The Essence of Anthroposophy
GA 80a
12 May 1922, Berlin
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The Essence of Anthroposophy, tr. SOL
9. Anthroposophie und Geisteserkenntnis
9. Anthroposophy and Spiritual Knowledge
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! In gewissem Sinne wird mein heutiger Vortrag eine Voraussetzung machen, da ich die wissenschaftliche Begründung der Auseinandersetzung der Anthroposophie mit der Wissenschaft der Gegenwart ja in den letzten Vorträgen gab, die ich hier in Berlin öffentlich gehalten habe, und es nur eine Wiederholung sein würde für diejenigen der verehrten Zuhörer, die damals anwesend waren, wenn ich diese Grundlagen heute noch einmal sagen würde. So werde ich also heute einiges vorzubringen haben, das durchaus in selbstständiger Art verstanden werden kann, das aber für seine wissenschaftliche Begründung jene Vorträge voraussetzt.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! In a certain sense, today’s lecture will build upon previous ones, since I presented the scientific rationale for anthroposophy’s engagement with contemporary science in my most recent public lectures here in Berlin; repeating these fundamentals today would merely be a repetition for those members of the distinguished audience who were present at that time. So today I will have a few points to make that can certainly be understood on their own, but which require those previous lectures for their scientific justification.
[ 2 ] Wenn der Mensch von Geist und Geisteserkenntnis spricht, so muss gesagt werden, dass er damit eigentlich auf etwas hinweist, das ihm fortdauernd vorliegt, wenigstens insofern er bei wachem Bewusstsein ist. Der Mensch kann ja nicht daran zweifeln, dass sowohl sein erkennender, wie sein Willensverkehr, mit der Außenwelt von ihm in der Art besorgt wird, dass er sich mit seinem ganzen Wesen geistig betätigt. Und so spricht der Mensch eigentlich von geistiger Betätigung wie von etwas Selbstständigem. Die Schwierigkeiten beginnen eigentlich erst da, wo es sich darum handelt, tiefer einzudringen in das Wesen des menschlichen Geistes und der geistigen Grundlagen der Welt. Wenn dies gesagt wird, so kann auf das Allerverschiedenste hingedeutet werden. Denn von mancherlei Seiten steigen diese inneren seelischen Schwierigkeiten gegenüber dem geistigen Leben im Menschen auf. Und ich werde, gewissermaßen nur ein Beispiel herausgreifend, durch das anschaulich wird, wie sich diese Schwierigkeiten ergeben und schließlich die ganze menschliche Seelenverfassung ergreifen. Ich werde ein Beispiel anführen, das vielleicht nicht immer so stark empfunden wird wie andere. Aber vieles von dem, was der Mensch wegen des inneren Schicksals, das er zu durchleben hat, mit sich abmachen muss, liegt ja in halb oder in ganz unterbewussten seelischen Vorgängen. Der Mensch macht sich nicht immer klar, woraus ihm gerade innerliches Leid und innerliche Lebensstimmung erwachsen. Aber bei unbefangener Selbstbeobachtung, die auf einer gewissen, auch wissenschaftlichen Selbsterziehung beruht, kann man dahinterkommen, woher diese Stimmungen, diese Glücks- und Leidempfindungen im Seelenleben kommen, die vieles, sehr vieles bedeuten für die Art und Weise, wie sich der Mensch in das Leben hineinstellen kann, für die Art und Weise, wie er sich im Leben betätigen kann, und für die Art und Weise, wie er zum Heil oder Unheil seiner Mitmenschen in der Welt wirken kann. Und so möchte ich denn darauf hinweisen, wie der Mensch, wenn er zusammenfasst, was er sein geistiges Leben nennt, gewissermaßen die Ohnmacht dieses geistigen Lebens jeden Tag aufs Neue empfinden kann; wie gesagt, wenn er es auch nicht empfindet, so weist doch das Ergebnis dieser unbewussten Empfindungszusammenhänge in seinem Seelenleben darauf hin. Die Machtlosigkeit des geistigen Lebens fühlt der Mensch jederzeit, wenn er dieses geistige Leben sich ablähmen sieht, wenn er es hinuntersinken sieht in den Schlafzustand, und zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen dieses geistige Leben für ihn völlig wie in eine Art von unbekannter Welt versinkt. Da fühlt er dann gewissermaßen die Machtlosigkeit desjenigen vom geistigen Leben, das er imstande ist, innerhalb seines Erdendaseins durch seine eigene Seelenkraft festzuhalten. Der Lauf der Welt nimmt ihm dieses Seelenleben, nimmt ihm diese innere Geistesbetätigung jeden Tag einmal hinweg.
[ 2 ] When a person speaks of the spirit and spiritual knowledge, it must be said that he is actually referring to something that is constantly present to him, at least as long as he is fully conscious. After all, a person cannot doubt that both their cognitive and volitional interactions with the external world are carried out in such a way that they engage spiritually with their entire being. And so people actually speak of spiritual activity as if it were something independent. The difficulties really begin only when it comes to delving deeper into the nature of the human spirit and the spiritual foundations of the world. When this is said, it can point to a wide variety of things. For these inner psychological difficulties regarding the spiritual life in human beings arise from many different directions. And I will, so to speak, single out just one example to illustrate how these difficulties arise and ultimately affect the entire human soul. I will cite an example that may not always be felt as strongly as others. But much of what a person must come to terms with because of the inner destiny they must live through lies, after all, in partly or entirely subconscious psychological processes. A person does not always realize where their inner suffering and inner moods actually stem from. But through unbiased self-observation, based on a certain degree of self-education—including scientific self-education—one can discover the source of these moods, these feelings of happiness and suffering in the life of the soul, which mean a great deal—a very great deal—for the way a person can approach life, for the way they can act in life, and for the way in which they can influence the well-being or misfortune of their fellow human beings in the world. And so I would like to point out how a person, when summarizing what they call their spiritual life, can, in a sense, feel the powerlessness of this spiritual life anew every day; as I said, even if they do not feel it, the result of these unconscious interrelationships of feeling in their inner life nevertheless points to it. A person feels the powerlessness of spiritual life at any moment when they see this spiritual life fading away, when they see it sinking into the state of sleep, and between falling asleep and waking up, this spiritual life sinks for them completely into a kind of unknown world. There, in a sense, they feel the powerlessness of that aspect of spiritual life which they are able to hold onto within their earthly existence through their own soul power. The course of the world takes this soul life away from them, takes this inner spiritual activity away from them once every day.
[ 3 ] Dann aber, wenn der Mensch mit einer gewissen Unbefangenheit beobachtet, wie er wieder aus dem Schlaf erwacht, wie er vielleicht mit dem Übergang durch das Traumleben, das er nur als ein Unwirkliches gegenüber der äußeren physischen Weltwirklichkeit ansehen kann, wieder so in sein physisches Erdendasein eintritt, dass er gewissermaßen sein Seelenwesen erkraftet mit alledem, was seine Leibesorganisation durchzieht, mit alledem, was in seinem Willen sich betätigt, dann fühlt der Mensch ein anderes, oder kann es wenigstens fühlen, dann fühlt er, wie das, was Geistesleben ist, abhängig wird von der physischen Leiblichkeit. Aber er fühlt zugleich, dass er nicht hinunterschauen kann in diese physische Leiblichkeit. Er fühlt, dass ihm gewissermaßen in seinem eigenen Wesen dieses Geistesleben versinkt, gewissermaßen in eine Art von Finsternis hineinversinkt, in die er nicht hineinschauen kann. Er fühlt, wie da von den Prozessen des Leibeslebens, von Nervenprozessen oder von anderen, dasjenige ergriffen wird, was er sein Geistesleben nennt. Er kann es nicht durchschauen, es entzieht sich ihm wie in einer Art innerer Finsternis.
[ 3 ] But then, when a person observes with a certain detachment how he awakens from sleep again, how he—perhaps through the transition through the dream life, which he can regard only as unreal in contrast to the external physical reality of the world— re-enters his physical earthly existence in such a way that, in a sense, he strengthens his soul being with everything that permeates his physical organism, with everything that is active in his will—then the human being feels something different, or at least can feel it; then he feels how what constitutes spiritual life becomes dependent on physical embodiment. But at the same time, he feels that he cannot look down into this physical body. He feels that, in a sense, this spiritual life sinks into his own being, sinks, as it were, into a kind of darkness into which he cannot see. They feel how what they call their spiritual life is taken over by the processes of bodily life—whether nervous processes or others. They cannot see through it; it eludes them as if in a kind of inner darkness.
[ 4 ] Was man so fühlen kann, wenn man so recht tief einzugehen vermag auf die Ohnmacht gegenüber dem Geisteswesen des Menschen, das möchte man vergleichen mit einer Art seelischer Atemlosigkeit. Und diese seelische Atemlosigkeit, sie kann sich mit alledem, was sie an Lebensungewissheiten enthält, über die ganze Seelenverfassung etwas wie eine innere, geistige Trübheit breiten und aus sich heraus entwickeln die große Lebensfrage: Was bin ich? Wozu bin ich da in dieser Welt?
[ 4 ] What one might feel when one is able to delve deeply into one’s powerlessness in the face of the human spirit—one might compare this to a kind of spiritual breathlessness. And this spiritual breathlessness, with all the uncertainties of life it contains, can spread over the entire state of the soul like an inner, spiritual gloom and give rise to the great question of life: Who am I? Why am I here in this world?
[ 5 ] Und wiederum, wenn der Mensch sieht, wie sein Geistesleben untertaucht in der Leiblichkeit, gewissermaßen wie in einer Finsternis, so fühlt er geradeso, wie wenn ihm, wenn ich es mit etwas Leiblichem vergleichen soll, innerlich die Atemluft durch den Stoffwechsel verdorben würde. Er fühlt sich wie in einer Art seelischer Erstickung, oder er kann es wenigstens fühlen. Aber innerlich im Menschen ruhen eben diese beiden Pole der Unsicherheit und Ungewissheit. Und das hat es ja bewirkt, dass immerdar in der Menschheit nach dem Wesen dessen gesucht worden ist, was eigentlich das Geistige ist.
[ 5 ] And again, when a person sees how his spiritual life is submerged in physicality—as it were, as if in darkness—he feels just as he would if, to use a physical analogy, the air he breathes were being tainted internally by his metabolism. They feel as if in a kind of spiritual suffocation—or at least they are capable of feeling that way. But within the human being lie precisely these two poles of insecurity and uncertainty. And this is what has led humanity to seek, time and again, the very essence of what the spiritual actually is.
[ 6 ] Anthroposophie in dem Sinne, wie sie hier in meinen Vorträgen gemeint ist, sucht vom Gesichtspunkte des modernen Menschenbewusstseins aus sich dieser Geisteswelt zu nähern. Sie muss aber dabei sich wohl bewusst sein, was sich dem Menschen gar leicht — ich möchte sagen — vor die Pforte der geistigen Welt hinlagert, sodass er sie entweder nicht in der richtigen Weise oder aber gar nicht zu durchschreiten vermag. Denn es lagern sich vor die Tore der geistigen Welt hin zwei mächtige Feinde des inneren menschlichen Lebens: der Aberglaube auf der einen Seite mit allen seinen Wahngebilden, der Zweifel auf der anderen Seite. An dem Aberglauben leiden ja namentlich, trotzdem sie sich in ihm so glücklich fühlen, diejenigen, welche nicht sich auseinandersetzen wollen mit dem, was moderne Wissenschaftlichkeit gibt. Sie treiben dann aus der Willkür ihres inneren Seelenlebens allerlei Gebilde herauf, durch die sie sich das verständlich machen wollen, was für sie die geistige Welt ist. Ja, man kann in einer gewissen Beziehung — ich möchte sagen —, bei einer gewissen Oberflächlichkeit des Gemüts, sich befriedigen mit den Wahngebilden des Aberglaubens. Aber wenn man dann ein tätiger Mensch sein will oder muss, wenn man eingreifen will in das Leben, wenn einem die Erscheinungen in der Natur oder im Menschenleben begegnen, dann fühlt man, wie überall das, was die menschliche Seele an abergläubischen Wahngebilden hervortreibt, zerstäubt, und man kommt zu einer gewissen Unorientiertheit im Leben. Man findet sich nicht hinein in das Leben, weil man überall anstößt, das Leben wird voll von Ecken und Kanten, weil das, was sich in den Dingen offenbart, etwas anderes ist als das, was der Aberglaube aus der Seele heraufzaubert.
[ 6 ] Anthroposophy, as I use the term here in my lectures, seeks to approach this spiritual world from the perspective of modern human consciousness. In doing so, however, it must be fully aware of what—I might say—all too easily lies in wait for human beings right at the gateway to the spiritual world, preventing them from entering it either in the proper way or at all. For two powerful enemies of inner human life lie in wait at the gates of the spiritual world: superstition on the one hand, with all its delusions, and doubt on the other. Those who suffer most from superstition—even though they feel so at home in it—are precisely those who do not wish to grapple with what modern science has to offer. They then conjure up all manner of constructs from the arbitrariness of their inner soul life, through which they seek to make sense of what the spiritual world means to them. Indeed, in a certain sense—I would say—with a certain superficiality of mind, one can be satisfied with the delusions of superstition. But when one then wants to or must be an active person, when one wants to intervene in life, when one encounters phenomena in nature or in human life, then one feels how, everywhere, what the human soul conjures up in the form of superstitious delusions is shattered, and one arrives at a certain disorientation in life. One cannot find one’s place in life because one stumbles everywhere; life becomes full of rough edges, because what is revealed in things is something other than what superstition conjures up from the soul.
[ 7 ] Diejenigen wieder, die sich mehr in die moderne Wissenschaft hineingelebt haben, erziehen ihr Denken an den Erscheinungen der Außenwelt, an dem, was Beobachtung und Experiment dem modernen Menschen ergeben können. Aber sie finden dann oftmals, dass dieses Denken haften bleibt an dem, was die äußere Erkenntnisgrundlage ist, was die Sinne allein liefern. Dadurch kommen sie dazu, sich zu sagen: Ich kann dieses Denken nur anwenden auf das, was mir die Sinne sagen. Und sie finden dieses Denken gewissermaßen zu dünn, um irgendwie hinauszudringen aus der Welt der Sinne in eine Welt des Übersinnlichen, in eine Welt des Geistigen. Dann beschleicht sie der Zweifel. Dieser Zweifel lässt sich ausdenken, lässt sich vielleicht sogar logisch begründen. Leben aber lässt sich auf die Dauer mit dem Zweifel nicht, wenn man sich nicht durch allerlei Oberflächlichkeit und Illusion über ihn hinweghelfen will. Und tut man das Letztere, dann setzt sich der Zweifel tief hinunter ins Gemüt und durchsetzt auf den Wegen, die vom Gemüt in die Leiblichkeit führen, die physische Hülle. Der Mensch fühlt sich nach und nach durch die Einwirkung des Zweifels als ein Schwächling, und es kann dann sein, dass, je mehr er sich mit seiner Logik und seiner Wissenschaft in den Zweifel einspinnt, ihn umso mehr die Wirkungen des Zweifels im Leben ergreifen und er gewissermaßen — wenn der Ausdruck auch übertrieben erscheint, so hat er doch eine gewisse Berechtigung — in eine Art seelischer «Schwindsucht» hineinkommt, die ihn ungeeignet macht, sich voll in die Aufgaben des Lebens hineinzustellen. Und wenn er es nicht merkt, wie ihn der Zweifel auszehrt, dann merken es die anderen, und es kommt ihm zurück aus der Schätzung, die ihm im Leben wird, was der Zweifel aus ihm gemacht hat.
[ 7 ] Those, on the other hand, who have become more immersed in modern science, train their thinking based on the phenomena of the external world—on what observation and experimentation can reveal to modern people. But they often find that this way of thinking remains confined to the external basis of knowledge—to what the senses alone provide. As a result, they come to tell themselves: I can apply this way of thinking only to what my senses tell me. And they find this way of thinking, so to speak, too limited to break out in any way from the world of the senses into a world of the supersensible, into a world of the spiritual. Then doubt creeps in. This doubt can be conceived of; it can perhaps even be logically justified. But one cannot live with doubt in the long run unless one seeks to overcome it through all manner of superficiality and illusion. And if one does the latter, then doubt settles deep within the soul and permeates the physical body along the paths that lead from the soul to the physical. Under the influence of doubt, a person gradually comes to feel like a weakling, and it may then be that the more they entangle themselves in doubt through their logic and science, the more the effects of doubt take hold of them in life, and they fall, so to speak—even if the expression seems exaggerated, it is nonetheless justified to a certain extent—into a kind of spiritual “consumption” that renders him unfit to fully engage with life’s tasks. And if he does not notice how doubt is consuming him, then others will notice it, and what doubt has made of him will be reflected back to him in the esteem he receives in life.
[ 8 ] So kann man tiefer hineinschauen in die Art und Weise, wie sich der Mensch stellt und stellen muss zu dem, was er die geistige Welt nennt. In unserer Zeit finden Menschen, die gerade zum Zweifel an einer unmittelbaren Einsicht, an einer unmittelbaren Erkenntnis der gesunden Urteilskraft des Menschen in die geistige Welt gekommen sind; sie finden entweder eine gewisse Beruhigung, indem sie sich zurückwenden oder gar nicht heraustreten aus dem, was ihnen geworden ist, zu und in allerlei alten traditionellen Weltanschauungen und Glaubensbekenntnissen. Viele haben eine gewisse Furcht, eine gewisse Scheu, herauszutreten aus dem, in das sie, als in alte Glaubensbekenntnisse hineingeboren oder hineinerzogen worden sind, weil sie fürchten, jenen Halt im Leben zu verlieren, indem ihnen ein Ausblick in die geistige Welt dadurch verloren geht.
[ 8 ] This allows us to gain a deeper insight into the way in which human beings relate—and must relate—to what they call the spiritual world. In our time, people who have recently begun to doubt the possibility of direct insight into—or direct recognition of—the spiritual world through sound human judgment find either a certain reassurance by turning back to, or by not stepping out of at all from, what has become their reality: all manner of old, traditional worldviews and creeds. Many feel a certain fear, a certain reluctance, to step out of the framework into which they were born or raised—that of old creeds—because they fear losing that anchor in life by thereby forfeiting a glimpse into the spiritual world.
[ 9 ] Andere wieder, die nicht festhalten können an dem, was sich durch unermesslich viele Kräfte der menschlichen Zivilisationsentwicklung an irgendwie gearteten Offenbarungen der geistigen Welt bis zu uns herauf fortgesetzt hat, machen heute merkwürdige Entwicklungen durch. Sie verzweifeln daran, dass der gesunde Mensch hineinschauen kann in die geistige Welt, und so machen sie sich an das heran, was auch Anthroposophie im Einklange mit wahrer Naturwissenschaft auffassen muss, aber in einer gewissen Hinsicht an den kranken Menschen. Sie machen sich heran an das, was ihnen durch allerlei mediumistische Künste geliefert werden kann. Sie halten sich an das, was gewisse Naturen in Visionen und dergleichen erschauen können. Was liegt da zugrunde? Man wird in jedem Falle, wenn man wirklich unbefangen zu Werke geht, sagen können, wie das Medium immer dadurch allein entstehen kann, dass die physische Organisation so ist, dass gewisse äußere Eindrücke durchbrochen, unterdrückt werden können, dass die tiefere physische Natur sich mehr regen kann, als sie es kann, wenn der Mensch seinen gesunden Sinneseindrücken hingegeben ist. Aus dem, was sich in einer gewissen Weise offenbaren kann, glaubt man, aus einer solchen unnormalen menschlichen Bertätigung allerlei zu erfahren über das, was sich im normalen Lebenszustande ihnen nicht offenbart, und was man dann ansieht als das Eingreifen einer anderen Welt in diese, unsere Welt. Etwas ist leicht nachzuweisen, dass in allen den Fällen, wo irgendetwas Visionäres in der menschlichen Seele anwesend wird, zugrunde liegt irgendeine Herabstimmung der menschlichen Organisation. Ohne dass man ins Pathologische hineintaucht, kann man sich das, was wie ein geistiger Inhalt visionär im Menschen auftaucht, durchaus nicht erklären. Und so sieht man denn, wie diejenigen heute, die daran verzweifeln, dass der normal sich betätigende Erkenntnismensch in die geistige Welt einzudringen vermag, sich wenden an den abnorm wirkenden Menschen.
[ 9 ] Others, however, who are unable to hold fast to what has been passed down to us through the immeasurable forces of human civilization—in the form of revelations of the spiritual world of one kind or another—are undergoing strange developments today. They despair at the fact that a healthy person can look into the spiritual world, and so they turn to what anthroposophy, in harmony with true natural science, must also recognize—but in a certain respect, as pertaining to the sick person. They turn to what can be provided to them through all manner of mediumistic practices. They rely on what certain individuals can perceive in visions and the like. What lies at the root of this? In any case, if one approaches the matter with true objectivity, one will be able to say that a medium can arise solely because the physical constitution is such that certain external impressions can be blocked or suppressed, allowing the deeper physical nature to become more active than it can be when a person is attuned to their healthy sensory impressions. Based on what can reveal itself in a certain way, people believe that such abnormal human activity provides all sorts of insights into what remains hidden from them in the normal state of life—and which is then regarded as the intervention of another world into this, our world. One thing is easy to demonstrate: in all cases where something visionary becomes present in the human soul, there is underlying some kind of disruption in the human constitution. Without delving into the pathological, it is simply impossible to explain what appears as a spiritual content in a visionary way within a person. And so we see how those today who despair that the normally functioning, rational human being is capable of penetrating the spiritual world turn to those who appear to be abnormal.
[ 10 ] Diesen Dingen gegenüber verhält sich Anthroposophie so, dass sie durchaus ausgeht von dem seelisch und auch leiblich gesunden Menschen. Und als ich hier auseinanderzusetzen hatte, wie der Mensch durch gewisse seelische Übungen sonst im Leben und in der Wissenschaft schlummernde Erkenntniskräfte wecken kann, um in die geistige Welt einzudringen, da wurde die Voraussetzung gemacht, dass solche Übungen nur vorgenommen werden bei einer absolut vorliegenden seelischen und leiblichen Gesundheit. Mit den eben charakterisierten Richtungen, die genommen werden, um in die geistige Welt hineinzukommen, mit ihnen muss sich Anthroposophie in einer gewissen Weise auseinandersetzen, wenn sie ihr Verhältnis zur geistigen Welt besprechen will. Da kann man darauf hinsehen, dass gewisse geistige Inhalte, welche die Menschen mehr oder weniger als Offenbarungsinhalte heute entgegennehmen, vor allen Dingen wirken durch ihr ehrwürdiges Alter. Wir sehen ja heute auch, welchen Eindruck dieses ehrwürdige Alter solcher Offenbarungsinhalte auf den nach dem Geistigen suchenden Menschen macht. Wir sehen die Menschen zweifeln an den Wegen, die der menschliche Wissenschaftsgeist in die geistige Welt hinein nehmen kann.
[ 10 ] Anthroposophy approaches these matters in such a way that it takes as its starting point the person who is healthy in both soul and body. And when I had to discuss here how a person can awaken powers of cognition—which otherwise lie dormant in life and in science—through certain spiritual exercises in order to penetrate the spiritual world, the prerequisite was established that such exercises may only be undertaken when one is in a state of absolute mental and physical health. Anthroposophy must, in a certain way, engage with the approaches just described—those taken to enter the spiritual world—if it is to discuss its relationship to the spiritual world. Here one can observe that certain spiritual contents, which people today receive more or less as revelatory truths, exert their influence above all through their venerable age. After all, we see today what an impression the venerable age of such revelatory content makes on people seeking the spiritual. We see people doubting the paths that the human scientific spirit can take into the spiritual world.
[ 11 ] Und so wenden sie sich zurück an alte Zeiten der Menschheitentwicklung oder wenden sich hin zu dem, was aus solchen alten Zeiten noch in unsere Zeit hereinragt, um gleichsam nachzusehen, wie Menschen einmal durch ihre eigenen Erkenntniskräfte zu demjenigen gekommen sind, was in den traditionellen Religionsbekenntnissen als Weltanschauung vorliegt. Da kommt man denn gerade mit einem solchen übersinnlichen Schauen, wie ich es in meinen letzten Vorträgen entwickelt habe, zu einer außerordentlich bedeutsamen seelischen Entdeckung über die Entwicklung des menschlichen Geistesstrebens. Man sagt sich zuletzt: Wenn man unbefangen sich anschaut, was in den heute historisch vorhandenen traditionellen Bekenntnissen, an die sich Tausende und Abertausende von Menschen mit den tiefsten Bedürfnissen ihrer Seelen wenden, eigentlich vorliegt, so findet man, dass es doch zuletzt auf Erkenntniswegen beruht, die mit vielleicht ganz anderen Mitteln, als wir heute für richtig anschauen, Menschen einmal gegangen sind. Man darf sagen: Alles was man aus der geschichtlichen Entwicklung oder durch Tradition aufnimmt als Weltanschauung, aufnimmt durch — wie man sagt — den Glauben, alles das ist einmal angesehen worden als Erkenntnis. Alles das, was an übersinnlichen Behauptungen und Dogmen in unseren Bekenntnissen, in unseren Weltanschauungen, in unseren Philosophien aufgefunden werden kann, es ruht auf dem, was einmal Menschen aus sich selbst heraus gesucht haben auf Wegen, die zwar in einer gewissen Beziehung ähnlich sind den Wegen, von denen ich auch heute wieder als von den anthroposophischen werde zu sprechen haben, die aber doch in den früheren Zeiten grundverschieden waren. Aber man kann auch heute einiges für das Verständnis des Weges in die geistige Welt gewinnen, wenn man einmal den Blick zurückwendet zu den Wegen, die einmal in diese geistige Welten hinein gegangen worden sind.
[ 11 ] And so they turn back to the ancient times of human development, or turn toward what still extends from those ancient times into our own, in order, as it were, to see how human beings once arrived, through their own powers of insight, at what is presented as a worldview in traditional religious creeds. It is precisely through such a supersensible insight—as I have elaborated in my recent lectures—that one arrives at an extraordinarily significant spiritual discovery concerning the development of human spiritual striving. Ultimately, one says to oneself: If one looks impartially at what actually lies at the heart of the traditional creeds that exist historically today—to which thousands upon thousands of people turn with the deepest needs of their souls—one finds that it is ultimately based on paths of knowledge that people once followed, perhaps using means quite different from those we now regard as correct. One may say: Everything that is taken in as a worldview through historical development or tradition—taken in, as one says, through faith—was once regarded as knowledge. All the supersensory assertions and dogmas that can be found in our creeds, in our worldviews, and in our philosophies rest upon what people once sought within themselves along paths that, while in a certain sense similar to the paths I will speak of again today as the anthroposophical ones, were nevertheless fundamentally different in earlier times. But even today, one can gain some insight into the path to the spiritual world by turning one’s gaze back to the paths that were once taken into these spiritual worlds.
[ 12 ] Nun möchte ich zwei Wege herausgreifen, die die Menschen einmal gegangen sind, beides Wege, die für uns abendländische Menschen heute durchaus ungangbar sind. Aber gerade wenn man sich klar vor die Seele stellt, wird man sehen, dass schließlich auch diese Wege aus derselben Gesinnung heraus entsprungen sind, aus der wir heute handeln, wenn wir durch Anthroposophie die geistige Welt suchen. Diese zwei Beispiele sind die alte indische Yoga-Praxis, durch die einmal ernste Geistessucher den Weg in die übersinnliche Welt zu gehen suchten, und weiter dasjenige, was man in den Zeiten, in denen sie nicht in der Dekadenz war, die Askese nennen kann, beides Wege, die — wie gesagt — nicht für unsere abendländische Menschheit geeignet sind, an deren Charakteristik man sich aber hinaufranken kann zum Verständnis auch des heute notwendigen Weges.
[ 12 ] Now I would like to highlight two paths that people once followed—both of which are completely impassable for us Westerners today. But if we hold them clearly before our souls, we will see that, ultimately, these paths, too, sprang from the same mindset from which we act today when we seek the spiritual world through anthroposophy. These two examples are the ancient Indian practice of yoga, through which serious seekers of the spirit once sought to enter the supersensible world, and furthermore, what might be called asceticism in the periods when it was not in a state of decadence—both paths which, as I said, are not suited to us Westerners, but whose characteristics can serve as a stepping stone to understanding the path that is necessary today.
[ 13 ] Die alte Yoga-Praxis, worin bestand sie? Sie war unter anderem, das sie begleitete vor allen Dingen eine Art Regelung des Atmungs-Wesens des Menschen, eine solche Regelung des Atmungs-Wesens, dass der Mensch sich zum Zwecke der Erkenntnis nicht hingab der natürlichen Atmung, die ihm im gewöhnlichen Leben eigen ist, sondern dass er nach gewissen Gesetzen anders atmete. Was hat solches Yoga-Atmen eigentlich für ein Ziel? Was hat es für eine Bedeutung, dass man sich für eine Weile und immer wieder und wieder übend die innerliche Verpflichtung auferlegt, anders zu atmen, den Atem anders einzuziehen, ihn in einer gewissen Beziehung anders zu halten, als man das im gewöhnlichen Leben tut, und auch das Ausatmen wieder in einer absonderlichen Weise zu gestalten? Das hat den Sinn, dass man das Bewusstsein auf einen innerlichen menschlichen Vorgang lenkt, nämlich das Atmen, der sonst ganz oder wenigstens zum größten Teile unbewusst sich vollzieht. Ich möchte sagen, wir atmen im gewöhnlichen Leben selbstverständlich. Wir achten nicht auf das Atmen. In dem Augenblick aber, wo der indische Yoga-Schüler anders zu atmen beginnt, als das selbstverständliche Atmen ist, da wird die ganze Aufmerksamkeit seines Seelenlebens auf diesen Atmungsprozess gelenkt. Der Atmungsprozess wird für ihn etwas innerlich stark Erlebbares. Und was erlebt er zuletzt? Er erlebt den Zusammenhang zwischen dem Atmungsprozess und dem menschlichen Denken. Was da vorliegt, kann man abstrakt logisch in folgender Weise charakterisieren. Indem wir den Atem einziehen, stoßen wir ihn zugleich rhythmisch herauf in das Organ unseres Gedankenlebens, in das Gehirn- und Nervensystem. Der Atem durchwebt und durchwellt das, was im Gehirn vorgeht. Wir achten als moderne Menschen, wenn wir atmen, nicht darauf, wie der Atem den Denkvorgang durchflutet. Aber dieses Durchfluten will sich gerade der indische Yogi klarmachen. Er durchdringt das, was für uns das abstrakte Denken ist, mit der dichteren Strömung des Atems, die ihm bewusst wird. Dadurch verstärkt er auf Wegen, die sich ganz innerlich im menschlichen Organismus abspielen, sein Denken. Er erkraftet sein Denken, aber er belebt es auch. Was jetzt innerlich zu seinem Bewusstsein kommt, ist ein anderes Denken als das, was im alltäglichen Leben abläuft.
[ 13 ] What did the ancient practice of yoga consist of? Among other things, it involved, above all, a kind of regulation of the human respiratory system—a regulation such that, for the sake of insight, a person did not rely on the natural breathing characteristic of ordinary life, but instead breathed differently according to certain laws. What is the actual purpose of such yogic breathing? What is the significance of imposing upon oneself, for a time and through repeated practice, the inner commitment to breathe differently—to inhale differently, to hold the breath in a certain way differently than one does in ordinary life, and also to exhale in a distinct manner? The purpose is to direct one’s consciousness toward an inner human process—namely, breathing—which otherwise takes place entirely, or at least for the most part, unconsciously. I would say that in everyday life, we breathe without thinking about it. We do not pay attention to our breathing. But the moment the Indian yoga student begins to breathe differently from this automatic breathing, the entire focus of his inner life is directed toward this breathing process. The breathing process becomes something he can experience intensely within himself. And what does he ultimately experience? He experiences the connection between the breathing process and human thought. What is happening here can be characterized abstractly and logically in the following way. As we inhale, we simultaneously propel the breath rhythmically upward into the organ of our thought life—the brain and nervous system. The breath interweaves with and ripples through what is taking place in the brain. As modern people, when we breathe, we do not pay attention to how the breath flows through the thought process. But this is precisely what the Indian yogi seeks to understand. He permeates what for us is abstract thinking with the denser flow of the breath, of which he becomes aware. In this way, through processes that take place entirely within the human organism, he strengthens his thinking. He strengthens his thinking, but he also enlivens it. What now comes to his consciousness from within is a different kind of thinking than what takes place in everyday life.
[ 14 ] Dieses Denken des alltäglichen Lebens erscheint dem, der eine solche Yoga-Praxis durchgemacht hat, wie uns sonst der Leichnam eines Menschen gegenüber dem lebendigen Menschen erscheint. Tot erscheint das gewöhnliche abstrakte oder auch mit den Sinnesempfindungen verbundene Denken gegenüber dem innerlich lebendigen Denken, das durch eine solche Erkraftung für das Bewusstsein gewonnen wird. Dann aber schaut der, der solche Übungen eine gewisse Zeit lang immer wieder und wieder gemacht hat, durch sein erkraftetes Denken tiefer hinein in die Welt. Und weil jetzt sein Denken durch diese Erkraftung so stark geworden ist, wie sonst nur unsere Sinneswahrnehmungen sind, wenn wir zum Beispiel die Augen nach außen richten, die Farbenwelt wahrnehmen und sie einen intensiven Eindruck auf uns macht, oder wenn wir die Töne wahrnehmen durch unser Ohr, so schaut er, weil das Denken jetzt dieselbe Kraft wie die Wahrnehmung gewonnen hat, aber nun mit dem Denken nicht die äußere Welt sieht — doch aber Welt erlebt, so schaut er jetzt die geistige Welt. Was auf diese Weise erschaut worden ist aus den geistigen Welten von Einzelnen, die eine solche Yoga-Praxis durchgemacht haben, das ging dann ein in die Zivilisationsentwicklung der Menschheit. Und manche von denen, die heute dies oder jenes annehmen, was ihnen traditionell-historisch übermittelt ist als Weltanschauung, sie nehmen es an, ohne zu wissen, dass es der menschlichen Geistesentwicklung einverleibt ist von den Ergebnissen dieser Yoga-Praxis aus. Man kann sagen: In allen Weltanschauungen, selbst in denen, die sich philosophische Gewissheit zuschreiben — wenn man nur richtig innerlich seelisch-historisch betrachten kann —, entstammt manches von dem, was der heutige Mensch so annimmt, gerade aus demjenigen, was einmal auf dem charakterisierten Wege in das menschliche Bewusstsein eingeflossen ist.
[ 14 ] To one who has undergone such a yoga practice, this way of thinking in everyday life appears as a human corpse appears to us in comparison to a living person. Ordinary abstract thinking—or even thinking connected to sensory perceptions—appears dead in comparison to the inwardly alive thinking that is gained for consciousness through such strengthening. But then, the one who has performed such exercises repeatedly over a certain period of time looks more deeply into the world through their strengthened thinking. And because his thinking has now, through this strengthening, become as powerful as our sensory perceptions otherwise are—for example, when we direct our eyes outward, perceive the world of colors, and it makes an intense impression on us, or when we perceive sounds through our ears— he now perceives—because his thinking has gained the same power as perception, yet he does not see the outer world with his thinking, but rather experiences the world—he now perceives the spiritual world. What has been perceived in this way from the spiritual worlds by individuals who have undergone such a yoga practice has then become part of the development of human civilization. And some of those who today accept this or that—whatever has been handed down to them traditionally and historically as a worldview—accept it without knowing that it has been incorporated into the development of the human spirit through the results of this yoga practice. One might say: In all worldviews, even those that claim philosophical certainty—if one is able to view them correctly from an inner, spiritual-historical perspective—much of what modern people accept today stems precisely from that which once flowed into human consciousness through the path described above.
[ 15 ] Dadurch, dass das Denken in dieser Weise zu einem lebendigen gemacht worden ist, erkundet der Mensch etwas über das Ewige seines Wesens, erkundet etwas darüber, dass er als geistig-seelisches Wesen vorhanden war, bevor er aus geistig-seelischen Welten heruntergestiegen ist in das, was ihm im Leibe der Mutter aus der physischen Welt heraus als sein physisch-leiblicher Organismus entwickelt worden ist. Mit jenem Denken, das uns eigen ist, ohne dass irgendeine Schulung durchgemacht wird, die das Denken erkraftet, die es belebt, nimmt man nur dasjenige am Menschen eben wahr, was zwischen Geburt oder Konzeption und dem Tode verläuft. Mit dem erkrafteten und belebten Denken nimmt man dasjenige am Menschen wahr, was sein eigenes, ewiges Wesen ist, was leben kann, auch ohne in einem physischen Leibe zu sein, und was sich auch dem belebten Denken sogleich ankündigt als das, was vor dem Beginn unseres physischen Lebens als geistiges Wesen in einer geistigen Welt gelebt hat. Anschaulich erlangt man Kunde von der Geistnatur und dem geistigen Vorleben des Menschen.
[ 15 ] By bringing thinking to life in this way, human beings gain insight into the eternal aspect of their being; they gain insight into the fact that they existed as spiritual-soul beings before descending from the spiritual-soul worlds into what developed for them in their mother’s womb from the physical world as their physical-bodily organism. With the kind of thinking that is natural to us—without undergoing any training that strengthens or enlivens it—we perceive in a human being only that which occurs between birth or conception and death. With thinking that has been strengthened and enlivened, one perceives in the human being that which is his own eternal essence—that which can live even without being in a physical body—and that which immediately reveals itself to the enlivened thinking as that which, before the beginning of our physical life, lived as a spiritual being in a spiritual world. One gains a vivid insight into the spiritual nature and the spiritual past life of the human being.
[ 16 ] Dies ist der eine Weg. Er hat zunächst dazu geführt, dass seine Anhänger vor allem auf das hingeschaut haben, was die Präexistenz des Menschen genannt wird gegenüber seinem Erdenleben. Und die sich mit einer gewissen Einseitigkeit der Yoga-Praxis hingegeben haben. Sie erlangten dadurch eine Anschauung desjenigen Daseins, in dem der Mensch geistig-seelisch vorhanden war vor der Geburt beziehungsweise der Konzeption. Sie sprachen von diesem Teil des Menschendaseins als von etwas Selbstverständlichem. Und sie besiegten dadurch jene Ohnmacht, die der Mensch gegenüber dem Geistigen empfinden muss, wenn er es alltäglich hinuntertauchen sieht in den Schlafzustand. Dem belebten Denken entzieht sich das nicht, was da im Schlafe unbewusst wird. Denn was dem Schläfer da unsichtbar wird, das durchwebt sich gewissermaßen mit innerer geistiger Lebendigkeit, aber so, dass es hinausreicht über Geburt und Tod und sich ankündigt als das, was gestaltend wirkt am menschlichen Organismus — und gestaltend wirkt es schon vom Zeitpunkt der Konzeption an —, sodass es nicht aufgefasst werden kann als ein Ergebnis des menschlichen Organismus, sondern aufgefasst werden muss als das, was untertaucht und eintaucht in diesen Organismus als sein ewiges, geistig-seelisches Wesen.
[ 16 ] This is one path. Initially, it led its followers to focus primarily on what is called the pre-existence of the human being in relation to their earthly life. And they devoted themselves to the practice of yoga with a certain one-sidedness. Through this, they gained an insight into that state of existence in which the human being existed spiritually and soulfully before birth or conception. They spoke of this aspect of human existence as something self-evident. And in this way they overcame that sense of powerlessness that a person must feel in the face of the spiritual when they see it sinking into the state of sleep every day. What becomes unconscious during sleep does not elude animated thinking. For what becomes invisible to the sleeper is, in a sense, interwoven with inner spiritual vitality, but in such a way that it extends beyond birth and death and reveals itself as that which exerts a formative influence on the human organism—and it exerts this formative influence from the very moment of conception onward—so that it cannot be understood as a product of the human organism, but must be understood as that which submerges and immerses itself in this organism as its eternal, spiritual-soul essence.
[ 17 ] Eine andere Richtung ist die, welche nun wieder gewisse Menschen verschiedener Kultur-Zeitalter dahin geführt hat, das Wesen einer geistigen Welt zu durchschauen, die aber nach der anderen Seite des Lebens hin Licht verbreitete. Wie gesagt, die Sache ist vielfach dann in eine gewisse schädliche Richtung gekommen. Aber man kann gerade mit anthroposophischer Wissenschaft zurückschauen auf Zeiten, wo die Askese — die meine ich jetzt — noch nicht in ihre schädlichen Strömungen hinein ausgeartet war, wo sie noch nicht eine gewisse geistige Koketterie war, sondern wo sie darstellen sollte den ehrlichsten Erkenntnisweg gewisser Seelensucher. Die Askese besteht darin, dass der Mensch in gewissem Sinne herabstimmt, herablähmt — könnte man sogar sagen — seine gewöhnlichen Lebensfunktionen, dass er das unterdrückt, was sonst im gewöhnlichen Leben aus seinen Instinkten, Trieben und Leidenschaften heraufquillt und heraufwellt in sein bewusstes Leben, dass er aus voller innerer Seelenkraft gewissen inneren Regungen, die mit dem Organismus und der Organtätigkeit zusammenhängen, für eine Weile Stillstand gebietet, dass er sogar seinen Körper dazu erzieht, für eine Weile einen ruhigeren Gang einzuhalten in Bezug auf die leiblich-physischen Funktionen und das, was mit diesen zusammenhängt: die Triebe, Begierden und Leidenschaften. Was lag da zugrunde? Es lag da zugrunde eine durch die Erfahrung erworbene Einsicht. Denn diese Asketen kamen eben zu gewissen Einsichten, und indem sie dazu kamen, wussten sie, was ihnen die Askese eben ist. Sie kamen zu der Einsicht, dass unser physischer Leib zwar der rechtmäßige Träger ist für alles, was wir zwischen Geburt und Tod erleben sollen, dass er aber ein Hindernis ist für die Wahrnehmung der geistigen Welt, und dass alles dasjenige, das Wesen der geistigen Welt in das Bewusstsein heraufkommen lässt, was in der angedeuteten Weise herabstimmend wirkt auf die Äußerungen dieser Leiblichkeit. Diejenigen, die auf diese Art gewissermaßen das leibliche Hindernis für das Hineinschauen in die geistige Welt hinweggeräumt haben, sie blickten mehr nach der anderen Seite der menschlichen Ewigkeit. Sie blickten zu demjenigen Lebenstore hin, das der Mensch zu durchschreiten hat, wenn er seinen physischen Leib ablegt, indem er durch den Tod geht, wenn er mit seiner ewigen Wesenheit wieder in die geistige Welt eingeht. Sie richteten weniger den Blick auf die Präexistenz des menschlichen Daseins, sondern mehr auf jenes Leben, das der Mensch antritt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist.
[ 17 ] Another path is the one that has now once again led certain people from various cultural eras to gain insight into the nature of a spiritual world—one that, however, shed light on the other side of life. As I said, this matter has often taken a certain harmful turn. But it is precisely through anthroposophical science that we can look back to times when asceticism—the kind I am referring to now—had not yet degenerated into its harmful currents, when it was not yet a form of spiritual coquetry, but was intended to represent the most honest path to knowledge for certain seekers of the soul. Asceticism consists in a person, in a certain sense, toning down—or one might even say dampening—his ordinary life functions; in suppressing what otherwise wells up and surges into his conscious life from his instincts, drives, and passions in ordinary life, that, drawing on the full inner strength of the soul, they command certain inner impulses—those connected to the organism and its functions—to come to a standstill for a time; that they even train their bodies to maintain a calmer rhythm for a while with regard to physical functions and what is connected to them: the drives, desires, and passions. What lay at the root of this? Underlying this was an insight gained through experience. For these ascetics had arrived at certain insights, and in so doing, they came to understand what asceticism truly is for them. They came to the realization that while our physical body is indeed the rightful vessel for everything we are meant to experience between birth and death, it is also an obstacle to the perception of the spiritual world; and that everything which allows the essence of the spiritual world to rise into consciousness has a moderating effect on the manifestations of this physicality in the manner described. Those who, in this way, had so to speak removed the physical obstacle to looking into the spiritual world, turned their gaze more toward the other side of human eternity. They looked toward the gateway to life that a human being must pass through when he sheds his physical body by passing through death, when he re-enters the spiritual world with his eternal being. They focused less on the pre-existence of human existence and more on the life that a human being begins once he has passed through the gateway of death.
[ 18 ] So habe ich Ihnen diese zwei Beispiele angeführt, um daran zu zeigen, wie in anderen Zeiten die Menschen aus gewissen Untergründen heraus zu Erlebnissen, zu Anschauungen über die geistige Welt gekommen sind. Wir aber stehen heute einer Weltentwicklung, einer Kulturentwicklung, einem Zivilisationsleben gegenüber, das vor allen Dingen zur Außenwelt in das richtige Verhältnis kommen muss. Diejenigen, die entweder durch die indische Yoga-Praxis oder aber durch die Askese sich Anschauungen über die geistige Welt erworben hatten, machten sich ja in einer gewissen Weise untauglich für das äußere Leben. Dadurch, dass der Mensch die geschilderte Yoga-Atmungspraxis durchmacht, stimmt er sich so, dass er außerordentlich fein in Bezug auf seine Sensitivität wird, außerordentlich leicht alles empfindet, was in seiner Umgebung vorgeht. Er bekommt dadurch die Neigung, sich vor dem äußeren Leben zurückzuziehen, wie die Schnecke, wenn ihre Fühlhörner berührt werden, sich von der Außenwelt in ihr Haus zurückzieht. So sehen wir denn auch, dass die, die zu wirklichen Anschauungen über die geistige Welt kamen, sich zurückzogen und in Einsiedeleien lebten, indem sie eben wenig Rücksicht nahmen auf das Zusammenleben mit der äußeren Welt. Dasselbe finden wir bei denjenigen, die durch Askese in Zusammenhang kommen mit der geistigen Welt. Sie machen ja Übungen durch, die auf ein Herabstimmen der Vorgänge und der Kräfte ihrer Leiblichkeit abzielen, und sie machen dadurch die Leiblichkeit untauglich, in das robustere Leben der Außenwelt einzugreifen. Wiederum werden auch diese geführt zu einer gewissen Untauglichkeit, einzugreifen in das äußere Leben. Aber wiederum war es für diese Menschen notwendig — aus Gründen, die jetzt nicht hierhergehören —, dass sie sich einem Erkennen der höheren Welten hingaben, damit dann die anderen, die mehr durch Autorität dasjenige annahmen, was solche Kundigen ihnen offenbaren konnten, dieses dann eben hinnahmen auf Treu und Glauben und dasjenige im äußeren Leben verrichteten, was die zurückgezogenen Einsiedler nicht verrichten konnten. Ein solches Verhalten aber widerspricht sowohl unserer heutigen Erkenntnis wie auch den Anforderungen des modernen Lebens.
[ 18 ] I have cited these two examples to illustrate how, in other eras, people arrived at experiences and insights into the spiritual world from certain underlying sources. Today, however, we are faced with a world development, a cultural development, and a civilization that must, above all, establish the right relationship with the external world. Those who had acquired insights into the spiritual world—whether through Indian yoga practice or through asceticism—had, in a certain sense, rendered themselves unfit for external life. By undergoing the described yoga breathing practice, a person attunes themselves in such a way that their sensitivity becomes extraordinarily refined; they perceive everything happening in their surroundings with extraordinary ease. This gives them a tendency to withdraw from external life, just as a snail, when its feelers are touched, retreats from the outside world into its shell. Thus we also see that those who attained genuine insights into the spiritual world withdrew and lived in hermitages, paying little heed to coexistence with the external world. We find the same pattern among those who, through asceticism, come into contact with the spiritual world. They undergo exercises aimed at attuning the processes and forces of their physical nature, thereby rendering the physical body incapable of intervening in the more robust life of the external world. Once again, these individuals are led to a certain inability to intervene in external life. But again, it was necessary for these people—for reasons that are beyond the scope of this discussion—to devote themselves to the knowledge of the higher worlds, so that others, who accepted more out of deference to authority what such experts could reveal to them, would then accept this in good faith and carry out in external life what the reclusive hermits could not. Such behavior, however, contradicts both our present-day understanding and the demands of modern life.
[ 19 ] Wir Menschen, die nicht wie die ursprünglichen Yogi-Gelehrten oder wie die ehemaligen Asketen vor dem Kopernikanischen oder Galileischen Zeitalter leben, sondern die wir in dem Zeitalter leben, in welchem eine reich ausgebildete Naturwissenschaft unser ganzes äußeres Leben verändert hat und von uns verlangt, dass wir, wenn wir Erkennende sein wollen, auch wissen müssen, wie wir tatkräftig ins Leben eingreifen können, wir müssen uns heute darüber klar sein, dass es uns als Menschen der Gegenwart nicht mehr möglich ist, auf die geschilderten Arten in die geistigen Welten einzudringen. Das aber hindert nicht, dass auch der moderne Mensch den Weg in die übersinnliche Welt finden kann, wenn er — wie ich dies schon früher angedeutet habe — gewisse Dinge vornimmt, die nichts mit Atmungspraxis zu tun haben, sondern die im Meditieren und Konzentrieren bestehen, wodurch der Mensch sein Denken beleben kann. So ist das eben ähnlich demjenigen im inneren Erleben, was auch der Yoga-Praktiker erlebte. Oder wenn ich das schildere, was der Mensch an gewissen Willensübungen durchmachen kann, die darauf ausgehen, sein Selbst zu erziehen, seine eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen, diese oder jene Gewohnheiten mit aller Kraft abzulegen, anderes in Bezug auf Seelenverfassung oder auch Lebensgesinnung sich anzueignen, dann kann das, was der Mensch durch eine Erkraftung seines Willens in dieser Art erlebt, eine gewisse Ähnlichkeit haben mit dem, was die alten Asketen erlebten. Aber es geht nicht darauf aus, die Leiblichkeit zu schwächen, sondern es besteht vielmehr darin, dass sie in ihrer vollen Tüchtigkeit und Tauglichkeit für das äußere Leben bleibt.
[ 19 ] We humans, who do not live as the original yogi scholars or as the ascetics of the pre-Copernican or pre-Galilean era, but who live in an age in which a highly developed natural science has transformed our entire external life and demands that, if we wish to be people of knowledge, we must also know how to actively intervene in life, we must be clear today that it is no longer possible for us, as people of the present, to penetrate the spiritual worlds in the ways described. This does not, however, prevent modern human beings from finding the path to the supersensible world if they—as I have already indicated—undertake certain practices that have nothing to do with breathing exercises but consist of meditation and concentration, through which a person can enliven their thinking. This is similar to the inner experience that the yoga practitioner also undergoes. Or when I describe what a person can go through in certain exercises of the will—aimed at educating their self, taking their own development into their own hands, and casting off this or that habit with all their strength, and to adopt other attitudes regarding one’s state of mind or outlook on life, then what a person experiences through this kind of strengthening of the will may bear a certain resemblance to what the ancient ascetics experienced. But the aim is not to weaken the physical body; rather, it consists in ensuring that it remains in full vigor and fitness for external life.
[ 20 ] Was aber erringen wir, wenn wir auf der einen Seite durch Meditation und Konzentration unser Denken in einem der Gegenwart angemessenen Sinne beleben? Wir erringen etwas, was sich, auch in der Erkenntnis, nicht zurück[zu]ziehen braucht von der äußeren Welt, was gerade zur äußeren Welt ein ganz bestimmtes Verhältnis erlangt, ein Verhältnis, das durchaus im Einklange steht mit dem, was wir auf einer niedrigeren wissenschaftlichen Stufe gewohnt sind, heute als unsere Betrachtungsmethoden für die äußere Natur anzuwenden. Ich will in dieser Richtung ein Beispiel anführen, ein Beispiel dafür, was aus unserem Denken durch rein gedankliche Belebung, durch innere seelische Erkraftung dieses Denkens werden kann gerade gegenüber der äußeren Welt.
[ 20 ] But what do we achieve when, on the one hand, we enliven our thinking through meditation and concentration in a way appropriate to the present moment? We achieve something that, even in its insight, need not withdraw from the external world—something that, in fact, establishes a very specific relationship with the external world, a relationship that is entirely in harmony with what we are accustomed to applying today, at a lower scientific level, as our methods of observation for external nature. I would like to cite an example in this regard—an example of what our thinking can become, through purely intellectual revitalization and through the inner spiritual strengthening of this thinking, precisely in relation to the external world.
[ 21 ] Einen großen Teil unserer heutigen Anschauungen über die Lebewesen, über den Zusammenhang zum Beispiel der Tiere mit dem Menschen, haben wir ja dadurch gewonnen, dass wir die einzelnen Organe, zum Beispiel der höheren Tiere oder der Tiere überhaupt, vergleichen mit den entsprechenden Organen des Menschen. Wir vergleichen auch anderes, zum Beispiel die Blutzusammensetzung und dergleichen. Wir bilden uns dadurch eine Anschauung darüber, wie zusammenhängen könnte, verwandt sein könnte die menschliche Organisation mit dem, was uns zum Beispiel in der Organisation der höheren Tiere entgegentritt. Aber da ist ein Eigentümliches. Was ich jetzt sagen werde, ist vielleicht etwas subtil, aber der ganze moderne Erkenntnisweg in die übersinnlichen Welten ist ja etwas Subtiles und muss durchaus in seinen Einzelheiten und Eigentümlichkeiten betrachtet werden. Nehmen wir an, ein unbefangener Betrachter der höheren Tierwelt verschaffe sich eine Anschauung — eine gedankliche Anschauung, nicht bloß eine äußere Sinnesanschauung — von einem höheren Tiere, und er verschaffe sich dann auch eine gedankliche Anschauung von der Gestalt, von der Gliederung der menschlichen Organisation. Er kann die Verwandtschaft zwischen beiden sich vor die Seele stellen. Aber würde man jetzt von einem solchen Betrachter das Folgende verlangen, so würde er sogleich bemerken, wie tot, wie unlebendig, wie abstrakt eigentlich sein Gedankenleben ist. Der Mensch tut das nur nicht im gewöhnlichen Leben und in der gebräuchlichen Wissenschaft, und daher wird er nicht gewahr, wie unlebendig sein Beobachten und sein Denken ist. Nehmen wir an, er habe sich mit Bezug auf die höheren Tiere eine Vorstellung über ihre äußere Organisation und so weiter gebildet. Da kann er, wenn er diese Gedanken lebendig machte, nicht fortschreiten und aus dem lebendigen Gedanken der Organisation der höheren Tiere nun den Gedanken der menschlichen Organisation schöpfen. Er kann nur dadurch eine Verwandtschaft zwischen beiden finden, dass er zuerst den Gedanken des höheren Tieres sich bildet, darauf den des Menschen und dann beide in Zusammenhang bringt. Aber lebendig hervorgehen lassen den Gedanken des Menschen aus dem des höheren Tieres, das kann er nicht. Sein Denken hat nicht diese innere Lebendigkeit. Wir kennen diese Lebendigkeit, indem wir darauf hinschauen, wie wir wachsen, den täglichen Stoffwechsel vollziehen und so weiter. Aber unsere Gedanken stehen nebeneinander. Wir können nicht den Gedanken der menschlichen Organisation herauswachsen lassen aus dem Gedanken der tierischen Organisation, wie etwa im Menschenkeim während der Embryonalzeit die einzelnen Organe herauswachsen aus dem mehr undifferenzierten menschlichen Organismus. Wir haben im gewöhnlichen Leben kein lebendiges Denken, und unser ganzes Denken trägt für die gebräuchliche Wissenschaft wie für das gewöhnliche Leben dieses Gepräge. In dem Augenblicke nun, wo man Seelenübungen macht, die das Denken innerlich erkraften, wird das Denken lebendig, und man gelangt dazu, dass man mit diesen lebendigen Gedanken sich innerlich erlebbar macht die Gestaltung eines höheren Tieres, indem man darauf eingeht, wie das höhere Tier die Hauptrichtung seiner Organisation horizontal trägt, der Mensch dagegen sie vertikal trägt, wie der Mensch seine Arme entreißt der Aufgabe, die sie beim Tiere haben. Um das zu können, muss der Mensch ein inneres Verhältnis bekommen zu dem, wozu er im gewöhnlichen Denken kein Verhältnis hat.
[ 21 ] We have, after all, gained a large part of our current views on living beings—on the relationship, for example, between animals and humans—by comparing the individual organs of, say, higher animals or animals in general with the corresponding organs of humans. We also compare other things, such as blood composition and the like. Through this, we form a conception of how the human organism might be related to or connected with what we encounter, for example, in the organization of higher animals. But there is something peculiar here. What I am about to say may be somewhat subtle, but the entire modern path of knowledge into the supersensible worlds is, after all, a subtle one and must certainly be considered in its details and peculiarities. Let us suppose that an unbiased observer of the higher animal world forms a conception—a mental conception, not merely an external sensory perception—of a higher animal, and then also forms a mental conception of the form and structure of the human organism. He can hold the relationship between the two before his soul. But if one were now to ask such an observer to do the following, he would immediately realize how dead, how lifeless, how abstract his inner life of thought actually is. People simply do not do this in ordinary life or in conventional science, and therefore they do not realize how lifeless their observation and thinking are. Let us suppose that he has formed a conception of the external organization of higher animals and so on. In this case, even if he were to bring these thoughts to life, he cannot proceed from the living thought of the organization of higher animals to derive the thought of human organization. He can find a relationship between the two only by first forming the thought of the higher animal, then that of the human being, and finally bringing the two into connection. But he cannot allow the idea of the human being to emerge vividly from that of the higher animal. His thinking lacks this inner vitality. We recognize this vitality by observing how we grow, carry out our daily metabolism, and so on. But our thoughts exist side by side. We cannot allow the concept of the human organism to grow out of the concept of the animal organism, just as, for example, in the human embryo during the embryonic period, the individual organs grow out of the more undifferentiated human organism. In ordinary life, we do not have living thinking, and our entire thinking bears this character both for conventional science and for ordinary life. But the moment one engages in spiritual exercises that strengthen thinking from within, thinking becomes alive, and one comes to the point where, with these living thoughts, one can inwardly experience the form of a higher animal by considering how the higher animal orients the main axis of its organization horizontally, whereas the human being orients it vertically, and how the human being diverts his arms from the function they serve in animals. To be able to do this, a person must develop an inner relationship to that which, in ordinary thinking, they have no relationship to.
[ 22 ] Denn — sehr verehrte Anwesende —, in Bezug auf die äußere Natur denken wir vielfach anders, weil wir da mit dem toten Denken auskommen, als wir über die menschliche Natur, überhaupt über die lebendige Natur denken. Wir schauen uns zum Beispiel eine Magnetnadel an, die um ihre Achse drehbar ist, und finden, dass sie eine besonders ausgezeichnete Richtung hat, die nach dem magnetischen Nordpol einerseits, nach dem magnetischen Südpol andererseits hinweist. Wir bringen es dadurch zu der Vorstellung, dass die magnetische Nord-Süd-Richtung im Raume etwas Auszeichnendes hat gegenüber den anderen Richtungen. Wir differenzieren den Raum, der uns sonst unterschiedlos erscheinen würde. Hat man nun das lebendige Denken entwickelt, so wird einem ebenso belebbar die Vertikalrichtung, die sich der Mensch aneignet, indem er die tierische Organisation, die in einer ganz anderen Richtung orientiert ist, in die Vertikalrichtung hineinbringt. Man lernt auf diese Weise miterleben die Welt, der ganze Raum wird einem dadurch lebendig. Dadurch aber kann man dann übergehen von dem lebendigen Gedanken der tierischen Organisation zu dem lebendigen Gedanken der menschlichen Organisation. Der Gedanke der menschlichen Organisation wächst selbst aus dem lebendigen Gedanken der tierischen Organisation heraus. Man sieht: Indem man die Erscheinungen der Außenwelt betrachtet, wird das Denken lebendig. Beim indischen Yogi wurde es auch nur dadurch lebendig, dass er in eine Beziehung zur geistigen Welt kam, nur gelangte er nicht in ein solches Verhältnis zur äußeren Welt, wie wir es in unserem Erkenntnisprozess brauchen.
[ 22 ] For—dear friends—, when it comes to the external world, we often think differently—because we rely on “dead” thinking in that context—than we do when we think about human nature, or indeed about living nature in general. For example, when we look at a magnetic needle that can rotate around its axis, we find that it has a particularly distinct orientation, pointing toward the magnetic North Pole on one side and the magnetic South Pole on the other. This leads us to the idea that the magnetic north-south direction in space has something distinctive about it compared to the other directions. We differentiate space, which would otherwise appear undifferentiated to us. Once one has developed living thinking, the vertical direction—which human beings acquire by bringing their animal organization, oriented in an entirely different direction, into the vertical plane—becomes equally animated. In this way, one learns to experience the world firsthand; the entire space thereby comes alive. Through this, however, one can then transition from the living thought of the animal organism to the living thought of the human organism. The thought of the human organism grows out of the living thought of the animal organism itself. One sees: by observing the phenomena of the external world, thinking comes alive. For the Indian yogi, too, thinking came to life only through entering into a relationship with the spiritual world; however, he did not attain the kind of relationship with the external world that we require in our process of cognition.
[ 23 ] Wenn in dieser Weise die Möglichkeit entwickelt wird, die Welt gedanklich als ein Lebendiges sich zum Bewusstsein zu bringen, so würde doch damit noch immer nicht für den Menschen verbürgt sein, dass man es da mit einer Realität, mit einer Wirklichkeit zu tun habe. Was man als lebendiges Denken entwickelt, das könnte immer noch eine bloße Phantasie sein. Man muss ein Kennzeichen dafür haben, dass man es nicht mit einer bloßen Phantasie, sondern mit etwas zu tun hat, das, indem es in unserem lebendigen Denken lebt, zugleich draußen in den Dingen selber lebt, sodass der Gedanke, den ich als lebendig erlebe, dasjenige darstellt, was draußen in den Wesen der Natur selbst lebt. Dieses Kennzeichen ergibt sich für den, der in der Art, wie ich es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» oder in anderen Büchern dargestellt habe, den Erkenntnisweg zum lebendigen Gedanken geht. Ihm ergibt sich die Realität des lebendigen Gedankens einfach dadurch, dass man, wenn man ihn hat, das Hegen, das Erleben dieses lebendigen Gedankens bei jedem Schritt, den man innerlich unternimmt im Leben, einen seelischen Schmerz, ein Leid erlebt. Ja, wirkliche höhere Erkenntnis ist nicht ohne seelischen Schmerz, ohne seelisches Leid zu erlangen. Und was deutet dieses Leid, dieser Schmerz an?
[ 23 ] Even if, in this way, the possibility is developed to bring the world to consciousness as a living entity through thought, this would still not guarantee to human beings that they are dealing with a reality, with something truly real. What one develops as living thought could still be mere fantasy. One must have a distinguishing feature to indicate that one is not dealing with mere fantasy, but with something that, while living within our living thought, simultaneously lives out there in the things themselves, so that the thought I experience as living represents that which lives out there in the very beings of nature. This distinguishing feature becomes apparent to those who follow the path of knowledge leading to the living thought, as I have described it in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, in my *Esoteric Science*, or in other books. The reality of the living thought becomes evident to them simply because, when they possess it, the nurturing and experiencing of this living thought at every inner step they take in life is accompanied by a spiritual pain, a suffering. Indeed, true higher knowledge cannot be attained without spiritual pain, without spiritual suffering. And what does this suffering, this pain, signify?
[ 24 ] Nun, dieser Schmerz und dieses Leid ist ja nichts anderes als das, was sich dadurch ergibt, dass unser ganzer Organismus, dieses unser ganzes Menschenwesen durch und durch innerlich so empfindlich wird, wie sonst nur die Sinne empfindlich sind. An die Empfindlichkeit der Sinne sind wir gewöhnt; sie machen uns keine Schmerzen mehr, trotzdem auch in den Sinnen — zum Beispiel in den Augen — Prozesse vor sich gehen, die, wenn wir überhaupt eine Schmerzempfindung für solche Prozesse hätten, uns eben als Schmerzprozesse vorkommen würden. Wir haben für diese Prozesse die Schmerzempfindung nicht. Wenn aber unser ganzer Organismus durch die angedeuteten Übungen zu einem Gesamt-Sinnesorgan wird, dann empfinden wir dies zunächst als Schmerz, als innerliches Seelenleid. Daher muss man immer wieder und wieder sagen: Der, der Freude erlebt, Lust erlebt, er kann ja dem Leben dankbar sein für diese Freude und diese Lust. Erkenntnisse in einem tieferen Sinne werden ihm dadurch nicht. Wer sich ein wenig Erkenntnisse angeeignet hat, der weiß, wie viel er davon den Leiden und Schmerzen verdankt, die ihm schon das gewöhnliche Leben gegeben hat; sodass ihn diese Leiden und Schmerzen vorbereitet haben, um nun in innerlicher Selbsterziehung zum lebendigen Denken, auch die Leiden und die Schmerzen zu erfahren, die eben dieses lebendige Denken dem Menschen bereitet, weil er eben in die äußere Welt hineingestellt ist. Dadurch, dass wir die Wirklichkeit im Leiden erleben, dadurch erleben wir die geistige Welt, die wir jetzt mit dem lebendigen Gedanken erfassen, mit demselben Grade von Wirklichkeit, mit dem wir durch unsere Sinne die sinnliche Welt erleben. Dadurch werden wir ganz geistiges Sinnesorgan, wenn ich diesen paradoxen, in sich widersprechenden, aber sehr realen Ausdruck gebrauchen darf, und nur als ganzer Mensch können wir das werden. Dann nehmen wir die geistige Welt in ihrer Wirklichkeit wahr. Dann wissen wir, wie der lebendige Gedanke ebenso eine Wirklichkeit ist, wie wir im gewöhnlichen Leben zu unterscheiden wissen ein Stück heißes Eisen, das wir mit den Fingern wirklich erfassen, von einem solchen, das wir bloß in einer Phantasie-Vorstellung uns vor die Seele stellen.
[ 24 ] Well, this pain and suffering are nothing other than the result of our entire organism—our whole human being—becoming, through and through, as sensitive internally as the senses alone are otherwise. We are accustomed to the sensitivity of the senses; they no longer cause us pain, even though processes are taking place within the senses—for example, in the eyes—that, if we had any sensation of pain for such processes at all, would indeed appear to us as painful processes. We do not have a sense of pain for these processes. But when our entire organism, through the exercises described, becomes a single, unified sensory organ, we initially experience this as pain, as inner spiritual suffering. That is why one must say again and again: The person who experiences joy and pleasure can, of course, be grateful to life for this joy and this pleasure. Yet this does not lead to deeper insights. Anyone who has acquired a little insight knows how much of it they owe to the sufferings and pains that ordinary life has already given them; so that these sufferings and pains have prepared them to now, through inner self-education toward living thought, also experience the sufferings and pains that this very living thought brings to human beings, precisely because they are placed within the outer world. By experiencing reality through suffering, we experience the spiritual world—which we now grasp with living thought—with the same degree of reality with which we experience the sensory world through our senses. Through this, we become a wholly spiritual sense organ, if I may use this paradoxical, self-contradictory, yet very real expression, and only as whole human beings can we become this. Then we perceive the spiritual world in its reality. Then we know how the living thought is just as much a reality as, in ordinary life, we know how to distinguish a piece of hot iron that we actually grasp with our fingers from one that we merely conjure up in our imagination.
[ 25 ] So gehören zur Erfassung der höheren, übersinnlichen Welt diese zwei Dinge zusammen: dass der lebendige Gedanke im Menschen erlebt wird, und dass durch inneren, seelischen Schmerz sein ganzes Wesen von innerer Empfindbarkeit durchsetzt wird. Der Gedanke muss lebendig werden — der ganze Mensch muss ein Empfindungswesen werden für diejenigen Augenblicke seines Lebens, wo er eine Beziehung suchen will zur geistigen Welt. Wir sehen, als moderne Menschen bleiben wir ganz im Seelischen. Wir wenden uns weder an jenen Prozess, der das Bewusstsein erkraftet durch ein geregeltes oder ein irreguläres Atmen. Wir wenden uns auch nicht an den Vorgang, der unsere Leibesfunktionen herablähmt. Wir bleiben mit unseren Übungen ganz im Seelischen, aber auf einer anderen Stufe bilden wir dasselbe aus, was durch die Yoga-Praxis und durch die Askese für das Schauen der höheren Welt ausgebildet wurde. Wir bilden diese höheren Erkenntnisse aus und bleiben dennoch Menschen, die sich voll dem robusten Leben entgegenstellen können, die sich weder als Erkenntnismenschen noch als Tatmenschen zurückziehen müssen in die Einsiedelei. Woran liegt das? Wir führen ja nur innerliche Seelenübungen aus, kommen aber dadurch doch zu dem erkrafteten Gedanken, der von dem indischen Yogi nur dadurch erkraftet wurde, dass er die stärkere Strömung hineinströmen ließ in die andere des Atmens. Und wir gelangen auf der anderen Seite rein innerlich seelisch zu dem, was nun doch in einer gewissen Weise wird zu einer Art Herabstimmung der physischen Vorgänge. Aber wir haben beides nun in der Hand. Wir haben in der Hand, dass zum Beispiel das Leiden ein bloß seelisches bleibt und wir jederzeit, wenn wir aus dem Schlaf erwachen, zurückkehren können zu unserer gesunden Seelen- und Leibesverfassung. Denn das muss immer wieder hervorgehoben werden, dass es bei den anthroposophischen Methoden darauf ankommt, dass wir aus jenem Zustande, der uns in die geistige Welt hineinführt, in denjenigen Zustand zurückkehren können, wo wir mit beiden Füßen auf der Erde stehen.
[ 25 ] Thus, these two things go hand in hand in the perception of the higher, supersensible world: that the living thought is experienced within the human being, and that, through inner, soulful pain, the human being’s entire being is permeated by inner sensitivity. Thought must come alive—the whole human being must become a being of feeling during those moments of life when he seeks a connection to the spiritual world. We see that, as modern people, we remain entirely within the realm of the soul. We do not turn to the process that strengthens consciousness through regulated or irregular breathing. Nor do we turn to the process that slows down our bodily functions. With our exercises, we remain entirely within the realm of the soul, yet on a different level we develop the very same faculties that were cultivated through yoga practice and asceticism for the perception of the higher world. We develop these higher insights and yet remain human beings who can fully face the rigors of life, who need not withdraw into seclusion—neither as people of knowledge nor as people of action. Why is that? We perform only inner soul exercises, yet through them we arrive at the empowered thought—the very thought that was empowered in the Indian yogi solely by allowing the stronger current to flow into the current of breathing. And on the other hand, purely inwardly and spiritually, we arrive at what, in a certain sense, becomes a kind of attunement of the physical processes. But we now have both within our grasp. We have the power, for example, to ensure that suffering remains purely spiritual, and that we can return at any time—when we awaken from sleep—to our healthy state of mind and body. For it must be emphasized again and again that what matters in anthroposophical methods is that we can return from that state which leads us into the spiritual world to the state where we stand with both feet firmly on the earth.
[ 26 ] Wenn man aber dazu gelangt ist, in dieser Weise das Denken belebt zu haben, dann weiß man, dass man etwas ganz anderes hat, als einmal die vielverspottete Naturphilosophie hatte. Oken, Schelling, sie kamen auch zu einem lebendigen Denken. Und wer heute die Werke Schellings liest, der merkt, dass in ihnen etwas ist, was nicht toter Gedanke, was lebendiger Gedanke ist. Aber was Schelling nicht ausspricht, das ist, wodurch sein lebendiges Denken ein anderes ist als das bloße Bild eines solchen Denkens. Es ist anders durch das, was ich hinzugefügt habe, was bezeugt, dass wir mit unserem ganzen Wesen ein Sinnesorgan geworden sind: die Schmerzen, die Leiden, die man als eine Notwendigkeit erkennt, wenn höhere Erkenntnisse im Menschen eintreten sollen. Daher — kann man sagen — gibt eine solche Erkenntnis, wie sie bei Schelling da zu sein scheint, nur eine Art innerer seelischer Wollust, während es mit derjenigen Erkenntnis, die ich meine, recht ernst wird, wenn die Frage entsteht: Wie soll man sie ertragen?
[ 26 ] But once one has succeeded in enlivening thought in this way, one knows that one possesses something entirely different from what the much-mocked philosophy of nature once had. Oken and Schelling also arrived at a living form of thought. And anyone who reads Schelling’s works today will notice that there is something in them that is not dead thought, but living thought. But what Schelling does not articulate is precisely what makes his living thought different from the mere image of such thought. It is different because of what I have added—what testifies that we have become, with our whole being, a sensory organ: the pains and sufferings that one recognizes as a necessity if higher insights are to arise in human beings. Therefore—one might say—such knowledge, as it seems to exist in Schelling, provides only a kind of inner, psychological pleasure, whereas the knowledge I am referring to becomes quite serious when the question arises: How is one to endure it?
[ 27 ] Und noch ein anderer Unterschied tritt auf gegenüber der anthroposophischen Erkenntnis und der Schelling’schen. Man ist gewohnt, wenn man sich Erkenntnisse erwirbt durch die gewöhnliche Wissenschaft oder die spekulative Philosophie; man hat sie einmal, und sie bleiben, indem sie Gedächtnisvorstellungen werden. Ich möchte sagen: So gut hat man es mit der anthroposophischen Geisteserkenntnis nicht, denn sie ist ein Lebendiges. Hat man sich über ein gewisses Gebiet der Welt in der angedeuteten Weise die Möglichkeit verschafft, in das Geistige hineinzuschauen: Man kann ein noch so starkes Erleben und ein noch so kräftiges Anschauen in einem bestimmten Momente haben — nach kurzer Zeit ist es verglommen, wie ein verglommener Traum. Und will man es wieder lebendig haben, so muss man es wieder in sich erwecken, denn man ist eben eingetreten in die Sphäre des Lebendigen. Und wie niemand in der Sphäre des Lebendigen sagen kann, dass das Vorhergehende manches Nach-ihm-Kommende unnötig mache — zum Beispiel, dass man, wenn man vor acht Tagen einmal gegessen hat, deshalb nun nach acht Tagen nicht zu essen brauche —, so ist es auch hier: dass man die Erkenntnis, die man sich im geistigen Leben erworben hat, immer wieder neu erringen muss. Das gibt dem Seelenleben eine gewisse Verfassung gegenüber der übersinnlichen Welt, die Verfassung, dass das Geistige sich dadurch lebendig zeigt, dass es auch immer wieder durch die lebendigen Kräfte erfasst werden muss, um für das Bewusstsein da zu sein. Kurz, man lebt sich hinein in die übersinnliche Welt, indem man die Wirklichkeit dieser geistigen Welt zugleich erlebt, so wie man sich durch die Sinne in eine Wirklichkeit hineinlebt.
[ 27 ] And yet another difference arises between anthroposophical knowledge and Schelling’s. We are accustomed to acquiring knowledge through ordinary science or speculative philosophy; once we have it, it remains with us as it becomes a mental image. I would like to say: It is not quite so simple with anthroposophical spiritual knowledge, for it is a living thing. Once one has, in the manner described, gained the ability to look into the spiritual realm within a certain area of the world: No matter how intense an experience or how vivid a vision one may have at a given moment—after a short time it has faded, like a dream that has faded. And if one wishes to bring it back to life, one must reawaken it within oneself, for one has, after all, entered the sphere of the living. And just as no one in the sphere of the living can say that what came before renders what comes after it unnecessary—for example, that if one ate once eight days ago, one therefore need not eat now, eight days later—so it is here as well: one must continually reacquire the insight one has gained in spiritual life. This gives the life of the soul a certain attitude toward the supersensible world—namely, that the spiritual reveals itself as alive precisely because it must continually be grasped by living forces in order to be present to consciousness. In short, one lives one’s way into the supersensible world by simultaneously experiencing the reality of this spiritual world, just as one lives one’s way into a reality through the senses.
[ 28 ] Dann aber, wenn man dieses lebendige Denken, durchkraftet von innerer Empfindbarkeit und innerer Empfindungsmöglichkeit, in sich entwickelt hat, dann steht man auch dem Menschen, den man dann vor sich hat, nicht mehr so gegenüber wie mit dem toten Denken. Beim toten Denken liegt ja die Eigentümlichkeit vor, dass wir diesen Menschen vor uns haben, uns gewisse Vorstellungen von ihm machen, die wir dann in uns weitertragen. Aber alle diese Vorstellungen ragen nicht hinaus über den Raum, den der Mensch mit seiner Haut umschließt. Schauen wir dagegen mit dem lebendigen Denken den Menschen an, so fügt sich uns zu der physisch-sinnlichen Anschauung des Menschen ein geistiger Mensch hinzu, der wiederum in sich gegliedert ist. Wir schauen den Menschen in seiner physischen Gestalt an. Diese aber erscheint uns wie eingeschlossen in einer geistigen Hülle, und diese geistige Hülle weist uns zurück auf frühere Erdenleben. Wir schauen, wie das gegenwärtige Erdenleben, in dem sich die jetzige Gestalt auslebt, eine Wiederholung des früheren Erdenlebens ist. Und man kommt weiter dazu, den Menschen so zu erschauen, dass man das erkennt, was er in der Zeit von dem früheren Tode bis zu dem Beginn seines jetzigen Erdendaseins in der geistigen Welt erlebt hat. Wir schauen hin auf das geistig-seelische Wesen des Menschen, wie es war vor dem Herabsteigen in die physische Erdenwelt, und sehen, wie da die Tätigkeit des geistig-seelischen Wesens, das noch keinen Leib hat, sich entfaltete, wie sie darauf hingerichtet ist, dasjenige mit einem vollen, und zwar jetzt geistigen Bewusstsein zu durchdringen, was gerade die Geheimnisse der menschlichen Leiblichkeit sind. Wir werden jetzt gewahr, welchen tiefen Sinn es hat, zu sagen: Der Mensch ist eine kleine Welt. Denn diese kleine Welt ist nur dem Raume nach klein gegenüber der großen Welt des Kosmos. Sie enthält nicht nur die Geheimnisse des Kosmos. Sie enthält weit mehr, als man mit den gewöhnlichen Augen im Kosmos schauen kann, wie wir mit dem Intellekt den äußeren Kosmos überschauen und unsere Blicke in ihn hineinrichten, damit wir ihn erkennen oder handelnd in ihm auftreten können. So sind die Blicke des Menschen, indem er als geistig-seelisches Wesen vor der Empfängnis in einer geistigen Welt lebt, auf die menschliche Organisation gerichtet, auf den Menschen, wie er hier mit seinem geistig-seelischen Wesen eingeschlossen ist in seiner Haut. Das ist die Welt, die man durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und auf diese Welt schauen wir hin durch das, was — wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf — wir wie eine geistige Aura am Menschen und durch den Menschen hindurch sehen, und was uns hinweist auf diejenige Welt, die er vor seinem Erdendasein durchlebt hat.
[ 28 ] But once one has developed within oneself this living thinking—imbued with inner sensitivity and the capacity for inner perception—one no longer approaches the person standing before one in the same way as one would with dead thinking. With dead thinking, after all, the peculiarity is that we have this person before us, form certain ideas about them, which we then carry within us. But none of these ideas extend beyond the space enclosed by the person’s skin. If, on the other hand, we look at the human being with living thinking, a spiritual human being—which is itself structured—is added to our physical-sensory perception of the person. We look at the human being in their physical form. This form, however, appears to us as if enclosed in a spiritual shell, and this spiritual shell points us back to earlier earthly lives. We see how the present earthly life, in which the current form lives out its existence, is a repetition of a previous earthly life. And we come to perceive the human being in such a way that we recognize what he experienced in the spiritual world during the time from his previous death to the beginning of his present earthly existence. We look at the human being’s spiritual-soul being as it was before descending into the physical earthly world, and see how the activity of this spiritual-soul being—which does not yet have a body—unfolded, and how it is directed toward permeating, with a full—and now spiritual—consciousness, precisely the mysteries of human physicality. We now become aware of the profound meaning of the saying: “The human being is a microcosm.” For this microcosm is small only in terms of space compared to the vast world of the cosmos. It contains not only the mysteries of the cosmos. It contains far more than can be seen in the cosmos with the ordinary eyes, just as we survey the outer cosmos with our intellect and direct our gaze into it so that we may recognize it or act within it. Thus, as a spiritual-soul being living in a spiritual world before conception, the human being’s gaze is directed toward the human organism—toward the human being as he is enclosed here within his skin with his spiritual-soul being. This is the world one experiences between death and a new birth, and we look toward this world through what—if one may use this expression—we see as a spiritual aura around the human being and through the human being, and which points us toward the world the human being experienced before his earthly existence.
[ 29 ] Und wir schauen hin auf jene andere Gliederung, durch die sich uns ausspricht, wie der Mensch als Handelnder vor uns auftritt. Wenn wir mit dem gewöhnlichen Intellekt beobachten, wie der eine Mensch etwa einem anderen im Leben begegnet, dann schreiben wir es vielleicht dem sogenannten Zufall zu, wenn wir merken, diese Begegnung hat eine tiefere Bedeutung für den Menschen. Wenn wir merken: Diese Begegnung ist vielleicht dadurch, dass diese beiden Lebensgefährten werden, ausschlaggebend für ihr ganzes Erdenleben, so schreiben wir es vielleicht doch nur einem Zufall zu, dass sich diese beiden gefunden haben. Schauen wir aber mit dem erkrafteten, seine Wirklichkeit verbürgenden Denken darauf hin, dann erkennen wir, wie wenn das ganze Leben dieser beiden Menschen sich mit einem gewissen Zauber bewegt hätte, und dass der eine dadurch zuletzt in den Gesichtskreis des anderen getreten ist, weil ihm der andere sympathisch war. Es wird zur Gewissheit, was sinnige Menschen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, sich sagen, wie es zum Beispiel Goethes Freund Knebel ausdrückte: Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dann scheint es mir so, als wenn ich es aus unbewussten, inneren Wünschen gewollt hätte. Es zeigt sich, wie wenn das, was da heraus will im Schicksal des Menschen, uns zusammenbindet in unserer inneren Wesenheit mit dem Wesen des anderen.
[ 29 ] And we turn our attention to that other structure through which it becomes clear to us how human beings appear before us as agents. When we observe with our ordinary intellect how one person encounters another in life, we might attribute it to so-called chance when we realize that this encounter has a deeper meaning for the person. If we realize that this encounter—perhaps because these two are destined to become life partners—is decisive for their entire earthly existence, we might still attribute it merely to chance that these two found one another. But if we look at it with strengthened thinking that attests to its reality, then we recognize how the entire lives of these two people seemed to unfold with a certain magic, and that one of them ultimately came into the other’s field of vision because he found the other person appealing. It becomes a certainty—what thoughtful people, once they have reached a certain age, say to themselves, as Goethe’s friend Knebel, for example, put it: “When I look back on my life, it seems to me as if I had willed it out of unconscious, inner desires.” It becomes evident how what seeks to emerge in a person’s destiny binds us together in our inner being with the essence of the other.
[ 30 ] Da kommen wir zu dem, was die alten Asketen, die Yoga-Menschen, das Karma nannten, wie sich das Schicksal im Zusammenhange mit den aufeinander folgenden Erdenleben entwickelt. Das erscheint heute manchem Menschen noch paradox. Wer aber das ernst nimmt, wie die Wirklichkeit des lebendigen Denkens verbürgt werden kann, der wird sich doch eine Vorstellung bilden von dem Zusammenhange des menschlichen Schicksals mit dem, was man als höhere, übersinnliche Erkenntniskräfte ausbildet. Geradeso wie man sagen kann, dass dem Blindgeborenen unbekannt ist, was in der Welt der Farben lebt, dass aber deshalb die Farbenwelt nicht abgeleugnet werden darf, so erscheint für eine höhere Erkenntnis der Zusammenhang des menschlichen Schicksals mit wiederholten Erdenleben nicht im Widerspruche zur menschlichen Freiheit. Wenn man auf die menschliche Freiheit sieht, so könnte es scheinen, als ob sie mit einer solchen Anschauung vom Karma und von den wiederholten Erdenleben nichts zu tun habe. So ist es aber nicht. Denn ich bin zum Beispiel nicht dadurch unfrei, dass ich mir in diesem Jahre ein Haus baue und im nächsten Jahre darin einziehe. Ebenso wenig aber bin ich dadurch unfrei, dass ich gewisse Kräfte in mir ausbilde, und dass diese dann ihre Wege im Erdenleben suchen. Es bleibt auch dabei, wie beim Bau eines Hauses, immer noch die Freiheit des Menschen bestehen. Aber man sieht durch eine solche Erkenntnismöglichkeit darauf hin, wie das, was das menschliche Handeln ist, das zweite Glied der menschlichen Aura ist. Und man erlangt dadurch eine Erkenntnis desjenigen von uns, was unaufhörlich wirkt, indem der Mensch sich in der physischen Welt betätigt. Darin leben jetzt nicht nur die gewöhnlichen Erkenntniskräfte, sondern dasjenige, was er zum Beispiel sonst verspüren kann in Bezug auf seine Verdauung. So erschaut der Mensch jetzt das, was er von Tag zu Tag erlebt, was sein Leben bereichert, wodurch er immer größer und größer wird — im geistigen Sinne ist das jetzt natürlich gemeint — und was dann in die geistige Welt durch den Tod geht: Er erschaut das Geheimnis des Todes.
[ 30 ] This brings us to what the ancient ascetics, the yogis, called karma—how destiny unfolds in connection with successive earthly lives. To some people today, this still seems paradoxical. But anyone who takes seriously the question of how the reality of living thought can be substantiated will nevertheless form a conception of the connection between human destiny and what are cultivated as higher, supersensory powers of perception. Just as one can say that a person born blind is unaware of what exists in the world of colors, yet the world of colors must not be denied for that reason, so too, from the perspective of higher knowledge, the connection between human destiny and repeated earthly lives does not appear to contradict human freedom. When one considers human freedom, it might seem as though it has nothing to do with such a view of karma and repeated earthly lives. But that is not the case. For example, I am not unfree simply because I am building a house this year and will move into it next year. Nor am I any less free because I develop certain powers within myself, and because these powers then seek their own paths in earthly life. Just as with the building of a house, human freedom still remains intact. But through such a possibility of insight, one comes to see how human action constitutes the second link of the human aura. And through this, one gains an understanding of that part of us that is constantly at work as the human being engages in activity in the physical world. It is not only the ordinary powers of cognition that live within this, but also that which, for example, one might otherwise sense in connection with one’s digestion. Thus, a person now perceives what they experience from day to day, what enriches their life, through which they grow ever greater and greater—in the spiritual sense, of course—and what then passes into the spiritual world through death: they perceive the mystery of death.
[ 31 ] Das ist der anthroposophische Weg in die geistige Welt. Und dieser Weg macht auch erklärlich, weshalb die, die ihn nicht gehen wollen, ihn nun so verdammen, wie man es heute erlebt. Sie haben eine unbewusste Scheu vor dem, was einmal in einer höheren Erkenntnis überwunden werden muss, vor dem Leiden, vor dem, was die menschlichen Funktionen in eine gewisse Ruhe bringt, aber in eine Ruhe, die unter einer inneren Herrschaft steht. Sie sehen es daher lieber, wenn man aus einer herabgestimmten Leiblichkeit, wie beim Medium, herauftauchen sieht die Visionen und so weiter, die aber keinen Erkenntniswert haben. Während ein Erkenntniswert dadurch entsteht, dass man nicht erlebt, was durch die äußere Leiblichkeit gewirkt wird, sondern was aus der inneren Seele erlebt wird, aber als ein gewisses Leid, das verbürgt die Gewissheit der übersinnlichen Welt.
[ 31 ] This is the anthroposophical path into the spiritual world. And this path also explains why those who do not wish to follow it now condemn it so vehemently, as we see today. They have an unconscious aversion to what must one day be overcome through higher knowledge—to suffering, to that which brings human functions into a certain state of calm, but a calm that is subject to an inner mastery. They therefore prefer to see visions and the like emerge from a subdued physical state—as in the case of a medium—which, however, have no value as knowledge. Whereas true knowledge arises not from experiencing what is brought about by the outer physical body, but from what is experienced from within the soul—albeit as a certain suffering—which guarantees the certainty of the supersensible world.
[ 32 ] Und indem man so den Weg in die übersinnliche Welt sucht, müssen seine Ergebnisse auch so mitgeteilt werden, dass die ganze Darstellung ein Ausdruck des Ernstes ist, den der haben muss, der den Weg in die geistige Welt hinauf gehen will und von da aus den anderen Menschen über diese geistige Welt Kunde bringen will. Es muss heute unter den Menschen die Anschauung Platz greifen, dass die Mitteilungen über die geistige Welt verkündet werden können von denen, die diesen Weg gehen, und dass dadurch erkundet werden kann das Geheimnis von Geburt und Tod. Es müssen Menschen aufkommen können, welche die Erkenntnis der geistigen Welt suchen, nicht nur die der natürlichen Welt in der Naturwissenschaft. Und wie man nicht Maler sein muss, um die Schönheit einer Naturerscheinung zu empfinden, ebenso wenig muss man Geistesforscher sein, um den Wert dessen zu empfinden, was der Geistesforscher über die übersinnliche Welt zu sagen hat. Erst wenn sich ein Verhältnis herausgebildet hat über das Verständnis der geistigen Welt in ähnlicher Weise, wie man Kunstwerke verstehen kann, auch wenn man nicht Künstler ist, dann erst wird das richtige Verhältnis bestehen zwischen dem Geistesforscher und dem Nicht-Geistesforscher, so wie heute schon das rechte Verhältnis besteht zwischen Astronomen und Nicht-Astronomen.
[ 32 ] And in seeking the path to the supersensible world in this way, its findings must also be communicated in such a way that the entire presentation is an expression of the seriousness required of one who wishes to ascend the path to the spiritual world and, from there, bring news of this spiritual world to other people. Today, the view must take hold among people that messages about the spiritual world can be proclaimed by those who walk this path, and that through this the mystery of birth and death can be explored. People must be able to emerge who seek knowledge of the spiritual world, not merely that of the natural world as studied by the natural sciences. And just as one need not be a painter to appreciate the beauty of a natural phenomenon, so too one need not be a spiritual researcher to appreciate the value of what the spiritual researcher has to say about the supersensible world. Only when a relationship has developed toward understanding the spiritual world in a similar way to how one can understand works of art—even if one is not an artist—will the proper relationship exist between the spiritual researcher and the non-spiritual researcher, just as the proper relationship already exists today between astronomers and non-astronomers.
[ 33 ] Und Geisteswissenschaft wird das rechte Verhältnis begründen zwischen dem Geistesforscher und denjenigen, welche die Geistesforschung aufnehmen wollen. Und da dieses Verhältnis auf Wahrheit hingeordnet ist, so muss auch die Wahrheit empfunden werden, wenn die Menschen ihr Wahrheitsgefühl und den gesunden Menschenverstand walten lassen, auf den auch die Mitteilungen des Geistesforschers hingeordnet sind. Dann aber, wenn solches Verhältnis von Geistesforschung zu diesem Leben da ist, wie ich es eben geschildert habe, dann wird dasjenige für das Leben eintreten, was die geistigen Impulse dieser Geisteswissenschaft zu einer wirklichen Lebenspraxis bringen kann. Was haben wir heute von der geistigen Welt? Wir haben Gedanken von der geistigen Welt, wir leben in Gedanken und Ideen, die aber, wie ich charakterisiert habe, eigentlich tot sind. Wenn man aber in diese Ideen hineinzugießen vermag anthroposophische Geisteswissenschaft, dann gibt sie diesen Gedanken und Ideen Leben. Dadurch werden die Menschen, welche diese anthroposophischen Gedanken zu verstehen vermögen, selber innerlich geistig belebt.
[ 33 ] And spiritual science will establish the proper relationship between the spiritual researcher and those who wish to engage with spiritual research. And since this relationship is oriented toward truth, the truth must also be perceived when people allow their sense of truth and common sense to prevail—toward which the spiritual researcher’s communications are also oriented. But once such a relationship between spiritual science and this life exists, as I have just described, then that which can transform the spiritual impulses of this spiritual science into a genuine way of life will take hold in life. What do we have today from the spiritual world? We have thoughts about the spiritual world; we live in thoughts and ideas that, however, as I have characterized them, are actually dead. But if one is able to infuse these ideas with anthroposophical spiritual science, then it breathes life into these thoughts and ideas. Through this, the people who are able to understand these anthroposophical thoughts are themselves inwardly and spiritually enlivened.
[ 34 ] Haben wir Geist in unserer gegenwärtigen Kultur? Wir dürfen sagen: Wir haben Geist in dem Sinne, als wir schöne, große Gedanken vom Geist entwickelt haben. Aber in diesen Gedanken ist nicht vorhanden der lebendige Geist. Nicht Gedanken über den Geist will Anthroposophie entwickeln, sondern den lebendigen Gedanken selbst so in den Menschen hineingießen als geistiges Blut, dass er in seiner geistigen Natur so von geistigem Blut durchblutet ist, wie er in seiner physischen Natur vom physischen Blut durchblutet ist. Dann aber gelangen wir dazu, unser ganzes Leben wieder mit Geist zu durchdringen, aber nicht bloß mit Gedanken und Abstraktionen vom Geiste, sondern mit lebendigen Ideen von diesem Geiste. Dann aber werden sich die großen Fragen des Lebens, vor allem die sozialen Fragen, in ganz anderer Weise lösen, wenn wir sagen können: Wir haben nicht bloß Gedanken vom Geistigen, sondern die geistige Welt selbst wandelt unter uns. Sie ist da, wo wir selbst als physische Menschen sind. Aber indem wir — jeder in seinem physischen Menschen — einen geistigen Menschen in uns tragen, sind wir Genossen geistiger Wesenheiten, die unter uns wandeln. Wir werden ganz anders uns in die Welt hineinstellen, und die großen Rätselfragen der Gegenwart und der nächsten Zukunft werden in ganz anderer Weise vor uns hintreten, wenn wir aufhören, bloß toten Geist in Gedanken zu haben, sondern wenn wir wieder sagen können: Wir Menschen sind auf der Erde nicht allein, wir tragen nicht nur Gedanken an einen Geist in uns, die als Gedanken ja unbewiesen sind, die auf der einen Seite zum Aberglauben, auf der anderen Seite zum Zweifel führen. Denn aus Gewissheit heraus können wir sagen: Wir sind nicht allein auf der Erde, geistige Wesenheiten sind unter uns, sind mit uns verbunden, geistige Wesenheiten besorgen mit uns den Weltenlauf, und wir besorgen den Weltenlauf, wenn wir uns in ein Verhältnis zu ihnen setzen!
[ 34 ] Do we have spirit in our present-day culture? We may say: We have spirit in the sense that we have developed beautiful, grand ideas about the spirit. But the living spirit is not present in these ideas. Anthroposophy does not seek to develop ideas about the spirit, but rather to infuse the living idea itself into the human being as spiritual blood, so that the human being is permeated in his spiritual nature by spiritual blood just as he is permeated in his physical nature by physical blood. Then, however, we will be able to imbue our entire life with spirit once again—not merely with thoughts and abstractions about the spirit, but with living ideas of this spirit. Then, however, the great questions of life—above all the social questions—will be resolved in an entirely different way when we can say: We do not merely have thoughts about the spiritual, but the spiritual world itself walks among us. It is present wherever we ourselves are as physical human beings. But by carrying—each within our physical being—a spiritual human being within us, we become companions of spiritual beings who walk among us. We will relate to the world in an entirely different way, and the great enigmas of the present and the near future will present themselves to us in a completely different light when we cease to merely think of a dead spirit, but when we can once again say: We humans are not alone on Earth; we do not merely carry thoughts of a spirit within us—thoughts that, as mere thoughts, are unproven and lead, on the one hand, to superstition and, on the other, to doubt. For we can say with certainty: We are not alone on Earth; spiritual beings are among us, are connected to us; spiritual beings work with us to shape the course of the world, and we shape the course of the world when we enter into a relationship with them!
[ 35 ] So sucht Anthroposophie nicht den Geist, der sich vielfach als ein Totes im Leben erweist und der nur ein trübes Bild der Zukunft uns geben kann. Anthroposophie wendet sich vielmehr an den lebendigen Geist, damit die Menschen nicht nur die Ideen vom Geiste haben, sondern den lebendigen Geist unter sich wandeln haben mögen!
[ 35 ] Thus, anthroposophy does not seek the spirit, which often proves to be a lifeless presence in life and can offer us only a dim picture of the future. Rather, anthroposophy turns to the living spirit, so that people may not only have ideas about the spirit, but may have the living spirit walking among them!
