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The Inner Nature and Essence
of the Human Soul
GA 80b

28 January 1921, Solothurn

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The Inner Nature and Essence of the Human Soul, tr. SOL
  1. Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele

2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut

2. Anthroposophy as a Source of Knowledge and Life

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als im Herbste des vergangenen Jahres das Goetheanum in Dornach noch vor seiner eigentlichen Fertigstellung Herbstkurse über die verschiedenen Wissenschaften und über verschiedene Zweige des menschlichen Lebens veranstaltete, da war es das Bestreben, nicht ausschließlich Geisteswissenschaft als solche bei diesem Kurse zur Geltung zu bringen, sondern die einzelnen Wissenschaften selbst sich so aussprechen zu lassen, dass dasjenige zutage treten musste, was sie selbst als Befruchtung durch die Geisteswissenschaft erfahren können. Deshalb wurde Wert darauf gelegt, dass bei dieser Veranstaltung Fachleute aus den einzelnen wissenschaftlichen Gebieten zur Sprache kamen, zur Aussprache kamen und auch Persönlichkeiten des praktischen Lebens, des kommerziellen, des industriellen und so weiter, also des durchaus praktischen Lebens. Es war eben der Gedanke dabei, dass diejenigen Menschen, die entweder auf der einen Seite in der Wissenschaft selber drinnenstehen, oder diejenigen, welche die Härten und Aufgaben des Lebens kennengelernt haben und die zu gleicher Zeit wirklich eingedrungen sind in dasjenige, was im Goetheanum in Dornach als Geisteswissenschaft zutage treten soll, dass diese sich über die Erfahrungen aussprechen können, die sie mit der Einführung der Geisteswissenschaft in ihr besonderes Fach machen können. Es ist aber auch damit zur Geltung gebracht worden, worinnen der eigentliche Ursprung der durch das Goetheanum vertretenen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu suchen sein soll. Es handelt sich bei dem, was da zur Vertretung gelangen soll, nicht um irgendetwas, was auch nur im Entferntesten die Absicht hat, etwa, sagen wir, irgendeine neue Religion gründen zu wollen. Es handelt sich auch nicht darum, irgendeine sektiererische Bewegung in Szene setzen zu wollen, sondern der Ausgangspunkt der Geisteswissenschaft ist durchaus aus dem wissenschaftlichen Leben der neueren Zeit und insbesondere der Gegenwart herausgeholt.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! When, in the fall of last year, the Goetheanum in Dornach—even before its actual completion—held fall courses on the various sciences and on different aspects of human life, the aim was not to highlight spiritual science as such in these courses, but rather to allow the individual sciences themselves to speak in such a way that what they themselves can experience as enrichment through spiritual science would come to light. For this reason, great importance was attached to ensuring that experts from the various scientific fields had the opportunity to speak and express their views at this event, as well as figures from practical life—from the commercial, industrial, and other such spheres—that is, from thoroughly practical life. The idea behind this was that those people who, on the one hand, are deeply immersed in science itself, or those who have come to know the hardships and challenges of life and who, at the same time, have truly delved into what is to be revealed as spiritual science at the Goetheanum in Dornach—that they might share their experiences with the integration of spiritual science into their respective fields. But this has also served to highlight where the true origin of the anthroposophically oriented spiritual science represented by the Goetheanum is to be found. What is to be presented here is not something that even remotely intends, for example, to found some new religion. Nor is it a matter of seeking to launch some kind of sectarian movement; rather, the starting point of spiritual science is drawn entirely from the scientific life of modern times and, in particular, the present.

[ 2 ] Ich möchte mich durch einen Vergleich ausdrücken, wie insbesondere mit dem wissenschaftlichen Leben der neueren Zeit und der Gegenwart zusammenhängt dasjenige, was als Anthroposophie von Dornach aus vertreten werden soll. Wenn ich einen solchen Vergleich mache, so ist es durchaus nur, um etwas zu erläutern. Glauben Sie ja nicht — ich brauche das wohl kaum zu erwähnen —, dass mit diesem Vergleich irgendwie die Geisteswissenschaft selber in Vergleich gestellt werden soll mit dem welthistorischen Ereignis, das ich anführe. Das könnte man ja irgendwelchen billigen Witzeleien und dergleichen überlassen. Aber ich möchte Sie hinweisen — nur um eben etwas zu erläutern — auf die Anschauungen, mit denen die Entdecker Amerikas ausgezogen sind, diese Entdecker Amerikas, die den Mut gefunden haben, über dasjenige Weltmeer hinauszufahren, über das man damals noch nicht hinausgefahren war. Sie glaubten ja in Indien anzukommen, Indien gewissermaßen von der anderen Seite zu erreichen, daher ja auch die Bezeichnung Westindien und so weiter. Was hat man also vorausgesagt? Man hat vorausgesagt, durch die wagevolle Fahrt über das Weltenmeer, etwas Bekanntes zu erreichen.

[ 2 ] I would like to use a comparison to illustrate how what is to be represented as anthroposophy from Dornach is connected, in particular, to scientific life in modern times and the present. When I make such a comparison, it is solely for the purpose of clarification. Please do not think—though I hardly need to mention this—that this comparison is intended in any way to pit spiritual science itself against the world-historical event I am referring to. That could be left to some cheap jokes and the like. But I would like to draw your attention—merely to illustrate a point—to the views held by the discoverers of America, those who found the courage to sail across the ocean that no one had yet crossed at that time. They believed, after all, that they were arriving in India—reaching India, so to speak, from the other side—hence the name “West Indies” and so on. So what did they predict? They predicted that, through this daring voyage across the world ocean, they would reach something familiar.

[ 3 ] So, möchte ich auch sagen, kann man versuchen, innerhalb der modernen Wissenschaft, wie sie sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, immer weiter und weiter zu gehen. Sie wissen ja wohl, dass ernste, gewissenhafte Forscher dieses immer Weiter- und Weitergehen der Wissenschaft anstreben, und dass gerade außerordentlich gewissenhafte Forscher — das soll anerkannt werden — dann davon sprechen, dass man an unübersteigliche Grenzen der menschlichen Erkenntnis kommen müsse. Aber auf der anderen Seite [werden], wenn man an diese Grenzen kommt, allerlei Annahmen gemacht von einer Atom-, von einer Molekülwelt und so weiter und so weiter. Man setzt voraus, wenn man methodisch im Laboratorium arbeitet, wenn man in der Klinik forscht, wenn man am astronomischen Observatorium die Weltengeheimnisse ergründen will, dass man irgendwie durch das Meer der wissenschaftlichen Methode ankommen müsse bei irgendetwas, was entweder eine unübersteigliche Grenze ist oder was doch in einer gewissen Weise ähnlich ist dem schon Bekannten. Wie Kolumbus gewissermaßen voraussagte, dass er etwas schon Bekanntes finden müsse, so setzt man auch in der Wissenschaft voraus, dass man irgendetwas Bekanntes finden müsse. Die Moleküle und Atome sind ja zuletzt doch nichts anderes, als, ich möchte sagen ins Kleinste zu dringen, in dasjenige, was man auch mit gewöhnlichen Augen sieht, Sinn zu bringen.

[ 3 ] So, I would also like to say that within modern science, as it has developed over the last three to four centuries, one can try to go further and further. You are surely aware that serious, conscientious researchers strive for this ever-greater advancement of science, and that it is precisely the most conscientious researchers—and this should be acknowledged—who then speak of reaching insurmountable limits of human knowledge. But on the other hand, when one reaches these limits, all sorts of assumptions are made about an atomic world, a molecular world, and so on and so forth. It is assumed that when one works methodically in the laboratory, when one conducts research in the clinic, or when one seeks to fathom the mysteries of the universe at an astronomical observatory, one must somehow, by navigating the sea of the scientific method, arrive at something that is either an insurmountable limit or that is, in a certain way, similar to what is already known. Just as Columbus, in a sense, predicted that he would have to find something already known, so too in science it is assumed that one must find something familiar. After all, molecules and atoms are ultimately nothing other than—I would say—a way of making sense of what one sees even with the naked eye by delving into the smallest details.

[ 4 ] Aber diese Erfahrung des Wissenschafters erscheint demjenigen, der selber im wissenschaftlichen Leben drinnensteckt, durchaus begreiflich, begreiflich aus dem Grunde, weil, wenn man gerade mit den modernen Methoden immer weiter und weiter arbeitet, man eigentlich nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, zu einer Lösung von wichtigen Lebens- und Menschenrätseln kommt. Wenn man das glaubt, gibt man sich einer Illusion hin. Im Gegenteil, derjenige, der ganz unbefangenen Sinnes sich hineinbegibt in das Wissenschaftliche, mehr, möchte ich sagen methodisch forscht, insbesondere derjenige, der nicht nur einseitig, sagen wir, Naturwissenschaft treibt, sondern der dann vielleicht die naturwissenschaftliche Forschungsweise auch auf die Geschichte, auf die sogenannte Geisteswissenschaft herüber übertragen will, er findet durchaus, dass sich nicht etwa Lösungen ergeben, sondern dass die Zahl der Rätsel immer größer und größer wird. Man lernt eigentlich erst erkennen, wie rätselhaft diese Welt, die uns umgibt, ist, wenn man sie gerade durch die Methoden der neueren Wissenschaft kennenlernt. Aber eines muss man doch anerkennen, wenn man sich gewissermaßen innerhalb des Forschens auf sich selber besinnt: Was ist es denn, was sich da — sagen wir — gleichgültig ob wir im Laboratorium forschen oder auf dem astronomischen Observatorium oder in der Klinik, was ist es denn, was wir da anwenden? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wie sehr sich auch manche, ich möchte sagen durch einen radikalen Materialismus darüber täuschen mögen, es ist trotzdem gar nicht einmal eine sehr hohe, sondern eine sogar triviale Wahrheit, dass man, wenn man wissenschaftlich forschen will, Geist anwenden muss, dass in irgendeiner Weise der Geist im Menschen tätig sein muss.

[ 4 ] But this experience of the scientist seems entirely understandable to anyone who is immersed in scientific life—understandable because, as one continues to work further and further using modern methods, one does not, as one might expect, arrive at a solution to important mysteries of life and humanity. If one believes that, one is succumbing to an illusion. On the contrary, those who approach science with a completely open mind—or, I would say, conduct research methodically—especially those who do not limit themselves to, say, the natural sciences, but who perhaps wish to apply the scientific method of inquiry to history and the so-called humanities, will find that solutions do not simply emerge, but rather that the number of mysteries grows ever larger. One actually begins to realize just how enigmatic the world around us is only when one comes to know it through the methods of modern science. But there is one thing one must acknowledge when, so to speak, reflecting on oneself within the context of research: What is it, then—let’s say—regardless of whether we are conducting research in the laboratory, at the astronomical observatory, or in the clinic—what is it that we are actually applying there? Well, ladies and gentlemen, no matter how much some people—I would say, due to a radical materialism—may delude themselves about this, it is nevertheless not even a very profound truth, but rather a trivial one: that if one wishes to conduct scientific research, one must use the mind; that in some way, the mind must be at work within the human being.

[ 5 ] Und nun kommt es darauf an, mit diesen Worten, der Geist müsse im Menschen tätig sein, wenn er im Äußeren, im Sinnlich-Wissenschaftlichen forscht, mit diesen Worten irgendeinen realen, einen wissenschaftlichen Sinn zu verbinden. Das kann man nicht anders, als wenn man nun darüber nachforscht, was denn dieser Geist ist. In der Außenwelt kann man ihn nicht finden. Man muss ihn ja gerade zur Erkenntnis der Außenwelt anwenden, man muss ihn aus sich selber herausholen, den Geist. Wir sprechen, wenn wir uns überhaupt über dasjenige, was Wissenschaft ist, ausdrücken wollen, immerfort vom Geiste. Aber wir müssen auch darauf kommen können durch irgendeine besondere Erkenntnisweise: Was ist denn dieser Geist eigentlich? Und indem man nun versucht, die Fahrt, möchte ich sagen durch das Meer der modernen Wissenschaftlichkeit zu machen, entdeckt man zuletzt, dass man nicht nach irgendetwas Bekanntem hinkommt, sondern dass man gerade [durch] dasjenige, was vorher zwar im Bewusstsein liegt, wenn man das Wort «Geist» ausspricht, oder indem man sagt: «Der Geist forscht», [nicht] nach etwas Bekanntem hinkommt, sondern man nach jenem Unbekannten hinkommt und tatsächlich etwas Ähnliches erlebt, wie Kolumbus es erlebt hat, indem er zwischen Europa und Indien Amerika entdeckt hat.

[ 5 ] And now it is a matter of attaching some real, scientific meaning to these words—that the spirit must be at work within a person when he investigates the external world through the senses and science. This can only be done by investigating what this spirit actually is. It cannot be found in the external world. One must, in fact, apply it precisely to the understanding of the external world; one must draw the spirit forth from within oneself. Whenever we wish to express what science actually is, we are constantly speaking of the spirit. But we must also be able to arrive at an answer through some special mode of cognition: What, in fact, is this spirit? And as one now attempts to make the journey—I might say—across the sea of modern scientific thought, one ultimately discovers that one does not arrive at anything familiar, but rather that it is precisely [through] that which previously lay in one’s consciousness when one utters the word “spirit,” or by saying: “The spirit investigates,” [one does not] arrive at something familiar, but rather at that unknown, and in fact experiences something similar to what Columbus experienced when he discovered America between Europe and India.

[ 6 ] Auf der Fahrt nach den Rätseln der Welt erlebt man eigentlich dasjenige, was der Geist ist. Nur hat ihn die Naturwissenschaft in einem gewissen Sinne verloren. Und das zeigt sich, ich möchte sagen ganz bitterlich im Leben, dass ihn diese Naturwissenschaft verloren hat. Diese neuere Naturwissenschaft erkennt den Geist nur in Gedanken, in Ideen, in Abstraktionen. Und diese Anschauung haben Millionen und Millionen von Menschen aufgenommen und nennen alles dasjenige, was durch den Geist innerhalb des Lebens aufsprießt — Sittlichkeit, Religion, Wissenschaft, Recht und so weiter —, eine Ideologie, das heißt etwas, das gleichsam nur als Rauch aufsteigen würde aus dem, was entweder sinnliche Wahrheit ist, oder dem, was irgendwelche materielle Produktionsprozesse sind oder dergleichen. Das ist aber dasjenige, was man nun nicht durch irgendeinen Glauben, sondern durch ein wirkliches wissenschaftliches Schauen innerhalb der anthroposophischen Geisteswissenschaft entdeckt, was der Geist als ein Reales ist, was der Geist als ein so Lebendiges ist, wie dasjenige, was man durch die äußeren Sinne in aller Lebendigkeit anschaut.

[ 6 ] On the journey toward the mysteries of the world, one actually experiences what the spirit is. But natural science has, in a certain sense, lost sight of it. And this is evident—I would say quite bitterly—in life: that natural science has lost sight of it. This modern natural science recognizes the spirit only in thoughts, in ideas, in abstractions. And millions upon millions of people have adopted this view and call everything that springs forth through the spirit within life—morality, religion, science, law, and so on—an ideology, that is, something that, as it were, rises only as smoke from what is either sensory truth or what are various material production processes or the like. But this is precisely what one discovers—not through any kind of belief, but through genuine scientific observation within anthroposophical spiritual science—namely, that the spirit is a reality, that the spirit is as alive as that which one perceives in all its liveliness through the external senses.

[ 7 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, um zu dieser Anschauung zu kommen, braucht man einen gewissen Ausgangspunkt. Und diesen Ausgangspunkt, ich möchte ihn nennen: «Intellektuelle Bescheidenheit». Es ist schon zunächst eine moralische Eigenschaft, allerdings eine intim-moralische Eigenschaft notwendig, wenn man den richtigen Ausgangspunkt für die hier gemeinte Geisteswissenschaft finden will.

[ 7 ] Well, ladies and gentlemen, in order to arrive at this perspective, one needs a certain starting point. And I would like to call this starting point “intellectual humility.” First and foremost, a moral quality—albeit an intimate moral quality—is necessary if one is to find the correct starting point for the spiritual science referred to here.

[ 8 ] Um diesen Ausgangspunkt in intellektueller Bescheidenheit zu charakterisieren, möchte ich folgenden Vergleich wählen. Nehmen Sie an, ein fünfjähriges Kind bekäme einen Band Goethe’scher Lyrik in die Hand. Was wird es tun mit dem Band Goethe’scher Lyrik? Es würde ihn vielleicht zerreißen oder irgendwie damit spielen, jedenfalls aber nicht dasjenige damit tun, wozu der Band Goethe’scher Lyrik da ist eigentlich, was man tun kann, wenn man in anderer Verfassung ist nämlich als in derjenigen, in der das Kind sein wird, wenn es zehn oder fünfzehn Jahre älter geworden ist. Da wird es etwas anderes tun mit dem Band Goethe’scher Lyrik als mit fünf Jahren. Was ist der Grund davon? Der Grund dafür ist kein anderer als der, dass das Kind inzwischen seelisch entwickelt worden ist, aus seinem Inneren heraus seelisch entwickelt. Das Kind ist nun fähig, weil es diejenigen Eigenschaften entwickelt hat, die es mit fünf Jahren eben noch nicht hatte, nunmehr etwas zu entdecken, was in dem Bande Lyrik auch vorher schon war, als das Kind fünf Jahre alt war. Er war ganz derselbe vor den Augen des Kindes äußerlich, wie vielleicht, wenn das Kind zwanzig Jahre alt ist. Allein dadurch, dass im Innern des Kindes etwas erfolgt ist, dass aus dem Innern des Kindes etwas herausgeholt worden ist, rein dadurch behandelt das Kind alles, was es jetzt macht mit dem Bande Goethe’scher Lyrik, ganz anders.

[ 8 ] To characterize this starting point with intellectual humility, I would like to offer the following comparison. Suppose a five-year-old child were handed a volume of Goethe’s poetry. What would the child do with that volume of Goethe’s poetry? It might tear it up or play with it in some way, but in any case, it would not do with it what the volume of Goethe’s poetry is actually meant for—namely, what one can do when one is in a different state of mind than the one the child will be in when it is ten or fifteen years older. Then it will do something different with the volume of Goethe’s poetry than it did at age five. What is the reason for this? The reason is none other than that the child has since developed emotionally—emotionally developed from within. The child is now capable—because it has developed qualities that it simply did not yet possess at age five—of discovering something that was already present in the volume of poetry even before, when the child was five years old. Externally, it appeared exactly the same to the child’s eyes as it might when the child is twenty years old. Simply because something has taken place within the child—because something has been drawn out from within the child—purely because of this, the child now approaches everything it does with the volume of Goethe’s poetry in a completely different way.

[ 9 ] Nun steht man ja heute, insbesondere in der Wissenschaft, aber auch sonst im Leben, auf dem Gesichtspunkt, dass man diejenigen Eigenschaften im Menschen ausbildet, die — sagen wir — vererbt sind, die man durch die gewöhnliche Erziehung sich aneignen kann, und dann ist man für das heutige Leben auch und für das wissenschaftliche Leben in der Regel fertig. Von diesem Gesichtspunkt geht man ja auch gerade im wissenschaftlichen Leben aus. Man betrachtet sich nach den gewöhnlichen vererbten Eigenschaften und nach der Erziehung als in einer gewissen Weise fertig in irgendeinem Lebenspunkt und schaut sozusagen die Welt von diesem fertigen Gesichtspunkte aus an. Man kombiniert dasjenige, was der Verstand, was die sinnlichen Tatsachen geben, und schreitet nicht innerlich weiter, sondern man macht, ich möchte sagen nur das Fehlende desjenigen, was man gerade erforschen will. Man breitet sich aus, man breitet sich auch dadurch aus, dass man vielleicht das Auge durch Teleskop oder Mikroskop oder durch das [Spektroskop] oder durch den Röntgenapparat bewaffnet, irgendwie. Aber auf diese Weise erlangt man doch nichts anderes, als dass man, ich möchte sagen, wenn auch in mittelbarer Weise durch das Spektroskop oder den Röntgenapparat oder durch das Teleskop dasselbe anschaut, was man auch sonst vor den sinnlichen Augen und den anderen Sinnen hat. Was man aber zur Geisteswissenschaft haben muss, ist intellektuelle Bescheidenheit. Das heißt, man muss sich einfach in einem Momente seines Lebens Folgendes sagen: Der Mensch kann Fähigkeiten ausbilden von seinem fünften bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre. Da holt er gewissermaßen dasjenige, was in ihm veranlagt ist, aus seinem Innern heraus. Und nur dadurch, dass er etwas aus seinem Innern herausgeholt hat, sieht für ihn die Welt jetzt anders aus. Wenn man bloß das äußere Sinnliche beschreibt: Das ist nicht mehr da, aber es ist jetzt für ihn mehr da, weil er Fähigkeiten und Eigenschaften aus den Grundtiefen seiner Seele herausgeholt hat. So sagt man sich: Es könnten in dieser Seele noch andere Fähigkeiten liegen, Fähigkeiten, die eben nicht durch die gewöhnlichen vererbten Eigenschaften in ihrer naturgemäßen Entwicklung und durch die gewöhnliche Erziehung herauskommen, sondern die vielleicht nur dadurch herauskommen, dass man das seelische Leben intim innerlich — wenn auch mit der entsprechenden Bescheidenheit, weil es ja nur eine Versinnlichung ist —, tief innerlich selber nun in die Hand nimmt und weiterleitet, dass man es über den Standpunkt hinausbringt, der einem sonst im Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft beschert sein kann.

[ 9 ] Today, especially in academia but also in other areas of life, the prevailing view is that one should cultivate those qualities in a person that are—let’s say—inherited or that can be acquired through ordinary education; and then, as a rule, one is prepared for life today as well as for academic life. This is precisely the perspective from which one proceeds, especially in the scientific world. Based on one’s ordinary inherited traits and upbringing, one considers oneself, in a certain sense, complete at some point in life and views the world, so to speak, from this “complete” perspective. One combines what the intellect and the sensory facts provide, and does not proceed further inwardly; rather, one merely fills in, I might say, the gaps in what one is currently seeking to investigate. One expands one’s horizons; one expands them, too, by perhaps equipping the eye with a telescope or microscope or [spectroscope] or X-ray machine, in one way or another. But in this way one gains nothing other than—I would say—viewing, albeit indirectly through the spectroscope, the X-ray machine, or the telescope, the very same thing that one otherwise perceives with one’s physical eyes and the other senses. But what one must have for spiritual science is intellectual humility. That is to say, one must simply tell oneself at some point in one’s life: A person can develop abilities from the age of five to the age of twenty. In a sense, one draws out from within oneself what is innately present. And it is only because one has drawn something out from within that the world now appears different to them. If one merely describes the external, sensory world: that is no longer there, but there is now more for them because they have drawn abilities and qualities from the deepest recesses of their soul. So one says to oneself: There could be other abilities lying within this soul—abilities that do not emerge through the natural development of ordinary inherited traits or through ordinary education, but that perhaps emerge only by taking one’s inner soul life—albeit with the appropriate humility, since it is, after all, merely a sensualization— deep within oneself, and by guiding it beyond the perspective that one might otherwise be granted in life and in conventional science.

[ 10 ] Das ist dasjenige, was natürlich seinen Ausgangspunkt nehmen muss von der eben charakterisierten intellektuellen Bescheidenheit, von der Anschauung, dass in der Seele noch etwas liegen kann, was noch nicht entwickelt ist, was man aber noch entwickeln kann. Von diesem Punkte geht dasjenige aus, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist. Von diesem Punkte aus sucht sie wirklich dasjenige, was in der Seele veranlagt ist, herauszugestalten aus dieser Seele. Die Methoden, die sie dabei anwendet, sind wirklich nicht mit irgendwelchen äußeren Maßnahmen zu vergleichen. Sie sind Methoden, welche intim auf das innere Seelenleben selber angewendet werden. Aber man soll nur nicht glauben, dass das, was da zustande kommt dadurch, dass intime innere Seelenfähigkeiten entwickelt werden, etwa leichter sei als das Forschen im Laboratorium oder auf der Klinik oder dem astronomischen Observatorium. Sondern was ich Ihnen jetzt kurz prinzipiell andeuten will, erfordert Jahre, Jahre innerer, ernster und hingebungsvoller Seelenarbeit. Diese hingebungsvolle Seelenarbeit, die würdigen eben manche Menschen, die von der Sache wenig kennen, durchaus nicht. Und daher glauben sie, dass dasjenige, was auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft gesagt wird, so, wie irgendetwas Phantastisches, aus dem Blauen heraus geholt wird. Das ist aber durchaus nicht der Fall.

[ 10 ] This is precisely what must naturally spring from the intellectual modesty just described—from the view that there may still be something within the soul that has not yet been developed, but that can still be developed. It is from this point that what is known as anthroposophically oriented spiritual science originates. From this point, it truly seeks to bring forth from the soul that which is latent within it. The methods it employs in this process cannot truly be compared to any external measures. They are methods that are intimately applied to the inner life of the soul itself. But one must not believe that what is achieved through the development of these intimate inner soul capacities is in any way easier than research in a laboratory, a clinic, or an astronomical observatory. Rather, what I now wish to briefly outline to you in principle requires years—years—of inner, serious, and devoted soul work. This devoted soul work is not at all appreciated by some people who know very little about the subject. And that is why they believe that what is said in the field of spiritual science is simply something fantastical, pulled out of thin air. But that is by no means the case.

[ 11 ] Was ich Ihnen jetzt ganz kurz andeuten will, das finden Sie ausführlicher beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Ich kann selbstverständlich nicht alle Einzelheiten hier anführen, aber ich möchte im Prinzip andeuten, dass dasjenige, um was es sich handelt, beim Forschen über die geistigen Welten, so wie dies in der Anthroposophie gemeint ist, durchaus nicht irgendetwas durch ein Wunder Hervorgeholtes oder dergleichen ist, sondern dass dies nur eine Fortsetzung, eine Weiterentwicklung der gewöhnlichen menschlichen Seelenfähigkeiten ist. Verzeihen Sie daher, wenn ich in einer etwas elementaren Weise das auseinandersetzen werde, wie man von den gewöhnlichen Seelenfähigkeiten zu denjenigen kommt, durch die in der Wissenschaft tiefer in die Daseinsgründe hineingeschaut werden kann, als das mit den gewöhnlichen äußeren Sinnen und mit dem kombinierenden Verstande der Fall ist.

[ 11 ] What I would now like to briefly touch upon here is described in greater detail in my book *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*. Of course, I cannot go into all the details here, but I would like to point out, in principle, that what is at stake in the exploration of the spiritual worlds—as understood in anthroposophy—is by no means something brought about by a miracle or the like, but rather a continuation and further development of ordinary human soul faculties. Please forgive me, therefore, if I explain in a somewhat elementary way how one progresses from the ordinary faculties of the soul to those through which science can look more deeply into the foundations of existence than is possible with the ordinary external senses and the reasoning intellect.

[ 12 ] Sie alle kennen zwei menschliche Fähigkeiten. Wenn ich Ihnen von einer Entwicklung spreche, so werden vielleicht bei der ersten Fähigkeit nicht so viele Leute daran Anstoß nehmen, weil sie immerhin wohl gelten lassen werden, dass man das noch annähernd Wissenschaft nennen kann, was durch eine solche Fähigkeit zustande kommt. Wenn ich Ihnen aber von der Entwicklung der zweiten Fähigkeit sprechen werde, dann werden natürlich sich — das ist durchaus begreiflich — die Einwände mehren. Die Einwände — meine sehr verehrten Anwesenden — kennt man sehr genau. Dann werden insbesondere die wissenschaftlichen Leute zunächst sich heute gegen so etwas aufbäumen, aber aufbäumen eben nur so lange, solange man die volle Umwandlung der entsprechenden Fähigkeiten nicht ins Auge fasst.

[ 12 ] You are all familiar with two human abilities. When I speak to you about a development, perhaps not so many people will take offense at the first ability, because they will at least concede that what results from such an ability can still be called science, at least to some extent. But when I speak to you about the development of the second ability, then of course—and this is entirely understandable—the objections will multiply. The objections—ladies and gentlemen—are well known. In particular, scientists will initially rebel against such a thing today, but they will only do so as long as one does not envisage the complete transformation of the relevant abilities.

[ 13 ] Die zwei Fähigkeiten — es gibt natürlich viele andere, aber das sind die zwei Hauptfähigkeiten, die ich charakterisieren will —, diese zwei Fähigkeiten der menschlichen Seele, welche gewissermaßen an dem Punkte aufgegriffen werden müssen, in dem sie sich im gewöhnlichen Leben befinden, und von da aus weiterentwickelt werden müssen, wie die seelischen Fähigkeiten des fünfjährigen Kindes weiterentwickelt werden müssen. Diese zwei Fähigkeiten sind auf der einen Seite das menschliche Erinnerungsvermögen und auf der zweiten Seite dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben und auch im sozialen Leben die Liebe nennen. Erinnerungsfähigkeit und Liebefähigkeit — wir wenden sie in der Wissenschaft wenigstens als Hilfen an. Erinnerung, die Liebe, sie spielen eine ungeheure Rolle im gewöhnlichen und im sozialen Leben. Beide Fähigkeiten aber, sie können durchaus weiter ausgebildet werden, als sie im gewöhnlichen Leben der Menschenseele eigen sind.

[ 13 ] These two faculties—there are, of course, many others, but these are the two main ones I wish to characterize—these two faculties of the human soul, which must, so to speak, be taken up at the point where they are in ordinary life and developed further from there, just as the soul faculties of a five-year-old child must be developed further. These two faculties are, on the one hand, the human capacity for memory and, on the other hand, what we call love in everyday life and also in social life. The capacity for memory and the capacity for love—we use them in science, at least, as aids. Memory and love play an immense role in everyday and social life. Both capacities, however, can certainly be developed further than they are naturally present in the human soul in everyday life.

[ 14 ] Erinnerungsfähigkeit, sie ist — wie Sie wissen — dasjenige, was in unser Leben Zusammenhang hineinbringt. Zunächst haben wir ja diese Erinnerungsfähigkeit so, dass wir in einem bestimmten späteren Zeitpunkte unseres Lebens ein Ereignis wiederum vor unsere Seele hinzaubern können, welches wir vielleicht vor vielen Jahren erlebt haben. Damals standen wir mit unserem ganzen Menschen in diesem Ereignisse darinnen. Damals berührten wir sozusagen dasjenige, was in der Außenwelt Anlass zu einem bestimmten Erlebnis war. Damals waren unsere Sinne diesem Erlebnis ausgesetzt. In späteren Zeitabschnitten des Lebens rufen wir aus der Seele selbst, vielleicht durch einen Anlass, vielleicht aber durch einen inneren Anlass oder irgendetwas dergleichen, in einem Bilde dasjenige hervor, was einstmals ein Erlebnis war. Und haben wir gesunde Seelenkräfte, so wissen wir ganz genau, einfach innerlich durch dasjenige, was in den Lebenszusammenhängen sich für unser Seelendasein ausbildet, ob wir uns irgendeine Phantastik vormachen, ob wir etwas bloß ausdenken oder ob dasjenige, was in unserer Seele aufsteigt, nur das Bild, gewissermaßen die Imagination ist von demjenigen, was wir in der äußeren Sinneswelt erlebt haben.

[ 14 ] The ability to remember—as you know—is what brings coherence to our lives. To begin with, we possess this ability to remember in such a way that, at a certain later point in our lives, we can conjure up before our minds an event that we may have experienced many years ago. At that time, we were fully immersed in that event with our whole being. At that time, we came into contact, so to speak, with what in the outer world gave rise to a particular experience. At that time, our senses were exposed to that experience. In later stages of life, we summon from within our soul itself—perhaps triggered by an external event, or perhaps by an inner impulse or something similar—an image of what was once an experience. And if we possess healthy soul powers, we know quite precisely—simply inwardly, through what takes shape for our soul life within the context of our life experiences—whether we are deluding ourselves with some fantasy, whether we are merely imagining something, or whether what arises in our soul is merely the image—the imagination, so to speak—of what we have experienced in the external sensory world.

[ 15 ] Diejenigen, die etwas eingehender sich mit dem befasst haben, was die Erinnerungsfähigkeit eigentlich für das menschliche Seelenleben bedeutet, die wissen, dass unser Ich niemals so richtig gesund ist, wenn irgendetwas in dieser Erinnerung nicht stimmt — bis zu jenem Zeitpunkte zurück, bis zu dem wir uns gewöhnlich als in den ersten Lebensjahren liegend zurückerinnern können. Wenn man irgendwo, ich möchte sagen einen Abschnitt des Lebens hat, auf den man nicht kommen kann in der Erinnerung, wo gewissermaßen der Lebensfaden unterbrochen ist, da zeigt sich auch etwas, was einen innerlich so beunruhigt, dass das Ich, dieser ganze Zentralpunkt des menschlichen Seelenwesens, dass dieses sich nicht als gesund fühlen kann. Und Sie wissen auch, wie krankhafte Zustände in das Ich eingreifen können und wie durch das Abreißen der Erinnerung gerade sich da ganz furchtbare Seelenkrankheitszustände geltend machen. Es gibt Menschen — sie werden davon schon gehört haben, meine sehr verehrten Anwesenden —, die stiegen irgendwo in einen Zug ein, fuhren drauflos bis zu irgendeinem Punkte. Dann stiegen sie aus. Sie finden sich erst später wieder zurecht. Sie haben völlig den Lebensfaden durchschnitten. Und nachher? Sie können sich nicht erinnern an dasjenige, was sie durchgemacht haben. Dieser Erinnerungsfaden ist das, was unser Ich zusammenhiält.

[ 15 ] Those who have examined in some depth what the capacity for memory actually means for the human soul know that our “I” is never truly healthy if something is amiss in this memory—all the way back to the point we can usually recall as being in the first years of life. If there is a period—I would say a segment—of one’s life that one cannot recall, where, so to speak, the thread of life is broken, then something emerges that disturbs one so deeply that the “I”—this very center of the human soul—cannot feel healthy. And you also know how pathological conditions can affect the “I,” and how, precisely through the severing of memory, truly terrible mental illnesses can take hold there. There are people—you have surely heard of them, my esteemed audience—who boarded a train somewhere and rode off to some destination. Then they got off. They don’t find their bearings again until later. They have completely severed the thread of life. And afterward? They cannot remember what they went through. This thread of memory is what holds our “I” together.

[ 16 ] Was liegt denn da eigentlich zugrunde, wenn wir uns an irgendein Ereignis erinnern? Ja, indem wir die Erlebnisse durchmachen, sind sie gewissermaßen im Augenblicke vor uns. Dasjenige, was wir an ihnen erleben, wir können es innerlich dauernd machen. Und was wir dann dauernd gemacht haben, es ist ein innerlich in der Seele aufleben könnendes Bild. Ich brauche mich heute gar nicht darüber zu verbreiten, was eigentlich da im Innern des Menschen vor sich geht; das können Sie in meinen Ausführungen in der geisteswissenschaftlichen Literatur finden. Dasjenige, was zunächst der Tatbestand ist, das ist, dass wir Bilder von Erlebnissen hervorholen können, die wir gehabt haben, und dass also dadurch das Erlebnis in unserer Seele zu einem dauernden wird. Sehen Sie, an dieser Eigenschaft des Dauernden muss man festhalten und, ich möchte sagen damit experimentieren lernen, so wie man experimentiert mit den äußeren Dingen im chemischen Laboratorium. Man muss tatsächlich lernen, ebenso zu denken über diese innerlichen Dinge, wie man es sich angeeignet hat gerade in der Wissenschaft, in der modernen Wissenschaft, deren Verdienste nicht in den Schatten gestellt werden sollen durch Geisteswissenschaft. Wie man sich — sagen wir, um in dieser modernen Wissenschaft zu denken —, sich da gewisse Dinge vornimmt, kommt man in dem Moment auf eine andere Zusammenfassung desjenigen, was man in der Natur nur beobachten kann. Wie man da aus der Naturbeobachtung das Experiment macht und dadurch auf gewisse Dinge kommt, die man aus der Beobachtung selber nicht entnehmen könnte, die man erst [aus] dieser künstlich zugerichteten Beobachtung dem Experiment entnimmt, so kann man auch gewisse Seelenfähigkeiten des Menschen nicht ausbilden, wenn man nicht gewissermaßen zu dem innerlichen Arbeiten an den Seelenfähigkeiten selber greift.

[ 16 ] What, then, is actually underlying our recollection of any event? Well, as we go through these experiences, they are, in a sense, right before us in the moment. What we experience in them—we can continually re-experience it inwardly. And what we have then continually re-experienced becomes an image that can come alive within the soul. I don’t need to go into detail today about what actually takes place within a person; you can find that in my writings on spiritual science. The fact of the matter is that we can bring forth images of experiences we have had, and that through this, the experience becomes a lasting one in our soul. You see, we must hold fast to this quality of permanence and—I would say—learn to experiment with it, just as one experiments with external substances in a chemistry laboratory. One must indeed learn to think about these inner matters in the same way one has learned to do so in science—in modern science, whose merits should not be overshadowed by spiritual science. Just as one—let’s say, in order to think in the manner of this modern science—sets out to investigate certain things, one arrives at a different synthesis of what one can only observe in nature. Just as one turns observation of nature into an experiment and thereby arrives at certain things that could not be deduced from observation alone—things that are derived only from this experiment, which is an artificially structured form of observation—so, too, certain human soul faculties cannot be developed unless one, in a sense, engages in inner work on the soul faculties themselves.

[ 17 ] Dasjenige, was den Erinnerungsvorstellungen eignet, es ist die Dauer, und das ist es, was man aufnimmt. Man bildet sich leicht überschaubare Vorstellungen, Vorstellungen, die keine Vermengungen sein können, die also nicht aus irgendeinem Unterbewussten auftauchen können, das wären die komplizierten Vorstellungen. Nein, leicht überschaubare Vorstellungen bildet man sich, deren einzelne Bestandteile man ganz gut sehen kann. Die setzt man in das Bewusstsein herein, so wie sonst eine Erinnerung darinnen steht. Man verweilt nun in Dauer auf solchen Vorstellungen. Aber glauben Sie nicht etwa, dass es genügt, zweimal dies zu machen. Solche Übungen müssen, genau ebenso wie man zu ernster Wissenschaft jahrelang forschen muss, jahrelang fortgesetzt werden. Denn man muss allmählich erst die in der Tiefe der Seele ruhenden Fähigkeiten heraufholen, welche solche Vorstellungen beleben, in dieser Art in Dauer versetzen können.

[ 17 ] What is characteristic of memories is duration, and that is what one takes in. One forms easily comprehensible mental images—images that cannot be confused, that cannot, therefore, arise from some sort of subconscious; those would be the complicated images. No, one forms easily comprehensible mental images whose individual components one can see quite clearly. One brings these into consciousness, just as a memory would normally be present there. One now dwells on such ideas over a sustained period. But do not think for a moment that it is enough to do this twice. Such exercises must be continued for years—just as one must conduct years of research in serious science. For one must first gradually bring to the surface the abilities lying deep within the soul that can enliven such ideas and sustain them in this way over time.

[ 18 ] Und dazu muss außerdem eine gewisse Ausbildung kommen der, ich möchte sagen inneren Lebenserfahrungen. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, Sie werden ja gehört haben, dass es allerlei Mystiken und dergleichen gibt, die nun auch nach innerlichem Schauen hinstreben. Dasjenige, was hier als anthroposophische Geisteswissenschaft gemeint ist, ist durchaus nicht solche nebulose Mystik. Ganz im Gegenteil! Derjenige, der in dieser Weise an dem Inneren seiner Seele arbeitet, der setzt sich ein ganz bewusstes Ideal bei diesem Arbeiten. Er setzt sich bei diesem Arbeiten auch dasjenige Ideal, das man sich auch in einer Wissenschaft aneignen kann, aber nur dann, wenn man sich wirklich in voller Klarheit und mit Selbstständigkeit, mit innerer Freiheit dieser Wissenschaft hingibt.

[ 18 ] And this must also be accompanied by a certain training in—I would say—inner life experiences. For, my esteemed audience, you will surely have heard that there are all sorts of mystical traditions and the like that also strive toward inner vision. What is meant here by anthroposophical spiritual science is by no means such nebulous mysticism. Quite the contrary! Those who work in this way on the inner life of their soul set themselves a very conscious ideal in this work. In this work, they also set themselves the kind of ideal that one can acquire in a science, but only if one truly devotes oneself to that science with complete clarity, independence, and inner freedom.

[ 19 ] Das ist nämlich die Methodik, wie Goethe sie hatte bei seinen Forschungen, dass er, obwohl er eigentlich kein Mathematiker ist, er eigentlich so forschen möchte auf dem Gebiete der Natur, dass er jedem strengen Mathematiker über seine Methode Rechenschaft abgeben könne. So macht es auch der Geisteswissenschafter. In der Mathematik lebt man in durchschaubaren Vorstellungen. Man beschreibt nicht den pythagoreischen Lehrsatz in nebuloser Mystik; man hat alles dasjenige vor sich, was man zusammenschauen will, um zuletzt zu diesem pythagoreischen Lehrsatz zu kommen. In solch innerer, lichtvoller Klarheit müssen jene Vorstellungen vor der Seele stehen, die man dauernd macht. Ich nenne dieses Ruhen auf solchen Vorstellungen «Meditieren», und bitte Sie, sich nichts anderes unter diesem Meditieren vorzustellen als erstens: Dieses Ruhen auf leicht überschaubaren Vorstellungen, die nichts Nebuloses haben können. Sie werden umso weniger Nebuloses haben, je mehr man sich durch eine gewisse innerliche Seelenerfahrung die Fähigkeit verschafft, solches Nebuloses und Unterbewusstes gleich zu erkennen, wenn es auftritt.

[ 19 ] This, in fact, is the methodology Goethe employed in his research: although he was not actually a mathematician, he sought to conduct his research in the natural sciences in such a way that he could account for his method to any rigorous mathematician. The humanities scholar proceeds in the same way. In mathematics, one operates within transparent concepts. One does not describe the Pythagorean theorem in nebulous mysticism; one has before one everything that one wishes to bring together in order to ultimately arrive at this Pythagorean theorem. The concepts that one continually forms must stand before the soul in such inner, luminous clarity. I call this resting on such concepts “meditation,” and I ask you to imagine nothing else by this term “meditation” other than, first of all: this resting on easily comprehensible concepts that can contain nothing nebulous. The more one acquires, through a certain inner spiritual experience, the ability to immediately recognize such nebulosity and subconscious elements when they arise, the less nebulosity these concepts will contain.

[ 20 ] Es hat sich ja auch die moderne Wissenschaft viel mit diesem Unterbewussten befasst, das aus den Tiefen der Seele heraufdringt, das dann in uns lebt. Wir wissen nicht recht seine Ursache, es gehört aber dem Seelenleben an. Gerade über diese Dinge muss zunächst derjenige Bescheid wissen, der ein wahrer Geisteswissenschafter werden will.

[ 20 ] Modern science, too, has dealt extensively with this subconscious, which rises from the depths of the soul and then lives within us. We do not fully understand its origin, but it is part of the life of the soul. It is precisely these things that anyone who wishes to become a true scholar of the spiritual sciences must first understand.

[ 21 ] Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel angeben, das Sie auch in der gewöhnlichen Literatur finden können. Ein Professor der Zoologie geht auf der Straße. Er geht an einer Buchhandlung vorbei, sieht in das Schaufenster hinein und schaut ein Buch über niedere Tiere. Der Buchtitel ist irgendetwas über die niederen Tiere. Und sehen Sie, dem guten Professor passiert es — man soll sich nur vorstellen: ein Professor der Zoologie! Dem passiert es, indem er sich diesen Buchtitel ansieht — es ist ein ganz ernster Buchtitel über Regenwürmer oder dergleichen —, dass er anfangen muss zu lachen. Also, ein Professor der Zoologie, der über einen vielleicht ganz ernsten Buchtitel lachen muss! Er kann das selber gar nicht fassen. Da kommt er darauf, sich zu sagen: Ich werde vielleicht die Augen zumachen, um dadurch vielleicht zu ergründen, warum es mir passieren muss, dass ich bei diesem ernsten Buchtitel lache. Er macht die Augen zu. Und siehe da, indem er nicht sieht, hört er besser. Und er hört ganz in der Ferne eine Melodie, die ein Drehorgelmann spielt. Und jetzt kommt er darauf: Vor Jahrzehnten hatte er sein erstes Tänzchen auf diese selbe Melodie, die jetzt der Drehorgelmann spielt, getanzt. Das, was er damals erlebt hatte, das ist ihm seither nicht wieder ins Bewusstsein gekommen, das hat unten im Bewusstsein ein ungekanntes Dasein geführt. Aber jetzt, wo er auf einen Buchtitel hinschaut, da hört er und hört nicht — so in einem Zwischenzustand zwischen Hören und Nichthören —, da kommt ihm wiederum das in Erinnerung durch diese Melodie. Und da muss er lächeln, wie er damals gelacht hat, als er seine Tänzerin vor sich hatte und er auf dieselbe Melodie sein erstes Tänzlein getanzt hat.

[ 21 ] Let me give you an example that you can also find in general literature. A professor of zoology is walking down the street. He passes a bookstore, looks into the window, and sees a book about lower animals. The book’s title is something about lower animals. And look, it happens to the good professor—just imagine: a professor of zoology! It happens to him as he looks at this book title—it’s a very serious book title about earthworms or the like—that he can’t help but start laughing. So, a professor of zoology who has to laugh at what might be a very serious book title! He can’t believe it himself. Then it occurs to him to say to himself: Maybe I’ll close my eyes, so that I might figure out why I have to laugh at this serious book title. He closes his eyes. And lo and behold, by not seeing, he hears better. And he hears, far off in the distance, a melody being played by a barrel organ player. And now it occurs to him: Decades ago, he had danced his first little dance to this very same melody that the barrel organ player is now playing. What he had experienced back then had not come back to his conscious mind since; it had been leading an unknown existence deep in his subconscious. But now, as he looks at a book title—hearing and not hearing at the same time, in a sort of liminal state between hearing and not hearing—that memory comes flooding back to him through this melody. And he can’t help but smile, just as he had smiled back then, when his dance partner stood before him and he danced his first little dance to that very same melody.

[ 22 ] Sehen Sie, dadurch, dass man so etwas kennenlernt — und es gibt ungeheuer vieles derart im menschlichen Leben —, dadurch erfährt man, wie viele sogenannte Reminiszenzen unten in der Seele sein können, wie leicht also Illusionen, Phantastik entstehen können, wenn man sich irgendeiner Vorstellung hingibt. Daher ist es auch bei manchen Mystikern so. Sie glauben, indem sie immerfort betonen, sie schauen in das Innere der Seele und finden in diesem Inneren der Seele allerlei, das sie dann mit erhabenen Worten oftmals charakterisieren, von dem sie meinen, dass sie es im Innern der Seele finden. Aber dasjenige, was man einmal in dieser Weise in der Seele aufgenommen hat, es braucht nicht immer in derselben Weise heraufzukommen. Es kann sich auch umwandeln. Und bei manchem, der von allerlei großen Gelegenheiten erzählt, Erfahrungen, die er selber gemacht haben will, und darüber redet, sind es nur die umgewandelten Töne der Melodie der Drehorgel, die er vor Jahrzehnten gehört hat. Verzeihen Sie diesen Vergleich, aber man wird mich verstehen.

[ 22 ] You see, by becoming acquainted with such things—and there are an immense number of them in human life—one comes to realize how many so-called reminiscences can lie deep within the soul, and thus how easily illusions and fantasies can arise when one gives oneself over to any kind of imagination. This is also the case with some mystics. They believe—by constantly emphasizing that they are looking into the innermost depths of the soul and finding all sorts of things there, which they then often describe with lofty words—that they are discovering these things within the soul. But what one has once taken in this way into the soul does not always have to resurface in the same way. It can also be transformed. And for some who recount all sorts of great experiences—experiences they claim to have had themselves—and speak of them, these are merely the transformed notes of the barrel organ melody they heard decades ago. Please forgive this comparison, but you will understand what I mean.

[ 23 ] Also das, was da eigentlich in der Seele vorliegen kann, was Beschränkungsmöglichkeiten sind, das muss zunächst einmal derjenige, der Geistesforscher sein will, gründlich, klar kennenlernen. Diese Erfahrungen muss er haben. Dann ist er überhaupt erst in der Lage, richtig zu empfinden. Ich möchte, wenn diese Worte nicht missverstanden werden, nun aus meinem Wortgebrauch es charakterisieren.

[ 23 ] So whatever may actually be present in the soul—whatever the potential limitations may be—anyone who wishes to be a spiritual researcher must first gain a thorough and clear understanding of these things. He must have these experiences. Only then will he be in a position to perceive correctly. I would now like to characterize this—provided these words are not misunderstood—based on my own use of language.

[ 24 ] Dieses innere Experimentieren, dieses Ruhen auf überschaubaren Vorstellungen, die keine Reminiszenzen sein können, von denen man weiß, es wirkt in ihnen nur dasjenige, was eben gegenwärtig im Bewusstsein ist, das bringt endlich aus den Tiefen der Seele gewisse Kräfte herauf, die sich ebenso entwickeln an einem solchen Üben, wie sich die Muskelkräfte entwickeln, wenn man physisch arbeitet. Die seelischen Kräfte entwickeln sich, und man erlangt eine Fähigkeit, welche weit über das Erinnern, über das bloße Erinnern hinausgeht. Das bloße Erinnern bringt uns in Bildern Erlebnisse vor die Seele, die wir in diesem physischen Leben durchgemacht haben. Aber dasjenige, was man nun als Seelenfähigkeit durch eine weitere Entwicklung der Erinnerungsfähigkeit ausbildet, das lehrt einen so recht, dass der Mensch, so wie er dasteht in der Welt, durchaus aus dem Ganzen der Natur und des Weltenalls herausgeboren ist. Das lehrt einen, dass alles dasjenige, was draußen ausgebreitet ist in der Welt und was jemals ausgebreitet war in dieser Zeit, in dieser Welt, die uns umgibt und in der wir selber sind, dass das alles in irgendeinem Entwicklungszusammenhang mit dem Menschen steht.

[ 24 ] This inner experimentation, this resting on clear and distinct ideas—which cannot be reminiscences, for one knows that only what is currently present in consciousness is at work within them—finally brings certain powers to the surface from the depths of the soul; these powers develop through such practice just as muscular strength develops through physical labor. The soul’s powers develop, and one acquires an ability that goes far beyond mere recollection. Mere recollection brings before the soul, in images, experiences we have gone through in this physical life. But what one now cultivates as a soul capacity through the further development of the power of memory truly teaches us that human beings, as they stand in the world, are indeed born out of the totality of nature and the universe. This teaches us that everything that is spread out in the world—and everything that has ever been spread out in this time, in this world that surrounds us and in which we ourselves exist—is connected to human beings in some way through the process of evolution.

[ 25 ] Es ist durchaus niemals meine Absicht, irgendwelche alten Dinge wieder aufzuwärmen, aber man kann Ausdrücke gebrauchen — wenn man dadurch auch leicht missverstanden wird, von denjenigen vorzugsweise, die missverstehen wollen —, aber man kann alte Ausdrücke gebrauchen, um irgendetwas, was man in unmittelbarer Anschauung hat, zu bezeichnen.

[ 25 ] It is certainly never my intention to rehash old ideas, but one can use expressions—even if doing so makes one prone to being misunderstood, especially by those who want to misunderstand—but one can use old expressions to describe something one has in immediate view.

[ 26 ] Es ist zum Beispiel eine alte Vorstellung, dass der Mensch eine kleine Welt ist, das heißt, ein Mikrokosmos. Das heißt, dass er alles dasjenige in seiner Gesetzmäßigkeit drinnen hat, was draußen in der Welt in irgendeiner Weise ausgebreitet ist. Es ist schr interessant, dass neueste Forscher immer wieder darauf hingewiesen haben, dass wir selbst in unseren Maschinen, wenn wir sie in ihrem Prinzip betrachten, eigentlich nichts anderes betrachten als umgewandelte menschliche Sinnesorgane oder andere menschliche Organe. Man kann fast in jeder Maschine nachweisen, wie sie im Prinzip ausgebildet ist, wie irgendetwas im Menschen ist. Dasjenige, was da äußerlich angeschaut wird, das kann — wirklich, innerlich angeschaut — zum vollen Bewusstsein kommen.

[ 26 ] For example, it is an ancient concept that a human being is a small world—that is, a microcosm. This means that within a human being, everything that exists in the external world in some form is contained according to its own laws. It is quite interesting that recent researchers have repeatedly pointed out that even in our machines—when we consider them in terms of their underlying principles—we are actually looking at nothing other than transformed human sensory organs or other human organs. In almost every machine, one can demonstrate how its basic design corresponds to something found within the human being. What is observed externally can—when truly viewed from within—become fully conscious.

[ 27 ] Wenn dieses fortgebildete Erinnerungsvermögen auftritt, da holt man gewissermaßen [nun] etwas anderes aus der menschlichen Seele hervor an Wirkungen, als man aus dieser Seele herausholen kann durch das gewöhnliche Erinnerungsvermögen, das uns Bilder vor die Seele zaubert von dem, was wir erlebt haben. Durch jenes Erinnerungsvermögen, von dem ich gerade gesprochen habe, durch das fortentwickelte Erinnerungsvermögen, tritt vor die Seele in der Tat dasjenige, was ihr selbst unbekannt ist, dasjenige, was den Zusammenhang des Menschen gerade mit der ganzen Umwelt, mit der großen Welt, mit dem Makrokosmos, gerade darstellt. Und es tritt dasjenige auch vor die Seele, was diesen physischen Leib, weil er durchaus nichts anderes ist als das Instrument der Seele, eigentlich innerlich formt. Wir brauchen nur hinzuschauen.

[ 27 ] When this developed power of memory comes into play, one brings forth, as it were, effects from the human soul that are different from those one can draw from this soul through ordinary memory, which conjures up images before our minds of what we have experienced. Through that power of memory I have just spoken of—the further-developed power of memory—what is in fact unknown to the soul itself comes before it: that which precisely represents the human being’s connection with the entire environment, with the wider world, with the macrocosm. And what actually shapes this physical body from within—since it is nothing other than the soul’s instrument—also appears before the soul. We need only look.

[ 28 ] Und wenn wir ein Gefühl dafür haben, was im Menschen, ich möchte sagen an innerer plastischer Kraft tätig ist, auch wenn er schon geboren ist — man braucht nur hinzuschauen mit der nötigen Andacht und mit dem nötigen Ernst und Unbefangenheit auf das sich entwickelnde Kind, wie es von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, immer, wie seine Bewegungen immer mehr artikuliert werden, wie das Wunderbare geschieht, es ist etwas Wunderbares für den, der es unbefangen betrachtet —, dass die Sprache sich ausbildet. Wenn man das Arbeiten eines Unbekannten zunächst — aber wie aus plastisch-ziselierendem Prinzipe — an dem Kinde zunächst sieht, [forscht man] weiter nach. Und dasjenige, was da im Menschen von innen heraus arbeitet, was schon gearbeitet hat, bevor er geboren beziehungsweise konzipiert worden ist, was aus der geistigen Welt heraus sein physisches Dasein gestaltet, das ist es, was nun ebenso in unsere Seele hereinschießt wie in späteren Jahren eine Erinnerung an Erlebnisse, die [wir] durchgemacht haben.

[ 28 ] And when we have a sense of what is at work within a person, I would say, is at work in terms of inner plastic power—even after a person is already born—one need only observe the developing child with the necessary devotion, seriousness, and impartiality, seeing how, day by day, week by week, year by year, his movements become increasingly articulated, and how the marvelous happens— it is something marvelous for those who observe it with an open mind—that language develops. When one first observes this work of an unknown force—yet as if guided by a formative, chiseling principle—at work in the child, [one investigates] further. And that which works within a human being from within, which was already at work before he was born or conceived, which shapes his physical existence from the spiritual world—that is what now shoots into our soul just as, in later years, a memory of experiences [we] have gone through does.

[ 29 ] Der Geistesforscher, meine sehr verehrten Anwesenden, kann Ihnen nicht wie ein Spiritist vor die äußeren sinnlichen Augen hinstellen dasjenige, was er erforscht hat. Er kann nur andeuten, was durch eine Entwicklung der Seele von dem Punkte der intellektuellen Bescheidenheit an durch immer weitere und weitere Entfaltung von solchen Kräften, wie es die Erinnerung ist, [wie] man zu dem Schauen dessen kommt, was zunächst wie ein großes Unbekanntes durch das Leben geht.

[ 29 ] The spiritual researcher, my esteemed audience, cannot, like a spiritualist, present before your physical eyes what he has investigated. He can only hint at how, through the development of the soul—starting from a point of intellectual humility and proceeding through the ever-wider unfolding of faculties such as memory—one comes to perceive that which at first passes through life as a great unknown.

[ 30 ] Man schaut eben Dinge mit diesem inneren Bewusstsein, mit dem man sonst eben nur in sein physisches Leben durch die Erinnerungsfähigkeit hineinschaut. So wie vor der Seele auftreten die Bilder des Mathematischen, die aber kein Sein haben, so treten — indem die Seele aus ihrem Inneren heraus arbeitet und damit nichts Leeres, Phantastisches herausarbeitet, sondern solches, an dem sie erkennt die Realität, wenn das Bild da ist, indem die Seele das aus sich herausarbeitet und die Realität so, wie in der gewöhnlichen Erinnerung, erkennt, wo sie auch weiß, du bildest dir nichts ein, es ist in diesem Bilde irgendetwas, was mit der Realität zusammenhängt —, so weiß man, dass durch dieses fortgebildete Erinnerungsvermögen man auch Bilder in der Seele hat, welche mit Realitäten zusammenhängen, welche genau so innerlich seelisch aufgebaut sind, wie die Bilder, sagen wir, der Geometrie auftreten, denen aber, wie gesagt, das Sein fehlt, während man jetzt untertaucht in ein inneres, seelisches Erleben, das aber durchaus durch seine eigene Wesenheit anzeigt, wie es mit dem Sein, und zwar mit dem geistigen Sein, aus dem der Mensch ebenso herausgeboren ist wie aus dem physischen Sein, wie es mit dem geistigen Sein zusammenhängt. Es handelt sich wahrhaftig nicht um eine Phantasterei, sondern darum, durch dieselben Anstrengungen, wodurch man allmählich dazu kommt, die mathematischen Gebilde in ihren geheimen Verhältnissen zu durchschauen durch Anstrengungen — die aber viel weiter gehen —, solche inneren Fähigkeiten [zu] entwickeln, die aber gewissermaßen [ein] Weltentableau geben, innerlich konstruiertes Weltentableau geben, das Welterkenntnis liefert.

[ 30 ] One simply views things with this inner awareness, with which one otherwise only looks into one’s physical life through the power of memory. Just as mathematical images appear before the soul—though they have no existence—so too, as the soul works from within itself and thereby brings forth not something empty or fantastical, but rather something through which it recognizes reality when the image is present—as the soul works this out from within itself and recognizes reality just as in ordinary memory, where it also knows you are not imagining anything—there is something in this image that is connected to reality—so one knows that through this developed capacity for memory, one also has images in the soul that are connected to realities, which are structured just as inwardly and spiritually as the images, let us say, of geometry appear, but which, as mentioned, lack being, whereas one now immerses oneself in an inner, soul-level experience that, through its very nature, reveals how it relates to being—specifically to spiritual being, from which the human being is born just as from physical being. This is truly not a matter of fantasy, but rather of developing—through the same efforts by which one gradually comes to penetrate the secret relationships of mathematical structures, though these efforts go much further—such inner capacities that, in a sense, [provide] a picture of the world—an internally constructed picture of the world—that yields knowledge of the world.

[ 31 ] Das ist einfach eine Tatsache, zu der man kommt, indem man von der intellektuellen Bescheidenheit gerade ausgeht. Und es muss einfach dem Menschen die Entwicklungsfähigkeit abgesprochen werden, wenn man nicht zugeben will zunächst, dass so etwas möglich ist. Das Weitere hängt ja dann nur davon ab, ob man es wirklich probiert. Jedem steht es offen, die Dinge zu probieren. Die anderen beweisen dadurch, dass sie den Menschen vor das Mikroskop führen, und man sagt, das sei nicht auf Autoritätsglaube begründet, weil eben jeder sich selbst überzeugen könne.

[ 31 ] This is simply a fact that one arrives at by starting precisely from a position of intellectual humility. And one must simply deny humanity’s capacity for development if one is unwilling to admit, first of all, that such a thing is possible. What happens next depends only on whether one actually tries it. Everyone is free to try things out. The others prove this by placing people under the microscope, and it is said that this is not based on blind faith in authority, because everyone can convince themselves.

[ 32 ] Bei der Geisteswissenschaft ist es nicht anders, sie muss nur anderes fordern. Jeder kann sich überzeugen von dem, was die Geisteswissenschaft behauptet. Aber so, wie man da wirklich in das Mikroskop hineinschauen muss in der physischen Wissenschaft, so muss man tatsächlich in der Geisteswissenschaft dasjenige durchmachen, wovon eben der Geistesforscher zeigt, dass es ausgebildet sein muss, wenn man hineinschauen will in die geistigen Welten. Dann erlangt man nicht bloß einen Glauben von den geistigen Welten, dann erlangt man tatsächlich ein wirkliches Wissen, ein erschautes Wissen von den geistigen Welten. Dann schaut man dasjenige, was man das Ewige der Menschennatur nennen kann, denn man schaut nicht nur dasjenige, was erzeugt ist im Leben, was vor unseren sinnlichen Augen steht als Menschenkörper, sondern man schaut das erzeugende Geistig-Seelische, dasjenige, was formt an diesem Menschenkörper, dasjenige aber auch, was in dem Momente, wo das Physische gebildet ist, zugleich den Abbau dieses Physischen besorgt. Denn, allerdings — meine sehr verehrten Anwesenden — das schaut man auch! Man durchdringt von solchen Ausgangspunkten aus tatsächlich gewisse Geheimnisse unseres Gehirnbaues ganz anders als mit äußerer Anatomie oder Physiologie.

[ 32 ] It is no different with spiritual science; it simply has to demand something else. Anyone can verify for themselves what spiritual science asserts. But just as one must actually look through a microscope in the physical sciences, so too in spiritual science one must actually undergo the process that the spiritual researcher shows must be developed if one wishes to look into the spiritual worlds. Then one does not merely acquire a belief in the spiritual worlds; one actually attains true knowledge—a knowledge gained through direct insight—of the spiritual worlds. Then one beholds what might be called the eternal aspect of human nature; for one beholds not only that which is produced in life—what stands before our physical eyes as the human body—but also the creative spiritual-soul aspect: that which shapes this human body, and also that which, at the very moment the physical body is formed, simultaneously brings about its dissolution. For, indeed—my esteemed audience—one sees that as well! From such starting points, one actually penetrates certain mysteries of our brain’s structure in a way quite different from that of external anatomy or physiology.

[ 33 ] Vor allen Dingen lernt man durch inneres Anschauen kennen, wie das Denken, wie dieses Vorstellen zusammenhängt mit dem, was unser Gehirnbau, was unser Nervensystem ist. Die Materialisten glauben, der gewöhnliche Wachstumsprozess, der sonst unsern Körper aufbaut, der setze sich nun auch ins Gehirn hinein fort, und ein solcher organischer Prozess des Aufbauens, der zum Beispiel unserem Wachsen oder unserer Ernährung zugrunde liegt, der liege auch zugrunde unserem Gehirn, wenn wir denken. Das kann man nur so lange glauben, als man über diese Dinge phantasiert. Davon kann in dem Momente keine Rede mehr sein, wo man diese Dinge innerlich anschaut. Da weiß man, das Hirn muss wohl ernährt werden. Aber warum? Weil es sich fortwährend zerstört. Und mit diesem Zerstörungsprozess, nicht mit dem Aufbauprozesse, hängt dasjenige zusammen, was man Denken und Vorstellen nennt. Wir könnten nicht denken, wenn das Gehirn fortwährend wachsen würde, fortwährend sich bloß ernähren würde und aufbauen würde.

[ 33 ] Above all, through inner observation, we come to understand how thinking and imagination are connected to the structure of our brain and our nervous system. Materialists believe that the ordinary growth process, which otherwise builds up our body, continues into the brain as well, and that such an organic process of development—which, for example, underlies our growth or our nutrition—also underlies our brain when we think. One can believe this only as long as one fantasizes about these things. This ceases to be the case the moment one examines these things inwardly. Then one knows that the brain must indeed be nourished. But why? Because it is constantly destroying itself. And what we call thinking and imagining is connected to this process of destruction, not to the process of building up. We could not think if the brain were constantly growing, constantly just nourishing itself and building itself up.

[ 34 ] Was Aufbauprozess ist — Sie können es verfolgen, wenn Sie Dämmer- oder Schlafzustände verfolgen, wo die Wachstumsprozesse zu stark werden. Dasjenige, was Wachstums-, was Aufbauprozesse sind, das führt zur Bewusstlosigkeit, nicht zu bewussten Vorstellungen. Das bewusste Vorstellen tritt gerade in dem Abbau des Gehirns ein, in dem Abbau der Nerven. Und dasjenige, was Aufbau der Nerven ist, das ist eben der rückwirkende Prozess. Das bildet die Nerven wiederum, das bildet sie aus dem organischen Prozesse heraus. Aber wenn gedacht werden soll, wenn Seelisches im Menschen entwickelt werden soll, dann muss abgebaut werden. Das Hirn muss gewissermaßen erst Platz machen für das Seelische, das sich entfalten kann. Wenn man diesen Prozess durchschaut, dann kann man durch eine solche wirkliche Wissenschaft niemals zu der Anschauung kommen: Das Gehirn denkt. Das Gehirn denkt nur insofern, als es sich als Gehirn zerstört.

[ 34 ] What the process of development is—you can observe it when you observe states of twilight or sleep, where the growth processes become too intense. That which constitutes growth and development processes leads to unconsciousness, not to conscious mental images. Conscious imagination arises precisely during the breakdown of the brain, during the breakdown of the nerves. And what constitutes the building up of the nerves is precisely the reverse process. This, in turn, forms the nerves; it shapes them out of the organic processes. But if thinking is to take place, if the soul in human beings is to develop, then a breakdown must occur. In a sense, the brain must first make room for the soul so that it can unfold. If one understands this process, then through such a true science one can never arrive at the view that the brain thinks. The brain thinks only insofar as it destroys itself as a brain.

[ 35 ] Geradeso wenig denkt das Gehirn, wie man sagen kann — ich will mich durch einen Vergleich ausdrücken: Jemand geht über eine aufgeweichte Straße oder ein Wagen fährt über eine aufgeweichte Straße, da werden die Tritte oder die Räderspuren sichtbar, die man eintritt oder einfährt in den Boden. Nun kommt irgendjemand und sagt: Da sind allerlei Formen in dem Boden drinnen, da muss ich annehmen, dass unten, unter dem Boden, Kräfte sind, die so wirken, dass da sich Formen, Tritte gestalten. Wer diese Kräfte im Boden drinnen sucht, der sucht natürlich vergeblich. Er muss voraussetzen, dass da etwas ganz anderes, was mit dem Boden nichts zu tun hat, als dass höchstens der Boden da sein muss, weil man sonst in den Abgrund hineinsinken würde. Der Boden muss ja da sein, aber er ist nur der Untergrund. Aber dasjenige, was da die Formen in dem Boden veranlasst hat, das ist etwas, was mit dem Boden nichts zu tun hat. Ebenso hat Denken und Vorstellen mit dem Gehirn nichts anderes zu tun, als dass das Gehirn den physischen Untergrund abgibt, auf dem sich das Geistig-Seelische — das man nun in der Tat schaut mit Geisteswissenschaft — entwickelt, indem es seine Eindrücke macht. Kein Wunder, wenn jetzt der Physiologe, der Anatom kommt und sagt: Ja, man schaut alles dasjenige, was sich in der Seele abspielt, auch im Gehirn. — Man sieht es, aber die Seele, die macht es erst, die Seele drückt sich da ab. Und sie braucht das Gehirn zu nichts anderem, als dass sie gewissermaßen einen Widerstand hat, so wie ich den Boden brauche, wenn ich über die Straße gehe. Das ist durch einen Vergleich ausgedrückt.

[ 35 ] The brain doesn’t think any more than that, so to speak—let me explain with an analogy: When someone walks across a muddy road or a car drives across a muddy road, the footprints or tire tracks become visible—they’re imprinted into the ground. Now someone comes along and says: There are all kinds of shapes in the ground; I must assume that beneath the ground there are forces acting in such a way that shapes—footprints—are formed there. Anyone who looks for these forces inside the ground is, of course, searching in vain. They must assume that there is something entirely different—something that has nothing to do with the ground itself, other than that the ground must be there, at most, because otherwise one would sink into the abyss. The ground must indeed be there, but it is merely the substrate. However, whatever caused those shapes in the ground is something that has nothing to do with the ground itself. Likewise, thinking and imagining have nothing to do with the brain other than that the brain provides the physical foundation upon which the spiritual-soul aspect—which one does indeed observe through spiritual science—develops by forming its impressions. No wonder, then, when the physiologist or anatomist comes along and says: “Yes, everything that takes place in the soul can also be observed in the brain.” — One sees it, but it is the soul that brings it about in the first place; the soul leaves its imprint there. And the soul needs the brain for nothing other than to provide a kind of support, just as I need the ground when I walk across the street. This is expressed through a comparison.

[ 36 ] Dasjenige, was aber durch Geisteswissenschaft nun wirklich geschaut werden kann, so wie man sieht, ich möchte sagen die Entstehung des Menschen aus dem Geiste heraus durch das entwickelte Erinnerungsvermögen, ich kann es jetzt nicht weiter ausführen, wie gesagt, die Methoden sind in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben —, so kommt man dazu, sich zu sagen: Im Grunde genommen beginnt man zu sterben, indem man geboren wird, denn fortwährend ist dieser Abbauprozess da. Und das, was mit dem Tode eintritt, ist nichts anderes, als dass der Körper, der nun nicht mehr sich herstellen kann, losgerissen wird von dem Geistig-Seelischen. Dieses Geistig-Seelische sucht sich nun andere Welten auf. Man lernt erkennen das Hindurchgehen des Geistig-Seelischen, des Ewigen in der Menschennatur durch den zerbrechlichen Körper, indem man gerade, ich möchte sagen von Stunde zu Stunde, den Todesprozess selber im Denken schaut, indem wir, ich möchte sagen fortwährend im Kleinen sterben, wenn wir denken. So nimmt sich alles dasjenige, was man im Leben findet, so aus, dass man es eben durch Geisteswissenschaft in seiner wahren Gestalt sieht.

[ 36 ] But what can now truly be perceived through spiritual science—as one sees, I would say, the emergence of the human being from the spirit through the developed faculty of memory—I cannot elaborate on this further at the moment; as I said, the methods are described in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* — so one comes to say to oneself: Essentially, one begins to die the moment one is born, for this process of decay is constantly at work. And what occurs at death is nothing other than the body—which can no longer sustain itself—being torn away from the spiritual-soul aspect. This spiritual-soul aspect then seeks out other worlds. One learns to recognize the passage of the spiritual-soul aspect—the eternal aspect of human nature—through the fragile body by observing, I would say from hour to hour, the process of death itself in thought; by, I would say, continually dying on a small scale whenever we think. Thus, everything one encounters in life appears in such a way that one sees it in its true form precisely through spiritual science.

[ 37 ] Ich muss Ihnen [dies] zunächst — meine sehr verehrten Anwesenden — ganz elementar schildern, weil man sich ja nur in dieser Weise verständigen kann. Man muss bei jeder Wissenschaft von den ersten Prinzipien ausgehen. Ich möchte nur in Parenthese, möchte ich sagen erwähnen: Ich habe gesagt, dass dasjenige, was entwickeltes Erinnerungsvermögen ist, ein Tableau, zu vergleichen mit dem mathematischen Tableau, vor unsere Seele ruft, dass aber dieses Tableau uns ins [geistig-seelische Leben] einführt, aus dem heraus wir gestaltet sind.

[ 37 ] I must first explain [this] to you—my esteemed audience—in very basic terms, because this is the only way we can communicate. In any science, one must start from the first principles. I would just like to mention, as an aside: I have said that what constitutes a developed memory is a tableau—comparable to a mathematical tableau—that appears before our soul, but that this tableau introduces us to the [spiritual-soul life] from which we are formed.

[ 38 ] Auf Namen kommt es nicht an — meine sehr verehrten Anwesenden —, dasjenige, was man da alles wahrnehmen kann, das muss ja auch einen Namen haben. Das habe ich in meinen Büchern die «Akasha-Chronik» genannt, weil tatsächlich dies etwas mit Chronikartigem zu tun hat. Wie die Erinnerung selbst es mit etwas Chronikartigem zu tun hat, so hat dasjenige, was uns da hinausführt, wie sonst die Erinnerung nur in das gewöhnliche Leben, in das Leben der Welt. Deshalb kann man, ich möchte sagen, wenn man das Geistige einfach als «Äther» oder «Akasha» bezeichnet, von einer «Äther-Chronik», von einer «Akasha-Chronik» sprechen. Es ist durchaus nicht etwas Mystisches oder dergleichen mit diesem Worte gemeint. Ebenso wenig ist dieses Wort irgendwie mystisch gemeint, als etwa die Gesamtheit der Geometrie mystisch gemeint ist. Es lässt sich durchaus mit der Gesamtheit der Geometrie, die allerdings nicht für Zeit, sondern für den Raum gilt, vergleichen. Daher kann man die Geometrie keine Chronik nennen. Aber dieses kann durchaus so aufgefasst werden. Die Dinge, die hier gemeint sind, dürfen nicht herausgerissen, sondern im Zusammenhange nur betrachtet werden. Wenn man sie so betrachtet, wird man finden, dass sie etwas ganz anderes eigentlich bedeuten, als in dem liegt, was einem erscheinen kann, wenn man sie aus dem Zusammenhange herausreißt. Es handelt sich nirgends um nebulose Mystik, sondern überall um das Hervorkommen aus den Quellen des seelischen Daseins, das man Stück für Stück verfolgen kann, und zwar so verfolgen kann, dass die einzelnen Stücke wie mit mathematischer Klarheit vor der Seele stehen.

[ 38 ] Names are not important—my esteemed audience—but what one can perceive there must, of course, have a name. In my books, I have called this the “Akasha Chronicle,” because it does, in fact, have something to do with a chronicle. Just as memory itself has something to do with a chronicle, so does that which leads us out—whereas memory otherwise leads us only into ordinary life, into the life of the world. Therefore, I would say that if one simply refers to the spiritual as “ether” or “Akasha,” one can speak of an “ether chronicle” or an “Akasha Chronicle.” This term is by no means meant to imply anything mystical or the like. Nor is this term meant to be mystical in any way, any more than the entirety of geometry is meant to be mystical. It can certainly be compared to the entirety of geometry, which, however, applies not to time but to space. Therefore, one cannot call geometry a chronicle. But this can certainly be understood in this way. The concepts referred to here must not be taken out of context but must be considered only within their broader context. If one views them in this way, one will find that they actually mean something quite different from what might appear to be the case when taken out of context. Nowhere is there any nebulous mysticism; rather, it is everywhere a matter of emerging from the sources of spiritual existence, which one can trace piece by piece—and indeed trace in such a way that the individual pieces stand before the soul with mathematical clarity.

[ 39 ] Die zweite Seelenfähigkeit — meine sehr verehrten Anwesenden —, die auszubilden ist, damit man aber nun nicht bloß Bilder habe, denn alles dasjenige, was ich Ihnen bis jetzt schilderte, sind im Grunde genommen bloß Bilder. Man weiß, wie bei den Erinnerungsbildern, dass sie vom Leben handeln, aber man hat das Leben nicht. Man weiß durchaus, dass man in keiner phantastischen Welt lebt. Man hat Imaginationen, Imaginationen eines Wirklichen, aber man steht nicht in diesem Wirklichen drinnen. Um in diesem Wirklichen drinnenzuleben, um nun auch unmittelbar dieses Erleben des Geistig-Wirklichen zu haben, dazu ist notwendig, dass man gerade die Kraft erlebt, die sonst nur an unsere menschliche Organisation gebunden ist, die uns, indem sie uns im Leben entgegentritt, immer mit einem guten Stück Egoismus ausstattet, dass wir diese Fähigkeit immer weiter und weiterentwickeln, sodass wir in der Tat dahin kommen, allmählich die Dinge so anzuschauen, dass wir uns dabei völlig vergessen können, ganz und gar hineinversenken können in jedes einzelne Ding, auch in jedes einzelne Wesen. Das ist notwendig, dass man gerade diese Fähigkeit immer mehr und mehr ausbildet.

[ 39 ] The second faculty of the soul—my esteemed audience—that must be cultivated, so that one does not merely have images; for everything I have described to you so far is, in essence, merely images. One knows, as with memories, that they deal with life, but one does not possess that life. One knows full well that one does not live in some fantastical world. One has imaginations—imaginations of reality—but one does not stand within that reality. In order to live within this reality, to now also have this direct experience of the spiritual-real, it is necessary to experience precisely that power which is otherwise bound only to our human constitution—a power that, by confronting us in life, always endows us with a good dose of egoism—that we develop this ability further and further, so that we indeed come to gradually view things in such a way that we can completely forget ourselves in the process, can immerse ourselves entirely in every single thing, and in every single being. It is necessary to cultivate this very ability more and more.

[ 40 ] Sie geht aus, diese Ausbildung, von einer ganz einfachen Sache: von der menschlichen Aufmerksamkeit, indem ich mich interessiere, meine Aufmerksamkeit irgendeinem Ding oder Vorgang zuwende. Ich kann achtgeben, was ich da eigentlich innerlich tue, indem ich meine Aufmerksamkeit von anderem abwende und an ein neues Wesen hinwende. Ich muss mir gewahr werden, wie diese Aufmerksamkeit funktioniert. Und indem ich ausbilde, was wiederum jahrelang ausgebildet werden muss, fasse ich gewissermaßen innerlich die Fähigkeit der Aufmerksamkeit. Die wandle ich um in die Kraft, [mich] hinzuneigen zu einem Ding, ganz aufzugehen in einem Ding oder Prozess. Kurz, es kann dasjenige, was man sonst nur als abstrakte Aufmerksamkeitsfähigkeit in sich erlebt, das kann zur hingebungsvollen Liebe [sich] steigern.

[ 40 ] This training is based on something very simple: human attention—taking an interest and directing my attention toward a particular thing or process. I can become aware of what I am actually doing internally by turning my attention away from other things and toward a new object. I must become aware of how this attention works. And by cultivating this—which, in turn, must be cultivated over many years—I, in a sense, grasp the capacity for attention within myself. I transform this into the power to incline myself toward a thing, to become completely absorbed in a thing or process. In short, what one otherwise experiences within oneself only as an abstract capacity for attention can rise to the level of devoted love.

[ 41 ] Dadurch, dass man diese Liebe immer mehr und mehr ausbildet, dadurch kommt man dem nahe, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» schon im Jahre 1893 geschildert habe, indem ich zeigte, dass nur derjenige Mensch frei sein kann, der nun wirklich diese Liebe hat, wodurch er auch seine Handlungen nicht vollzieht aus seinem Begehrungsvermögen heraus, sondern aus dem liebevollen Eintauchen in die Dinge der Welt. Er findet, dass irgendetwas geschehen muss. Es ist ihm ganz gleichgültig, was sein Begehren ist. Aus der Objektivität erkennt er, dass irgendetwas geschehen muss. Dieses Entwickeln der Fähigkeit, einzusehen, dass etwas geschehen muss, das führt auf der einen Seite zur wirklichen menschlichen Freiheit, auf der anderen Seite führt es zu der Kraft der Liebe.

[ 41 ] By cultivating this love more and more, one comes closer to what I described in my *Philosophy of Freedom* as early as 1893, when I showed that only the person who truly possesses this love can be free—a person who does not act out of desire but out of a loving immersion in the things of the world. He senses that something must happen. He is completely indifferent to what his desire is. Through objectivity, he recognizes that something must happen. This development of the ability to realize that something must happen leads, on the one hand, to true human freedom, and on the other hand, to the power of love.

[ 42 ] Und dann, wenn man diese Fähigkeit ausgebildet hat — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann kann man nicht nur solche Bilder bekommen, die innerlich aufsteigen und die einem ein Wirkliches abbilden, sondern man kann diese Bilder auch wiederum aus dem Bewusstsein willkürlich entfernen. Geradeso wie man in den physischen Angelegenheiten die Fähigkeit haben muss, wenn man ein Ding anschaut, wieder wegzuschauen, sonst würde man in keinem gesunden Seelenleben sein, so muss man die Fähigkeit entwickeln, wenn man das innere Schauen hat, die Bilder zu haben, und sie wiederum nicht zu haben. Man muss völlig innerlich Herr werden über dieses Haben der Bilder. Und indem man abwechseln kann zwischen den Dingen, die in der Seele leben, und dem völlig leeren Zustande der Seele, indem man dieses Abwechseln in der Seele erlernt, lernt man auch ein Bild zu haben, dann das Bild in der Seele verschwinden zu lassen. Dann lebt man fort. Das Bild ist weg, aber man hat das Erleben im Innern der Dinge. Man erlebt das Geistige. Man erlebt es durch die Kraft, die man sich erworben hat, durch die Ausbildung der Liebe. So, wie man das Geistige neu lernt durch die Ausbildung des Liebevermögens, so lernt man das Geistige erleben durch die Steigerung, durch die immer weiter gehende Steigerung der Kraft der Liebe.

[ 42 ] And then, once one has developed this ability—my esteemed audience—one can not only receive such images that arise from within and depict something real, but one can also, in turn, remove these images from one’s consciousness at will. Just as in physical matters one must have the ability, when looking at an object, to look away again—otherwise one would not have a healthy inner life—so too must one develop the ability, when one possesses this inner vision, to have these images and then to let them go. One must become completely inwardly master of this having of images. And by being able to alternate between the things that live in the soul and the completely empty state of the soul—by learning this alternation within the soul—one also learns to have an image and then to let the image disappear from the soul. Then one continues to live. The image is gone, but one has the experience within the things themselves. One experiences the spiritual. One experiences it through the strength one has acquired, through the cultivation of love. Just as one relearns the spiritual through the cultivation of the capacity for love, so does one learn to experience the spiritual through the growth—through the ever-increasing growth—of the power of love.

[ 43 ] Ich weiß, wie viel dem Wissenschafter entgegensteht, wenn er die Liebefähigkeit selber als eine Erkenntniskraft ansehen soll. Der Wissenschafter verlangt geradezu, dass dasjenige, was im Wissenschaftlichen objektiv gelten soll, nur ja mit Ausschluss der Liebe erlangbar sein soll. Dadurch aber gerade gelangt er an Grenzen des Erkennens. Diese Grenzen des Erkennens ergeben sich aus dem Grunde, weil man nicht hineingeht in das Innere der Dinge mit dem seelischen Erleben, weil man haltmacht und allerlei herausphantasiert, allerlei Moleküle und Atome. Erlebt man durch die gesteigerte Liebekraft dasjenige, was einem an der Oberfläche der Dinge entgegentritt, und erlebt man dann dasjenige, was man durch die gesteigerte Erinnerungsfähigkeit in Bildern haben kann, dann weiß man, wo Bilder aus dem [gesteigerten] Untergrund des Daseins heraufkommen. Denn man kann vergleichen, was man schaut im Bilde, mit demjenigen, in das man dann mit dem Erleben untertaucht. Und man übt gewissermaßen sich — wenn ich diese Ausdrücke in dieser Weise so einfach verwenden will — ständig im Sein, wie man sonst einatmet und ausatmet. Das ist dasjenige, was einen wirklich in die geistige Welt hineinführt, was einen kennenlernen lässt, was dem menschlichen Wesen eigentlich zugrunde liegt.

[ 43 ] I know how much stands in the way of the scientist when he is to regard the capacity for love itself as a faculty of cognition. The scientist practically demands that whatever is to be considered objective in science must be attainable only by excluding love. But it is precisely through this that he reaches the limits of knowledge. These limits of knowledge arise because one does not enter into the inner nature of things through soul experience; instead, one stops short and imagines all sorts of things—all sorts of molecules and atoms. If one experiences, through heightened power of love, what meets one on the surface of things, and then experiences what one can perceive in images through heightened capacity for recollection, then one knows where images rise up from the [heightened] depths of existence. For one can compare what one sees in the image with that into which one then immerses oneself through the experience. And one practices, so to speak—if I may use these terms in such a simple way—constantly in being, just as one otherwise inhales and exhales. This is what truly leads one into the spiritual world, what allows one to come to know what actually underlies the human being.

[ 44 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, was da auf diese Weise im Menschen als bestimmte Fähigkeiten sich ausbildet, hineinzuschauen in die geistige Welt, das kann nun in jeder einzelnen Wissenschaft angewendet werden. Man verachtet durchaus nicht das, was im Laboratorium, was auf dem Observatorium und so weiter geschieht oder in der Klinik. Aber man lernt es nunmehr so anschauen, dass man jede Einzelheit nun zugleich mit demjenigen betrachten kann, was sich als Geistiges offenbart. Und man phantasiert nicht, wie es etwa die deutschen Naturphilosophen gemacht haben, sondern man forscht ebenso objektiv, wie man mit den Augen objektiv forscht, wie man mit dem äußeren Verstande objektiv kombiniert — wobei man allerdings schon irren kann. Aber im innerlichen Schauen treten einem einfach diejenigen Dinge vor das Seelenauge, die sonst durchaus nicht [vor] einem erscheinen können, ebenso wenig wie dasjenige, was in dem Goethe’schen Lyrikband steht, vor der Seele des fünfjährigen Kindes erscheinen kann. Und so gelangt man in allen einzelnen Wissenschaften gerade zu demjenigen, was diesen einzelnen Wissenschaften heute gerade fehlt. Das ist durchaus nicht irgendetwas, das nur in abstrakten Allgemeinheiten etwa gesprochen zu werden braucht. Man kann eben in diejenige Wissenschaft Licht hineinbringen auf diese Weise, die [in] dem menschlichen Leben am [allernächsten] liegt, in die medizinische Wissenschaft zum Beispiel. Und wir sind jetzt durchaus daran, an einzelnen Orten solche Anstalten zu errichten, welche die Therapiewissenschaft behandeln im geisteswissenschaftlichen Sinne. Es handelt sich uns in erster Linie tatsächlich um eine Vertiefung des wissenschaftlichen Lebens. Das ist dasjenige, um was es sich auch in Dornach handelt, nicht um irgendeiner Religion in ihre Sphäre hineinzupfuschen, nicht darum handelt es sich, irgendetwas Sektiererisches zu treiben, sondern ernsthafte Wissenschaft zu treiben, so wie sich diese Wissenschaft treiben lässt mit vertieften Erkenntniskräften, die ebenso vertieft sind, wie ich es angeführt habe.

[ 44 ] Well, my esteemed audience, what develops in this way within the human being as specific abilities—the ability to look into the spiritual world—can now be applied in every single scientific discipline. We by no means disparage what takes place in the laboratory, at the observatory, and so on, or in the clinic. But one now learns to view it in such a way that one can consider every detail simultaneously with that which reveals itself as spiritual. And one does not fantasize, as the German natural philosophers, for example, did, but rather one investigates just as objectively as one investigates with one’s eyes, just as one combines facts objectively with one’s external intellect—though, of course, one can still err in doing so. But in inner contemplation, those things simply appear before the eye of the soul that otherwise could not possibly appear to one, just as what is contained in Goethe’s volume of poetry cannot appear to the soul of a five-year-old child. And so, in every individual science, one arrives precisely at what is currently lacking in that particular science. This is by no means something that merely needs to be spoken of in abstract generalities. One can, in fact, shed light in this way on precisely the science that lies closest to human life—medical science, for example. And we are now in the process of establishing institutions in various locations that address the science of therapy from a spiritual-scientific perspective. Our primary concern is, in fact, a deepening of scientific life. This is what is at stake in Dornach as well—not meddling in the sphere of any religion, not engaging in anything sectarian, but pursuing serious science, just as this science can be pursued with deepened powers of insight that are as profound as I have described.

[ 45 ] Ich habe selbst noch jene Epoche erlebt — meine sehr verehrten Anwesenden —, jene Epoche der Wissenschaft, gerade in einer dazumal bedeutendsten medizinischen Fakultät, wo die Kapazitäten nur so sich aufgestaut haben — Oppolzer, [Rokitansky] und so weiter. Ich habe es selbst erlebt, wie jene merkwürdige therapeutische Richtung da aufgetaucht ist, die man dazumal medizinischen Nihilismus genannt hat. Dieser medizinische Nihilismus, er herrscht heute nicht mehr in demselben Grade, wie er dazumal geherrscht hat, als ich jung war — es ist jetzt lange her —, aber das, was dazumal als medizinischer Nihilismus aufgetaucht ist, sprach der Medizin damals die Fähigkeit ab, überzugehen von der pathologischen Untersuchung des Krankheitsbildes zum Heilprozess, zur Therapie. Eine Brücke wollte man nicht finden zwischen der Pathologie und einer wirklichen Therapie. Das kann man auch nicht finden, wenn man mit der bloßen äußeren Naturwissenschaft vorgeht. Man kann das in ganz populärer Weise klarmachen, warum man das nicht finden kann.

[ 45 ] I myself lived through that era—my esteemed audience—that era of science, specifically at what was then one of the most prominent medical schools, where the leading authorities were simply teeming—Oppolzer, [Rokitansky], and so on. I witnessed firsthand how that peculiar therapeutic movement emerged there, which was called “medical nihilism” at the time. This medical nihilism no longer prevails today to the same degree as it did back then, when I was young—that was a long time ago—but what emerged back then as medical nihilism denied medicine the ability to move from the pathological examination of the clinical picture to the healing process, to therapy. People did not want to find a bridge between pathology and genuine therapy. Nor can one find such a bridge if one proceeds solely on the basis of external natural science. One can explain in very simple terms why this bridge cannot be found.

[ 46 ] Nicht wahr, der gesunde menschliche Organismus macht gewisse Prozesse durch, die wir als Naturprozesse bezeichnen. Und wir können sagen: Betrachten wir einmal den gesunden Menschen seiner physischen Beschaffenheit nach. Wir nehmen Naturprozesse wahr. Aber ist denn der kranke Mensch, dasjenige, was in der Krankheit sich abspielt, nicht ebenso ein Naturprozess? Haben wir nicht im gesunden und im kranken Menschen einen Naturprozess? Haben wir zwei Naturen? Wie verhält sich der eine Naturprozess zum andern? Wenn wir in dem einen Naturprozess von Ursächlichkeit sprechen, [müssen wir] in dem andern ebenso gut von Ursächlichkeit sprechen.

[ 46 ] Isn’t it true that the healthy human organism undergoes certain processes that we refer to as natural processes? And we can say: Let’s consider the healthy human being in terms of his or her physical constitution. We perceive natural processes. But isn’t the sick person—that is, what takes place during illness—also a natural process? Don’t we have a natural process in both the healthy and the sick person? Do we have two natures? How does one natural process relate to the other? If we speak of causality in one natural process, [we must] speak of causality in the other as well.

[ 47 ] Geisteswissenschaft zeigt uns, dass dasjenige, was geistig in die Welt hereintritt, immer den entgegengesetzten Naturprozess hervorruft. Der Naturprozess des menschlichen Wachstums ist zunächst ein aufbauender. Der Prozess, der eintreten muss, damit einfach das Geistige eingreift, der ist ein abbauender. Wir lernen Prozesse von allerdings verschiedener Richtung kennen, wenn wir uns in die Geisteswissenschaft vertiefen. Wir lernen hineinschauen in dieses merkwürdige Gebilde des menschlichen Organismus, lernen kennen, dass in der Tat die zwei einander entgegenstrebenden Prozesse da sind. Und wir lernen dann erkennen den Menschen in seinem Zusammenhange mit der übrigen Natur, lernen erkennen, wie die übrige Natur an dem Menschen arbeitet. Und aus alledem heraus ergibt sich dann der geistigen Anschauung aus der Welt heraus, dass ein Zusammenhang gewisser heilender Prozesse oder Stoffe besteht mit demjenigen, was in dem Menschen vorgeht, der mit der ganzen Welt zusammenhängt. Man kann sagen: Man kann in der Tat durch Geisteswissenschaft zu einer wirklichen Heilkunde kommen. Ich führe dies nur als Beispiel an, ich könnte ebenso gut eine andere Wissenschaft anführen. Das ist es, worauf es ankommt.

[ 47 ] Spiritual science shows us that whatever enters the world spiritually always triggers the opposite natural process. The natural process of human growth is, at first, a constructive one. The process that must occur simply for the spiritual to intervene is a destructive one. As we delve into spiritual science, we come to understand processes that are, of course, of different directions. We learn to look into this remarkable structure of the human organism and come to realize that these two opposing processes do indeed exist. And we then learn to recognize the human being in his or her connection with the rest of nature, and to recognize how the rest of nature works upon the human being. And from all of this emerges a spiritual view of the world, namely that there is a connection between certain healing processes or substances and what takes place within the human being, who is connected to the entire world. One can say: Through spiritual science, one can indeed arrive at a true science of healing. I am citing this merely as an example; I could just as easily cite another science. That is what matters.

[ 48 ] Man lernt erkennen, gerade wenn man in diesem modernen wissenschaftlichen Leben drinnengesteckt hat — und wirklich erfahrene, besonnene Wissenschafter geben einem heute schon dies zu —, dass die Wissenschaft heute nicht Rätsellösungen bietet, sondern im Gegenteil die Rätsel immer mehr und mehr auftürmt. Je weiter man forscht mit dem Mikroskop, man erforscht umso mehr Rätsel im Kleinen, aber man erforscht ebenso wenig wirkliche Rätsel mit dem Teleskop. Diese Rätsel können allerdings bis zu einem gewissen Grade aufgelöst werden durch Berechnen.

[ 48 ] One comes to realize—especially once one has been immersed in this modern scientific world—and truly experienced, level-headed scientists already admit this today—that science today does not offer solutions to mysteries, but rather, on the contrary, piles up more and more of them. The further one looks through the microscope, the more mysteries one discovers on the microscopic level, but one uncovers just as few real mysteries through the telescope. These mysteries can, however, be resolved to a certain extent through calculation.

[ 49 ] Aber es wird notwendig sein, dass man nicht voraussetzen will, etwas Bekanntes zu finden, sondern sich darauf einzulassen, jenes Unbekannte zu finden, wie es Amerika zwischen Europa und Indien damals gewesen ist, jenes Unbekannte, das der Geist findet als sein eigenes Wesen, wenn er sich auf sich selber besinnt. Wir wenden den Geist an in den einzelnen Wissenschaften. Das muss auch derjenige tun, der Materialist ist. Der Geistesforscher sucht nur sich zu besinnen. Er wendet den Geist an, sucht darauf zu kommen, was dieser Geist ist, und lernt tatsächlich kennen, dass dieser Geist nicht mit den Aufbauprozessen zusammenhängt — womit er zusammenhängen müsste, wenn die materialistische Anschauung richtig wäre —, sondern dass der Geist mit den Abbauprozessen zusammenhängt, dass der Geist gerade das als Tatsache darstellt, was dem Materieprozesse schnurstracks zuwiderläuft, sie abträgt, untergräbt. Das sind die bedeutsamen Erlebnisse, die zum Beispiel in der Geisteswissenschaft gemacht werden.

[ 49 ] But it will be necessary not to assume that one will find something familiar, but rather to open oneself up to finding that which is unknown—just as America was unknown between Europe and India back then—that which the spirit finds as its own essence when it turns its attention inward. We apply the spirit in the individual sciences. Even a materialist must do the same. The researcher of the spirit seeks only to reflect. He applies the spirit, seeks to discover what this spirit is, and actually comes to realize that this spirit is not connected to the processes of formation — with which it would have to be connected if the materialist view were correct — but that the spirit is connected with the processes of dissolution, that the spirit represents precisely that which runs directly counter to material processes, wears them down, and undermines them. These are the significant experiences gained, for example, in spiritual science.

[ 50 ] So ist es mit der Geisteswissenschaft. Die andere Wissenschaft wirkt im Grunde genommen auf den menschlichen Kopf, nur so, dass der Mensch dasjenige ausgestalten kann, was Intelligenz ist. Jetzt schon hört man von vielen Leuten, gerade aus dem Erziehungswesen der Gegenwart heraus, dass eigentlich dasjenige, was sich aus dem neueren Wissenschaftsleben als Schulbildung auch herausgebildet hat, zu sehr den Intellekt bloß ausbilde und nicht das Gemüt. Es will nicht den Willen, nicht den ganzen Menschen ergreifen. Man braucht aber, damit das der Fall ist, nicht bloß zu deklamieren darüber, dass das so sein soll, dass das Gemüt wieder gebildet werden soll. Sondern man braucht ebenso, wie die neuere Zeit schließlich die äußere Wissenschaft ausgebildet hat, eine geistige Wissenschaft, die nicht bloß zum Intellekt spricht, sondern die den ganzen Menschen ergreifen könnte.

[ 50 ] That is how it is with the science of the spirit. Other sciences essentially act upon the human mind, but only in such a way that the human being can develop what intelligence is. Already, many people—particularly those involved in contemporary education—are saying that what has emerged from recent scientific developments as school education actually trains the intellect too much and not the soul. It does not seek to engage the will or the whole human being. But for this to happen, it is not enough merely to declare that this is how it should be, that the soul must once again be cultivated. Rather, just as modern times have ultimately developed external science, we need a spiritual science that does not merely speak to the intellect but could engage the whole human being.

[ 51 ] Das zeigt sich auch, indem wir diese Geisteswissenschaft auf einzelnen Gebieten schon als Element vor kurzer Zeit in das Dasein einführen konnten. Einer dieser Versuche ist unsere Waldorfschule in Stuttgart, die durch Emil Molt zunächst für die Kinder seiner Fabrik begründet worden ist. Aber seither hat sie sich schon auf das Doppelte vergrößert! Von allen Ständen und von allen Seiten her sind Schüler dieser Waldorfschule zugeströmt. Bei dieser Waldorfschule handelt es sich nicht um eine Weltanschauungsschule; das ist nur eine Verleumdung, wenn das gesagt wird. Es handelt sich nicht darum, etwa anthroposophische Weltanschauung oder irgendeine neue Religion in die Kinder hineinzupfropfen. Ich selber habe, als diese Schule begründet wurde, mich bereit erklärt, die Schule zu leiten. Es war vom allerersten Augenblick an festgestellt, dass dasjenige, was den Kindern gegeben werden soll an Religionsunterricht — den Kindern, die katholisch sind, von dem katholischen Pfarrer, und entsprechend den Kindern, die evangelisch sind, von dem evangelischen Pfarrer —, den entsprechenden Religionsunterricht geben zu lassen, sie als die Unterrichtenden darin zu haben. Wir sehen ganz ab in dieser Schule von irgendeiner, irgendwie gearteten Weltanschauung. Nur diejenigen Kinder, welche Eltern angehören, die konfessionslos oder dergleichen sein wollen, die also ihre Kinder in keinen Religionsunterricht schicken wollen, denen soll freigestellt werden, in einen Religionsunterricht zu gehen, den wir selbst geben können. Also diese Kinder hätten sonst gar keinen Religionsunterricht, wenn ihnen dieser nicht erteilt würde. Diejenigen aber, die einen bestimmten Religionsunterricht haben wollen aus dem Leben heraus, aus dem sie erwachsen sind, die werden einen in dieser Weise von ihrem Religionslehrer erteilten Unterricht [erhalten].

[ 51 ] This is also evident from the fact that we have recently been able to introduce this spiritual science into everyday life as a component in specific areas. One such endeavor is our Waldorf School in Stuttgart, which was originally founded by Emil Molt for the children of his factory workers. But since then, it has already doubled in size! Students from all walks of life and from all directions have flocked to this Waldorf School. This Waldorf School is not an ideological school; it is simply a slander to claim otherwise. The aim is not to instill an anthroposophical worldview or any new religion in the children. When this school was founded, I myself agreed to serve as its director. It was established from the very first moment that whatever religious instruction was to be given to the children—to the Catholic children by the Catholic priest, and similarly to the Protestant children by the Protestant pastor—should be provided by them as the instructors. We completely refrain from any kind of worldview whatsoever in this school. Only those children whose parents are non-denominational or wish to be so—that is, who do not want to send their children to religious instruction—should be given the option to attend a religious instruction class that we ourselves can provide. Otherwise, these children would have no religious instruction at all if this were not provided to them. However, those who wish to receive religious instruction rooted in the life from which they have grown will receive such instruction from their religious education teacher.

[ 52 ] Das soll Ihnen ein Beweis sein, dass wir durchaus nicht auf einem anthroposophischen Boden stehend eine neue Religion gründen wollen, irgendwie eine Weltanschauung in die Leute hineinpfropfen wollen. Sondern was uns zum Beispiel dabei leiten soll, ist dieses: Wer eine solche Wissenschaft hat, wie es die anthroposophische Geisteswissenschaft ist, der hat etwas den ganzen Menschen Ergreifendes, was ihn geschickt macht, was vor allen Dingen seine Seele geschickt macht, was ihn zu einem Menschenkenner, auch zu einem Kinderkenner macht, zu einem Kenner des werdenden Menschen, des Kindes, macht. [Und deshalb haben wir es in der Waldorfschule dazu gebracht, dass wir nur durch die Methode, durch die Didaktik, durch die pädagogische Kunst], die sich aus der Anthroposophie herausentwickeln lässt, auf die Art und Weise des Unterrichtens [wirken], und das ist es, worauf es ankommt, nicht auf die Einimpfung irgendeines Religionsbekenntnisses, das irgendwie neu sein soll gegenüber den anderen. In sorgfältiger Weise achten wir darauf, dass sich eben gerade durch die pädagogische Kunst ergibt die Behandlung des Kindes, so wie man es nur behandeln kann, wenn man wirklich aus dem Gesamten des Geistig-Seelischen, ich möchte sagen jedes Jahr, das siebente, das achte, das neunte, in seinen besonderen Fähigkeiten ins Auge fassen kann.

[ 52 ] This should serve as proof to you that we have absolutely no intention of founding a new religion based on anthroposophy, or of somehow imposing a worldview on people. Rather, what should guide us in this endeavor, for example, is this: Anyone who possesses a science such as anthroposophical spiritual science has something that touches the whole human being—something that makes them skilled, that above all makes their soul skilled, that makes them a connoisseur of human nature, including a connoisseur of children, a connoisseur of the developing human being, of the child. [And that is why, in the Waldorf school, we have managed to ensure that we [work] through the method, through the didactics, through the art of education], which can be developed from anthroposophy, in the way we teach—and that is what matters, not the indoctrination of some religious creed that is supposed to be somehow new compared to the others. We take great care to ensure that it is precisely through the art of education that the child is treated in the way one can only treat them if one is truly able to take into account the entirety of their spiritual and soul life—I would say, in each year, the seventh, the eighth, the ninth—and recognize their specific abilities.

[ 53 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, in dieser Schule herrscht gerade dadurch, dass die Lehrer durchsetzt sind mit dem, was Geisteswissenschaft ist, und diese Atmosphäre in die Klasse hineintragen, das, was gerade, ich möchte sagen auch eine Atmosphäre der Liebe ist. Gewiss, es wird vielleicht nicht so besonders tief genommen werden, wenn ich so etwas sage. Aber jedes Mal, wenn ich nach Stuttgart komme, um diese Schule zu revidieren, dann stelle ich die Frage, entweder bei den einzelnen Klassen oder im Festsaal: Liebe Kinder, habt ihr eure Lehrer auch lieb? Man urteilt dann wahrhaftig nicht nach irgendeinem äußeren Dekretieren der Kinder, sondern nach der ganzen Art und Weise, wie sich die Kinder verhalten, wie die Augen blitzen. Und das ist etwas, was einem immer voll Freude sagt, dass damit doch etwas geschehen ist, eine solche Didaktik aus der Anthroposophie heraus gebildet zu haben: Wenn die Kinder dann im ganzen Chore antworten, wirklich mit ihrer ganzen Seele, mit einem «Ja», das aus der ganzen Seele kommt, das nicht einstudiert ist.

[ 53 ] Now—my dear friends here present—it is precisely because the teachers are imbued with what spiritual science is, and carry this atmosphere into the classroom, that there prevails—I would even say—an atmosphere of love. Of course, people may not take what I’m saying all that seriously. But every time I come to Stuttgart to inspect this school, I ask the question—either in the individual classes or in the auditorium: “Dear children, do you love your teachers?” One truly does not judge based on any outward declaration by the children, but rather on the whole manner in which the children behave, on the way their eyes sparkle. And that is something that always fills one with joy, confirming that something has indeed come of having developed such a pedagogy based on anthroposophy: when the children then respond in unison, truly with their whole soul, with a “Yes” that comes from the depths of their soul, one that is not rehearsed.

[ 54 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als wir nach dem ersten Schuljahr die Zeugnisse ausgaben, stand gar nichts darinnen von dem Gewohnten. Sonst steht ja darunter: «befriedigend», «fast befriedigend», «minder befriedigend», «beinahe befriedigend» und so weiter. Sondern es stand für jedes Kind, trotzdem manche Klassen recht groß sind, etwas darinnen, was ganz für die Individualität des Kindes passend war oder ist, sodass die Kinder diese Zeugnisse immer wieder in die Hand nehmen und, ich möchte sagen sich selber immer wieder in diesen Zeugnissen gespiegelt sehen. Immer wiederum lesen sie das, was ihnen da der Lehrer gibt als eine Kraft des Lebens, also einen einzelnen Spruch oder dergleichen, nicht irgendetwas aus einem Schema heraus Tendierendes, ich möchte sagen was «minder befriedigend» und dergleichen ist. Es ist natürlich etwas radikal ausgesprochen, aber es kann durchaus, wenn man mit irgendwelcher Kindeskenntnis die Klasse betritt, selbst bei großen Klassen so verfahren werden, dass die Individualität des Kindes zur Geltung kommt.

[ 54 ] Ladies and gentlemen! When we handed out the report cards after the first school year, they contained nothing at all of the usual sort. Normally, they would say: “satisfactory,” “almost satisfactory,” “less than satisfactory,” “nearly satisfactory,” and so on. Instead, for every child—even though some classes are quite large—there was something written that was entirely suited to the child’s individuality, so that the children pick up these report cards again and again and, I would say, see themselves reflected in them time and again. Time and again, they read what the teacher gives them there as a source of life—that is, a single phrase or the like—not something formulaic and generic, such as “less than satisfactory” or the like. Of course, this is put rather radically, but it is certainly possible—if one enters the classroom with some knowledge of the children—even in large classes, to proceed in such a way that the child’s individuality comes to the fore.

[ 55 ] Das ist etwas, was Ihnen an einem Beispiele zeigt, wie Anthroposophie durchaus ein Lebensgut werden kann, das heißt angewendet werden kann im menschlichen Leben. Und schließlich ist ja die Schulerziehung und der Schulunterricht ein sehr wichtiger Teil des menschlichen Lebens. [Nun aber, das ist nur ein Teil, eben dasjenige, was uns die mehr intellektuelle Bildung der neueren Zeit gebracht hat.]

[ 55 ] This is an example that shows you how anthroposophy can indeed become a part of daily life—that is, how it can be applied in human life. And after all, school education and classroom instruction are a very important part of human life. [But that is only one part—namely, what the more intellectual education of modern times has brought us.]

[ 56 ] Schauen wir hin — meine sehr verehrten Anwesenden — auf das, was groß geworden ist. Gewiss, gerade derjenige, der die Wissenschaft zu einer Geisteswissenschaft vertiefen will, der wird die großen Triumphe und die Bedeutung der neueren Wissenschaft nicht unterschätzen — im Gegenteil! Indem ich hier zu Ihnen spreche, erkenne ich voll an gerade diese Bedeutung der modernen Wissenschaften für das äußere Leben. Aber auf der anderen Seite: Sie bilden nur den Kopf aus, sie bilden auch nur dasjenige aus, was aus dem Kopf entspringt im sozialen Leben. Und so haben wir in der neueren Zeit aus dieser Wissenschaftlichkeit heraus ausgebildet dasjenige, was wir als die große, bedeutsame Technik kennen, die uns überall umgibt. Hineingewachsen aber ist in dieser neueren Zeit, in welcher sich die Technik so ausgebildet hat bis zu dem Grade, dass sie eben eine äußerlich-mechanische Technik geworden ist in der ganzen Weltwirtschaft, in dem ganzen Weltverkehr, hineingewachsen ist zu gleicher Zeit in dieses ganze moderne Leben dasjenige, was wir die soziale Frage nennen.

[ 56 ] Let us look—my esteemed audience—at what has become great. Certainly, it is precisely those who wish to deepen science into a spiritual science who will not underestimate the great triumphs and the significance of modern science—on the contrary! As I speak to you here, I fully acknowledge precisely this significance of modern science for external life. But on the other hand: it develops only the head; it develops only that which springs from the head in social life. And so, in recent times, we have developed from this scientific approach that which we know as the great, significant technology that surrounds us everywhere. But in this modern era, in which technology has developed to such an extent that it has become an external, mechanical technology throughout the global economy and global commerce, what we call the social question has simultaneously become an integral part of this entire modern way of life.

[ 57 ] Man muss sagen, fertig geworden ist die moderne Wissenschaft allerdings mit dem äußeren Mechanismus, mit demjenigen, was sich in äußerlich-sinnlichen Naturkräften zusammensetzen lässt, was da dem menschlichen Leben dienen kann. Das aber sehen wir an dem Chaos, das sich herausgebildet hat bis zur Gegenwart, und was dazu geführt hat, dass in den letzten Jahren Millionen von Menschen totgeschossen und zu Krüppeln geschlagen worden sind. Da sehen wir, dass diese moderne Wissenschaft, sobald sie irgendwie im sozialen Leben tätig sein will, versagt. Da kann sie nicht mit. Sie geht bis zur Maschine, bis zum Mechanismus, bis zu dem kann sie auch gehen mit dem, was sie der Natur entlehnt. Aber geradeso wie sich zwischen dem Kontobuch im Kontor und dem Kassabuch und dem, was in der Produktion erzeugt wird, die Maschine hineingeschoben und einen innigen Zusammenhang gebildet hat, so hat sich kein solcher innerlicher Zusammenhang in der neueren Zeit gebildet zwischen denjenigen, die da führende Persönlichkeiten waren im Lauf der letzten [Jahrzehnte] und denen, die in der äußeren Arbeit stehen. Man hat zur Maschine den Weg gefunden, aber man hat nicht den Weg zum Menschen gefunden.

[ 57 ] It must be said, however, that modern science has come to terms with the external mechanism—with that which can be reduced to external, sensory natural forces, and which can serve human life. But we see this in the chaos that has developed up to the present day, and which has led to millions of people being shot dead and maimed in recent years. There we see that this modern science fails as soon as it attempts to play any role in social life. It cannot keep up. It goes as far as the machine, as far as the mechanism—and it can go that far with what it borrows from nature. But just as the machine has been inserted between the ledger in the office, the cash book, and what is produced on the shop floor, forming an intimate connection, so no such inner connection has formed in recent times between those who have been leading figures over the course of the last [decades] and those engaged in manual labor. We have found our way to the machine, but we have not found our way to people.

[ 58 ] Die Beziehung zum Menschen wird man nur durch eine menschlich vertiefte Wissenschaft finden, die dasjenige vom Menschen so tief ergreift, wie es die hier gemeinte Geisteswissenschaft ist, denn das wird auch eine lebensmäßige Wissenschaft für das soziale Leben. [Dasjenige, was im Grunde genommen beruht — als Vorstellung, als theoretische Anschauung —, nur darauf beruht, dass zerstört wird der menschliche Organismus, das Hinaus-,Übertragen auf die äußere Welt, es wird zur Zerstörung.] Sie brauchen heute nur zu sehen, wie die Leute, die heute im Osten Europas etwas so Verheerendes aufrichten, das geradezu zum Untergang der Zivilisation führen müsste, wenn es dauern würde, wie in Russland es ist. Wie diese Leute, die das tun, in gutem Glauben handeln und meinen, dass sie im Marxismus und dergleichen nur die moderne Wissenschaftlichkeit ausdehnen auf das soziale Leben. Sie wird aber zum Tode des sozialen Lebens. Eine andere Wissenschaft muss es sein, eine Wissenschaft, die nicht allein aus dem menschlichen Kopfe, die aus dem ganzen Menschen hervorgeht, die also nicht bloß aus einer Betrachtung der physischen Welt hervorgeht, und von da aus ihre Methoden bildet, sondern die aus dem menschlich-geistigen Wesen selber hervorgeholt wird, wie die Geisteswissenschaft es ist. Durchdringt man sich mit dieser Geisteswissenschaft, versucht man aufzubauen, wie ich es versucht habe — mag es im Einzelnen so anfechtbar sein, wie es will — in diesen beiden Büchern «Die Kernpunkte der sozialen Frage» oder «In Ausführung der Dreigliederung des sozialen Organismus», versucht man aus dieser Geisteswissenschaft heraus eine soziale Anschauung zu holen, so ist sie eine durchaus aufbauende. Dies erweist sich dann aus dem sozialen Denken, das wirklich wiederum den Menschen zum Menschen führen kann, als Lebensgut.

[ 58 ] The relationship to the human being can only be found through a science deeply rooted in humanity, one that grasps the essence of the human being as profoundly as the spiritual science referred to here, for this will also become a science grounded in life for social life. [That which is based—as an idea, as a theoretical conception—solely on the destruction of the human organism, on projecting and transferring it into the external world, becomes destruction itself.] You need only look today at how the people who are currently establishing something so devastating in Eastern Europe—something that would inevitably lead to the downfall of civilization if it were to continue as it is in Russia—how these people who are doing this act in good faith and believe that, through Marxism and the like, they are merely extending modern scientific methods to social life. But it becomes the death of social life. It must be a different kind of science—a science that does not arise solely from the human mind, but from the whole human being; a science that does not merely stem from an observation of the physical world and derive its methods from there, but one that is drawn from the human-spiritual being itself, as spiritual science is. If one immerses oneself in this spiritual science, if one attempts to build something—as I have attempted to do, however open to criticism the details may be—in these two books, *The Key Points of the Social Question* and *On the Threefold Social Order*, and if one seeks to derive a social perspective from this spiritual science, then it is a thoroughly constructive one. This is then demonstrated by social thinking, which can truly lead human beings back to their true humanity, as a source of life.

[ 59 ] Und so könnte ich Ihnen vieles — wie dieses im Allgemeinen, so wie das Schulwesen im Besonderen — anführen, wo sich diese Geisteswissenschaft als Lebensgut erweist. Es ist durchaus notwendig, dass wir, damit wir im sozialen Leben zurechtkommen, den Menschen vor allen Dingen vertiefen, ihn dahin bringen, dass er dasjenige überschauen kann, was geistig-seelisch in ihm lebt.

[ 59 ] And so I could cite many examples—such as this one in general, and the school system in particular—where this spiritual science proves to be a source of life. It is absolutely necessary that, in order to cope with social life, we first and foremost help people to gain a deeper understanding of themselves, enabling them to gain an overview of what lives within them spiritually and emotionally.

[ 60 ] Wenn man Geisteswissenschaft zunächst in dieser Weise elementar charakterisiert hat, dann hat man dasjenige, was sie will, nach dem sie strebt. Ihre Einzelheiten kann man nur beurteilen, wenn man in ihre Zusammenhänge eintritt. Ich müsste viel noch weiterreden, will nur eines heute zum Schlusse noch sagen. Geradeso wie man gegenüber dem Kopernikanismus vor Jahrhunderten gemeint hat, dadurch, dass der Kopernikanismus in die Welt tritt, werde die Religion, werde das Christentum gefährdet, so glaubt man auch heute, dass [durch] die Geisteswissenschaft, wie sie heute durch das Goetheanum in einer intensiveren Weise sich in die Welt hineinstellen will, wäre die Religion, wäre das Christentum gefährdet.

[ 60 ] Once one has characterized the humanities in this elementary way, one has grasped what they aim for and what they strive toward. Their specific details can only be assessed by entering into their broader context. I could go on at length, but I’d like to say just one more thing in conclusion today. Just as people believed centuries ago, in response to Copernicanism, that the emergence of Copernicanism into the world would endanger religion and Christianity, so too do people believe today that spiritual science—as it now seeks to engage with the world in a more intensive way through the Goetheanum—would endanger religion and Christianity.

[ 61 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn einem so etwas entgegentritt, muss ich mich immer erinnern an das, was ein Freund von mir vor vielen Jahren getan hat. Ich war sehr befreundet mit Professor Müllner, der damals, als ich mit ihm befreundet war, Professor für christliche Philosophie an der Wiener theologischen Fakultät war. Als er sein Rektoratsjahr antrat, da sprach er in seiner Rektoratsrede, in dieser Inaugurationsrede als Rektor der Universität, über Galilei. Und dieser Professor Müllner — er ist jetzt schon vor längerer Zeit gestorben —, er sprach ja so, dass sein letztes Wort, das er gesprochen hatte, war, dass er als treuer Sohn seiner Kirche sterbe. Und dennoch, was hat er damals, als er seine Rektoratsrede über Galilei gesprochen hat, gesagt? Er hat gesagt: Wir sehen heute innerhalb des Christentums, wenn wir wirklich unbefangen hinschauen auf die Dinge dieser Welt, den Galileismus anders an, als ihn die Kirche zu Lebzeiten des Galilei angesehen hat.

[ 61 ] Ladies and gentlemen! Whenever I encounter something like this, I am always reminded of what a friend of mine did many years ago. I was very close friends with Professor Müllner, who, at the time we were friends, was a professor of Christian philosophy at the Vienna Faculty of Theology. When he began his term as rector, he spoke about Galileo in his inaugural address as rector of the university. And this Professor Müllner—who passed away quite some time ago—spoke in such a way that his final words were that he would die as a faithful son of his church. And yet, what did he say back then, when he delivered his inaugural address on Galileo? He said: “Today, within Christianity, if we look at the things of this world with true impartiality, we view Galileanism differently than the Church did during Galileo’s lifetime.”

[ 62 ] Die Kirche muss heute sich sagen, dass keine neue wissenschaftliche Entdeckung irgendwie Abbruch tun kann den tiefen menschlichen Kräften des Christentums. Sondern im Gegenteil, die Kirche muss heute hinblicken auf diese Dinge so, dass sie sich sagt: Durch jede neue wissenschaftliche Entdeckung werden die Herrlichkeiten des göttlich-geistigen Lebens nur in einem höheren Grade der Menschheit sichtbar und offenbar. So sagte dieser Professor Müllner dazumal — ich kann es Ihnen heute nicht vollständig zitieren — so sagte dieser Professor der christlichen Theologie, der katholische Christ an der Wiener katholischen theologischen Fakultät, der vor seinem Tode das Wort gesprochen hat, er wolle als ein treuer Sohn seiner Kirche sterben. Es war noch das Pontifikat Leos XIII. Heute sieht man anders auf das Grab des Galilei herunter, als die Zeitgenossen in Rom zur Zeit des Galilei auf diesen Galilei gesehen haben.

[ 62 ] The Church must recognize today that no new scientific discovery can in any way detract from the profound human forces of Christianity. On the contrary, the Church must view these things today in such a way that it says to itself: Through every new scientific discovery, the glories of the divine-spiritual life become visible and manifest to humanity only to a greater degree. This is what Professor Müllner said back then—I cannot quote him in full today—this is what this professor of Christian theology, a Catholic at the Catholic Theological Faculty in Vienna, said; before his death, he declared that he wished to die as a faithful son of his Church. It was still during the pontificate of Leo XIII. Today, people look down upon Galileo’s grave differently than his contemporaries in Rome did when they viewed Galileo during his own time.

[ 63 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn Professor Laurenz Müllner so sprach, so wusste er, dass er diese Worte gebraucht, nicht um das Christentum irgendwie zu gefährden, das er selber zu vertreten hatte, sondern er sprach so, [um] dem Christentum gerade aus der Wissenschaftlichkeit heraus einen umso festeren Boden zu schaffen. So sprach ein christlicher Priester. Ich muss mich oftmals daran erinnern. Ich habe ja auch manche private Gespräche mit ihm und auch mit anderen Theologen gehabt, die in seinem Hause immer wieder und wieder verkehrten.

[ 63 ] Now—my esteemed audience—when Professor Laurenz Müllner spoke in this way, he knew that he was using these words not to endanger Christianity in any way—a faith he himself represented—but rather he spoke in this way [in order] to establish an even firmer foundation for Christianity precisely through scientific inquiry. Such were the words of a Christian priest. I often find myself recalling them. I, too, had many private conversations with him and with other theologians who were frequent guests at his home.

[ 64 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich werde heute nicht über das Verhältnis von Anthroposophie zum Christentum reden, aber nur das eine möchte ich sagen zum Schlusse: dass man durch Philologie die Entwicklung des Christentums verfolgen kann, man kann durch die Geschichte die Entwicklung des Christentums verfolgen. Man kann auch durch anthroposophische Geisteswissenschaft die Entwicklung des Christentums verfolgen, und man kommt dadurch zu gewissen Wahrheiten über das Christentum, die man eben nur durch diese Geisteswissenschaft finden kann. Aber die Wahrheiten über das Christentum, zu denen man auf diese Weise kommst, sie sind wahrhaftig nicht geeignet, das Christentum in irgendeiner Weise zu gefährden. Und wer glaubt, dass durch irgendwelche neuen Erkenntniswahrheiten, seien sie nun auf physischem oder auf geistigem Gebiete, das Christentum als solches gefährdet werden könne, von dem möchte ich glauben, dass er keine Meinung vom Christentum hat, die gerade hoch genug wäre. Derjenige, der gerade eine hohe Meinung vom Christentum und von den Geheimnissen des Mysteriums von Golgatha hat, der sagt sich, wenn er dasjenige, was das Christentum ist, im geisteswissenschaftlichen Sinne erkennt: Das Christentum und das Mysterium von Golgatha haben der Erdenentwicklung erst den rechten Sinn gegeben.

[ 64 ] Ladies and gentlemen! I will not speak today about the relationship between anthroposophy and Christianity, but I would like to say just one thing in conclusion: that one can trace the development of Christianity through philology, and one can trace the development of Christianity through history. One can also trace the development of Christianity through anthroposophical spiritual science, and through this one arrives at certain truths about Christianity that can only be discovered through this spiritual science. But the truths about Christianity that one arrives at in this way are truly not capable of endangering Christianity in any way. And anyone who believes that Christianity as such could be endangered by any new truths—whether in the physical or spiritual realm—I would say has no opinion of Christianity that is high enough. The person who holds a high regard for Christianity and for the mysteries of the Mystery of Golgotha will say to himself, when he recognizes what Christianity is in the sense of spiritual science: Christianity and the Mystery of Golgotha have given the development of the Earth its true meaning.

[ 65 ] Ich habe oftmals es ausgesprochen, es soll nur ein Vergleich sein, es soll nichts über die Bewohner irgendwelcher anderer Welten damit gesagt werden. Wenn irgendein Bewohner vom Mars herunterstiege, er würde vieles von unserer Welt sehen — es ist meine innerste Überzeugung, die ich mir gerade durch Geisteswissenschaft erworben habe —, vieles, was ihm unverständlich wäre. Wenn er aber sehen würde dasjenige, was uns als das Bild von Leonardo «Das Abendmahl» erhalten ist — den Christus unter seinen Aposteln —, wenn er nur dasjenige sieht, was da ist — er braucht nichts anderes, als dieses Bild zu haben —, dann sagt er sich: Ich bin auf einen fremden Plan gekommen. Dasjenige, was dargestellt wird durch dieses Bild, das weist auf diejenigen Taten innerhalb des Erdenlebens hin, die keine bloß irdischen Tatsachen sind, sondern eine Tatsache der ganzen Welt ist, und ohne welche das ganze Leben auf der Erde keinen Sinn hätte; der Sinn der Erde liegt in dieser Tatsache. Das lernt man immer mehr und mehr erkennen, gerade indem man sich geisteswissenschaftlich in das Christentum und in die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha vertieft.

[ 65 ] I have often said that this is meant to be merely a comparison; it is not intended to say anything about the inhabitants of any other worlds. If an inhabitant of Mars were to come down here, he would see many things about our world—this is my deepest conviction, which I have gained precisely through spiritual science—many things that would be incomprehensible to him. But if he were to see what has been preserved for us as Leonardo’s painting *The Last Supper*—Christ among his apostles—if he were to see only what is there—he needs nothing more than this image—then he would say to himself: I have come to a foreign realm. What is depicted in this painting points to those deeds within earthly life that are not merely earthly facts, but a fact of the entire world, and without which the whole of life on Earth would have no meaning; the meaning of the Earth lies in this fact. One comes to recognize this more and more precisely by delving into Christianity and the mysteries of Golgotha through the lens of spiritual science.

[ 66 ] Wahrhaftig, man muss eine zu geringe Meinung vom Christentum haben, wenn man soll glauben können, dass das Christentum in irgendeiner Weise gefährdet werden könne durch eine neue Entdeckung. Wahrhaft — wenn es auch nicht in der Bibel steht —, sowenig das Christentum gefährdet worden ist dadurch, dass man Amerika entdeckt hat, ebenso wenig kann durch irgendwelche physische oder durch irgendeine geistige Wahrheit, und sei es die galileische, seien es die wiederholten Erdenleben, über die ich heute nicht gesprochen habe, die Sie aber aus der Literatur verfolgen können als im geraden Wege liegend von demjenigen ausgehend, was ich heute gesprochen habe, ebenso wenig kann man das Christentum irgendwie gefährden, wenn das Christentum eben bestehen bleibt in seiner inneren Wahrheit, und mögen auch noch Millionen und Abermillionen physische oder geistige Erkenntnisse noch durch die Welt gehen. Im Gegenteil, durch alle diese Erkenntnisse wird die christliche Wahrheit vertieft und genauer erkannt, und gründlicher an die Menschenseelen herangeführt, wenn diese Wahrheiten wirklich aus dem Geiste der Wahrheit selbst hervorgeholt werden.

[ 66 ] Truly, one must have a very low opinion of Christianity to believe that it could in any way be endangered by a new discovery. Truly—even if it is not written in the Bible—just as Christianity was not endangered by the discovery of America, neither can it be endangered by any physical or spiritual truth, be it the Galilean theory or the concept of repeated earthly lives, which I have not discussed today but which you can follow in the literature as lying directly in line with what I have spoken about today—just as little can Christianity be endangered in any way if it simply remains true to its inner truth, even if millions upon millions of physical or spiritual insights were to pass through the world. On the contrary, through all these insights, Christian truth is deepened and more accurately understood, and brought more thoroughly to the human soul, provided these truths are truly drawn from the Spirit of Truth itself.

[ 67 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — die verschiedenen Zeiten brauchen aus ihrem Geistigen heraus selber über alle Dinge der Welt solche Auffassungen, wie sie sich eben aus dem Zeitalter heraus ergeben. Deshalb darf ich es auch immer wieder erzählen: Ich sprach einmal über das Thema «Bibel und Weisheit» in einer süddeutschen Stadt, die heute nicht mehr in Süddeutschland liegt. Es waren in diesem Vortrage auch zwei katholische Theologen. Es war gerade in diesem Vortrag nicht irgendetwas, was sie irgendwie anfechten konnten. Sie kamen zu mir und sagten: «Nun ja, was Sie gesagt haben — wir könnten es ja auch unterschreiben, aber so wie Sie es sagen, das können wir nicht zugeben. Denn das ist nicht für alle Menschen, das ist für einige vorbereitete Menschen. Wir aber sprechen für alle Menschen.» Ich konnte dazumal nur sagen: Hochwürden, dass Sie meinen, Sie sprechen für alle Menschen, das ist selbstverständlich. Das entspricht demjenigen natürlichen Gefühl, das wir eben als Menschen haben müssen. Aber durch dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, arbeitet man sich allmählich zu einem anderen Standpunkte durch. Man kommt von sich los. Man glaubt nicht mehr, die Dinge so gestalten zu können, wie man sie innerhalb der Umgebung gestalten will. Man lernt hinschauen auf dasjenige, was die Zeit fordert, was die objektiven Tatsachen fordern. Und da frage ich Sie jetzt, was die objektiven Tatsachen fordern, wie Sie das behandeln. Das bleibt durchaus bestehen, dass Sie glauben, Sie reden für alle Menschen, aber das entscheidet ja nichts. Es entscheidet nur, ob alle Menschen noch zu Ihnen gehen in die Predigt. Und sehen Sie, da können Sie nicht mit «Ja» antworten. Es gibt unter denen, die nicht in die Kirche gehen, auch solche, die den Weg sonst wo suchen. Nicht zu denjenigen, die zu Ihnen in die Kirche gehen, spreche ich, sondern zu denjenigen, die eben auch den Weg zum Christentum haben wollen, und die nicht zu Ihnen gehen. Das ist aus den Tatsachen folgend. Dass dies aber durchaus nicht etwas ist, was der Religion Abbruch tut, beweist der Umstand, dass wir in der Waldorfschule unter den gegebenen Zeitumständen den Religionsunterricht von den betreffenden Pfarrern den Kindern erteilen lassen, und nur für diejenigen, die sonst keinen Religionsunterricht hätten, einen Religionsunterricht eingerichtet haben. Wie wir also demjenigen keinen Abbruch tun, [was aus den Zeitumständen heraus gewünscht wird, sondern im Gegenteil, den ‹Dissidentenkinderm› etwas vermitteln], was sie zu einem echten [Religiösen hinführen kann], während sie sonst nichts hören würden in den besten Jahren ihrer Entwicklung von dem Religiösen.

[ 67 ] But—my esteemed audience—each era, drawing from its own spiritual essence, must form its own views on all things in the world, views that arise precisely from the spirit of that era. That is why I can’t help but recount this story again and again: I once spoke on the topic of “The Bible and Wisdom” in a city in southern Germany that is no longer located in southern Germany. There were also two Catholic theologians present at that lecture. There was nothing in that particular lecture that they could in any way take issue with. They came up to me and said: “Well, what you said—we could certainly agree with it, but the way you put it, we cannot accept it. For that is not for all people; it is for a select few who are prepared. But we speak for all people.” All I could say at the time was: Reverend, that you believe you speak for all people—that goes without saying. It corresponds to that natural feeling we simply must have as human beings. But through what spiritual science is, one gradually works one’s way toward a different point of view. One detaches oneself from one’s own perspective. One no longer believes one can shape things the way one wants to shape them within one’s immediate surroundings. One learns to look at what the times demand, what the objective facts demand. And so I ask you now: what do the objective facts demand, and how do you address them? It remains true that you believe you speak for all people, but that doesn’t decide anything. It only determines whether all people still come to your sermons. And you see, you cannot answer “yes” to that. Among those who do not go to church, there are also those who seek the path elsewhere. I am not speaking to those who attend your church, but to those who also wish to find the path to Christianity and who do not come to you. This follows from the facts. However, the fact that this is by no means something that detracts from religion is proven by the fact that, under the current circumstances, we have the relevant pastors teach religious education to the children at the Waldorf School, and have established religious education classes only for those who would otherwise have no such instruction. Thus, we are not detracting from [what is desired given the circumstances of the times, but rather, on the contrary, imparting to the “dissident children” something] that can lead them to a genuine [religious life], whereas otherwise they would hear nothing about religion during the most formative years of their development.

[ 68 ] Das alles brächte einen vielleicht doch dazu, darauf hinzuweisen, dass dieses Goetheanum und diese Geisteswissenschaft nichts irgendwie bloß Phantastisches ist, das aus einer menschlichen Willkür hervorgeholt ist, sondern etwas ist, was sich hinstellen würde als eine gerade wissenschaftliche Erfassung des Geistigen in einem Zeitalter, das sonst gerade ungläubig bleiben würde, wenigstens wo das Wissenschaftliche bleiben müsste an der bloßen äußerlichen Erfassung der Dinge, während die Menschen sich fortentwickeln wollen. Denn wenn das jetzige Chaos die Zivilisation immer mehr und mehr in die Dekadenz bringen will, dann wird aus den Zeitverhältnissen selbst heraus jene große Lehre kommen, welche im Grunde genommen befolgt werden will von dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Und die Wahrheit, sie wird sich durchringen, wenn man ihr auch noch so viele Hemmnisse in den Weg legen wird. Zeitlich kann man dasjenige, was doch Geisteswissenschaft will, zurückdämmen, vernichten vielleicht sogar für einige Zeit, aber die Wahrheit hat Wege, die durch alles hindurch gefunden werden können. Und dass diese Wege beschritten werden können, wenn in ehrlicher, aufrichtiger Weise die Methoden gesucht werden, durch die der Geist geschaut wird, das kann man für seine Überzeugung in einer gewissen Weise entscheiden.

[ 68 ] All of this might lead one to point out that this Goetheanum and this spiritual science are not merely something fanciful, conjured up out of human caprice, but rather something that would stand as a truly scientific understanding of the spiritual in an age that would otherwise remain skeptical, at least where science would have to remain confined to the mere external perception of things, while human beings seek to evolve further. For if the current chaos seeks to drive civilization ever deeper into decadence, then from the circumstances of the times themselves will emerge that great teaching which, in essence, calls to be followed by this anthroposophically oriented spiritual science. And the truth will prevail, no matter how many obstacles are placed in its path. Temporarily, one can hold back what spiritual science seeks—perhaps even destroy it for a time—but the truth has paths that can be found through everything. And one can, in a certain sense, be convinced that these paths can be taken if the methods through which the spirit is perceived are sought in an honest and sincere manner.

[ 69 ] Denn wer sich wirklich einlässt, nicht nur mit dem Kopfe erkennend, sondern empfindend und erlebend mit dem ganzen Menschen sich einlässt auf alles Menschliche, auf das Einzelmenschliche, auf das individuelle Leben, der wird doch immer wieder und wiederum dazu kommen, sich sagen zu müssen: Die Wissenschaft darf nicht bloß beim Äußeren bleiben, sie muss auch als Wissenschaft, als Erkennen zum Geiste fortschreiten. Denn

[ 69 ] For whoever truly engages—not merely with the intellect, but by feeling and experiencing with their whole being—with all that is human, with the unique human condition, with individual life, will inevitably find themselves having to say, time and again: Science must not remain merely at the surface; it must also, as science, as a form of knowledge, advance toward the spirit. For

[ 70 ] zu einer Wiederaufwärtsentwicklung brauchen die Menschen dasjenige, was da gesucht wird — sie brauchen den Geist! Und ohne den Geist wird die Menschheit nicht vorwärtskommen. Nicht einem abstrakten Geist mit Ideen und Phantasien jagt die Geisteswissenschaft nach, sondern dem lebendigen Geist, der lebendig eingehen soll in die Seelen. Und noch einmal sei es gesagt: Die Menschheit, wenn sie fortschreiten will, sie braucht den Geist. Daher muss nach dem Geiste gefragt werden.

[ 70 ] To achieve a renewed upward development, people need precisely what is being sought here—they need the spirit! And without the spirit, humanity will not move forward. Spiritual science does not pursue an abstract spirit filled with ideas and fantasies, but rather the living spirit that is to enter the souls as a living force. And let it be said once again: If humanity wants to progress, it needs the spirit. Therefore, we must seek the spirit.

[ 71 ] Diskussion und Schlussworte

[ 71 ] Discussion and Concluding Remarks

[ 72 ] Ulrich [Dikenmann]: Werter Vortragender, werte Anwesende! Herr Dr. Steiner hat sich Mühe gegeben am heutigen Abend, die Anthroposophie uns mundgerecht zu machen und Zutrauen in uns zu erwecken. Und wir sind in hohem Maße dankbar für die Ergänzungen, die im Vergleich zum Vortrag, der vor acht Tagen [gehalten worden wäre], uns heute Abend sind dargeboten worden. Ich möchte nun zu dem, was Herr Dr. Steiner vorgebracht hat und was vielleicht von seiner Seite her noch etwas gestreift werden kann, eine Frage stellen.

[ 72 ] Ulrich [Dikenmann]: Esteemed speaker, ladies and gentlemen! Dr. Steiner has made an effort this evening to present anthroposophy in a way that is easy for us to understand and to inspire confidence in us. And we are deeply grateful for the additional insights presented to us this evening, which go beyond what would have been covered in the lecture [delivered] eight days ago. I would now like to ask a question regarding what Dr. Steiner has presented and what might still be touched upon from his perspective.

[ 73 ] Dr. Steiner hat davon geredet, dass es zwei verschiedene Wege gebe, um zu einer höheren Erkenntnis, zu Geistesvorkommnissen zu gelangen, die vielleicht viele in unserem Kreise nur oberflächlich kennen. Er hat von einer vertieften Erinnerungsfähigkeit geredet, die Resultate für die Geisteswissenschaft abwirft, und er hat gesprochen von der Liebe. Als eine Lücke sehe ich nun das an, dass diesen beiden Methoden etwas anhaftet, bezüglich derer wir noch aufgeklärt sein sollten, bis wir der Sache ein tieferes Vertrauen entgegenbringen können. Soviel ich mich recht erinnere aus seinen Büchern, ist dort zu lesen, dass vor dem Ziele in diesen Geistesresultaten Lichterscheinungen vor dem Auge derer auftreten, die sich mit der anthroposophischen Wissenschaft beschäftigen — es können auch Farbenerscheinungen noch gewesen sein, ich habe es nicht genau in der Erinnerung — auf einer gewissen Stufe der Geisteswissenschaft. Ich wäre nun dankbar, wenn Herr Dr. Steiner darüber uns noch einiges sagen würde.

[ 73 ] Dr. Steiner spoke of two different paths to higher knowledge and spiritual experiences, which many in our circle may only be superficially familiar with. He spoke of a deepened capacity for recollection that yields results for spiritual science, and he spoke of love. I now see a gap in that there is something inherent in these two methods that we still need to understand before we can place deeper trust in them. As far as I can recall from his books, it is written there that, before reaching the goal in these spiritual insights, light phenomena appear before the eyes of those engaged in anthroposophical science—there may also have been color phenomena, though I do not recall it exactly—at a certain stage of spiritual science. I would now be grateful if Dr. Steiner could tell us a little more about this.

[ 74 ] Denn sehen Sie — verehrte Anwesende —, wenn wir uns oder jüngere Freunde von uns der Anthroposophie anvertrauen, es muss sich uns vielleicht ermöglichen, dass wir eventuell durch empirische vertiefte Psychologie feststellen lassen können, wie sieht es denn sonst mit der geisteswissenschaftlichen Beschaffenheit aus, wenn einer, nach langer Beschäftigung mit sich selbst, nun anfängt, solche Lichterscheinungen zu bekommen. Ist das, was er da anwendet, Ekstase, oder ist das etwas wie eine geistige Ahnung, die noch auf dem Gebiete liegt, auf dem wir wissenschaftlich prüfen können, auf die Logik und Verständnis und Vernunft zur Anwendung kommen?

[ 74 ] For you see—distinguished audience—when we or younger friends of ours turn to anthroposophy, it may become possible for us to determine, perhaps through in-depth empirical psychology, what the spiritual-scientific nature of the situation is when someone, after a long period of self-reflection, begins to experience such visions of light. Is what they are experiencing ecstasy, or is it something like a spiritual intuition that still lies within the realm where we can conduct scientific inquiry, where logic, understanding, and reason can be applied?

[ 75 ] Zweitens: Aus den Ausführungen des Herrn Dr. Steiner haben wir erfahren, dass derjenige, der zu den höchsten Stufen hinaufstreben will, in weitgehender Hingabe einem geistigen Leiter sich hingeben müsse, dass er nicht vollständig aus sich selbst schöpfen kann. Das scheint mir von meinem Standpunkt als protestantischer Theologe aus ein klein wenig eine ernste Sache zu sein. Denn mit einer zu weit gehenden Hingabe an eine Persönlichkeit verbinden sich bekannterweise immer zwei Gefahren. Entweder wird der, der sich zu sehr an seinen Leiter hingibt, geistig unselbstständig und träge, und er ist nicht mehr sicher, was seine eigene Überzeugung ist oder was ihm mehr in seine Seele gelegt worden ist, auf suggestivem Wege in seine Seele hineingelegt worden ist. Und auf der anderen Seite ist für den, der das weitgehende Vertrauen eines Zweiten genießt, eine mächtige Versuchung vorhanden, der nur ganz hochentwickelte, nur seelisch ganz hochstehende Persönlichkeiten widerstehen können: Nämlich die Versuchung, dass er sich freut über die Macht, die er über den andern gewonnen hat, und dann leicht in allem einen zu weitgehenden Einfluss auf ihn ausüben könnte. Das soll natürlich keineswegs die Meinung haben, dass ich etwa in dieser Beziehung dem Herrn Vortragenden, der so ausgezeichnet zu uns gesprochen hat, ein Misstrauen entgegenbringen würde. Aber es ist durch die Weltgeschichte, auch wenn man sie in einer gewissen Weise nur überschaut, wie ich sie überschaue, erwiesen, dass hier eine gewisse Gefahr liegt, der gegenüber wir vorsichtig sein müssen und auf das wir aufmerksam sein müssen, wenn wir den oder jenen von unseren Bekannten aufmuntern wollten, dass er sich für Geisteswissenschaft interessiere. Ich konstatiere im Übrigen gern, dass das, was Herr Dr. Steiner in Bezug auf seine religiöse Auffassung heute Abend gesagt hat, für mich persönlich in hohem Maße wohltuend gewirkt hat.

[ 75 ] Second: From Dr. Steiner’s remarks, we have learned that anyone who wishes to ascend to the highest levels must devote themselves to a spiritual guide to a great extent, since they cannot draw entirely from within themselves. From my perspective as a Protestant theologian, this strikes me as a somewhat serious matter. For, as is well known, excessive devotion to a single individual always entails two dangers. Either the person who devotes himself too much to his guide becomes spiritually dependent and complacent, no longer certain of what his own convictions are or what has truly been placed in his soul—as opposed to what has been implanted there through suggestion. On the other hand, for the one who enjoys the deep trust of another, there is a powerful temptation that only highly developed, spiritually mature individuals can resist: namely, the temptation to take pleasure in the power he has gained over the other person, and then to easily exert an excessive influence over him in every way. This is by no means meant to imply that I harbor any mistrust in this regard toward the speaker, who has addressed us so excellently. But world history—even if one merely surveys it in a certain way, as I do—proves that there is a certain danger here, one toward which we must be cautious and of which we must be mindful if we wish to encourage this or that acquaintance of ours to take an interest in spiritual science. Incidentally, I am pleased to note that what Dr. Steiner said this evening regarding his religious views had a highly beneficial effect on me personally.

[ 76 ] Roman Boos: Herr Dr. Steiner hat das Schlusswort, wenn sonst keine Fragestellungen sind?

[ 76 ] Roman Boos: Dr. Steiner, would you like to have the final word, assuming there are no further questions?

[ 77 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Selbstverständlich wäre mir jede Fragestellung sehr lieb gewesen. Die zwei Fragen, die heute an mich gestellt sind, sind es mir ganz besonders, und es ist mir ganz sympathisch, gerade über diese zwei Fragen mich heute Abend noch Ihnen gegenüber auszusprechen.

[ 77 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! Of course, I would have been very pleased to answer any question. The two questions posed to me today are particularly dear to me, and I am very happy to have the opportunity to speak to you this evening specifically about these two questions.

[ 78 ] Es ist eben einmal notwendig, dass dasjenige, was in der Seele lebt, wenn man vorgeschritten ist zu dem, was ich heute charakterisiert habe als das Schauen, dass das, wenn man es darstellen will, in irgendeiner Weise benannt werden muss, und dass man ganz andere Worte, eine gewisse Terminologie, hat. Wenn Sie meine Schriften verfolgen, von denen ja einige bereits in sehr hohen Auflagen erschienen sind, so werden Sie ja sehen, wenn Sie die einzelnen Auflagen verfolgen, wie ich mich bestrebt habe von Auflage zu Auflage — oder wenigstens immer über einige Auflagen hin —, die Fassung der Sätze so zu bilden, dass dasjenige, was in einer solchen Materie, die ja zunächst, nicht wahr, sehr schwer mit den Worten zu fassen ist, dass das, was gefasst werden muss, doch zu einer gewissen Klarheit und Deutlichkeit zu bringen.

[ 78 ] It is simply necessary that what lives in the soul—once one has advanced to what I have described today as “contemplation”—must, if one wishes to describe it, be named in some way, and that one must use entirely different words, a certain terminology. If you follow my writings—some of which have already been published in very large print runs—you will see, as you track the individual editions, how I have strived, from edition to edition — or at least over the course of several editions — to formulate the sentences in such a way that what must be expressed in a subject matter that is, after all, very difficult to put into words at first, is nevertheless brought to a certain clarity and distinctness.

[ 79 ] Man darf nämlich nicht vergessen, dass unsere Sprache, besonders wie sie bei den zivilisierten Völkern heute ausgebildet ist, in hohem Maße schon etwas außerordentlich Konventionelles hat und dass sie vor allen Dingen den Sinn mitgemacht hat, der in die Weltanschauung hineingekommen ist durch den Materialismus der letzten Jahrhunderte. Daher ist es heute, wenn man Worte anwendet, schon außerordentlich schwierig, diese Worte der materialistischen Bedeutung zu entkleiden und etwas, was geistig gemeint ist, mit dem adäquaten Sinn zu belegen. Dennoch habe ich es immer wieder und wiederum versucht, und insbesondere in den grundlegenden Büchern werden Sie ein Ringen finden um den Ausdruck. Womit ich durchaus nicht sagen will, dass in den letzten Auflagen dieses Ringen überall zu einem Ideale geführt hat — selbstverständlich nicht! Aber nun, die besondere Charakteristik, die ich gegeben habe von demjenigen, was man schaut, dadurch dass ich [verwendet habe zur Charakteristik der Farbenvorstellungen] — nicht wahr, ich sage, man hat es mit Imaginationen zu tun; diese Imaginationen sind völlig anders als dasjenige, was man in der Sinnenwelt haben kann. Nun möchte ich folgenden Anklang wählen, damit wir uns verstehen können.

[ 79 ] For one must not forget that our language—especially as it has developed among civilized peoples today—already has, to a great extent, an extraordinarily conventional character, and that, above all, it has been shaped by the meaning that has entered our worldview through the materialism of the past centuries. Consequently, when using words today, it is already extremely difficult to strip these words of their materialistic meaning and to imbue something intended in a spiritual sense with the appropriate meaning. Nevertheless, I have tried again and again, and especially in the foundational books you will find a struggle with expression. By which I certainly do not mean to say that in the latest editions this struggle has led to an ideal everywhere—of course not! But now, the specific characterization I have given of what one perceives—by [using this to characterize color perceptions]—isn’t it true that I say we are dealing with imaginations? These imaginations are completely different from what one can experience in the sensory world. Now I would like to use the following analogy so that we can understand one another.

[ 80 ] Wenn Sie Goethes Farbenlehre studieren — vielleicht wissen einige von Ihnen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass ich seit vierzig Jahren mir Mühe gebe, die Goethe’sche Farbenlehre gegenüber der heutigen Physik in ihrer Bedeutung darzustellen. Nun, in der Goethe’schen Farbenlehre finden Sie ein außerordentlich bedeutsames Kapitel am Schluss über die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben. Dieses Kapitel wird ja vielleicht am wenigsten Widerspruch bei den Physikern erleben und es ist, wenn es gelesen wird, eine außerordentlich anregende Lektüre. Man kann das, was da steht, auch anderwärts finden; aber so wunderbar schön zusammengestellt wird man es eigentlich nur bei Goethe finden können.

[ 80 ] If you study Goethe’s Theory of Colors—perhaps some of you here today, my esteemed audience, are aware that for forty years I have been striving to demonstrate the significance of Goethe’s Theory of Colors in relation to modern physics. Well, at the end of Goethe’s Theory of Colors, you will find an extraordinarily significant chapter on the sensory and moral effects of colors. This chapter will perhaps encounter the least opposition from physicists, and when read, it makes for an extraordinarily stimulating read. One can find what is written there elsewhere as well; but one can really only find it compiled so wonderfully beautifully in Goethe’s work.

[ 81 ] Was finden wir nun da, indem die äußeren Farben charakterisiert werden? Wir finden da auch das seelische Farbenerlebnis angeführt. Wir finden das Erlebnis angeführt, das man beispielsweise bei dem Gelb hat, dieses eigentümlich Attackierende des Gelben, das Aufregende des Gelben, des Roten ähnlich. Wir finden dann das Ausgleichende des Grün, das Hingebungsvolle des Violetten. Diese seelischen Erlebnisse, die haben wir, wenn wir die sinnlichen Farben auf uns wirken lassen. Wenn Sie einmal Dornach besuchen, so werden Sie sehen, dass dort im Goetheanum der Versuch gemacht worden ist, ganz aus der Farbe heraus zu malen, das Bild aus der Farbe herauszuholen. Insbesondere in der kleinen Kuppel werden Sie das zum Beispiel finden, wie da ganz aus dem Farbenerlebnis heraus versucht worden ist, das zu gestalten, was dann zur Bildwandlung führt.

[ 81 ] What do we find here, as the external colors are characterized? We also find the psychological experience of color described here. We find the experience described that one has, for example, with yellow—that peculiarly aggressive quality of yellow, its stimulating effect, similar to that of red. We then find the balancing quality of green and the devotional quality of violet. We have these spiritual experiences when we allow the sensory colors to take effect upon us. If you ever visit Dornach, you will see that there, in the Goetheanum, an attempt has been made to paint entirely from color—to draw the image out of the color itself. In the small dome, in particular, you will find, for example, how an attempt was made—entirely from the experience of color—to shape what then leads to the transformation of the image.

[ 82 ] Nun, wir haben also auf der einen Seite das sinnliche Farbenerlebnis, auf der anderen Seite das innerliche seelische Erlebnis, das aber ganz eindeutig zu dem Farbenerlebnis hinzugehört. Wir können nicht, wenn wir ein Vollmensch sind, das sinnliche Farberlebnis haben, ohne dass wir das entsprechende seelische Erlebnis haben. Das hat Goethe in seiner Farbenlehre geschildert.

[ 82 ] Well, on the one hand we have the sensory experience of color, and on the other hand the inner, psychological experience, which, however, quite clearly belongs to the experience of color. If we are fully developed human beings, we cannot have the sensory experience of color without also having the corresponding soul experience. Goethe described this in his Theory of Colors.

[ 83 ] Wenn man nun eintritt in die geistige Welt, so hat man Erlebnisse, die wahrhaftig keine Ekstase sind — sowenig eine Ekstase ist das Leben in den geometrischen Vorstellungen. Würde das nicht in vollem Wachbewusstsein da sein, dass man in seiner Seelenverfassung genau so ist wie beim mathematischen Vorstellen, dann würde man nicht auf dem rechten Wege sein. Also, man erlebt etwas, das ganz nach dem Muster des mathematischen Erlebens in der Seele ist, aber man erlebt eine reale geistige Welt. Und indem man diese reale geistige Welt erlebt, erlebt man zunächst nicht Farben, sondern diejenigen Erlebnisse, die wir innerlich an den sinnlichen Farben erleben. Man muss nun natürlich mit der entwickelten Seele so weit sein, dass man überhaupt achtgibt auf diese Erlebnisse.

[ 83 ] When one enters the spiritual world, one has experiences that are truly not ecstasy—just as life within geometric concepts is not ecstasy. If one were not fully aware, in a state of full wakefulness, that one’s state of mind is exactly the same as when engaging in mathematical imagination, then one would not be on the right path. So, one experiences something that is entirely in the pattern of mathematical experience within the soul, but one experiences a real spiritual world. And in experiencing this real spiritual world, one does not initially perceive colors, but rather those experiences that we inwardly associate with sensory colors. Of course, one must have developed one’s soul to the point where one is even paying attention to these experiences.

[ 84 ] Sehen Sie, zum geistigen Erleben gehört eine gewisse Geistesgegenwart. Also, man muss dieses innere Erlebnis haben, das sonst an der Farbe erlebt wird. Dabei charakterisiert man dieses Erlebnis am besten dadurch, dass man sich an die Farbe erinnert, dass man die Farbe auch wirklich vor sich hat. So wie man — sagen wir — das Dreieck-Erlebnis dadurch hat, dass man das Dreieck innerlich zeichnet, so hat man dasjenige, was man innerlich erlebt, am besten vor sich, nicht indem man eine Geometriefigur zeichnet, sondern ein farbiges Bild malt. Dieses farbige Bild ist dann so adäquat dem seelischen Erlebnis, wie — sagen wir — wenn man ein Dreieck aufmalt mit seinen 180° und Winkeln, dem Dreieck-Erlebnis identisch ist, während dem man wissen muss, dass es eine Art Versinnlichung ist, so ist das, wenn man es in Goethe’scher Ausdrucksweise ausspricht, übrigens auch eine übersinnlich-sinnliche Darstellung desjenigen, was in Wirklichkeit erlebt wird.

[ 84 ] You see, spiritual experience requires a certain presence of mind. So, one must have this inner experience, which is otherwise experienced through color. The best way to describe this experience is by recalling the color—by truly having the color right before one’s eyes. Just as one—let’s say—has the experience of a triangle by drawing it inwardly, so one best has before one’s eyes what one experiences inwardly—not by drawing a geometric figure, but by painting a colored image. This colored image is then as adequate to the soul experience as — let’s say — when one draws a triangle with its 180° and angles, which is identical to the experience of the triangle, even though one must recognize that it is a kind of sensualization; similarly, to put it in Goethean terms, it is also a supersensual-sensual representation of what is actually experienced.

[ 85 ] Damit ist natürlich auf so, ich möchte sagen subtile Erlebnisse hingedeutet, dass man sie nicht ins Grobe herausziehen darf, sondern dass man wirklich auf sie eingehen muss. Dann wird man aber finden, dass in der Tat da ein Reales in Erscheinung getreten ist, indem man in Farben schildert. Das habe ich sehr präzise versucht, herauszugestalten in den letzten Auflagen meiner grundlegenden Bücher. Man kann nicht anders, als das, was man erlebt, eben in solcher Art zu schildern, sonst würde man noch viel materialistischer werden, wenn man es schildern würde, und würde zu stark symbolisch schildern.

[ 85 ] This, of course, alludes to what I would call subtle experiences—ones that must not be reduced to the gross, but rather must be truly engaged with. But then one will find that, in fact, something real has come to light through the use of color in the description. I have tried to articulate this very precisely in the latest editions of my foundational books. One has no choice but to describe what one experiences in precisely this way; otherwise, one would become even more materialistic in the description and would rely too heavily on symbolism.

[ 86 ] So aber schildert man, indem man wirklich durch das Farbenerlebnis dasjenige, was innerliches Erlebnis ist, deckt. Dessen — dass man in einer gewissen Weise so verfährt, wie beim Darstellen des Mathematischen —, dessen ist man sich immer bewusst und es ist nichts irgendwie von Ekstase vorhanden.

[ 86 ] This is how one describes it, by truly revealing, through the experience of color, that which is inner experience. One is always aware of this—that one proceeds in a certain way, just as when representing mathematical concepts—and there is no trace of ecstasy whatsoever.

[ 87 ] Ich bin dem Herrn Vorredner außerordentlich dankbar, dass er diese Frage berührt hat. Denn ich habe es ja erleben müssen, dass mir von mancher Seite gesagt worden ist: Dasjenige, was da erlebt wird an den Imaginationen, das seien zurückgestaute Vorstellungen, zurückgestaute Nervenkräfte, die dann heraufkommen und die irgendetwas Phantastisches, Ungesundes darstellen. Sehen Sie, da müsste, wenn jemand solch eine Behauptung aufrechterhalten wollte, höchstens der Beweis erbracht werden, dass derjenige, der von solchen Dingen spricht, nicht ebenso wie der andere, der ihm so etwas vorwirft, in streng wissenschaftlichem Sinne reden kann. Wenn man seinen wissenschaftlichen Sinn auf der einen Seite nicht verloren hat, sondern durchaus auf dem Boden des wissenschaftlichen Sinnes steht, und dann konsequent hinausgeht zu etwas anderem, dann kann solch ein Vorwurf nicht erhoben werden.

[ 87 ] I am extremely grateful to the previous speaker for raising this issue. For I have indeed had to experience being told by some quarters that what is experienced in these imaginations consists of pent-up ideas and pent-up nervous energy that then rise to the surface and manifest as something fantastical and unhealthy. You see, if someone were to maintain such a claim, the most that could be done is to provide proof that the person speaking of such things is not capable of speaking in a strictly scientific sense, just as the person accusing him of such things is not. If, on the one hand, one has not lost one’s scientific sensibility but is firmly grounded in it, and then consistently ventures into something else, then such an accusation cannot be made.

[ 88 ] Ebenso wenig kann der Einwurf gemacht werden, dass man es bloß mit einer Suggestion zu tun habe. Ich habe es ja heute schon angedeutet, wie es im Wesentlichen zu der Geistesschulung gehört, dass man, ich möchte sagen auf alle die besonderen Vorgänge des unterbewussten Seelenlebens eingehen kann, sodass man jede Fehlerquelle, die sich einem ergibt, ausgleichen, ausschließen kann. Sie werden sehen — wenn Sie mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» durchlesen —, wie versucht worden ist, ja auch alle Vorsichtsmaßregeln zu schildern, die etwas damit zu tun haben müssen.

[ 88 ] Nor can it be argued that this is merely a matter of suggestion. As I have already indicated today, an essential part of spiritual training is being able—I would say—to address all the specific processes of the subconscious soul life, so that one can compensate for and eliminate any source of error that arises. You will see—if you read through my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—how an attempt has been made to describe all the precautions that must be taken in this regard.

[ 89 ] Nun wurde mir doch oftmals gesagt: Wie kann man leicht Suggestionen von Nicht-Suggestionen unterscheiden, von der Wahrheit? Es kann zum Beispiel vorkommen im Leben, dass jemand nur an Limonade zu denken braucht und er hat den Limonadegeschmack im Munde. Ich gebe das ohne Weiteres zu, da man diese Dinge ja kennt. Aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, wer Erkenntnistheoretiker ist, der weiß, dass man ein reales Erlebnis nur durch das Leben feststellen kann. Man kann nur durch das Leben und den Zusammenhang des Lebens feststellen, ob irgendetwas, das wir uns vorstellen, einem Realen entspricht — aber aus dem Zusammenhang des Lebens heraus kann man es auch nur sicher [feststellen]. So ist es auch in Bezug auf die höheren Welten; man kann auch da nur aus dem Zusammenhang des Ganzen heraus es feststellen. Wenn man bei der Suggestion des Limonadegeschmacks übergehen will zu der Totalität des Erlebens, so kann der Vergleich nicht mehr gelten. Man muss jetzt sagen: Schön, wenn man durch Suggestion dazu gelangt, den Limonadegeschmack im Munde zu haben, so kommt die im Grunde genommen berechtigte Frage hinzu, ob schon jemand sich mit einer solchen Vorstellung der Limonade den Durst gelöscht hat? Das werden Sie nicht behaupten können. Da haben Sie den Übergang zu der Totalität der Erscheinungen. Und das ist es, was immer beachtet werden muss: Die Wirklichkeit kann nicht entschieden werden, indem man bei der partiellen Erscheinung bleibt, sondern die Erscheinungen des Lebens haben immer etwas, was ihren Übergang zur Totalität bedeutet.

[ 89 ] Now, I have often been asked: How can one easily distinguish suggestions from non-suggestions, from the truth? For example, it can happen in life that someone need only think of lemonade and immediately tastes it in their mouth. I readily admit this, since these things are well known. But—my esteemed audience—anyone versed in epistemology knows that a real experience can only be ascertained through life itself. It is only through life and the context of life that we can determine whether anything we imagine corresponds to reality—but even then, we can only ascertain it with certainty within the context of life. The same is true with regard to the higher worlds; there, too, one can only ascertain it from the context of the whole. If, in the case of the suggestion of the taste of lemonade, one wishes to move on to the totality of the experience, then the comparison no longer holds. One must now say: Well, if one arrives at the sensation of lemonade in one’s mouth through suggestion, then the fundamentally legitimate question arises: Has anyone ever quenched their thirst with such a mental image of lemonade? You will not be able to claim that. Therein lies the transition to the totality of phenomena. And that is what must always be kept in mind: Reality cannot be determined by remaining with the partial phenomenon; rather, the phenomena of life always contain something that signifies their transition to totality.

[ 90 ] Ich will noch auf etwas aufmerksam machen, was vielleicht ferner liegt, was aber doch ganz gut zur Versinnlichung der Sache hinzugezogen werden kann. Sehen Sie, wenn Sie einen Salzkristall, einen Salzwürfel, haben: Er ist in gewisser Weise eine abgeschlossene Realität. Das kann durch eine gewisse Zeit, eine sehr sehr lange Erdenzeit, hindurch bestehen — wie er als Salzwürfel vor einem dasteht. Nehmen Sie eine Rosenknospe. Eine Rosenknospe ist eigentlich keine Realität, so wie wir sie vor uns haben, denn nur im Zusammenhange mit der Totalität des Rosenstocks, den Wurzeln und so weiter kann sie eigentlich als Realität gedacht werden. Die Realitäten haben eben durchaus verschiedene Grade, verschiedene Bedeutung. Wenn wir auf das nicht eingehen, so kommen wir nicht zu in sich klaren, lichtvollen Begriffen.

[ 90 ] I would like to draw your attention to something else that may seem more remote, but which can nevertheless be quite useful in helping to visualize the concept. You see, if you have a salt crystal, a cube of salt: in a certain sense, it is a self-contained reality. It can persist through a certain period of time—a very, very long period in Earth terms—just as it stands before you as a cube of salt. Take a rosebud. A rosebud is not actually a reality as we see it before us, for it can only truly be conceived as a reality in connection with the totality of the rosebush, the roots, and so on. Realities do indeed have quite different degrees and different meanings. If we do not address this, we will not arrive at clear, luminous concepts.

[ 91 ] Und so ist es auch nötig, dass man beachtet gegenüber solchen Schilderungen, wie sie der verehrte Herr Vorredner angeführt hat, dass durchaus das zugrunde liegt, dass die Totalität des Erlebnisses ins Auge gefasst wird. Dann wird man schon merken, wie solche Farberscheinungen gemeint sind. Man verliert durchaus nicht den Zusammenhang mit dem gewöhnlichen Bewusstsein, geht nicht ins Närrische über, sondern das Gegenteil ist der Fall für die Wege, die gewählt werden, um hineinzukommen in die Anthroposophie. Das liegt gerade auf dem umgekehrten Wege des Pathologischen, sie führen gerade vom Pathologischen weg, sie machen gerade den Menschen innerlich konsolidiert. Daher kann er dann nicht nur, gerade in Formen mathematischer Art, Zeichnungen machen, sondern auch in Farben gewisse Zeichnungen sehen, dasjenige, was ein übersinnliches Erlebnis ist. Ich weiß nicht, ob Sie das befriedigt? Das war zur ersten Frage.

[ 91 ] And so it is also necessary to bear in mind, with regard to descriptions such as those cited by the esteemed speaker who spoke before me, that the underlying premise is that the totality of the experience is taken into account. Then one will already realize what is meant by such color phenomena. One by no means loses touch with ordinary consciousness or descends into folly; rather, the opposite is true of the paths chosen to enter into anthroposophy. This lies precisely on the opposite path to the pathological; these paths lead away from the pathological and serve to consolidate the human being internally. Therefore, the individual is then able not only to create drawings—particularly in mathematical forms—but also to perceive certain drawings in colors, which constitute a supersensory experience. I do not know if this satisfies you? That was in response to the first question.

[ 92 ] In Bezug auf die zweite Frage möchte ich sagen: Sie haben in beiden Richtungen hin völlig recht, aber ich muss betonen, dass Sie überall bei mir, wo ich Gelegenheit habe, über diese Dinge zu sprechen, selber hingewiesen finden, dass diese beiden Gefahren ja durchaus eintreten können, die aber ebenso bei wirklicher Geistesforschung erkannt werden und vermieden werden müssen. Man kann nicht, wenn man sie nicht vermeidet, dasjenige erreichen, was in der Geistesforschung erreicht werden soll. Sie werden gerade vermieden, wenn man sie sich vor Augen stellt, wenn man weiß, sie können da sein, solche Gefahren. Und wenn man außerdem ein Verantwortlichkeitsgefühl hat, dann wird man doch ganz sicher versuchen, sie zu vermeiden.

[ 92 ] Regarding the second question, I would like to say: You are entirely correct on both counts, but I must emphasize that wherever I have the opportunity to speak about these matters, you will find that I myself have pointed out that these two dangers can indeed arise, but that they must also be recognized and avoided in genuine spiritual research. If one does not avoid them, one cannot achieve what spiritual research is intended to achieve. They are avoided precisely when one keeps them in mind, when one knows that such dangers may be present. And if, in addition, one has a sense of responsibility, then one will certainly try to avoid them.

[ 93 ] Zu dem, was den sogenannten Schüler betrifft, muss ich sagen, dass in der Tat dasjenige, was als Verhältnis des Schülers zum Lehrer geschildert werden kann, in der Geistesforschung im Grunde genommen doch nichts anderes ist als die Übertragung, nur auf einem anderen Gebiet, desselben Verhältnisses, das sonst auch da ist, wenn jemand von einem anderen etwas lernt. Es ist zwar richtig, dass gewissermaßen die Anleitung zur Geistesschulung etwas intimer in das menschliche Leben hineingreift, aber, sehen Sie, da gibt es wiederum ein Korrektiv, möchte ich sagen. Es ist ja eigentlich durchaus nicht richtig, dass es im äußeren Leben bei der gegenwärtigen Wissenschaft nicht auch Gefahren für den Schüler bestehen.

[ 93 ] As for what concerns the so-called student, I must say that, in fact, what can be described as the relationship between student and teacher is, in spiritual research, essentially nothing other than the transposition—merely to a different realm—of the same relationship that otherwise exists whenever someone learns something from another person. It is true, of course, that guidance in spiritual training, in a sense, intervenes somewhat more intimately in human life, but, you see, there is a counterbalance to this, I would say. After all, it is by no means correct to say that, in external life, there are no dangers for the student even within the framework of current science.

[ 94 ] Denken Sie doch [eigentlich] nur einmal, wie wenig eigentlich die Schüler gefeit sind vor dem Autoritätsglauben, und namentlich vor demjenigen, der zunächst wie ein Zwang da ist, der sich aber im Laufe der Jahre doch etwas sehr stark einimpft — [Sagenszwang] und so weiter. Da sind durchaus auch Gefahren vorhanden gegen die selbstständige Entwicklung des Schülers oder Hörers, die in der gleichen Weise geschildert werden können wie diejenigen, die vorliegen bei demjenigen, der in der Geisteswissenschaft vorwärtskommen will.

[ 94 ] Just think [for a moment] how little students are actually immune to the belief in authority—and especially to that which initially appears as a form of coercion but which, over the years, becomes deeply ingrained—[the compulsion to conform] and so on. There are certainly dangers here as well to the independent development of the student or listener, which can be described in the same way as those faced by anyone who wishes to make progress in the humanities.

[ 95 ] Aber außerdem ist ja ein Korrektiv vorhanden, gerade wenn man mit der Geisteswissenschaft, ich möchte sagen intimere Saiten der menschlichen Seele anschlägt, indem er etwas lernen will. So bildet sich auch ein außerordentliches Feingefühl aus für Selbstständigkeit, gerade wenn man die Seelenfähigkeiten wachruft. Und die Erfahrung zeigt doch, dass ein solches Autoritätsgefühl, wie es manchmal in der äußeren Wissenschaft vorliegt — ein solches Schwören auf die Worte des Meisters, ein solches Hinweggehen mit dem Heft und Schwören auf dasjenige, was man ins Heft hineingeschrieben hat, nachdem man es gehört hatte —, das findet doch bei einer wirklich verantwortlichen Handhabung der Methode der Geistesschulung nicht statt.

[ 95 ] But besides that, there is a corrective factor at work, especially when one engages with spiritual science—I would say, when one strikes a more intimate chord within the human soul by seeking to learn something. In this way, an extraordinary sensitivity to independence also develops, precisely when one awakens the soul’s faculties. And experience shows that the kind of deference to authority sometimes found in the external sciences—this blind adherence to the master’s words, this act of taking notes and swearing by what one has written down after hearing it—simply does not occur when the method of spiritual training is applied in a truly responsible manner.

[ 96 ] Ein durch die Erfahrung gegebenes Feingefühl zeigt einem — gerade wenn man sich mit dem beschäftigen muss, was ganz tief in das Seelenleben des Menschen eingreift —, dass sich dadurch der Freiheitsdrang durchaus erhöht. Und ich meinerseits habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die als ernsthafte Geistesschüler in Betracht kommen, sogar bald übergehen dazu, nicht auf Treu und Glauben hin etwas anzunehmen, sondern nur auf eine manchmal sehr weitgehende Prüfung hin; sodass man also sagen kann, dass gerade das Freiheitsgefühl in einem besonderen Maße erwacht.

[ 96 ] A sensitivity born of experience shows one—especially when one must deal with matters that penetrate very deeply into the inner life of the human soul—that this actually intensifies the longing for freedom. And for my part, at any rate, I have found that those who qualify as serious students of spiritual science soon come to accept things not on the basis of good faith, but only after a process of examination that is sometimes very thorough; so that one can say that it is precisely the sense of freedom that is awakened to a special degree.

[ 97 ] Nun kommt natürlich das andere, wo ich durchaus wiederum dem verehrten Herrn Vorredner recht geben muss, dass sehr leicht die Gefahr vorhanden ist bei demjenigen, der eine solche Leitung übernehmen soll — sagen wir nur, der aus seiner eigenen Erfahrung, denn anders kann man es ja fast nicht — irgendjemandem raten muss: Durch das oder jenes wirst du dein Erinnerungsvermögen oder deine Liebe entwickeln können. Es kann dann eine Versuchung herantreten an den Lehrenden — das weiß man ja, dass diese Versuchung herantreten kann. Und wenn ich Ihnen da meine eigene Überzeugung sagen darf — meine sehr verehrten Anwesenden: Es wird einem, wenn man darin steht in dem, um was es sich handelt bei der Geistesforschung, eigentlich nichts mehr zuwider als das, was man irgendwie persönliche Anbetung oder dergleichen nennen könnte. Wenn auch die Leute, die einen verleumden wollen, immerfort auf solches Zeug hindeuten. Das entspricht durchaus nicht der Wirklichkeit; es ist das tatsächlich etwas, was einem im Grunde genommen sehr zuwider ist. Wenn man nur selber ein wenig fortgeschritten ist auf dem Weg — den ja die Geisteswissenschaft andeutet —, so kann sich einem dann die Wahrheit entringen. Es kann die Wahrheit einem nicht entgehen, dass [man] in demselben Maße, indem man eine unberechtigte Macht ausübt, die Erkenntnisfähigkeit verliert. Das ist nun einmal so, das ist eine objektive Tatsache, und man erkennt sie, wenn man den Weg in der Geisteswissenschaft geht, geht durch unmittelbare Erlebnis-Erfahrung.

[ 97 ] Now, of course, there is the other point, on which I must once again agree with the esteemed speaker who preceded me: there is a very real danger that someone who is to take on such a leadership role—let’s just say, based on their own experience, since there’s hardly any other way—might have to advise someone: ‘Through this or that, you will be able to develop your memory or your love.’ A temptation may then arise for the teacher—as we know, this temptation can indeed arise. And if I may share my own conviction with you—my esteemed audience: When one is immersed in what spiritual research is all about, there is actually nothing more repugnant than what one might call personal worship or the like. Even though the people who want to slander you constantly point to such things, this does not correspond to reality at all; it is, in fact, something that is fundamentally very repugnant to one. If one has only advanced a little on the path—which spiritual science, after all, points toward—then the truth can reveal itself. One cannot fail to recognize the truth that, to the very extent that one exercises unwarranted power, one loses one’s capacity for insight. That is simply the way it is; it is an objective fact, and one recognizes it when one walks the path of spiritual science, through direct experiential knowledge.

[ 98 ] Nicht wahr, der Weg in die Geisteswissenschaft hinein ist ja ein subtiler, ist ein solcher, der durch fortwährendes inneres Erleben der Seele rege gehalten werden muss. In demselben Maße, indem man nun Dinge ausübt, die dem Begehrungsvermögen entsprechen, die der Eitelkeit oder dem Machtgefühl entsprechen, in demselben Maße verdunkelt man gerade diejenigen Kräfte, die sich da ausbreiten wollen. Denken Sie doch nur einmal, dass man ungeheuer viel zu tun hat, um das auszubilden, was ich die Liebefähigkeit genannt habe. Es ist die größte Lieblosigkeit, in die man verfallen kann, wenn man Machtgefühle entwickelt. Ich weiß nicht, ob mir in dieser Weise ein Zusammenhang von Ihrer Seite zugestanden wird, aber es ist doch so: Das Machtgefühl verdunkelt eigentlich das wirkliche Liebegefühl.

[ 98 ] Isn’t it true that the path into spiritual science is a subtle one—one that must be kept alive through the soul’s continuous inner experience? To the very extent that one engages in activities that correspond to the power of desire, to vanity, or to the sense of power, to that very extent one obscures precisely those forces that are striving to unfold. Just think for a moment that it takes an immense amount of effort to develop what I have called the capacity for love. It is the greatest lack of love into which one can fall when one develops a sense of power. I do not know whether you will grant me this connection, but it is indeed the case: the sense of power actually obscures the true feeling of love.

[ 99 ] Und so ergeben sich überall die Möglichkeiten, klar zu sehen, wie man solche Versuchungen zurückweisen soll. Und trotzdem es absolut richtig ist, dass diese Versuchung, ich möchte sagen unzählige Mal herantreten kann an denjenigen, der irgendeine Anleitung zu geben hat, so weiß er auch, dass das Unterliegen — diese Versuchung — dasjenige ist, was ihn am meisten herunterbringen kann. Denn es ist nur zu erklären aus einer Eitelkeit, aus Machthunger heraus. Das sind aber Dinge, die abführen von den Wegen, die man gehen muss, wenn man wirklich etwas erreichen will.

[ 99 ] And so opportunities arise everywhere to see clearly how one should resist such temptations. And although it is absolutely true that this temptation—I would say—can arise countless times for anyone who has to provide guidance, he also knows that succumbing to it—this temptation—is what can bring him down the most. For it can only be explained by vanity, by a hunger for power. But these are things that lead one astray from the paths one must follow if one truly wants to achieve something.

[ 100 ] Ich glaube ja, dass der verehrte Herr Vorredner aus einer tiefen Erfahrung heraus in seinen Ausführungen eben auf diese Dinge auch hinwies. Solche Dinge sind natürlich vorgekommen, werden auch immer wieder vorkommen, selbstverständlich. Aber es ist kein Grund dazu da — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass, wenn irgendwo Gefahren liegen, man deshalb den Entwicklungsweg unterlassen soll; sondern wenn irgendwo Gefahren liegen, so kann das ein Grund dazu sein, dass man die Gefahren vermeidet, wenn man in gesunder Weise die Notwendigkeit der Sache anerkennt. Es ist vielleicht hinreichend als Antwort zu dem, was als Frage gestellt worden ist? Wenn es nicht der Fall sein sollte, so würde ich gerne noch weiter darauf eingehen.

[ 100 ] I do believe that the distinguished speaker who spoke before me, drawing on his deep experience, pointed out precisely these matters in his remarks. Such things have, of course, occurred and will continue to occur from time to time—that goes without saying. But there is no reason—my esteemed colleagues here—to conclude that, simply because dangers exist somewhere, one should abandon the path of development; rather, if dangers exist somewhere, that can be a reason to avoid them, provided one recognizes the necessity of the matter in a sound manner. Is this perhaps a sufficient answer to the question that was posed? If not, I would be happy to elaborate further.

[ 101 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, nachdem andere Fragen nicht gestellt worden sind, habe ich ja nichts Besonderes zu der Sache hinzuzufügen. Ich möchte nur noch einmal ganz kurz darauf verweisen, dass die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, keine Religion sein will.

[ 101 ] Well—ladies and gentlemen—since no other questions have been asked, I have nothing in particular to add on this matter. I would just like to point out very briefly once again that spiritual science, as it is understood here, does not claim to be a religion.

[ 102 ] Die Frage liegt vor: Es erklärt vielleicht die Stellung der Anthroposophie zu den Konfessionen, wenn Sie uns erzählen, was Sie den Kindern konfessionsloser Eltern im Religionsunterricht lehren.

[ 102 ] The question is this: It might shed light on anthroposophy’s stance toward religious denominations if you could tell us what you teach children of non-denominational parents in religious education classes.

[ 103 ] Sehen Sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, meine Meinung ist diese — aber im Sinne dessen, den ich mir durchaus aus der Geisteswissenschaft heraus errungen habe —, dass man etwas so Intimes wie den Religionsunterricht nur führen kann in dem Rahmen desjenigen, wovon man selber in der Seele ganz erfüllt ist. Es ist jetzt der Religionsunterricht für Kinder konfessionsloser Eltern gemeint oder solchen, von denen etwa verlangt wird, dass sie als konfessionslos [in] der Schule betrachtet werden sollen. Es kann auf diesem intimen Gebiete also nur dasjenige, wovon man in seiner Seele so trägt, dass man ganz davon erfüllt ist, infrage kommen. Und das ist es auch, was gelehrt wird. Und um was es sich handelt, das ist, dass diejenige anthroposophische Richtung, die von mir verfolgt wird, in erster Linie eigentlich eine Methode, ein Weg ist, lebendiges Leben ist. Und deshalb kann auch in alle einzelnen Wissenschaften hinein gewirkt werden, deshalb kann auch in die pädagogische Kunst hinein gewirkt werden, ja, in die Kunst selber, wie der Dornacher Bau in seiner künstlerischen Auffassung zeigt. Aber außerdem ist ja schließlich das, was da erforscht wird, der lebendige Geist, und der kann doch nur zu einer Vertiefung des religiösen Lebens führen.

[ 103 ] You see—my esteemed audience—my opinion is this—but in the sense that I have arrived at it entirely through spiritual science—that something as intimate as religious instruction can only be conducted within the framework of that which one’s own soul is completely filled with. I am referring here to religious education for children of non-denominational parents or those who are, for example, required to be considered non-denominational [at] school. In this intimate realm, therefore, only that which one carries within one’s soul to the extent that one is completely filled with it can be considered. And that is also what is taught. And what this is all about is that the anthroposophical approach I follow is, first and foremost, actually a method, a path—it is living life itself. And that is why it can also influence all the individual sciences, why it can also influence the art of education—indeed, art itself—as the Dornach Building demonstrates in its artistic conception. But beyond that, after all, what is being explored there is the living spirit, and that can only lead to a deepening of religious life.

[ 104 ] Nun ist man ja viel abhängig von Imponderabilien, und ich mache lieber die Dinge an konkreten Einzelheiten klar, als dass ich in abstrakten Allgemeinheiten spreche. Sehen Sie, wir versuchen, den Kindern zunächst den Weg zu dem Christus so zu zeigen, dass dieser Weg durchaus aus dem übrigen menschlichen Leben herausführt. So sehr es auch von mancher konfessionellen Seite — oder vielmehr von Vertretern gewisser Seiten behauptet wird, so ist es doch nicht wahr, dass Anthroposophie irgendwie etwas anderes will, als den Weg zu dem Christus hin auf diesem religiösen Gebiete in ihrer Art zu zeigen eben denjenigen, die ihn auf diese Art zu finden nötig haben.

[ 104 ] Now, of course, we are very much dependent on intangible factors, and I prefer to clarify things through concrete details rather than speak in abstract generalities. You see, we try, first of all, to show the children the path to Christ in such a way that this path leads them out of the rest of human life. No matter how much it may be claimed by some denominational circles—or rather, by representatives of certain circles—it is simply not true that anthroposophy seeks anything other than to show, in its own way, the path to Christ in this religious realm to precisely those who need to find it in this manner.

[ 105 ] Man kann ja durchaus Anhänger der Anthroposophie sein und nichts weiter wollen als eine Vertiefung der Wissenschaften, der Biologie, der Psychologie und so weiter. Man braucht ja gar nicht irgendwie eine Beziehung zwischen der Anthroposophie und der Religion herzustellen. Nun sind aber eben sehr viele Leute heute da, die aus der Anthroposophie heraus, aus der Geisteswissenschaft heraus ebenso eine religiöse Vertiefung suchen, wie — auf einem anderen Wege natürlich — die Leute aus dem Materialismus heraus eine religiöse Vertiefung, wenn auch vielleicht eine ältere Religion, gesucht haben — wie zum Beispiel David Friedrich Strauß, der Verfasser von «Der alte und der neue Glaube» und dergleichen. Nicht wahr, wie dazumal eine Anzahl solcher Leute eine Art materialistische Religion versucht und gesucht haben, so findet man eine wirklich geistige Religion und auch den Weg zum Christus hin — neben vielem anderen — auf dem Wege zur Geisteswissenschaft. Neben Medizin, Psychologie, Philosophie, Biologie und so weiter, die man vertiefen kann, erlangt man dann eben auch, ich möchte sagen eine gewisse Erkenntnis jener eigentümlichen Wege, die gegangen werden müssen.

[ 105 ] It is certainly possible to be a follower of anthroposophy and want nothing more than a deeper understanding of the sciences—biology, psychology, and so on. There is no need whatsoever to establish any kind of connection between anthroposophy and religion. However, there are in fact a great many people today who, coming from anthroposophy and spiritual science, seek a deepening of their religious life just as—though by a different path, of course—people coming from materialism have sought a deepening of their religious life, even if perhaps in an older religion—such as David Friedrich Strauss, the author of *The Old and the New Faith* and similar works. Isn’t it true that just as a number of such people in the past attempted and sought a kind of materialistic religion, so too does one find a truly spiritual religion and also the path to Christ—among many other things—on the path to spiritual science? Alongside medicine, psychology, philosophy, biology, and so on—which one can study in depth—one then also gains, I would say, a certain insight into those unique paths that must be taken.

[ 106 ] Nehmen Sie an, wir haben nötig, den Kindern zunächst den Begriff der Unsterblichkeit der Seele beizubringen. Wir versuchen das — wie gesagt, ich rede in einem Beispiel, es könnte das durchaus auch anders erklärt werden —, aber nehmen wir an, wir versuchen das dem Kinde durch ein Bild beizubringen. Wir weisen hin auf die Schmetterlingspuppe. Der Schmetterling fliegt aus. Wir versuchen dann zu zeigen, wie gerade auch die Seele des Menschen mit dem Tode den Körper verlässt und eine [andere] Welt, allerdings jetzt im Unsichtbaren, betritt und so weiter. Nicht wahr, so etwas kann man ausdenken. Wenn man es aber nur ausdenkt, wird man bemerken — man braucht dazu allerdings pädagogische Erfahrung, aber wenn man diese hat, wird man bemerken: Wenn man nur ausgedacht hat diesen Gesichtspunkt — ich bin so gescheit und das Kind ist so dumm, ich muss ihm das Bild bringen, dann bringt man es dem Kinde in Wirklichkeit doch nicht bei. Man bringt es dem Gehirnapparat, dem Worterkennen bei, aber nicht dem Herzen bei. Dem Herzen bringt man nur dasjenige bei, woran man selber glauben kann; dann bringt man es, ich möchte sagen mit Freude bei, wenn wirklich etwas Reales darinnen ist, wenn man sich sagen kann: Ja, da habe ich eine Entsprechung; ich glaube daran. Das ist gerade das, was sich bildet bei unserer Geisteswissenschaft, aber nicht [auf] eine nebulose, verschwommene Art. Denn das ist etwas, was gerade abgewiesen wird von Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist.

[ 106 ] Suppose we need to teach children, first of all, the concept of the immortality of the soul. We try to do that—as I said, I’m using an example; it could certainly be explained differently—but let’s assume we’re trying to teach this to a child using an image. We point to a butterfly chrysalis. The butterfly emerges. We then try to show how the human soul, too, leaves the body at death and enters [another] world—albeit an invisible one—and so on. Isn’t that right? You can come up with something like that. But if you merely think it through—and this does require pedagogical experience, but if you have it, you’ll notice—if you’ve only conceived of this perspective—I’m so smart and the child is so stupid, I have to present this image to them—then in reality, you’re not actually teaching the child anything. You teach it to the brain, to the ability to recognize words, but not to the heart. You teach the heart only what you yourself can believe in; then you teach it—I would say—with joy, if there is truly something real in it, if you can say to yourself: Yes, I find a resonance there; I believe in it. That is precisely what takes shape in our spiritual science, but not in a nebulous, vague way. For that is something that is specifically rejected by spiritual science as it is understood here.

[ 107 ] Es ist wieder eine Verleumdung, wenn man uns Phantasmen vorwirft. Dasjenige, was wir suchen, ist nicht ein abstraktes Geistiges, sondern die konkrete Geistigkeit ist in den Einzelheiten drinnen. Und so ist wirklich für den, der den Geist in der Natur erkennt, dieser Vorgang des Auskriechens des Schmetterlings aus der Puppe dasselbe auf einer unteren Stufe, was auf einer zunächst höchst erreichbaren Stufe der Tod mit der unsterblichen Seele des Menschen ist, eine Realität. Nicht ich mache das Bild, sondern die Welterscheinungen selbst machen das Bild. Und wenn ich so darinnen stehe, die Welterscheinungen so beurteile, dass die Natur gewissermaßen für mich der lebendige Anblick wird für das, was ich herausbringen kann aus der ganzen Welt als das Verständnis der göttlichen Wesenheit, dann vermag ich es auch dem Kinde beizubringen. Denn dann bilden sich nicht bloß, ich möchte sagen die gewöhnlichen Beziehungen zum Kinde. Es ist nun einmal etwas von Imponderabilien da, Kräfte, die von Mensch zu Mensch wirken. Und solche imponderablen Kräfte, die darinnen liegen, die sind es, die es möglich machen, dass man eigentlich nur dasjenige einem anderen beibringen kann, an das man mit aller Kraft selber glauben kann. Und dieses was sich uns ergibt an Grundwahrheiten, an Bewusstsein der religiösen Grundwahrheiten auf dem Wege, der nun schon einmal durch Geisteswissenschaft gegangen werden kann, das ist es, was uns auch den Religionsunterricht möglich macht, wo er nötig ist, dem Kinde zu geben.

[ 107 ] It is yet another slander to accuse us of fantasizing. What we seek is not an abstract spiritual reality, but rather the concrete spirituality that lies within the details. And so, for those who recognize the spirit in nature, this process of the butterfly emerging from the chrysalis is, on a lower level, the same reality as death is for the immortal human soul on the highest level attainable at first. It is not I who create the image, but the phenomena of the world themselves that create it. And when I stand within this, judging the phenomena of the world in such a way that nature, so to speak, becomes for me the living vision of what I can draw out of the whole world as an understanding of the divine essence, then I am also able to teach this to the child. For then it is not merely—I would say—the ordinary relationships with the child that are formed. There is, after all, something of the imponderables at work here—forces that act from person to person. And it is these imponderable forces, which lie within, that make it possible for one to teach another only that which one can believe in with all one’s strength. And these fundamental truths that emerge for us—this awareness of fundamental religious truths—through the path that can now be taken via spiritual science—that is what also enables us to provide religious instruction to children where it is needed.

[ 108 ] Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, eine Methode gerade des Religionsunterrichtes zu finden. Und ich muss sagen, es ist eigentlich etwas, was sehr gut geht. Und ich konnte immer wieder bei den verschiedenen Schulfeiern betonen, was mir durchaus eine Wahrheit jetzt zu sein scheint, dass bei uns in der Waldorfschule der christliche Geist nicht nur in der Religionsstunde ist, sondern er ist da, wenn man die Schule betritt oder aus der Klasse herausgeht. Er ist in allem drinnen, ohne dass man immer das «Herr, Herr» ausspricht, noch immer mit Worten hinweist auf dasjenige, was gerade irgendwie Religiosität doch ist. Dasjenige, was religiöser Geist ist, ist doch noch etwas ganz anderes, wenn durchaus in die Objektivität das Übrige ausfließt.

[ 108 ] We have gone to great lengths to find a method specifically for religious education. And I must say, it’s actually working very well. And time and again at various school celebrations, I’ve been able to emphasize what now seems to me to be a truth: that here at the Waldorf School, the Christian spirit isn’t confined to religion class—it’s present the moment you enter the school or step out of the classroom. It is present in everything, without one always having to say “Lord, Lord” or constantly point out with words what religiosity actually is. What the religious spirit is, after all, is something quite different when the rest flows out into objectivity.

[ 109 ] Das ist es, was dem zugrunde liegt. Und wenn ich sage, dass unsere Wege zu Christus hinführen, dann darf ich vielleicht trotz aller Anfeindungen, die von verschiedenen Seiten ausgehen, auch an ein Bibelwort erinnern, das mir wirklich nicht deshalb allein wesentlich ist, weil es überliefert ist, sondern weil es sich täglich neu bewahrheitet, durchaus ein wertvolles Bibelwort geworden ist. Das ist dasjenige, das dem Heiland in den Mund gelegt wird:

[ 109 ] That is what underlies it all. And when I say that our paths lead to Christ, then perhaps—despite all the hostility coming from various quarters—I may also recall a Bible verse that has become truly valuable to me, not merely because it has been handed down, but because it proves true anew every day. It is the one attributed to the Savior:

Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.

I am with you always, even to the end of the age.

[ 110 ] Also nicht nur in demjenigen, in dem er auf der Erde gewandelt ist, ist er da, sondern immer ist er da. Und man kann immer, wenn man nur will, dasjenige erfahren, was der lebendige Christus unter den Menschen will. Dieses lebendige Auffassen des Christus ist das besonders Wichtige — dieses Immerwährend-Daseiende des Christus —, was ja natürlich nicht ausschließt, dass das Mysterium von Golgatha als ein historisches Ereignis von uns genommen wird. Und zwar, damit nicht Missverständnisse entstehen, betone ich ausdrücklich, dass es als ein übersinnliches Ereignis gefasst wird und dass es sogar schon möglich gewesen ist, evangelische Geistliche, die unbefriedigt waren von der vorhandenen Darlegung, die ganz rationalistisch geworden ist — die Zeitschriftenliteratur zeigt das heute schon —, gerade durch Anthroposophie wieder zurückzuführen zu einer wirklichen, übersinnlichen Auffassung des Mysteriums von Golgatha.

[ 110 ] So he is not only present in the one in whom he walked on earth, but he is always present. And one can always, if one so desires, experience what the living Christ wills among humanity. This living perception of Christ is what is particularly important—this ever-present existence of Christ—which, of course, does not preclude our accepting the Mystery of Golgotha as a historical event. And, to avoid any misunderstandings, I expressly emphasize that it is understood as a supersensible event, and that it has even already been possible to lead Protestant clergy—who were dissatisfied with the existing exposition, which has become entirely rationalistic (as journal literature already shows today)— precisely through anthroposophy to return to a genuine, supersensible understanding of the Mystery of Golgotha.

[ 111 ] Das alles kann Ihnen zeigen, dass unser Religionsunterricht eben nach einer Methode sucht, die ihn in Zusammenhang bringt mit allem übrigen Welterfassen, mit allem übrigen menschlichen Handeln und mit dem gesamten menschlichen Leben überhaupt, und auf der anderen Seite, dass die Sache durchaus nicht vom Christentum abführt.

[ 111 ] All of this can show you that our religious education is, in fact, seeking a method that connects it to every other way of understanding the world, to every other form of human action, and to human life as a whole; and, on the other hand, that this approach by no means leads away from Christianity.

[ 112 ] Und Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden: Wir zwingen niemanden aus irgendeiner Religionsgemeinschaft heraus oder aus irgendeiner anderen Gemeinschaft heraus, aber wir haben es doch dahin gebracht, dass in unserer Waldorfschule, ohne dass dies irgendetwas Außerordentliches ist, jüdische Kinder sitzen, die sich die Kenntnisse des Christentums mit völlig innerem Seelenanteil und mit wirklich religiöser Inbrunst anhören.

[ 112 ] And as you can see—my esteemed audience: We do not force anyone out of any religious community or any other community, but we have nevertheless managed to ensure that, in our Waldorf school—and this is by no means extraordinary—there are Jewish children who listen to teachings about Christianity with complete inner devotion and genuine religious fervor.

[ 113 ] Die Erziehung kann ja so sein, dass zum Beispiel bei uns in der Waldorfschule Folgendes vorkam, aber das war nicht ein Verdienst der Waldorfschule, das hat der Junge schon vorher getan, bevor er in die Waldorfschule gekommen ist. Ein jüdischer Knabe, der später in die Waldorfschule geschickt worden ist, hat, bevor die Schule errichtet war, jüdischen Religionsunterricht bekommen. Als er nun bei uns war und hörte, was da ist in der Waldorfschule, hat er es verglichen mit dem, wie die Religion in seinem Elternhause aufgefasst wird. Und er ist nun einfach entlaufen, einfach hinausgegangen zur Türe und ist in die andere Klasse hineingegangen, wo der freie christliche Religionsunterricht erteilt worden ist, und ist drinnen geblieben. Also, wenn es sich darum handeln sollte, dass behauptet wird, es würde das Christentum nicht gepflegt, so stimmt das nicht. Obwohl wir sagen müssen: Wir sind keine Sekte, machen keiner Religionsgemeinschaft Konkurrenz; unsere Quellen liegen zunächst in der Wissenschaft, wie ich es heute ausgeführt habe. So wäre es also ein völlig unberechtigter Vorwurf, zu behaupten, es würde das Christentum nicht gepflegt.

[ 113 ] Education can, of course, take such a form that—for example, here at our Waldorf School—the following occurred; but that was not due to the Waldorf School; the boy had already been doing that before he came to the Waldorf School. A Jewish boy who was later sent to the Waldorf School had received Jewish religious instruction before the school was established. Once he was with us and heard what was taught at the Waldorf School, he compared it to how religion was understood in his parents’ home. And he simply walked out—just walked out the door—and went into the other classroom, where free Christian religious instruction was being taught, and stayed there. So, if the claim is that Christianity is not being upheld here, that is not true. Although we must say: We are not a sect; we do not compete with any religious community; our sources lie primarily in science, as I have explained today. It would therefore be a completely unfounded accusation to claim that Christianity is not being upheld.

[ 114 ] Und wenn Sie das wirkliche Leben betrachten, werden Sie sehen, wie weit wir es schon auf den verschiedensten Gebieten haben bringen können durch die anthroposophische Weltauffassungsmethode. Es wird sich Ihnen ergeben, wie unbegründet dasjenige ist, was ja wirklich schon in etwas undefinierbarer Weise von mancher Seite gegen Anthroposophie vorgebracht wird. Aber das ist gar nicht dasjenige, was im Grunde genommen würdig ist, besprochen zu werden, sondern durchaus wichtig ist zu wissen, dass eben diese Geisteswissenschaft auch nicht stehen bleiben will in der Sphäre einer bloßen theoretischen Entwicklung, in der Sphäre des bloßen theoretischen Erkennens — denn das ist schließlich doch etwas, was den Menschen weltenfremd macht und weltenfern hält —, sondern dass sie überall eindringen will in die Sphäre des Willens, in das ganze menschliche Leben, und dass sie dadurch ganz fern liegt jeder nebulosen Mystik, jeder Mystik, die sich vom Leben zurückziehen will.

[ 114 ] And if you look at real life, you will see how far we have already been able to advance in a wide variety of fields through the anthroposophical method of understanding the world. It will become clear to you how unfounded are the arguments that have already been raised—albeit in a somewhat indefinable way—by some quarters against anthroposophy. But that is not really what is worthy of discussion; rather, it is absolutely important to know that this very spiritual science does not wish to remain confined to the sphere of mere theoretical development, to the sphere of mere theoretical knowledge—for that is, after all, something that alienates people from the world and keeps them distant from it— but rather that it seeks to penetrate everywhere into the sphere of the will, into the whole of human life, and that it is thereby entirely removed from any nebulous mysticism, any mysticism that seeks to withdraw from life.

[ 115 ] Es gibt ja allerdings Leute, die völlig gutgläubig meinen, diese Welt ist doch zu schlecht, man müsse sich in eine andere, mystische Welt zurückziehen. Ich habe viele solche Menschen kennengelernt; sie waren ganz gute Menschen, aber sie waren nicht Menschen, wie sie die heutige schwere Zeit braucht. Die heutige Zeit braucht Menschen, die nicht bloß an den Geist in der Erkenntnis, in abstrakten Theorien glauben, sondern die heutige schwere Zeit braucht Menschen, welche diesen Geist so in sich aufnehmen, dass sie ihn selber in die Materie, in das Leben hineintragen können.

[ 115 ] There are, of course, people who sincerely believe that this world is simply too bad and that one must retreat into another, mystical world. I have met many such people; they were quite good people, but they were not the kind of people that today’s difficult times need. Today’s times need people who do not merely believe in the spirit through knowledge or abstract theories; rather, today’s difficult times need people who absorb this spirit within themselves in such a way that they can carry it into matter and into life themselves.

[ 116 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wir haben es erlebt — und die tieferen Zusammenhänge zeigen es einer tieferen Auffassung —, diese Dinge haben uns in die Katastrophe hineingeführt. Wir haben es erlebt, dass die Leute einerseits nach ihrer Auffassung religiös waren, und dass sie die ganze Woche dann von der Religion in ihrem äußeren Handeln nichts hatten, als dass in der Buchhaltung im Hauptbuche noch steht auf der ersten Seite: «Mit Gott». Ich weiß nicht, ob das, was da steht, dann stimmt. Aber jedenfalls ist also doch etwas eingetreten von dem, was ich nennen möchte eine Art doppelte Lebensführung: Man kann auf der einen Seite Anhänger sein irgendeines Bekenntnisses, und auf der anderen Seite kann nichts hineingetragen werden ins Leben von diesem Bekenntnis. Ebenso gibt es unter den Wissenschaftern heute schon sehr zahlreiche, die ihre Wissenschaft durchaus so betreiben, dass sie sie eben handhaben auf der einen Seite, und das Leben, das fassen sie dann ganz anders wieder auf. Sie machen zweierlei aus diesen Dingen, die eigentlich eines sein sollten. Aber wir müssen zu einer lebenseinheitlichen, nicht nur Lebensauffassung, sondern Lebensführung kommen.

[ 116 ] Ladies and gentlemen! We have experienced it—and the deeper connections reveal this to a deeper understanding—these things have led us into catastrophe. We have seen that, on the one hand, people considered themselves religious, yet throughout the entire week their outward actions showed no trace of religion, except that the first page of the general ledger still reads: “With God.” I do not know whether what is written there is actually true. But in any case, something has indeed come about that I would like to call a kind of double life: one can, on the one hand, be a follower of some creed, and on the other hand, nothing from that creed can be carried over into one’s life. Similarly, there are already a great many scientists today who pursue their science in such a way that they handle it on the one hand, while on the other hand they approach life in an entirely different way. They make two distinct things out of these matters, which should actually be one. But we must arrive at a way of life that is unified—not merely a view of life, but a way of living.

[ 117 ] Das ist dasjenige, was angestrebt wird durch die anthroposophische Geisteswissenschaft: Nicht nur in abstrakter, mystischer Vertiefung und Versenkung den Geist zu erkennen, und glauben, dass man den Geist hat, wenn man sich von dem äußerlichen Leben zurückzieht, sondern das ist wirkliches Eindringen in den Geist, wenn man den Geist so in die Seele aufnimmt, dass man ihn dann in die Materie, in die äußere Materie hineintragen kann und das äußere Leben damit zu vertiefen imstande ist. Der Mensch hat nicht nur zu wirken als ein Erkennender der geistigen Weltordnung, sondern als ein Verwirklicher der geistigen Weltordnung. Und das ist dasjenige, was der Geisteswissenschaft als Impuls zugrunde liegt: Nicht bloß den Geist in abstrakten Ideen zu erkennen und von ihm reden zu können, sondern diesen Geist so in sich aufzunehmen, dass man imstande ist, nicht nur ihn zu tragen in Begriffen, sondern ihn zu tragen im Gemüte und im Willen, sodass man selber zu denjenigen Mächten in der Welt gehört, die den Geist verwirklichen, dass man ein Diener zur Verwirklichung des Geistes in der Weltenordnung werden kann.

[ 117 ] This is what anthroposophical spiritual science strives for: Not merely to recognize the spirit through abstract, mystical contemplation and absorption, and to believe that one possesses the spirit by withdrawing from external life, but rather, true penetration into the spirit occurs when one takes the spirit into the soul in such a way that one can then carry it into matter—into external matter—and thereby be able to deepen external life. Human beings must act not only as those who recognize the spiritual world order, but as those who bring the spiritual world order to fruition. And this is the impulse that underlies spiritual science: Not merely to recognize the spirit in abstract ideas and be able to speak of it, but to take this spirit into oneself in such a way that one is able not only to carry it in concepts, but to carry it in one’s heart and will, so that one oneself belongs to those forces in the world that realize the spirit, and so that one can become a servant to the realization of the spirit in the world order.