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The Essence of Anthroposophy
GA 80a

26 January 1922, Berlin

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The Essence of Anthroposophy, tr. SOL
  1. Das Wesen der Anthroposophie

8. Anthroposophie und die Rätsel der Seele

8. Anthroposophy and the Mysteries of the Soul

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Die Rätsel der [Natur] treten an den Menschen zunächst heran, insofern er ein erkennendes Wesen ist, und insofern er seine Erkenntnis im praktischen Leben durchzuführen, zu verwirklichen hat. Anders ist es mit den Rätseln der Seele selbst. Wenn die Erkenntnis vor allen Dingen nötig ist zur Orientierung in der Welt, wenn wir uns vorkommen in einer Welt, die sich uns nicht erhellen will durch Erkenntnis, gewissermaßen geistig wie in einem finsteren Raume, so muss man sagen: Die Rätsel der Seele sind solche, die unmittelbar erlebt werden, allerdings in einer Weise erlebt werden, von der sich sehr viele Menschen keine genügende Vorstellung machen. Man redet zwar heute sehr viel von dem unbewussten und unterbewussten Seelenleben; da man aber kaum genügende Wege hat, um zu genaueren Vorstellungen über dieses unterbewusste Seelenleben zu kommen — wie gerade der heutige Abend zeigen soll —, so ist es auch so, dass man den tiefgehenden Einfluss, den Seelenrätsel auf den Menschen haben, nicht genügend würdigen kann aus dem unmittelbaren Bewusstsein der Gegenwart heraus und aus dem, was in dieser Gegenwart anerkannte Wissenschaft ist. Zweifel an denjenigen Dingen, die intim und innig mit den Sehnsuchten und Hoffnungen des menschlichen Seelenlebens zusammenhängen, sie bringen dem Menschen nicht nur Haltlosigkeit der Seele, sie rauben ihm nicht nur die Sicherheit des seelischen Lebens, sie nehmen ihm nicht nur die Kraft, in sittlicher, in sozialer Beziehung seine Stellung im Leben zu finden und zu wahren, sondern sie greifen in die ganze innere Verfassung des Gesamtlebens des menschlichen Organismus ein. Was da vorliegt, durchschaut man durchaus nicht ganz, wenn man nicht weiß, dass es in den tieferen Untergründen des Seelenlebens Kräfte gibt, die dem Menschen zunächst unbekannt sind — und dennoch so arbeiten, wie nur die bewussten Kräfte arbeiten, aber — man möchte sagen — tiefer hineinwühlen in die ganze menschliche Natur.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! The mysteries of [nature] first present themselves to human beings insofar as they are beings capable of cognition, and insofar as they must apply and realize their knowledge in practical life. The situation is different with the mysteries of the soul itself. If knowledge is necessary above all else for orientation in the world, if we find ourselves in a world that refuses to be illuminated by knowledge—spiritually, as it were, as if in a dark room—then one must say: The mysteries of the soul are those that are experienced directly, though in a way that very many people cannot adequately conceive of. Although there is much talk today about the unconscious and subconscious life of the soul, but since we have scarcely adequate means to arrive at a more precise understanding of this subconscious life of the soul—as this very evening is intended to demonstrate—it is also true that we cannot sufficiently appreciate the profound influence that the mysteries of the soul have on human beings from the perspective of our immediate present consciousness and from what is recognized as science in the present day. Doubts about those things that are intimately and deeply connected to the longings and hopes of human soul life, do not merely bring instability to the soul; they do not merely rob a person of the security of their spiritual life; they do not merely deprive them of the strength to find and maintain their place in life in moral and social terms—but they also interfere with the entire inner constitution of the human organism’s overall existence. One cannot fully comprehend what is at work here unless one knows that there are forces in the deeper recesses of the soul’s life that are initially unknown to the individual—and yet operate just as conscious forces do, but—one might say—delve deeper into the whole of human nature.

[ 2 ] Es nimmt sich zunächst als etwas Geringes aus, wenn der Mensch sich über die eine oder andere Frage einem Zweifel hingeben muss, denn Anlass zu Zweifeln gibt es ja genügend gegenüber den großen, nur im Laufe langer Zeit zu lösenden Weltenrätseln. Allein der Zweifel an sich, wenn er sich einlebt in das intimste Seelenleben, wenn gewissermaßen die Seele ihr Dasein fristen muss fortwährend, nicht bewusst, sondern unbewusst — wenn der Ausdruck erlaubt ist — gequält vom Zweifel, dann frisst sich dieser Zweifel so ein in den Organismus, dass er auch die physische Gesundheit nach und nach angreift. Denn was vom Seelischen ausgeht, greift nicht sogleich in das physische Leben ein. Aber was lange Zeit, nach und nach und immer wieder und wieder und insbesondere so, dass es nicht voll in das Bewusstsein heraufkommt, an der Seele in dieser Weise nagt, das untergräbt schließlich auch die physische Gesundheit und damit eigentlich das ganze Dasein des Menschen. Aus diesem Grunde ist das ganze Gebiet dieser Seelenrätsel, insbesondere auch in der neuesten Zeit wiederum, viel in den Gesichtskreis auch ernst strebender Wissenschaftler eingetreten.

[ 2 ] At first glance, it seems like a minor matter when a person must give in to doubt regarding one question or another, for there is, after all, ample cause for doubt when it comes to the great mysteries of the universe, which can only be solved over the course of a long time. But doubt itself—when it takes root in the innermost life of the soul, when, so to speak, the soul must endure its existence constantly, not consciously but unconsciously—if I may use the expression—tormented by doubt—then this doubt eats so deeply into the organism that it gradually begins to undermine physical health as well. For what emanates from the soul does not immediately interfere with physical life. But what gnaws at the soul in this way over a long period of time—gradually, again and again, and especially in a way that does not fully rise to consciousness—ultimately undermines physical health as well, and with it, in fact, the whole of human existence. For this reason, the entire field of these mysteries of the soul—especially in recent times—has once again come to the attention of serious scientists as well.

[ 3 ] Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, will durchaus streng auf dem Boden ernstester, wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit und Methodik arbeiten, wie sie nur heranerzogen werden konnten im Verlaufe der letzten vier bis fünf Jahrhunderte, insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts, im naturwissenschaftlichen Forschen. Allein, da sich Anthroposophie befassen will mit dem, was die tiefste Sehnsucht, die ernstesten Hoffnungen und die stärksten Kräfte und Lebensquellen der Menschenseele sind, so geht Anthroposophie einen jeden Menschen an — und man möchte sagen —, es liegt schon dadurch in ihrer Natur, sich nicht nur an das einzelne Wissenschaftsgebiet, sondern an alle Menschen zu wenden. Man kann ja auch sehen, wie der einfache gesunde Menschenverstand, wenn er nur nicht von dem einen oder anderen Vorurteil eingenommen ist, durchaus den Weg zum Verständnis der anthroposophischen Forschungsmethoden findet. Darüber habe ich mich in den zwei Vorträgen ausgesprochen, die ich kürzlich hier in der Philharmonie gehalten habe. Heute soll meine Darstellung die Seelenrätsel ganz besonders betreffen.

[ 3 ] Anthroposophy, as understood here, is committed to working strictly on the basis of the most serious scientific rigor and methodology—such as could only have been developed over the course of the last four to five centuries, particularly during the nineteenth century, in the field of natural science research. However, since anthroposophy seeks to address the deepest longings, the most earnest hopes, and the strongest forces and sources of life within the human soul, it concerns every human being—and one might say—it is inherent in its very nature to address not only individual fields of science but all human beings. One can indeed see how simple, sound common sense, provided it is not clouded by one prejudice or another, can certainly find its way to an understanding of anthroposophical research methods. I spoke about this in the two lectures I recently gave here at the Philharmonie. Today, my presentation will focus specifically on the mysteries of the soul.

[ 4 ] Auch vor das naturwissenschaftliche Forum sind ganz intensiv diese Seelenrätsel in der neuesten Zeit getreten. Diese Naturwissenschaft, die, wo sie berechtigt ist, von der Anthroposophie voll anerkannt wird, und die mit Recht immer wieder und wieder auf ihre großen Triumphe für die Erkenntnis wie für das Leben in der neuesten Zeit hinweist, diese Naturwissenschaft hat ernste Denker gerade in der Gegenwart — ich möchte sagen — herangezwungen an die Rätsel der Seele. Naturwissenschaftliche Forschung befasst sich ja vor allem mit dem, was dem Menschen sinnlich gegeben ist, und was durch Beobachtung und Experiment und durch den kombinierenden Verstand bis zu seinen Gesetzen zurückgeführt werden kann. Aber was diesem naturwissenschaftlichen Forschen in der neuesten Zeit immer mehr und mehr abhandengekommen ist, das ist der Mensch selber. Die äußere menschliche Natur, die physische Organisation des Menschen, sie ist und wird ja immer wieder und wieder ins Auge gefasst durch die naturwissenschaftlichen Methoden. In der Ausdehnung dieser Methoden auf die großen Fragen des Seelenlebens insbesondere muss Anthroposophie finden, dass diese naturwissenschaftlichen Methoden sich selber, selbst bei großen Forschern, nicht eigentlich treu bleiben. Aus diesem Grunde möchte ich einleitungsweise auf die Art hinweisen, wie gerade von naturwissenschaftlicher Seite an die Seelenrätsel in der Gegenwart oftmals herangegangen wird, und wie sich anthroposophische Forschung zu diesem Wege dennoch ablehnend verhalten muss, weil sie — wie ich in den vorigen Vorträgen betont habe — für das Gebiet des Übersinnlichen, für das Gebiet des Seelen- und Geisteslebens strenger, kritischer vorgehen muss, aus wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit heraus, als man selbst auf naturwissenschaftlicher Seite vorgeht, wenn Fragen des Seelen- und Geisteslebens in die Betrachtung gezogen werden sollen.

[ 4 ] These mysteries of the soul have also come to the forefront of scientific discourse in recent times. This natural science—which, where it is justified, is fully recognized by anthroposophy, and which rightly points again and again to its great triumphs for both knowledge and life in recent times—this natural science has, I would say, compelled serious thinkers, especially in the present, to confront the mysteries of the soul. Scientific research, after all, deals primarily with what is given to human beings through the senses, and with what can be traced back to its laws through observation, experimentation, and the reasoning mind. But what this scientific research has increasingly lost sight of in recent times is the human being itself. Human external nature—the physical organization of the human being—is, of course, repeatedly examined through scientific methods. In the application of these methods to the great questions of the life of the soul in particular, anthroposophy must conclude that these scientific methods do not actually remain true to themselves, even in the hands of great researchers. For this reason, I would like to begin by pointing out the way in which the mysteries of the soul are often approached today, particularly from the perspective of the natural sciences, and how anthroposophical research must nevertheless take a critical stance toward this approach because—as I have emphasized in previous lectures—it must proceed more rigorously and out of scientific rigor than is the case even within the natural sciences when questions of soul and spiritual life are to be considered.

[ 5 ] Von einem Beispiel möchte ich ausgehen, um an ihm zu zeigen, wie Naturwissenschaft glaubt an die Seelenrätsel herankommen zu können, und wie in ganz anderer Art Anthroposophie an diese Seelenrätsel herangehen muss. Ich möchte aufmerksam machen auf eine Schrift, die in allerneuester Zeit in gewissen Kreisen einen großen Eindruck gemacht hat, weil sie das Seelenrätsel bis zur menschlichen Unsterblichkeitsfrage hin behandelt und einen durch und durch naturwissenschaftlichen Geist atmet. Es ist die Schrift, in welcher Oliver Lodge geschrieben hat, was er nach dem Tode seines Sohnes Raymond Lodge angeblich über die Seele seines Sohnes durch mediumistische Kunst hat erfahren können. Man darf diesen, für die Anthroposophie durchaus als verfehlt geltenden Versuch Oliver Lodges, in das Seelenleben bis zur Unsterblichkeitsfrage einzudringen, deshalb anführen, weil der, welcher mit der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit der Naturforschung bekannt ist, jeder Seite — möchte ich sagen — des ausführlichen Buches von Oliver Lodge ansieht, wie dort die strengen naturwissenschaftlichen Methoden gewahrt sind, wie alles, was der Naturforscher gewohnt geworden ist, im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett anzuwenden, hier scheinbar auf die Seelenforschung angewendet ist. Ich möchte nur dasjenige Experiment — es sind ihrer viele in dem genannten Buche — anführen, das am meisten frappiert hat, und das geradezu für viele eine Art «experimentum crucis> war.

[ 5 ] I would like to begin with an example to illustrate how the natural sciences believe they can approach the mysteries of the soul, and how anthroposophy must approach these mysteries in an entirely different way. I would like to draw attention to a work that has recently made a great impression in certain circles because it addresses the mystery of the soul all the way to the question of human immortality and is imbued with a thoroughly scientific spirit. It is the work in which Oliver Lodge wrote about what he allegedly learned about his son Raymond Lodge’s soul through mediumistic means after his son’s death. One may cite this attempt by Oliver Lodge—which is considered entirely misguided from the perspective of anthroposophy—to penetrate the life of the soul all the way to the question of immortality, because anyone familiar with the scientific rigor of natural science will see—on every page, I might say—of Oliver Lodge’s detailed book how strict scientific methods are upheld there, and how everything the natural scientist has become accustomed to applying in the laboratory or in the physics laboratory is here seemingly applied to the study of the soul. I would like to cite only the one experiment—there are many in the aforementioned book—that struck me the most, and which for many was nothing short of a sort of “experimentum crucis.”

[ 6 ] Oliver Lodge hat mit Hilfe eines Mediums angeblich also Nachrichten bekommen von der Seele seines im Kriege gefallenen Sohnes Raymond Lodge. Unter diesen Nachrichten war eine ganz bedeutsam. Da machte, wie Oliver Lodge glaubte, die Seele seines Sohnes durch das Medium ihm die Offenbarung, dass vierzehn Tage vor dem Tode Raymond Lodge mit anderen Kameraden sich habe fotografieren lassen, dass ein Gruppenbild aufgenommen sei, dass der Fotograf zwei Bilder hintereinander aufgenommen habe und dass die Art und Weise, wie Raymond Lodge sitzt, beim ersten und zweiten Bilde etwas anders ist. Von diesem Bilde, um das es sich dabei handelte, wusste niemand etwas, als das Medium diese angeblich von der Seele des Raymond Lodge kommende Nachricht brachte. Die versammelte Familie Oliver Lodges wusste nichts. Das Bild war in Frankreich gemacht worden, war noch nicht in England angekommen, als die entsprechende Sitzung war. Dennoch war durch das Medium die Sache vollständig klar beschrieben worden. Für den strengen Naturforscher Oliver Lodge schien es, als ob [durch] dieses Experiment ganz zweifellos feststehen würde, dass da die Seele seines verstorbenen Sohnes selber gesprochen habe. Denn wer sollte etwas wissen von dem, was an dem Orte, wo das Experiment vollzogen wurde, eben gänzlich unbekannt war. Alle Fehlerquellen, wie man sie ja bei physikalischen Forschungen zum Beispiel kennt, sind sorgfältig ausgeschlossen. Daher war der Eindruck dieses Experimentes, als es in dem ausführlichen Buche beschrieben wurde, auch auf unbefangene Leser außerordentlich frappierend wirkend. Und dennoch: Obgleich hier ein strenger Naturforscher mit Beobachtung aller naturwissenschaftlichen Gewissheit spricht, muss Anthroposophie darauf aufmerksam machen, dass ihre Art der Forschung nach dem Übersinnlichen kritischer sein muss als solche ins Seelengebiet hineingetriebene naturwissenschaftliche Methode. Denn es ist schließlich doch nichts anderes als Laientum in Bezug auf die Seelenforschung, was hier gesprochen hat.

[ 6 ] Oliver Lodge reportedly received messages from the soul of his son, Raymond Lodge, who had been killed in the war, with the help of a medium. Among these messages was one of particular significance. According to Oliver Lodge, his son’s spirit revealed to him through the medium that, fourteen days before his death, Raymond Lodge had been photographed with other comrades; that a group photo had been taken; that the photographer had taken two pictures in succession; and that the way Raymond Lodge was sitting differed slightly between the first and second pictures. No one knew anything about this particular photograph in question until the medium conveyed this message, which was supposedly coming from the soul of Raymond Lodge. Oliver Lodge’s assembled family knew nothing about it. The photograph had been taken in France and had not yet arrived in England at the time of the séance in question. Nevertheless, the medium had described the matter in complete detail. To the rigorous natural scientist Oliver Lodge, it seemed as though this experiment would establish beyond any doubt that the soul of his deceased son had spoken directly. For who else could have known anything about something that was completely unknown at the very location where the experiment was conducted? All sources of error, such as those commonly encountered in physical research, for example, were carefully ruled out. Consequently, the account of this experiment, as described in the detailed book, had an extraordinarily striking effect even on unbiased readers. And yet: Although a rigorous natural scientist speaks here with all the certainty of scientific observation, anthroposophy must point out that its method of research into the supersensible must be more critical than such a scientific method applied to the realm of the soul. For what has spoken here is, after all, nothing other than layman’s ignorance with regard to soul research.

[ 7 ] Es gibt einfach abnorme Kräfte und Fähigkeiten im menschlichen Organismus, und die neuere Wissenschaft macht sich ja in gewissen Grenzgebieten mit solchen abnormen Fähigkeiten sehr viel zu tun. Anthroposophie aber hat es nicht zu tun mit diesen abnormen Fähigkeiten, sondern nur mit der Fortentwicklung der normalen menschlichen Erkenntnisfähigkeit ins übersinnliche Gebiet hinein. Man kann wissen, wie abnorme Fähigkeiten wirken können, wie es tatsächlich möglich ist, dass durch besondere — und es sind immer eigentlich krankhafte Veranlagungen des Menschen, die aber der Mediumismus voraussetzt —, wie durch solche Veranlagungen die Bedingungen des sinnlichen Erfahrens in gewissen Fällen durchbrochen werden können, wie der Raum überwunden werden kann, wie aber auch die Zeit überwunden werden kann, und wie es durchaus ein sicher festgestelltes Ergebnis ist, dass durch solche abnormen, krankhaften Fähigkeiten der Mensch zum Beispiel schaut, wie er bei einem Ritt, der in vierzehn Tagen stattfinden soll, vom Pferde fällt. Wenn die Voraussicht eine richtige ist, tritt das Ereignis ein, trotz aller Vorsicht, die etwa zu seiner Abwendung angewendet wird. Solche Erlebnisse sind gesicherte Ergebnisse; sie beruhen aber nicht auf den normalen Erkenntnisfähigkeiten des Menschen, sondern auf abnormen Fähigkeiten.

[ 7 ] There are simply abnormal powers and abilities within the human organism, and modern science is, after all, very much concerned with such abnormal abilities in certain frontier areas. Anthroposophy, however, is not concerned with these abnormal abilities, but only with the further development of normal human cognitive faculties into the supersensible realm. One can understand how abnormal abilities may function, how it is in fact possible that through particular—and these are always, in reality, pathological predispositions in human beings, though mediumship presupposes them—how through such predispositions the conditions of sensory experience can be transcended in certain cases, how space can be transcended, and how time, too, can be transcended, and how it is a well-established fact that through such abnormal, pathological abilities, a person may, for example, foresee how he will fall from his horse during a ride scheduled to take place in fourteen days. If the prediction is correct, the event occurs despite all precautions taken to avert it. Such experiences are verified findings; however, they are not based on human beings’ normal cognitive abilities, but on abnormal abilities.

[ 8 ] Aber wenn nun Oliver Lodge meint, irgendeine übersinnliche Welt habe zu ihm gesprochen, dann muss man darauf aufmerksam machen, dass in diesem Falle nichts anderes vorhanden zu sein braucht, als dass das Medium eine solche Voraussicht gehabt hat. Die beiden Fotografien sind ja einmal später in England angekommen, und die Augen von Oliver Lodge haben darauf geruht. Das spätere Sehen der Fotografien kann durch abnorme Fähigkeiten des Mediums aufgrund einer solchen Voraussicht gesehen und beschrieben werden. Man hat es also in diesem Falle mit nichts anderem zu tun als mit der Entwicklung abnormer Fähigkeiten, die nicht in ein übersinnliches Gebiet hineinschauen, sondern die nur das schauen, was in der gewöhnlichen physischen Welt vor sich geht. Nur das können diese Fähigkeiten: die Bedingungen des Raumes und der Zeit zu durchbrechen, die sonst unseren Sinnesfähigkeiten gegeben sind.

[ 8 ] But if Oliver Lodge believes that some supernatural world has spoken to him, then it must be pointed out that in this case, all that is required is that the medium possessed such foresight. After all, the two photographs did eventually arrive in England, and Oliver Lodge’s eyes fell upon them. The medium’s subsequent viewing of the photographs can be understood and described as the result of the medium’s abnormal abilities based on such foresight. In this case, therefore, we are dealing with nothing other than the development of abnormal abilities that do not peer into a supernatural realm, but rather perceive only what is taking place in the ordinary physical world. This is all these abilities can do: break through the constraints of space and time that are otherwise imposed on our sensory faculties.

[ 9 ] Ich führte dieses Beispiel einleitend nur an, um darauf hinzuweisen, wie kritisch Anthroposophie ist, trotzdem sie im strengsten Sinne auf den Weg hindeutet, der wirklich nun ins übersinnliche Gebiet hineinführt und uns zeigt, wie des Menschen ewiger Wesenskern zusammenhängt mit dem Ewigen im Kosmos, wie das einzelne, alltägliche, menschliche Seelenereignis als Ausgangspunkt genommen werden kann zu den großen Fragen von Geburt und Tod, von Unsterblichkeit und Ungeborenheit. Obwohl Anthroposophie im strengsten Sinne solche Wege zu dem Übersinnlichen aufsucht, muss sie dennoch dasjenige kritisch abweisen, was in Anlehnung an abnorme menschliche Fähigkeiten sich nur mit dem befassen kann, was doch nur im Sinnensein sich abspielt. Wer zu würdigen versteht, was solche Kritik der Anthroposophie bedeutet, der wird dann doch gerade gegenüber den Seelenfragen Anthroposophie nicht im Lichte jener Missverständnisse sehen wollen, in denen sie heute von vielen, die sich nur obenhin mit ihr beschäftigen, eben noch gesehen wird. Aber Anthroposophie ist eben ihren ganzen Forschungsmethoden nach darauf angewiesen, in das intimste innere Seelenleben hinein wissenschaftliche Methodik zu tragen. Sie muss in der Seele schlummernde Fähigkeiten erwecken, und sie erweckt sie — nicht durch irgendwelche phantastische oder mystische Methoden, sondern sie erweckt sie durch systematische Schulung, wie ich sie — wenigstens probeweise — in den zwei schon erwähnten Vorträgen beschrieben habe. Aber die gegenwärtige Menschheit würde über solche Fragen leichter ein unbefangenes Urteil gewinnen, wenn man sich darüber unterrichten wollte, wie verschieden die Menschen über die Erdengebiete hin das Schauen und auch den Glauben aus den intimen Untergründen ihres Seelenlebens heraus begründen wollen. Ich möchte dabei nur auf zwei gleichsam polarische Gegensätze hinweisen, wenn es sich darum handelt, die verschiedenartigen Fähigkeiten der Menschen über den Erdkreis hin zu charakterisieren.

[ 9 ] I cited this example at the outset only to point out how critical anthroposophy is, even though, in the strictest sense, it points the way that truly leads into the supersensible realm and shows us how the eternal core of the human being is connected to the Eternal in the cosmos, and how the individual, everyday event of the human soul can serve as a starting point for the great questions of birth and death, of immortality and pre-existence. Although anthroposophy, in the strictest sense, seeks out such paths to the supersensible, it must nevertheless critically reject that which, relying on abnormal human abilities, can deal only with what takes place solely within the realm of the senses. Anyone who understands the significance of such a critique of anthroposophy will, precisely when it comes to questions of the soul, not wish to view anthroposophy in the light of those misunderstandings in which it is still viewed today by many who engage with it only superficially. But anthroposophy, in all its research methods, is precisely dependent on applying scientific methodology to the most intimate inner life of the soul. It must awaken abilities slumbering within the soul, and it does so—not through any fantastical or mystical methods, but through systematic training, as I have described—at least tentatively—in the two lectures already mentioned. But humanity today would find it easier to form an unbiased judgment on such questions if people were willing to learn how differently people across the globe seek to ground their perception and even their faith in the innermost depths of their soul life. I would like to point out just two polar opposites, as it were, when it comes to characterizing the diverse abilities of people across the globe.

[ 10 ] So treten einem ganz besonders die Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten in Bezug auf die Auffassung des Seelenlebens charakteristisch entgegen. Als einen repräsentativen Geist des Westens möchte ich Herbert Spencer anführen, der ja einen so ungeheuren, wenn auch unberechtigten Einfluss auf die Denkweise der neueren Naturanschauung gewonnen hat. Da, wo Herbert Spencer über das Erziehungswesen spricht, da spricht er sich auch über das Ziel der Erziehung des Menschen aus, und dabei gibt er uns Gelegenheit, so recht in das hineinzuschauen, wie er über die Seelenrätsel fühlt.

[ 10 ] Thus, the differences between the West and the East regarding the conception of the life of the soul are particularly striking. As a representative figure of the West, I would like to cite Herbert Spencer, who has exerted such an immense—albeit unwarranted—influence on the way of thinking characteristic of the modern view of nature. When Herbert Spencer speaks about the education system, he also addresses the goal of human education, and in doing so, he gives us an opportunity to truly gain insight into how he feels about the mysteries of the soul.

[ 11 ] Er sagt da, ich will das, was er andeutet, eben auch nur kurz darstellen: Wenn wir auch den Menschen erziehen zu einem guten Bürger, zu einem tüchtigen Mitglied der menschlichen Gesellschaft, zu einem tüchtigen Berufsmenschen, so sei doch das Wichtigste in Bezug auf die Erziehung das, was den Menschen dazu bringe, dass er wieder andere Menschen erziehen könne. Der Elternberuf sei das Höchste im Erziehungswesen. Und bei dieser Gelegenheit ist es besonders interessant, welche Begründung Herbert Spencer für diese seine Anschauung gibt. Er sagt, das höchste Ziel im menschlichen Leben sei die Hervorbringung der nächsten Generation, der Nachkommenschaft. Daher sei auch die Heranziehung der Nachkommenschaft das höchste Ziel des Erziehungswesens. Es soll jetzt keine Kritik an dieser Behauptung Herbert Spencers geübt werden. Man kann diese Behauptung aufstellen, wenn man ganz und gar auf dem Boden steht, der mehr oder weniger alles, was im menschlichen Leben Geltung hat, wissenschaftlich begründen will nur auf dem Boden äußerer Sinnesanschauung, äußerer Naturwissenschaft.

[ 11 ] He says there—and I’ll just briefly summarize what he’s getting at: Even if we educate people to be good citizens, capable members of human society, and capable professionals, the most important aspect of education is what enables people to, in turn, educate others. He argues that the role of parents is the highest calling in education. And in this context, it is particularly interesting to note the reasoning Herbert Spencer provides for this view. He states that the highest goal in human life is the production of the next generation—one’s offspring. Therefore, the upbringing of one’s offspring is also the highest goal of education. This is not intended as a critique of Herbert Spencer’s assertion. One can make this claim if one stands entirely on the ground of seeking to scientifically justify more or less everything that holds significance in human life solely on the basis of external sensory perception and external natural science.

[ 12 ] Aber der gerade polarische Gegensatz zu dieser Anschauung tritt uns entgegen bei einem Geiste des Ostens, der in seinem Wirken in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ganz besonders bedeutsam war, in dem russischen Denker Wladimir Solowjow. Er wendet gewissermaßen den Blick auf die menschlichen Seelenrätsel von einer ganz anderen Seite her. Er sagt, das menschliche Leben habe nur dann einen Wert, wenn es auf der einen Seite sich das Ziel setzt nach Vervollkommnung in der Wahrheit; ohne dieses Ziel wäre das Menschenleben wertlos. Aber wertlos wäre es auch, wenn der Mensch nicht teilhaftig wäre der Unsterblichkeit, denn ein Streben nach Vollkommenheit, das der Vernichtung irgendwie preisgegeben werden könnte, wäre nach Solowjows Meinung der größte Betrug, den das Weltenall an einem Menschen ausüben könnte. Daher fordert er für die höchsten Seelenrätsel das Streben des Menschen nach Vervollkommnung in der Wahrheit und die Teilhaftigkeit an der Unsterblichkeit, und bei dieser Gelegenheit spricht er wieder in sehr charakteristischer Weise — wie der polarische Gegensatz zu Herbert Spencer —, indem er sagt: Wie trostlos und öde wäre das Dasein, wenn es sich nur immer erschöpfen müsste in der Reihe der Generationen, die nacheinander hervorgebracht werden, wenn das Rad des Daseins in solch gleichförmiger Weise nur immer verlaufen würde.

[ 12 ] But the direct polar opposite of this view is presented to us by a thinker from the East who was particularly significant in his work during the second half of the nineteenth century: the Russian thinker Vladimir Solovyov. In a sense, he approaches the mysteries of the human soul from an entirely different angle. He says that human life has value only if, on the one hand, it sets itself the goal of perfection in truth; without this goal, human life would be worthless. But it would also be worthless if human beings did not share in immortality, for a striving for perfection that could somehow be subjected to annihilation would, in Soloviev’s view, be the greatest deception the universe could inflict upon a human being. Therefore, he insists that the highest mysteries of the soul require man’s striving for perfection in truth and participation in immortality, and on this occasion he speaks again in a very characteristic manner—as the polar opposite of Herbert Spencer—saying: How desolate and barren existence would be if it were to be exhausted only in the succession of generations brought forth one after another, if the wheel of existence were to turn in such a monotonous manner, endlessly.

[ 13 ] Wir sehen also: Im Westen und im Osten sprechen sich zwei repräsentative menschliche Denker über dasselbe Gebiet im entgegengesetzten Sinne aus. Man kann sagen: Herbert Spencer schaut, wenn er sich mit Seelenfragen beschäftigt, ganz und gar auf die äußere Natur und lässt nur dasjenige für die Menschenseele gelten, was nach dem Muster der anerkannten naturwissenschaftlichen Schlüsse und Urteile gelten gelassen werden kann nach seiner Meinung. Solowjow fordert aus den Tiefen der Menschenseele heraus geradezu das Gegenteil. Er fordert als Ziel der Menschheitsentwicklung etwas, was sich zwar auch aufbaut auf der Generationenfolge, was aber weit hinausgeht über das, was nach seiner Meinung in einem gleichförmigen Ablauf desselben Rades, das sich nur immer drehen würde in der Geschichte, bestünde.

[ 13 ] We can see, then, that in the West and in the East, two representative human thinkers express opposing views on the same subject. One might say: When Herbert Spencer addresses questions of the soul, he looks entirely to external nature and accepts as valid for the human soul only that which, in his opinion, can be accepted according to the pattern of recognized scientific conclusions and judgments. Soloviev, drawing from the depths of the human soul, demands precisely the opposite. He calls for something as the goal of human development that, while also building upon the succession of generations, goes far beyond what he believes would consist of a uniform cycle—a wheel that would simply keep turning endlessly throughout history.

[ 14 ] Nun scheint mir das eine so unvollkommen wie das andere. Bei Herbert Spencer sehen wir, wie ein Denker sich nicht erheben kann — ich möchte sagen — aus den naturwissenschaftlichen Tiefen zu den Höhen der Seelenrätsel. Bei Solowjow sehen wir, wie aus mystischen Tiefen die unbestimmte, sehr mystisch klingende Forderung nach Unsterblichkeit auftritt, wie aber irgendein Weg, um zu einer wirklichen Erkenntnis auf diesem Gebiete zu kommen, durchaus auch hier mangelt. Und vielleicht darf es gerade in der gegenwärtigen Zeit ausgesprochen werden, dass wenn man unbefangen nach diesen beiden Seiten hinschaut und in aufrichtiger, ehrlicher Weise dem ergeben ist, was als die höchste Blüte des mitteleuropäischen, des deutschen Geisteslebens aufgetreten ist, dass die Vertiefung, die hier notwendig ist in Bezug auf die Seelenrätsel, gerade aus diesem deutschen Geistesleben herausgefunden werden muss.

[ 14 ] Now, to me, one seems just as imperfect as the other. In Herbert Spencer, we see how a thinker is unable to rise—I might say—from the depths of the natural sciences to the heights of the mysteries of the soul. In Soloviev, we see how, from mystical depths, the vague, very mystically sounding demand for immortality arises, yet how any path to genuine knowledge in this realm is entirely lacking here as well. And perhaps it may be stated, especially in the present time, that if one looks impartially at these two sides and is sincerely and honestly devoted to what has emerged as the highest flowering of Central European, German spiritual life, then the deeper understanding that is necessary here with regard to the mysteries of the soul must be found precisely within this German spiritual life.

[ 15 ] Dies — sehr verehrte Anwesende — wollte ich nur vorausschicken, um zu zeigen, dass man allerdings sich Vorstellungen machen muss über die Art und Weise, wie sich die Menschen im neunzehnten Jahrhundert den Seelenrätseln nähern wollten, wie gewissermaßen die Seelenfragen heute brennende Fragen sind, und wie aus den Eigentümlichkeiten des Geisteslebens in den verschiedensten Erdgebieten Hindernisse und Hemmnisse da sind, um in völlig ungehinderter Weise Wege zu finden in die Gebiete hinein, in denen das Ewige der Menschenseele wurzelt. Der Mensch tritt uns ja zunächst im Dasein so entgegen, dass er als ein einheitliches Wesen uns erscheinen muss. Das ist auch voll berechtigt. Aber in diesem einheitlichen Wesen muss man das aufsuchen, was an Wirklichkeitsformen eingetreten ist in diesem einheitlichen Wesen. Die Art und Weise, wie dies von der Anthroposophie versucht wird, wird vielfach angefochten von denjenigen Menschen, die sich in einer abstrakten Weise Monisten oder dergleichen nennen. Anthroposophie sündigt in keiner Weise gegen einen berechtigten Monismus. Denn man verleugnet nicht, dass im Wasser eine einheitliche Wirksamkeit ist, wenn man aufzeigt, wie Sauerstoff und Wasserstoff im Wasser wirksam vorhanden sind. Ebenso wenig verleugnet man das, was uns als einheitliche Menschennatur entgegentritt, wenn man die Wirklichkeitsformen gewissenhaft wissenschaftlich aufsucht, die in der Menschennatur zusammenströmen. Aber diese Wirklichkeitsformen strömen eben in rätselhafter Weise zusammen. Wir sehen, wenn wir uns unsern äußeren sinnlichen Beobachtungen hingeben und diese durch die anerkannte Wissenschaft, durch Physiologie, Biologie und so weiter vertiefen, die äußere physische Leiblichkeit des Menschen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie sich aus dieser physischen Leiblichkeit heraus das Seelische offenbart, wie es die physische Leiblichkeit durchdringt, sie belebt und den Geist in sie hineinströmen lässt.

[ 15 ] This—dear friends—is what I wanted to mention first, to show that one must indeed form an idea of the way in which people in the nineteenth century sought to approach the mysteries of the soul, just as questions of the soul are, in a sense, burning issues today, and how the peculiarities of spiritual life in various regions of the world present obstacles and hindrances to finding, in a completely unimpeded way, paths into the realms where the eternal aspect of the human soul is rooted. After all, human beings initially present themselves to us in such a way that they must appear to us as unified beings. This is entirely justified. But within this unified being, one must seek out the forms of reality that have taken shape within it. The way in which anthroposophy attempts to do this is frequently contested by those who, in an abstract sense, call themselves monists or the like. Anthroposophy in no way contradicts a legitimate monism. For one does not deny that there is a unified force in water when one demonstrates how oxygen and hydrogen are actively present in water. Nor does one deny what appears to us as a unified human nature when one conscientiously and scientifically investigates the forms of reality that converge within human nature. But these forms of reality converge in a mysterious way. When we devote ourselves to our external sensory observations and deepen our understanding of them through established science—through physiology, biology, and so on—we see the outer physical body of the human being. On the other hand, we see how the soul reveals itself from within this physical corporeality, how it permeates the physical corporeality, enlivens it, and allows the spirit to flow into it.

[ 16 ] Aber erst wenn wir in unbefangener Weise uns klarmachen, wie diese verschiedenen Wirklichkeitsformen — das Leibliche, das Seelische, das Geistige — in dem einheitlichen Menschen zusammenwirken, können wir hoffen, einer Lösung der Seelenrätsel uns zu nähern. Ich will natürlich nicht sagen, dass die Seelenrätsel in letztgültiger Weise heute schon von der Anthroposophie gelöst dargestellt werden können, aber hoffen kann man, auf den Weg der Lösung hinzuweisen. Und immer wieder und wieder wird man hingewiesen auf die beiden so geheimnisvoll an den Menschen herantretenden Enden des physischen Erdendaseins, wenn einem die großen Seelenrätsel vor Augen treten. Man wird hingewiesen auf Geburt und Tod. Betrachten wir zuerst diese sinnlich physischen Enden des Menschenlebens, um dann in das übersinnliche Gebiet aufzusteigen.

[ 16 ] But only when we objectively bring to light how these various forms of reality—the physical, the psychological, and the spiritual—interact within the unified human being can we hope to draw closer to a solution to the mysteries of the soul. Of course, I do not mean to say that anthroposophy can already present a definitive solution to the mysteries of the soul today, but we can hope to point the way toward a solution. And time and again, when the great mysteries of the soul come into view, we are reminded of the two ends of physical earthly existence that approach human beings in such a mysterious way. One is reminded of birth and death. Let us first consider these sensually physical ends of human life, so that we may then ascend into the supersensible realm.

[ 17 ] Was das äußere Physisch-Leibliche des Menschen ist, das haben wir im Grunde genommen in seiner ureigenen Form erst im Leichnam vor uns. Daher ist es eigentlich ganz richtig, was viele Naturforscher gesagt haben: dass das Charakteristikon des Todes eigentlich das Vorhandensein des Leichnams ist. So ist es auch für den Tod. Aber wenn man unbefangen das betrachtet, was einem gerade am Leichnam entgegentritt, so ist es charakteristisch genug für die ganze menschliche Wesenheit.

[ 17 ] What constitutes the outer, physical aspect of the human being is, in essence, only truly present before us in its most fundamental form in the corpse. Therefore, what many natural scientists have said is actually quite correct: that the defining characteristic of death is, in fact, the presence of the corpse. The same is true of death itself. But if one looks impartially at what one actually encounters in the corpse, it is characteristic enough of the entire human being.

[ 18 ] Du Bois-Reymond glaubte — er sprach das aus in seiner berühmten Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» —, dass der Mensch als ein bewusstes, wachendes Wesen für seine eigene Erkenntnis nicht durchschaubar sei, dass diese Erkenntnis an gewisse Grenzen komme, wenn es sich um das menschliche Bewusstsein handele. Aus den Bewegungen, welche der Stoff in unserm Nervensystem durchmacht, können wir nicht begreifen — so meinte du Bois-Reymond —, wie wir empfinden: «Ich sehe rot, ich höre Orgelton, ich rieche Rosenduft.» Aber du Bois-Reymond meinte, man könnte mit der gewöhnlichen Naturwissenschaft den schlafenden Menschen begreifen, bei dem das Bewusstsein herabgedämmert ist, also gerade dasjenige, was auch nach seiner Meinung für das gewöhnliche Naturerkennen unergründlich ist. Nein! Sondern durch das, worin heute die Naturwissenschaft groß ist, kann der schlafende Mensch ebenso wenig begriffen werden wie die Pflanze. Was als Leben ein Wesen durchklingt, das kann erst geschaut werden in übersinnlicher Erkenntnis, in übersinnlicher Anschauung, wie ich sie charakterisiert habe zum Beispiel in meinen Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft im Umriss» und in den beiden bereits erwähnten Vorträgen. Was den Menschen als schlafendes Wesen belebend so durchdringt wie die Pflanze, es kann nicht durch die gewöhnliche Naturwissenschaft erkannt werden. Hier ist der Mensch als physisches Wesen erst zugänglich, wenn er gestorben ist. Und wenn er gestorben ist und als Leichnam vor uns liegt, so sehen wir ja, wie er beginnt ganz anderen Gesetzen zu folgen, als diejenigen waren, denen er folgte von der Geburt oder der Konzeption bis zum Tode.

[ 18 ] Du Bois-Reymond believed—as he stated in his famous speech “On the Limits of Knowledge of Nature”—that human beings, as conscious, sentient beings, are not fully comprehensible to their own understanding, and that this understanding reaches certain limits when it comes to human consciousness. From the movements that matter undergoes in our nervous system, we cannot comprehend—so du Bois-Reymond argued—how we perceive: “I see red, I hear the sound of an organ, I smell the scent of roses.” But du Bois-Reymond believed that ordinary natural science could account for the sleeping human being, whose consciousness has faded—precisely that which, in his view, is unfathomable to ordinary scientific understanding. No! Rather, through what constitutes the greatness of natural science today, the sleeping human being can be understood no more than a plant. What resounds through a being as life can only be perceived through supersensible knowledge, through supersensible intuition, as I have characterized it, for example, in my writings *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and *An Outline of Esoteric Science*, and in the two lectures already mentioned. What animates the human being as a sleeping being, just as it does the plant, cannot be recognized by ordinary natural science. Here, the human being as a physical being is accessible only after death. And when he has died and lies before us as a corpse, we see how he begins to follow laws entirely different from those he followed from birth or conception until death.

[ 19 ] Indem der menschliche Leichnam aber seiner Auflösung entgegengeht, folgt er denselben Gesetzen, die wir draußen in den Naturreichen sehen und die wir durch die gewöhnliche Wissenschaft begründen. Sodass wir in demjenigen, was mit dem menschlichen Leichnam vor sich geht, das vor uns haben, was der Mensch wäre, wenn er als leiblich-physisches Wesen nicht durchdrungen wäre von einem Geistig-Seelischen, das ihn in jedem Augenblick des Lebens dem Tode, der Auflösung entreißen muss. Denn diejenigen Naturgesetze, die wir mit der gewöhnlichen Naturwissenschaft ergründen, lösen den menschlichen Organismus auf, und was ihn zusammenhält, das muss daher anderen Gesetzmäßigkeiten folgen.

[ 19 ] As the human corpse approaches its decomposition, however, it follows the same laws that we observe in the natural kingdoms and that we substantiate through conventional science. Thus, in what takes place with the human corpse, we have before us what a human being would be if, as a physical being, he were not permeated by a spiritual-soul element that must, at every moment of life, snatch him away from death and decay. For the laws of nature that we explore through conventional natural science cause the human organism to disintegrate, and what holds it together must therefore follow different laws.

[ 20 ] Man lernt also den Menschen, wenn er vom Geistig-Seelischen losgelöst ist, in seinem Leichnam kennen. Diejenigen Gesetze, die da wirksam sind, sie müssen während des ganzen Erdenlebens im Menschen wirksam sein, denn es sind die Gesetze des physischen, des chemischen Daseins, der Stoffe und Kräfte, die der menschliche physische Leib innehat. Sie werden nun in entgegengesetzter Richtung überwunden durch das, was im Menschen außer diesen Stoffen und physischen Kräften noch ist. Will man aber — ich möchte vielleicht in paradoxer Weise sagen — in Reinkultur das menschliche Leiblich-Physische kennenlernen, dann muss man es im Leichnam aufsuchen. Da ist der Mensch der äußeren physischen Natur völlig hingegeben, da kann man sehen, wie er diese physische Organisation auch immer in sich trägt.

[ 20 ] Thus, we come to know a human being—when he is detached from his spiritual and soul aspects—through his physical body. The laws that are at work there must be at work in the human being throughout his entire earthly life, for they are the laws of physical and chemical existence, of the substances and forces contained within the human physical body. These laws are now overcome in the opposite direction by what else exists within the human being besides these substances and physical forces. But if one wishes—and I might say this in a paradoxical way—to get to know the human physical-bodily aspect in its purest form, then one must seek it out in the corpse. There, the human being is completely surrendered to external physical nature; there one can see how he always carries this physical organization within himself.

[ 21 ] Nun habe ich in den genannten Büchern und in den erwähnten Vorträgen darauf hingewiesen, dass es in der menschlichen Seele schlummernde Kräfte gibt, die erweckt werden können, geradeso, wie in der Seele des im traumhaften Seelenleben webenden Kindes eben Kräfte nach und nach erweckt werden. Hat der Mensch diese intellektuelle Bescheidenheit, dass er sich eines Tages sagt: Du warst einstmals ein ganz kleines Kind mit einem traumhaften Seelenleben, das sich in deine Leiblichkeit ergossen hat; Erziehung und Leben haben aus den Tiefen deiner Menschennatur herausgeholt, was du an Denken, Fühlen und Wollen zur Weltorientierung und zur Selbsterkenntnis heute hast, und was vor allen Dingen die Triumphe der anerkannten Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft, herbeigeführt hat. Aber kann man denn nicht voraussetzen, wenn man alles das hat, was so Leben und Erziehung und vererbte Merkmale einem geben können, dass man doch in irgendeinem Zeitpunkt auch schon des reifen Lebens seelische Fähigkeiten — wenn ich mich wissenschaftlich ausdrücken will — als ‹latente› in der Seele voraussetzt?

[ 21 ] Now, in the books and lectures mentioned, I have pointed out that there are dormant powers in the human soul that can be awakened, just as powers are gradually awakened in the soul of a child immersed in a dreamlike inner life. Does a person possess the intellectual humility to say to themselves one day: “You were once a very small child with a dreamlike inner life that poured into your physical being; upbringing and life have drawn from the depths of your human nature what you now possess in terms of thinking, feeling, and willing—for orienting yourself in the world and for self-knowledge—and what, above all, has brought about the triumphs of recognized science, especially the natural sciences. But can we not assume—if one possesses everything that life, upbringing, and inherited traits can provide—that at some point in one’s mature life, one already possesses spiritual capacities—to put it in scientific terms—as “latent” within the soul?

[ 22 ] Kann man denn nicht sagen: Man könnte sein Seelenleben in irgendeinem Augenblick seines Lebens selber in die Hand nehmen, um es weiterzuführen von dem Punkte aus, wo es angelangt ist? Dass dies möglich ist, kann nur die Praxis erweisen. Aber die Praxis der anthroposophischen Forschung zeigt das auch. Nur andeutungsweise möchte ich erwähnen, dass es innere Seelenübungen sind, durch die solche schlummernden Fähigkeiten im Menschen erweckt werden. Solche Seelenübungen, die sich vorzugsweise auf das Vorstellungs- und Gedankenleben beziehen, sie bestehen in einer Meditation, in einer systematisch geregelten Konzentration auf ganz bestimmte Vorstellungskomplexe. Was wird erreicht, wenn wir so, wie es in den angedeuteten Büchern beschrieben ist, uns seelisch erkraften, energisch machen?

[ 22 ] Can’t one say: One could, at any moment in one’s life, take one’s inner life into one’s own hands in order to continue it from the point it has reached? Only practice can prove that this is possible. But the practice of anthroposophical research also demonstrates this. I would like to mention, merely by way of suggestion, that it is through inner spiritual exercises that such dormant abilities in human beings are awakened. Such spiritual exercises, which relate primarily to the life of imagination and thought, consist of meditation—a systematically regulated concentration on very specific complexes of images. What is achieved when we strengthen and energize our souls in this way, as described in the books mentioned?

[ 23 ] Geradeso wie ein Muskel, wenn er gebraucht wird, sich verstärkt durch den Gebrauch, so werden auch unsere seelischen Fähigkeiten in einer ganz bestimmten Weise verstärkt und erkraftet, wenn durch längere Zeit ausdauernd solche Seelenübungen vom Menschen gemacht werden. Und wenn ich charakterisieren soll, wodurch die Menschen zu solchen, auf normalem Wege zu erreichenden Fähigkeiten kommen, so möchte ich sagen: Wenn wir als ehrlicher Mensch auf unser Gedankenleben hinschauen, wie es sich an der äußeren Wahrnehmung und an den Erscheinungen des Lebens entwickelt, dann können wir nur sagen: Es läuft in uns so ab, dass wir gestehen müssten: «Es denkt in uns.» Denn dass ich denke, gerade einer unbefangenen Selbstschau kündigt es sich ja an: Wir bemerken, wie "es» in uns denkt. Und wir beziehen, indem wir durch unsern Leib das Denken sich offenbaren sehen, dieses Denken auf uns selbst zurück und sprechen: «Ich denke», während wir für das gewöhnliche Bewusstsein und für die gewöhnliche Wissenschaft eigentlich nur aussprechen sollten: «Es denkt in uns» Wenn wir aber das Seelenleben durch entsprechende Meditations- und Konzentrationsübungen erkraften, dann kommen wir wirklich zu dem inneren Bewusstsein, das aussprechen darf: "Ich denke.»

[ 23 ] Just as a muscle grows stronger through use when it is exercised, so too are our spiritual faculties strengthened and invigorated in a very specific way when a person persistently engages in such spiritual exercises over a long period of time. And if I were to describe how people come to possess such abilities—which can be attained through normal means—I would say: When we, as honest human beings, observe our inner life of thought as it develops in response to external perception and the phenomena of life, we can only conclude: It unfolds within us in such a way that we must admit, “It thinks within us.” For the fact that I think is revealed precisely through an unbiased self-observation: We notice how “it” thinks within us. And as we see thinking reveal itself through our body, we relate this thinking back to ourselves and say, “I think,” whereas for ordinary consciousness and for ordinary science we should actually only say: “It thinks within us.” But when we strengthen our soul life through appropriate meditation and concentration exercises, we truly arrive at the inner consciousness that is permitted to say, “I think.”

[ 24 ] Denn dann reißt sich das Denken los von dem, was die physische Organisation ist. Ich weiß, wie viel Paradoxes für das heutige Bewusstsein mit einem solchen Satze ausgesprochen wird. Allein, hier geht wieder die Anthroposophie mit ihrer Forschung, die eine anschauliche ist, durchaus vorsichtig und kritisch vor. Anthroposophie weiß durchaus, wie das gewöhnliche Denken gebunden ist an die physische Organisation des Menschen. Sie trägt nicht laienhaft, nicht dilettantisch vor. Sie gibt denjenigen recht, die da das Zentralenorgan des Nervensystems, das Gehirn, untersuchen und uns zeigen, wie dieser oder jener Teil der menschlichen Seelenfähigkeiten ausfällt, wenn dieser oder jener Teil des Gehirns abgetragen wird. Anthroposophie untersucht auch, wie das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen gebunden ist an die Verfassung des physischen Organismus. Und sie kommt deshalb zuletzt — das mögen ihr manche sogar in missverständlicher Weise als eine Art Materialismus auslegen — zu der Auffassung, dass für das ganze gewöhnliche Seelenwesen die physische Körperlichkeit die absolute Grundlage ist. Dann aber, wenn entsprechende Meditations- und Konzentrationsübungen gemacht werden und wenn das Denken erkraftet ist, dann reißt sich das Denken als Seelenleben los von der physischen Organisation, dann tritt das Seelenwesen erst als ein in sich selbstständiges auf. Dann weiß der Mensch: "Ich denke, und in dem 'Ich denke weiß er, dass das Denken jetzt verläuft als ein selbstständiger Prozess, rein seelisch-geistig, nicht mehr bedingt, nicht mehr abhängig von der Leibesorganisation.

[ 24 ] For then thinking breaks free from what constitutes the physical organization. I know how much of a paradox such a statement represents for today’s consciousness. Yet here, too, anthroposophy, with its intuitive research, proceeds with the utmost caution and critical rigor. Anthroposophy is fully aware of how ordinary thinking is bound to the human physical organism. It does not present its findings in a layman’s or amateurish manner. It agrees with those who study the central organ of the nervous system—the brain—and show us how this or that aspect of human soul faculties is affected when this or that part of the brain is removed. Anthroposophy also investigates how memory and the capacity to recall are bound up with the constitution of the physical organism. And it therefore ultimately arrives at the conclusion—which some may even misinterpret as a kind of materialism—that physical corporeality is the absolute foundation for the entire ordinary soul life. But when appropriate meditation and concentration exercises are performed and when thinking has been strengthened, then thinking, as a soul life, breaks away from the physical organization; only then does the soul being emerge as an entity independent in itself. Then the person knows: “I think,” and in this “I think,” he knows that thinking now proceeds as an independent process, purely soul-spiritual, no longer conditioned, no longer dependent on the physical body.

[ 25 ] Und zu den Gedankenübungen kommen dann Willensübungen hinzu. Wiederum möchte ich nur prinzipiell charakterisieren, wie diese Willensübungen nach einem ganz bestimmten Ziele hinlaufen. Man möchte sagen: So wenig berechtigt es ist, zum gewöhnlichen Denken zu sagen: «Ich denke», so klar müsste es auf der anderen Seite sein, dass der Mensch seinem eigenen Wollen, insofern dieses in das Handeln, in die Tat ausfließt, wie einem recht Unbekannten gegenübersteht. Nehmen Sie nur das einfachste Wollen, zum Beispiel das Aufheben eines Armes oder einer Hand: Zunächst haben Sie den Gedanken des Arm- oder Handaufhebens. Dieser Gedanke ist allerdings klar im Bewusstsein. Dann aber kommt das gänzlich Unbestimmte, wie das, was im Bewusstsein als Zielgedanke der Handlung erlebt wird, hinunterströmt in den physischen Organismus und dort als Willensimpuls sich geltend macht. Denn Sie sehen zuletzt wieder nur das Ergebnis dieses Willensimpulses: die gehobene Hand, den erhobenen Arm. Anfang und Ende des ganzen Vorganges sehen wir, die Mitte hüllt sich in vollständiges Dunkel.

[ 25 ] And these mental exercises are then supplemented by exercises of the will. Once again, I would like to characterize, in principle, how these exercises of the will are directed toward a very specific goal. One might say: Just as it is unjustified to say of ordinary thinking, “I think,” so it should be equally clear, on the other hand, that a person faces their own volition—insofar as it flows into action, into deed—as if it were something quite unknown. Take even the simplest act of volition, for example, raising an arm or a hand: First, you have the thought of raising the arm or hand. This thought is, of course, clear in your consciousness. But then comes the entirely indeterminate—how that which is experienced in consciousness as the goal of the action flows down into the physical organism and asserts itself there as a volitional impulse. For in the end, you see only the result of this impulse of will: the raised hand, the raised arm. We see the beginning and the end of the entire process; the middle, however, is shrouded in complete darkness.

[ 26 ] Indem nun Anthroposophie ihr Schauen entwickelt, weiß sie eine Ähnlichkeit aufzufinden zwischen dem, was da im wachen Tagesleben beim Wollen fortwährend zustande kommt, und dem, was das Denken als Eigentümliches zeigt zwischen Einschlafen und Aufwachen. Das, was zwischen dem Zielgedanken und demjenigen Gedanken, der dann das Erreichen des Zieles im Wollen konstatiert, zwischendrinnen liegt; das ist etwas, was vor der Seele ganz so steht, wie dasjenige Seelenleben, das zwischen Einschlafen und Aufwachen verläuft. Wer mit jenem gestärkten Bewusstsein, das durch Meditation und Konzentration erreicht werden kann, das verfolgt, wie der Schlaf herannaht an den Menschen und wie wieder das Aufwachen geschieht, der weiß, dass in dem Herbeiführen des Schlafes durchaus etwas Positives liegt, dass nicht nur der physische Leib des Menschen in ein anderes Stadium eintritt, sondern dass tatsächlich ein Seelisch-Geistiges im Einschlafen und Aufwachen ein Positives ausführt, dass positive, nur eben unbewusste Erlebnisse stattfinden im Schlafe, die aber absolut gleich sind denjenigen Erlebnissen, die zwischen dem Zielgedanken einer Handlung und dem Gedanken liegen, der das Erreichen einer Handlung konstatiert. Wir verfolgen also eigentlich das Erreichen einer Handlung ins wache Tagesleben herein, wenn wir das Wollen des Bewusstseins im gewöhnlichen Tagesleben verfolgen. In dieses Dunkel, wo das Wollen im gewöhnlichen Seelenleben stattfindet, wollen die Übungen des anthroposophischen Forschers hineinwirken, wenn man die Übungen macht, die ich bei solchen Gelegenheiten gerne andeute. Es gibt viele Übungen, aber ich will jetzt nur diejenigen anführen, die charakteristisch sind, weil sie etwas Prinzipielles darstellen.

[ 26 ] As anthroposophy develops its insight, it is able to discern a similarity between what continually arises in waking daily life through volition and what thinking reveals as characteristic of the state between falling asleep and waking up. That which lies in between the thought of the goal and the thought that then confirms the attainment of the goal in the act of willing—that is something that stands before the soul just as the soul life that unfolds between falling asleep and waking up does. Anyone who, with that heightened awareness that can be attained through meditation and concentration, observes how sleep approaches a person and how waking occurs again, knows that there is certainly something positive in the onset of sleep—not merely that the human physical body enters a different state, but that, in fact, a soul-spiritual force performs a positive function in falling asleep and waking up; that positive, albeit unconscious, experiences take place during sleep, which are, however, absolutely identical to those experiences that lie between the goal-oriented thought of an action and the thought that confirms the accomplishment of that action. So, in fact, we are tracing the accomplishment of an action into waking daily life when we trace the will of consciousness in ordinary daily life. It is into this darkness, where the will takes place in ordinary soul life, that the exercises of the anthroposophical researcher are intended to work, when one performs the exercises that I like to suggest on such occasions. There are many exercises, but I will now mention only those that are characteristic because they represent something fundamental.

[ 27 ] Während man sonst zum Beispiel die Reihenfolge der äußeren Tatsachen so vorstellt, wie sie aufeinander folgen, beginnt man nun übungsgemäß damit, dass man diesen Verlauf rückwärts vorstellt, sodass man zum Beispiel eine Melodie rückwärts empfindet oder ein fünfaktiges Drama in kleinen Partien rückwärts vorstellt, den fünften Akt zuerst bis zum ersten Akt hin, oder, wie es besonders fruchtbar sein kann für jeden, dass man des Abends den Ablauf seines Tageslebens rückwärts verlaufend sich vorstellt in bildmäßiger Weise, sodass man, wenn man eine Treppe hinuntergegangen ist, die Treppe von unten nach oben, von der untersten Stufe bis zur obersten geht. Das bewirkt, dass der Wille, der in den Gedanken lebt, sich losreißt von der äußeren Tatsachenwelt und auch von dem eigenen physischen Innern des Menschen.

[ 27 ] Whereas one would normally, for example, imagine the sequence of external events as they follow one another, one now begins, as part of the exercise, by imagining this sequence in reverse, so that one, for example, perceives a melody in reverse or imagines a five-act drama in small sections in reverse, starting with the fifth act and working backward to the first act, or—as can be particularly beneficial for everyone—by visualizing the course of one’s daily life in reverse in the evening, in a pictorial way, so that, for example, after walking down a flight of stairs, one walks up the stairs from the bottom to the top, from the lowest step to the highest. This causes the will, which lives in thought, to break free from the external world of facts and also from one’s own physical inner being.

[ 28 ] Sodass, wie auf der einen Seite durch Meditation und Konzentration das Denken selbstständig, frei wird, leibfrei sich entfaltet durch diese Willensübungen, jetzt der Wille etwas wird, was unabhängig vom Organismus ist. Während der gewöhnliche Wille des Menschen, insofern er abhängig ist von Instinkten, Trieben, Begierden und Emotionen, die in der Leiblichkeit ihre Grundlage haben, während dieser Wille durchaus auch in der Leiblichkeit seine Grundlage hat, wird er durch solche Willensübungen unabhängig gemacht von der physischen Leiblichkeit.

[ 28 ] Thus, just as, on the one hand, through meditation and concentration, thought becomes independent and free, unfolding independently of the body through these exercises of the will, so now the will becomes something that is independent of the organism. While the ordinary human will—insofar as it is dependent on instincts, drives, desires, and emotions that have their basis in physicality, and while this will itself is also grounded in physicality—is made independent of physicality through such exercises of the will.

[ 29 ] Und so wie der Mensch durch das Unabhängig-Machen seines Denkens von der physischen Leiblichkeit in die Lage kommt, über die Geburt und Empfängnis hinaus in das vorgeburtliche Dasein wirklich hineinzuschauen, wie er dazu kommt, das Seelisch-geistig-Ewige in jenem Dasein zu schauen, wie es war in einer seelisch-geistigen Welt vor dem Herunterstieg in das physische Dasein, um sich mit einer physischen Leiblichkeit zu vereinigen, wie also durch die Erkraftung des Gedankenlebens die seelische Existenz vor der Geburt oder Konzeption geschaut werden kann, so tritt dadurch, dass der Wille geschult wird, auch das Bild desjenigen auf, was der Mensch wird, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen sein wird. Indem der Mensch sich gewisse Hilfen schafft für den Willen, der auf diese Weise losgelöst werden kann von der Leiblichkeit, wird dieser Wille immer mehr und mehr fähig, in das äußere objektive Dasein leibfrei einzudringen.

[ 29 ] And just as human beings, by freeing their thinking from physical embodiment, are enabled to truly look beyond birth and conception into prenatal existence—and to perceive the soul-spiritual-eternal aspect of that existence as it was in the soul- -spiritual world before descending into physical existence to unite with a physical body—just as, through the strengthening of the life of thought, the soul’s existence before birth or conception can be perceived—so, through the training of the will, the image of what a human being will become after passing through the gate of death also emerges. As a person creates certain aids for the will—which can thus be detached from physicality—this will becomes increasingly capable of penetrating outer, objective existence without the body.

[ 30 ] Eine gute Willensschulung besteht zum Beispiel darin, dass man gleichsam wie eine zweite Persönlichkeit kritisch neben sich selber in Bezug auf seine Handlungen, seine Taten und seine sittlichen Motive einhergeht, sodass man, wie man sonst objektiv einem andern Menschen gegenübersteht, seine eigenen Handlungen in eine objektive Selbstschau bekommt. Dadurch stählt man innerlich die Willenskräfte, sodass sie unabhängig werden von allem Leiblichen.

[ 30 ] A good way to train one’s will, for example, is to have a sort of second personality that critically accompanies oneself—as it were—in regard to one’s actions, deeds, and moral motives, so that, just as one would otherwise view another person objectively, one can view one’s own actions with objective self-reflection. In this way, one internally strengthens the powers of the will so that they become independent of all physical influences.

[ 31 ] Sehr gut ist diese Hilfe noch: Ich brauche dazu nur zu schildern, wie der Mensch immer ein anderer ist nach gewissen Zeiträumen. Wir wissen alle, wie wir in unserer gesamten Seelen- und Lebensverfassung nach einem Jahrzehnt anders geworden sind, als wir vorher waren. Das aber, was uns anders gemacht hat, ist das Leben. Das Leben hat uns in seine große Schule genommen, hat uns andere oder veränderte Seelenerfahrungen gegeben, hat uns gewisse Gewohnheiten genommen, andere gegeben und so weiter. Wir sind mehr oder weniger passiv dem Leben hingegeben, wenn es sich um die Verwandlung, um die Metamorphose unserer eigenen Seelen- oder Leibeskonstitution handelt. Wenn man aber selbst in die Hand nimmt, was da in den sittlichen Gewohnheiten und Motiven wirkt, indem man sich zum Beispiel sagt: Du hast eine Gewohnheit, du willst sie ändern und zu einer ganz anderen machen oder Ähnliches, und wenn man sich darin genügend übt, besonders wenn man sich über die Zeiten hin laufende Ziele steckt, dann erreicht man immer mehr und mehr das, was die Unabhängigkeit des Willens von der physischen Leiblichkeit des Menschen ist. Dadurch aber wird etwas ausgebildet zu einer Erkenntniskraft, von dem man mit Recht sagt, dass es so, wie es im gewöhnlichen Leben ist, eine Erkenntniskraft nicht werden soll, und ich weiß sehr gut, was gegen die Anwendung dieser Kraft, wie sie im gewöhnlichen Leben ist, als Erkenntniskraft spricht. Aber so soll sie auch in der Anthroposophie nicht angewendet werden, sondern verwandelt. Eine Metamorphose soll davon auf übersinnlicher Stufe durchgemacht werden.

[ 31 ] This insight is particularly valuable: I need only describe how a person is always different after a certain period of time. We all know how, in our entire state of mind and life, we have become different after a decade than we were before. But what has made us different is life itself. Life has taken us into its great school, has given us different or altered spiritual experiences, has taken away certain habits, given us others, and so on. We are more or less passively at the mercy of life when it comes to the transformation—the metamorphosis—of our own spiritual or physical constitution. But when we take matters into our own hands regarding what is at work in our moral habits and motives—for example, by telling ourselves: “You have a habit; you want to change it and turn it into something entirely different,” or something similar—and if one practices this sufficiently, especially by setting goals that extend over time—then one increasingly attains what is the independence of the will from the physical body. Through this, however, something is developed into a power of cognition of which one can rightly say that, as it exists in ordinary life, it should not become a power of cognition—and I know very well what speaks against the use of this power, as it exists in ordinary life, as a power of cognition. But even in anthroposophy, it should not be used in this way; rather, it must be transformed. It must undergo a metamorphosis on the supersensible level.

[ 32 ] Es ist die Liebe, die Liebefähigkeit des Menschen. Diese Liebefähigkeit ist ja im gewöhnlichen Leben auch an den physischen Organismus gebunden. Indem solche Willensübungen gemacht werden, wie ich es angedeutet habe, und indem der Wille innerlich frei wird von der physischen Leiblichkeit, wird der Mensch fähig, sich völlig hinzugeben an ein äußeres Objektives. Das aber ist jetzt kein sinnlich Objektives, das ist jetzt ein geistig Objektives. Was durch solche Übungen für den Menschen eingetreten ist, kann ich etwa folgendermaßen charakterisieren. Aber ich bitte das, was ich als Charakteristik gebe, nicht misszuverstehen. Es ist im sehr eigentlichen Sinne gemeint, aber gemeint für die Weiterentwicklung der normalen Fähigkeiten des Menschen, nicht für das gewöhnliche Bewusstsein.

[ 32 ] It is love—the human capacity for love. In ordinary life, this capacity for love is, of course, also bound to the physical organism. By performing the exercises of the will that I have described, and by freeing the will inwardly from the physical body, a person becomes capable of devoting themselves completely to an external objective reality. But this is no longer a sensory object; it is now a spiritual object. I can characterize what has come about for the human being through such exercises roughly as follows. But I ask that you not misunderstand what I am presenting as a characterization. It is meant in the very literal sense, but it is intended for the further development of the human being’s normal abilities, not for ordinary consciousness.

[ 33 ] Nehmen wir das menschliche Auge. Es ist verhältnismäßig selbstständig, ist als eine Art selbstständiger Organismus bis zu einem gewissen Grade in den menschlichen Gesamtorganismus eingegliedert. Wir können das Auge sachgemäß im Dienste unserer gesamten Menschlichkeit dadurch gebrauchen, dass es in sich voll durchsichtig ist. Ich möchte sagen im übertragenen Sinne: Das Auge dient uns, weil es selbstlos in unsern Organismus eingeschaltet ist. Wird das Auge getrübt, wird zum Beispiel sein Glaskörper getrübt, tritt irgendwie Star ein, durchsetzt es sich also mit Eigenmaterie, dann hört auch die Möglichkeit auf, durch das Auge in die physische Sinneswelt hinauszusehen. Nun soll durchaus nicht behauptet werden, dass etwa für das gewöhnliche Leben unser physischer Organismus zu vergleichen wäre mit einem kranken, mit Eigenstoff ausgefüllten Auge. Aber für die höhere Erkenntnis ist er es. Gerade das, was ihn zu einem gesunden Organismus im gewöhnlichen physischen Leben macht, das macht ihn auch unfähig, dem Menschen dazu zu dienen, im gewöhnlichen Leben in höhere, übersinnliche Welten erkennend hineinzugelangen. Machen wir dagegen solche Willensübungen, wie ich sie angedeutet habe, um das sonst Dunkel-Bleibende des Willens zu durchdringen, dann machen wir aber auch — in geistig-seelischer Art — den ganzen menschlichen Organismus dadurch durchsichtig, machen ihn gewissermaßen zu einem Sinnesorgan, zu einem Gesamtsinn, zu einem Totalsinn. Und indem wir so dazu gelangen, den ganzen menschlichen Organismus in einer gewissen Beziehung so selbstlos zu machen, wie es das Auge im menschlichen Organismus für das äußere Schauen ist, machen wir den menschlichen Organismus fähig, hineinzuschauen in die übersinnliche geistige Welt, um sich selber in diese hineinzustellen. Denn ein Durchsichtig-Machen des menschlichen Organismus, das bewirken diese Übungen, von denen ich gesprochen habe.

[ 33 ] Let’s take the human eye. It is relatively independent; as a kind of autonomous organism, it is integrated to a certain degree into the human organism as a whole. We can make proper use of the eye in the service of our entire humanity because it is completely transparent in itself. I would like to say, in a figurative sense: The eye serves us because it is selflessly integrated into our organism. If the eye becomes clouded—for example, if its vitreous body becomes clouded, if cataracts develop in some way, that is, if it becomes permeated with its own matter—then the possibility of looking out into the physical sensory world through the eye also ceases. Now, it is by no means intended to be claimed that, in ordinary life, our physical organism is comparable to a diseased eye filled with its own substances. But for higher knowledge, it is. Precisely what makes it a healthy organism in ordinary physical life is also what renders it incapable of serving the human being in gaining insight into higher, supersensible worlds in ordinary life. If, on the other hand, we engage in the kinds of exercises of the will that I have indicated—in order to penetrate what would otherwise remain obscure in the will—then we also, in a spiritual-psychic sense, make the entire human organism transparent through this process, transforming it, as it were, into a sense organ, into a comprehensive sense, into a total sense. And by thus succeeding in making the entire human organism, in a certain sense, as selfless as the eye is within the human organism for external vision, we enable the human organism to look into the supersensible spiritual world and to place itself within it. For these exercises I have spoken of bring about a making transparent of the human organism.

[ 34 ] Für das gewöhnliche Bewusstsein ist ja der gewöhnliche menschliche Organismus durchaus ein Hindernis in Bezug auf eine höhere Erkenntnis. Er ist das Handwerkzeug für das gewöhnliche Leben, für das Sich-hinein-Stellen in die gewöhnliche Welt. Aber der Mensch kann sich nur dadurch in die physische Welt hineinstellen, dass er mit seinem Geistig-Seelischen in diesen physischen Leib hinunterdringt. Da ist dieser physische Leib gewissermaßen ein Undurchsichtiges. Wird er in der angedeuteten Weise durchsichtig, so schauen wir hinaus in die geistige Welt. Dadurch aber, dass wir in dieser Weise den Willen auch losreißen von der physischen Leiblichkeit, gelangt in unsere Erkenntnis hinein ein Bild des Todes, wie er wirklich für den gesamten Menschen ist. Dadurch, dass wir erkennen lernen, wie wir als Menschen im Bewusstsein verharren können — unabhängig von der physischen Leiblichkeit — auch mit dem Willen, der nach der Zukunft hingeht, bekommen wir das Bild desjenigen, was mit dem Geistig-Seelischen des Menschen geschieht, wenn der Leichnam von den äußeren Naturkräften und Naturgesetzen aufgenommen wird. Wir erlangen das Bild des Geistig-Seelischen, das sich vom Leibe befreit, wenn der physische Leib des Menschen dem Tode verfällt,

[ 34 ] For ordinary consciousness, the ordinary human organism is indeed an obstacle to higher knowledge. It is the tool for ordinary life, for placing oneself within the ordinary world. But a person can only place themselves within the physical world by descending with their spiritual and soul aspects into this physical body. In a sense, this physical body is opaque. When it becomes transparent in the manner described, we look out into the spiritual world. But by detaching the will from the physical body in this way, an image of death—as it truly is for the whole human being—enters our understanding. By learning to recognize how we, as human beings, can remain in consciousness—independent of the physical body—even with the will that is directed toward the future, we gain a picture of what happens to the human being’s spiritual-soul aspect when the physical body is absorbed by the outer forces and laws of nature. We gain a picture of the spiritual-soul aspect that frees itself from the body when the human physical body succumbs to death,

[ 35 ] Sie sehen daraus — sehr verehrte Anwesende —, die Anthroposophie kann nicht in irgendeiner leichtsinnigen Weise über die menschliche Unsterblichkeit philosophisch spekulieren oder mystisch phantasieren. Sie muss Stück für Stück aufzeigen, wie der Mensch in systematischer innerer Entwicklung aufsteigt zu einem Schauen, das ihn zum Beispiel befähigt, wirklich das zu erkennen, was als geistig-seelischer, ewiger Wesenskern des Menschen durch Geburt und Tod hindurchgeht, unberührt von der physischen Leiblichkeit. Und jetzt können wir sagen, wie dasjenige, was von der physischen Leiblichkeit als Leichnam nach dem Tode den äußeren Naturgesetzen verfällt, sich zu dem verhält, was als Geistig-Seelisches in der meditativen oder in der Willensentwicklung erreicht werden kann. Gerade den umgekehrten Weg, den der Mensch einschlägt, indem er als physische Persönlichkeit durch den Tod durchgeht, gerade den umgekehrten Weg schlägt anthroposophische Erkenntnis, anthroposophisches Leben ein. Der Tod vereinigt den Menschen mit der physisch-sinnlichen Wirklichkeit, wie wir sie durch unsere intellektualistische Erkenntnis durchschauen können. Was als Übung durchgemacht wird in anthroposophischer Forschungsmethode, das vereinigt die Seele mit dem Geistigen, indem es sie sowohl nach dem Gedanken wie nach dem Willen hin losreißt von dem Physisch-Leiblichen. Und indem Wille und Gedanke losgerissen werden von dem Physisch-Leiblichen, wird auch das Gemüt, die Empfindung und das Gefühl, das ja in der Mitte des Seelenlebens und das Intimste des Seelenlebens ist, losgerissen von der physischen Leiblichkeit. Man lernt das erkennen, was sich dem Tode entringen kann, und man lernt es erkennen, indem man zugleich einsehen lernt, was der Tod für eine Bedeutung im Menschenleben nun unter solchen Voraussetzungen eigentlich hat.

[ 35 ] As you can see from this—dear friends here today—anthroposophy cannot engage in frivolous philosophical speculation or mystical fantasizing about human immortality. It must demonstrate, step by step, how the human being, through systematic inner development, ascends to a state of vision that enables him, for example, to truly recognize what, as the spiritual-soul, eternal core of the human being, passes through birth and death, untouched by physical corporeality. And now we can describe the relationship between that which, as a corpse after death, is subject to the external laws of nature—separated from the physical body—and that which can be attained as a spiritual-soul aspect through meditative or volitional development. Anthroposophical knowledge and anthroposophical life take precisely the opposite path from the one the human being takes as a physical personality when passing through death. Death unites the human being with physical-sensory reality, as we can perceive it through our intellectual understanding. What is undergone as a practice in the anthroposophical method of research unites the soul with the spiritual by tearing it away from the physical-bodily realm, both in thought and in will. And as the will and thought are torn away from the physical-bodily realm, the mind—that is, sensation and feeling, which lie at the very center of soul life and constitute its most intimate aspect—is likewise torn away from the physical-bodily realm. One learns to recognize what can free itself from death, and one learns to recognize this by simultaneously coming to understand what significance death actually has in human life under such conditions.

[ 36 ] Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass diejenigen Kräfte, die wir im Leichnam wirksam finden, immer zwischen Geburt und Tod, beziehungsweise Konzeption und Tod, im Menschen vorhanden sind. Diejenigen anderen Kräfte, von denen ich gesprochen habe, die in der übersinnlichen Erkenntnis für das unmittelbare geistig-seelische Leben gebraucht werden, das in die Ewigkeit hineingeht, die sind immer als die Gegenkräfte vorhanden gegen jene Kräfte, die im Tode am Leichnam sichtbar werden, sodass das Leben ein fortwährender Kampf zwischen diesen beiden Arten von Kräften ist. Und der Mensch mit seinem Gemüt, das zwischen dem Denken und dem Willen mittendrinnen steht, nimmt dadurch teil an diesem Kampf und sieht, wie die im Leichnam wirkenden Kräfte fortwährend in einer gewissen Weise dem Verfall unterliegen. Wieso denn das? Nun, an diejenigen Kräfte, die am Leichnam wirksam werden, an sie wendet sich, indem sie zwischen Geburt und Tod vorhanden sind, gerade das Denken des gewöhnlichen Bewusstseins. Sie brauchen sich nur an Folgendes zu erinnern — ich könnte aus den Untergründen der Anthroposophie vieles zum Beweise heranholen, es darf aber heute genügen, dass ich hier nur darauf aufmerksam mache.

[ 36 ] I have pointed out that the forces we find at work in the physical body are always present in the human being between birth and death, or more precisely, between conception and death. The other forces I have spoken of—those required in supersensible knowledge for the immediate spiritual-soul life that extends into eternity—are always present as counterforces to those forces that become visible in the physical body at death, so that life is a constant struggle between these two kinds of forces. And the human being, with his or her soul—which stands midway between thinking and willing—thus participates in this struggle and sees how the forces active in the physical body are continually, in a certain sense, subject to decay. Why is that? Well, it is precisely the thinking of ordinary consciousness that turns toward those forces active in the physical body, since they are present between birth and death. You need only recall the following—I could draw upon much evidence from the depths of anthroposophy, but it will suffice today for me to simply draw your attention to this point.

[ 37 ] Immer, wenn das sprießende, sprossende organische Leben, das in der Ernährung lebt, überhandnimmt und sich ganz besonders ausbildet, wenn der Mensch im Schlafe verharrt, immer, wenn das aufbauende Leben, das wir besonders in der Kindheit entwickeln, wo wir unsern Organismus plastisch gestalten müssen, vorherrscht, dann tritt das bewusste Gedankenleben zurück. Es wendet sich nämlich das bewusste Gedankenleben im physischen Organismus nicht an die aufbauenden Kräfte, sondern an die abbauenden, an die Sterbekräfte, an jene Kräfte, die nur summarisch, in einem einzigen Augenblick, aufs Höchste gesteigert, im menschlichen Tode auftreten. Man möchte sagen: Was im Tode in höchster Steigerung erscheint, lebt immerfort in uns, und würde es nicht in uns leben, so würde sich das gewöhnliche Denken des Menschen nicht entwickeln können. Dieses gewöhnliche Denken wendert sich an die immer in uns absterbenden Kräfte, an die abbauenden Kräfte, die uns in der zweiten Hälfte des Lebens altern lassen, indem sie da die Oberhand bekommen gegen die ja auch immer in uns vorhandenen, uns verjüngenden Kräfte. Diese verjüngenden Kräfte wirken ja im Wollen und im Unterbewussten des Denkens. Aber während das gewöhnliche Erkennen es mit den abbauenden Kräften zu tun hat, wendet die übersinnliche Erkenntnis, wie sie von der Anthroposophie erstrebt wird, das Erkennen gerade nach dem Gegenpol hin.

[ 37 ] Whenever the sprouting, budding organic life—which thrives on nutrition—gains the upper hand and develops particularly strongly, especially when a person remains in sleep; whenever the constructive life—which we develop particularly in childhood, when we must shape our organism in a malleable way—predominates, then conscious thought life recedes. For the conscious life of thought in the physical organism does not turn to the constructive forces, but rather to the destructive ones—the forces of death—those forces that appear only briefly, in a single moment, heightened to the utmost, at the moment of human death. One might say: What appears in death in its highest intensity lives on within us, and if it did not live within us, ordinary human thinking could not develop. This ordinary thinking is directed toward the forces that are constantly dying within us—the destructive forces that cause us to age in the second half of life by gaining the upper hand over the rejuvenating forces that are also always present within us. These rejuvenating forces are at work in the will and in the subconscious of thought. But while ordinary cognition deals with the forces of decay, supersensible knowledge—as sought by anthroposophy—directs cognition precisely toward the opposite pole.

[ 38 ] Indem der menschliche Organismus in der schon angedeuteten Weise zu einem Sinnesorgan in einem höheren Sinne gemacht wird, kann der Mensch das, was sonst im Wollen schlummernd, schlafend ist, durchsichtig machen, kann dadurch hineinschauen in die geistige Welt und jetzt dasjenige kennenlernen, was er im Schlafzustande an Wollungen nicht schauen kann, weil unser eigener Organismus undurchsichtig ist. Dieses Wollen in der geistigen Welt wird durchsichtig, und wir schauen dann auf das Denken des gewöhnlichen Bewusstseins, indem wir erkennen lernen das erkraftende Denken, das den Menschen aufbaut und hereinwirkt aus einer geistigen Welt, indem es übernimmt, was der Mensch durch die Vererbungskräfte durch die Geburt erhält. Was der Mensch auf diese Weise als Wachstumskräfte erhält, das kann angewendet werden als anschauende Kräfte in der Beobachtung und im Experiment, während sich das physische Experiment an die Sterbekräfte wenden muss. So sehen wir Geborenwerden und Sterben fortwährend wirksam in der menschlichen Natur. Und indem wir so den Tod nicht nur beschränkt sehen auf jenen einen Moment des menschlichen Lebens, sondern indem wir ihn in seinen einzelnen [Grundelementen] ausgebreitet sehen über das ganze Erdendasein, stellen wir ihm das entgegen, was immerzu diesen Tod bekämpft und was, wenn wir es durchschauen, erkennen lässt, wie der Mensch in einem ewigen Dasein lebt, das durch Geburt und Tod unveränderlich, unverweslich — möchte man sagen - hindurchgeht.

[ 38 ] By transforming the human organism into a sensory organ in a higher sense, as already indicated, human beings can make transparent that which otherwise lies dormant and asleep within the will; thereby they can look into the spiritual world and now come to know those volitional impulses that they cannot perceive while asleep, because our own organism is opaque. This volition in the spiritual world becomes transparent, and we then look upon the thinking of ordinary consciousness by learning to recognize the life-giving thinking that builds up the human being and works upon them from a spiritual world, taking over what the human being receives through hereditary forces at birth. What the human being receives in this way as forces of growth can be applied as perceptive forces in observation and experimentation, whereas physical experimentation must turn to the forces of death. Thus we see birth and death continually at work in human nature. And by viewing death not merely as limited to that one moment of human life, but by seeing it spread out in its individual [fundamental elements] spread out over the entire earthly existence, we set against it that which constantly combats this death and which, when we penetrate it, reveals how the human being lives in an eternal existence that passes through birth and death unaltered, incorruptible—one might say.

[ 39 ] Anthroposophie will durchaus die einzelnen alltäglichen Ereignisse des Seelenlebens — das gewöhnliche Denken, das sie verbunden fühlt mit den Sterbekräften, und das gewöhnliche Wollen, das sie verbunden fühlt mit den Aufbau—, mit den Wachstumskräften — so verfolgen, dass in ihrer Weiterverfolgung gefunden werden können Wege zur Lösung des großen Seelenrätsels der menschlichen Unsterblichkeit. Ich möchte sagen: Das Seelenwesen wird innerlich erkenntnismäßig durchleuchtet, wenn wir zu dem, was wir im gewöhnlichen Seelenleben nur als ein Spiegelbild der sinnlichen Erkenntnis haben, hinzufügen können in dieser Weise die übersinnliche Erkenntnis. Wir tragen zwar im gewöhnlichen Leben die unsterbliche Seele in uns, allein diese unsterbliche Seele ist ja nur ausgefüllt mit dem, was sie von den äußeren Eindrücken bekommt. Auch unsere Erinnerungen sind zuletzt nur Reminiszenzen an die äußeren Eindrücke, wenn auch diese äußeren Eindrücke in Willen und Gemüt aufgenommen und verwandelt worden sind. Und auch das, was eine gewöhnliche Mystik oft für eine Offenbarung hält, erweist sich für eine unbefangene Erkenntnis doch nur als Widerspiegelung des äußeren physisch-sinnlichen Daseins. Der Mensch trägt in sich das Unsterbliche, aber er muss sich erst der tieferen Gründe dieses seines eigenen Wesens im übersinnlichen Schauen bewusst werden, indem er sein ganzes Erkenntnisvermögen verwandelt.

[ 39 ] Anthroposophy certainly seeks to examine the individual, everyday events of soul life—ordinary thinking, which it feels is connected to the forces of death, and ordinary willing, which it feels is connected to the forces of building and growth—in such a way that, in this examination, paths may be found toward solving the great mystery of the human soul’s immortality. I would like to say: The soul being is internally illuminated by knowledge when we can add supersensible knowledge in this way to what we have in ordinary soul life only as a reflection of sensory perception. Although we carry the immortal soul within us in ordinary life, this immortal soul is, after all, filled only with what it receives from external impressions. Even our memories are, in the end, merely reminiscences of external impressions, even if these external impressions have been taken up and transformed by the will and the mind. And even what ordinary mysticism often regards as a revelation proves, to an unbiased insight, to be nothing more than a reflection of external physical-sensory existence. Human beings carry the immortal within themselves, but they must first become aware of the deeper foundations of their own being through supersensory vision by transforming their entire capacity for knowledge.

[ 40 ] Dann dringt er ein durch die Tore, welche die Wege zu den eigentlichen großen Seelenrätseln zeigen. In dieser Beziehung kann man gerade drei Bewusstseinsstufen hinstellen. Und in diesen drei Bewusstseinsstufen, welche alle drei im Menschen leben können, zeigt sich so recht der Weg, den im Grunde genommen der Mensch gehen muss, wenn er an die Lösung der Seelenrätsel gehen will. Von dem ganz dumpfen Schlafzustande, der eine Art unbewusstes Bewusstsein darstellt, wollen wir jetzt absehen. Aber aus diesem unbewussten Schlafzustande tauchen auf, wie aus den Tiefen eines Meeres, die Träume, die deshalb nicht weniger merkwürdig sind in ihrer Symbolik, wenn man sie auch ganz ohne Vorurteil betrachtet, wie sie manchmal — um nur eines zu erwähnen — wie das verbildlichte Gewissen vor uns auftreten. Man braucht sich nur zu erinnern, wie im Traume, wenn man sich zum Beispiel einer Unterlassungssünde gegenüber einem Freunde schuldig gemacht hat, diese Unterlassungssünde wie das bildhaft gewordene Gewissen auftaucht. Man könnte auf vieles in dieser Beziehung hinweisen.

[ 40 ] Then he enters through the gates that point the way to the true great mysteries of the soul. In this regard, one can identify precisely three levels of consciousness. And in these three levels of consciousness—all three of which can exist within a human being—the path that a person must ultimately take if they wish to solve the mysteries of the soul becomes truly apparent. Let us now set aside the state of deep, dull sleep, which represents a kind of unconscious consciousness. But from this unconscious state of sleep emerge, as from the depths of the sea, dreams, which are no less remarkable in their symbolism—even when viewed entirely without prejudice—as they sometimes appear before us—to mention just one example—as the visualized conscience. One need only recall how, in a dream—for example, when one has been guilty of a sin of omission toward a friend—this sin of omission emerges as a visualized conscience. One could point to many examples in this regard.

[ 41 ] Durchschaut man aber mit unbefangenem Blick, was in diesem Traumleben vorhanden ist, so muss man sagen: Dieses Traumleben spricht Hohn alledem, was den Menschen orientierend ins Dasein hineinstellt im wachen Tagesleben, durch das er sich ja allein zwischen Geburt und Tod in die Welt fruchtbar hineinstellen kann. Woher kommt das? Gerade wer durchschaut, dass der Mensch im Schlafe als geistig-seelisches Wesen vorhanden ist und dass sein Bewusstsein nur herabgedämpft ist, der wird, wenn er das Traumleben studiert, dieses sporadische Aufleuchten des Bewusstseins im Traume so betrachten können, dass der Mensch dann mit seinem GeistigSeelischen gleichsam nur von Ferne herankommt an die Peripherie des Leiblichen, dass er noch nicht völlig beim Aufwachen eintritt in die leibliche Sphäre oder, wenn Träume sein Einschlafen begleiten, aus ihr heraustritt.

[ 41 ] But if one looks with an unbiased eye at what is present in this dream life, one must say: This dream life mocks everything that provides human beings with a sense of orientation in waking daily life—the very life through which they alone can fruitfully engage with the world between birth and death. Where does this come from? Precisely those who recognize that the human being exists in sleep as a spiritual-soul being—and that their consciousness is merely subdued—will, when studying the dream life, be able to view these sporadic flashes of consciousness in dreams in such a way that the human being, with his spiritual-soul aspect, approaches the periphery of the physical body, as it were, only from a distance; that he has not yet fully entered the physical sphere upon waking, or—if dreams accompany his falling asleep—has not yet stepped out of it.

[ 42 ] Wenn der Mensch so mit seinem Geistig-Seelischen an der Peripherie des Leiblichen lebt und dieses Leibliche ihm gegenübersteht wie ein dunkles Gebilde, dann tauchen die mit Willkür belasteten Träume auf. Und wenn dann der Mensch sich in seiner physischen Organisation als zu schwach erweist, um — ich möchte sagen — vollständig in seine eigene Organisation das Geistig-Seelische aufzunehmen, sich mit ihm zu durchdringen und es mit sich zu durchdringen, dann setzt sich das geistig-seelische Traumerleben in den physischen Organismus fort, wird dort zum Halluzinatorischen, zum Visionären, zum medialen Leben, zu demjenigen Leben, das leicht suggerierbar ist, und dergleichen mehr. Ja, es treten als krankhafte Erscheinungen des Seelenlebens gerade diejenigen Gebilde auf, die dadurch entstehen, dass das, was als Traumgebilde, als traumhaftes Seelenerleben bloß an der Peripherie des Leiblichen bleiben sollte, zu tief in den physischen Organismus untertaucht. Dadurch werden diejenigen Rätsel des Seelenlebens einer Lösung entgegengeführt, die sich an das halluzinatorische, visionäre oder mediale Leben anschließen. Anthroposophie muss gerade diesen Erscheinungen ablehnend gegenüberstehen, wenn sie sich so geltend machen wollen, dass durch sie wirklich etwas von der geistigen Welt erkannt werden könnte. Wenn aber der Mensch mit seinem GeistigSeelischen nicht nur an der Peripherie des Leiblichen schwebt, sondern wenn er vollständig in seinen physischen Leib untertaucht, sodass die beiden eins werden, wenn also das Willkürleben des Traumes dadurch eine Verwandlung erfährt, dass die Traumbilder durchdrungen werden von den Kräften der Orientierungslinien, die gebildet werden aus der Gesetzmäßigkeit des vollen physischen Leibes mit der äußeren physischen Natur, dann tritt das gesunde, wache Tagesleben ein. Dann ist das, was die physische menschliche Organisation ist, in ihren absterbenden und aufbauenden Kräften eins geworden mit dem Geistig-Seelischen; dann wirken sie als eines zusammen.

[ 42 ] When a person lives with their spiritual-soul aspect on the periphery of the physical body, and this physical body stands before them like a dark form, then dreams burdened with arbitrariness arise. And when a person’s physical constitution proves too weak to — I might say — fully incorporate the spiritual-soul aspects into their own organism, to permeate themselves with them and to let them permeate them, then the spiritual-soul dream experience continues into the physical organism, where it becomes hallucinatory, visionary, mediumistic, and the kind of life that is easily suggestible, and so on. Indeed, the very formations that arise when what should remain merely on the periphery of the physical body—as dream formations or dreamlike soul experiences—penetrate too deeply into the physical organism appear as pathological manifestations of soul life. This leads to a resolution of those mysteries of soul life that are connected to hallucinatory, visionary, or mediumistic life. Anthroposophy must take a negative stance toward precisely these phenomena if they are to be regarded as a means by which something of the spiritual world might truly be known. But when a human being, with his spiritual-soul life, does not merely hover at the periphery of the physical body, but is completely immersed in his physical body, so that the two become one—that is, when the arbitrary life of the dream undergoes a transformation whereby the dream images are permeated by the forces of the orienting lines formed by the laws governing the full physical body in relation to external physical nature—then healthy, waking daytime life begins. Then what constitutes the physical human organism, in its dying and regenerative forces, has become one with the spiritual-soul; then they work together as one.

[ 43 ] Aber der Mensch, der in seinem Geistig-Seelischen lebt, wirkt durch das Werkzeug des physischen Leibes, der ihm die Orientierung in der physisch-sinnlichen Welt gibt. Wenn nun durch die geschilderten Übungen das eintritt, dass der Mensch in seinem Geistig-Seelischen nicht nur völlig eins wird mit dem physischen Leibe, sondern über dieses hinaus der ganze physische Organismus des Menschen zu einem Sinnesorgan wird, dann tritt der dritte Bewusstseinszustand ein — das übersinnliche Bewusstsein. Dann verhält sich das gewöhnliche, wache Tagesbewusstsein zu dem übersinnlichen Bewusstsein so, wie sich der Traum verhält zum wachen Tagesleben. Auf diese Weise kann man unterscheiden, indem man an die Seelenrätsel herantritt: das dunklere Traumbewusstsein, das hellere, wache Tagesbewusstsein und das übersinnliche Bewusstsein. Das Letzte ist es, das uns dann in die ewigen Gründe der Menschenseele hineinführt, in die Fragen des Ungeborenseins und der Unsterblichkeit. Auch jene Rätsel, die nach dem Krankhaften des Seelenlebens hingehen, lösen sich gerade dadurch, dass man ihre Erscheinungen in sachgemäßer Weise vergleichen kann mit dem, was sich in gesunder Weise als übersinnliche Erkenntnis entwickeln kann.

[ 43 ] But the human being, who lives in his spiritual-soul life, acts through the instrument of the physical body, which provides him with orientation in the physical-sensory world. When, through the exercises described, a person not only becomes completely one with the physical body in their spiritual-soul life, but goes beyond this so that the entire physical organism becomes a sense organ, then the third state of consciousness sets in—supersensible consciousness. Then ordinary, waking daytime consciousness relates to supersensible consciousness just as a dream relates to waking daytime life. In this way, when approaching the mysteries of the soul, one can distinguish between the darker dream consciousness, the brighter, waking daytime consciousness, and supersensible consciousness. It is the latter that then leads us into the eternal depths of the human soul, into the questions of pre-existence and immortality. Even those mysteries that pertain to the pathological aspects of soul life are resolved precisely because one can compare their manifestations in an appropriate way with what can develop in a healthy manner as supersensible knowledge.

[ 44 ] Ich habe so darzustellen versucht, was übersinnliche Erkenntnis in Bezug auf die Lösung der Seelenrätsel erreichen kann. Die Möglichkeit, eine solche übersinnliche Erkenntnis zu entwickeln, wie ich sie geschildert habe, hat man erst heute, nachdem die Menschheit durch das naturwissenschaftliche Zeitalter durchgegangen ist und man in diesem Zeitalter die entsprechenden Erkenntnisse durch die gewissenhaft ausgebildeten ernsten, naturwissenschaftlichen Methoden hat erhalten können. Daher wird sich derjenige am sichersten auf dem Gebiete der übersinnlichen Erkenntnis bewegen, der nicht Laie, nicht Dilettant ist auf naturwissenschaftlichem Gebiete, sondern der kennengelernt hat, wie man auf dem Felde dieser Naturwissenschaft wirklich forscht, und der der Naturwissenschaft lässt, was ihrer ist, und dann dem Geistigen lässt, was ihm gehört.

[ 44 ] I have attempted to describe what supersensible knowledge can achieve with regard to solving the mysteries of the soul. The possibility of developing such supersensible knowledge, as I have described it, has only become available today, after humanity has passed through the age of natural science and, during that age, has been able to obtain the corresponding insights through conscientiously developed, serious scientific methods. Therefore, the person who will navigate the realm of supersensible knowledge most securely is not a layman or a dilettante in the field of natural science, but one who has learned how to conduct genuine research in this field, and who leaves to natural science what belongs to it, and then leaves to the spiritual what belongs to it.

[ 45 ] Aber man hat in früheren Zeiten immer eine Art Ahnung gehabt, wie man eindringen kann in die verborgenen Untergründe des Seelenlebens, die heute durch eine Erkraftung des Seelenlebens wieder erreicht werden. Man hat gesprochen von einer Schwelle, die zu überschreiten ist, wenn man in das wirkliche Seelenleben eindringen will, und hat davon gesprochen, wie man durch ein ahnendes Bewusstsein von dem Überschreiten dieser Schwelle reden kann. Aber man hat auch in sehr charakteristischer Weise davon gesprochen, wie diese Erkenntnis nach dem Übersinnlichen ein Heilungsprozess ist. Man hat menschliches Gesundheitsstreben in inniger Gemeinschaft gefunden mit diesem Durchdrungenwerden mit übersinnlichen Erkenntnissen. Nun, in Bezug auf das Seelenleben und seine Rätsel wird man wieder lernen, dass durch das Sich-Erfüllen mit übersinnlichen Erkenntnissen in der Tat ein Gesundungsprozess gegeben ist. Um dies einzusehen, braucht man nicht selber Seelenforscher zu sein, so wie man auch nicht selber Maler zu sein braucht, um ein Bild zu würdigen. Sondern wie man ein Bild wird würdigen können, wenn man nur gesund erzogen ist, so wird der, der in Bezug auf seinen gesunden Menschenverstand nur richtig erzogen worden ist, auch einsehen können, was der Anthroposoph sagt, und beurteilen, ob es für einen Menschen gesund oder ungesund ist. Man kann durch den gesunden Menschenverstand nachprüfen, was der Anthroposoph behauptet, und man wird darin, indem man es in sich aufnimmt, nichts anderes empfinden als etwas, was sich mit dem ganzen Seelensein des Menschen in gesundender Weise verbindet, was vor allem dem Menschen diejenigen Kräfte zuführt, die ihm in moralischer und sozialer Beziehung Halt geben und ihn hinführen zu dem, was aus der geistigen Welt heraus moralische Impulse geben kann.

[ 45 ] But in earlier times, people always had a kind of intuition about how to penetrate the hidden depths of the soul’s life, which can be reached again today through a revitalization of the soul’s life. People spoke of a threshold that must be crossed if one wishes to penetrate into the true life of the soul, and they spoke of how one can speak of crossing this threshold through an intuitive awareness. But they also spoke in a very characteristic way of how this insight into the supersensible is a healing process. The human striving for health has been found to be in intimate communion with this permeation by supersensible knowledge. Now, with regard to the life of the soul and its mysteries, we will learn once again that imbuing oneself with supersensible knowledge does indeed constitute a healing process. To understand this, one need not be a researcher of the soul oneself, just as one need not be a painter oneself to appreciate a painting. Rather, just as one can appreciate a painting if one has simply been raised with sound judgment, so too will the person who has been properly educated in the use of sound judgment be able to understand what the anthroposophist says and judge whether it is healthy or unhealthy for a human being. One can use sound judgment to verify what the anthroposophist asserts, and in doing so—by taking it in—one will perceive nothing other than something that connects in a healing way with the whole being of the human soul, something that above all provides the human being with those forces that give him stability in moral and social terms and lead him toward what can provide moral impulses from the spiritual world.

[ 46 ] Aus diesem Grunde war ich genötigt, von übersinnlichen Kräften zu sprechen schon im Anfange der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in meiner «Philosophie der Freiheit», wo ich als sittliche Intuition diejenigen Kräfte hingestellt habe, unter deren Einfluss der Mensch erst ein sittlich freies Wesen wird, sodass das, was durch die anthroposophische Erkenntnis errungen werden soll, schon für das sittliche Leben und für das gewöhnliche Bewusstsein ahnungsvoll vorhanden ist. Und indem wir die Kräfte, die darin leben, unserm Erkennen innerlich zugänglich machen, statten wir uns mit heilkräftigen und unserm Leben Halt gebenden Strömungen aus. Dadurch gewinnt der Mensch durch anthroposophische Erkenntnis nicht theoretische Ansichten, sondern etwas, was in sein ganzes Dasein hereinströmt, wodurch sich ihm die Wirklichkeit der äußeren Natur verbindet mit der inneren sittlichen Welt, sodass diese zwei nicht mehr in zwei zerfallen. Und wer jemals gestanden hat vor dem ganzen Umfang der Seelenfragen, der sich hier auftut, der wird auch verstehen, wie man nach einer Seelenerkenntnis streben kann, von der hier gesprochen wird.

[ 46 ] For this reason, I was compelled to speak of supersensible forces as early as the beginning of the 1890s in my *Philosophy of Freedom*, where I described as “moral intuition” those forces under whose influence human beings first become morally free beings, so that what is to be attained through anthroposophical knowledge is already present, in a sense of foreboding, in moral life and in ordinary consciousness. And by making the forces that live within it inwardly accessible to our cognition, we equip ourselves with healing currents that provide stability for our lives. Through this, the human being gains from anthroposophical knowledge not theoretical views, but something that flows into their entire being, through which the reality of external nature is united with the inner moral world, so that these two no longer fall apart into two separate realms. And anyone who has ever stood before the full scope of the questions of the soul that open up here will also understand how one can strive for the knowledge of the soul of which we speak here.

[ 47 ] Wenn jemand heute ehrlich auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, dann sieht er auf einen Erdenanfang hin — mag die Kant-Laplacesche Theorie auch heute modifiziert sein —, der aus einem reinen physischen Nebelgasball das physische Dasein hervorgehen lässt, und daraus ist dann später das entstanden, was die höheren Naturreiche und auch den Menschen ausmacht. Und die heutige Physiklehre zeigt, wie das Erdenende einmal im Wärmetod beschlossen sein wird, wie durch einen großen Leichnam das begraben werden wird, was der Mensch als Inhalt seiner Menschenwürde, seines Menschenwertes und seines sittlichen Wertes empfindet. Durch diese naturwissenschaftlichen Ideen bekommt der Mensch heute eine Anschauung von der Willkür der sinnlich-physischen Welt, denn die sinnlichen Kräfte machen Erscheinungsformen notwendig, gegenüber denen dennoch die sittliche Welt dem Verfall anheimgegeben sein müsste, wenn die von der Naturwissenschaft angenommenen Kräfte ausschließlich Geltung haben würden.

[ 47 ] If anyone today stands honestly on the ground of natural science, they will see a beginning of the Earth—even if the Kant-Laplace theory has been modified today—from which physical existence emerged from a pure physical ball of nebular gas, and from this later arose what constitutes the higher kingdoms of nature and also human beings. And modern physics shows how the end of the Earth will one day be sealed by the heat death, how what humanity perceives as the essence of its human dignity, human worth, and moral value will be buried beneath a vast corpse. Through these scientific ideas, people today gain an insight into the arbitrariness of the sensory-physical world, for the sensory forces necessitate forms of appearance in relation to which the moral world would nevertheless be left to decay if the forces assumed by natural science were to hold exclusive sway.

[ 48 ] Wenn wir aber die Welt so ansehen, dass wir uns nicht an die gewöhnlichen Gedankenkräfte, an die Sterbekräfte wenden, an die sich ja das intellektuelle Erkennen wendet, weil es gebunden ist an die Sterbekräfte und mit diesen Kräften auch nur das Tote, Unlebendige der Natur erfassen kann, sondern wenn wir hinweisen auf die unsterbliche, lebendige Natur des Weltendaseins, indem wir uns erheben von der gewöhnlichen Seelenerkenntnis zu jener Seelenerkenntnis, die dem übersinnlichen Schauen gegeben ist, dann wird dadurch unsere Seele verankert in einem unsterblichen Weltendasein, und damit wird erst eine Aussicht auf eine wahre Lösung der Seelenrätsel eröffnet. Wenn nun etwa jemand sagen wollte: Dieser Anthroposophie fehlt aber doch die sichere Grundlage der äußeren Tatsachenerkenntnis, denn sie will nur bauen auf dem, was erst aus dem Innern des Seelenlebens entwickelt worden ist. So wird der, der nun alles durchschaut, was ich heute nur andeutungsweise vorbringen konnte, sich doch sagen: Ein solcher Einwand gleicht dem andern, den einer machen würde, der sagte: Jedes Ding muss auf einem festen Boden stehen, damit es nicht fällt. Das ist selbstverständlich richtig für Dinge, die auf der Erde stehen. Schauen wir dagegen in den Weltenraum hinaus, so wäre es töricht zu fragen: Worauf ruht die Erde, worauf der Mond, worauf die anderen Körper des Weltenalls? Sie haben eben ihren Halt in ihren gegenseitig aufeinander wirkenden Kräften, sie tragen einander gegenseitig.

[ 48 ] But when we view the world in such a way that we do not turn to the ordinary powers of thought—the mortal powers—to which intellectual cognition is directed, since it is bound to these mortal powers and, through them, can perceive only the dead, inanimate aspects of nature—but rather point to the immortal, living nature of world existence by rising from ordinary knowledge of the soul to that knowledge of the soul which is granted to supersensible perception—then our soul is thereby anchored in an immortal world existence, and only then is a prospect opened up for a true solution to the mysteries of the soul. If, for example, someone were to say: “But this anthroposophy lacks the secure foundation of knowledge of external facts, for it seeks to build only upon what has first been developed from within the inner life of the soul.” Thus, anyone who now sees through everything I have been able to present only in outline today will nevertheless say to themselves: Such an objection is akin to another that might be raised by someone who said, “Every object must stand on solid ground so that it does not fall.” This is, of course, true for objects that stand on the earth. If, on the other hand, we look out into the cosmos, it would be foolish to ask: On what does the Earth rest, on what does the Moon rest, on what do the other bodies of the cosmos rest? They find their support precisely in their mutually interacting forces; they sustain one another.

[ 49 ] Und man muss einsehen, wie das, was Anthroposophie zu leisten unternimmt, in der Tat von den verschiedensten Seiten her die Welt charakterisiert und sich dadurch gegenseitig trägt. Ehe man nicht in dieser Weise den kosmischen Aspekt der anthroposophischen Erkenntnis durchschaut, wird man immer meinen, sie sei unbegründet, so wie man — in törichter Weise — finden könnte, dass auch die Erde unbegründet ist, weil sie nicht im Weltenall auf einer festen Unterlage ruht, wie sonst jeder Körper auf einer Unterlage ruht. Sinneserkenntnis, Verstandeserkenntnis muss auf einer Unterlage ruhen. Das aber, was in der angedeuteten Weise aus der Seele entwickelt wird, trägt sich selber, indem es von den verschiedensten Seiten her in das übersinnliche Gebiet des Daseins einzudringen sucht und dadurch auch die Wege bereitet zur wirklichen lebensvollen Lösung der Seelenrätsel.

[ 49 ] And one must recognize how what anthroposophy sets out to achieve in fact characterizes the world from a wide variety of perspectives and thereby supports itself. Until one grasps the cosmic aspect of anthroposophical knowledge in this way, one will always think it is unfounded, just as one might—foolishly—conclude that the Earth itself is unfounded because it does not rest on a solid foundation in the cosmos, as every other body does. Sensory knowledge and intellectual knowledge must rest on a foundation. But that which is developed from the soul in the manner described here sustains itself by seeking to penetrate the supersensible realm of existence from the most diverse angles, thereby also paving the way for a truly life-affirming solution to the mysteries of the soul.

[ 50 ] So können wir sagen: So wie die Seelenrätsel zusammenhängen mit Gesundungs- und Krankheitsprozessen des ganzen Menschen, so müssen wieder Gesundungsprozesse liegen in dem Sichdurchdringen mit der Erkenntnis des Übersinnlichen der Menschennatur, mit der Erkenntnis des wahren Unsterblichen der menschlichen Wesenheit. In ihrer Art müsste die neueste Zeit die instinktive Erkenntnis der älteren Zeiten wieder bewahrheiten.

[ 50 ] Thus we can say: Just as the mysteries of the soul are connected to the processes of healing and illness in the whole human being, so too must processes of healing lie in the interpenetration with the knowledge of the supersensible aspect of human nature, with the knowledge of the true immortality of the human being. In its own way, the present age should once again confirm the instinctive insight of earlier times.

[ 51 ] Es dringen zwar solche Wahrworte herauf aus den Tiefen des älteren Strebens der Menschen, aber die neuere Zeit kann nicht in dieser Weise nach Erkenntnis streben wie die früheren Zeiten. Die Naturwissenschaft hat uns gelehrt, in anderer Weise in Bezug auf Menschendasein und Naturdasein nach Erkenntnis zu streben. Und so, wie auf dem Naturgebiete nach Erkenntnis gestrebt wird, so muss auch auf dem übersinnlichen Gebiete nicht in der Art nebuloser Mystik, sondern mit klarer Entwicklung der Erkenntniskräfte in das Ewige hineingestrebt werden. Wenn aber das geschieht, dann darf der moderne Mensch, der Halt im Leben gefunden hat gegenüber den Rätseln des Seelenlebens, wieder so sprechen wie einst der alte Grieche: «Wenn du, den Leib verlassend, zum freien Äther emporsteigst, wirst ein unsterblicher Gott du sein, dem Tode entronnen!»

[ 51 ] Such words of truth do indeed rise up from the depths of humanity’s earlier striving, but the modern era cannot seek knowledge in the same way as earlier times. Natural science has taught us to seek knowledge in a different way with regard to human existence and the existence of nature. And just as knowledge is sought in the realm of nature, so too must we strive toward the eternal in the supersensible realm—not through nebulous mysticism, but through the clear development of our powers of cognition. But when this happens, then modern humanity, having found a foothold in life in the face of the mysteries of the soul, may once again speak as the ancient Greeks once did: “When you, leaving the body behind, ascend into the free ether, you will be an immortal god, having escaped death!”