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Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
GA 80b

28 Januar 1921, Solothurn

2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als im Herbste des vergangenen Jahres das Goetheanum in Dornach noch vor seiner eigentlichen Fertigstellung Herbstkurse über die verschiedenen Wissenschaften und über verschiedene Zweige des menschlichen Lebens veranstaltete, da war es das Bestreben, nicht ausschließlich Geisteswissenschaft als solche bei diesem Kurse zur Geltung zu bringen, sondern die einzelnen Wissenschaften selbst sich so aussprechen zu lassen, dass dasjenige zutage treten musste, was sie selbst als Befruchtung durch die Geisteswissenschaft erfahren können. Deshalb wurde Wert darauf gelegt, dass bei dieser Veranstaltung Fachleute aus den einzelnen wissenschaftlichen Gebieten zur Sprache kamen, zur Aussprache kamen und auch Persönlichkeiten des praktischen Lebens, des kommerziellen, des industriellen und so weiter, also des durchaus praktischen Lebens. Es war eben der Gedanke dabei, dass diejenigen Menschen, die entweder auf der einen Seite in der Wissenschaft selber drinnenstehen, oder diejenigen, welche die Härten und Aufgaben des Lebens kennengelernt haben und die zu gleicher Zeit wirklich eingedrungen sind in dasjenige, was im Goetheanum in Dornach als Geisteswissenschaft zutage treten soll, dass diese sich über die Erfahrungen aussprechen können, die sie mit der Einführung der Geisteswissenschaft in ihr besonderes Fach machen können. Es ist aber auch damit zur Geltung gebracht worden, worinnen der eigentliche Ursprung der durch das Goetheanum vertretenen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu suchen sein soll. Es handelt sich bei dem, was da zur Vertretung gelangen soll, nicht um irgendetwas, was auch nur im Entferntesten die Absicht hat, etwa, sagen wir, irgendeine neue Religion gründen zu wollen. Es handelt sich auch nicht darum, irgendeine sektiererische Bewegung in Szene setzen zu wollen, sondern der Ausgangspunkt der Geisteswissenschaft ist durchaus aus dem wissenschaftlichen Leben der neueren Zeit und insbesondere der Gegenwart herausgeholt.

[ 2 ] Ich möchte mich durch einen Vergleich ausdrücken, wie insbesondere mit dem wissenschaftlichen Leben der neueren Zeit und der Gegenwart zusammenhängt dasjenige, was als Anthroposophie von Dornach aus vertreten werden soll. Wenn ich einen solchen Vergleich mache, so ist es durchaus nur, um etwas zu erläutern. Glauben Sie ja nicht — ich brauche das wohl kaum zu erwähnen —, dass mit diesem Vergleich irgendwie die Geisteswissenschaft selber in Vergleich gestellt werden soll mit dem welthistorischen Ereignis, das ich anführe. Das könnte man ja irgendwelchen billigen Witzeleien und dergleichen überlassen. Aber ich möchte Sie hinweisen — nur um eben etwas zu erläutern — auf die Anschauungen, mit denen die Entdecker Amerikas ausgezogen sind, diese Entdecker Amerikas, die den Mut gefunden haben, über dasjenige Weltmeer hinauszufahren, über das man damals noch nicht hinausgefahren war. Sie glaubten ja in Indien anzukommen, Indien gewissermaßen von der anderen Seite zu erreichen, daher ja auch die Bezeichnung Westindien und so weiter. Was hat man also vorausgesagt? Man hat vorausgesagt, durch die wagevolle Fahrt über das Weltenmeer, etwas Bekanntes zu erreichen.

[ 3 ] So, möchte ich auch sagen, kann man versuchen, innerhalb der modernen Wissenschaft, wie sie sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, immer weiter und weiter zu gehen. Sie wissen ja wohl, dass ernste, gewissenhafte Forscher dieses immer Weiter- und Weitergehen der Wissenschaft anstreben, und dass gerade außerordentlich gewissenhafte Forscher — das soll anerkannt werden — dann davon sprechen, dass man an unübersteigliche Grenzen der menschlichen Erkenntnis kommen müsse. Aber auf der anderen Seite [werden], wenn man an diese Grenzen kommt, allerlei Annahmen gemacht von einer Atom-, von einer Molekülwelt und so weiter und so weiter. Man setzt voraus, wenn man methodisch im Laboratorium arbeitet, wenn man in der Klinik forscht, wenn man am astronomischen Observatorium die Weltengeheimnisse ergründen will, dass man irgendwie durch das Meer der wissenschaftlichen Methode ankommen müsse bei irgendetwas, was entweder eine unübersteigliche Grenze ist oder was doch in einer gewissen Weise ähnlich ist dem schon Bekannten. Wie Kolumbus gewissermaßen voraussagte, dass er etwas schon Bekanntes finden müsse, so setzt man auch in der Wissenschaft voraus, dass man irgendetwas Bekanntes finden müsse. Die Moleküle und Atome sind ja zuletzt doch nichts anderes, als, ich möchte sagen ins Kleinste zu dringen, in dasjenige, was man auch mit gewöhnlichen Augen sieht, Sinn zu bringen.

[ 4 ] Aber diese Erfahrung des Wissenschafters erscheint demjenigen, der selber im wissenschaftlichen Leben drinnensteckt, durchaus begreiflich, begreiflich aus dem Grunde, weil, wenn man gerade mit den modernen Methoden immer weiter und weiter arbeitet, man eigentlich nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, zu einer Lösung von wichtigen Lebens- und Menschenrätseln kommt. Wenn man das glaubt, gibt man sich einer Illusion hin. Im Gegenteil, derjenige, der ganz unbefangenen Sinnes sich hineinbegibt in das Wissenschaftliche, mehr, möchte ich sagen methodisch forscht, insbesondere derjenige, der nicht nur einseitig, sagen wir, Naturwissenschaft treibt, sondern der dann vielleicht die naturwissenschaftliche Forschungsweise auch auf die Geschichte, auf die sogenannte Geisteswissenschaft herüber übertragen will, er findet durchaus, dass sich nicht etwa Lösungen ergeben, sondern dass die Zahl der Rätsel immer größer und größer wird. Man lernt eigentlich erst erkennen, wie rätselhaft diese Welt, die uns umgibt, ist, wenn man sie gerade durch die Methoden der neueren Wissenschaft kennenlernt. Aber eines muss man doch anerkennen, wenn man sich gewissermaßen innerhalb des Forschens auf sich selber besinnt: Was ist es denn, was sich da — sagen wir — gleichgültig ob wir im Laboratorium forschen oder auf dem astronomischen Observatorium oder in der Klinik, was ist es denn, was wir da anwenden? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wie sehr sich auch manche, ich möchte sagen durch einen radikalen Materialismus darüber täuschen mögen, es ist trotzdem gar nicht einmal eine sehr hohe, sondern eine sogar triviale Wahrheit, dass man, wenn man wissenschaftlich forschen will, Geist anwenden muss, dass in irgendeiner Weise der Geist im Menschen tätig sein muss.

[ 5 ] Und nun kommt es darauf an, mit diesen Worten, der Geist müsse im Menschen tätig sein, wenn er im Äußeren, im Sinnlich-Wissenschaftlichen forscht, mit diesen Worten irgendeinen realen, einen wissenschaftlichen Sinn zu verbinden. Das kann man nicht anders, als wenn man nun darüber nachforscht, was denn dieser Geist ist. In der Außenwelt kann man ihn nicht finden. Man muss ihn ja gerade zur Erkenntnis der Außenwelt anwenden, man muss ihn aus sich selber herausholen, den Geist. Wir sprechen, wenn wir uns überhaupt über dasjenige, was Wissenschaft ist, ausdrücken wollen, immerfort vom Geiste. Aber wir müssen auch darauf kommen können durch irgendeine besondere Erkenntnisweise: Was ist denn dieser Geist eigentlich? Und indem man nun versucht, die Fahrt, möchte ich sagen durch das Meer der modernen Wissenschaftlichkeit zu machen, entdeckt man zuletzt, dass man nicht nach irgendetwas Bekanntem hinkommt, sondern dass man gerade [durch] dasjenige, was vorher zwar im Bewusstsein liegt, wenn man das Wort «Geist» ausspricht, oder indem man sagt: «Der Geist forscht», [nicht] nach etwas Bekanntem hinkommt, sondern man nach jenem Unbekannten hinkommt und tatsächlich etwas Ähnliches erlebt, wie Kolumbus es erlebt hat, indem er zwischen Europa und Indien Amerika entdeckt hat.

[ 6 ] Auf der Fahrt nach den Rätseln der Welt erlebt man eigentlich dasjenige, was der Geist ist. Nur hat ihn die Naturwissenschaft in einem gewissen Sinne verloren. Und das zeigt sich, ich möchte sagen ganz bitterlich im Leben, dass ihn diese Naturwissenschaft verloren hat. Diese neuere Naturwissenschaft erkennt den Geist nur in Gedanken, in Ideen, in Abstraktionen. Und diese Anschauung haben Millionen und Millionen von Menschen aufgenommen und nennen alles dasjenige, was durch den Geist innerhalb des Lebens aufsprießt — Sittlichkeit, Religion, Wissenschaft, Recht und so weiter —, eine Ideologie, das heißt etwas, das gleichsam nur als Rauch aufsteigen würde aus dem, was entweder sinnliche Wahrheit ist, oder dem, was irgendwelche materielle Produktionsprozesse sind oder dergleichen. Das ist aber dasjenige, was man nun nicht durch irgendeinen Glauben, sondern durch ein wirkliches wissenschaftliches Schauen innerhalb der anthroposophischen Geisteswissenschaft entdeckt, was der Geist als ein Reales ist, was der Geist als ein so Lebendiges ist, wie dasjenige, was man durch die äußeren Sinne in aller Lebendigkeit anschaut.

[ 7 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, um zu dieser Anschauung zu kommen, braucht man einen gewissen Ausgangspunkt. Und diesen Ausgangspunkt, ich möchte ihn nennen: «Intellektuelle Bescheidenheit». Es ist schon zunächst eine moralische Eigenschaft, allerdings eine intim-moralische Eigenschaft notwendig, wenn man den richtigen Ausgangspunkt für die hier gemeinte Geisteswissenschaft finden will.

[ 8 ] Um diesen Ausgangspunkt in intellektueller Bescheidenheit zu charakterisieren, möchte ich folgenden Vergleich wählen. Nehmen Sie an, ein fünfjähriges Kind bekäme einen Band Goethe’scher Lyrik in die Hand. Was wird es tun mit dem Band Goethe’scher Lyrik? Es würde ihn vielleicht zerreißen oder irgendwie damit spielen, jedenfalls aber nicht dasjenige damit tun, wozu der Band Goethe’scher Lyrik da ist eigentlich, was man tun kann, wenn man in anderer Verfassung ist nämlich als in derjenigen, in der das Kind sein wird, wenn es zehn oder fünfzehn Jahre älter geworden ist. Da wird es etwas anderes tun mit dem Band Goethe’scher Lyrik als mit fünf Jahren. Was ist der Grund davon? Der Grund dafür ist kein anderer als der, dass das Kind inzwischen seelisch entwickelt worden ist, aus seinem Inneren heraus seelisch entwickelt. Das Kind ist nun fähig, weil es diejenigen Eigenschaften entwickelt hat, die es mit fünf Jahren eben noch nicht hatte, nunmehr etwas zu entdecken, was in dem Bande Lyrik auch vorher schon war, als das Kind fünf Jahre alt war. Er war ganz derselbe vor den Augen des Kindes äußerlich, wie vielleicht, wenn das Kind zwanzig Jahre alt ist. Allein dadurch, dass im Innern des Kindes etwas erfolgt ist, dass aus dem Innern des Kindes etwas herausgeholt worden ist, rein dadurch behandelt das Kind alles, was es jetzt macht mit dem Bande Goethe’scher Lyrik, ganz anders.

[ 9 ] Nun steht man ja heute, insbesondere in der Wissenschaft, aber auch sonst im Leben, auf dem Gesichtspunkt, dass man diejenigen Eigenschaften im Menschen ausbildet, die — sagen wir — vererbt sind, die man durch die gewöhnliche Erziehung sich aneignen kann, und dann ist man für das heutige Leben auch und für das wissenschaftliche Leben in der Regel fertig. Von diesem Gesichtspunkt geht man ja auch gerade im wissenschaftlichen Leben aus. Man betrachtet sich nach den gewöhnlichen vererbten Eigenschaften und nach der Erziehung als in einer gewissen Weise fertig in irgendeinem Lebenspunkt und schaut sozusagen die Welt von diesem fertigen Gesichtspunkte aus an. Man kombiniert dasjenige, was der Verstand, was die sinnlichen Tatsachen geben, und schreitet nicht innerlich weiter, sondern man macht, ich möchte sagen nur das Fehlende desjenigen, was man gerade erforschen will. Man breitet sich aus, man breitet sich auch dadurch aus, dass man vielleicht das Auge durch Teleskop oder Mikroskop oder durch das [Spektroskop] oder durch den Röntgenapparat bewaffnet, irgendwie. Aber auf diese Weise erlangt man doch nichts anderes, als dass man, ich möchte sagen, wenn auch in mittelbarer Weise durch das Spektroskop oder den Röntgenapparat oder durch das Teleskop dasselbe anschaut, was man auch sonst vor den sinnlichen Augen und den anderen Sinnen hat. Was man aber zur Geisteswissenschaft haben muss, ist intellektuelle Bescheidenheit. Das heißt, man muss sich einfach in einem Momente seines Lebens Folgendes sagen: Der Mensch kann Fähigkeiten ausbilden von seinem fünften bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre. Da holt er gewissermaßen dasjenige, was in ihm veranlagt ist, aus seinem Innern heraus. Und nur dadurch, dass er etwas aus seinem Innern herausgeholt hat, sieht für ihn die Welt jetzt anders aus. Wenn man bloß das äußere Sinnliche beschreibt: Das ist nicht mehr da, aber es ist jetzt für ihn mehr da, weil er Fähigkeiten und Eigenschaften aus den Grundtiefen seiner Seele herausgeholt hat. So sagt man sich: Es könnten in dieser Seele noch andere Fähigkeiten liegen, Fähigkeiten, die eben nicht durch die gewöhnlichen vererbten Eigenschaften in ihrer naturgemäßen Entwicklung und durch die gewöhnliche Erziehung herauskommen, sondern die vielleicht nur dadurch herauskommen, dass man das seelische Leben intim innerlich — wenn auch mit der entsprechenden Bescheidenheit, weil es ja nur eine Versinnlichung ist —, tief innerlich selber nun in die Hand nimmt und weiterleitet, dass man es über den Standpunkt hinausbringt, der einem sonst im Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft beschert sein kann.

[ 10 ] Das ist dasjenige, was natürlich seinen Ausgangspunkt nehmen muss von der eben charakterisierten intellektuellen Bescheidenheit, von der Anschauung, dass in der Seele noch etwas liegen kann, was noch nicht entwickelt ist, was man aber noch entwickeln kann. Von diesem Punkte geht dasjenige aus, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist. Von diesem Punkte aus sucht sie wirklich dasjenige, was in der Seele veranlagt ist, herauszugestalten aus dieser Seele. Die Methoden, die sie dabei anwendet, sind wirklich nicht mit irgendwelchen äußeren Maßnahmen zu vergleichen. Sie sind Methoden, welche intim auf das innere Seelenleben selber angewendet werden. Aber man soll nur nicht glauben, dass das, was da zustande kommt dadurch, dass intime innere Seelenfähigkeiten entwickelt werden, etwa leichter sei als das Forschen im Laboratorium oder auf der Klinik oder dem astronomischen Observatorium. Sondern was ich Ihnen jetzt kurz prinzipiell andeuten will, erfordert Jahre, Jahre innerer, ernster und hingebungsvoller Seelenarbeit. Diese hingebungsvolle Seelenarbeit, die würdigen eben manche Menschen, die von der Sache wenig kennen, durchaus nicht. Und daher glauben sie, dass dasjenige, was auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft gesagt wird, so, wie irgendetwas Phantastisches, aus dem Blauen heraus geholt wird. Das ist aber durchaus nicht der Fall.

[ 11 ] Was ich Ihnen jetzt ganz kurz andeuten will, das finden Sie ausführlicher beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Ich kann selbstverständlich nicht alle Einzelheiten hier anführen, aber ich möchte im Prinzip andeuten, dass dasjenige, um was es sich handelt, beim Forschen über die geistigen Welten, so wie dies in der Anthroposophie gemeint ist, durchaus nicht irgendetwas durch ein Wunder Hervorgeholtes oder dergleichen ist, sondern dass dies nur eine Fortsetzung, eine Weiterentwicklung der gewöhnlichen menschlichen Seelenfähigkeiten ist. Verzeihen Sie daher, wenn ich in einer etwas elementaren Weise das auseinandersetzen werde, wie man von den gewöhnlichen Seelenfähigkeiten zu denjenigen kommt, durch die in der Wissenschaft tiefer in die Daseinsgründe hineingeschaut werden kann, als das mit den gewöhnlichen äußeren Sinnen und mit dem kombinierenden Verstande der Fall ist.

[ 12 ] Sie alle kennen zwei menschliche Fähigkeiten. Wenn ich Ihnen von einer Entwicklung spreche, so werden vielleicht bei der ersten Fähigkeit nicht so viele Leute daran Anstoß nehmen, weil sie immerhin wohl gelten lassen werden, dass man das noch annähernd Wissenschaft nennen kann, was durch eine solche Fähigkeit zustande kommt. Wenn ich Ihnen aber von der Entwicklung der zweiten Fähigkeit sprechen werde, dann werden natürlich sich — das ist durchaus begreiflich — die Einwände mehren. Die Einwände — meine sehr verehrten Anwesenden — kennt man sehr genau. Dann werden insbesondere die wissenschaftlichen Leute zunächst sich heute gegen so etwas aufbäumen, aber aufbäumen eben nur so lange, solange man die volle Umwandlung der entsprechenden Fähigkeiten nicht ins Auge fasst.

[ 13 ] Die zwei Fähigkeiten — es gibt natürlich viele andere, aber das sind die zwei Hauptfähigkeiten, die ich charakterisieren will —, diese zwei Fähigkeiten der menschlichen Seele, welche gewissermaßen an dem Punkte aufgegriffen werden müssen, in dem sie sich im gewöhnlichen Leben befinden, und von da aus weiterentwickelt werden müssen, wie die seelischen Fähigkeiten des fünfjährigen Kindes weiterentwickelt werden müssen. Diese zwei Fähigkeiten sind auf der einen Seite das menschliche Erinnerungsvermögen und auf der zweiten Seite dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben und auch im sozialen Leben die Liebe nennen. Erinnerungsfähigkeit und Liebefähigkeit — wir wenden sie in der Wissenschaft wenigstens als Hilfen an. Erinnerung, die Liebe, sie spielen eine ungeheure Rolle im gewöhnlichen und im sozialen Leben. Beide Fähigkeiten aber, sie können durchaus weiter ausgebildet werden, als sie im gewöhnlichen Leben der Menschenseele eigen sind.

[ 14 ] Erinnerungsfähigkeit, sie ist — wie Sie wissen — dasjenige, was in unser Leben Zusammenhang hineinbringt. Zunächst haben wir ja diese Erinnerungsfähigkeit so, dass wir in einem bestimmten späteren Zeitpunkte unseres Lebens ein Ereignis wiederum vor unsere Seele hinzaubern können, welches wir vielleicht vor vielen Jahren erlebt haben. Damals standen wir mit unserem ganzen Menschen in diesem Ereignisse darinnen. Damals berührten wir sozusagen dasjenige, was in der Außenwelt Anlass zu einem bestimmten Erlebnis war. Damals waren unsere Sinne diesem Erlebnis ausgesetzt. In späteren Zeitabschnitten des Lebens rufen wir aus der Seele selbst, vielleicht durch einen Anlass, vielleicht aber durch einen inneren Anlass oder irgendetwas dergleichen, in einem Bilde dasjenige hervor, was einstmals ein Erlebnis war. Und haben wir gesunde Seelenkräfte, so wissen wir ganz genau, einfach innerlich durch dasjenige, was in den Lebenszusammenhängen sich für unser Seelendasein ausbildet, ob wir uns irgendeine Phantastik vormachen, ob wir etwas bloß ausdenken oder ob dasjenige, was in unserer Seele aufsteigt, nur das Bild, gewissermaßen die Imagination ist von demjenigen, was wir in der äußeren Sinneswelt erlebt haben.

[ 15 ] Diejenigen, die etwas eingehender sich mit dem befasst haben, was die Erinnerungsfähigkeit eigentlich für das menschliche Seelenleben bedeutet, die wissen, dass unser Ich niemals so richtig gesund ist, wenn irgendetwas in dieser Erinnerung nicht stimmt — bis zu jenem Zeitpunkte zurück, bis zu dem wir uns gewöhnlich als in den ersten Lebensjahren liegend zurückerinnern können. Wenn man irgendwo, ich möchte sagen einen Abschnitt des Lebens hat, auf den man nicht kommen kann in der Erinnerung, wo gewissermaßen der Lebensfaden unterbrochen ist, da zeigt sich auch etwas, was einen innerlich so beunruhigt, dass das Ich, dieser ganze Zentralpunkt des menschlichen Seelenwesens, dass dieses sich nicht als gesund fühlen kann. Und Sie wissen auch, wie krankhafte Zustände in das Ich eingreifen können und wie durch das Abreißen der Erinnerung gerade sich da ganz furchtbare Seelenkrankheitszustände geltend machen. Es gibt Menschen — sie werden davon schon gehört haben, meine sehr verehrten Anwesenden —, die stiegen irgendwo in einen Zug ein, fuhren drauflos bis zu irgendeinem Punkte. Dann stiegen sie aus. Sie finden sich erst später wieder zurecht. Sie haben völlig den Lebensfaden durchschnitten. Und nachher? Sie können sich nicht erinnern an dasjenige, was sie durchgemacht haben. Dieser Erinnerungsfaden ist das, was unser Ich zusammenhiält.

[ 16 ] Was liegt denn da eigentlich zugrunde, wenn wir uns an irgendein Ereignis erinnern? Ja, indem wir die Erlebnisse durchmachen, sind sie gewissermaßen im Augenblicke vor uns. Dasjenige, was wir an ihnen erleben, wir können es innerlich dauernd machen. Und was wir dann dauernd gemacht haben, es ist ein innerlich in der Seele aufleben könnendes Bild. Ich brauche mich heute gar nicht darüber zu verbreiten, was eigentlich da im Innern des Menschen vor sich geht; das können Sie in meinen Ausführungen in der geisteswissenschaftlichen Literatur finden. Dasjenige, was zunächst der Tatbestand ist, das ist, dass wir Bilder von Erlebnissen hervorholen können, die wir gehabt haben, und dass also dadurch das Erlebnis in unserer Seele zu einem dauernden wird. Sehen Sie, an dieser Eigenschaft des Dauernden muss man festhalten und, ich möchte sagen damit experimentieren lernen, so wie man experimentiert mit den äußeren Dingen im chemischen Laboratorium. Man muss tatsächlich lernen, ebenso zu denken über diese innerlichen Dinge, wie man es sich angeeignet hat gerade in der Wissenschaft, in der modernen Wissenschaft, deren Verdienste nicht in den Schatten gestellt werden sollen durch Geisteswissenschaft. Wie man sich — sagen wir, um in dieser modernen Wissenschaft zu denken —, sich da gewisse Dinge vornimmt, kommt man in dem Moment auf eine andere Zusammenfassung desjenigen, was man in der Natur nur beobachten kann. Wie man da aus der Naturbeobachtung das Experiment macht und dadurch auf gewisse Dinge kommt, die man aus der Beobachtung selber nicht entnehmen könnte, die man erst [aus] dieser künstlich zugerichteten Beobachtung dem Experiment entnimmt, so kann man auch gewisse Seelenfähigkeiten des Menschen nicht ausbilden, wenn man nicht gewissermaßen zu dem innerlichen Arbeiten an den Seelenfähigkeiten selber greift.

[ 17 ] Dasjenige, was den Erinnerungsvorstellungen eignet, es ist die Dauer, und das ist es, was man aufnimmt. Man bildet sich leicht überschaubare Vorstellungen, Vorstellungen, die keine Vermengungen sein können, die also nicht aus irgendeinem Unterbewussten auftauchen können, das wären die komplizierten Vorstellungen. Nein, leicht überschaubare Vorstellungen bildet man sich, deren einzelne Bestandteile man ganz gut sehen kann. Die setzt man in das Bewusstsein herein, so wie sonst eine Erinnerung darinnen steht. Man verweilt nun in Dauer auf solchen Vorstellungen. Aber glauben Sie nicht etwa, dass es genügt, zweimal dies zu machen. Solche Übungen müssen, genau ebenso wie man zu ernster Wissenschaft jahrelang forschen muss, jahrelang fortgesetzt werden. Denn man muss allmählich erst die in der Tiefe der Seele ruhenden Fähigkeiten heraufholen, welche solche Vorstellungen beleben, in dieser Art in Dauer versetzen können.

[ 18 ] Und dazu muss außerdem eine gewisse Ausbildung kommen der, ich möchte sagen inneren Lebenserfahrungen. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, Sie werden ja gehört haben, dass es allerlei Mystiken und dergleichen gibt, die nun auch nach innerlichem Schauen hinstreben. Dasjenige, was hier als anthroposophische Geisteswissenschaft gemeint ist, ist durchaus nicht solche nebulose Mystik. Ganz im Gegenteil! Derjenige, der in dieser Weise an dem Inneren seiner Seele arbeitet, der setzt sich ein ganz bewusstes Ideal bei diesem Arbeiten. Er setzt sich bei diesem Arbeiten auch dasjenige Ideal, das man sich auch in einer Wissenschaft aneignen kann, aber nur dann, wenn man sich wirklich in voller Klarheit und mit Selbstständigkeit, mit innerer Freiheit dieser Wissenschaft hingibt.

[ 19 ] Das ist nämlich die Methodik, wie Goethe sie hatte bei seinen Forschungen, dass er, obwohl er eigentlich kein Mathematiker ist, er eigentlich so forschen möchte auf dem Gebiete der Natur, dass er jedem strengen Mathematiker über seine Methode Rechenschaft abgeben könne. So macht es auch der Geisteswissenschafter. In der Mathematik lebt man in durchschaubaren Vorstellungen. Man beschreibt nicht den pythagoreischen Lehrsatz in nebuloser Mystik; man hat alles dasjenige vor sich, was man zusammenschauen will, um zuletzt zu diesem pythagoreischen Lehrsatz zu kommen. In solch innerer, lichtvoller Klarheit müssen jene Vorstellungen vor der Seele stehen, die man dauernd macht. Ich nenne dieses Ruhen auf solchen Vorstellungen «Meditieren», und bitte Sie, sich nichts anderes unter diesem Meditieren vorzustellen als erstens: Dieses Ruhen auf leicht überschaubaren Vorstellungen, die nichts Nebuloses haben können. Sie werden umso weniger Nebuloses haben, je mehr man sich durch eine gewisse innerliche Seelenerfahrung die Fähigkeit verschafft, solches Nebuloses und Unterbewusstes gleich zu erkennen, wenn es auftritt.

[ 20 ] Es hat sich ja auch die moderne Wissenschaft viel mit diesem Unterbewussten befasst, das aus den Tiefen der Seele heraufdringt, das dann in uns lebt. Wir wissen nicht recht seine Ursache, es gehört aber dem Seelenleben an. Gerade über diese Dinge muss zunächst derjenige Bescheid wissen, der ein wahrer Geisteswissenschafter werden will.

[ 21 ] Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel angeben, das Sie auch in der gewöhnlichen Literatur finden können. Ein Professor der Zoologie geht auf der Straße. Er geht an einer Buchhandlung vorbei, sieht in das Schaufenster hinein und schaut ein Buch über niedere Tiere. Der Buchtitel ist irgendetwas über die niederen Tiere. Und sehen Sie, dem guten Professor passiert es — man soll sich nur vorstellen: ein Professor der Zoologie! Dem passiert es, indem er sich diesen Buchtitel ansieht — es ist ein ganz ernster Buchtitel über Regenwürmer oder dergleichen —, dass er anfangen muss zu lachen. Also, ein Professor der Zoologie, der über einen vielleicht ganz ernsten Buchtitel lachen muss! Er kann das selber gar nicht fassen. Da kommt er darauf, sich zu sagen: Ich werde vielleicht die Augen zumachen, um dadurch vielleicht zu ergründen, warum es mir passieren muss, dass ich bei diesem ernsten Buchtitel lache. Er macht die Augen zu. Und siehe da, indem er nicht sieht, hört er besser. Und er hört ganz in der Ferne eine Melodie, die ein Drehorgelmann spielt. Und jetzt kommt er darauf: Vor Jahrzehnten hatte er sein erstes Tänzchen auf diese selbe Melodie, die jetzt der Drehorgelmann spielt, getanzt. Das, was er damals erlebt hatte, das ist ihm seither nicht wieder ins Bewusstsein gekommen, das hat unten im Bewusstsein ein ungekanntes Dasein geführt. Aber jetzt, wo er auf einen Buchtitel hinschaut, da hört er und hört nicht — so in einem Zwischenzustand zwischen Hören und Nichthören —, da kommt ihm wiederum das in Erinnerung durch diese Melodie. Und da muss er lächeln, wie er damals gelacht hat, als er seine Tänzerin vor sich hatte und er auf dieselbe Melodie sein erstes Tänzlein getanzt hat.

[ 22 ] Sehen Sie, dadurch, dass man so etwas kennenlernt — und es gibt ungeheuer vieles derart im menschlichen Leben —, dadurch erfährt man, wie viele sogenannte Reminiszenzen unten in der Seele sein können, wie leicht also Illusionen, Phantastik entstehen können, wenn man sich irgendeiner Vorstellung hingibt. Daher ist es auch bei manchen Mystikern so. Sie glauben, indem sie immerfort betonen, sie schauen in das Innere der Seele und finden in diesem Inneren der Seele allerlei, das sie dann mit erhabenen Worten oftmals charakterisieren, von dem sie meinen, dass sie es im Innern der Seele finden. Aber dasjenige, was man einmal in dieser Weise in der Seele aufgenommen hat, es braucht nicht immer in derselben Weise heraufzukommen. Es kann sich auch umwandeln. Und bei manchem, der von allerlei großen Gelegenheiten erzählt, Erfahrungen, die er selber gemacht haben will, und darüber redet, sind es nur die umgewandelten Töne der Melodie der Drehorgel, die er vor Jahrzehnten gehört hat. Verzeihen Sie diesen Vergleich, aber man wird mich verstehen.

[ 23 ] Also das, was da eigentlich in der Seele vorliegen kann, was Beschränkungsmöglichkeiten sind, das muss zunächst einmal derjenige, der Geistesforscher sein will, gründlich, klar kennenlernen. Diese Erfahrungen muss er haben. Dann ist er überhaupt erst in der Lage, richtig zu empfinden. Ich möchte, wenn diese Worte nicht missverstanden werden, nun aus meinem Wortgebrauch es charakterisieren.

[ 24 ] Dieses innere Experimentieren, dieses Ruhen auf überschaubaren Vorstellungen, die keine Reminiszenzen sein können, von denen man weiß, es wirkt in ihnen nur dasjenige, was eben gegenwärtig im Bewusstsein ist, das bringt endlich aus den Tiefen der Seele gewisse Kräfte herauf, die sich ebenso entwickeln an einem solchen Üben, wie sich die Muskelkräfte entwickeln, wenn man physisch arbeitet. Die seelischen Kräfte entwickeln sich, und man erlangt eine Fähigkeit, welche weit über das Erinnern, über das bloße Erinnern hinausgeht. Das bloße Erinnern bringt uns in Bildern Erlebnisse vor die Seele, die wir in diesem physischen Leben durchgemacht haben. Aber dasjenige, was man nun als Seelenfähigkeit durch eine weitere Entwicklung der Erinnerungsfähigkeit ausbildet, das lehrt einen so recht, dass der Mensch, so wie er dasteht in der Welt, durchaus aus dem Ganzen der Natur und des Weltenalls herausgeboren ist. Das lehrt einen, dass alles dasjenige, was draußen ausgebreitet ist in der Welt und was jemals ausgebreitet war in dieser Zeit, in dieser Welt, die uns umgibt und in der wir selber sind, dass das alles in irgendeinem Entwicklungszusammenhang mit dem Menschen steht.

[ 25 ] Es ist durchaus niemals meine Absicht, irgendwelche alten Dinge wieder aufzuwärmen, aber man kann Ausdrücke gebrauchen — wenn man dadurch auch leicht missverstanden wird, von denjenigen vorzugsweise, die missverstehen wollen —, aber man kann alte Ausdrücke gebrauchen, um irgendetwas, was man in unmittelbarer Anschauung hat, zu bezeichnen.

[ 26 ] Es ist zum Beispiel eine alte Vorstellung, dass der Mensch eine kleine Welt ist, das heißt, ein Mikrokosmos. Das heißt, dass er alles dasjenige in seiner Gesetzmäßigkeit drinnen hat, was draußen in der Welt in irgendeiner Weise ausgebreitet ist. Es ist schr interessant, dass neueste Forscher immer wieder darauf hingewiesen haben, dass wir selbst in unseren Maschinen, wenn wir sie in ihrem Prinzip betrachten, eigentlich nichts anderes betrachten als umgewandelte menschliche Sinnesorgane oder andere menschliche Organe. Man kann fast in jeder Maschine nachweisen, wie sie im Prinzip ausgebildet ist, wie irgendetwas im Menschen ist. Dasjenige, was da äußerlich angeschaut wird, das kann — wirklich, innerlich angeschaut — zum vollen Bewusstsein kommen.

[ 27 ] Wenn dieses fortgebildete Erinnerungsvermögen auftritt, da holt man gewissermaßen [nun] etwas anderes aus der menschlichen Seele hervor an Wirkungen, als man aus dieser Seele herausholen kann durch das gewöhnliche Erinnerungsvermögen, das uns Bilder vor die Seele zaubert von dem, was wir erlebt haben. Durch jenes Erinnerungsvermögen, von dem ich gerade gesprochen habe, durch das fortentwickelte Erinnerungsvermögen, tritt vor die Seele in der Tat dasjenige, was ihr selbst unbekannt ist, dasjenige, was den Zusammenhang des Menschen gerade mit der ganzen Umwelt, mit der großen Welt, mit dem Makrokosmos, gerade darstellt. Und es tritt dasjenige auch vor die Seele, was diesen physischen Leib, weil er durchaus nichts anderes ist als das Instrument der Seele, eigentlich innerlich formt. Wir brauchen nur hinzuschauen.

[ 28 ] Und wenn wir ein Gefühl dafür haben, was im Menschen, ich möchte sagen an innerer plastischer Kraft tätig ist, auch wenn er schon geboren ist — man braucht nur hinzuschauen mit der nötigen Andacht und mit dem nötigen Ernst und Unbefangenheit auf das sich entwickelnde Kind, wie es von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, immer, wie seine Bewegungen immer mehr artikuliert werden, wie das Wunderbare geschieht, es ist etwas Wunderbares für den, der es unbefangen betrachtet —, dass die Sprache sich ausbildet. Wenn man das Arbeiten eines Unbekannten zunächst — aber wie aus plastisch-ziselierendem Prinzipe — an dem Kinde zunächst sieht, [forscht man] weiter nach. Und dasjenige, was da im Menschen von innen heraus arbeitet, was schon gearbeitet hat, bevor er geboren beziehungsweise konzipiert worden ist, was aus der geistigen Welt heraus sein physisches Dasein gestaltet, das ist es, was nun ebenso in unsere Seele hereinschießt wie in späteren Jahren eine Erinnerung an Erlebnisse, die [wir] durchgemacht haben.

[ 29 ] Der Geistesforscher, meine sehr verehrten Anwesenden, kann Ihnen nicht wie ein Spiritist vor die äußeren sinnlichen Augen hinstellen dasjenige, was er erforscht hat. Er kann nur andeuten, was durch eine Entwicklung der Seele von dem Punkte der intellektuellen Bescheidenheit an durch immer weitere und weitere Entfaltung von solchen Kräften, wie es die Erinnerung ist, [wie] man zu dem Schauen dessen kommt, was zunächst wie ein großes Unbekanntes durch das Leben geht.

[ 30 ] Man schaut eben Dinge mit diesem inneren Bewusstsein, mit dem man sonst eben nur in sein physisches Leben durch die Erinnerungsfähigkeit hineinschaut. So wie vor der Seele auftreten die Bilder des Mathematischen, die aber kein Sein haben, so treten — indem die Seele aus ihrem Inneren heraus arbeitet und damit nichts Leeres, Phantastisches herausarbeitet, sondern solches, an dem sie erkennt die Realität, wenn das Bild da ist, indem die Seele das aus sich herausarbeitet und die Realität so, wie in der gewöhnlichen Erinnerung, erkennt, wo sie auch weiß, du bildest dir nichts ein, es ist in diesem Bilde irgendetwas, was mit der Realität zusammenhängt —, so weiß man, dass durch dieses fortgebildete Erinnerungsvermögen man auch Bilder in der Seele hat, welche mit Realitäten zusammenhängen, welche genau so innerlich seelisch aufgebaut sind, wie die Bilder, sagen wir, der Geometrie auftreten, denen aber, wie gesagt, das Sein fehlt, während man jetzt untertaucht in ein inneres, seelisches Erleben, das aber durchaus durch seine eigene Wesenheit anzeigt, wie es mit dem Sein, und zwar mit dem geistigen Sein, aus dem der Mensch ebenso herausgeboren ist wie aus dem physischen Sein, wie es mit dem geistigen Sein zusammenhängt. Es handelt sich wahrhaftig nicht um eine Phantasterei, sondern darum, durch dieselben Anstrengungen, wodurch man allmählich dazu kommt, die mathematischen Gebilde in ihren geheimen Verhältnissen zu durchschauen durch Anstrengungen — die aber viel weiter gehen —, solche inneren Fähigkeiten [zu] entwickeln, die aber gewissermaßen [ein] Weltentableau geben, innerlich konstruiertes Weltentableau geben, das Welterkenntnis liefert.

[ 31 ] Das ist einfach eine Tatsache, zu der man kommt, indem man von der intellektuellen Bescheidenheit gerade ausgeht. Und es muss einfach dem Menschen die Entwicklungsfähigkeit abgesprochen werden, wenn man nicht zugeben will zunächst, dass so etwas möglich ist. Das Weitere hängt ja dann nur davon ab, ob man es wirklich probiert. Jedem steht es offen, die Dinge zu probieren. Die anderen beweisen dadurch, dass sie den Menschen vor das Mikroskop führen, und man sagt, das sei nicht auf Autoritätsglaube begründet, weil eben jeder sich selbst überzeugen könne.

[ 32 ] Bei der Geisteswissenschaft ist es nicht anders, sie muss nur anderes fordern. Jeder kann sich überzeugen von dem, was die Geisteswissenschaft behauptet. Aber so, wie man da wirklich in das Mikroskop hineinschauen muss in der physischen Wissenschaft, so muss man tatsächlich in der Geisteswissenschaft dasjenige durchmachen, wovon eben der Geistesforscher zeigt, dass es ausgebildet sein muss, wenn man hineinschauen will in die geistigen Welten. Dann erlangt man nicht bloß einen Glauben von den geistigen Welten, dann erlangt man tatsächlich ein wirkliches Wissen, ein erschautes Wissen von den geistigen Welten. Dann schaut man dasjenige, was man das Ewige der Menschennatur nennen kann, denn man schaut nicht nur dasjenige, was erzeugt ist im Leben, was vor unseren sinnlichen Augen steht als Menschenkörper, sondern man schaut das erzeugende Geistig-Seelische, dasjenige, was formt an diesem Menschenkörper, dasjenige aber auch, was in dem Momente, wo das Physische gebildet ist, zugleich den Abbau dieses Physischen besorgt. Denn, allerdings — meine sehr verehrten Anwesenden — das schaut man auch! Man durchdringt von solchen Ausgangspunkten aus tatsächlich gewisse Geheimnisse unseres Gehirnbaues ganz anders als mit äußerer Anatomie oder Physiologie.

[ 33 ] Vor allen Dingen lernt man durch inneres Anschauen kennen, wie das Denken, wie dieses Vorstellen zusammenhängt mit dem, was unser Gehirnbau, was unser Nervensystem ist. Die Materialisten glauben, der gewöhnliche Wachstumsprozess, der sonst unsern Körper aufbaut, der setze sich nun auch ins Gehirn hinein fort, und ein solcher organischer Prozess des Aufbauens, der zum Beispiel unserem Wachsen oder unserer Ernährung zugrunde liegt, der liege auch zugrunde unserem Gehirn, wenn wir denken. Das kann man nur so lange glauben, als man über diese Dinge phantasiert. Davon kann in dem Momente keine Rede mehr sein, wo man diese Dinge innerlich anschaut. Da weiß man, das Hirn muss wohl ernährt werden. Aber warum? Weil es sich fortwährend zerstört. Und mit diesem Zerstörungsprozess, nicht mit dem Aufbauprozesse, hängt dasjenige zusammen, was man Denken und Vorstellen nennt. Wir könnten nicht denken, wenn das Gehirn fortwährend wachsen würde, fortwährend sich bloß ernähren würde und aufbauen würde.

[ 34 ] Was Aufbauprozess ist — Sie können es verfolgen, wenn Sie Dämmer- oder Schlafzustände verfolgen, wo die Wachstumsprozesse zu stark werden. Dasjenige, was Wachstums-, was Aufbauprozesse sind, das führt zur Bewusstlosigkeit, nicht zu bewussten Vorstellungen. Das bewusste Vorstellen tritt gerade in dem Abbau des Gehirns ein, in dem Abbau der Nerven. Und dasjenige, was Aufbau der Nerven ist, das ist eben der rückwirkende Prozess. Das bildet die Nerven wiederum, das bildet sie aus dem organischen Prozesse heraus. Aber wenn gedacht werden soll, wenn Seelisches im Menschen entwickelt werden soll, dann muss abgebaut werden. Das Hirn muss gewissermaßen erst Platz machen für das Seelische, das sich entfalten kann. Wenn man diesen Prozess durchschaut, dann kann man durch eine solche wirkliche Wissenschaft niemals zu der Anschauung kommen: Das Gehirn denkt. Das Gehirn denkt nur insofern, als es sich als Gehirn zerstört.

[ 35 ] Geradeso wenig denkt das Gehirn, wie man sagen kann — ich will mich durch einen Vergleich ausdrücken: Jemand geht über eine aufgeweichte Straße oder ein Wagen fährt über eine aufgeweichte Straße, da werden die Tritte oder die Räderspuren sichtbar, die man eintritt oder einfährt in den Boden. Nun kommt irgendjemand und sagt: Da sind allerlei Formen in dem Boden drinnen, da muss ich annehmen, dass unten, unter dem Boden, Kräfte sind, die so wirken, dass da sich Formen, Tritte gestalten. Wer diese Kräfte im Boden drinnen sucht, der sucht natürlich vergeblich. Er muss voraussetzen, dass da etwas ganz anderes, was mit dem Boden nichts zu tun hat, als dass höchstens der Boden da sein muss, weil man sonst in den Abgrund hineinsinken würde. Der Boden muss ja da sein, aber er ist nur der Untergrund. Aber dasjenige, was da die Formen in dem Boden veranlasst hat, das ist etwas, was mit dem Boden nichts zu tun hat. Ebenso hat Denken und Vorstellen mit dem Gehirn nichts anderes zu tun, als dass das Gehirn den physischen Untergrund abgibt, auf dem sich das Geistig-Seelische — das man nun in der Tat schaut mit Geisteswissenschaft — entwickelt, indem es seine Eindrücke macht. Kein Wunder, wenn jetzt der Physiologe, der Anatom kommt und sagt: Ja, man schaut alles dasjenige, was sich in der Seele abspielt, auch im Gehirn. — Man sieht es, aber die Seele, die macht es erst, die Seele drückt sich da ab. Und sie braucht das Gehirn zu nichts anderem, als dass sie gewissermaßen einen Widerstand hat, so wie ich den Boden brauche, wenn ich über die Straße gehe. Das ist durch einen Vergleich ausgedrückt.

[ 36 ] Dasjenige, was aber durch Geisteswissenschaft nun wirklich geschaut werden kann, so wie man sieht, ich möchte sagen die Entstehung des Menschen aus dem Geiste heraus durch das entwickelte Erinnerungsvermögen, ich kann es jetzt nicht weiter ausführen, wie gesagt, die Methoden sind in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben —, so kommt man dazu, sich zu sagen: Im Grunde genommen beginnt man zu sterben, indem man geboren wird, denn fortwährend ist dieser Abbauprozess da. Und das, was mit dem Tode eintritt, ist nichts anderes, als dass der Körper, der nun nicht mehr sich herstellen kann, losgerissen wird von dem Geistig-Seelischen. Dieses Geistig-Seelische sucht sich nun andere Welten auf. Man lernt erkennen das Hindurchgehen des Geistig-Seelischen, des Ewigen in der Menschennatur durch den zerbrechlichen Körper, indem man gerade, ich möchte sagen von Stunde zu Stunde, den Todesprozess selber im Denken schaut, indem wir, ich möchte sagen fortwährend im Kleinen sterben, wenn wir denken. So nimmt sich alles dasjenige, was man im Leben findet, so aus, dass man es eben durch Geisteswissenschaft in seiner wahren Gestalt sieht.

[ 37 ] Ich muss Ihnen [dies] zunächst — meine sehr verehrten Anwesenden — ganz elementar schildern, weil man sich ja nur in dieser Weise verständigen kann. Man muss bei jeder Wissenschaft von den ersten Prinzipien ausgehen. Ich möchte nur in Parenthese, möchte ich sagen erwähnen: Ich habe gesagt, dass dasjenige, was entwickeltes Erinnerungsvermögen ist, ein Tableau, zu vergleichen mit dem mathematischen Tableau, vor unsere Seele ruft, dass aber dieses Tableau uns ins [geistig-seelische Leben] einführt, aus dem heraus wir gestaltet sind.

[ 38 ] Auf Namen kommt es nicht an — meine sehr verehrten Anwesenden —, dasjenige, was man da alles wahrnehmen kann, das muss ja auch einen Namen haben. Das habe ich in meinen Büchern die «Akasha-Chronik» genannt, weil tatsächlich dies etwas mit Chronikartigem zu tun hat. Wie die Erinnerung selbst es mit etwas Chronikartigem zu tun hat, so hat dasjenige, was uns da hinausführt, wie sonst die Erinnerung nur in das gewöhnliche Leben, in das Leben der Welt. Deshalb kann man, ich möchte sagen, wenn man das Geistige einfach als «Äther» oder «Akasha» bezeichnet, von einer «Äther-Chronik», von einer «Akasha-Chronik» sprechen. Es ist durchaus nicht etwas Mystisches oder dergleichen mit diesem Worte gemeint. Ebenso wenig ist dieses Wort irgendwie mystisch gemeint, als etwa die Gesamtheit der Geometrie mystisch gemeint ist. Es lässt sich durchaus mit der Gesamtheit der Geometrie, die allerdings nicht für Zeit, sondern für den Raum gilt, vergleichen. Daher kann man die Geometrie keine Chronik nennen. Aber dieses kann durchaus so aufgefasst werden. Die Dinge, die hier gemeint sind, dürfen nicht herausgerissen, sondern im Zusammenhange nur betrachtet werden. Wenn man sie so betrachtet, wird man finden, dass sie etwas ganz anderes eigentlich bedeuten, als in dem liegt, was einem erscheinen kann, wenn man sie aus dem Zusammenhange herausreißt. Es handelt sich nirgends um nebulose Mystik, sondern überall um das Hervorkommen aus den Quellen des seelischen Daseins, das man Stück für Stück verfolgen kann, und zwar so verfolgen kann, dass die einzelnen Stücke wie mit mathematischer Klarheit vor der Seele stehen.

[ 39 ] Die zweite Seelenfähigkeit — meine sehr verehrten Anwesenden —, die auszubilden ist, damit man aber nun nicht bloß Bilder habe, denn alles dasjenige, was ich Ihnen bis jetzt schilderte, sind im Grunde genommen bloß Bilder. Man weiß, wie bei den Erinnerungsbildern, dass sie vom Leben handeln, aber man hat das Leben nicht. Man weiß durchaus, dass man in keiner phantastischen Welt lebt. Man hat Imaginationen, Imaginationen eines Wirklichen, aber man steht nicht in diesem Wirklichen drinnen. Um in diesem Wirklichen drinnenzuleben, um nun auch unmittelbar dieses Erleben des Geistig-Wirklichen zu haben, dazu ist notwendig, dass man gerade die Kraft erlebt, die sonst nur an unsere menschliche Organisation gebunden ist, die uns, indem sie uns im Leben entgegentritt, immer mit einem guten Stück Egoismus ausstattet, dass wir diese Fähigkeit immer weiter und weiterentwickeln, sodass wir in der Tat dahin kommen, allmählich die Dinge so anzuschauen, dass wir uns dabei völlig vergessen können, ganz und gar hineinversenken können in jedes einzelne Ding, auch in jedes einzelne Wesen. Das ist notwendig, dass man gerade diese Fähigkeit immer mehr und mehr ausbildet.

[ 40 ] Sie geht aus, diese Ausbildung, von einer ganz einfachen Sache: von der menschlichen Aufmerksamkeit, indem ich mich interessiere, meine Aufmerksamkeit irgendeinem Ding oder Vorgang zuwende. Ich kann achtgeben, was ich da eigentlich innerlich tue, indem ich meine Aufmerksamkeit von anderem abwende und an ein neues Wesen hinwende. Ich muss mir gewahr werden, wie diese Aufmerksamkeit funktioniert. Und indem ich ausbilde, was wiederum jahrelang ausgebildet werden muss, fasse ich gewissermaßen innerlich die Fähigkeit der Aufmerksamkeit. Die wandle ich um in die Kraft, [mich] hinzuneigen zu einem Ding, ganz aufzugehen in einem Ding oder Prozess. Kurz, es kann dasjenige, was man sonst nur als abstrakte Aufmerksamkeitsfähigkeit in sich erlebt, das kann zur hingebungsvollen Liebe [sich] steigern.

[ 41 ] Dadurch, dass man diese Liebe immer mehr und mehr ausbildet, dadurch kommt man dem nahe, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» schon im Jahre 1893 geschildert habe, indem ich zeigte, dass nur derjenige Mensch frei sein kann, der nun wirklich diese Liebe hat, wodurch er auch seine Handlungen nicht vollzieht aus seinem Begehrungsvermögen heraus, sondern aus dem liebevollen Eintauchen in die Dinge der Welt. Er findet, dass irgendetwas geschehen muss. Es ist ihm ganz gleichgültig, was sein Begehren ist. Aus der Objektivität erkennt er, dass irgendetwas geschehen muss. Dieses Entwickeln der Fähigkeit, einzusehen, dass etwas geschehen muss, das führt auf der einen Seite zur wirklichen menschlichen Freiheit, auf der anderen Seite führt es zu der Kraft der Liebe.

[ 42 ] Und dann, wenn man diese Fähigkeit ausgebildet hat — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann kann man nicht nur solche Bilder bekommen, die innerlich aufsteigen und die einem ein Wirkliches abbilden, sondern man kann diese Bilder auch wiederum aus dem Bewusstsein willkürlich entfernen. Geradeso wie man in den physischen Angelegenheiten die Fähigkeit haben muss, wenn man ein Ding anschaut, wieder wegzuschauen, sonst würde man in keinem gesunden Seelenleben sein, so muss man die Fähigkeit entwickeln, wenn man das innere Schauen hat, die Bilder zu haben, und sie wiederum nicht zu haben. Man muss völlig innerlich Herr werden über dieses Haben der Bilder. Und indem man abwechseln kann zwischen den Dingen, die in der Seele leben, und dem völlig leeren Zustande der Seele, indem man dieses Abwechseln in der Seele erlernt, lernt man auch ein Bild zu haben, dann das Bild in der Seele verschwinden zu lassen. Dann lebt man fort. Das Bild ist weg, aber man hat das Erleben im Innern der Dinge. Man erlebt das Geistige. Man erlebt es durch die Kraft, die man sich erworben hat, durch die Ausbildung der Liebe. So, wie man das Geistige neu lernt durch die Ausbildung des Liebevermögens, so lernt man das Geistige erleben durch die Steigerung, durch die immer weiter gehende Steigerung der Kraft der Liebe.

[ 43 ] Ich weiß, wie viel dem Wissenschafter entgegensteht, wenn er die Liebefähigkeit selber als eine Erkenntniskraft ansehen soll. Der Wissenschafter verlangt geradezu, dass dasjenige, was im Wissenschaftlichen objektiv gelten soll, nur ja mit Ausschluss der Liebe erlangbar sein soll. Dadurch aber gerade gelangt er an Grenzen des Erkennens. Diese Grenzen des Erkennens ergeben sich aus dem Grunde, weil man nicht hineingeht in das Innere der Dinge mit dem seelischen Erleben, weil man haltmacht und allerlei herausphantasiert, allerlei Moleküle und Atome. Erlebt man durch die gesteigerte Liebekraft dasjenige, was einem an der Oberfläche der Dinge entgegentritt, und erlebt man dann dasjenige, was man durch die gesteigerte Erinnerungsfähigkeit in Bildern haben kann, dann weiß man, wo Bilder aus dem [gesteigerten] Untergrund des Daseins heraufkommen. Denn man kann vergleichen, was man schaut im Bilde, mit demjenigen, in das man dann mit dem Erleben untertaucht. Und man übt gewissermaßen sich — wenn ich diese Ausdrücke in dieser Weise so einfach verwenden will — ständig im Sein, wie man sonst einatmet und ausatmet. Das ist dasjenige, was einen wirklich in die geistige Welt hineinführt, was einen kennenlernen lässt, was dem menschlichen Wesen eigentlich zugrunde liegt.

[ 44 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, was da auf diese Weise im Menschen als bestimmte Fähigkeiten sich ausbildet, hineinzuschauen in die geistige Welt, das kann nun in jeder einzelnen Wissenschaft angewendet werden. Man verachtet durchaus nicht das, was im Laboratorium, was auf dem Observatorium und so weiter geschieht oder in der Klinik. Aber man lernt es nunmehr so anschauen, dass man jede Einzelheit nun zugleich mit demjenigen betrachten kann, was sich als Geistiges offenbart. Und man phantasiert nicht, wie es etwa die deutschen Naturphilosophen gemacht haben, sondern man forscht ebenso objektiv, wie man mit den Augen objektiv forscht, wie man mit dem äußeren Verstande objektiv kombiniert — wobei man allerdings schon irren kann. Aber im innerlichen Schauen treten einem einfach diejenigen Dinge vor das Seelenauge, die sonst durchaus nicht [vor] einem erscheinen können, ebenso wenig wie dasjenige, was in dem Goethe’schen Lyrikband steht, vor der Seele des fünfjährigen Kindes erscheinen kann. Und so gelangt man in allen einzelnen Wissenschaften gerade zu demjenigen, was diesen einzelnen Wissenschaften heute gerade fehlt. Das ist durchaus nicht irgendetwas, das nur in abstrakten Allgemeinheiten etwa gesprochen zu werden braucht. Man kann eben in diejenige Wissenschaft Licht hineinbringen auf diese Weise, die [in] dem menschlichen Leben am [allernächsten] liegt, in die medizinische Wissenschaft zum Beispiel. Und wir sind jetzt durchaus daran, an einzelnen Orten solche Anstalten zu errichten, welche die Therapiewissenschaft behandeln im geisteswissenschaftlichen Sinne. Es handelt sich uns in erster Linie tatsächlich um eine Vertiefung des wissenschaftlichen Lebens. Das ist dasjenige, um was es sich auch in Dornach handelt, nicht um irgendeiner Religion in ihre Sphäre hineinzupfuschen, nicht darum handelt es sich, irgendetwas Sektiererisches zu treiben, sondern ernsthafte Wissenschaft zu treiben, so wie sich diese Wissenschaft treiben lässt mit vertieften Erkenntniskräften, die ebenso vertieft sind, wie ich es angeführt habe.

[ 45 ] Ich habe selbst noch jene Epoche erlebt — meine sehr verehrten Anwesenden —, jene Epoche der Wissenschaft, gerade in einer dazumal bedeutendsten medizinischen Fakultät, wo die Kapazitäten nur so sich aufgestaut haben — Oppolzer, [Rokitansky] und so weiter. Ich habe es selbst erlebt, wie jene merkwürdige therapeutische Richtung da aufgetaucht ist, die man dazumal medizinischen Nihilismus genannt hat. Dieser medizinische Nihilismus, er herrscht heute nicht mehr in demselben Grade, wie er dazumal geherrscht hat, als ich jung war — es ist jetzt lange her —, aber das, was dazumal als medizinischer Nihilismus aufgetaucht ist, sprach der Medizin damals die Fähigkeit ab, überzugehen von der pathologischen Untersuchung des Krankheitsbildes zum Heilprozess, zur Therapie. Eine Brücke wollte man nicht finden zwischen der Pathologie und einer wirklichen Therapie. Das kann man auch nicht finden, wenn man mit der bloßen äußeren Naturwissenschaft vorgeht. Man kann das in ganz populärer Weise klarmachen, warum man das nicht finden kann.

[ 46 ] Nicht wahr, der gesunde menschliche Organismus macht gewisse Prozesse durch, die wir als Naturprozesse bezeichnen. Und wir können sagen: Betrachten wir einmal den gesunden Menschen seiner physischen Beschaffenheit nach. Wir nehmen Naturprozesse wahr. Aber ist denn der kranke Mensch, dasjenige, was in der Krankheit sich abspielt, nicht ebenso ein Naturprozess? Haben wir nicht im gesunden und im kranken Menschen einen Naturprozess? Haben wir zwei Naturen? Wie verhält sich der eine Naturprozess zum andern? Wenn wir in dem einen Naturprozess von Ursächlichkeit sprechen, [müssen wir] in dem andern ebenso gut von Ursächlichkeit sprechen.

[ 47 ] Geisteswissenschaft zeigt uns, dass dasjenige, was geistig in die Welt hereintritt, immer den entgegengesetzten Naturprozess hervorruft. Der Naturprozess des menschlichen Wachstums ist zunächst ein aufbauender. Der Prozess, der eintreten muss, damit einfach das Geistige eingreift, der ist ein abbauender. Wir lernen Prozesse von allerdings verschiedener Richtung kennen, wenn wir uns in die Geisteswissenschaft vertiefen. Wir lernen hineinschauen in dieses merkwürdige Gebilde des menschlichen Organismus, lernen kennen, dass in der Tat die zwei einander entgegenstrebenden Prozesse da sind. Und wir lernen dann erkennen den Menschen in seinem Zusammenhange mit der übrigen Natur, lernen erkennen, wie die übrige Natur an dem Menschen arbeitet. Und aus alledem heraus ergibt sich dann der geistigen Anschauung aus der Welt heraus, dass ein Zusammenhang gewisser heilender Prozesse oder Stoffe besteht mit demjenigen, was in dem Menschen vorgeht, der mit der ganzen Welt zusammenhängt. Man kann sagen: Man kann in der Tat durch Geisteswissenschaft zu einer wirklichen Heilkunde kommen. Ich führe dies nur als Beispiel an, ich könnte ebenso gut eine andere Wissenschaft anführen. Das ist es, worauf es ankommt.

[ 48 ] Man lernt erkennen, gerade wenn man in diesem modernen wissenschaftlichen Leben drinnengesteckt hat — und wirklich erfahrene, besonnene Wissenschafter geben einem heute schon dies zu —, dass die Wissenschaft heute nicht Rätsellösungen bietet, sondern im Gegenteil die Rätsel immer mehr und mehr auftürmt. Je weiter man forscht mit dem Mikroskop, man erforscht umso mehr Rätsel im Kleinen, aber man erforscht ebenso wenig wirkliche Rätsel mit dem Teleskop. Diese Rätsel können allerdings bis zu einem gewissen Grade aufgelöst werden durch Berechnen.

[ 49 ] Aber es wird notwendig sein, dass man nicht voraussetzen will, etwas Bekanntes zu finden, sondern sich darauf einzulassen, jenes Unbekannte zu finden, wie es Amerika zwischen Europa und Indien damals gewesen ist, jenes Unbekannte, das der Geist findet als sein eigenes Wesen, wenn er sich auf sich selber besinnt. Wir wenden den Geist an in den einzelnen Wissenschaften. Das muss auch derjenige tun, der Materialist ist. Der Geistesforscher sucht nur sich zu besinnen. Er wendet den Geist an, sucht darauf zu kommen, was dieser Geist ist, und lernt tatsächlich kennen, dass dieser Geist nicht mit den Aufbauprozessen zusammenhängt — womit er zusammenhängen müsste, wenn die materialistische Anschauung richtig wäre —, sondern dass der Geist mit den Abbauprozessen zusammenhängt, dass der Geist gerade das als Tatsache darstellt, was dem Materieprozesse schnurstracks zuwiderläuft, sie abträgt, untergräbt. Das sind die bedeutsamen Erlebnisse, die zum Beispiel in der Geisteswissenschaft gemacht werden.

[ 50 ] So ist es mit der Geisteswissenschaft. Die andere Wissenschaft wirkt im Grunde genommen auf den menschlichen Kopf, nur so, dass der Mensch dasjenige ausgestalten kann, was Intelligenz ist. Jetzt schon hört man von vielen Leuten, gerade aus dem Erziehungswesen der Gegenwart heraus, dass eigentlich dasjenige, was sich aus dem neueren Wissenschaftsleben als Schulbildung auch herausgebildet hat, zu sehr den Intellekt bloß ausbilde und nicht das Gemüt. Es will nicht den Willen, nicht den ganzen Menschen ergreifen. Man braucht aber, damit das der Fall ist, nicht bloß zu deklamieren darüber, dass das so sein soll, dass das Gemüt wieder gebildet werden soll. Sondern man braucht ebenso, wie die neuere Zeit schließlich die äußere Wissenschaft ausgebildet hat, eine geistige Wissenschaft, die nicht bloß zum Intellekt spricht, sondern die den ganzen Menschen ergreifen könnte.

[ 51 ] Das zeigt sich auch, indem wir diese Geisteswissenschaft auf einzelnen Gebieten schon als Element vor kurzer Zeit in das Dasein einführen konnten. Einer dieser Versuche ist unsere Waldorfschule in Stuttgart, die durch Emil Molt zunächst für die Kinder seiner Fabrik begründet worden ist. Aber seither hat sie sich schon auf das Doppelte vergrößert! Von allen Ständen und von allen Seiten her sind Schüler dieser Waldorfschule zugeströmt. Bei dieser Waldorfschule handelt es sich nicht um eine Weltanschauungsschule; das ist nur eine Verleumdung, wenn das gesagt wird. Es handelt sich nicht darum, etwa anthroposophische Weltanschauung oder irgendeine neue Religion in die Kinder hineinzupfropfen. Ich selber habe, als diese Schule begründet wurde, mich bereit erklärt, die Schule zu leiten. Es war vom allerersten Augenblick an festgestellt, dass dasjenige, was den Kindern gegeben werden soll an Religionsunterricht — den Kindern, die katholisch sind, von dem katholischen Pfarrer, und entsprechend den Kindern, die evangelisch sind, von dem evangelischen Pfarrer —, den entsprechenden Religionsunterricht geben zu lassen, sie als die Unterrichtenden darin zu haben. Wir sehen ganz ab in dieser Schule von irgendeiner, irgendwie gearteten Weltanschauung. Nur diejenigen Kinder, welche Eltern angehören, die konfessionslos oder dergleichen sein wollen, die also ihre Kinder in keinen Religionsunterricht schicken wollen, denen soll freigestellt werden, in einen Religionsunterricht zu gehen, den wir selbst geben können. Also diese Kinder hätten sonst gar keinen Religionsunterricht, wenn ihnen dieser nicht erteilt würde. Diejenigen aber, die einen bestimmten Religionsunterricht haben wollen aus dem Leben heraus, aus dem sie erwachsen sind, die werden einen in dieser Weise von ihrem Religionslehrer erteilten Unterricht [erhalten].

[ 52 ] Das soll Ihnen ein Beweis sein, dass wir durchaus nicht auf einem anthroposophischen Boden stehend eine neue Religion gründen wollen, irgendwie eine Weltanschauung in die Leute hineinpfropfen wollen. Sondern was uns zum Beispiel dabei leiten soll, ist dieses: Wer eine solche Wissenschaft hat, wie es die anthroposophische Geisteswissenschaft ist, der hat etwas den ganzen Menschen Ergreifendes, was ihn geschickt macht, was vor allen Dingen seine Seele geschickt macht, was ihn zu einem Menschenkenner, auch zu einem Kinderkenner macht, zu einem Kenner des werdenden Menschen, des Kindes, macht. [Und deshalb haben wir es in der Waldorfschule dazu gebracht, dass wir nur durch die Methode, durch die Didaktik, durch die pädagogische Kunst], die sich aus der Anthroposophie herausentwickeln lässt, auf die Art und Weise des Unterrichtens [wirken], und das ist es, worauf es ankommt, nicht auf die Einimpfung irgendeines Religionsbekenntnisses, das irgendwie neu sein soll gegenüber den anderen. In sorgfältiger Weise achten wir darauf, dass sich eben gerade durch die pädagogische Kunst ergibt die Behandlung des Kindes, so wie man es nur behandeln kann, wenn man wirklich aus dem Gesamten des Geistig-Seelischen, ich möchte sagen jedes Jahr, das siebente, das achte, das neunte, in seinen besonderen Fähigkeiten ins Auge fassen kann.

[ 53 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, in dieser Schule herrscht gerade dadurch, dass die Lehrer durchsetzt sind mit dem, was Geisteswissenschaft ist, und diese Atmosphäre in die Klasse hineintragen, das, was gerade, ich möchte sagen auch eine Atmosphäre der Liebe ist. Gewiss, es wird vielleicht nicht so besonders tief genommen werden, wenn ich so etwas sage. Aber jedes Mal, wenn ich nach Stuttgart komme, um diese Schule zu revidieren, dann stelle ich die Frage, entweder bei den einzelnen Klassen oder im Festsaal: Liebe Kinder, habt ihr eure Lehrer auch lieb? Man urteilt dann wahrhaftig nicht nach irgendeinem äußeren Dekretieren der Kinder, sondern nach der ganzen Art und Weise, wie sich die Kinder verhalten, wie die Augen blitzen. Und das ist etwas, was einem immer voll Freude sagt, dass damit doch etwas geschehen ist, eine solche Didaktik aus der Anthroposophie heraus gebildet zu haben: Wenn die Kinder dann im ganzen Chore antworten, wirklich mit ihrer ganzen Seele, mit einem «Ja», das aus der ganzen Seele kommt, das nicht einstudiert ist.

[ 54 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als wir nach dem ersten Schuljahr die Zeugnisse ausgaben, stand gar nichts darinnen von dem Gewohnten. Sonst steht ja darunter: «befriedigend», «fast befriedigend», «minder befriedigend», «beinahe befriedigend» und so weiter. Sondern es stand für jedes Kind, trotzdem manche Klassen recht groß sind, etwas darinnen, was ganz für die Individualität des Kindes passend war oder ist, sodass die Kinder diese Zeugnisse immer wieder in die Hand nehmen und, ich möchte sagen sich selber immer wieder in diesen Zeugnissen gespiegelt sehen. Immer wiederum lesen sie das, was ihnen da der Lehrer gibt als eine Kraft des Lebens, also einen einzelnen Spruch oder dergleichen, nicht irgendetwas aus einem Schema heraus Tendierendes, ich möchte sagen was «minder befriedigend» und dergleichen ist. Es ist natürlich etwas radikal ausgesprochen, aber es kann durchaus, wenn man mit irgendwelcher Kindeskenntnis die Klasse betritt, selbst bei großen Klassen so verfahren werden, dass die Individualität des Kindes zur Geltung kommt.

[ 55 ] Das ist etwas, was Ihnen an einem Beispiele zeigt, wie Anthroposophie durchaus ein Lebensgut werden kann, das heißt angewendet werden kann im menschlichen Leben. Und schließlich ist ja die Schulerziehung und der Schulunterricht ein sehr wichtiger Teil des menschlichen Lebens. [Nun aber, das ist nur ein Teil, eben dasjenige, was uns die mehr intellektuelle Bildung der neueren Zeit gebracht hat.]

[ 56 ] Schauen wir hin — meine sehr verehrten Anwesenden — auf das, was groß geworden ist. Gewiss, gerade derjenige, der die Wissenschaft zu einer Geisteswissenschaft vertiefen will, der wird die großen Triumphe und die Bedeutung der neueren Wissenschaft nicht unterschätzen — im Gegenteil! Indem ich hier zu Ihnen spreche, erkenne ich voll an gerade diese Bedeutung der modernen Wissenschaften für das äußere Leben. Aber auf der anderen Seite: Sie bilden nur den Kopf aus, sie bilden auch nur dasjenige aus, was aus dem Kopf entspringt im sozialen Leben. Und so haben wir in der neueren Zeit aus dieser Wissenschaftlichkeit heraus ausgebildet dasjenige, was wir als die große, bedeutsame Technik kennen, die uns überall umgibt. Hineingewachsen aber ist in dieser neueren Zeit, in welcher sich die Technik so ausgebildet hat bis zu dem Grade, dass sie eben eine äußerlich-mechanische Technik geworden ist in der ganzen Weltwirtschaft, in dem ganzen Weltverkehr, hineingewachsen ist zu gleicher Zeit in dieses ganze moderne Leben dasjenige, was wir die soziale Frage nennen.

[ 57 ] Man muss sagen, fertig geworden ist die moderne Wissenschaft allerdings mit dem äußeren Mechanismus, mit demjenigen, was sich in äußerlich-sinnlichen Naturkräften zusammensetzen lässt, was da dem menschlichen Leben dienen kann. Das aber sehen wir an dem Chaos, das sich herausgebildet hat bis zur Gegenwart, und was dazu geführt hat, dass in den letzten Jahren Millionen von Menschen totgeschossen und zu Krüppeln geschlagen worden sind. Da sehen wir, dass diese moderne Wissenschaft, sobald sie irgendwie im sozialen Leben tätig sein will, versagt. Da kann sie nicht mit. Sie geht bis zur Maschine, bis zum Mechanismus, bis zu dem kann sie auch gehen mit dem, was sie der Natur entlehnt. Aber geradeso wie sich zwischen dem Kontobuch im Kontor und dem Kassabuch und dem, was in der Produktion erzeugt wird, die Maschine hineingeschoben und einen innigen Zusammenhang gebildet hat, so hat sich kein solcher innerlicher Zusammenhang in der neueren Zeit gebildet zwischen denjenigen, die da führende Persönlichkeiten waren im Lauf der letzten [Jahrzehnte] und denen, die in der äußeren Arbeit stehen. Man hat zur Maschine den Weg gefunden, aber man hat nicht den Weg zum Menschen gefunden.

[ 58 ] Die Beziehung zum Menschen wird man nur durch eine menschlich vertiefte Wissenschaft finden, die dasjenige vom Menschen so tief ergreift, wie es die hier gemeinte Geisteswissenschaft ist, denn das wird auch eine lebensmäßige Wissenschaft für das soziale Leben. [Dasjenige, was im Grunde genommen beruht — als Vorstellung, als theoretische Anschauung —, nur darauf beruht, dass zerstört wird der menschliche Organismus, das Hinaus-,Übertragen auf die äußere Welt, es wird zur Zerstörung.] Sie brauchen heute nur zu sehen, wie die Leute, die heute im Osten Europas etwas so Verheerendes aufrichten, das geradezu zum Untergang der Zivilisation führen müsste, wenn es dauern würde, wie in Russland es ist. Wie diese Leute, die das tun, in gutem Glauben handeln und meinen, dass sie im Marxismus und dergleichen nur die moderne Wissenschaftlichkeit ausdehnen auf das soziale Leben. Sie wird aber zum Tode des sozialen Lebens. Eine andere Wissenschaft muss es sein, eine Wissenschaft, die nicht allein aus dem menschlichen Kopfe, die aus dem ganzen Menschen hervorgeht, die also nicht bloß aus einer Betrachtung der physischen Welt hervorgeht, und von da aus ihre Methoden bildet, sondern die aus dem menschlich-geistigen Wesen selber hervorgeholt wird, wie die Geisteswissenschaft es ist. Durchdringt man sich mit dieser Geisteswissenschaft, versucht man aufzubauen, wie ich es versucht habe — mag es im Einzelnen so anfechtbar sein, wie es will — in diesen beiden Büchern «Die Kernpunkte der sozialen Frage» oder «In Ausführung der Dreigliederung des sozialen Organismus», versucht man aus dieser Geisteswissenschaft heraus eine soziale Anschauung zu holen, so ist sie eine durchaus aufbauende. Dies erweist sich dann aus dem sozialen Denken, das wirklich wiederum den Menschen zum Menschen führen kann, als Lebensgut.

[ 59 ] Und so könnte ich Ihnen vieles — wie dieses im Allgemeinen, so wie das Schulwesen im Besonderen — anführen, wo sich diese Geisteswissenschaft als Lebensgut erweist. Es ist durchaus notwendig, dass wir, damit wir im sozialen Leben zurechtkommen, den Menschen vor allen Dingen vertiefen, ihn dahin bringen, dass er dasjenige überschauen kann, was geistig-seelisch in ihm lebt.

[ 60 ] Wenn man Geisteswissenschaft zunächst in dieser Weise elementar charakterisiert hat, dann hat man dasjenige, was sie will, nach dem sie strebt. Ihre Einzelheiten kann man nur beurteilen, wenn man in ihre Zusammenhänge eintritt. Ich müsste viel noch weiterreden, will nur eines heute zum Schlusse noch sagen. Geradeso wie man gegenüber dem Kopernikanismus vor Jahrhunderten gemeint hat, dadurch, dass der Kopernikanismus in die Welt tritt, werde die Religion, werde das Christentum gefährdet, so glaubt man auch heute, dass [durch] die Geisteswissenschaft, wie sie heute durch das Goetheanum in einer intensiveren Weise sich in die Welt hineinstellen will, wäre die Religion, wäre das Christentum gefährdet.

[ 61 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn einem so etwas entgegentritt, muss ich mich immer erinnern an das, was ein Freund von mir vor vielen Jahren getan hat. Ich war sehr befreundet mit Professor Müllner, der damals, als ich mit ihm befreundet war, Professor für christliche Philosophie an der Wiener theologischen Fakultät war. Als er sein Rektoratsjahr antrat, da sprach er in seiner Rektoratsrede, in dieser Inaugurationsrede als Rektor der Universität, über Galilei. Und dieser Professor Müllner — er ist jetzt schon vor längerer Zeit gestorben —, er sprach ja so, dass sein letztes Wort, das er gesprochen hatte, war, dass er als treuer Sohn seiner Kirche sterbe. Und dennoch, was hat er damals, als er seine Rektoratsrede über Galilei gesprochen hat, gesagt? Er hat gesagt: Wir sehen heute innerhalb des Christentums, wenn wir wirklich unbefangen hinschauen auf die Dinge dieser Welt, den Galileismus anders an, als ihn die Kirche zu Lebzeiten des Galilei angesehen hat.

[ 62 ] Die Kirche muss heute sich sagen, dass keine neue wissenschaftliche Entdeckung irgendwie Abbruch tun kann den tiefen menschlichen Kräften des Christentums. Sondern im Gegenteil, die Kirche muss heute hinblicken auf diese Dinge so, dass sie sich sagt: Durch jede neue wissenschaftliche Entdeckung werden die Herrlichkeiten des göttlich-geistigen Lebens nur in einem höheren Grade der Menschheit sichtbar und offenbar. So sagte dieser Professor Müllner dazumal — ich kann es Ihnen heute nicht vollständig zitieren — so sagte dieser Professor der christlichen Theologie, der katholische Christ an der Wiener katholischen theologischen Fakultät, der vor seinem Tode das Wort gesprochen hat, er wolle als ein treuer Sohn seiner Kirche sterben. Es war noch das Pontifikat Leos XIII. Heute sieht man anders auf das Grab des Galilei herunter, als die Zeitgenossen in Rom zur Zeit des Galilei auf diesen Galilei gesehen haben.

[ 63 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn Professor Laurenz Müllner so sprach, so wusste er, dass er diese Worte gebraucht, nicht um das Christentum irgendwie zu gefährden, das er selber zu vertreten hatte, sondern er sprach so, [um] dem Christentum gerade aus der Wissenschaftlichkeit heraus einen umso festeren Boden zu schaffen. So sprach ein christlicher Priester. Ich muss mich oftmals daran erinnern. Ich habe ja auch manche private Gespräche mit ihm und auch mit anderen Theologen gehabt, die in seinem Hause immer wieder und wieder verkehrten.

[ 64 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich werde heute nicht über das Verhältnis von Anthroposophie zum Christentum reden, aber nur das eine möchte ich sagen zum Schlusse: dass man durch Philologie die Entwicklung des Christentums verfolgen kann, man kann durch die Geschichte die Entwicklung des Christentums verfolgen. Man kann auch durch anthroposophische Geisteswissenschaft die Entwicklung des Christentums verfolgen, und man kommt dadurch zu gewissen Wahrheiten über das Christentum, die man eben nur durch diese Geisteswissenschaft finden kann. Aber die Wahrheiten über das Christentum, zu denen man auf diese Weise kommst, sie sind wahrhaftig nicht geeignet, das Christentum in irgendeiner Weise zu gefährden. Und wer glaubt, dass durch irgendwelche neuen Erkenntniswahrheiten, seien sie nun auf physischem oder auf geistigem Gebiete, das Christentum als solches gefährdet werden könne, von dem möchte ich glauben, dass er keine Meinung vom Christentum hat, die gerade hoch genug wäre. Derjenige, der gerade eine hohe Meinung vom Christentum und von den Geheimnissen des Mysteriums von Golgatha hat, der sagt sich, wenn er dasjenige, was das Christentum ist, im geisteswissenschaftlichen Sinne erkennt: Das Christentum und das Mysterium von Golgatha haben der Erdenentwicklung erst den rechten Sinn gegeben.

[ 65 ] Ich habe oftmals es ausgesprochen, es soll nur ein Vergleich sein, es soll nichts über die Bewohner irgendwelcher anderer Welten damit gesagt werden. Wenn irgendein Bewohner vom Mars herunterstiege, er würde vieles von unserer Welt sehen — es ist meine innerste Überzeugung, die ich mir gerade durch Geisteswissenschaft erworben habe —, vieles, was ihm unverständlich wäre. Wenn er aber sehen würde dasjenige, was uns als das Bild von Leonardo «Das Abendmahl» erhalten ist — den Christus unter seinen Aposteln —, wenn er nur dasjenige sieht, was da ist — er braucht nichts anderes, als dieses Bild zu haben —, dann sagt er sich: Ich bin auf einen fremden Plan gekommen. Dasjenige, was dargestellt wird durch dieses Bild, das weist auf diejenigen Taten innerhalb des Erdenlebens hin, die keine bloß irdischen Tatsachen sind, sondern eine Tatsache der ganzen Welt ist, und ohne welche das ganze Leben auf der Erde keinen Sinn hätte; der Sinn der Erde liegt in dieser Tatsache. Das lernt man immer mehr und mehr erkennen, gerade indem man sich geisteswissenschaftlich in das Christentum und in die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha vertieft.

[ 66 ] Wahrhaftig, man muss eine zu geringe Meinung vom Christentum haben, wenn man soll glauben können, dass das Christentum in irgendeiner Weise gefährdet werden könne durch eine neue Entdeckung. Wahrhaft — wenn es auch nicht in der Bibel steht —, sowenig das Christentum gefährdet worden ist dadurch, dass man Amerika entdeckt hat, ebenso wenig kann durch irgendwelche physische oder durch irgendeine geistige Wahrheit, und sei es die galileische, seien es die wiederholten Erdenleben, über die ich heute nicht gesprochen habe, die Sie aber aus der Literatur verfolgen können als im geraden Wege liegend von demjenigen ausgehend, was ich heute gesprochen habe, ebenso wenig kann man das Christentum irgendwie gefährden, wenn das Christentum eben bestehen bleibt in seiner inneren Wahrheit, und mögen auch noch Millionen und Abermillionen physische oder geistige Erkenntnisse noch durch die Welt gehen. Im Gegenteil, durch alle diese Erkenntnisse wird die christliche Wahrheit vertieft und genauer erkannt, und gründlicher an die Menschenseelen herangeführt, wenn diese Wahrheiten wirklich aus dem Geiste der Wahrheit selbst hervorgeholt werden.

[ 67 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — die verschiedenen Zeiten brauchen aus ihrem Geistigen heraus selber über alle Dinge der Welt solche Auffassungen, wie sie sich eben aus dem Zeitalter heraus ergeben. Deshalb darf ich es auch immer wieder erzählen: Ich sprach einmal über das Thema «Bibel und Weisheit» in einer süddeutschen Stadt, die heute nicht mehr in Süddeutschland liegt. Es waren in diesem Vortrage auch zwei katholische Theologen. Es war gerade in diesem Vortrag nicht irgendetwas, was sie irgendwie anfechten konnten. Sie kamen zu mir und sagten: «Nun ja, was Sie gesagt haben — wir könnten es ja auch unterschreiben, aber so wie Sie es sagen, das können wir nicht zugeben. Denn das ist nicht für alle Menschen, das ist für einige vorbereitete Menschen. Wir aber sprechen für alle Menschen.» Ich konnte dazumal nur sagen: Hochwürden, dass Sie meinen, Sie sprechen für alle Menschen, das ist selbstverständlich. Das entspricht demjenigen natürlichen Gefühl, das wir eben als Menschen haben müssen. Aber durch dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, arbeitet man sich allmählich zu einem anderen Standpunkte durch. Man kommt von sich los. Man glaubt nicht mehr, die Dinge so gestalten zu können, wie man sie innerhalb der Umgebung gestalten will. Man lernt hinschauen auf dasjenige, was die Zeit fordert, was die objektiven Tatsachen fordern. Und da frage ich Sie jetzt, was die objektiven Tatsachen fordern, wie Sie das behandeln. Das bleibt durchaus bestehen, dass Sie glauben, Sie reden für alle Menschen, aber das entscheidet ja nichts. Es entscheidet nur, ob alle Menschen noch zu Ihnen gehen in die Predigt. Und sehen Sie, da können Sie nicht mit «Ja» antworten. Es gibt unter denen, die nicht in die Kirche gehen, auch solche, die den Weg sonst wo suchen. Nicht zu denjenigen, die zu Ihnen in die Kirche gehen, spreche ich, sondern zu denjenigen, die eben auch den Weg zum Christentum haben wollen, und die nicht zu Ihnen gehen. Das ist aus den Tatsachen folgend. Dass dies aber durchaus nicht etwas ist, was der Religion Abbruch tut, beweist der Umstand, dass wir in der Waldorfschule unter den gegebenen Zeitumständen den Religionsunterricht von den betreffenden Pfarrern den Kindern erteilen lassen, und nur für diejenigen, die sonst keinen Religionsunterricht hätten, einen Religionsunterricht eingerichtet haben. Wie wir also demjenigen keinen Abbruch tun, [was aus den Zeitumständen heraus gewünscht wird, sondern im Gegenteil, den ‹Dissidentenkinderm› etwas vermitteln], was sie zu einem echten [Religiösen hinführen kann], während sie sonst nichts hören würden in den besten Jahren ihrer Entwicklung von dem Religiösen.

[ 68 ] Das alles brächte einen vielleicht doch dazu, darauf hinzuweisen, dass dieses Goetheanum und diese Geisteswissenschaft nichts irgendwie bloß Phantastisches ist, das aus einer menschlichen Willkür hervorgeholt ist, sondern etwas ist, was sich hinstellen würde als eine gerade wissenschaftliche Erfassung des Geistigen in einem Zeitalter, das sonst gerade ungläubig bleiben würde, wenigstens wo das Wissenschaftliche bleiben müsste an der bloßen äußerlichen Erfassung der Dinge, während die Menschen sich fortentwickeln wollen. Denn wenn das jetzige Chaos die Zivilisation immer mehr und mehr in die Dekadenz bringen will, dann wird aus den Zeitverhältnissen selbst heraus jene große Lehre kommen, welche im Grunde genommen befolgt werden will von dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Und die Wahrheit, sie wird sich durchringen, wenn man ihr auch noch so viele Hemmnisse in den Weg legen wird. Zeitlich kann man dasjenige, was doch Geisteswissenschaft will, zurückdämmen, vernichten vielleicht sogar für einige Zeit, aber die Wahrheit hat Wege, die durch alles hindurch gefunden werden können. Und dass diese Wege beschritten werden können, wenn in ehrlicher, aufrichtiger Weise die Methoden gesucht werden, durch die der Geist geschaut wird, das kann man für seine Überzeugung in einer gewissen Weise entscheiden.

[ 69 ] Denn wer sich wirklich einlässt, nicht nur mit dem Kopfe erkennend, sondern empfindend und erlebend mit dem ganzen Menschen sich einlässt auf alles Menschliche, auf das Einzelmenschliche, auf das individuelle Leben, der wird doch immer wieder und wiederum dazu kommen, sich sagen zu müssen: Die Wissenschaft darf nicht bloß beim Äußeren bleiben, sie muss auch als Wissenschaft, als Erkennen zum Geiste fortschreiten. Denn

[ 70 ] zu einer Wiederaufwärtsentwicklung brauchen die Menschen dasjenige, was da gesucht wird — sie brauchen den Geist! Und ohne den Geist wird die Menschheit nicht vorwärtskommen. Nicht einem abstrakten Geist mit Ideen und Phantasien jagt die Geisteswissenschaft nach, sondern dem lebendigen Geist, der lebendig eingehen soll in die Seelen. Und noch einmal sei es gesagt: Die Menschheit, wenn sie fortschreiten will, sie braucht den Geist. Daher muss nach dem Geiste gefragt werden.

[ 71 ] Diskussion und Schlussworte

[ 72 ] Ulrich [Dikenmann]: Werter Vortragender, werte Anwesende! Herr Dr. Steiner hat sich Mühe gegeben am heutigen Abend, die Anthroposophie uns mundgerecht zu machen und Zutrauen in uns zu erwecken. Und wir sind in hohem Maße dankbar für die Ergänzungen, die im Vergleich zum Vortrag, der vor acht Tagen [gehalten worden wäre], uns heute Abend sind dargeboten worden. Ich möchte nun zu dem, was Herr Dr. Steiner vorgebracht hat und was vielleicht von seiner Seite her noch etwas gestreift werden kann, eine Frage stellen.

[ 73 ] Dr. Steiner hat davon geredet, dass es zwei verschiedene Wege gebe, um zu einer höheren Erkenntnis, zu Geistesvorkommnissen zu gelangen, die vielleicht viele in unserem Kreise nur oberflächlich kennen. Er hat von einer vertieften Erinnerungsfähigkeit geredet, die Resultate für die Geisteswissenschaft abwirft, und er hat gesprochen von der Liebe. Als eine Lücke sehe ich nun das an, dass diesen beiden Methoden etwas anhaftet, bezüglich derer wir noch aufgeklärt sein sollten, bis wir der Sache ein tieferes Vertrauen entgegenbringen können. Soviel ich mich recht erinnere aus seinen Büchern, ist dort zu lesen, dass vor dem Ziele in diesen Geistesresultaten Lichterscheinungen vor dem Auge derer auftreten, die sich mit der anthroposophischen Wissenschaft beschäftigen — es können auch Farbenerscheinungen noch gewesen sein, ich habe es nicht genau in der Erinnerung — auf einer gewissen Stufe der Geisteswissenschaft. Ich wäre nun dankbar, wenn Herr Dr. Steiner darüber uns noch einiges sagen würde.

[ 74 ] Denn sehen Sie — verehrte Anwesende —, wenn wir uns oder jüngere Freunde von uns der Anthroposophie anvertrauen, es muss sich uns vielleicht ermöglichen, dass wir eventuell durch empirische vertiefte Psychologie feststellen lassen können, wie sieht es denn sonst mit der geisteswissenschaftlichen Beschaffenheit aus, wenn einer, nach langer Beschäftigung mit sich selbst, nun anfängt, solche Lichterscheinungen zu bekommen. Ist das, was er da anwendet, Ekstase, oder ist das etwas wie eine geistige Ahnung, die noch auf dem Gebiete liegt, auf dem wir wissenschaftlich prüfen können, auf die Logik und Verständnis und Vernunft zur Anwendung kommen?

[ 75 ] Zweitens: Aus den Ausführungen des Herrn Dr. Steiner haben wir erfahren, dass derjenige, der zu den höchsten Stufen hinaufstreben will, in weitgehender Hingabe einem geistigen Leiter sich hingeben müsse, dass er nicht vollständig aus sich selbst schöpfen kann. Das scheint mir von meinem Standpunkt als protestantischer Theologe aus ein klein wenig eine ernste Sache zu sein. Denn mit einer zu weit gehenden Hingabe an eine Persönlichkeit verbinden sich bekannterweise immer zwei Gefahren. Entweder wird der, der sich zu sehr an seinen Leiter hingibt, geistig unselbstständig und träge, und er ist nicht mehr sicher, was seine eigene Überzeugung ist oder was ihm mehr in seine Seele gelegt worden ist, auf suggestivem Wege in seine Seele hineingelegt worden ist. Und auf der anderen Seite ist für den, der das weitgehende Vertrauen eines Zweiten genießt, eine mächtige Versuchung vorhanden, der nur ganz hochentwickelte, nur seelisch ganz hochstehende Persönlichkeiten widerstehen können: Nämlich die Versuchung, dass er sich freut über die Macht, die er über den andern gewonnen hat, und dann leicht in allem einen zu weitgehenden Einfluss auf ihn ausüben könnte. Das soll natürlich keineswegs die Meinung haben, dass ich etwa in dieser Beziehung dem Herrn Vortragenden, der so ausgezeichnet zu uns gesprochen hat, ein Misstrauen entgegenbringen würde. Aber es ist durch die Weltgeschichte, auch wenn man sie in einer gewissen Weise nur überschaut, wie ich sie überschaue, erwiesen, dass hier eine gewisse Gefahr liegt, der gegenüber wir vorsichtig sein müssen und auf das wir aufmerksam sein müssen, wenn wir den oder jenen von unseren Bekannten aufmuntern wollten, dass er sich für Geisteswissenschaft interessiere. Ich konstatiere im Übrigen gern, dass das, was Herr Dr. Steiner in Bezug auf seine religiöse Auffassung heute Abend gesagt hat, für mich persönlich in hohem Maße wohltuend gewirkt hat.

[ 76 ] Roman Boos: Herr Dr. Steiner hat das Schlusswort, wenn sonst keine Fragestellungen sind?

[ 77 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Selbstverständlich wäre mir jede Fragestellung sehr lieb gewesen. Die zwei Fragen, die heute an mich gestellt sind, sind es mir ganz besonders, und es ist mir ganz sympathisch, gerade über diese zwei Fragen mich heute Abend noch Ihnen gegenüber auszusprechen.

[ 78 ] Es ist eben einmal notwendig, dass dasjenige, was in der Seele lebt, wenn man vorgeschritten ist zu dem, was ich heute charakterisiert habe als das Schauen, dass das, wenn man es darstellen will, in irgendeiner Weise benannt werden muss, und dass man ganz andere Worte, eine gewisse Terminologie, hat. Wenn Sie meine Schriften verfolgen, von denen ja einige bereits in sehr hohen Auflagen erschienen sind, so werden Sie ja sehen, wenn Sie die einzelnen Auflagen verfolgen, wie ich mich bestrebt habe von Auflage zu Auflage — oder wenigstens immer über einige Auflagen hin —, die Fassung der Sätze so zu bilden, dass dasjenige, was in einer solchen Materie, die ja zunächst, nicht wahr, sehr schwer mit den Worten zu fassen ist, dass das, was gefasst werden muss, doch zu einer gewissen Klarheit und Deutlichkeit zu bringen.

[ 79 ] Man darf nämlich nicht vergessen, dass unsere Sprache, besonders wie sie bei den zivilisierten Völkern heute ausgebildet ist, in hohem Maße schon etwas außerordentlich Konventionelles hat und dass sie vor allen Dingen den Sinn mitgemacht hat, der in die Weltanschauung hineingekommen ist durch den Materialismus der letzten Jahrhunderte. Daher ist es heute, wenn man Worte anwendet, schon außerordentlich schwierig, diese Worte der materialistischen Bedeutung zu entkleiden und etwas, was geistig gemeint ist, mit dem adäquaten Sinn zu belegen. Dennoch habe ich es immer wieder und wiederum versucht, und insbesondere in den grundlegenden Büchern werden Sie ein Ringen finden um den Ausdruck. Womit ich durchaus nicht sagen will, dass in den letzten Auflagen dieses Ringen überall zu einem Ideale geführt hat — selbstverständlich nicht! Aber nun, die besondere Charakteristik, die ich gegeben habe von demjenigen, was man schaut, dadurch dass ich [verwendet habe zur Charakteristik der Farbenvorstellungen] — nicht wahr, ich sage, man hat es mit Imaginationen zu tun; diese Imaginationen sind völlig anders als dasjenige, was man in der Sinnenwelt haben kann. Nun möchte ich folgenden Anklang wählen, damit wir uns verstehen können.

[ 80 ] Wenn Sie Goethes Farbenlehre studieren — vielleicht wissen einige von Ihnen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass ich seit vierzig Jahren mir Mühe gebe, die Goethe’sche Farbenlehre gegenüber der heutigen Physik in ihrer Bedeutung darzustellen. Nun, in der Goethe’schen Farbenlehre finden Sie ein außerordentlich bedeutsames Kapitel am Schluss über die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben. Dieses Kapitel wird ja vielleicht am wenigsten Widerspruch bei den Physikern erleben und es ist, wenn es gelesen wird, eine außerordentlich anregende Lektüre. Man kann das, was da steht, auch anderwärts finden; aber so wunderbar schön zusammengestellt wird man es eigentlich nur bei Goethe finden können.

[ 81 ] Was finden wir nun da, indem die äußeren Farben charakterisiert werden? Wir finden da auch das seelische Farbenerlebnis angeführt. Wir finden das Erlebnis angeführt, das man beispielsweise bei dem Gelb hat, dieses eigentümlich Attackierende des Gelben, das Aufregende des Gelben, des Roten ähnlich. Wir finden dann das Ausgleichende des Grün, das Hingebungsvolle des Violetten. Diese seelischen Erlebnisse, die haben wir, wenn wir die sinnlichen Farben auf uns wirken lassen. Wenn Sie einmal Dornach besuchen, so werden Sie sehen, dass dort im Goetheanum der Versuch gemacht worden ist, ganz aus der Farbe heraus zu malen, das Bild aus der Farbe herauszuholen. Insbesondere in der kleinen Kuppel werden Sie das zum Beispiel finden, wie da ganz aus dem Farbenerlebnis heraus versucht worden ist, das zu gestalten, was dann zur Bildwandlung führt.

[ 82 ] Nun, wir haben also auf der einen Seite das sinnliche Farbenerlebnis, auf der anderen Seite das innerliche seelische Erlebnis, das aber ganz eindeutig zu dem Farbenerlebnis hinzugehört. Wir können nicht, wenn wir ein Vollmensch sind, das sinnliche Farberlebnis haben, ohne dass wir das entsprechende seelische Erlebnis haben. Das hat Goethe in seiner Farbenlehre geschildert.

[ 83 ] Wenn man nun eintritt in die geistige Welt, so hat man Erlebnisse, die wahrhaftig keine Ekstase sind — sowenig eine Ekstase ist das Leben in den geometrischen Vorstellungen. Würde das nicht in vollem Wachbewusstsein da sein, dass man in seiner Seelenverfassung genau so ist wie beim mathematischen Vorstellen, dann würde man nicht auf dem rechten Wege sein. Also, man erlebt etwas, das ganz nach dem Muster des mathematischen Erlebens in der Seele ist, aber man erlebt eine reale geistige Welt. Und indem man diese reale geistige Welt erlebt, erlebt man zunächst nicht Farben, sondern diejenigen Erlebnisse, die wir innerlich an den sinnlichen Farben erleben. Man muss nun natürlich mit der entwickelten Seele so weit sein, dass man überhaupt achtgibt auf diese Erlebnisse.

[ 84 ] Sehen Sie, zum geistigen Erleben gehört eine gewisse Geistesgegenwart. Also, man muss dieses innere Erlebnis haben, das sonst an der Farbe erlebt wird. Dabei charakterisiert man dieses Erlebnis am besten dadurch, dass man sich an die Farbe erinnert, dass man die Farbe auch wirklich vor sich hat. So wie man — sagen wir — das Dreieck-Erlebnis dadurch hat, dass man das Dreieck innerlich zeichnet, so hat man dasjenige, was man innerlich erlebt, am besten vor sich, nicht indem man eine Geometriefigur zeichnet, sondern ein farbiges Bild malt. Dieses farbige Bild ist dann so adäquat dem seelischen Erlebnis, wie — sagen wir — wenn man ein Dreieck aufmalt mit seinen 180° und Winkeln, dem Dreieck-Erlebnis identisch ist, während dem man wissen muss, dass es eine Art Versinnlichung ist, so ist das, wenn man es in Goethe’scher Ausdrucksweise ausspricht, übrigens auch eine übersinnlich-sinnliche Darstellung desjenigen, was in Wirklichkeit erlebt wird.

[ 85 ] Damit ist natürlich auf so, ich möchte sagen subtile Erlebnisse hingedeutet, dass man sie nicht ins Grobe herausziehen darf, sondern dass man wirklich auf sie eingehen muss. Dann wird man aber finden, dass in der Tat da ein Reales in Erscheinung getreten ist, indem man in Farben schildert. Das habe ich sehr präzise versucht, herauszugestalten in den letzten Auflagen meiner grundlegenden Bücher. Man kann nicht anders, als das, was man erlebt, eben in solcher Art zu schildern, sonst würde man noch viel materialistischer werden, wenn man es schildern würde, und würde zu stark symbolisch schildern.

[ 86 ] So aber schildert man, indem man wirklich durch das Farbenerlebnis dasjenige, was innerliches Erlebnis ist, deckt. Dessen — dass man in einer gewissen Weise so verfährt, wie beim Darstellen des Mathematischen —, dessen ist man sich immer bewusst und es ist nichts irgendwie von Ekstase vorhanden.

[ 87 ] Ich bin dem Herrn Vorredner außerordentlich dankbar, dass er diese Frage berührt hat. Denn ich habe es ja erleben müssen, dass mir von mancher Seite gesagt worden ist: Dasjenige, was da erlebt wird an den Imaginationen, das seien zurückgestaute Vorstellungen, zurückgestaute Nervenkräfte, die dann heraufkommen und die irgendetwas Phantastisches, Ungesundes darstellen. Sehen Sie, da müsste, wenn jemand solch eine Behauptung aufrechterhalten wollte, höchstens der Beweis erbracht werden, dass derjenige, der von solchen Dingen spricht, nicht ebenso wie der andere, der ihm so etwas vorwirft, in streng wissenschaftlichem Sinne reden kann. Wenn man seinen wissenschaftlichen Sinn auf der einen Seite nicht verloren hat, sondern durchaus auf dem Boden des wissenschaftlichen Sinnes steht, und dann konsequent hinausgeht zu etwas anderem, dann kann solch ein Vorwurf nicht erhoben werden.

[ 88 ] Ebenso wenig kann der Einwurf gemacht werden, dass man es bloß mit einer Suggestion zu tun habe. Ich habe es ja heute schon angedeutet, wie es im Wesentlichen zu der Geistesschulung gehört, dass man, ich möchte sagen auf alle die besonderen Vorgänge des unterbewussten Seelenlebens eingehen kann, sodass man jede Fehlerquelle, die sich einem ergibt, ausgleichen, ausschließen kann. Sie werden sehen — wenn Sie mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» durchlesen —, wie versucht worden ist, ja auch alle Vorsichtsmaßregeln zu schildern, die etwas damit zu tun haben müssen.

[ 89 ] Nun wurde mir doch oftmals gesagt: Wie kann man leicht Suggestionen von Nicht-Suggestionen unterscheiden, von der Wahrheit? Es kann zum Beispiel vorkommen im Leben, dass jemand nur an Limonade zu denken braucht und er hat den Limonadegeschmack im Munde. Ich gebe das ohne Weiteres zu, da man diese Dinge ja kennt. Aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, wer Erkenntnistheoretiker ist, der weiß, dass man ein reales Erlebnis nur durch das Leben feststellen kann. Man kann nur durch das Leben und den Zusammenhang des Lebens feststellen, ob irgendetwas, das wir uns vorstellen, einem Realen entspricht — aber aus dem Zusammenhang des Lebens heraus kann man es auch nur sicher [feststellen]. So ist es auch in Bezug auf die höheren Welten; man kann auch da nur aus dem Zusammenhang des Ganzen heraus es feststellen. Wenn man bei der Suggestion des Limonadegeschmacks übergehen will zu der Totalität des Erlebens, so kann der Vergleich nicht mehr gelten. Man muss jetzt sagen: Schön, wenn man durch Suggestion dazu gelangt, den Limonadegeschmack im Munde zu haben, so kommt die im Grunde genommen berechtigte Frage hinzu, ob schon jemand sich mit einer solchen Vorstellung der Limonade den Durst gelöscht hat? Das werden Sie nicht behaupten können. Da haben Sie den Übergang zu der Totalität der Erscheinungen. Und das ist es, was immer beachtet werden muss: Die Wirklichkeit kann nicht entschieden werden, indem man bei der partiellen Erscheinung bleibt, sondern die Erscheinungen des Lebens haben immer etwas, was ihren Übergang zur Totalität bedeutet.

[ 90 ] Ich will noch auf etwas aufmerksam machen, was vielleicht ferner liegt, was aber doch ganz gut zur Versinnlichung der Sache hinzugezogen werden kann. Sehen Sie, wenn Sie einen Salzkristall, einen Salzwürfel, haben: Er ist in gewisser Weise eine abgeschlossene Realität. Das kann durch eine gewisse Zeit, eine sehr sehr lange Erdenzeit, hindurch bestehen — wie er als Salzwürfel vor einem dasteht. Nehmen Sie eine Rosenknospe. Eine Rosenknospe ist eigentlich keine Realität, so wie wir sie vor uns haben, denn nur im Zusammenhange mit der Totalität des Rosenstocks, den Wurzeln und so weiter kann sie eigentlich als Realität gedacht werden. Die Realitäten haben eben durchaus verschiedene Grade, verschiedene Bedeutung. Wenn wir auf das nicht eingehen, so kommen wir nicht zu in sich klaren, lichtvollen Begriffen.

[ 91 ] Und so ist es auch nötig, dass man beachtet gegenüber solchen Schilderungen, wie sie der verehrte Herr Vorredner angeführt hat, dass durchaus das zugrunde liegt, dass die Totalität des Erlebnisses ins Auge gefasst wird. Dann wird man schon merken, wie solche Farberscheinungen gemeint sind. Man verliert durchaus nicht den Zusammenhang mit dem gewöhnlichen Bewusstsein, geht nicht ins Närrische über, sondern das Gegenteil ist der Fall für die Wege, die gewählt werden, um hineinzukommen in die Anthroposophie. Das liegt gerade auf dem umgekehrten Wege des Pathologischen, sie führen gerade vom Pathologischen weg, sie machen gerade den Menschen innerlich konsolidiert. Daher kann er dann nicht nur, gerade in Formen mathematischer Art, Zeichnungen machen, sondern auch in Farben gewisse Zeichnungen sehen, dasjenige, was ein übersinnliches Erlebnis ist. Ich weiß nicht, ob Sie das befriedigt? Das war zur ersten Frage.

[ 92 ] In Bezug auf die zweite Frage möchte ich sagen: Sie haben in beiden Richtungen hin völlig recht, aber ich muss betonen, dass Sie überall bei mir, wo ich Gelegenheit habe, über diese Dinge zu sprechen, selber hingewiesen finden, dass diese beiden Gefahren ja durchaus eintreten können, die aber ebenso bei wirklicher Geistesforschung erkannt werden und vermieden werden müssen. Man kann nicht, wenn man sie nicht vermeidet, dasjenige erreichen, was in der Geistesforschung erreicht werden soll. Sie werden gerade vermieden, wenn man sie sich vor Augen stellt, wenn man weiß, sie können da sein, solche Gefahren. Und wenn man außerdem ein Verantwortlichkeitsgefühl hat, dann wird man doch ganz sicher versuchen, sie zu vermeiden.

[ 93 ] Zu dem, was den sogenannten Schüler betrifft, muss ich sagen, dass in der Tat dasjenige, was als Verhältnis des Schülers zum Lehrer geschildert werden kann, in der Geistesforschung im Grunde genommen doch nichts anderes ist als die Übertragung, nur auf einem anderen Gebiet, desselben Verhältnisses, das sonst auch da ist, wenn jemand von einem anderen etwas lernt. Es ist zwar richtig, dass gewissermaßen die Anleitung zur Geistesschulung etwas intimer in das menschliche Leben hineingreift, aber, sehen Sie, da gibt es wiederum ein Korrektiv, möchte ich sagen. Es ist ja eigentlich durchaus nicht richtig, dass es im äußeren Leben bei der gegenwärtigen Wissenschaft nicht auch Gefahren für den Schüler bestehen.

[ 94 ] Denken Sie doch [eigentlich] nur einmal, wie wenig eigentlich die Schüler gefeit sind vor dem Autoritätsglauben, und namentlich vor demjenigen, der zunächst wie ein Zwang da ist, der sich aber im Laufe der Jahre doch etwas sehr stark einimpft — [Sagenszwang] und so weiter. Da sind durchaus auch Gefahren vorhanden gegen die selbstständige Entwicklung des Schülers oder Hörers, die in der gleichen Weise geschildert werden können wie diejenigen, die vorliegen bei demjenigen, der in der Geisteswissenschaft vorwärtskommen will.

[ 95 ] Aber außerdem ist ja ein Korrektiv vorhanden, gerade wenn man mit der Geisteswissenschaft, ich möchte sagen intimere Saiten der menschlichen Seele anschlägt, indem er etwas lernen will. So bildet sich auch ein außerordentliches Feingefühl aus für Selbstständigkeit, gerade wenn man die Seelenfähigkeiten wachruft. Und die Erfahrung zeigt doch, dass ein solches Autoritätsgefühl, wie es manchmal in der äußeren Wissenschaft vorliegt — ein solches Schwören auf die Worte des Meisters, ein solches Hinweggehen mit dem Heft und Schwören auf dasjenige, was man ins Heft hineingeschrieben hat, nachdem man es gehört hatte —, das findet doch bei einer wirklich verantwortlichen Handhabung der Methode der Geistesschulung nicht statt.

[ 96 ] Ein durch die Erfahrung gegebenes Feingefühl zeigt einem — gerade wenn man sich mit dem beschäftigen muss, was ganz tief in das Seelenleben des Menschen eingreift —, dass sich dadurch der Freiheitsdrang durchaus erhöht. Und ich meinerseits habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die als ernsthafte Geistesschüler in Betracht kommen, sogar bald übergehen dazu, nicht auf Treu und Glauben hin etwas anzunehmen, sondern nur auf eine manchmal sehr weitgehende Prüfung hin; sodass man also sagen kann, dass gerade das Freiheitsgefühl in einem besonderen Maße erwacht.

[ 97 ] Nun kommt natürlich das andere, wo ich durchaus wiederum dem verehrten Herrn Vorredner recht geben muss, dass sehr leicht die Gefahr vorhanden ist bei demjenigen, der eine solche Leitung übernehmen soll — sagen wir nur, der aus seiner eigenen Erfahrung, denn anders kann man es ja fast nicht — irgendjemandem raten muss: Durch das oder jenes wirst du dein Erinnerungsvermögen oder deine Liebe entwickeln können. Es kann dann eine Versuchung herantreten an den Lehrenden — das weiß man ja, dass diese Versuchung herantreten kann. Und wenn ich Ihnen da meine eigene Überzeugung sagen darf — meine sehr verehrten Anwesenden: Es wird einem, wenn man darin steht in dem, um was es sich handelt bei der Geistesforschung, eigentlich nichts mehr zuwider als das, was man irgendwie persönliche Anbetung oder dergleichen nennen könnte. Wenn auch die Leute, die einen verleumden wollen, immerfort auf solches Zeug hindeuten. Das entspricht durchaus nicht der Wirklichkeit; es ist das tatsächlich etwas, was einem im Grunde genommen sehr zuwider ist. Wenn man nur selber ein wenig fortgeschritten ist auf dem Weg — den ja die Geisteswissenschaft andeutet —, so kann sich einem dann die Wahrheit entringen. Es kann die Wahrheit einem nicht entgehen, dass [man] in demselben Maße, indem man eine unberechtigte Macht ausübt, die Erkenntnisfähigkeit verliert. Das ist nun einmal so, das ist eine objektive Tatsache, und man erkennt sie, wenn man den Weg in der Geisteswissenschaft geht, geht durch unmittelbare Erlebnis-Erfahrung.

[ 98 ] Nicht wahr, der Weg in die Geisteswissenschaft hinein ist ja ein subtiler, ist ein solcher, der durch fortwährendes inneres Erleben der Seele rege gehalten werden muss. In demselben Maße, indem man nun Dinge ausübt, die dem Begehrungsvermögen entsprechen, die der Eitelkeit oder dem Machtgefühl entsprechen, in demselben Maße verdunkelt man gerade diejenigen Kräfte, die sich da ausbreiten wollen. Denken Sie doch nur einmal, dass man ungeheuer viel zu tun hat, um das auszubilden, was ich die Liebefähigkeit genannt habe. Es ist die größte Lieblosigkeit, in die man verfallen kann, wenn man Machtgefühle entwickelt. Ich weiß nicht, ob mir in dieser Weise ein Zusammenhang von Ihrer Seite zugestanden wird, aber es ist doch so: Das Machtgefühl verdunkelt eigentlich das wirkliche Liebegefühl.

[ 99 ] Und so ergeben sich überall die Möglichkeiten, klar zu sehen, wie man solche Versuchungen zurückweisen soll. Und trotzdem es absolut richtig ist, dass diese Versuchung, ich möchte sagen unzählige Mal herantreten kann an denjenigen, der irgendeine Anleitung zu geben hat, so weiß er auch, dass das Unterliegen — diese Versuchung — dasjenige ist, was ihn am meisten herunterbringen kann. Denn es ist nur zu erklären aus einer Eitelkeit, aus Machthunger heraus. Das sind aber Dinge, die abführen von den Wegen, die man gehen muss, wenn man wirklich etwas erreichen will.

[ 100 ] Ich glaube ja, dass der verehrte Herr Vorredner aus einer tiefen Erfahrung heraus in seinen Ausführungen eben auf diese Dinge auch hinwies. Solche Dinge sind natürlich vorgekommen, werden auch immer wieder vorkommen, selbstverständlich. Aber es ist kein Grund dazu da — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass, wenn irgendwo Gefahren liegen, man deshalb den Entwicklungsweg unterlassen soll; sondern wenn irgendwo Gefahren liegen, so kann das ein Grund dazu sein, dass man die Gefahren vermeidet, wenn man in gesunder Weise die Notwendigkeit der Sache anerkennt. Es ist vielleicht hinreichend als Antwort zu dem, was als Frage gestellt worden ist? Wenn es nicht der Fall sein sollte, so würde ich gerne noch weiter darauf eingehen.

[ 101 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, nachdem andere Fragen nicht gestellt worden sind, habe ich ja nichts Besonderes zu der Sache hinzuzufügen. Ich möchte nur noch einmal ganz kurz darauf verweisen, dass die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, keine Religion sein will.

[ 102 ] Die Frage liegt vor: Es erklärt vielleicht die Stellung der Anthroposophie zu den Konfessionen, wenn Sie uns erzählen, was Sie den Kindern konfessionsloser Eltern im Religionsunterricht lehren.

[ 103 ] Sehen Sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, meine Meinung ist diese — aber im Sinne dessen, den ich mir durchaus aus der Geisteswissenschaft heraus errungen habe —, dass man etwas so Intimes wie den Religionsunterricht nur führen kann in dem Rahmen desjenigen, wovon man selber in der Seele ganz erfüllt ist. Es ist jetzt der Religionsunterricht für Kinder konfessionsloser Eltern gemeint oder solchen, von denen etwa verlangt wird, dass sie als konfessionslos [in] der Schule betrachtet werden sollen. Es kann auf diesem intimen Gebiete also nur dasjenige, wovon man in seiner Seele so trägt, dass man ganz davon erfüllt ist, infrage kommen. Und das ist es auch, was gelehrt wird. Und um was es sich handelt, das ist, dass diejenige anthroposophische Richtung, die von mir verfolgt wird, in erster Linie eigentlich eine Methode, ein Weg ist, lebendiges Leben ist. Und deshalb kann auch in alle einzelnen Wissenschaften hinein gewirkt werden, deshalb kann auch in die pädagogische Kunst hinein gewirkt werden, ja, in die Kunst selber, wie der Dornacher Bau in seiner künstlerischen Auffassung zeigt. Aber außerdem ist ja schließlich das, was da erforscht wird, der lebendige Geist, und der kann doch nur zu einer Vertiefung des religiösen Lebens führen.

[ 104 ] Nun ist man ja viel abhängig von Imponderabilien, und ich mache lieber die Dinge an konkreten Einzelheiten klar, als dass ich in abstrakten Allgemeinheiten spreche. Sehen Sie, wir versuchen, den Kindern zunächst den Weg zu dem Christus so zu zeigen, dass dieser Weg durchaus aus dem übrigen menschlichen Leben herausführt. So sehr es auch von mancher konfessionellen Seite — oder vielmehr von Vertretern gewisser Seiten behauptet wird, so ist es doch nicht wahr, dass Anthroposophie irgendwie etwas anderes will, als den Weg zu dem Christus hin auf diesem religiösen Gebiete in ihrer Art zu zeigen eben denjenigen, die ihn auf diese Art zu finden nötig haben.

[ 105 ] Man kann ja durchaus Anhänger der Anthroposophie sein und nichts weiter wollen als eine Vertiefung der Wissenschaften, der Biologie, der Psychologie und so weiter. Man braucht ja gar nicht irgendwie eine Beziehung zwischen der Anthroposophie und der Religion herzustellen. Nun sind aber eben sehr viele Leute heute da, die aus der Anthroposophie heraus, aus der Geisteswissenschaft heraus ebenso eine religiöse Vertiefung suchen, wie — auf einem anderen Wege natürlich — die Leute aus dem Materialismus heraus eine religiöse Vertiefung, wenn auch vielleicht eine ältere Religion, gesucht haben — wie zum Beispiel David Friedrich Strauß, der Verfasser von «Der alte und der neue Glaube» und dergleichen. Nicht wahr, wie dazumal eine Anzahl solcher Leute eine Art materialistische Religion versucht und gesucht haben, so findet man eine wirklich geistige Religion und auch den Weg zum Christus hin — neben vielem anderen — auf dem Wege zur Geisteswissenschaft. Neben Medizin, Psychologie, Philosophie, Biologie und so weiter, die man vertiefen kann, erlangt man dann eben auch, ich möchte sagen eine gewisse Erkenntnis jener eigentümlichen Wege, die gegangen werden müssen.

[ 106 ] Nehmen Sie an, wir haben nötig, den Kindern zunächst den Begriff der Unsterblichkeit der Seele beizubringen. Wir versuchen das — wie gesagt, ich rede in einem Beispiel, es könnte das durchaus auch anders erklärt werden —, aber nehmen wir an, wir versuchen das dem Kinde durch ein Bild beizubringen. Wir weisen hin auf die Schmetterlingspuppe. Der Schmetterling fliegt aus. Wir versuchen dann zu zeigen, wie gerade auch die Seele des Menschen mit dem Tode den Körper verlässt und eine [andere] Welt, allerdings jetzt im Unsichtbaren, betritt und so weiter. Nicht wahr, so etwas kann man ausdenken. Wenn man es aber nur ausdenkt, wird man bemerken — man braucht dazu allerdings pädagogische Erfahrung, aber wenn man diese hat, wird man bemerken: Wenn man nur ausgedacht hat diesen Gesichtspunkt — ich bin so gescheit und das Kind ist so dumm, ich muss ihm das Bild bringen, dann bringt man es dem Kinde in Wirklichkeit doch nicht bei. Man bringt es dem Gehirnapparat, dem Worterkennen bei, aber nicht dem Herzen bei. Dem Herzen bringt man nur dasjenige bei, woran man selber glauben kann; dann bringt man es, ich möchte sagen mit Freude bei, wenn wirklich etwas Reales darinnen ist, wenn man sich sagen kann: Ja, da habe ich eine Entsprechung; ich glaube daran. Das ist gerade das, was sich bildet bei unserer Geisteswissenschaft, aber nicht [auf] eine nebulose, verschwommene Art. Denn das ist etwas, was gerade abgewiesen wird von Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist.

[ 107 ] Es ist wieder eine Verleumdung, wenn man uns Phantasmen vorwirft. Dasjenige, was wir suchen, ist nicht ein abstraktes Geistiges, sondern die konkrete Geistigkeit ist in den Einzelheiten drinnen. Und so ist wirklich für den, der den Geist in der Natur erkennt, dieser Vorgang des Auskriechens des Schmetterlings aus der Puppe dasselbe auf einer unteren Stufe, was auf einer zunächst höchst erreichbaren Stufe der Tod mit der unsterblichen Seele des Menschen ist, eine Realität. Nicht ich mache das Bild, sondern die Welterscheinungen selbst machen das Bild. Und wenn ich so darinnen stehe, die Welterscheinungen so beurteile, dass die Natur gewissermaßen für mich der lebendige Anblick wird für das, was ich herausbringen kann aus der ganzen Welt als das Verständnis der göttlichen Wesenheit, dann vermag ich es auch dem Kinde beizubringen. Denn dann bilden sich nicht bloß, ich möchte sagen die gewöhnlichen Beziehungen zum Kinde. Es ist nun einmal etwas von Imponderabilien da, Kräfte, die von Mensch zu Mensch wirken. Und solche imponderablen Kräfte, die darinnen liegen, die sind es, die es möglich machen, dass man eigentlich nur dasjenige einem anderen beibringen kann, an das man mit aller Kraft selber glauben kann. Und dieses was sich uns ergibt an Grundwahrheiten, an Bewusstsein der religiösen Grundwahrheiten auf dem Wege, der nun schon einmal durch Geisteswissenschaft gegangen werden kann, das ist es, was uns auch den Religionsunterricht möglich macht, wo er nötig ist, dem Kinde zu geben.

[ 108 ] Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, eine Methode gerade des Religionsunterrichtes zu finden. Und ich muss sagen, es ist eigentlich etwas, was sehr gut geht. Und ich konnte immer wieder bei den verschiedenen Schulfeiern betonen, was mir durchaus eine Wahrheit jetzt zu sein scheint, dass bei uns in der Waldorfschule der christliche Geist nicht nur in der Religionsstunde ist, sondern er ist da, wenn man die Schule betritt oder aus der Klasse herausgeht. Er ist in allem drinnen, ohne dass man immer das «Herr, Herr» ausspricht, noch immer mit Worten hinweist auf dasjenige, was gerade irgendwie Religiosität doch ist. Dasjenige, was religiöser Geist ist, ist doch noch etwas ganz anderes, wenn durchaus in die Objektivität das Übrige ausfließt.

[ 109 ] Das ist es, was dem zugrunde liegt. Und wenn ich sage, dass unsere Wege zu Christus hinführen, dann darf ich vielleicht trotz aller Anfeindungen, die von verschiedenen Seiten ausgehen, auch an ein Bibelwort erinnern, das mir wirklich nicht deshalb allein wesentlich ist, weil es überliefert ist, sondern weil es sich täglich neu bewahrheitet, durchaus ein wertvolles Bibelwort geworden ist. Das ist dasjenige, das dem Heiland in den Mund gelegt wird:

Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.

[ 110 ] Also nicht nur in demjenigen, in dem er auf der Erde gewandelt ist, ist er da, sondern immer ist er da. Und man kann immer, wenn man nur will, dasjenige erfahren, was der lebendige Christus unter den Menschen will. Dieses lebendige Auffassen des Christus ist das besonders Wichtige — dieses Immerwährend-Daseiende des Christus —, was ja natürlich nicht ausschließt, dass das Mysterium von Golgatha als ein historisches Ereignis von uns genommen wird. Und zwar, damit nicht Missverständnisse entstehen, betone ich ausdrücklich, dass es als ein übersinnliches Ereignis gefasst wird und dass es sogar schon möglich gewesen ist, evangelische Geistliche, die unbefriedigt waren von der vorhandenen Darlegung, die ganz rationalistisch geworden ist — die Zeitschriftenliteratur zeigt das heute schon —, gerade durch Anthroposophie wieder zurückzuführen zu einer wirklichen, übersinnlichen Auffassung des Mysteriums von Golgatha.

[ 111 ] Das alles kann Ihnen zeigen, dass unser Religionsunterricht eben nach einer Methode sucht, die ihn in Zusammenhang bringt mit allem übrigen Welterfassen, mit allem übrigen menschlichen Handeln und mit dem gesamten menschlichen Leben überhaupt, und auf der anderen Seite, dass die Sache durchaus nicht vom Christentum abführt.

[ 112 ] Und Sie sehen — meine sehr verehrten Anwesenden: Wir zwingen niemanden aus irgendeiner Religionsgemeinschaft heraus oder aus irgendeiner anderen Gemeinschaft heraus, aber wir haben es doch dahin gebracht, dass in unserer Waldorfschule, ohne dass dies irgendetwas Außerordentliches ist, jüdische Kinder sitzen, die sich die Kenntnisse des Christentums mit völlig innerem Seelenanteil und mit wirklich religiöser Inbrunst anhören.

[ 113 ] Die Erziehung kann ja so sein, dass zum Beispiel bei uns in der Waldorfschule Folgendes vorkam, aber das war nicht ein Verdienst der Waldorfschule, das hat der Junge schon vorher getan, bevor er in die Waldorfschule gekommen ist. Ein jüdischer Knabe, der später in die Waldorfschule geschickt worden ist, hat, bevor die Schule errichtet war, jüdischen Religionsunterricht bekommen. Als er nun bei uns war und hörte, was da ist in der Waldorfschule, hat er es verglichen mit dem, wie die Religion in seinem Elternhause aufgefasst wird. Und er ist nun einfach entlaufen, einfach hinausgegangen zur Türe und ist in die andere Klasse hineingegangen, wo der freie christliche Religionsunterricht erteilt worden ist, und ist drinnen geblieben. Also, wenn es sich darum handeln sollte, dass behauptet wird, es würde das Christentum nicht gepflegt, so stimmt das nicht. Obwohl wir sagen müssen: Wir sind keine Sekte, machen keiner Religionsgemeinschaft Konkurrenz; unsere Quellen liegen zunächst in der Wissenschaft, wie ich es heute ausgeführt habe. So wäre es also ein völlig unberechtigter Vorwurf, zu behaupten, es würde das Christentum nicht gepflegt.

[ 114 ] Und wenn Sie das wirkliche Leben betrachten, werden Sie sehen, wie weit wir es schon auf den verschiedensten Gebieten haben bringen können durch die anthroposophische Weltauffassungsmethode. Es wird sich Ihnen ergeben, wie unbegründet dasjenige ist, was ja wirklich schon in etwas undefinierbarer Weise von mancher Seite gegen Anthroposophie vorgebracht wird. Aber das ist gar nicht dasjenige, was im Grunde genommen würdig ist, besprochen zu werden, sondern durchaus wichtig ist zu wissen, dass eben diese Geisteswissenschaft auch nicht stehen bleiben will in der Sphäre einer bloßen theoretischen Entwicklung, in der Sphäre des bloßen theoretischen Erkennens — denn das ist schließlich doch etwas, was den Menschen weltenfremd macht und weltenfern hält —, sondern dass sie überall eindringen will in die Sphäre des Willens, in das ganze menschliche Leben, und dass sie dadurch ganz fern liegt jeder nebulosen Mystik, jeder Mystik, die sich vom Leben zurückziehen will.

[ 115 ] Es gibt ja allerdings Leute, die völlig gutgläubig meinen, diese Welt ist doch zu schlecht, man müsse sich in eine andere, mystische Welt zurückziehen. Ich habe viele solche Menschen kennengelernt; sie waren ganz gute Menschen, aber sie waren nicht Menschen, wie sie die heutige schwere Zeit braucht. Die heutige Zeit braucht Menschen, die nicht bloß an den Geist in der Erkenntnis, in abstrakten Theorien glauben, sondern die heutige schwere Zeit braucht Menschen, welche diesen Geist so in sich aufnehmen, dass sie ihn selber in die Materie, in das Leben hineintragen können.

[ 116 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wir haben es erlebt — und die tieferen Zusammenhänge zeigen es einer tieferen Auffassung —, diese Dinge haben uns in die Katastrophe hineingeführt. Wir haben es erlebt, dass die Leute einerseits nach ihrer Auffassung religiös waren, und dass sie die ganze Woche dann von der Religion in ihrem äußeren Handeln nichts hatten, als dass in der Buchhaltung im Hauptbuche noch steht auf der ersten Seite: «Mit Gott». Ich weiß nicht, ob das, was da steht, dann stimmt. Aber jedenfalls ist also doch etwas eingetreten von dem, was ich nennen möchte eine Art doppelte Lebensführung: Man kann auf der einen Seite Anhänger sein irgendeines Bekenntnisses, und auf der anderen Seite kann nichts hineingetragen werden ins Leben von diesem Bekenntnis. Ebenso gibt es unter den Wissenschaftern heute schon sehr zahlreiche, die ihre Wissenschaft durchaus so betreiben, dass sie sie eben handhaben auf der einen Seite, und das Leben, das fassen sie dann ganz anders wieder auf. Sie machen zweierlei aus diesen Dingen, die eigentlich eines sein sollten. Aber wir müssen zu einer lebenseinheitlichen, nicht nur Lebensauffassung, sondern Lebensführung kommen.

[ 117 ] Das ist dasjenige, was angestrebt wird durch die anthroposophische Geisteswissenschaft: Nicht nur in abstrakter, mystischer Vertiefung und Versenkung den Geist zu erkennen, und glauben, dass man den Geist hat, wenn man sich von dem äußerlichen Leben zurückzieht, sondern das ist wirkliches Eindringen in den Geist, wenn man den Geist so in die Seele aufnimmt, dass man ihn dann in die Materie, in die äußere Materie hineintragen kann und das äußere Leben damit zu vertiefen imstande ist. Der Mensch hat nicht nur zu wirken als ein Erkennender der geistigen Weltordnung, sondern als ein Verwirklicher der geistigen Weltordnung. Und das ist dasjenige, was der Geisteswissenschaft als Impuls zugrunde liegt: Nicht bloß den Geist in abstrakten Ideen zu erkennen und von ihm reden zu können, sondern diesen Geist so in sich aufzunehmen, dass man imstande ist, nicht nur ihn zu tragen in Begriffen, sondern ihn zu tragen im Gemüte und im Willen, sodass man selber zu denjenigen Mächten in der Welt gehört, die den Geist verwirklichen, dass man ein Diener zur Verwirklichung des Geistes in der Weltenordnung werden kann.