenheit. In ihrer Art müsste die neueste Zeit die instinktive Erkenntnis der älteren Zeiten wieder bewahrheiten.

[ 51 ] Es dringen zwar solche Wahrworte herauf aus den Tiefen des älteren Strebens der Menschen, aber die neuere Zeit kann nicht in dieser Weise nach Erkenntnis streben wie die früheren Zeiten. Die Naturwissenschaft hat uns gelehrt, in anderer Weise in Bezug auf Menschendasein und Naturdasein nach Erkenntnis zu streben. Und so, wie auf dem Naturgebiete nach Erkenntnis gestrebt wird, so muss auch auf dem übersinnlichen Gebiete nicht in der Art nebuloser Mystik, sondern mit klarer Entwicklung der Erkenntniskräfte in das Ewige hineingestrebt werden. Wenn aber das geschieht, dann darf der moderne Mensch, der Halt im Leben gefunden hat gegenüber den Rätseln des Seelenlebens, wieder so sprechen wie einst der alte Grieche: «Wenn du, den Leib verlassend, zum freien Äther emporsteigst, wirst ein unsterblicher Gott du sein, dem Tode entronnen!»