The Inner Nature and Essence
of the Human Soul
GA 80b
1 February 1921, Basel
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The Inner Nature and Essence of the Human Soul, tr. SOL
4. Das Innere Der Natur und das Wesen der Menschenseele
4. The Inner Life of Nature and the Nature of the Human Soul
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Gestern erlaubte ich mir, im Allgemeinen zu sprechen über die Aufgaben des Goetheanums in Dornach, und ich denke, dass aus den gestrigen Ausführungen hervorgegangen ist, wie diejenige geisteswissenschaftliche Richtung, die in diesem Goetheanum gepflegt wird, nichts zu tun hat mit irgendeiner sektiererischen, auch nichts zu tun hat etwa mit dem Versuch einer neuen Religionsgründung oder dergleichen, sondern dass sie steht durchaus auf dem Boden einer wissenschaftlichen Weltanschauung, einer solchen wissenschaftlichen Weltanschauung, welche durchaus rechnen will mit den Fortschritten des modernen naturwissenschaftlichen Erkennens, welches gewissermaßen fortwährend sich innerlich Rechenschaft ablegen will in der Richtung, dass ihre Methoden, dass die ganze Art ihres Forschens in der Richtung wohl liegt, welche die neuere Erkenntnis anstrebt, aber die zu gleicher Zeit in einem gewissen Sinne die letzten notwendigen Konsequenzen dieser neuzeitlichen Forschungsrichtung zieht. Insbesondere zeigt sich dieses dann, wenn man auf spezielle Fragen der Menschenseele, der Welterkenntnis eingeht, und auf eine solche spezielle Frage gestatten Sie mir heute einzugehen. Allerdings werde ich nur, da ich gerade mit dieser Frage ein sehr weites, ausgebreitetes Gebiet betrete, werde ich nur einzelne Andeutungen geben können. Allein ich werde versuchen, diese Andeutungen so zu geben, dass sie in einer gewissen Beziehung beleuchten gerade dasjenige, was mit den Aufgaben des Goetheanums in Dornach in einem weiteren und engeren Sinne zusammenhängt.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Yesterday I took the liberty of speaking in general terms about the mission of the Goetheanum in Dornach, and I believe that yesterday’s remarks made it clear how the spiritual scientific approach cultivated at this Goetheanum has nothing to do with any kind of sectarianism, nor does it have anything to do with, for example, an attempt to found a new religion or the like; rather, it is firmly grounded in a scientific worldview, a scientific worldview that seeks to take full account of the advances in modern scientific knowledge—one that, in a sense, continually seeks to hold itself to account internally, ensuring that its methods and the entire nature of its research are aligned with the direction toward which modern knowledge is striving, while at the same time, in a certain sense, drawing the ultimate necessary conclusions from this modern approach to research. This becomes particularly evident when one addresses specific questions concerning the human soul and our understanding of the world, and please allow me to address one such specific question today. However, since I am entering a very broad and extensive field with this very question, I will only be able to offer a few brief insights. Nevertheless, I will try to present these hints in such a way that, in a certain sense, they shed light precisely on what is connected—in both a broader and a narrower sense—to the tasks of the Goetheanum in Dornach.
[ 2 ] Dasjenige, was das heutige Thema enthält, sind ja zwei Ideen, zwei menschliche Impulse, nach denen des Menschen Seele fortwährend in solcher Weise hinblicken muss, dass auf der einen Seite ihre intensivsten Sehnsuchten wach werden, auf der anderen Seite immer wieder und wiederum Rätsel und Zweifel vor ihr stehen: «Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele.»
[ 2 ] Today’s topic encompasses two ideas, two human impulses toward which the human soul must continually turn in such a way that, on the one hand, its most intense longings are awakened, and on the other hand, it is repeatedly confronted with mysteries and doubts: “The inner nature of the natural world and the essence of the human soul.”
[ 3 ] Das Innere der Natur: Der Mensch fühlt sich mit seiner Erkenntnis in einem gewissen Sinne außerhalb der Natur, denn wie sollte er denn überhaupt veranlasst sein, Erkenntnisarbeit zu verrichten, wenn diese Erkenntnisarbeit nicht den Zweck haben sollte, über dasjenige hinauszudringen, indem man im gewöhnlichen Leben steht, wenn diese Erkenntnisarbeit nicht den Zweck haben sollte, tiefer hineinzukommen in dasjenige, was sich dem Sinne und dem kombinierenden Verstande nach der Außenseite als Natur darbietet? Es ist einmal eine innere Tatsache des Seelenlebens, die umso mehr auftritt, je ernster man es mit den Erkenntnisfragen nimmt, dass man sich von der Natur, von dem Innern der Natur in einem gewissen Sinne getrennt fühlt. Und dann ist es eine Frage, die sich der eine nach seiner Weltanschauung so, der andere anders beantwortet, ob man in dieses Innere der Natur genügend weit hineinkommen könne, so weit hineinkommen könne, dass der Mensch aus diesem Hineinkommen eine gewisse Befriedigung schöpfe oder nicht. Man fühlt ja wohl auch, wie in einer gewissen Weise zusammenhängt dasjenige, was man eventuell wissen kann über das Innere der Natur, mit demjenigen, was man nennen kann das Wesen der Menschenseele.
[ 3 ] The Inner Nature of Nature: Through his knowledge, man feels, in a certain sense, to be outside of nature, for how could they be motivated at all to engage in the work of cognition if this work were not intended to go beyond what one experiences in ordinary life, if this work were not intended to delve deeper into that which, to the senses and the reasoning mind, presents itself on the outside as nature? It is, after all, an inner fact of spiritual life—one that becomes all the more apparent the more seriously one takes questions of knowledge—that one feels, in a certain sense, separated from nature, from the innermost essence of nature. And then there is the question—to which one person answers in one way according to his worldview, and another in another—whether one can penetrate sufficiently far into this inner realm of nature, far enough that a person derives a certain satisfaction from this penetration or not. One does indeed sense how, in a certain way, what one might be able to know about the inner nature of the natural world is connected to what one might call the essence of the human soul.
[ 4 ] Aber auf der anderen Seite steht wiederum diese Frage nach dem Wesen der Menschenseele — man möchte sagen — wie etwas Uraltes vor der menschlichen Erkenntnis. Man braucht sich nur zu erinnern an das Herübertönen des apollinischen Griechenspruches «Erkenne dich selbst». Er enthält eine Aufforderung, eine Aufforderung, von der gerade der gewissenhafte Erkenner fühlt, dass sie nicht so ohne Weiteres zu erfüllen ist.
[ 4 ] But on the other hand, there is again this question of the nature of the human soul—one might say—as something ancient, predating human understanding. One need only recall the resonance of the Apollonian Greek maxim, “Know thyself.” It contains a challenge—a challenge that the conscientious seeker of knowledge in particular feels cannot be easily met.
[ 5 ] Man wird sich vielleicht — meine sehr verehrten Anwesenden — orientieren können über dasjenige, was nach diesen Richtungen für die Menschenseele vorliegt, und was insbesondere zu den Aufgaben der Gegenwart auf diesem Gebiete gehört, wenn man sich zurückerinnert an Vorstellungen, die in älteren Zeiten ernst und gewissenhaft strebende Menschen verbunden haben auf der einen Seite mit der Erkenntnis des Naturinneren, auf der anderen Seite mit der Selbsterkenntnis des Menschen, und ich möchte heute auf solche Vorstellungen hinweisen, obwohl sie dem gewöhnlichen Bewusstsein der Gegenwart etwas ferner liegen. Ich möchte hinweisen darauf, dass mit ganz besonderen — man möchte fast sagen — schreckhaften Vorstellungen in alten Zeiten gedacht worden ist an die Zielpunkte der Naturerkenntnis und der Selbsterkenntnis.
[ 5 ] Perhaps—my esteemed audience—we will be able to gain some insight into what lies before the human soul in these directions, and what, in particular, constitutes the tasks of the present in this realm, by recalling the ideas that, in earlier times, seriously and conscientiously striving individuals associated, on the one hand, with the knowledge of the inner nature of the natural world, and on the other hand, with human self-knowledge; and I would like to point out such ideas today, even though they lie somewhat beyond the ordinary consciousness of the present. I would like to point out that in ancient times, people conceived of the goals of the knowledge of nature and self-knowledge with very special—one might almost say—awe-inspiring ideas.
[ 6 ] Man hat sich vorgestellt, dass der Mensch nicht ohne Weiteres seinen gewöhnlichen Lebensgang durchmachen könne, wenn er zu diesem Ziele der Erkenntnis strebt, dass er Überwindungen, Entbehrungen, Leiden, Schmerzen auch vor sich habe, dass er in Ungewissheiten hineinkomme, bevor er irgendwie zu einer befriedigenden Gewissheit kommen könne. Wir sind heute gewöhnt, nach unseren gebräuchlichen Ideen, auch im Erkenntnisweg, den wir so durch unsere Bildungsanstalten gehen, etwas zu sehen, was uns gewissermaßen nicht aus dem alltäglichen Geleise bringt, was uns in gewohnter Weise fortschreiten lässt. Und man muss ja auch sagen: Durch dasjenige, was wir antreffen in unseren Laboratorien, in unseren Observatorien, in unseren Kliniken, durch das können wir nicht in einer solchen Weise aus dem Geleise gewissermaßen geworfen werden des gewöhnlichen Lebens, wie es geschildert wird vielfach von den Erkenntniswegen, die in alten Zeiten von den Schülern der Weisheit gegangen werden mussten.
[ 6 ] It has been assumed that a person cannot simply go about their ordinary life while striving toward this goal of knowledge; that they must face challenges, hardships, suffering, and pain; and that they will encounter uncertainties before they can in any way arrive at a satisfying certainty. Today, according to our customary ideas—even on the path to knowledge that we follow through our educational institutions—we are accustomed to seeing something that, in a sense, does not take us off the beaten track of everyday life, something that allows us to proceed in the usual way. And it must also be said: What we encounter in our laboratories, in our observatories, in our clinics—this cannot, so to speak, throw us off the track of ordinary life in the way that is often described in connection with the paths of knowledge that the seekers of wisdom in ancient times were compelled to follow.
[ 7 ] Man sah gewissermaßen eine Art Abgrund zwischen dem, was der Mensch im gewöhnlichen Leben ist, was der Mensch im gewöhnlichen Leben erfahren kann, und demjenigen, was er wird, wenn er in die Tiefen des Weltenseins und in die Erkenntnis der eigenen Wesenheit hineindringt und was ihm da entgegentritt. Man schilderte diesen Abgrund als etwas, was in einer gewissen Beziehung dem Menschen den Boden eben unter den Füßen wegnimmt, sodass er sich schwindelfrei — innerlich seelisch meine ich das —, schwindelfrei in das Feld letzter Erkenntnisse hineinbegeben müsse. Und man sagte, der Mensch im gewöhnlichen Leben könnte es gar nicht ertragen, ohne Vorbereitung diesen Weg in die höheren Erkenntnisse hinein anzutreten, er braucht solche ernste, gewissenhafte Vorbereitung, und erst, wenn er sie hat, kann er es wagen, den Abgrund zu überspringen. Der Mensch würde gewissermaßen im gewöhnlichen Leben in einer Seelenverfassung gehalten, die ihn unwissend sein lässt über diesen Abgrund, ihn diesen Abgrund nicht sehen lässt. Das sei eine Wohltat für ihn. Er sei gewissermaßen eingehüllt in eine Art von Blindheit. Er sei behütet davor, sich unversehens in denjenigen Abgrund hineinzustürzen, der da aufgerichtet ist vor der letzten Erkenntnis der Dinge.
[ 7 ] One could say that there was a kind of abyss between what a human being is in ordinary life—what a human being can experience in ordinary life—and what he becomes when he penetrates into the depths of world existence and into the knowledge of his own being, and what he encounters there. This abyss was described as something that, in a certain sense, pulls the ground out from under a person’s feet, so that they must venture—without feeling dizzy, and I mean this in an inner, spiritual sense—without feeling dizzy, into the realm of ultimate knowledge. And it was said that a person in ordinary life could not possibly endure setting out on this path toward higher knowledge without preparation; they need such serious, conscientious preparation, and only when they have it can they dare to leap across the abyss. In ordinary life, one is, so to speak, kept in a state of mind that leaves one ignorant of this abyss, that prevents one from seeing it. This is a blessing for them. They are, so to speak, enveloped in a kind of blindness. They are protected from suddenly plunging into the abyss that lies before the ultimate knowledge of things.
[ 8 ] Und man — nennen Sie es personifiziert oder dergleichen, obwohl es durchaus reale Erlebnisse bezeichnete in jenen alten Weisheitsschulen —, man sagte: Der Mensch hätte zu überschreiten, um in die Gefilde der höheren Erkenntnis zu kommen, eine gewisse Schwelle, und er müsse furchtlos gegenüber demjenigen geworden sein, was sich ihm bei dieser Schwelle für sein Seelenleben enthüllt — und im gewöhnlichen Leben sei er behütet, behütet durch seine allgemeine Seelenverfassung. Das, was ihn da hütete, das kann man wiederum personifiziert nennen den Hüter der Schwelle. Wie gesagt, man kann das personifiziert nennen; allein für denjenigen, für den Seelenerlebnisse eine Realität sind, für den sind diese Dinge auch keine Personifikation, sondern sie sind eben etwas, was durchgemacht, was überwunden werden muss, überwunden werden muss, wenn der eine Zustand — wie man meinte in jenen alten Zeiten —, der eine Zustand der Unwissenheit und Finsternis überwunden werden soll und erreicht werden soll der Zustand lichtvollen Anschauens der geistigen Wirklichkeit und des Darinnenstehens innerhalb dieser geisterfüllten Wirklichkeit.
[ 8 ] And people—call it personification or something similar, although it certainly referred to real experiences in those ancient schools of wisdom—said: In order to enter the realms of higher knowledge, a person must cross a certain threshold, and must have become fearless in the face of whatever is revealed to him at this threshold regarding his soul life—and in ordinary life, he is protected, protected by his general state of mind. That which protected them there can, in turn, be called—in personified terms—the Keeper of the Threshold. As I said, one can call it a personification; yet for those for whom soul experiences are a reality, these things are not a personification at all, but rather something that must be endured, something that must be overcome—overcome if the one state—as was believed in those ancient times —is to be overcome, and the state of luminous contemplation of spiritual reality and of standing within this spirit-filled reality is to be attained.
[ 9 ] Nun möüssen sich natürlich zunächst für den heutigen Menschen mit solchen Begriffen «Schwelle», wie «Hüter der Schwelle» höchst unbestimmte Dinge verquicken. Ich möchte gleich vorausschicken: Die Menschheit ist durchaus — das habe ich ja in vielen Vorträgen, die ich von derselben Stelle hier halten durfte, gesagt —, die Menschheit ist durchaus in einer Entwicklung, die Menschheit schreitet von Zustand zu Zustand, und da entwickeln sich nicht nur die äußeren Kulturverhältnisse, da entwickelt sich auch von Stufe zu Stufe das Seelenleben, und dasjenige, womit in alten Zeiten gerade die intimsten Vorgänge dieses Seelenlebens bezeichnet werden konnten, das kann nicht für die heutige Menschheit gelten. Daher werden wir auch, wenn wir charakterisieren wollen — und wir wollen das, um uns zu orientieren über diese Dinge —, wir werden, wenn wir charakterisieren wollen dasjenige, was in alten Zeiten verstanden worden ist unter «Schwelle» und «Hüter der Schwelle», wir werden es uns anders zu denken haben, als es gilt für diejenigen Vorgänge, die sich für den heutigen Menschen abspielen, wenn er aus den gewöhnlichen Erkenntnissen zu den übersinnlichen vorschreiten will. Und um das Letztere charakterisieren zu können, möchte ich, rein um etwas verständlicher zu werden, den Vergleich mit den alten Vorstellungen heranziehen. Und man kann im Grunde genommen leichter als mancher, der diese Dinge nur historisch betrachtet, ohne geisteswissenschaftliche Untersuchung zu Hilfe zu ziehen, man kann hinweisen auf dasjenige, was eigentlich als etwas — ich sagte schon, man möchte es fast schreckhaft nennen —, was eigentlich als etwas Schreckhaftes, als etwas Furchtbares, als etwas, was zunächst für den Unvorbereiteten zu vermeiden ist, was da in dieser Art in den alten Weisheitsschulen hingestellt worden ist.
[ 9 ] Of course, for people today, terms such as “threshold” and “guardian of the threshold” must initially conjure up highly vague images. I would like to state right away: Humanity is certainly—as I have said in many lectures I have been allowed to give here on this very topic— humanity is certainly in a process of development; humanity progresses from one state to another, and in this process not only do external cultural conditions evolve, but the life of the soul also develops from stage to stage; and what in ancient times could be used to describe precisely the most intimate processes of this life of the soul cannot apply to humanity today. Therefore, when we wish to characterize—and we wish to do so in order to orient ourselves regarding these matters—when we wish to characterize what was understood in ancient times as the “threshold” and the “guardian of the threshold,” we will have to conceive of it differently than it applies to the processes that take place for modern human beings when they wish to advance from ordinary knowledge to the supersensible. And in order to characterize the latter, I would like—purely to make things a bit more understandable—to draw on the comparison with the ancient conceptions. And one can, in fact, more easily than some who view these things merely from a historical perspective without drawing on spiritual scientific inquiry, point to that which is actually—as I already said, one might almost call it terrifying—what was actually presented in the ancient schools of wisdom as something terrifying, something dreadful, something that the unprepared should initially avoid.
[ 10 ] Im Grunde genommen, was fürchtete man für das unvorbereitete Seelenleben in jenen alten Zeiten, und wofür suchte man zunächst den Schüler in der Weisheitsschule vorzubereiten durch eine ganz bestimmte Zucht des Willens, der stark und energisch werden sollte, der lernen sollte, sich aufrecht zu erhalten in schwierigen, schwindelerregenden Fällen des Lebens? Was fürchtete man eigentlich für den Unvorbereiteten? Nun, so sonderbar es klingen mag — meine sehr verehrten Anwesenden —, wer überschaut den Entwicklungsgang der Menschheit, der kann durchaus einsehen, dass dasjenige, was man im Wesentlichen fürchtete, dass das derjenige Zustand der Seelenverfassung ist, den einfach die gegenwärtige Menschheit bis zu einem gewissen Grade durch die äußerliche Kultur erreicht hat. So sonderbar das klingt, dasjenige wollte man vermeiden bei dem unvorbereiteten Schüler des Altertums, dass er ohne Weiteres zu einer solchen Seelenverfassung komme, wie sie innerhalb unserer Kultur heute ganz allgemein ist, namentlich allgemein ist durch die naturwissenschaftliche Bildung der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Ich möchte Ihnen an einem einzelnen Fall das versinnlichen.
[ 10 ] Essentially, what was feared for the unprepared soul in those ancient times, and for what purpose did one initially seek to prepare the student in the School of Wisdom through a very specific discipline of the will—a will that was to become strong and energetic, and that was to learn to maintain its composure in difficult, dizzying situations of life? What, in fact, did they fear for the unprepared? Well, as strange as it may sound—my esteemed audience—anyone who surveys the course of human development can certainly see that what was essentially feared is precisely that state of the soul which present-day humanity has already attained to a certain degree through external culture. As strange as it sounds, what people wanted to avoid for the unprepared student of antiquity was that he might readily arrive at a state of mind such as is quite common within our culture today—namely, one that has become widespread through the scientific education of the last three to four centuries. I would like to illustrate this for you with a specific example.
[ 11 ] Nicht wahr, die Menschheit bekennt sich heute zu der sogenannten kopernikanischen Weltanschauung. Diese Weltanschauung setzt die Sonne in den Mittelpunkt unseres Planetensystems, lässt die anderen Planeten um diese Sonne herum kreisen, die Erde als einen der Planeten mit den anderen. So wie das heute von der Menschheit vorgestellt wird, geschieht es seit der Zeit des Kopernikus. Vorher hatte man im allgemeinen Bewusstsein ein anderes räumliches Weltbild von unserem Planetensystem. Man hatte das Weltbild, welches die Erde in den Mittelpunkt unseres Systems gerückt hatte. Man ließ die Sonne und die Sterne um diese Erde herumgehen. Man hatte — wie man sagen kann — ein geozentrisches Weltbild, ein solches, welches eben die Erde in den Mittelpunkt unseres Planetensystems rückte. Der Kopernikus setzte an die Stelle das heliozentrische Weltbild. Der Mensch wurde gewissermaßen in eine Lage versetzt, sodass er einen festen Boden im Weltenall nicht unter seinen Füßen hatte, sondern mit einer Riesengeschwindigkeit durch den Raum geschleudert wird mit der Erde zugleich. Und dasjenige, was der Augenschein bietet, das sollte nur eine Illusion sein, hervorgerufen durch gewisse perspektivische und andere Verhältnisse, die sich aus der menschlichen Anschauung ergeben.
[ 11 ] Isn’t it true that humanity today adheres to the so-called Copernican worldview? This worldview places the Sun at the center of our planetary system, with the other planets orbiting around it, including Earth as one of them. As humanity conceives it today, this has been the case since the time of Copernicus. Before that, the general consciousness held a different spatial view of our planetary system. People held a worldview that placed the Earth at the center of our system. They imagined the Sun and the stars moving around the Earth. People held—as one might say—a geocentric worldview, one that placed the Earth at the center of our planetary system. Copernicus replaced this with the heliocentric worldview. Humanity was, so to speak, placed in a position where it no longer had solid ground beneath its feet in the vastness of the universe, but was instead hurled through space at tremendous speed along with the Earth. And what meets the eye is said to be merely an illusion, caused by certain perspectives and other conditions arising from human perception.
[ 12 ] Nun braucht man nur eine gewisse Stelle zu lesen bei jenem Plutarch, der uns vieles mitteilt über alte Anschauungen und Menschen der älteren Zeit, und man wird sich überzeugen, dass dasjenige, was wir heute heliozentrische Weltanschauung nennen, im Allgemeinen durchaus nicht bloß eine Errungenschaft unserer Zeit ist. Ich möchte die betreffende Stelle Ihnen in wörtlicher Übersetzung vorlesen. Sie bezieht sich auf Aristarch von Samos und die Art und Weise, wie er sich das Weltenbild vorgestellt hat; und wir werden dadurch zurückversetzt in frühere griechische Jahrhunderte, also in eine Zeit, die Jahrhunderte und Jahrhunderte vor dem Mittelalter, vor dem Kopernikanismus liegt. Nach seiner Meinung, sagt Plutarch: Die Welt ist viel größer als soeben gesagt wurde. — Er hat nämlich vorher dasjenige beschrieben, was der Augenschein darbietet, denn er, Aristarch von Samos, setzt voraus, dass die Sterne und die Sonne unbeweglich seien, dass die Erde sich um die Sonne als Zentrum bewege und dass die Fixsternsphäre, deren Zentrum ebenfalls in der Sonne liege, so groß sei, dass der Umfang aus von der Erde beschriebenen Kreisen sich zu der Distanz der Fixsterne verhalte wie das Zentrum einer Kugel zu der Oberfläche.
[ 12 ] One need only read a certain passage in Plutarch—who tells us much about ancient beliefs and people of earlier times—to be convinced that what we today call the heliocentric worldview is by no means merely an achievement of our own era. I would like to read the passage in question to you in a literal translation. It refers to Aristarchus of Samos and the way he conceived of the world; and it transports us back to earlier Greek centuries—that is, to a time that lies centuries and centuries before the Middle Ages, before Copernicanism. According to Plutarch, Aristarchus of Samos said: “The world is much larger than has just been stated.”—For he had previously described what is apparent to the eye; for he, Aristarchus of Samos, assumes that the stars and the Sun are immovable, that the Earth moves around the Sun as its center, and that the sphere of the fixed stars—whose center also lies in the Sun—is so large that the circumference of the circles described by the Earth is to the distance of the fixed stars as the center of a sphere is to its surface.
[ 13 ] Wir haben im griechischen Altertum die heliozentrische Weltanschauung, wir haben im Wesentlichen, wenigstens insofern in Betracht kommt die Stellung der Menschenseele zum Weltenall, im Wesentlichen dasselbe, was die heutige Menschheit auch über ihre Stellung zum Planetensystem, zum Fixsternhimmel denkt. Diese heliozentrische Weltanschauung war allerdings in jenen alten Zeiten gewissermaßen das Geheimnis einiger weniger, und zwar gerade derjenigen, die sorgfältig vorbereitet wurden, die so vorbereitet wurden, dass ihnen eine besondere Zucht des Willens angedeihen gelassen wurde, dass sie stark werden mussten von Willen; dann erst überlieferte man ihnen eine solche Erkenntnis.
[ 13 ] In ancient Greece, we find the heliocentric worldview; essentially—at least as far as the human soul’s relationship to the universe is concerned—we find essentially the same thing that humanity today believes about its place within the planetary system and the fixed-star sky. This heliocentric worldview was, however, in those ancient times, in a sense, the secret of a select few—namely, those who had been carefully prepared, who had been trained in such a way that they were granted a special discipline of the will, so that they had to become strong in will; only then was such knowledge passed down to them.
[ 14 ] Das ist etwas, worauf man hinsehen sollte sehr bedeutungsvoll, dass es in alten Zeiten eine Weisheit weniger, gut vorbereiteter Menschen — der Weisheitsschüler im Besonderen — war; was heute Allgemeingut ist, wovon heute in einer gewissen Beziehung jeder redet. Und wie gesagt, so sonderbar es klingen mag, dasjenige, was solch ein Weisheitsschüler zum Beispiel über die Sonne und ihr Verhältnis zur Erde wusste, von dem stellte man sich vor, es liege für den Menschen jenseits der Schwelle, man müsse erst die Schwelle überschreiten, dann ist man in jenen Gefilden, wo die Seele sich anders stellt zum Weltenall als vorher. Mit anderen Worten, die Alten versetzten jenseits einer Schwelle — um die zu überschreiten, musste man erst gut vorbereitet sein — dasjenige, worinnen heute jeder durch die ganz allgemeine Menschenbildung drinnensteht. Und warum geschah das in jenen alten Zeiten?
[ 14 ] This is something worth noting—it is very significant that in ancient times this was the wisdom of a select few, well-prepared individuals—the students of wisdom in particular—whereas today it is common knowledge, something that, in a certain sense, everyone talks about. And as I said, as strange as it may sound, what such a student of wisdom knew, for example, about the sun and its relationship to the Earth—it was imagined that this lay beyond the threshold for human beings; one had to first cross the threshold, and only then would one enter those realms where the soul relates to the universe differently than before. In other words, the ancients placed beyond a threshold—one that required thorough preparation to cross—the very things that everyone today is immersed in through general education. And why was this the case in those ancient times?
[ 15 ] Man könnte — meine sehr verehrten Anwesenden — dasjenige, was ich jetzt durch das Beispiel der astronomischen Weltanschauung erörtert habe, man könnte es für andere Gebiete des menschlichen Erkennens durchaus ebenfalls erörtern, und überall würde sich zeigen, dass wir im Grunde genommen einfach durch die Zivilisationsentwicklung der neueren Zeit als ganze Menschheit hinübergeschoben worden sind über dasjenige, was man in jenen alten Zeiten die «Schwelle zur höheren Erkenntnis» nannte. Es ist aus den Empfindungen — die man hatte gegenüber jenem Zustand der Seele, in den sie kommt, wenn sie in solche Erkenntnis eintritt —, aus ihren Empfindungen ist das zurückgeblieben, was bei den verschiedenen Konfessionen, die Traditionelles fortpflanzen, dann dazu geführt hat, einfach abzulehnen dasjenige, was in dieser Weise durch die Zivilisation heraufgebracht worden ist. Wenn zum Beispiel die katholische Kirche bis zum Jahre 1822 nicht anerkannt hat die kopernikanische Lehre, so war der Grund dieses Nichterkennens dasjenige, was aus jenen Altertumszeiten zurückgeblieben ist von dem Grunde, von dem geglaubten Grunde dieser Ablehnung. Man hielt das für etwas, was den Menschen in Unsicherheit hineinbringt, wenn er nicht in genügender Weise vorbereitet ist.
[ 15 ] Ladies and gentlemen, one could—as I have just discussed using the example of the astronomical worldview— one could certainly discuss it in the same way for other areas of human knowledge, and everywhere it would become apparent that, fundamentally speaking, the development of civilization in recent times has simply carried all of humanity across what was called in those ancient times the “threshold to higher knowledge.” It is from the feelings—the feelings one had toward that state of the soul into which it enters when it gains such knowledge—that what has remained has led the various denominations that preserve tradition to simply reject what has been brought about in this way by civilization. For example, when the Catholic Church did not recognize the Copernican doctrine until the year 1822, the reason for this non-recognition was what had been preserved from those ancient times regarding the basis—the believed basis—of this rejection. It was considered something that would plunge people into uncertainty if they were not sufficiently prepared.
[ 16 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, gegen den Fortschritt kann auf die Dauer sich keine Macht der Erde auflehnen. Aber über solche Dinge muss doch in ernster Weise unter Menschen verhandelt werden, denn über dasjenige, was man nennen kann die Schwelle zur geistigen Welt, muss eben durchaus heute völlig anders gedacht werden, als in alten Zeiten gedacht worden ist. Einfach an diesem Beispiel, das ich in der Weise, wie ich es eben tue, erörtere, könnten diejenigen, die nicht aus leichtgeschürzten Verleumdungen heraus anthroposophische Geisteswissenschaft charakterisieren wollten, sondern wirklich auf sie eingehen wollten, sie könnten erkennen, dass diese Geisteswissenschaft nichts zu tun hat mit dem Aufwärmen irgendwelcher alter gnostischer oder ähnlicher Dinge, sondern dass sie durchaus herausarbeitet aus der modernen Wissenschaftlichkeit.
[ 16 ] Now—my esteemed audience—no power on earth can resist progress in the long run. But such matters must be discussed seriously among people, for what might be called the threshold to the spiritual world must indeed be conceived of today in a completely different way than it was in ancient times. Simply from this example, which I am discussing in the manner I have just described, those who do not wish to characterize anthroposophical spiritual science on the basis of hastily concocted slanders, but who truly wish to engage with it, could recognize that this spiritual science has nothing to do with reviving some old Gnostic or similar ideas, but rather that it is thoroughly grounded in modern scientific thought.
[ 17 ] Warum — sage ich — hat man in jenen alten Zeiten eine gewisse Furcht, etwas Schreckhaftes gehabt vor dem Hineingehen in diejenigen Erkenntnisse, die heute durchaus Allgemeingut der Menschheit sind? Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich habe hingewiesen auf jene Tatsache, die da vorliegt für die Menschheitsentwicklung, in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie», indem ich gezeigt habe, wie in der Tat die Seelenverfassung der Menschheit sich seit den alten griechischen Zeiten ganz wesentlich bis in unsere Tage verändert hat. Dasjenige, was für den Griechen ganz eigentümlich war, das war, dass er noch nicht ein völliges von der Außenwelt losgelöstes Selbstbewusstsein hatte. Wenn er die Welt dachte, so war er in einem ähnlichen Sinne mit dieser Welt verwachsen, wie wir es heute sind, wenn wir nur sinnlich wahrnehmen. Für den Griechen war der Gedanke in einem gewissen Sinne auch eine sinnliche Wahrnehmung.
[ 17 ] Why—I ask—did people in those ancient times feel a certain fear, a sense of dread, at delving into those insights that are now very much part of humanity’s common knowledge? Well—my esteemed audience—I have pointed out this fact regarding human development in my book *The Riddles of Philosophy*, in which I have shown how, in fact, the spiritual constitution of humanity has changed quite significantly from ancient Greek times to the present day. What was quite distinctive for the Greeks was that they did not yet possess a self-consciousness completely detached from the external world. When they thought about the world, they were, in a sense, intertwined with it in much the same way as we are today when we perceive the world solely through our senses. For the Greeks, thought was, in a certain sense, also a sensory perception.
[ 18 ] Wie wir das Rot, das Blau, das G, das Cis aus den sinnlichen Wahrnehmungen schöpfen, den Gedanken aber innerlich aktiv dazu bringen, sodass wir es selbst sind, die im Gedanken arbeiten, so war für den Griechen dieses innerliche aktive Arbeiten noch nicht da. Er entnahm ebenso wie wir den sinnlichen Wahrnehmungen — ebenso wie wir das Rot und Grün, das G und Cis der Sinneswahrnehmung —, so entnahm er auch die Wahrnehmungen von der äußeren Welt. Für ihn löste sich die Gedankenwahrnehmung noch nicht los von der äußeren Welt. Er hatte noch nicht jene Selbstständigkeit im Erfassen jenes menschlichen Selbstes, das erst im Laufe der Menschheitsentwicklung in der Art, wie es heute allgemein bekannt ist, heraufgezogen ist. Das Ich-Bewusstsein ist im Laufe der Zeiten im Wesentlichen verstärkt worden. Dadurch hat der Mensch in einer gewissen Weise sich losgelöst von der umgebenden Natur. Er ist dazu gekommen, in sich hineinzuschauen und im Innerlichen sich als etwas Selbsttätiges zu erfassen. Dadurch aber hat er sich gegenübergestellt der Natur, gewissermaßen sich aus der Natur herausgestellt, um dann das Innere der Natur wie etwas außer ihm Liegendes zu betrachten.
[ 18 ] Just as we draw red, blue, G, and C-sharp from our sensory perceptions, but actively engage our thoughts internally so that it is we ourselves who are at work in thought, so for the Greeks this inner, active work did not yet exist. Just as we derive from sensory perceptions—just as we derive red and green, G and C-sharp from sensory perception—so, too, did he derive his perceptions from the external world. For him, the perception of thought had not yet detached itself from the external world. He did not yet possess that independence in grasping the human self which only emerged in the course of human development in the form generally known today. Self-consciousness has essentially been strengthened over the course of time. Through this, human beings have, in a certain sense, detached themselves from the surrounding natural world. Human beings have come to look within themselves and to perceive themselves inwardly as something self-active. Through this, however, they have set themselves in opposition to nature, so to speak, stepping out of nature in order to then regard the inner nature of the world as something lying outside themselves.
[ 19 ] Diese Betrachtung des Inneren der Natur wie etwas, was außerhalb der Menschenseele liegt, sie trat erst im Laufe der Zeiten hervor. Im alten Griechentum fühlte sich der Mensch mit seinem ganzen Gedankenleben noch im Inneren der Natur drinnen. Er fühlte noch verbunden das Weben der Menschenseele mit dem Inneren der Natur. Im Weiterschreiten der Entwicklung ist das dann anders gekommen. Der Mensch ist gerade dadurch zum Erfassen seines Selbstes gekommen, dass der Gedanke sich losgelöst hat von dem äußeren objektiven Leben. Und mit diesem Loslösen des Gedankens von dem äußeren objektiven Leben, mit dem hängt wiederum zusammen das Heraufkommen des Freiheitsgefühles, des Freiheitssinnes, der im Wesentlichen auch ein Ergebnis ist der neueren Jahrhunderte.
[ 19 ] This view of the inner nature of the natural world as something that lies outside the human soul only emerged over the course of time. In ancient Greece, human beings still felt, with their entire life of thought, that they were within the inner nature of the natural world. They still felt that the fabric of the human soul was interwoven with the inner nature of the natural world. As development progressed, things turned out differently. It is precisely through this detachment of thought from external, objective life that human beings have come to grasp their own selves. And this detachment of thought from external, objective life is, in turn, connected to the emergence of the feeling of freedom, the sense of freedom, which is essentially also a result of the more recent centuries.
[ 20 ] Würde man die Geschichte mehr innerlich betrachten, würde man nicht nur immer mehr und mehr dazu gekommen sein, in den letzten Zeiten, das Äußere der Geschichte anzuschauen, sondern würde man die Geschichte mehr innerlich betrachten, wie es wiederum die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft tut, so würde man sehen, dass dasjenige, was wir heute innerlich erleben, wenn wir von Freiheit sprechen, dass das in demselben Sinne von dem Griechen nicht empfunden worden ist, dass es nicht einmal auftrat — derjenige, der die Dinge wirklich unbefangen studiert, der weiß es —, nicht einmal auftrat da, wo wir das entsprechende Wort mit «Freiheit» übersetzen, wie zum Beispiel bei den Stoikern oder ähnlichen Philosophen.
[ 20 ] If one were to view history from a more inner perspective—rather than, as has increasingly been the case in recent times, focusing solely on its outward aspects—and were to examine history from within, as anthroposophically oriented spiritual science does, one would see that what we experience inwardly today, when we speak of freedom, was not felt by the Greeks in the same sense; indeed, it did not even arise—as anyone who studies these matters truly impartially knows—it did not even arise in contexts where we translate the corresponding word as “freedom,” such as among the Stoics or similar philosophers.
[ 21 ] Ich habe in meiner «Philosophie der Freiheit» bereits im Beginne der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hervorgehoben, wie zusammenhängt mit dem Erfassen des reinen Denkens, des innerlich selbstständig arbeitenden Denkens, dasjenige, was das Freiheitserlebnis ist. Ich habe gesagt, dass alles dasjenige, was der Mensch als innerhalb des Freiheitserlebnisses stehend sieht, dass er das zusammenhängend findet mit dem, was ich das reine Denken genannt habe, jenes Denken, das ganz losgelöst ist von dem inneren organischen Leben, jenes Denken, das, wenn der Ausdruck nicht missverstanden wird, schon im gewöhnlichen Leben eine Art heraufgehobener Erkenntnis ist. Denn wenn wir durchziehen unser reines Denken mit sittlichen Ideen und Impulsen, mit solchen Ideen und Impulsen, die nicht zusammenhängen mit Begierden, nicht zusammenhängen mit Sympathien und Antipathien, sondern nur zusammenhängen mit der reinen, liebevollen Hingabe an die Tat, die begangen werden soll, wenn wir so den Impuls zu einer Tat, zu einer Handlung in unserer Seele aufleben lassen, dann ist die Tat, die Handlung, die aus einem solchen Impuls hervorgeht, eine wirklich freie. Daher kann man nicht die Frage nach der Freiheit in dem Sinne aufwerfen, wie das so vielfach aufgeworfen worden ist: Ist der Mensch frei oder ist der Mensch unfrei? Sondern man kann nur sagen: Der Mensch ist auf dem Wege zur Freiheit durch seine Selbstentwicklung, durch seine Selbsterkenntnis, durch sein innerliches Loskommen von seiner gewöhnlichen Seelenverfassung zu jener Seelenverfassung, in der er sich erhebt zu dem Erfassen des reinen Gedankens, der sich erfüllt mit dem sittlichen Ideale. Durch das wird er immer freier und freier.
[ 21 ] In my *Philosophy of Freedom*, published in the early 1890s, I emphasized how the experience of freedom is connected to the grasping of pure thought—that is, thought that operates independently within itself. I have said that everything a person perceives as belonging to the experience of freedom is, in their view, connected to what I have called pure thinking—that thinking which is entirely detached from inner organic life, that thinking which, if the expression is not misunderstood, is already a kind of elevated cognition even in ordinary life. For when we imbue our pure thinking with moral ideas and impulses—ideas and impulses that are not connected to desires, not connected to sympathies and antipathies, but are connected only to the pure, loving devotion to the deed to be performed—when we thus allow the impulse toward a deed, toward an action, to arise in our soul—then the deed, the action that arises from such an impulse, is truly free. Therefore, one cannot raise the question of freedom in the sense in which it has so often been raised: Is the human being free, or is the human being unfree? Rather, one can only say: Human beings are on the path to freedom through their self-development, through their self-knowledge, through their inner liberation from their ordinary state of mind toward that state of mind in which they rise to grasp the pure thought that is filled with the moral ideal. Through this, they become freer and freer.
[ 22 ] Die Freiheit ist etwas, dem man sich fortwährend nähert. Daher gibt es hier kein Entweder- oder, sondern es gibt nur ein Sich-Nähern, ein Sowohl-als-auch. Man ist sowohl frei als unfrei, unfrei in Bezug auf dasjenige, wo wir noch bestimmt sind von unseren Begierden, von demjenigen, was gewissermaßen heraufsteigt aus unserem Organismus, aus dem instinktiven Leben; frei in Bezug auf dasjenige, in dem wir unabhängig geworden sind von dem instinktiven Leben, indem wir aufleben lassen können die reine Liebe zur Tat, die von uns erschaut wird in dem reinen Gedanken.
[ 22 ] Freedom is something one continually approaches. Therefore, there is no “either/or” here, but only an approaching, a “both/and.” One is both free and unfree: unfree insofar as we are still governed by our desires, by that which, so to speak, wells up from our organism, from our instinctive life; free insofar as we have become independent of that instinctive life, in that we can bring to life the pure love of action, which we perceive in pure thought.
[ 23 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, das, was man da schildert als den Zustand des Freiheitserlebnisses auf der einen Seite, als den Zustand des Gedankens, des reinen Gedankens, dem man sich hingeben könne, das ist natürlich für den heutigen Menschen durchaus noch ein Ideal, aber ein Ideal, das als etwas in seiner Seele schwebt, das mit seiner Menschenwürde durchaus zusammenhängt, ohne dessen Anstreben man sich eigentlich heute eine wirkliche Menschenwürde gar nicht denken kann.
[ 23 ] Now—my esteemed audience—what is described here as the state of experiencing freedom on the one hand, and as the state of thought, of pure thought, to which one can devote oneself, is of course still very much an ideal for people today, but an ideal that hovers within the soul, one that is inextricably linked to human dignity, and without the pursuit of which true human dignity is, in fact, inconceivable today.
[ 24 ] Nun ist der Mensch in der neueren Zeit aber dennoch auf dem Wege nach einem solchen Ideal, und er ist auf diesen Weg gekommen gerade durch die naturwissenschaftliche Entwicklung der neueren Zeit. Wer diese naturwissenschaftliche Entwicklung, die ja in ihren Ergebnissen die weitesten Kreise beherrscht und immer mehr und mehr beherrschen wird, immer mehr und mehr die Grundlage der ganz allgemeinen Menschenbildung werden soll, wer diese naturwissenschaftliche Bildung der neueren Zeit ins Auge fasst, der weiß, dass man, sei es auf dem Gebiete des Unlebendigen, von dem Physikalischen bis zum Astronomischen, sei es auf dem Gebiete des Organischen, Lebendigen, dass man da so denken muss, dass immer mehr und mehr, trotzdem man sich auf Erfahrung und Experiment stützt, dass immer mehr und mehr der Gedanke, der innerlich vom Menschen erarbeitet wird, zur Geltung kommt. Und indem der Mensch da arbeitet, indem er geradeso arbeitet, wie das in der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung der Fall ist, dadurch entwickelt sich dasjenige, was man sein gesteigertes Selbstbewusstsein nennen kann; seine Loslösung von dem Inneren der Natur, sie entwickelt sich dadurch.
[ 24 ] In modern times, however, humankind is nevertheless on the path toward such an ideal, and it has embarked on this path precisely through the development of the natural sciences in modern times. Anyone who considers this scientific development—whose findings already dominate the widest spheres of life and will continue to do so more and more, and which is increasingly becoming the foundation of general human education—anyone who considers this scientific education of modern times knows that, whether in the realm of the inanimate—from physics to astronomy—or in the realm of the organic, the living, must think in such a way that, even while relying on experience and experiment, the thought that is internally developed by the human being comes to the fore more and more. And as human beings work in this way—working precisely as is the case in the modern scientific worldview—what develops is what might be called their heightened self-awareness; their detachment from the inner essence of nature develops through this process.
[ 25 ] Man kann das wiederum sehen — meine sehr verehrten Anwesenden — an dem Beispiel der Astronomie. Indem man dasjenige, was die Beobachtung gibt, in Rechnung verwandelt hat, denn das ist ja im Wesentlichen dasjenige, was Kopernikus getan hat, erlangte man ein Weltsystem, das gewissermaßen vom Menschen selber ganz losgelöst ist — so war kein altes Weltsystem, dasjenige, was alte Weltsysteme waren, das war immer mit dem Menschen verbunden, der Mensch erlebte sich selbst als drinnenstehend in der Welt —, sodass der Mensch gewissermaßen nur ganz nebensächlich da ist, mit dem Planeten Erde durch den Weltenraum geschleudert wird, und ein Weltbild, das Weltgebäude zeigt, ganz abgesondert vom Menschen, ohne dass dasjenige, was im Inneren des Menschen lebt, sich hineinmischen darf.
[ 25 ] This, in turn—ladies and gentlemen—can be seen in the example of astronomy. By transforming the data provided by observation into a mathematical model—for that is essentially what Copernicus did—one arrived at a world system that is, in a sense, completely detached from human beings themselves. No ancient world system was like that; ancient world systems were always connected to human beings, humanity experienced itself as standing at the very center of the world—so that humanity is, in a sense, merely a minor factor, hurled through space along with the planet Earth, and a worldview that reveals the structure of the universe, entirely separate from humanity, without allowing what lives within the human being to interfere.
[ 26 ] Dadurch wird aber der Mensch mit einem Gedankeninhalt erfüllt, wodurch er loskommt von sich selbst in einer gewissen Weise. Er denkt natürlich seinen Gedanken. In dem Denken ist er als Mensch immer noch damit verbunden, aber er denkt ihn so, dass nicht dasjenige, was aufsteigt aus seinem Organismus, was aus seinem instinktiven Leben kommt, damit verbunden ist; sondern er muss so denken, dass, obzwar der Gedanke noch mit ihm verbunden bleibt, doch dieser Gedanke sich loslöst von dem Menschlich-Persönlichen, dass er in diesen Gedanken gewissermaßen ganz objektiv wird. Dadurch ist es gerade, dass der Mensch zu seinem Selbstbewusstsein, zu seinem starken Selbstbewusstsein kommt. Diejenigen Anstrengungen, die durchzumachen sind, sei es in der modernen Astronomie, um zu einer Anschauung zu kommen, sei es in der modernen Physik oder in der modernen Chemie, um zu einer Anschauung zu kommen oder nur [um die Ergebnisse dieser Anschauung wirklich klar zu durchdenken], sei es auch im Felde der Biologie, der Lebenslehre, durch alles das, was da durchgemacht werden muss, muss der Mensch sein Selbstbewusstsein denkend erstarken.
[ 26 ] This, however, fills the human being with a thought content, through which he detaches himself from himself in a certain way. Of course, he thinks his own thoughts. In thinking, they are still connected to it as human beings, but they think it in such a way that what arises from their organism—what comes from their instinctive life—is not connected to it; rather, they must think in such a way that, although the thought remains connected to them, this thought detaches itself from the human-personal, so that they become, as it were, entirely objective within this thought. It is precisely through this that human beings attain their self-consciousness, their strong self-consciousness. The efforts that must be undertaken—whether in modern astronomy to arrive at an insight, whether in modern physics or modern chemistry to arrive at an insight, or simply [to truly think through the results of this insight clearly], or even in the field of biology, the study of life—through everything that must be endured there—human beings must strengthen their self-consciousness through thought.
[ 27 ] Zu diesem Erstarken des Selbstbewusstseins wurde der Mensch der alten Zeiten nicht erzogen, und das ist der gewaltige Unterschied zwischen unserer Zeit und den älteren Kulturzeiten der Menschheitszivilisation. In alten Kulturzeiten wurde der Mensch wenigstens in weitesten Kreisen, mit Ausnahme derjenigen, die in den Weisheitsschulen erzogen wurden und eben gut vorbereitet wurden durch Zucht des Willens — in alten Zeiten wurde der Mensch im Wesentlichen erzogen so, dass er dasjenige Denken hatte in seiner Weltanschauung, was sich seinen Augen darbot. Daher die ptolemäische Weltanschauung, die im Wesentlichen ein Abbilden desjenigen war, was man mit den äußeren Sinnen wahrnahm. Der Mensch wurde gewissermaßen nicht so weit aus sich herausgestoßen, wie er wird durch die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung. Und weil er das nicht wurde, erstarkte auch in jenen alten Zeiten sein Selbstbewusstsein nicht. Er blieb gewissermaßen in seinen Leib hineingebannt. Sein Selbstbewusstsein hing ab von seinen Instinkten, hing ab davon, dass er sich innerlich vital erfühlte. Dieses Leben im Leibe, das ist, trotzdem wir in den Materialismus hineingesegelt sind durch das Denken der neueren Zeit, dennoch überwunden worden. Das Selbstbewusstsein ist erstarkt, und gerade indem man in den Materialismus hineingesegelt ist, indem man gewissermaßen das Geistige in den Sinnendingen verlor, erstarkte dasjenige, was innerlich denkend erarbeitet wurde. In jenen alten Zeiten fürchtete man, dass der Mensch, wenn er zu so etwas geführt würde unvorbereitet, wie es notwendig ist zu denken etwa im heliozentrischen System oder demjenigen, was ihm gleichwertig ist, dass er gewissermaßen seelisch in eine Ohnmacht verfallen würde, weil sein Selbstbewusstsein nicht stark genug war.
[ 27 ] People in ancient times were not raised to develop this growing sense of self-awareness, and that is the enormous difference between our time and the earlier cultural eras of human civilization. In earlier cultural eras—at least among the broadest segments of society, with the exception of those educated in the schools of wisdom and thus well-prepared through the discipline of the will—people were essentially educated to base their worldview on whatever presented itself to their eyes. Hence the Ptolemaic worldview, which was essentially a reflection of what was perceived by the external senses. Human beings were, so to speak, not thrust so far out of themselves as they are by the modern scientific worldview. And because this did not happen, their self-consciousness did not strengthen in those ancient times either. They remained, so to speak, bound within their bodies. Their self-consciousness depended on their instincts, depended on their inner sense of vitality. This life within the body has, nevertheless, been overcome—even though we have sailed into materialism through the thinking of more recent times. Self-awareness has grown stronger, and precisely because we have drifted into materialism—because, in a sense, we have lost the spiritual in sensory things—that which was developed through inner thought has grown stronger. In those ancient times, it was feared that if a person were led to such a concept unprepared—as is necessary when considering, for example, the heliocentric system or its equivalent—he would, so to speak, fall into a state of spiritual helplessness because his self-awareness was not strong enough.
[ 28 ] Das ist dasjenige, was man fürchtete, dass der Mensch sein Selbstbewusstsein verlieren könne, wenn er zu einem solchen Wissen gebracht würde. Daher legte man den großen Wert auf die Willenszucht, auf dasjenige, was den Willen stark und energisch machte; denn aus dem Willen heraus stärkt sich und kraftet sich das Selbstbewusstsein. Auf dem Umwege eben durch den Willen suchte man vorzubereiten in dem Schüler der Weisheit dasjenige, was dann ertragen konnte jenseits der Schwelle jene Anschauung von der Welt, zu der eben ein starkes Selbstbewusstsein notwendig ist.
[ 28 ] This is precisely what people feared: that a person might lose their self-awareness if they were led to such knowledge. For this reason, great importance was placed on the discipline of the will—on that which made the will strong and energetic; for it is through the will that self-awareness is strengthened and empowered. It was precisely through this roundabout path of the will that one sought to prepare the student of wisdom to endure, once beyond the threshold, that view of the world for which a strong sense of self is necessary.
[ 29 ] Was fürchtete man also in jenen alten Zeiten, wenn man den Schüler hineinführte in das Innere der Dinge, in das Innere der Natur? Man fürchtete, dass er an dem Wesen seiner Seele Schaden nehmen könne, indem er gewissermaßen in eine seelisch-geistige Ohnmacht, in eine seelisch-geistige Unwissenheit, Finsternis verfallen könnte, in einen Zustand — allerdings seelisch-geistig genommen —, der sich vergleichen lässt mit einer physischen Ohnmacht. Diesen Zustand, ihn wollte man durch die Willenszucht vermeiden. So kann man sagen: Die Menschen jener alten Zeiten glaubten, dass der Mensch in seinem Selbstbewusstsein Schaden leiden müsse, wenn man ihm eine Weltanschauung überliefert, die starkes Denken notwendig macht. Daher musste er erst sorgfältig vorbereitet werden. Und man sah das gewöhnliche Leben so an, dass der Mensch diesseits jenes Gebietes stehe, in dem die ihn gefährdenden Erkenntnisse sind, dass ein Hüter, der ihn [abhält von] der Sphäre, in die er nicht hineinpasst, dass ein Hüter ihn bewahrt davor, in eine seelisch-geistige Ohnmacht zu verfallen. Und man schilderte dasjenige, was der Schüler durchzumachen hatte, wenn er die Schwelle überschreiten sollte und an dem Hüter der Schwelle vorbeikommen sollte, man schilderte es so, wie es durchaus den inneren Seelenerlebnissen entsprach.
[ 29 ] So what were people afraid of in those ancient times when they led the student into the innermost essence of things, into the innermost essence of nature? They feared that the student’s soul might be harmed, that he might, so to speak, fall into a state of soul-spiritual powerlessness, into soul-spiritual ignorance and darkness—a state, taken in a soul-spiritual sense, that can be compared to physical fainting. It was this state that they sought to avoid through the discipline of the will. Thus one can say: The people of those ancient times believed that a person’s self-awareness would suffer harm if they were given a worldview that required intense thinking. Therefore, they first had to be carefully prepared. And ordinary life was viewed in such a way that the human being stood on this side of the realm containing the insights that endangered him; that a guardian kept him [away from] the sphere into which he did not belong; that a guardian protected him from falling into a state of psychological and spiritual helplessness. And what the student had to go through when he was to cross the threshold and pass by the guardian of the threshold was described in a way that corresponded entirely to inner soul experiences.
[ 30 ] Man sagte: Zunächst fühlt der Mensch, indem er an die Schwelle herankommt, etwas von Unsicherheit. Ist er aber genügend vorbereitet durch Willenszucht, so hält er sich in jener Sphäre, die ihm sonst Schwindel verursachen würde. Er schreitet an dem Hüter der Schwelle, der ihm sonst die geistige Welt verhüllt, vorbei, und er tritt durch die innere Kraft seines Seelenlebens in diese geistige Welt ein. Dann aber muss er auch mit seinem ganzen Bewusstsein in dieser geistigen Welt drinnenbleiben. Denn würde er diese geistige Welt wiederum verlieren, so würde sich dasjenige, was er darinnen erlebt hat als etwas, was auf Stärke des Menschen, nicht auf Schwäche Anspruch macht, es würde sich wie etwas ihn Zersprengendes in seiner Organisation geltend machen, und er würde erst recht Schaden nehmen an seiner Seelenverfassung.
[ 30 ] It was said: At first, as a person approaches the threshold, they feel a sense of uncertainty. But if they are sufficiently prepared through self-discipline, they remain in that sphere that would otherwise cause them to feel dizzy. They pass by the guardian of the threshold—who would otherwise veil the spiritual world from them—and enter this spiritual world through the inner strength of their soul life. But then he must also remain fully conscious within this spiritual world. For if he were to lose this spiritual world again, what he experienced within it—as something that calls upon human strength, not weakness—would assert itself within his constitution as something that shatters him, and he would suffer even greater harm to his soul’s condition.
[ 31 ] Nun, es liegt doch eben aber die eigentümliche Tatsache vor, dass uns die Menschheitsentwicklung das gebracht hat — meine sehr verehrten Anwesenden —, was diese alten Weisheitsschulen bei ihren Schülern erst sorgsam vorbereiten wollten, dass wir gewissermaßen in Bezug auf dasjenige, was die Alten jenseits der Schwelle dachten, wir bereits jenseits dieser Schwelle stehen, und dass es einfach Allgemeingut des Wissens ist, was dazumal nur nach einer sorgfältigen Vorbereitung an den Menschen herangebracht worden ist. Und indem man dazumal sagte: Wenn der Mensch in dieses Gebiet hineingetrieben wird unvorbereitet, so leidet er Schaden an seinem Selbstbewusstsein, so muss man heute durchaus sagen: Dasjenige, was in alten Zeiten vermieden werden sollte, weil man eben den Menschen in einer gewissen Seelenverfassung haben wollte — man wollte, dass er, indem er sein Inneres fühlte, in diesem Inneren aufleuchten fühlte das Innere der Natur —, man wollte, dass er sich verbunden fühlte mit jenem, was der Natur Inneres sei, wenn er seine Seele erlebte. Und indem man glaubte, dass er unvorbereitet in eine Art geistiger Ohnmacht versinken würde, so sagte man, er könne zu diesem Inneren der Natur nur vordringen vorbereitet oder indem er sich selbst verliert.
[ 31 ] Well, the peculiar fact is that the development of humanity has brought us—my esteemed audience—what these ancient schools of wisdom initially sought to carefully prepare their students for; that, in a sense, with regard to what the ancients thought beyond the threshold, we are already standing beyond that threshold, and that what was once only introduced to people after careful preparation is now simply common knowledge. And just as it was said back then: “If a person is driven into this realm unprepared, their sense of self will suffer,” so today we must certainly say: What was to be avoided in ancient times—precisely because one wanted people to be in a certain state of mind—one wanted them, as they felt their inner being, to feel the inner being of nature shining forth within that inner being—one wanted them to feel connected to what was the inner being of nature when they experienced their own soul. And because it was believed that, if unprepared, they would sink into a kind of spiritual powerlessness, it was said that they could penetrate to this inner essence of nature only if they were prepared—or by losing themselves.
[ 32 ] Nun ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, in unserer heutigen Zeit dringen aber alle ganz unvorbereitet im Sinne jener alten Zeiten in dieses Gebiet ein; und gesagt muss werden, dass durchaus dasjenige, was da heute erlebt ist, eben dasjenige ist, was die Alten vermeiden wollten. Der Mensch erwirbt heute die Naturerkenntnisse. Der Mensch erwirbt dasjenige Selbstbewusstsein, das ihn aufrecht erhält, trotzdem ihm die gebräuchlichen Erkenntnisse übermittelt werden in Astronomie, in Physik, in Chemie, in Biologie und so weiter. Er erwirbt das alles. Er lebt aber auch in einer solchen Weise in Bezug auf seine Seele, wie die Alten es an der Menschheit nicht haben wollten. Wir brauchen ja nur hinzuweisen darauf, dass wir allerdings, weil die Menschheitsentwicklung uns den Gedanken, das Freiheitsgefühl und damit das starke Selbstbewusstsein gebracht hat, dass wir ja allerdings das Selbst nicht verlieren, wenn wir uns vertiefen in diejenigen Ergebnisse, die die naturwissenschaftliche Erkenntnis heute liefert.
[ 32 ] Well, then—my esteemed audience—in our present age, however, everyone is venturing into this field completely unprepared, just as in those ancient times; and it must be said that what is being experienced there today is precisely what the ancients sought to avoid. Today, human beings acquire knowledge of nature. Human beings acquire the self-awareness that sustains them, even though the conventional knowledge of astronomy, physics, chemistry, biology, and so on is imparted to them. They acquire all of this. But they also live in a way—with regard to their souls—that the ancients did not want for humanity. We need only point out that, because human development has brought us the idea, the sense of freedom, and thus the strong self-awareness, we certainly do not lose our sense of self when we delve into the findings that scientific knowledge provides today.
[ 33 ] Aber wir brauchen nur auf ganz bekannte Erscheinungen hinzuweisen, dann werden wir sehen, dass wir doch etwas verlieren, ja, dass dieses Verlieren heute allgemein die menschliche Seelenverfassung einmal ist. Man gibt sich nur über diese Dinge Illusionen hin. Man will sich über diese Dinge durchaus von gewissen Träumereien nicht befreien. Ich habe ja auch in diesen Vorträgen, die ich hier von dieser Stelle aus halten durfte, durch Jahre hindurch immer wieder darauf hingewiesen, wie unsere Naturerkenntnis gerade die gewissenhaften Leute führt zu einer Anerkennung von Grenzen des Naturerkennens. Grenzen, über die wir nicht hinüberschreiten können, ohne unser Erkenntnisvermögen eben in unerlaubte, in unmögliche Gebiete hineinzuführen. Vom «Ignorabimus» wurde gesprochen von einem bedeutenden, tief eindringenden Naturforscher der neueren Zeit, von dem «Wir können nicht erkennen». Sodass in einem solchen Ignorabimus das Geständnis vorliegt: Wie weit wir uns auch verbreiten in dieser Erkenntnis, die wir aus der Sinnesbeobachtung und aus dem kombinierenden Verstande gewinnen, wir dringen doch in das Innere der Natur nicht ein. Hier liegt eben ein Konflikt vor, der schon gefühlt worden ist, als diese neuere Naturerkenntnis bis zu einer gewissen Etappe heraufgekommen war.
[ 33 ] But we need only point to very familiar phenomena to see that we do indeed lose something—indeed, that this loss is, in fact, a general state of the human soul today. People simply indulge in illusions about these things. They are quite unwilling to free themselves from certain daydreams regarding these matters. Indeed, in these lectures that I have been privileged to deliver here over the years, I have repeatedly pointed out how our understanding of nature leads conscientious people, in particular, to recognize the limits of scientific knowledge—limits that we cannot cross without leading our cognitive faculties into unauthorized, impossible realms. A prominent, deeply insightful natural scientist of recent times spoke of “Ignorabimus”—“We cannot know.” Thus, in such an “Ignorabimus” lies the admission: No matter how far we extend this knowledge, which we gain from sensory observation and from the combining intellect, we still do not penetrate into the innermost depths of nature. Herein lies a conflict that had already been sensed when this modern understanding of nature had advanced to a certain stage.
[ 34 ] Haller prägte ja das Wort: «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist, glückselig, wem sie nur die äuß’re Schale weist». Goethe, der da hörte immer wieder und wiederum von denjenigen, die so vor der Natur standen wie Albrecht von Haller, diese Worte wiederholen, man könne durch menschliche Erkenntnisse nicht in das Innere der Natur hineindringen, Goethe wandte ein dasjenige, was in seinem bekannten Gedichte an die «Philister» liegt, denn für ihn waren diejenigen, welche stehen bleiben bei den Worten: «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist», für ihn waren sie durchaus zu rechnen in die Kategorie der Philister, derjenigen Leute, welche das Innere ihrer Seele nicht in genügende Regsamkeit bringen wollen, um durch das so innerlich angezündete Licht dasjenige zu beleuchten, was sonst Inneres der Natur ist, und so das menschliche Seelenwesen hineinzuversetzen in das Innere der Natur. Goethe sagt ja darüber die wirklich eindringlichen Verse, indem er zitiert: «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist».
[ 34 ] Haller coined the phrase: “No created mind can penetrate the innermost depths of nature; blessed is he to whom she reveals only her outer shell.” Goethe, who heard these words repeated time and again by those who stood before nature in the manner of Albrecht von Haller—that human knowledge cannot penetrate into the innermost depths of nature—objected to what lies at the heart of his famous poem addressed to the “Philistines,” for to him, those who cling to the words: “No created spirit penetrates the innermost depths of nature”—for him, they were certainly to be counted among the Philistines, those people who do not wish to stir the innermost depths of their souls sufficiently to illuminate, through the light thus kindled within, what is otherwise the innermost essence of nature, and thus to project the human soul into the innermost depths of nature. Goethe, after all, expresses this in truly powerful verses when he quotes: “No creative spirit penetrates the innermost depths of nature.”
«Ins Innere der Natur
O, du Philister!
«Dringt kein erschaff’ner Geist.»
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Ich denke: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
«Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!»
“Into the Heart of Nature
O, you philistine!
“No creative spirit penetrates.”
As for me and my brothers and sisters
May you never
Even recall such words;
I think: place by place
We are within.
“Blessed is he to whom she
Shows only the outer shell!”
[ 35 ] Das zitiert Goethe wiederum und er sagt:
[ 35 ] Goethe, in turn, quotes this and says:
Das hör’ ich an die sechzig Jahre wiederholen.
Und fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend, tausendmale,
Alles gibt sie reichlich gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du selber Kern oder Schale seist.
I’ve heard that repeated for sixty years.
And I curse it, but secretly;
Tell me a thousand, a thousand times,
She gives everything abundantly and gladly;
Nature has neither core
Nor shell,
She is everything at once;
Just examine yourself most closely,
Whether you yourself are core or shell.
[ 36 ] Goethe konnte gewissermaßen aus einem bewusst-unbewussten, instinktiven Empfinden heraus nicht aushalten dieses Trennen des Wesens der Menschenseele vom Inneren der Natur. Für ihn war es klar, dass derjenige, der in gesunder Weise die Menschenseele in ihrem Wesen zum Bewusstsein bringt, dass der sich als in dem Inneren der Natur stehend auch erfahren und erleben müsse. Das war es, warum Goethe auch niemals den Kantianismus angenommen hat. Und diejenigen, die behaupten, Goethe wäre selber zu irgendeiner Zeit seines Lebens dem Kantianismus nahegestanden, die irren gar sehr. Goethe hat, entgegengesetzt demjenigen, was Kant als menschliches Erkenntnisvermögen anerkannte, dasjenige, was er anschauende Urteilskraft nennt; und er glaubte dadurch, dass man nicht bloß dasjenige Urteil in sich ausbildet, was von Begriff zu Begriff in abstraktem Sinne geht, sondern dass man dasjenige, was sonst nur in der sinnlichen Anschauung äußerlich lebt, dass man das innerlich anwendet auf das Gedankenanschauen. Goethe sagt, er habe nie über das Denken gedacht, aber er hat unablässig dasjenige, was im Gedanken als Lebendiges lebt, anschauen wollen. Durch dieses Gedankenanschauen wollte Goethe etwas erreichen, wodurch das Wesen der Menschenseele sich wiederum verbindet mit demjenigen, was das Innere der Natur ist.
[ 36 ] Goethe, in a sense, could not bear—out of a conscious-unconscious, instinctive feeling—this separation of the essence of the human soul from the innermost core of nature. It was clear to him that anyone who brings the human soul to consciousness in a healthy way—in its very essence—must also experience and live as one who stands within the heart of nature. That is why Goethe never embraced Kantianism. And those who claim that Goethe himself was at any time in his life close to Kantianism are very much mistaken. Contrary to what Kant recognized as human cognitive faculty, Goethe emphasized what he called “contemplative judgment”; and he believed that through this, one does not merely develop within oneself the kind of judgment that moves from concept to concept in an abstract sense, but rather that one applies inwardly to the contemplation of thought that which otherwise exists only externally in sensory perception. Goethe says he never thought about thinking, but he ceaselessly sought to contemplate that which lives as a living entity within thought. Through this contemplation of thought, Goethe sought to achieve something whereby the essence of the human soul would once again connect with the inner essence of nature.
[ 37 ] Und auf diesem Wege — meine sehr verehrten Anwesenden — will fortschreiten dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist. Sie will ausbilden diese anschauende Urteilskraft Goethes, die so, wie sie Goethe vorstellt, noch in ihren Anfängen lag, zu demjenigen, was geschildert ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», was herausführen soll diejenigen Erkenntnisfähigkeiten des Menschen, die sonst nur latent, verborgen in seinem Inneren ruhen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, und die ihn dann zum Schauen führen, die ihn dazu führen, dass er so, wie er mit seinem sinnlichen Auge die Farben, das Helldunkel um sich herum sieht, so auch das Geistige wirklich anschaut. Ich habe schon gestern erwähnt, dass der Mensch, indem er durch gewisse intime Maßnahmen der Seele dasjenige, was sonst im gewöhnlichen Leben und in der Wissenschaft ja tief in der Seele unten verborgen bleibt, dass das der Mensch aus sich herausentwickeln kann, so wie sonst aus dem Kinde herausentwickelt wird dasjenige, was später eben dieses Kind zur Orientierung im Leben braucht, dass dadurch der Mensch zur höheren Erkenntnisstufe aufrückt — die ich nur dem Namen nach anführen will, ich habe sie oftmals von diesem Orte hier auseinandergesetzt —, dass der Mensch sich aufschwingen kann zu einer imaginativen Erkenntnis, zu einer inspirierten Erkenntnis, zu einer wahrhaft intuitiven Erkenntnis, dass er dadurch mit seinem Seelenwesen untertaucht in die äußere Natur. Ich möchte heute von einem besonderen Gesichtspunkte aus auf diese Erkenntnisentwicklung noch einmal hinweisen.
[ 37 ] And it is along this path—my esteemed audience—that what is known as anthroposophically oriented spiritual science intends to proceed. It seeks to develop this “contemplative power of judgment” described by Goethe—which, as Goethe presents it, was still in its infancy—into what is described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, which is intended to bring to the fore those human faculties of knowledge that otherwise lie only latent, hidden within the human being in ordinary life and in ordinary science, and which then lead him to see—so that, just as he sees the colors and the light and dark around him with his physical eye, so too he truly beholds the spiritual. I mentioned yesterday that by means of certain inner spiritual practices, a person can develop from within what otherwise remains deeply hidden in the soul in ordinary life and in science—just as what a child later needs for orientation in life is developed from within the child—and that through this, a person can ascend to a higher level of knowledge —which I will mention only by name, as I have often expounded upon it from this very place—so that a person can rise to imaginative knowledge, to inspired knowledge, to truly intuitive knowledge, and thereby immerse their soul being in external nature. Today I would like to draw attention once more to this development of knowledge from a particular perspective.
[ 38 ] Sehen Sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, im gewöhnlichen Menschenleben wird ja, weil das ganz offenbar ist, unterschieden zwischen denjenigen Zuständen, zwischen denen dieses menschliche Leben wechseln muss, wenn der Mensch seelisch und physisch gesund bleiben soll. Der Mensch muss wechseln zwischen dem wachen Tagesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wo durchsetzt ist dasjenige, was er innerlich seelisch erlebt, von Gedanken oder Vorstellungen, wo diese Gedanken eine gewisse Farbe erhalten durch das Gefühlsleben, wo aus unbestimmten Tiefen, aber geleitet von den Gedanken, das Willensleben aus dem Inneren des Menschen hervorquillt und Taten vollbringt; und zwischen diesem Zustande des menschlichen Seelenlebens und demjenigen, wo der Mensch regungslos liegt, wo die Gedanken in Finsternis getaucht sind, wo die Gefühle schwimmen, wo der Wille sich nicht betätigt. Also, zwischen dem Wachzustande und dem Schlafzustande wechselt das gewöhnliche normale Menschenleben. So sieht man dieses normale Menschenleben an.
[ 38 ] You see—my esteemed audience—in ordinary human life, as is quite obvious, a distinction is made between the various states through which human life must alternate if a person is to remain mentally and physically healthy. A person must alternate between the waking life of the day—from waking up until falling asleep—in which what they experience inwardly and spiritually is interwoven with thoughts or images, where these thoughts take on a certain hue through the life of feeling, and where, from indeterminate depths but guided by thoughts, the life of the will wells up from within the person and accomplishes deeds; and between this state of human soul life and the state in which a person lies motionless, where thoughts are plunged into darkness, where feelings drift, and where the will is not active. Thus, ordinary, normal human life alternates between the waking state and the sleeping state. This is how one views this normal human life.
[ 39 ] Aber das ist nicht vollständige Anschauung vom menschlichen Wesen, und man kommt zu keiner genügenden Auffassung vom Wesen der Menschenseele, wenn man das, was vorliegt, nur in dieser Weise ansieht. Wir wachen nach gewöhnlicher Auffassung zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen. Aber dieses Wachen bezieht sich durchaus nicht auf unseren ganzen Menschen, und das wird gewöhnlich nicht beachtet. Deshalb haben wir auch heute durchaus keine ordentliche Seelenkunde, keine wirkliche Psychologie, weil dieses nicht beachtet wird. Wenn wir vergleichen nämlich, im unbefangenen inneren Erleben vergleichen dasjenige, was in unserem Gefühl auftritt, so ist das durchaus nicht durchzogen von einer solchen inneren Bewusstseinshelligkeit wie das Vorstellen. Es ist ein großer, gewaltiger Unterschied zwischen der Bewusstseinsunterscheidung der Gedanken, der Vorstellungen, und desjenigen, was mehr dumpf, dämmerhaft als Gefühlsnuance dieses Vorstellungsleben durchzieht. Zwar ist dieses Gefühlsleben für unser menschliches Sich-Erfühlen, für unser menschliches Sich-Erleben ebenso real, ja vielleicht realer als das Gedankenleben in einer anderen Beziehung. Aber von lichtvoller Klarheit kann nur das Gedankenleben durchzogen sein. Das Gefühlsleben bleibt in einer gewissen Unbestimmtheit in der Seele ausgebreitet.
[ 39 ] But this is not a complete view of the human being, and one cannot arrive at a sufficient understanding of the nature of the human soul if one views what is before us only in this way. According to common understanding, we are awake between waking and falling asleep. But this state of wakefulness by no means pertains to our entire being, and this is usually overlooked. That is why we still have no proper study of the soul today, no real psychology, because this is not taken into account. For when we compare—in an unbiased inner experience—what arises in our feelings, it is by no means permeated by the same inner clarity of consciousness as imagination. There is a vast, tremendous difference between the distinction in consciousness between thoughts, images, and that which, more dimly and hazily, pervades this life of imagination as a nuance of feeling. Admittedly, this emotional life is just as real—and perhaps even more real in another respect—for our human sense of self and our human experience as the life of thought. But only the life of thought can be imbued with luminous clarity. The emotional life remains spread out in the soul with a certain vagueness.
[ 40 ] Und wenn wir uns fragen: Wie können wir darauf kommen, wie dieses Gefühlsleben in der Seele vorhanden ist, dann müssen wir vergleichen einen Seelenzustand mit anderen Seelenzuständen, und man kommt nach und nach — ich habe auch darüber hier schon gesprochen, mehr beweisend, heute will ich diese Dinge nur heranziehen und gewissermaßen mitteilen —, man kommt da dazu, zu vergleichen dasjenige, was im Gefühlsleben pulsiert, mit demjenigen, was im Traumleben auftritt. Wer das wirklich studiert, wer das wirklich genau kennt, wie es sich vor das Bewusstsein stellt, wie es aus unbestimmten Tiefen des menschlichen Wesens heraufquillt, wie es zwar in Bildern auftritt, aber doch in einer unbestimmten, dämmerhaften Weise, sodass man nicht recht weiß, wie es mit irgendeiner äußeren Wahrheit zusammenhängt zunächst.
[ 40 ] And when we ask ourselves: How can we come to understand how this emotional life is present in the soul? Then we must compare one state of the soul with other states of the soul, and little by little we come to realize—I have already spoken about this here in more detail; today I merely want to bring these things up and, so to speak, share them— one comes to compare what pulsates in the emotional life with what occurs in the dream life. Anyone who truly studies this, anyone who truly knows in detail how it presents itself to consciousness, how it wells up from the indeterminate depths of the human being, how it appears in images, yet in an indeterminate, twilight-like manner, so that at first one does not really know how it relates to any external truth.
[ 41 ] So ist es mit dem Gefühlsleben. Gefühle sind gewiss etwas anderes als Traumbilder; aber wenn wir den Grad von Bewusstheit gegenüber den Gefühlen vergleichen mit dem Grade der Bewusstheit gegenüber den Traumbildern, so ist dieser Grad durchaus der gleiche oder wenigstens ein ähnlicher. Und wir können sagen: Das Gefühlsleben ist das wache Träumen; gewissermaßen dasjenige, was in Träumen als Bilder auftritt, das wird in die Allgemeinheit des organischen Lebens hinuntergedrängt. Es wird anders erlebt, aber es ist in derselben Weise in der Seele präsent, vorhanden, wie das Traumwesen, sodass wir sagen können: In Wirklichkeit wachen wir nur in Bezug auf unser Vorstellungsleben; wir träumen auch wachend in Bezug auf das Gefühlsleben. Wer wirklich in all dasjenige, was das menschliche Leben bedeutet, hineinsieht und sich frägt, welche Rolle die Gefühle — namentlich durch einen größeren Zeitraum des menschlichen Erlebens hindurch — spielen, der wird sich schon sagen können, dass dasjenige, was ihm sonst in den Traumbildern auftaucht, so zusammenhängt mit seinen gewöhnlichen Lebensschicksalen, mit demjenigen, was er erfahren hat, dass in einer übereinstimmenden Weise in den Traumbildern dasjenige lebt, was sonst im Leben erfahren wurde. Aber genau ebenso drückt sich dasjenige, was sonst im Leben sich schicksalsmäßig darstellt, aus in den Gefühlen, die unsere Vorstellungen nuancieren, die unseren Vorstellungen gewisse Grundlagen abgeben. Eine gewissenhafte Betrachtungsweise des Seelenlebens wird diese Verwandtschaft des Gefühlslebens mit dem Traumleben schon ergeben.
[ 41 ] So it is with emotional life. Emotions are certainly something different from dream images; but if we compare the degree of consciousness regarding emotions with the degree of consciousness regarding dream images, this degree is quite the same, or at least similar. And we can say: Emotional life is waking dreaming; in a sense, what appears as images in dreams is pushed down into the general realm of organic life. It is experienced differently, but it is present in the soul in the same way as the dream realm, so that we can say: In reality, we are awake only in relation to our imaginative life; we also dream while awake with regard to our emotional life. Anyone who truly looks into all that human life entails and asks themselves what role emotions play—particularly over a longer period of human experience—will be able to say to themselves that what otherwise appears to them in dream images is so closely connected to the ordinary vicissitudes of their life, to what they have experienced, that what has otherwise been experienced in life lives on in a corresponding way within the dream images. But in exactly the same way, what otherwise manifests itself as fate in life is expressed in the feelings that nuance our thoughts and provide a certain foundation for them. A careful examination of the life of the soul will already reveal this connection between the life of feeling and the life of dreams.
[ 42 ] Und ein anderes — meine sehr verehrten Anwesenden — ist das Willensleben. Dieses Willensleben, man denkt gewöhnlich nicht darüber nach, aber quillt nicht der Willensimpuls aus uns hervor, ohne dass wir über seinen eigentlichen Urgrund in unserer Seele ein klares Bewusstsein haben? Wir haben den Gedanken. Aus diesem Gedanken geht der Willensimpuls hervor. Wir sehen uns dann, indem wir handeln, meine lieben Freunde, wir beobachten uns gewissermaßen als Handelnde selbst, haben über unser Handeln aber einen Gedanken. Aber was dazwischen liegt, davon haben wir kein Bewusstsein, wie dasjenige, was als Gedankenimpulse für den Willen in mir aufschießt, hineingeht in meine Muskelkraft, wie der Nerv empfindet die eigene Bewegung der Arm- und Handmuskeln, wie dann ausgeführt wird dasjenige, was da vom Gedanken aus in, ich möchte sagen die Tiefen des menschlichen Wesens hinuntertaucht, um dann wiederum aufzutauchen, wenn wir uns selber als Handelnde finden. Das lebt tatsächlich in uns so, wie allein das lebt, was wir im tiefen Schlafe durchmachen. Geradeso wie wir im Schlafe gewissermaßen unser eigenes Wesen verloren haben, wie wir nicht dasjenige, was wir im Leibe erleben, wachend im Schlafe durchmachen, so machen wir dasjenige nicht durch, was sich in unserer Menschenwesenheit vollzieht, wenn der Wille seine Impulse erscheinen lässt. Wir träumen nicht nur wachend in unserem Gefühlsleben, wir schlafen in unserem wachenden Leben, indem wir wollen, sodass Träumen und Schlafen fortwährend in uns spielen. Aber aus diesen unbekannten Tiefen herauf, aus jenen Tiefen, aus denen der Wille kommt, aus denen kommt auch dasjenige, was wir schließlich in unserem Selbstbewusstsein zusammenfassen. Wir erkennen unsere völlige Menschlichkeit erst, wenn wir im gewöhnlichen Leben uns als ein denkendes oder vorstellendes, fühlendes oder wollendes Wesen wissen.
[ 42 ] And another—my dear friends here present—is the life of the will. This life of the will—one does not usually reflect on it, but does the impulse of the will not well up from within us without our having a clear awareness of its true source in our soul? We have a thought. From this thought arises the impulse of the will. We then see ourselves—as we act, my dear friends—we observe ourselves, as it were, as the agents themselves, yet we have a thought about our actions. But we have no awareness of what lies in between—how that which springs up within me as thought-impulses for the will enters into my muscular power, how the nerve perceives the movement of the arm and hand muscles, how that which originates from the thought then descends into, I would say, into the depths of the human being, only to resurface again when we find ourselves as agents. This actually lives within us in the same way that only what we experience in deep sleep lives. Just as we have, in a sense, lost our own being in sleep—just as we do not experience in wakefulness what we undergo in our bodies while asleep—so too do we not experience what takes place within our human being when the will allows its impulses to emerge. We do not merely dream while awake in our emotional life; we sleep in our waking life through our willing, so that dreaming and sleeping are constantly at play within us. But rising up from these unknown depths—from those depths from which the will arises—comes also that which we ultimately summarize in our self-consciousness. We recognize our full humanity only when, in ordinary life, we know ourselves as thinking or imagining, feeling, or willing beings.
[ 43 ] Aber wir nehmen in dieses gewöhnliche Leben unbewusste Zustände herein. Wir würden nicht zum Gefühl der Freiheit kommen, wenn wir nicht aussondern könnten aus unserem Wesen etwas, was sich gewissermaßen heraushebt aus unserem ganzen Organischen zunächst. Gerade indem sich das Vorstellungsleben heraushebt, entwickelt es dasjenige, was ich früher charakterisiert habe als dem Freiheitserlebnis zugrunde liegend. Davon sondern wir uns in einer gewissen Weise von uns selber ab. Wir leben wachend nur in einem Teile von uns, nur in demjenigen, was uns das Vorstellungsleben repräsentiert. Wir leben gewissermaßen in Bezug auf einen anderen Teil von uns in derselben Weise unbewusst, wie wir in Bezug auf das Innere der Natur unbewusst leben. Da tritt anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein, indem sie die Methoden entwickelt zu höherer Erkenntnis. Sie beruht nicht auf irgendetwas, was nur im Entferntesten mit den träumerischen obskurantesten Mystikern verwandt wäre, sie beruht nicht auf irgendetwas, was im äußeren Experiment wie im vertrackten Spiritismus zu erreichen wäre; sie beruht durchaus auf demjenigen, was mit einer so hellen Klarheit aus dem inneren Menschen hervorgeholt werden kann, wie nur die reinsten materiellen Vorstellungen. Bei vollem Bewusstsein wird das aus dem Inneren des Menschen hervorgeholt, was in die Methoden der geisteswissenschaftlichen Untersuchungen einfließen soll.
[ 43 ] But we bring unconscious states into this ordinary life. We would not arrive at a sense of freedom if we could not separate from our being something that, in a sense, stands out from our entire organic being at first. It is precisely by setting itself apart that the life of imagination develops what I have previously characterized as the foundation of the experience of freedom. In a certain sense, we separate ourselves from ourselves through this. While awake, we live only in one part of ourselves—namely, in that which our imaginative life represents to us. In a sense, we live unconsciously in relation to another part of ourselves, just as we live unconsciously in relation to the inner world of nature. This is where anthroposophically oriented spiritual science comes in, by developing methods for higher knowledge. It is not based on anything even remotely related to the most dreamy and obscure mystics; it is not based on anything that could be achieved through external experimentation or convoluted spiritualism; rather, it is based entirely on that which can be brought forth from within the human being with as much luminous clarity as the purest material concepts. In a state of full consciousness, that which is to be incorporated into the methods of spiritual scientific research is drawn forth from within the human being.
[ 44 ] Aber dasjenige, was sonst so lebt in der gewöhnlichen menschlichen Seelenverfassung, wie das Traumleben, nämlich die Gefühlswelt, das wird von demselben Lichte durchsetzt, von dem durchsetzt ist das Vorstellen, das aus dem Gefühl heraus, wie manche Gefühlsphilosophie oder Gefühlstheologie, schöpft.
[ 44 ] But that which otherwise exists in the ordinary human state of mind, such as the life of dreams—namely, the world of feelings—is permeated by the same light that permeates the imagination, which, like certain philosophies or theologies of feeling, draws its inspiration from feeling.
[ 45 ] Geisteswissenschaft, sie durchsetzt erst durch ihre Übungen, die in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert sind, sie durchsetzt erst das Gefühlsleben mit dem Lichte, das sonst nur waltet in dem Vorstellungsleben, sodass diejenige Region, die sonst traumhaft bleibt, in der menschlichen Seele nunmehr lebt als das imaginative Bewusstsein. Nicht ein Traum ist da, nicht das traumhafte Gefühlsleben ist da in dem Momente, wo man sich diesem imaginativen Bewusstsein hingibt, sondern dasjenige ist da, was sonst eben unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewusstseins bleibt. Man denkt Bilder, aber Bilder, von denen man weiß, sie sind nicht erträumt, sondern sie entsprechen Realitäten.
[ 45 ] Spiritual science—and only through its exercises, as described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—permeates the emotional life with the light that otherwise reigns only in the life of the imagination, so that the region which otherwise remains dreamlike now lives in the human soul as imaginative consciousness. It is not a dream that is present, nor is it the dreamlike emotional life that is present at the moment one surrenders to this imaginative consciousness; rather, what is present is that which otherwise remains just below the threshold of ordinary consciousness. One thinks images, but images of which one knows they are not dreamed, but rather correspond to realities.
[ 46 ] Und noch weiter kommt diese Methode, die ich geschildert habe, wie das in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft dargelegt ist, im inspirierten Bewusstsein. Da wird tatsächlich dasjenige erreicht, was sonst Wille ist. Ich habe gestern geschildert, wie sich umgestaltet dasjenige, was sonst abstraktes theoretisches Erkennen ist, in etwas, was sich vergleichen lässt dem künstlerischen Anschauen vom Menschenbau. So wird aber auch hingeschaut auf den Willen. Nach und nach gelangt man dazu, dass wirklich — der Ausdruck soll nicht missverstanden werden — hellseherisch durchschaut wird, wie das Ganze der menschlichen Organisation funktioniert, indem der Wille hineinpulsiert in diese menschliche Organisation. Geschaut wird, was wirklich vorgeht im Muskel, indem erkannt wird, was da hineinschießt, indem der Willensimpuls sich betätigt, und das ist dann inspirierte Erkenntnis. Da taucht der Mensch in sein eigenes Innere unter. Da allerdings erlangt er dann eine Erkenntnis von sich selbst, über die sonst ein Schleier gebreitet ist. Da gelangt man dazu, nicht nur zu erkennen dasjenige, was fertig dasteht zwischen der Geburt und dem Tode, sondern da gelangt man dazu, indem, was in seinem Gefühl, in seinem Willen lebt, die jetzt durchzogen sind von eben solchem Bewusstseinslichte, wie sonst nur das Vorstellungsleben, da gelangt man dazu, nicht bloß das Geschaffene in seinem Wesen zu erkennen, sondern das Schaffende, das Schöpferische, dasjenige, was nun nicht bloß aufwacht und in den schon fertigen Leib wiederum hineingeht, wie es beim Aufwachen des Menschen der Fall ist, sondern das aus geistigen Welten heruntersteigt, indem der Mensch durch die Geburt oder Empfängnis geht und sich den Leib selber organisiert, da gelangt der Mensch dazu, durch diese höhere Erkenntnisstufe sein Ewiges zu erkennen, dasjenige in ihm zu erkennen, was über Geburt und dem Tode hinauslebt. Er gelangt durch eine unmittelbare Anschauung dazu, das Ewige des Geistigen in sich selber zu erkennen. Er gelangt zu einer Anschauung des Wesens der Menschenseele; aber er gelangt dann auch dazu, indem er in sein eigenes Wesen hinuntertaucht, da, wo er sonst nur als Natürlicher erkennt, indem er den Geist in sich findet, er gelangt dazu, dass er schon, indem er in sich selber hinuntergestiegen ist, nicht mehr bloß in sich steht, sondern dass er nun in dem Inneren der Natur drinnensteht, dass er in dem Geiste seiner eigenen Natur den Geist der Natur erkennt.
[ 46 ] And this method I have described—as set forth in anthroposophically oriented spiritual science—goes even further in inspired consciousness. There, what is otherwise the will is actually attained. Yesterday I described how what is otherwise abstract, theoretical cognition is transformed into something comparable to the artistic contemplation of the human form. But in this way, one also looks upon the will. Gradually, one arrives at a point where—and this expression should not be misunderstood—one truly gains a clairvoyant insight into how the entire human organism functions as the will pulses through it. One observes what is truly happening within the muscle by recognizing what surges into it as the impulse of the will takes effect, and this is then inspired insight. Here, the human being delves into his or her own inner being. In doing so, however, he or she attains an insight into himself or herself that is otherwise veiled. One comes to recognize not only that which stands complete between birth and death, but one also comes to this by means of what lives in one’s feeling and will—which are now permeated by the very same light of consciousness that otherwise characterizes only the life of imagination— one comes to recognize not merely the created in its essence, but the creative, the creative force—that which does not merely awaken and re-enter the already formed body, as is the case when a human being wakes up, but which descends from spiritual worlds as the human being passes through birth or conception and organizes the body for itself, there, through this higher level of knowledge, a person comes to recognize their eternal self—that which lives on beyond birth and death. Through direct insight, they come to recognize the eternal aspect of the spiritual within themselves. They arrive at an insight into the essence of the human soul; but they also attain this by delving into their own being—where they would otherwise perceive only the natural—and by finding the spirit within themselves; they come to realize that, simply by having descended into themselves, they no longer stand merely within themselves, but now stand within the very heart of nature, recognizing the spirit of nature in the spirit of their own nature.
[ 47 ] Und jetzt enthüllt sich für ihn das Bedeutungsvolle, — sehen Sie, es ist tatsächlich, dass wir gewissermaßen in altem Sinne jenseits der Schwelle stehen, mit unseren Naturerkenntnissen. Die Alten glaubten in diesem Gebiete das Selbstbewusstsein zu verlieren, wenn sie nicht vorbereitet waren in einer entsprechenden Weise. Der neuere Mensch verliert nicht sein Selbstbewusstsein, aber er verliert die Welt, das Vorstellen mit jener hellen Klarheit, wie es uns das Selbstbewusstsein gibt; das hat sich ja in der neueren Zeit erst entwickelt. Dieses Selbstbewusstsein, das ist es, was wir ausbilden müssen. Während die Alten besonders gesehen haben auf die Zucht des Willens, müssen wir, wie schon in meiner «Philosophie der Freiheit» betont, zum reinen Denken vordringen. Wir müssen das Denken besonders ausbilden, damit dann das Denken, indem es sich weiterentwickelt, zur Imagination, zur Inspiration, zur Intuition kommt.
[ 47 ] And now what is significant is revealed to him—you see, it is indeed the case that, in a sense, we stand beyond the threshold, so to speak, with our understanding of nature. The ancients believed they would lose their self-awareness in this realm if they were not prepared in an appropriate manner. Modern man does not lose his self-awareness, but he loses the world—the ability to perceive it with that bright clarity that self-awareness affords us; after all, this has only developed in modern times. This self-awareness—that is what we must cultivate. While the ancients focused particularly on the discipline of the will, we must, as I have already emphasized in my *Philosophy of Freedom*, advance toward pure thinking. We must cultivate thinking in particular so that, as it develops further, it may lead to imagination, inspiration, and intuition.
[ 48 ] Dadurch aber ergibt sich für uns eine neue Schwelle in die geistige Welt, jene Schwelle, die jetzt vor uns steht. Wir sagen uns, wir dürfen nicht darinnen stehen bleiben in derjenigen Welt, die uns nur die ausgebreitete Sinnesanschauung gibt, die uns dasjenige, was Inneres der Natur ist, jenseits der Grenze liegen lässt. Wir dürfen nicht da stehen bleiben, wir müssen eine andere Schwelle überschreiten, diejenige, die uns in das eigene Innere, in das Wesen der Seele führt, und die uns nicht mehr phantasieren lässt von allerlei Atomen und Atomistik und allerlei Molekülen, die hinter dem stehen sollen, was da Farbe und Ton und Wärmeempfindung und so weiter ist, sondern wir lernen erkennen, indem wir unseren eigenen Geist erkennen und in diesem Geiste drinnenstehen, wir lernen erkennen, drinnenzustehen in dem Geiste der Natur, wir lernen die Natur selber als geistig kennen. Da, wo die Menschen die Welt verlieren wollen, indem sie hinter die Natur — man möchte sagen — eine zweite grob materielle Natur setzen in einer atomistischen Welt, da findet derjenige, der im neueren Sinne die [Schwelle] überschreitet, den Geist, und das ist es, was wir als eine Grundempfindung gegenüber dem Inneren der Natur und dem Wesen der Menschenseele entwickeln müssen als unterschiedlich von dem, was die Alten hatten.
[ 48 ] This, however, opens up a new threshold into the spiritual world for us—the very threshold that now lies before us. We tell ourselves that we must not remain stuck in that world which offers us only the expansive sensory perception that leaves what is inner in nature beyond its boundaries. We must not remain there; we must cross another threshold—the one that leads us into our own inner being, into the essence of the soul—and that no longer allows us to fantasize about all manner of atoms and atomism and all manner of molecules that are supposed to lie behind what we perceive as color, sound, the sensation of warmth, and so on. Instead, by recognizing our own spirit and standing within that spirit, we learn to perceive by standing within the spirit of nature; we come to know nature itself as spiritual. Where people seek to lose sight of the world by placing—one might say—a second, grossly material nature behind nature in an atomistic world, there the one who crosses the [threshold] in the newer sense finds the spirit, and this is what we must develop as a fundamental feeling toward the inner life of nature and the essence of the human soul—distinct from what the ancients had.
[ 49 ] Wir müssen die Empfindung haben: Ja, wir leben in den Zuständen drinnen, die die Alten vermeiden wollten unvorbereitet. Wir haben zwar nicht die Gefahr vor uns, unser Selbst zu verlieren, dazu ist in der neueren Bildung die Gedankenwelt zu stark ausgebildet, aber wenn wir diese Gedankenwelt noch weiter ausbilden, dann können wir auch nicht dasjenige verlieren, was nun uns verloren gehen kann. Den Alten drohte der Verlust des Selbstbewusstseins, eine Art seelischer Ohnmacht; uns das Verlieren der Welt, das Aufgehen in rein mathematischen Weltbildern, in atomistischen Vorstellungen, sodass wir gar nicht mehr zusammenhängen mit demjenigen, was uns als Fülle der Welt umgibt. Wir stehen vor der Gefahr, dass uns zwar nicht das Selbstbewusstsein, wohl aber gegenüber unserem Ego-Bewusstsein die Welt verloren geht. Und um die Welt wiederzufinden, das heißt, den Geist in der Welt zu finden, müssen wir dasjenige, was die neuere Menschheit die Schwelle nennen muss, müssen wir diese Schwelle überschreiten. Und wir können in einer gewissen Weise sagen: Fürchteten sich die Alten vor dem Hüter der Schwelle, und mussten sie gut vorbereitet sein, um an ihm vorbeizukommen, so muss der neuere Mensch geradezu diesen Hüter herbeisehnen. Er muss die Gelegenheit herbeisehnen, bekannt zu werden mit demjenigen, was ihm sonst nur als äußerliche Sinnesanschauung in Verbindung mit den Ergebnissen des kombinierenden Verstandes und des Experimentes entgegentrat, um das zu erlangen durch die Erkenntnis des Geistes.
[ 49 ] We must feel: Yes, we are living right in the midst of the circumstances that our ancestors wanted to avoid without being prepared for them. We do not, admittedly, face the danger of losing our sense of self—the world of thought is too highly developed for that in modern education—but if we continue to develop this world of thought even further, then we will also be unable to lose that which is now in danger of being lost to us. Our ancestors faced the threat of losing their sense of self—a kind of spiritual powerlessness; we face the loss of the world, dissolving into purely mathematical worldviews and atomistic concepts, so that we are no longer connected to the abundance of the world that surrounds us. We face the danger that, while we may not lose our sense of self, we will lose the world in relation to our ego-consciousness. And in order to rediscover the world—that is, to find the spirit within the world—we must cross what modern humanity must call the threshold. And we can say, in a certain sense: While the ancients feared the guardian of the threshold and had to be well prepared to pass him by, modern humanity must actively long for this guardian. He must long for the opportunity to become acquainted with that which otherwise presented itself to him only as external sensory perception combined with the results of the reasoning mind and experimentation, in order to attain it through the knowledge of the Spirit.
[ 50 ] So soll Geist-Erkenntnis überall hineingetragen werden, in das Laboratorium, auf das Observatorium, in die Klinik; überall da, wo man sinnlich forscht und mit dem Verstande kombiniert, da soll Geist-Erkenntnis hineingetragen werden. Denn sonst ist dasjenige, was in diesen Bildungsstätten erreicht wird, jenseits der Schwelle erreicht, und der Mensch wird in einer verhängnisvollen Weise dadurch gerade von der Welt abgeschnitten, fühlt sich einem Inneren der Natur gegenüber, das er niemals auf äußerliche Weise erreichen kann, sondern nur, wenn er erst sich selber erweckt, wenn er erst vordringt zu dem unsterblichen, ewigen Wesen der Menschenseele. Und dringt er zu diesem vor, so steht er in dem Geiste der Natur drinnen. Er dringt über diese Schwelle, die in ihm selber liegt, zu dem geistigen Gebiete der Natur vor.
[ 50 ] Spiritual knowledge must thus be brought into every sphere—into the laboratory, the observatory, the clinic; wherever sensory research is conducted and combined with intellectual reasoning, spiritual knowledge must be brought in. For otherwise, what is achieved in these institutions of learning is attained beyond the threshold, and human beings are thereby cut off from the world in a fateful way; they feel confronted by an inner aspect of nature that they can never reach through external means, but only when they first awaken themselves, when they first penetrate to the immortal, eternal essence of the human soul. And when they penetrate to this, they stand within the spirit of nature. They cross this threshold, which lies within themselves, and advance into the spiritual realm of nature.
[ 51 ] Das ist dasjenige, was als Aufgabe obliegt gegenüber demjenigen, was die anderen Wissenschaften nicht geben können, anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Deshalb darf sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft Goetheanismus nennen, denn Goethe hat entgegengerufen denen, die da sagen:
[ 51 ] This is the task that falls to anthroposophically oriented spiritual science in contrast to what the other sciences cannot provide. That is why anthroposophically oriented spiritual science may call itself “Goetheanism,” for Goethe spoke out against those who say:
«Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaff’ner Geist.»
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Prüfe dich du nur allermeist,
Ob du selber Kern oder Schale seist.
“No created spirit
Can penetrate the innermost depths of nature.”
Nature has neither a core
Nor a shell;
She is all at once;
Examine yourself above all else,
To see whether you yourself are the core or the shell.
[ 52 ] Man ist Schale, solange man mit dem bloßen Vorstellungsleben da steht. Dadurch aber schneidet man sich selber von der Natur ab. Von dem Inneren der Natur spricht nur derjenige, der sich die Natur selber zur Schale erst gemacht hat, derjenige, der selber Schale geworden ist. Derjenige aber, der zu seinem eigenen Kern vordringt, der weiß sich, indem er sich erlebt in dem Wesenskern seiner Menschenseele, er weiß sich im Innersten der Natur drinnenstehend, er erlebt dieses Innerste der Natur.
[ 52 ] One is a shell as long as one remains confined to the realm of mere imagination. But in doing so, one cuts oneself off from nature. Only the one who has first made nature itself into a shell—the one who has become a shell—can speak of the innermost essence of nature. But the one who penetrates to his own core—who knows himself by experiencing himself in the essential core of his human soul—knows that he stands within the very heart of nature; he experiences this innermost core of nature.
[ 53 ] Das — meine sehr verehrten Anwesenden — ist der Impuls, den anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht nur im allgemeinen menschlichen Leben, vor allem diesem, aber auch den einzelnen Wissenschaften geben möchte. Dann steht vor ihr das Ideal, dass alle einzelnen Wissenschaften nach und nach nicht bloß jene Spezialitäten bleiben, die sie bisher waren, sondern dass aus jeder einzelnen Wissenschaft etwas hervorquillt, was einen Beitrag liefert zu dem, wonach der Mensch unablässig streben muss, wenn er seiner Menschenwürde ganz bewusst sein will, zu dem Ewigen des Menschenwesens.
[ 53 ] This—my esteemed audience—is the impetus that anthroposophically oriented spiritual science seeks to impart not only to human life in general—and above all to that—but also to the individual sciences. Then it is faced with the ideal that all the individual sciences will gradually cease to remain merely the specialized fields they have been up to now, but that from each individual science something will well up that contributes to that toward which human beings must strive unceasingly if they wish to be fully conscious of their human dignity—namely, the eternal aspect of the human being.
[ 54 ] Dasjenige, was die einzelnen Wissenschaften geben können, es bleibt äußerlich gegenüber dem Inneren der Natur, wenn es nicht in dieser Weise ergänzt wird durch innerliche Erkenntniswege, diese innerlichen Erkenntniswege zu den äußeren hinzufügt, um so aus der einzelnen Erkenntnis eine umfassende Menschheitserkenntnis zu machen, die dann den Menschen auch stark macht, wie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» gezeigt ist in Bezug auf die soziale Auffassung des Lebens, in Bezug auf das Hineinstellen in das soziale Leben, die geeignet sein wird, auch die sozialen Forderungen und Fragen der Zukunft in ein geeignetes heilsames, dem Menschenfortschritt dienendes Fahrwasser zu bringen. Das soll Aufgabe anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft sein.
[ 54 ] What the individual sciences can offer remains external to the inner essence of nature unless it is supplemented in this way by inner paths of knowledge, which add these inner paths to the external ones, thereby transforming individual knowledge into a comprehensive understanding of humanity—an understanding that then also empowers people, as demonstrated in my *Key Points of the Social Question* with regard to the social conception of life and to participation in social life—a conception that will be capable of steering the social demands and questions of the future into a suitable, wholesome course that serves human progress. This should be the task of anthroposophically oriented spiritual science.
[ 55 ] Unablässig — meine sehr verehrten Anwesenden — steht, weil sie das glaubt aus der gegenwärtigen Natur der Menschheitszivilisation zu erkennen, unablässig steht in ganz ehrlichem, aufrichtigem Streben nach wahrer Erkenntnis des Menschen, nach Vertiefung des Menschenwesens, nach Erweiterung des menschlichen Tätigkeitswesens, der menschlichen Tätigkeitsenergie, unablässig — das lassen Sie mich zum Schlusse zusammenfassend sagen —, unablässig steht vor demjenigen, der anthroposophische Geisteswissenschaft aus ihrem inneren Kern heraus will, unablässig steht vor ihm der Zusammenhang zwischen dem Wesen der Menschenseele und dem Inneren der Natur so, dass allerdings dasjenige, was uns die spezialistischen Wissenschaften geben, Finsternisse über die Welt ausbreiten, die eigentlich im Grunde genommen so gefürchtet werden müssten, wie von den Alten das, was jenseits der Schwelle liegt, gefürchtet wurde. Aber möglich ist es — meine sehr verehrten Anwesenden —, ein Licht anzuzünden, damit in diese Finsternisse, in die Finsternisse des Inneren der Natur, der Mensch hineinschauend gelangen könne. Und dieses Licht kann nur sein dasjenige, was angezündet wird durch eine innerliche, geistig-seelisch vertiefte Erkenntnis in der Menschenseele selbst.
[ 55 ] Ceaselessly—my esteemed audience—because it believes it can discern this from the present nature of human civilization, ceaselessly stands in a completely honest, sincere striving for true knowledge of the human being, for a deepening of the human essence, for an expansion of human activity and human energy—ceaselessly — let me say this in summary at the end — ceaselessly stands before the one who seeks anthroposophical spiritual science from its inner core; ceaselessly stands before him the connection between the nature of the human soul and the inner essence of nature, such that, indeed, what the specialized sciences give us casts a darkness over the world that, when you get right down to it, ought to be feared just as the ancients feared what lies beyond the threshold. But it is possible—my esteemed audience—to kindle a light so that, by looking into these darknesses, into the darknesses of the inner life of nature, human beings may find their way. And this light can only be that which is kindled through an inner, spiritually and psychologically deepened insight within the human soul itself.
