Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a

14 Mai 1922, Wrocław

10. Anthroposophie und Geisteserkenntnis

[ 1 ] Gestatten Sie, dass ich, bevor ich zum eigentlichen Thema übergehe, nur das bemerke, dass in dem heutigen Vortrag ja allerlei Dinge ausgesprochen werden müssen, zu denen heute selbst die wissenschaftliche Begründung nicht vorgebracht werden kann, das aus dem Grunde, weil ja in dem letzten Vortrag vor Wochen hier die Auseinandersetzung von Anthroposophie und Wissenschaft in der Weise versucht worden ist, dass die hier von mir gemeinte Anthroposophie weder diese Auseinandersetzung scheut noch ihrerseits in einen Gegensatz sich bringen will gegen wissenschaftliche Methoden der Gegenwart. Aber dennoch, da ich wohl annehme, dass ein großer Teil der Zuhörer, die dazumal anwesend waren, die Dinge schon gehört haben, so darf ich heute von einer Wiederholung absehen.

[ 2 ] Nun, wenn gesprochen wird von den großen Rätseln, die dem Menschen sich vor die Seele stellen, wenn er auf die geistige Welt hinblickt oder etwas empfinden will, so können sich eigentlich die Fragen, die sich aufwerfen, im Grunde genommen nicht darauf beziehen, dass der Mensch in irgendeinem Augenblick daran zweifeln könnte, dass er es in seinem eigenen Leben mit geistigen Wesen zu tun hat. Ja, man könnte geradezu sagen, dass ja die Fragen nach dem Wesen der geistigen Welt gerade dadurch sich aufwerfen, dass der Mensch weiß, er habe es, indem er sich selbst an der Welt betätigt, mit dem Wirken dessen, was in ihm Geist ist, zu tun. Aber andererseits kann er doch nicht zurechtkommen mit der Frage: Was ist das Wesen dieses Geistigen, mit dem er es selbst zu tun hat? Eigentlich müssen alle Fragen, die sich auf die geistige Welt beziehen, zuletzt darauf hinauslaufen: Welches ist das Wesen des Geistigen, das wir ja gut kennen? Gerade um das Schicksal desjenigen, was wir gut kennen, handelt es sich bei diesen Rätselfragen des Daseins. Selbst diejenigen, die im Ernst, nicht bloß aus Koketterie heraus, den Geist leugnen, sie leugnen ja nur, dass dasjenige, was sie als Geist ansehen, dass das gegenüber dem materiellen Dasein eine selbstständige Bedeutung habe. Also ihr Leugnen bezieht sich auf das Wesen des Geistigen, nicht auf das Geistige selbst.

[ 3 ] Warum aber, da der Mensch den Geist doch besitzt, kommt er auf diesem Gebiete in Schwierigkeiten? Das ist die Frage, die eigentlich mehr oder weniger unbewusst vor der menschlichen Seele auftaucht. Besondere Menschen erleben diese Fragen bewusst, die Mehrzahl unbewusst, aber man kann deshalb nicht sagen, dass sie sie weniger bedeutungsvoll für die Seelenstimmung und Seelenverfassung erleben. Sie erleben ebenso, dass diese Fragen in den Tiefen des seelischen Lebens sich abspielen und in allerlei Glücks- oder Leidenszuständen hinaufspielen in die tägliche Seelenverfassung, sodass man schon in gewisser Weise sagen kann, der Mensch ist für sich selbst und die Welt mehr oder weniger tauglich oder untauglich, je nachdem er sich zurechtfindet mit solchen Grundfragen des Daseins.

[ 4 ] Nun könnte man vieles von dem anführen, was den Menschen dazu bringt, diese Fragen zu stellen. Aus der ganzen Fülle desjenigen, was da quälend, Zweifel füllend und dergleichen in des Menschen Seele spielt, will ich etwas hervorheben, was veranschaulichen kann, wie sich solche Rätselfragen, wie sie hier gemeint sind, vor den Menschen hinstellen.

[ 5 ] Wir sehen ja jeden Tag, wenn wir hinübergehen aus dem Wach- in den Schlafzustand, wir sehen dasjenige, was wir im Wachzustande als unser wogendes, uns erfüllendes Geistesleben in uns tragen, wir sehen es hinuntersinken in die Sphäre der Bewusstlosigkeit. Und wir empfinden, bewusst oder unbewusst, wir empfinden an diesem Hinuntertauchen unseres bewussten Geisteslebens in das Unbewusste die Ohnmacht desjenigen, was wir eigentlich bewusst als unser tägliches, erkennendes Geistesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen in uns tragen. Und selbst wenn man es nur empfindet, so geht aus dieser Empfindung in die Seelenstimmung über das, was erlebt werden kann beim Hinuntertauchen desjenigen, was uns das Wertvollste im Leben ist, in den unbewussten Zustand. Und wir fragen uns dann: Hat dieses Geistesleben, um dessentwillen wir eigentlich Mensch sein wollen, nun im großen auch jenes Schicksal, irgendwie hinuntersinken zu müssen, ohne dass es verbunden ist mit einem ihm selbst innewohnenden, es tragenden, stützenden, wie wir sagen, ewigen Dasein?

[ 6 ] Das ist die eine Seite der Frage, die sich so bedeutungsvoll und mächtig aufwirft. Aber diese Frage ist auch im Gegensatz vorhanden. Wir wachen auf, vielleicht durch den Übergang des Traumlebens, das wir aber als illusorisch ansehen müssen, gegenüber dem, was wir im gewöhnlichen Leben Wirklichkeit nennen. Wir erfassen gewissermaßen seelisch die Körperlichkeit, wir gehen über in jenen Zustand, in dem wir uns unseres Körpers in jedem Augenblick, der unser gesundes Leibesleben entwickelt, bedienen. Aber auch da steht etwas, was uns rätselhaft erscheint, da sehen wir dasjenige, was wir eigentlich als Geist ansprechen, hinuntersinken in die Leiblichkeit. Wir bedienen uns der Organe, wie sie uns erscheinen, unserer Leiblichkeit. Aber wie das, was geistig ist, durch Arme und Beine, wie es selbst durch unsere Sinne wirkt, wie es sich des Leibes bedient, das ist es, was sich zunächst dem gewöhnlichen Bewusstsein entzieht. Und man kann sagen: Während man die Ohnmacht des Geistigen gewahr wird durch den Moment des Einschlafens, kann man beim Aufwachen gewahr werden, wie dasjenige, was man Geistiges nennt, hinuntersinkt in eine Art von unbekannter Welt. Wir wissen nicht, wie da hinuntertaucht in unseren leiblichen Organismus dasjenige, was wir als Geistiges ansprechen möchten. Die Ohnmacht auf der einen Seite, das Versinken in eine Dunkelheit auf der anderen Seite, das sind die beiden Pole, die sich als so tief ins Herz einschneidende Rätselfragen des Menschen aufwerfen, an denen der Mensch aber durchaus nicht vorbeikommen kann.

[ 7 ] Und wie steht im Großen und Ganzen die heutige Menschheit da, indem sie diese Fragen als die eigentlichen Rätselfragen des Daseins empfindet? Man möchte sagen: Zweierlei stellt sich hin vor die Geisteswelt, zu der der Mensch aus den schon genannten Gründen ein Verhältnis sucht, zweierlei gerade für den Menschen der Gegenwart. Der eine füllt sich der Geisteswelt gegenüber mit Illusionen, der andere füllt sich mit Schmerzen, Qualen, deren Ursprung unergründlich bleibt. Das eine ist der Aberglaube, das andere ist der Zweifel. In den Aberglauben hinein kommen mehr oder weniger diejenigen Menschen, welche sich noch nicht bekannt gemacht haben mit den großartigen Ergebnissen der modernen wissenschaftlichen Weltanschauung, Menschen, die noch unberührt geblieben sind von der gewissenhaften Methode, die von einem Teil der Welt angewandt wird. Sie greifen auf dasjenige, was ihnen auf Wunsch und Willen kommt oder was ihnen überkommt aus der anthroposophischen Weltanschauung und Erkenntnis heraus, sie greifen das auf und erfüllen ihren Geist mit demjenigen, was auftauchen kann im menschlichen Innern, ohne dass es in einer treuen, ehrlichen Weise gegenüber sich selbst begründet ist. Sie füllen gewissermaßen von sich aus die Welt mit allerlei Gedanken und Gefühlsgebilden, dadurch fühlen sie sich in einer gewissen Weise befriedigt. Aber in dem Augenblick, wo sie mit der Welt zurechtkommen wollen, da zeigt sich überall dasjenige, was man in dieser Art durch den Aberglauben in sich aufgenommen hat, das stößt an alle möglichen Ecken der Welt an. Die Ereignisse, die Dinge, die uns außen von der Welt entgegentreten, sie bewahrheiten dasjenige nicht, was wir uns als Illusionen aus dem Innern herausholen. Man kommt dazu, ein in dieser Welt unorientierter Mensch zu sein, der zum Handeln untauglich ist, weil diejenigen Mächte, auf die er sich verlässt, doch versagen, sie sind eben Mächte, die bloß aus seinem Willen und Wunsch heraus geboren sind. Das ist die Lage, in die der eine, weniger wissenschaftlich geartete Teil der Menschheit gegenüber diesen Fragen hineinkommt.

[ 8 ] Der andere Teil der Menschheit, der wiederum untergetaucht ist in die gewissenhaften, wissenschaftlichen Methoden der Gegenwart so, dass er zu erkennen vermöchte, was Wissenschaft gerade für die Gesamtkultur der Gegenwart für eine Bedeutung hat, der Mensch hat sein Denken oftmals geschult für das Aufsuchen von Zusammenhängen in der äußeren Sinneswelt, er hat gefühlt, wie weit man kommt, welche Ideale noch zu lösen sind, zum Beispiel auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Er hat aber auch gelernt oder glaubt wenigstens gelernt zu haben: Wenn man sich so recht mit seinem Denken einlässt auf dasjenige, was einem da äußerlich durch die Sinne entgegentritt, wofür man durch das Denken eine gewisse Art von Gesetzmäßigkeit finden kann, die einen dann für die Sinneswelt befriedigt, dann reicht dieses Denken nicht mehr aus, um sich zu einem Geistigen zu erheben. Gerade durch die Tragkraft des Geistes in der modernen Wissenschaft wird man zu viel dahingeführt, an der Tragkraft dieses Denkens zu verzweifeln, wenn es sich darum handelt, über das Sinnesgebiet hinaus in das geistige Gebiet durch eigenes menschliches Forschen einzudringen. Und so ist es, dass derjenige, der in aufrichtiger Weise von der Wissenschaft noch berührt ist, in die Zweifel hineinkommt.

[ 9 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — so, wie der Abergläubige desorientiert werden muss, weil sich ihm seine Illusionen nicht als Kräfte erweisen für das Handeln, ebenso wenig kann mit sich selbst der Ehrliche, der mit seinem Herzen Zweifelnde, zurechtkommen. Denn dasjenige, was aus dem Zweifel heraus will, geht tief in das menschliche Gemüt hinein mit solcher Stärke, dass es sich auf jenen Wegen, die heute in der Wissenschaft noch wenig ergründet sind, die von dem menschlichen Gemüt, von Freude und Leid, von Lust und Schmerz, hinüberführen in die Gesundheit unserer Nerven, unseres gesamten organischen Systems, dass sich da hineinversetzt, was wir im Gemüt haben, und dass wir, auch leiblich, gerade durch den Zweifel nach und nach schwach werden. Ich möchte sagen: Da setzt sich in die menschliche Leibestüchtigkeit hinein fort die seelische Schwindsucht, die wir uns gerade durch den Zweifel aneignen müssen. Und so werden wir auch, wenn der Zweifel an uns nagt, so werden wir auch dadurch schwach im Leben und vor allen Dingen, wir werden scheu und zucken zurück vor alldem, was schließlich doch nach den Vermutungen oder auch dem gesunden Empfinden als ein notwendiges Verhältnis zur geistigen Welt sich herausstellen sollte. Daher ist es auch, warum ein großer Teil derjenigen, die diese Zweifel kennengelernt haben, heute eine Zuflucht suchen auf einem Gebiet, auf dem die Anthroposophie sie ganz gewiss nicht suchen wird, denn sie geht aus vom gesunden Seelenleben und sucht durch eine Weiterentwicklung des gesunden Seelenlebens höhere Erkenntniskräfte in dem Menschen zu entwickeln, durch die er hineinschauen kann in die geistige Welt. Aber diejenigen, die heute vielfach vom Zweifel ergriffen sind, sie wenden sich nicht an die gesunde eigene Natur, die vor allen Dingen auszubilden ist, sie wenden sich an dasjenige, was doch mehr oder weniger pathologisch angesehen werden muss, an die Visionen, an dasjenige, was wie Traumgebilde im wachen Bewusstsein oftmals aufsteigt. Und wir können sagen: Alle diese Erscheinungen beruhen eigentlich zuletzt doch auf einer Herabstimmung des menschlichen Organismus.

[ 10 ] Es gibt kein Medium, bei dem nicht der menschliche Gesamtorganismus herabgestimmt wird, sodass gerade dadurch, dass der menschliche Organismus nicht ordentlich funktioniert, die abnormen geistigen Erscheinungen zutage treten, die bei Medien bewundert werden. Selbst außerordentlich gelehrte Leute können nicht einsehen, dass eine ungeheure Unsicherheit vorliegen muss, wenn man sich für die Erkenntnis einlässt auf Wege, die nach dem Pathologischen hin schildern. Außerdem kann man auch sagen: Das alles, es muss immer darauf beruhen, dass irgendetwas im menschlichen Organismus nicht in der normalen Weise funktioniert, sodass auf allen diesen Wegen durchaus immer etwas vorliegt, was im Grunde genommen nur dadurch vor die Menschheit hintreten kann, dass der menschliche Organismus selbst von dem gesunden Wege ablässt.

[ 11 ] Das beweist, im Grunde genommen, wie der heutige Mensch alles Mögliche ergreift, um zu der notwendigen Erkenntnis der Geisteswelt zu kommen. Die Anthroposophie, wie ich sie hier meine, sie hat zu tun mit einem Wege in die geistige Welt — das sollte besonders aus meinem letzten Vortrag hervorgehen —, der vor allen Dingen vom gesunden menschlichen Seelenleben und Leibesleben ausgeht. Lesen Sie bitte nach. Ich kann heute nicht das alles wiederholen, dasjenige, was ich angegeben habe als Seelenübungen, die ausgeführt werden sollen, passend für den modernen Menschen und für die ganze Kultur, die ausgeführt werden sollen, damit aus den gewöhnlichen Seelenkräften, so wie sich die höheren Fähigkeiten beim Kind aus den unbewussten Kräften herausentwickeln, so sich entwickeln die höheren Fähigkeiten des Erkennens und des Wollens. Lesen Sie nach, das alles finden Sie in einem ersten vorbereitenden Teil in meinen Schriften, in demjenigen Teil, der sich darauf bezieht, dass alles dasjenige, was an Unruhe, an Unbesonnenheit, an Unbewusstheit und so weiter, und so weiter, im Seelenleben und Leibesleben des Menschen vorhanden ist, dass man erst das einer sorgfältiger Selbstzucht unterwirft. Dieser erste Teil in meinen Büchern, von ihm wird oftmals gesagt, auch bei den Gegnern der Anthroposophie, dass er ja durchaus zu berücksichtigen wäre, denn er gebe dem einfachen Menschen, der nichts weiß von der Anthroposophie, er gebe mehr oder weniger moralische Anweisungen.

[ 12 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, das dürfte nicht geleugnet werden, dass das der Fall ist, aber andererseits geht dann dieses Bemühen darauf hinaus, in der gesunden menschlichen Seele, im ganzen gesunden Menschen Erkenntniskräfte zu entwickeln, durch die die geistige Welt anschaulich werden kann. Gerade wenn man, ausgehend von diesen Anschauungen, durch solche Erkenntniskräfte zurückblickt in den Entwicklungsgang der Menschheitsgeschichte, so findet man gerade dadurch die Mittel, um sich über dasjenige zu verständigen, was im Sinne der Forderungen der modernen Seele Anthroposophie eigentlich in Bezug auf die geistige Erkenntnis will.

[ 13 ] Ich sagte schon, da die Menschen heute vielfach ablehnen, auf eigenen Wegen in die geistige Welt hineinzudringen, so suchen sie sich unter den schon genannten Wegen dasjenige, was an Traditionen, religiösen Bekenntnissen altehrwürdig da ist. Man nimmt das hin, man sondert sogar sorgfältig dasjenige, was man hinnimmt, deshalb weil es da ist, weil man hineingeboren, hineinerzogen ist, man nimmt es hin und sagt dann, um sich ein wenig zu rechtfertigen vor sich selbst: Ja, diese Dinge, sie müssen beruhen auf dem Glauben, während von dem Glauben zu unterscheiden ist die wirkliche Wissenschaft, die sich aber eigentlich nur auf das Äußere, Sinnliche bezieht. Aber wenn man sich nicht nur mit äußerem Geschichtsforschen, sondern gerade mit demjenigen Blicke, der geschärft ist durch höhere, übersinnliche Erkenntniskräfte — wie in meinen Büchern und in meinem letzten Vortrag geschildert —, wenn man das Geschichtliche im Geistesleben erforscht, es stellt sich doch anders dar als dasjenige, wie man sie durch die heutige Wissenschaft sieht. Vor allen Dingen sehen wir da, woher eigentlich kommen diejenigen Weltanschauungen, in die die Menschen heute hineingeboren und hineinerzogen werden.

[ 14 ] Derjenige, der auf diesem Gebiet nachforschen kann, der findet, dass alles, was wir heute besitzen an traditionellen Bekenntnissen, was durch sein Alter überzeugend geworden ist, dass das doch in älteren Epochen der Menschheitsentwicklung auf dem Wege einer Erkenntnis erworben ist, nicht des Glaubens, sondern auf dem Wege der Erkenntnis, wie sie angemessen war für ältere Zeiten. Wir leben eben in derjenigen Zeit, die sich anerzogen hat Begriffe für das, was als wissenschaftlich gelten kann. Und wir können nicht anders, als uns auf den Standpunkt stellen, dass wir rechnen mit demjenigen, was durch moderne Kulturentwicklung auch dem menschlichen Geistesleben einverleibt worden ist.

[ 15 ] Wenn wir dann zurückschauen auf ältere Geisteskultur, da ist aus ihr Großes, Gewaltiges hervorgegangen, dennoch ist es hervorgegangen auf dem Wege der menschlichen Erkenntnisse. Wir haben heute nur die Erkenntnisse, die unseren Willensimpulsen überliefert werden. Wir nehmen sie an, wir schauen nicht nach ihren Quellen. Die liegen aber in älteren Erkenntnissen, und wenn man sich mit ihnen verständigt, wird man sich Klarheit verschaffen können, was Anthroposophie über das Verhältnis der geistigen Welt wollen kann für den heutigen, für den modernen Menschen.

[ 16 ] Sehen wir zum Beispiel auf zwei Beispiele älterer Erkenntnis, durch deren Wirkung wir eigentlich das finden von dem Leben, in was wir heute in Bezug auf Glauben hineingeboren und hineinerzogen werden. Ich könnte ja auch anderes aus der Fülle herausgreifen, möchte aber zweierlei charakteristische Beispiele herausgreifen, die den Menschen zu der alten Erkenntnis geführt haben. Da möchte ich herausheben eine gewisse Art des uralten, orientalischen, sogenannten Yoga-Systems, durch die der Mensch versuchte, in uralten Zeiten das Gedankensystem in der Weise zu erkraften, dass er durch das erkraftete Gedankensystem nicht nur die Sinneswelt schauen konnte, sondern dass er schauen konnte dadurch die geistige Welt. Das ist eine Seite der älteren Erkenntnisse. Wir können sie nicht mehr gehen, aber indem man sich in sie vertieft, erhält man gewissermaßen Verständnis, was auf dem Gebiete der moderne Mensch wollen muss.

[ 17 ] Worauf lief es denn hinaus, wenn der Yoga-Gelehrte gewisse Übungen machte, die ihn zu einem erkrafteten Denken führen sollten? Es kam darauf hinaus, dass dieser Yoga-Gelehrte das mit der allgemeinen Menschheit teilte, dass das innere Leben ein viel seelenerfüllteres war als unser heutiges Leben. Man muss das nur verstehen, was in den Seelen der älteren Menschheit eigentlich lebte. Sie konnten gar nicht anders, als, indem sie die äußere Natur betrachteten, als zu dem, was sie in einem Tone hörten, dasjenige hinzuzufügen in der Anschauung — und es war ihnen so natürlich, wie die Farbe zu schauen, den Ton zu hören —, das hinzuzufügen, was in ihrer Seele geboren wurde als ein Geistiges und was ihnen verwandelte die ganze Natur in etwas, was sich überall geistig-seelisch ankündigte.

[ 18 ] In derselben Lage wie die allgemeine Menschheit war nun auch derjenige, der als der Yoga-Gelehrte drüben im fernen Asien lebte. Er war mit der allgemeinen Menschheit in derselben Verfassung, die ich eben geschildert habe. Der damalige Mensch sehnte sich heraus, wenn er Erkenntnisse erringen wollte, und er sehnte sich heraus dadurch, dass er sein Denken erkraften wollte.

[ 19 ] Nun ist eine gewisse Methode da, die gerade von vielen, die etwas davon verstehen, als etwas besonders Verderbliches angesehen wird, aber es geht zurück auf das, was für ältere Zeiten durchaus angemessen war, ich möchte es gerade, um recht verständlich zu werden, in der ältesten Form schildern.

[ 20 ] Der ursprüngliche Yoga-Gelehrte machte durchaus, indem er Erkenntnis suchte, Übungen, die sich auf das menschliche Atmen beziehen. Er vollzog durch gewisse, mehr oder weniger kürzere oder längere Zeiten einen Atmungsprozess, der nicht so verlief wie der gewöhnliche. Er suchte sich zum Beispiel andere Zeiten für das Einatmen, für das Halten des Atems, für das Ausatmen aus. Er kam dadurch in eine ganz andere Art des Atemrhythmus hinein, lebte darin und fühlte sich in seinen Denkkräften so verwandelt, dass er jetzt das Denken als eine viel stärkere, viel mächtigere Kraft empfand, als er es empfunden hatte im alltäglichen Leben. Dadurch schaute er in jene andere Welt hinein, in die er eben hineinschauen wollte. Und wenn wir uns fragen, worauf beruht das alles? So können wir antworten: Ja, im gewöhnlichen Leben verläuft eigentlich der Atmungsprozess so, dass wir ihn nicht beachten, dass er im Unbewussten verschwebt. Wir werden uns höchstens seiner bewusst. Sonst kann er höchstens halb- oder viertel-bewusst in das menschliche Seelenleben eintreten. Dasjenige aber, was so für das gewöhnliche Bewusstsein als Unbewusstes lebt, das wurde gerade für den alten Yoga-Gelehrten in das Bewusstsein hinaufgehoben, dass es abgeändert wurde. Er wurde sich des Atmens bewusst.

[ 21 ] Die weitere Folge davon: Wenn wir den Atem einziehen, so durchdringt er und seine Wirkung unseren ganzen Organismus, dasjenige, was Atmungsrhythmus ist, setzt sich durchaus im Gehirn fort, dasjenige, was das Gehirn vollzieht, das wird durchdrungen von dem Atmungsvorgange. Wir haben es immer zu tun bei unserer Gehirntätigkeit mit etwas, was durchströmt wird von dem inneren Atmungsvorgange, nur beachten wir das nicht. Lernen wir einmal psychologisch ganz gesund das musikalische Erleben betrachten! Ich möchte sagen, handgreiflich würde sich uns die Wahrheit ergeben, dass wir es mit einem Denkvorgange zu tun haben, der mit einem fortwährenden Durchströmtsein der Organe in einem Verhältnis steht. Dasjenige, was da innerlich vorgeht, was aber ganz unbewusster Zustand ist, das brachte sich der Yoga-Gelehrte zum Bewusstsein. Durch die andersartige Atmung, die er vollzog, wurde das Denken für ihn etwas ganz anderes.

[ 22 ] Er vollzog es nicht im Kopf, er vollzog das Denken nicht allein nach den logischen Regeln, sondern in einer solchen Weise, dass es einen musikalischen Charakter annahm. Dadurch aber kann das Denken auch etwas ganz anderes erfassen, als es erfassen kann mit den bloßen logischen Formen. Das fühlte durch diesen, seinen Weg der alte indische Yoga-Gelehrte, wie er in eine andere Welt, die er suchte, hineinkommen konnte durch eine solche Erkraftung seines Leibesorganismus und somit des Seelisch-Geistigen. Nun aber, dasjenige, was man auf diese Weise erlangt, das führt einen so sehr auf die eigene Wesenheit zurück, das führt einen weg von der äußeren, der robusten Welt, der wir als moderne Menschen gegenübergestellt sind, dass wir als moderne Menschen nicht nur nicht den Weg gehen dürfen, sondern auch nicht gehen können. Er führt den Menschen so weit in sich zurück, dass er in eine seelische Einsiedelei zurückkommen muss. Eine solche Erkenntnismethode, sie rührt von Menschen her, die im Grunde genommen sich doch abgesondert hatten von dem übrigen Menschenleben. Das war die eine Art. Wir dürfen sie nicht nachahmen, denn in unsere moderne Kultur passen solche Einsiedler nicht hinein. Wir können nur den Menschen vertrauen, die sich voll hineinzustellen vermögen in das Leben, das die Aufgabe für die gesamte Menschheit ist. Das muss für die höchsten Gebiete des Erkennens berücksichtigt werden, sonst wird etwas, was ältere Zeiten angeht.

[ 23 ] Nun, das ist das eine — meine sehr verehrten Anwesenden —, was ich vor Sie hinstellen möchte. Das andere ist dasjenige, was man ausgebildet hat für diejenigen Formen, die man unter dem Namen der Askese begreift. Die Askese geht zurück auf die Formen, die früher angemessen waren. Sie beruht darauf, dass gewisse, sonst vorkommende Funktionen nun künstlich herabgestimmt werden, dass der Organismus nicht so energisch tätig ist, wie er sonst tätig sein muss, wenn der Mensch im gewöhnlichen Leben drinsteht. Dadurch aber kommt der Mensch zu ganz bestimmten Erlebnissen, und indem er diese kennenlernt, ergänzt sich ihm dasjenige, was er auf der anderen Seite erkennt. Und auch diese Askese, die also eine Herabstimmung des Leibeslebens ist, sie beruht ja auf etwas, das man schon in uralten Zeiten bemerkt hat, dass es eine Tatsache ist für diejenige Welt, die uns hier zwischen Geburt und Tod umgibt. Für diese Welt ist unser Organismus durchaus dasjenige Mittel, durch das wir Ergebnis und Tatkraft in und für diese Welt gewinnen können. Wir müssen uns nur klar sein, es beruht darauf, dass wir die anderen Sinne haben, wir erleben uns mit der übrigen Welt zusammen.

[ 24 ] Aber dieser Organismus ist, weil er geradeso im energischen Sinne tätig ist für diese physisch-sinnliche Welt, deshalb ist er ein Hindernis für die Erkenntnis des Geistes. Unterwirft man ihn der Askese, dann funktioniert er nicht so, dass wir voll in der Sinneswelt drinstehen, dann wird er immer weniger ein Hindernis für das Hineindringen in die geistige Welt. Deshalb suchte man in älterer Zeit durch Herabsetzen der Grade des Hindernisses sich hineinzuversetzen in den geistigen Hintergrund der Welt. Und — meine sehr verehrten Anwesenden —, auch das ist kein Weg, der heute von uns gegangen werden kann. Denn dadurch auch, dass der Mensch in dieser Weise seinen Organismus herabstimmt, dadurch macht er sich untauglich für dasjenige Leben, das heute von uns verlangt wird. Aber derjenige, der die geschichtliche Entwicklung des menschlichen Geisteslebens kennt, der weiß, dass der heutige Mensch, der in dieses Leben mit seinen Anforderungen der Außenwelt hineingestellt wird, als traditionelles Weltanschauungsbekenntnis dasjenige vor sich hat, was einstmals auf diesen geschilderten Wegen gefunden worden ist. Wir nehmen heute durch den Glauben vieles auf, was errungen worden ist auf solchem Wege, wie ich geschildert habe. Wir sind uns nicht bewusst, dass es auf diesem Wege errungen worden ist, wir wissen nicht, dass eine alte Form der Erkenntnis zugrunde liegt, und konstruieren uns für dasjenige, was heute als ehrwürdig da ist, den Glaubensbegriff.

[ 25 ] Die Anthroposophie steht nun vor dem modernen Geistesleben so, dass sie auf Wegen geht, die den heutigen Menschen angemessen sind, die durchaus vereinbar sind mit demjenigen, was wir sonst als Wissenschaft suchen. Während der Yoga-Gelehrte seinen Denkvorgang auf dem Umweg durch den Atmungsprozess erstarkte, finden Sie in meinen Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Die Geheimwissenschaft», solche Anweisungen, die nicht darauf ausgehen. Sondern Sie finden geschildert Übungen, die sich nur auf das seelische Leben beziehen, die rein im Seelischen stehen bleiben, so, wie wir bei einer mathematischen Aufgabe im Seelischen stehen bleiben. Durch diese Übungen wird das Denken nun unmittelbar erkraftet und man merkt dann, wenn man durch jene Konzentration, jene anderen Übungen, von denen Sie in den Büchern lesen können, wenn man dadurch das Denken immer weiter behandelt, es wird etwas anderes, es wird aus dem toten Denken ein lebendiges Denken. Man gelangt zu einem inneren Erleben des Unterschiedes zwischen dem lebendigen und toten Denken. Wie gelangt man dazu? Nun, um zu verstehen, was ich darüber zu sagen habe, muss man schon zu diesen Intimitäten des Seelenlebens aufsteigen.

[ 26 ] Ich möchte ausgehen von etwas, das heute vielfach Gegenstand unserer Weltanschauung ist, man sucht — Goethe hat es gemacht auf seinem Wege, die modernen Menschen versuchen es auf ihren Wegen, ich selber habe es versucht in meinen älteren Schriften —, man sucht heute zu vergleichen dasjenige, was zum Beispiel die äußeren Formen der Lebewesen sind. Sagen wir, es sucht heute der moderne Mensch zu verstehen die Gestaltung eines höheren Tieres, er verschafft sich eine Anschauung von der Gestaltung des höheren Tieres. Dadurch hat er das höhere Tier vor sich, solange er seine Untersuchungen macht. Dann trägt er von diesem höheren Tier eine innere Anschauung mit sich fort. Er bewahrt in seiner Seele eine Art gedankliches Gegenbild desjenigen, was er da draußen erlebt hat. Dann aber muss der moderne Mensch hinschauen zum Beispiel auf die menschliche Form. Er verschafft sich nun auch eine Anschauung von dieser menschlichen Form, nehmen wir an, es sei ihm dabei wieder dasselbe gelungen wie in Bezug auf die Formengestaltung eines höheren Tieres. Dann vergleicht er diese beiden und stellt eine Art Entwicklungstheorie auf. Das alles vollzieht er mit denjenigen Begriffen, in die wir heute einfach hineingeboren, hineinerzogen werden durch unser gewöhnliches Geistesleben. Aber jetzt fragen wir uns um etwas sehr Wichtiges, was allerdings von den modernen Menschen heute wenig empfunden wird. Lassen Sie einmal einen modernen Menschen einen recht genauen inneren Begriff nach seiner gegenwärtigen wissenschaftlichen Erziehung bilden von einem höheren Säugetier und fragen Sie: Wenn du diesen Begriff hast, kannst du aus diesem Gedanken heraus durch innere, lebendige Umwandlung des Gedankens nun die Lebenskraft erfassen, dasjenige, was dir die Natur vormacht, kannst du den Übergang bekommen in die lebendige Menschenform? Machen deine Gedanken die Metamorphose durch wie draußen die Natur von der Idee des Tieres zu der Idee des Menschen?

[ 27 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, verschaffen Sie sich einen Überblick von den nebeneinandergestellten Begriffen und Gedanken über Tier und Mensch, vergleichen Sie dann diese Gedanken. Dann kommen Sie zu etwas Bewunderungswürdigem, aber es ist kein lebendiges Denken, keine lebende Gedankenwelt. Der Mensch steht da mit seiner Gedankenwelt, die sein inneres Gegenbild ist von dem, was da draußen lebt; aber er wendet sich mit den abstrakten, leblosen Gedanken an die höhere Tierform.

[ 28 ] Werden aber jene Übungen durchgemacht, auf die ich hingedeutet habe, werden diese Übungen durchgemacht, so wird in der Tat für das menschliche Seelenleben etwas vollzogen, was man schon vergleichen kann mit dem, wenn aus einem Leichnam durch irgendwelchen Vorgang ein lebendiges Wesen würde. Wir gelangen in der Tat dazu, uns zu sagen: Das Tier hat zum Beispiel das hervortretende Merkmal, dass die Richtung seines Hauptes horizontal ist, der Mensch unterscheidet sich dadurch, dass er übergeht aus der horizontalen in die vertikale Richtung und so weiter.

[ 29 ] Wir sehen die magnetische Nadel an, wir richten sie nach den verschiedenen Raumesrichtungen hin. Überall verhält sie sich anders, als wenn wir sie in eine Achse hineinstellen, die von dem magnetischen Nordpol zu dem Südpol geht. Wir sagen uns: Das ist eine besondere Richtung, die hat etwas zu tun mit dem inneren Wesen der Kräfte, die in der Magnetnadel leben. Der Mensch eignet sich eine solche Anschauung für eine äußere Lebenswelt an, er eignet sich das dann aber auch [an] für die höheren Welten. Er eignet sich an eine Kenntnis, die darin besteht, dass er weiß: Indem das Tier seine Hauptrichtung horizontal hat, hat er eine andere Richtung im ganzen Weltenraum als der Mensch, der seine Richtung vertikal hat. Wenn er sie vertikal hat, dass das Rückenmark dadurch in der Vertikal-Richtung steht, so lernt man innerlich an dem lebendigen Begriff kennen, wie die äußere Welt einen durch und durch lebendigen Begriff annimmt. Der Raum hört auf, das bloß Unbestimmte zu sein, das sich ins Wesenlose ausdehnt, der Raum wird innerlich erfüllt von Kraftrichtungen und Kraftwesenheiten. Und man lernt die Möglichkeit in sich entwickeln, wenn man die tierische Form in sich erkannt hat. Man lernt erfahren, wie sich schon der Gedanke der tierischen Form umgestaltet in die menschliche Form, man lernt ein innerlich bewegtes Gedankenleben erkennen. Man lernt es aber erkennen als ein Mensch, der nicht in eine Einsiedelei kommt, in die der alte Yoga-Gelehrte kommt, sondern der sich gerade erst dadurch recht hineinstellen kann in das gegenwärtige Leben, denn wir kommen zu den lebendigen Begriffen, die gerade den Menschen mehr dazu bringen als sonst, sich mit den innersten Wesenheiten der Außenwelt zu verbinden.

[ 30 ] Nun aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, Sie können einwenden, ja, es hat immer auch Philosophen gegeben, die sind zu gewissen lebendigen Begriffen gekommen, die aber doch auf einen den Eindruck machen, dass man in etwas Haltlosem darinnensteht. Man kann dazu kein Vertrauen haben, dass dasjenige, was im lebendigen Gedanken sich abspielt, sich in der gleichen Weise draußen in der realen Welt zeigt.

[ 31 ] Ja, wenn die Dinge so bleiben wie sie bei Schelling oder Oken waren, wenn sie so bleiben, dann ist man auch nicht geschützt davor, einfach in phantastischer Weise ein Unwirkliches zu ergreifen. Sondern dann kann der Gedanke eine Art innere Wollust bereiten, den man hervorholt in lebendiger Weise, wie das Blütengebilde der Pflanze hervorwächst aus dem Blättergebilde. Aber die Wirklichkeit wird bei diesem Erkenntniswege durch etwas anderes erwirkt. Derjenige, der das Denken in der rechten Weise lebendig macht, der beginnt etwas zu erleben, von dem allerdings der moderne Mensch vielfach zurückscheut. Und weil er vor diesem zurückscheut, scheut er auch vor der ganzen Anthroposophie zurück, die die wirkliche Geisteswelt durch diese ihre Erkenntniswege sucht. In dem Augenblick, in dem man durch jene Übungen in diese bestimmten Inhalte seines Lebens kommt, in diesem Augenblicke zeigt sich, dass jeder solche lebendige Begriff nicht so in der Seele wirkt wie der tote Begriff, den wir sonst haben, sondern zunächst wirkt jeder der lebendigen Begriffe, wie wir sie uns nach und nach aneignen, dass er uns schmerzt, dass er uns seelisches Leiden verursacht, das sogar nicht minder auf uns wirkt als irgendein körperliches Leiden. Das ist dasjenige, wo man durchgehen muss und an dem die Tore der geistigen Welt sich öffnen sollen, dass jeder lebendige Begriff, der ihn wiederum ein Stückchen tiefer hineinführt in die geistige Welt, dass jeder solche lebendige Gedanke Leiden und Schmerzen in der Seele auslöst.

[ 32 ] Warum das? Aus dem Grunde — meine sehr verehrten Anwesenden —, weil wir uns ja nicht nur zu einem lebendigen Denken entwickeln müssen, sondern weil wir Wirklichkeit erleben müssen in diesem lebendigen Denken. Wirklichkeit können wir aber nur erleben, wenn eine Wirkung auf uns selbst ausgeübt wird.

[ 33 ] Betrachten wir unsere Sinne, das Auge. Dasjenige, was in dem Auge vorgeht, sind unter anderem auch rein chemische Zersetzungsprozesse. Wenn diese Prozesse nicht so leise wären, wir würden auch da den Schmerz empfinden, der aber für diejenige Stufe der Menschheit, die in der Entwicklung schon erreicht ist, überwunden ist. Dasjenige, was einstmals hat bei anderen Entwicklungsphasen der Menschheit empfunden werden müssen, das bewirkte die schmerzlose Wahrnehmung.

[ 34 ] Diesen Schmerzzustand, wir müssen ihn erleben, sodass er uns erscheint als von Geistig-Seelischem selber durchzogen, weil dieses ganze Menschenwesen selbst ein umfassendes Sinnesorgan werden muss. Nicht eher kann man in die geistige Welt hineinschauen, als bis zum geistig-seelischen Auge der menschliche Organismus geworden ist. Da muss durchgemacht werden jener Leidenszustand, der umformt unseren ganzen menschlichen Organismus in das Sinnesorgan für die geistige Welt. Da wird unser ganzer Organismus, indem er dieses Leiden überwindet, Sinnesorgan für die geistige Welt. Erst dann, wenn man dieses hinzu erlebt, dann weiß man, dass man in einer wirklichen geistigen Welt darinnensteht. Dann wird man sich sagen: Ich bin meinem Schicksal sehr dankbar für meine Freuden, aber dasjenige, was ich mir als Erkenntnis erworben habe, das verdanke ich demjenigen, was ich leidvoll durchlebt habe, und das hat mich zuerst eigentlich hingeführt auf die besondere Wesenheit desjenigen, was Erkenntnis ist. Dadurch bin ich gedrängt worden, diese Wesenheit weiter zu verfolgen. Ohne dass man durch die Tragik des Lebens durchgeht, aber sie auch überwindet, öffnen sich nicht in Wirklichkeit die Tore in die geistige Welt hinein.

[ 35 ] Wenn sie sich aber öffnen, dann entsteht aus dem lebendigen Denken noch etwas ganz anderes, dann entsteht wirklich das, dass wir hinschauen — so, wie wir mit unseren Augen und Ohren auf die Farben und Töne schauen —, dass wir hinschauen auf die konkrete Geisteswelt, der wir selbst angehören mit dem ewigen Teil unseres Menschenlebens, dass wir wurzeln in der uns umgebenden Geisteswelt. Und hat man es einmal dazu gebracht, von der einzelnen tierischen Form so heraufzusteigen, wie es geschildert wurde, dann findet man, dass einem dann auch sich als Weiteres ergibt: Man hat einen Menschen jetzt vor sich, man kann ihn anders prüfen, als es in der Klinik geschieht oder im Seziersaal, wenn das Leben aus ihm gewichen ist. Man kann anders das Wesen des Menschen ergründen. Geradeso, wie sich einem ergibt aus dem Gedanken der Tierform, die man jetzt zum Leben erweckt hat, Lebendig-Höheres, die innere Wachstumsform des Tieres, so schaut man auch in dem Menschen, der vor einem steht, jetzt nicht bloß die physische Gestalt; jetzt gliedert sich einem aus rein geistiger Anschauung etwas, was man nun wirklich als eine geistig-seelische Aura des Menschen betrachten kann. Und schaut man in diese geistig-seelische Aura — dieses Schauen ist ein Ergebnis des Lebendigwerden des Denkens —, dann schaut man auf dasjenige hin, was vom Menschen vor einem steht als geistig-seelische Wesenheit, bevor der Mensch war, bevor er aus [dem] Geistig-Seelischen heruntergestiegen ist, man schaut den Menschen in Bezug auf dasjenige, was in ihm aus dem vorirdischen Dasein bewahrt lebt. Dazu verhilft einem der lebendige Gedanke, wenn wir ihn in der physischen Außenwelt verfolgen.

[ 36 ] So sucht die Anthroposophie zu der wirklichen Anschauung der geistig-seelischen Wesenheit zu kommen in demjenigen Leben, das vorangeht diesem Erdenleben. Und indem man so hinschaut auf den Menschen in seiner Wesenheit, die auch bestehen kann, ohne dass er schon einen Leib hat, lernt man dann auch genauer kennen dasjenige, was das Wesen des Geistig-Seelischen ist; man schaut in dieser geistigen Anschauung, wie eine ganz andere Welt in dieser Zeit, die unserer Geburt vorangegangen ist, wie eine ganz andere Welt vor unserer geistigen Anschauung steht.

[ 37 ] Hier als Mensch auf der Erde können wir nicht in uns selbst hineinschauen. Dasjenige, was uns die Anatomie liefert, ist ein Äußeres. Was weiß der Mensch davon, wenn zum Beispiel nur durch seine Willensimpulse ein Finger bewegt wird, was in seinem Organismus vorgeht, damit der Finger bewegt wird.

[ 38 ] Die moderne Anthroposophie erkennt aus denselben wissenschaftlichen Grundlagen heraus, wie die andere exakte Wissenschaft auf ihrem Gebiete steht. Und würden wir alle Gesetze des Sternenhimmels bis zu ihrem Ende ergründet haben, alles, was Wolken, was Sonnenstrahlen ihren Weg vorzeigt, würden wir alles ergründet haben, was sonst im Erdenleben um uns herum ist, hier drinnen im Menschen, den man den Mikrokosmos genannt hat, gäbe es noch immer eine reichere Zahl von Rätseln für Weltanschauungen, als es draußen im Raume gibt. Dasjenige, was draußen im Raume ist, das überschaut der Mensch in seinem Leben zwischen Geburt und Tod. Wunderbarer als alles dasjenige, was Sonnensysteme in der Welt zusammensetzt, ist dasjenige, das darinnen im Mikrokosmos gefunden werden kann.

[ 39 ] In derjenigen Welt, aus der wir heruntergestiegen sind, bevor wir uns mit unserem physischen Leib verbunden haben, in dieser Zeit, wo wir als geistig-seelische Wesenheit in der geistig-seelischen Welt selbst gelebt haben, schauten wir auf dasjenige, was wir im Innern als Mensch tragen. Da ist jede Aufmerksamkeit, jeder Gedanke alles dasjenige, was der Mensch erleben kann, das ist in der letzten Zeit, bevor der Mensch heruntersteigt, dahin gerichtet: Wie verbinde ich mich mit demjenigen, was in der Vererbungslinie mit mir verbunden ist. Das Kind, es erlebt die Umformung seines Gehirns, wie das innerlich gesetzmäßig sich vollzieht. Wir erleben die Menschwerdung, bevor wir zu dieser Menschwerdung heruntersteigen. Das ist die eine Seite, die wir als unser lebendiges Denken erringen.

[ 40 ] Die andere Seite ist die, dass wir jetzt hinschauen lernen auf dasjenige, was der Mensch tut. Wir sehen, wie der Mensch einem anderen Menschen in einem bestimmten Lebensjahr begegnet, wir sehen, wie er durch diese Begegnung etwas außerordentlich Bedeutungsvolles erlebt, durch die dann sein eigenes Dasein in diesem physischen Erdenleben eine ganz andere Richtung erhält, man sieht das und sagt sich: Hier liegt ein Zufall vor.

[ 41 ] Derjenige aber, der gerade im richtigen Sinne hinschauen kann, der sieht, wie der Mensch schon bevor er in dieses Erdenleben hineinsteigt, gewisse Sympathien und Antipathien hat und wie diese dahingehen, das eine abzulehnen und das andere anzunehmen. Leugnet man das ab, dann ist es so, wie die Farbenwelt ist für den, der zunächst blind geboren ist und operiert wird, er könnte ja auch die farbige Welt leugnen. So erscheint es als etwas Phantastisches, wenn derjenige, dessen geistiges Auge geöffnet ist, hinschaut, wie schon von Kindheit auf die Antipathie und Sympathie den Weg bereiten, die Weisheit oder auch dasjenige, was zunächst im Leben als Unweisheit erscheint. Wie kurz das Ergebnis von Antipathie und Sympathie selbst ist, lernt man eben durch das lebendige, Leiden-überwindende Denken kennen, dieses Handeln des Menschen, durchsetzt mit Sympathie und Antipathie. Dann schaut man hin auf das Schicksal, wie er sich dies erworben hat in früheren Erdenleben, man lernt hineinschauen in wiederholte Erdenleben.

[ 42 ] Hier ist das Verbindende der Menschheit seelisch-geistig zu finden. Es gliedert sich zusammen wirkliche, tiefe religiöse Empfindung, es gliedert sich zusammen dasjenige, was nur Bildung desjenigen sucht, was in unserem Kopfe vorhanden ist, es gliedert sich zusammen mit dem, was die Forderung unseres tiefsten Herzenslebens ist. Der Mensch gewinnt, indem er sich einlässt auf diese geistige Erkenntnis, er gewinnt die Möglichkeit, auch eine Erkenntnis darüber zu haben, wie er diejenigen, mit denen er hier Gemeinschaft geschlossen hat, im geistigen Leben wiederfindet.

[ 43 ] So habe ich wiederum eine Stufe gezeigt desjenigen — meine sehr verehrten Anwesenden —, was durch Anthroposophie herausführt aus der sinnlich-physischen in die geistige Welt.

[ 44 ] Dasjenige, was da auf diesem Wege gewonnen wird, es sind rein geistig-seelische Vorgänge, die der alte indische Yoga-Gelehrte durch seinen Atmungsprozess gefunden hat. Wir ertöten nicht den menschlichen Leibesorganismus, sondern wir gehen an das Seelenleben heran, wir lassen das Seelenleben ein innerliches Leiden durchmachen, das zu gleicher Zeit den Menschen aber äußerlich als Handelnden, Wollenden in das heutige Lehen hineinstellt und ihn nicht zur Einsiedelei bestimmt. Das ist dasjenige, was in der modernen Kultur wieder angeeignet werden muss, dass man demjenigen offen entgegentritt, der so seine Forschungen der Menschheit darlegt, dem gegenüber man sich so stellt, dass man ihm zustimmt.

[ 45 ] Er kann nichts anderes tun als immer wieder und wieder durch Schilderung der Wege und der Ergebnisse zeigen, wie eben dasjenige, was er vollbringt, nur eine Fortsetzung desjenigen ist, was der Mensch im gewöhnlichen Leben gerechtfertigt finden kann. Und wenn dann gesagt würde, nur diejenigen geht das etwas an, die schon hineinschauen in die geistige Welt, dann muss geantwortet werden: Es ist nicht so, der Mensch ist durch seine Organisation nicht auf Irrtum und Zweifel, sondern er ist veranlagt auf Wahrheit. Daher auch derjenige, der kein Maler ist, vor ein Bild sich hinstellen kann, das in Wahrheit und Schönheit gemalt ist, und es so empfinden kann.

[ 46 ] Mit diesem gesunden Menschensinne kann sich der Mensch hinstellen vor dasjenige, was der anthroposophische Geistesforscher zu sagen hat, und er wird die Wahrheit selbst erkennen können, auch wenn er noch nicht selbst ein Forscher ist. Derjenige, der es nicht ist, kann die Wahrheit durch die gesunden Menschheitskräfte beurteilen. Dasjenige aber, was Anthroposophie zu vollbringen trachtet, das, glaubt sie, ist nicht nur ein Ziel einzelner Einsiedler, sondern es ist dasjenige, was wirklich der moderne Mensch braucht.

[ 47 ] Was haben wir denn im heutigen Geistesleben? Der alte Mensch hatte ein inneres Seelenleben, das er sogar in die äußeren Welten hineintrug. Wir können in die äußeren Welten hineinsehen, uns ist aber dieses innere Geistesleben verloren gegangen, wir haben abstrakte Begriffe, sie sind ausgezeichnet, um alles dasjenige treiben zu können, was keine lebendigen inneren Erkenntniskräfte braucht. Das aber ermahnt uns immer und immer wieder zu betonen: Mit euren Gedanken, die so großartig sind,

[ 48 ] habt ihr doch nichts anderes als im Grunde genommen etwas Totes, ihr habt Gedankenideen vom Geist, und wenn wir auch die alten Zeiten durchaus nicht heraufbeschwören wollen, in denen auf solchen Wegen Geisteserkenntnis gesucht wurde, so war doch in solchen alten Zeiten auf damals angemessene Weise eine lebendige Geistesanschauung gefunden, die damaligen Menschen hatten ein inneres Seelenleben erreicht, etwas, was im inneren Seelenleben den lebendigen Geist verwirklichte.

[ 49 ] Kommen wir wiederum zu jenem lebendigen Denken, wie die Anthroposophie es meint, dann wird Erkenntnis uns nicht nur liefern anschauliche Begriffe, sondern es wird Erkenntnis uns liefern den lebendigen Geist, der unter uns wandelt. So werden wir erleben auch die physischen Pflanzen und Tiere, und wir verbinden unser eigenes menschliches Fühlen mit diesen geistigen Wesenheiten, die lebendige Geisteswelt selbst, die wiederum hereingeführt werden soll in physisches, sinnliches Dasein durch dasjenige, was nun eine lebendige Erkenntnis gegenüber der toten Erkenntnis ist.

[ 50 ] Man muss nur erst sich ganz klarmachen: Wir wollen eine Erkenntnis haben, welche unsere Welt nicht nur mit Gedanken, sondern welche den Geist selbst sich hereinruft. Er wirkt überall da, wo der Mensch selbst aus dem Geist heraus wirkt. Und insbesondere fühlt man heute, wo das soziale Leben in einer so furchtbaren Gestalt sich befindet, man fühlt, wie man etwas braucht, was als Geistiges drinnen sein muss in dem sozialen Leben. Man sieht im Besonderen im sozialen Leben, dass es nicht weitergehen kann, ohne dass der Geist mitwirkt, kurz, Anthroposophie möchte Verständnis finden bei denjenigen Menschen, die sich sozusagen in dem Pulsschlag der gegenwärtigen Kultur fühlen. Anthroposophie möchte, dass man, statt mit bloßen Gedanken und Ideen von dem Geist, durchdrungen mit dem lebendigen Geist in die Gegenwart sich hineinstellt, weil man einsehen muss, dass man nur mit diesem lebendigen Geist jene Aufgaben wird lösen können, die der ganzen Menschheit gestellt werden, so gestellt werden, dass wir nur mit ihrer lebendigen Lösung in eine den Menschen auf seiner geistigen, physischen Höhe erhaltenden Kultur hineinwachsen können in der Zukunft.