Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
GA 80b
13 Dezember 1920, Bern
1. Die Ergebnisse der Geisteswissenschaft und ihre Beziehungen zur Kunst und Religion
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Durch eine lange Reihe von Jahren durfte ich hier an diesem Orte sprechen über anthroposophische Geisteswissenschaft, deren Wesen und Bedeutung für das gegenwärtige Geistesleben der Menschheit. Seit ich das letzte Mal dieses tun durfte, haben die Hochschulkurse im Goetheanum in Dornach im September und Oktober dieses Jahres stattgefunden. Diese Hochschulkurse sollten auch äußerlich praktisch erweisen, welche Aufgabe die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft gegenüber den anderen Wissenschaften und gegenüber dem praktischen Leben erfüllen will. Ungefähr dreißig Persönlichkeiten der einzelnen Wissenschaftszweige, Persönlichkeiten des künstlerischen Schaffens, auch Persönlichkeiten des praktischen Lebens, des industriellen, des kommerziellen Lebens [trugen dazu bei]; durch sie sollte gezeigt werden, wie Geisteswissenschaft in die einzelnen Wissenschaftszweige hinein, in das künstlerische Schaffen, aber auch vor allen Dingen in das praktische Leben hinein befruchtend wirken kann. Es sollte eben Geisteswissenschaft durchaus nicht etwa dabei stehen bleiben, theoretische Auseinandersetzungen zu pflegen, gemütvolle Darstellungen zu geben, sondern sie sollte zeigen, wie sie in der Tat Mittel und Wege besitzt, um gerade dasjenige zu tun, was in vieler Beziehung in der Gegenwart und für die nächste Zukunft von anderen Seiten nicht getan werden kann, was aber von ihr unternommen werden kann.
[ 2 ] Derjenige, welcher den Gang des Geisteslebens in der Gegenwart genauer kennt, er weiß, wie durch die einzelnen Wissenschaftszweige hindurch überall die Meinung, das Gefühl verbreitet ist, dass die einzelnen Wissenschaften an gewisse Grenzen kommen, die ihnen zu überschreiten unmöglich ist. Oftmals sogar ist gemeint, dass es überhaupt dem Menschen unmöglich sei, über solche Grenzen hinauszukommen.
[ 3 ] Aber auf der anderen Seite steht ja auch der Wissenschaft gegenüber das praktische Leben. Wissenschaft soll und will eingreifen in das praktische Leben. Und es wird wohl derjenige, der im Wissenschaftsleben drinnensteht, nicht leugnen können, dass die Grenzen, an die sich die verschiedenen Wissenschaften gestellt finden — ich brauche ja nur auf die Heilkunde aufmerksam zu machen —, dass diese Grenzen nicht etwa damit erledigt werden können, dass man philosophisch-theoretische Auseinandersetzungen gibt, durch die diese Grenzen gerechtfertigt werden sollen, sondern es handelt sich darum, dass das Leben oftmals gerade dort das Tun des Menschen verlangt, wo die Wissenschaft vor solchen Grenzen steht. Dass in der Tat durch die besondere Methode der Geisteswissenschaft es möglich ist, gerade diejenigen Gebiete zu betreten, auf die als Grenzen die modernen Wissenschaften hinweisen, das sollte auf der einen Seite in den Dornacher Hochschulkursen gezeigt werden. Es sollte gezeigt werden, nicht von einzelnen bloß in der Geisteswissenschaft drinnenstehenden Persönlichkeiten, sondern eben gerade von allen Leuten, von Persönlichkeiten, die ihr einzelnes Fach geradeso wie andere durchaus absolviert haben und die in ihm drinnenstehen, die nur zu gleicher Zeit in der Lage sind, zu zeigen, wie dieses Fach von der Geisteswissenschaft angeregt und befruchtet werden kann. Also, von einer ganz besonderen Wichtigkeit war es auch, dass Persönlichkeiten des praktischen Lebens zeigten, dass die besondere Art und Weise des Denkens, die ja auf Wirklichkeit, auf volle, totale Wirklichkeit ausgeht, zu der allerdings die geistigen Kräfte der Welt gehören, dass diese Betrachtungsweise geeignet ist, auch dasjenige zu leisten im praktischen Leben, was vielfach in der neueren Zeit ungeleistet hat bleiben müssen, und was sich ja als ungeleistet durch die soziale, durch die sonstige Lebensnot unserer Gegenwart wirklich auch äußerlich dokumentiert hat.
[ 4 ] Nun kann man natürlich heute noch nicht davon sprechen, wie stark es gelinge dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft, durch solche praktischen Maßnahmen ihre Berechtigung im Geistesleben der Gegenwart auch von dieser Seite her zu zeigen. Auf der anderen Seite aber kann man doch sagen, dass trotz der Angriffe, von denen Ihnen ja in den vorbereitenden Worten gesprochen worden ist, dass trotz dieser Angriffe immerhin in der neuesten Zeit auch von ernst zu nehmender Seite eingesehen wird, dass das durchaus nicht richtig ist, was von vielen Seiten geglaubt wird, dass man es zu tun habe mit der Anthroposophie [wie] mit der Betätigung irgendeiner [beliebigen] Winkelsekte oder dergleichen.
[ 5 ] Ich möchte nur ein Beispiel anführen, um Ihnen zu zeigen, wie trotz aller Gegnerschaft, die ja nicht immer gutwillig ist und vor allen Dingen nicht immer gutmeinend ist; wie trotz aller Gegnerschaft ja gerade auch aus der Gegnerschaft heraus Geisteswissenschaft doch langsam zu dem kommt, zu dem sie kommen muss, wenigstens zur Anerkennung ihres ernstlichen Strebens und ihres offenen Auges für die Kulturnöte der Gegenwart.
[ 6 ] Ich möchte eben dieses eine Beispiel anführen. Die gegnerischen Schriften wachsen sich ja allmählich zu Büchern aus, und es ist in den letzten Wochen ein Buch erschienen, das sich betitelt «Moderne Theosophie». Aus einem Grunde, der ja allerdings merkwürdig ist, gibt der Verfasser an, dass er sich aber durchaus mit nichts anderem beschäftige als mit der Geisteswissenschaft. Er sagt in den folgenden Ausführungen: Wo von Theosophie und Theosophen die Rede ist — das ist stets die Ausdrucksweise, die eben geläufiger ist als die Ausdrücke Anthroposophie und Anthroposophen.
[ 7 ] Nun, man kann nicht sagen — meine sehr verehrten Anwesenden — dass der Verfasser dieser Schrift, Kurt Leese, der ein Lizenziat der Theologie ist, dass er anerkennend der Anthroposophie gegenübersteht. Im Gegenteil, das ganze Buch ist zur Widerlegung geschrieben. Man kann auch nicht sagen, dass der Verfasser des Buches außerordentlich viel von Anthroposophie versteht. Aber dasjenige, was er gleich auf der ersten Seite vorbringt und vielfach im Buch wiederholt, ist etwas, das zeigt, dass selbst aus der Gegnerschaft heraus nach und nach nicht mehr geleugnet werden kann der Ernst des Wollens der Anthroposophie. Hier wird von einem Gegner gesagt:
«Hätte man es in der Theosophie mit den beliebigen Einfällen einer im Trüben fischenden Winkel-Sekte zu tun, so verlohnte es sich nicht der Mühe, ihr größere Aufmerksamkeit zuzuwenden.»
[ 8 ] Und dann sagt er, man habe es zu tun mit etwas, dass zeige die Fundamente einer umfassend angelegten, von ethischem Geist kraftvoll durchwebten Weltanschauung. Dass dieser ethische Geist selbst dann noch übrig bleibe, wenn man alles Übrige negiere bei Anthroposophie, das gibt der Verfasser dieses Buches unumwunden zu:
«Ihr tatkräftigster Förderer in der Gegenwart, Rudolf Steiner, hat mit dem Rüstzeug großer Belesenheit und nicht abzuleugnenden Scharfsinns im Einzelnen eine große Fülle religionsgeschichtlichen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Materials zusammengetragen, um damit die Fundamente einer umfassend angelegten, von ethischem Geist kraftvoll durchwehten Weltanschauung zu legen.»
[ 9 ] Dennoch — und nun komme ich zu dem positiven Teil meiner Auseinandersetzung —, dennoch will dieser Gegner, der ja danach strebt, objektiv zu sein, er will zwar aus der Anthroposophie selbst heraus die Gründe zu ihrer Widerlegung suchen, er will gewissermaßen dasjenige, was der Anthroposoph sagt, aufgreifen und Widersprüche und dergleichen belegen, namentlich einen unwissenschaftlichen Charakter darlegen. Aber an einer Stelle verrät er sich in ganz merkwürdiger Weise. Da sagt er an einer besonders charakteristischen Stelle, dass Anthroposophie aufreizend wirke und «unleidlich».
Derartige Bravourstücke verzwickter Distinktionen, die von vornherein im ideellen Dienst eines vorgefassten Schemas stehen, machen die Lektüre der Steiner’schen Schriften nicht nur zu einer schwierigen, bei der vielfache Missverständnisse des Nicht-Eingeweihten mitunterlaufen könnten, sondern auch zu einer ärgerlichen und unleidlichen.
[ 10 ] Also nicht etwa bloß, das logische Urteil, das wissenschaftliche Urteil herausfordernd, sondern das Gefühl, die Emotionen herausfordernd, so sieht man Anthroposophie an! Und warum dieses? Das hängt allerdings zusammen mit der ganz besonderen Art, wie Anthroposophie, gerade indem sie so wissenschaftlich sein will, wie nur irgendeine andere Wissenschaft, wie sie sich stellt zu dem Erkenntniswege der Menschheit.
[ 11 ] Anthroposophie — selbstverständlich, das habe ich ja hier wirklich sehr oft ausgesprochen —, Anthroposophie würde ganz gewiss nicht ernst zu nehmen sein, wenn sie irgendwie sich töricht ablehnend verhalten würde gegenüber den großen, den bedeutsamen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Methode in der neueren Zeit. Sie würde auch nicht ernst zu nehmen sein, wenn sie irgendwie sich dilettantisch verhalten würde zu dem, was der Geist, die ganze innere Gesinnung des naturwissenschaftlichen Forschens ist. Sie geht durchaus — und darinnen liegt ihre wissenschaftliche Richtung —, sie geht durchaus aus von einer Anerkennung modernen naturwissenschaftlichen Strebens. Sie tut das in der Weise, dass sie gerade sucht, sich zu vertiefen in die naturwissenschaftlichen Methoden, aber zu gleicher Zeit sucht einen Weg, aus dem Begreifen der äußeren Sinneswelt heraus in das Begreifen der geistigen Welt hinein. Und sie möchte die Fragen, auf die es ankommt, die Fragen nach dem Erkenntniswege so beantworten, dass das geistige Gebiet ebenso zu seinem Rechte kommt wie das Sinnesgebiet durch die naturwissenschaftliche Forschung. Dadurch sieht sie sich allerdings gedrängt — nicht bei der naturwissenschaftlichen Methode so wie man sie in sich selber beschränkt glaubt, wenn man sich nur in der Sinneswelt durch sie betätigt —, sie fühlt sich genötigt bei dieser naturwissenschaftlichen Methode, wie sie landläufig ist, nicht stehenzubleiben. Sie gibt sich mehr der Erziehung, der innerlichen Disziplin des Forschens als naturwissenschaftlichen Methoden hin, kann aus dem Grunde dasjenige nicht aufnehmen, was heute vielfach dogmatisch angeführt wird für die Notwendigkeit, in der Sinneswelt und in der Erscheinungswelt durch den Verstand stehen bleiben zu sollen.
[ 12 ] Und von dieser Seite her wirkt Geisteswissenschaft eben aufreizend, wie dieser Kritiker sagt, und «unleidlich». Denn im Ganzen ist der heutige Mensch nicht geneigt, irgendeine Erkenntnismethode anzunehmen, die sich nicht ergibt aus den gewöhnlichen Merkmalen der menschlichen Natur, die man in der Welt hat, die man sich anerzogen hat oder die eben aus dem Verlaufe des gewöhnlichen Lebens heraus folgen. Gerade die großen, die wunderbarsten Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft, sie fußen ja darauf, dass man auf einem gewissen Standpunkte der Sinnesbeobachtung, des Experiments und des Kombinierens durch den Verstand stehen bleibt, dass man diese Art der Forschung immer weiter und weiter, gewissenhaft immer weiter und weiter ausführt, dass man aber stehen bleiben will bei dem Standpunkt, den man einmal auf diese Weise eingenommen hat.
[ 13 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, kann nicht auf diesem Gesichtspunkte stehen bleiben, sondern sie muss, sie fühlt sich gedrängt, gerade durch die strenge naturwissenschaftliche Erziehung, die der geisteswissenschaftliche Forscher durchzumachen hat, sie fühlt sich gedrängt — nicht nur die Erkenntnis, die in der Naturwissenschaft angewendet wird, zu erweitern, genauer zu machen durch allerlei Hilfsmittel —, sondern sie fühlt sich genötigt, eine ganz andere Art von Erkenntnis, eine andere Erkenntnisweise in der Seele auszubilden, als diejenige ist, die man in der Naturwissenschaft heute anwendet. Sie fühlt sich genötigt also, die Hantierung des Naturwissenschafters ins geistige Gebiet hinein fortzusetzen, sodass das Entstehen dieser geisteswissenschaftlichen Methode eher charakterisiert werden kann als ein Herauswachsen, aber ein ganz natürliches Herauswachsen aus den naturwissenschaftlichen Methoden, denn als eine bloße Erweiterung der naturwissenschaftlichen Methode. Und da kommt man eben auf dasjenige, was ja von den verschiedensten Gesichtspunkten her im Laufe der Jahre von mir ausgesprochen worden ist.
[ 14 ] Man kommt dazu, dass man in dem menschlichen Seelenleben gewisse Kräfte entdeckt, die ebenso zunächst für die gewöhnliche Anschauung, auch für die gewöhnliche wissenschaftliche Anschauung, verborgen liegen, wie etwa in dem zehnjährigen Kinde verborgen liegen diejenigen Seelenkräfte, die eben erst nach fünf oder zehn Jahren dann herauskommen. An ein wirkliches Wachsen des menschlichen Wesens muss da gedacht werden, an ein Hervorsprießen von demjenigen, was im zehnten Jahre noch nicht da ist bis in das fünfzehnte oder zwanzigste Jahr hinein. Und das entdeckt diese hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft, dass auch, wenn man sich hin entwickelt hat bis zu denjenigen Methoden, durch die man in aller gewissenhaftester Weise naturwissenschaftlich forschen kann, dass es dann doch möglich ist — sodass es verglichen werden kann mit einem wirklichen Wachstum des Menschenwesens —, dass es doch möglich ist, die menschlichen Seelenkräfte weiterzuentwickeln, dass es möglich ist, Seelenkräfte aus der menschlichen Seele herauszuholen, welche die Welt nun nicht bloß, ich möchte sagen mikroskopisch genauer oder teleskopisch näher sehen kann, sondern die die Welt ganz anders sehen, nämlich geistig-seelisch sehen gegenüber der bloß sinnlichen Anschauung.
[ 15 ] Und es wird nicht versucht — meine sehr verehrten Anwesenden — etwa irgendwie das Geistige durch äußere Maßnahmen, durch äußere Experimente zu erforschen. Wie sollte man auch das Übersinnliche durch Laboratoriumsversuche erkennen! Das wollen diejenigen, die nach dem Spiritismus neigen, das wollen solche Menschen, die etwa um Schrenck-Notzing sich sammeln oder andere. Gerade auf dem Gesichtspunkt steht die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft, dass dasjenige, was äußerlich verfolgt werden kann durch Maßnahmen, die dem äußerlichen naturwissenschaftlichen Experiment nachgebildet sind — wenn sie noch so erstaunen, dass dadurch, dass man die Sinneswelt in irgendeiner Weise, sei es vertieft oder verfeinert, oder dass man sie in irgendeiner Weise mehr ins Ätherische hinauf wirken lässt —, dass man dadurch, dass man in der Sinneswelt bleibt, durchaus nicht zu Erkenntnissen über die übersinnliche Welt kommen kann. Dass aber empfindet der moderne Mensch vielfach als eine Zumutung, dass er nun etwas mit seinen Seelenkräften erst tun soll, diese Seelenkräfte selber erst entwickeln soll, bevor er in der geistigen Welt forschen kann.
[ 16 ] [Da ist es] allerdings notwendig, eine gewisse intellektuelle Bescheidenheit zu entwickeln, die darin besteht, dass man sich sagt: Mit denjenigen Kräften, die ja so vorzüglich für die Sinneswelt geeignet sind wie diejenigen, die die moderne Naturwissenschaft anwendet, mit den Kräften lässt sich eben nicht in die geistige Welt hineinkommen. Der Mensch muss sein eigenes Übersinnliches erst erwecken, wenn er das Übersinnliche in der äußeren Umwelt, der er als geistig-seelisches Wesen ebenso angehört wie er der physischen Welt durch sein sinnliches Wesen angehört, wenn er diese geistig-seelische Wesenheit in der Umwelt erforschen will.
[ 17 ] Es ist gewiss nicht jedermanns Sache, meine sehr verehrten Anwesenden, ein Geistesforscher zu werden; allein, will man auch nicht ein Geistesforscher werden, deshalb geht es doch nicht, dass man sagt, das Geisteswissenschaftliche wäre müßig, weil es ein Gebiet eröffnete, in das ja doch nur derjenige, der in einem gewissen Sinne seine Seelenkräfte entwickelt, hineinschauen könne.
[ 18 ] Die moderne Menschheit nimmt auch nicht in ihrer Ganzheit etwa den Weg in die naturwissenschaftliche Methode selbst hinein; aber das moderne Leben ist durchsetzt von den Vorstellungen, welche wir durch Naturwissenschaft in dieses Leben hineintragen. Man findet einfach durch den gesunden Menschenverstand sich genötigt, dasjenige anzunehmen, dem Leben einzuverleiben, es anzuwenden auch sonst in Bezug auf die Verfassung des menschlichen Lebens, was von den Naturwissenschaften ausstrahlt. Geradeso wie der Forscher in den Laboratorien seine Versuche macht, die dann hinausgehen in die Welt, so wird es auch eine neue Geistesforschung geben können. Aber die allgemeine Menschheit will sich zu den Ergebnissen der Geistesforschung ebenso verhalten können, wie sie sich zu denen der Naturwissenschaft verhalten kann, ohne dass man den Vorwurf zu erheben braucht, da ist irgendetwas auf bloßen Glauben oder auf Autorität hin angenommen.
[ 19 ] Dasjenige nun, was als diese besondere innere, intime seelische Methode angegeben ist, das ist in geradliniger Fortentwicklung zu suchen von schon vorhandenen, im gewöhnlichen Leben, in der gewöhnlichen Wissenschaft schon vorhandenen menschlichen Seelenkräften. Man kommt, ich möchte sagen verstandesmäßig darauf, dass es so etwas geben muss, wenn man die eigentliche Erkenntnisbedeutung des modernen naturwissenschaftlichen Lebens sich vor die Seele führt.
[ 20 ] Ich bin gewiss kein Kantianer, meine sehr verehrten Anwesenden. Alles dasjenige, was sich mir aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ergibt, ist im Grunde genommen antikantisch. Aber auf einen Ausspruch Kants darf ich dennoch hier verweisen, denn dasjenige, das in diesem Ausspruche liegt, ist im Grunde genommen [verifiziert], bewahrheitet worden durch die ganze neuere wissenschaftliche Entwicklung, insofern diese ganze neuere wissenschaftliche Entwicklung sich wirklich bestrebt, Welterkenntnis zu sein, begreifbare Welterkenntnis zu sein. Es ist der Ausspruch Kants: In jeder Wissenschaft ist eigentlich nur so viel wirkliche Wissenschaft zu finden, als in ihr Mathematik vorhanden ist.
[ 21 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden — das ist etwas, was man Kant nicht bloß zu glauben braucht, sondern was man überall bewahrheitet sieht in der wissenschaftlichen Entwicklung der neueren Zeit, insbesondere in derjenigen Entwicklung, welche ja am überschaubarsten ist, welche am überschaubarsten zu einem Weltbilde den Menschen führt, in der physikalischen Wissenschaft. Man wendet das mathematische Denken an, man experimentiert, beobachtet da nicht bloß, sondern man durchdringt die Beobachtungen mit der Mathematik. Was bedeutet das eigentlich?
[ 22 ] Ja, es bedeutet, dass man erst dann das Gefühl hat, gewissermaßen intellektuelles Licht hineinzubringen in dasjenige, was man in der Außenwelt beobachten kann, wenn man die Beobachtungen [verifiziert hat] auf mathematische Art. Und wodurch ist das? Ja, das ist dadurch, dass man die mathematischen Erkenntnisse durch sich selber einsieht, dass man die mathematischen Erkenntnisse nicht durch äußere Beobachtung kennenlernt. Derjenige, der einmal in innerer Anschauung weiß, die drei Winkel eines Dreiecks sind 180°, wer sich das in eigener Anschauung zurechtlegen kann, in der gewöhnlichen euklidischen Geometrie, der weiß es. Er weiß es durch die eigene Anschauung klar, und wenn Millionen von Menschen ihm widersprechen würden, er weiß es. Er kann es durchaus bekräftigen für seine innere Anschauung als eine Wahrheit. Es ist also die innere Arbeit des Anschauens, durch die man zu den mathematischen Wahrheiten kommt, durch die man gewissermaßen innerlich die mathematischen Wahrheiten durchlebt. Und dadurch wird die äußere Beobachtung wissenschaftlich, dass man dieses innerlich Beobachtete in diese äußerlichen Beobachtungen hineinträgt, es mit ihnen verbindet.
[ 23 ] Gerade wenn man diesen ganzen Drang der modernen naturwissenschaftlichen Richtung in sich erlebt hat durch Mathematik, also durch eine innerlich klare, lichtvolle Verfolgung von gewissen Anschauungen zu wissenschaftlichen Wegen zu kommen, die auch das Erkenntnisbedürfnis des Menschen befriedigen, dann wird man weiter gedrängt. Und da ergibt sich ja dann etwas anderes. Es ergibt sich dann das andere, möchte ich sagen aus den Tiefen des Lebens heraus. Aus den Tiefen unserer Seele quellen da herauf alle möglichen Erkenntnisbedürfnisse gegenüber den großen Rätselfragen des Daseins.
[ 24 ] Zunächst ganz unbestimmt will der Mensch etwas wissen über dasjenige, was sein eigentlicher Wesenskern ist. Er will etwas wissen, oder wenigstens, man kann sagen, er setzt voraus, dass es etwas zu wissen gibt über dasjenige, was über Geburt und Tod hinaus liegt. Er setzt auch voraus, dass, wenn auch noch so dunkel sein Gang mit Bezug auf dasjenige ist, was er sein Schicksal nennt, es doch vielleicht einen Erkenntnisweg gibt, um die scheinbar so verworrenen Fäden des menschlichen Geschickes irgendwie erkennend zu durchblicken. Da wird der Mensch, gerade indem er solches aus der Seele Heraufquillendes erlebt, da wird der Mensch mehr und mehr, ich möchte sagen durch innerliche Seelenpraxis darauf aufmerksam werden, wie er veranlasst wird, wenn er gerade sein inneres Seelenleben, dieses in ihm befindliche Denken, Fühlen, Wollen, wenn er das in einer ähnlichen Weise durchsichtig betrachten will, wie es ihm bis zu einem gewissen Grade gelingt heute schon, mit mathematischen Vorstellungen die äußere Welt zu durchdringen. Und von dem — was man da erlebt als einen Erkenntnisantrieb, von dem der Geistesforscher ausgeht —, da kommt er darauf, dass man gewisse Seelenkräfte, die im gewöhnlichen Leben unbedingt zum gesunden Menschendasein nötig sind, dass man diese weiter ausbilden kann, als sie im gewöhnlichen Leben da sind.
[ 25 ] Nun, eine von diesen gewöhnlichen Seelenfähigkeiten, ohne deren normales Funktionieren wir nicht seelisch gesund sein können, ist die Erinnerungsfähigkeit. Meine sehr verehrten Anwesenden! Diese Erinnerungsfähigkeit, wir kennen sie ja alle; wir wissen aber auch, wie sie für ein gesundes, normales Seelenleben notwendig ist. Die pathologischen Fälle sind bekannt, wo der Erinnerungsfaden bis zu dem Punkte der Kindheit, bis zu dem wir uns höchstens zurückerinnern im Leben, unterbrochen ist, wo wir nicht zurückschauen in das Leben, das wir durchgemacht haben seit unserer Geburt. Wenn ein Mensch in dieser Weise seinen Erinnerungsfaden, seine Erinnerungsströmung unterbrochen hat, dann fühlt er sich innerlich gewissermaßen ausgehöhlt. Sein Seelenleben ist nicht gesund, und er kann sich auch nicht gesund in das äußere Leben, weder in das soziale Leben noch in das Naturleben, hineinfinden. Es ist also die Erinnerungsfähigkeit etwas, was sozusagen mit dem normalen Menschenleben unbedingt verwachsen ist. Die Erinnerung schließt sich an an dasjenige, was wir durch unsere Sinne erfahren, was wir überhaupt im Wechselverkehr mit der äußeren Welt durchmachen. Diese Erinnerung, wie stellt sie sich uns dar?
[ 26 ] Wir können sie ganz gut vor unsere Seele rufen in unserem Wesen, wenn wir dies durch ein Bild tun. Unser Leben liegt gewissermaßen in jedem Augenblicke zunächst wie ein unbestimmter Strom hinter uns. Aber so leben wir ja im Innern unserer Seele, dass aus diesem Zustand unbestimmte Ströme herauftauchen können, die Bilder der einzelnen Erlebnisse, dass wir durch mehr oder weniger willkürliche innere Handlungen diese Bilder heraufholen können, dass sie uns auch kommen unwillkürlich und dergleichen. Es ist, wie wenn ein Strom unseres Wesens da wäre und aus diesem Strome wie Wellen auftauchen könnten diese unsere Erinnerungsbilder.
[ 27 ] Derjenige der nicht vorurteilsvoll, sondern wirklich aus dem Geiste moderner Wissenschaft heraus denkt, der weiß, wie eng diese Erinnerungsfähigkeit verbunden ist mit der menschlichen Leiblichkeit, mit der physischen Natur des Menschen. Wir können da, wir brauchen da nur hinzuweisen auf dasjenige, was in dieser Beziehung Physiologie, Biologie angeben können, wie mit der Zerstörung irgendwie der Leiblichkeit verbunden ist die Erinnerungsfähigkeit. Und wir werden sehen, wie das alles darauf hinweist, dass ein wirklich innerlich gesunder Leib notwendig ist, damit der Mensch die Erinnerungsfähigkeit im gesunden Zustande habe.
[ 28 ] Diese Erinnerungsfähigkeit ist ja durchaus so, dass sie in der rechten Weise, möchte ich sagen die Lebhaftigkeit der äußeren Sinneswahrnehmungen, die wir erfahren in unserem Zusammenhange mit der äußeren Welt, dass sie diese Lebhaftigkeit der äußeren Sinneswahrnehmung in einer gewissen Weise [abblassen] muss. Wir dürfen nur in einem abgeblassten Zustande die Bilder der Erlebnisse wieder zurückrufen, und wir müssen diese Bilder so zurückrufen, dass wir mit unserem Willen in einer entsprechenden Weise bei diesem Zurückrufen beteiligt sein können. Blass und mit einer gewissen Willkür müssen diese Bilder in unserem inneren Seelenleben auftauchen. Und es ist ja hinlänglich bekannt, dass, wenn diese Erinnerungsbilder auftauchen mit einer bestimmten Lebendigkeit, Intensität, und wenn der menschliche Wille, wenn das Gefüge des Ich zurücktreten muss vor diesen Bildern, wenn der Mensch nicht fest in seinem Ich beharren kann gegenüber diesen Bildern, dann entstehen die krankhaften Seelenzustände, entstehen Halluzinationen, Visionen, entsteht alles dasjenige, wodurch der Mensch eigentlich tiefer in seinem Leibe ist, als er verbunden ist, wenn er im gewöhnlichen Wahrnehmungs- und Erinnerungsleben sich befindet.
[ 29 ] Das muss vorausgesetzt werden, damit man Geisteswissenschaft nicht missverstehe, namentlich nicht in Bezug auf ihre Methode, dass die Geisteswissenschaft sich ganz klar ist darüber, in dem Augenblicke, wo dasjenige eintritt, was man Vision, was man Halluzination nennt, was man selbst intensivere Bilder der Phantasie nennen kann, dass in dem Augenblicke der Mensch nicht etwa freier ist von seinem leiblichen Leben, sondern dass er durch irgendwelche pathologischen Zustände abhängiger ist von dem leiblichen Leben, als er ist im gewöhnlichen äußeren Dasein. Gegen den Glauben muss durchaus gekämpft werden, dass Geisteswissenschaft irgendetwas zu tun habe mit solchen pathologischen Zuständen der Seele. Im Gegenteil, schärfer als das äußere Leben betont sie, dass diejenigen ganz auf Irrwegen sind, die glauben, dass man in die geistige Welt hineinschauen kann, indem man sich solchen abnormen, aber nur durch die pathologischen Körperzustände bewirkten Seelenerscheinungen hingibt, wie etwa diejenigen sind, die im Mediumismus auftreten, die als Halluzination, als Vision und dergleichen auftreten.
[ 30 ] Mehr ist dasjenige, vielmehr — meine sehr verehrten Anwesenden — was der Geistesforscher als innere Verrichtungen der Seele vornimmt. Das wird gebracht in eine Seelenverfassung, die durchaus nachgebildet ist dem Vorgehen dieser Seele, wenn sie sich dem mathematischen Denken hingibt. Ebenso wie das mathematische Denken ganz durchzogen ist von dem Ich, das sich fortwährend selber in der Hand hat. Und wie jeder Übergang so gemacht wird, dass man gewissermaßen überall drinnen ist und weiß, wie das eine in das andere übergeht, ebenso muss in solcher Seelenverfassung dasjenige verlaufen, was der Geistesforscher als seine Methode im inneren Seelenleben durchmacht. Indem er von der Erinnerungsfähigkeit ausgeht, greift er auf die wichtigste Eigenschaft dieser Erinnerungsfähigkeit. Sie besteht darinnen, dass die Erinnerung dasjenige, das wir sonst nur im Augenblicke erleben, dauerhaft macht. Dauerhaft bleibt uns für unser Leben dasjenige, was wir im Augenblicke erlebt haben. Aber wodurch bleibt es für uns dauerhaft?
[ 31 ] Wenn man das nimmt, was ich schon gesagt habe, die Abhängigkeit des menschlichen normalen Seelenlebens von der Leiblichkeit, so muss man sich sagen, dass wir die Erinnerung normal unterhalten, wenn es beruht darauf, dass uns unser Leib zu dieser Erinnerungsfähigkeit verhilft. Es beruht darauf, dass wir nicht in der bloßen Seele zu arbeiten haben, wenn wir uns erinnern wollen. Wir wissen ja, dass in die unbestimmten Untiefen des Leibeslebens hinuntertaucht dasjenige, was später als Erinnerung heraufkommt. Und wiederum kommt es auch herauf aus unbestimmten Untergründen des Lebens. Die übergeben gewissermaßen unserem Leibesleben dasjenige, was in uns bewirkt wird durch die Sinneseindrücke und durch die verstandesmäßige Verarbeitung derselben auch. Wir holen es dann wiederum herauf, indem wir dasjenige, das leiblich erlebt wird in der Zeit zwischen dem leiblichen Leben und der Erinnerung, indem wir das wiederum in die Vorstellung heraufheben. Wir entlehnen also unsere Vorstellungen, indem sie Erinnerungsvorstellungen werden, dem klaren Wahrnehmen, dem wir uns hingeben im mathematischen Denken.
[ 32 ] Der Geistesforscher knüpft dennoch an gerade an dieses Dauern der Vorstellungen in der Erinnerung. Und das führt ihn dann zu dem, was ich in meinen Schriften, vor allen Dingen in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss» die sachgemäße Meditation genannt habe. Da zeigt es sich, ich habe es ja schon öfter charakterisiert, und Sie finden es genauer besprochen in den genannten Büchern. Da setzt man ein durchaus individuell Vorstellungsmäßiges oder einen individuellen Vorstellungskomplex in sein Bewusstsein herein und übergibt — sagte ich — damit nicht irgendwelche Reminiszenzen, [die] aus dem Unterbewusstsein herauftauchen nun in das, was man nur aus dem menschlichen Willen heraus tun soll, wie man das mathematische Verbinden und Analysieren aus dem menschlichen Willen heraus tut. Man stellt also gewisse Vorstellungen, die man sich raten lässt oder sonst irgendwie bekommt, längere Zeit in den Mittelpunkt seines Bewusstseins — und bei demselben völlig klaren, mathematisch klaren Tagesbewusstsein —, solche Vorstellungen, sodass man gewissermaßen die Tätigkeit ausübt, seelisch ausübt: zu ruhen auf Vorstellungen, wie sonst nur bewirkt werden kann durch die Hilfe, die uns dabei die Leiblichkeit leistet.
[ 33 ] Und dann sieht man, dass allerdings dieses Ruhen auf gewissen Vorstellungen einen Erfolg hat. Dann sieht man, dass man ja gewahr wird, wie im Innern unserer Seele Kräfte ruhen, die nichts zu tun haben mit der Leiblichkeit, durchaus nicht hinführen in das Gebiet der Halluzination oder des Visionären, die durchaus in dem Gebiete stehen bleiben, in dem sich die Seele bewegt, wenn sie Mathematik entwickelt. Aber es ist eben auch ein inneres Entwickeln von Vorstellungen, es ist ein seelisches Erleben von Vorstellungen. Es brauchen ja nur andere Vorstellungen, als die mathematischen sind, in den Mittelpunkt des seelischen Lebens gerückt zu werden, dann entwickelt sich auch eine andere Fähigkeit als die mathematisierende.
[ 34 ] Und man darf sich nicht vorstellen, dass das etwa besonders leicht und bequem ist. Jahrelang müssen solche Übungen fortgesetzt werden von demjenigen, der ein wirklicher Geistesforscher werden will. Aber dann stellt sich eben auch heraus, wie in der Seele Kräfte vorher latent waren, verborgen waren, die nun hervorgeholt werden. Er fühlt sich dann im Besitze von gewissen Kräften. Vor allen Dingen: Es tritt zu dem Anschauungsvermögen, zu dem sinnlichen und verstandesmäßigen Anschauungsvermögen, das er vorher gehabt hat, ein anschauendes, ein geistig-seelisch anschauendes Vermögen der Seele hinzu. Es wird der Mensch fähig, aus seinem Inneren heraus gewissermaßen dasjenige real zu entwickeln, das Goethe mehr symbolisch «Geistesauge», «Geistesohr» genannt hat. Der Mensch wird fähig, anders zu sehen, als er vorher gesehen hat, und vor allen Dingen stellt sich zunächst ein, dass er sein eigenes Seelenleben anders sieht.
[ 35 ] Ich habe ja darauf aufmerksam gemacht, dass wir dieses Seelenleben, insoferne wir es durchlebt haben seit der Geburt in einem zunächst wie unbestimmten Strom, den wir eigentlich nur ganz unbestimmt im Auge haben und aus dem dann die Erinnerungsvorstellungen herauftauchen. Man muss aber dazu noch sagen: Dieser Strom sind wir eigentlich selber. Man versuche nur einmal, das «Erkenne dich selbst» recht anzuwenden. Man wird sehen, dass man im gewöhnlichen Leben eigentlich nichts anderes ist als dieser Strom, dieser Strom, der so unbestimmt ist, aus dem aber alles Mögliche, was wir erlebt haben, immer wieder auftauchen kann. Man ist das Selbst. Man hört aber in einer gewissen Weise auf, dieses Selbst zu sein, wenn man in der Weise meditiert, wie ich das eben angedeutet habe. Meditation nannte ich eben dieses Ruhen auf bestimmten Vorstellungen, wobei in der Anwendung doch dazu notwendig ist, die vorher verborgenen Seelenkräfte im Innern des Menschen zu entwickeln. Und der erste Erfolg davon ist der, dass uns tatsächlich das, in dem wir sonst immer drinnenstehen, das wir sonst eigentlich immer sind, der Zusammenhang unserer Erinnerungen — denn sonst sind wir im gewöhnlichen Bewusstseinszustande im Grunde genommen nichts als der Strom unserer Erinnerungen —, dass der für uns objektiver, dass der für uns etwas Äußeres wird, dass wir auf es hinschauen lernen.
[ 36 ] Dass wir uns also in voller mathematischer Klarheit aus ihm herausgehoben haben, und dass wir auf ihn hinschauen. Das ist das erste Erlebnis, das wir haben. In einem gewissen Momente unseres Bewusstseins kommt es als Ergebnis des Meditierens zustande, dass wir wie ein Erinnerungstableau unser Leben in einer gewissen Weise doch wenigstens bis nahezu zur Geburt zurück wie ein einheitliches Ganzes, wie eine Totalität, wie ein Panorama vor uns haben. Allerdings nicht gerade das, was wir vor uns haben wie Erinnerungsvorstellungen, aber dasjenige, was wir vor uns haben, ist eigentlich unser Inneres, insofern wir erleben, was das Dasein aus uns gemacht hat, wie in einer Ganzheit. Ich möchte sagen, der ganze Strom, der wir sonst selber sind, der liegt vor uns. Wir haben uns herausgehoben aus diesem Strome.
[ 37 ] Das ist das erste Erlebnis, das wir in uns erleben in der Zeit, in der Dauer überblicken, dass wir tatsächlich durch praktische innere Seelenvornahme nicht bloß im Augenblicke verharren, sondern dass wir das Leben als solches überblicken.
[ 38 ] Wir lernen aber dadurch noch etwas anderes. Dadurch, dass wir unser Seelenleben in einer solchen Weise objektiv machen, lernen wir uns aufzuklären über Vorgänge, die wir eigentlich jeden Tag durchmachen, die wir auch äußerlich beobachten, die wir aber durchaus von innen heraus im alltäglichen Leben nicht beobachten können. Das ist der Vorgang des Einschlafens, der Vorgang des Aufwachens im gewöhnlichen Leben. Man würde ja wirklich sich einem herben Widerspruche hingeben, wenn man glauben wollte, dass dasjenige, was der Seeleninhalt ist, bei jedem Einschlafen hinstirbt, und bei jedem Aufwachen wieder entsteht. Dieser Seeleninhalt ist da vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber da der Mensch im gewöhnlichen Leben sein Bewusstsein nur durch das Zusammenspiel seiner Seele mit dem Leibe haben kann, im Schlafzustande aber das Seelische aus dem Leibe sich herausgelöst hat, so kann der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen innerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins nichts von sich wissen.
[ 39 ] Aber indem man zu einer solchen Erkenntnis aufgestiegen ist, wie ich es eben charakterisiert habe, indem man sein Leben als Dauer neben sich hat, kann man sich auch aufklären über den Vorgang des Einschlafens und Aufwachens. Denn der Mensch ist, indem er sich aus seinem gewöhnlichen Erlebnis herausbegibt, indem er sich anschauen lernt, ist er ja in demselben Zustande — das lernt er erkennen, dass er in demselben Zustande ist, aus der unmittelbaren Erfahrung lernt er das erkennen, dass er in dem Zustande ist —, in dem er sonst ist, unbewusst, wenn er zwischen Einschlafen und Aufwachen ist. Dadurch lernt man den Vorgang des Einschlafens und Aufwachens erkennen. Dadurch lernt man erkennen, dass man weiß: Nun hast du dich versetzt in einen Zustand, wo du dein Leben überschaust. Das ist aber nur ein kurz dauernder Erkenntniszustand. Dann gehst du wieder in das gewöhnliche Leben zurück. Du hast also den Zustand der Seele außerhalb des gewöhnlichen Erlebens und des gewöhnlichen Zustandes, in dem du sonst bist, wo du innerhalb deiner Erlebnisse stehst. Dieses Wiederhereingehen in den Zustand des gewöhnlichen Lebens, das ist ganz genau gleich mit dem Aufwachen. Und [das] Aus-sich-Herausbegeben, das lernt man erkennen durch die unmittelbare Anschauung; das Herausgehen und Objektivmachen des Lebens, das ist ganz genau gleich, innerlich angeschaut, mit dem Einschlafen. Man lernt also diese zwei Vorgänge innerlich anschauen. Dadurch bekommt man aber die Elemente, um noch etwas anderes anzuschauen.
[ 40 ] Allerdings muss ja dann hinzukommen noch eine gewisse Erweiterung desjenigen, was ich genannt habe. Ich habe gesagt, ich kann heute bloß darauf hinweisen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie der Geistesforscher gewisse Vorstellungen in den Mittelpunkt seines Bewusstseins rückt. Er muss aber eigentlich ganz besonderen Wert darauf legen, nicht bloß auf solchen Vorstellungen mit dem Bewusstsein ruhen zu können, sondern er muss auch seine Willkür — und das muss durch ganz andere Übungen wiederum geschehen, sie können darüber nachlesen in den genannten Büchern — er muss dazu kommen, diese Vorstellungen wiederum ganz durch Willkür zu unterdrücken, sie zu umfassen mit dem Bewusstsein. Er muss so innerlich Herr werden — wenn ich mich des Ausdrucks immer wieder bedienen darf — über diese Vorstellungen, die im Wesentlichen wie Bilder sind, angeschaute Bilder sind, farbige, angeschaute Bilder sind. Die Menschen mögen noch so lachen über dasjenige, was Goethe genannt hat und was ich auch in meiner «Theosophie» beschrieben habe als das «Bildanschauen in der Imagination», was Goethe genannt hat «sinnlich-übersinnliches Schauen». Wie gesprochen werden kann von einem farbigen Anschauen, geradeso von einem farbigen Anschauen wie gegenüber der Außenwelt gesprochen werden kann von einem farbigen Anschauen, so von einem farbigen Anschauen der inneren Bilder. Es entsteht dadurch, dass irgendetwas objektiv wird. Und das Seelenleben wird objektiv, wie ich es beschrieben habe, durch die Meditation.
[ 41 ] Aber der Mensch muss auch fähig sein, das alles wiederum wegzuschaffen. Das ist er, wie Sie wissen, bei pathologischem Seelenzustande nicht. Mit mathematischer Klarheit muss sich der Mensch bewegen in diesem Heraufbringen der Vorstellungen und in diesem Wiederwegschaffen der Vorstellungen. Dadurch, dass der Mensch in dieser Weise gewissermaßen hin- und herschwingt in seinem Bewusstsein zwischen Vorstellungen, die er aus seiner Willkür heraus [für eine bestimmte Dauer] in sein Bewusstsein rückt, indem er sie wieder wegschafft, da übt er sich eine Art Systole und Diastole, eine Art Ausatmen und Einatmen. Das geistig-seelisch, innere Bewegliche kommt da über den Menschen.
[ 42 ] Es ist dies — meine sehr verehrten Anwesenden — jene Methode, in die geistigen Welten zu kommen, die durchaus unserem Zeitalter angemessen ist. Angemessen ist es, mit Bewusstsein einzutreten in die geistigen Welten. Während in alten Zeiten, in denen man instinktiv in die geistigen Welten, insbesondere durch die orientalische Methode, eingetaucht ist, man geradezu ins Bewusstsein heraufzuheben versuchte den Atmungsvorgang, also auch eine innere Tätigkeit auszuüben versuchte, indem man den Atmungsvorgang innerlich zu überschauen strebte, und im Atmungsvorgang dann dasjenige zu erschauen strebte, was als das innere Wesen des Menschen vorhanden ist. Dieser Vorgang führt nicht in einer angemessenen Weise in der jetzigen Zeit den Menschen in die geistige Welt. Diejenigen, die ihn wieder hervorholen wollen, alte Einrichtungen wieder hervorholen wollen, die handeln eigentlich gegen die Entwicklung der Menschheit. Heute ist es der Menschheit angemessen, diese Methode des physischen Atmens zu ersetzen durch eine andere Systole und Diastole — durch dasjenige, was ich eben charakterisiert habe als ein aus dem Willen heraus bewirktes Hinsetzen der Vorstellungen und wieder willkürlich Herausholen dieser Vorstellungen aus dem Bewusstsein.
[ 43 ] Dadurch, dass der Mensch auf der einen Seite, indem er zur Imagination kommt, und dadurch beschreibt den umgekehrten Weg — und dadurch, dass er immer weiter und weiter rückt dasjenige, was ich hier beschrieben habe als ein bewusstes Hin- und Her-Oszillieren im meditativen Leben —, dadurch lernt der Mensch dann erkennen, wie man erweitert dasjenige, was man elementar begreift im Ein- und Ausatmen. Und man lernt das als einen Seelenvorgang kennen, der im Wesentlichen beruht auf einer Art begierdenhaften Sich-Hinsehnens nach dem Leibe, nachdem man eine Zeit lang außer dem Leibe war. Und man lernt erkennen, was man seelisch mit dem Leibe von der Geburt bis zum Tode erlebt, wie das die Seele in den inneren Zustand bringt, in dem man sich genötigt sieht, sich wieder eine Zeit lang einer [Antipathie] gegenüber dem Leben hinzugeben.
[ 44 ] Man erweitert dann diese Vorstellungen, aber nicht durch philosophische Spekulation, sondern indem man sein inneres Erkenntnisvermögen erweitert. Und dadurch gelangt man dazu — geradeso wie sonst von einer einfacheren Gattung zu einer komplizierteren Gattung vorgeschritten wird —, kommt man dazu, aus dem Begreifen des [Aufwachens], aus dem innerlichen anschauenden Begreifen des [Aufwachens], den komplizierten Vorgang innerlich anzuschauen, der vorliegt, wenn das Dauernde des Menschen durch Geburt oder Empfängnis aus der geistigen Welt in den physischen Leib einzieht, wenn es die größere Begierde entwickelt, nicht nur in den vorhandenen Leib zurückzukehren wie beim Aufwachen, sondern in einen neuen Leib sich hineinzuverkörpern, indem es eine Zeit lang in der geistigen Welt sich aufgehalten hat, sich nun wieder verkörpert hat.
[ 45 ] Und man lernt erkennen aus dem Einschlafen, indem man in einer Verkörperung den Moment des Sterbens kennenlernt, man lernt erkennen: Durch die Pforte des Todes hindurch geht die den Lebenslauf des Menschen überdauernde Seele, um in der geistigen Welt weiterzuleben. Man lernt nicht durch eine logische oder elementare Kraft etwa, sondern vom Einschlafen und Aufwachen die Vorgänge Geborenwerden und Sterben oder in der Natur diese Vorgänge kennen, sondern indem man immer mehr eben mit mathematischer Klarheit von Element zu Element des inneren Erlebens geht.
[ 46 ] Dadurch aber — meine sehr verehrten Anwesenden — kommt man in das zweite Stadium eines höheren Bewusstseins, das ich — bitte, stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck, es ist nur eine Terminologie, deren man sich bedienen muss — immer genannt habe Ins[piration] — durch die man auf das Dauernde im gewöhnlichen physischen Leben zurückschaut wie auf ein fortfließendes Panorama. Man kommt dazu, nun wirklich durch inneres Anschauen, durch eine geistige Wissenschaftlichkeit das Ewige im Menschen zu begreifen. Und es ist möglich, dieses Ewige im Menschen zu begreifen. Es ist möglich, dass der Mensch seinen Zusammenhang mit dem Übersinnlich-Ewigen ebenso erkennt, wenn er das Übersinnliche in sich erweckt, wie der Mensch seinen Zusammenhang mit der Sinnenwelt erkennt, wenn er das Bewusstsein dafür in sich erweckt, durch welches der Mensch seinen Zusammenhang schaut in der physischen Welt.
[ 47 ] Diese Dinge, sie rücken sich allerdings in das gegenwärtige Bewusstsein so herein — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie sich einmal hereingerückt haben, widersprechend gegenüber allem Früheren, die kopernikanische Weltanschauung oder Ähnliches. Aber wenn auch dasjenige, was ich nun angeführt habe, so vielen Menschen heute durchaus noch paradox erscheint, man darf sich da ja erinnern, dass auch die kopernikanische Weltanschauung den Menschen in der Zeit, in der sie aufgetreten ist, durchaus paradox erschienen ist.
[ 48 ] Und dann — meine sehr verehrten Anwesenden — lernt man aber auch, wie man eine andere menschliche Seelenkraft entwickelt, die des Erinnerungsvermögens, die ja in einer Weise ausgebildet ist, wie ich es eben beschrieben habe. Man lernt nicht nur diese erkennen, sondern eine andere menschliche Seelenkraft, die nun auch durchaus hineinführt in das gewöhnliche normale Leben, nur, ich möchte sagen hineinführt, trotzdem ihr Ursprung ein physischer ist, in einer mehr moralischen Art in das höhere Leben. Man lernt erkennen, wie diese Seelenkraft einer anderen Entwicklung fähig ist, als derjenigen, die sie im gewöhnlichen Leben hat. Man lernt erkennen, wie die Liebe Erkenntniskraft werden kann.
[ 49 ] Ich weiß es wohl zu würdigen — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie Widerspruch sich erheben muss aus der heutigen Weltanschauung heraus, wenn man sagt: Die Liebe wird zu einer Erkenntniskraft gemacht werden. Sie wird ja als das Subjektive angesehen, als dasjenige, was gerade von aller Wissenschaftlichkeit ausgeschlossen werden muss. Dennoch aber, derjenige, der solches in der Seele erlebt, wie ich es Ihnen geschildert habe, indem er sich zum Geistesforscher hin entwickelt, der weiß, was sich im gewöhnlichen Leben als Liebe entwickelt, eine mit dem Menschlichen zusammenhängende menschliche Fähigkeit ist, die nun nicht bloß vom Menschen erlebt werden kann, wenn er irgendeinem geliebten äußeren Gegenstande gegenübersteht, sondern die auch innerlich vom Menschen als allgemeines menschliches Charakteristikon erlebt werden kann. Da kann sie erhöht werden seelisch, und sie kann, möchte ich sagen ganz intim, [seelisch] erhöht werden, indem man dasjenige ausbildet, was man im gewöhnlichen Leben ja auch wiederum anwendet. Gerade wenn wir die Erinnerungsfähigkeit, die Konzentration auf irgendeinen einzelnen Bewusstseinsinhalt, irgendeinen Gegenstand ausdehnen, so wie man früher immer wieder und wieder Vorstellungen willkürlich in die Dauer erhoben hat, [indem in der Konzentration der Gegenstand herausgehoben wird, zunächst willkürlich], dadurch, dass man mit der äußeren Welt in einer gewissen Wechselwirkung steht. Indem wir unseren Willen in das Konzentrieren hineinentwickeln, dadurch lernen wir erkennen, wie man dasjenige, was sonst wiederum durch das Körperliche des Menschen als Liebe sich darlebt, seelisch ergriffen werden kann, wie das seelisch losgelöst werden kann von der Leiblichkeit, geradeso wie bei der früher charakterisierten Fähigkeit.
[ 50 ] Dadurch aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, indem man so erkennenlernt, wie der Mensch innerlich als liebendes Wesen konstituiert ist, was ja sonst nur sich entzündet im Wechselverkehr mit äußeren Wesen, indem man diese inneren Eigenschaften, diese innere Impulsivität des Menschen ins Seelische heraufhebt — die einzelnen Übungen dazu, Sie können sie wiederum in den genannten Büchern finden —, dadurch gelangt man dazu, das, was ich früher charakterisiert habe, dieses Geborenwerden und Sterben als körperliches Aufwachen und Einschlafen, dieses nicht nur innerlich anzuschauen, sondern innerlich auch zu durchschauen. Dadurch aber wird das menschliche Leben in einen ganz anderen Sinneskreis gerückt.
[ 51 ] Sehen wir uns doch einmal dieses menschliche Leben, wie es uns schicksalsgemäß berührt, an. Wir stehen diesem menschlichen Leben gegenüber, begegnen Hunderten und Hunderten von Menschen. An einem Orte, an den das Leben uns gebracht hat, entzündet sich zu diesem oder jenem Wesen das oder jenes, das uns in einen bedeutsamen Schicksalszusammenhang für uns hineinbringt. Derjenige, der nur mit dem gewöhnlichen Bewusstsein das Leben ansicht, redet da von Zufall, redet von demjenigen, dass ihm eben aus den unerklärlichen Untergründen des Lebens zugefallen ist. Der aber, der die Seelenkräfte, die sonst verborgen sind, bis zu dem Grade, in dem ich es bisher charakterisiert habe, aus seiner Seele herausgeholt hat, der sieht allerdings, wie in den unterbewussten Tiefen, nicht von Vorstellungen durchhellt für das gewöhnliche Bewusstsein, aber in unterbewussten Tiefen im Menschen ruht dasjenige, was der Begierde verwandt ist, was einen treibt im Leben.
[ 52 ] Wenn man durchschaut, nachdem man sich vorbereitet hat, zu überschauen sein Leben wie ein Panorama, nachdem man gewahr geworden ist das Dauernde, das Ewige, das durch Geburt und Tod geht, wenn man die Fähigkeiten entwickelt hat, die nach diesem schauen können, dann — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann wenden sich diese Fähigkeiten, wenn sie noch durchwärmt sind von einer besonderen Ausbildung der Liebefähigkeit, dann entwickeln sich Fähigkeiten im Leben so, dass wir lernen, wie wir allerdings merkwürdigerweise unser Leben gestaltet haben, um es — sagen wir — im einzelnen Falle, bis zu dem Punkte hinzubringen, an dem uns dieser oder jener Schicksalsschlag getroffen hat.
[ 53 ] Wir lernen erkennen in Bezug auf dasjenige, was sonst in unterbewussten Untergründen liegt, wie das Leben einen Zusammenhang hat. Und von da aus geht wiederum die Erkenntnis, wie dasjenige, was nun zugrunde liegt diesem Schicksalszusammenhang des Lebens, hinweist auf die wiederholten Erdenleben. Wie dasjenige, was wir verfolgen können mit den entwickelten Seelenkräften, einen im Gange unseres Schicksals, durchwärmt von der Erkenntniskraft der Liebefähigkeit, wie das uns das Bewusstsein bringt, dass wir durch viele Erdenleben gegangen sind und noch durch viele Erdenleben gehen werden. Und dass zwischen den Erdenleben immer Aufenthalte in der rein geistig-seelischen Welt liegen, in denen sich in der Seele eben dasjenige abspielt, was aus den früheren Erdenleben heraus das Vorstellungsmäßige ist, dasjenige, das wir vor allen Dingen in das Denken also heraufgehoben haben, wie sich das umsetzt in eine innere Seelenmetamorphose, in Begierde, die dann hindrängt zu einem neuen Erdenleben. Dieses neue Erdenleben wird so gestaltet. Es wird dasjenige, was der schicksalsmäßige Zusammenhang des Lebens ist, durchsichtig.
[ 54 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich konnte nur in einer skizzenhaften Weise darstellen, zu welchen Ergebnissen die Geisteswissenschaft, die auf wissenschaftlicher Erziehung fußt, diese wissenschaftliche Erziehung aber weiterbildet, zu welchem Ergebnis diese Geisteswissenschaft kommt. Dass diese Geisteswissenschaft nun nicht eine Theorie ist, nicht eine Summe von bloßen Gedanken und Vorstellungen ist, das geht einem hervor, wenn man ihren Wert für das menschliche Leben ins Auge fasst. Da muss man aber zu gleicher Zeit hinweisen auf dasjenige, was insbesondere für den Menschen der Gegenwart und der nächsten Zukunft und für die Menschheit mancherlei Zeiten diese Geisteswissenschaft sein kann.
[ 55 ] Es ist sehr merkwürdig, wie gerade der Kritiker, von dem ich Ihnen früher gesprochen habe, der nur aus dem Bewusstsein der Gegenwart heraus spricht und die Geisteswissenschaft in Grund und Boden kritisiert, trotzdem er ihr den Wert, von dem ich Ihnen vorhin gesprochen habe, zuerkennt, wie dieser Mann von der Bewertung des Lebens spricht. Dieser Mann ist vollgefüllt mit dem, was er sich als Wissenschaftlichkeit der Gegenwart vorstellt. Indem er die Geisteswissenschaft bewerten will, er hat sie kaum kennengelernt, hat alles gelesen, was öffentlich erschienen ist, das führt er an. Aber dann kann er die folgende Frage stellen:
Was soll all das Reden vom Gottesdienst [des Erkennens, von Lebensrätseln und ihren Lösungen, was soll aller Aufschwung, wenn trotz allem Aufschwung in Urweltgründe und Urweltfernen, wenn der Theosoph]
[ 56 ] — wie gesagt, er meint Anthroposophen —
[nicht zu sagen vermag], warum es besser ist, ein Ich, als ein Nicht-Ich zu sein.
[ 57 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, man stelle sich vor, dass ein Mensch dasteht, der konstatiert: Was soll alles das Reden von geistigen Welten, wenn man doch nicht dazu kommen kann, zu wissen warum es besser ist, «ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein»? Die Antwort auf diese Frage lässt sich allerdings nicht theoretisch geben. Und diejenige Wissenschaft, von der der Mann spricht, kann eigentlich nur Theoretiker befriedigen. Diejenige Wissenschaft, von der der Mann spricht, wie stellt sie sich im Grunde genommen doch zu allem? Wie gesagt, es soll gerade von Geisteswissenschaft aus der volle Wert, den für die äußere Sinnenpraxis die moderne naturwissenschaftliche Methode hat, ganz anerkannt werden. Es wäre gewiss töricht, nicht anzuerkennen, was die Röntgenmethode, was die Mikroskopie, was das Teleskop und zahlreiche andere [Methoden und Instrumente] in der neueren Zeit für die Erkenntnis der äußeren Sinneswelt geleistet haben. Und es wäre töricht, vor allen Dingen aber dilettantisch, wollte man nicht einsehen, was naturwissenschaftlich gewissenhafte Methoden für die Disziplinierung des menschlichen Erkenntnisvermögens sind. Aber alles dasjenige, was da im äußeren Experimentieren wirkt, was im äußeren Beobachten und im mathematischen Verarbeiten der äußeren Beobachtungen wirkt, es ist im Grunde genommen doch nur etwas, was auf den menschlichen Intellekt wirkt. Und so paradox es klingt, derjenige, der diese Dinge nicht, ich möchte sagen bloß berufsmäßig, sondern lebensmäßig durchmacht, der kommt darauf, sich zu sagen: Was kann dir die gewöhnliche naturwissenschaftliche Methode, wenn sie ein Weltbild entwickelt, so für das Menschenleben geben? Man sieht es an solchen Ergebnissen. Die Leute mit solcher Methode fragen dann: Warum ist es wertvoller, «ein Ich, als ein Nicht-Ich zu sein»? Warum lebt man nicht als ein unbewusstes [Atom] im Weltenall? Warum lebt man als ein bewusstes Ich?
[ 58 ] Geisteswissenschaft muss eben, indem sie tiefer hineinblickt, sagen: Was ist es, was zum Leben dir gibt diejenige Wissenschaft, die allerdings zu so großen Triumphen es gebracht hat im Grunde genommen für das innere SeelenMenschenleben? Gibt diese Wissenschaft nicht mehr als das Wissen von den Verdauungsvorgängen, von dem Nahrungsgehalt der Lebensmittel für den Hunger gibt? Sie gibt das Intellektuelle, sie gibt dasjenige, was beschreibbarist. Sie gibt allerdings auch Hinweise, wie dasjenige, was instinktiv gemacht wird, in einer gewissen Weise rationell gemacht werden kann. Aber die Wissenschaft als solche, sie kann zwar sagen, wie der Hunger gestillt werden soll, was in den Nahrungsmitteln ist, die den Hunger stillen. Aber sie könnte mit ihren Beschreibungen niemals den Hunger stillen selber.
[ 59 ] Wir müssen uns das allerdings aus dem Physischen ins Geistig-Seelische übersetzen. Und da muss allerdings gesagt werden: Dasjenige, was als geisteswissenschaftliches Ergebnis da ist, wenn es auch zunächst selbstverständlich in Ideen, in Vorstellungen gegeben werden muss — wer sich hineinlebt in diese Vorstellungen, wer sich hineinlebt in dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen vermag aus den geistigen Welten heraus —, wer sich überhaupt hineinlebt, indem er erkennenlernt das Dauernde im physischen Menschenleben, das Ewige, die wiederholten Erdenleben, den schicksalsmäßigen Zusammenhang und damit auch ein solches Weltenbild im Zusammenhang wie es dargestellt ist in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss», in geisteswissenschaftlicher Art, wer sich in das alles hineinlebt, der bringt nicht Vorstellungen zutage, die bloß irgendetwas beschreiben vom Menschen, wie die verschiedenen wissenschaftlichen Vorstellungen tun. Sondern er bringt wirkliche Vorstellungen zustande, die dann, wenn sie erlebt werden, die Macht haben, auf den ganzen Menschen zu wirken, die Gefühle und Willensimpulse dieses ganzen Menschen zu ergreifen und gewissermaßen einfach seelische Nahrung sind, geistigseelische Nahrung — es ist nicht bloß von der Sache gesprochen — und die daher auch ins Geistig-Seelische hineinwirken. Sodass das Ich gar nicht theoretisch sich die Frage zu beantworten hätte, warum es besser wäre, «ein Ich als ein Nicht-Ich zu sein», sondern fühlt, indem es sich hingibt dem, was mit aller Wärme, mit allem Lichte des Geistigen herausstrahlt aus dieser Geisteswissenschaft, bekommt es nicht die Möglichkeit, bloß eine Beschreibung von außen zu geben, sondern es lebt in dem Begriff das Wesen der Sache selber. Die Begriffe sind nur die Träger der Sache selber.
[ 60 ] Das ist das Eigentümliche, das gar nicht gesehen wird in der geisteswissenschaftlichen Literatur, dass da anders gesprochen wird, nicht Worte gesprochen werden über etwas bloß, sondern dass die Worte drinnenstecken im realen Erleben, die Träger sind des lebendigen Erlebens. Und dass allerdings derjenige, der durchaus zuhört, wenn er einen Sinn dafür hat, in den Worten doch alles das zu empfinden, dass er nicht bloß Beschreibungen von geistig-seelischen Vorgängen bekommt, sondern diese geistig-seelischen Vorgänge selber.
[ 61 ] Das — meine sehr verehrten Anwesenden — zeigt uns, dass allerdings diese Geisteswissenschaft etwas sein kann für das unmittelbare praktische Leben. Und sie hat ja auch auf den verschiedensten Gebieten — ich habe im Anfange davon gesprochen — schon sich praktische Betätigung zu verschaffen versucht, sie hat das auch getan auf einem besonders wichtigen Gebiete. Wir haben — meine sehr verehrten Anwesenden — in Stuttgart die Freie Waldorfschule gegründet. Sie ist begründet ganz im Sinne derjenigen Schulen, die einstmals da sein werden, wenn die Dreigliederung des sozialen Organismus — wie ich sie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» beschrieben habe, wie ich sie auch hier schon vorgebracht habe, wiederholt in Bern vorgebracht habe —, zur Tatsache werden wird.
[ 62 ] Diese Freie Waldorfschule ist eine wirkliche, freie Schule. Das heißt, sie steht — es ist das nur durch die württembergischen Schulgesetze, die an dieser Stelle ein «Loch» haben möglich geworden —, sie steht unter der bloßen Verwaltung ihres Lehrerkollegiums im Leben drinnen. Die Lehrer sind absolut als Lehrkörper, als Lehrergesamtheit, souverän. Dasjenige, was in der Schule vorgeht, wird verwaltet von den Lehrern. Und die Verwaltung der Schule selber, sie ist geradeso eine Folge der pädagogisch-didaktischen Impulse, wie dasjenige, was man lehrt, eine Folge der pädagogisch-didaktischen Impulse ist.
[ 63 ] Es ist natürlich nicht mehr die Zeit, Ihnen im Einzelnen dasjenige zu schildern, was die Prinzipien dieser Waldorfschule sind. Da wurde versucht — nur das will ich sagen —, nicht etwa eine Weltanschauungsschule zu begründen. Es lehren dort die katholischen Pfarrer katholischen Religionsunterricht, es lehren die evangelischen Pfarrer evangelischen Religionsunterricht. Diejenigen Kinder, die durch ihren eigenen oder durch den Willen ihrer Eltern eine solche Religion nicht haben, werden in einem freien Religionsunterricht unterwiesen. Aber es ist durchaus nicht darauf abgesehen, irgendeine Weltanschauungsschule den Kindern aufzudrängen. Weltanschauungsschule ist die Waldorfschule nicht! Dasjenige, was drinnen walten soll aus den Wurzeln der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus, das ist lediglich die pädagogisch-didaktische Kunst, die Art und Weise, wie man unterrichtet. Anthroposophie will nicht sein eine Theorie, Anthroposophie will übergehen in die praktische Handhabung des Lebens. Sie hat sich in dieser Weise doch schon, obwohl man natürlich nach einem Jahre noch nichts Besonderes sagen kann, bewährt und besonders gerade an der pädagogisch-didaktischen Kunst der Waldorfschule.
[ 64 ] Da möchte ich Ihnen nur eines erwähnen vom Schlusse des vorigen Schuljahres an und vom Anfang dieses Schuljahres an. Da haben wir gesehen am Ende des vorigen Schuljahres, wie es auf die Kinder wirkt, wenn man ihnen solche Zeugnisse gibt, wie wir sie ihnen gegeben haben in der Waldorfschule, die von Emil Molt in Stuttgart gegründet ist, die von mir eingerichtet ist. In der Waldorfschule sind zuweilen auch Klassen, in denen fünfzig, sogar im Einzelnen über fünfzig Kinder sitzen im vorigen Schuljahr. Dennoch war es möglich, von dem abzugehen, wie es sonst in der Beurteilung der Schüler es durch die Lehrer üblich ist. Alle diese Schemen von
[ 65 ] Und noch etwas will ich Ihnen sagen. Jedes Mal, wenn ich wieder in diese Schule zur Inspektion gekommen bin — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich habe es nicht versäumt, entweder in einzelnen Klassen oder der Gesamtheit der Schülerschaft gegenüber ganz systematisch eine Frage zu stellen, immer wieder, unter anderem: Habt ihr eure Lehrer lieb? Und man kann unterscheiden — meine sehr verehrten Anwesenden —, ob irgendetwas herzhaft aus dem menschlichen Inneren kommt oder ob es nur irgendeine konventionelle Antwort ist. Wenn so im Chorus erklang, unmittelbar elementarisch aus der Seele dieses «Ja!», dann sah man, wie allerdings Geltung gefunden hat dasjenige, was da als pädagogisch-didaktische Kunst versucht worden ist aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus.
[ 66 ] Man gestattet uns ja noch nicht auf vielen Gebieten des Lebens, uns ungehindert zu betätigen. Aber da, wo es möglich ist, muss es ebenso geschehen, dass man auf der einen Seite dasjenige hat, was aus der Geisteswissenschaft heraus, wie sie hier gemeint ist, selber gebracht werden kann, was auf der andern Seite gerade den Bedürfnissen, den Sehnsuchten, den Nöten unserer Zeit im wahren Sinne des Wortes entspricht. Da darf man zum Beispiel wirklich auch darauf hinweisen, wie zahlreiche Persönlichkeiten in der Geschichte, die sich künstlerischem Schaffen hingeben, nach neuen Wegen suchen, instinktiv nach neuen Wegen suchen.
[ 67 ] Solch ein neuer künstlerischer Weg, aber nun gar nicht aus irgendeiner Theorie heraus, nicht aus Ideen heraus, etwa durch eine Symbolik oder durch stroherne Allegorie, sondern durch lebendiges Erfühlen, ein solcher Weg wurde auch gesucht in Dornach selber durch den Bau des Goetheanums. Da war Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, durchaus nicht in der Lage, einfach einen Baumeister zu nehmen und zu sagen: Baue mir in dem und dem Stil hier einen Bau hin, da wollen wir dann in diesem Bau drinnen die Geisteswissenschaft treiben. Nein — meine sehr verehrten Anwesenden —, Geisteswissenschaft ist etwas, was Leben wirkt, weil es Leben ist. Und so kann Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wie gesagt, nicht in allegorisierender Weise, nicht in symbolisierender Weise, sondern indem sie zu gleicher Zeit auf den Menschen sieht, indem sie auf den ganzen Menschen wirkt, die künstlerische Angelegenheit, die Kräfte des künstlerischen Schaffens anregen, die Kräfte des künstlerischen Genießens. So kann sie auch weisen, wie sie sonst im Geistesleben auf die neuen Wege der gegenwärtigen Menschenbedürfnisse sieht, der Zukunft immer mehr und mehr künstlerische Wege weisen.
[ 68 ] Wir brauchen nicht nur — meine sehr verehrten Anwesenden — zu sehen, wie das Künstlerische sich entwickelt hat im Laufe der Menschheitsentwicklung, wie dieses Künstlerische, das im Laufe der Menschheitsentwicklung ja in solchen Gipfeln zutage getreten ist wie in Raffael, in Michelangelo, in Leonardo da Vinci, wie dieses Künstlerische voraussetzt, indem es immer geholt worden ist aus dem Übersinnlichen heraus, wie es voraussetzt, dass das Sinnliche, das äußerlich Sinnliche real hinaufstrebt nach dem, was man im Idealisierten erleben will. Und dieses Idealisieren das ist dasjenige, was im Grunde genommen den Grundzug angegeben hat jener künstlerischen Epoche, von der gerade künstlerische Persönlichkeiten in der Gegenwart fühlen, dass sie vorüber ist, dass ihr gegenüber nach neuen Wegen gesucht werden muss. Man hat es zu tun mit etwas, was durchaus im Gebiete des Sinnenfälligen ist, wenn man das Wunder der Sixtinischen Madonna vor sich hat. Aber man hat zu gleicher Zeit etwas vor sich, dem gegenüber man sagen muss: Der Künstler erlebte es so, dass aus dem Sinnlichen das Geistige eben unmittelbar hervorging. Er hob sich hinauf aus dem Sinnlichen ins Geistige, er idealisierte das Sinnliche.
[ 69 ] Nun treten wir in eine Menschheitsentwicklung ein, in der im geistigen Leben, im Erkenntnisleben, wirklich hingeschaut werden muss — wie ich es angedeutet habe — auf das Geistige als solches, damit das Geistige unmittelbar geschaut werden kann. Wir stehen damit auch vor dem Wege, der künstlerisch der Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft am meisten angemessen ist. Idealisierte eine alte Kunst, so muss realisieren eine neue Kunst.
[ 70 ] Geistiges Anschauen, es durstet ebenso nach Realisierung, wie sinnliches Anschauen nach Idealisierung dürstet. Und wie man nicht etwa zu einem wahrhaften oder zu einem dominierenden künstlerischen Schaffen kommt, wenn man nur künstlerischen Geist in sich hat durch das Idealisieren, so kommt man auch nicht zu einem allegorischen oder symbolischen künstlerischen Schaffen, wenn man das geistig Angeschaute realisiert. Diejenigen, die, ich möchte sagen theoretisch verleumden dasjenige, was in Dornach gesehen werden kann, die finden allerlei Symbole, allerlei Allegorien, aber sie sehen sie selber hinein. Es ist im ganzen Dornacher Bau, dem Goetheanum, nicht ein einziges Symbol, nicht eine einzige Allegorie. Dasjenige, was dort zu finden ist, ist geschaut in der geistigen Welt und ist realisiert aus der geistigen Welt heraus. Wie man früher idealisiert hat, so ist das Architektonische des Baues, so ist das Plastische — das im Realisieren des Geistigen Geschaute — da. Nicht ist das geistig Geschaute in Ideen, in Begriffen gestaltet, sondern es ist wirklich geschaut. Es ist aber in voller, lebendiger Konkretheit lebendig geschaut. Und es ist nur dem Stoff lebendig einverleibt. Es ist in voller Konkretheit geschaut.
[ 71 ] Das zeigt — meine sehr verehrten Anwesenden — wie Geisteswissenschaft in der Tat auch befruchtend für das künstlerische Schaffen und Genießen wirken kann. Und indem Geisteswissenschaft den Menschen durch ihre Ergebnisse zu einem Zusammenleben mit dem Geiste führt, dem er selber entstammt, nach dem er wiederum seinen Weg sucht aus dem Sinnlichen heraus, auf den er hofft nach dem Tode, aus dem er heraus sich geboren weiß, wenn er nur das Dasein richtig anschaut; indem Geisteswissenschaft den Menschen zusammenbringt gerade mit Bezug auf dasjenige, was in ihm am klarsten, hellsten, lichtvollsten sich entwickeln will durch das Vorstellungsleben, das sonst nur in lebensfremden Abstraktionen bleibt, vertieft sie im Menschen dasjenige Gefühl, welches das eigentliche religiöse Gefühl ist. Und das sollte man im richtigen Lichte sehen. Nicht sollte man von den Konfessionen aus danach streben, dieser Geisteswissenschaft den Weg zu versperren. Denn man kann an dem Beispiel des Christentums selber zeigen, was Geisteswissenschaft dem religiösen Empfinden, dem ganzen religiösen Leben sein kann.
[ 72 ] Wovon ist denn das Christentum abhängig, meine sehr verehrten Anwesenden? Das Christentum ist davon abhängig, dass man in der richtigen Weise das Mysterium von Golgatha versteht. Wenn man nicht versteht, wie durch das Mysterium von Golgatha etwas, was wir den Christus nennen, sich aus außerirdischen Welten vereinigt hat mit dem Erdenleben, wenn man nicht versteht, dass in dem Mysterium von Golgatha etwas vorliegt, das sich nicht am Betrachten aus der Sinneswelt heraus erschöpfen lässt, sondern das erfasst werden muss durch geistige Anschauung, dann kann man nicht dem Mysterium von Golgatha gerecht werden. Daher ist auch die modernste Theologie dazu gekommen, dasjenige, was nur geistig begriffen werden kann, im Mysterium von Golgatha wegzulassen und nur zu sprechen — gewissermaßen naturalistisch — von dem schlichten Mann aus Nazareth. Von einem Menschen, wenn er auch noch so hervorragend ist, spricht die moderne Theologie, der höchstens das Gottesbewusstsein in sich hatte. Während Geisteswissenschaft wiederum das christliche Bewusstsein zurückbringen wird zur Erfassung des Mysteriums von Golgatha als eines übersinnlichen Ereignisses an sich, als eines Ereignisses, durch das nicht nur ein Mensch dasteht im Laufe der Menschheitsentwicklung, der das Gottesbewusstsein in einer gewissen Weise in sich entwickelte, sondern der der Träger war einer Wesenheit, die aus außerirdischen Welten wirklich in einem bestimmten Punkte der Erdenentwicklung gekommen ist, um fortan, das Menschenleben erneuernd, mit diesem Menschenleben fortzubestehen.
[ 73 ] Das Christus-Ereignis wird wiederum durch die Geisteswissenschaft erfasst als ein Einschlag vom Außerirdischen her, vom Geistig-Übersinnlichen her in das irdische Leben. Und die ganze Erdenentwicklung wird so begriffen, dass sie eine Vorbereitung für das Mysterium von Golgatha ist, ein Hinneigen alles desjenigen, was vorher vorgegangen ist, zum Mysterium von Golgatha, und ein Fortströmen des Impulses dieses Mysteriums von Golgatha durch die folgenden Ereignisse.
[ 74 ] Aber begreifen lernt man auch, welch ein Unterschied ist zwischen dem Ereignis von Golgatha, das dasteht, das von jedem nach seinen Fähigkeiten begriffen werden kann, und demjenigen, was in irgendeiner Zeit Lehre ist über dieses Mysterium von Golgatha.
[ 75 ] Die ersten christlichen Jahrhunderte haben von morgenländischer Weltanschauung ihre Begriffe genommen und das Mysterium von Golgatha sich anschaulich, erklärlich gemacht aus diesen Begriffen heraus. Dann ist allmählich eine andere Welt heraufgezogen im geistigen Leben der abendländischen Menschheit. Die Naturwissenschaften sind dann heraufgekommen. Der Menschengeist hat sich an andere Auffassungsweisen gewöhnt. Wir sehen heute, wie diese Auffassungsweisen im neunzehnten Jahrhundert auch die Theologie ergriffen haben, da, wo sie fortschrittlich zu werden versucht hat, wie sie aus der Christus-Jesus-Wesenheit gemacht haben den «schlichten Mann aus Nazareth». Und wie auch mit noch so großer Macht man vielleicht anstürmen mag gegen das, was da kommt von dieser Seite her, man wird diesen Kampf doch nicht bestehen, wenn nicht von geisteswissenschaftlicher Seite her das Mysterium von Golgatha wiederum neu begriffen wird, wenn nicht aus dem Geiste heraus wieder gesagt werden kann, wie ein außerirdischer Geist durch den Menschen Jesus von Nazareth in das Erdenleben eingezogen ist. Die Erklärung muss eine neue werden gegenüber dem Menschheitsfortschritt, es muss eine neue Erfahrung werden.
[ 76 ] Geisteswissenschaft will keine neue Religion begründen, sie will nur gemäß der Erkenntnis das Bewusstsein befeuern der neueren Zeit. Dasjenige, was einmal der Erdenentwicklung ihren Sinn gegeben hat, das will sie für die Menschheitskultur der Gegenwart und Zukunft in dem Lichte zeigen, das diese Menschheit braucht. So kann gerade Geisteswissenschaft, wie ich das an diesem christlichen Beispiel zeigen kann, den Menschen religiös vertiefen. Sie kann ihm dasjenige, was ihm nach dem modernen Bewusstsein auf keine andere Weise gegeben werden kann, sie kann ihm dasjenige wiedergeben.
[ 77 ] Oh, der ist kleinmütig gegenüber dem Christentum, der glaubt, dass durch Geisteswissenschaft das Christentum zerstört werden kann. Nein, im Gegenteil, derjenige allein schaut das Christentum in richtiger Weise an, der den Mut hat, zu bekennen, wie beim Physischen, so die geistigen Entdeckungen auch gemacht werden. Dasjenige, was christlicher Impuls ist, das kann dadurch nicht in irgendeiner kleineren, schwächeren, sondern in einem immer stärkeren und stärkeren Lichte erscheinen. Derjenige würde sich als wahrhaft christlich erweisen, der entgegennehmen würde aus einer tiefen Sehnsucht heraus die Bekräftigungen, die, gerade von Geisteswissenschaft ausgehend, zur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha hinführen können.
[ 78 ] Religiöse Vertiefung aber, scheint es wahrhaftig, braucht die Menschheit der Gegenwart, meine sehr verehrten Anwesenden. Denn wir erleben ja heute tatsächlich merkwürdige Dinge. Und ich darf zum Schlusse noch von einem Beispiele sprechen.
[ 79 ] In Dornach soll aufgestellt werden im Goetheanum an einem hervorragenden Orte gerade dasjenige, was sich auf das Mysterium von Golgatha bezieht. Eine neuneinhalb Meter hohe Holzgruppe soll aufgestellt werden. Wir arbeiten bereits mehrere Jahre lang an dieser Plastik. In der Mitte dieser Plastik steht eine Christus-Figur. Sie ist oben im Kopfe und in den Brustteilen fertig, unten noch ein Holzklotz. Der Kopf ist durchaus idealisiert. Von dem werden die Menschen, die sie haben sehen können, gewiss jedem bezeugen, dass ich gesagt habe: Aus geisteswissenschaftlicher Anschauung ergibt sich mir dieses Bild des Christus, wie er gewandelt hat in Palästina. Ich dränge es niemandem auf, aber es ist aus der Menschheit herausentwickelt, wenn man dasjenige in einen Menschen hineinverlegt, was man hineinverlegt, wenn man im ganzen Menschen Seele sucht, nicht Seele bloß in einzelnen menschlichen physiognomischen Zügen im Gesicht, sondern im ganzen Menschengesichte sucht. Aber Dinge werden gesagt und gesehen, ohne dass man weiß, was da eigentlich gemacht wird in Dornach.
[ 80 ] Nun findet sich unter den mannigfaltigen Gegnerschriften eine sehr merkwürdige. In der finden Sie folgenden Satz — ich will Sie dazu nicht lange aufhalten —, da finden Sie folgenden Satz:
Die Anthroposophie geht vom Menschen aus, und ihr Ziel ist der ideale Mensch. Dieser und Gott decken sich offenbar. Es wird gegenwärtig in Dornach eine neuneinhalb Meter hohe ... nach unten mit tierischen Merkmalen.
[ 81 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich habe Ihnen gesagt von Menschen, die da gewesen sind und wissen, was bis jetzt daran gearbeitet ist an dieser Gruppe. Derjenige, der so etwas sehen will in einer Holzfigur, die oben einen idealisierten Menschenkopf hat und unten überhaupt erst ein Holzklotz nur ist, noch nicht fertig ist, der da oben luziferische Züge sieht und unten tierische Merkmale — ich kann nicht anders, er erinnert mich an die Anekdote, die öfter erwähnt wird, wie man feststellen kann am Abend, ob man nüchtern oder betrunken ist. Man legt einen Zylinderhut auf das Bett. Sieht man ihn einfach, so ist man noch nüchtern, sieht man ihn doppelt, ist man betrunken.
[ 82 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, derjenige, der in Dornach sieht in der Holzgruppe einen Menschen, oben mit «luziferischen Zügen», unten mit «tierischen Merkmalen», der, der darf wahrhaftig in seiner Trunkenheit nicht klagen über Phantastereien oder Illusionen der Anthroposophen! Denn derselben Illusion, derselben Phantasterei, die zugleich aber objektive Unwahrheiten sind, der wird derjenige, der im echten Sinne zugewandt ist der Anthroposophie, gewiss nicht hingegeben sein. So aber arbeitet jemand mit der Wahrheit — meine sehr verehrten Anwesenden —, der auf dem Titelblatt schreiben kann das große «D» vor seinem Namen, der ein Doktor also der Theologie ist.
[ 83 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, wir brauchen eine Vertiefung, eine Veredelung des religiösen Bewusstseins. Diejenigen, die zu Wächtern bestellt sind, die verfahren mit der Wahrheit so. Daraus sieht man, dass wir eine Vertiefung des Wahrheitssinnes brauchen. Was ist schließlich die Wissenschaft eines Menschen, der bloß so viel wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit in sich hat, dass er eben in einem einzelnen Falle in einer solchen Weise eine objektive Unwahrheit in dieser Art hinstellt.
[ 84 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, es bedarf eben, wie gesagt, durchaus jener Verinnerlichung des Menschen, die auch verbunden sein wird mit einer Veredelung des religiösen Fühlens, mit einer Vertiefung des religiösen Fühlens wiederum. Es wird Geisteswissenschaft nach den verschiedensten Zweigen des Lebens hin ihre Impulse ausstrahlen können. Sie will durchaus praktisch sein, aber sie will auch durchaus nicht aus der wissenschaftlichen Erziehung herausgehen. Sie will dadurch wissenschaftlich begründet sein, dass sie aus der Gesinnung, aus der methodischen Gewissenhaftigkeit hervorgeht, wie nur irgendeine mathematische Methode, verbunden mit äußerer Beobachtung, aus der menschlichen Seele hervorkommen kann in voller Wissenschaftlichkeit.
[ 85 ] Nun, zum Schlusse nur diese persönliche Bemerkung mit ein paar Worten. Wenn heute, wie zum Beispiel auch von den christlichen Koryphäen, darauf hingewiesen worden ist, dass diese anthroposophische Geisteswissenschaft in Dornach sich nicht an die Gelehrten wende, sondern an die gebildeten Laien, dann darf wohl das eine gesagt werden. Das ist gewissermaßen heute noch das Schicksal. Ich selber — wenn ich eine persönliche Bemerkung machen darf — habe in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts damit begonnen, in Anknüpfung an Goethes Weltanschauungsideen dasjenige zu entwickeln, was durchaus schon in der ganzen Richtung anthroposophischer Geisteswissenschaft liegt, wenn auch erst in den Elementen vorhanden ist, wenn es auch erst später in Einzelheiten ausgebaut worden ist. Dasjenige, was damals richtunggebend [war], das liegt ja schon darinnen. Ich bin ja nicht immer so verketzert worden wie heute. Ich bin nicht immer so schlecht von den Wissenschaften behandelt worden wie heute von den Wissenschaften, oder von den Religionsbekenntnissen aus, sondern diejenigen Schriften, die ich dazumal über Goethe geschrieben habe, sind ja schon bis zu einem gewissen Grade bekannt geworden.
[ 86 ] Man denkt ja auch nur, dass ich Tor und Phantast geworden bin seit derjenigen Zeit, seit es sich mir ergeben hat, dass dasjenige, was aus jener Zeit ausgeflossen ist, einlaufen müsste gerade in die wohlfundierte anthroposophische Geisteswissenschaft. Aber dasjenige, was ich eigentlich oftmals in meinen Goethe-Schriften forderte, und auch dazumal nicht erreicht worden ist, wie «Goethes Weltanschauung», «Wahrheit und Wissenschaft», «Philosophie der Freiheit», namentlich enthalten sind in meinen «Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften», wer das voraussetzt, wird sehen, dass es sich mir nicht nur darum handelte, Goethe habe diese oder jene Weltanschauung gehabt, sondern darum handelte, für diese Weltanschauung selber ganz einzutreten, sie geltend zu machen, sie zu ihrem Rechte zu bringen und sie auch weiterzuentwickeln.
[ 87 ] Es sollte nicht ein Goetheanismus entwickelt werden, der mit dem Jahre 1832 gestorben ist, bloß historisch ist, sondern es sollte der lebendige Goetheanismus, wie er bis in die Gegenwart herauf entwicklungsfähig geblieben ist, gezeigt werden. Dass Goethes Ideen einigermaßen getroffen waren, das haben manche zugegeben. Aber das ist auch ja dasjenige, was aus Gewohnheit in unserer Zeit so gemacht wird. Man gab ganz gerne an: Ja, Goethe, Kant und so weiter haben diese oder jene Idee gehabt. Aber selbst für eine Idee mit der ganzen Kraft der Persönlichkeit einzutreten und ihr zum Siege zu verhelfen, das ist nicht dasjenige, was in der Denkgewohnheit, namentlich nicht dasjenige, was in den Geistesgewohnheiten der Gegenwart lebt. Und so muss ich sagen, dass zwar mir viel recht gegeben worden ist in Bezug auf die Erklärung von Goethes Weltanschauung, dass ich aber anderes wollte: Eintreten für dasjenige, was bei Fortentwicklung der Goethe’schen Weltanschauung aus dieser als Geisteswissenschaft, als anthroposophische Geisteswissenschaft entstehen kann.
[ 88 ] Und dasjenige, was dazumal geschrieben worden ist von mir, es ist durchaus in den Formen der Wissenschaftlichkeit geschrieben worden. Es wurde von mir auch so gesprochen; im Gegenteil, dass es als zu entlegen dem gewöhnlichen Leben befunden worden ist. Damals hätten ja diejenigen, die in der Wissenschaft stehen, die Möglichkeit gehabt, auf die Sache einzugehen. Sie haben sie nicht entfaltet, diese Möglichkeit. Daher war die Notwendigkeit entstanden, an das gebildete Laienpublikum sich zu wenden und zu sprechen zu dem Herzen, zu dem Intellekt der gebildeten Laien. Denn — meine sehr verehrten Anwesenden — dasjenige, was als Wahrheit einverleibt werden soll der Menschheitsentwicklung, das muss ihr einverleibt werden. Daher darf nicht der Geisteswissenschaft, wie es heute von ihren Kritikern vielfach getan wird, vorgeworfen werden, dass sie sich zunächst nicht stelle der Wissenschaft als solcher — was sie nun übrigens in Dornach genügend getan hat —, aber in wahrer Weise, denn das hat sie getan. Und sie ist erst an das gebildete Laienpublikum herangetreten, als die Gelehrsamkeit nicht wollte. So etwas muss aber geschehen! Warum? Nun, derjenige, der durchdrungen ist mit dem Impuls, mit dem Wahrheitsimpuls der Geisteswissenschaft, der die Nöte unserer Zeit kennt, die Sehnsuchten unserer Zeit kennt, oder wenigstens zu kennen glaubt, der wird sich sagen müssen: Die Wahrheit muss in die Welt, und wenn es ihr nicht gelingt, auf den einen Wegen, die vielleicht die äußerlich richtigen wären, in die Welt einzudringen, dann müssen eben die anderen Wege gesucht werden. Wollen die Wissenschafter nicht von sich aus, so werden sie vielleicht wollen, wenn in den Herzen der gebildeten Laien aus natürlichem, elementarem Wahrheitsgefühl heraus Geisteswissenschaft doch Platz greift, und dann diejenigen, die hinter ihr zurückgeblieben sind, auch wenn sie Wissenschafter sind, zwingt, nachzukommen. Wahrheit muss in die Welt. Und wenn es auf dem einen Wege nicht geht, so muss eben der andere gesucht werden.
