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Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
GA 80b

1 Februar 1921, Basel

4. Das Innere Der Natur und das Wesen der Menschenseele

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Gestern erlaubte ich mir, im Allgemeinen zu sprechen über die Aufgaben des Goetheanums in Dornach, und ich denke, dass aus den gestrigen Ausführungen hervorgegangen ist, wie diejenige geisteswissenschaftliche Richtung, die in diesem Goetheanum gepflegt wird, nichts zu tun hat mit irgendeiner sektiererischen, auch nichts zu tun hat etwa mit dem Versuch einer neuen Religionsgründung oder dergleichen, sondern dass sie steht durchaus auf dem Boden einer wissenschaftlichen Weltanschauung, einer solchen wissenschaftlichen Weltanschauung, welche durchaus rechnen will mit den Fortschritten des modernen naturwissenschaftlichen Erkennens, welches gewissermaßen fortwährend sich innerlich Rechenschaft ablegen will in der Richtung, dass ihre Methoden, dass die ganze Art ihres Forschens in der Richtung wohl liegt, welche die neuere Erkenntnis anstrebt, aber die zu gleicher Zeit in einem gewissen Sinne die letzten notwendigen Konsequenzen dieser neuzeitlichen Forschungsrichtung zieht. Insbesondere zeigt sich dieses dann, wenn man auf spezielle Fragen der Menschenseele, der Welterkenntnis eingeht, und auf eine solche spezielle Frage gestatten Sie mir heute einzugehen. Allerdings werde ich nur, da ich gerade mit dieser Frage ein sehr weites, ausgebreitetes Gebiet betrete, werde ich nur einzelne Andeutungen geben können. Allein ich werde versuchen, diese Andeutungen so zu geben, dass sie in einer gewissen Beziehung beleuchten gerade dasjenige, was mit den Aufgaben des Goetheanums in Dornach in einem weiteren und engeren Sinne zusammenhängt.

[ 2 ] Dasjenige, was das heutige Thema enthält, sind ja zwei Ideen, zwei menschliche Impulse, nach denen des Menschen Seele fortwährend in solcher Weise hinblicken muss, dass auf der einen Seite ihre intensivsten Sehnsuchten wach werden, auf der anderen Seite immer wieder und wiederum Rätsel und Zweifel vor ihr stehen: «Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele.»

[ 3 ] Das Innere der Natur: Der Mensch fühlt sich mit seiner Erkenntnis in einem gewissen Sinne außerhalb der Natur, denn wie sollte er denn überhaupt veranlasst sein, Erkenntnisarbeit zu verrichten, wenn diese Erkenntnisarbeit nicht den Zweck haben sollte, über dasjenige hinauszudringen, indem man im gewöhnlichen Leben steht, wenn diese Erkenntnisarbeit nicht den Zweck haben sollte, tiefer hineinzukommen in dasjenige, was sich dem Sinne und dem kombinierenden Verstande nach der Außenseite als Natur darbietet? Es ist einmal eine innere Tatsache des Seelenlebens, die umso mehr auftritt, je ernster man es mit den Erkenntnisfragen nimmt, dass man sich von der Natur, von dem Innern der Natur in einem gewissen Sinne getrennt fühlt. Und dann ist es eine Frage, die sich der eine nach seiner Weltanschauung so, der andere anders beantwortet, ob man in dieses Innere der Natur genügend weit hineinkommen könne, so weit hineinkommen könne, dass der Mensch aus diesem Hineinkommen eine gewisse Befriedigung schöpfe oder nicht. Man fühlt ja wohl auch, wie in einer gewissen Weise zusammenhängt dasjenige, was man eventuell wissen kann über das Innere der Natur, mit demjenigen, was man nennen kann das Wesen der Menschenseele.

[ 4 ] Aber auf der anderen Seite steht wiederum diese Frage nach dem Wesen der Menschenseele — man möchte sagen — wie etwas Uraltes vor der menschlichen Erkenntnis. Man braucht sich nur zu erinnern an das Herübertönen des apollinischen Griechenspruches «Erkenne dich selbst». Er enthält eine Aufforderung, eine Aufforderung, von der gerade der gewissenhafte Erkenner fühlt, dass sie nicht so ohne Weiteres zu erfüllen ist.

[ 5 ] Man wird sich vielleicht — meine sehr verehrten Anwesenden — orientieren können über dasjenige, was nach diesen Richtungen für die Menschenseele vorliegt, und was insbesondere zu den Aufgaben der Gegenwart auf diesem Gebiete gehört, wenn man sich zurückerinnert an Vorstellungen, die in älteren Zeiten ernst und gewissenhaft strebende Menschen verbunden haben auf der einen Seite mit der Erkenntnis des Naturinneren, auf der anderen Seite mit der Selbsterkenntnis des Menschen, und ich möchte heute auf solche Vorstellungen hinweisen, obwohl sie dem gewöhnlichen Bewusstsein der Gegenwart etwas ferner liegen. Ich möchte hinweisen darauf, dass mit ganz besonderen — man möchte fast sagen — schreckhaften Vorstellungen in alten Zeiten gedacht worden ist an die Zielpunkte der Naturerkenntnis und der Selbsterkenntnis.

[ 6 ] Man hat sich vorgestellt, dass der Mensch nicht ohne Weiteres seinen gewöhnlichen Lebensgang durchmachen könne, wenn er zu diesem Ziele der Erkenntnis strebt, dass er Überwindungen, Entbehrungen, Leiden, Schmerzen auch vor sich habe, dass er in Ungewissheiten hineinkomme, bevor er irgendwie zu einer befriedigenden Gewissheit kommen könne. Wir sind heute gewöhnt, nach unseren gebräuchlichen Ideen, auch im Erkenntnisweg, den wir so durch unsere Bildungsanstalten gehen, etwas zu sehen, was uns gewissermaßen nicht aus dem alltäglichen Geleise bringt, was uns in gewohnter Weise fortschreiten lässt. Und man muss ja auch sagen: Durch dasjenige, was wir antreffen in unseren Laboratorien, in unseren Observatorien, in unseren Kliniken, durch das können wir nicht in einer solchen Weise aus dem Geleise gewissermaßen geworfen werden des gewöhnlichen Lebens, wie es geschildert wird vielfach von den Erkenntniswegen, die in alten Zeiten von den Schülern der Weisheit gegangen werden mussten.

[ 7 ] Man sah gewissermaßen eine Art Abgrund zwischen dem, was der Mensch im gewöhnlichen Leben ist, was der Mensch im gewöhnlichen Leben erfahren kann, und demjenigen, was er wird, wenn er in die Tiefen des Weltenseins und in die Erkenntnis der eigenen Wesenheit hineindringt und was ihm da entgegentritt. Man schilderte diesen Abgrund als etwas, was in einer gewissen Beziehung dem Menschen den Boden eben unter den Füßen wegnimmt, sodass er sich schwindelfrei — innerlich seelisch meine ich das —, schwindelfrei in das Feld letzter Erkenntnisse hineinbegeben müsse. Und man sagte, der Mensch im gewöhnlichen Leben könnte es gar nicht ertragen, ohne Vorbereitung diesen Weg in die höheren Erkenntnisse hinein anzutreten, er braucht solche ernste, gewissenhafte Vorbereitung, und erst, wenn er sie hat, kann er es wagen, den Abgrund zu überspringen. Der Mensch würde gewissermaßen im gewöhnlichen Leben in einer Seelenverfassung gehalten, die ihn unwissend sein lässt über diesen Abgrund, ihn diesen Abgrund nicht sehen lässt. Das sei eine Wohltat für ihn. Er sei gewissermaßen eingehüllt in eine Art von Blindheit. Er sei behütet davor, sich unversehens in denjenigen Abgrund hineinzustürzen, der da aufgerichtet ist vor der letzten Erkenntnis der Dinge.

[ 8 ] Und man — nennen Sie es personifiziert oder dergleichen, obwohl es durchaus reale Erlebnisse bezeichnete in jenen alten Weisheitsschulen —, man sagte: Der Mensch hätte zu überschreiten, um in die Gefilde der höheren Erkenntnis zu kommen, eine gewisse Schwelle, und er müsse furchtlos gegenüber demjenigen geworden sein, was sich ihm bei dieser Schwelle für sein Seelenleben enthüllt — und im gewöhnlichen Leben sei er behütet, behütet durch seine allgemeine Seelenverfassung. Das, was ihn da hütete, das kann man wiederum personifiziert nennen den Hüter der Schwelle. Wie gesagt, man kann das personifiziert nennen; allein für denjenigen, für den Seelenerlebnisse eine Realität sind, für den sind diese Dinge auch keine Personifikation, sondern sie sind eben etwas, was durchgemacht, was überwunden werden muss, überwunden werden muss, wenn der eine Zustand — wie man meinte in jenen alten Zeiten —, der eine Zustand der Unwissenheit und Finsternis überwunden werden soll und erreicht werden soll der Zustand lichtvollen Anschauens der geistigen Wirklichkeit und des Darinnenstehens innerhalb dieser geisterfüllten Wirklichkeit.

[ 9 ] Nun möüssen sich natürlich zunächst für den heutigen Menschen mit solchen Begriffen «Schwelle», wie «Hüter der Schwelle» höchst unbestimmte Dinge verquicken. Ich möchte gleich vorausschicken: Die Menschheit ist durchaus — das habe ich ja in vielen Vorträgen, die ich von derselben Stelle hier halten durfte, gesagt —, die Menschheit ist durchaus in einer Entwicklung, die Menschheit schreitet von Zustand zu Zustand, und da entwickeln sich nicht nur die äußeren Kulturverhältnisse, da entwickelt sich auch von Stufe zu Stufe das Seelenleben, und dasjenige, womit in alten Zeiten gerade die intimsten Vorgänge dieses Seelenlebens bezeichnet werden konnten, das kann nicht für die heutige Menschheit gelten. Daher werden wir auch, wenn wir charakterisieren wollen — und wir wollen das, um uns zu orientieren über diese Dinge —, wir werden, wenn wir charakterisieren wollen dasjenige, was in alten Zeiten verstanden worden ist unter «Schwelle» und «Hüter der Schwelle», wir werden es uns anders zu denken haben, als es gilt für diejenigen Vorgänge, die sich für den heutigen Menschen abspielen, wenn er aus den gewöhnlichen Erkenntnissen zu den übersinnlichen vorschreiten will. Und um das Letztere charakterisieren zu können, möchte ich, rein um etwas verständlicher zu werden, den Vergleich mit den alten Vorstellungen heranziehen. Und man kann im Grunde genommen leichter als mancher, der diese Dinge nur historisch betrachtet, ohne geisteswissenschaftliche Untersuchung zu Hilfe zu ziehen, man kann hinweisen auf dasjenige, was eigentlich als etwas — ich sagte schon, man möchte es fast schreckhaft nennen —, was eigentlich als etwas Schreckhaftes, als etwas Furchtbares, als etwas, was zunächst für den Unvorbereiteten zu vermeiden ist, was da in dieser Art in den alten Weisheitsschulen hingestellt worden ist.

[ 10 ] Im Grunde genommen, was fürchtete man für das unvorbereitete Seelenleben in jenen alten Zeiten, und wofür suchte man zunächst den Schüler in der Weisheitsschule vorzubereiten durch eine ganz bestimmte Zucht des Willens, der stark und energisch werden sollte, der lernen sollte, sich aufrecht zu erhalten in schwierigen, schwindelerregenden Fällen des Lebens? Was fürchtete man eigentlich für den Unvorbereiteten? Nun, so sonderbar es klingen mag — meine sehr verehrten Anwesenden —, wer überschaut den Entwicklungsgang der Menschheit, der kann durchaus einsehen, dass dasjenige, was man im Wesentlichen fürchtete, dass das derjenige Zustand der Seelenverfassung ist, den einfach die gegenwärtige Menschheit bis zu einem gewissen Grade durch die äußerliche Kultur erreicht hat. So sonderbar das klingt, dasjenige wollte man vermeiden bei dem unvorbereiteten Schüler des Altertums, dass er ohne Weiteres zu einer solchen Seelenverfassung komme, wie sie innerhalb unserer Kultur heute ganz allgemein ist, namentlich allgemein ist durch die naturwissenschaftliche Bildung der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Ich möchte Ihnen an einem einzelnen Fall das versinnlichen.

[ 11 ] Nicht wahr, die Menschheit bekennt sich heute zu der sogenannten kopernikanischen Weltanschauung. Diese Weltanschauung setzt die Sonne in den Mittelpunkt unseres Planetensystems, lässt die anderen Planeten um diese Sonne herum kreisen, die Erde als einen der Planeten mit den anderen. So wie das heute von der Menschheit vorgestellt wird, geschieht es seit der Zeit des Kopernikus. Vorher hatte man im allgemeinen Bewusstsein ein anderes räumliches Weltbild von unserem Planetensystem. Man hatte das Weltbild, welches die Erde in den Mittelpunkt unseres Systems gerückt hatte. Man ließ die Sonne und die Sterne um diese Erde herumgehen. Man hatte — wie man sagen kann — ein geozentrisches Weltbild, ein solches, welches eben die Erde in den Mittelpunkt unseres Planetensystems rückte. Der Kopernikus setzte an die Stelle das heliozentrische Weltbild. Der Mensch wurde gewissermaßen in eine Lage versetzt, sodass er einen festen Boden im Weltenall nicht unter seinen Füßen hatte, sondern mit einer Riesengeschwindigkeit durch den Raum geschleudert wird mit der Erde zugleich. Und dasjenige, was der Augenschein bietet, das sollte nur eine Illusion sein, hervorgerufen durch gewisse perspektivische und andere Verhältnisse, die sich aus der menschlichen Anschauung ergeben.

[ 12 ] Nun braucht man nur eine gewisse Stelle zu lesen bei jenem Plutarch, der uns vieles mitteilt über alte Anschauungen und Menschen der älteren Zeit, und man wird sich überzeugen, dass dasjenige, was wir heute heliozentrische Weltanschauung nennen, im Allgemeinen durchaus nicht bloß eine Errungenschaft unserer Zeit ist. Ich möchte die betreffende Stelle Ihnen in wörtlicher Übersetzung vorlesen. Sie bezieht sich auf Aristarch von Samos und die Art und Weise, wie er sich das Weltenbild vorgestellt hat; und wir werden dadurch zurückversetzt in frühere griechische Jahrhunderte, also in eine Zeit, die Jahrhunderte und Jahrhunderte vor dem Mittelalter, vor dem Kopernikanismus liegt. Nach seiner Meinung, sagt Plutarch: Die Welt ist viel größer als soeben gesagt wurde. — Er hat nämlich vorher dasjenige beschrieben, was der Augenschein darbietet, denn er, Aristarch von Samos, setzt voraus, dass die Sterne und die Sonne unbeweglich seien, dass die Erde sich um die Sonne als Zentrum bewege und dass die Fixsternsphäre, deren Zentrum ebenfalls in der Sonne liege, so groß sei, dass der Umfang aus von der Erde beschriebenen Kreisen sich zu der Distanz der Fixsterne verhalte wie das Zentrum einer Kugel zu der Oberfläche.

[ 13 ] Wir haben im griechischen Altertum die heliozentrische Weltanschauung, wir haben im Wesentlichen, wenigstens insofern in Betracht kommt die Stellung der Menschenseele zum Weltenall, im Wesentlichen dasselbe, was die heutige Menschheit auch über ihre Stellung zum Planetensystem, zum Fixsternhimmel denkt. Diese heliozentrische Weltanschauung war allerdings in jenen alten Zeiten gewissermaßen das Geheimnis einiger weniger, und zwar gerade derjenigen, die sorgfältig vorbereitet wurden, die so vorbereitet wurden, dass ihnen eine besondere Zucht des Willens angedeihen gelassen wurde, dass sie stark werden mussten von Willen; dann erst überlieferte man ihnen eine solche Erkenntnis.

[ 14 ] Das ist etwas, worauf man hinsehen sollte sehr bedeutungsvoll, dass es in alten Zeiten eine Weisheit weniger, gut vorbereiteter Menschen — der Weisheitsschüler im Besonderen — war; was heute Allgemeingut ist, wovon heute in einer gewissen Beziehung jeder redet. Und wie gesagt, so sonderbar es klingen mag, dasjenige, was solch ein Weisheitsschüler zum Beispiel über die Sonne und ihr Verhältnis zur Erde wusste, von dem stellte man sich vor, es liege für den Menschen jenseits der Schwelle, man müsse erst die Schwelle überschreiten, dann ist man in jenen Gefilden, wo die Seele sich anders stellt zum Weltenall als vorher. Mit anderen Worten, die Alten versetzten jenseits einer Schwelle — um die zu überschreiten, musste man erst gut vorbereitet sein — dasjenige, worinnen heute jeder durch die ganz allgemeine Menschenbildung drinnensteht. Und warum geschah das in jenen alten Zeiten?

[ 15 ] Man könnte — meine sehr verehrten Anwesenden — dasjenige, was ich jetzt durch das Beispiel der astronomischen Weltanschauung erörtert habe, man könnte es für andere Gebiete des menschlichen Erkennens durchaus ebenfalls erörtern, und überall würde sich zeigen, dass wir im Grunde genommen einfach durch die Zivilisationsentwicklung der neueren Zeit als ganze Menschheit hinübergeschoben worden sind über dasjenige, was man in jenen alten Zeiten die «Schwelle zur höheren Erkenntnis» nannte. Es ist aus den Empfindungen — die man hatte gegenüber jenem Zustand der Seele, in den sie kommt, wenn sie in solche Erkenntnis eintritt —, aus ihren Empfindungen ist das zurückgeblieben, was bei den verschiedenen Konfessionen, die Traditionelles fortpflanzen, dann dazu geführt hat, einfach abzulehnen dasjenige, was in dieser Weise durch die Zivilisation heraufgebracht worden ist. Wenn zum Beispiel die katholische Kirche bis zum Jahre 1822 nicht anerkannt hat die kopernikanische Lehre, so war der Grund dieses Nichterkennens dasjenige, was aus jenen Altertumszeiten zurückgeblieben ist von dem Grunde, von dem geglaubten Grunde dieser Ablehnung. Man hielt das für etwas, was den Menschen in Unsicherheit hineinbringt, wenn er nicht in genügender Weise vorbereitet ist.

[ 16 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, gegen den Fortschritt kann auf die Dauer sich keine Macht der Erde auflehnen. Aber über solche Dinge muss doch in ernster Weise unter Menschen verhandelt werden, denn über dasjenige, was man nennen kann die Schwelle zur geistigen Welt, muss eben durchaus heute völlig anders gedacht werden, als in alten Zeiten gedacht worden ist. Einfach an diesem Beispiel, das ich in der Weise, wie ich es eben tue, erörtere, könnten diejenigen, die nicht aus leichtgeschürzten Verleumdungen heraus anthroposophische Geisteswissenschaft charakterisieren wollten, sondern wirklich auf sie eingehen wollten, sie könnten erkennen, dass diese Geisteswissenschaft nichts zu tun hat mit dem Aufwärmen irgendwelcher alter gnostischer oder ähnlicher Dinge, sondern dass sie durchaus herausarbeitet aus der modernen Wissenschaftlichkeit.

[ 17 ] Warum — sage ich — hat man in jenen alten Zeiten eine gewisse Furcht, etwas Schreckhaftes gehabt vor dem Hineingehen in diejenigen Erkenntnisse, die heute durchaus Allgemeingut der Menschheit sind? Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich habe hingewiesen auf jene Tatsache, die da vorliegt für die Menschheitsentwicklung, in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie», indem ich gezeigt habe, wie in der Tat die Seelenverfassung der Menschheit sich seit den alten griechischen Zeiten ganz wesentlich bis in unsere Tage verändert hat. Dasjenige, was für den Griechen ganz eigentümlich war, das war, dass er noch nicht ein völliges von der Außenwelt losgelöstes Selbstbewusstsein hatte. Wenn er die Welt dachte, so war er in einem ähnlichen Sinne mit dieser Welt verwachsen, wie wir es heute sind, wenn wir nur sinnlich wahrnehmen. Für den Griechen war der Gedanke in einem gewissen Sinne auch eine sinnliche Wahrnehmung.

[ 18 ] Wie wir das Rot, das Blau, das G, das Cis aus den sinnlichen Wahrnehmungen schöpfen, den Gedanken aber innerlich aktiv dazu bringen, sodass wir es selbst sind, die im Gedanken arbeiten, so war für den Griechen dieses innerliche aktive Arbeiten noch nicht da. Er entnahm ebenso wie wir den sinnlichen Wahrnehmungen — ebenso wie wir das Rot und Grün, das G und Cis der Sinneswahrnehmung —, so entnahm er auch die Wahrnehmungen von der äußeren Welt. Für ihn löste sich die Gedankenwahrnehmung noch nicht los von der äußeren Welt. Er hatte noch nicht jene Selbstständigkeit im Erfassen jenes menschlichen Selbstes, das erst im Laufe der Menschheitsentwicklung in der Art, wie es heute allgemein bekannt ist, heraufgezogen ist. Das Ich-Bewusstsein ist im Laufe der Zeiten im Wesentlichen verstärkt worden. Dadurch hat der Mensch in einer gewissen Weise sich losgelöst von der umgebenden Natur. Er ist dazu gekommen, in sich hineinzuschauen und im Innerlichen sich als etwas Selbsttätiges zu erfassen. Dadurch aber hat er sich gegenübergestellt der Natur, gewissermaßen sich aus der Natur herausgestellt, um dann das Innere der Natur wie etwas außer ihm Liegendes zu betrachten.

[ 19 ] Diese Betrachtung des Inneren der Natur wie etwas, was außerhalb der Menschenseele liegt, sie trat erst im Laufe der Zeiten hervor. Im alten Griechentum fühlte sich der Mensch mit seinem ganzen Gedankenleben noch im Inneren der Natur drinnen. Er fühlte noch verbunden das Weben der Menschenseele mit dem Inneren der Natur. Im Weiterschreiten der Entwicklung ist das dann anders gekommen. Der Mensch ist gerade dadurch zum Erfassen seines Selbstes gekommen, dass der Gedanke sich losgelöst hat von dem äußeren objektiven Leben. Und mit diesem Loslösen des Gedankens von dem äußeren objektiven Leben, mit dem hängt wiederum zusammen das Heraufkommen des Freiheitsgefühles, des Freiheitssinnes, der im Wesentlichen auch ein Ergebnis ist der neueren Jahrhunderte.

[ 20 ] Würde man die Geschichte mehr innerlich betrachten, würde man nicht nur immer mehr und mehr dazu gekommen sein, in den letzten Zeiten, das Äußere der Geschichte anzuschauen, sondern würde man die Geschichte mehr innerlich betrachten, wie es wiederum die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft tut, so würde man sehen, dass dasjenige, was wir heute innerlich erleben, wenn wir von Freiheit sprechen, dass das in demselben Sinne von dem Griechen nicht empfunden worden ist, dass es nicht einmal auftrat — derjenige, der die Dinge wirklich unbefangen studiert, der weiß es —, nicht einmal auftrat da, wo wir das entsprechende Wort mit «Freiheit» übersetzen, wie zum Beispiel bei den Stoikern oder ähnlichen Philosophen.

[ 21 ] Ich habe in meiner «Philosophie der Freiheit» bereits im Beginne der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hervorgehoben, wie zusammenhängt mit dem Erfassen des reinen Denkens, des innerlich selbstständig arbeitenden Denkens, dasjenige, was das Freiheitserlebnis ist. Ich habe gesagt, dass alles dasjenige, was der Mensch als innerhalb des Freiheitserlebnisses stehend sieht, dass er das zusammenhängend findet mit dem, was ich das reine Denken genannt habe, jenes Denken, das ganz losgelöst ist von dem inneren organischen Leben, jenes Denken, das, wenn der Ausdruck nicht missverstanden wird, schon im gewöhnlichen Leben eine Art heraufgehobener Erkenntnis ist. Denn wenn wir durchziehen unser reines Denken mit sittlichen Ideen und Impulsen, mit solchen Ideen und Impulsen, die nicht zusammenhängen mit Begierden, nicht zusammenhängen mit Sympathien und Antipathien, sondern nur zusammenhängen mit der reinen, liebevollen Hingabe an die Tat, die begangen werden soll, wenn wir so den Impuls zu einer Tat, zu einer Handlung in unserer Seele aufleben lassen, dann ist die Tat, die Handlung, die aus einem solchen Impuls hervorgeht, eine wirklich freie. Daher kann man nicht die Frage nach der Freiheit in dem Sinne aufwerfen, wie das so vielfach aufgeworfen worden ist: Ist der Mensch frei oder ist der Mensch unfrei? Sondern man kann nur sagen: Der Mensch ist auf dem Wege zur Freiheit durch seine Selbstentwicklung, durch seine Selbsterkenntnis, durch sein innerliches Loskommen von seiner gewöhnlichen Seelenverfassung zu jener Seelenverfassung, in der er sich erhebt zu dem Erfassen des reinen Gedankens, der sich erfüllt mit dem sittlichen Ideale. Durch das wird er immer freier und freier.

[ 22 ] Die Freiheit ist etwas, dem man sich fortwährend nähert. Daher gibt es hier kein Entweder- oder, sondern es gibt nur ein Sich-Nähern, ein Sowohl-als-auch. Man ist sowohl frei als unfrei, unfrei in Bezug auf dasjenige, wo wir noch bestimmt sind von unseren Begierden, von demjenigen, was gewissermaßen heraufsteigt aus unserem Organismus, aus dem instinktiven Leben; frei in Bezug auf dasjenige, in dem wir unabhängig geworden sind von dem instinktiven Leben, indem wir aufleben lassen können die reine Liebe zur Tat, die von uns erschaut wird in dem reinen Gedanken.

[ 23 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, das, was man da schildert als den Zustand des Freiheitserlebnisses auf der einen Seite, als den Zustand des Gedankens, des reinen Gedankens, dem man sich hingeben könne, das ist natürlich für den heutigen Menschen durchaus noch ein Ideal, aber ein Ideal, das als etwas in seiner Seele schwebt, das mit seiner Menschenwürde durchaus zusammenhängt, ohne dessen Anstreben man sich eigentlich heute eine wirkliche Menschenwürde gar nicht denken kann.

[ 24 ] Nun ist der Mensch in der neueren Zeit aber dennoch auf dem Wege nach einem solchen Ideal, und er ist auf diesen Weg gekommen gerade durch die naturwissenschaftliche Entwicklung der neueren Zeit. Wer diese naturwissenschaftliche Entwicklung, die ja in ihren Ergebnissen die weitesten Kreise beherrscht und immer mehr und mehr beherrschen wird, immer mehr und mehr die Grundlage der ganz allgemeinen Menschenbildung werden soll, wer diese naturwissenschaftliche Bildung der neueren Zeit ins Auge fasst, der weiß, dass man, sei es auf dem Gebiete des Unlebendigen, von dem Physikalischen bis zum Astronomischen, sei es auf dem Gebiete des Organischen, Lebendigen, dass man da so denken muss, dass immer mehr und mehr, trotzdem man sich auf Erfahrung und Experiment stützt, dass immer mehr und mehr der Gedanke, der innerlich vom Menschen erarbeitet wird, zur Geltung kommt. Und indem der Mensch da arbeitet, indem er geradeso arbeitet, wie das in der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung der Fall ist, dadurch entwickelt sich dasjenige, was man sein gesteigertes Selbstbewusstsein nennen kann; seine Loslösung von dem Inneren der Natur, sie entwickelt sich dadurch.

[ 25 ] Man kann das wiederum sehen — meine sehr verehrten Anwesenden — an dem Beispiel der Astronomie. Indem man dasjenige, was die Beobachtung gibt, in Rechnung verwandelt hat, denn das ist ja im Wesentlichen dasjenige, was Kopernikus getan hat, erlangte man ein Weltsystem, das gewissermaßen vom Menschen selber ganz losgelöst ist — so war kein altes Weltsystem, dasjenige, was alte Weltsysteme waren, das war immer mit dem Menschen verbunden, der Mensch erlebte sich selbst als drinnenstehend in der Welt —, sodass der Mensch gewissermaßen nur ganz nebensächlich da ist, mit dem Planeten Erde durch den Weltenraum geschleudert wird, und ein Weltbild, das Weltgebäude zeigt, ganz abgesondert vom Menschen, ohne dass dasjenige, was im Inneren des Menschen lebt, sich hineinmischen darf.

[ 26 ] Dadurch wird aber der Mensch mit einem Gedankeninhalt erfüllt, wodurch er loskommt von sich selbst in einer gewissen Weise. Er denkt natürlich seinen Gedanken. In dem Denken ist er als Mensch immer noch damit verbunden, aber er denkt ihn so, dass nicht dasjenige, was aufsteigt aus seinem Organismus, was aus seinem instinktiven Leben kommt, damit verbunden ist; sondern er muss so denken, dass, obzwar der Gedanke noch mit ihm verbunden bleibt, doch dieser Gedanke sich loslöst von dem Menschlich-Persönlichen, dass er in diesen Gedanken gewissermaßen ganz objektiv wird. Dadurch ist es gerade, dass der Mensch zu seinem Selbstbewusstsein, zu seinem starken Selbstbewusstsein kommt. Diejenigen Anstrengungen, die durchzumachen sind, sei es in der modernen Astronomie, um zu einer Anschauung zu kommen, sei es in der modernen Physik oder in der modernen Chemie, um zu einer Anschauung zu kommen oder nur [um die Ergebnisse dieser Anschauung wirklich klar zu durchdenken], sei es auch im Felde der Biologie, der Lebenslehre, durch alles das, was da durchgemacht werden muss, muss der Mensch sein Selbstbewusstsein denkend erstarken.

[ 27 ] Zu diesem Erstarken des Selbstbewusstseins wurde der Mensch der alten Zeiten nicht erzogen, und das ist der gewaltige Unterschied zwischen unserer Zeit und den älteren Kulturzeiten der Menschheitszivilisation. In alten Kulturzeiten wurde der Mensch wenigstens in weitesten Kreisen, mit Ausnahme derjenigen, die in den Weisheitsschulen erzogen wurden und eben gut vorbereitet wurden durch Zucht des Willens — in alten Zeiten wurde der Mensch im Wesentlichen erzogen so, dass er dasjenige Denken hatte in seiner Weltanschauung, was sich seinen Augen darbot. Daher die ptolemäische Weltanschauung, die im Wesentlichen ein Abbilden desjenigen war, was man mit den äußeren Sinnen wahrnahm. Der Mensch wurde gewissermaßen nicht so weit aus sich herausgestoßen, wie er wird durch die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung. Und weil er das nicht wurde, erstarkte auch in jenen alten Zeiten sein Selbstbewusstsein nicht. Er blieb gewissermaßen in seinen Leib hineingebannt. Sein Selbstbewusstsein hing ab von seinen Instinkten, hing ab davon, dass er sich innerlich vital erfühlte. Dieses Leben im Leibe, das ist, trotzdem wir in den Materialismus hineingesegelt sind durch das Denken der neueren Zeit, dennoch überwunden worden. Das Selbstbewusstsein ist erstarkt, und gerade indem man in den Materialismus hineingesegelt ist, indem man gewissermaßen das Geistige in den Sinnendingen verlor, erstarkte dasjenige, was innerlich denkend erarbeitet wurde. In jenen alten Zeiten fürchtete man, dass der Mensch, wenn er zu so etwas geführt würde unvorbereitet, wie es notwendig ist zu denken etwa im heliozentrischen System oder demjenigen, was ihm gleichwertig ist, dass er gewissermaßen seelisch in eine Ohnmacht verfallen würde, weil sein Selbstbewusstsein nicht stark genug war.

[ 28 ] Das ist dasjenige, was man fürchtete, dass der Mensch sein Selbstbewusstsein verlieren könne, wenn er zu einem solchen Wissen gebracht würde. Daher legte man den großen Wert auf die Willenszucht, auf dasjenige, was den Willen stark und energisch machte; denn aus dem Willen heraus stärkt sich und kraftet sich das Selbstbewusstsein. Auf dem Umwege eben durch den Willen suchte man vorzubereiten in dem Schüler der Weisheit dasjenige, was dann ertragen konnte jenseits der Schwelle jene Anschauung von der Welt, zu der eben ein starkes Selbstbewusstsein notwendig ist.

[ 29 ] Was fürchtete man also in jenen alten Zeiten, wenn man den Schüler hineinführte in das Innere der Dinge, in das Innere der Natur? Man fürchtete, dass er an dem Wesen seiner Seele Schaden nehmen könne, indem er gewissermaßen in eine seelisch-geistige Ohnmacht, in eine seelisch-geistige Unwissenheit, Finsternis verfallen könnte, in einen Zustand — allerdings seelisch-geistig genommen —, der sich vergleichen lässt mit einer physischen Ohnmacht. Diesen Zustand, ihn wollte man durch die Willenszucht vermeiden. So kann man sagen: Die Menschen jener alten Zeiten glaubten, dass der Mensch in seinem Selbstbewusstsein Schaden leiden müsse, wenn man ihm eine Weltanschauung überliefert, die starkes Denken notwendig macht. Daher musste er erst sorgfältig vorbereitet werden. Und man sah das gewöhnliche Leben so an, dass der Mensch diesseits jenes Gebietes stehe, in dem die ihn gefährdenden Erkenntnisse sind, dass ein Hüter, der ihn [abhält von] der Sphäre, in die er nicht hineinpasst, dass ein Hüter ihn bewahrt davor, in eine seelisch-geistige Ohnmacht zu verfallen. Und man schilderte dasjenige, was der Schüler durchzumachen hatte, wenn er die Schwelle überschreiten sollte und an dem Hüter der Schwelle vorbeikommen sollte, man schilderte es so, wie es durchaus den inneren Seelenerlebnissen entsprach.

[ 30 ] Man sagte: Zunächst fühlt der Mensch, indem er an die Schwelle herankommt, etwas von Unsicherheit. Ist er aber genügend vorbereitet durch Willenszucht, so hält er sich in jener Sphäre, die ihm sonst Schwindel verursachen würde. Er schreitet an dem Hüter der Schwelle, der ihm sonst die geistige Welt verhüllt, vorbei, und er tritt durch die innere Kraft seines Seelenlebens in diese geistige Welt ein. Dann aber muss er auch mit seinem ganzen Bewusstsein in dieser geistigen Welt drinnenbleiben. Denn würde er diese geistige Welt wiederum verlieren, so würde sich dasjenige, was er darinnen erlebt hat als etwas, was auf Stärke des Menschen, nicht auf Schwäche Anspruch macht, es würde sich wie etwas ihn Zersprengendes in seiner Organisation geltend machen, und er würde erst recht Schaden nehmen an seiner Seelenverfassung.

[ 31 ] Nun, es liegt doch eben aber die eigentümliche Tatsache vor, dass uns die Menschheitsentwicklung das gebracht hat — meine sehr verehrten Anwesenden —, was diese alten Weisheitsschulen bei ihren Schülern erst sorgsam vorbereiten wollten, dass wir gewissermaßen in Bezug auf dasjenige, was die Alten jenseits der Schwelle dachten, wir bereits jenseits dieser Schwelle stehen, und dass es einfach Allgemeingut des Wissens ist, was dazumal nur nach einer sorgfältigen Vorbereitung an den Menschen herangebracht worden ist. Und indem man dazumal sagte: Wenn der Mensch in dieses Gebiet hineingetrieben wird unvorbereitet, so leidet er Schaden an seinem Selbstbewusstsein, so muss man heute durchaus sagen: Dasjenige, was in alten Zeiten vermieden werden sollte, weil man eben den Menschen in einer gewissen Seelenverfassung haben wollte — man wollte, dass er, indem er sein Inneres fühlte, in diesem Inneren aufleuchten fühlte das Innere der Natur —, man wollte, dass er sich verbunden fühlte mit jenem, was der Natur Inneres sei, wenn er seine Seele erlebte. Und indem man glaubte, dass er unvorbereitet in eine Art geistiger Ohnmacht versinken würde, so sagte man, er könne zu diesem Inneren der Natur nur vordringen vorbereitet oder indem er sich selbst verliert.

[ 32 ] Nun ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, in unserer heutigen Zeit dringen aber alle ganz unvorbereitet im Sinne jener alten Zeiten in dieses Gebiet ein; und gesagt muss werden, dass durchaus dasjenige, was da heute erlebt ist, eben dasjenige ist, was die Alten vermeiden wollten. Der Mensch erwirbt heute die Naturerkenntnisse. Der Mensch erwirbt dasjenige Selbstbewusstsein, das ihn aufrecht erhält, trotzdem ihm die gebräuchlichen Erkenntnisse übermittelt werden in Astronomie, in Physik, in Chemie, in Biologie und so weiter. Er erwirbt das alles. Er lebt aber auch in einer solchen Weise in Bezug auf seine Seele, wie die Alten es an der Menschheit nicht haben wollten. Wir brauchen ja nur hinzuweisen darauf, dass wir allerdings, weil die Menschheitsentwicklung uns den Gedanken, das Freiheitsgefühl und damit das starke Selbstbewusstsein gebracht hat, dass wir ja allerdings das Selbst nicht verlieren, wenn wir uns vertiefen in diejenigen Ergebnisse, die die naturwissenschaftliche Erkenntnis heute liefert.

[ 33 ] Aber wir brauchen nur auf ganz bekannte Erscheinungen hinzuweisen, dann werden wir sehen, dass wir doch etwas verlieren, ja, dass dieses Verlieren heute allgemein die menschliche Seelenverfassung einmal ist. Man gibt sich nur über diese Dinge Illusionen hin. Man will sich über diese Dinge durchaus von gewissen Träumereien nicht befreien. Ich habe ja auch in diesen Vorträgen, die ich hier von dieser Stelle aus halten durfte, durch Jahre hindurch immer wieder darauf hingewiesen, wie unsere Naturerkenntnis gerade die gewissenhaften Leute führt zu einer Anerkennung von Grenzen des Naturerkennens. Grenzen, über die wir nicht hinüberschreiten können, ohne unser Erkenntnisvermögen eben in unerlaubte, in unmögliche Gebiete hineinzuführen. Vom «Ignorabimus» wurde gesprochen von einem bedeutenden, tief eindringenden Naturforscher der neueren Zeit, von dem «Wir können nicht erkennen». Sodass in einem solchen Ignorabimus das Geständnis vorliegt: Wie weit wir uns auch verbreiten in dieser Erkenntnis, die wir aus der Sinnesbeobachtung und aus dem kombinierenden Verstande gewinnen, wir dringen doch in das Innere der Natur nicht ein. Hier liegt eben ein Konflikt vor, der schon gefühlt worden ist, als diese neuere Naturerkenntnis bis zu einer gewissen Etappe heraufgekommen war.

[ 34 ] Haller prägte ja das Wort: «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist, glückselig, wem sie nur die äuß’re Schale weist». Goethe, der da hörte immer wieder und wiederum von denjenigen, die so vor der Natur standen wie Albrecht von Haller, diese Worte wiederholen, man könne durch menschliche Erkenntnisse nicht in das Innere der Natur hineindringen, Goethe wandte ein dasjenige, was in seinem bekannten Gedichte an die «Philister» liegt, denn für ihn waren diejenigen, welche stehen bleiben bei den Worten: «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist», für ihn waren sie durchaus zu rechnen in die Kategorie der Philister, derjenigen Leute, welche das Innere ihrer Seele nicht in genügende Regsamkeit bringen wollen, um durch das so innerlich angezündete Licht dasjenige zu beleuchten, was sonst Inneres der Natur ist, und so das menschliche Seelenwesen hineinzuversetzen in das Innere der Natur. Goethe sagt ja darüber die wirklich eindringlichen Verse, indem er zitiert: «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist».

«Ins Innere der Natur
O, du Philister!
«Dringt kein erschaff’ner Geist.»
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Ich denke: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
«Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!»

[ 35 ] Das zitiert Goethe wiederum und er sagt:

Das hör’ ich an die sechzig Jahre wiederholen.
Und fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend, tausendmale,
Alles gibt sie reichlich gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du selber Kern oder Schale seist.

[ 36 ] Goethe konnte gewissermaßen aus einem bewusst-unbewussten, instinktiven Empfinden heraus nicht aushalten dieses Trennen des Wesens der Menschenseele vom Inneren der Natur. Für ihn war es klar, dass derjenige, der in gesunder Weise die Menschenseele in ihrem Wesen zum Bewusstsein bringt, dass der sich als in dem Inneren der Natur stehend auch erfahren und erleben müsse. Das war es, warum Goethe auch niemals den Kantianismus angenommen hat. Und diejenigen, die behaupten, Goethe wäre selber zu irgendeiner Zeit seines Lebens dem Kantianismus nahegestanden, die irren gar sehr. Goethe hat, entgegengesetzt demjenigen, was Kant als menschliches Erkenntnisvermögen anerkannte, dasjenige, was er anschauende Urteilskraft nennt; und er glaubte dadurch, dass man nicht bloß dasjenige Urteil in sich ausbildet, was von Begriff zu Begriff in abstraktem Sinne geht, sondern dass man dasjenige, was sonst nur in der sinnlichen Anschauung äußerlich lebt, dass man das innerlich anwendet auf das Gedankenanschauen. Goethe sagt, er habe nie über das Denken gedacht, aber er hat unablässig dasjenige, was im Gedanken als Lebendiges lebt, anschauen wollen. Durch dieses Gedankenanschauen wollte Goethe etwas erreichen, wodurch das Wesen der Menschenseele sich wiederum verbindet mit demjenigen, was das Innere der Natur ist.

[ 37 ] Und auf diesem Wege — meine sehr verehrten Anwesenden — will fortschreiten dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist. Sie will ausbilden diese anschauende Urteilskraft Goethes, die so, wie sie Goethe vorstellt, noch in ihren Anfängen lag, zu demjenigen, was geschildert ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», was herausführen soll diejenigen Erkenntnisfähigkeiten des Menschen, die sonst nur latent, verborgen in seinem Inneren ruhen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, und die ihn dann zum Schauen führen, die ihn dazu führen, dass er so, wie er mit seinem sinnlichen Auge die Farben, das Helldunkel um sich herum sieht, so auch das Geistige wirklich anschaut. Ich habe schon gestern erwähnt, dass der Mensch, indem er durch gewisse intime Maßnahmen der Seele dasjenige, was sonst im gewöhnlichen Leben und in der Wissenschaft ja tief in der Seele unten verborgen bleibt, dass das der Mensch aus sich herausentwickeln kann, so wie sonst aus dem Kinde herausentwickelt wird dasjenige, was später eben dieses Kind zur Orientierung im Leben braucht, dass dadurch der Mensch zur höheren Erkenntnisstufe aufrückt — die ich nur dem Namen nach anführen will, ich habe sie oftmals von diesem Orte hier auseinandergesetzt —, dass der Mensch sich aufschwingen kann zu einer imaginativen Erkenntnis, zu einer inspirierten Erkenntnis, zu einer wahrhaft intuitiven Erkenntnis, dass er dadurch mit seinem Seelenwesen untertaucht in die äußere Natur. Ich möchte heute von einem besonderen Gesichtspunkte aus auf diese Erkenntnisentwicklung noch einmal hinweisen.

[ 38 ] Sehen Sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, im gewöhnlichen Menschenleben wird ja, weil das ganz offenbar ist, unterschieden zwischen denjenigen Zuständen, zwischen denen dieses menschliche Leben wechseln muss, wenn der Mensch seelisch und physisch gesund bleiben soll. Der Mensch muss wechseln zwischen dem wachen Tagesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wo durchsetzt ist dasjenige, was er innerlich seelisch erlebt, von Gedanken oder Vorstellungen, wo diese Gedanken eine gewisse Farbe erhalten durch das Gefühlsleben, wo aus unbestimmten Tiefen, aber geleitet von den Gedanken, das Willensleben aus dem Inneren des Menschen hervorquillt und Taten vollbringt; und zwischen diesem Zustande des menschlichen Seelenlebens und demjenigen, wo der Mensch regungslos liegt, wo die Gedanken in Finsternis getaucht sind, wo die Gefühle schwimmen, wo der Wille sich nicht betätigt. Also, zwischen dem Wachzustande und dem Schlafzustande wechselt das gewöhnliche normale Menschenleben. So sieht man dieses normale Menschenleben an.

[ 39 ] Aber das ist nicht vollständige Anschauung vom menschlichen Wesen, und man kommt zu keiner genügenden Auffassung vom Wesen der Menschenseele, wenn man das, was vorliegt, nur in dieser Weise ansieht. Wir wachen nach gewöhnlicher Auffassung zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen. Aber dieses Wachen bezieht sich durchaus nicht auf unseren ganzen Menschen, und das wird gewöhnlich nicht beachtet. Deshalb haben wir auch heute durchaus keine ordentliche Seelenkunde, keine wirkliche Psychologie, weil dieses nicht beachtet wird. Wenn wir vergleichen nämlich, im unbefangenen inneren Erleben vergleichen dasjenige, was in unserem Gefühl auftritt, so ist das durchaus nicht durchzogen von einer solchen inneren Bewusstseinshelligkeit wie das Vorstellen. Es ist ein großer, gewaltiger Unterschied zwischen der Bewusstseinsunterscheidung der Gedanken, der Vorstellungen, und desjenigen, was mehr dumpf, dämmerhaft als Gefühlsnuance dieses Vorstellungsleben durchzieht. Zwar ist dieses Gefühlsleben für unser menschliches Sich-Erfühlen, für unser menschliches Sich-Erleben ebenso real, ja vielleicht realer als das Gedankenleben in einer anderen Beziehung. Aber von lichtvoller Klarheit kann nur das Gedankenleben durchzogen sein. Das Gefühlsleben bleibt in einer gewissen Unbestimmtheit in der Seele ausgebreitet.

[ 40 ] Und wenn wir uns fragen: Wie können wir darauf kommen, wie dieses Gefühlsleben in der Seele vorhanden ist, dann müssen wir vergleichen einen Seelenzustand mit anderen Seelenzuständen, und man kommt nach und nach — ich habe auch darüber hier schon gesprochen, mehr beweisend, heute will ich diese Dinge nur heranziehen und gewissermaßen mitteilen —, man kommt da dazu, zu vergleichen dasjenige, was im Gefühlsleben pulsiert, mit demjenigen, was im Traumleben auftritt. Wer das wirklich studiert, wer das wirklich genau kennt, wie es sich vor das Bewusstsein stellt, wie es aus unbestimmten Tiefen des menschlichen Wesens heraufquillt, wie es zwar in Bildern auftritt, aber doch in einer unbestimmten, dämmerhaften Weise, sodass man nicht recht weiß, wie es mit irgendeiner äußeren Wahrheit zusammenhängt zunächst.

[ 41 ] So ist es mit dem Gefühlsleben. Gefühle sind gewiss etwas anderes als Traumbilder; aber wenn wir den Grad von Bewusstheit gegenüber den Gefühlen vergleichen mit dem Grade der Bewusstheit gegenüber den Traumbildern, so ist dieser Grad durchaus der gleiche oder wenigstens ein ähnlicher. Und wir können sagen: Das Gefühlsleben ist das wache Träumen; gewissermaßen dasjenige, was in Träumen als Bilder auftritt, das wird in die Allgemeinheit des organischen Lebens hinuntergedrängt. Es wird anders erlebt, aber es ist in derselben Weise in der Seele präsent, vorhanden, wie das Traumwesen, sodass wir sagen können: In Wirklichkeit wachen wir nur in Bezug auf unser Vorstellungsleben; wir träumen auch wachend in Bezug auf das Gefühlsleben. Wer wirklich in all dasjenige, was das menschliche Leben bedeutet, hineinsieht und sich frägt, welche Rolle die Gefühle — namentlich durch einen größeren Zeitraum des menschlichen Erlebens hindurch — spielen, der wird sich schon sagen können, dass dasjenige, was ihm sonst in den Traumbildern auftaucht, so zusammenhängt mit seinen gewöhnlichen Lebensschicksalen, mit demjenigen, was er erfahren hat, dass in einer übereinstimmenden Weise in den Traumbildern dasjenige lebt, was sonst im Leben erfahren wurde. Aber genau ebenso drückt sich dasjenige, was sonst im Leben sich schicksalsmäßig darstellt, aus in den Gefühlen, die unsere Vorstellungen nuancieren, die unseren Vorstellungen gewisse Grundlagen abgeben. Eine gewissenhafte Betrachtungsweise des Seelenlebens wird diese Verwandtschaft des Gefühlslebens mit dem Traumleben schon ergeben.

[ 42 ] Und ein anderes — meine sehr verehrten Anwesenden — ist das Willensleben. Dieses Willensleben, man denkt gewöhnlich nicht darüber nach, aber quillt nicht der Willensimpuls aus uns hervor, ohne dass wir über seinen eigentlichen Urgrund in unserer Seele ein klares Bewusstsein haben? Wir haben den Gedanken. Aus diesem Gedanken geht der Willensimpuls hervor. Wir sehen uns dann, indem wir handeln, meine lieben Freunde, wir beobachten uns gewissermaßen als Handelnde selbst, haben über unser Handeln aber einen Gedanken. Aber was dazwischen liegt, davon haben wir kein Bewusstsein, wie dasjenige, was als Gedankenimpulse für den Willen in mir aufschießt, hineingeht in meine Muskelkraft, wie der Nerv empfindet die eigene Bewegung der Arm- und Handmuskeln, wie dann ausgeführt wird dasjenige, was da vom Gedanken aus in, ich möchte sagen die Tiefen des menschlichen Wesens hinuntertaucht, um dann wiederum aufzutauchen, wenn wir uns selber als Handelnde finden. Das lebt tatsächlich in uns so, wie allein das lebt, was wir im tiefen Schlafe durchmachen. Geradeso wie wir im Schlafe gewissermaßen unser eigenes Wesen verloren haben, wie wir nicht dasjenige, was wir im Leibe erleben, wachend im Schlafe durchmachen, so machen wir dasjenige nicht durch, was sich in unserer Menschenwesenheit vollzieht, wenn der Wille seine Impulse erscheinen lässt. Wir träumen nicht nur wachend in unserem Gefühlsleben, wir schlafen in unserem wachenden Leben, indem wir wollen, sodass Träumen und Schlafen fortwährend in uns spielen. Aber aus diesen unbekannten Tiefen herauf, aus jenen Tiefen, aus denen der Wille kommt, aus denen kommt auch dasjenige, was wir schließlich in unserem Selbstbewusstsein zusammenfassen. Wir erkennen unsere völlige Menschlichkeit erst, wenn wir im gewöhnlichen Leben uns als ein denkendes oder vorstellendes, fühlendes oder wollendes Wesen wissen.

[ 43 ] Aber wir nehmen in dieses gewöhnliche Leben unbewusste Zustände herein. Wir würden nicht zum Gefühl der Freiheit kommen, wenn wir nicht aussondern könnten aus unserem Wesen etwas, was sich gewissermaßen heraushebt aus unserem ganzen Organischen zunächst. Gerade indem sich das Vorstellungsleben heraushebt, entwickelt es dasjenige, was ich früher charakterisiert habe als dem Freiheitserlebnis zugrunde liegend. Davon sondern wir uns in einer gewissen Weise von uns selber ab. Wir leben wachend nur in einem Teile von uns, nur in demjenigen, was uns das Vorstellungsleben repräsentiert. Wir leben gewissermaßen in Bezug auf einen anderen Teil von uns in derselben Weise unbewusst, wie wir in Bezug auf das Innere der Natur unbewusst leben. Da tritt anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein, indem sie die Methoden entwickelt zu höherer Erkenntnis. Sie beruht nicht auf irgendetwas, was nur im Entferntesten mit den träumerischen obskurantesten Mystikern verwandt wäre, sie beruht nicht auf irgendetwas, was im äußeren Experiment wie im vertrackten Spiritismus zu erreichen wäre; sie beruht durchaus auf demjenigen, was mit einer so hellen Klarheit aus dem inneren Menschen hervorgeholt werden kann, wie nur die reinsten materiellen Vorstellungen. Bei vollem Bewusstsein wird das aus dem Inneren des Menschen hervorgeholt, was in die Methoden der geisteswissenschaftlichen Untersuchungen einfließen soll.

[ 44 ] Aber dasjenige, was sonst so lebt in der gewöhnlichen menschlichen Seelenverfassung, wie das Traumleben, nämlich die Gefühlswelt, das wird von demselben Lichte durchsetzt, von dem durchsetzt ist das Vorstellen, das aus dem Gefühl heraus, wie manche Gefühlsphilosophie oder Gefühlstheologie, schöpft.

[ 45 ] Geisteswissenschaft, sie durchsetzt erst durch ihre Übungen, die in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert sind, sie durchsetzt erst das Gefühlsleben mit dem Lichte, das sonst nur waltet in dem Vorstellungsleben, sodass diejenige Region, die sonst traumhaft bleibt, in der menschlichen Seele nunmehr lebt als das imaginative Bewusstsein. Nicht ein Traum ist da, nicht das traumhafte Gefühlsleben ist da in dem Momente, wo man sich diesem imaginativen Bewusstsein hingibt, sondern dasjenige ist da, was sonst eben unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewusstseins bleibt. Man denkt Bilder, aber Bilder, von denen man weiß, sie sind nicht erträumt, sondern sie entsprechen Realitäten.

[ 46 ] Und noch weiter kommt diese Methode, die ich geschildert habe, wie das in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft dargelegt ist, im inspirierten Bewusstsein. Da wird tatsächlich dasjenige erreicht, was sonst Wille ist. Ich habe gestern geschildert, wie sich umgestaltet dasjenige, was sonst abstraktes theoretisches Erkennen ist, in etwas, was sich vergleichen lässt dem künstlerischen Anschauen vom Menschenbau. So wird aber auch hingeschaut auf den Willen. Nach und nach gelangt man dazu, dass wirklich — der Ausdruck soll nicht missverstanden werden — hellseherisch durchschaut wird, wie das Ganze der menschlichen Organisation funktioniert, indem der Wille hineinpulsiert in diese menschliche Organisation. Geschaut wird, was wirklich vorgeht im Muskel, indem erkannt wird, was da hineinschießt, indem der Willensimpuls sich betätigt, und das ist dann inspirierte Erkenntnis. Da taucht der Mensch in sein eigenes Innere unter. Da allerdings erlangt er dann eine Erkenntnis von sich selbst, über die sonst ein Schleier gebreitet ist. Da gelangt man dazu, nicht nur zu erkennen dasjenige, was fertig dasteht zwischen der Geburt und dem Tode, sondern da gelangt man dazu, indem, was in seinem Gefühl, in seinem Willen lebt, die jetzt durchzogen sind von eben solchem Bewusstseinslichte, wie sonst nur das Vorstellungsleben, da gelangt man dazu, nicht bloß das Geschaffene in seinem Wesen zu erkennen, sondern das Schaffende, das Schöpferische, dasjenige, was nun nicht bloß aufwacht und in den schon fertigen Leib wiederum hineingeht, wie es beim Aufwachen des Menschen der Fall ist, sondern das aus geistigen Welten heruntersteigt, indem der Mensch durch die Geburt oder Empfängnis geht und sich den Leib selber organisiert, da gelangt der Mensch dazu, durch diese höhere Erkenntnisstufe sein Ewiges zu erkennen, dasjenige in ihm zu erkennen, was über Geburt und dem Tode hinauslebt. Er gelangt durch eine unmittelbare Anschauung dazu, das Ewige des Geistigen in sich selber zu erkennen. Er gelangt zu einer Anschauung des Wesens der Menschenseele; aber er gelangt dann auch dazu, indem er in sein eigenes Wesen hinuntertaucht, da, wo er sonst nur als Natürlicher erkennt, indem er den Geist in sich findet, er gelangt dazu, dass er schon, indem er in sich selber hinuntergestiegen ist, nicht mehr bloß in sich steht, sondern dass er nun in dem Inneren der Natur drinnensteht, dass er in dem Geiste seiner eigenen Natur den Geist der Natur erkennt.

[ 47 ] Und jetzt enthüllt sich für ihn das Bedeutungsvolle, — sehen Sie, es ist tatsächlich, dass wir gewissermaßen in altem Sinne jenseits der Schwelle stehen, mit unseren Naturerkenntnissen. Die Alten glaubten in diesem Gebiete das Selbstbewusstsein zu verlieren, wenn sie nicht vorbereitet waren in einer entsprechenden Weise. Der neuere Mensch verliert nicht sein Selbstbewusstsein, aber er verliert die Welt, das Vorstellen mit jener hellen Klarheit, wie es uns das Selbstbewusstsein gibt; das hat sich ja in der neueren Zeit erst entwickelt. Dieses Selbstbewusstsein, das ist es, was wir ausbilden müssen. Während die Alten besonders gesehen haben auf die Zucht des Willens, müssen wir, wie schon in meiner «Philosophie der Freiheit» betont, zum reinen Denken vordringen. Wir müssen das Denken besonders ausbilden, damit dann das Denken, indem es sich weiterentwickelt, zur Imagination, zur Inspiration, zur Intuition kommt.

[ 48 ] Dadurch aber ergibt sich für uns eine neue Schwelle in die geistige Welt, jene Schwelle, die jetzt vor uns steht. Wir sagen uns, wir dürfen nicht darinnen stehen bleiben in derjenigen Welt, die uns nur die ausgebreitete Sinnesanschauung gibt, die uns dasjenige, was Inneres der Natur ist, jenseits der Grenze liegen lässt. Wir dürfen nicht da stehen bleiben, wir müssen eine andere Schwelle überschreiten, diejenige, die uns in das eigene Innere, in das Wesen der Seele führt, und die uns nicht mehr phantasieren lässt von allerlei Atomen und Atomistik und allerlei Molekülen, die hinter dem stehen sollen, was da Farbe und Ton und Wärmeempfindung und so weiter ist, sondern wir lernen erkennen, indem wir unseren eigenen Geist erkennen und in diesem Geiste drinnenstehen, wir lernen erkennen, drinnenzustehen in dem Geiste der Natur, wir lernen die Natur selber als geistig kennen. Da, wo die Menschen die Welt verlieren wollen, indem sie hinter die Natur — man möchte sagen — eine zweite grob materielle Natur setzen in einer atomistischen Welt, da findet derjenige, der im neueren Sinne die [Schwelle] überschreitet, den Geist, und das ist es, was wir als eine Grundempfindung gegenüber dem Inneren der Natur und dem Wesen der Menschenseele entwickeln müssen als unterschiedlich von dem, was die Alten hatten.

[ 49 ] Wir müssen die Empfindung haben: Ja, wir leben in den Zuständen drinnen, die die Alten vermeiden wollten unvorbereitet. Wir haben zwar nicht die Gefahr vor uns, unser Selbst zu verlieren, dazu ist in der neueren Bildung die Gedankenwelt zu stark ausgebildet, aber wenn wir diese Gedankenwelt noch weiter ausbilden, dann können wir auch nicht dasjenige verlieren, was nun uns verloren gehen kann. Den Alten drohte der Verlust des Selbstbewusstseins, eine Art seelischer Ohnmacht; uns das Verlieren der Welt, das Aufgehen in rein mathematischen Weltbildern, in atomistischen Vorstellungen, sodass wir gar nicht mehr zusammenhängen mit demjenigen, was uns als Fülle der Welt umgibt. Wir stehen vor der Gefahr, dass uns zwar nicht das Selbstbewusstsein, wohl aber gegenüber unserem Ego-Bewusstsein die Welt verloren geht. Und um die Welt wiederzufinden, das heißt, den Geist in der Welt zu finden, müssen wir dasjenige, was die neuere Menschheit die Schwelle nennen muss, müssen wir diese Schwelle überschreiten. Und wir können in einer gewissen Weise sagen: Fürchteten sich die Alten vor dem Hüter der Schwelle, und mussten sie gut vorbereitet sein, um an ihm vorbeizukommen, so muss der neuere Mensch geradezu diesen Hüter herbeisehnen. Er muss die Gelegenheit herbeisehnen, bekannt zu werden mit demjenigen, was ihm sonst nur als äußerliche Sinnesanschauung in Verbindung mit den Ergebnissen des kombinierenden Verstandes und des Experimentes entgegentrat, um das zu erlangen durch die Erkenntnis des Geistes.

[ 50 ] So soll Geist-Erkenntnis überall hineingetragen werden, in das Laboratorium, auf das Observatorium, in die Klinik; überall da, wo man sinnlich forscht und mit dem Verstande kombiniert, da soll Geist-Erkenntnis hineingetragen werden. Denn sonst ist dasjenige, was in diesen Bildungsstätten erreicht wird, jenseits der Schwelle erreicht, und der Mensch wird in einer verhängnisvollen Weise dadurch gerade von der Welt abgeschnitten, fühlt sich einem Inneren der Natur gegenüber, das er niemals auf äußerliche Weise erreichen kann, sondern nur, wenn er erst sich selber erweckt, wenn er erst vordringt zu dem unsterblichen, ewigen Wesen der Menschenseele. Und dringt er zu diesem vor, so steht er in dem Geiste der Natur drinnen. Er dringt über diese Schwelle, die in ihm selber liegt, zu dem geistigen Gebiete der Natur vor.

[ 51 ] Das ist dasjenige, was als Aufgabe obliegt gegenüber demjenigen, was die anderen Wissenschaften nicht geben können, anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Deshalb darf sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft Goetheanismus nennen, denn Goethe hat entgegengerufen denen, die da sagen:

«Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaff’ner Geist.»
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Prüfe dich du nur allermeist,
Ob du selber Kern oder Schale seist.

[ 52 ] Man ist Schale, solange man mit dem bloßen Vorstellungsleben da steht. Dadurch aber schneidet man sich selber von der Natur ab. Von dem Inneren der Natur spricht nur derjenige, der sich die Natur selber zur Schale erst gemacht hat, derjenige, der selber Schale geworden ist. Derjenige aber, der zu seinem eigenen Kern vordringt, der weiß sich, indem er sich erlebt in dem Wesenskern seiner Menschenseele, er weiß sich im Innersten der Natur drinnenstehend, er erlebt dieses Innerste der Natur.

[ 53 ] Das — meine sehr verehrten Anwesenden — ist der Impuls, den anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht nur im allgemeinen menschlichen Leben, vor allem diesem, aber auch den einzelnen Wissenschaften geben möchte. Dann steht vor ihr das Ideal, dass alle einzelnen Wissenschaften nach und nach nicht bloß jene Spezialitäten bleiben, die sie bisher waren, sondern dass aus jeder einzelnen Wissenschaft etwas hervorquillt, was einen Beitrag liefert zu dem, wonach der Mensch unablässig streben muss, wenn er seiner Menschenwürde ganz bewusst sein will, zu dem Ewigen des Menschenwesens.

[ 54 ] Dasjenige, was die einzelnen Wissenschaften geben können, es bleibt äußerlich gegenüber dem Inneren der Natur, wenn es nicht in dieser Weise ergänzt wird durch innerliche Erkenntniswege, diese innerlichen Erkenntniswege zu den äußeren hinzufügt, um so aus der einzelnen Erkenntnis eine umfassende Menschheitserkenntnis zu machen, die dann den Menschen auch stark macht, wie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» gezeigt ist in Bezug auf die soziale Auffassung des Lebens, in Bezug auf das Hineinstellen in das soziale Leben, die geeignet sein wird, auch die sozialen Forderungen und Fragen der Zukunft in ein geeignetes heilsames, dem Menschenfortschritt dienendes Fahrwasser zu bringen. Das soll Aufgabe anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft sein.

[ 55 ] Unablässig — meine sehr verehrten Anwesenden — steht, weil sie das glaubt aus der gegenwärtigen Natur der Menschheitszivilisation zu erkennen, unablässig steht in ganz ehrlichem, aufrichtigem Streben nach wahrer Erkenntnis des Menschen, nach Vertiefung des Menschenwesens, nach Erweiterung des menschlichen Tätigkeitswesens, der menschlichen Tätigkeitsenergie, unablässig — das lassen Sie mich zum Schlusse zusammenfassend sagen —, unablässig steht vor demjenigen, der anthroposophische Geisteswissenschaft aus ihrem inneren Kern heraus will, unablässig steht vor ihm der Zusammenhang zwischen dem Wesen der Menschenseele und dem Inneren der Natur so, dass allerdings dasjenige, was uns die spezialistischen Wissenschaften geben, Finsternisse über die Welt ausbreiten, die eigentlich im Grunde genommen so gefürchtet werden müssten, wie von den Alten das, was jenseits der Schwelle liegt, gefürchtet wurde. Aber möglich ist es — meine sehr verehrten Anwesenden —, ein Licht anzuzünden, damit in diese Finsternisse, in die Finsternisse des Inneren der Natur, der Mensch hineinschauend gelangen könne. Und dieses Licht kann nur sein dasjenige, was angezündet wird durch eine innerliche, geistig-seelisch vertiefte Erkenntnis in der Menschenseele selbst.