The Inner Nature and Essence
of the Human Soul
GA 80b
5 March 1922, Berlin
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The Inner Nature and Essence of the Human Soul, tr. SOL
6. Die Harmonisierung von Kunst, Wissenschaft und Religion durch Anthroposophie
6. The Harmonization of Art, Science, and Religion Through Anthroposophy
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Der heutige Vortrag macht keinen anderen Anspruch als lediglich den, eine Art von Einleitung zu sein zu den Betrachtungen, welche mir in den nächsten Tagen obliegen, Betrachtungen über das Verhältnis von Anthroposophie zu den verschiedenen Wissenschafts- und Lebensgebieten.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Today’s lecture makes no other claim than to serve as a kind of introduction to the reflections I will be presenting over the next few days—reflections on the relationship between anthroposophy and the various fields of science and life.
[ 2 ] Eine der bedeutsamsten Tatsachen des neueren Geisteslebens ist zweifellos das Zusammenleben, Zusammenwirken und Zusammendenken Goethes und Schillers, namentlich in der allerersten Zeit ihrer Freundschaft im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts. Und es ist außerordentlich bedeutsam, dass in dieser Zeit, in der sich zwei der größten Genien der Menschheit intim gefunden haben, eine brennende Geistesfrage zwischen diesen Persönlichkeiten gewissermaßen nach allen Seiten hin besprochen und erwogen wird. Goethe sowohl wie Schiller waren ja ihrem tiefsten Wesen nach Künstler. Aber gerade in der genannten Zeit beschäftigte sie in tiefster Weise das Verhältnis des Künstlertums zu der Erkenntnis, wie sie sich in der wissenschaftlichen Betrachtung offenbart, auf der einen Seite, und, wenngleich etwas weniger deutlich, so aber doch in vieler Beziehung das Verhältnis des Künstlertums zum religiösen Fühlen und Empfinden des Menschen. Und wenn man den Grundton auf sich wirken lässt, der durch alle Besprechungen Goethes und Schillers über das gegenseitige Verhältnis von Erkenntnis, Kunst und Religion durchklingt, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Es war vor allen Dingen für diese beiden Geister diese Frage eine solche: Wie wirkt im menschlichen Wesen das Erkenntnismäßige, dass Künstlerische, das Religiöse zusammen, um den Menschen dazu zu führen, sein volles, ganzes harmonisches Menschenwesen für sich und für die Welt zum Ausleben und Auswirken zu bringen?
[ 2 ] One of the most significant aspects of recent intellectual life is undoubtedly the coexistence, collaboration, and shared intellectual journey of Goethe and Schiller, particularly during the very early days of their friendship in the last decade of the eighteenth century. And it is extraordinarily significant that during this period, in which two of humanity’s greatest geniuses found each other in close friendship, a burning intellectual question was, so to speak, discussed and weighed from every angle between these two figures. Both Goethe and Schiller were, after all, artists at their very core. But it was precisely during this period that they were deeply preoccupied, on the one hand, with the relationship between artistry and knowledge as revealed in scientific inquiry, and, on the other hand—albeit somewhat less clearly, yet nonetheless in many respects—with the relationship between artistry and human religious feeling and sensibility. And when one allows the underlying tone that resonates throughout all of Goethe’s and Schiller’s discussions on the mutual relationship between knowledge, art, and religion to sink in, one is led to say to oneself: For these two minds, above all else, the question was this: How do the cognitive, the artistic, and the religious work together within the human being to lead people to live out and express their full, whole, harmonious human nature—for themselves and for the world?
[ 3 ] Wer in diese lebensvolle Behandlung der gekennzeichneten Frage eintritt, auf den macht wohl den tiefsten Eindruck dasjenige, was zutage getreten ist in Schillers Auseinandersetzung über diese Frage in seinen, leider viel zu wenig gewürdigten «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» und demjenigen, was Goethe an diese Schiller’sche Betrachtung angeschlossen hat in seinem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», das den Schluss bildet der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Und ich glaube nicht, dass man gefühlsmäßig gründlicher in die Frage, die ich heute ein wenig besprechen möchte, hineinkommen kann, als wenn man zunächst seine Aufmerksamkeit auf die Stellung derselben vonseiten zweier so hervorragender Geister richtet. Denn alles ist sozusagen charakteristisch an der Tatsache, die ich angeführt habe; charakteristisch ist der Zeitpunkt, in dem Goethe und Schiller das tiefste Bedürfnis fühlen, sich über diese Frage aufzuklären; charakteristisch ist, dass sie das, was ihnen ihre Freundschaft, ihr Zusammenleben bieten kann, zunächst dazu verwenden, über diese ihnen damals so außerordentlich wichtig scheinende Frage sich aufzuklären; und in mancher anderen Beziehung kann man noch das Bedeutsame betonen, den Zusammenhang zu der Frage des heutigen Themas aus einer Betrachtung des Wechselverkehrs zwischen Goethe und Schiller zu gewinnen.
[ 3 ] Anyone who delves into this lively treatment of the issue at hand will likely be most deeply impressed by what has come to light in Schiller’s discussion of this question in his, unfortunately far too little appreciated “Letters on the Aesthetic Education of Man,” and what Goethe added to Schiller’s reflections in his “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” which concludes the “Conversations of German Emigrants.” And I do not believe that one can delve more deeply, on an emotional level, into the question I would like to discuss briefly today than by first directing one’s attention to the positions taken on it by these two outstanding minds. For everything is, so to speak, characteristic of the fact I have cited; characteristic is the moment when Goethe and Schiller felt the deepest need to clarify this question for themselves; it is characteristic that they first used what their friendship and their life together had to offer to gain clarity on this question, which seemed so extraordinarily important to them at the time; and in many other respects, one can further emphasize the significance of deriving the connection to today’s topic from an examination of the exchange between Goethe and Schiller.
[ 4 ] Schiller sah auf der einen Seite die wissenschaftliche Betrachtung, zu der er ja in einem gewissen Sinne durch das hingeführt worden ist, was in der damaligen Zeit seine äußere Stellung werden musste, durch seine Professur in Jena, auch durch den Umstand, dass er sich aufklären wollte über die philosophischen Grundlagen der Kunst aus der Kant’schen Philosophie heraus. Aber eine jede solche Frage nahm bei Schiller den Charakter an, der nach dem Allgemeinmenschlichen hinführt, nach der umfassenderen Frage: Was ist das eigentliche Wesen des Menschen, was trägt innerhalb der Kultur- und Geistesentwicklung am meisten zu diesem Wesen des Menschen bei? Und so wurde gerade die Frage: Wie erlangt der Mensch die Möglichkeit, auf den Weg seiner Bestimmung zu kommen, aus Erkenntnis, aus Wissenschaftlichkeit, aus künstlerischem Streben heraus? Diese Frage wurde für Schiller eine brennende. Sie stellte er sich eben in jener Abhandlung, die er schrieb über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes. Schiller sagte sich ja gerade in dieser Zeit oftmals, wissenschaftliche Betrachtung habe etwas Unbefriedigendes, wenn man die höchste, die reinste Entfaltung des menschlichen Wesens anstreben will. Merkwürdige Äußerungen Schillers liegen in dieser Beziehung vor. Als er zum Beispiel ein Stück von Goethes «Wilhelm Meister» empfing und es mit höchstem Interesse durchlas, knüpfte er in einem Briefe an Goethe an das Empfinden, das er über die Art künstlerischer Behandlung vonseiten Goethes in diesem Werke hatte, den Satz an: «Der Künstler ist doch der einzig wahre Mensch, und der beste Philosoph ist im Grunde genommen nur eine Karikatur neben ihm.»
[ 4 ] On the one hand, Schiller saw the scientific perspective, to which he had, in a certain sense, been led by what was bound to become his external position at that time—his professorship in Jena—as well as by his desire to gain insight into the philosophical foundations of art based on Kant’s philosophy. But every such question took on, in Schiller’s case, a character that led toward the universal human condition, toward the broader question: What is the true essence of the human being, and what, within cultural and intellectual development, contributes most to this essence of the human being? And so the question arose: How does the human being attain the possibility of embarking on the path to his or her destiny—through knowledge, through scientific inquiry, and through artistic endeavor? This question became a burning one for Schiller. He posed it to himself in the very treatise he wrote on the aesthetic education of the human race. Schiller often told himself at this very time that scientific observation had something unsatisfying about it when one sought the highest, purest unfolding of the human being. There are some curious statements by Schiller in this regard. For example, when he received a chapter from Goethe’s *Wilhelm Meister* and read it with the utmost interest, he wrote a letter to Goethe in which he expressed his feelings about Goethe’s artistic treatment of the subject in this work, adding the sentence: “The artist is, after all, the only true human being, and the best philosopher is, when it comes down to it, merely a caricature beside him.”
[ 5 ] Was meinte Schiller mit einem so radikalen Ausspruch? Er meinte: Indem der Mensch sich entweder künstlerisch schöpferisch betätigt oder sich mehr künstlerisch genießend in Kunstwerke vertieft, fühlt er innerlich regsam, innerlich lebendig sein volles Menschentum, und gegenüber dem, was er an den wahren Kunstwerken erlebt, ist dasjenige, was er im wissenschaftlichen Erkennen erleben kann, doch etwas durchaus Unbefriedigendes. Aus solchen Empfindungen heraus entstand die eigentümliche Lösung, die Schiller dieser Frage in seinen ästhetischen Briefen gegeben hat. Er sagte sich etwa Folgendes: Wenn wir als Menschen des Höchsten, das uns zunächst hier im Erdenleben zugänglich ist, wenn wir der Ideenbetrachtung über die Welt hingegeben sind, wie sie doch schließlich das Ziel alles Wissenschaftlichen ist, dann fühlen wir die Notwendigkeit, logisch zu sein; wir dürfen nicht abweichen von den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft, die gewissermaßen Besitz nimmt von unserem Geiste und unserer Seele und die Wege uns vorschreibt. Wir sind, indem wir uns in dieser Weise erkenntnismäßig betätigen, nicht wahrhaft innerlich frei, und in der innerlichen Freiheit lebt sich doch nur das wahre Menschtum aus.
[ 5 ] What did Schiller mean by such a radical statement? He meant: When a person is either engaged in artistic creation or immerses themselves in works of art with an appreciation for their artistic value, they feel their full humanity as inwardly active and alive; and compared to what they experience in true works of art, what they can experience through scientific knowledge is, after all, something thoroughly unsatisfying. It was from such feelings that the unique solution arose which Schiller offered to this question in his Aesthetic Letters. He told himself something like this: When we, as human beings, are engaged in the highest pursuit accessible to us here in earthly life—when we are devoted to the contemplation of ideas about the world, as is ultimately the goal of all scientific endeavor—then we feel the necessity of being logical; we must not deviate from the laws of reason, which, in a sense, takes possession of our mind and soul and dictates our path. By engaging in this kind of intellectual activity, we are not truly free inwardly, and yet it is only in inner freedom that true humanity comes to life.
[ 6 ] In dieser erkenntnismäßigen Betätigung sieht Schiller gewissermaßen den einen Pol menschlicher Tätigkeit; den anderen Pol sieht er in der Hingabe des Menschen an die Naturnotwendigkeit seines eigenen Wesens, an seine Instinkte, seine Triebe, an sein im gewöhnlichen Leben aus seinem niederen Organismus und seinen Trieben herauskommende Begehrungsvermögen. Aus diesen Antrieben heraus handelt der Mensch, richtet er zunächst sein Leben ein. Allein man ist hingegeben der Naturnotwendigkeit seines eigenen Wesens, wenn man seinen Trieben und Instinkten hingegeben ist; man folgt gewissermaßen den Trieben und Instinkten so, wie die äußere Natur ihren Naturbedingungen folgt; man ist wiederum nicht frei. Zwischen diesen zwei Zuständen, der Hingabe an die Vernunftnotwendigkeit und der Hingabe an die Naturnotwendigkeit, sucht Schiller jenen «mittleren Zustand», in dem das Menschenwesen sich finden kann, und den er den ästhetischen Zustand nennt, jenen Zustand, in dem der Mensch als Künstler oder künstlerisch Genießender ist. Wie schildert nun Schiller aus seinem Erleben und seinen Erfahrungen gegenüber der Kunst diesen mittleren Zustand?
[ 6 ] In this cognitive activity, Schiller sees, so to speak, one pole of human activity; he sees the other pole in man’s devotion to the natural necessity of his own being, to his instincts, his drives, and to his capacity for desire, which in ordinary life arises from his lower organism and his drives. It is out of these impulses that man acts and initially organizes his life. Yet one is devoted to the natural necessity of one’s own being only when one is devoted to one’s drives and instincts; one follows one’s drives and instincts, as it were, just as external nature follows its natural conditions; once again, one is not free. Between these two states—surrender to rational necessity and surrender to natural necessity—Schiller seeks that “middle state” in which the human being can find itself, and which he calls the aesthetic state, that state in which a person is an artist or an artistic connoisseur. How, then, does Schiller describe this middle state based on his own experiences and perceptions of art?
[ 7 ] Er sagt: Wenn wir als Menschen ein Kunstwerk genießen, fühlen wir nicht starre, strenge Vernunftnotwendigkeit, die uns im Erkennen leiten muss, da fühlen wir aber auch nicht das bloße Begehrungsvermögen, das in den Trieben und Instinkten lebt; denn wenn wir uns zum freien Genuss des Schönen hinaufarbeiten, so dürfen wir nicht stecken bleiben in dem, was nur unsere sinnlichen Triebe geben. Die geistlosen sinnlichen Triebe können sich niemals zum wirklichen Verständnis des Kunstwerkes erheben. Aber indem wir an das Künstlerische uns hingeben, leben wir nicht so in einem Abstrakten, geistig Abgezogenen, Unsinnlichen, wie das beim wissenschaftlichen Erkennen der Fall ist, wenn es bis zu Ideen vorschreitet; wir leben dann, weil ja das, was sinnlich auftritt, auch das Künstlerische ist, in jenem mittleren Zustande der Hingabe an ein Sinnliches, aber wir leben so in der Hingabe an ein Sinnliches, dass zu gleicher Zeit unsere eigene sinnliche Natur abgelegt ist, dass wir ihrer Notwendigkeit nicht hingegeben sind, dass wir sie durchgeistigt, durchseelt haben. Wir haben die starre Vernunftnotwendigkeit hinuntergeführt in die Sinnlichkeit, die uns im Künstlerischen angemessen, sympathisch ist, wir haben uns herausgerissen aus der starren Vernunftnotwendigkeit; aber wir haben uns auf der anderen Seite auch herausgerissen aus der uns herabdrückenden Naturnotwendigkeit. Wir sind in diesem mittleren Zustande in Wahrheit freie Menschen. Wir folgen, indem wir zum Beispiel künstlerisch schaffen, nicht solchen methodischen Regeln, wie wir sie in der Wissenschaft beobachten müssen; wir geben uns hin dem freien Spiel desjenigen, was in unserer eigenen Seele waltet. Die innere freie Gesetzmäßigkeit, die zugleich an unsere Sympathie und Antipathie appelliert, sie leitet uns, indem wir Künstlerisches hervorbringen. Wir sind in einer freien Seelenverfassung.
[ 7 ] He says: When we, as human beings, enjoy a work of art, we do not feel the rigid, strict necessity of reason that must guide us in our cognition, nor do we feel the mere capacity for desire that lives in our drives and instincts; for when we strive to rise to the free enjoyment of beauty, we must not remain stuck in what our sensual drives alone provide. The mindless sensual drives can never rise to a true understanding of the work of art. But in devoting ourselves to the artistic, we do not live in something abstract, intellectually detached, and non-sensual, as is the case with scientific cognition when it advances to the level of ideas; we then live—since what appears sensually is also the artistic—in that middle state of devotion to the sensual; yet we live in such devotion to the sensual that, at the same time, our own sensual nature is set aside, that we are not surrendered to its necessity, that we have spiritualized and imbued it with soul. We have brought the rigid necessity of reason down into the sensuous realm, which is appropriate and appealing to us in the artistic; we have torn ourselves away from the rigid necessity of reason; but on the other hand, we have also torn ourselves away from the natural necessity that oppresses us. In this middle state, we are, in truth, free human beings. When we create art, for example, we do not follow the kind of methodological rules that we must observe in science; we surrender ourselves to the free play of what reigns within our own soul. The inner, free lawfulness—which appeals simultaneously to our sympathy and antipathy—guides us as we produce art. We are in a free state of mind.
[ 8 ] Aus solchen Untergründen heraus wagt Schiller nun gerade in diesen ästhetischen Briefen ein radikales Wort. Von dieser Tätigkeit, die im Sinnlichen waltet und dennoch geistig ist, so geistig wie die Vernunftnotwendigkeit, ohne sich dieser Notwendigkeit der Vernunft hinzugeben, und die so sinnlich ist wie nur sonst das Leben in der Sinnlichkeit, ohne sich an die Naturnotwendigkeit zu verlieren, von dieser Tätigkeit wird der Blick Schillers hingelenkt auf das freie Spiel des Kindes, das noch nicht eine Erkenntnisnotwendigkeit kennt, das aber auch noch nicht so tief untergetaucht ist in seine Sinnlichkeit, indem es in seinem freien, aus seiner Sympathie und Antipathie entfalteten Spiel sich ergeht. Aus dieser Stimmung heraus prägte Schiller den radikalen Satz: Der Mensch ist nur solange ganz Mensch, als er spielt, und er spielt nur solange im wahren Sinne des Wortes, als er ganz Mensch ist.
[ 8 ] Drawing on such foundations, Schiller now dares to speak out radically, particularly in these aesthetic letters. From this activity, which reigns in the sensual realm and is nevertheless spiritual—as spiritual as the necessity of reason, without surrendering to this necessity of reason— and which is as sensual as life itself in the realm of the senses, without losing itself to natural necessity—from this activity, Schiller’s gaze is drawn to the free play of the child, who does not yet know the necessity of knowledge, but who is also not yet so deeply immersed in his sensuality, as he indulges in his free play, which unfolds from his sympathies and antipathies. From this mood, Schiller coined the radical statement: “Man is fully human only as long as he plays, and he plays—in the true sense of the word—only as long as he is fully human.”
[ 9 ] Was Schiller da äußerte, das gehört einer höheren Stufe der Geistesentwicklung an. Da versuchte sozusagen der deutsche Geist einmal, von einem außerordentlich hohen Gesichtspunkte aus sich über das Menschtum aufzuklären. Es versuchte der deutsche Geist, das ganze innere Wesen des Künstlerischen zu erfassen an der Frage: Was kann Kunst sein, um den Menschen durch das künstlerische Wesen so hoch als möglich in seiner Entwicklung zu bringen?
[ 9 ] What Schiller expressed there belongs to a higher stage of intellectual development. There, the German spirit, so to speak, attempted to shed light on humanity from an extraordinarily high vantage point. The German spirit sought to grasp the entire inner essence of art through the question: What can art be in order to elevate human beings as high as possible in their development through the artistic essence?
[ 10 ] So stand die Frage vor Schiller. Kaum weniger intensiv stand sie vor Goethe. Goethe verfolgte mit Aufmerksamkeit alle die Gedanken und Ideen, die Schiller gewissermaßen über die Frage entwickelte: Wie wird der Mensch frei gemacht durch den Inhalt seines Geisteslebens? Aber Goethe konnte aus seiner Natur heraus sich nicht den mehr abstrakten Gedankengängen in Schillers ästhetischen Briefen anbequemen. Für Goethe, der in einem ganz anderen, in einem weiteren Sinne Künstler war als Schiller, lag die Frage nicht so einfach wie für Schiller. Goethe sagte sich etwa: Schiller sieht drei im Menschen waltende Kräfte: die Vernunftnotwendigkeit, die Notdurft der Natur, zwischen drinnen den ästhetischen Zustand; aus ihrem gegenseitigen Verhältnis will er in geistvoller Weise die freie Menschenseele erkennen. Aber so einfach liegt die Sache nicht, sagte sich etwa Goethe. Denn diese Menschenseele ist etwas unendlich Kompliziertes; man kann sie nicht durchschauen, wenn man nur drei solche abstrakten Kräfte vor sich hin pfahlt, man mag noch so geistreich darüber philosophieren. Goethe konnte Schillers Philosophie nicht einfach folgen. Für ihn wurde das, was er sich auf dieselbe Frage als Antwort geben konnte, zu einem Bilde, zu jenem gewaltigen Bilde mit den mannigfaltigsten Unterbildern, das uns in seinem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» entgegentritt. Ich will jetzt alle die anderen Personen übergehen, die in diesem Märchen enthalten sind, und will die eigentliche Lage darstellen, wie die Seele auf verschiedenen Wegen zu Zielen, zu ihrer Freiheit, zu dem Erleben ihres wahren Wesens hinkommen will.
[ 10 ] This was the question facing Schiller. It presented itself to Goethe with hardly any less intensity. Goethe followed with close attention all the thoughts and ideas that Schiller, in a sense, developed regarding the question: How is a person set free through the content of their spiritual life? But, by his very nature, Goethe could not bring himself to accept the more abstract lines of thought in Schiller’s aesthetic letters. For Goethe, who was an artist in a very different, broader sense than Schiller, the question was not as straightforward as it was for Schiller. Goethe might have said to himself: Schiller sees three forces at work within the human being: the necessity of reason, the needs of nature, and, in between, the aesthetic state; from their mutual relationship, he seeks to discern the free human soul in a spirit-filled way. But the matter is not so simple, Goethe might have told himself. For this human soul is something infinitely complex; one cannot fathom it by merely fixating on three such abstract forces, no matter how ingeniously one may philosophize about them. Goethe could not simply follow Schiller’s philosophy. For him, the answer he could give himself to this very question became an image—that powerful image with its manifold sub-images—which confronts us in his “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” I will now skip over all the other characters featured in this fairy tale and describe the actual situation: how the soul seeks, through various paths, to reach its goals—its freedom and the experience of its true nature.
[ 11 ] Die Wege, welche die einzelnen Personen — es sind etwa zwanzig — in Goethes Märchen gehen, sind alles Wege der Seele im Grunde genommen, nicht allegorisch oder symbolisch gedacht, sondern so, wie eben Goethe von diesen Wegen der Seele sprechen musste. Wer in so etwas, wie es dieses «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» ist, Allegorien oder Symbole sieht, der ist doch noch nicht in wirkliches, echtes Geistesleben eingedrungen, wie es zum Beispiel in Goethe waltet. Wenn jemand sagt: In diesen Personen sehe ich doch nur allegorische oder symbolische Darstellungen für Geisteszustände oder dergleichen, so ahnt er gar nicht, wie reich die Erlebnisse Goethes auf den einzelnen Seelenwegen waren, und wie Goethe eben nicht anders als in Bildern, die vieldeutig, aber auch vielsprechend sind, das ausdrücken konnte, was er über die Wege der Seele offenbaren wollte. Aber ich möchte nur auf die Zielfiguren hinweisen: Alle die verschiedenen Persönlichkeiten in diesem Märchen bewegen sich zuletzt hin nach dem Tempel der vier Könige, nach dem Tempel des goldenen Königs, des silbernen Königs, des ehernen Königs und desjenigen Königs, der aus diesen drei Substanzen in unregelmäßiger Art zusammengemischt ist. Und wir sehen, wie Goethe eine ganze Handlung zu dem Ziele hinleiten möchte, dass zuletzt ein gewisses Verhältnis auftritt zu dem goldenen König, dem silbernen König und dem ehernen König, die gewissermaßen, indem sie auf eine andere Person des Märchens — auf die schöne Lilie — wirken, in dreifacher Weise das Wesen der Welt ausstrahlen auf das tiefste Menschliche; und indem diese drei mächtigen Persönlichkeiten auf das Menschtum ausstrahlen das innerste Wesen der Welt, sehen wir, wie der vierte König, der chaotisch aus den Substanzen der drei anderen gemischt ist, in sich zusammensinkt.
[ 11 ] The paths that the individual characters—there are about twenty of them—take in Goethe’s fairy tale are, at their core, all paths of the soul; they are not intended to be allegorical or symbolic, but rather are presented exactly as Goethe felt compelled to describe these paths of the soul. Anyone who sees allegories or symbols in something like this “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” has not yet penetrated into a true, genuine spiritual life, such as that which prevails in Goethe, for example. If someone says, “In these characters I see only allegorical or symbolic representations of states of mind or the like,” they have no inkling of how rich Goethe’s experiences were along the individual paths of the soul, and how Goethe could express what he wished to reveal about the paths of the soul in no other way than through images that are ambiguous yet also deeply evocative. But I would like to point out only the central figures: All the various personalities in this fairy tale ultimately make their way toward the temple of the four kings—the temple of the golden king, the silver king, the bronze king, and the king who is an irregular mixture of these three substances. And we see how Goethe seeks to direct the entire plot toward the goal that, in the end, a certain relationship emerges with the Golden King, the Silver King, and the Bronze King, who, in a sense, by influencing another character in the fairy tale—the beautiful Lily—radiate the essence of the world in threefold ways onto the deepest human nature; and as these three powerful personalities radiate the innermost essence of the world onto humanity, we see how the fourth king—chaotically mixed from the substances of the other three—collapses in on himself.
[ 12 ] Versucht man, mit etwas abstrakten Worten auszudrücken, was Goethe bei dieser Begegnung der Märchenpersonen, der schönen Lilie mit den vier Königen empfand, so muss man sagen: Er wollte zeigen, wie die Menschenseele, wenn sie zum wahren Menschtum kommen will, zuletzt anlangen muss bei einem gewissen Verhältnis zu dem, was der goldene König darstellt: das Erkenntnismäßige, das, was den Menschen zur Weisheit führt; wie er anlangen muss bei dem silbernen König, der dasjenige dem Menschen gibt, was Schönheit, was das Künstlerische ist; und wie er anlangen muss bei demjenigen, was im ehernen König dargestellt ist, bei dem Guten, bei dem wirklichen frommen Tun. So langt der Mensch zuletzt für Goethe an bei Erkenntnis, wie sie in der Wissenschaft lebt, bei dem Schönen, wie es in der Kunst lebt, und bei dem Guten, wie es in Religiösen vorhanden ist. Aber indem Goethe darstellt, wie voneinander getrennt, jeder seine selbstständige Individualität bewahrend, die drei Könige dieses dreifache Weltwesen der Weisheit, Schönheit und Güte auf den Menschen ausstrahlen, zeigt sich zugleich, indem so der Mensch zu seinem wahren Menschtum kommt, wie dasjenige, was früher auf ihn Einfluss gehabt hat — der gemischte König, der in chaotischer Weise aus den drei Substanzen zusammengemischt ist —, in sich zusammensinkt und kein Dasein mehr hat. Goethe will zeigen, wie nur durch ein ganz bestimmtes Verhältnis von Weisheit, Schönheit und Güte, oder — wie man auch anders sagen könnte — von Wissenschaft, Kunst und Religion, indem diese drei Weltoffenbarungen auf den Menschen wirken, das wahre Menschtum erreicht werden kann.
[ 12 ] If one tries to express in somewhat abstract terms what Goethe felt during this encounter between the fairy-tale characters—the beautiful Lily and the four kings—one must say: He wanted to show how the human soul, if it is to attain true humanity, must ultimately arrive at a certain relationship with what the golden king represents: knowledge, that which leads human beings to wisdom; how it must arrive at the silver king, who gives human beings beauty and artistic sensibility; and how it must arrive at that which is represented by the bronze king—the good, true, and devout action. Thus, for Goethe, humanity ultimately arrives at knowledge as it lives in science, at beauty as it lives in art, and at the good as it exists in religion. But as Goethe depicts how the three kings—this threefold world-being of wisdom—radiate beauty, and goodness—it becomes evident at the same time that, as humanity thus attains its true humanity, that which previously influenced it—the composite king, chaotically blended from the three substances—collapses within itself and ceases to exist. Goethe seeks to show how true humanity can be attained only through a very specific balance of wisdom, beauty, and goodness—or, as one might also put it, of science, art, and religion—as these three manifestations of the world act upon human beings.
[ 13 ] Was Goethe damit meint, es sollte eigentlich nicht in abstrakten Sätzen ausgedrückt werden; denn es stellt dar, man möchte sagen, die ganze Summe Goethe’schen Erlebens gegenüber der Weisheit oder Wissenschaft, gegenüber der Kunst oder Schönheit, gegenüber der Religion, wie sie sich in der Güte der Menschen äußert. Goethe musste den Versuch machen, in einzelnen Bildern dasjenige darzustellen, was Schiller mehr in abstrakten, philosophischen Ideen darstellte. Das allein ist schon bedeutsam. Es ist bedeutsam aus dem Grunde, weil aus seiner ganzen Zeitepoche heraus mit ihrem charakteristischen Geistesleben Goethe — ebenso wie Schiller — zu der Frage kam: Wie müssen sich Wissenschaft, Kunst und Religion in das Leben des Menschen einfügen? Und er fand keine Möglichkeit, dies anders auszudrücken als zunächst in märchenhafter Art. Dennoch sieht man: Für ihn handelte es sich um eine brennende Frage, ebenso wie es sich für Schiller um eine brennende Frage handelte. Schiller sah in dem bloß Erkennenden eine Karikatur des wahren Menschen. Goethe aber strebte eigentlich, seit er überhaupt zum wirklichen wachen Menschheitsbewusstsein gekommen war, immer danach, die Grundlagen des künstlerischen Wesens und künstlerischen Schaffens und die Bedeutung dieses künstlerischen Wesens und Schaffens für das Menschtum im Wesen der Welt selber zu suchen. Und man gelangt, ich möchte sagen zu außerordentlich intensiven Ideen und Empfindungen auf dem angedeuteten Gebiete, wenn man verfolgt, wie Goethe mit Herder zusammen intensiv die Philosophie Spinozas studiert, wie er Spinozas «Ethik» mit Herder zusammen liest, wie er aus dieser Ethik Vorstellungen darüber gewinnen will, wie die göttliche Notwendigkeit in ihrer Gesetzmäßigkeit durch die Welt waltet und webt. Gott gewissermaßen im Weltenwirken — das will Goethe in sich lebendig machen durch sein Spinoza-Studium. Er bleibt unbefriedigt im Grunde genommen. Und wie er unbefriedigt bleibt, kann man ja sehen aus den außerordentlich charakteristischen Aussprüchen an seine Freunde in den Briefen, die er von seiner italienischen Reise aus an seine weimarischen Freunde schrieb. Da fühlte er in Italien gegenüber denjenigen Kunstwerken, die ihm eine Vorstellung von dem Kunstwesen der Griechen gaben, wie er in einem Elemente war, das plötzlich anfing, ihn zu befriedigen. Wir lesen da in den Briefen, die er nach Weimar zurückschrieb, die Worte: Jetzt, diesen italienischen Kunstwerken gegenüber, bekomme ich ein Gefühl für griechische Kunst; ich habe die Vermutung, dass die Griechen beim Schaffen ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selbst verfährt, und denen ich auf der Spur bin. — Also Goethe glaubte zu erkennen: Da walten in der Natur die ewigen, ehernen Gesetze, die er fühlen wollte aus Spinozas Philosophie, die er dort aber nicht finden konnte, die er jedoch fühlte aus seinen eigenen Naturstudien, und die er dann heraufverfolgen konnte in seine Kunst, um Wissenschaft und Kunst in einer Einheit zu empfinden. Er konnte erst diese Einheit dort empfinden, wo er glaubte, das Wesen der griechischen Kunst anzuschauen. Er glaubte, dass die Griechen sich mit ihrem Wesen tief eingelebt haben in Sinn und Wesen der Naturnotwendigkeit, dass sie diesen Sinn und dieses Wesen heraufgehoben haben in ihren Kunstwerken, aber so, dass in diesen Kunstwerken — aber in umgewandelter Form — dasselbe lebt, was sonst nur innerhalb der Natur wirksam ist. Indem Goethe dies empfand, indem er die Notwendigkeit des künstlerischen Schaffens an dem empfand, was er sich jetzt als griechische Kunst vorstellte, kam er zu dem erschütternden Ausspruch, den er nun wieder seinen Weimarer Freunden schrieb, stehend vor den Kunstwerken, die er damals sehen konnte: «Da ist Notwendigkeit, da ist Gott!»
[ 13 ] What Goethe means by this should not really be expressed in abstract sentences; for it represents, one might say, the very sum total of Goethe’s experience in relation to wisdom or science, to art or beauty, and to religion as it manifests itself in human goodness. Goethe had to attempt to portray in individual images what Schiller portrayed more in abstract, philosophical ideas. That alone is significant. It is significant because, emerging from his entire era with its characteristic intellectual life, Goethe—just like Schiller—came to the question: How must science, art, and religion fit into human life? And he found no way to express this other than, at first, in a fairy-tale-like manner. Nevertheless, it is clear that for him this was a burning question, just as it was for Schiller. Schiller saw in the mere knower a caricature of the true human being. Goethe, however, ever since he had truly arrived at a genuine, awakened consciousness of humanity, had always strived to seek the foundations of artistic being and artistic creation—and the significance of this artistic being and creation for humanity—in the very essence of the world itself. And one arrives—I would say—at extraordinarily intense ideas and feelings in the realm I have indicated when one follows how Goethe, together with Herder, intensively studied Spinoza’s philosophy, how he read Spinoza’s *Ethics* together with Herder, and how he sought to gain insights from this *Ethics* into how divine necessity, in its lawfulness, reigns and weaves its way through the world. God, so to speak, at work in the world—this is what Goethe seeks to bring to life within himself through his study of Spinoza. Deep down, he remains unsatisfied. And just how unsatisfied he remains can be seen from the extraordinarily characteristic remarks he made to his friends in the letters he wrote from his Italian journey to his friends in Weimar. There in Italy, faced with works of art that gave him a sense of the Greek artistic spirit, he felt as though he were in an element that suddenly began to satisfy him. In the letters he wrote back to Weimar, we read the following words: “Now, in the presence of these Italian works of art, I am developing a sense for Greek art; I suspect that the Greeks, in creating their works of art, followed the same laws that nature itself follows—and which I am on the trail of.” — Thus, Goethe believed he had recognized: That in nature there reign the eternal, ironclad laws which he had sought to sense in Spinoza’s philosophy—but could not find there—which he nevertheless sensed through his own studies of nature, and which he was then able to trace into his art, in order to perceive science and art as a unity. He could only perceive this unity where he believed he was beholding the essence of Greek art. He believed that the Greeks, through their very nature, had deeply immersed themselves in the meaning and essence of natural necessity, that they had elevated this meaning and this essence into their works of art, but in such a way that within these works of art—albeit in a transformed form—lives the very same force that is otherwise active only within nature. As Goethe sensed this—as he perceived the necessity of artistic creation in what he now conceived of as Greek art—he arrived at the stirring declaration that he then wrote to his friends in Weimar, standing before the works of art he was able to see at that time: “There is necessity; there is God!”
[ 14 ] Wir sehen bei Goethe den Weg: Er suchte erkenntnismäßig aus der Philosophie Spinozas Notwendigkeit, göttliche Gesetzmäßigkeit im Weltenwesen; er stellte sich hin vor die Kunstwerke, die er als die vollkommensten ansah, er empfand aus ihnen heraus das, wonach er mit allen Fasern seines Seelenwesens strebte. Diesen Kunstwerken gegenüber erlebte er das, was er als Empfinden des Göttlichen fühlte. Wir sehen aber daraus auch, dass Goethe die Kunst nicht einfach als eine bloße beliebige Zugabe zum Leben auffassen konnte, sondern dass er durchaus danach strebte zu erkennen, wie die Kunst in ihren Gestaltungen tief begründet ist in den Weltenwurzeln. Und vielleicht ist ganz besonders charakteristisch ein Goethe’scher Ausspruch, der, ich möchte sagen ganz tief hineinführt in das, was Goethe auf diesem Gebiete erlebte und empfand. Er verwahrte sich einmal dagegen — das können Sie in seinen «Sprüchen in Prosa» nachlesen —, von der «Idee des Wahren», von der «Idee des Guten», von der «Idee der Schönheit» zu sprechen. Er sagte: Es gibt nur eine Idee, und die lebt in nichts anderem als in der wahrgenommenen umfassenden Geistigkeit, als die Form, in der sie dem Menschen erscheinen kann. — Von dieser Idee sagt er, sie könne sich einmal ausleben als Wahrheit, einmal als Schönheit, einmal als Güte. Goethe wollte gewissermaßen in den Weltenwurzeln, im Weltenwesen dasjenige begründet haben, was er künstlerisch gestaltet; er wollte das, was der Künstler gestaltet, nicht nur der freien menschlichen Willkür entsprossen haben, sondern der Mensch als freier Künstler sollte zu gleicher Zeit drinnenstehen im Weltenwesen. Und so war es, dass nicht nur die Frage nach wahrem Menschtum sich für ihn an der Frage der Kunst entwickelte, sondern auch die andere Frage: Wie waltet das Wesen der Welt im Menschen, wenn er wahrhaft Künstler ist? Wie wirken die Weltgesetze im schöpferischen, im freien künstlerischen Menschen weiter?
[ 14 ] We see the path in Goethe: Intellectually, he sought in Spinoza’s philosophy the necessity of divine lawfulness in the nature of the world; he stood before the works of art that he regarded as the most perfect, and from them he sensed what he longed for with every fiber of his being. In the presence of these works of art, he experienced what he perceived as a sense of the divine. But we also see from this that Goethe could not simply regard art as a mere arbitrary addition to life, but that he genuinely strove to recognize how art, in its forms, is deeply rooted in the foundations of the universe. And perhaps a statement by Goethe is particularly characteristic—one that, I would say, leads quite deeply into what Goethe experienced and felt in this realm. He once objected—as you can read in his *Prose Sayings*—to speaking of the “idea of the true,” the “idea of the good,” or the “idea of beauty.” He said: There is only one Idea, and it lives in nothing other than the perceived, all-encompassing spirituality—the form in which it can appear to human beings. — He says that this Idea can manifest itself at times as truth, at times as beauty, and at times as goodness. Goethe wanted, so to speak, to ground in the roots of the world, in the essence of the world, that which he shaped artistically; he did not want what the artist creates to have sprung solely from free human whim, but rather for the human being, as a free artist, to be simultaneously immersed in the essence of the world. And so it was that not only did the question of true humanity develop for him from the question of art, but also the other question: How does the essence of the world operate within a human being when he is truly an artist? How do the laws of the world continue to operate within the creative, free artistic human being?
[ 15 ] Was ich so angeführt habe, das wollte ich nur aus dem Grunde hier besprechen, weil man daraus sieht, wie bei Goethe und Schiller im Geistesleben der neueren Zeit herauftaucht die ganze Tiefe der Frage nach der Harmonisierung von Wissenschaft, Kunst und Religion im Wesen des Menschen selber. Ich glaube, dass gerade derjenige, der sowohl unbefangen wie innig hingebungsvoll vor Goethes und Schillers Geistesart steht, diese Frage empfinden muss, die Frage nach der Harmonisierung von Wissenschaft, Kunst und Religion. Denn diese beiden hervorragenden Genien der Menschheit betrachteten es als eine ihrer wichtigsten Lebensfragen, zu ergründen, wie das Weltenwesen ein einheitliches ist, welches Verhältnis der Mensch zu diesem Weltenwesen gewinnt, wenn er erkenntnismäßig tätig ist, wenn er künstlerisch tätig ist und wenn er in religiösem Wirken ist. Nun allerdings, die tiefste Anregung, möchte ich sagen zu einer richtigen, zu einer intensiv tiefen Stellung dieser Frage kann man aus Goethe und Schiller schöpfen. Aber zu leugnen wird doch nicht sein, dass wir uns in einer Zeitepoche, die wiederum so lange hinter Goethe und Schiller liegt, auf der anderen Seite auch frei gegenüberstellen müssen demjenigen, was ihnen als eine bedeutsame Menschheitsfrage aufgegangen ist. Und so erschien mir gerade aus einer tieferen, aus einer wirklich — ich darf es sagen, ohne unbescheiden zu sein — hingebungsvollen Betrachtung Goethes und Schillers die Menschheitsfrage als Freiheitsfrage damals, als ich daranging, meine «Philosophie der Freiheit» zu verfassen. Es konnte mir doch nicht einleuchten, dass der Mensch ein wirklich freies Wesen nur ist, indem er im Künstlerischen lebt. Was Schiller geltend machte, das ist allerdings der Fall: dass man beim erkenntnismäßigen Betrachten der Welt der Vernunftnotwendigkeit, also gewissermaßen einem geistigen Zwang folgen muss. Allein etwas anderes liegt vor: Wenn man dieser Vernunftnotwendigkeit folgt, wenn man sich in diesem Sinne wissenschaftlicher Betrachtung hingibt, dann lebt man ja in dem, was man von der Natur, von der Welt überhaupt, und seien es auch die Ideen der Naturgesetze, in Ideen erfährt.
[ 15 ] I wanted to discuss what I have just mentioned here simply because it shows how, in the intellectual life of the modern era, as exemplified by Goethe and Schiller, the full depth of the question regarding the harmonization of science, art, and religion within human nature itself comes to the fore. I believe that it is precisely those who approach the spirit of Goethe and Schiller with both an open mind and deep devotion who must feel this question—the question of the harmonization of science, art, and religion. For these two outstanding geniuses of humanity regarded it as one of the most important questions of their lives to fathom how the universe is a unified whole, and what relationship human beings establish with this universe when they are engaged in intellectual activity, when they are engaged in artistic activity, and when they are engaged in religious activity. Now, however, I would say that the deepest inspiration for a proper, intensely profound approach to this question can be drawn from Goethe and Schiller. But it cannot be denied that, in an era that lies so far behind Goethe and Schiller, we must also freely confront what they perceived as a significant question for humanity. And so, precisely from a deeper, from a truly—I may say this without being immodest—devoted contemplation of Goethe and Schiller, the question of humanity appeared to me as a question of freedom at the time when I was setting out to write my *Philosophy of Freedom*. After all, it did not make sense to me that human beings are truly free beings only insofar as they live in the realm of art. What Schiller asserted is indeed the case: that in the cognitive contemplation of the world, one must follow the necessity of reason—that is, a kind of intellectual compulsion. But there is something else at work here: When one follows this rational necessity, when one devotes oneself to scientific observation in this sense, then one lives, after all, in what one experiences as ideas—be it nature, the world in general, or even the ideas of the laws of nature.
[ 16 ] Mit dem lebt man in Bildern, und man fühlt, dass man eigentlich nichts in der Natur ergründen kann, wenn man nicht die freie innerliche menschliche Tätigkeit walten lässt, und dass, wenn auch die Naturnotwendigkeit uns zwingt, sie uns doch nicht zur Tätigkeit zwingen kann, sondern dass man die Tätigkeit frei aufnehmen muss. Man fühlt das Bildhafte dessen, was Natur und Welt immer sind, und man fühlt dann im Erkennen ganz besonders seine freie Menschennatur. Das wollte ich darstellen in meiner «Philosophie der Freiheit». Wenn man zu wirklichen Impulsen des moralischen Handelns heraufrückt, und wenn diese Impulse des moralischen Handelns reines Denken werden, denn lebt der Mensch wiederum, veranlasst zu seinem Handeln, in Bildern. Wir fühlen die Bildnatur in unserem Erkennen, und bringen wir unsere Moralität an dieselbe Bildnatur heran, dann fühlen wir uns in der Freiheit. Das ist es ja auch, wodurch eigentlich erst in demjenigen Zeitalter der Mensch in seiner Entwicklung zur Freiheit gekommen ist, in dem die Wissenschaft im neueren Sinne heraufgezogen ist.
[ 16 ] With this, one lives in images, and one feels that one cannot truly fathom anything in nature unless one allows free inner human activity to take its course, and that, even if natural necessity compels us, it cannot force us into action, but rather that one must freely embrace that activity. One senses the imagery inherent in what nature and the world always are, and one then feels, in the act of cognition, one’s free human nature in a very special way. That is what I sought to portray in my *Philosophy of Freedom*. When one rises to the true impulses of moral action, and when these impulses of moral action become pure thought, then human beings once again live—moved to action—in images. We feel the pictorial nature of our cognition, and when we bring our morality into contact with this same pictorial nature, we feel ourselves to be in freedom. This is, in fact, what first enabled human beings to attain freedom in their development—namely, in the very age in which science, in the modern sense, emerged.
[ 17 ] Erst das Leben in demjenigen, was eigentlich nicht in die Natur untertaucht, daher auch gegenüber der Natur seine Grenze hat, erst das Leben in der Gedankenmäßigkeit, in der Bildhaftigkeit befreit den Menschen vor denjenigen Notwendigkeiten, in die er als Naturwesen hineingestellt ist, und dann erst konnte die wissenschaftliche Tätigkeit die Möglichkeit voller innerer Freiheit haben, als sie die Menschen wirklich zum inneren BildErleben brachte. Bildern gegenüber kann man nicht unfrei sein. Man kann, wenn man irgendwelchen anderen Kräften gegenübersteht, zu seinen Handlungen physisch, seelisch, geistig gestoßen oder gedrängt werden. Veranschaulichen Sie sich, ob Sie durch ein bloßes Bild — man vergleiche dabei die Gedankenbilder mit den Sprachbildern — zu irgendetwas veranlasst werden können, sie sind kraft- und machtlos. Und so sind unsere Bilder in moralischer Beziehung kraft- und machtlos. Gehen wir aber von den bloßen Bildern aus, so sind wir im moralischen Handeln freie Menschen. Man muss also sagen, nicht nur im ästhetischen Zustande, sondern auch dann ist der Mensch ein wirklich freies Wesen, wenn er sich mit seiner Moralität heraufhebt zu solchen Höhen, in denen er walten kann, wenn er sich einer wirklich freien Erkenntnistätigkeit hingibt.
[ 17 ] Only life within that which does not actually submerge itself in nature—and therefore also has its limits in relation to nature—only life within the realm of thought and imagery frees human beings from the necessities into which they are placed as natural beings; and only then could scientific activity possess the possibility of full inner freedom as it truly led human beings to the inner experience of images. One cannot be unfree in the presence of images. When confronted with any other forces, one can be physically, emotionally, or spiritually driven or compelled to act. Consider whether a mere image—compare here mental images with linguistic images—can prompt you to do anything; they are powerless and lack force. And so our images are powerless and lack force in a moral sense. But if we proceed from mere images, we are free human beings in our moral actions. It must therefore be said that human beings are truly free beings not only in the aesthetic state, but also when they elevate themselves through their morality to such heights that they can exercise their will, when they devote themselves to a truly free activity of cognition.
[ 18 ] So wird notwendig, die innere Harmonisierung von Erkenntnis, Kunst und Religion im Nach-Goethe’schen Zeitalter in einer neueren Weise zu suchen. Und Anthroposophie, die nicht bloß irgendeine theoretische, abgezogene Weltanschauung sein will, sondern die ein geistiger Inhalt sein will, der auf den ganzen, auf den vollen Menschen wirkt, weil er dem ganzen, vollen Menschen auch entnommen ist und ihm entströmt, Anthroposophie muss vor allen Dingen darauf bedacht sein, dasjenige, was sie geben kann, in Beziehung zu bringen zum Erkennen sowohl wie zum künstlerischen Schaffen, wie auch zum religiösen Erleben. Dazu aber führt, möchte ich sagen nicht irgendeine Verkünstelung des anthroposophischen Weges, sondern es führt dieser anthroposophische Weg wie selbstverständlich dazu, und indem man sich auf anthroposophischen Boden stellt, kann man voll im Einklange sein gerade mit der besonderen Art der Fragestellung auf diesem Gebiete, wie sie bei Schiller und Goethe aufgetreten ist.
[ 18 ] It thus becomes necessary to seek, in a new way, the inner harmonization of knowledge, art, and religion in the post-Goethean era. And anthroposophy, which does not merely seek to be some abstract, detached worldview, but rather aims to be a spiritual content that affects the whole, complete human being—because it is drawn from and flows from the whole, complete human being— Anthroposophy must, above all, be concerned with relating what it has to offer to knowledge as well as to artistic creation and religious experience. However, I would like to say that this is not achieved through some artificial embellishment of the anthroposophical path; rather, the anthroposophical path leads to this quite naturally, and by standing on anthroposophical ground, one can be fully in harmony precisely with the particular way of posing questions in this field, as it appeared in the works of Schiller and Goethe.
[ 19 ] Sehr verehrte Anwesende, ich muss da etwas heranziehen, was allerdings zu den Elementen anthroposophischer Forschung gehört, was ich aber doch wenigstens mit einigen Strichen skizzieren möchte, um daran zu zeigen, wie nicht durch irgendein verkünsteltes Ausdenken, sondern in einer ganz selbstverständlichen Weise die Anthroposophie zu einer Harmonisierung von Erkenntnis, Kunst und Religion kommt.
[ 19 ] Ladies and gentlemen, I must refer to something here that, while it belongs to the realm of anthroposophical research, I would nevertheless like to sketch out in broad strokes to demonstrate how anthroposophy achieves a harmonization of knowledge, art, and religion—not through some contrived intellectual construct, but in a completely natural way.
[ 20 ] Wenn man kennzeichnen will, wie Anthroposophie vorgeht, wird ja notwendigerweise immer darauf hingewiesen, wie in der Seele schlummernde Erkenntniskräfte, die im gewöhnlichen Leben des Menschen und in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht tätig sind, entwickelt werden müssen durch gewisse intime Seelenübungen, und es wird auch in der mannigfaltigsten Weise über die Bedeutung solcher Seelenübungen für das menschliche Leben gesprochen werden müssen. Hier möchte ich jetzt nur andeuten, dass diese Seelenübungen in Meditation, Konzentration bestehen, aber in ganz anderer Art, als sie einmal im Orient gepflegt worden sind; in solchen Meditationen und Konzentrationen, wo gerade die Gedankenpflege in einer ganz besonderen Weise vorgenommen wird, werden die Gedanken lebendiger, intensiver gemacht; man kommt durch besondere Übungen dazu, nicht in den bloß schattenhaften Gedanken zu leben, wie in der gewöhnlichen Wissenschaft, sondern in solchen erkrafteten Gedanken so zu leben, wie man sonst nur in der äußeren Sinneserfahrung lebt, wo man mit seinen Augen und Ohren den Sinneserlebnissen hingegeben ist. Darin besteht das Wesen der Meditation, dass man in einer intensiven Weise, wie man niemals sonst im bloßen Denken lebt, hingegeben ist an das Vorstellungsleben. Dadurch werden die Gedanken lebendig. Man fühlt, wie man allmählich loskommt von den physischen Bedingungen des Denkens und gewissermaßen lernt, leibfrei zu denken. Das Denken wird, aber ohne dass es pathologisch wird, innerlich voller, wird intensiver. Man kommt zu Bildern. Dasjenige tritt ein, was ich in meinen Schriften genannt habe das imaginative Erkennen. Durch dasselbe gelangt man ja zu den ersten bedeutsamen Ergebnissen anthroposophischer Weltanschauung.
[ 20 ] When one wishes to describe how anthroposophy proceeds, one must necessarily always point out how the powers of knowledge that lie dormant in the soul—and which are not active in ordinary human life or in conventional science—must be developed through certain intimate soul exercises; and one must also speak in the most varied ways about the significance of such soul exercises for human life. Here I would like merely to suggest that these soul exercises consist of meditation and concentration, but of a completely different kind than those once practiced in the East; in such meditations and concentrations, where the cultivation of thought is carried out in a very special way, thoughts are made more vivid and intense; through special exercises, one comes to live not in mere shadowy thoughts, as in ordinary science, but to live in such invigorated thoughts just as one otherwise lives only in external sensory experience, where one is absorbed in sensory perceptions through one’s eyes and ears. This is the essence of meditation: that one is immersed in the life of the imagination in an intense way, unlike any other form of mere thinking. Through this, thoughts come alive. One feels how one gradually breaks free from the physical conditions of thinking and, in a sense, learns to think without the body. Thinking becomes, without becoming pathological, more inwardly rich and more intense. One arrives at images. What I have called in my writings “imaginative cognition” comes into play. Through this, one arrives at the first significant results of the anthroposophical worldview.
[ 21 ] Wenn man in dieser Weise eine Zeit lang sein Denken erkraftet hat, sodass es intensiver und lebendiger geworden ist und jetzt nicht mehr den Körper braucht, um eine Unterstützung zu haben, dann erlebt man ja jetzt nicht mehr in seinen Gedanken ein bloßes Erinnerungstableau, sondern eine Überschau über das Walten von Kräften in uns, die deshalb in uns sind, weil wir ein Erdenmensch sind; in der Anschauung haben wir ein Tableau vor uns, indem wir sehen [wie] das Gedankenleben intensiv geworden, verwandt geworden [ist] mit dem, was in uns als Wachstumskräfte wirkt, was selbst als Kräfte des Stoffwechsels in uns wirkt. Wir lernen erkennen, dass außer unserem physischen Leibe, der im Raume bereits ist, ein Zeitleib, ein Bildekräfteleib in uns ist, der unseren physischen Leib durchdringt und der in immerwährender Bewegung ist. Wir durchschauen in einem einzigen Tableau diesen Bildekräfteleib. Und indem wir uns so dazu aufschwingen, das erste Übersinnliche der menschlichen Wesenheit in diesem Bildekräfteleib kennenzulernen, lernen wir ein Denken kennen, das viel lebendiger ist als das gewöhnliche, abstrakte Denken, sodass man dadurch auch zu einem Miterleben aller derjenigen Realitäten kommt, wo die Zeitgedanken überfließen in das organische Wachstum. Man sieht hinein in das Walten eines Geistleibes, der uns durchdringt seit unserer Geburt. Indem man sich dazu aufschwingt, kommt man darauf, ganz besonders deutlich auf diejenige Epoche in unserer Menschheitsentwicklung hinzuschauen, die sonst immer außerhalb unseres Bewusstseins liegt. Im gewöhnlichen Leben erinnern wir uns an unsere frühere Kindheit zurück bis zu einem gewissen Punkte. Vor diesem Punkte bis zur Geburt liegt eine Zeit, die uns etwa dem Erdenleben gegenüber ebenso dunkel ist wie die Erlebnisse der Seele im Schlafzustande.
[ 21 ] Once one has strengthened one’s thinking in this way for some time, so that it has become more intense and vivid and no longer needs the body for support, then one no longer experiences in one’s thoughts a mere tableau of memories, but rather an overview of the workings of forces within us that are present precisely because we are earthly human beings; in this vision, we have a tableau before us in which we see [how] our thought life has become intense, has become connected [with] what acts within us as forces of growth—forces that themselves act within us as metabolic forces. We come to recognize that, in addition to our physical body, which already exists in space, there is a body of time, a body of formative forces within us that permeates our physical body and is in perpetual motion. We perceive this body of formative forces in a single tableau. And as we thus elevate ourselves to become acquainted with the first supersensible aspect of the human being in this body of formative forces, we come to know a form of thinking that is far more alive than ordinary, abstract thinking, so that through it we also come to share in the experience of all those realities where temporal thoughts flow into organic growth. We gain insight into the workings of a spiritual body that has permeated us since our birth. By rising to this level, we come to look with particular clarity at that epoch in our human development that otherwise always lies outside our consciousness. In ordinary life, we recall our early childhood back to a certain point. Before this point, up to birth, lies a time that is about as obscure to us in relation to earthly life as the soul’s experiences during sleep.
[ 22 ] Eine Art Schlafzustand gibt sich uns, rückwärts geschaut von dem Punkte, von dem ab wir uns erinnern, bis zur Geburt, in diesem Zeitraume unseres Lebens kund. Diese Epoche unseres Erdenlebens, sie beginnt in ihrer Wesenheit aufzuleuchten vor der imaginativen Erkenntnis, vor diesem Hineinschauen in die geistige Welt. Ich möchte sagen, neben dem, was so als Erkenntnis erlebt wird, dass in uns ein Geistleib, ein Bildekräfteleib waltet, neben diesem bekommt man den großen, gewaltigen, erschütternden Eindruck von dem, was da in uns gewaltet hat in unseren ersten Kinderjahren, seit wir durch die Geburt in die physische Erdenwelt eingetreten sind. Da haben am intensivsten diejenigen Kräfte gewaltet, die aus der Weisheit der Welt heraus unser Gehirn so plastisch gestalten, dass es zum Werkzeug der Weisheit werden kann; da haben vom Gehirn nach dem übrigen Organismus hin die plastischen Kräfte gestaltend gewirkt. Indem wir uns aufschwingen zur Erkenntnis des Bildekräfteleibes, erfahren wir, was in den allerersten Kinderjahren gewaltet und gewebt hat, und wie alles, was einmal im Menschenleben wirkt, wenn es sich auch für andere Epochen abschwächt, doch später wieder auftritt. So ist das, was in den ersten Kinderjahren wirkt, in diesen Jahren ganz besonders, am intensivsten auf die Gestaltung des Menschen wirksam; es ist später auch wirksam, aber dann nur leise, während es in den ersten Kindesjahren kräftig, gewaltig wirksam ist. Und wir lernen hinschauen auf die Kräfte, die so in den ersten Kinderjahren walten, wo der Mensch eben die Säuglingszeit überwunden hat und noch besonders der Pflege der Außenwelt bedarf; wir lernen hinschauen, wie er da aus dem ersten Erdenschlafe, traumwebend, den physischen Menschenorganismus gestaltet; wir lernen hinschauen auf etwas, was nun den Eindruck auf uns macht, dass es künstlerisch größer, erhabener ist als alles, was wir an Kunst in der Welt entwickeln können. Und indem wir darauf hinblicken, lernen wir erkennen, worin eigentlich das Wesen der künstlerischen Phantasie, auch das Wesen des künstlerischen Genießens besteht. Jetzt lernen wir erst den realen Zusammenhang des späteren Menschenlebens mit dem früheren kennen, lernen ihn erkennen in dem künstlerischen Schaffen und im künstlerischen Genießen.
[ 22 ] A kind of sleep-like state reveals itself to us when we look back from the point at which our memories begin all the way back to birth, during this period of our lives. This epoch of our earthly life begins to dawn in its essence before imaginative insight, before this gaze into the spiritual world. I would like to say that, alongside what is experienced as insight—that a spiritual body, a body of formative forces, reigns within us—one also receives the great, powerful, and profound impression of what has been at work within us during our earliest childhood years, ever since we entered the physical world through birth. It was then that the forces were at work most intensely—those that, drawing from the wisdom of the world, shape our brain so plastically that it can become an instrument of wisdom; it was then that these plastic forces worked formatively from the brain out into the rest of the organism. As we rise to the knowledge of the body of formative forces, we experience what was at work and weaving itself together in the very earliest years of childhood, and how everything that once acts in human life—even if it weakens during other epochs—reappears later. Thus, what acts in the earliest years of childhood has a particularly intense effect on the shaping of the human being during those years; it remains active later on, but only faintly, whereas in the earliest years of childhood it is powerfully and mightily active. And we learn to observe the forces that are at work in these earliest years, when the human being has just emerged from infancy and still requires special care from the outside world; we learn to observe how, emerging from the first earthly sleep and weaving dreams, the human being shapes the physical organism; we learn to observe something that now strikes us as artistically greater and more sublime than anything we can develop as art in the world. And as we gaze upon this, we learn to recognize what actually constitutes the essence of artistic imagination, as well as the essence of artistic appreciation. Only now do we come to know the real connection between later human life and earlier life, learning to recognize it in artistic creation and in artistic appreciation.
[ 23 ] In unmittelbarer Anschauung ergibt sich so, wenn wir ein Künstlergenie betrachten, dass dieses Genie eben mehr von dieser ersten Kindheitsepoche hineinstrahlen hat in das spätere Leben als irgendein unkünstlerischer Mensch. Ebenso hat ein Mensch, der besonders gut künstlerisch genießen kann, mehr von diesen Kräften in sein Leben hineinstrahlen als ein abstrakt veranlagter, ein Stumpfling. Wir lernen, ohne dass ich damit irgendwie sophistisch werden möchte, einen biblischen Spruch in der folgenden Form anwenden: Ehe ihr nicht erkennen lernt die Bedeutung des ersten Kindlichen, könnt ihr nicht kommen in das Reich des künstlerischen Erlebens. — Es gießt sich einfach in das künstlerische Leben das allererste Leben mit seinen besonderen organischen Kräften aus. Deshalb fühlt man die Kunst als ein so belebendes Element in der ganzen menschlichen Wesenheit, weil die Kunst in uns das lebendig macht, was stärkstes Leben im Ausgangspunkte unseres irdischen Daseins war.
[ 23 ] When we observe an artistic genius, it becomes immediately apparent that this genius has more of that early childhood period radiating into his later life than any non-artistic person. Likewise, a person who is particularly capable of artistic enjoyment has more of these forces radiating into their life than someone with an abstract disposition—a dullard. Without wishing to sound sophistical in any way, we learn to apply a biblical saying in the following form: Until you come to recognize the significance of early childhood, you cannot enter the realm of artistic experience. — The very first life, with its special organic forces, simply pours itself into artistic life. That is why we feel art as such a life-giving element in the whole of human being—because art brings to life within us what was the strongest life at the very beginning of our earthly existence.
[ 24 ] So möchte ich sagen: Ganz selbstverständlich ergeben sich die Urkräfte des künstlerischen Wirkens im Menschen, wenn wir in der Anthroposophie — rein erkennend — aufsteigen zum ersten Übersinnlichen, zum Bildekräfteleib des Menschen, zur imaginativen Erkenntnis. Und wenn wir dann zur nächsten Erkenntnisstufe aufsteigen wollen, so müssen wir sie ja in der folgenden Weise ausbilden. Die erste, imaginative Stufe bilden wir dadurch aus, dass wir gewisse Vorstellungen meditativ als Konzentrationen immer wieder und wieder in den Mittelpunkt unseres Vorstellens setzen und dadurch unsere Denkkräfte lebendig machen. Wir müssen aber auch die entgegengesetzte Tätigkeit entfalten. Wir müssen dazu kommen, Vorstellungen, auf die wir zuerst alle Aufmerksamkeit verwendet haben, sodass sie in einer gewissen Weise in unserem Bewusstsein haften möchten, nun wieder aus dem Bewusstsein fortzuschaffen, sodass wir in die Lage kommen, ein völlig leeres Bewusstsein herzustellen. Diese Herstellung eines leeren Bewusstseins ist der zweite wichtige Akt auf dem Wege zur übersinnlichen Erkenntnis.
[ 24 ] I would like to say this: The primal forces of artistic creation arise quite naturally within the human being when, through anthroposophy—purely through cognition—we ascend to the first supersensible realm, to the human being’s body of formative forces, to imaginative cognition. And if we then wish to ascend to the next level of knowledge, we must develop it in the following way. We develop the first, imaginative level by repeatedly placing certain images meditatively—as concentrations—at the center of our imagination, thereby enlivening our powers of thought. But we must also develop the opposite activity. We must learn to remove from our consciousness the images to which we have initially directed all our attention—so that they might, in a certain sense, remain fixed in our consciousness—thereby enabling us to create a completely empty consciousness. This creation of an empty consciousness is the second important step on the path to supersensible knowledge.
[ 25 ] Wenn wir dieses leere Bewusstsein aber so weit entfaltet haben, dass wir wachend wissen: wir haben jetzt nichts im Bewusstsein, weder von äußeren Eindrücken noch von inneren Erinnerungsvorstellungen, wir haben das Bewusstsein vollständig leer gemacht, dann dringt eine geistige Welt, die uns bisher unbekannt ist, in dieses Bewusstsein ein, wir machen so die Bekanntschaft mit einer geistigen Welt, wie wir durch unsere äußeren Sinne und durch das gewöhnliche Bewusstsein die Bekanntschaft mit der gewöhnlichen Welt machen. Es tritt die inspirierte Erkenntnis ein und damit das zweite Ergebnis der anthroposophischen Forschung. Wir können jetzt auch den ganzen Bildekräfteleib, alles, was besonders dasjenige organisiert, aus dem wir zuletzt die Empfindung des Künstlerischen gewinnen können, wir können es unterdrücken, können ein leeres Bewusstsein herstellen gegenüber dem Bildekräfteleib. Dann aber haben wir das Wesen unseres Geistig-Seelischen vor unserem Seelenauge, wie es war, bevor wir durch die Geburt oder, sagen wir, durch die Konzeption mit diesem GeistigSeelischen aus einer geistig-seelischen Welt in die irdische Welt heruntergestiegen sind, bevor wir durch unsere Eltern Fleisch und Blut angenommen haben. Wir lernen jetzt die Ewigkeit der Menschenseele erkennen — nach der einen Seite hin, nach der Seite der Ungeborenheit.
[ 25 ] But once we have developed this empty consciousness to the point where we know, while awake: we now have nothing in our consciousness—neither external impressions nor internal memories—and we have made our consciousness completely empty, then a spiritual world hitherto unknown to us enters this consciousness; we thus become acquainted with a spiritual world in the same way that we become acquainted with the ordinary world through our external senses and ordinary consciousness. Inspired insight sets in, and with it the second result of anthroposophical research. We can now also suppress the entire body of formative forces—everything that particularly organizes that from which we can ultimately derive our sense of the artistic—and create an empty consciousness in relation to the body of formative forces. But then we have the essence of our spiritual-soul nature before our soul’s eye, as it was before we descended with this spiritual-soul nature from a spiritual-soul world into the earthly world through birth or, let us say, through conception, before we took on flesh and blood through our parents. We are now learning to recognize the eternity of the human soul—on one side, on the side of pre-birth.
[ 26 ] Wir lernen aber auch, wenn wir unsere Gefühle und Empfindungen nach dem hinwenden, was sich uns so als Anschauung des geistig-seelischen ewigen Wesens ergibt, jetzt erkennen, wie diese Menschenseele vor ihrem Erdendasein in einer rein geistig-göttlichen Umgebung lebte, wie gewissermaßen Gotteskräfte sie in ihrem Dasein durchstrahlten, wie hier Naturkräfte im Erdendasein. Wie von den Stoffen und Kräften, die wir im Erdendasein aufnehmen, jene Kräfte ausgehen, die wiederum in unserem Organismus leben, so leben die göttlich-geistigen Lichtesstrahlen in unserem geistig-seelischen Dasein, bevor wir in das irdische Leben hinunterdringen. Wir sind dort durchdrungen von den göttlichen Kräften, wie wir hier im physischen Erdenleben von Naturkräften durchdrungen sind.
[ 26 ] But we also learn—when we direct our feelings and sensations toward what presents itself to us as a vision of the eternal spiritual-soul nature—to recognize how this human soul lived in a purely spiritual-divine environment before its earthly existence, how, in a sense, divine forces radiated through it in its existence, just as natural forces do here in earthly existence. Just as the substances and forces we take in during our earthly existence give rise to those forces that in turn live within our organism, so do the divine-spiritual rays of light live within our spiritual-soul existence before we descend into earthly life. There we are permeated by divine forces, just as we are permeated by natural forces here in our physical earthly life.
[ 27 ] Wir können durchaus bei bloßer anthroposophischer Geisteswissenschaft stehen bleiben; dann kommen wir zum Bildekräfteleib. Wir können aber auch unser Gefühl, unser Herzensleben an das wenden, was uns die Erkenntnis dieses Bildekräfteleibes gibt; dann tritt uns die Lebendigkeit von der ganzen menschlichen Tragweite dessen entgegen, was in den ersten Jahren unseres Daseins wie ein traumhaftes, wie ein schlafendes Leben uns durchsetzt, was aber wirkt in der Gestaltung unseres physischen Leibes. Ebenso können wir rein erkenntnismäßig-wissenschaftlich stehen bleiben bei der Anschauung des Geistig-Seelischen in uns, wie es durchdrungen ist von göttlich-geistigen Kräften vor dem irdischen Dasein. Wir können uns aber diesem Wesen selbst zuwenden und unsere Gefühlswelt dem zuwenden; dann lernen wir erkennen, was diese Seele damals innerlich erlebte. Sie erlebte den Drang, mit den göttlich-geistigen Kräften, die sie umgaben, zu umfassen das irdische Dasein.
[ 27 ] We can certainly limit ourselves to anthroposophical spiritual science alone; in that case, we arrive at the body of formative forces. But we can also turn our feelings, our inner life, toward what the knowledge of this body of formative forces gives us; then we are met by the vitality of the full human scope of that which, in the first years of our existence, permeates us like a dreamlike, sleeping life, yet which works in the formation of our physical body. Likewise, we can remain purely at the level of intellectual-scientific understanding when contemplating the spiritual-soul aspect within us, as it is permeated by divine-spiritual forces prior to earthly existence. But we can turn our attention to this being itself and direct our emotional world toward it; then we learn to recognize what this soul experienced inwardly at that time. It experienced the urge to embrace earthly existence together with the divine-spiritual forces that surrounded it.
[ 28 ] Der Grund, warum die Seele sich in den irdischen Leib versenkt hat, ist, sich zu verbinden durch das Göttlich-Geistige mit dem Physischen. Dieser Grund ist kein anderer als der, der im schattenhaften Nachbilde im Erdendasein lebt im religiösen Gefühl, in der religiösen Frömmigkeit. Haben wir die religiöse Frömmigkeit — wir lassen uns vielleicht nicht darauf ein, was Anschauung dieses Seelenhaften ist, bevor es in das irdische Leben heruntergestiegen ist, welches diejenigen Gefühls- und Empfindungskräfte sind, nach denen die Seele strebte, um das Göttlich-Seelische hineinzuleben in das irdische Dasein, das heißt als sie nach der physischen Verkörperung strebte; aber wenn wir uns diese Kräfte im nachklingenden Erdenbilde denken, so leben sie sich aus im religiösen Leben. Wie die Kunst ein Hereinstrahlen der Kräfte des ersten Kindeslebens in das spätere Leben ist, so ist das religiöse Leben ein Nachklingen dessen, was die Seele zuletzt durchgemacht hat, bevor sie in das physische Erdenleben heruntergestiegen ist.
[ 28 ] The reason why the soul has immersed itself in the earthly body is to connect with the physical realm through the divine-spiritual. This reason is none other than that which lives in the shadowy reflection of earthly existence—in religious feeling and religious piety. If we have religious piety—we may not delve into what the perception of this soul-life is before it descended into earthly life, or what those powers of feeling and sensation are toward which the soul strove in order to live the divine-spiritual into earthly existence—that is, when it strove for physical embodiment; but when we conceive of these powers in the lingering image of earthly life, they find their expression in religious life. Just as art is a radiance of the powers of early childhood into later life, so religious life is a lingering echo of what the soul last experienced before descending into physical earthly life.
[ 29 ] Und so finden wir, wenn wir beim Erkenntnismäßigen stehen bleiben und uns da zur Idee erheben: Solange wir im bloßen Erdenleben verweilen, wo wir unseren Organismus zum Erkennen verwenden müssen, solange finden wir nur eine Erkenntnis, neben der eben die Kunst steht, die höchstens ästhetisch betrachtet werden kann, und neben der die Religion steht, die theologisch betrachtet werden kann. Wir gelangen aber mit der physischen Erdenwissenschaft nicht zu einem lebendigen Übergang in das künstlerische Fühlen, in das religiöse Erleben. Schwingen wir uns auf zur anthroposophischen Erkenntnis, so haben wir durchaus eine wahre wissenschaftliche Erkenntnis, aber diese erhebt sich zur Imagination. Die Imagination kann durchaus rein wissenschaftlich bleiben. Indem sie so bleibt, wird sie nicht künstlerisch. Deshalb braucht sich niemand zu fürchten, dass er, indem er künstlerisch schafft, in Allegorien und Symbole verfällt, wenn er von Anthroposophie durchdrungen ist; das würde er tun, wenn er bloß bei Ideen stehen bliebe.
[ 29 ] And so we find that, if we remain within the realm of knowledge and rise from there to the idea: As long as we remain in mere earthly life, where we must use our organism for cognition, we find only a form of knowledge alongside which stands art—which can at most be viewed aesthetically—and alongside which stands religion—which can be viewed theologically. However, physical earth science does not lead us to a living transition into artistic feeling or religious experience. If we rise to anthroposophical knowledge, we certainly have true scientific knowledge, but this rises to the level of imagination. Imagination can certainly remain purely scientific. By remaining so, it does not become artistic. Therefore, no one need fear that, by creating artistically, they will fall into allegories and symbols if they are imbued with anthroposophy; they would do so only if they were to remain merely at the level of ideas.
[ 30 ] Aber Anthroposophie ist nicht so wie andere Wissenschaften, dass sie beim bloßen Ideengehalt stehen bleibt; sie dringt weiter empfindend vor von der Betrachtung des Bildekräfteleibs zu dem Erleben mit den Gesetzen desjenigen, was uns erst in unseren ersten Kindesjahren gestaltete und noch weiter in unser Leben hereinwirkt, und wodurch wir uns so befruchtet fühlen für die Phantasie. Es soll damit nicht etwas gesagt werden gegen das Elementarische des Phantasieschaffens; aber die Phantasie kann angeregt werden, indem man auf die geschilderte Weise zu Lebensepochen vorrückt, die sich sonst der äußeren Beobachtung entziehen. Und indem man weiter vorrückt zu dem Erleben der Seele vor ihrem Heruntersteigen in das irdische Dasein, gelangt man dazu, nun das zu erfühlen, was hier auf der Erde lebt im Nachbilde des religiösen Lebens und Erlebens, wenn wir so leben wollen, dass das Leben durch das, was der Gott in uns ist, zugleich etwas Gottgewolltes ist, sodass die Stimmung, das Gottgewollte zu tun, der Nachklang dessen ist, was eine wichtige, gottgewollte Tat war, als der Gott noch selber vor dem Niederstieg der Seele in das Erdenleben als eine geistige Tat in ihr wirkte.
[ 30 ] But anthroposophy is not like other sciences in that it does not stop at mere conceptual content; it proceeds further, through intuitive perception, from the contemplation of the body of formative forces to the experience of the laws governing that which first shaped us in our earliest childhood years and continues to influence our lives even beyond that, and through which we feel so inspired in our imagination. This is not meant to speak against the elemental nature of imaginative creation; but the imagination can be stimulated by advancing, in the manner described, to epochs of life that otherwise elude external observation. And by proceeding further to the soul’s experience prior to its descent into earthly existence, we come to sense what lives here on earth as a reflection of religious life and experience—if we wish to live in such a way that life, through what God is within us, is at the same time something willed by God—so that the mood of doing what God wills is the echo of what was an important, God-willed deed when God Himself, before the soul’s descent into earthly life, was working within it as a spiritual act.
[ 31 ] Wenn wir das ganze volle Menschenleben betrachten mit dem ewigen Wesen der Menschenseele, dann finden wir, wie ein selbstverständlicher Übergang da ist von der Wissenschaft in die Kunst, in das Religiöse hinein. Denn das, was da einmal erscheint für die Erkenntnis, es erscheint, wenn man es nur bis zu den entsprechenden menschlichen Gebieten verfolgt, in der Kunst, es erscheint in der Religion. Ich möchte sagen, Anthroposophie kann gar nicht anders, als den Menschen, wenn sie ihn in seinem Empfindungs- und Gefühlsvermögen ergreift, künstlerisch anzuregen. Und Anthroposophie kann nicht anders, wenn sie den Menschen ergreift in seinem Willensleben, als ihn in diesem Willensleben einen Nachklang dessen fühlen zu lassen — wenn er auch noch so unbewusst ist, er ist aber vorhanden —, wie er sich in einer gewissen Beziehung im Erdendasein verpflichten wollte an das die Welt gestaltende Göttliche und das zu tun, was gottgewollt ist. Dann wird der Wille angeregt zum religiösen Erleben.
[ 31 ] When we consider the whole of human life in its fullness, together with the eternal nature of the human soul, we find that there is a natural transition from science into art and into the realm of religion. For what first appears as a matter of knowledge—if one traces it only as far as the corresponding human realms—appears in art; it appears in religion. I would say that anthroposophy cannot help but inspire people artistically when it engages them through their powers of sensation and feeling. And when anthroposophy engages a person in their life of the will, it cannot help but allow them to feel, within that life of the will, an echo—however unconscious it may be, it is nevertheless present—of how, in a certain sense, they wished to commit themselves in their earthly existence to the divine that shapes the world and to do what is willed by God. Then the will is stirred to religious experience.
[ 32 ] Sehr verehrte Anwesende! In den alten Mysterien ist das, was sich später — um des Reichtums der Menschheit willen — dreigeteilt hat, ausgegangen von einer Einheit. In den alten Mysterien, in den Weisheitsschulen des grauen Altertums, die kaum die äußere Geschichte kennt, die aber die Anthroposophie kennenlernt, da war Wissenschaft so geistdurchtränkt, dass in Bezug auf die Menschenseele dieses Geistdurchtränkte so strebte, dass es zugleich Schönheit war. Was der Mensch erkannte, dem bildete er den Stoff ein; er machte seine Weisheit zur schöpferischen und künstlerischen. Und indem der Mysterienschüler das, was er lernte, empfand in seiner Lebendigkeit als das die Welt durchwaltende Göttlich-Weise, brachte er ihm seine Kultushandlung dar, gewissermaßen die geheiligte Kunst zum Kultus umgeschaffen. Wissenschaft, Kunst und Religion waren eine Einheit. Der Mensch konnte nicht in dieser Einheit bleiben. Um des Reichtums des Menschen willen musste die Dreigliederung in Kunst, Wissenschaft und Religion entstehen, in der wissenschaftlichen Gewissheit, in dem künstlerischen Geschmack, in dem religiösen Glauben.
[ 32 ] Ladies and gentlemen! In the ancient mysteries, that which later—for the sake of humanity’s enrichment—divided into three parts originated from a single unity. In the ancient mysteries, in the schools of wisdom of the distant past—a past scarcely known to external history but which anthroposophy is coming to know—science was so imbued with spirit that, in relation to the human soul, this spiritual imbuement strove in such a way that it was, at the same time, beauty. Whatever the human being recognized, he gave form to; he transformed his wisdom into something creative and artistic. And as the initiate perceived what he learned in its liveliness as the divine-wise principle pervading the world, he offered it to the world through his ritual act, in a sense transforming sacred art into worship. Science, art, and religion were one. Humanity could not remain within this unity. For the sake of human enrichment, the threefold division into art, science, and religion had to come into being—in scientific certainty, in artistic taste, and in religious faith.
[ 33 ] Heute sind wir aber wieder an einem Zeitpunkte angelangt, wo die innere Harmonisierung der Wissenschaft, Kunst und Religion zu einer Frage der hervorragendsten Geister geworden ist. Wir haben es an Goethe und an Schiller gesehen. Heute müssen wir wieder zum Zusammenführen desjenigen trachten, was uns in äußerlicher Differenzierung entgegengetreten ist. Anthroposophie will nicht dazu beitragen, Religion, Wissenschaft und Kunst, nachdem sie sich einmal geschichtlich differenziert haben — und das hat seine Berechtigung —, nun etwa wieder chaotisch zusammenzuwerfen; sie würde dadurch dem vierten Könige in Goethes Märchen verfallen. Sie will in idealer Trennung Weisheit, die Gabe des goldenen Königs, Schönheit, die Gabe des silbernen Königs, Tugend und Religion, die Gabe des ehernen Königs, ausgestalten; dann können sie gemeinsam in das Menschenwesen hineinstrahlen. Wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit auf den Gesamtmenschen lenkt, dann wird das, was in ihm lebt als das Gesamtleben und das sich insbesondere ausprägt in den ersten Kinderjahren, es wird zur Ernährungsquelle, auch zur Befruchtungsquelle der Kunst. Das aber, was die Seele erlebt hat vor ihrem Herabsteigen auf die Erde, es wird zum Befruchtungsquell des religiösen Lebens.
[ 33 ] Today, however, we have once again reached a point in time where the inner harmonization of science, art, and religion has become a matter for the most outstanding minds. We have seen this in Goethe and Schiller. Today we must once again strive to bring together what has presented itself to us in outward differentiation. Anthroposophy does not seek to contribute to a chaotic reuniting of religion, science, and art now that they have historically differentiated themselves—and this differentiation has its justification—; in doing so, it would fall into the trap of the fourth king in Goethe’s fairy tale. It seeks to develop, through ideal separation, wisdom—the gift of the golden king—beauty—the gift of the silver king—and virtue and religion—the gift of the bronze king; then they can radiate together into the human being. When a person directs their attention to the whole human being, then what lives within them as the totality of life—and which manifests itself particularly in the early years of childhood—becomes a source of nourishment and also a source of inspiration for art. But what the soul experienced before its descent to Earth becomes the source of inspiration for religious life.
[ 34 ] Ohne diese drei Gebiete chaotisch miteinander zu vermischen, wird gerade Anthroposophie in ganz natürlicher Weise den Menschen hinführen können vor Wissenschaft, Kunst und Religion, vor das Wahre, das Schöne, das Gute, indem sie jedes in seiner Eigenart bestehen lässt, aber doch so auf den Menschen wirken lässt, dass im menschlichen Erleben das, was als Wahrheit gefunden wird, dem Schönen begegnen darf, dem Künstlerischen — und es ansprechen darf als unmittelbar verwandt, als eine andere Ausprägung des Weltenwesens — und wiederum dem Guten, dem Religiösen entgegentreten darf und es ebenfalls als eine andere Ausprägung des Weltenwesens ansprechen darf. Goethe hat dies, wenn er auch noch nicht auf dem Standpunkte der Anthroposophie stand, doch ganz besonders gefühlt. «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion; wer beides nicht besitzt, der habe Religion!» — so hat Goethe gesprochen; so muss im Grunde genommen anthroposophische Geisteswissenschaft heute wieder sprechen, im Weltensein bildend drei ineinander organisierte Glieder: Religion, Kunst und Wissenschaft. Und der Mensch findet sein wahres Menschtum nur dadurch, dass er bei Aufrechterhaltung der vollen Individualität seine Seele von dem Wesen jeder einzelnen dieser Weltenoffenbarungen durchstrahlen lässt. In ihm finden sie sich aber, wenn er dadurch ein ganzer Mensch wird, in voller innerer Harmonisierung. Und in dieser Harmonisierung von Wissenschaft, Kunst und Religion kann der Mensch seine volle Menschlichkeit, seine menschenwürdige Entwicklung durch alle Daseinsstufen seines Seins finden.
[ 34 ] Without chaotically mixing these three realms together, anthroposophy, in particular, will be able to lead people in a completely natural way toward science, art, and religion—toward the True, the Beautiful, and the Good—by allowing each to exist in its own distinct way, yet allowing them to influence human beings in such a way that, in human experience, what is found to be truth may encounter the beautiful, the artistic—and may speak to it as something directly related, as another manifestation of the world’s essence—and may in turn encounter the good, the religious, and may likewise speak to it as another manifestation of the world’s essence. Goethe, even though he had not yet adopted the perspective of anthroposophy, felt this particularly keenly. “Whoever possesses science and art also possesses religion; whoever possesses neither, let him have religion!”—so spoke Goethe; and this is essentially how anthroposophical spiritual science must speak again today, forming three interrelated elements within the essence of the world: religion, art, and science. And human beings find their true humanity only by allowing their souls to be permeated by the essence of each of these manifestations of the world, while maintaining their full individuality. Within them, however, these elements come together in full inner harmony as they thereby become whole human beings. And in this harmonization of science, art, and religion, human beings can find their full humanity and their dignified development through all the stages of their existence.
