Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a
12 Mai 1922, Berlin
9. Anthroposophie und Geisteserkenntnis
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! In gewissem Sinne wird mein heutiger Vortrag eine Voraussetzung machen, da ich die wissenschaftliche Begründung der Auseinandersetzung der Anthroposophie mit der Wissenschaft der Gegenwart ja in den letzten Vorträgen gab, die ich hier in Berlin öffentlich gehalten habe, und es nur eine Wiederholung sein würde für diejenigen der verehrten Zuhörer, die damals anwesend waren, wenn ich diese Grundlagen heute noch einmal sagen würde. So werde ich also heute einiges vorzubringen haben, das durchaus in selbstständiger Art verstanden werden kann, das aber für seine wissenschaftliche Begründung jene Vorträge voraussetzt.
[ 2 ] Wenn der Mensch von Geist und Geisteserkenntnis spricht, so muss gesagt werden, dass er damit eigentlich auf etwas hinweist, das ihm fortdauernd vorliegt, wenigstens insofern er bei wachem Bewusstsein ist. Der Mensch kann ja nicht daran zweifeln, dass sowohl sein erkennender, wie sein Willensverkehr, mit der Außenwelt von ihm in der Art besorgt wird, dass er sich mit seinem ganzen Wesen geistig betätigt. Und so spricht der Mensch eigentlich von geistiger Betätigung wie von etwas Selbstständigem. Die Schwierigkeiten beginnen eigentlich erst da, wo es sich darum handelt, tiefer einzudringen in das Wesen des menschlichen Geistes und der geistigen Grundlagen der Welt. Wenn dies gesagt wird, so kann auf das Allerverschiedenste hingedeutet werden. Denn von mancherlei Seiten steigen diese inneren seelischen Schwierigkeiten gegenüber dem geistigen Leben im Menschen auf. Und ich werde, gewissermaßen nur ein Beispiel herausgreifend, durch das anschaulich wird, wie sich diese Schwierigkeiten ergeben und schließlich die ganze menschliche Seelenverfassung ergreifen. Ich werde ein Beispiel anführen, das vielleicht nicht immer so stark empfunden wird wie andere. Aber vieles von dem, was der Mensch wegen des inneren Schicksals, das er zu durchleben hat, mit sich abmachen muss, liegt ja in halb oder in ganz unterbewussten seelischen Vorgängen. Der Mensch macht sich nicht immer klar, woraus ihm gerade innerliches Leid und innerliche Lebensstimmung erwachsen. Aber bei unbefangener Selbstbeobachtung, die auf einer gewissen, auch wissenschaftlichen Selbsterziehung beruht, kann man dahinterkommen, woher diese Stimmungen, diese Glücks- und Leidempfindungen im Seelenleben kommen, die vieles, sehr vieles bedeuten für die Art und Weise, wie sich der Mensch in das Leben hineinstellen kann, für die Art und Weise, wie er sich im Leben betätigen kann, und für die Art und Weise, wie er zum Heil oder Unheil seiner Mitmenschen in der Welt wirken kann. Und so möchte ich denn darauf hinweisen, wie der Mensch, wenn er zusammenfasst, was er sein geistiges Leben nennt, gewissermaßen die Ohnmacht dieses geistigen Lebens jeden Tag aufs Neue empfinden kann; wie gesagt, wenn er es auch nicht empfindet, so weist doch das Ergebnis dieser unbewussten Empfindungszusammenhänge in seinem Seelenleben darauf hin. Die Machtlosigkeit des geistigen Lebens fühlt der Mensch jederzeit, wenn er dieses geistige Leben sich ablähmen sieht, wenn er es hinuntersinken sieht in den Schlafzustand, und zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen dieses geistige Leben für ihn völlig wie in eine Art von unbekannter Welt versinkt. Da fühlt er dann gewissermaßen die Machtlosigkeit desjenigen vom geistigen Leben, das er imstande ist, innerhalb seines Erdendaseins durch seine eigene Seelenkraft festzuhalten. Der Lauf der Welt nimmt ihm dieses Seelenleben, nimmt ihm diese innere Geistesbetätigung jeden Tag einmal hinweg.
[ 3 ] Dann aber, wenn der Mensch mit einer gewissen Unbefangenheit beobachtet, wie er wieder aus dem Schlaf erwacht, wie er vielleicht mit dem Übergang durch das Traumleben, das er nur als ein Unwirkliches gegenüber der äußeren physischen Weltwirklichkeit ansehen kann, wieder so in sein physisches Erdendasein eintritt, dass er gewissermaßen sein Seelenwesen erkraftet mit alledem, was seine Leibesorganisation durchzieht, mit alledem, was in seinem Willen sich betätigt, dann fühlt der Mensch ein anderes, oder kann es wenigstens fühlen, dann fühlt er, wie das, was Geistesleben ist, abhängig wird von der physischen Leiblichkeit. Aber er fühlt zugleich, dass er nicht hinunterschauen kann in diese physische Leiblichkeit. Er fühlt, dass ihm gewissermaßen in seinem eigenen Wesen dieses Geistesleben versinkt, gewissermaßen in eine Art von Finsternis hineinversinkt, in die er nicht hineinschauen kann. Er fühlt, wie da von den Prozessen des Leibeslebens, von Nervenprozessen oder von anderen, dasjenige ergriffen wird, was er sein Geistesleben nennt. Er kann es nicht durchschauen, es entzieht sich ihm wie in einer Art innerer Finsternis.
[ 4 ] Was man so fühlen kann, wenn man so recht tief einzugehen vermag auf die Ohnmacht gegenüber dem Geisteswesen des Menschen, das möchte man vergleichen mit einer Art seelischer Atemlosigkeit. Und diese seelische Atemlosigkeit, sie kann sich mit alledem, was sie an Lebensungewissheiten enthält, über die ganze Seelenverfassung etwas wie eine innere, geistige Trübheit breiten und aus sich heraus entwickeln die große Lebensfrage: Was bin ich? Wozu bin ich da in dieser Welt?
[ 5 ] Und wiederum, wenn der Mensch sieht, wie sein Geistesleben untertaucht in der Leiblichkeit, gewissermaßen wie in einer Finsternis, so fühlt er geradeso, wie wenn ihm, wenn ich es mit etwas Leiblichem vergleichen soll, innerlich die Atemluft durch den Stoffwechsel verdorben würde. Er fühlt sich wie in einer Art seelischer Erstickung, oder er kann es wenigstens fühlen. Aber innerlich im Menschen ruhen eben diese beiden Pole der Unsicherheit und Ungewissheit. Und das hat es ja bewirkt, dass immerdar in der Menschheit nach dem Wesen dessen gesucht worden ist, was eigentlich das Geistige ist.
[ 6 ] Anthroposophie in dem Sinne, wie sie hier in meinen Vorträgen gemeint ist, sucht vom Gesichtspunkte des modernen Menschenbewusstseins aus sich dieser Geisteswelt zu nähern. Sie muss aber dabei sich wohl bewusst sein, was sich dem Menschen gar leicht — ich möchte sagen — vor die Pforte der geistigen Welt hinlagert, sodass er sie entweder nicht in der richtigen Weise oder aber gar nicht zu durchschreiten vermag. Denn es lagern sich vor die Tore der geistigen Welt hin zwei mächtige Feinde des inneren menschlichen Lebens: der Aberglaube auf der einen Seite mit allen seinen Wahngebilden, der Zweifel auf der anderen Seite. An dem Aberglauben leiden ja namentlich, trotzdem sie sich in ihm so glücklich fühlen, diejenigen, welche nicht sich auseinandersetzen wollen mit dem, was moderne Wissenschaftlichkeit gibt. Sie treiben dann aus der Willkür ihres inneren Seelenlebens allerlei Gebilde herauf, durch die sie sich das verständlich machen wollen, was für sie die geistige Welt ist. Ja, man kann in einer gewissen Beziehung — ich möchte sagen —, bei einer gewissen Oberflächlichkeit des Gemüts, sich befriedigen mit den Wahngebilden des Aberglaubens. Aber wenn man dann ein tätiger Mensch sein will oder muss, wenn man eingreifen will in das Leben, wenn einem die Erscheinungen in der Natur oder im Menschenleben begegnen, dann fühlt man, wie überall das, was die menschliche Seele an abergläubischen Wahngebilden hervortreibt, zerstäubt, und man kommt zu einer gewissen Unorientiertheit im Leben. Man findet sich nicht hinein in das Leben, weil man überall anstößt, das Leben wird voll von Ecken und Kanten, weil das, was sich in den Dingen offenbart, etwas anderes ist als das, was der Aberglaube aus der Seele heraufzaubert.
[ 7 ] Diejenigen wieder, die sich mehr in die moderne Wissenschaft hineingelebt haben, erziehen ihr Denken an den Erscheinungen der Außenwelt, an dem, was Beobachtung und Experiment dem modernen Menschen ergeben können. Aber sie finden dann oftmals, dass dieses Denken haften bleibt an dem, was die äußere Erkenntnisgrundlage ist, was die Sinne allein liefern. Dadurch kommen sie dazu, sich zu sagen: Ich kann dieses Denken nur anwenden auf das, was mir die Sinne sagen. Und sie finden dieses Denken gewissermaßen zu dünn, um irgendwie hinauszudringen aus der Welt der Sinne in eine Welt des Übersinnlichen, in eine Welt des Geistigen. Dann beschleicht sie der Zweifel. Dieser Zweifel lässt sich ausdenken, lässt sich vielleicht sogar logisch begründen. Leben aber lässt sich auf die Dauer mit dem Zweifel nicht, wenn man sich nicht durch allerlei Oberflächlichkeit und Illusion über ihn hinweghelfen will. Und tut man das Letztere, dann setzt sich der Zweifel tief hinunter ins Gemüt und durchsetzt auf den Wegen, die vom Gemüt in die Leiblichkeit führen, die physische Hülle. Der Mensch fühlt sich nach und nach durch die Einwirkung des Zweifels als ein Schwächling, und es kann dann sein, dass, je mehr er sich mit seiner Logik und seiner Wissenschaft in den Zweifel einspinnt, ihn umso mehr die Wirkungen des Zweifels im Leben ergreifen und er gewissermaßen — wenn der Ausdruck auch übertrieben erscheint, so hat er doch eine gewisse Berechtigung — in eine Art seelischer «Schwindsucht» hineinkommt, die ihn ungeeignet macht, sich voll in die Aufgaben des Lebens hineinzustellen. Und wenn er es nicht merkt, wie ihn der Zweifel auszehrt, dann merken es die anderen, und es kommt ihm zurück aus der Schätzung, die ihm im Leben wird, was der Zweifel aus ihm gemacht hat.
[ 8 ] So kann man tiefer hineinschauen in die Art und Weise, wie sich der Mensch stellt und stellen muss zu dem, was er die geistige Welt nennt. In unserer Zeit finden Menschen, die gerade zum Zweifel an einer unmittelbaren Einsicht, an einer unmittelbaren Erkenntnis der gesunden Urteilskraft des Menschen in die geistige Welt gekommen sind; sie finden entweder eine gewisse Beruhigung, indem sie sich zurückwenden oder gar nicht heraustreten aus dem, was ihnen geworden ist, zu und in allerlei alten traditionellen Weltanschauungen und Glaubensbekenntnissen. Viele haben eine gewisse Furcht, eine gewisse Scheu, herauszutreten aus dem, in das sie, als in alte Glaubensbekenntnisse hineingeboren oder hineinerzogen worden sind, weil sie fürchten, jenen Halt im Leben zu verlieren, indem ihnen ein Ausblick in die geistige Welt dadurch verloren geht.
[ 9 ] Andere wieder, die nicht festhalten können an dem, was sich durch unermesslich viele Kräfte der menschlichen Zivilisationsentwicklung an irgendwie gearteten Offenbarungen der geistigen Welt bis zu uns herauf fortgesetzt hat, machen heute merkwürdige Entwicklungen durch. Sie verzweifeln daran, dass der gesunde Mensch hineinschauen kann in die geistige Welt, und so machen sie sich an das heran, was auch Anthroposophie im Einklange mit wahrer Naturwissenschaft auffassen muss, aber in einer gewissen Hinsicht an den kranken Menschen. Sie machen sich heran an das, was ihnen durch allerlei mediumistische Künste geliefert werden kann. Sie halten sich an das, was gewisse Naturen in Visionen und dergleichen erschauen können. Was liegt da zugrunde? Man wird in jedem Falle, wenn man wirklich unbefangen zu Werke geht, sagen können, wie das Medium immer dadurch allein entstehen kann, dass die physische Organisation so ist, dass gewisse äußere Eindrücke durchbrochen, unterdrückt werden können, dass die tiefere physische Natur sich mehr regen kann, als sie es kann, wenn der Mensch seinen gesunden Sinneseindrücken hingegeben ist. Aus dem, was sich in einer gewissen Weise offenbaren kann, glaubt man, aus einer solchen unnormalen menschlichen Bertätigung allerlei zu erfahren über das, was sich im normalen Lebenszustande ihnen nicht offenbart, und was man dann ansieht als das Eingreifen einer anderen Welt in diese, unsere Welt. Etwas ist leicht nachzuweisen, dass in allen den Fällen, wo irgendetwas Visionäres in der menschlichen Seele anwesend wird, zugrunde liegt irgendeine Herabstimmung der menschlichen Organisation. Ohne dass man ins Pathologische hineintaucht, kann man sich das, was wie ein geistiger Inhalt visionär im Menschen auftaucht, durchaus nicht erklären. Und so sieht man denn, wie diejenigen heute, die daran verzweifeln, dass der normal sich betätigende Erkenntnismensch in die geistige Welt einzudringen vermag, sich wenden an den abnorm wirkenden Menschen.
[ 10 ] Diesen Dingen gegenüber verhält sich Anthroposophie so, dass sie durchaus ausgeht von dem seelisch und auch leiblich gesunden Menschen. Und als ich hier auseinanderzusetzen hatte, wie der Mensch durch gewisse seelische Übungen sonst im Leben und in der Wissenschaft schlummernde Erkenntniskräfte wecken kann, um in die geistige Welt einzudringen, da wurde die Voraussetzung gemacht, dass solche Übungen nur vorgenommen werden bei einer absolut vorliegenden seelischen und leiblichen Gesundheit. Mit den eben charakterisierten Richtungen, die genommen werden, um in die geistige Welt hineinzukommen, mit ihnen muss sich Anthroposophie in einer gewissen Weise auseinandersetzen, wenn sie ihr Verhältnis zur geistigen Welt besprechen will. Da kann man darauf hinsehen, dass gewisse geistige Inhalte, welche die Menschen mehr oder weniger als Offenbarungsinhalte heute entgegennehmen, vor allen Dingen wirken durch ihr ehrwürdiges Alter. Wir sehen ja heute auch, welchen Eindruck dieses ehrwürdige Alter solcher Offenbarungsinhalte auf den nach dem Geistigen suchenden Menschen macht. Wir sehen die Menschen zweifeln an den Wegen, die der menschliche Wissenschaftsgeist in die geistige Welt hinein nehmen kann.
[ 11 ] Und so wenden sie sich zurück an alte Zeiten der Menschheitentwicklung oder wenden sich hin zu dem, was aus solchen alten Zeiten noch in unsere Zeit hereinragt, um gleichsam nachzusehen, wie Menschen einmal durch ihre eigenen Erkenntniskräfte zu demjenigen gekommen sind, was in den traditionellen Religionsbekenntnissen als Weltanschauung vorliegt. Da kommt man denn gerade mit einem solchen übersinnlichen Schauen, wie ich es in meinen letzten Vorträgen entwickelt habe, zu einer außerordentlich bedeutsamen seelischen Entdeckung über die Entwicklung des menschlichen Geistesstrebens. Man sagt sich zuletzt: Wenn man unbefangen sich anschaut, was in den heute historisch vorhandenen traditionellen Bekenntnissen, an die sich Tausende und Abertausende von Menschen mit den tiefsten Bedürfnissen ihrer Seelen wenden, eigentlich vorliegt, so findet man, dass es doch zuletzt auf Erkenntniswegen beruht, die mit vielleicht ganz anderen Mitteln, als wir heute für richtig anschauen, Menschen einmal gegangen sind. Man darf sagen: Alles was man aus der geschichtlichen Entwicklung oder durch Tradition aufnimmt als Weltanschauung, aufnimmt durch — wie man sagt — den Glauben, alles das ist einmal angesehen worden als Erkenntnis. Alles das, was an übersinnlichen Behauptungen und Dogmen in unseren Bekenntnissen, in unseren Weltanschauungen, in unseren Philosophien aufgefunden werden kann, es ruht auf dem, was einmal Menschen aus sich selbst heraus gesucht haben auf Wegen, die zwar in einer gewissen Beziehung ähnlich sind den Wegen, von denen ich auch heute wieder als von den anthroposophischen werde zu sprechen haben, die aber doch in den früheren Zeiten grundverschieden waren. Aber man kann auch heute einiges für das Verständnis des Weges in die geistige Welt gewinnen, wenn man einmal den Blick zurückwendet zu den Wegen, die einmal in diese geistige Welten hinein gegangen worden sind.
[ 12 ] Nun möchte ich zwei Wege herausgreifen, die die Menschen einmal gegangen sind, beides Wege, die für uns abendländische Menschen heute durchaus ungangbar sind. Aber gerade wenn man sich klar vor die Seele stellt, wird man sehen, dass schließlich auch diese Wege aus derselben Gesinnung heraus entsprungen sind, aus der wir heute handeln, wenn wir durch Anthroposophie die geistige Welt suchen. Diese zwei Beispiele sind die alte indische Yoga-Praxis, durch die einmal ernste Geistessucher den Weg in die übersinnliche Welt zu gehen suchten, und weiter dasjenige, was man in den Zeiten, in denen sie nicht in der Dekadenz war, die Askese nennen kann, beides Wege, die — wie gesagt — nicht für unsere abendländische Menschheit geeignet sind, an deren Charakteristik man sich aber hinaufranken kann zum Verständnis auch des heute notwendigen Weges.
[ 13 ] Die alte Yoga-Praxis, worin bestand sie? Sie war unter anderem, das sie begleitete vor allen Dingen eine Art Regelung des Atmungs-Wesens des Menschen, eine solche Regelung des Atmungs-Wesens, dass der Mensch sich zum Zwecke der Erkenntnis nicht hingab der natürlichen Atmung, die ihm im gewöhnlichen Leben eigen ist, sondern dass er nach gewissen Gesetzen anders atmete. Was hat solches Yoga-Atmen eigentlich für ein Ziel? Was hat es für eine Bedeutung, dass man sich für eine Weile und immer wieder und wieder übend die innerliche Verpflichtung auferlegt, anders zu atmen, den Atem anders einzuziehen, ihn in einer gewissen Beziehung anders zu halten, als man das im gewöhnlichen Leben tut, und auch das Ausatmen wieder in einer absonderlichen Weise zu gestalten? Das hat den Sinn, dass man das Bewusstsein auf einen innerlichen menschlichen Vorgang lenkt, nämlich das Atmen, der sonst ganz oder wenigstens zum größten Teile unbewusst sich vollzieht. Ich möchte sagen, wir atmen im gewöhnlichen Leben selbstverständlich. Wir achten nicht auf das Atmen. In dem Augenblick aber, wo der indische Yoga-Schüler anders zu atmen beginnt, als das selbstverständliche Atmen ist, da wird die ganze Aufmerksamkeit seines Seelenlebens auf diesen Atmungsprozess gelenkt. Der Atmungsprozess wird für ihn etwas innerlich stark Erlebbares. Und was erlebt er zuletzt? Er erlebt den Zusammenhang zwischen dem Atmungsprozess und dem menschlichen Denken. Was da vorliegt, kann man abstrakt logisch in folgender Weise charakterisieren. Indem wir den Atem einziehen, stoßen wir ihn zugleich rhythmisch herauf in das Organ unseres Gedankenlebens, in das Gehirn- und Nervensystem. Der Atem durchwebt und durchwellt das, was im Gehirn vorgeht. Wir achten als moderne Menschen, wenn wir atmen, nicht darauf, wie der Atem den Denkvorgang durchflutet. Aber dieses Durchfluten will sich gerade der indische Yogi klarmachen. Er durchdringt das, was für uns das abstrakte Denken ist, mit der dichteren Strömung des Atems, die ihm bewusst wird. Dadurch verstärkt er auf Wegen, die sich ganz innerlich im menschlichen Organismus abspielen, sein Denken. Er erkraftet sein Denken, aber er belebt es auch. Was jetzt innerlich zu seinem Bewusstsein kommt, ist ein anderes Denken als das, was im alltäglichen Leben abläuft.
[ 14 ] Dieses Denken des alltäglichen Lebens erscheint dem, der eine solche Yoga-Praxis durchgemacht hat, wie uns sonst der Leichnam eines Menschen gegenüber dem lebendigen Menschen erscheint. Tot erscheint das gewöhnliche abstrakte oder auch mit den Sinnesempfindungen verbundene Denken gegenüber dem innerlich lebendigen Denken, das durch eine solche Erkraftung für das Bewusstsein gewonnen wird. Dann aber schaut der, der solche Übungen eine gewisse Zeit lang immer wieder und wieder gemacht hat, durch sein erkraftetes Denken tiefer hinein in die Welt. Und weil jetzt sein Denken durch diese Erkraftung so stark geworden ist, wie sonst nur unsere Sinneswahrnehmungen sind, wenn wir zum Beispiel die Augen nach außen richten, die Farbenwelt wahrnehmen und sie einen intensiven Eindruck auf uns macht, oder wenn wir die Töne wahrnehmen durch unser Ohr, so schaut er, weil das Denken jetzt dieselbe Kraft wie die Wahrnehmung gewonnen hat, aber nun mit dem Denken nicht die äußere Welt sieht — doch aber Welt erlebt, so schaut er jetzt die geistige Welt. Was auf diese Weise erschaut worden ist aus den geistigen Welten von Einzelnen, die eine solche Yoga-Praxis durchgemacht haben, das ging dann ein in die Zivilisationsentwicklung der Menschheit. Und manche von denen, die heute dies oder jenes annehmen, was ihnen traditionell-historisch übermittelt ist als Weltanschauung, sie nehmen es an, ohne zu wissen, dass es der menschlichen Geistesentwicklung einverleibt ist von den Ergebnissen dieser Yoga-Praxis aus. Man kann sagen: In allen Weltanschauungen, selbst in denen, die sich philosophische Gewissheit zuschreiben — wenn man nur richtig innerlich seelisch-historisch betrachten kann —, entstammt manches von dem, was der heutige Mensch so annimmt, gerade aus demjenigen, was einmal auf dem charakterisierten Wege in das menschliche Bewusstsein eingeflossen ist.
[ 15 ] Dadurch, dass das Denken in dieser Weise zu einem lebendigen gemacht worden ist, erkundet der Mensch etwas über das Ewige seines Wesens, erkundet etwas darüber, dass er als geistig-seelisches Wesen vorhanden war, bevor er aus geistig-seelischen Welten heruntergestiegen ist in das, was ihm im Leibe der Mutter aus der physischen Welt heraus als sein physisch-leiblicher Organismus entwickelt worden ist. Mit jenem Denken, das uns eigen ist, ohne dass irgendeine Schulung durchgemacht wird, die das Denken erkraftet, die es belebt, nimmt man nur dasjenige am Menschen eben wahr, was zwischen Geburt oder Konzeption und dem Tode verläuft. Mit dem erkrafteten und belebten Denken nimmt man dasjenige am Menschen wahr, was sein eigenes, ewiges Wesen ist, was leben kann, auch ohne in einem physischen Leibe zu sein, und was sich auch dem belebten Denken sogleich ankündigt als das, was vor dem Beginn unseres physischen Lebens als geistiges Wesen in einer geistigen Welt gelebt hat. Anschaulich erlangt man Kunde von der Geistnatur und dem geistigen Vorleben des Menschen.
[ 16 ] Dies ist der eine Weg. Er hat zunächst dazu geführt, dass seine Anhänger vor allem auf das hingeschaut haben, was die Präexistenz des Menschen genannt wird gegenüber seinem Erdenleben. Und die sich mit einer gewissen Einseitigkeit der Yoga-Praxis hingegeben haben. Sie erlangten dadurch eine Anschauung desjenigen Daseins, in dem der Mensch geistig-seelisch vorhanden war vor der Geburt beziehungsweise der Konzeption. Sie sprachen von diesem Teil des Menschendaseins als von etwas Selbstverständlichem. Und sie besiegten dadurch jene Ohnmacht, die der Mensch gegenüber dem Geistigen empfinden muss, wenn er es alltäglich hinuntertauchen sieht in den Schlafzustand. Dem belebten Denken entzieht sich das nicht, was da im Schlafe unbewusst wird. Denn was dem Schläfer da unsichtbar wird, das durchwebt sich gewissermaßen mit innerer geistiger Lebendigkeit, aber so, dass es hinausreicht über Geburt und Tod und sich ankündigt als das, was gestaltend wirkt am menschlichen Organismus — und gestaltend wirkt es schon vom Zeitpunkt der Konzeption an —, sodass es nicht aufgefasst werden kann als ein Ergebnis des menschlichen Organismus, sondern aufgefasst werden muss als das, was untertaucht und eintaucht in diesen Organismus als sein ewiges, geistig-seelisches Wesen.
[ 17 ] Eine andere Richtung ist die, welche nun wieder gewisse Menschen verschiedener Kultur-Zeitalter dahin geführt hat, das Wesen einer geistigen Welt zu durchschauen, die aber nach der anderen Seite des Lebens hin Licht verbreitete. Wie gesagt, die Sache ist vielfach dann in eine gewisse schädliche Richtung gekommen. Aber man kann gerade mit anthroposophischer Wissenschaft zurückschauen auf Zeiten, wo die Askese — die meine ich jetzt — noch nicht in ihre schädlichen Strömungen hinein ausgeartet war, wo sie noch nicht eine gewisse geistige Koketterie war, sondern wo sie darstellen sollte den ehrlichsten Erkenntnisweg gewisser Seelensucher. Die Askese besteht darin, dass der Mensch in gewissem Sinne herabstimmt, herablähmt — könnte man sogar sagen — seine gewöhnlichen Lebensfunktionen, dass er das unterdrückt, was sonst im gewöhnlichen Leben aus seinen Instinkten, Trieben und Leidenschaften heraufquillt und heraufwellt in sein bewusstes Leben, dass er aus voller innerer Seelenkraft gewissen inneren Regungen, die mit dem Organismus und der Organtätigkeit zusammenhängen, für eine Weile Stillstand gebietet, dass er sogar seinen Körper dazu erzieht, für eine Weile einen ruhigeren Gang einzuhalten in Bezug auf die leiblich-physischen Funktionen und das, was mit diesen zusammenhängt: die Triebe, Begierden und Leidenschaften. Was lag da zugrunde? Es lag da zugrunde eine durch die Erfahrung erworbene Einsicht. Denn diese Asketen kamen eben zu gewissen Einsichten, und indem sie dazu kamen, wussten sie, was ihnen die Askese eben ist. Sie kamen zu der Einsicht, dass unser physischer Leib zwar der rechtmäßige Träger ist für alles, was wir zwischen Geburt und Tod erleben sollen, dass er aber ein Hindernis ist für die Wahrnehmung der geistigen Welt, und dass alles dasjenige, das Wesen der geistigen Welt in das Bewusstsein heraufkommen lässt, was in der angedeuteten Weise herabstimmend wirkt auf die Äußerungen dieser Leiblichkeit. Diejenigen, die auf diese Art gewissermaßen das leibliche Hindernis für das Hineinschauen in die geistige Welt hinweggeräumt haben, sie blickten mehr nach der anderen Seite der menschlichen Ewigkeit. Sie blickten zu demjenigen Lebenstore hin, das der Mensch zu durchschreiten hat, wenn er seinen physischen Leib ablegt, indem er durch den Tod geht, wenn er mit seiner ewigen Wesenheit wieder in die geistige Welt eingeht. Sie richteten weniger den Blick auf die Präexistenz des menschlichen Daseins, sondern mehr auf jenes Leben, das der Mensch antritt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist.
[ 18 ] So habe ich Ihnen diese zwei Beispiele angeführt, um daran zu zeigen, wie in anderen Zeiten die Menschen aus gewissen Untergründen heraus zu Erlebnissen, zu Anschauungen über die geistige Welt gekommen sind. Wir aber stehen heute einer Weltentwicklung, einer Kulturentwicklung, einem Zivilisationsleben gegenüber, das vor allen Dingen zur Außenwelt in das richtige Verhältnis kommen muss. Diejenigen, die entweder durch die indische Yoga-Praxis oder aber durch die Askese sich Anschauungen über die geistige Welt erworben hatten, machten sich ja in einer gewissen Weise untauglich für das äußere Leben. Dadurch, dass der Mensch die geschilderte Yoga-Atmungspraxis durchmacht, stimmt er sich so, dass er außerordentlich fein in Bezug auf seine Sensitivität wird, außerordentlich leicht alles empfindet, was in seiner Umgebung vorgeht. Er bekommt dadurch die Neigung, sich vor dem äußeren Leben zurückzuziehen, wie die Schnecke, wenn ihre Fühlhörner berührt werden, sich von der Außenwelt in ihr Haus zurückzieht. So sehen wir denn auch, dass die, die zu wirklichen Anschauungen über die geistige Welt kamen, sich zurückzogen und in Einsiedeleien lebten, indem sie eben wenig Rücksicht nahmen auf das Zusammenleben mit der äußeren Welt. Dasselbe finden wir bei denjenigen, die durch Askese in Zusammenhang kommen mit der geistigen Welt. Sie machen ja Übungen durch, die auf ein Herabstimmen der Vorgänge und der Kräfte ihrer Leiblichkeit abzielen, und sie machen dadurch die Leiblichkeit untauglich, in das robustere Leben der Außenwelt einzugreifen. Wiederum werden auch diese geführt zu einer gewissen Untauglichkeit, einzugreifen in das äußere Leben. Aber wiederum war es für diese Menschen notwendig — aus Gründen, die jetzt nicht hierhergehören —, dass sie sich einem Erkennen der höheren Welten hingaben, damit dann die anderen, die mehr durch Autorität dasjenige annahmen, was solche Kundigen ihnen offenbaren konnten, dieses dann eben hinnahmen auf Treu und Glauben und dasjenige im äußeren Leben verrichteten, was die zurückgezogenen Einsiedler nicht verrichten konnten. Ein solches Verhalten aber widerspricht sowohl unserer heutigen Erkenntnis wie auch den Anforderungen des modernen Lebens.
[ 19 ] Wir Menschen, die nicht wie die ursprünglichen Yogi-Gelehrten oder wie die ehemaligen Asketen vor dem Kopernikanischen oder Galileischen Zeitalter leben, sondern die wir in dem Zeitalter leben, in welchem eine reich ausgebildete Naturwissenschaft unser ganzes äußeres Leben verändert hat und von uns verlangt, dass wir, wenn wir Erkennende sein wollen, auch wissen müssen, wie wir tatkräftig ins Leben eingreifen können, wir müssen uns heute darüber klar sein, dass es uns als Menschen der Gegenwart nicht mehr möglich ist, auf die geschilderten Arten in die geistigen Welten einzudringen. Das aber hindert nicht, dass auch der moderne Mensch den Weg in die übersinnliche Welt finden kann, wenn er — wie ich dies schon früher angedeutet habe — gewisse Dinge vornimmt, die nichts mit Atmungspraxis zu tun haben, sondern die im Meditieren und Konzentrieren bestehen, wodurch der Mensch sein Denken beleben kann. So ist das eben ähnlich demjenigen im inneren Erleben, was auch der Yoga-Praktiker erlebte. Oder wenn ich das schildere, was der Mensch an gewissen Willensübungen durchmachen kann, die darauf ausgehen, sein Selbst zu erziehen, seine eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen, diese oder jene Gewohnheiten mit aller Kraft abzulegen, anderes in Bezug auf Seelenverfassung oder auch Lebensgesinnung sich anzueignen, dann kann das, was der Mensch durch eine Erkraftung seines Willens in dieser Art erlebt, eine gewisse Ähnlichkeit haben mit dem, was die alten Asketen erlebten. Aber es geht nicht darauf aus, die Leiblichkeit zu schwächen, sondern es besteht vielmehr darin, dass sie in ihrer vollen Tüchtigkeit und Tauglichkeit für das äußere Leben bleibt.
[ 20 ] Was aber erringen wir, wenn wir auf der einen Seite durch Meditation und Konzentration unser Denken in einem der Gegenwart angemessenen Sinne beleben? Wir erringen etwas, was sich, auch in der Erkenntnis, nicht zurück[zu]ziehen braucht von der äußeren Welt, was gerade zur äußeren Welt ein ganz bestimmtes Verhältnis erlangt, ein Verhältnis, das durchaus im Einklange steht mit dem, was wir auf einer niedrigeren wissenschaftlichen Stufe gewohnt sind, heute als unsere Betrachtungsmethoden für die äußere Natur anzuwenden. Ich will in dieser Richtung ein Beispiel anführen, ein Beispiel dafür, was aus unserem Denken durch rein gedankliche Belebung, durch innere seelische Erkraftung dieses Denkens werden kann gerade gegenüber der äußeren Welt.
[ 21 ] Einen großen Teil unserer heutigen Anschauungen über die Lebewesen, über den Zusammenhang zum Beispiel der Tiere mit dem Menschen, haben wir ja dadurch gewonnen, dass wir die einzelnen Organe, zum Beispiel der höheren Tiere oder der Tiere überhaupt, vergleichen mit den entsprechenden Organen des Menschen. Wir vergleichen auch anderes, zum Beispiel die Blutzusammensetzung und dergleichen. Wir bilden uns dadurch eine Anschauung darüber, wie zusammenhängen könnte, verwandt sein könnte die menschliche Organisation mit dem, was uns zum Beispiel in der Organisation der höheren Tiere entgegentritt. Aber da ist ein Eigentümliches. Was ich jetzt sagen werde, ist vielleicht etwas subtil, aber der ganze moderne Erkenntnisweg in die übersinnlichen Welten ist ja etwas Subtiles und muss durchaus in seinen Einzelheiten und Eigentümlichkeiten betrachtet werden. Nehmen wir an, ein unbefangener Betrachter der höheren Tierwelt verschaffe sich eine Anschauung — eine gedankliche Anschauung, nicht bloß eine äußere Sinnesanschauung — von einem höheren Tiere, und er verschaffe sich dann auch eine gedankliche Anschauung von der Gestalt, von der Gliederung der menschlichen Organisation. Er kann die Verwandtschaft zwischen beiden sich vor die Seele stellen. Aber würde man jetzt von einem solchen Betrachter das Folgende verlangen, so würde er sogleich bemerken, wie tot, wie unlebendig, wie abstrakt eigentlich sein Gedankenleben ist. Der Mensch tut das nur nicht im gewöhnlichen Leben und in der gebräuchlichen Wissenschaft, und daher wird er nicht gewahr, wie unlebendig sein Beobachten und sein Denken ist. Nehmen wir an, er habe sich mit Bezug auf die höheren Tiere eine Vorstellung über ihre äußere Organisation und so weiter gebildet. Da kann er, wenn er diese Gedanken lebendig machte, nicht fortschreiten und aus dem lebendigen Gedanken der Organisation der höheren Tiere nun den Gedanken der menschlichen Organisation schöpfen. Er kann nur dadurch eine Verwandtschaft zwischen beiden finden, dass er zuerst den Gedanken des höheren Tieres sich bildet, darauf den des Menschen und dann beide in Zusammenhang bringt. Aber lebendig hervorgehen lassen den Gedanken des Menschen aus dem des höheren Tieres, das kann er nicht. Sein Denken hat nicht diese innere Lebendigkeit. Wir kennen diese Lebendigkeit, indem wir darauf hinschauen, wie wir wachsen, den täglichen Stoffwechsel vollziehen und so weiter. Aber unsere Gedanken stehen nebeneinander. Wir können nicht den Gedanken der menschlichen Organisation herauswachsen lassen aus dem Gedanken der tierischen Organisation, wie etwa im Menschenkeim während der Embryonalzeit die einzelnen Organe herauswachsen aus dem mehr undifferenzierten menschlichen Organismus. Wir haben im gewöhnlichen Leben kein lebendiges Denken, und unser ganzes Denken trägt für die gebräuchliche Wissenschaft wie für das gewöhnliche Leben dieses Gepräge. In dem Augenblicke nun, wo man Seelenübungen macht, die das Denken innerlich erkraften, wird das Denken lebendig, und man gelangt dazu, dass man mit diesen lebendigen Gedanken sich innerlich erlebbar macht die Gestaltung eines höheren Tieres, indem man darauf eingeht, wie das höhere Tier die Hauptrichtung seiner Organisation horizontal trägt, der Mensch dagegen sie vertikal trägt, wie der Mensch seine Arme entreißt der Aufgabe, die sie beim Tiere haben. Um das zu können, muss der Mensch ein inneres Verhältnis bekommen zu dem, wozu er im gewöhnlichen Denken kein Verhältnis hat.
[ 22 ] Denn — sehr verehrte Anwesende —, in Bezug auf die äußere Natur denken wir vielfach anders, weil wir da mit dem toten Denken auskommen, als wir über die menschliche Natur, überhaupt über die lebendige Natur denken. Wir schauen uns zum Beispiel eine Magnetnadel an, die um ihre Achse drehbar ist, und finden, dass sie eine besonders ausgezeichnete Richtung hat, die nach dem magnetischen Nordpol einerseits, nach dem magnetischen Südpol andererseits hinweist. Wir bringen es dadurch zu der Vorstellung, dass die magnetische Nord-Süd-Richtung im Raume etwas Auszeichnendes hat gegenüber den anderen Richtungen. Wir differenzieren den Raum, der uns sonst unterschiedlos erscheinen würde. Hat man nun das lebendige Denken entwickelt, so wird einem ebenso belebbar die Vertikalrichtung, die sich der Mensch aneignet, indem er die tierische Organisation, die in einer ganz anderen Richtung orientiert ist, in die Vertikalrichtung hineinbringt. Man lernt auf diese Weise miterleben die Welt, der ganze Raum wird einem dadurch lebendig. Dadurch aber kann man dann übergehen von dem lebendigen Gedanken der tierischen Organisation zu dem lebendigen Gedanken der menschlichen Organisation. Der Gedanke der menschlichen Organisation wächst selbst aus dem lebendigen Gedanken der tierischen Organisation heraus. Man sieht: Indem man die Erscheinungen der Außenwelt betrachtet, wird das Denken lebendig. Beim indischen Yogi wurde es auch nur dadurch lebendig, dass er in eine Beziehung zur geistigen Welt kam, nur gelangte er nicht in ein solches Verhältnis zur äußeren Welt, wie wir es in unserem Erkenntnisprozess brauchen.
[ 23 ] Wenn in dieser Weise die Möglichkeit entwickelt wird, die Welt gedanklich als ein Lebendiges sich zum Bewusstsein zu bringen, so würde doch damit noch immer nicht für den Menschen verbürgt sein, dass man es da mit einer Realität, mit einer Wirklichkeit zu tun habe. Was man als lebendiges Denken entwickelt, das könnte immer noch eine bloße Phantasie sein. Man muss ein Kennzeichen dafür haben, dass man es nicht mit einer bloßen Phantasie, sondern mit etwas zu tun hat, das, indem es in unserem lebendigen Denken lebt, zugleich draußen in den Dingen selber lebt, sodass der Gedanke, den ich als lebendig erlebe, dasjenige darstellt, was draußen in den Wesen der Natur selbst lebt. Dieses Kennzeichen ergibt sich für den, der in der Art, wie ich es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» oder in anderen Büchern dargestellt habe, den Erkenntnisweg zum lebendigen Gedanken geht. Ihm ergibt sich die Realität des lebendigen Gedankens einfach dadurch, dass man, wenn man ihn hat, das Hegen, das Erleben dieses lebendigen Gedankens bei jedem Schritt, den man innerlich unternimmt im Leben, einen seelischen Schmerz, ein Leid erlebt. Ja, wirkliche höhere Erkenntnis ist nicht ohne seelischen Schmerz, ohne seelisches Leid zu erlangen. Und was deutet dieses Leid, dieser Schmerz an?
[ 24 ] Nun, dieser Schmerz und dieses Leid ist ja nichts anderes als das, was sich dadurch ergibt, dass unser ganzer Organismus, dieses unser ganzes Menschenwesen durch und durch innerlich so empfindlich wird, wie sonst nur die Sinne empfindlich sind. An die Empfindlichkeit der Sinne sind wir gewöhnt; sie machen uns keine Schmerzen mehr, trotzdem auch in den Sinnen — zum Beispiel in den Augen — Prozesse vor sich gehen, die, wenn wir überhaupt eine Schmerzempfindung für solche Prozesse hätten, uns eben als Schmerzprozesse vorkommen würden. Wir haben für diese Prozesse die Schmerzempfindung nicht. Wenn aber unser ganzer Organismus durch die angedeuteten Übungen zu einem Gesamt-Sinnesorgan wird, dann empfinden wir dies zunächst als Schmerz, als innerliches Seelenleid. Daher muss man immer wieder und wieder sagen: Der, der Freude erlebt, Lust erlebt, er kann ja dem Leben dankbar sein für diese Freude und diese Lust. Erkenntnisse in einem tieferen Sinne werden ihm dadurch nicht. Wer sich ein wenig Erkenntnisse angeeignet hat, der weiß, wie viel er davon den Leiden und Schmerzen verdankt, die ihm schon das gewöhnliche Leben gegeben hat; sodass ihn diese Leiden und Schmerzen vorbereitet haben, um nun in innerlicher Selbsterziehung zum lebendigen Denken, auch die Leiden und die Schmerzen zu erfahren, die eben dieses lebendige Denken dem Menschen bereitet, weil er eben in die äußere Welt hineingestellt ist. Dadurch, dass wir die Wirklichkeit im Leiden erleben, dadurch erleben wir die geistige Welt, die wir jetzt mit dem lebendigen Gedanken erfassen, mit demselben Grade von Wirklichkeit, mit dem wir durch unsere Sinne die sinnliche Welt erleben. Dadurch werden wir ganz geistiges Sinnesorgan, wenn ich diesen paradoxen, in sich widersprechenden, aber sehr realen Ausdruck gebrauchen darf, und nur als ganzer Mensch können wir das werden. Dann nehmen wir die geistige Welt in ihrer Wirklichkeit wahr. Dann wissen wir, wie der lebendige Gedanke ebenso eine Wirklichkeit ist, wie wir im gewöhnlichen Leben zu unterscheiden wissen ein Stück heißes Eisen, das wir mit den Fingern wirklich erfassen, von einem solchen, das wir bloß in einer Phantasie-Vorstellung uns vor die Seele stellen.
[ 25 ] So gehören zur Erfassung der höheren, übersinnlichen Welt diese zwei Dinge zusammen: dass der lebendige Gedanke im Menschen erlebt wird, und dass durch inneren, seelischen Schmerz sein ganzes Wesen von innerer Empfindbarkeit durchsetzt wird. Der Gedanke muss lebendig werden — der ganze Mensch muss ein Empfindungswesen werden für diejenigen Augenblicke seines Lebens, wo er eine Beziehung suchen will zur geistigen Welt. Wir sehen, als moderne Menschen bleiben wir ganz im Seelischen. Wir wenden uns weder an jenen Prozess, der das Bewusstsein erkraftet durch ein geregeltes oder ein irreguläres Atmen. Wir wenden uns auch nicht an den Vorgang, der unsere Leibesfunktionen herablähmt. Wir bleiben mit unseren Übungen ganz im Seelischen, aber auf einer anderen Stufe bilden wir dasselbe aus, was durch die Yoga-Praxis und durch die Askese für das Schauen der höheren Welt ausgebildet wurde. Wir bilden diese höheren Erkenntnisse aus und bleiben dennoch Menschen, die sich voll dem robusten Leben entgegenstellen können, die sich weder als Erkenntnismenschen noch als Tatmenschen zurückziehen müssen in die Einsiedelei. Woran liegt das? Wir führen ja nur innerliche Seelenübungen aus, kommen aber dadurch doch zu dem erkrafteten Gedanken, der von dem indischen Yogi nur dadurch erkraftet wurde, dass er die stärkere Strömung hineinströmen ließ in die andere des Atmens. Und wir gelangen auf der anderen Seite rein innerlich seelisch zu dem, was nun doch in einer gewissen Weise wird zu einer Art Herabstimmung der physischen Vorgänge. Aber wir haben beides nun in der Hand. Wir haben in der Hand, dass zum Beispiel das Leiden ein bloß seelisches bleibt und wir jederzeit, wenn wir aus dem Schlaf erwachen, zurückkehren können zu unserer gesunden Seelen- und Leibesverfassung. Denn das muss immer wieder hervorgehoben werden, dass es bei den anthroposophischen Methoden darauf ankommt, dass wir aus jenem Zustande, der uns in die geistige Welt hineinführt, in denjenigen Zustand zurückkehren können, wo wir mit beiden Füßen auf der Erde stehen.
[ 26 ] Wenn man aber dazu gelangt ist, in dieser Weise das Denken belebt zu haben, dann weiß man, dass man etwas ganz anderes hat, als einmal die vielverspottete Naturphilosophie hatte. Oken, Schelling, sie kamen auch zu einem lebendigen Denken. Und wer heute die Werke Schellings liest, der merkt, dass in ihnen etwas ist, was nicht toter Gedanke, was lebendiger Gedanke ist. Aber was Schelling nicht ausspricht, das ist, wodurch sein lebendiges Denken ein anderes ist als das bloße Bild eines solchen Denkens. Es ist anders durch das, was ich hinzugefügt habe, was bezeugt, dass wir mit unserem ganzen Wesen ein Sinnesorgan geworden sind: die Schmerzen, die Leiden, die man als eine Notwendigkeit erkennt, wenn höhere Erkenntnisse im Menschen eintreten sollen. Daher — kann man sagen — gibt eine solche Erkenntnis, wie sie bei Schelling da zu sein scheint, nur eine Art innerer seelischer Wollust, während es mit derjenigen Erkenntnis, die ich meine, recht ernst wird, wenn die Frage entsteht: Wie soll man sie ertragen?
[ 27 ] Und noch ein anderer Unterschied tritt auf gegenüber der anthroposophischen Erkenntnis und der Schelling’schen. Man ist gewohnt, wenn man sich Erkenntnisse erwirbt durch die gewöhnliche Wissenschaft oder die spekulative Philosophie; man hat sie einmal, und sie bleiben, indem sie Gedächtnisvorstellungen werden. Ich möchte sagen: So gut hat man es mit der anthroposophischen Geisteserkenntnis nicht, denn sie ist ein Lebendiges. Hat man sich über ein gewisses Gebiet der Welt in der angedeuteten Weise die Möglichkeit verschafft, in das Geistige hineinzuschauen: Man kann ein noch so starkes Erleben und ein noch so kräftiges Anschauen in einem bestimmten Momente haben — nach kurzer Zeit ist es verglommen, wie ein verglommener Traum. Und will man es wieder lebendig haben, so muss man es wieder in sich erwecken, denn man ist eben eingetreten in die Sphäre des Lebendigen. Und wie niemand in der Sphäre des Lebendigen sagen kann, dass das Vorhergehende manches Nach-ihm-Kommende unnötig mache — zum Beispiel, dass man, wenn man vor acht Tagen einmal gegessen hat, deshalb nun nach acht Tagen nicht zu essen brauche —, so ist es auch hier: dass man die Erkenntnis, die man sich im geistigen Leben erworben hat, immer wieder neu erringen muss. Das gibt dem Seelenleben eine gewisse Verfassung gegenüber der übersinnlichen Welt, die Verfassung, dass das Geistige sich dadurch lebendig zeigt, dass es auch immer wieder durch die lebendigen Kräfte erfasst werden muss, um für das Bewusstsein da zu sein. Kurz, man lebt sich hinein in die übersinnliche Welt, indem man die Wirklichkeit dieser geistigen Welt zugleich erlebt, so wie man sich durch die Sinne in eine Wirklichkeit hineinlebt.
[ 28 ] Dann aber, wenn man dieses lebendige Denken, durchkraftet von innerer Empfindbarkeit und innerer Empfindungsmöglichkeit, in sich entwickelt hat, dann steht man auch dem Menschen, den man dann vor sich hat, nicht mehr so gegenüber wie mit dem toten Denken. Beim toten Denken liegt ja die Eigentümlichkeit vor, dass wir diesen Menschen vor uns haben, uns gewisse Vorstellungen von ihm machen, die wir dann in uns weitertragen. Aber alle diese Vorstellungen ragen nicht hinaus über den Raum, den der Mensch mit seiner Haut umschließt. Schauen wir dagegen mit dem lebendigen Denken den Menschen an, so fügt sich uns zu der physisch-sinnlichen Anschauung des Menschen ein geistiger Mensch hinzu, der wiederum in sich gegliedert ist. Wir schauen den Menschen in seiner physischen Gestalt an. Diese aber erscheint uns wie eingeschlossen in einer geistigen Hülle, und diese geistige Hülle weist uns zurück auf frühere Erdenleben. Wir schauen, wie das gegenwärtige Erdenleben, in dem sich die jetzige Gestalt auslebt, eine Wiederholung des früheren Erdenlebens ist. Und man kommt weiter dazu, den Menschen so zu erschauen, dass man das erkennt, was er in der Zeit von dem früheren Tode bis zu dem Beginn seines jetzigen Erdendaseins in der geistigen Welt erlebt hat. Wir schauen hin auf das geistig-seelische Wesen des Menschen, wie es war vor dem Herabsteigen in die physische Erdenwelt, und sehen, wie da die Tätigkeit des geistig-seelischen Wesens, das noch keinen Leib hat, sich entfaltete, wie sie darauf hingerichtet ist, dasjenige mit einem vollen, und zwar jetzt geistigen Bewusstsein zu durchdringen, was gerade die Geheimnisse der menschlichen Leiblichkeit sind. Wir werden jetzt gewahr, welchen tiefen Sinn es hat, zu sagen: Der Mensch ist eine kleine Welt. Denn diese kleine Welt ist nur dem Raume nach klein gegenüber der großen Welt des Kosmos. Sie enthält nicht nur die Geheimnisse des Kosmos. Sie enthält weit mehr, als man mit den gewöhnlichen Augen im Kosmos schauen kann, wie wir mit dem Intellekt den äußeren Kosmos überschauen und unsere Blicke in ihn hineinrichten, damit wir ihn erkennen oder handelnd in ihm auftreten können. So sind die Blicke des Menschen, indem er als geistig-seelisches Wesen vor der Empfängnis in einer geistigen Welt lebt, auf die menschliche Organisation gerichtet, auf den Menschen, wie er hier mit seinem geistig-seelischen Wesen eingeschlossen ist in seiner Haut. Das ist die Welt, die man durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und auf diese Welt schauen wir hin durch das, was — wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf — wir wie eine geistige Aura am Menschen und durch den Menschen hindurch sehen, und was uns hinweist auf diejenige Welt, die er vor seinem Erdendasein durchlebt hat.
[ 29 ] Und wir schauen hin auf jene andere Gliederung, durch die sich uns ausspricht, wie der Mensch als Handelnder vor uns auftritt. Wenn wir mit dem gewöhnlichen Intellekt beobachten, wie der eine Mensch etwa einem anderen im Leben begegnet, dann schreiben wir es vielleicht dem sogenannten Zufall zu, wenn wir merken, diese Begegnung hat eine tiefere Bedeutung für den Menschen. Wenn wir merken: Diese Begegnung ist vielleicht dadurch, dass diese beiden Lebensgefährten werden, ausschlaggebend für ihr ganzes Erdenleben, so schreiben wir es vielleicht doch nur einem Zufall zu, dass sich diese beiden gefunden haben. Schauen wir aber mit dem erkrafteten, seine Wirklichkeit verbürgenden Denken darauf hin, dann erkennen wir, wie wenn das ganze Leben dieser beiden Menschen sich mit einem gewissen Zauber bewegt hätte, und dass der eine dadurch zuletzt in den Gesichtskreis des anderen getreten ist, weil ihm der andere sympathisch war. Es wird zur Gewissheit, was sinnige Menschen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, sich sagen, wie es zum Beispiel Goethes Freund Knebel ausdrückte: Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dann scheint es mir so, als wenn ich es aus unbewussten, inneren Wünschen gewollt hätte. Es zeigt sich, wie wenn das, was da heraus will im Schicksal des Menschen, uns zusammenbindet in unserer inneren Wesenheit mit dem Wesen des anderen.
[ 30 ] Da kommen wir zu dem, was die alten Asketen, die Yoga-Menschen, das Karma nannten, wie sich das Schicksal im Zusammenhange mit den aufeinander folgenden Erdenleben entwickelt. Das erscheint heute manchem Menschen noch paradox. Wer aber das ernst nimmt, wie die Wirklichkeit des lebendigen Denkens verbürgt werden kann, der wird sich doch eine Vorstellung bilden von dem Zusammenhange des menschlichen Schicksals mit dem, was man als höhere, übersinnliche Erkenntniskräfte ausbildet. Geradeso wie man sagen kann, dass dem Blindgeborenen unbekannt ist, was in der Welt der Farben lebt, dass aber deshalb die Farbenwelt nicht abgeleugnet werden darf, so erscheint für eine höhere Erkenntnis der Zusammenhang des menschlichen Schicksals mit wiederholten Erdenleben nicht im Widerspruche zur menschlichen Freiheit. Wenn man auf die menschliche Freiheit sieht, so könnte es scheinen, als ob sie mit einer solchen Anschauung vom Karma und von den wiederholten Erdenleben nichts zu tun habe. So ist es aber nicht. Denn ich bin zum Beispiel nicht dadurch unfrei, dass ich mir in diesem Jahre ein Haus baue und im nächsten Jahre darin einziehe. Ebenso wenig aber bin ich dadurch unfrei, dass ich gewisse Kräfte in mir ausbilde, und dass diese dann ihre Wege im Erdenleben suchen. Es bleibt auch dabei, wie beim Bau eines Hauses, immer noch die Freiheit des Menschen bestehen. Aber man sieht durch eine solche Erkenntnismöglichkeit darauf hin, wie das, was das menschliche Handeln ist, das zweite Glied der menschlichen Aura ist. Und man erlangt dadurch eine Erkenntnis desjenigen von uns, was unaufhörlich wirkt, indem der Mensch sich in der physischen Welt betätigt. Darin leben jetzt nicht nur die gewöhnlichen Erkenntniskräfte, sondern dasjenige, was er zum Beispiel sonst verspüren kann in Bezug auf seine Verdauung. So erschaut der Mensch jetzt das, was er von Tag zu Tag erlebt, was sein Leben bereichert, wodurch er immer größer und größer wird — im geistigen Sinne ist das jetzt natürlich gemeint — und was dann in die geistige Welt durch den Tod geht: Er erschaut das Geheimnis des Todes.
[ 31 ] Das ist der anthroposophische Weg in die geistige Welt. Und dieser Weg macht auch erklärlich, weshalb die, die ihn nicht gehen wollen, ihn nun so verdammen, wie man es heute erlebt. Sie haben eine unbewusste Scheu vor dem, was einmal in einer höheren Erkenntnis überwunden werden muss, vor dem Leiden, vor dem, was die menschlichen Funktionen in eine gewisse Ruhe bringt, aber in eine Ruhe, die unter einer inneren Herrschaft steht. Sie sehen es daher lieber, wenn man aus einer herabgestimmten Leiblichkeit, wie beim Medium, herauftauchen sieht die Visionen und so weiter, die aber keinen Erkenntniswert haben. Während ein Erkenntniswert dadurch entsteht, dass man nicht erlebt, was durch die äußere Leiblichkeit gewirkt wird, sondern was aus der inneren Seele erlebt wird, aber als ein gewisses Leid, das verbürgt die Gewissheit der übersinnlichen Welt.
[ 32 ] Und indem man so den Weg in die übersinnliche Welt sucht, müssen seine Ergebnisse auch so mitgeteilt werden, dass die ganze Darstellung ein Ausdruck des Ernstes ist, den der haben muss, der den Weg in die geistige Welt hinauf gehen will und von da aus den anderen Menschen über diese geistige Welt Kunde bringen will. Es muss heute unter den Menschen die Anschauung Platz greifen, dass die Mitteilungen über die geistige Welt verkündet werden können von denen, die diesen Weg gehen, und dass dadurch erkundet werden kann das Geheimnis von Geburt und Tod. Es müssen Menschen aufkommen können, welche die Erkenntnis der geistigen Welt suchen, nicht nur die der natürlichen Welt in der Naturwissenschaft. Und wie man nicht Maler sein muss, um die Schönheit einer Naturerscheinung zu empfinden, ebenso wenig muss man Geistesforscher sein, um den Wert dessen zu empfinden, was der Geistesforscher über die übersinnliche Welt zu sagen hat. Erst wenn sich ein Verhältnis herausgebildet hat über das Verständnis der geistigen Welt in ähnlicher Weise, wie man Kunstwerke verstehen kann, auch wenn man nicht Künstler ist, dann erst wird das richtige Verhältnis bestehen zwischen dem Geistesforscher und dem Nicht-Geistesforscher, so wie heute schon das rechte Verhältnis besteht zwischen Astronomen und Nicht-Astronomen.
[ 33 ] Und Geisteswissenschaft wird das rechte Verhältnis begründen zwischen dem Geistesforscher und denjenigen, welche die Geistesforschung aufnehmen wollen. Und da dieses Verhältnis auf Wahrheit hingeordnet ist, so muss auch die Wahrheit empfunden werden, wenn die Menschen ihr Wahrheitsgefühl und den gesunden Menschenverstand walten lassen, auf den auch die Mitteilungen des Geistesforschers hingeordnet sind. Dann aber, wenn solches Verhältnis von Geistesforschung zu diesem Leben da ist, wie ich es eben geschildert habe, dann wird dasjenige für das Leben eintreten, was die geistigen Impulse dieser Geisteswissenschaft zu einer wirklichen Lebenspraxis bringen kann. Was haben wir heute von der geistigen Welt? Wir haben Gedanken von der geistigen Welt, wir leben in Gedanken und Ideen, die aber, wie ich charakterisiert habe, eigentlich tot sind. Wenn man aber in diese Ideen hineinzugießen vermag anthroposophische Geisteswissenschaft, dann gibt sie diesen Gedanken und Ideen Leben. Dadurch werden die Menschen, welche diese anthroposophischen Gedanken zu verstehen vermögen, selber innerlich geistig belebt.
[ 34 ] Haben wir Geist in unserer gegenwärtigen Kultur? Wir dürfen sagen: Wir haben Geist in dem Sinne, als wir schöne, große Gedanken vom Geist entwickelt haben. Aber in diesen Gedanken ist nicht vorhanden der lebendige Geist. Nicht Gedanken über den Geist will Anthroposophie entwickeln, sondern den lebendigen Gedanken selbst so in den Menschen hineingießen als geistiges Blut, dass er in seiner geistigen Natur so von geistigem Blut durchblutet ist, wie er in seiner physischen Natur vom physischen Blut durchblutet ist. Dann aber gelangen wir dazu, unser ganzes Leben wieder mit Geist zu durchdringen, aber nicht bloß mit Gedanken und Abstraktionen vom Geiste, sondern mit lebendigen Ideen von diesem Geiste. Dann aber werden sich die großen Fragen des Lebens, vor allem die sozialen Fragen, in ganz anderer Weise lösen, wenn wir sagen können: Wir haben nicht bloß Gedanken vom Geistigen, sondern die geistige Welt selbst wandelt unter uns. Sie ist da, wo wir selbst als physische Menschen sind. Aber indem wir — jeder in seinem physischen Menschen — einen geistigen Menschen in uns tragen, sind wir Genossen geistiger Wesenheiten, die unter uns wandeln. Wir werden ganz anders uns in die Welt hineinstellen, und die großen Rätselfragen der Gegenwart und der nächsten Zukunft werden in ganz anderer Weise vor uns hintreten, wenn wir aufhören, bloß toten Geist in Gedanken zu haben, sondern wenn wir wieder sagen können: Wir Menschen sind auf der Erde nicht allein, wir tragen nicht nur Gedanken an einen Geist in uns, die als Gedanken ja unbewiesen sind, die auf der einen Seite zum Aberglauben, auf der anderen Seite zum Zweifel führen. Denn aus Gewissheit heraus können wir sagen: Wir sind nicht allein auf der Erde, geistige Wesenheiten sind unter uns, sind mit uns verbunden, geistige Wesenheiten besorgen mit uns den Weltenlauf, und wir besorgen den Weltenlauf, wenn wir uns in ein Verhältnis zu ihnen setzen!
[ 35 ] So sucht Anthroposophie nicht den Geist, der sich vielfach als ein Totes im Leben erweist und der nur ein trübes Bild der Zukunft uns geben kann. Anthroposophie wendet sich vielmehr an den lebendigen Geist, damit die Menschen nicht nur die Ideen vom Geiste haben, sondern den lebendigen Geist unter sich wandeln haben mögen!
