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Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
GA 80b

31 Januar 1921, Basel

3. Die Aufgaben des Goetheanums in Dornach

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Von den zahlreichen Besuchern des Goetheanums in Dornach, das ja von Basel aus mit den üblichen Verkehrsmitteln in weniger als einer Stunde zu erreichen ist, fragen viele: Welches sind die Aufgaben dieses Goetheanums? Welchen Zielen will es dienen? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man von diesen Zielen und Aufgaben des Goetheanums sprechen müsste ohne Zusammenhang mit den großen, ernsten Aufgaben unserer gegenwärtigen Zeit, so lohnte es sich wohl nicht, darüber vor der Öffentlichkeit zu sprechen. Aber dieses Goetheanum in Dornach will eben zusammenhängen in seinen Aufgaben mit den großen Aufgaben der Menschheit in der Gegenwart überhaupt. Und von diesem Zusammenhange möchte ich heute wenigstens in einigen Andeutungen sprechen.

[ 2 ] Wer das Goetheanum sich nicht nur von außen ansieht, sondern ein wenig kennenlernt die Art des Lebens dort, der wird bemerken können, dass zwei menschliche Tätigkeiten, welche sonst ziemlich getrennt im Leben auftreten, dort durchaus zusammenhängen, und dadurch erfährt vielleicht die äußere Signatur dieses Goetheanums zunächst ihre Kennzeichen.

[ 3 ] Wir haben im Herbst Hochschulkurse veranstaltet. Ich habe sie hier bereits erwähnt in meinem vorigen Vortrage, in denen die Vertreter der verschiedensten Fachwissenschaften sich ausgesprochen darüber haben, welche Befruchtung ihre einzelnen Fachwissenschaften erfahren können durch dasjenige, was von der im Goetheanum gepflegten Geisteswissenschaft aus in sie dringen kann. Wissenschaft ist da also gepflegt worden, Wissenschaft allerdings im geisteswissenschaftlichen Sinne. Daneben aber kann man sich überzeugen, wie an diesem Goetheanum gearbeitet haben seit Jahren künstlerische Naturen, künstlerische Menschen, und der ganze Bau ist durch diese künstlerischen Menschen in seinen gegenwärtigen, ja noch nicht vollendeten Formen zustande gekommen. Und man hat sehen können, wie in diesem Herbste die einzelnen Wissenschafter und auch Persönlichkeiten des praktischen Lebens aus einem Geiste heraus gesprochen haben, der durchaus derselbe war, aus dem heraus die künstlerischen Menschen seit Jahren diesem Bau seine Formen, seine Bilder und so weiter gegeben haben. Das soll das Eigentümliche darstellen dieses Baues, des Goetheanums in Dornach, dass bei ihm dasjenige, was künstlerisch gearbeitet wird, aus demselben Geiste heraus ist wie dasjenige, was wissenschaftlich dort geleistet werden soll. Dieser einheitliche Geist des Wissenschaftlichen und Künstlerischen, das ist es zunächst, was das Goetheanum charakterisiert.

[ 4 ] Aber noch ein Drittes — meine sehr verehrten Anwesenden — vereinigt sich mit diesem. Alle diejenigen, die dort gesprochen haben über die verschiedensten wissenschaftlichen Fragen, auch über die verschiedensten Zweige des praktischen Lebens, und alle diejenigen, die seit Jahren und jetzt künstlerisch arbeiten, sie sind tief durchdrungen in ihrem Gemüte davon, dass mit den großen Aufgaben des Menschenwesens in irgendeiner Art zusammenhängt dasjenige, was sie sprechen, was sie arbeiten, was sie irgendwie leisten. Es hat alles dasjenige, was im Großen gedacht werden soll, was im Einzelnen, im Kleinsten geleistet werden soll — man darf wohl sagen —, eine Art von religiösen Geist. Nicht irgendeine obskure sektiererische Bewegung, wie die Verleumder des Dornacher Baues sagen, ist dasjenige, was da sein Wesen treibt, sondern dasjenige, was getrieben wird, es wird aus ernstem wissenschaftlichem Geiste heraus getrieben, jedoch so, dass dieser ernste wissenschaftliche Geist zu gleicher Zeit so lebendig werden kann, dass er künstlerisch sich äußern kann. Und dasjenige, was wissenschaftlich und künstlerisch nach den zwei verschiedensten Seiten hin sich äußert, das trägt zu gleicher Zeit nun nicht im sektiererischem Sinne, nicht einmal in irgendeinem eingeschränkten konfessionellen Sinne, sondern in dem ganz allgemein menschlichen Sinne eine Art religiöser Hingabe, eine Art religiöser Verehrung der Sache, der man sich widmet.

[ 5 ] Aber man kann auch noch tiefer gehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, und man kann diese Einheitlichkeit des Wirkens in Dornach vernehmen. Man kann darauf eingehen, wie ja allerdings in anderen Formen, in anderen Arten, wissenschaftlich gesprochen wird, als das sonst in unseren Bildungsanstalten der Fall ist. Und es wird so wissenschaftlich gesprochen, dass zum Beispiel die einzelnen Wissenschaften miteinander in eine Verbindung treten, sich gegenseitig aufhellen und aufklären, dass der engherzige Geist des Spezialistentums und der Fachwissenschaft zurücktritt vor demjenigen, was durch alle einzelnen Wissenschaften zusammen als das Allgemeinmenschliche angestrebt werden soll. Es wird, möchte ich sagen aus einem anderen Ton heraus wissenschaftlich gesprochen.

[ 6 ] Und wenn man dann herumgeht um den Bau, wenn man den Bau in seinem Inneren anschaut, in dem, was Malerei, in dem, was plastisch dargestellt ist, und frägt sich: In welchem Stile ist dieser Bau aufgerichtet? Dann wird man da nicht die gewöhnliche Antwort bekommen. Wenn man sonst in eine Bildungsanstalt hineingeht, man hört diese oder jene Wissenschaft aus ihrem besonderen, speziellen Fachinteresse heraus vorgetragen. Man sieht sich dann den Bau an. Man frägt: In welchem Stil ist er aufgerichtet? Man bekommt zur Antwort: Im Renaissancestil, im antiken Stil, im gotischen Stil und dergleichen. Solch eine Antwort kann man in Bezug auf den Baustil beim Dornacher Goetheanum nicht erhalten. Da kann man nur die Antwort erhalten: Es ist dieses Goetheanum in Dornach in demselben Stil aufgerichtet in allen einzelnen Formen, in dem drinnen über die einzelnen Wissenschaften gesprochen ist. Derselbe Geist, aus dem das wissenschaftliche Leben erquillt, derselbe Geist ist es, der in die Formen hineingetragen ist. Dornach hat damit seinen eigenen Baustil, und alles dasjenige ist eine Einheit, was da vor den Besucher tritt, wenn er auf der einen Seite durch das Portal hineingeht in den Bau, sich anschaut, von welchen Formen er umgeben ist, und wenn er sich dann das Wort anhört, das ihm kundgeben soll, welche Wissenschaft da getrieben wird.

[ 7 ] Dieses Einheitliche — meine sehr verehrten Anwesenden —, das ist es, was Dornach charakterisiert. Und damit stellt sich dieses Goetheanum in Dornach allerdings in einen Widerspruch, aber ich glaube, dass die Welt allmählich merken wird, in einen wohltätigen Widerspruch mit der Zerrissenheit unseres gegenwärtigen Lebens, dieses Lebens, aus dem heraus die einzelnen Betätigungen und die einzelnen Denk- und Anschauungsweisen aus den verschiedensten Winkeln kommen, sich gegenseitig befehden und ganz gewiss nicht zu einer harmonischen Einheit zusammenwachsen. Denn das bedeutet gerade das Katastrophale in unserer Zeit, dass die einzelnen Betätigungen, die aus den verschiedensten [Spezialgebieten] unseres Lebens herauskommen, dass sich diese nicht irgendwie zusammenschließen können zu einer harmonischen Ganzheit. Wenn man die Dinge so betrachtet, möchte es zunächst nur scheinen, als ob dieses Goetheanum in Dornach gewissermaßen eine Art Vorbild sein sollte für die Art und Weise, wie die einzelnen Lebensbetätigungen harmonisch zusammenwirken sollen. Allein — meine sehr verehrten Anwesenden —, es will nicht nur eine Art von Vorbild sein, es will eine Stätte sein, dieses Goetheanum, in dem und von dem aus so gearbeitet wird, dass diese Harmonie auch in die Aufgaben unserer Zeit hineinkommen kann und dass gerade aus dem Niedergangsleben, das uns droht, ein wieder aufsteigendes Leben entstehen könne.

[ 8 ] Um das zu überschauen, muss man allerdings etwas hineinblicken in die Art und Weise, wie sich die moderne Zivilisation im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte heraufgebildet hat. Die zwei bedeutsamsten Kennzeichen dieser Zivilisation — ich habe sie schon oftmals in Vorträgen, die ich hier an derselben Stelle halten durfte, hervorgehoben, ich will sie heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus hervorheben —, diese zwei bedeutsamsten Kennzeichen sind, dass uns seit drei bis vier Jahrhunderten ein wissenschaftliches Leben, insbesondere ein naturwissenschaftliches Leben heraufgezogen ist in der Entwicklung der Menschheit, das tonangebend geworden ist für die weitesten Kreise in Bezug auf Fühlen, Wollen, und in Bezug auf Anschauungsweise. Man soll sich darüber nur ja keinen Täuschungen hingeben! Gewiss, viele Menschen heute hängen fest an alten Bekenntnistraditionen oder dergleichen mit ihren Anschauungen und handeln auch aus Impulsen heraus, welche entspringen aus diesen traditionellen Bekenntnissen. Aber immer mehr und mehr hat sich ausgebreitet, insbesondere im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und in den zwei ersten Jahrzehnten dieses zwanzigsten Jahrhunderts, dasjenige, was ausgeflossen ist von der Autorität des modernen wissenschaftlichen Lebens.

[ 9 ] Wie heute der Mensch denkt über das Weltengebäude, wie er denkt über dasjenige, was in den verschiedenen Reichen der Natur lebt und webt, wie er schließlich über sich selbst denkt, das lässt er sich sagen von demjenigen, was für ihn die autoritative Wissenschaft ist. Und man hat ja sosehr danach gestrebt innerhalb gewisser Bekenntnisse, reinlich abzugrenzen den sogenannten Glauben von der Wissenschaft, weil man etwas retten wollte für die Seele, was über die Annahme dieser Wissenschaft hinausgeht. Weil man aber nicht wagte, aus dieser Wissenschaft selber heraus irgendetwas zu holen, was auch über das Ewige in der Seele, über die höhere Bedeutung, über die übersinnliche Bedeutung des Menschenlebens etwas auszusagen vermag, so wollte man eine, gewissermaßen, Stätte in der Seele begründen, in die nicht hineinzusprechen hat die Wissenschaft, der man selber nicht entlocken wollte dasjenige, was über die höchsten Angelegenheiten der Seele spricht. Man wollte die Stätte des Glaubens sichern, damit man wenigstens über dieses Ewige der Seele, über dieses Übersinnliche des Menschenwesens irgendetwas annehmen dürfe, was man anzunehmen der Wissenschaft nicht gestattet oder was die Wissenschaft als irgendetwas über ihren Grenzen Liegendes bezeichnet.

[ 10 ] Damit aber soll durchaus nicht das Allergeringste gegen die gewaltigen Fortschritte dieser Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten gesagt werden. Denn — meine sehr verehrten Anwesenden — dazu lässt sich Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten wird, nicht herbei, aus irgendwelchen abergläubischen Untergründen heraus gegen die Wissenschaft als solche irgendetwas vorzubringen, sondern sie erkennt dasjenige, was diese wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte gebracht hat, in vollstem Sinne des Wortes an. Sie weiß zu schätzen dasjenige, was aus der Beobachtung der Außenwelt in Verbindung mit dem Experimente und in Verbindung mit dem kombinierenden Verstande innerhalb dieser Wissenschaft geworden ist. Und nicht verwechselt möchte sein die hier gemeinte Geisteswissenschaft mit all den Dilettantismen, die aus mystischen oder anderen Untergründen heraus auftauchen, die auch die Menschenseelen befriedigen wollen, die nur deshalb gegen die Wissenschaft auftreten, weil sie niemals in irgendeine Beziehung zu dieser Wissenschaft gekommen sind. Sie, die hier vertretene Geisteswissenschaft, rechnet voll — mag sie auch in mancher Beziehung falsch rechnen —, sie rechnet voll mit dem Fortschritte der neueren Wissenschaft, und sie will durchaus in einem Fahrwasser laufen, das an Strenge der Methode, an Gewissenhaftigkeit der Denkweise der modernen Wissenschaftlichkeit nichts nachgibt.

[ 11 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, gerade derjenige, der sich auf den verschiedensten Gebieten einlässt auf diese moderne Wissenschaft mit alledem, was sie gebracht hat, der kommt schließlich zu einem ganz bestimmten Resultate — zu einem Resultate, das, weil es in einer gewissen Weise den Skeptizismus begründet, nicht minder bedeutungsvoll ist.

[ 12 ] Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, ich selber bin viel angefeindet worden aus dem Grunde, weil ich, bevor ich übergegangen bin, dasjenige, was ich auf Grundlage anthroposophischer Erkenntnis zu sagen hatte, weil ich vorher in rein wissenschaftlichen Werken mich auf den verschiedensten Gebieten auszusprechen versuchte. Ich tat es aus dem Grunde, weil ich meine, dass heute eine höhere Weltansicht sich gar nicht irgendwie der Welt anbieten sollte, ohne dass sie sich zuerst gerechtfertigt hat dadurch, dass sie sich auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten umgetan hat. Aber wenn man so eingeht auf diese verschiedensten wissenschaftlichen Gebiete, dann sagt man sich: Trotzdem wir nicht nur in gewissenhafter Weise die äußerlichen Beobachtungsmethoden ausgebildet haben, nicht nur den kombinierenden Verstand und die Experimentierkunst weitergebracht haben, sondern auch zu alledem gekommen sind, was uns die bewaffneten Sinne liefern durch das Teleskop, durch das Mikroskop, durch den Röntgenapparat, durch den Spektral-Apparat und so weiter, und so weiter — trotzdem wir das alles ausgebildet haben, ja gerade weil wir das alles ausgebildet haben, deshalb haben sich für uns die Lebens- und Weltenrätsel nicht vermindert, sondern vermehrt. Und derjenige, der unbefangen an diese wissenschaftliche Entwicklung der neueren Zeit herangeht, der weiß gerade, dass im Grunde genommen mit jedem Blick durch das Teleskop, durch das Mikroskop, mit jedem Ergebnis des Röntgenapparates oder des Spektroskops nicht eigentlich Lösungen desjenigen, was wir Lebens- und Menschenrätsel nennen, auftreten, sondern neue Fragen und immer neue Rätsel, und dass mit jedem solchen Ergebnis immer neuerdings die menschliche Seele nach irgendetwas fragen muss, was eben wenigstens bis zu einem gewissen Grade die Lösung solcher Rätsel bringen kann. Also, nicht eigentlich die Lösungen haben sich geboten den Triumphen der neueren Wissenschaftlichkeit, sondern neue Lebensrätsel und neue Fragen sind aufgetreten, und vor denen steht in einem höheren Maße gerade derjenige, der unbefangen sich einlässt auf das wissenschaftliche Leben der Gegenwart. Das ist auf der einen Seite, nach der Erkenntnisströmung hin; die Entwicklung auf dieser Seite hat uns gebracht eine Summe von neuen Rätseln, neuen Fragen. Aber auch nach der anderen Seite können wir uns umschauen und finden dasjenige, was die letzten Jahrhunderte gebracht haben, wenn wir es unbefangen betrachten, in einem besonderen Lichte. Mit Recht muss man sagen: Dasjenige, was uns die Naturwissenschaft geliefert hat, es hat uns auch praktische Resultate gezeigt. Es hat uns unsere moderne Technik gebracht, und wir dürfen sagen: Das meiste von demjenigen, was uns heute bei jedem Schritt und Tritt des Lebens umgibt, alles dasjenige, was uns an so bedeutungsvollen Fortschritten die Technik gebracht hat, all das ist ja ein Ergebnis der letzten Jahrhunderte und es ist im Grunde genommen hervorgegangen aus den Ergebnissen moderner Wissenschaftlichkeit. Es hat sich hineingestellt diese Technik in das Leben, und das Leben ist in einem hohen Grade abhängig geworden von dieser Technik. Können wir nicht in einem gewissen Sinne vielleicht auch sagen, dass uns da, wie auf der anderen Seite die wissenschaftliche Entwicklung uns vor Rätsel und Fragen gestellt hat, dass uns auch da in Bezug auf die Technik der moderne Fortschritt vor Rätsel und Fragen stellt?

[ 13 ] Im Grunde stehen wir mittendrinnen in diesen Rätseln und Fragen, denn wenn wir hinschauen auf die großen Fortschritte der Technik, dann müssen wir uns sagen: Ja, die sind da, und der Mensch steht auch in einem Leben drinnen, das von dieser Technik beherrscht ist. Aber diese Technik hat noch nicht den Weg gefunden bis zum Menschen hin, sonst hätten wir heute dasjenige nicht als etwas so Brennendes unter uns — meine sehr verehrten Anwesenden —, was man im weitesten Sinne die soziale Frage nennt. Die Menschen haben gelernt, ihre Maschinen zurechtzurücken. Aber dasjenige, was uns durch die Maschinen gebracht worden ist, ist nicht die Lösung der Lebensfragen im vollsten Sinne des Wortes, sondern es fließt aus ihm heraus gerade die größte Lebensfrage: Wie soll dieses menschliche Leben in sozialer Beziehung gestaltet werden, damit die Menschen, die sich betätigen müssen — so wie sie sich einstmals ohne Maschinen betätigt haben —, sich jetzt mit der modernen Technik betätigen müssen, damit diese Menschen sich in voller Verständigung im sozialen Leben zusammenfinden? Wie uns auf der anderen Seite Erkenntnisfragen und Erkenntnisrätsel die moderne wissenschaftliche Entwicklung aufgegeben hat, so hat uns die moderne Technik, welche aus dieser wissenschaftlichen Entwicklung hervorgegangen ist, aufgegeben die große Frage: Wie soll das Leben eingerichtet werden, damit der Mensch findet die Möglichkeit, ein menschenwürdiges Dasein innerhalb des durch die Technik durchzogenen Lebens zu finden? So könnte man sagen: Sowohl die theoretischen wie auch die praktischen Fragen des Lebens, sie sind eigentlich aus der modernen Zivilisation hervorgegangen. Und heute steht man in der vollen Entwicklung nicht von Lösungen darinnen, weder von theoretischen und Empfindungslösungen noch von praktischen Lösungen, sondern man steht überall vor Fragen, vor Rätseln, die sich auftürmen, die an den Menschen Anforderungen stellen, die nicht mehr länger unberücksichtigt bleiben dürfen.

[ 14 ] Das — meine sehr verehrten Anwesenden — muss man in aller Lebendigkeit empfinden, wenn man gerecht werden will den Aufgaben, die das Goetheanum in Dornach stellt. Denn man kann sagen: Diejenigen, die verbunden sind mit der Begründung und dem Ausbau dieses Goetheanums, das sind eben durchaus Menschen, welche dieses Brennende auf der einen Seite der Erkenntnis, auf der anderen Seite der Lebensfragen in der modernen Zeit durchaus empfinden, und welche dasjenige, was Menschen möglich ist, dazu beitragen möchten, dass solche Lebensaufgaben, wie sie sich darstellen, in Angriff genommen werden können.

[ 15 ] Sehen wir doch, wie auf der einen Seite die Menschen leichtgeschürzte Lösungen geben: Ein Mensch wie Haeckel glaubte in seinen «Weltenrätseln» leichtgeschürzte Lösungen zu geben, während aus alledem, was er bieten konnte, eben nur neue Rätselfragen sich auftürmen. Und Menschen, die da glauben, im praktischen Leben drinnenzustehen, sie glauben auch, dass zum Beispiel die Produktionsverhältnisse dasjenige hervorbringen, was menschliche Lebensbeziehungen sind. Wir hören es immer wiederum von sozialdemokratischer Programmseite her betonen, die Produktionsverhältnisse seien es, welche das Leben, welche die Lebensform geschaffen hätten.

[ 16 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, gerade an dem, was uns da entgegentritt mit Bezug auf die moderne Technik, kann man einsehen, dass ja die Produktionsverhältnisse, die durch diese moderne Technik geschaffen worden sind, gerade eben die Lebensform, die zu ihnen gehört, diese Forderung nicht gebracht haben. Hätten sie sie gebracht, so hätten wir ja eben keine soziale Frage.

[ 17 ] Demgegenüber muss man schon fragen: Was charakterisiert denn nun eigentlich dieses moderne Leben? Denn schließlich hängt es doch davon ab, dass der Mensch eine Möglichkeit finde, aus dem, was er menschlich einsieht, was er menschlich empfinden, was er menschlich wollen und tun kann, aus dem heraus sich in das Leben hineinzustellen. Man kann leicht sagen, heute handelt es sich um wirtschaftliche Fragen, die Menschen müssen vor allen Dingen über die nächsten Brotfragen hinauskommen.

[ 18 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, über diese Brotfrage kommt man nicht anders hinaus als dadurch, dass man dasjenige, was die Erde darbietet dem Menschen, in der richtigen Weise für die Menschheit verwertet und in den Verkehr überführt. Dasjenige aber, was dazu zu geschehen hat, das hat nicht anders zu geschehen als durch dasjenige, was der Mensch empfinden, tun und wollen kann, womit der Mensch sich in die Welt hineinstellen kann. Im Grunde genommen ist es die Weltanschauung, ist es das innere geistige Können des Menschen, welches allein Abhilfe schaffen kann auch in den alleräußersten wirtschaftlichen Fragen. Daher muss man schon auf dasjenige hinschauen, was dem Menschen innerlich die Seele durchgeistigen kann, was den Menschen antreiben kann zu einem fruchtbaren Wollen, zu demjenigen, was zugrunde liegen kann einer menschlichen Verständigung, wenn man auf die großen Fragen der Gegenwart, auf die Aufgaben unserer Zeit einen richtigen Blick werfen will. Da muss man sagen: Dasjenige, was im Dornacher Goetheanum angestrebt wird, was bis zu einem gewissen Grade an der Arbeit da draußen sichtbar ist, das regt vielleicht doch manche zu einem Nachdenken über die Stellung des Menschen im Laufe der Menschheitsentwicklung an.

[ 19 ] Ich sagte vorhin — meine sehr verehrten Anwesenden —, man kann in Dornach sehen, wie über wissenschaftliche Fragen aus einem Geiste heraus gesprochen wird, der zu gleicher Zeit derselbe Geist ist, aus dem künstlerische Naturen an dem Goetheanum selber in Bezug auf seine äußere Architektur, Plastik, Bildnerei gearbeitet haben. Und ich sagte, dass nicht nur irgendeine Einheitlichkeit herrscht zwischen dem, was wissenschaftlich da draußen getrieben wird, und dem, was künstlerisch geschaffen ist, sondern dass auch eine gewisse religiöse Stimmung sowohl durch das wissenschaftliche wie durch das künstlerische Schaffen hindurchgeht. Derjenige, der sich wirklich einlebt in diesem Goetheanum in Dornach, der wird finden, dass eine gewisse Einheit zwischen drei menschlichen Offenbarungsweisen des inneren Wesens dieses Menschen besteht — zwischen Wissenschaft, Religion und Kunst. Nicht spreche ich natürlich davon — das möchte ich stark betonen —, dass in Dornach irgendwie eine neue Religion gestiftet werden soll. Darum kann es sich gar nicht handeln, sondern einzig und allein darum kann es sich handeln, dass dasjenige, was geschaffen wird in Wissenschaft und in Kunst, von einem religiösen Geiste zugleich durchzogen ist.

[ 20 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Diese moderne Zivilisation, die ich nach anderen Richtungen eben charakterisiert habe, sie ist ja eben dadurch gekennzeichnet, dass in ihr immer mehr ja auseinandergefallen sind Wissenschaft, Religion und Kunst. Das ist das Eigentümliche des modernen Geistes, dass er die Wissenschaft aus einem ganz anderen Sinn heraus pflegen möchte als dasjenige, was Inhalt des religiösen Lebens ist, und wiederum, dass er nichts wissen will von der Einheit von Wissenschaft und Kunst. Verklungen sind im Grunde genommen jene Anschauungen, von denen noch Goethe — von dem das Goetheanum den Namen hat, vielleicht auch gerade aus solchen Gründen, wie ich sie ja jetzt wieder angedeutet habe —, verklungen ist dasjenige, was noch in Goethes Anschauungen lag, dass Wissenschaft auf der einen Seite gepflegt werden soll durch die Verfolgung desjenigen, was in der Strömung der Wahrheit liegt, aber dass auch Kunst aus demselben Geiste herausschaffen soll.

[ 21 ] Goethe hat ja — das ist bekannt — während seines ganzen Lebens auch wissenschaftlichen Interessen obgelegen. Er hat sich getreulich damit beschäftigt, wie die Pflanze ihre verschiedenen Formen bildet, wie die Tiere organisch auseinander durch Metamorphose entstehen; er hat sich mit anderen Wissenschaften betätigt. Er hatte bei alldem ein Künstlerisches im Auge. Das Künstlerische dachte er sich so, dass, indem der Mensch dasjenige, was er auch wissenschaftlich durchdringen kann, mit der Seele erfasst, dass er es dann innerlich gestaltet, dass dasjenige, was er auf der einen Seite gestaltenlos, wissenschaftlich sich zu eigen macht, dass das in ihm selber Gestalt annimmt, sodass er das Kunstwerk daraus schaffen kann. Goethe dachte [sich eine innige Beziehung] zwischen der Wahrheit, die herrschen soll in der Wissenschaft, und der Wahrheit, die herrschen soll in der Kunst. Diese Dinge sind heute fast ganz verklungen, und das kommt eben daher, dass die moderne Zivilisation durchaus darauf aus war, Wissenschaft, Religion und Kunst als drei verschiedene Gebiete zu betrachten, die aus verschiedenen Untergründen des menschlichen Lebens heraufschießen und die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.

[ 22 ] Das war an dem Ausgangspunkte der Menschheitsentwicklung nicht so. Aus dem, was uns heute vorliegt, können wir diesen Ausgangspunkt nur außerordentlich schwer noch erkennen. An dem Ausgangspunkte der Menschheitsentwicklung war es so, dass die Menschen eine besondere, andere Art des Erkennens hatten — nicht diejenige Erkenntnis, die heute besonders geschätzt wird, welche nur auf die äußeren Naturdinge geht und diese äußeren Naturdinge besonders beobachtet mit den bewaffneten menschlichen Sinnen —, das sie mit dem gewöhnlichen menschlichen Verstande kombinierten. Nein, am Ausgangspunkte der menschlichen Erkenntnis stand die Fähigkeit, zu alledem, was Augen beobachten, was durch den Verstand kombiniert werden kann, dass sich zu alledem gesellt ein gewisses geistiges Anschauen der Dinge, ein Durchschauen der äußeren Welt, sodass einem mit demjenigen, was die Sinne wahrnehmen, was der Verstand kombinieren kann, auch die inneren geistigen Entitäten, die innere Wesenhaftigkeit der Dinge vor Augen treten kann, nämlich vor das geistige Auge treten kann.

[ 23 ] Und [in] dasjenige, was der Mensch am Ausgangspunkte seiner Entwicklung, und noch bis in Jahrhunderte hinein — auf die wir zurückblicken können als eigentlich gar nicht so weit zurückliegende —, in diejenige Erkenntnis hinein, die der Mensch sich da aneignete, leuchtete so sehr etwas Geistiges, dass der Mensch dieses Geistige, das ihm aus der Wissenschaft selber kam, zu gleicher Zeit als das Göttlich-Geistige in der Natur, in allem, allem, empfand. Er kannte nicht eine Wissenschaft für sich und irgendetwas, was geistig ihm gegeben werden sollte durch einen Glauben, sondern er kannte eine Wissenschaft, die zu gleicher Zeit die Beobachtung der äußeren Natur lieferte und auch dasjenige, was seinen Naturdingen und dem ganzen Leben als geistige Wesenhaftigkeit zugrunde liegt. Er kannte in dem, was ihm die Wissenschaft gab, zu gleicher Zeit das Göttliche, sodass die Wissenschaft für ihn wurde zu gleicher Zeit die Offenbarerin desjenigen, was er aus dem Innersten seines Gemütes heraus verehren konnte. Dasjenige, was seine Vernunft begriff, das erschien seiner Seele so, dass er es zugleich religiös verehren konnte. Wenn wir zurückgehen in diejenigen Stätten, die in alten Zeiten zugleich Schul- und religiöse Stätten waren — in die Mysterienstätten —, so finden wir, dass dasjenige, was da durch eine Wissenschaft geoffenbart wurde, zu gleicher Zeit die Botschaft war von dem, was die Welt göttlich durchsetzt. Sodass dasjenige, was das Wort der Wissenschaft aussprach, zu gleicher Zeit dasjenige gab, was Menschen die Götterverehrung abrief.

[ 24 ] Und weiter kann man gehen. Dasjenige, was in dieser Beziehung auf der einen Seite so geboten wurde, dass es Erkenntnis war, auf der anderen Seite so, dass es auch das menschliche Gefühlsleben in Anspruch nahm, sodass der Mensch seinem Verehrungsbedürfnis seines Göttlichen durch dasjenige, was er wissen durfte, Abhilfe schaffen konnte, Befriedigung schaffen konnte, das wurde ihm so gegeben, dass es nicht abstrakt war und passiv an ihn herantrat, ihm ein bloßes Kopfwissen gab, gewissermaßen sich nur denken ließ, sondern es wurde ebenso gegeben, dass es lebensvoll war, dass es so in sein Leben eingriff, wie — sagen wir — äußere Verhältnisse in sein Leben eingreifen, irgendeine Freundschaft, irgendwelche sonstigen Verhältnisse, die den ganzen Menschen durchdringen. Unser heutiges Wissen, das kann uns so kaltlassen, dass wir uns in Laboratorien begeben, da forschen; wenn wir draußen sind, so beschäftigen wir uns nicht mehr weiter. Das Leben ist etwas Abgesondertes von diesem Forschen. Oder aber wir setzen uns an den Tisch und treiben irgendeine Wissenschaft. Wir treiben sie so lange, als wir an dem Tische sitzen. Dann spielt sich das Leben draußen ab.

[ 25 ] Dieses Leben, das nimmt aber den ganzen Menschen in Anspruch. Dieses Leben fordert mehr als eine bloße Kopfanstrengung. In dieses Leben müssen wir uns mit unserer ganzen Persönlichkeit hineinwerfen. Solche Begriffe, wie man sie heute nur im Laboratorium erfahren kann, wie man sie erfahren kann am Lesetisch und so weiter, solche Begriffe, die nur den Kopf in Anspruch nehmen, die nur die Vernunft und den Verstand beschäftigen, die gab es in den alten Lehrstätten nicht. Da gab es solche Begriffe, die wie lebendige Mächte den ganzen Menschen, wie das Leben selber den ganzen Menschen in Anspruch nahm, sodass alles dasjenige, was Technik, was vor allen Dingen Kunst war, zugleich aus diesen Ideen hervorging. Man hatte Ideen durch das Wissen bekommen, durch die man sein Erkenntnisbedürfnis befriedigte. Man hatte zugleich in diesen Ideen etwas, dem sich das Gemüt, das Gefühl verehrend hingeben konnte. Man wusste den Willen durchpulst von demjenigen, was einem da kam, sodass der Wille es hineingießen konnte in die äußere Materie, dass er im gewöhnlichen Leben Technik, im erhöhten Leben Kunst schaffen konnte. Und in den Kultushandlungen hatte man nichts anderes, als dass zunächst an den Weihestätten angeregt werden sollte, aus demjenigen, was Erkenntnis- und Religionsinhalt war, zu gleicher Zeit Künstlerisches und Technisches, Lebensvolles herauszuschaffen. Menschliches Erkennen, menschliches verehrungsvolles Fühlen des Göttlichen in der Welt, menschliches Schaffen, sie waren eine Einheit. Die Menschheit hätte sich nicht weiterentwickeln können zu denjenigen Formen der Zivilisation, zu denen sie sich notwendig entwickeln musste, wenn unbegriffen also das Leben geblieben wäre. Es ist durchaus eine Bereicherung des Lebens, dass sich dasjenige, was gewissermaßen eine undifferenzierte Einheit am Ausgangspunkte der Menschheit [war] — und selbst noch in solchen Zeiten wie denjenigen, welche dem älteren Griechentum zugrunde lagen — gebildet hat. Es ist durchaus notwendig gewesen, dass die Menschheit über diese unbegriffenen Zivilisationsinhalte hinausgekommen ist, besonders ausgebildet hat ein wissenschaftliches Gebiet, ein religiöses Gebiet, ein künstlerisches Gebiet. Aber was ist dadurch entstanden, meine sehr verehrten Anwesenden?

[ 26 ] Wir haben allmählich ein religiöses Gebiet erhalten, das wir, wie ich gesagt habe, retten wollen vor den Anstürmen der modernen Wissenschaftlichkeit, die doch angenommen werden von allen Menschen und immer mehr und mehr auch von denjenigen angenommen werden, die heute noch nicht sie angenommen haben. Es hat sich immer mehr und mehr die Sehnsucht gebildet, neben diesen Anforderungen und Anstürmen der modernen Wissenschaftlichkeit ein Glaubensgebiet zu begründen, in das nicht hineinsprechen soll die Wissenschaft, in dem man sich aufklären soll von demjenigen, was gerade die intimsten, die innersten, die heiligsten Angelegenheiten der Seele des Menschen selber sind. Und unvermittelt stehen nebeneinander die Wissenschaft, die nichts aussagen will, weil sie behauptet, nichts sagen zu können über das Ewige, über das Übersinnliche der Menschenseele, und der Glaube, der zwar durchaus etwas aussagen will, etwas offenbaren will über dieses Ewige, über dieses Übersinnliche der Menschenseele, aber der zurückschreckt davor, demjenigen, was er annimmt, irgendeine solche Bedeutung zu geben, wie sie die äußere Wissenschaft ihren Aufstellungen gibt. Man kann definieren, man kann irgendwie charakterisieren eine solche Trennung. Man kann aber auf die Dauer unter einer solchen Trennung nicht leben, denn das gläubige Gemüt, es muss sich auf die Dauer beengt fühlen, wenn die Wissenschaft auftritt auf der einen Seite und sich ergeht über ein gewisses Gebiet mit ihrem auf Gewissheit Anspruch machenden Urteil, und wenn sich als eine besondere Art des Weges zur Wahrheit geltend machen will die Glaubenswahrheit, die gerade über das Allerwichtigste der Menschenseele Auskunft geben soll.

[ 27 ] Man sieht heute noch nicht klar auf diesem Gebiete, und deshalb versucht man immer wieder und wiederum zu rechtfertigen diese Trennung von Wissenschaft und Glauben. Aber die Menschheit leidet darunter. Und dasjenige, was sie leidet von dieser Seite her, es spielt sich vielfach im Unterbewussten ab. Aber es tritt herauf nicht in seiner ursprünglichen Form in das menschliche Leben. Der Mensch wird dadurch auch selbst in seiner Verstandesentwicklung eingeengt; er wird zu Urteilen getrieben, die nicht sicher genug durch das Leben gehen; er wird abgestumpft in seinem Urteil. Und wenn wir heute fragen: Warum finden wir im praktischen Leben so vielfach an der Stelle klarer Einsicht, an der Stelle eines wirklichkeitsgemäßen Sinnes eine bloße Routine? Warum haben wir uns im praktischen Leben, im Wirtschaftsleben in so furchtbare, katastrophale Zeiten hineingebracht? Dann müssen wir sagen: Ja, da tritt es hervor, was das menschliche Urteil nicht vermag. Man sieht nur nicht den Zusammenhang mit etwas anderem.

[ 28 ] Dass wir es nicht dazu gebracht haben, eine solche Umschau zu entwickeln im äußeren wirtschaftlichen, im praktischen Leben, dass unsere Urteile mit anderen Worten so kurzmaschig geworden sind in diesem praktischen Leben, dass sie uns das soziale Chaos heraufgebracht haben, das rührt für den, der die Sache durchschaut, davon her, dass wir uns unsere Urteilsfähigkeit beirrt, eingeengt haben; indem wir auf der einen Seite unsere wissenschaftliche Urteilsfähigkeit beschränken wollen auf dasjenige, was sich bloß äußerlich beobachten und mit dem Verstande kombinieren lässt und diese Urteilsfähigkeit abstumpft, wenn es sich um die allerwichtigsten Angelegenheiten der Seele handelt, um das Übersinnliche, das Ewige der Seele. Dasjenige, was da in unseren Urteilen zusammengefügt wird dadurch, dass wir in der Schule so aufgezogen werden, dass wir nicht dürfen dasjenige, was uns wissenschaftlich anerzogen wird, in das Erfassen des Innerlich-Seelischen hineinführen, das bildet eine solche Urteilsform in uns, dass wir dann kurzmaschige Gedanken auch haben, wenn wir wirtschaftlich denken sollen, dass dadurch die Katastrophen herauskommen.

[ 29 ] Und so leben wir heute in der furchtbaren Tragik darinnen, dass Theoretiker, dass Vertreter religiöser Bekenntnisse immer wieder und wieder davon deklamieren, die Glaubenswahrheiten müssen von den wissenschaftlichen Wahrheiten getrennt gehalten werden, dass das in unsere Pädagogik, in unsere Didaktik hineinspielt. Man muss einsehen — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass da gezüchtet wird diejenige menschliche Kurzsichtigkeit, die auf, ich möchte sagen unterbewusstem Wege herüberschlägt in das praktische Urteil, diejenige Kurzsichtigkeit, die uns dann auch in das Chaos des Wirtschaftslebens hineingeführt hat. Diese inneren Zusammenhänge, sie muss man sehen, denn maßgebend für das Leben ist der Mensch selbst, sind nicht die äußeren Wirtschaftsverhältnisse, sind nicht die äußeren Einrichtungen, sondern maßgebend für das äußere Leben ist einzig und allein der Mensch. Ist der Mensch in einer falschen Richtung erzogen auf einem Gebiete des praktischen Lebens, ist das auch auf anderen Gebieten so. Und wenn der Mensch auf der einen Seite zu einer Stumpfheit eines Urteils getrieben wird, so wird diese Stumpfheit des Urteils gerade auf praktischem Gebiete, wo er einsichtig sein soll, wo er die Welt durchschauen soll, wird sich das gerade geltend machen.

[ 30 ] Und wiederum — meine sehr verehrten Anwesenden —, das Künstlerische am Ausgangspunkte der Menschheit, ich habe es eben versucht zu charakterisieren, da war es so, dass der Mensch eben erfasste das Übersinnliche mit dem Sinnlichen zugleich, und dass er den sinnlichen Formen aus seinem Erfassen des Übersinnlichen in der Kunst ihr Gepräge gab. So offenbarte sich die Kunst aus demselben Urquell heraus, aus dem Wissenschaft und Religion stammte. Goethe empfand noch etwas von diesem Zusammenhange, als er seine merkwürdigen, bedeutungsvollen Worte sprach:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion.
Wer beide nicht besitzt, der habe Religion.

[ 31 ] Aber solche Anschauungen, solche Empfindungen sind eben eigentlich heute schon vollständig verklungen, und daher sind wir in der Kunst dazu gekommen, auf der einen Seite in reinen Naturalismus zu verfallen, die Nachahmung der Natur zu dem Einzigen zu machen, was angestrebt wird. Und da man in der neueren Zeit dieser Nachahmung müde wurde, da man endlich einsah, dass mit dieser Nachahmung der Natur, mit diesem bloßen Naturalismus im Grunde genommen doch nichts geboten werden kann, was in irgendeiner Weise die Natur übertrifft — denn schließlich, wenn einer bloß naturalistisch ist, muss man ihm sagen, da sieht man doch noch lieber die Natur an als dasjenige, was er bloß nachahmen will, denn so weit als es die Natur bringt, kann man es in der Kunst nicht bringen, wenn man bloß nachahmen will. Als man das durchschaute, da suchten nun die Menschen — und das ist durchaus begreiflich und sogar von einem gewissen Gesichtspunkte gerechtfertigt —, da suchten nun die Menschen heute aus ihrem Innern heraus im Expressionismus, in allen möglichen anderen Strömungen, suchten sie dasjenige, was nicht in der Natur ist, was aber der Mensch an Übersinnlichem in seinem Inneren erleben kann, irgendwie in Farbe und Form festzuhalten. Das ist ein Suchen, das ist erst recht wiederum etwas, was eine Aufgabe unserer Zeit auch wiederum auf künstlerischen Gebieten darstellt.

[ 32 ] So sehen wir, dass gewissermaßen auch die Kunst, indem sie sich getrennt hat von den anderen Gebieten des menschlichen Geistesstrebens, auf Abwege, auf Irrwege gekommen ist. Aber es musste diese Differenzierung eintreten — ich sagte es schon —, sonst würde die menschliche Zivilisation ja nicht haben vorschreiten können. Aber wir leben heute wiederum in einer Zeit, wo dasjenige, was sich voneinander getrennt hat, in der Trennung so wirkt, dass es, indem der Mensch es auf sich wirken lässt, diesen Menschen anfängt zu zerreißen. Wir lebten allmählich als Menschheit in einer Wissenschaft, die uns über die äußere Natur in einer wunderbaren Weise unterrichtet, die uns aber, indem wir in sie eindringen, entfremdet gerade demjenigen, was wir brauchen, wenn wir aufgeklärt sein wollen über die eigene Seele. Und wir sind gekommen zu einem religiösen Leben, das sich, ich möchte sagen ein eigenes Wahrheitsgebiet schaffen musste, weil es sich nicht getraute, die Wissenschaft selbst herbeizurufen, um ebenso, wie sie in das Sinnliche eindringt, durch sie selbst auch in das Übersinnliche einzudringen. Und die Kunst wandte sich an die Natur oder wendet sich an allerlei zufällige menschliche Erlebnisse im Impressionismus, im Expressionismus, im Naturalismus und so weiter, und so weiter, um ihre selbstständige Stellung zu haben. Aber man gibt sich dann hin dieser Kunst.

[ 33 ] Man muss gewissermaßen dasjenige, was im Menschen eine Einheit ist, das Denken, das Fühlen und das Wollen, man muss es zerspalten, zerklüften. Dasjenige, was äußerlich lebt, indem es auf den Menschen wirkt, zerklüftet es den Menschen. Heute sind wir durchaus an einem Punkte der menschlichen Entwicklung angelangt, wo der Mensch in einer Weise sich selber dadurch verloren hat, dass in dieser Weise die verschiedenen, wichtigsten, wesentlichsten Wissenszweige seiner Betätigung — der wissenschaftlichen, der religiösen und der künstlerischen Zweige —, dass diese auseinandergehen, dass er sie nicht mehr zusammenzuhalten vermag.

[ 34 ] Sehen sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, das ist es, was derjenige fühlen muss, der auf der einen Seite einen unbefangenen Sinn hat, um die richtigen Tendenzen der Zivilisation unserer Zeit zu durchschauen, und der auf der anderen Seite ein Herz und einen Sinn hat für dasjenige, was praktisch, was wirtschaftlich, geistig, was unterrichtlich, was im erzieherischen Sinne unserer Zeit fehlt und was uns in die Katastrophe hineingebracht hat. Wer ein wirkliches Herz hat für die Not und das Elend unserer Zeit, und auf der anderen Seite unbefangen schauen kann, wie die menschlichen Seelen zerklüftet werden, der sieht einen Zusammenhang zwischen beiden, denn er sieht, dass dasjenige, was im Leben heute katastrophale Formen angenommen hat, davon herrührt, dass die Menschen innerlich zerklüftet sind und sich nicht hineinzustellen wissen in das Leben.

[ 35 ] Dem tritt die Geisteswissenschaft gegenüber, wie sie gezählt wird zu den Aufgaben des Goetheanums in Dornach. Diese Geisteswissenschaft spricht davon — und ich habe es oftmals in diesen Vorträgen hier dargestellt, das Einzelne —, heute möchte ich mich auf diese Vorträge beziehen und nur darauf hinweisen, sie finden es aber auch in meinen Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» und so weiter im Einzelnen ausgeführt. Diese Geisteswissenschaft, wie sie in Dornach gepflegt werden soll, wie sie durch das Goetheanum allmählich der Zivilisation einverleibt werden soll, sie spricht davon, dass es nicht nur ein solches Wissen gibt, wie dasjenige ist, was an die äußere Sinnenbeobachtung, an die Bewaffnung der äußeren Sinne — Teleskop, Mikroskop und so weiter — sich hält, und an den kombinierenden Verstand, sondern dass der Mensch in sich Fähigkeiten trägt, die zunächst im gewöhnlichen Leben, in der gewöhnlichen Wissenschaft latent, verborgen sind, die heruntergeholt werden können durch die Mittel, die ich in den genannten Schriften angegeben und in den früheren [Vorträgen] hier dargestellt habe. Diese Geisteswissenschaft spricht davon, dass das gewöhnliche, gegenständliche, äußere Erkennen der Wissenschaft sich hindurcharbeiten kann zu einem höheren Erkennen: Imagination, Inspiration, Intuition im tieferen Sinne. Diese Geisteswissenschaft spricht von verschiedenen Stufen der Erkenntnis, die ins Übersinnliche wiederum hineinführen, die das Wissen selber hinauftragen in das übersinnliche Gebiet.

[ 36 ] Und wenn man in dieser Weise solche Erkenntnismethoden ausbildet — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann erlangt man eine besondere Stellung zu der modernen Wissenschaftlichkeit. Vor allen Dingen, diese moderne Wissenschaftlichkeit, sie hat es auf den verschiedensten Gebieten wahrhaftig weit gebracht! Denken wir nur — wir könnten auch ein anderes Gebiet natürlich untersuchen hier, aber denken wir nur an dasjenige, was als die Entwicklungslehre in der neueren Zeit hervorgetreten ist. Man braucht nicht an den extremen materialistischen Darwinismus zu denken, nur an die Entwicklungslehre, wie sie begründet worden ist in der neueren Zeit, wie das für die verschiedensten Sphären gewissenhaft methodisch ausgebildet worden ist, und man wird sich sagen: In Bezug auf alles dasjenige, was da geleistet werden konnte, ist Großes geleistet worden. Man überschaut in der Tat in Bezug auf die Form, die Wesenheit, von dem Unvollkommeneren zu dem immer Vollkommeneren herauf, man sagt sich dann: An der Spitze dieser Reihe steht der Mensch. Man sieht einen Zusammenhang zwischen dem Menschen und den übrigen Wesenheiten. Man kann, indem man so etwas überschaut, durchaus auf dem Gebiete des äußeren, gegenständlichen Erkennens bleiben.

[ 37 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — der Mensch wird auf diese Weise nicht begriffen. Das ist, ich möchte sagen nur ein Spezielles gegenüber dem Allgemeinen, was ich vorhin gesagt habe. Der Mensch, er wird nicht begriffen dadurch, dass man die Methoden der modernen Wissenschaftlichkeit auf die Natur und auf den Menschen anwendet, so wie man es bis heute gewöhnt worden ist. Dazu ist etwas anderes notwendig. Aber wenn man sich heraufarbeitet von dieser gewöhnlichen Erkenntnis, wie sie heute gepflegt wird, zu dem, was die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Imagination nennt, wo sich umwandelt dasjenige, was sonst nur abstrakt begriffen ist, in die Bildauffassung, aber eine Bildauffassung, die weder ein Traum ist noch eine Phantasie, sondern die in sich trägt die Sicherheit darüber, dass man es mit dem Bilde einer geistigen, nicht einer physischen Wirklichkeit zu tun hat — wenn man sich zu dieser Imagination, zu dieser Bildauffassung heraufentwickelt durch die übersinnlichen Erkenntniskräfte, wie ich sie geschildert habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann sieht man ein, indem man erkennend vor den Menschen schon seiner Gestalt nach hingestellt ist: Man kann ihn nicht begreifen mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft, man muss übergehen lassen das Denken in ganz andere innere Seelenerlebnisse, wenn man den Menschen begreifen will.

[ 38 ] Man kann sagen, der Mensch habe soundso viel Knochen, und kann diese vergleichen mit der Zahl der Knochen der höheren Tiere, man kann seine Muskeln zählen, kann die Form seines Herzens anschauen, kann das alles mit den Mitteln der gewöhnlichen Wissenschaft tun; dann aber kommt etwas, wo diese gewöhnliche Wissenschaft zu nichts führt, wo man sie umwandelt bloß innerlich im Seelenleben, wo man versuchen muss, dasjenige zu erfassen am Menschen, was nur mit der Imagination erfasst werden kann, wo man den Menschen so anschauen muss — seiner Gestalt nach schon, wenn er vor uns steht —, dass man sich sagt: Ja, der Mensch hat soundso viel Knochen wie auch die höheren Tiere, aber diese Knochen sind aus gewissen Formen herausgehoben, ihnen sind andere Formen gegeben. Man kann den Stoffwechsel der höheren Tiere prüfen, und man kann dann den Stoffwechsel des Menschen anschauen. Wenn man ihn ansieht mit imaginativer Erkenntnis, man wird ihn herausgehoben finden, man wird den Menschen anders in die Welt gestellt finden, wenn man das Ganze vom Standpunkte der imaginativen Erkenntnis geistig durchschaut.

[ 39 ] Was geschieht aber da? Da geschieht nämlich nichts Geringeres, als dass sich allmählich heraufverwandelt dasjenige, was sonst abstraktes Verstandes- und Beobachtungserkennen ist, in künstlerisches Erfassen. Nun, — meine sehr verehrten Anwesenden —, man mag noch so wettern gegen dieses künstlerische Erfassen des Menschen, wenn man die ganze Tierreihe durchgenommen hat mit den Mitteln der gewöhnlichen Wissenschaft. Man kann sagen: Künstlerisches erfasse sie doch nicht, [die] Wissenschaft. Gewiss, jemand kann die schönsten logischen Gründe finden, um zu beweisen, dass Kunst [nichts mit] Wissenschaft darinnen zu tun hat. Mag er das tun, man wird ihm recht geben in Bezug auf all das, was er logisch da ausdenkt, wozu er kommt. Man wird all denjenigen recht geben, die sagen: Wissenschaft, wie wir sie meinen, in die darf nicht hereinspielen irgendein künstlerisches Erfassen der Wirklichkeit.

[ 40 ] Aber dem steht etwas anderes gegenüber, meine sehr verehrten Anwesenden. Wenn Wirklichkeit nun so ist, dass sie sich diesem Erkennen nicht ergibt, wenn die Wirklichkeit so ist, dass man ihr nur nahekommt mit künstlerischem Erfassen, mit dem Übergehenlassen der abstrakten Begriffe in imaginativ-künstlerische Formen, dann mag der Mensch noch so lange debattieren, dass die Kunst nichts zu tun hat mit der Wissenschaft, dann, dann muss er eben zugestehen, dass er mit seiner Wissenschaft außerhalb des Wirklichen bleibt und dass, wenn er in diese Wirklichkeit hineingehen will, er diese Wissenschaft umgestalten muss zu einem künstlerischen Erfassen der Wirklichkeit. Das ist dasjenige aber, wo hineinführt anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Die Wirklichkeit ergibt sich nicht jenen Abstraktionen und jenen wissenschaftlichen Methoden, auch denjenigen nicht, die mit Teleskop und Mikroskop arbeiten, die mit Röntgenapparat und mit der Spektralanalyse arbeiten; die Wirklichkeit ergibt sich diesem an der äußeren Natur bloß gewonnenen Denken selbst für die menschliche Gestalt nicht, sondern die Wirklichkeit ergibt sich erst dann in Bezug auf die menschliche Gestalt, wenn man die Begriffe, die man in der Wissenschaft gewonnen hat, auf dem höchsten Gipfel ins Künstlerische umgestaltet. Dann schaut man auch die menschliche Gestalt künstlerisch. Und auf dieses künstlerische Erfassen, zu diesem künstlerischen Erfassen führt dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist.

[ 41 ] Gewisse Fragen, die sich gerade ergeben für den Menschen, Fragen, die zum Beispiel als die herbsten Lebensund Weltenrätsel dastehen, zum Beispiel in der Medizin, in der Heilkunde, wo der Mensch als solcher behandelt werden muss — sie lösen sich nur vor einer solchen imaginativen, künstlerischen Beobachtung des Menschen. Da ist nicht nur die äußere Gestalt, die infrage kommt, da ist es gestaltet bis hinein in die Stoffverwandlung, da enträtselt sich alles dasjenige, was in dem einzelnen Organ ist, vor jenem Sinn, der nicht davor zurückscheut, das abstrakte Erkennen, das niemals eine Brücke schlagen wird zwischen Pathologie und Therapie, der nicht davor zurückscheut, dieses abstrakte und rein äußerlich beobachtete Erkennen heraufzuführen in ein künstlerisches Erfassen desjenigen, was menschliche Gestalt, aber auch innere menschliche Gestalt in der Stoffumwandlung ist.

[ 42 ] Sehen Sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, das ist es, was zu den Aufgaben des Goetheanums in Dornach gehört. Wir negieren nicht dasjenige, was in den Laboratorien, was in den physikalischen Instituten, was auf der Klinik geleistet wird, was im astronomischen Observatorium geleistet wird, im Gegenteil, wir möchten, durchleuchtet von unserem Geiste, gerade solche Anstalten begründen, damit in sie die Methoden der Geisteswissenschaft hineingetragen werden können. Das ist dasjenige, was zunächst als ein Zentralbau — das Goetheanum — in Dornach vorhanden ist. Dem müssen angegliedert werden solche Anstalten gerade, damit in das Laboratorium, in das physikalische Institut hineingetragen werde an Methodik, was aus den Experimenten, aus der Beobachtung heraus zugleich den Geist erkennen lässt; zugleich dasjenige, was zum Beispiel auf dem Gebiete der Medizin die Brücke schlägt zwischen dem, was Pathologie und Therapie ist, wo man in der Therapie eben die Heilmittel entnehmen muss aus der großen Welt, dem Makrokosmos, und sie auf den Menschen, den Mikrokosmos, anwenden muss.

[ 43 ] Das ist dasjenige — meine sehr verehrten Anwesenden —, was innerlich macht, dass die Dornacher Methode durch ihre strenge Wissenschaftlichkeit selber in das Künstlerische hineinführt, indem man zeigt, dass der Mensch, wenn er die Kräfte seiner Seele entwickelt, von dem gewöhnlichen Erkennen und der Wissenschaft des gewöhnlichen Lebens zu Imaginationen aufsteigt, steigt man zugleich zu dem auf, wo die Wissenschaft, indem sie streng Wissenschaft bleibt, in künstlerisches Erfassen hineinkommt. Auf dasjenige, was Goethe vorempfunden hat, kommt man wiederum zurück. In einem modernen Sinne wird dasjenige entwickelt, was am Ausgangspunkte der Menschheitsentwicklung war, und was sich eine Weile in der Menschheitsentwicklung differenzieren und trennen musste, damit die Zivilisation hat vorwärtskommen können, was aber jetzt den Menschen zersprengen würde, wenn er nicht wiederum die Vereinigung finden würde.

[ 44 ] Aber nicht äußerlich müssen wir irgendwie anleimen das Künstlerische an das Wissenschaftliche; Symbolik oder Allegorie ist uns ganz fremd, sondern die Wirklichkeit selber wollen wir prägen. Wir wollen wissenschaftlich sein, viel strenger, als man in unseren Bildungsanstalten das heute gewohnt ist. Aber, gerade weil wir die wissenschaftliche Methode haben und ihr Ende nicht nur erdenken, sondern erleben wollen, so strömt eben dasjenige, was wissenschaftliches Leben ist, eben damit die volle Wirklichkeit erfasst werden könne, in ein künstlerisches Erfassen hinein. Und deshalb können wir auch wiederum in dem, was wir äußerlich darstellen, in künstlerischen Formen, aus dem Geiste selber heraus erfassen.

[ 45 ] Das ist dasjenige, was aus der inneren Natur anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft die Brücke schafft zwischen Wissenschaft und Kunst, jene Brücke, die einstmals da war, jene Brücke, die wiederum gefunden werden muss und die fruchtbringend sein wird für alle einzelnen wissenschaftlichen Gebiete, die aber zugleich dahin führen wird, dass aus demjenigen, was wir uns erarbeiten aus den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten, unsere Seele so angeregt sein wird, dass unsere Ideen nicht trockene, leere, abstrakte, pedantische, philiströse Ideen bleiben, sondern in unserer Seele Leben werden, sowohl Wissenschaft als Kunst, nicht als allegorische, stroherne Kunst, sondern als eine Kunst, die in diese äußere, sinnliche Wirklichkeit ein sinnliches Abbild der übersinnlichen, der geistigen Welt hineinbringt.

[ 46 ] Und — meine sehr verehrten Anwesenden — so ist es dann mit der Inspiration. Es ist die nächste Stufe nach der Imagination, wie Sie sie in den genannten Büchern verfolgen können. Da offenbart sich in dem Menschen selber das Geistige, das die Welt durchdringt, nicht bloß, dass wie in der Imagination ihn die Bilder erfüllen, sondern das Geistige selber dringt ein.

[ 47 ] Derjenige, der dieses Geistige leugnen will, der steht [der] Welt gegenüber in einem höheren Sinne so wie derjenige, der behaupten wollte, dass der Mensch nicht lebt von der eingeatmeten Luft, die er wiederum an die Außenwelt entlassen wollte. Der Mensch ist ja in diesem Augenblicke innerlich dasjenige, was soeben noch außerhalb seiner war. Er verarbeitet diese Luft innerlich; er entlässt sie wiederum. So wie man nicht behaupten darf, diese Luft entquelle aus einem Organismus heraus, sondern sie ist dasjenige, was ihn verbindet mit der ganzen großen Welt, so ist es mit dem Geistigen. Der Mensch erlebt in sich ein Geistiges. Dieses Geistige aber ist so, dass es mit der ganzen übrigen Geistigkeit der Welt in Beziehung steht. Es ist ein fortwährendes Ein- und Ausatmen des Geistigen im Menschen vorhanden. Ich kann das jetzt hier nur andeuten. Es ist dasjenige, was im Menschen bewusst wird, dass es so ist, wenn er sich zu der Erkenntnismethode der Inspiration erhebt. Er erlebt dann in sich dasjenige, was man sonst ausgebreitet in der ganzen Welt als das Geistige erlebt; es ist dasjenige, was er in der Luft, die in ihm ist und in ihm verarbeitet ist [und] die Luft, die außerhalb seiner ist, erlebt. Damit aber, dass er diese Inspiration erlebt, erlebt er die Geistigkeit der Welt. Er durchsetzt sich in seinem Inneren mit demjenigen, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchdringt. Dasjenige, was die Seele ist, es kann nur begriffen werden, wenn es als ein Teil der Geistigkeit der ganzen Welt begriffen wird. Daher kann nur die Inspiration die Wesenheit des menschlichen Seelischen uns offenbaren. Wie wir uns erheben auf der einen Seite durch die Imagination vom bloßen äußeren Erkennen, vom bloßen Wissen zum künstlerischen Erfassen der vollen Wirklichkeit, so können wir uns zum Erfassen des Seelischen nur durch die Inspiration erheben. Und diese Inspiration ist es zugleich, die die Seele mit dem durchdringt, was ihr in ihr befindliches lebendiges Wissen von ihrem ewigen Charakter, von ihrer ewigen Wesenheit, von ihrer übersinnlichen Wesenheit ist. Da brauchen wir nicht ein besonderes Wahrheitsgebiet des Glaubens, sondern die Erhöhung des Wissensgebietes selber zum inspirierten Wissen, das uns das Wesenhafte unserer Seele wiedergibt.

[ 48 ] Genauer werde ich über dieses Verhältnis des Seelisch-Wesenhaften, des Unsterblichen in der Seele im Zusammenhange mit dem sogenannten Inneren der Natur im morgigen Vortrag an das heute Auseinandergesetzte anschließend zu sprechen haben. Jetzt sage ich nur, dass dasjenige, was die Seele als ihr Wichtigstes erfahren muss, gerade dem entnommen werden muss, was in früheren Zeiten auch Sache der religiösen Überzeugung war. Weil aber heute die Menschheit sich so erzogen hat, dass sie als an ein Gewisses doch nur an das Wissenschaftliche glauben kann, muss dieses Wissenschaftliche selber erhoben werden zum Religiösen.

[ 49 ] So haben wir aus dem inneren Erkennen selber hervorgehend zu gleicher Zeit ein künstlerisches Element, ein religiöses Element. Das ist dasjenige, was durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft der Menschheit vor Augen gestellt werden soll. Das ist dasjenige, wofür der Bau des Goetheanums in Dornach ein lebendiges Zeugnis sein soll, weil diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft den lebendigen Geist, nicht den toten, abstrakten Geist überliefern will. Deshalb gibt er die Möglichkeit, dass Künstler an dem eigenen Bau aus demselben Geiste heraus künstlerische Formen schaffen, und deshalb, weil er den lebendigen Geist, nicht einen abstrakten Geist, übermittelt, gibt er der ganzen Arbeit die religiöse Grundstimmung. Er gibt dasjenige wiederum, was am Ausgangspunkte der Menschheitsentwicklung als eine Einheit, als eine wissenschaftlich-religiös-künstlerische Einheit da bestanden hat.

[ 50 ] Das ist dasjenige, was das Menschengemüt heute braucht, wenn es sich wiederum in tätig regsamer Weise in das soziale Leben hineinstellen soll. Aus dem, was man sich aneignet für die Betätigung, für die innere Stimmung der Menschenseele, kann dann dasjenige ersprießen, was auch ein äußeres, praktisches Urteil abgibt. Deshalb scheut man sich nicht zurück, herauszubegründen aus demjenigen, was in Dornach lebt — was zunächst nicht anders natürlich leben konnte, als indem sie das Dornacher Goetheanum selber zu einer Einheit bildeten —, dass das hinausträgt, begründet so etwas wie das «Futurum», welches in das unmittelbare praktische Leben dieselbe Urteilsart, dieselbe Denkart hineintragen will, um in das praktische Leben hinein diese wirklichkeitsgemäße Denkart zu bringen.

[ 51 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Dieses Goetheanum ist aus einem Gusse nicht deshalb bloß hingestellt, um einer Schrulle zu dienen, um so etwas zu haben, was im äußeren Stile dasselbe ist wie dasjenige, was darinnen gedacht und getrieben und geforscht wird, sondern dieses Goetheanum ist als eine einheitliche Konzeption aus dem Grunde hingestellt, weil dasjenige, was seinem Ausgang zugrunde liegt, nach jener Einheit hin orientiert ist, nach der die Menschheit aus ihren Zeitaufgaben heute heraus streben muss, weil es nach dem hinstrebt, was die Menschheit im weitesten Umkreise des Lebens zur Gesundung der sozialen Wirklichkeit braucht. Das Goetheanum in Dornach ist so gebildet, wie es gebildet ist, weil die Denkweise, die da zugrunde liegt, hineingreifen soll in dasjenige, was durch seine Zerklüftung, durch seine Uneinheitlichkeit in das Katastrophale der Gegenwart hineingeführt hat. Das Goetheanum will nicht nur bloß Vorbild sein, das Goetheanum will dasjenige sein, wo man sich aneignen kann, erkennend, künstlerisch, schöpferisch, religiös, fühlend aneignen kann dasjenige, was man heute braucht, um sich in die großen Aufgaben der Zeit, auch in die sozialen Aufgaben hineinzustellen.

[ 52 ] Noch einmal muss es gesagt werden: Das soziale Leben fordert vom Menschen nicht nur, dass andere Einrichtungen geschaffen werden. Wir können noch so sehr andere Einrichtungen, die uns paradiesisch erscheinen, schaffen; wenn der Mensch ein unsoziales Wesen bleibt, wenn nicht aus den Tiefen seiner Seele das Soziale hervorquillt, so entsteht keine mögliche soziale Ordnung. Der Mensch ist es selbst, der ein soziales Wesen werden soll. Dann werden sich die Einrichtungen auch finden, wenn der Mensch in der rechten Weise innerlich sozial beseelt ist.

[ 53 ] Das ist dasjenige, was in Dornach leben möchte, das ist dasjenige, wovon wir in Dornach dem Goetheanum seine Aufgaben geben möchten, nicht dasjenige, was die Verleumder sagen oder diejenigen behaupten, die da sagen, eine obskure Sekte hätte sich auf dem Dornacher Hügel irgendein Heim gegründet. Nicht das liegt Dornach zugrunde, sondern das ehrliche Hinschauen und das herzhafte Mitfühlen mit den großen Aufgaben der Zeit, das Hineinleben in die großen Aufgaben der Zeit, sowohl in diejenigen, die der Erkenntnis des Menschen gegeben sind dadurch, dass uns gerade mit dem großen Fortschritt der Wissenschaft neue Rätsel aufgegeben sind, dass uns mit dem Fortschritt der Technik neue Lebensaufgaben erteilt sind. Deshalb — meine sehr verehrten Anwesenden —, weil man ein Herz und einen Sinn hat für diese Aufgabe des Erkennens, für diese Rätsel des Erkennens, für diese Aufgaben des Lebens, Rätsel des Lebens, deshalb ist man verbunden, wenn man wirklich versteht dasjenige, was getrieben werden soll mit den Aufgaben des Goetheanums in Dornach. Denn wenn man die Sache im rechten Lichte betrachtet, dann soll wenigstens angestrebt werden, dass geantwortet werden kann auf die Frage: Welches sind die Aufgaben des Goetheanums in Dornach? Es sind diejenigen Aufgaben, welche die Aufgaben, die großen Aufgaben des modernen Erkennens und des modernen Lebens sind.