The Inner Nature and Essence
of the Human Soul
GA 80b
13 December 1920, Bern
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The Inner Nature and Essence of the Human Soul, tr. SOL
1. Die Ergebnisse der Geisteswissenschaft und ihre Beziehungen zur Kunst und Religion
1. The Findings of the Humanities and Their Relationship to Art and Religion
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Durch eine lange Reihe von Jahren durfte ich hier an diesem Orte sprechen über anthroposophische Geisteswissenschaft, deren Wesen und Bedeutung für das gegenwärtige Geistesleben der Menschheit. Seit ich das letzte Mal dieses tun durfte, haben die Hochschulkurse im Goetheanum in Dornach im September und Oktober dieses Jahres stattgefunden. Diese Hochschulkurse sollten auch äußerlich praktisch erweisen, welche Aufgabe die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft gegenüber den anderen Wissenschaften und gegenüber dem praktischen Leben erfüllen will. Ungefähr dreißig Persönlichkeiten der einzelnen Wissenschaftszweige, Persönlichkeiten des künstlerischen Schaffens, auch Persönlichkeiten des praktischen Lebens, des industriellen, des kommerziellen Lebens [trugen dazu bei]; durch sie sollte gezeigt werden, wie Geisteswissenschaft in die einzelnen Wissenschaftszweige hinein, in das künstlerische Schaffen, aber auch vor allen Dingen in das praktische Leben hinein befruchtend wirken kann. Es sollte eben Geisteswissenschaft durchaus nicht etwa dabei stehen bleiben, theoretische Auseinandersetzungen zu pflegen, gemütvolle Darstellungen zu geben, sondern sie sollte zeigen, wie sie in der Tat Mittel und Wege besitzt, um gerade dasjenige zu tun, was in vieler Beziehung in der Gegenwart und für die nächste Zukunft von anderen Seiten nicht getan werden kann, was aber von ihr unternommen werden kann.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! For many years now, I have had the privilege of speaking here at this venue about anthroposophical spiritual science, its nature, and its significance for humanity’s present spiritual life. Since I last had the privilege of doing so, the School of Spiritual Science courses took place at the Goetheanum in Dornach in September and October of this year. These courses were also intended to demonstrate, in a practical and tangible way, the role that anthroposophical spiritual science—as understood here—seeks to fulfill in relation to the other sciences and to practical life. Approximately thirty individuals from various scientific disciplines, figures from the arts, as well as individuals from practical life—including those in industry and commerce—[contributed to this effort]; through them, it was intended to demonstrate how spiritual science can have a fruitful influence on the various scientific disciplines, on artistic creation, but above all on practical life. Spiritual science should by no means limit itself to engaging in theoretical debates or offering pleasant descriptions; rather, it should demonstrate how it actually possesses the means and methods to do precisely what, in many respects, cannot be done by other fields in the present and for the near future, but which it can undertake.
[ 2 ] Derjenige, welcher den Gang des Geisteslebens in der Gegenwart genauer kennt, er weiß, wie durch die einzelnen Wissenschaftszweige hindurch überall die Meinung, das Gefühl verbreitet ist, dass die einzelnen Wissenschaften an gewisse Grenzen kommen, die ihnen zu überschreiten unmöglich ist. Oftmals sogar ist gemeint, dass es überhaupt dem Menschen unmöglich sei, über solche Grenzen hinauszukommen.
[ 2 ] Anyone who is more familiar with the current state of intellectual life knows how, throughout the various branches of science, the view and sentiment are widespread that the individual sciences reach certain limits that they cannot possibly transcend. It is often even suggested that it is impossible for human beings to go beyond such limits at all.
[ 3 ] Aber auf der anderen Seite steht ja auch der Wissenschaft gegenüber das praktische Leben. Wissenschaft soll und will eingreifen in das praktische Leben. Und es wird wohl derjenige, der im Wissenschaftsleben drinnensteht, nicht leugnen können, dass die Grenzen, an die sich die verschiedenen Wissenschaften gestellt finden — ich brauche ja nur auf die Heilkunde aufmerksam zu machen —, dass diese Grenzen nicht etwa damit erledigt werden können, dass man philosophisch-theoretische Auseinandersetzungen gibt, durch die diese Grenzen gerechtfertigt werden sollen, sondern es handelt sich darum, dass das Leben oftmals gerade dort das Tun des Menschen verlangt, wo die Wissenschaft vor solchen Grenzen steht. Dass in der Tat durch die besondere Methode der Geisteswissenschaft es möglich ist, gerade diejenigen Gebiete zu betreten, auf die als Grenzen die modernen Wissenschaften hinweisen, das sollte auf der einen Seite in den Dornacher Hochschulkursen gezeigt werden. Es sollte gezeigt werden, nicht von einzelnen bloß in der Geisteswissenschaft drinnenstehenden Persönlichkeiten, sondern eben gerade von allen Leuten, von Persönlichkeiten, die ihr einzelnes Fach geradeso wie andere durchaus absolviert haben und die in ihm drinnenstehen, die nur zu gleicher Zeit in der Lage sind, zu zeigen, wie dieses Fach von der Geisteswissenschaft angeregt und befruchtet werden kann. Also, von einer ganz besonderen Wichtigkeit war es auch, dass Persönlichkeiten des praktischen Lebens zeigten, dass die besondere Art und Weise des Denkens, die ja auf Wirklichkeit, auf volle, totale Wirklichkeit ausgeht, zu der allerdings die geistigen Kräfte der Welt gehören, dass diese Betrachtungsweise geeignet ist, auch dasjenige zu leisten im praktischen Leben, was vielfach in der neueren Zeit ungeleistet hat bleiben müssen, und was sich ja als ungeleistet durch die soziale, durch die sonstige Lebensnot unserer Gegenwart wirklich auch äußerlich dokumentiert hat.
[ 3 ] But on the other hand, science is also confronted with practical life. Science should and does seek to intervene in practical life. And surely no one who is deeply involved in the world of science can deny that the boundaries against which the various sciences find themselves —I need only point to medicine—cannot be resolved simply by engaging in philosophical-theoretical debates intended to justify these boundaries; rather, the point is that life often demands human action precisely where science encounters such boundaries. That, in fact, the specific method of the humanities makes it possible to enter precisely those areas that the modern sciences point to as boundaries—this was to be demonstrated, on the one hand, in the Dornach College Courses. This was to be demonstrated not by individual figures immersed solely in the humanities, but precisely by all people—by individuals who have thoroughly mastered their respective disciplines just as others have and who are deeply engaged in them, yet who are at the same time capable of showing how these disciplines can be inspired and enriched by the humanities. Thus, it was also of particular importance that individuals from practical life demonstrate that this specific way of thinking—which is, after all, directed toward reality, toward full, total reality, to which the spiritual forces of the world certainly belong—is capable of accomplishing in practical life what has often had to remain unaccomplished in recent times, and which has indeed been objectively documented as unaccomplished by the social and other hardships of our present time.
[ 4 ] Nun kann man natürlich heute noch nicht davon sprechen, wie stark es gelinge dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft, durch solche praktischen Maßnahmen ihre Berechtigung im Geistesleben der Gegenwart auch von dieser Seite her zu zeigen. Auf der anderen Seite aber kann man doch sagen, dass trotz der Angriffe, von denen Ihnen ja in den vorbereitenden Worten gesprochen worden ist, dass trotz dieser Angriffe immerhin in der neuesten Zeit auch von ernst zu nehmender Seite eingesehen wird, dass das durchaus nicht richtig ist, was von vielen Seiten geglaubt wird, dass man es zu tun habe mit der Anthroposophie [wie] mit der Betätigung irgendeiner [beliebigen] Winkelsekte oder dergleichen.
[ 4 ] Of course, it is still too early to say to what extent this anthroposophical spiritual science will succeed, through such practical measures, in demonstrating its validity in contemporary spiritual life from this perspective as well. On the other hand, however, it can be said that despite the attacks—which were mentioned in the introductory remarks—it is now being recognized, even by serious observers, that what many believe—namely, that anthroposophy is [like] the activity of some [random] fringe sect or the like.
[ 5 ] Ich möchte nur ein Beispiel anführen, um Ihnen zu zeigen, wie trotz aller Gegnerschaft, die ja nicht immer gutwillig ist und vor allen Dingen nicht immer gutmeinend ist; wie trotz aller Gegnerschaft ja gerade auch aus der Gegnerschaft heraus Geisteswissenschaft doch langsam zu dem kommt, zu dem sie kommen muss, wenigstens zur Anerkennung ihres ernstlichen Strebens und ihres offenen Auges für die Kulturnöte der Gegenwart.
[ 5 ] I would like to cite just one example to show you how, despite all opposition—which is not always well-intentioned and, above all, not always well-meaning—how, despite all opposition, and indeed precisely because of that opposition, spiritual science is nevertheless slowly arriving at what it must arrive at: at least the recognition of its earnest striving and its keen awareness of the cultural needs of the present.
[ 6 ] Ich möchte eben dieses eine Beispiel anführen. Die gegnerischen Schriften wachsen sich ja allmählich zu Büchern aus, und es ist in den letzten Wochen ein Buch erschienen, das sich betitelt «Moderne Theosophie». Aus einem Grunde, der ja allerdings merkwürdig ist, gibt der Verfasser an, dass er sich aber durchaus mit nichts anderem beschäftige als mit der Geisteswissenschaft. Er sagt in den folgenden Ausführungen: Wo von Theosophie und Theosophen die Rede ist — das ist stets die Ausdrucksweise, die eben geläufiger ist als die Ausdrücke Anthroposophie und Anthroposophen.
[ 6 ] I would like to cite this very example. The opposing writings are gradually expanding into books, and a book titled *Modern Theosophy* has been published in recent weeks. For a reason that is, admittedly, rather strange, the author states that he is concerned with nothing other than spiritual science. He says in the following remarks: Whenever there is talk of theosophy and theosophists—this is always the terminology used, as it is more common than the terms anthroposophy and anthroposophists.
[ 7 ] Nun, man kann nicht sagen — meine sehr verehrten Anwesenden — dass der Verfasser dieser Schrift, Kurt Leese, der ein Lizenziat der Theologie ist, dass er anerkennend der Anthroposophie gegenübersteht. Im Gegenteil, das ganze Buch ist zur Widerlegung geschrieben. Man kann auch nicht sagen, dass der Verfasser des Buches außerordentlich viel von Anthroposophie versteht. Aber dasjenige, was er gleich auf der ersten Seite vorbringt und vielfach im Buch wiederholt, ist etwas, das zeigt, dass selbst aus der Gegnerschaft heraus nach und nach nicht mehr geleugnet werden kann der Ernst des Wollens der Anthroposophie. Hier wird von einem Gegner gesagt:
[ 7 ] Well, one cannot say—my esteemed audience—that the author of this work, Kurt Leese, who holds a licentiate in theology, views anthroposophy favorably. On the contrary, the entire book is written as a refutation. Nor can one say that the author of the book has an exceptionally deep understanding of anthroposophy. But what he puts forward right on the first page—and repeats many times throughout the book—is something that shows that even from a position of opposition, the seriousness of anthroposophy’s intentions can gradually no longer be denied. Here, an opponent is quoted as saying:
«Hätte man es in der Theosophie mit den beliebigen Einfällen einer im Trüben fischenden Winkel-Sekte zu tun, so verlohnte es sich nicht der Mühe, ihr größere Aufmerksamkeit zuzuwenden.»
“If theosophy were merely a collection of random ideas from some obscure sect fishing in murky waters, it would not be worth the effort to pay it much attention.”
[ 8 ] Und dann sagt er, man habe es zu tun mit etwas, dass zeige die Fundamente einer umfassend angelegten, von ethischem Geist kraftvoll durchwebten Weltanschauung. Dass dieser ethische Geist selbst dann noch übrig bleibe, wenn man alles Übrige negiere bei Anthroposophie, das gibt der Verfasser dieses Buches unumwunden zu:
[ 8 ] And then he says that we are dealing with something that reveals the foundations of a comprehensive worldview powerfully interwoven with an ethical spirit. The author of this book candidly admits that this ethical spirit would remain even if one were to reject everything else in anthroposophy:
«Ihr tatkräftigster Förderer in der Gegenwart, Rudolf Steiner, hat mit dem Rüstzeug großer Belesenheit und nicht abzuleugnenden Scharfsinns im Einzelnen eine große Fülle religionsgeschichtlichen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Materials zusammengetragen, um damit die Fundamente einer umfassend angelegten, von ethischem Geist kraftvoll durchwehten Weltanschauung zu legen.»
“Its most active contemporary advocate, Rudolf Steiner, has drawn upon his vast erudition and undeniable acumen to compile a wealth of material on the history of religion, the natural sciences, and philosophy, in order to lay the foundations for a comprehensive worldview powerfully imbued with an ethical spirit.”
[ 9 ] Dennoch — und nun komme ich zu dem positiven Teil meiner Auseinandersetzung —, dennoch will dieser Gegner, der ja danach strebt, objektiv zu sein, er will zwar aus der Anthroposophie selbst heraus die Gründe zu ihrer Widerlegung suchen, er will gewissermaßen dasjenige, was der Anthroposoph sagt, aufgreifen und Widersprüche und dergleichen belegen, namentlich einen unwissenschaftlichen Charakter darlegen. Aber an einer Stelle verrät er sich in ganz merkwürdiger Weise. Da sagt er an einer besonders charakteristischen Stelle, dass Anthroposophie aufreizend wirke und «unleidlich».
[ 9 ] Nevertheless—and now I come to the positive part of my discussion—this opponent, who strives to be objective, seeks to find the grounds for refuting anthroposophy within anthroposophy itself; he wants, so to speak, to take up what the anthroposophist says and point out contradictions and the like, specifically to demonstrate its unscientific character. But at one point he gives himself away in a most curious way. There, at a particularly telling passage, he says that anthroposophy comes across as provocative and “unbearable.”
Derartige Bravourstücke verzwickter Distinktionen, die von vornherein im ideellen Dienst eines vorgefassten Schemas stehen, machen die Lektüre der Steiner’schen Schriften nicht nur zu einer schwierigen, bei der vielfache Missverständnisse des Nicht-Eingeweihten mitunterlaufen könnten, sondern auch zu einer ärgerlichen und unleidlichen.
Such feats of intricate distinctions, which from the outset serve the ideological purposes of a preconceived schema, make reading Steiner’s writings not only difficult—a process in which the uninitiated might easily fall prey to numerous misunderstandings—but also frustrating and unbearable.
[ 10 ] Also nicht etwa bloß, das logische Urteil, das wissenschaftliche Urteil herausfordernd, sondern das Gefühl, die Emotionen herausfordernd, so sieht man Anthroposophie an! Und warum dieses? Das hängt allerdings zusammen mit der ganz besonderen Art, wie Anthroposophie, gerade indem sie so wissenschaftlich sein will, wie nur irgendeine andere Wissenschaft, wie sie sich stellt zu dem Erkenntniswege der Menschheit.
[ 10 ] So it is not merely a challenge to logical judgment or scientific judgment, but a challenge to feelings and emotions—that is how one views anthroposophy! And why is this so? It is, of course, connected to the very special way in which anthroposophy—precisely by striving to be as scientific as any other science—relates to humanity’s path of knowledge.
[ 11 ] Anthroposophie — selbstverständlich, das habe ich ja hier wirklich sehr oft ausgesprochen —, Anthroposophie würde ganz gewiss nicht ernst zu nehmen sein, wenn sie irgendwie sich töricht ablehnend verhalten würde gegenüber den großen, den bedeutsamen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Methode in der neueren Zeit. Sie würde auch nicht ernst zu nehmen sein, wenn sie irgendwie sich dilettantisch verhalten würde zu dem, was der Geist, die ganze innere Gesinnung des naturwissenschaftlichen Forschens ist. Sie geht durchaus — und darinnen liegt ihre wissenschaftliche Richtung —, sie geht durchaus aus von einer Anerkennung modernen naturwissenschaftlichen Strebens. Sie tut das in der Weise, dass sie gerade sucht, sich zu vertiefen in die naturwissenschaftlichen Methoden, aber zu gleicher Zeit sucht einen Weg, aus dem Begreifen der äußeren Sinneswelt heraus in das Begreifen der geistigen Welt hinein. Und sie möchte die Fragen, auf die es ankommt, die Fragen nach dem Erkenntniswege so beantworten, dass das geistige Gebiet ebenso zu seinem Rechte kommt wie das Sinnesgebiet durch die naturwissenschaftliche Forschung. Dadurch sieht sie sich allerdings gedrängt — nicht bei der naturwissenschaftlichen Methode so wie man sie in sich selber beschränkt glaubt, wenn man sich nur in der Sinneswelt durch sie betätigt —, sie fühlt sich genötigt bei dieser naturwissenschaftlichen Methode, wie sie landläufig ist, nicht stehenzubleiben. Sie gibt sich mehr der Erziehung, der innerlichen Disziplin des Forschens als naturwissenschaftlichen Methoden hin, kann aus dem Grunde dasjenige nicht aufnehmen, was heute vielfach dogmatisch angeführt wird für die Notwendigkeit, in der Sinneswelt und in der Erscheinungswelt durch den Verstand stehen bleiben zu sollen.
[ 11 ] Anthroposophy—as I have, of course, stated here very often—would certainly not be taken seriously if it were to adopt a foolishly dismissive attitude toward the great, significant achievements of the scientific method in modern times. Nor would it be taken seriously if it were to adopt a dilettantish attitude toward the spirit—the entire inner ethos—of scientific research. It is based entirely—and therein lies its scientific orientation—on a recognition of modern scientific endeavor. It does so by seeking to delve deeply into the scientific methods, while at the same time seeking a path from an understanding of the external sensory world into an understanding of the spiritual world. And it seeks to answer the crucial questions—the questions concerning the path to knowledge—in such a way that the spiritual realm is given its due just as the sensory realm is through scientific research. As a result, however, it feels compelled—not to remain confined to the scientific method as it is commonly understood, when one applies it solely within the sensory world—but rather not to stop at this scientific method as it is generally practiced. It devotes itself more to education and the inner discipline of research than to scientific methods; for this reason, it cannot accept what is often dogmatically asserted today regarding the necessity of remaining within the realm of the senses and the world of phenomena through the intellect.
[ 12 ] Und von dieser Seite her wirkt Geisteswissenschaft eben aufreizend, wie dieser Kritiker sagt, und «unleidlich». Denn im Ganzen ist der heutige Mensch nicht geneigt, irgendeine Erkenntnismethode anzunehmen, die sich nicht ergibt aus den gewöhnlichen Merkmalen der menschlichen Natur, die man in der Welt hat, die man sich anerzogen hat oder die eben aus dem Verlaufe des gewöhnlichen Lebens heraus folgen. Gerade die großen, die wunderbarsten Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft, sie fußen ja darauf, dass man auf einem gewissen Standpunkte der Sinnesbeobachtung, des Experiments und des Kombinierens durch den Verstand stehen bleibt, dass man diese Art der Forschung immer weiter und weiter, gewissenhaft immer weiter und weiter ausführt, dass man aber stehen bleiben will bei dem Standpunkt, den man einmal auf diese Weise eingenommen hat.
[ 12 ] And from this perspective, spiritual science does indeed seem provocative, as this critic says, and “unpleasant.” For, on the whole, people today are not inclined to accept any method of knowledge that does not arise from the ordinary characteristics of human nature—those one encounters in the world, those one has acquired through education, or those that simply follow from the course of ordinary life. It is precisely the great, the most marvelous achievements of modern natural science that are based on remaining at a certain standpoint of sensory observation, experimentation, and intellectual synthesis; on carrying out this kind of research further and further, conscientiously further and further; but on wanting to remain at the standpoint once adopted in this way.
[ 13 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, kann nicht auf diesem Gesichtspunkte stehen bleiben, sondern sie muss, sie fühlt sich gedrängt, gerade durch die strenge naturwissenschaftliche Erziehung, die der geisteswissenschaftliche Forscher durchzumachen hat, sie fühlt sich gedrängt — nicht nur die Erkenntnis, die in der Naturwissenschaft angewendet wird, zu erweitern, genauer zu machen durch allerlei Hilfsmittel —, sondern sie fühlt sich genötigt, eine ganz andere Art von Erkenntnis, eine andere Erkenntnisweise in der Seele auszubilden, als diejenige ist, die man in der Naturwissenschaft heute anwendet. Sie fühlt sich genötigt also, die Hantierung des Naturwissenschafters ins geistige Gebiet hinein fortzusetzen, sodass das Entstehen dieser geisteswissenschaftlichen Methode eher charakterisiert werden kann als ein Herauswachsen, aber ein ganz natürliches Herauswachsen aus den naturwissenschaftlichen Methoden, denn als eine bloße Erweiterung der naturwissenschaftlichen Methode. Und da kommt man eben auf dasjenige, was ja von den verschiedensten Gesichtspunkten her im Laufe der Jahre von mir ausgesprochen worden ist.
[ 13 ] The humanities, as understood here, cannot remain confined to this perspective; rather, they must—and indeed feel compelled, precisely because of the rigorous training in the natural sciences that researchers in the humanities must undergo— it feels compelled—not only to expand the knowledge applied in the natural sciences and to make it more precise through various aids—but it feels compelled to develop within the soul an entirely different kind of knowledge, a different mode of knowing, than that which is applied in the natural sciences today. It therefore feels compelled to extend the natural scientist’s approach into the spiritual realm, so that the emergence of this spiritual-scientific method can be characterized more as a growth—but a completely natural growth—out of the methods of natural science than as a mere extension of the natural-scientific method. And this brings us precisely to what I have expressed over the years from a wide variety of perspectives.
[ 14 ] Man kommt dazu, dass man in dem menschlichen Seelenleben gewisse Kräfte entdeckt, die ebenso zunächst für die gewöhnliche Anschauung, auch für die gewöhnliche wissenschaftliche Anschauung, verborgen liegen, wie etwa in dem zehnjährigen Kinde verborgen liegen diejenigen Seelenkräfte, die eben erst nach fünf oder zehn Jahren dann herauskommen. An ein wirkliches Wachsen des menschlichen Wesens muss da gedacht werden, an ein Hervorsprießen von demjenigen, was im zehnten Jahre noch nicht da ist bis in das fünfzehnte oder zwanzigste Jahr hinein. Und das entdeckt diese hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft, dass auch, wenn man sich hin entwickelt hat bis zu denjenigen Methoden, durch die man in aller gewissenhaftester Weise naturwissenschaftlich forschen kann, dass es dann doch möglich ist — sodass es verglichen werden kann mit einem wirklichen Wachstum des Menschenwesens —, dass es doch möglich ist, die menschlichen Seelenkräfte weiterzuentwickeln, dass es möglich ist, Seelenkräfte aus der menschlichen Seele herauszuholen, welche die Welt nun nicht bloß, ich möchte sagen mikroskopisch genauer oder teleskopisch näher sehen kann, sondern die die Welt ganz anders sehen, nämlich geistig-seelisch sehen gegenüber der bloß sinnlichen Anschauung.
[ 14 ] One comes to discover certain forces in the life of the human soul that are initially hidden from ordinary perception—and even from ordinary scientific perception—just as the soul forces in a ten-year-old child remain hidden until they emerge five or ten years later. One must consider the genuine growth of the human being—the sprouting forth of that which is not yet present at age ten and continues into the fifteenth or twentieth year. And this is what the anthroposophical spiritual science referred to here discovers: that even when one has developed to the point of employing methods that allow for the most conscientious scientific research, it is still possible—in a way that can be compared to the actual growth of the human being—to further develop the human soul forces; it is possible to to draw out powers from the human soul that can see the world not merely—I would say—with greater microscopic precision or telescopic closeness, but that see the world in an entirely different way, namely, through a spiritual-soul perspective as opposed to mere sensory perception.
[ 15 ] Und es wird nicht versucht — meine sehr verehrten Anwesenden — etwa irgendwie das Geistige durch äußere Maßnahmen, durch äußere Experimente zu erforschen. Wie sollte man auch das Übersinnliche durch Laboratoriumsversuche erkennen! Das wollen diejenigen, die nach dem Spiritismus neigen, das wollen solche Menschen, die etwa um Schrenck-Notzing sich sammeln oder andere. Gerade auf dem Gesichtspunkt steht die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft, dass dasjenige, was äußerlich verfolgt werden kann durch Maßnahmen, die dem äußerlichen naturwissenschaftlichen Experiment nachgebildet sind — wenn sie noch so erstaunen, dass dadurch, dass man die Sinneswelt in irgendeiner Weise, sei es vertieft oder verfeinert, oder dass man sie in irgendeiner Weise mehr ins Ätherische hinauf wirken lässt —, dass man dadurch, dass man in der Sinneswelt bleibt, durchaus nicht zu Erkenntnissen über die übersinnliche Welt kommen kann. Dass aber empfindet der moderne Mensch vielfach als eine Zumutung, dass er nun etwas mit seinen Seelenkräften erst tun soll, diese Seelenkräfte selber erst entwickeln soll, bevor er in der geistigen Welt forschen kann.
[ 15 ] And no attempt is made—my esteemed audience—to investigate the spiritual realm in any way through external measures or external experiments. How, indeed, could one come to know the supersensible through laboratory experiments! That is what those inclined toward spiritualism want; that is what people who gather around Schrenck-Notzing, for example, or others, want. The anthroposophical spiritual science referred to here takes precisely the opposite view: that whatever can be pursued externally through methods modeled on external scientific experimentation—no matter how astonishing it may seem that by deepening or refining the sensory world in any way, or by allowing it to act more toward the ethereal realm in some way—that by remaining within the sensory world, one can by no means arrive at knowledge of the supersensory world. Yet modern people often find it unreasonable that they must first do something with their soul forces, that they must first develop these soul forces themselves, before they can explore the spiritual world.
[ 16 ] [Da ist es] allerdings notwendig, eine gewisse intellektuelle Bescheidenheit zu entwickeln, die darin besteht, dass man sich sagt: Mit denjenigen Kräften, die ja so vorzüglich für die Sinneswelt geeignet sind wie diejenigen, die die moderne Naturwissenschaft anwendet, mit den Kräften lässt sich eben nicht in die geistige Welt hineinkommen. Der Mensch muss sein eigenes Übersinnliches erst erwecken, wenn er das Übersinnliche in der äußeren Umwelt, der er als geistig-seelisches Wesen ebenso angehört wie er der physischen Welt durch sein sinnliches Wesen angehört, wenn er diese geistig-seelische Wesenheit in der Umwelt erforschen will.
[ 16 ] [Here,] however, it is necessary to develop a certain intellectual humility, which consists in telling oneself: With those faculties that are so eminently suited to the sensory world—such as those employed by modern natural science—it is simply not possible to enter the spiritual world. A person must first awaken his or her own supersensible faculties if he or she wishes to explore the supersensible in the external environment—to which, as a spiritual-soul being, he or she belongs just as much as he or she belongs to the physical world through his or her sensory nature.
[ 17 ] Es ist gewiss nicht jedermanns Sache, meine sehr verehrten Anwesenden, ein Geistesforscher zu werden; allein, will man auch nicht ein Geistesforscher werden, deshalb geht es doch nicht, dass man sagt, das Geisteswissenschaftliche wäre müßig, weil es ein Gebiet eröffnete, in das ja doch nur derjenige, der in einem gewissen Sinne seine Seelenkräfte entwickelt, hineinschauen könne.
[ 17 ] It is certainly not for everyone, my esteemed audience, to become a researcher of the spirit; however, even if one does not wish to become a spiritual researcher, that is no reason to say that spiritual science is idle, simply because it opens up a realm into which, after all, only those who have developed their soul powers in a certain sense can gain insight.
[ 18 ] Die moderne Menschheit nimmt auch nicht in ihrer Ganzheit etwa den Weg in die naturwissenschaftliche Methode selbst hinein; aber das moderne Leben ist durchsetzt von den Vorstellungen, welche wir durch Naturwissenschaft in dieses Leben hineintragen. Man findet einfach durch den gesunden Menschenverstand sich genötigt, dasjenige anzunehmen, dem Leben einzuverleiben, es anzuwenden auch sonst in Bezug auf die Verfassung des menschlichen Lebens, was von den Naturwissenschaften ausstrahlt. Geradeso wie der Forscher in den Laboratorien seine Versuche macht, die dann hinausgehen in die Welt, so wird es auch eine neue Geistesforschung geben können. Aber die allgemeine Menschheit will sich zu den Ergebnissen der Geistesforschung ebenso verhalten können, wie sie sich zu denen der Naturwissenschaft verhalten kann, ohne dass man den Vorwurf zu erheben braucht, da ist irgendetwas auf bloßen Glauben oder auf Autorität hin angenommen.
[ 18 ] Modern humanity, taken as a whole, does not, strictly speaking, follow the path of the scientific method itself; but modern life is permeated by the ideas that we bring into it through the natural sciences. Simply through common sense, one feels compelled to accept and incorporate into life—and to apply in other ways as well, with regard to the nature of human existence—what emanates from the natural sciences. Just as the researcher conducts experiments in the laboratory that then find their way out into the world, so too will there be a new spiritual science. But humanity at large wants to be able to relate to the findings of spiritual science in the same way it relates to those of the natural sciences, without having to face the accusation that something has been accepted on the basis of mere faith or authority.
[ 19 ] Dasjenige nun, was als diese besondere innere, intime seelische Methode angegeben ist, das ist in geradliniger Fortentwicklung zu suchen von schon vorhandenen, im gewöhnlichen Leben, in der gewöhnlichen Wissenschaft schon vorhandenen menschlichen Seelenkräften. Man kommt, ich möchte sagen verstandesmäßig darauf, dass es so etwas geben muss, wenn man die eigentliche Erkenntnisbedeutung des modernen naturwissenschaftlichen Lebens sich vor die Seele führt.
[ 19 ] What is described as this particular inner, intimate spiritual method is to be found in the direct development of human spiritual powers that already exist in ordinary life and in ordinary science. One arrives—I would say intellectually—at the conclusion that such a thing must exist when one brings the true epistemological significance of modern scientific life before one’s soul.
[ 20 ] Ich bin gewiss kein Kantianer, meine sehr verehrten Anwesenden. Alles dasjenige, was sich mir aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ergibt, ist im Grunde genommen antikantisch. Aber auf einen Ausspruch Kants darf ich dennoch hier verweisen, denn dasjenige, das in diesem Ausspruche liegt, ist im Grunde genommen [verifiziert], bewahrheitet worden durch die ganze neuere wissenschaftliche Entwicklung, insofern diese ganze neuere wissenschaftliche Entwicklung sich wirklich bestrebt, Welterkenntnis zu sein, begreifbare Welterkenntnis zu sein. Es ist der Ausspruch Kants: In jeder Wissenschaft ist eigentlich nur so viel wirkliche Wissenschaft zu finden, als in ihr Mathematik vorhanden ist.
[ 20 ] I am certainly no Kantian, my esteemed audience. Everything that emerges for me from the anthroposophically oriented spiritual science is, in essence, anti-Kantian. But I must nevertheless refer here to a statement by Kant, for what is contained in this statement has, in essence, been [verified], confirmed by the entire recent scientific development, insofar as this entire recent scientific development truly strives to be knowledge of the world—comprehensible knowledge of the world. It is Kant’s statement: “In every science, there is actually only as much real science to be found as there is mathematics present in it.”
[ 21 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden — das ist etwas, was man Kant nicht bloß zu glauben braucht, sondern was man überall bewahrheitet sieht in der wissenschaftlichen Entwicklung der neueren Zeit, insbesondere in derjenigen Entwicklung, welche ja am überschaubarsten ist, welche am überschaubarsten zu einem Weltbilde den Menschen führt, in der physikalischen Wissenschaft. Man wendet das mathematische Denken an, man experimentiert, beobachtet da nicht bloß, sondern man durchdringt die Beobachtungen mit der Mathematik. Was bedeutet das eigentlich?
[ 20 ] I am certainly no Kantian, my esteemed audience. Everything that emerges for me from the anthroposophically oriented spiritual science is, in essence, anti-Kantian. But I must nevertheless refer here to a statement by Kant, for what is contained in this statement has, in essence, been [verified], confirmed by the entire recent scientific development, insofar as this entire recent scientific development truly strives to be knowledge of the world—comprehensible knowledge of the world. It is Kant’s statement: “In every science, there is actually only as much real science to be found as there is mathematics present in it.”
[ 22 ] Ja, es bedeutet, dass man erst dann das Gefühl hat, gewissermaßen intellektuelles Licht hineinzubringen in dasjenige, was man in der Außenwelt beobachten kann, wenn man die Beobachtungen [verifiziert hat] auf mathematische Art. Und wodurch ist das? Ja, das ist dadurch, dass man die mathematischen Erkenntnisse durch sich selber einsieht, dass man die mathematischen Erkenntnisse nicht durch äußere Beobachtung kennenlernt. Derjenige, der einmal in innerer Anschauung weiß, die drei Winkel eines Dreiecks sind 180°, wer sich das in eigener Anschauung zurechtlegen kann, in der gewöhnlichen euklidischen Geometrie, der weiß es. Er weiß es durch die eigene Anschauung klar, und wenn Millionen von Menschen ihm widersprechen würden, er weiß es. Er kann es durchaus bekräftigen für seine innere Anschauung als eine Wahrheit. Es ist also die innere Arbeit des Anschauens, durch die man zu den mathematischen Wahrheiten kommt, durch die man gewissermaßen innerlich die mathematischen Wahrheiten durchlebt. Und dadurch wird die äußere Beobachtung wissenschaftlich, dass man dieses innerlich Beobachtete in diese äußerlichen Beobachtungen hineinträgt, es mit ihnen verbindet.
[ 22 ] Yes, it means that one only feels, so to speak, that one is shedding intellectual light on what one can observe in the external world once one has [verified] the observations mathematically. And how does that come about? Well, it is because one grasps mathematical insights through one’s own understanding—one does not come to know them through external observation. Anyone who, through inner intuition, knows that the three angles of a triangle add up to 180°—anyone who can grasp this through their own intuition in ordinary Euclidean geometry—knows it. They know it clearly through their own intuition, and even if millions of people were to contradict them, they still know it. They can certainly affirm it as a truth based on their inner intuition. It is therefore the inner work of contemplation through which one arrives at mathematical truths—through which one, so to speak, experiences mathematical truths inwardly. And external observation becomes scientific precisely because one carries this inwardly observed insight into these external observations and connects it with them.
[ 23 ] Gerade wenn man diesen ganzen Drang der modernen naturwissenschaftlichen Richtung in sich erlebt hat durch Mathematik, also durch eine innerlich klare, lichtvolle Verfolgung von gewissen Anschauungen zu wissenschaftlichen Wegen zu kommen, die auch das Erkenntnisbedürfnis des Menschen befriedigen, dann wird man weiter gedrängt. Und da ergibt sich ja dann etwas anderes. Es ergibt sich dann das andere, möchte ich sagen aus den Tiefen des Lebens heraus. Aus den Tiefen unserer Seele quellen da herauf alle möglichen Erkenntnisbedürfnisse gegenüber den großen Rätselfragen des Daseins.
[ 23 ] Precisely when one has experienced within oneself this whole impulse of the modern scientific approach through mathematics—that is, through an inwardly clear, luminous pursuit of certain insights to arrive at scientific paths that also satisfy the human need for knowledge—one is driven further. And then something else emerges. This other thing arises, I would say, from the depths of life. From the depths of our soul well up all manner of needs for knowledge in the face of the great mysteries of existence.
[ 24 ] Zunächst ganz unbestimmt will der Mensch etwas wissen über dasjenige, was sein eigentlicher Wesenskern ist. Er will etwas wissen, oder wenigstens, man kann sagen, er setzt voraus, dass es etwas zu wissen gibt über dasjenige, was über Geburt und Tod hinaus liegt. Er setzt auch voraus, dass, wenn auch noch so dunkel sein Gang mit Bezug auf dasjenige ist, was er sein Schicksal nennt, es doch vielleicht einen Erkenntnisweg gibt, um die scheinbar so verworrenen Fäden des menschlichen Geschickes irgendwie erkennend zu durchblicken. Da wird der Mensch, gerade indem er solches aus der Seele Heraufquillendes erlebt, da wird der Mensch mehr und mehr, ich möchte sagen durch innerliche Seelenpraxis darauf aufmerksam werden, wie er veranlasst wird, wenn er gerade sein inneres Seelenleben, dieses in ihm befindliche Denken, Fühlen, Wollen, wenn er das in einer ähnlichen Weise durchsichtig betrachten will, wie es ihm bis zu einem gewissen Grade gelingt heute schon, mit mathematischen Vorstellungen die äußere Welt zu durchdringen. Und von dem — was man da erlebt als einen Erkenntnisantrieb, von dem der Geistesforscher ausgeht —, da kommt er darauf, dass man gewisse Seelenkräfte, die im gewöhnlichen Leben unbedingt zum gesunden Menschendasein nötig sind, dass man diese weiter ausbilden kann, als sie im gewöhnlichen Leben da sind.
[ 24 ] At first, in a very vague way, human beings want to know something about what constitutes the very core of their being. They want to know something—or at least, one might say, they assume that there is something to be known about that which lies beyond birth and death. They also assume that, even if their path is still obscure with regard to what they call their destiny, there may nevertheless be a path of knowledge that allows them to somehow discern the seemingly tangled threads of human fate. It is precisely by experiencing what wells up from the soul in this way that a person— I would say, through inner spiritual practice, increasingly aware of how he is prompted—when he seeks to view his inner spiritual life, this thinking, feeling, and willing within him, in a transparent way—in a manner similar to how he already succeeds to a certain degree today in penetrating the outer world with mathematical concepts. And from what one experiences there as a drive toward knowledge—the starting point for the spiritual researcher—one comes to realize that certain soul forces, which are absolutely necessary for a healthy human existence in ordinary life, can be developed further than they are in ordinary life.
[ 25 ] Nun, eine von diesen gewöhnlichen Seelenfähigkeiten, ohne deren normales Funktionieren wir nicht seelisch gesund sein können, ist die Erinnerungsfähigkeit. Meine sehr verehrten Anwesenden! Diese Erinnerungsfähigkeit, wir kennen sie ja alle; wir wissen aber auch, wie sie für ein gesundes, normales Seelenleben notwendig ist. Die pathologischen Fälle sind bekannt, wo der Erinnerungsfaden bis zu dem Punkte der Kindheit, bis zu dem wir uns höchstens zurückerinnern im Leben, unterbrochen ist, wo wir nicht zurückschauen in das Leben, das wir durchgemacht haben seit unserer Geburt. Wenn ein Mensch in dieser Weise seinen Erinnerungsfaden, seine Erinnerungsströmung unterbrochen hat, dann fühlt er sich innerlich gewissermaßen ausgehöhlt. Sein Seelenleben ist nicht gesund, und er kann sich auch nicht gesund in das äußere Leben, weder in das soziale Leben noch in das Naturleben, hineinfinden. Es ist also die Erinnerungsfähigkeit etwas, was sozusagen mit dem normalen Menschenleben unbedingt verwachsen ist. Die Erinnerung schließt sich an an dasjenige, was wir durch unsere Sinne erfahren, was wir überhaupt im Wechselverkehr mit der äußeren Welt durchmachen. Diese Erinnerung, wie stellt sie sich uns dar?
[ 25 ] Well, one of these ordinary mental faculties—without the normal functioning of which we cannot be mentally healthy—is the ability to remember. Ladies and gentlemen! We are all familiar with this capacity for memory; but we also know how essential it is for a healthy, normal soul life. We are familiar with pathological cases in which the thread of memory is severed at the point of childhood—the furthest back we can recall in our lives—where we cannot look back on the life we have lived since our birth. When a person has severed the thread of their memory—the flow of their recollections—in this way, they feel, as it were, hollowed out from within. Their inner life is not healthy, and they cannot find a healthy place for themselves in external life—neither in social life nor in life in nature. The ability to remember is therefore something that is, so to speak, inextricably intertwined with normal human life. Memory is linked to what we experience through our senses—to everything we go through in our interaction with the external world. How does this memory present itself to us?
[ 26 ] Wir können sie ganz gut vor unsere Seele rufen in unserem Wesen, wenn wir dies durch ein Bild tun. Unser Leben liegt gewissermaßen in jedem Augenblicke zunächst wie ein unbestimmter Strom hinter uns. Aber so leben wir ja im Innern unserer Seele, dass aus diesem Zustand unbestimmte Ströme herauftauchen können, die Bilder der einzelnen Erlebnisse, dass wir durch mehr oder weniger willkürliche innere Handlungen diese Bilder heraufholen können, dass sie uns auch kommen unwillkürlich und dergleichen. Es ist, wie wenn ein Strom unseres Wesens da wäre und aus diesem Strome wie Wellen auftauchen könnten diese unsere Erinnerungsbilder.
[ 26 ] We can quite easily summon them to our soul within our being when we do so through an image. In a sense, our life lies behind us at every moment, initially like an indeterminate stream. But we live within our soul in such a way that indeterminate streams can emerge from this state—images of individual experiences—and that through more or less arbitrary inner acts we can bring these images to the surface, and that they also come to us involuntarily, and so on. It is as if there were a stream of our being, and from this stream these images of our memories could emerge like waves.
[ 27 ] Derjenige der nicht vorurteilsvoll, sondern wirklich aus dem Geiste moderner Wissenschaft heraus denkt, der weiß, wie eng diese Erinnerungsfähigkeit verbunden ist mit der menschlichen Leiblichkeit, mit der physischen Natur des Menschen. Wir können da, wir brauchen da nur hinzuweisen auf dasjenige, was in dieser Beziehung Physiologie, Biologie angeben können, wie mit der Zerstörung irgendwie der Leiblichkeit verbunden ist die Erinnerungsfähigkeit. Und wir werden sehen, wie das alles darauf hinweist, dass ein wirklich innerlich gesunder Leib notwendig ist, damit der Mensch die Erinnerungsfähigkeit im gesunden Zustande habe.
[ 27 ] Anyone who thinks not with prejudice but truly in the spirit of modern science knows how closely this capacity for memory is connected to human physicality, to the physical nature of human beings. We can—indeed, we need only—point to what physiology and biology have to say in this regard, namely, how the capacity for memory is in some way connected to the physicality of the body. And we will see how all of this points to the fact that a truly healthy body is necessary for a person to maintain a healthy capacity for memory.
[ 28 ] Diese Erinnerungsfähigkeit ist ja durchaus so, dass sie in der rechten Weise, möchte ich sagen die Lebhaftigkeit der äußeren Sinneswahrnehmungen, die wir erfahren in unserem Zusammenhange mit der äußeren Welt, dass sie diese Lebhaftigkeit der äußeren Sinneswahrnehmung in einer gewissen Weise [abblassen] muss. Wir dürfen nur in einem abgeblassten Zustande die Bilder der Erlebnisse wieder zurückrufen, und wir müssen diese Bilder so zurückrufen, dass wir mit unserem Willen in einer entsprechenden Weise bei diesem Zurückrufen beteiligt sein können. Blass und mit einer gewissen Willkür müssen diese Bilder in unserem inneren Seelenleben auftauchen. Und es ist ja hinlänglich bekannt, dass, wenn diese Erinnerungsbilder auftauchen mit einer bestimmten Lebendigkeit, Intensität, und wenn der menschliche Wille, wenn das Gefüge des Ich zurücktreten muss vor diesen Bildern, wenn der Mensch nicht fest in seinem Ich beharren kann gegenüber diesen Bildern, dann entstehen die krankhaften Seelenzustände, entstehen Halluzinationen, Visionen, entsteht alles dasjenige, wodurch der Mensch eigentlich tiefer in seinem Leibe ist, als er verbunden ist, wenn er im gewöhnlichen Wahrnehmungs- und Erinnerungsleben sich befindet.
[ 28 ] This capacity for memory is, in fact, such that—in the right way, I would say—it must, in a certain sense, [diminish] the vividness of the external sensory perceptions we experience in our interaction with the external world. We can only recall the images of our experiences in a subdued state, and we must recall these images in such a way that we can participate in this recall with our will in an appropriate manner. These images must emerge in our inner soul life in a subdued manner and with a certain degree of arbitrariness. And it is, of course, well known that when these images of memory emerge with a certain vividness and intensity, and when the human will—when the structure of the “I”—must yield to these images, when the human being cannot firmly maintain his “I” in the face of these images, then pathological states of mind arise, hallucinations arise, visions—in short, everything that causes a person to be, in a sense, more deeply rooted in their physical body than they are when engaged in ordinary perception and memory.
[ 29 ] Das muss vorausgesetzt werden, damit man Geisteswissenschaft nicht missverstehe, namentlich nicht in Bezug auf ihre Methode, dass die Geisteswissenschaft sich ganz klar ist darüber, in dem Augenblicke, wo dasjenige eintritt, was man Vision, was man Halluzination nennt, was man selbst intensivere Bilder der Phantasie nennen kann, dass in dem Augenblicke der Mensch nicht etwa freier ist von seinem leiblichen Leben, sondern dass er durch irgendwelche pathologischen Zustände abhängiger ist von dem leiblichen Leben, als er ist im gewöhnlichen äußeren Dasein. Gegen den Glauben muss durchaus gekämpft werden, dass Geisteswissenschaft irgendetwas zu tun habe mit solchen pathologischen Zuständen der Seele. Im Gegenteil, schärfer als das äußere Leben betont sie, dass diejenigen ganz auf Irrwegen sind, die glauben, dass man in die geistige Welt hineinschauen kann, indem man sich solchen abnormen, aber nur durch die pathologischen Körperzustände bewirkten Seelenerscheinungen hingibt, wie etwa diejenigen sind, die im Mediumismus auftreten, die als Halluzination, als Vision und dergleichen auftreten.
[ 29 ] This must be taken for granted so that the humanities are not misunderstood—particularly with regard to their method—namely, that the humanities are perfectly clear about the fact that, at the very moment when what is what is called a vision, what is called a hallucination, or what one might even call more intense images of the imagination—that at that very moment, the human being is not, as it were, freer from his physical life, but rather, due to certain pathological conditions, is more dependent on physical life than he is in ordinary, external existence. We must resolutely combat the belief that spiritual science has anything to do with such pathological states of the soul. On the contrary, it emphasizes even more strongly than ordinary external life that those who believe one can gain insight into the spiritual world by indulging in such abnormal soul phenomena—which are caused solely by pathological physical conditions, such as those that occur in mediumship and manifest as hallucinations, visions, and the like—are completely on the wrong track.
[ 30 ] Mehr ist dasjenige, vielmehr — meine sehr verehrten Anwesenden — was der Geistesforscher als innere Verrichtungen der Seele vornimmt. Das wird gebracht in eine Seelenverfassung, die durchaus nachgebildet ist dem Vorgehen dieser Seele, wenn sie sich dem mathematischen Denken hingibt. Ebenso wie das mathematische Denken ganz durchzogen ist von dem Ich, das sich fortwährend selber in der Hand hat. Und wie jeder Übergang so gemacht wird, dass man gewissermaßen überall drinnen ist und weiß, wie das eine in das andere übergeht, ebenso muss in solcher Seelenverfassung dasjenige verlaufen, was der Geistesforscher als seine Methode im inneren Seelenleben durchmacht. Indem er von der Erinnerungsfähigkeit ausgeht, greift er auf die wichtigste Eigenschaft dieser Erinnerungsfähigkeit. Sie besteht darinnen, dass die Erinnerung dasjenige, das wir sonst nur im Augenblicke erleben, dauerhaft macht. Dauerhaft bleibt uns für unser Leben dasjenige, was wir im Augenblicke erlebt haben. Aber wodurch bleibt es für uns dauerhaft?
[ 30 ] Rather—my esteemed audience—it is what the spiritual researcher undertakes as inner activities of the soul. This is brought into a state of mind that is entirely modeled after the way this soul proceeds when it devotes itself to mathematical thinking. Just as mathematical thinking is entirely permeated by the “I,” which continually maintains control of itself. And just as every transition is made in such a way that one is, so to speak, present throughout the process and knows how one thing flows into the next, so too must what the spiritual researcher undergoes as his method in his inner soul life proceed within such a state of mind. By taking the capacity for memory as his starting point, he draws upon the most important characteristic of this capacity. It consists in the fact that memory makes permanent that which we otherwise experience only in the moment. What we have experienced in the moment remains permanent for our lives. But by what means does it remain permanent for us?
[ 31 ] Wenn man das nimmt, was ich schon gesagt habe, die Abhängigkeit des menschlichen normalen Seelenlebens von der Leiblichkeit, so muss man sich sagen, dass wir die Erinnerung normal unterhalten, wenn es beruht darauf, dass uns unser Leib zu dieser Erinnerungsfähigkeit verhilft. Es beruht darauf, dass wir nicht in der bloßen Seele zu arbeiten haben, wenn wir uns erinnern wollen. Wir wissen ja, dass in die unbestimmten Untiefen des Leibeslebens hinuntertaucht dasjenige, was später als Erinnerung heraufkommt. Und wiederum kommt es auch herauf aus unbestimmten Untergründen des Lebens. Die übergeben gewissermaßen unserem Leibesleben dasjenige, was in uns bewirkt wird durch die Sinneseindrücke und durch die verstandesmäßige Verarbeitung derselben auch. Wir holen es dann wiederum herauf, indem wir dasjenige, das leiblich erlebt wird in der Zeit zwischen dem leiblichen Leben und der Erinnerung, indem wir das wiederum in die Vorstellung heraufheben. Wir entlehnen also unsere Vorstellungen, indem sie Erinnerungsvorstellungen werden, dem klaren Wahrnehmen, dem wir uns hingeben im mathematischen Denken.
[ 31 ] If we take what I have already said—namely, the dependence of normal human soul life on physicality—then we must conclude that we maintain memory normally when it is based on our body enabling us to have this capacity for memory. It is based on the fact that we do not operate within the soul alone when we wish to remember. We know, after all, that what later surfaces as memory plunges down into the indeterminate depths of bodily life. And in turn, it also surfaces from the indeterminate depths of life. We, so to speak, entrust to our bodily life that which is brought about within us by sensory impressions and by the intellectual processing of those impressions as well. We then bring it back up again by lifting what is physically experienced in the interval between physical life and memory into our imagination. Thus, when our ideas become memories, we borrow them from the clear perception to which we surrender ourselves in mathematical thinking.
[ 32 ] Der Geistesforscher knüpft dennoch an gerade an dieses Dauern der Vorstellungen in der Erinnerung. Und das führt ihn dann zu dem, was ich in meinen Schriften, vor allen Dingen in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss» die sachgemäße Meditation genannt habe. Da zeigt es sich, ich habe es ja schon öfter charakterisiert, und Sie finden es genauer besprochen in den genannten Büchern. Da setzt man ein durchaus individuell Vorstellungsmäßiges oder einen individuellen Vorstellungskomplex in sein Bewusstsein herein und übergibt — sagte ich — damit nicht irgendwelche Reminiszenzen, [die] aus dem Unterbewusstsein herauftauchen nun in das, was man nur aus dem menschlichen Willen heraus tun soll, wie man das mathematische Verbinden und Analysieren aus dem menschlichen Willen heraus tut. Man stellt also gewisse Vorstellungen, die man sich raten lässt oder sonst irgendwie bekommt, längere Zeit in den Mittelpunkt seines Bewusstseins — und bei demselben völlig klaren, mathematisch klaren Tagesbewusstsein —, solche Vorstellungen, sodass man gewissermaßen die Tätigkeit ausübt, seelisch ausübt: zu ruhen auf Vorstellungen, wie sonst nur bewirkt werden kann durch die Hilfe, die uns dabei die Leiblichkeit leistet.
[ 32 ] The spiritual researcher, however, focuses precisely on this persistence of mental images in memory. And this then leads him to what I have called “proper meditation” in my writings, above all in the book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* and in my *Outline of Esoteric Science*. There it becomes evident—as I have characterized it many times before—and you will find it discussed in greater detail in the books mentioned. Here one brings a thoroughly individual mental image or a complex of individual mental images into one’s consciousness and—as I said—does not thereby surrender mere reminiscences [that] surface from the subconscious into what one is to do solely through human will, just as one performs mathematical combination and analysis through human will. So one places certain ideas—which one is prompted to consider or otherwise acquires—at the center of one’s consciousness for an extended period—and this within the same completely clear, mathematically clear waking consciousness—such ideas that one, in a sense, engages in the activity, performs it psychically: resting on ideas, as can otherwise only be achieved through the assistance our physicality provides us in this process.
[ 33 ] Und dann sieht man, dass allerdings dieses Ruhen auf gewissen Vorstellungen einen Erfolg hat. Dann sieht man, dass man ja gewahr wird, wie im Innern unserer Seele Kräfte ruhen, die nichts zu tun haben mit der Leiblichkeit, durchaus nicht hinführen in das Gebiet der Halluzination oder des Visionären, die durchaus in dem Gebiete stehen bleiben, in dem sich die Seele bewegt, wenn sie Mathematik entwickelt. Aber es ist eben auch ein inneres Entwickeln von Vorstellungen, es ist ein seelisches Erleben von Vorstellungen. Es brauchen ja nur andere Vorstellungen, als die mathematischen sind, in den Mittelpunkt des seelischen Lebens gerückt zu werden, dann entwickelt sich auch eine andere Fähigkeit als die mathematisierende.
[ 33 ] And then one sees that, indeed, this reliance on certain ideas does bear fruit. Then one sees that one becomes aware of how forces lie dormant within our soul that have nothing to do with physicality, that by no means lead into the realm of hallucination or the visionary, but remain entirely within the realm in which the soul moves when it engages in mathematics. But it is also an inner development of concepts; it is a spiritual experience of concepts. All that is needed is for ideas other than mathematical ones to be brought into the center of our soul life; then a capacity other than the mathematical one will also develop.
[ 34 ] Und man darf sich nicht vorstellen, dass das etwa besonders leicht und bequem ist. Jahrelang müssen solche Übungen fortgesetzt werden von demjenigen, der ein wirklicher Geistesforscher werden will. Aber dann stellt sich eben auch heraus, wie in der Seele Kräfte vorher latent waren, verborgen waren, die nun hervorgeholt werden. Er fühlt sich dann im Besitze von gewissen Kräften. Vor allen Dingen: Es tritt zu dem Anschauungsvermögen, zu dem sinnlichen und verstandesmäßigen Anschauungsvermögen, das er vorher gehabt hat, ein anschauendes, ein geistig-seelisch anschauendes Vermögen der Seele hinzu. Es wird der Mensch fähig, aus seinem Inneren heraus gewissermaßen dasjenige real zu entwickeln, das Goethe mehr symbolisch «Geistesauge», «Geistesohr» genannt hat. Der Mensch wird fähig, anders zu sehen, als er vorher gesehen hat, und vor allen Dingen stellt sich zunächst ein, dass er sein eigenes Seelenleben anders sieht.
[ 34 ] And one must not imagine that this is particularly easy or comfortable. Anyone who wishes to become a true spiritual researcher must continue such exercises for years on end. But then it also becomes clear how certain powers were previously latent and hidden within the soul, powers that are now being brought to the fore. The individual then feels that he possesses certain powers. Above all: the soul’s capacity for spiritual and psychological perception is added to the capacity for perception—both sensory and intellectual—that he previously possessed. The person becomes capable, as it were, of truly developing from within that which Goethe more symbolically called the “spiritual eye” and the “spiritual ear.” The person becomes capable of seeing differently than before, and above all, it first becomes apparent that he or she sees his or her own soul life differently.
[ 35 ] Ich habe ja darauf aufmerksam gemacht, dass wir dieses Seelenleben, insoferne wir es durchlebt haben seit der Geburt in einem zunächst wie unbestimmten Strom, den wir eigentlich nur ganz unbestimmt im Auge haben und aus dem dann die Erinnerungsvorstellungen herauftauchen. Man muss aber dazu noch sagen: Dieser Strom sind wir eigentlich selber. Man versuche nur einmal, das «Erkenne dich selbst» recht anzuwenden. Man wird sehen, dass man im gewöhnlichen Leben eigentlich nichts anderes ist als dieser Strom, dieser Strom, der so unbestimmt ist, aus dem aber alles Mögliche, was wir erlebt haben, immer wieder auftauchen kann. Man ist das Selbst. Man hört aber in einer gewissen Weise auf, dieses Selbst zu sein, wenn man in der Weise meditiert, wie ich das eben angedeutet habe. Meditation nannte ich eben dieses Ruhen auf bestimmten Vorstellungen, wobei in der Anwendung doch dazu notwendig ist, die vorher verborgenen Seelenkräfte im Innern des Menschen zu entwickeln. Und der erste Erfolg davon ist der, dass uns tatsächlich das, in dem wir sonst immer drinnenstehen, das wir sonst eigentlich immer sind, der Zusammenhang unserer Erinnerungen — denn sonst sind wir im gewöhnlichen Bewusstseinszustande im Grunde genommen nichts als der Strom unserer Erinnerungen —, dass der für uns objektiver, dass der für uns etwas Äußeres wird, dass wir auf es hinschauen lernen.
[ 35 ] I have, after all, pointed out that we have experienced this inner life—insofar as we have lived through it since birth—as a stream that initially seems indefinite, one that we actually perceive only very vaguely and from which our memories then emerge. But it must also be said: We ourselves are actually this stream. Just try, for once, to apply the saying “Know thyself” correctly. You will see that in ordinary life you are actually nothing other than this stream—this stream that is so indefinite, yet from which all manner of things we have experienced can emerge again and again. One is the Self. Yet in a certain sense, one ceases to be this Self when one meditates in the way I have just described. I have just referred to this resting on certain ideas as meditation, although in practice it is necessary to develop the previously hidden powers of the soul within the human being. And the first result of this is that what we are otherwise always immersed in—what we are, in fact, always—the web of our memories—for in ordinary states of consciousness we are, after all, nothing but the stream of our memories—becomes more objective to us, becomes something external to us, and we learn to observe it.
[ 36 ] Dass wir uns also in voller mathematischer Klarheit aus ihm herausgehoben haben, und dass wir auf ihn hinschauen. Das ist das erste Erlebnis, das wir haben. In einem gewissen Momente unseres Bewusstseins kommt es als Ergebnis des Meditierens zustande, dass wir wie ein Erinnerungstableau unser Leben in einer gewissen Weise doch wenigstens bis nahezu zur Geburt zurück wie ein einheitliches Ganzes, wie eine Totalität, wie ein Panorama vor uns haben. Allerdings nicht gerade das, was wir vor uns haben wie Erinnerungsvorstellungen, aber dasjenige, was wir vor uns haben, ist eigentlich unser Inneres, insofern wir erleben, was das Dasein aus uns gemacht hat, wie in einer Ganzheit. Ich möchte sagen, der ganze Strom, der wir sonst selber sind, der liegt vor uns. Wir haben uns herausgehoben aus diesem Strome.
[ 36 ] So we have detached ourselves from it with complete mathematical clarity, and we are looking at it. That is the first experience we have. At a certain moment in our consciousness, as a result of meditation, our life unfolds before us—like a tableau of memories—in a certain way, at least almost back to birth, as a unified whole, as a totality, as a panorama. However, it is not exactly what we have before us as memories; rather, what we have before us is actually our inner self, insofar as we experience what existence has made of us, as if in a unity. I would say that the entire stream that we otherwise are lies before us. We have detached ourselves from this stream.
[ 37 ] Das ist das erste Erlebnis, das wir in uns erleben in der Zeit, in der Dauer überblicken, dass wir tatsächlich durch praktische innere Seelenvornahme nicht bloß im Augenblicke verharren, sondern dass wir das Leben als solches überblicken.
[ 37 ] This is the first experience we have within ourselves—the realization, over time and duration, that through a practical, inner act of the soul, we do not merely remain in the moment, but rather that we perceive life as such.
[ 38 ] Wir lernen aber dadurch noch etwas anderes. Dadurch, dass wir unser Seelenleben in einer solchen Weise objektiv machen, lernen wir uns aufzuklären über Vorgänge, die wir eigentlich jeden Tag durchmachen, die wir auch äußerlich beobachten, die wir aber durchaus von innen heraus im alltäglichen Leben nicht beobachten können. Das ist der Vorgang des Einschlafens, der Vorgang des Aufwachens im gewöhnlichen Leben. Man würde ja wirklich sich einem herben Widerspruche hingeben, wenn man glauben wollte, dass dasjenige, was der Seeleninhalt ist, bei jedem Einschlafen hinstirbt, und bei jedem Aufwachen wieder entsteht. Dieser Seeleninhalt ist da vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber da der Mensch im gewöhnlichen Leben sein Bewusstsein nur durch das Zusammenspiel seiner Seele mit dem Leibe haben kann, im Schlafzustande aber das Seelische aus dem Leibe sich herausgelöst hat, so kann der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen innerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins nichts von sich wissen.
[ 38 ] But we learn something else from this as well. By objectifying our inner life in this way, we learn to gain insight into processes that we actually go through every day, that we also observe from the outside, but that we are completely unable to observe from within in our everyday lives. This is the process of falling asleep and the process of waking up in ordinary life. One would indeed be succumbing to a bitter contradiction if one were to believe that the content of the soul dies with every falling asleep and is reborn with every waking up. This content of the soul is present from the moment of falling asleep until waking up. But since in ordinary life a person can have consciousness only through the interaction of the soul with the body, whereas in the state of sleep the soul has detached itself from the body, a person can know nothing of themselves within ordinary consciousness from the moment of falling asleep until waking up.
[ 39 ] Aber indem man zu einer solchen Erkenntnis aufgestiegen ist, wie ich es eben charakterisiert habe, indem man sein Leben als Dauer neben sich hat, kann man sich auch aufklären über den Vorgang des Einschlafens und Aufwachens. Denn der Mensch ist, indem er sich aus seinem gewöhnlichen Erlebnis herausbegibt, indem er sich anschauen lernt, ist er ja in demselben Zustande — das lernt er erkennen, dass er in demselben Zustande ist, aus der unmittelbaren Erfahrung lernt er das erkennen, dass er in dem Zustande ist —, in dem er sonst ist, unbewusst, wenn er zwischen Einschlafen und Aufwachen ist. Dadurch lernt man den Vorgang des Einschlafens und Aufwachens erkennen. Dadurch lernt man erkennen, dass man weiß: Nun hast du dich versetzt in einen Zustand, wo du dein Leben überschaust. Das ist aber nur ein kurz dauernder Erkenntniszustand. Dann gehst du wieder in das gewöhnliche Leben zurück. Du hast also den Zustand der Seele außerhalb des gewöhnlichen Erlebens und des gewöhnlichen Zustandes, in dem du sonst bist, wo du innerhalb deiner Erlebnisse stehst. Dieses Wiederhereingehen in den Zustand des gewöhnlichen Lebens, das ist ganz genau gleich mit dem Aufwachen. Und [das] Aus-sich-Herausbegeben, das lernt man erkennen durch die unmittelbare Anschauung; das Herausgehen und Objektivmachen des Lebens, das ist ganz genau gleich, innerlich angeschaut, mit dem Einschlafen. Man lernt also diese zwei Vorgänge innerlich anschauen. Dadurch bekommt man aber die Elemente, um noch etwas anderes anzuschauen.
[ 39 ] But by having risen to a level of insight such as I have just described—by having one’s life as a continuum present alongside oneself—one can also gain insight into the process of falling asleep and waking up. For when a person steps out of their ordinary experience—when they learn to observe themselves—they are, in fact, in the same state—they come to recognize that they are in the same state; they learn to recognize this from direct experience—as they are otherwise, unconsciously, when they are between falling asleep and waking up. Through this, one learns to recognize the process of falling asleep and waking up. Through this, one learns to recognize that one knows: Now you have placed yourself in a state where you can survey your life. But this is only a fleeting state of awareness. Then you return to ordinary life. So you have this state of the soul outside of ordinary experience and the ordinary state in which you usually find yourself—where you are immersed within your experiences. This re-entry into the state of ordinary life is exactly the same as waking up. And this “stepping out of oneself”—one learns to recognize this through direct observation; this stepping out and objectifying life is, when viewed inwardly, exactly the same as falling asleep. So one learns to observe these two processes inwardly. Through this, however, one gains the elements needed to observe something else as well.
[ 40 ] Allerdings muss ja dann hinzukommen noch eine gewisse Erweiterung desjenigen, was ich genannt habe. Ich habe gesagt, ich kann heute bloß darauf hinweisen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie der Geistesforscher gewisse Vorstellungen in den Mittelpunkt seines Bewusstseins rückt. Er muss aber eigentlich ganz besonderen Wert darauf legen, nicht bloß auf solchen Vorstellungen mit dem Bewusstsein ruhen zu können, sondern er muss auch seine Willkür — und das muss durch ganz andere Übungen wiederum geschehen, sie können darüber nachlesen in den genannten Büchern — er muss dazu kommen, diese Vorstellungen wiederum ganz durch Willkür zu unterdrücken, sie zu umfassen mit dem Bewusstsein. Er muss so innerlich Herr werden — wenn ich mich des Ausdrucks immer wieder bedienen darf — über diese Vorstellungen, die im Wesentlichen wie Bilder sind, angeschaute Bilder sind, farbige, angeschaute Bilder sind. Die Menschen mögen noch so lachen über dasjenige, was Goethe genannt hat und was ich auch in meiner «Theosophie» beschrieben habe als das «Bildanschauen in der Imagination», was Goethe genannt hat «sinnlich-übersinnliches Schauen». Wie gesprochen werden kann von einem farbigen Anschauen, geradeso von einem farbigen Anschauen wie gegenüber der Außenwelt gesprochen werden kann von einem farbigen Anschauen, so von einem farbigen Anschauen der inneren Bilder. Es entsteht dadurch, dass irgendetwas objektiv wird. Und das Seelenleben wird objektiv, wie ich es beschrieben habe, durch die Meditation.
[ 40 ] However, this must then be supplemented by a certain expansion of what I have described. I have said—dear friends here today—that I can only point out how the spiritual researcher brings certain ideas into the center of his consciousness. But he must actually place particular emphasis not merely on being able to rest his consciousness on such ideas, but he must also—and this, in turn, must be achieved through entirely different exercises, which you can read about in the books I mentioned—he must come to suppress these ideas entirely through his will, to encompass them with his consciousness. He must thus become the inner master—if I may use this expression again and again—of these ideas, which are essentially like images, visualized images, colorful, visualized images. People may laugh all they want at what Goethe called—and what I have also described in my *Theosophy*—as “contemplating images in the imagination,” which Goethe termed “sensory-supersensory vision.” Just as one can speak of colored vision—colored vision in the same way one speaks of colored vision in relation to the external world—so too can one speak of colored vision of the inner images. This arises when something becomes objective. And the life of the soul becomes objective, as I have described, through meditation.
[ 41 ] Aber der Mensch muss auch fähig sein, das alles wiederum wegzuschaffen. Das ist er, wie Sie wissen, bei pathologischem Seelenzustande nicht. Mit mathematischer Klarheit muss sich der Mensch bewegen in diesem Heraufbringen der Vorstellungen und in diesem Wiederwegschaffen der Vorstellungen. Dadurch, dass der Mensch in dieser Weise gewissermaßen hin- und herschwingt in seinem Bewusstsein zwischen Vorstellungen, die er aus seiner Willkür heraus [für eine bestimmte Dauer] in sein Bewusstsein rückt, indem er sie wieder wegschafft, da übt er sich eine Art Systole und Diastole, eine Art Ausatmen und Einatmen. Das geistig-seelisch, innere Bewegliche kommt da über den Menschen.
[ 41 ] But a person must also be capable of clearing all of this away again. As you know, this is not the case when a person is in a pathological mental state. A person must proceed with mathematical clarity in both bringing these ideas to the surface and clearing them away again. By oscillating in this way, as it were, in their consciousness between ideas—which they bring into their consciousness [for a certain duration] of their own volition and then remove again—they practice a kind of systole and diastole, a kind of exhalation and inhalation. The inner, mentally and psychologically active force takes hold of the person in this way.
[ 42 ] Es ist dies — meine sehr verehrten Anwesenden — jene Methode, in die geistigen Welten zu kommen, die durchaus unserem Zeitalter angemessen ist. Angemessen ist es, mit Bewusstsein einzutreten in die geistigen Welten. Während in alten Zeiten, in denen man instinktiv in die geistigen Welten, insbesondere durch die orientalische Methode, eingetaucht ist, man geradezu ins Bewusstsein heraufzuheben versuchte den Atmungsvorgang, also auch eine innere Tätigkeit auszuüben versuchte, indem man den Atmungsvorgang innerlich zu überschauen strebte, und im Atmungsvorgang dann dasjenige zu erschauen strebte, was als das innere Wesen des Menschen vorhanden ist. Dieser Vorgang führt nicht in einer angemessenen Weise in der jetzigen Zeit den Menschen in die geistige Welt. Diejenigen, die ihn wieder hervorholen wollen, alte Einrichtungen wieder hervorholen wollen, die handeln eigentlich gegen die Entwicklung der Menschheit. Heute ist es der Menschheit angemessen, diese Methode des physischen Atmens zu ersetzen durch eine andere Systole und Diastole — durch dasjenige, was ich eben charakterisiert habe als ein aus dem Willen heraus bewirktes Hinsetzen der Vorstellungen und wieder willkürlich Herausholen dieser Vorstellungen aus dem Bewusstsein.
[ 42 ] This, my esteemed audience, is the method of entering the spiritual worlds that is entirely appropriate for our age. It is appropriate to enter the spiritual worlds with consciousness. Whereas in ancient times, when people instinctively immersed themselves in the spiritual worlds—particularly through the Eastern method— people sought to raise the act of breathing into full consciousness—that is, to engage in an inner activity by striving to observe the breathing process inwardly and to perceive within it the inner essence of the human being. This process does not lead people into the spiritual world in an appropriate way in the present age. Those who wish to revive it—to revive old practices—are actually acting against the development of humanity. Today, it is appropriate for humanity to replace this method of physical breathing with another form of systole and diastole—namely, what I have just characterized as the will-driven setting aside of mental images and their subsequent voluntary retrieval from consciousness.
[ 43 ] Dadurch, dass der Mensch auf der einen Seite, indem er zur Imagination kommt, und dadurch beschreibt den umgekehrten Weg — und dadurch, dass er immer weiter und weiter rückt dasjenige, was ich hier beschrieben habe als ein bewusstes Hin- und Her-Oszillieren im meditativen Leben —, dadurch lernt der Mensch dann erkennen, wie man erweitert dasjenige, was man elementar begreift im Ein- und Ausatmen. Und man lernt das als einen Seelenvorgang kennen, der im Wesentlichen beruht auf einer Art begierdenhaften Sich-Hinsehnens nach dem Leibe, nachdem man eine Zeit lang außer dem Leibe war. Und man lernt erkennen, was man seelisch mit dem Leibe von der Geburt bis zum Tode erlebt, wie das die Seele in den inneren Zustand bringt, in dem man sich genötigt sieht, sich wieder eine Zeit lang einer [Antipathie] gegenüber dem Leben hinzugeben.
[ 43 ] On the one hand, by entering into imagination—and thereby tracing the reverse path—and on the other hand, by continually pushing further and further beyond what I have described here as a conscious back-and-forth oscillation in the meditative life, human beings then learn to recognize how to expand upon what they fundamentally grasp in the act of inhaling and exhaling. And one comes to know this as a soul process that essentially rests on a kind of longing gaze toward the body after having been outside the body for a time. And one comes to recognize what one experiences soulfully with the body from birth to death, and how this brings the soul into an inner state in which one feels compelled to surrender once again, for a time, to an [antipathy] toward life.
[ 44 ] Man erweitert dann diese Vorstellungen, aber nicht durch philosophische Spekulation, sondern indem man sein inneres Erkenntnisvermögen erweitert. Und dadurch gelangt man dazu — geradeso wie sonst von einer einfacheren Gattung zu einer komplizierteren Gattung vorgeschritten wird —, kommt man dazu, aus dem Begreifen des [Aufwachens], aus dem innerlichen anschauenden Begreifen des [Aufwachens], den komplizierten Vorgang innerlich anzuschauen, der vorliegt, wenn das Dauernde des Menschen durch Geburt oder Empfängnis aus der geistigen Welt in den physischen Leib einzieht, wenn es die größere Begierde entwickelt, nicht nur in den vorhandenen Leib zurückzukehren wie beim Aufwachen, sondern in einen neuen Leib sich hineinzuverkörpern, indem es eine Zeit lang in der geistigen Welt sich aufgehalten hat, sich nun wieder verkörpert hat.
[ 44 ] One then expands these concepts, not through philosophical speculation, but by expanding one’s inner capacity for insight. And through this one arrives—just as one otherwise progresses from a simpler category to a more complex one—at the point where, through the comprehension of [awakening], through the inner, contemplative comprehension of [awakening], one is able to contemplate inwardly the complex process that takes place when the enduring essence of the human being enters the physical body from the spiritual world through birth or conception, when it develops the greater desire not merely to return to the existing body as in waking, but to incarnate into a new body, having spent some time in the spiritual world and now having incarnated once more.
[ 45 ] Und man lernt erkennen aus dem Einschlafen, indem man in einer Verkörperung den Moment des Sterbens kennenlernt, man lernt erkennen: Durch die Pforte des Todes hindurch geht die den Lebenslauf des Menschen überdauernde Seele, um in der geistigen Welt weiterzuleben. Man lernt nicht durch eine logische oder elementare Kraft etwa, sondern vom Einschlafen und Aufwachen die Vorgänge Geborenwerden und Sterben oder in der Natur diese Vorgänge kennen, sondern indem man immer mehr eben mit mathematischer Klarheit von Element zu Element des inneren Erlebens geht.
[ 45 ] And one comes to understand this through falling asleep, by experiencing the moment of death in an incarnation; one comes to understand: Through the gate of death, the soul—which outlives the course of human life—passes on to continue living in the spiritual world. One does not come to know these processes—such as birth and death—through a logical or elementary force, nor by observing them in the acts of falling asleep and waking up or in nature, but rather by proceeding, with ever-increasing mathematical clarity, from one element to the next within one’s inner experience.
[ 46 ] Dadurch aber — meine sehr verehrten Anwesenden — kommt man in das zweite Stadium eines höheren Bewusstseins, das ich — bitte, stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck, es ist nur eine Terminologie, deren man sich bedienen muss — immer genannt habe Ins[piration] — durch die man auf das Dauernde im gewöhnlichen physischen Leben zurückschaut wie auf ein fortfließendes Panorama. Man kommt dazu, nun wirklich durch inneres Anschauen, durch eine geistige Wissenschaftlichkeit das Ewige im Menschen zu begreifen. Und es ist möglich, dieses Ewige im Menschen zu begreifen. Es ist möglich, dass der Mensch seinen Zusammenhang mit dem Übersinnlich-Ewigen ebenso erkennt, wenn er das Übersinnliche in sich erweckt, wie der Mensch seinen Zusammenhang mit der Sinnenwelt erkennt, wenn er das Bewusstsein dafür in sich erweckt, durch welches der Mensch seinen Zusammenhang schaut in der physischen Welt.
[ 46 ] But through this—my esteemed audience—one enters the second stage of a higher consciousness, which I—please do not take offense at the term; it is merely terminology that must be used—have always called “Ins[piration]”—through which one looks back upon the enduring aspects of ordinary physical life as if upon a flowing panorama. One comes to truly comprehend the eternal in the human being through inner contemplation and spiritual scholarship. And it is possible to comprehend this eternal aspect in the human being. It is possible for a person to recognize their connection to the supersensible-eternal just as fully when they awaken the supersensible within themselves as they recognize their connection to the sensory world when they awaken within themselves the consciousness through which they perceive their connection to the physical world.
[ 47 ] Diese Dinge, sie rücken sich allerdings in das gegenwärtige Bewusstsein so herein — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie sich einmal hereingerückt haben, widersprechend gegenüber allem Früheren, die kopernikanische Weltanschauung oder Ähnliches. Aber wenn auch dasjenige, was ich nun angeführt habe, so vielen Menschen heute durchaus noch paradox erscheint, man darf sich da ja erinnern, dass auch die kopernikanische Weltanschauung den Menschen in der Zeit, in der sie aufgetreten ist, durchaus paradox erschienen ist.
[ 47 ] These things, however—my esteemed audience—are making their way into our present consciousness just as the Copernican worldview, or something similar, once made its way in, contradicting everything that came before. But even if what I have just mentioned still seems thoroughly paradoxical to so many people today, we must remember that the Copernican worldview also seemed thoroughly paradoxical to people at the time it first emerged.
[ 48 ] Und dann — meine sehr verehrten Anwesenden — lernt man aber auch, wie man eine andere menschliche Seelenkraft entwickelt, die des Erinnerungsvermögens, die ja in einer Weise ausgebildet ist, wie ich es eben beschrieben habe. Man lernt nicht nur diese erkennen, sondern eine andere menschliche Seelenkraft, die nun auch durchaus hineinführt in das gewöhnliche normale Leben, nur, ich möchte sagen hineinführt, trotzdem ihr Ursprung ein physischer ist, in einer mehr moralischen Art in das höhere Leben. Man lernt erkennen, wie diese Seelenkraft einer anderen Entwicklung fähig ist, als derjenigen, die sie im gewöhnlichen Leben hat. Man lernt erkennen, wie die Liebe Erkenntniskraft werden kann.
[ 48 ] And then—my dear friends here today—one also learns how to develop another human soul force: that of memory, which is, after all, formed in the way I have just described. One learns not only to recognize this, but also another human soul force that now leads—and I would say leads, even though its origin is physical—into ordinary, normal life, yet in a more moral way into the higher life. One learns to recognize how this soul power is capable of a different kind of development than the one it undergoes in ordinary life. One learns to recognize how love can become a power of knowledge.
[ 49 ] Ich weiß es wohl zu würdigen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie Widerspruch sich erheben muss aus der heutigen Weltanschauung heraus, wenn man sagt: Die Liebe wird zu einer Erkenntniskraft gemacht werden. Sie wird ja als das Subjektive angesehen, als dasjenige, was gerade von aller Wissenschaftlichkeit ausgeschlossen werden muss. Dennoch aber, derjenige, der solches in der Seele erlebt, wie ich es Ihnen geschildert habe, indem er sich zum Geistesforscher hin entwickelt, der weiß, was sich im gewöhnlichen Leben als Liebe entwickelt, eine mit dem Menschlichen zusammenhängende menschliche Fähigkeit ist, die nun nicht bloß vom Menschen erlebt werden kann, wenn er irgendeinem geliebten äußeren Gegenstande gegenübersteht, sondern die auch innerlich vom Menschen als allgemeines menschliches Charakteristikon erlebt werden kann. Da kann sie erhöht werden seelisch, und sie kann, möchte ich sagen ganz intim, [seelisch] erhöht werden, indem man dasjenige ausbildet, was man im gewöhnlichen Leben ja auch wiederum anwendet. Gerade wenn wir die Erinnerungsfähigkeit, die Konzentration auf irgendeinen einzelnen Bewusstseinsinhalt, irgendeinen Gegenstand ausdehnen, so wie man früher immer wieder und wieder Vorstellungen willkürlich in die Dauer erhoben hat, [indem in der Konzentration der Gegenstand herausgehoben wird, zunächst willkürlich], dadurch, dass man mit der äußeren Welt in einer gewissen Wechselwirkung steht. Indem wir unseren Willen in das Konzentrieren hineinentwickeln, dadurch lernen wir erkennen, wie man dasjenige, was sonst wiederum durch das Körperliche des Menschen als Liebe sich darlebt, seelisch ergriffen werden kann, wie das seelisch losgelöst werden kann von der Leiblichkeit, geradeso wie bei der früher charakterisierten Fähigkeit.
[ 49 ] I am well aware—my esteemed audience—that opposition must arise from today’s worldview when one says: Love will be transformed into a power of knowledge. After all, it is regarded as the subjective, as that which must be excluded from all scientific inquiry. Nevertheless, anyone who experiences this in their soul, as I have described to you, as they develop into a spiritual researcher, knows that what develops as love in ordinary life is a human capacity connected with the human being—one that can be experienced not only when a person faces some beloved external object, but also inwardly as a general human characteristic. There it can be elevated in the soul, and it can—I would say—be elevated quite intimately [in the soul] by cultivating that which one, after all, also applies in ordinary life. Precisely when we extend the capacity for memory, the concentration on any single content of consciousness, any object—just as in the past we repeatedly and arbitrarily prolonged mental images over time [by singling out the object in concentration, initially arbitrarily]—by standing in a certain interaction with the external world. By developing our will into the act of concentration, we learn to recognize how that which otherwise manifests itself through the physical aspect of the human being as love can be grasped by the soul, and how it can be detached from the physical body in a soulful way, just as with the ability characterized earlier.
[ 50 ] Dadurch aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, indem man so erkennenlernt, wie der Mensch innerlich als liebendes Wesen konstituiert ist, was ja sonst nur sich entzündet im Wechselverkehr mit äußeren Wesen, indem man diese inneren Eigenschaften, diese innere Impulsivität des Menschen ins Seelische heraufhebt — die einzelnen Übungen dazu, Sie können sie wiederum in den genannten Büchern finden —, dadurch gelangt man dazu, das, was ich früher charakterisiert habe, dieses Geborenwerden und Sterben als körperliches Aufwachen und Einschlafen, dieses nicht nur innerlich anzuschauen, sondern innerlich auch zu durchschauen. Dadurch aber wird das menschliche Leben in einen ganz anderen Sinneskreis gerückt.
[ 50 ] But through this—my esteemed audience—by coming to recognize how the human being is constituted inwardly as a loving being—which otherwise is kindled only in interaction with external beings—and by elevating these inner qualities, this inner impulsivity of the human being, into the realm of the soul—the specific exercises for this can be found in the books I mentioned— through this one comes to not only contemplate inwardly what I characterized earlier—this being born and dying as physical waking and falling asleep—but also to penetrate it inwardly. Through this, however, human life is placed within an entirely different sphere of meaning.
[ 51 ] Sehen wir uns doch einmal dieses menschliche Leben, wie es uns schicksalsgemäß berührt, an. Wir stehen diesem menschlichen Leben gegenüber, begegnen Hunderten und Hunderten von Menschen. An einem Orte, an den das Leben uns gebracht hat, entzündet sich zu diesem oder jenem Wesen das oder jenes, das uns in einen bedeutsamen Schicksalszusammenhang für uns hineinbringt. Derjenige, der nur mit dem gewöhnlichen Bewusstsein das Leben ansicht, redet da von Zufall, redet von demjenigen, dass ihm eben aus den unerklärlichen Untergründen des Lebens zugefallen ist. Der aber, der die Seelenkräfte, die sonst verborgen sind, bis zu dem Grade, in dem ich es bisher charakterisiert habe, aus seiner Seele herausgeholt hat, der sieht allerdings, wie in den unterbewussten Tiefen, nicht von Vorstellungen durchhellt für das gewöhnliche Bewusstsein, aber in unterbewussten Tiefen im Menschen ruht dasjenige, was der Begierde verwandt ist, was einen treibt im Leben.
[ 51 ] Let us take a look at this human life as it touches us through fate. We face this human life, encountering hundreds and hundreds of people. In a place where life has brought us, this or that aspect of one person or another is kindled, drawing us into a significant connection of destiny for ourselves. The person who views life only with ordinary consciousness speaks of coincidence here, of the fact that this person has simply come to them from the inexplicable depths of life. But the one who has drawn the soul forces—which are otherwise hidden—from within his own soul to the degree I have described so far, he indeed sees how, in the depths of the subconscious—not illuminated by ideas accessible to ordinary consciousness, but in the subconscious depths of the human being—there lies that which is akin to desire, that which drives one in life.
[ 52 ] Wenn man durchschaut, nachdem man sich vorbereitet hat, zu überschauen sein Leben wie ein Panorama, nachdem man gewahr geworden ist das Dauernde, das Ewige, das durch Geburt und Tod geht, wenn man die Fähigkeiten entwickelt hat, die nach diesem schauen können, dann — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann wenden sich diese Fähigkeiten, wenn sie noch durchwärmt sind von einer besonderen Ausbildung der Liebefähigkeit, dann entwickeln sich Fähigkeiten im Leben so, dass wir lernen, wie wir allerdings merkwürdigerweise unser Leben gestaltet haben, um es — sagen wir — im einzelnen Falle, bis zu dem Punkte hinzubringen, an dem uns dieser oder jener Schicksalsschlag getroffen hat.
[ 52 ] When one gains insight—after having prepared oneself to survey one’s life like a panorama, after having become aware of the enduring, the eternal, that which passes through birth and death, and after having developed the faculties capable of perceiving this—then, my esteemed audience, then these faculties—while still warmed by a special training in the capacity for love—will turn our attention to life in such a way that we learn how, strangely enough, we have shaped our lives to bring them—let us say—in each individual case, to the point at which this or that stroke of fate has struck us.
[ 53 ] Wir lernen erkennen in Bezug auf dasjenige, was sonst in unterbewussten Untergründen liegt, wie das Leben einen Zusammenhang hat. Und von da aus geht wiederum die Erkenntnis, wie dasjenige, was nun zugrunde liegt diesem Schicksalszusammenhang des Lebens, hinweist auf die wiederholten Erdenleben. Wie dasjenige, was wir verfolgen können mit den entwickelten Seelenkräften, einen im Gange unseres Schicksals, durchwärmt von der Erkenntniskraft der Liebefähigkeit, wie das uns das Bewusstsein bringt, dass wir durch viele Erdenleben gegangen sind und noch durch viele Erdenleben gehen werden. Und dass zwischen den Erdenleben immer Aufenthalte in der rein geistig-seelischen Welt liegen, in denen sich in der Seele eben dasjenige abspielt, was aus den früheren Erdenleben heraus das Vorstellungsmäßige ist, dasjenige, das wir vor allen Dingen in das Denken also heraufgehoben haben, wie sich das umsetzt in eine innere Seelenmetamorphose, in Begierde, die dann hindrängt zu einem neuen Erdenleben. Dieses neue Erdenleben wird so gestaltet. Es wird dasjenige, was der schicksalsmäßige Zusammenhang des Lebens ist, durchsichtig.
[ 53 ] We come to recognize, with regard to that which otherwise lies in the subconscious depths, how life is interconnected. And from there arises the realization of how that which now underlies this interconnectedness of life’s destiny points to repeated earthly lives. Just as what we can perceive with our developed spiritual powers—a process in the course of our destiny, warmed by the power of love—brings us the awareness that we have passed through many earthly lives and will yet pass through many more. And that between earthly lives there are always periods of sojourn in the purely spiritual-soul world, during which precisely what takes place in the soul is the imaginative element derived from earlier earthly lives—that which we have, above all, elevated into thought—and how this is transformed into an inner soul metamorphosis, into a longing that then propels us toward a new earthly life. This new earthly life is thus shaped. It becomes transparent in terms of the fateful interconnection of life.
[ 54 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich konnte nur in einer skizzenhaften Weise darstellen, zu welchen Ergebnissen die Geisteswissenschaft, die auf wissenschaftlicher Erziehung fußt, diese wissenschaftliche Erziehung aber weiterbildet, zu welchem Ergebnis diese Geisteswissenschaft kommt. Dass diese Geisteswissenschaft nun nicht eine Theorie ist, nicht eine Summe von bloßen Gedanken und Vorstellungen ist, das geht einem hervor, wenn man ihren Wert für das menschliche Leben ins Auge fasst. Da muss man aber zu gleicher Zeit hinweisen auf dasjenige, was insbesondere für den Menschen der Gegenwart und der nächsten Zukunft und für die Menschheit mancherlei Zeiten diese Geisteswissenschaft sein kann.
[ 54 ] Well—my esteemed audience—I have been able to present only a rough outline of the conclusions reached by spiritual science, which is grounded in scientific education but also further develops that education, and of the conclusions to which this spiritual science arrives. That this spiritual science is not merely a theory, nor a mere sum of thoughts and ideas, becomes clear when one considers its value for human life. At the same time, however, one must point out what this spiritual science can be, particularly for people of the present and the near future, and for humanity throughout the ages.
[ 55 ] Es ist sehr merkwürdig, wie gerade der Kritiker, von dem ich Ihnen früher gesprochen habe, der nur aus dem Bewusstsein der Gegenwart heraus spricht und die Geisteswissenschaft in Grund und Boden kritisiert, trotzdem er ihr den Wert, von dem ich Ihnen vorhin gesprochen habe, zuerkennt, wie dieser Mann von der Bewertung des Lebens spricht. Dieser Mann ist vollgefüllt mit dem, was er sich als Wissenschaftlichkeit der Gegenwart vorstellt. Indem er die Geisteswissenschaft bewerten will, er hat sie kaum kennengelernt, hat alles gelesen, was öffentlich erschienen ist, das führt er an. Aber dann kann er die folgende Frage stellen:
[ 55 ] It is very strange how precisely the critic I mentioned to you earlier—who speaks solely from a contemporary perspective and thoroughly criticizes spiritual science, even though he acknowledges the value I spoke of earlier—how this man speaks of the evaluation of life. This man is completely imbued with what he conceives of as the scientific nature of the present. In seeking to evaluate spiritual science—which he has barely come to know, having read only what has been published—he cites those works. But then he is able to pose the following question:
Was soll all das Reden vom Gottesdienst [des Erkennens, von Lebensrätseln und ihren Lösungen, was soll aller Aufschwung, wenn trotz allem Aufschwung in Urweltgründe und Urweltfernen, wenn der Theosoph]
What is all this talk of the divine service [of knowledge, of life’s mysteries and their solutions]? What is the point of all this enthusiasm, when—despite all this enthusiasm—we delve into the primordial foundations and primordial distances, when the theosophist]
[ 56 ] — wie gesagt, er meint Anthroposophen —
[ 56 ] — as I said, he’s referring to anthroposophists —
[nicht zu sagen vermag], warum es besser ist, ein Ich, als ein Nicht-Ich zu sein.
[cannot say] why it is better to be a self than a non-self.
[ 57 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, man stelle sich vor, dass ein Mensch dasteht, der konstatiert: Was soll alles das Reden von geistigen Welten, wenn man doch nicht dazu kommen kann, zu wissen warum es besser ist, «ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein»? Die Antwort auf diese Frage lässt sich allerdings nicht theoretisch geben. Und diejenige Wissenschaft, von der der Mann spricht, kann eigentlich nur Theoretiker befriedigen. Diejenige Wissenschaft, von der der Mann spricht, wie stellt sie sich im Grunde genommen doch zu allem? Wie gesagt, es soll gerade von Geisteswissenschaft aus der volle Wert, den für die äußere Sinnenpraxis die moderne naturwissenschaftliche Methode hat, ganz anerkannt werden. Es wäre gewiss töricht, nicht anzuerkennen, was die Röntgenmethode, was die Mikroskopie, was das Teleskop und zahlreiche andere [Methoden und Instrumente] in der neueren Zeit für die Erkenntnis der äußeren Sinneswelt geleistet haben. Und es wäre töricht, vor allen Dingen aber dilettantisch, wollte man nicht einsehen, was naturwissenschaftlich gewissenhafte Methoden für die Disziplinierung des menschlichen Erkenntnisvermögens sind. Aber alles dasjenige, was da im äußeren Experimentieren wirkt, was im äußeren Beobachten und im mathematischen Verarbeiten der äußeren Beobachtungen wirkt, es ist im Grunde genommen doch nur etwas, was auf den menschlichen Intellekt wirkt. Und so paradox es klingt, derjenige, der diese Dinge nicht, ich möchte sagen bloß berufsmäßig, sondern lebensmäßig durchmacht, der kommt darauf, sich zu sagen: Was kann dir die gewöhnliche naturwissenschaftliche Methode, wenn sie ein Weltbild entwickelt, so für das Menschenleben geben? Man sieht es an solchen Ergebnissen. Die Leute mit solcher Methode fragen dann: Warum ist es wertvoller, «ein Ich, als ein Nicht-Ich zu sein»? Warum lebt man nicht als ein unbewusstes [Atom] im Weltenall? Warum lebt man als ein bewusstes Ich?
[ 57 ] Now—my esteemed audience—imagine a person standing there who states: What is the point of all this talk about spiritual worlds if we cannot ultimately know why it is better to “be an ‘I’ rather than a ‘not-I’”? The answer to this question, however, cannot be given theoretically. And the science of which this man speaks can really only satisfy theorists. The science of which this man speaks—what, fundamentally, is its stance toward everything? As I said, it is precisely from the perspective of spiritual science that the full value of the modern scientific method for external sensory practice must be fully acknowledged. It would certainly be foolish not to acknowledge what the X-ray method, microscopy, the telescope, and numerous other [methods and instruments] have accomplished in recent times for our understanding of the external sensory world. And it would be foolish—but above all, amateurish—not to recognize what scientifically rigorous methods mean for the discipline of human cognitive faculties. But everything that is at work in external experimentation, in external observation, and in the mathematical processing of external observations is, in essence, merely something that acts upon the human intellect. And as paradoxical as it sounds, anyone who does not experience these things—I would say not merely as a profession, but as a way of life—will find themselves asking: What can the ordinary scientific method, when it develops a worldview, actually offer human life? One can see this in such results. People who use this method then ask: Why is it more valuable to “be an ‘I’ rather than a ‘not-I’”? Why doesn’t one live as an unconscious [atom] in the universe? Why does one live as a conscious ‘I’?
[ 58 ] Geisteswissenschaft muss eben, indem sie tiefer hineinblickt, sagen: Was ist es, was zum Leben dir gibt diejenige Wissenschaft, die allerdings zu so großen Triumphen es gebracht hat im Grunde genommen für das innere SeelenMenschenleben? Gibt diese Wissenschaft nicht mehr als das Wissen von den Verdauungsvorgängen, von dem Nahrungsgehalt der Lebensmittel für den Hunger gibt? Sie gibt das Intellektuelle, sie gibt dasjenige, was beschreibbarist. Sie gibt allerdings auch Hinweise, wie dasjenige, was instinktiv gemacht wird, in einer gewissen Weise rationell gemacht werden kann. Aber die Wissenschaft als solche, sie kann zwar sagen, wie der Hunger gestillt werden soll, was in den Nahrungsmitteln ist, die den Hunger stillen. Aber sie könnte mit ihren Beschreibungen niemals den Hunger stillen selber.
[ 58 ] The humanities must, precisely by looking deeper, ask: What is it that the science—which has indeed achieved such great triumphs—actually gives you in terms of inner spiritual and human life? Does this science offer anything more than knowledge of digestive processes and the nutritional content of food to satisfy hunger? It provides the intellectual; it provides what can be described. It does, however, also offer guidance on how what is done instinctively can be made rational in a certain way. But science as such can indeed tell us how hunger should be satisfied and what is contained in the foods that satisfy hunger. Yet it could never satisfy hunger itself with its descriptions.
[ 59 ] Wir müssen uns das allerdings aus dem Physischen ins Geistig-Seelische übersetzen. Und da muss allerdings gesagt werden: Dasjenige, was als geisteswissenschaftliches Ergebnis da ist, wenn es auch zunächst selbstverständlich in Ideen, in Vorstellungen gegeben werden muss — wer sich hineinlebt in diese Vorstellungen, wer sich hineinlebt in dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen vermag aus den geistigen Welten heraus —, wer sich überhaupt hineinlebt, indem er erkennenlernt das Dauernde im physischen Menschenleben, das Ewige, die wiederholten Erdenleben, den schicksalsmäßigen Zusammenhang und damit auch ein solches Weltenbild im Zusammenhang wie es dargestellt ist in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss», in geisteswissenschaftlicher Art, wer sich in das alles hineinlebt, der bringt nicht Vorstellungen zutage, die bloß irgendetwas beschreiben vom Menschen, wie die verschiedenen wissenschaftlichen Vorstellungen tun. Sondern er bringt wirkliche Vorstellungen zustande, die dann, wenn sie erlebt werden, die Macht haben, auf den ganzen Menschen zu wirken, die Gefühle und Willensimpulse dieses ganzen Menschen zu ergreifen und gewissermaßen einfach seelische Nahrung sind, geistigseelische Nahrung — es ist nicht bloß von der Sache gesprochen — und die daher auch ins Geistig-Seelische hineinwirken. Sodass das Ich gar nicht theoretisch sich die Frage zu beantworten hätte, warum es besser wäre, «ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein», sondern fühlt, indem es sich hingibt dem, was mit aller Wärme, mit allem Lichte des Geistigen herausstrahlt aus dieser Geisteswissenschaft, bekommt es nicht die Möglichkeit, bloß eine Beschreibung von außen zu geben, sondern es lebt in dem Begriff das Wesen der Sache selber. Die Begriffe sind nur die Träger der Sache selber.
[ 59 ] We must, however, translate this from the physical realm into the spiritual-psychic realm. And here it must certainly be said: That which exists as a result of spiritual science—even if it must initially, of course, be presented in ideas and concepts—whoever immerses themselves in these concepts, whoever immerses themselves in what the spiritual researcher is able to convey from the spiritual worlds—whoever immerses themselves at all by coming to recognize the enduring in physical human life, the eternal, the repeated earthly lives, the fateful connections, and thus also a worldview such as that presented in my *Outline of Esoteric Science*, in the spirit-scientific manner—whoever immerses themselves in all of this does not bring forth concepts that merely describe something about the human being, as the various scientific concepts do. Rather, they give rise to genuine concepts which, when experienced, have the power to affect the whole human being, to stir the feelings and impulses of the will of this entire human being, and are, in a sense, simply spiritual nourishment—spiritual and soul nourishment—it is not merely a matter of discussing the subject—and which therefore also have an effect on the spiritual and soul realms. So that the “I” does not have to answer the question theoretically as to why it would be better “to be an ‘I’ rather than a ‘non-I’,” but rather feels—by surrendering itself to what radiates from this spiritual science with all the warmth and light of the spiritual—it does not merely have the opportunity to provide an external description, but lives within the concept the very essence of the matter itself. The concepts are merely the vehicles of the thing itself.
[ 60 ] Das ist das Eigentümliche, das gar nicht gesehen wird in der geisteswissenschaftlichen Literatur, dass da anders gesprochen wird, nicht Worte gesprochen werden über etwas bloß, sondern dass die Worte drinnenstecken im realen Erleben, die Träger sind des lebendigen Erlebens. Und dass allerdings derjenige, der durchaus zuhört, wenn er einen Sinn dafür hat, in den Worten doch alles das zu empfinden, dass er nicht bloß Beschreibungen von geistig-seelischen Vorgängen bekommt, sondern diese geistig-seelischen Vorgänge selber.
[ 60 ] This is the peculiar thing that goes completely unnoticed in the literature on the humanities: that language is used differently there—words are not merely spoken about something, but are embedded within real experience and serve as the vehicles of living experience. And indeed, anyone who listens attentively—if they have a sense of perceiving all of this in the words—will find that they are not merely receiving descriptions of spiritual and psychological processes, but these spiritual and psychological processes themselves.
[ 61 ] Das — meine sehr verehrten Anwesenden — zeigt uns, dass allerdings diese Geisteswissenschaft etwas sein kann für das unmittelbare praktische Leben. Und sie hat ja auch auf den verschiedensten Gebieten — ich habe im Anfange davon gesprochen — schon sich praktische Betätigung zu verschaffen versucht, sie hat das auch getan auf einem besonders wichtigen Gebiete. Wir haben — meine sehr verehrten Anwesenden — in Stuttgart die Freie Waldorfschule gegründet. Sie ist begründet ganz im Sinne derjenigen Schulen, die einstmals da sein werden, wenn die Dreigliederung des sozialen Organismus — wie ich sie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» beschrieben habe, wie ich sie auch hier schon vorgebracht habe, wiederholt in Bern vorgebracht habe —, zur Tatsache werden wird.
[ 61 ] This—my dear friends here today—shows us that this spiritual science can indeed be of use in our immediate, practical lives. And it has, in fact, already sought to find practical application in a wide variety of fields—as I mentioned at the beginning—and it has done so in one particularly important area. We—my dear friends here today—have founded the Free Waldorf School in Stuttgart. It is founded entirely in the spirit of those schools that will one day exist when the threefold social order—as I have described it in my *Key Points of the Social Question*, as I have already presented it here, and as I have repeatedly presented it in Bern—becomes a reality.
[ 62 ] Diese Freie Waldorfschule ist eine wirkliche, freie Schule. Das heißt, sie steht — es ist das nur durch die württembergischen Schulgesetze, die an dieser Stelle ein «Loch» haben möglich geworden —, sie steht unter der bloßen Verwaltung ihres Lehrerkollegiums im Leben drinnen. Die Lehrer sind absolut als Lehrkörper, als Lehrergesamtheit, souverän. Dasjenige, was in der Schule vorgeht, wird verwaltet von den Lehrern. Und die Verwaltung der Schule selber, sie ist geradeso eine Folge der pädagogisch-didaktischen Impulse, wie dasjenige, was man lehrt, eine Folge der pädagogisch-didaktischen Impulse ist.
[ 62 ] This Free Waldorf School is a truly free school. That is to say, it operates—and this has only been made possible by a “loophole” in the Württemberg school laws—under the sole administration of its teaching staff. The teachers are absolutely sovereign as a teaching body, as a collective of teachers. Everything that takes place in the school is managed by the teachers. And the administration of the school itself is just as much a consequence of pedagogical and didactic impulses as what is taught is a consequence of those same impulses.
[ 63 ] Es ist natürlich nicht mehr die Zeit, Ihnen im Einzelnen dasjenige zu schildern, was die Prinzipien dieser Waldorfschule sind. Da wurde versucht — nur das will ich sagen —, nicht etwa eine Weltanschauungsschule zu begründen. Es lehren dort die katholischen Pfarrer katholischen Religionsunterricht, es lehren die evangelischen Pfarrer evangelischen Religionsunterricht. Diejenigen Kinder, die durch ihren eigenen oder durch den Willen ihrer Eltern eine solche Religion nicht haben, werden in einem freien Religionsunterricht unterwiesen. Aber es ist durchaus nicht darauf abgesehen, irgendeine Weltanschauungsschule den Kindern aufzudrängen. Weltanschauungsschule ist die Waldorfschule nicht! Dasjenige, was drinnen walten soll aus den Wurzeln der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus, das ist lediglich die pädagogisch-didaktische Kunst, die Art und Weise, wie man unterrichtet. Anthroposophie will nicht sein eine Theorie, Anthroposophie will übergehen in die praktische Handhabung des Lebens. Sie hat sich in dieser Weise doch schon, obwohl man natürlich nach einem Jahre noch nichts Besonderes sagen kann, bewährt und besonders gerade an der pädagogisch-didaktischen Kunst der Waldorfschule.
[ 63 ] Of course, this is no longer the time to describe to you in detail what the principles of this Waldorf school are. I just want to say that the intention was not to establish a school based on a particular worldview. Catholic priests teach Catholic religious education there, and Protestant pastors teach Protestant religious education. Children who, by their own choice or that of their parents, do not follow such a religion are taught in a non-denominational religious education class. But the aim is by no means to impose any particular worldview on the children. The Waldorf School is not a school based on a particular worldview! What is to prevail within it, stemming from the roots of anthroposophical spiritual science, is merely the art of pedagogy and didactics—the way in which teaching is carried out. Anthroposophy does not seek to be a theory; anthroposophy seeks to translate into the practical application of life. It has already proven itself in this way—although, of course, after just one year, nothing definitive can be said yet—and particularly in the pedagogical and didactic art of the Waldorf School.
[ 64 ] Da möchte ich Ihnen nur eines erwähnen vom Schlusse des vorigen Schuljahres an und vom Anfang dieses Schuljahres an. Da haben wir gesehen am Ende des vorigen Schuljahres, wie es auf die Kinder wirkt, wenn man ihnen solche Zeugnisse gibt, wie wir sie ihnen gegeben haben in der Waldorfschule, die von Emil Molt in Stuttgart gegründet ist, die von mir eingerichtet ist. In der Waldorfschule sind zuweilen auch Klassen, in denen fünfzig, sogar im Einzelnen über fünfzig Kinder sitzen im vorigen Schuljahr. Dennoch war es möglich, von dem abzugehen, wie es sonst in der Beurteilung der Schüler es durch die Lehrer üblich ist. Alle diese Schemen von
[ 64 ] I’d just like to mention one thing to you regarding the end of the previous school year and the beginning of this school year. At the end of the previous school year, we saw how it affects the children when they are given report cards like the ones we gave them at the Waldorf School, which was founded by Emil Molt in Stuttgart and which I established. At the Waldorf School, there are sometimes classes in which fifty—or even, in some cases, more than fifty—children were enrolled last school year. Nevertheless, it was possible to move away from the way teachers usually assess students. All those categories like “sufficient,” “almost sufficient,” “halfway, almost satisfactory,” and so on and so forth—one simply doesn’t know how to grade them or where to draw the line. All these things were omitted at the Waldorf School. Each individual child was simply described in their own terms: how they were received at school, how they behaved—so that they were described in an individualized way—not according to a formula—and one could see from the report cards what the child had gone through during that particular school year. And each child was given—which has truly proven its worth—a saying tailored entirely to their inner life. Despite having fifty students in each class, it was possible—through the way the teachers practiced the art of education and teaching in the spirit of the anthroposophical worldview—to formulate for each individual child a motto for life, a motto of life force, which is included in the report card and which the child will keep in mind in their soul. And we have seen—for we seek the art of education in a living psychology, in a living science of the soul—how this affected the child, as the child, so to speak, saw itself reflected in the mirror. And if I may mention one more thing: When the children returned from their vacation, it was truly the case that they came back with a different state of mind than is usually observed in children returning to school after a break. They longed to return to school.
[ 65 ] Und noch etwas will ich Ihnen sagen. Jedes Mal, wenn ich wieder in diese Schule zur Inspektion gekommen bin — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich habe es nicht versäumt, entweder in einzelnen Klassen oder der Gesamtheit der Schülerschaft gegenüber ganz systematisch eine Frage zu stellen, immer wieder, unter anderem: Habt ihr eure Lehrer lieb? Und man kann unterscheiden — meine sehr verehrten Anwesenden —, ob irgendetwas herzhaft aus dem menschlichen Inneren kommt oder ob es nur irgendeine konventionelle Antwort ist. Wenn so im Chorus erklang, unmittelbar elementarisch aus der Seele dieses «Ja!», dann sah man, wie allerdings Geltung gefunden hat dasjenige, was da als pädagogisch-didaktische Kunst versucht worden ist aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus.
[ 65 ] And there is something else I would like to tell you. Every time I have returned to this school for an inspection—ladies and gentlemen— I have never failed to ask a certain question quite systematically, either in individual classes or to the entire student body, time and again, among other things: Do you love your teachers? And one can tell—my esteemed audience—whether something comes wholeheartedly from the depths of the human soul or whether it is merely some conventional answer. When that “Yes!” rang out in unison, springing directly and instinctively from the soul, then one could see how effective the pedagogical and didactic approach—based on anthroposophical spiritual science—had indeed proven to be.
[ 66 ] Man gestattet uns ja noch nicht auf vielen Gebieten des Lebens, uns ungehindert zu betätigen. Aber da, wo es möglich ist, muss es ebenso geschehen, dass man auf der einen Seite dasjenige hat, was aus der Geisteswissenschaft heraus, wie sie hier gemeint ist, selber gebracht werden kann, was auf der andern Seite gerade den Bedürfnissen, den Sehnsuchten, den Nöten unserer Zeit im wahren Sinne des Wortes entspricht. Da darf man zum Beispiel wirklich auch darauf hinweisen, wie zahlreiche Persönlichkeiten in der Geschichte, die sich künstlerischem Schaffen hingeben, nach neuen Wegen suchen, instinktiv nach neuen Wegen suchen.
[ 66 ] After all, we are not yet permitted to act freely in many areas of life. But where it is possible, it must also be the case that, on the one hand, we have what can be derived from spiritual science—as understood here—and, on the other hand, what truly corresponds to the needs, longings, and hardships of our time in the truest sense of the word. For example, one may indeed point out how numerous historical figures devoted to artistic creation are seeking new paths—instinctively seeking new paths.
[ 67 ] Solch ein neuer künstlerischer Weg, aber nun gar nicht aus irgendeiner Theorie heraus, nicht aus Ideen heraus, etwa durch eine Symbolik oder durch stroherne Allegorie, sondern durch lebendiges Erfühlen, ein solcher Weg wurde auch gesucht in Dornach selber durch den Bau des Goetheanums. Da war Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, durchaus nicht in der Lage, einfach einen Baumeister zu nehmen und zu sagen: Baue mir in dem und dem Stil hier einen Bau hin, da wollen wir dann in diesem Bau drinnen die Geisteswissenschaft treiben. Nein — meine sehr verehrten Anwesenden —, Geisteswissenschaft ist etwas, was Leben wirkt, weil es Leben ist. Und so kann Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wie gesagt, nicht in allegorisierender Weise, nicht in symbolisierender Weise, sondern indem sie zu gleicher Zeit auf den Menschen sieht, indem sie auf den ganzen Menschen wirkt, die künstlerische Angelegenheit, die Kräfte des künstlerischen Schaffens anregen, die Kräfte des künstlerischen Genießens. So kann sie auch weisen, wie sie sonst im Geistesleben auf die neuen Wege der gegenwärtigen Menschenbedürfnisse sieht, der Zukunft immer mehr und mehr künstlerische Wege weisen.
[ 67 ] Such a new artistic path—but one not based on any theory, not on ideas, not through symbolism or flimsy allegory, but through a living sense of feeling—was also sought in Dornach itself through the construction of the Goetheanum. Spiritual science, as it is understood here, was by no means in a position to simply hire an architect and say: “Build me a structure here in such-and-such a style, and then we will practice spiritual science inside that building.” No—my esteemed audience—spiritual science is something that brings life into being, because it is life itself. And so spiritual science, as understood here, as I said, cannot do so in an allegorical or symbolic way, but rather by looking at the human being as a whole, by acting upon the whole human being, thereby stimulating the artistic process—the forces of artistic creation and the forces of artistic appreciation. In this way, just as it otherwise looks toward new paths in spiritual life that meet the needs of people today, it can also point the way toward an ever more artistic future.
[ 68 ] Wir brauchen nicht nur — meine sehr verehrten Anwesenden — zu sehen, wie das Künstlerische sich entwickelt hat im Laufe der Menschheitsentwicklung, wie dieses Künstlerische, das im Laufe der Menschheitsentwicklung ja in solchen Gipfeln zutage getreten ist wie in Raffael, in Michelangelo, in Leonardo da Vinci, wie dieses Künstlerische voraussetzt, indem es immer geholt worden ist aus dem Übersinnlichen heraus, wie es voraussetzt, dass das Sinnliche, das äußerlich Sinnliche real hinaufstrebt nach dem, was man im Idealisierten erleben will. Und dieses Idealisieren das ist dasjenige, was im Grunde genommen den Grundzug angegeben hat jener künstlerischen Epoche, von der gerade künstlerische Persönlichkeiten in der Gegenwart fühlen, dass sie vorüber ist, dass ihr gegenüber nach neuen Wegen gesucht werden muss. Man hat es zu tun mit etwas, was durchaus im Gebiete des Sinnenfälligen ist, wenn man das Wunder der Sixtinischen Madonna vor sich hat. Aber man hat zu gleicher Zeit etwas vor sich, dem gegenüber man sagen muss: Der Künstler erlebte es so, dass aus dem Sinnlichen das Geistige eben unmittelbar hervorging. Er hob sich hinauf aus dem Sinnlichen ins Geistige, er idealisierte das Sinnliche.
[ 68 ] We need not only—my esteemed audience—to see how art has developed in the course of human evolution, how this art, which in the course of human evolution has indeed reached such heights as in Raphael, in Michelangelo, and in Leonardo da Vinci—but also how this artistic expression presupposes, by always being drawn from the supersensible, that the sensible—the outwardly sensible—truly aspires toward what one seeks to experience in the idealized. And this idealization is precisely what, in essence, defined the fundamental character of that artistic epoch which artistic personalities today feel has passed, and in light of which new paths must be sought. When one stands before the miracle of the Sistine Madonna, one is dealing with something that is entirely within the realm of the sensory. But at the same time, one is faced with something about which one must say: The artist experienced it in such a way that the spiritual emerged directly from the sensory. He rose from the sensory to the spiritual; he idealized the sensory.
[ 69 ] Nun treten wir in eine Menschheitsentwicklung ein, in der im geistigen Leben, im Erkenntnisleben, wirklich hingeschaut werden muss — wie ich es angedeutet habe — auf das Geistige als solches, damit das Geistige unmittelbar geschaut werden kann. Wir stehen damit auch vor dem Wege, der künstlerisch der Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft am meisten angemessen ist. Idealisierte eine alte Kunst, so muss realisieren eine neue Kunst.
[ 69 ] We are now entering a phase of human development in which, in spiritual life and in the life of knowledge, we must truly look—as I have indicated—at the spiritual as such, so that the spiritual can be perceived directly. We are thus also facing the path that is most appropriate, artistically speaking, for humanity in the present and the near future. Just as an old art idealized, so a new art must realize.
[ 70 ] Geistiges Anschauen, es durstet ebenso nach Realisierung, wie sinnliches Anschauen nach Idealisierung dürstet. Und wie man nicht etwa zu einem wahrhaften oder zu einem dominierenden künstlerischen Schaffen kommt, wenn man nur künstlerischen Geist in sich hat durch das Idealisieren, so kommt man auch nicht zu einem allegorischen oder symbolischen künstlerischen Schaffen, wenn man das geistig Angeschaute realisiert. Diejenigen, die, ich möchte sagen theoretisch verleumden dasjenige, was in Dornach gesehen werden kann, die finden allerlei Symbole, allerlei Allegorien, aber sie sehen sie selber hinein. Es ist im ganzen Dornacher Bau, dem Goetheanum, nicht ein einziges Symbol, nicht eine einzige Allegorie. Dasjenige, was dort zu finden ist, ist geschaut in der geistigen Welt und ist realisiert aus der geistigen Welt heraus. Wie man früher idealisiert hat, so ist das Architektonische des Baues, so ist das Plastische — das im Realisieren des Geistigen Geschaute — da. Nicht ist das geistig Geschaute in Ideen, in Begriffen gestaltet, sondern es ist wirklich geschaut. Es ist aber in voller, lebendiger Konkretheit lebendig geschaut. Und es ist nur dem Stoff lebendig einverleibt. Es ist in voller Konkretheit geschaut.
[ 70 ] Intellectual contemplation thirsts for realization just as much as sensory contemplation thirsts for idealization. And just as one does not arrive at a true or dominant form of artistic creation merely by idealizing through one’s artistic spirit, so too does one not arrive at an allegorical or symbolic form of artistic creation by realizing what has been spiritually perceived. Those who—I would say—theoretically slander what can be seen in Dornach find all sorts of symbols and allegories, but they project them there themselves. There is not a single symbol, not a single allegory, in the entire Dornach building, the Goetheanum. What is to be found there has been perceived in the spiritual world and realized from within the spiritual world. Just as it was once idealized, so the architecture of the building, so the sculptural elements—what was perceived in the realization of the spiritual—are present there. What has been perceived in the spiritual world is not shaped into ideas or concepts, but has truly been perceived. It has been perceived in full, living concreteness. And it is only vividly incorporated into the material. It has been perceived in full concreteness.
[ 71 ] Das zeigt — meine sehr verehrten Anwesenden — wie Geisteswissenschaft in der Tat auch befruchtend für das künstlerische Schaffen und Genießen wirken kann. Und indem Geisteswissenschaft den Menschen durch ihre Ergebnisse zu einem Zusammenleben mit dem Geiste führt, dem er selber entstammt, nach dem er wiederum seinen Weg sucht aus dem Sinnlichen heraus, auf den er hofft nach dem Tode, aus dem er heraus sich geboren weiß, wenn er nur das Dasein richtig anschaut; indem Geisteswissenschaft den Menschen zusammenbringt gerade mit Bezug auf dasjenige, was in ihm am klarsten, hellsten, lichtvollsten sich entwickeln will durch das Vorstellungsleben, das sonst nur in lebensfremden Abstraktionen bleibt, vertieft sie im Menschen dasjenige Gefühl, welches das eigentliche religiöse Gefühl ist. Und das sollte man im richtigen Lichte sehen. Nicht sollte man von den Konfessionen aus danach streben, dieser Geisteswissenschaft den Weg zu versperren. Denn man kann an dem Beispiel des Christentums selber zeigen, was Geisteswissenschaft dem religiösen Empfinden, dem ganzen religiösen Leben sein kann.
[ 71 ] This shows—my esteemed audience—how spiritual science can indeed have a stimulating effect on artistic creation and appreciation. And in that spiritual science, through its findings, leads human beings to live in harmony with the spirit from which they themselves originate—the spirit toward which they seek their way out of the sensory world, the spirit they hope to find after death, the spirit from which they know they were born, if only they view existence correctly; by bringing people together precisely in relation to that which seeks to develop within them most clearly, most brightly, and most radiantly through the life of the imagination—which otherwise remains confined to abstractions alien to life—spiritual science deepens within people that feeling which is the true religious feeling. And this should be seen in its proper light. The various denominations should not seek to block the path of this spiritual science. For one can demonstrate, using the example of Christianity itself, what spiritual science can mean for religious feeling and for religious life as a whole.
[ 72 ] Wovon ist denn das Christentum abhängig, meine sehr verehrten Anwesenden? Das Christentum ist davon abhängig, dass man in der richtigen Weise das Mysterium von Golgatha versteht. Wenn man nicht versteht, wie durch das Mysterium von Golgatha etwas, was wir den Christus nennen, sich aus außerirdischen Welten vereinigt hat mit dem Erdenleben, wenn man nicht versteht, dass in dem Mysterium von Golgatha etwas vorliegt, das sich nicht am Betrachten aus der Sinneswelt heraus erschöpfen lässt, sondern das erfasst werden muss durch geistige Anschauung, dann kann man nicht dem Mysterium von Golgatha gerecht werden. Daher ist auch die modernste Theologie dazu gekommen, dasjenige, was nur geistig begriffen werden kann, im Mysterium von Golgatha wegzulassen und nur zu sprechen — gewissermaßen naturalistisch — von dem schlichten Mann aus Nazareth. Von einem Menschen, wenn er auch noch so hervorragend ist, spricht die moderne Theologie, der höchstens das Gottesbewusstsein in sich hatte. Während Geisteswissenschaft wiederum das christliche Bewusstsein zurückbringen wird zur Erfassung des Mysteriums von Golgatha als eines übersinnlichen Ereignisses an sich, als eines Ereignisses, durch das nicht nur ein Mensch dasteht im Laufe der Menschheitsentwicklung, der das Gottesbewusstsein in einer gewissen Weise in sich entwickelte, sondern der der Träger war einer Wesenheit, die aus außerirdischen Welten wirklich in einem bestimmten Punkte der Erdenentwicklung gekommen ist, um fortan, das Menschenleben erneuernd, mit diesem Menschenleben fortzubestehen.
[ 72 ] On what, then, does Christianity depend, my esteemed audience? Christianity depends on a correct understanding of the Mystery of Golgotha. If one does not understand how, through the Mystery of Golgotha, that which we call Christ united itself from extra-earthly worlds with earthly life; if one does not understand that the Mystery of Golgotha contains something that cannot be fully grasped through observation from the sensory world alone, but must be comprehended through spiritual insight, then one cannot do justice to the Mystery of Golgotha. For this reason, even the most modern theology has come to omit from the Mystery of Golgotha that which can only be grasped spiritually, and to speak—in a sense, naturalistically—only of the simple man from Nazareth. Modern theology speaks of a human being—no matter how outstanding he may be—who, at most, possessed a sense of God within himself. Spiritual science, on the other hand, will restore Christian consciousness to the understanding of the Mystery of Golgotha as a supersensible event in and of itself, as an event through which there stands, in the course of human evolution, not merely a human being who developed a sense of God within himself in a certain way, but one who was the bearer of a being that truly came from extraterrestrial worlds at a specific point in Earth’s evolution in order to continue to exist henceforth, renewing human life.
[ 73 ] Das Christus-Ereignis wird wiederum durch die Geisteswissenschaft erfasst als ein Einschlag vom Außerirdischen her, vom Geistig-Übersinnlichen her in das irdische Leben. Und die ganze Erdenentwicklung wird so begriffen, dass sie eine Vorbereitung für das Mysterium von Golgatha ist, ein Hinneigen alles desjenigen, was vorher vorgegangen ist, zum Mysterium von Golgatha, und ein Fortströmen des Impulses dieses Mysteriums von Golgatha durch die folgenden Ereignisse.
[ 73 ] The Christ Event is, in turn, understood by spiritual science as an impact from the extraterrestrial realm—from the spiritual-supernatural realm—into earthly life. And the entire development of the Earth is understood as a preparation for the Mystery of Golgotha—a convergence of everything that has preceded it toward the Mystery of Golgotha, and a continued flow of the impulse of this Mystery of Golgotha through the events that follow.
[ 74 ] Aber begreifen lernt man auch, welch ein Unterschied ist zwischen dem Ereignis von Golgatha, das dasteht, das von jedem nach seinen Fähigkeiten begriffen werden kann, und demjenigen, was in irgendeiner Zeit Lehre ist über dieses Mysterium von Golgatha.
[ 74 ] But one also comes to understand the difference between the event at Golgotha—which stands there and can be understood by everyone according to their abilities—and that which, at any given time, constitutes the teaching about this mystery of Golgotha.
[ 75 ] Die ersten christlichen Jahrhunderte haben von morgenländischer Weltanschauung ihre Begriffe genommen und das Mysterium von Golgatha sich anschaulich, erklärlich gemacht aus diesen Begriffen heraus. Dann ist allmählich eine andere Welt heraufgezogen im geistigen Leben der abendländischen Menschheit. Die Naturwissenschaften sind dann heraufgekommen. Der Menschengeist hat sich an andere Auffassungsweisen gewöhnt. Wir sehen heute, wie diese Auffassungsweisen im neunzehnten Jahrhundert auch die Theologie ergriffen haben, da, wo sie fortschrittlich zu werden versucht hat, wie sie aus der Christus-Jesus-Wesenheit gemacht haben den «schlichten Mann aus Nazareth». Und wie auch mit noch so großer Macht man vielleicht anstürmen mag gegen das, was da kommt von dieser Seite her, man wird diesen Kampf doch nicht bestehen, wenn nicht von geisteswissenschaftlicher Seite her das Mysterium von Golgatha wiederum neu begriffen wird, wenn nicht aus dem Geiste heraus wieder gesagt werden kann, wie ein außerirdischer Geist durch den Menschen Jesus von Nazareth in das Erdenleben eingezogen ist. Die Erklärung muss eine neue werden gegenüber dem Menschheitsfortschritt, es muss eine neue Erfahrung werden.
[ 75 ] The early Christian centuries drew their concepts from an Eastern worldview and used these concepts to make the mystery of Golgotha vivid and comprehensible. Then, gradually, a different world emerged in the spiritual life of Western humanity. The natural sciences then emerged. The human spirit became accustomed to different ways of thinking. Today we see how these ways of thinking also took hold of theology in the nineteenth century—where it sought to become progressive—and how they transformed the essence of Christ Jesus into the “simple man from Nazareth.” And no matter how vigorously one might assail what is coming from this direction, one will not prevail in this struggle unless the Mystery of Golgotha is understood anew from the perspective of spiritual science, unless it can once again be expressed from the spirit how an extraterrestrial spirit entered earthly life through the human being Jesus of Nazareth. The explanation must be a new one in light of humanity’s progress; it must become a new experience.
[ 76 ] Geisteswissenschaft will keine neue Religion begründen, sie will nur gemäß der Erkenntnis das Bewusstsein befeuern der neueren Zeit. Dasjenige, was einmal der Erdenentwicklung ihren Sinn gegeben hat, das will sie für die Menschheitskultur der Gegenwart und Zukunft in dem Lichte zeigen, das diese Menschheit braucht. So kann gerade Geisteswissenschaft, wie ich das an diesem christlichen Beispiel zeigen kann, den Menschen religiös vertiefen. Sie kann ihm dasjenige, was ihm nach dem modernen Bewusstsein auf keine andere Weise gegeben werden kann, sie kann ihm dasjenige wiedergeben.
[ 76 ] Spiritual science does not seek to establish a new religion; it merely seeks to inspire the consciousness of the modern age in accordance with spiritual insight. It seeks to present, in the light that humanity needs, that which once gave meaning to the Earth’s evolution, for the culture of humanity in the present and the future. Thus, as I can demonstrate with this Christian example, spiritual science in particular can deepen people’s religious experience. It can give them back that which, according to modern consciousness, cannot be given to them in any other way.
[ 77 ] Oh, der ist kleinmütig gegenüber dem Christentum, der glaubt, dass durch Geisteswissenschaft das Christentum zerstört werden kann. Nein, im Gegenteil, derjenige allein schaut das Christentum in richtiger Weise an, der den Mut hat, zu bekennen, wie beim Physischen, so die geistigen Entdeckungen auch gemacht werden. Dasjenige, was christlicher Impuls ist, das kann dadurch nicht in irgendeiner kleineren, schwächeren, sondern in einem immer stärkeren und stärkeren Lichte erscheinen. Derjenige würde sich als wahrhaft christlich erweisen, der entgegennehmen würde aus einer tiefen Sehnsucht heraus die Bekräftigungen, die, gerade von Geisteswissenschaft ausgehend, zur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha hinführen können.
[ 77 ] Oh, anyone who believes that spiritual science can destroy Christianity is timid in the face of Christianity. No, on the contrary, only those who have the courage to acknowledge that spiritual discoveries are made in the same way as physical ones are viewing Christianity correctly. That which is the Christian impulse cannot thereby appear in any lesser or weaker light, but rather in an ever-stronger and stronger light. One would prove oneself to be truly Christian who, out of a deep longing, would accept the affirmations that—precisely on the basis of spiritual science—can lead to the knowledge of the Mystery of Golgotha.
[ 78 ] Religiöse Vertiefung aber, scheint es wahrhaftig, braucht die Menschheit der Gegenwart, meine sehr verehrten Anwesenden. Denn wir erleben ja heute tatsächlich merkwürdige Dinge. Und ich darf zum Schlusse noch von einem Beispiele sprechen.
[ 78 ] It truly seems, however, that humanity today needs a deeper understanding of religion, my esteemed audience. For we are indeed witnessing strange things today. And I would like to conclude by sharing one more example.
[ 79 ] In Dornach soll aufgestellt werden im Goetheanum an einem hervorragenden Orte gerade dasjenige, was sich auf das Mysterium von Golgatha bezieht. Eine neuneinhalb Meter hohe Holzgruppe soll aufgestellt werden. Wir arbeiten bereits mehrere Jahre lang an dieser Plastik. In der Mitte dieser Plastik steht eine Christus-Figur. Sie ist oben im Kopfe und in den Brustteilen fertig, unten noch ein Holzklotz. Der Kopf ist durchaus idealisiert. Von dem werden die Menschen, die sie haben sehen können, gewiss jedem bezeugen, dass ich gesagt habe: Aus geisteswissenschaftlicher Anschauung ergibt sich mir dieses Bild des Christus, wie er gewandelt hat in Palästina. Ich dränge es niemandem auf, aber es ist aus der Menschheit herausentwickelt, wenn man dasjenige in einen Menschen hineinverlegt, was man hineinverlegt, wenn man im ganzen Menschen Seele sucht, nicht Seele bloß in einzelnen menschlichen physiognomischen Zügen im Gesicht, sondern im ganzen Menschengesichte sucht. Aber Dinge werden gesagt und gesehen, ohne dass man weiß, was da eigentlich gemacht wird in Dornach.
[ 79 ] In Dornach, at the Goetheanum, in a prominent location, precisely that which relates to the Mystery of Golgotha is to be installed. A nine-and-a-half-meter-tall wooden sculpture is to be erected. We have been working on this sculpture for several years now. At the center of this sculpture stands a figure of Christ. The head and chest are complete, while the lower part is still a block of wood. The head is thoroughly idealized. Those who have been able to see it will certainly attest to everyone that I have said: From the perspective of spiritual science, this image of Christ as he walked in Palestine arises within me. I do not impose this on anyone, but it has evolved from humanity itself when one projects into a human being what one projects—when one seeks the soul in the whole human being, not merely the soul in individual physiognomic features of the face, but in the entire human face. Yet things are said and seen without people knowing what is actually being done in Dornach.
[ 80 ] Nun findet sich unter den mannigfaltigen Gegnerschriften eine sehr merkwürdige. In der finden Sie folgenden Satz — ich will Sie dazu nicht lange aufhalten —, da finden Sie folgenden Satz:
[ 80 ] Now, among the many counter-arguments, there is one that is quite peculiar. In it you will find the following sentence—I won’t keep you waiting long—you will find the following sentence:
Die Anthroposophie geht vom Menschen aus, und ihr Ziel ist der ideale Mensch. Dieser und Gott decken sich offenbar. Es wird gegenwärtig in Dornach eine neuneinhalb Meter hohe ... nach unten mit tierischen Merkmalen.
Anthroposophy takes the human being as its starting point, and its goal is the ideal human being. This ideal and God apparently coincide. A nine-and-a-half-meter-tall statue is currently being built in Dornach ... with animal features toward the bottom.
[ 81 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich habe Ihnen gesagt von Menschen, die da gewesen sind und wissen, was bis jetzt daran gearbeitet ist an dieser Gruppe. Derjenige, der so etwas sehen will in einer Holzfigur, die oben einen idealisierten Menschenkopf hat und unten überhaupt erst ein Holzklotz nur ist, noch nicht fertig ist, der da oben luziferische Züge sieht und unten tierische Merkmale — ich kann nicht anders, er erinnert mich an die Anekdote, die öfter erwähnt wird, wie man feststellen kann am Abend, ob man nüchtern oder betrunken ist. Man legt einen Zylinderhut auf das Bett. Sieht man ihn einfach, so ist man noch nüchtern, sieht man ihn doppelt, ist man betrunken.
[ 81 ] Well—my esteemed audience—I have told you about people who have been there and know what work has been done on this group so far. Anyone who wants to see such things in a wooden figure—which has an idealized human head at the top and is really just a block of wood at the bottom, not yet finished—who sees Luciferic features up top and animalistic traits below—I can’t help but be reminded of the oft-told anecdote about how to tell in the evening whether one is sober or drunk. You place a top hat on the bed. If you see it as a single hat, you’re still sober; if you see it as two hats, you’re drunk.
[ 82 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, derjenige, der in Dornach sieht in der Holzgruppe einen Menschen, oben mit «luziferischen Zügen», unten mit «tierischen Merkmalen», der, der darf wahrhaftig in seiner Trunkenheit nicht klagen über Phantastereien oder Illusionen der Anthroposophen! Denn derselben Illusion, derselben Phantasterei, die zugleich aber objektive Unwahrheiten sind, der wird derjenige, der im echten Sinne zugewandt ist der Anthroposophie, gewiss nicht hingegeben sein. So aber arbeitet jemand mit der Wahrheit — meine sehr verehrten Anwesenden —, der auf dem Titelblatt schreiben kann das große «D» vor seinem Namen, der ein Doktor also der Theologie ist.
[ 82 ] Now—my esteemed audience—anyone who, in Dornach, sees in the wooden sculpture a human being with “Luciferic features” at the top and “animal characteristics” at the bottom—such a person, in all sincerity, has no right to complain about the fantasies or illusions of the anthroposophists! For the one who is genuinely devoted to anthroposophy will certainly not be given over to the very same illusions and fantasies—which are, at the same time, objective untruths. But this is how someone works with the truth—my esteemed audience—who can write the capital “D” before his name on the title page, that is, a Doctor of Theology.
[ 83 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, wir brauchen eine Vertiefung, eine Veredelung des religiösen Bewusstseins. Diejenigen, die zu Wächtern bestellt sind, die verfahren mit der Wahrheit so. Daraus sieht man, dass wir eine Vertiefung des Wahrheitssinnes brauchen. Was ist schließlich die Wissenschaft eines Menschen, der bloß so viel wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit in sich hat, dass er eben in einem einzelnen Falle in einer solchen Weise eine objektive Unwahrheit in dieser Art hinstellt.
[ 83 ] Yes—my esteemed audience—we need a deepening and refinement of religious consciousness. Those who are appointed as guardians handle the truth in this way. From this, we can see that we need a deepening of our sense of truth. After all, what is the science of a person who possesses just enough scientific rigor to present an objective untruth in this manner in a single case?
[ 84 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, es bedarf eben, wie gesagt, durchaus jener Verinnerlichung des Menschen, die auch verbunden sein wird mit einer Veredelung des religiösen Fühlens, mit einer Vertiefung des religiösen Fühlens wiederum. Es wird Geisteswissenschaft nach den verschiedensten Zweigen des Lebens hin ihre Impulse ausstrahlen können. Sie will durchaus praktisch sein, aber sie will auch durchaus nicht aus der wissenschaftlichen Erziehung herausgehen. Sie will dadurch wissenschaftlich begründet sein, dass sie aus der Gesinnung, aus der methodischen Gewissenhaftigkeit hervorgeht, wie nur irgendeine mathematische Methode, verbunden mit äußerer Beobachtung, aus der menschlichen Seele hervorkommen kann in voller Wissenschaftlichkeit.
[ 84 ] Now—my esteemed audience—as I have said, what is needed is precisely that inner transformation of the human being, which will also be linked to a refinement of religious feeling, and in turn to a deepening of religious feeling. Spiritual science will be able to radiate its impulses into the most diverse branches of life. It aims to be thoroughly practical, but it also has no intention of departing from scientific education. It seeks to be scientifically grounded in that it arises from a mindset and methodological rigor, just as any mathematical method, combined with external observation, can emerge from the human soul with full scientific rigor.
[ 85 ] Nun, zum Schlusse nur diese persönliche Bemerkung mit ein paar Worten. Wenn heute, wie zum Beispiel auch von den christlichen Koryphäen, darauf hingewiesen worden ist, dass diese anthroposophische Geisteswissenschaft in Dornach sich nicht an die Gelehrten wende, sondern an die gebildeten Laien, dann darf wohl das eine gesagt werden. Das ist gewissermaßen heute noch das Schicksal. Ich selber — wenn ich eine persönliche Bemerkung machen darf — habe in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts damit begonnen, in Anknüpfung an Goethes Weltanschauungsideen dasjenige zu entwickeln, was durchaus schon in der ganzen Richtung anthroposophischer Geisteswissenschaft liegt, wenn auch erst in den Elementen vorhanden ist, wenn es auch erst später in Einzelheiten ausgebaut worden ist. Dasjenige, was damals richtunggebend [war], das liegt ja schon darinnen. Ich bin ja nicht immer so verketzert worden wie heute. Ich bin nicht immer so schlecht von den Wissenschaften behandelt worden wie heute von den Wissenschaften, oder von den Religionsbekenntnissen aus, sondern diejenigen Schriften, die ich dazumal über Goethe geschrieben habe, sind ja schon bis zu einem gewissen Grade bekannt geworden.
[ 85 ] Well, to conclude, just this personal remark in a few words. If it has been pointed out today—as, for example, by Christian luminaries—that this anthroposophical spiritual science in Dornach is not directed at scholars but at educated laypeople, then one thing may well be said. In a sense, that is still its fate today. I myself—if I may make a personal remark—began in the 1880s to develop, building on Goethe’s ideas about the worldview, what is certainly already in line with the entire direction of anthroposophical spiritual science, even if it was present only in its elements at the time and was only later elaborated in detail. What set the direction back then is already contained within it. I wasn’t always as vilified as I am today. I wasn’t always treated as badly by the sciences as I am today—or by religious denominations—but the writings I composed about Goethe at that time have, after all, already become known to a certain extent.
[ 86 ] Man denkt ja auch nur, dass ich Tor und Phantast geworden bin seit derjenigen Zeit, seit es sich mir ergeben hat, dass dasjenige, was aus jener Zeit ausgeflossen ist, einlaufen müsste gerade in die wohlfundierte anthroposophische Geisteswissenschaft. Aber dasjenige, was ich eigentlich oftmals in meinen Goethe-Schriften forderte, und auch dazumal nicht erreicht worden ist, wie «Goethes Weltanschauung», «Wahrheit und Wissenschaft», «Philosophie der Freiheit», namentlich enthalten sind in meinen «Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften», wer das voraussetzt, wird sehen, dass es sich mir nicht nur darum handelte, Goethe habe diese oder jene Weltanschauung gehabt, sondern darum handelte, für diese Weltanschauung selber ganz einzutreten, sie geltend zu machen, sie zu ihrem Rechte zu bringen und sie auch weiterzuentwickeln.
[ 86 ] People simply assume that I have become a fool and a dreamer ever since I realized that what emerged from that period was bound to find its way into well-founded anthroposophical spiritual science. But what I actually often called for in my writings on Goethe—and which was not achieved even back then—such as *Goethe’s Worldview*, *Truth and Science*, “Philosophy of Freedom”—which are specifically included in my “Introductions to Goethe’s Scientific Writings”—anyone who takes this into account will see that my concern was not merely that Goethe held this or that worldview, but rather to fully champion this worldview itself, to assert it, to establish its rightful place, and to develop it further.
[ 87 ] Es sollte nicht ein Goetheanismus entwickelt werden, der mit dem Jahre 1832 gestorben ist, bloß historisch ist, sondern es sollte der lebendige Goetheanismus, wie er bis in die Gegenwart herauf entwicklungsfähig geblieben ist, gezeigt werden. Dass Goethes Ideen einigermaßen getroffen waren, das haben manche zugegeben. Aber das ist auch ja dasjenige, was aus Gewohnheit in unserer Zeit so gemacht wird. Man gab ganz gerne an: Ja, Goethe, Kant und so weiter haben diese oder jene Idee gehabt. Aber selbst für eine Idee mit der ganzen Kraft der Persönlichkeit einzutreten und ihr zum Siege zu verhelfen, das ist nicht dasjenige, was in der Denkgewohnheit, namentlich nicht dasjenige, was in den Geistesgewohnheiten der Gegenwart lebt. Und so muss ich sagen, dass zwar mir viel recht gegeben worden ist in Bezug auf die Erklärung von Goethes Weltanschauung, dass ich aber anderes wollte: Eintreten für dasjenige, was bei Fortentwicklung der Goethe’schen Weltanschauung aus dieser als Geisteswissenschaft, als anthroposophische Geisteswissenschaft entstehen kann.
[ 87 ] The aim should not be to develop a form of Goetheanism that died in 1832 and is merely historical, but rather to demonstrate the living Goetheanism that has remained capable of development right up to the present day. Some have admitted that Goethe’s ideas were, to a certain extent, accurate. But that is precisely what is done out of habit in our time. People were quite happy to point out: Yes, Goethe, Kant, and so on had this or that idea. But to champion an idea with the full force of one’s personality and help it triumph—that is not what lives in the habits of thought, and certainly not in the intellectual habits of the present. And so I must say that, although I have been largely vindicated regarding the explanation of Goethe’s worldview, I wanted something else: to advocate for what can emerge from the further development of Goethe’s worldview—namely, spiritual science, specifically anthroposophical spiritual science.
[ 88 ] Und dasjenige, was dazumal geschrieben worden ist von mir, es ist durchaus in den Formen der Wissenschaftlichkeit geschrieben worden. Es wurde von mir auch so gesprochen; im Gegenteil, dass es als zu entlegen dem gewöhnlichen Leben befunden worden ist. Damals hätten ja diejenigen, die in der Wissenschaft stehen, die Möglichkeit gehabt, auf die Sache einzugehen. Sie haben sie nicht entfaltet, diese Möglichkeit. Daher war die Notwendigkeit entstanden, an das gebildete Laienpublikum sich zu wenden und zu sprechen zu dem Herzen, zu dem Intellekt der gebildeten Laien. Denn — meine sehr verehrten Anwesenden — dasjenige, was als Wahrheit einverleibt werden soll der Menschheitsentwicklung, das muss ihr einverleibt werden. Daher darf nicht der Geisteswissenschaft, wie es heute von ihren Kritikern vielfach getan wird, vorgeworfen werden, dass sie sich zunächst nicht stelle der Wissenschaft als solcher — was sie nun übrigens in Dornach genügend getan hat —, aber in wahrer Weise, denn das hat sie getan. Und sie ist erst an das gebildete Laienpublikum herangetreten, als die Gelehrsamkeit nicht wollte. So etwas muss aber geschehen! Warum? Nun, derjenige, der durchdrungen ist mit dem Impuls, mit dem Wahrheitsimpuls der Geisteswissenschaft, der die Nöte unserer Zeit kennt, die Sehnsuchten unserer Zeit kennt, oder wenigstens zu kennen glaubt, der wird sich sagen müssen: Die Wahrheit muss in die Welt, und wenn es ihr nicht gelingt, auf den einen Wegen, die vielleicht die äußerlich richtigen wären, in die Welt einzudringen, dann müssen eben die anderen Wege gesucht werden. Wollen die Wissenschafter nicht von sich aus, so werden sie vielleicht wollen, wenn in den Herzen der gebildeten Laien aus natürlichem, elementarem Wahrheitsgefühl heraus Geisteswissenschaft doch Platz greift, und dann diejenigen, die hinter ihr zurückgeblieben sind, auch wenn sie Wissenschafter sind, zwingt, nachzukommen. Wahrheit muss in die Welt. Und wenn es auf dem einen Wege nicht geht, so muss eben der andere gesucht werden.
[ 88 ] And what I wrote back then was written entirely in a scholarly style. I also spoke of it in this way; on the contrary, it was deemed too remote from ordinary life. At that time, those in the scientific community would have had the opportunity to address the matter. They did not make use of this opportunity. Hence the necessity arose to turn to the educated lay public and speak to the hearts and intellects of educated laypeople. For—my esteemed audience—that which is to be incorporated as truth into the development of humanity must indeed be incorporated into it. Therefore, spiritual science must not be accused—as its critics often do today—of not initially presenting itself as a science in its own right—which, incidentally, it has done sufficiently in Dornach—but in a genuine sense, for that is precisely what it has done. And it only turned to the educated lay public when the academic establishment refused to do so. But such a thing must happen! Why? Well, anyone who is imbued with the impulse—the impulse toward truth—of spiritual science, who knows the hardships of our time, who knows the longings of our time, or at least believes they know them, will have to say to themselves: The truth must go out into the world, and if it does not succeed in penetrating the world through the one path—which might outwardly seem the right one—then other paths must simply be sought. If scientists are not willing of their own accord, they may yet be willing if spiritual science takes root in the hearts of educated laypeople out of a natural, elementary sense of truth—and then compels those who have lagged behind, even if they are scientists, to follow suit. Truth must go out into the world. And if it cannot be achieved by one path, then another must simply be sought.
