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The Essence of Anthroposophy
GA 80a

14 May 1922, Wrocław

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The Essence of Anthroposophy, tr. SOL
  1. Das Wesen der Anthroposophie

10. Anthroposophie und Geisteserkenntnis

10. Anthroposophy and Spiritual Knowledge

[ 1 ] Gestatten Sie, dass ich, bevor ich zum eigentlichen Thema übergehe, nur das bemerke, dass in dem heutigen Vortrag ja allerlei Dinge ausgesprochen werden müssen, zu denen heute selbst die wissenschaftliche Begründung nicht vorgebracht werden kann, das aus dem Grunde, weil ja in dem letzten Vortrag vor Wochen hier die Auseinandersetzung von Anthroposophie und Wissenschaft in der Weise versucht worden ist, dass die hier von mir gemeinte Anthroposophie weder diese Auseinandersetzung scheut noch ihrerseits in einen Gegensatz sich bringen will gegen wissenschaftliche Methoden der Gegenwart. Aber dennoch, da ich wohl annehme, dass ein großer Teil der Zuhörer, die dazumal anwesend waren, die Dinge schon gehört haben, so darf ich heute von einer Wiederholung absehen.

[ 1 ] Before I turn to the actual topic, allow me to simply note that today’s lecture will have to address all sorts of things for which even a scientific justification cannot be provided at this time, for the reason that in the last lecture here several weeks ago, an attempt was made to address the relationship between anthroposophy and science in such a way that the anthroposophy I am referring to here neither shies away from this discussion nor seeks to place itself in opposition to contemporary scientific methods. Nevertheless, since I assume that a large portion of the audience who were present at that time have already heard these things, I will refrain from repeating them today.

[ 2 ] Nun, wenn gesprochen wird von den großen Rätseln, die dem Menschen sich vor die Seele stellen, wenn er auf die geistige Welt hinblickt oder etwas empfinden will, so können sich eigentlich die Fragen, die sich aufwerfen, im Grunde genommen nicht darauf beziehen, dass der Mensch in irgendeinem Augenblick daran zweifeln könnte, dass er es in seinem eigenen Leben mit geistigen Wesen zu tun hat. Ja, man könnte geradezu sagen, dass ja die Fragen nach dem Wesen der geistigen Welt gerade dadurch sich aufwerfen, dass der Mensch weiß, er habe es, indem er sich selbst an der Welt betätigt, mit dem Wirken dessen, was in ihm Geist ist, zu tun. Aber andererseits kann er doch nicht zurechtkommen mit der Frage: Was ist das Wesen dieses Geistigen, mit dem er es selbst zu tun hat? Eigentlich müssen alle Fragen, die sich auf die geistige Welt beziehen, zuletzt darauf hinauslaufen: Welches ist das Wesen des Geistigen, das wir ja gut kennen? Gerade um das Schicksal desjenigen, was wir gut kennen, handelt es sich bei diesen Rätselfragen des Daseins. Selbst diejenigen, die im Ernst, nicht bloß aus Koketterie heraus, den Geist leugnen, sie leugnen ja nur, dass dasjenige, was sie als Geist ansehen, dass das gegenüber dem materiellen Dasein eine selbstständige Bedeutung habe. Also ihr Leugnen bezieht sich auf das Wesen des Geistigen, nicht auf das Geistige selbst.

[ 2 ] Well, when we speak of the great mysteries that present themselves to the human soul as one looks toward the spiritual world or seeks to perceive something, the questions that arise cannot, in essence, relate to the possibility that a person might at any moment doubt that they are dealing with spiritual beings in their own life. Indeed, one could even say that the questions regarding the nature of the spiritual world arise precisely because a person knows that, through their own activity in the world, they are dealing with the workings of what is spirit within them. But on the other hand, they cannot come to terms with the question: What is the nature of this spiritual reality with which they themselves are engaged? In fact, all questions relating to the spiritual world must ultimately boil down to this: What is the nature of the spiritual, which we know so well? It is precisely the fate of that which we know so well that is at stake in these enigmatic questions of existence. Even those who deny the spirit in earnest—not merely out of affectation—deny only that what they regard as spirit has an independent significance in relation to material existence. Thus, their denial pertains to the nature of the spiritual, not to the spiritual itself.

[ 3 ] Warum aber, da der Mensch den Geist doch besitzt, kommt er auf diesem Gebiete in Schwierigkeiten? Das ist die Frage, die eigentlich mehr oder weniger unbewusst vor der menschlichen Seele auftaucht. Besondere Menschen erleben diese Fragen bewusst, die Mehrzahl unbewusst, aber man kann deshalb nicht sagen, dass sie sie weniger bedeutungsvoll für die Seelenstimmung und Seelenverfassung erleben. Sie erleben ebenso, dass diese Fragen in den Tiefen des seelischen Lebens sich abspielen und in allerlei Glücks- oder Leidenszuständen hinaufspielen in die tägliche Seelenverfassung, sodass man schon in gewisser Weise sagen kann, der Mensch ist für sich selbst und die Welt mehr oder weniger tauglich oder untauglich, je nachdem er sich zurechtfindet mit solchen Grundfragen des Daseins.

[ 3 ] But why, since human beings do possess a spirit, do they encounter difficulties in this area? That is the question that actually arises, more or less unconsciously, before the human soul. Certain individuals experience these questions consciously, while the majority do so unconsciously; yet this does not mean that they experience them as any less significant for their soul’s mood and state. They also experience that these questions play out in the depths of their inner life and, through all manner of states of happiness or suffering, rise up into their daily state of mind, so that one can say, in a certain sense, that a person is more or less suited—or unsuited—to themselves and the world, depending on how well they come to terms with such fundamental questions of existence.

[ 4 ] Nun könnte man vieles von dem anführen, was den Menschen dazu bringt, diese Fragen zu stellen. Aus der ganzen Fülle desjenigen, was da quälend, Zweifel füllend und dergleichen in des Menschen Seele spielt, will ich etwas hervorheben, was veranschaulichen kann, wie sich solche Rätselfragen, wie sie hier gemeint sind, vor den Menschen hinstellen.

[ 4 ] Now, one could cite many of the things that lead people to ask these questions. From the whole wealth of what torments the human soul, fills it with doubt, and the like, I would like to highlight something that can illustrate how such enigmatic questions—as meant here—present themselves to people.

[ 5 ] Wir sehen ja jeden Tag, wenn wir hinübergehen aus dem Wach- in den Schlafzustand, wir sehen dasjenige, was wir im Wachzustande als unser wogendes, uns erfüllendes Geistesleben in uns tragen, wir sehen es hinuntersinken in die Sphäre der Bewusstlosigkeit. Und wir empfinden, bewusst oder unbewusst, wir empfinden an diesem Hinuntertauchen unseres bewussten Geisteslebens in das Unbewusste die Ohnmacht desjenigen, was wir eigentlich bewusst als unser tägliches, erkennendes Geistesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen in uns tragen. Und selbst wenn man es nur empfindet, so geht aus dieser Empfindung in die Seelenstimmung über das, was erlebt werden kann beim Hinuntertauchen desjenigen, was uns das Wertvollste im Leben ist, in den unbewussten Zustand. Und wir fragen uns dann: Hat dieses Geistesleben, um dessentwillen wir eigentlich Mensch sein wollen, nun im großen auch jenes Schicksal, irgendwie hinuntersinken zu müssen, ohne dass es verbunden ist mit einem ihm selbst innewohnenden, es tragenden, stützenden, wie wir sagen, ewigen Dasein?

[ 5 ] Every day, as we transition from the waking state to sleep, we see what we carry within us in the waking state—our surging, fulfilling inner life—sink down into the realm of unconsciousness. And we sense—consciously or unconsciously—as our conscious spiritual life sinks into the unconscious, the powerlessness of that which we actually carry within us as our daily, perceiving spiritual life from the moment we wake up until we fall asleep. And even if one merely senses it, this sensation gives rise to a mood of the soul regarding what can be experienced as that which is most precious to us in life sinks into the unconscious state. And we then ask ourselves: Does this spiritual life—for the sake of which we actually want to be human—now, in the grand scheme of things, also share that fate of having to sink down somehow, without being connected to an eternal existence that is inherent in it, that sustains and supports it, as we say?

[ 6 ] Das ist die eine Seite der Frage, die sich so bedeutungsvoll und mächtig aufwirft. Aber diese Frage ist auch im Gegensatz vorhanden. Wir wachen auf, vielleicht durch den Übergang des Traumlebens, das wir aber als illusorisch ansehen müssen, gegenüber dem, was wir im gewöhnlichen Leben Wirklichkeit nennen. Wir erfassen gewissermaßen seelisch die Körperlichkeit, wir gehen über in jenen Zustand, in dem wir uns unseres Körpers in jedem Augenblick, der unser gesundes Leibesleben entwickelt, bedienen. Aber auch da steht etwas, was uns rätselhaft erscheint, da sehen wir dasjenige, was wir eigentlich als Geist ansprechen, hinuntersinken in die Leiblichkeit. Wir bedienen uns der Organe, wie sie uns erscheinen, unserer Leiblichkeit. Aber wie das, was geistig ist, durch Arme und Beine, wie es selbst durch unsere Sinne wirkt, wie es sich des Leibes bedient, das ist es, was sich zunächst dem gewöhnlichen Bewusstsein entzieht. Und man kann sagen: Während man die Ohnmacht des Geistigen gewahr wird durch den Moment des Einschlafens, kann man beim Aufwachen gewahr werden, wie dasjenige, was man Geistiges nennt, hinuntersinkt in eine Art von unbekannter Welt. Wir wissen nicht, wie da hinuntertaucht in unseren leiblichen Organismus dasjenige, was wir als Geistiges ansprechen möchten. Die Ohnmacht auf der einen Seite, das Versinken in eine Dunkelheit auf der anderen Seite, das sind die beiden Pole, die sich als so tief ins Herz einschneidende Rätselfragen des Menschen aufwerfen, an denen der Mensch aber durchaus nicht vorbeikommen kann.

[ 6 ] That is one side of the question, which presents itself in such a meaningful and powerful way. But this question also exists in contrast. We wake up—perhaps through the transition from the world of dreams, which we must, however, regard as illusory—to what we call reality in ordinary life. In a sense, we grasp physicality through our soul; we transition into that state in which we make use of our body at every moment as our healthy physical life unfolds. But even there is something that seems mysterious to us; there we see that which we actually refer to as spirit sinking down into physicality. We make use of our organs as they appear to us—our physicality. But how that which is spiritual acts through arms and legs, how it acts even through our senses, how it makes use of the body—that is what initially eludes ordinary consciousness. And one can say: While one becomes aware of the powerlessness of the spiritual in the moment of falling asleep, upon waking one can become aware of how that which we call the spiritual sinks down into a kind of unknown world. We do not know how that which we wish to refer to as the spiritual plunges down into our physical organism. Powerlessness on the one hand, sinking into darkness on the other—these are the two poles that present themselves as profound, heart-wrenching mysteries for humanity, yet which human beings cannot possibly avoid.

[ 7 ] Und wie steht im Großen und Ganzen die heutige Menschheit da, indem sie diese Fragen als die eigentlichen Rätselfragen des Daseins empfindet? Man möchte sagen: Zweierlei stellt sich hin vor die Geisteswelt, zu der der Mensch aus den schon genannten Gründen ein Verhältnis sucht, zweierlei gerade für den Menschen der Gegenwart. Der eine füllt sich der Geisteswelt gegenüber mit Illusionen, der andere füllt sich mit Schmerzen, Qualen, deren Ursprung unergründlich bleibt. Das eine ist der Aberglaube, das andere ist der Zweifel. In den Aberglauben hinein kommen mehr oder weniger diejenigen Menschen, welche sich noch nicht bekannt gemacht haben mit den großartigen Ergebnissen der modernen wissenschaftlichen Weltanschauung, Menschen, die noch unberührt geblieben sind von der gewissenhaften Methode, die von einem Teil der Welt angewandt wird. Sie greifen auf dasjenige, was ihnen auf Wunsch und Willen kommt oder was ihnen überkommt aus der anthroposophischen Weltanschauung und Erkenntnis heraus, sie greifen das auf und erfüllen ihren Geist mit demjenigen, was auftauchen kann im menschlichen Innern, ohne dass es in einer treuen, ehrlichen Weise gegenüber sich selbst begründet ist. Sie füllen gewissermaßen von sich aus die Welt mit allerlei Gedanken und Gefühlsgebilden, dadurch fühlen sie sich in einer gewissen Weise befriedigt. Aber in dem Augenblick, wo sie mit der Welt zurechtkommen wollen, da zeigt sich überall dasjenige, was man in dieser Art durch den Aberglauben in sich aufgenommen hat, das stößt an alle möglichen Ecken der Welt an. Die Ereignisse, die Dinge, die uns außen von der Welt entgegentreten, sie bewahrheiten dasjenige nicht, was wir uns als Illusionen aus dem Innern herausholen. Man kommt dazu, ein in dieser Welt unorientierter Mensch zu sein, der zum Handeln untauglich ist, weil diejenigen Mächte, auf die er sich verlässt, doch versagen, sie sind eben Mächte, die bloß aus seinem Willen und Wunsch heraus geboren sind. Das ist die Lage, in die der eine, weniger wissenschaftlich geartete Teil der Menschheit gegenüber diesen Fragen hineinkommt.

[ 7 ] And how, on the whole, does humanity today fare in perceiving these questions as the true enigmas of existence? One might say: Two things stand in the way of the spiritual world, with which human beings seek a relationship for the reasons already mentioned—two things that are particularly relevant to people today. One is filled with illusions regarding the spiritual world, while the other is filled with pain and torment whose origin remains unfathomable. The one is superstition; the other is doubt. Those who fall into superstition are, to a greater or lesser extent, people who have not yet familiarized themselves with the magnificent achievements of the modern scientific worldview—people who have remained untouched by the conscientious method applied by a portion of the world. They take hold of whatever comes to them according to their own desires and will, or whatever comes over them from the anthroposophical worldview and knowledge; they take this in and fill their minds with whatever may arise within the human soul, without grounding it in a true and honest way toward themselves. In a sense, they fill the world of their own accord with all manner of thoughts and emotional constructs, and in doing so they feel a certain sense of satisfaction. But the moment they try to come to terms with the world, what they have taken in through this kind of superstition becomes evident everywhere, clashing with every possible aspect of the world. The events and things we encounter in the external world do not confirm the illusions we conjure up from within. One ends up being a person who is disoriented in this world and incapable of acting, because the powers on which one relies ultimately fail; they are, after all, powers born solely of one’s own will and desire. This is the situation into which the less scientifically minded segment of humanity finds itself when confronted with these questions.

[ 8 ] Der andere Teil der Menschheit, der wiederum untergetaucht ist in die gewissenhaften, wissenschaftlichen Methoden der Gegenwart so, dass er zu erkennen vermöchte, was Wissenschaft gerade für die Gesamtkultur der Gegenwart für eine Bedeutung hat, der Mensch hat sein Denken oftmals geschult für das Aufsuchen von Zusammenhängen in der äußeren Sinneswelt, er hat gefühlt, wie weit man kommt, welche Ideale noch zu lösen sind, zum Beispiel auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Er hat aber auch gelernt oder glaubt wenigstens gelernt zu haben: Wenn man sich so recht mit seinem Denken einlässt auf dasjenige, was einem da äußerlich durch die Sinne entgegentritt, wofür man durch das Denken eine gewisse Art von Gesetzmäßigkeit finden kann, die einen dann für die Sinneswelt befriedigt, dann reicht dieses Denken nicht mehr aus, um sich zu einem Geistigen zu erheben. Gerade durch die Tragkraft des Geistes in der modernen Wissenschaft wird man zu viel dahingeführt, an der Tragkraft dieses Denkens zu verzweifeln, wenn es sich darum handelt, über das Sinnesgebiet hinaus in das geistige Gebiet durch eigenes menschliches Forschen einzudringen. Und so ist es, dass derjenige, der in aufrichtiger Weise von der Wissenschaft noch berührt ist, in die Zweifel hineinkommt.

[ 8 ] The other part of humanity—which, in turn, has immersed itself in the rigorous, scientific methods of the present to the extent that it is able to recognize the significance of science for contemporary culture as a whole—has often trained its thinking to seek out connections in the external sensory world, and has sensed how far one can go and what ideals still remain to be realized—for example, in the field of natural science. But they have also learned—or at least believe they have learned—that if one truly engages one’s thinking with what confronts one externally through the senses, for which one can find a certain kind of regularity through thinking that then satisfies one regarding the sensory world, then this kind of thinking is no longer sufficient to rise to the spiritual realm. It is precisely the power of the spirit in modern science that leads one all too often to despair of the power of this thinking when it comes to penetrating beyond the realm of the senses into the spiritual realm through one’s own human research. And so it is that those who are still sincerely moved by science find themselves plunged into doubt.

[ 9 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — so, wie der Abergläubige desorientiert werden muss, weil sich ihm seine Illusionen nicht als Kräfte erweisen für das Handeln, ebenso wenig kann mit sich selbst der Ehrliche, der mit seinem Herzen Zweifelnde, zurechtkommen. Denn dasjenige, was aus dem Zweifel heraus will, geht tief in das menschliche Gemüt hinein mit solcher Stärke, dass es sich auf jenen Wegen, die heute in der Wissenschaft noch wenig ergründet sind, die von dem menschlichen Gemüt, von Freude und Leid, von Lust und Schmerz, hinüberführen in die Gesundheit unserer Nerven, unseres gesamten organischen Systems, dass sich da hineinversetzt, was wir im Gemüt haben, und dass wir, auch leiblich, gerade durch den Zweifel nach und nach schwach werden. Ich möchte sagen: Da setzt sich in die menschliche Leibestüchtigkeit hinein fort die seelische Schwindsucht, die wir uns gerade durch den Zweifel aneignen müssen. Und so werden wir auch, wenn der Zweifel an uns nagt, so werden wir auch dadurch schwach im Leben und vor allen Dingen, wir werden scheu und zucken zurück vor alldem, was schließlich doch nach den Vermutungen oder auch dem gesunden Empfinden als ein notwendiges Verhältnis zur geistigen Welt sich herausstellen sollte. Daher ist es auch, warum ein großer Teil derjenigen, die diese Zweifel kennengelernt haben, heute eine Zuflucht suchen auf einem Gebiet, auf dem die Anthroposophie sie ganz gewiss nicht suchen wird, denn sie geht aus vom gesunden Seelenleben und sucht durch eine Weiterentwicklung des gesunden Seelenlebens höhere Erkenntniskräfte in dem Menschen zu entwickeln, durch die er hineinschauen kann in die geistige Welt. Aber diejenigen, die heute vielfach vom Zweifel ergriffen sind, sie wenden sich nicht an die gesunde eigene Natur, die vor allen Dingen auszubilden ist, sie wenden sich an dasjenige, was doch mehr oder weniger pathologisch angesehen werden muss, an die Visionen, an dasjenige, was wie Traumgebilde im wachen Bewusstsein oftmals aufsteigt. Und wir können sagen: Alle diese Erscheinungen beruhen eigentlich zuletzt doch auf einer Herabstimmung des menschlichen Organismus.

[ 9 ] But—my esteemed audience—just as the superstitious person must become disoriented because his illusions do not prove to be forces for action, so too can the honest person, who doubts with his heart, not come to terms with himself. For that which arises from doubt penetrates deeply into the human soul with such force that, through pathways still largely unexplored by science today—those that lead from the human soul, from joy and sorrow, from pleasure and pain, to the health of our nerves and our entire organic system—it carries into that realm what we hold within our souls, and that we, even physically, gradually grow weak precisely through doubt. I would say: The spiritual consumption that we must acquire precisely through doubt continues to take hold in our physical constitution. And so, when doubt gnaws at us, we also become weak in life as a result; and above all, we become timid and shrink back from everything that, according to our assumptions or even our common sense, should ultimately prove to be a necessary relationship with the spiritual world. This is also why a large proportion of those who have come to know these doubts are today seeking refuge in a realm where anthroposophy will certainly not seek them, for anthroposophy proceeds from a healthy soul life and seeks, through the further development of this healthy soul life, to cultivate higher powers of knowledge within the human being, through which he can look into the spiritual world. But those who are often seized by doubt today do not turn to their own healthy nature—which must be cultivated above all else—but rather to that which must be regarded as more or less pathological: to visions, to those dream-like images that often arise in waking consciousness. And we can say: All these phenomena are ultimately based on a lowering of the human organism’s vibrational frequency.

[ 10 ] Es gibt kein Medium, bei dem nicht der menschliche Gesamtorganismus herabgestimmt wird, sodass gerade dadurch, dass der menschliche Organismus nicht ordentlich funktioniert, die abnormen geistigen Erscheinungen zutage treten, die bei Medien bewundert werden. Selbst außerordentlich gelehrte Leute können nicht einsehen, dass eine ungeheure Unsicherheit vorliegen muss, wenn man sich für die Erkenntnis einlässt auf Wege, die nach dem Pathologischen hin schildern. Außerdem kann man auch sagen: Das alles, es muss immer darauf beruhen, dass irgendetwas im menschlichen Organismus nicht in der normalen Weise funktioniert, sodass auf allen diesen Wegen durchaus immer etwas vorliegt, was im Grunde genommen nur dadurch vor die Menschheit hintreten kann, dass der menschliche Organismus selbst von dem gesunden Wege ablässt.

[ 10 ] There is no medium in whom the entire human organism is not thrown out of balance, so that it is precisely because the human organism is not functioning properly that the abnormal mental phenomena admired in mediums come to light. Even exceptionally learned people fail to realize that there must be a tremendous degree of uncertainty when one embarks on paths of knowledge that border on the pathological. Furthermore, one can also say: All of this must always be based on the fact that something in the human organism is not functioning normally, so that in all these processes there is always something present that, fundamentally speaking, can only come to the fore before humanity because the human organism itself has strayed from the healthy path.

[ 11 ] Das beweist, im Grunde genommen, wie der heutige Mensch alles Mögliche ergreift, um zu der notwendigen Erkenntnis der Geisteswelt zu kommen. Die Anthroposophie, wie ich sie hier meine, sie hat zu tun mit einem Wege in die geistige Welt — das sollte besonders aus meinem letzten Vortrag hervorgehen —, der vor allen Dingen vom gesunden menschlichen Seelenleben und Leibesleben ausgeht. Lesen Sie bitte nach. Ich kann heute nicht das alles wiederholen, dasjenige, was ich angegeben habe als Seelenübungen, die ausgeführt werden sollen, passend für den modernen Menschen und für die ganze Kultur, die ausgeführt werden sollen, damit aus den gewöhnlichen Seelenkräften, so wie sich die höheren Fähigkeiten beim Kind aus den unbewussten Kräften herausentwickeln, so sich entwickeln die höheren Fähigkeiten des Erkennens und des Wollens. Lesen Sie nach, das alles finden Sie in einem ersten vorbereitenden Teil in meinen Schriften, in demjenigen Teil, der sich darauf bezieht, dass alles dasjenige, was an Unruhe, an Unbesonnenheit, an Unbewusstheit und so weiter, und so weiter, im Seelenleben und Leibesleben des Menschen vorhanden ist, dass man erst das einer sorgfältiger Selbstzucht unterwirft. Dieser erste Teil in meinen Büchern, von ihm wird oftmals gesagt, auch bei den Gegnern der Anthroposophie, dass er ja durchaus zu berücksichtigen wäre, denn er gebe dem einfachen Menschen, der nichts weiß von der Anthroposophie, er gebe mehr oder weniger moralische Anweisungen.

[ 11 ] This proves, in essence, how people today seize every possible opportunity to arrive at the necessary understanding of the spiritual world. Anthroposophy, as I understand it here, has to do with a path into the spiritual world—as should have been particularly evident from my last lecture—one that proceeds, above all, from a healthy human soul life and physical life. Please refer back to my previous lecture. I cannot repeat everything today—the soul exercises I have described, which are to be practiced in a way suitable for modern people and for culture as a whole, so that the higher faculties of cognition and will may develop from the ordinary powers of the soul, just as the higher faculties in a child develop from unconscious powers. Please look it up; you will find all of this in the first preparatory section of my writings—the section that addresses how everything present in a person’s soul and physical life—such as restlessness, rashness, unconsciousness, and so on and so forth—must first be subjected to careful self-discipline. This first part of my books is often said—even by opponents of anthroposophy—to be well worth considering, for it provides the ordinary person, who knows nothing of anthroposophy, with more or less moral guidance.

[ 12 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, das dürfte nicht geleugnet werden, dass das der Fall ist, aber andererseits geht dann dieses Bemühen darauf hinaus, in der gesunden menschlichen Seele, im ganzen gesunden Menschen Erkenntniskräfte zu entwickeln, durch die die geistige Welt anschaulich werden kann. Gerade wenn man, ausgehend von diesen Anschauungen, durch solche Erkenntniskräfte zurückblickt in den Entwicklungsgang der Menschheitsgeschichte, so findet man gerade dadurch die Mittel, um sich über dasjenige zu verständigen, was im Sinne der Forderungen der modernen Seele Anthroposophie eigentlich in Bezug auf die geistige Erkenntnis will.

[ 12 ] Now—my esteemed audience—it cannot be denied that this is the case; but on the other hand, this endeavor ultimately aims to develop, within the healthy human soul—within the whole healthy human being—the powers of cognition through which the spiritual world can become vividly perceptible. Precisely when, based on these views, one looks back through such powers of cognition at the course of human history, one finds, through this very process, the means to understand what anthroposophy actually aims to achieve in terms of spiritual knowledge, in accordance with the demands of the modern soul.

[ 13 ] Ich sagte schon, da die Menschen heute vielfach ablehnen, auf eigenen Wegen in die geistige Welt hineinzudringen, so suchen sie sich unter den schon genannten Wegen dasjenige, was an Traditionen, religiösen Bekenntnissen altehrwürdig da ist. Man nimmt das hin, man sondert sogar sorgfältig dasjenige, was man hinnimmt, deshalb weil es da ist, weil man hineingeboren, hineinerzogen ist, man nimmt es hin und sagt dann, um sich ein wenig zu rechtfertigen vor sich selbst: Ja, diese Dinge, sie müssen beruhen auf dem Glauben, während von dem Glauben zu unterscheiden ist die wirkliche Wissenschaft, die sich aber eigentlich nur auf das Äußere, Sinnliche bezieht. Aber wenn man sich nicht nur mit äußerem Geschichtsforschen, sondern gerade mit demjenigen Blicke, der geschärft ist durch höhere, übersinnliche Erkenntniskräfte — wie in meinen Büchern und in meinem letzten Vortrag geschildert —, wenn man das Geschichtliche im Geistesleben erforscht, es stellt sich doch anders dar als dasjenige, wie man sie durch die heutige Wissenschaft sieht. Vor allen Dingen sehen wir da, woher eigentlich kommen diejenigen Weltanschauungen, in die die Menschen heute hineingeboren und hineinerzogen werden.

[ 13 ] As I have already said, since people today often refuse to enter the spiritual world on their own terms, they seek out, among the paths already mentioned, those that are time-honored in terms of traditions and religious creeds. People accept this; they even carefully select what they accept—simply because it is there, because they were born into it and raised within it. They accept it and then say, to justify themselves a little in their own eyes: “Yes, these things must be based on faith,” whereas true science—which, however, actually relates only to the external, sensory realm—must be distinguished from faith. But when one explores history not merely through external historical research, but precisely with that gaze which is sharpened by higher, supersensible powers of knowledge—as described in my books and in my last lecture—when one explores the historical aspect of spiritual life, it presents itself quite differently from how it is viewed by modern science. Above all, we see where those worldviews actually come from into which people today are born and raised.

[ 14 ] Derjenige, der auf diesem Gebiet nachforschen kann, der findet, dass alles, was wir heute besitzen an traditionellen Bekenntnissen, was durch sein Alter überzeugend geworden ist, dass das doch in älteren Epochen der Menschheitsentwicklung auf dem Wege einer Erkenntnis erworben ist, nicht des Glaubens, sondern auf dem Wege der Erkenntnis, wie sie angemessen war für ältere Zeiten. Wir leben eben in derjenigen Zeit, die sich anerzogen hat Begriffe für das, was als wissenschaftlich gelten kann. Und wir können nicht anders, als uns auf den Standpunkt stellen, dass wir rechnen mit demjenigen, was durch moderne Kulturentwicklung auch dem menschlichen Geistesleben einverleibt worden ist.

[ 14 ] Anyone who can investigate this field will find that everything we possess today in the way of traditional beliefs—which have become convincing through their age—was acquired in earlier epochs of human development through the process of knowledge, not through faith, but through the process of knowledge as it was appropriate for those earlier times. We live precisely in an age that has developed concepts for what can be considered scientific. And we cannot help but take the position that we rely on what modern cultural development has also incorporated into human spiritual life.

[ 15 ] Wenn wir dann zurückschauen auf ältere Geisteskultur, da ist aus ihr Großes, Gewaltiges hervorgegangen, dennoch ist es hervorgegangen auf dem Wege der menschlichen Erkenntnisse. Wir haben heute nur die Erkenntnisse, die unseren Willensimpulsen überliefert werden. Wir nehmen sie an, wir schauen nicht nach ihren Quellen. Die liegen aber in älteren Erkenntnissen, und wenn man sich mit ihnen verständigt, wird man sich Klarheit verschaffen können, was Anthroposophie über das Verhältnis der geistigen Welt wollen kann für den heutigen, für den modernen Menschen.

[ 15 ] When we look back at the spiritual culture of the past, we see that great and mighty things emerged from it; yet they emerged through the process of human insight. Today we have only the insights that are handed down to our impulses of will. We accept them; we do not look for their sources. These, however, lie in older insights, and if one engages with them, one will be able to gain clarity regarding what anthroposophy can offer about the relationship to the spiritual world for today’s—for modern—human beings.

[ 16 ] Sehen wir zum Beispiel auf zwei Beispiele älterer Erkenntnis, durch deren Wirkung wir eigentlich das finden von dem Leben, in was wir heute in Bezug auf Glauben hineingeboren und hineinerzogen werden. Ich könnte ja auch anderes aus der Fülle herausgreifen, möchte aber zweierlei charakteristische Beispiele herausgreifen, die den Menschen zu der alten Erkenntnis geführt haben. Da möchte ich herausheben eine gewisse Art des uralten, orientalischen, sogenannten Yoga-Systems, durch die der Mensch versuchte, in uralten Zeiten das Gedankensystem in der Weise zu erkraften, dass er durch das erkraftete Gedankensystem nicht nur die Sinneswelt schauen konnte, sondern dass er schauen konnte dadurch die geistige Welt. Das ist eine Seite der älteren Erkenntnisse. Wir können sie nicht mehr gehen, aber indem man sich in sie vertieft, erhält man gewissermaßen Verständnis, was auf dem Gebiete der moderne Mensch wollen muss.

[ 16 ] Let us consider, for example, two examples of ancient wisdom, through which we actually discover the essence of life into which we are born and raised today in terms of faith. I could, of course, select other examples from the abundance available, but I would like to highlight two characteristic examples that led people to this ancient wisdom. I would like to highlight a certain type of ancient, Eastern, so-called yoga system, through which people in ancient times sought to strengthen their thought processes in such a way that, by means of this strengthened thought system, they could perceive not only the sensory world but also the spiritual world. This is one aspect of the older insights. We can no longer follow this path, but by delving deeply into it, we gain, so to speak, an understanding of what modern humanity must strive for.

[ 17 ] Worauf lief es denn hinaus, wenn der Yoga-Gelehrte gewisse Übungen machte, die ihn zu einem erkrafteten Denken führen sollten? Es kam darauf hinaus, dass dieser Yoga-Gelehrte das mit der allgemeinen Menschheit teilte, dass das innere Leben ein viel seelenerfüllteres war als unser heutiges Leben. Man muss das nur verstehen, was in den Seelen der älteren Menschheit eigentlich lebte. Sie konnten gar nicht anders, als, indem sie die äußere Natur betrachteten, als zu dem, was sie in einem Tone hörten, dasjenige hinzuzufügen in der Anschauung — und es war ihnen so natürlich, wie die Farbe zu schauen, den Ton zu hören —, das hinzuzufügen, was in ihrer Seele geboren wurde als ein Geistiges und was ihnen verwandelte die ganze Natur in etwas, was sich überall geistig-seelisch ankündigte.

[ 17 ] What, then, was the result when the yoga scholar performed certain exercises intended to lead him to a more vigorous way of thinking? It meant that this yoga scholar shared with humanity at large the fact that inner life was far more spiritually fulfilling than our life today. One must simply understand what actually lived in the souls of humanity in earlier times. When they observed the external natural world, they could not help but add to what they heard in a sound that which they perceived with their eyes—and it was as natural to them as seeing color or hearing sound— to add what was born in their souls as something spiritual, and this transformed the whole of nature for them into something that manifested itself everywhere in a spiritual and soulful way.

[ 18 ] In derselben Lage wie die allgemeine Menschheit war nun auch derjenige, der als der Yoga-Gelehrte drüben im fernen Asien lebte. Er war mit der allgemeinen Menschheit in derselben Verfassung, die ich eben geschildert habe. Der damalige Mensch sehnte sich heraus, wenn er Erkenntnisse erringen wollte, und er sehnte sich heraus dadurch, dass er sein Denken erkraften wollte.

[ 18 ] The man who lived as a yoga scholar over in distant Asia now found himself in the same situation as humanity at large. He was in the same state as humanity at large, the one I have just described. People at that time yearned to attain knowledge, and they did so by striving to strengthen their thinking.

[ 19 ] Nun ist eine gewisse Methode da, die gerade von vielen, die etwas davon verstehen, als etwas besonders Verderbliches angesehen wird, aber es geht zurück auf das, was für ältere Zeiten durchaus angemessen war, ich möchte es gerade, um recht verständlich zu werden, in der ältesten Form schildern.

[ 19 ] Now there is a certain method that is regarded by many who understand the subject as particularly pernicious, but it goes back to what was entirely appropriate in earlier times; to make myself clear, I would like to describe it in its oldest form.

[ 20 ] Der ursprüngliche Yoga-Gelehrte machte durchaus, indem er Erkenntnis suchte, Übungen, die sich auf das menschliche Atmen beziehen. Er vollzog durch gewisse, mehr oder weniger kürzere oder längere Zeiten einen Atmungsprozess, der nicht so verlief wie der gewöhnliche. Er suchte sich zum Beispiel andere Zeiten für das Einatmen, für das Halten des Atems, für das Ausatmen aus. Er kam dadurch in eine ganz andere Art des Atemrhythmus hinein, lebte darin und fühlte sich in seinen Denkkräften so verwandelt, dass er jetzt das Denken als eine viel stärkere, viel mächtigere Kraft empfand, als er es empfunden hatte im alltäglichen Leben. Dadurch schaute er in jene andere Welt hinein, in die er eben hineinschauen wollte. Und wenn wir uns fragen, worauf beruht das alles? So können wir antworten: Ja, im gewöhnlichen Leben verläuft eigentlich der Atmungsprozess so, dass wir ihn nicht beachten, dass er im Unbewussten verschwebt. Wir werden uns höchstens seiner bewusst. Sonst kann er höchstens halb- oder viertel-bewusst in das menschliche Seelenleben eintreten. Dasjenige aber, was so für das gewöhnliche Bewusstsein als Unbewusstes lebt, das wurde gerade für den alten Yoga-Gelehrten in das Bewusstsein hinaufgehoben, dass es abgeändert wurde. Er wurde sich des Atmens bewusst.

[ 20 ] In his quest for knowledge, the early yoga scholar certainly performed exercises related to human breathing. For certain periods—some shorter, some longer—he carried out a breathing process that differed from the ordinary one. For example, he chose different durations for inhaling, holding his breath, and exhaling. Through this, he entered into a completely different kind of breathing rhythm, lived within it, and felt so transformed in his powers of thought that he now perceived thinking as a much stronger, much more powerful force than he had experienced in everyday life. Through this, he looked into that other world he had wanted to glimpse. And if we ask ourselves, what is the basis for all this? We can answer: Yes, in ordinary life the breathing process actually proceeds in such a way that we do not pay attention to it; it floats in the unconscious. At most, we become aware of it. Otherwise, it can enter the human soul life only in a semi-conscious or quarter-conscious state. But that which exists as the unconscious for ordinary consciousness was raised into consciousness for the ancient yoga scholar, so that it was transformed. He became aware of his breathing.

[ 21 ] Die weitere Folge davon: Wenn wir den Atem einziehen, so durchdringt er und seine Wirkung unseren ganzen Organismus, dasjenige, was Atmungsrhythmus ist, setzt sich durchaus im Gehirn fort, dasjenige, was das Gehirn vollzieht, das wird durchdrungen von dem Atmungsvorgange. Wir haben es immer zu tun bei unserer Gehirntätigkeit mit etwas, was durchströmt wird von dem inneren Atmungsvorgange, nur beachten wir das nicht. Lernen wir einmal psychologisch ganz gesund das musikalische Erleben betrachten! Ich möchte sagen, handgreiflich würde sich uns die Wahrheit ergeben, dass wir es mit einem Denkvorgange zu tun haben, der mit einem fortwährenden Durchströmtsein der Organe in einem Verhältnis steht. Dasjenige, was da innerlich vorgeht, was aber ganz unbewusster Zustand ist, das brachte sich der Yoga-Gelehrte zum Bewusstsein. Durch die andersartige Atmung, die er vollzog, wurde das Denken für ihn etwas ganz anderes.

[ 21 ] The further consequence of this is that when we inhale, the breath and its effects permeate our entire organism; what constitutes the respiratory rhythm continues right into the brain, and what the brain performs is permeated by the respiratory process. In our brain activity, we are always dealing with something that is permeated by the inner respiratory process; we simply do not notice it. Let us learn to view the musical experience from a psychologically sound perspective! I would say that the truth would become tangibly clear to us: that we are dealing with a thought process that is related to a continuous flow through the organs. What takes place internally—though it is a completely unconscious state—was brought to consciousness by the yoga scholar. Through the different kind of breathing he practiced, thinking became something entirely different for him.

[ 22 ] Er vollzog es nicht im Kopf, er vollzog das Denken nicht allein nach den logischen Regeln, sondern in einer solchen Weise, dass es einen musikalischen Charakter annahm. Dadurch aber kann das Denken auch etwas ganz anderes erfassen, als es erfassen kann mit den bloßen logischen Formen. Das fühlte durch diesen, seinen Weg der alte indische Yoga-Gelehrte, wie er in eine andere Welt, die er suchte, hineinkommen konnte durch eine solche Erkraftung seines Leibesorganismus und somit des Seelisch-Geistigen. Nun aber, dasjenige, was man auf diese Weise erlangt, das führt einen so sehr auf die eigene Wesenheit zurück, das führt einen weg von der äußeren, der robusten Welt, der wir als moderne Menschen gegenübergestellt sind, dass wir als moderne Menschen nicht nur nicht den Weg gehen dürfen, sondern auch nicht gehen können. Er führt den Menschen so weit in sich zurück, dass er in eine seelische Einsiedelei zurückkommen muss. Eine solche Erkenntnismethode, sie rührt von Menschen her, die im Grunde genommen sich doch abgesondert hatten von dem übrigen Menschenleben. Das war die eine Art. Wir dürfen sie nicht nachahmen, denn in unsere moderne Kultur passen solche Einsiedler nicht hinein. Wir können nur den Menschen vertrauen, die sich voll hineinzustellen vermögen in das Leben, das die Aufgabe für die gesamte Menschheit ist. Das muss für die höchsten Gebiete des Erkennens berücksichtigt werden, sonst wird etwas, was ältere Zeiten angeht.

[ 22 ] He did not carry it out in his mind; he did not engage in thought solely according to logical rules, but in such a way that it took on a musical character. But through this, thinking can also grasp something entirely different from what it can grasp through mere logical forms. The ancient Indian yoga scholar sensed through this, his own path, how he could enter into another world—the one he sought—by strengthening his physical organism and, thereby, his soul-spiritual nature. Now, however, what is attained in this way leads one so deeply back to one’s own being—it leads one away from the external, the robust world with which we, as modern people, are confronted—that we, as modern people, not only must not take this path, but also cannot take it. It leads the human being so far back into themselves that they must retreat into a soulful hermitage. Such a method of knowledge originates with people who, in essence, had set themselves apart from the rest of human life. That was one approach. We must not imitate it, for such hermits have no place in our modern culture. We can only trust those who are capable of fully immersing themselves in life—which is the task for all of humanity. This must be taken into account in the highest realms of knowledge; otherwise, it becomes a matter belonging to bygone eras.

[ 23 ] Nun, das ist das eine — meine sehr verehrten Anwesenden —, was ich vor Sie hinstellen möchte. Das andere ist dasjenige, was man ausgebildet hat für diejenigen Formen, die man unter dem Namen der Askese begreift. Die Askese geht zurück auf die Formen, die früher angemessen waren. Sie beruht darauf, dass gewisse, sonst vorkommende Funktionen nun künstlich herabgestimmt werden, dass der Organismus nicht so energisch tätig ist, wie er sonst tätig sein muss, wenn der Mensch im gewöhnlichen Leben drinsteht. Dadurch aber kommt der Mensch zu ganz bestimmten Erlebnissen, und indem er diese kennenlernt, ergänzt sich ihm dasjenige, was er auf der anderen Seite erkennt. Und auch diese Askese, die also eine Herabstimmung des Leibeslebens ist, sie beruht ja auf etwas, das man schon in uralten Zeiten bemerkt hat, dass es eine Tatsache ist für diejenige Welt, die uns hier zwischen Geburt und Tod umgibt. Für diese Welt ist unser Organismus durchaus dasjenige Mittel, durch das wir Ergebnis und Tatkraft in und für diese Welt gewinnen können. Wir müssen uns nur klar sein, es beruht darauf, dass wir die anderen Sinne haben, wir erleben uns mit der übrigen Welt zusammen.

[ 23 ] Well, that is one thing—my esteemed audience—that I would like to present to you. The other is what has been developed for those practices commonly understood under the term “asceticism.” Asceticism goes back to the practices that were appropriate in the past. It is based on the fact that certain functions that would otherwise occur are now artificially toned down, so that the organism is not as energetically active as it must otherwise be when a person is engaged in ordinary life. Through this, however, a person arrives at very specific experiences, and by becoming acquainted with these, what they recognize on the other side is complemented. And this asceticism as well—which is thus a toning down of bodily life—is based on something that was already recognized in ancient times: that it is a fact for the world that surrounds us here between birth and death. For this world, our organism is indeed the very means through which we can gain results and energy in and for this world. We must simply be clear that this is based on the fact that we have our other senses; we experience ourselves in union with the rest of the world.

[ 24 ] Aber dieser Organismus ist, weil er geradeso im energischen Sinne tätig ist für diese physisch-sinnliche Welt, deshalb ist er ein Hindernis für die Erkenntnis des Geistes. Unterwirft man ihn der Askese, dann funktioniert er nicht so, dass wir voll in der Sinneswelt drinstehen, dann wird er immer weniger ein Hindernis für das Hineindringen in die geistige Welt. Deshalb suchte man in älterer Zeit durch Herabsetzen der Grade des Hindernisses sich hineinzuversetzen in den geistigen Hintergrund der Welt. Und — meine sehr verehrten Anwesenden —, auch das ist kein Weg, der heute von uns gegangen werden kann. Denn dadurch auch, dass der Mensch in dieser Weise seinen Organismus herabstimmt, dadurch macht er sich untauglich für dasjenige Leben, das heute von uns verlangt wird. Aber derjenige, der die geschichtliche Entwicklung des menschlichen Geisteslebens kennt, der weiß, dass der heutige Mensch, der in dieses Leben mit seinen Anforderungen der Außenwelt hineingestellt wird, als traditionelles Weltanschauungsbekenntnis dasjenige vor sich hat, was einstmals auf diesen geschilderten Wegen gefunden worden ist. Wir nehmen heute durch den Glauben vieles auf, was errungen worden ist auf solchem Wege, wie ich geschildert habe. Wir sind uns nicht bewusst, dass es auf diesem Wege errungen worden ist, wir wissen nicht, dass eine alte Form der Erkenntnis zugrunde liegt, und konstruieren uns für dasjenige, was heute als ehrwürdig da ist, den Glaubensbegriff.

[ 24 ] But because this organism is active in such an energetic way within this physical-sensory world, it is therefore an obstacle to the knowledge of the spirit. If we subject it to ascetic discipline, so that it no longer functions in a way that keeps us fully immersed in the sensory world, then it becomes less and less of an obstacle to penetrating the spiritual world. That is why, in earlier times, people sought to immerse themselves in the spiritual background of the world by reducing the degree of this obstacle. And—my dear friends here today—that, too, is not a path we can take today. For by attuning their organism in this way, people render themselves unfit for the kind of life that is demanded of us today. But anyone familiar with the historical development of human spiritual life knows that modern humanity, placed within this life with its demands from the external world, faces as its traditional worldview the very insights that were once discovered through the paths I have described. Today, through faith, we take in much of what was attained in the manner I have described. We are not aware that it was attained in this way; we do not know that an ancient form of knowledge underlies it, and so we construct the concept of faith for what is revered today.

[ 25 ] Die Anthroposophie steht nun vor dem modernen Geistesleben so, dass sie auf Wegen geht, die den heutigen Menschen angemessen sind, die durchaus vereinbar sind mit demjenigen, was wir sonst als Wissenschaft suchen. Während der Yoga-Gelehrte seinen Denkvorgang auf dem Umweg durch den Atmungsprozess erstarkte, finden Sie in meinen Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Die Geheimwissenschaft», solche Anweisungen, die nicht darauf ausgehen. Sondern Sie finden geschildert Übungen, die sich nur auf das seelische Leben beziehen, die rein im Seelischen stehen bleiben, so, wie wir bei einer mathematischen Aufgabe im Seelischen stehen bleiben. Durch diese Übungen wird das Denken nun unmittelbar erkraftet und man merkt dann, wenn man durch jene Konzentration, jene anderen Übungen, von denen Sie in den Büchern lesen können, wenn man dadurch das Denken immer weiter behandelt, es wird etwas anderes, es wird aus dem toten Denken ein lebendiges Denken. Man gelangt zu einem inneren Erleben des Unterschiedes zwischen dem lebendigen und toten Denken. Wie gelangt man dazu? Nun, um zu verstehen, was ich darüber zu sagen habe, muss man schon zu diesen Intimitäten des Seelenlebens aufsteigen.

[ 25 ] Anthroposophy now stands in relation to modern spiritual life in such a way that it follows paths that are appropriate for people today and that are entirely compatible with what we otherwise seek as science. While the yoga scholar strengthened his thought process by taking a detour through the breathing process, in my writings *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and *The Secret Science*, you will find instructions that do not rely on this. Instead, you will find descriptions of exercises that relate solely to the soul life, that remain purely within the soul, just as we remain within the soul when working on a mathematical problem. Through these exercises, thinking is now directly strengthened, and one then notices that when, through that concentration—those other exercises you can read about in the books—one continues to cultivate thinking in this way, it becomes something else; dead thinking transforms into living thinking. One arrives at an inner experience of the difference between living and dead thinking. How does one arrive at this? Well, to understand what I have to say about this, one must already ascend to these intimate realms of the soul life.

[ 26 ] Ich möchte ausgehen von etwas, das heute vielfach Gegenstand unserer Weltanschauung ist, man sucht — Goethe hat es gemacht auf seinem Wege, die modernen Menschen versuchen es auf ihren Wegen, ich selber habe es versucht in meinen älteren Schriften —, man sucht heute zu vergleichen dasjenige, was zum Beispiel die äußeren Formen der Lebewesen sind. Sagen wir, es sucht heute der moderne Mensch zu verstehen die Gestaltung eines höheren Tieres, er verschafft sich eine Anschauung von der Gestaltung des höheren Tieres. Dadurch hat er das höhere Tier vor sich, solange er seine Untersuchungen macht. Dann trägt er von diesem höheren Tier eine innere Anschauung mit sich fort. Er bewahrt in seiner Seele eine Art gedankliches Gegenbild desjenigen, was er da draußen erlebt hat. Dann aber muss der moderne Mensch hinschauen zum Beispiel auf die menschliche Form. Er verschafft sich nun auch eine Anschauung von dieser menschlichen Form, nehmen wir an, es sei ihm dabei wieder dasselbe gelungen wie in Bezug auf die Formengestaltung eines höheren Tieres. Dann vergleicht er diese beiden und stellt eine Art Entwicklungstheorie auf. Das alles vollzieht er mit denjenigen Begriffen, in die wir heute einfach hineingeboren, hineinerzogen werden durch unser gewöhnliches Geistesleben. Aber jetzt fragen wir uns um etwas sehr Wichtiges, was allerdings von den modernen Menschen heute wenig empfunden wird. Lassen Sie einmal einen modernen Menschen einen recht genauen inneren Begriff nach seiner gegenwärtigen wissenschaftlichen Erziehung bilden von einem höheren Säugetier und fragen Sie: Wenn du diesen Begriff hast, kannst du aus diesem Gedanken heraus durch innere, lebendige Umwandlung des Gedankens nun die Lebenskraft erfassen, dasjenige, was dir die Natur vormacht, kannst du den Übergang bekommen in die lebendige Menschenform? Machen deine Gedanken die Metamorphose durch wie draußen die Natur von der Idee des Tieres zu der Idee des Menschen?

[ 26 ] I would like to begin with something that is frequently the subject of our worldview today: people seek—Goethe did so in his own way, modern people try to do so in their own ways, and I myself have attempted it in my earlier writings—to compare, for example, the external forms of living beings. Let’s say, for example, that modern people today seek to understand the form of a higher animal; they form a mental image of the higher animal’s form. In this way, they have the higher animal before them as long as they are conducting their investigations. Then they carry an inner image of this higher animal with them. They preserve in their soul a kind of mental counterpart to what they have experienced out there. But then modern humans must turn their attention, for example, to the human form. They now also form a mental image of this human form; let us assume they have succeeded in doing so just as they did with regard to the form of a higher animal. Then they compare the two and formulate a kind of evolutionary theory. He carries all this out using the very concepts into which we are simply born and raised today through our ordinary mental life. But now let us ask ourselves about something very important, which, however, is scarcely felt by modern people today. Let a modern person form a fairly precise inner concept of a higher mammal based on his or her current scientific education, and ask: “Now that you have this concept, can you—through an inner, living transformation of this thought—grasp the life force, that which nature demonstrates to you, and can you make the transition to the living human form? Do your thoughts undergo the same metamorphosis as nature does externally, from the idea of the animal to the idea of the human being?”

[ 27 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, verschaffen Sie sich einen Überblick von den nebeneinandergestellten Begriffen und Gedanken über Tier und Mensch, vergleichen Sie dann diese Gedanken. Dann kommen Sie zu etwas Bewunderungswürdigem, aber es ist kein lebendiges Denken, keine lebende Gedankenwelt. Der Mensch steht da mit seiner Gedankenwelt, die sein inneres Gegenbild ist von dem, was da draußen lebt; aber er wendet sich mit den abstrakten, leblosen Gedanken an die höhere Tierform.

[ 27 ] Now—my esteemed audience—take a look at the concepts and ideas about animals and humans presented side by side, and then compare these ideas. You will arrive at something admirable, but it is not living thought, nor is it a living world of ideas. Human beings stand there with their world of thought, which is their inner reflection of what lives out there; but they turn to the higher forms of animals with abstract, lifeless thoughts.

[ 28 ] Werden aber jene Übungen durchgemacht, auf die ich hingedeutet habe, werden diese Übungen durchgemacht, so wird in der Tat für das menschliche Seelenleben etwas vollzogen, was man schon vergleichen kann mit dem, wenn aus einem Leichnam durch irgendwelchen Vorgang ein lebendiges Wesen würde. Wir gelangen in der Tat dazu, uns zu sagen: Das Tier hat zum Beispiel das hervortretende Merkmal, dass die Richtung seines Hauptes horizontal ist, der Mensch unterscheidet sich dadurch, dass er übergeht aus der horizontalen in die vertikale Richtung und so weiter.

[ 28 ] But if the exercises I have referred to are carried out—if these exercises are carried out—then something is indeed accomplished in the life of the human soul that can be compared to a corpse becoming a living being through some process. We do indeed come to say to ourselves: The animal, for example, has the distinctive feature that the orientation of its head is horizontal; the human being differs in that he transitions from the horizontal to the vertical orientation, and so on.

[ 29 ] Wir sehen die magnetische Nadel an, wir richten sie nach den verschiedenen Raumesrichtungen hin. Überall verhält sie sich anders, als wenn wir sie in eine Achse hineinstellen, die von dem magnetischen Nordpol zu dem Südpol geht. Wir sagen uns: Das ist eine besondere Richtung, die hat etwas zu tun mit dem inneren Wesen der Kräfte, die in der Magnetnadel leben. Der Mensch eignet sich eine solche Anschauung für eine äußere Lebenswelt an, er eignet sich das dann aber auch [an] für die höheren Welten. Er eignet sich an eine Kenntnis, die darin besteht, dass er weiß: Indem das Tier seine Hauptrichtung horizontal hat, hat er eine andere Richtung im ganzen Weltenraum als der Mensch, der seine Richtung vertikal hat. Wenn er sie vertikal hat, dass das Rückenmark dadurch in der Vertikal-Richtung steht, so lernt man innerlich an dem lebendigen Begriff kennen, wie die äußere Welt einen durch und durch lebendigen Begriff annimmt. Der Raum hört auf, das bloß Unbestimmte zu sein, das sich ins Wesenlose ausdehnt, der Raum wird innerlich erfüllt von Kraftrichtungen und Kraftwesenheiten. Und man lernt die Möglichkeit in sich entwickeln, wenn man die tierische Form in sich erkannt hat. Man lernt erfahren, wie sich schon der Gedanke der tierischen Form umgestaltet in die menschliche Form, man lernt ein innerlich bewegtes Gedankenleben erkennen. Man lernt es aber erkennen als ein Mensch, der nicht in eine Einsiedelei kommt, in die der alte Yoga-Gelehrte kommt, sondern der sich gerade erst dadurch recht hineinstellen kann in das gegenwärtige Leben, denn wir kommen zu den lebendigen Begriffen, die gerade den Menschen mehr dazu bringen als sonst, sich mit den innersten Wesenheiten der Außenwelt zu verbinden.

[ 29 ] We look at the magnetic needle; we align it with the various directions in space. Everywhere it behaves differently than when we align it along an axis running from the magnetic North Pole to the South Pole. We tell ourselves: This is a special direction; it has something to do with the inner nature of the forces that animate the magnetic needle. Human beings acquire this kind of perspective for the external world, but they also apply it to the higher worlds. They acquire a knowledge that consists in knowing this: Since the animal’s primary orientation is horizontal, it has a different orientation in the entire cosmos than the human being, whose orientation is vertical. When the human’s orientation is vertical—so that the spinal cord is thereby aligned vertically—one comes to know inwardly, through the living concept, how the external world takes on a thoroughly living character. Space ceases to be merely the indeterminate that expands into the insubstantial; space becomes inwardly filled with directions of force and beings of force. And one learns to develop this possibility within oneself once one has recognized the animal form within. One learns to experience how even the thought of the animal form is transformed into the human form; one learns to recognize an inwardly active life of thought. One learns to recognize this, however, not as a person who retreats to a hermitage—as the old yoga scholar does—but as someone who, precisely through this process, is able to truly engage with present-day life; for we are arriving at living concepts that, more than ever before, enable human beings to connect with the innermost essences of the external world.

[ 30 ] Nun aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, Sie können einwenden, ja, es hat immer auch Philosophen gegeben, die sind zu gewissen lebendigen Begriffen gekommen, die aber doch auf einen den Eindruck machen, dass man in etwas Haltlosem darinnensteht. Man kann dazu kein Vertrauen haben, dass dasjenige, was im lebendigen Gedanken sich abspielt, sich in der gleichen Weise draußen in der realen Welt zeigt.

[ 30 ] But now—my esteemed audience—you may object: Yes, there have always been philosophers who have arrived at certain living concepts, but these concepts nevertheless give the impression that one is standing in the midst of something unsubstantial. One cannot trust that what takes place in living thought will manifest itself in the same way out there in the real world.

[ 31 ] Ja, wenn die Dinge so bleiben wie sie bei Schelling oder Oken waren, wenn sie so bleiben, dann ist man auch nicht geschützt davor, einfach in phantastischer Weise ein Unwirkliches zu ergreifen. Sondern dann kann der Gedanke eine Art innere Wollust bereiten, den man hervorholt in lebendiger Weise, wie das Blütengebilde der Pflanze hervorwächst aus dem Blättergebilde. Aber die Wirklichkeit wird bei diesem Erkenntniswege durch etwas anderes erwirkt. Derjenige, der das Denken in der rechten Weise lebendig macht, der beginnt etwas zu erleben, von dem allerdings der moderne Mensch vielfach zurückscheut. Und weil er vor diesem zurückscheut, scheut er auch vor der ganzen Anthroposophie zurück, die die wirkliche Geisteswelt durch diese ihre Erkenntniswege sucht. In dem Augenblick, in dem man durch jene Übungen in diese bestimmten Inhalte seines Lebens kommt, in diesem Augenblicke zeigt sich, dass jeder solche lebendige Begriff nicht so in der Seele wirkt wie der tote Begriff, den wir sonst haben, sondern zunächst wirkt jeder der lebendigen Begriffe, wie wir sie uns nach und nach aneignen, dass er uns schmerzt, dass er uns seelisches Leiden verursacht, das sogar nicht minder auf uns wirkt als irgendein körperliches Leiden. Das ist dasjenige, wo man durchgehen muss und an dem die Tore der geistigen Welt sich öffnen sollen, dass jeder lebendige Begriff, der ihn wiederum ein Stückchen tiefer hineinführt in die geistige Welt, dass jeder solche lebendige Gedanke Leiden und Schmerzen in der Seele auslöst.

[ 31 ] Yes, if things remain as they were with Schelling or Oken, if they remain that way, then one is not protected from simply grasping something unreal in a fanciful way. Instead, thought can then provide a kind of inner delight that is brought forth in a living way, just as the flower of a plant grows out of its foliage. But reality is brought about through something else in this path of knowledge. The one who brings thinking to life in the right way begins to experience something from which modern people, however, often shy away. And because they shy away from this, they also shy away from the whole of anthroposophy, which seeks the real spiritual world through these very paths of knowledge. The moment one enters into these specific aspects of one’s life through those exercises, at that very moment it becomes clear that each such living concept does not affect the soul in the same way as the dead concept we otherwise possess; rather, at first, each of the living concepts—as we gradually make them our own—causes us pain, inflicts spiritual suffering upon us that affects us no less than any physical suffering. This is the process one must go through—and through which the gates to the spiritual world are to open—where every living concept, which in turn leads one a little deeper into the spiritual world, every such living thought, triggers suffering and pain in the soul.

[ 32 ] Warum das? Aus dem Grunde — meine sehr verehrten Anwesenden —, weil wir uns ja nicht nur zu einem lebendigen Denken entwickeln müssen, sondern weil wir Wirklichkeit erleben müssen in diesem lebendigen Denken. Wirklichkeit können wir aber nur erleben, wenn eine Wirkung auf uns selbst ausgeübt wird.

[ 32 ] Why is that? For this reason—my esteemed audience—because we must not only develop a living way of thinking, but also experience reality within that living way of thinking. However, we can only experience reality if it exerts an effect upon us.

[ 33 ] Betrachten wir unsere Sinne, das Auge. Dasjenige, was in dem Auge vorgeht, sind unter anderem auch rein chemische Zersetzungsprozesse. Wenn diese Prozesse nicht so leise wären, wir würden auch da den Schmerz empfinden, der aber für diejenige Stufe der Menschheit, die in der Entwicklung schon erreicht ist, überwunden ist. Dasjenige, was einstmals hat bei anderen Entwicklungsphasen der Menschheit empfunden werden müssen, das bewirkte die schmerzlose Wahrnehmung.

[ 33 ] Let us consider our senses, specifically the eye. Among other things, what takes place within the eye are purely chemical decomposition processes. If these processes were not so subtle, we would also feel pain there; however, this pain has been overcome for the stage of human development that has already been reached. What once had to be felt during other phases of human development is what brought about painless perception.

[ 34 ] Diesen Schmerzzustand, wir müssen ihn erleben, sodass er uns erscheint als von Geistig-Seelischem selber durchzogen, weil dieses ganze Menschenwesen selbst ein umfassendes Sinnesorgan werden muss. Nicht eher kann man in die geistige Welt hineinschauen, als bis zum geistig-seelischen Auge der menschliche Organismus geworden ist. Da muss durchgemacht werden jener Leidenszustand, der umformt unseren ganzen menschlichen Organismus in das Sinnesorgan für die geistige Welt. Da wird unser ganzer Organismus, indem er dieses Leiden überwindet, Sinnesorgan für die geistige Welt. Erst dann, wenn man dieses hinzu erlebt, dann weiß man, dass man in einer wirklichen geistigen Welt darinnensteht. Dann wird man sich sagen: Ich bin meinem Schicksal sehr dankbar für meine Freuden, aber dasjenige, was ich mir als Erkenntnis erworben habe, das verdanke ich demjenigen, was ich leidvoll durchlebt habe, und das hat mich zuerst eigentlich hingeführt auf die besondere Wesenheit desjenigen, was Erkenntnis ist. Dadurch bin ich gedrängt worden, diese Wesenheit weiter zu verfolgen. Ohne dass man durch die Tragik des Lebens durchgeht, aber sie auch überwindet, öffnen sich nicht in Wirklichkeit die Tore in die geistige Welt hinein.

[ 34 ] We must experience this state of suffering so that it appears to us as permeated by the spiritual-soul aspect itself, because the entire human being must itself become a comprehensive sensory organ. One cannot look into the spiritual world until the human organism has become a spiritual-soul eye. We must endure that state of suffering which transforms our entire human organism into a sensory organ for the spiritual world. As our entire organism overcomes this suffering, it becomes a sensory organ for the spiritual world. Only then, when we have experienced this as well, do we know that we are standing within a true spiritual world. Then one will say to oneself: I am very grateful to my destiny for my joys, but what I have gained as knowledge, I owe to what I have lived through in suffering, and that is what actually led me in the first place to the special nature of what knowledge is. Through this, I have been compelled to pursue this nature further. Unless one goes through the tragedies of life—and overcomes them—the gates to the spiritual world do not truly open.

[ 35 ] Wenn sie sich aber öffnen, dann entsteht aus dem lebendigen Denken noch etwas ganz anderes, dann entsteht wirklich das, dass wir hinschauen — so, wie wir mit unseren Augen und Ohren auf die Farben und Töne schauen —, dass wir hinschauen auf die konkrete Geisteswelt, der wir selbst angehören mit dem ewigen Teil unseres Menschenlebens, dass wir wurzeln in der uns umgebenden Geisteswelt. Und hat man es einmal dazu gebracht, von der einzelnen tierischen Form so heraufzusteigen, wie es geschildert wurde, dann findet man, dass einem dann auch sich als Weiteres ergibt: Man hat einen Menschen jetzt vor sich, man kann ihn anders prüfen, als es in der Klinik geschieht oder im Seziersaal, wenn das Leben aus ihm gewichen ist. Man kann anders das Wesen des Menschen ergründen. Geradeso, wie sich einem ergibt aus dem Gedanken der Tierform, die man jetzt zum Leben erweckt hat, Lebendig-Höheres, die innere Wachstumsform des Tieres, so schaut man auch in dem Menschen, der vor einem steht, jetzt nicht bloß die physische Gestalt; jetzt gliedert sich einem aus rein geistiger Anschauung etwas, was man nun wirklich als eine geistig-seelische Aura des Menschen betrachten kann. Und schaut man in diese geistig-seelische Aura — dieses Schauen ist ein Ergebnis des Lebendigwerden des Denkens —, dann schaut man auf dasjenige hin, was vom Menschen vor einem steht als geistig-seelische Wesenheit, bevor der Mensch war, bevor er aus [dem] Geistig-Seelischen heruntergestiegen ist, man schaut den Menschen in Bezug auf dasjenige, was in ihm aus dem vorirdischen Dasein bewahrt lebt. Dazu verhilft einem der lebendige Gedanke, wenn wir ihn in der physischen Außenwelt verfolgen.

[ 35 ] But when they open up, something entirely different emerges from living thought; what truly arises is that we look—just as we look with our eyes and ears at colors and sounds—that we look upon the concrete spiritual world to which we ourselves belong with the eternal part of our human life, that we are rooted in the spiritual world surrounding us. And once one has managed to rise above the individual animal form in the manner described, one finds that something further becomes apparent: one now has a human being before one; one can examine him in a different way than is done in the clinic or in the dissection room, when life has departed from him. One can fathom the essence of the human being in a different way. Just as the thought of the animal form—which one has now brought to life—reveals to us a higher, living reality, the animal’s inner form of growth, so too do we now see in the human being standing before us not merely the physical form; through purely spiritual perception, something emerges that we can truly regard as the human being’s spiritual-soul aura. And when one looks into this spiritual-soul aura—this act of looking is a result of the coming to life of thought—one looks upon that which stands before one as a spiritual-soul being, before the human being came into existence, before he descended from [the] spiritual-soul realm—one looks at the human being in relation to that which lives on within him from his pre-earthly existence. Living thought helps us in this, when we follow it in the physical outer world.

[ 36 ] So sucht die Anthroposophie zu der wirklichen Anschauung der geistig-seelischen Wesenheit zu kommen in demjenigen Leben, das vorangeht diesem Erdenleben. Und indem man so hinschaut auf den Menschen in seiner Wesenheit, die auch bestehen kann, ohne dass er schon einen Leib hat, lernt man dann auch genauer kennen dasjenige, was das Wesen des Geistig-Seelischen ist; man schaut in dieser geistigen Anschauung, wie eine ganz andere Welt in dieser Zeit, die unserer Geburt vorangegangen ist, wie eine ganz andere Welt vor unserer geistigen Anschauung steht.

[ 36 ] Thus, anthroposophy seeks to arrive at a true understanding of the spiritual-soul nature in the life that precedes this earthly life. And by looking in this way at the human being in his or her essence—which can exist even without a physical body—one comes to know more precisely what the nature of the spiritual-soul realm is; in this spiritual perception, one sees how a completely different world existed in the time preceding our birth, how a completely different world stands before our spiritual perception.

[ 37 ] Hier als Mensch auf der Erde können wir nicht in uns selbst hineinschauen. Dasjenige, was uns die Anatomie liefert, ist ein Äußeres. Was weiß der Mensch davon, wenn zum Beispiel nur durch seine Willensimpulse ein Finger bewegt wird, was in seinem Organismus vorgeht, damit der Finger bewegt wird.

[ 37 ] Here on Earth, as human beings, we cannot look inside ourselves. What anatomy provides us with is an external view. When, for example, a finger is moved solely by the impulses of the will, what does a person know about what is happening within their organism to cause the finger to move?

[ 38 ] Die moderne Anthroposophie erkennt aus denselben wissenschaftlichen Grundlagen heraus, wie die andere exakte Wissenschaft auf ihrem Gebiete steht. Und würden wir alle Gesetze des Sternenhimmels bis zu ihrem Ende ergründet haben, alles, was Wolken, was Sonnenstrahlen ihren Weg vorzeigt, würden wir alles ergründet haben, was sonst im Erdenleben um uns herum ist, hier drinnen im Menschen, den man den Mikrokosmos genannt hat, gäbe es noch immer eine reichere Zahl von Rätseln für Weltanschauungen, als es draußen im Raume gibt. Dasjenige, was draußen im Raume ist, das überschaut der Mensch in seinem Leben zwischen Geburt und Tod. Wunderbarer als alles dasjenige, was Sonnensysteme in der Welt zusammensetzt, ist dasjenige, das darinnen im Mikrokosmos gefunden werden kann.

[ 38 ] Modern anthroposophy recognizes, based on the same scientific principles, where other exact sciences stand in their respective fields. And even if we were to have fathomed all the laws of the starry sky to their very end—everything that guides the path of clouds and sunbeams—and even if we were to have fathomed everything else that surrounds us in earthly life, here within the human being, whom we have called the microcosm, there would still be a greater number of mysteries for worldviews than there are out there in space. What lies out there in space, human beings survey in their lives between birth and death. More wondrous than all that which makes up the solar systems in the world is that which can be found within the microcosm.

[ 39 ] In derjenigen Welt, aus der wir heruntergestiegen sind, bevor wir uns mit unserem physischen Leib verbunden haben, in dieser Zeit, wo wir als geistig-seelische Wesenheit in der geistig-seelischen Welt selbst gelebt haben, schauten wir auf dasjenige, was wir im Innern als Mensch tragen. Da ist jede Aufmerksamkeit, jeder Gedanke alles dasjenige, was der Mensch erleben kann, das ist in der letzten Zeit, bevor der Mensch heruntersteigt, dahin gerichtet: Wie verbinde ich mich mit demjenigen, was in der Vererbungslinie mit mir verbunden ist. Das Kind, es erlebt die Umformung seines Gehirns, wie das innerlich gesetzmäßig sich vollzieht. Wir erleben die Menschwerdung, bevor wir zu dieser Menschwerdung heruntersteigen. Das ist die eine Seite, die wir als unser lebendiges Denken erringen.

[ 39 ] In the world from which we descended before we became united with our physical body—during that time when we lived as spiritual-soul beings in the spiritual-soul world itself—we looked upon that which we carry within us as human beings. There, every attention, every thought is directed toward everything a human being can experience; in the final period before a human being descends, this is focused on the question: How do I connect with that which is linked to me through the line of inheritance? The child experiences the transformation of its brain as it unfolds according to inner laws. We experience the process of becoming human before we descend into this human existence. This is the one aspect that we attain as our living thinking.

[ 40 ] Die andere Seite ist die, dass wir jetzt hinschauen lernen auf dasjenige, was der Mensch tut. Wir sehen, wie der Mensch einem anderen Menschen in einem bestimmten Lebensjahr begegnet, wir sehen, wie er durch diese Begegnung etwas außerordentlich Bedeutungsvolles erlebt, durch die dann sein eigenes Dasein in diesem physischen Erdenleben eine ganz andere Richtung erhält, man sieht das und sagt sich: Hier liegt ein Zufall vor.

[ 40 ] The other side of this is that we are now learning to look at what a person does. We see how a person encounters another person at a certain stage of life; we see how, through this encounter, they experience something extraordinarily significant, which then gives their own existence in this physical earthly life a completely different direction; one sees this and says to oneself: This is a coincidence.

[ 41 ] Derjenige aber, der gerade im richtigen Sinne hinschauen kann, der sieht, wie der Mensch schon bevor er in dieses Erdenleben hineinsteigt, gewisse Sympathien und Antipathien hat und wie diese dahingehen, das eine abzulehnen und das andere anzunehmen. Leugnet man das ab, dann ist es so, wie die Farbenwelt ist für den, der zunächst blind geboren ist und operiert wird, er könnte ja auch die farbige Welt leugnen. So erscheint es als etwas Phantastisches, wenn derjenige, dessen geistiges Auge geöffnet ist, hinschaut, wie schon von Kindheit auf die Antipathie und Sympathie den Weg bereiten, die Weisheit oder auch dasjenige, was zunächst im Leben als Unweisheit erscheint. Wie kurz das Ergebnis von Antipathie und Sympathie selbst ist, lernt man eben durch das lebendige, Leiden-überwindende Denken kennen, dieses Handeln des Menschen, durchsetzt mit Sympathie und Antipathie. Dann schaut man hin auf das Schicksal, wie er sich dies erworben hat in früheren Erdenleben, man lernt hineinschauen in wiederholte Erdenleben.

[ 41 ] But the one who is able to look at things in the right way sees how a person, even before entering this earthly life, already has certain sympathies and antipathies, and how these lead to rejecting one thing and accepting another. If one denies this, it is like the world of colors for someone who is born blind and then undergoes surgery—he might just as well deny the existence of the world of colors. Thus, it seems like something fantastical when the one whose spiritual eye is open observes how, from childhood onward, antipathy and sympathy pave the way for wisdom—or even for that which initially appears in life as folly. One comes to understand just how fleeting the result of antipathy and sympathy itself is through living, suffering-overcoming thought—this human action interwoven with sympathy and antipathy. Then one looks at one’s destiny and how it was earned in earlier earthly lives; one learns to look into repeated earthly lives.

[ 42 ] Hier ist das Verbindende der Menschheit seelisch-geistig zu finden. Es gliedert sich zusammen wirkliche, tiefe religiöse Empfindung, es gliedert sich zusammen dasjenige, was nur Bildung desjenigen sucht, was in unserem Kopfe vorhanden ist, es gliedert sich zusammen mit dem, was die Forderung unseres tiefsten Herzenslebens ist. Der Mensch gewinnt, indem er sich einlässt auf diese geistige Erkenntnis, er gewinnt die Möglichkeit, auch eine Erkenntnis darüber zu haben, wie er diejenigen, mit denen er hier Gemeinschaft geschlossen hat, im geistigen Leben wiederfindet.

[ 42 ] Here lies the spiritual and soul-level bond that unites humanity. It unites genuine, profound religious feeling; it unites that which seeks only to shape what exists in our minds; it unites with that which is the demand of our deepest inner life. By opening oneself to this spiritual insight, a person gains the ability to also come to understand how they will encounter those with whom they have formed a community here in the spiritual life.

[ 43 ] So habe ich wiederum eine Stufe gezeigt desjenigen — meine sehr verehrten Anwesenden —, was durch Anthroposophie herausführt aus der sinnlich-physischen in die geistige Welt.

[ 43 ] In this way, I have once again shown a step—my esteemed audience—toward what leads us, through anthroposophy, from the sensory-physical world into the spiritual world.

[ 44 ] Dasjenige, was da auf diesem Wege gewonnen wird, es sind rein geistig-seelische Vorgänge, die der alte indische Yoga-Gelehrte durch seinen Atmungsprozess gefunden hat. Wir ertöten nicht den menschlichen Leibesorganismus, sondern wir gehen an das Seelenleben heran, wir lassen das Seelenleben ein innerliches Leiden durchmachen, das zu gleicher Zeit den Menschen aber äußerlich als Handelnden, Wollenden in das heutige Lehen hineinstellt und ihn nicht zur Einsiedelei bestimmt. Das ist dasjenige, was in der modernen Kultur wieder angeeignet werden muss, dass man demjenigen offen entgegentritt, der so seine Forschungen der Menschheit darlegt, dem gegenüber man sich so stellt, dass man ihm zustimmt.

[ 44 ] What is attained through this path consists of purely spiritual and psychological processes that the ancient Indian yoga scholar discovered through his breathing practice. We do not destroy the human physical organism, but rather we approach the life of the soul; we allow the life of the soul to undergo an inner suffering that, at the same time, places the human being outwardly into today’s world as one who acts and wills, and does not condemn him to a life of seclusion. This is precisely what must be reclaimed in modern culture: that we openly engage with those who present their research to humanity in this way, and that we position ourselves toward them in such a way that we agree with them.

[ 45 ] Er kann nichts anderes tun als immer wieder und wieder durch Schilderung der Wege und der Ergebnisse zeigen, wie eben dasjenige, was er vollbringt, nur eine Fortsetzung desjenigen ist, was der Mensch im gewöhnlichen Leben gerechtfertigt finden kann. Und wenn dann gesagt würde, nur diejenigen geht das etwas an, die schon hineinschauen in die geistige Welt, dann muss geantwortet werden: Es ist nicht so, der Mensch ist durch seine Organisation nicht auf Irrtum und Zweifel, sondern er ist veranlagt auf Wahrheit. Daher auch derjenige, der kein Maler ist, vor ein Bild sich hinstellen kann, das in Wahrheit und Schönheit gemalt ist, und es so empfinden kann.

[ 45 ] He can do nothing else but show, time and again, by describing the paths and the results, how precisely what he accomplishes is merely a continuation of what people can find justified in ordinary life. And if it were then said that this concerns only those who already look into the spiritual world, the answer must be: That is not the case; human beings, by their very nature, are not predisposed to error and doubt, but rather to truth. That is why even someone who is not a painter can stand before a painting that is rendered in truth and beauty and experience it as such.

[ 46 ] Mit diesem gesunden Menschensinne kann sich der Mensch hinstellen vor dasjenige, was der anthroposophische Geistesforscher zu sagen hat, und er wird die Wahrheit selbst erkennen können, auch wenn er noch nicht selbst ein Forscher ist. Derjenige, der es nicht ist, kann die Wahrheit durch die gesunden Menschheitskräfte beurteilen. Dasjenige aber, was Anthroposophie zu vollbringen trachtet, das, glaubt sie, ist nicht nur ein Ziel einzelner Einsiedler, sondern es ist dasjenige, was wirklich der moderne Mensch braucht.

[ 46 ] With this sound human judgment, a person can approach what the anthroposophical spiritual researcher has to say and will be able to recognize the truth for themselves, even if they are not yet a researcher themselves. Those who are not researchers can judge the truth through sound human faculties. But what anthroposophy seeks to accomplish—that, it believes, is not merely the goal of individual hermits, but rather what modern humanity truly needs.

[ 47 ] Was haben wir denn im heutigen Geistesleben? Der alte Mensch hatte ein inneres Seelenleben, das er sogar in die äußeren Welten hineintrug. Wir können in die äußeren Welten hineinsehen, uns ist aber dieses innere Geistesleben verloren gegangen, wir haben abstrakte Begriffe, sie sind ausgezeichnet, um alles dasjenige treiben zu können, was keine lebendigen inneren Erkenntniskräfte braucht. Das aber ermahnt uns immer und immer wieder zu betonen: Mit euren Gedanken, die so großartig sind,

[ 47 ] What do we have in today’s spiritual life? People in the past had an inner spiritual life that they even carried out into the outer worlds. We can look into the outer worlds, but this inner spiritual life has been lost to us; we have abstract concepts, which are excellent for carrying out everything that does not require living, inner powers of insight. But this urges us to emphasize again and again: With your thoughts, which are so magnificent,

[ 48 ] habt ihr doch nichts anderes als im Grunde genommen etwas Totes, ihr habt Gedankenideen vom Geist, und wenn wir auch die alten Zeiten durchaus nicht heraufbeschwören wollen, in denen auf solchen Wegen Geisteserkenntnis gesucht wurde, so war doch in solchen alten Zeiten auf damals angemessene Weise eine lebendige Geistesanschauung gefunden, die damaligen Menschen hatten ein inneres Seelenleben erreicht, etwas, was im inneren Seelenleben den lebendigen Geist verwirklichte.

[ 48 ] you have nothing but, in essence, something dead, you have mental concepts of the spirit, and even though we certainly do not wish to evoke the old times when spiritual knowledge was sought through such means, a living spiritual vision was nonetheless found in those ancient times in a manner appropriate to that era; the people of that time had attained an inner spiritual life, something that realized the living spirit within their inner spiritual life.

[ 49 ] Kommen wir wiederum zu jenem lebendigen Denken, wie die Anthroposophie es meint, dann wird Erkenntnis uns nicht nur liefern anschauliche Begriffe, sondern es wird Erkenntnis uns liefern den lebendigen Geist, der unter uns wandelt. So werden wir erleben auch die physischen Pflanzen und Tiere, und wir verbinden unser eigenes menschliches Fühlen mit diesen geistigen Wesenheiten, die lebendige Geisteswelt selbst, die wiederum hereingeführt werden soll in physisches, sinnliches Dasein durch dasjenige, was nun eine lebendige Erkenntnis gegenüber der toten Erkenntnis ist.

[ 49 ] If we return to that living thinking as understood by anthroposophy, then knowledge will not only provide us with vivid concepts, but it will also provide us with the living spirit that walks among us. In this way, we will also experience physical plants and animals, and we will connect our own human feelings with these spiritual beings—the living spiritual world itself—which, in turn, is to be brought into physical, sensory existence through what is now living knowledge as opposed to dead knowledge.

[ 50 ] Man muss nur erst sich ganz klarmachen: Wir wollen eine Erkenntnis haben, welche unsere Welt nicht nur mit Gedanken, sondern welche den Geist selbst sich hereinruft. Er wirkt überall da, wo der Mensch selbst aus dem Geist heraus wirkt. Und insbesondere fühlt man heute, wo das soziale Leben in einer so furchtbaren Gestalt sich befindet, man fühlt, wie man etwas braucht, was als Geistiges drinnen sein muss in dem sozialen Leben. Man sieht im Besonderen im sozialen Leben, dass es nicht weitergehen kann, ohne dass der Geist mitwirkt, kurz, Anthroposophie möchte Verständnis finden bei denjenigen Menschen, die sich sozusagen in dem Pulsschlag der gegenwärtigen Kultur fühlen. Anthroposophie möchte, dass man, statt mit bloßen Gedanken und Ideen von dem Geist, durchdrungen mit dem lebendigen Geist in die Gegenwart sich hineinstellt, weil man einsehen muss, dass man nur mit diesem lebendigen Geist jene Aufgaben wird lösen können, die der ganzen Menschheit gestellt werden, so gestellt werden, dass wir nur mit ihrer lebendigen Lösung in eine den Menschen auf seiner geistigen, physischen Höhe erhaltenden Kultur hineinwachsen können in der Zukunft.

[ 50 ] We must first make one thing very clear to ourselves: We want to attain a kind of knowledge that brings our world into being not merely through thought, but through the Spirit itself. The Spirit is at work wherever human beings act out of the Spirit. And especially today, when social life is in such a dire state, one feels the need for something spiritual to be present within social life. One sees, particularly in social life, that things cannot continue without the Spirit’s involvement; in short, anthroposophy seeks to find understanding among those people who feel, so to speak, the pulse of contemporary culture. Anthroposophy seeks to have people engage with the present not merely through thoughts and ideas about the spirit, but by being imbued with the living spirit itself, because one must realize that only with this living spirit will we be able to solve the tasks facing all of humanity, present in such a way that only through their living resolution can we grow into a future culture that sustains human beings at their spiritual and physical heights.