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The Inner Nature and Essence
of the Human Soul
GA 80b

5 April 1923, Bern

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The Inner Nature and Essence of the Human Soul, tr. SOL
  1. Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele

11. Was wollte das Goetheanum und Was soll die Anthroposophie?

11. What Was the Purpose of the Goetheanum, and What Is the Purpose of Anthroposophy?

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Das schreckliche Brandunglück der letzten Dezembernacht hat eine äußere Hülle des anthroposophischen Strebens zerstört. Dieses Ereignis, das für viele, welche diesen Bau — das Dornacher Goetheanum — lieb gewonnen hatten, ein so schmerzliches ist, darf vielleicht Veranlassung geben, dass ich heute diese Betrachtungen zunächst an das Goetheanum in Dornach anknüpfe. Ich durfte ja Betrachtungen dieser Art hier von dieser Stelle aus viele halten, und auch die heutige — meine sehr verehrten Anwesenden — soll nur eine solche sein, die in demselben Stile gehalten werden soll wie die anderen, und nur die Anknüpfung soll an das Goetheanum geschehen. Dieses Goetheanum hat ja gewiss viele Menschen gehabt, die aus einem Durchschauen desjenigen Wollens, welches von diesem Goetheanum ausgehen wollte, dieses Goetheanum außerordentlich verehrten und liebten. Allein man darf doch sagen, die große Mehrzahl auch der Besucher, der zahlreichen Besucher, die es ja waren im Laufe der Jahre, sie konnten aus diesem Goetheanum nichts Besonderes machen. Es gab viele Menschen, die schon der Name Goetheanum ärgerte. Und es gab dann viele, welche sich die Formen dieses aus zwei Kuppelbauen zusammengefügten Gesamtbaues ansahen, denen sie absonderlich einfach erschienen, denen sie vielleicht bloß als der Ausdruck eines phantastischen Strebens erschienen. Es gab dann Menschen, welche auf die eine oder andere Ausstreuung hin glaubten, dass in diesem Goetheanum allerlei Spuk, vielleicht spiritistischer Spuk getrieben werde, dass das Goetheanum erbaut sei, um irgendeine unklare verschwommene Mystik zu vertreten, um vielleicht sogar, wie manche sich ausdrückten, dem blindesten Aberglauben zu dienen und so weiter, und so weiter.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! The terrible fire that occurred on the last night of December has destroyed an outer shell of the anthroposophical endeavor. This event, which is so painful for many who had grown fond of this building—the Goetheanum in Dornach—may perhaps serve as an occasion for me to begin today’s reflections by referring first to the Goetheanum in Dornach. I have, of course, had the privilege of offering many reflections of this kind from this very spot, and today’s—my dear friends—is intended to be just one such reflection, presented in the same spirit as the others, with the sole difference being its connection to the Goetheanum. This Goetheanum has certainly had many people who, through their insight into the intent that this Goetheanum sought to embody, held it in extraordinary esteem and love. Yet one must say that the vast majority of visitors—the numerous visitors there have been over the years—were unable to see anything special in this Goetheanum. There were many people who were annoyed by the very name “Goetheanum.” And there were many who, upon seeing the forms of this complex—composed of two domed structures joined together—found them strangely simple, perhaps perceiving them merely as the expression of a fanciful aspiration. Then there were people who, based on one rumor or another, believed that all sorts of haunting—perhaps spiritualist haunting—took place in this Goetheanum; that the Goetheanum had been built to represent some vague, nebulous mysticism; perhaps even, as some put it, to serve the blindest superstition, and so on, and so on.

[ 2 ] Und doch könnte man fast erstaunt sein darüber, wie weit dasjenige, was gerade in der Gegenwart über dies oder jenes geglaubt wird, von dem Tatsächlichen entfernt sein kann. Denn dieses Goetheanum hat ganz gewiss zu alledem, was ich eben ausgesprochen habe, nicht gedient. Und wenn es heute Bekämpfer aller dieser mehr oder weniger rückständigen oder abergläubischen Richtungen gibt, diejenigen, die das wollten, was im Sinne der Erbauung des Goetheanums wirklich gewollt wurde, die gehören ganz gewiss zu diesen Bekämpfern. Aber ich will heute nicht von dem Negativen sprechen, ich möchte von dem sprechen, was das Goetheanum gewollt hat, und was Anthroposophie, der es eine Stätte sein sollte, eigentlich für die gegenwärtige Menschheit soll.

[ 2 ] And yet one might almost be astonished at how far what is currently believed about this or that can be removed from reality. For this Goetheanum certainly did not serve any of the purposes I have just described. And if there are today those who oppose all these more or less backward or superstitious tendencies—those who sought what was truly intended in the spirit of the Goetheanum’s founding—they most certainly belong among these opponents. But I do not wish to speak of the negative today; I would like to speak of what the Goetheanum intended, and what anthroposophy—for which it was meant to be a place—is actually meant to be for humanity today.

[ 3 ] Dass der Name Goetheanum im Laufe der Zeit gewählt worden ist, entsprach ja im Grunde dem Herzensbedürfnis einer Anzahl Verehrer des Goetheanums und der Anthroposophie. Es wurde zuerst der Name einer der Personen meiner Mysteriendramen, Johannes Thomasius — nicht der Evangelist Johannes, sondern der Name einer der Personen meiner Mysteriendramen wurde für diesen Bau auf dem Dornacher Hügel gewählt — und er wurde demgemäß Johannesbau genannt.

[ 3 ] The fact that the name “Goetheanum” was chosen over time essentially reflected the heartfelt desire of a number of admirers of the Goetheanum and anthroposophy. At first, the name of one of the characters in my Mystery Dramas, Johannes Thomasius—not the evangelist John, but the name of one of the characters in my Mystery Dramas—was chosen for this building on the hill in Dornach, and it was accordingly named the Johannesbau.

[ 4 ] Gerade das gab natürlich, wie leicht begreiflich ist, zu vielen Missverständnissen Veranlassung, und ich habe daher immer wieder und wiederum betonen müssen, dass für mich dieser Dornacher Bau ein Goetheanum sei. Warum? Ich darf sagen: Seit mehr als 40 Jahren beschäftige ich mich mit demjenigen, was in der Erkenntnis, in der Kunst, in der Weltanschauung Goethes begründet ist. Und wer mit unbefangenem Sinne sich in Goethes Erkenntnisstreben, in Goethes Kunst, in Goethes Weltanschauungsstreben vertieft, sich hineinlebt in sie, der wird nicht bloß die Anregung dazu bekommen, dasjenige, was Goethe gewollt hat, äußerlich zu betrachten, sondern Goethe wirkt, wenn man sich wirklich auf ihn einlässt und auf das Allseitige seines Strebens, Goethe wirkt wie ein lebendiger Impuls. Man kann die Seele mit dem, was er gewollt hat, durchdringen wie mit einem geistigen Lebensblute. Und aus dieser Durchdringung desjenigen, wovon ich überzeugt bin, dass es Goethe in Gemäßheit seines Zeitalters für gewisse Partien der menschlichen Anschauung gewollt hat, aus dem heraus, aus diesem Erleben dessen, was man Goetheanismus nennen könnte, ist erwachsen Anthroposophie.

[ 4 ] Naturally, as is easy to understand, this in particular gave rise to many misunderstandings, and I have therefore had to emphasize time and again that, for me, this building in Dornach is a Goetheanum. Why? Let me say this: For more than 40 years, I have been engaged with what is rooted in Goethe’s philosophy, art, and worldview. And anyone who, with an open mind, delves into Goethe’s quest for knowledge, into Goethe’s art, into Goethe’s quest for a worldview—and truly immerses themselves in them—will not merely be inspired to observe from the outside what Goethe intended; rather, if one truly engages with him and with the all-encompassing nature of his striving, Goethe acts as a living impulse. One can permeate the soul with what he intended, as with a spiritual lifeblood. And out of this permeation of that which I am convinced Goethe intended—in accordance with his era—for certain aspects of human perception, out of this experience of what one might call “Goetheanism,” anthroposophy has grown.

[ 5 ] Gewiss, derjenige, welcher Goethes Weltanschauung, Goethes künstlerisches Wollen nimmt und sie äußerlich betrachtet, er wird nicht imstande sein, etwa mit irgendeiner Logik oder, sagen wir, mit irgendeinem gewöhnlich künstlerischen Geschmacke dasjenige, was in Anthroposophie gelegen ist, aus Goethe herauszuholen. Aber es gibt, ich möchte sagen eine Logik der Gedanken, und es gibt eine Logik des Lebens. Derjenige, der die Logik des Lebens zu seiner eigenen macht, der kann sich in so etwas, wie es Goethe der Welt geoffenbart hat, hineinvertiefen, sodass es in ihm lebendig wird, dass es weiter wächst und sich entwickelt. Und in diesem Sinne einer lebendigen Logik fühle ich, wie Anthroposophie aus dem Goetheanismus widerspruchslos hervorgeht, sowenig man das heute zugibt. Und weil so Anthroposophie im Grunde genommen ihre Entstehung Goethe verdankt, war es ein selbstverständliches Gefühlsbedürfnis, diejenige Stätte, in der Anthroposophie, sozusagen der Abkömmling der Goethe’schen Weltanschauung, gepflegt wurde, Goetheanum zu nennen.

[ 5 ] Certainly, anyone who takes Goethe’s worldview and his artistic intent and views them from the outside will not be able to extract from Goethe what lies at the heart of anthroposophy—using, say, any kind of logic or, let’s say, any conventional artistic taste. But there is—I would say—a logic of thought, and there is a logic of life. Anyone who makes the logic of life their own can immerse themselves in something like what Goethe revealed to the world, so that it comes alive within them, continues to grow, and develops. And in this sense of a living logic, I feel how anthroposophy emerges from Goetheanism without contradiction, however little this is acknowledged today. And because anthroposophy essentially owes its origins to Goethe, it was a natural emotional impulse to name the place where anthroposophy—the descendant, so to speak, of Goethe’s worldview—was cultivated the Goetheanum.

[ 6 ] Damit soll ja durchaus nicht der alberne Anspruch gemacht werden, etwa dasjenige, was Goetheanismus ist, mit irgendeiner Vollkommenheit zu vertreten, sondern, ich möchte sagen, eher wollte dieses Goetheanum eine Art Huldigungsstätte sein für das, was Goethe der Welt gegeben hat. Durchaus sollte es nicht dienen der Renommisterei, Goethe’sche Geistesart zu vertreten, als vielmehr sollte es sein der Ausdruck der Dankbarkeit für das, was aus Goethes Weltstreben zu erhalten ist. Und derjenige, der diese Namensgebung im Sinne des Ausdruckes eines Dankbarkeitsgefühles empfindet, der wird wahrscheinlich sich dann nicht mehr über den Namen ärgern.

[ 6 ] This is by no means intended to make the absurd claim of representing, say, what Goetheanism is with any kind of perfection; rather, I would say, this Goetheanum was meant to be a kind of place of homage to what Goethe gave to the world. It was certainly not intended to serve as a means of seeking prestige by representing the Goethean spirit, but rather as an expression of gratitude for what can be gained from Goethe’s striving for the world. And anyone who perceives this naming as an expression of gratitude will probably no longer be annoyed by the name.

[ 7 ] Soll ich aber weitergehen — meine sehr verehrten Anwesenden — und Ihnen zeigen, was das Goetheanum gewollt hat, so muss ich eben die Betrachtungen, die ich hier öfters anstellen durfte in diesem Saal, heute fortsetzen und sagen, was Anthroposophie soll. Anthroposophie soll allerdings die Antwort finden, soweit sie der Mensch finden kann, auf die höchsten Fragen des menschlichen Daseins, auf diejenigen Fragen, die mit Menschenbestimmung und Menschenwürde im höchsten Sinne des Wortes zusammenhängen. Wenn sich der Mensch nicht über sein eigentliches Seelenleben betäubt, dann taucht ja doch immer wieder und wiederum die Frage der Ewigkeit der Seele auf. Dann taucht die Frage auf: Ist die menschliche Seele ein freies oder ein unfreies Wesen? Dann taucht die Frage auf: Inwiefern ruht die menschliche Seele und wirkt die menschliche Seele in demjenigen, was man eine göttliche Welt-Ordnung nennen kann?

[ 7 ] But if I am to continue—my esteemed audience—and show you what the Goetheanum intended, then I must simply continue the reflections I have often been allowed to share here in this hall, and explain what anthroposophy is meant to be. Anthroposophy is indeed meant to find the answer—to the extent that human beings are capable of finding one—to the highest questions of human existence, to those questions connected with human destiny and human dignity in the highest sense of the word. If human beings do not numb themselves to their true inner life, then the question of the eternity of the soul inevitably arises again and again. Then the question arises: Is the human soul a free or an unfree being? Then the question arises: To what extent does the human soul rest and act within what one might call a divine world order?

[ 8 ] Über diese Fragen, die man oftmals die letzten Fragen des Daseins nennt, ist unsere heutige Wissenschaft, die für die äußeren Gebiete des Lebens so unsäglich Großartiges geleistet hat, ziemlich kleinmütig geworden, denn diese äußere Wissenschaft will sogar als wirkliche, wahre Wissenschaft nur das anerkennen, was mit den Sinnen geschaut werden kann, was durch die menschliche Verstandestätigkeit aus den Sinneswahrnehmungen kombiniert werden kann, und sie lehnt dasjenige ab, was über das Sinnliche hinausgeht. Sie lehnt aber damit auch ab jede Beantwortung der eben gekennzeichneten tieferen Fragen des menschlichen Daseins. Denn ohne einen Eintritt der Erkenntnis in das übersinnliche Gebiet kann der Mensch nicht einmal den Versuch wagen, an eine menschenmögliche Antwort auf diese Frage heranzukommen.

[ 8 ] When it comes to these questions—often referred to as the ultimate questions of existence—our modern science, which has achieved such unspeakably great things in the external realms of life, has become rather timid, for this external science, even as a real, true science, is willing to acknowledge only what can be perceived by the senses, what can be synthesized by human intellectual activity from sensory perceptions, and it rejects anything that goes beyond the sensory realm. In doing so, however, it also rejects any answer to the deeper questions of human existence just described. For without knowledge entering the supersensible realm, human beings cannot even attempt to approach a humanly possible answer to this question.

[ 9 ] Anthroposophie will nun aber, eben soweit das dem Menschen möglich ist, die Antworten auf diese Fragen nicht in einer bloßen Glaubenslehre geben, Anthroposophie will auch nicht die Antworten auf diese Fragen durch eine unklare Mystik geben, sondern Anthroposophie will zu diesen Antworten möglichst weit vordringen auf dieselbe Weise, wie eigentlich die heutigen Wissenschaften streben. Nur ist sich Anthroposophie klar darüber, dass dasjenige, was der Mensch als Erkenntnis bezeichnet, noch in einer ganz anderen Weise gefasst werden muss, als es heute gerade oftmals von den maßgebendsten Autoritäten geschieht, wenn man diese Fragen überhaupt im rechten Lichte sehen will.

[ 9 ] Anthroposophy, however, does not seek—to the extent that this is possible for human beings—to provide answers to these questions through mere dogma, nor does it seek to provide them through obscure mysticism; rather, Anthroposophy seeks to advance as far as possible toward these answers in the same way that modern science actually strives to do. However, anthroposophy is clear that what human beings call “knowledge” must be understood in a completely different way than is often the case today, even among the most authoritative figures, if one is to view these questions in their proper light at all.

[ 10 ] Ich möchte ausgehen von einer gleichnisweisen Betrachtung, die aber mehr sein soll als ein bloßes Gleichnis. Sehen Sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, eigentlich steht vor jeder die Welt betrachtenden Seele, allerdings ohne die Meinung, dass dadurch besondere Anhaltspunkte für die Beantwortung der Welträtsel gewonnen werden können, es steht jede tiefere Seele, wenn auch vielleicht nur erstaunend und bewundernd, vor den Bildern jener abgedämpften Welt, die wir die Traumeswelt nennen. Ich gehe von der Traumeswelt aus, gewiss nicht darum, um in mystischer Weise irgendetwas aus dieser Traumeswelt herauszuholen, aber um anschaulich zu machen, wie Anthroposophie über dasjenige denkt, was Erkenntnis werden muss für die Menschheit, wenn an die charakterisierten Fragen herangetreten werden soll.

[ 10 ] I would like to begin with a parabolic approach, one that is meant to be more than a mere parable. You see—my esteemed audience—in fact, every soul that contemplates the world—though without the expectation that this will yield specific clues for solving the world’s mysteries—every deeper soul stands, even if perhaps only in wonder and admiration, before the images of that subdued world we call the world of dreams. I take the dream world as my starting point, certainly not in order to extract anything from it in a mystical way, but to illustrate how anthroposophy conceives of that which must become knowledge for humanity if we are to approach the questions outlined above.

[ 11 ] Man vergegenwärtige sich einmal, wie die so mannigfaltige, so farbenreiche Traumwelt vor der schlafenden Seele verläuft. Man vergegenwärtige sich, wie auf der einen Seite der Inhalt des Traumes ein Abbild ist desjenigen, was wir gut kennen aus derjenigen Welt heraus, die wir im tagwachen Bewusstsein durchleben. Aber man stelle sich auch vor die Seele, in welch frei beweglicher Weise umgestaltend, phantastisch werdend, die Traumwelt die Seele umschwebt und umwellt. Und derjenige, der unbefangenes Denken hat, derjenige, der mit gesundem Sinn und mit einem gesunden Willen vor allen Dingen in der Welt drinnensteht, der wird sich nicht anders sagen können als: Den Wirklichkeitswert der Traumwelt, wir können ihn nimmermehr erkennen während des Träumens selbst.

[ 11 ] Let us consider for a moment how the dream world—so diverse and so rich in color—unfolds before the sleeping soul. Imagine how, on the one hand, the content of the dream is a reflection of what we know well from the world we experience in our waking consciousness. But also imagine the soul, and how the dream world hovers around and surges around it, transforming itself in such a freely fluid way and taking on fantastical forms. And anyone who thinks with an open mind—anyone who engages with the world above all else with a sound mind and a sound will—will be unable to say anything other than: We can never recognize the reality of the dream world while we are actually dreaming.

[ 12 ] Wir könnten ja, ich möchte sagen unser ganzes Leben lang träumen, dann würden wir einfach, wie wir es im Traumerleben tun, den Trauminhalt für unsere Wirklichkeit halten. Wir würden glauben, das sei die wirkliche Welt, die wir träumen. Da wir aber aus der Traumwelt durch unsere Organisation aufwachen, so erhalten wir im Wachen den Gesichtspunkt, um den Wirklichkeitswert der Traumwelt zu prüfen. Erst wenn wir außerhalb des Traumes stehen, erst wenn unsere Sinne und wenn unser Wille gewissermaßen eingeschaltet ist in die uns umgebende Außenwelt, haben wir einen Gesichtspunkt, um die Traumeswelt in ihrem Wirklichkeitswert zu beurteilen. Niemand darf selbstverständlich dasjenige, was räumliche Wirklichkeit ist, etwa vom Traumgesichtspunkt aus beurteilen. Für ein gesundes Denken und gesundes Wollen ist allein die umgekehrte Beurteilung möglich.

[ 12 ] We could, I would say, dream our entire lives; then we would simply—just as we do in our dream experience—take the content of the dream to be our reality. We would believe that the world we are dreaming is the real world. But since we wake up from the dream world through our consciousness, we gain, while awake, the perspective needed to assess the reality of the dream world. Only when we are outside the dream—only when our senses and our will are, so to speak, engaged with the external world around us—do we have a perspective from which to judge the reality of the dream world. Of course, no one may judge what constitutes spatial reality from the perspective of a dream. For sound thinking and sound volition, only the reverse judgment is possible.

[ 13 ] Nun, indem jemand sich vertieft nicht in eine Traumeswelt, sondern gerade in die Welt der täglichen Wirklichkeit, die uns ja auch, obwohl auf andere Art wie der Traum, mannigfaltige, farbenreiche Bilder liefert, aber Bilder, deren inneren Gehalt wir nur erkennen, wenn wir sie durchdringen, wenn wir sie namentlich in ihrer Wechselwirkung durchdringen mit demjenigen, was uns unser Verstand an die Hand gibt. Indem Anthroposophie sich in diese Wirklichkeitswelt vertieft, indem Anthroposophie geradeso herangeht an die Welt der alltäglichen Wirklichkeit, wie der Träumer an seine Traumeswelt herangeht, kommen Sie zu der Frage: Ja, ist es nicht möglich, dass sozusagen im menschlichen Seelenleben ein zweites Erwachen stattfindet? Geradeso, wie die naturgemäße Einrichtung unseres Organismus uns aus dem Traume herausreißt, wie unser Wille beim Erwachen eingeschaltet wird in die äußere sinnliche Wirklichkeitswelt, so könnte es ja möglich sein, dass auch aus der Welt, die unser alltägliches Bewusstsein betrifft, noch ein weiteres Erwachen möglich sei. Ist das so, dann muss man sagen, dann wird erst von dem Gesichtspunkt derjenigen Welt, in die man so hinein erwacht, der übersinnlichen Welt, der Wirklichkeitswert der sinnlichen abzuschätzen sein, so wie der Wirklichkeitswert der Traumeswelt abzuschätzen ist durch den Gesichtspunkt der alltäglichen Welt. Ich möchte sagen: Anthroposophie stellt sich zunächst die große Frage: Ist ein solches zweites Erwachen möglich? Sie möchte auf keinen Fall zurücksinken, um die Welt zu erkennen, in die träumerische Wirklichkeit. Sie möchte den entgegengesetzten Weg gehen; sie möchte den Weg gehen, den der Mensch geht von dem Traum in die sinnliche Wirklichkeit hinein. Sie möchte weiterschreiten von der sinnlichen Wirklichkeit in die übersinnliche Wirklichkeit hinein. Ob man das kann, das hängt ja davon ab, wie man nun in der Lage ist, das menschliche Seelenleben, überhaupt das ganze menschliche Leben, zu durchdringen. Ich möchte sagen: Man muss einfach die Seele und ihr Leben der Prüfung unterwerfen, ob sie zu einem solchen zweiten Erwachen die Möglichkeit hat.

[ 13 ] Well, by immersing oneself not in a dream world, but precisely in the world of everyday reality—which, although in a different way than a dream, also provides us with manifold, colorful images—images whose inner content we can only recognize when we penetrate them, specifically when we penetrate them in their interaction with what our intellect provides us. As anthroposophy delves into this world of reality, as anthroposophy approaches the world of everyday reality in the same way that the dreamer approaches his dream world, you arrive at the question: Yes, isn’t it possible that, so to speak, a second awakening takes place in the life of the human soul? Just as the natural functioning of our organism rouses us from sleep, and just as our will becomes engaged with the external sensory world of reality upon awakening, so it might well be possible that yet another awakening could occur even from the world that concerns our everyday consciousness. If this is the case, then one must say that it is only from the perspective of the world into which one awakens—the supersensible world—that the reality of the sensory world can be assessed, just as the reality of the dream world is assessed from the perspective of the everyday world. I would like to say: Anthroposophy first poses the great question: Is such a second awakening possible? It does not wish under any circumstances to sink back into dreamlike reality in order to perceive the world. It wishes to take the opposite path; it wishes to take the path that the human being takes from the dream into sensory reality. It seeks to proceed further, from sensory reality into supersensory reality. Whether this is possible depends, of course, on one’s ability to penetrate human soul life—indeed, the whole of human life. I would like to say: One must simply subject the soul and its life to scrutiny to determine whether it has the capacity for such a second awakening.

[ 14 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ein solches zweites Erwachen ist aber möglich. Es ist vor allen Dingen möglich, wenn der Mensch sich nicht dem intellektuellen Hochmut hingibt, durch den er sich etwa sagt: Du warst zunächst ein kleines Kind, da warst du noch nicht ausgerüstet mit Denkfähigkeiten, Gefühlsfähigkeiten oder Willensfähigkeiten, wie du es als erwachsener hast; du musstest sie mithilfe der menschlichen Umgebung, mithilfe deiner Erziehung, mithilfe des Lebens erst ausbilden, diese Fähigkeiten, bis zu dem Grade, in dem du sie jetzt hast. Aber legt man sozusagen nun als erwachsener Mensch den intellektuellen Hochmut ab und frägt sich: Können vielleicht die Fähigkeiten von der Stufe aus, zu der man sie gebracht hat als erwachsener Mensch, nun ebenso weiterentwickelt werden, wie sie sich entwickelt haben von der kindlichen Stufe bis zu der Stufe eben des alltäglichen Lebens? Und man wird geführt auf den Weg einer solchen weiteren Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten, wenn man auf einzelne solche Fähigkeiten seine besondere Aufmerksamkeit lenkt.

[ 14 ] Now—my esteemed audience—such a second awakening is indeed possible. It is possible, above all, when a person does not succumb to intellectual arrogance, which might lead them to say to themselves: At first you were a small child; back then you were not yet equipped with the faculties of thought, feeling, or will that you possess as an adult; you first had to develop these faculties—with the help of your human environment, your upbringing, and life itself—to the degree to which you now possess them. But if, as an adult, one were to set aside this intellectual arrogance, so to speak, and ask oneself: Might the faculties—from the stage to which one has brought them as an adult—now be developed just as they developed from the childhood stage up to the stage of everyday life? And one is guided along the path of such further development of human abilities when one directs one’s special attention to individual abilities of this kind.

[ 15 ] Lenken wir zunächst einmal die Aufmerksamkeit auf jene Fähigkeit der menschlichen Seele oder, sagen wir, des menschlichen Wesens, die man gewöhnlich im Leben das Gedächtnis nennt, die Gabe der Erinnerung. Betrachten wir sie zunächst so, wie sich die Erinnerung eben dem alltäglichen Leben darbietet. Da treten aus dem Umfange des Seelenlebens mitten unter den Eindrücken der Gegenwart, vielleicht hervorgerufen, meistens hervorgerufen durch diese Eindrücke der Gegenwart, die Gedankenbilder, blasse Gedankenbilder von irgendetwas auf, das wir vielleicht vor Jahren erlebt haben. Da mischt sich in dasjenige, was da aus dem Untergrunde der Seele herauftaucht oder durch Gegenwartsvorstellungen heraufgeholt wird, da mischt sich vielleicht die umfassende, umbildende Phantasie, vielleicht auch manche Phantastik hinein. Und der Mensch hat vor sich, durch die Fähigkeit der Erinnerung, Bilder von etwas, von dem man zweifellos sagen kann: Es ist in ziemlicher Wirklichkeit, in derjenigen Wirklichkeit, an die wir gewohnt sind, wenn wir die Augen aufmachen und wenn wir mit den Ohren die Umgebung hören, es ist in dieser Wirklichkeit nicht vorhanden. Wir nehmen herein in unsere Erinnerungsbilder Ereignisse, die einfach darinnen bestehen, dass wir selbst vor Jahren in diese oder jene Beziehung zu dem oder jenem Menschen, zu dem oder jenem Naturereignis oder zu sonst etwas getreten sind.

[ 15 ] Let us first turn our attention to that capacity of the human soul—or, shall we say, of the human being—which is commonly referred to in everyday life as memory, the gift of recollection. Let us first consider it as memory presents itself in everyday life. From the realm of the soul’s life, amidst the impressions of the present—perhaps evoked, and most often evoked by these very impressions of the present—mental images emerge: faint mental images of something we may have experienced years ago. There, mingling with what surfaces from the depths of the soul or is brought to the surface by present-day perceptions, there perhaps mingles the all-encompassing, transformative imagination, and perhaps even some elements of fantasy. And through the power of memory, a person has before them images of something about which one can say without a doubt: It does not exist in actual reality—in the reality to which we are accustomed when we open our eyes and hear our surroundings with our ears—it does not exist in that reality. We incorporate into our mental images of memory events that consist simply of the fact that, years ago, we ourselves entered into this or that relationship with this or that person, with this or that natural phenomenon, or with something else.

[ 16 ] Was sich da abgespielt hat, ist heute keine Wirklichkeit mehr. Wir haben aber die Fähigkeit, aus dem Tiefen unserer Seele heraus dasjenige in mehr oder weniger blassen oder auch mehr oder weniger inhaltsvollen Bildern vor uns zu stellen, was in der Weise, wie wir sonst durch die Sinne die Wirklichkeit wahrnehmen, eben keine gegenwärtige Wirklichkeit ist. Diese Fähigkeit des Erinnerns, sie kann aufgenommen werden. Und sie wird aufgenommen, wenn der Mensch sich in sein Gedankenleben so vertieft, wie er das besonders heute im gewöhnlichen Leben eigentlich nicht tut. Wenn der Mensch heute sich Gedanken hingibt, so sind es eigentlich zumeist Gedanken, zu denen er von außen angeregt wird oder die eben in der Weise, wie ich es geschildert habe, als Erinnerungsgedanken aufsteigen. Ist jemand ehrlich mit seinem Seelenleben, so muss er sich sagen: Aus dem, was die äußeren Eindrücke liefern, aus dem, was aus den Untergründen des Seelenlebens als Erinnerung aufsteigt, setzt sich eigentlich dieses Äußere des seelischen Lebens zusammen.

[ 16 ] What took place there is no longer a reality today. However, we have the ability, from the depths of our soul, to bring before us—in images that are more or less faint or more or less rich in content—that which, in the way we otherwise perceive reality through the senses, is simply not a present reality. This capacity for recollection can be cultivated. And it is cultivated when a person immerses themselves in their inner life to a degree that they rarely do in everyday life today. When people today engage in thought, these are mostly thoughts prompted by external influences or that arise, as I have described, as recollections. If a person is honest with their inner life, they must tell themselves: The outer aspect of the inner life is actually composed of what external impressions provide and what rises from the depths of the inner life as a memory.

[ 17 ] Man kann aber auch noch etwas anderes machen. Man kann sich herausreißen aus dieser, ich möchte sagen passiven Rolle, die man also dem Denken gegenüber spielt. Man kann mit einer immer mehr und mehr gesteigerten inneren Aktivität versuchen, in Gedanken zu leben. Man kann insbesondere so in Gedanken leben, dass man sich einfach Gedanken bildet, die man leicht überschauen kann; sodass man sicher sein kann, wenn man sich diesen Gedanken in starker innerer Aktivität hingibt, so verfällt man keiner Suggestion, keinem mystischen Träumen, wenn man sich allein überschauliche Gedanken so vor die Seele stellt, dass man sie nicht jetzt hinweghuschen lässt, wie die Gedanken, die von außen oder innen angeregt sind, hinhuschen. Dann merkt man, dass man in diesem durch eigene Willkür hervorgerufenen Denken — in diesem Leben, in der Aktivität des Denkens bildet sich etwas aus innerhalb des Seelenlebens, das verglichen werden kann mit dem, was geschicht, wenn wir in äußerer physischer Arbeit zum Beispiel einen Teil unserer Muskeln gebrauchen. Sie werden stärker, sie werden kräftiger, gerade in der aktiven Anwendung werden die Muskeln stärker und kräftiger. Das aber merken wir allerdings in anderer Art, indem wir immer wieder und wieder durch unser inneres Wollen uns — wenn ich es so ausdrücken darf — in [selbst verwobenen] oder sogar selbst gemachten oder von irgendeinem Geistesforscher erlangten Gedanken versenken. Wir werden innerlich seelisch stärker, und wir merken, wenn wir solche Übungen machen — bei dem einen dauert es länger, bei dem andern kürzer, es kann Wochen, es kann jahrelang dauern —, wenn wir solche Übungen fortsetzen, dann merken wir: Die innere Kraft unserer Seele erwacht. Und sie erwacht in einer Weise, dass wir dasjenige, was wir bisher nur als Erinnerung kannten, kennenlernen in einer umgewandelten, umgebildeten Gestalt. Eine neue innere Fähigkeit, ich möchte sagen eine gesteigerte Erinnerungsfähigkeit, die uns aber jetzt nicht Erinnerungen liefert, die verspüren wir in unserer Seele.

[ 17 ] But there is also something else one can do. One can break free from this—I would say—passive role that one plays in relation to thinking. With ever-increasing inner activity, one can try to live in one’s thoughts. In particular, one can live in one’s thoughts in such a way that one simply forms thoughts that are easy to grasp; so that one can be certain that, when one devotes oneself to these thoughts with intense inner activity, one will not fall prey to suggestion or mystical reveries—provided one presents only clear thoughts to the soul in such a way that one does not let them flit by, as thoughts stimulated from outside or within tend to do. Then one notices that in this thinking brought about by one’s own volition—in this life, in the activity of thinking—something takes shape within the life of the soul that can be compared to what happens when, for example, we use a portion of our muscles in external physical work. They become stronger, they become more powerful; it is precisely through active use that the muscles become stronger and more powerful. But we notice this in a different way, by immersing ourselves again and again through our inner will—if I may put it that way—in [self-woven] or even self-created thoughts, or in thoughts acquired from some researcher of the spiritual realm. We become stronger inwardly and spiritually, and we notice—when we do such exercises (for some it takes longer, for others shorter; it can take weeks or even years)—that as we continue these exercises, the inner strength of our soul awakens. And it awakens in such a way that we come to know what we previously knew only as a memory in a transformed, reshaped form. A new inner ability—I would say an enhanced capacity for memory—which, however, does not now provide us with memories; rather, we sense it within our soul.

[ 18 ] Und in dem Momente, wo diese Kraft stark genug geworden ist, wo also das in innerer Tätigkeit immer wieder und wiederum ergriffene Denken — das Denken, das nunmehr nicht bloß gedacht wird, sondern erlebt wird, sodass man es als eine innere Wirklichkeit fühlt —, in dem Momente, wo dieses innere Denken stark genug geworden ist, tritt etwas ein, es tritt in der Regel stückweise auf, tritt etwas vor diese menschliche Seele, das sie bisher nicht gekannt hat. Es tritt vor die menschliche Seele nicht die Erinnerung bloß, sondern die Anschauung desjenigen, was der Mensch erlebt hat ungefähr seit seinen ersten Kinderjahren innerhalb dieses Erdendaseins. Aber dasjenige, was da der Mensch erlebt, ist eben nicht eine Summe von mit Mühe heraufgeholten Erinnerungsbildern, sondern es ist etwas, was auf einmal wie ein gewaltiges Lebenstableau vor die Seele hintritt, dass man überschaut — wie etwas Gegenwärtiges, wie wenn die Zeit zum Raume geworden wäre — sein bisheriges Erdenleben. Ist man dazu in der Lage, dann fühlt man sich aber auch mit seinem Ich in einer ganz anderen Art, als dies beim gewöhnlichen Bewusstsein möglich ist, eigentlich nun nicht mehr im physischen Leibe. Man fühlt sich mit seinem Ich verbunden mit all denjenigen Erlebnissen, die man durchgemacht hat und die jetzt in diesem gewaltigen Erinnerungstableau eben für das Bewusstsein heraufkommen.

[ 18 ] And at the moment when this power has become strong enough—that is, when thinking, which has been repeatedly and constantly engaged in inner activity—thinking that is now no longer merely thought but experienced, so that one feels it as an inner reality—at the moment when this inner thinking has become strong enough, something occurs, it usually appears in fragments; something steps before the human soul that it has not known until now. It is not merely memory that steps before the human soul, but the vision of what the human being has experienced roughly since their earliest childhood within this earthly existence. But what the person experiences there is not merely a sum of memory images painstakingly recalled, but rather something that suddenly steps before the soul like a vast tableau of life, allowing one to survey—as something present, as if time had become space—one’s earthly life up to that point. If one is capable of this, then one also feels, with one’s “I,” in a completely different way than is possible with ordinary consciousness—in fact, no longer in the physical body. One feels connected, through one’s “I,” to all the experiences one has gone through, which now rise up into consciousness within this vast tableau of memories.

[ 19 ] Ich möchte dasjenige, in dem man sich jetzt erlebt, wie man sich im physischen Leben in seinem Erdenleben in den Armen, dem Kopfe, in den Beinen erlebt, ich möchte diese Summe von Lebensbildern, von denen man empfindet: Man ist es selbst, man ist es, nur ausgedehnt über seine Erdenlebenszeit, ich möchte sie den Zeitleib im Gegensatze zu dem Raumesleib nennen, in dem man sich empfindet für das gewöhnliche Bewusstsein. Es ist die erste übersinnliche Erfahrung, die man in dieser Weise macht.

[ 19 ] I would like to describe that in which one now experiences oneself—just as one experiences oneself in physical life, in one’s earthly existence, in one’s arms, head, and legs—I would like to describe this sum of life images from which one senses: One is oneself; one is oneself, only extended beyond the duration of one’s earthly life. I would like to call this the “time body,” in contrast to the “spatial body” in which one perceives oneself in ordinary consciousness. It is the first supersensible experience one has in this way.

[ 20 ] Man erlebt aber nun — und das ist das Bedeutsame — dieses Tableau, diesen Zeitleib nicht so, dass man es äußerlich anschaut, sondern man hat sich dadurch, dass man sich mit Aktivität, mit innerer Tätigkeit in das Denken immer wieder und wieder versenkt hat, man hat sich dadurch die Möglichkeit erworben, darinnenzustecken in den Erlebnissen, sie also wie gegenwärtige zu haben, wirklich mit diesem Zeitleibe eins zu sein, nicht nur im Raume zu stehen, sondern in der Zeit sich zu bewegen und sich durch die Zeit, durch die man sich durchbewegt, als eine menschliche Einheit zu fühlen. Man dehnt sein Dasein bis nahe zu seiner Geburt hin wie zu einer fortlaufenden Realität aus.

[ 20 ] But what one experiences now—and this is the significant point—is that one does not perceive this tableau, this body of time, by observing it from the outside; rather, by immersing oneself again and again in thought through active, inner engagement, one has thereby acquired the ability to be immersed in these experiences—to experience them as if they were happening in the present—to truly be one with this body of time, not merely to stand in space, but to move through time and, as one moves through it, to feel oneself as a human unity. One extends one’s existence back nearly to one’s birth as a continuous reality.

[ 21 ] Das ist das Ergebnis der, ich möchte sagen umgewandelten Erinnerung. Während man in diesem Zustande ist, dass man anschaut sich selber als drinnensteckend in seinem bisherigen Leben, hat man nicht die Möglichkeit, die Erinnerung besonders auszubilden. Es ist in der Tat so, dass derjenige, der dies erlebt, es immer wieder und wieder erleben muss, wenigstens in schattenhafter Weise, wenn er es vor sich haben will. Dass man die Erinnerung für diese übersinnliche Welt zu etwas anderem gemacht hat, zu der Anschauung einer feineren Zeitwelt, das bewirkt zu gleicher Zeit, dass die Erinnerung für die Momente, wo man diese höhere Welt anschaut, selbst wie ausgelöscht ist. Aber derjenige, der in einer gesunden Weise in dieser Art sich entwickelt, der wird nicht etwa wie ein mystischer Träumer oder wie ein Somnambuler unwillkürlich zu einer anderen Art des Vorstellens kommen, sondern er wird mit vollem Bewusstsein zu dieser Art des anderen Vorstellens kommen. Dadurch ist er auch in der Lage, immer wieder und wieder zurückzukehren, möchte ich sagen zu dem gewöhnlichen Bewusstsein des Alltags. Er ist in der Lage, trotzdem er hineinschaut zunächst in den ersten Raum der geistigen Welt, er ist imstande, dennoch in gesunder Weise mit beiden Füßen in der sinnlichen Wirklichkeit zu stehen und durchaus nicht ein mystischer Schwärmer und Träumer zu werden.

[ 21 ] This is the result of what I would call a transformed memory. While one is in this state—in which one views oneself as trapped within one’s past life—one does not have the ability to shape the memory in any particular way. In fact, the person experiencing this must go through it again and again—at least in a shadowy way—if they wish to have it before them. The fact that one has transformed memory for this supersensible world into something else—into a vision of a finer temporal realm—means at the same time that memory itself is, as it were, erased during the moments when one beholds this higher world. But the person who develops in this way in a healthy manner will not, like a mystical dreamer or a somnambulist, involuntarily arrive at a different kind of imagination; rather, they will arrive at this different kind of imagination with full consciousness. As a result, they are also able to return again and again—I would say—to the ordinary consciousness of everyday life. Even though they initially look into the first realm of the spiritual world, they are still able to stand with both feet firmly planted in sensory reality in a healthy way and by no means become a mystical dreamer or fantasist.

[ 22 ] Dadurch aber erlangt der Mensch wahre Selbsterkenntnis. Denn nicht dasjenige, was von außen an mich herangetreten ist, erscheint da in diesem Lebenstableau, sondern gerade dasjenige, wie man selbst in die äußeren Ereignisse eingegriffen hat. Es ist schon ein Unterschied zwischen dem, wenn etwa jemand sich anstrengen würde, im gewöhnlichen Bewusstsein und in der Erinnerung heraufrufen würde die Ereignisse, die er durchgemacht hat, und dem, was ich eben beschrieben habe, wenn man so für das gewöhnliche Bewusstsein, das gewöhnliche Erinnerungsvermögen die Ereignisse, die man durchgemacht hat bei seiner Geburt, heraufruft. So interessiert einen vor allen Dingen, wie die Welt auf einen gewirkt hat, wie dieser oder jener Mensch einem entgegengekommen ist, was dieses oder jenes Naturereignis für eine Wirkung für einen selber gehabt hat. Wenn man dieses höher-geistige, umgewandelte Erinnerungstableau vor sich hat, dann sieht man eigentlich nicht das, was ein anderer Mensch einem zugefügt hat, sondern man sieht vielmehr, wie man sich selber verhalten hat gegenüber dem anderen Menschen, wie man sich verhalten hat gegenüber diesem oder jenem Naturereignis, dieser oder jener Lebenstatsache. Man sieht sich als agieren, sich als tätig. Kurz — meine sehr verehrten Anwesenden —, man ist vorgerückt zu einer wirklichen Selbsterkenntnis, zu einer anschaulichen Selbsterkenntnis. Diese verdankt man, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Verstärkung des Denkens bis zu jenem Grade, dass man fühlt, man lebt jetzt in dem Denken, wie man sonst in seiner Blutzirkulation, in seiner Atmung lebt.

[ 22 ] But through this, a person attains true self-knowledge. For it is not what has come to me from the outside that appears in this tableau of life, but precisely the way in which one has oneself intervened in external events. There is indeed a difference between, for example, someone making an effort to recall the events they have experienced in ordinary consciousness and memory, and what I have just described—that is, when one recalls, for the sake of ordinary consciousness and ordinary memory, the events one experienced at birth. Above all, one is interested in how the world has affected one, how this or that person has treated one, and what effect this or that natural event has had on oneself. When one has this higher, spiritual, transformed tableau of memory before one, one does not actually see what another person has done to one, but rather one sees how one oneself behaved toward the other person, how one behaved toward this or that natural event, this or that fact of life. One sees oneself acting, sees oneself as active. In short—my esteemed audience—one has advanced to a true self-knowledge, to a vivid self-knowledge. This is due, if I may put it this way, to the intensification of thinking to such a degree that one feels one is now living in thought, just as one otherwise lives in one’s blood circulation and in one’s breathing.

[ 23 ] Im gewöhnlichen Leben sind die Gedanken matt und schattenhaft. Sie zwingen nicht, es ist nicht etwas, worinnen man lebt wie in seinem Blut oder wie in seinem Atem. Indem man sich in der Weise, wie ich es beschrieben habe, übt, spürt man sozusagen sein Leben im Gedanken ebenso, wie man sonst das Leben im physischen Leibe spürt. Und man weiß dann, dass es neben dem, was der Mensch als physischen Leib an sich trägt, eben diesen zweiten Zeitleib gibt, der nicht räumlich ist — räumlich kann man ihn aufzeichnen, das ist aber nur eine Verbildlichung —, dass es diesen zweiten Zeitleib gibt, der unendlich feiner ist, wenn man diesen Ausdruck überhaupt gebrauchen darf, als der physische Leib. Ich habe ihn in meinen Schriften den Äther- oder Bildekräfteleib genannt, weil man für diese Dinge einen Ausdruck haben muss. Man braucht sich an Ausdrücken nicht zu stoßen. Es ist dieses neben dem physischen Leib das zweite Glied der menschlichen Wesenheit, und es führt die erste Stufe hinauf zum übersinnlichen Leib, um weiterzudringen. Denn man lernt durch eine solche Betrachtung ja nur seine eigene menschliche Wesenheit für dieses Erdenleben kennen.

[ 23 ] In everyday life, thoughts are faint and shadowy. They do not compel us; they are not something in which one lives as one lives in one’s blood or in one’s breath. By practicing in the way I have described, one feels, so to speak, one’s life in thought just as one otherwise feels life in the physical body. And one then knows that, alongside what a person carries as their physical body, there is precisely this second, temporal body, which is not spatial—one can map it out spatially, but that is only a visualization—that there is this second, temporal body, which is infinitely finer, if one may use that expression at all, than the physical body. In my writings, I have called it the etheric or formative body, because one must have a term for these things. One need not take offense at such terms. Alongside the physical body, this is the second member of the human being, and it leads up the first step toward the supersensible body, in order to penetrate further. For through such contemplation one comes to know only one’s own human being for this earthly life.

[ 24 ] Um weiterzudringen, ist sozusagen notwendig, dass man die entgegengesetzte Kraft ausbildet von derjenigen, die im Versenken in Gedanken besteht. Es ist schon so: Wer dieses Versenken in Gedanken kennt, der weiß, wie es den Menschen gefangen nimmt. Man bewahrt sich ja allerdings, wenn man die Sache so betreibt, wie ich es beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss». Man erwirbt sich diese Welt ja allerdings, wenn man die Übungen so betreibt, wie ich sie dort beschrieben habe, in völlig freier Weise. Man wird nicht suggeriert von dem, was man erlebt, man steht darinnen in dem, was man erlebt, wie man als freier Mensch in der sinnlichen Außenwelt steht.

[ 24 ] In order to go further, it is, so to speak, necessary to develop the opposite force to that which consists in becoming lost in thought. It is indeed true: Anyone who is familiar with this state of becoming lost in thought knows how it ensnares people. One does, however, protect oneself by practicing the method as I have described it in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* or in my *Outline of Esoteric Science*. One does indeed gain access to this world, however, if one performs the exercises as I have described them there, in a completely free manner. One is not influenced by what one experiences; one stands within what one experiences just as one stands as a free human being in the sensory outer world.

[ 25 ] Aber dennoch, in demselben Maße, wie irgendetwas, was uns besonders nahegeht in der äußeren Welt, uns gefangen nimmt, so nimmt uns diese Welt, die wir erleben bei der Versenkung in die Gedanken, gefangen; man hat nach und nach — es ist nicht einmal übertrieben, meine sehr verehrten Anwesenden — das Gefühl: Du lebst jetzt in dieser Kraft des Denkens, so wie du sonst in deinem physischen Leibe lebst. Und dennoch ist es notwendig, dass man, will man weiterkommen in übersinnlicher Erkenntnis, gerade diese Stufe überwindet. Denn man muss sich klar sein, diese Stufe ist eigentlich nur dasjenige, was ich in meinen Büchern eine [imaginative] Stufe genannt habe. Dasjenige erlebt man, was die Welt während des Erdenlebens in einen verpflanzt hat, was man sich sozusagen selbst als Vorstellung, Fühlen, Wille eingebildet hat — nicht in dem Sinne einer phantastischen Bildung, sondern in dem Sinne von wirklichem Sich-Einbilden, was man sich eingebildet hat.

[ 25 ] And yet, just as anything in the external world that particularly moves us captivates us, so too does this world we experience when we immerse ourselves in thought; little by little—and it is not even an exaggeration to say this, my esteemed audience—one gets the feeling: You are now living in this power of thought, just as you otherwise live in your physical body. And yet, if one wishes to make progress in supersensible knowledge, it is necessary to overcome precisely this stage. For one must be clear that this stage is actually nothing other than what I have called in my books an [imaginative] stage. One experiences what the world has instilled in one during one’s earthly life—what one has, so to speak, imagined for oneself as thought, feeling, and will—not in the sense of a fanciful construct, but in the sense of truly imagining what one has imagined.

[ 26 ] Aber man erlebt eben doch nur dasjenige, was man im engsten Sinne als Mensch ist, man erlebt nur sein Menschlich-Seelisches. Und man hat noch kein Recht zu sagen, dass dieses Menschlich-Seelische, das man da wie in einem Zeitleibe erlebt, dass dieses einen Weiterbestand habe über das Erdenleben hinaus. Dazu sind höhere Übungen notwendig. Dazu ist notwendig, dass man nun sich innerlich in die Lage versetzen kann — ebenso, wie man das Denken vor die Seele gestellt hat, wie man sich in das Denken versenkt hat, sodass das Denken ein Leben wurde —, jederzeit in völliger innerer Freiheit dieses Denken wiederum zu unterdrücken. Das heißt aber jetzt etwas Besonderes.

[ 26 ] But one experiences only what one is, in the strictest sense, as a human being; one experiences only one’s human-soul aspect. And one has no right yet to say that this human-soul aspect—which one experiences as if in a temporal body—will continue to exist beyond earthly life. Higher exercises are necessary for this. It is necessary to be able to place oneself inwardly in a position—just as one has placed thinking before the soul, just as one has immersed oneself in thinking so that thinking became a life—to suppress this thinking again at any time in complete inner freedom. But this now means something special.

[ 27 ] Hat man sich vom physischen Leib in dem Sinne befreit, wie ich es eben beschrieben habe, hat man sich eingelebt in den Ätherleib, dann bedeutet ja zunächst das Unterdrücken des Denklebens nicht ein WiederumZurückfallen in den physischen Leib, sondern ein Verbleiben außerhalb des physischen Leibes. Aber dasjenige, was man sich erworben hat von außerhalb des physischen Leibes, das unterdrückt man. Und man stellt dasjenige her, was man leeres Bewusstsein nennen kann. Das ist das Bedeutsame, dass der Mensch seine inneren Seelenfähigkeiten bis zu dieser Stufe des leeren Bewusstseins ausbildet.

[ 27 ] Once one has freed oneself from the physical body in the sense I have just described—that is, once one has become attuned to the etheric body—then, to begin with, the suppression of the life of thought does not mean a relapse into the physical body, but rather a remaining outside the physical body. But one suppresses what one has acquired from outside the physical body. And one creates what might be called empty consciousness. This is the significant point: that a person develops their inner soul faculties up to this stage of empty consciousness.

[ 28 ] Ich möchte sagen: So wie der Mensch im gewöhnlichen Leben atmet, wie er einatmet und wieder ausatmet, wie die Einatmung Lebensluft, die Ausatmung Todesluft enthält, so muss der Mensch auf dieser höheren Stufe des denkerischen Geist-Erlebens dazu kommen, das Denken in sich rege zu machen, wie er rege macht als physischen Organismus die eingeatmete Luft. Er muss aber auch in der Lage sein, wiederum aus seiner Seele herauszubringen dieses Denkerlebnis. Dann wird das Bewusstsein leer. Aber hat man einmal diese Möglichkeit des leeren Bewusstseins erlangt, ist man dazu vorgedrungen, abzuwechseln in der Seele zwischen Erfülltsein mit innerem kräftigem Denken, das in den Bildern verläuft, wie ich es beschrieben habe in dem Lebenstableau; hat man es erreicht, dass man wechseln kann zwischen diesen Bildern und zwischen dem Nichts-in-der-Seele-Haben, dann tritt nach gehöriger Zeit — alle diese Dinge müssen in Geduld und Energie abgewartet werden — das ein, dass das leere Bewusstsein, das man sich auf diese Weise errungen hat, nun nicht leer bleibt, aber es treten auch nicht die äußeren Wahrnehmungen auf. Es tritt eine geistige Welt um uns herum auf. Und wir erlangen die Fähigkeit, eine Weile in demjenigen zu leben, was wir im Innern als Bilder unseres eigenen Erdenlebens erwecken, und zu wechseln damit, indem wir diese Bilder unterdrücken, den Ansatz nehmen, leeres Bewusstsein herzustellen, indem wir wechseln mit Erfülltsein dieses leeren Bewusstseins mit äußerem geistigen Weltinhalt.

[ 28 ] I would like to say: Just as a person breathes in ordinary life—how they inhale and exhale, how the inhalation contains the breath of life and the exhalation the breath of death—so, on this higher level of intellectual spiritual experience, a person must come to activate thinking within themselves, just as they activate the inhaled air as a physical organism. But they must also be able to bring this experience of thinking forth from their soul again. Then consciousness becomes empty. But once one has attained this capacity for empty consciousness, one has advanced to the point of being able to alternate within the soul between being filled with powerful inner thinking—which unfolds in images, as I described in the tableau of life— once one has achieved the ability to alternate between these images and the state of having nothing in the soul, then after a suitable period of time—all these things must be awaited with patience and energy—the following occurs: the empty consciousness that one has attained in this way no longer remains empty, yet external perceptions do not arise either. A spiritual world emerges around us. And we gain the ability to live for a while within what we awaken within ourselves as images of our own earthly life, and to alternate between them by suppressing these images, taking the first step toward establishing empty consciousness, and then filling this empty consciousness with the content of the outer spiritual world.

[ 29 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, in dieses leere Bewusstsein tritt jetzt herein die Erscheinung einer geistigen Welt, die wir unterscheiden von dem, als was wir uns wissen im Zeitleib, wie wir unterscheiden die äußeren Farben, Töne von unserem physischen Leibe, wenn wir in der Raumeswelt, in der physischen Welt dastehen. Wir lernen unterscheiden zwischen dem, was wir äußerlich wahrnehmen als geistigen Inhalt der Welt, als eine Welt von geistigen Wesenheiten, die um uns geradeso ist, wie die physische Welt der physischen Tatsachen und physischen Wesen, und wir lernen uns selbst von dieser geistigen Welt unterscheiden.

[ 29 ] Yes—my esteemed audience—into this empty consciousness now enters the phenomenon of a spiritual world, which we distinguish from what we know ourselves to be in our temporal body, just as we distinguish external colors and sounds from our physical body when we stand in the spatial world, in the physical world. We learn to distinguish between what we perceive externally as the spiritual content of the world—a world of spiritual beings that exists around us just as the physical world of physical facts and physical beings does—and we learn to distinguish ourselves from this spiritual world.

[ 30 ] Konnte ich sagen, dass die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis bis zu einer wirklichen Art Selbstanschauung komme, das ein erstarktes Denken ist, so lässt sich jetzt diese zweite Stufe, durch die wir eine wirkliche geistige Welt erkennen, durch die wir erfahren, dass um uns herum Geistwelt ist, wie sinnliche Welt, es lässt sich vergleichen diese zweite Fähigkeit mit derjenigen seelischen Tätigkeit, die wir hineingießen in unseren physischen Organismus, indem wir sprechen. Sprechen ist ja nicht bloß eine physische maschinenhafte Äußerung des menschlichen Organismus. In dasjenige, was der physische Organismus offenbart, indem der Mensch spricht, gießt der Mensch hinein das, was sein Seelenleben ist, und es strömt in den Worten und in den Sätzen dasjenige, was Seelenleben ist. Lernen wir das verstärkte Denken, wie ich es beschrieben habe, unterdrücken, dann lernen wir zu dieser Unterscheidung des unterdrückten Denkens etwas, was ich mit einigen Worten bezeichnen werde, was man ja kennt, aber es ist mit diesen Worten in diesem Falle doch etwas anderes bezeichnet. Man lernt nämlich nicht nur das Denken unterdrücken, man lernt nämlich in einem höheren Sinne, als das im gewöhnlichen Leben der Fall ist, innerlich schweigen. Ja, es ist, wenn das leere Bewusstsein hergestellt ist, das innere Erlebnis da: Jetzt schweigt die Seele. Ich sagte, ich gebrauche das Wort, wie man es für das Nichtreden im gewöhnlichen Leben braucht. Aber das Wort bedeutet in diesem Falle etwas anderes. Dieses Schweigen nach dem unterdrückten Denken ist jetzt ein positives inneres Erlebnis sozusagen, wie wir uns sonst — sagen wir — zur Freude oder zum Schmerz erfüllen mit demjenigen, was unsere Rede enthält, was unsere Worte enthalten. In demselben Sinne fühlen wir uns jetzt, indem wir in unsere übersinnliche Wesenheit auf die beschriebene Art untertauchen: wir schweigen ausgefüllt. Und dieses Schweigen ist noch in einer anderen Beziehung von besonderer Art.

[ 30 ] If I could say that the first stage of supersensible knowledge leads to a genuine form of self-contemplation—which is a strengthened thinking—then this second stage, through which we perceive a genuine spiritual world and come to realize that the spiritual world surrounds us just as the sensory world does, this second faculty can be compared to the soul activity that we pour into our physical organism when we speak. Speech is, after all, not merely a physical, mechanical expression of the human organism. Into what the physical organism reveals when a person speaks, the person pours what constitutes their soul life, and what constitutes soul life flows through the words and sentences. If we learn to suppress this intensified thinking, as I have described it, then we learn, in connection with this suppression of thinking, something that I will describe in a few words—something that is familiar, but which, in this case, is denoted by these words in a somewhat different sense. For we do not merely learn to suppress thinking; rather, we learn—in a higher sense than is the case in ordinary life—to be inwardly silent. Yes, once empty consciousness has been established, the inner experience is there: now the soul is silent. I said that I use the word as it is used to refer to not speaking in ordinary life. But in this case, the word means something else. This silence following the suppression of thought is now, so to speak, a positive inner experience, just as we are otherwise—let’s say—filled with joy or pain by what our speech contains, by what our words contain. In the same sense, we now feel—as we immerse ourselves in our supersensible being in the manner described—that we are filled with silence. And this silence is of a special nature in yet another respect.

[ 31 ] Ich muss mich durch einen Vergleich ausdrücken, wenn ich das klarmachen will. Ich muss sagen: Nehmen wir an, wir befinden uns in dem Geräusche einer Großstadt, alles Mögliche poltert um uns herum. Wir entfernen uns aus der Stadt, die Geräusche werden immer schwächer und schwächer, weil sie ferner und ferner tönen; es wird immer stiller. Wir gehen hinaus in die Einsamkeit des Waldes — noch stiller wird es. Endlich ist volles Schweigen um uns. Aber ich möchte sagen: Dieses Schweigen ist erst die Null. Wir können weitergehen. Wir können dasjenige, was Schweigen einfach als etwas nicht hören bedeutet, noch weiter vermindern — wenn ich mich eines ganz trivialen Ausdruckes bedienen darf —, wie wir vermindern können, wenn wir unser Vermögen bis auf die Null herunter ausgegeben haben, dieses Vermögen noch weiter vermindern, indem wir Schulden machen müssen, indem wir noch weniger haben als Null. So können wir das Schweigen vermindern. Es ist etwas Tieferes in der Seele, nachdem das Denken unterdrückt ist, als das Schweigen. Es ist eine innerliche Kraft in diesem verstärkten Schweigen, und in dieses verstärkte Schweigen, diese Stille, die über die Null der Ruhe hinausgeht, diese Stille, sie bringt etwas hervor, was nun nicht ein Äußeres ist, aber eine innerliche Sprache, eine Sprache, die nun nicht aus den Tiefen der Seele herausdringt, sondern die — man erlebt es deutlich — hereinkommt von der übersinnlichen Welt, in der man selbst jetzt in dieser übersinnlichen Wesenheit ist, wie ich es beschrieben habe. Man fühlt sich jetzt gedrängt, dasjenige, was man in dem inneren Schweigen der Seele erlebt, so zu beschreiben. Man erlebt ja die geistige Welt, und von der geistigen Welt ist es, wie wenn sie durch das Schweigen unserer Seele zu uns spräche. Sie spricht wirklich zu uns. Nur muss man dieses Sprechen nicht in die Worte gießen, die sonst hervorgebracht werden mit unseren Sprachorganen, sondern man muss das gießen, indem man die Naturerscheinungen selber verwendet, um dasjenige auszudrücken, was sich da als geistige Welt offenbart. Das geschieht so. Aber es geschieht das — meine sehr verehrten Anwesenden —, man will innere elementare Natürlichkeit, wie es das Verhalten gegenüber der äußeren Sinneswelt ist. Ich nehme wahr auf die beschriebene Art irgendetwas Geistiges in der Welt. Dieses Geistige macht auf mich einen Eindruck, einen ganz bestimmten Eindruck. Unmittelbar steht vor meiner schweigenden Seele dieser Eindruck. Er ist derselbe, den sonst die rote Farbe macht, nicht so, wie ich die rote Farbe gesehen habe, sondern geradeso wie ich, wenn ich irgendeine rote Farbfläche in der Erinnerung wiederum vollständig aufleuchten sehe, sehe ich nicht die Röte der Farbe, sondern die Erinnerung an das Farbigsein, an die Röte der Farbe. Sie ist aber doch etwas ganz anderes. So erlebe ich jetzt in der Seele die unmittelbare Anwesenheit eines Geistigen. Ich muss diese unmittelbare Anwesenheit eines Geistigen so aussprechen, dass ich mich gewissermaßen erinnere. Dieses Geistige wirkt auf mich wie die rote oder blaue Farbe. Ich kann das Geistige in der roten oder blauen Farbe mit diesem oder jenem Tone, obwohl gar nicht gemeint ist irgendein Ton der äußeren Sinneswelt, vergleichen. Mit anderen Worten: Meine Sprache gegenüber der geistigen Welt wird eine ganz besondere. Meine Sprache gegenüber der geistigen Welt wird eine solche, dass ich, um zu charakterisieren, um auszudrücken, was sich mir in der geistigen Welt offenbart, [mich] der sinnlichen Erscheinungen bediene, die aber ebenso wenig zu den geistigen Wesenheiten und Geschehnissen gehören, wie schließlich das Wort Denken zu dem Denken selbst gehört. Man beschreibt dasjenige, was man in der geistigen Welt schaut, so wie ich es beschrieben habe zum Beispiel in meiner «Theosophie»; aber es ist eine Sprache, die man gebraucht. Man bedient sich der sinnlichen Farben, der sinnlichen Töne, um dasjenige, was man in der geistigen Welt zu beschreiben hat, zu beschreiben. Es ist eine Sprache, es ist die Sprache der schweigenden Seele.

[ 31 ] I have to use an analogy to make this clear. I have to say: Let’s suppose we’re in the midst of the noise of a big city, with all sorts of sounds rumbling around us. We move away from the city; the sounds grow fainter and fainter as they come from farther and farther away; it grows quieter and quieter. We go out into the solitude of the forest—it grows even quieter. Finally, there is complete silence around us. But I would like to say: This silence is only zero. We can go further. We can reduce silence—which simply means “not hearing anything”—even further—if I may use a very trivial expression—just as we can reduce something when, having spent our resources down to zero, we must go into debt, ending up with even less than zero. That is how we can reduce silence. There is something deeper in the soul, once thought has been suppressed, than silence. There is an inner power in this intensified silence, and within this intensified silence—this stillness that goes beyond the zero of tranquility—this stillness, it brings forth something that is not an external manifestation, but an inner language—a language that does not emerge from the depths of the soul, but rather—as one clearly experiences—comes in from the supersensible world, in which one is now oneself, as a supersensible being, just as I have described. One now feels compelled to describe what one experiences in the inner silence of the soul. One does indeed experience the spiritual world, and it is as if the spiritual world were speaking to us through the silence of our soul. It truly speaks to us. Only, one must not express this speech in the words that are otherwise produced by our speech organs, but rather one must express it by using natural phenomena themselves to convey what is revealing itself there as the spiritual world. This is how it happens. But what happens—my dear friends here present—is that one seeks an inner, elemental naturalness, just as one’s attitude toward the external sensory world is. I perceive something spiritual in the world in the manner described. This spiritual aspect makes an impression on me, a very specific impression. This impression stands immediately before my silent soul. It is the same as the impression the color red otherwise makes—not as I have seen the color red, but just as when I see a red surface in my memory light up completely once again: I do not see the redness of the color, but rather the memory of its colorfulness, of the redness of the color. Yet it is something quite different. Thus I now experience in my soul the immediate presence of something spiritual. I must describe this immediate presence of something spiritual in such a way that I, so to speak, recall it. This spiritual element affects me like the color red or blue. I can compare the spiritual element in the color red or blue to this or that tone—though I do not mean any tone from the external sensory world at all. In other words: My language in relation to the spiritual world becomes a very special one. My language in relation to the spiritual world becomes such that, in order to characterize and express what is revealed to me in the spiritual world, I make use of sensory phenomena—which, however, belong just as little to spiritual beings and events as the word “thinking” ultimately belongs to thinking itself. One describes what one beholds in the spiritual world just as I have described it, for example, in my *Theosophy*; but it is a language that one uses. One makes use of sensory colors and sensory tones to describe what one has to describe in the spiritual world. It is a language; it is the language of the silent soul.

[ 32 ] Und wenn die Seele in dieser Weise vorgeschritten ist, dann kann auch, wenn einfach die Kraft verstärkt wird, welche das Denken unterdrückt und das Schweigen der Seele herstellt, dann kann auch das ganze Tableau der Selbstanschauung ausgelöscht werden. Ich kann sozusagen meinen Zeitleib auslöschen. Wie ich sonst nur einzelne Bilder, einzelne Gedanken aus dem Bewusstsein auslösche, so lösche ich jetzt dasjenige aus, was ich als irdischer Mensch seit meiner Geburt erlebt habe. Habe ich gelernt, Bewusstsein mit Schweigen der Seele herzustellen, dann taucht jetzt nicht nur die umfassende Geistwelt auf, wie ich es eben beschrieben habe, sondern es taucht auf die eigene wahre Wesenheit, die der Mensch war, bevor er heruntergestiegen ist in eine physische Welt in einem vorigen Dasein. Jetzt lernt man durch die Unterdrückung desjenigen, was man als Erdenmensch erlebt hat, durch das leere, von Schweigen erfüllte Bewusstsein sein vorirdisches Dasein kennen, somit die Seele in demjenigen Zustande, in dem sie ewig ist, in dem sie war, bevor sie durch den physischen Menschenkeim in das physische Erdenleben eingetreten ist. Jetzt erlangt man, nicht durch eine philosophische Spekulation, sondern durch eine wirkliche Anschauung, die Erkenntnis der Ewigkeit der Menschenseele.

[ 32 ] And once the soul has progressed in this way, then—simply by strengthening the power that suppresses thought and brings about the soul’s silence—the entire tableau of self-perception can also be erased. I can, so to speak, erase my temporal body. Just as I otherwise erase only individual images and individual thoughts from my consciousness, I now erase everything I have experienced as an earthly human being since my birth. Once I have learned to establish consciousness through the silence of the soul, not only does the all-encompassing spiritual world emerge, as I have just described, but my own true essence also emerges—the being that I was before I descended into the physical world in a previous existence. Now, by suppressing what one has experienced as an earthly human being, through the empty consciousness filled with silence, one comes to know one’s pre-earthly existence—and thus the soul in that state in which it is eternal, in which it was before it entered physical earthly life through the physical human embryo. Now one attains, not through philosophical speculation but through actual insight, the knowledge of the eternity of the human soul.

[ 33 ] Damit aber erlangt man auch die Erkenntnis des ganzen Zusammenhanges zwischen dieser Menschenseele und dem Menschenleib. Denn man lernt ja jetzt hineinschauen in die Welt, in der man war, bevor man zum irdischen Dasein heruntergestiegen ist. Und jetzt lernt man erkennen, wie in dieser Welt, die eine rein geistige ist, in der man war, bevor man zum irdischen Dasein heruntergestiegen ist, jetzt lernt man kennen, wie ebenso dieser Mensch, dasjenige, was man vor sich hat, der Mensch ist, geradeso, wie hier das Außermenschliche auf der Erde die Welt ist. Man lernt erkennen, wie der Mensch seine übersinnlichen Sinne — wenn ich mich dieses paradoxen Ausdruckes bedienen darf —, seine übersinnlichen Sinne hingerichtet hatte, bevor er in einen physischen Leib heruntergestiegen ist, gerade auf die Natur und Wesenheit des Menschen, wie er damals im vorirdischen Dasein die Geheimnisse des Menschen durchschaut hat, wie er diese Geheimnisse des Menschen in der Geistwelt durchschaut hat, während er in seiner ewigen Natur, nicht eingekleidet in seinem physischen Leibe, war.

[ 33 ] But in this way, one also gains an understanding of the entire connection between the human soul and the human body. For one now learns to look into the world in which one existed before descending into earthly existence. And now one learns to recognize how, in this world—which is a purely spiritual one—in which one existed before descending into earthly existence, one now comes to understand how this human being, the one standing before one, is a human being, just as the non-human realm on Earth is the world here. One learns to recognize how the human being directed his supersensible senses—if I may use this paradoxical expression— had directed his supersensible senses—if I may use this paradoxical expression—precisely toward the nature and essence of the human being; how, in his pre-earthly existence, he had penetrated the mysteries of the human being; how he had penetrated these mysteries of the human being in the spiritual world while he was in his eternal nature, not clothed in his physical body.

[ 34 ] Und damit eröffnet sich auch die Erkenntnis davon, die anschauliche, nicht erspekulierte Erkenntnis davon, wie die menschliche Wesenheit dasjenige, was sie in ihrer ewigen Wesenheit aufrechterhält, wenn der Mensch die Pforte des Todes durchschreitet, durchzieht. Glaubensvorstellungen kann man gewinnen über dasjenige, was über den Tod hinaus lebt. Es soll auch hier gar nicht gesagt werden, dass diese Glaubensvorstellungen etwas falsch oder mangelhaft zu sein brauchen, gegen ihre Richtigkeit soll gar nichts eingewendet werden. Allein wir leben heute in einem Zeitalter schon, wo der Mensch hingeordnet ist, zu demjenigen, was ihm durch Wissen und Erkenntnisinhalt, nicht durch Glaubensinhalt gegeben wird, zu dringen. Deshalb soll auch [der Erkenntnisweg], nicht der bloße Glaubensweg gesucht werden.

[ 34 ] And this also opens the way to the realization—the vivid, non-speculative realization—of how the human being passes through that which sustains its eternal essence when it crosses the threshold of death. One can form beliefs about that which lives on beyond death. It is by no means intended here to suggest that these beliefs are necessarily false or deficient; no objection is to be raised against their validity. However, we are already living in an age in which human beings are called upon to penetrate to that which is given to them through knowledge and insight, not through the content of faith. Therefore, [the path of knowledge], not merely the path of faith, should be sought.

[ 35 ] Man gelangt dazu, einzusehen, wie die Menschenseele selber durch den physischen Leib zusammenhängt, wie sie drinnenlebt, wie sie in der Blutzirkulation lebt, im Atmungsprozess lebt, in aller einzelnen Funktion des Körperlichen lebt. Man lernt daher erkennen, wie im physischen Erdenleben nicht nur vorhanden ist ein aufsteigendes, sprossendes, sprießendes Leben, sondern man schaut hinein, nachdem man den ewigen Charakter der Menschenseele kennengelernt hat, wie diese Menschenseele in dem physischen Leibe lebt. Man lernt erkennen, dass zwar der Wille, dass die Wachstumskraft an die sprießenden, sprossenden Kräfte gebunden ist, man lernt aber auch erkennen, dass gerade das Denken und noch ein Teil des Fühlens gebunden ist an Abbaukräfte des menschlichen Organismus.

[ 35 ] One comes to understand how the human soul itself is connected to the physical body, how it lives within it, how it lives in the circulation of the blood, in the process of breathing, and in every single function of the physical body. One therefore learns to recognize that in physical earthly life there is not only an ascending, sprouting, and budding life, but—having come to know the eternal character of the human soul—one looks within to see how this human soul lives within the physical body. One learns to recognize that, while the will and the power of growth are indeed bound to the sprouting and budding forces, one also learns to recognize that thinking in particular—and to some extent feeling as well—is bound to the forces of decay within the human organism.

[ 36 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn Sie einen Gedanken, eine Vorstellung fassen, da geschieht nicht ein Wachstumsprozess, da geschieht ein Abbauprozess, gewissermaßen ein atomistischer Sterbeprozess. Wir sterben fortwährend, indem wir denken, und auch für einen Teil des Fühlens gilt das. Wir tragen als physischer Erdenmensch dasjenige in uns, was wächst, wie eine Pflanze wächst. Wir tragen aber auch dasjenige in uns, was innerhalb gerade unseres Nervenorganismus fortwährend abdörrt, wie eine Pflanze abdörrt. Aber während die Pflanze im Abdörren nur einen Verfall hat, haben wir neben, ich möchte sagen Herausbröckelndem des Absterbens, in uns die Möglichkeit des Denkens und eines Teils des Fühlens. Da schaut man in anderer Weise in das menschliche Erdenleben hinein, als das sonst durch eine bloße äußere Physiologie der Fall ist. Da schaut man hin, wie der Mensch zu seinem Denken dadurch kommt, dass sozusagen der Gedanke sich erst festsetzt, wenn Materie [nicht] in ihrer Wachstumskraft lebt oder gar, wenn die Struktur der Materie zerstört ist.

[ 36 ] Yes—my esteemed audience—when you grasp a thought or an idea, what takes place is not a process of growth, but a process of decay, a kind of atomistic process of dying. We are constantly dying as we think, and this also applies to a certain aspect of feeling. As physical human beings on Earth, we carry within us that which grows, just as a plant grows. But we also carry within us that which is constantly withering away within our nervous system, just as a plant withers. Yet while the plant experiences only decay as it withers, we possess—alongside, I might say, the crumbling away of death—the capacity for thought and a part of feeling. This offers a different perspective on human life on Earth than is otherwise provided by mere external physiology. It reveals how human beings arrive at their thinking through the fact that, so to speak, a thought only takes root when matter is [no longer] alive with its power of growth—or even when the structure of matter is destroyed.

[ 37 ] Die Materie ist so wenig Herr unseres Denkens, dass die Materie ihre eigene Natur da in unserem Organismus aufgeben muss, wo der Gedanke herrschen will. Der Gedanke herrscht in unserem Organismus, indem seine ganze Struktur nicht Wachstum der Materie ist, sondern indem die Materie abdörrt. Die Materie macht erst den Gedanken [Platz]. Lernen wir auf diese Weise, ich möchte sagen den partiellen Tod kennen, lernen wir erkennen, wie immer in uns etwas abstirbt, gerade um unserem Geistigen Platz zu machen, dann gelangen wir, insbesondere wenn wir das Denken und innere Schweigen so fortgebildet haben, wie ich es geschildert habe, dann gelangen wir dazu, nun auch die menschliche Ewigkeit nach der anderen Seite, über den Tod hinaus wirklich anzuschauen, zu erkennen. Dazu aber bedarf es noch etwas anderes.

[ 37 ] Matter has so little control over our thinking that it must relinquish its own nature within our organism wherever thought seeks to reign. Thought reigns in our organism not because its entire structure consists of the growth of matter, but because matter withers away. It is only by making way for thought that matter yields. If we come to know—I would say—partial death in this way, if we learn to recognize how something within us is always dying precisely to make room for our spiritual nature, then—especially if we have developed our thinking and inner silence as I have described—we will be able to truly behold and recognize human eternity on the other side, beyond death. But this requires something else as well.

[ 38 ] Und jetzt — meine sehr verehrten Anwesenden — muss ich kurz etwas erwähnen, was gewiss außerordentlich paradox erscheinen wird, aber es ist doch eine Wirklichkeit. Es muss noch eine Seelenkraft besonders ausgebildet werden, wenn man nun dazu kommen will, diesen eben angedeuteten Tatbestand über den Tod hinaus zu durchschauen. Während man nämlich dieses leere Bewusstsein ausbildet, dieses innere Schweigen der Seele, erlangt man schon auch immer mehr und mehr das Bedürfnis, eine Seelenkraft, die sonst in uns vorhanden ist, die eine außerordentlich große Rolle spielt im menschlichen Leben, eine solche Seelenkraft weiter ins Geistige, ins Seelische hinüber zu bilden. Das ist die Kraft der Liebe. Liebe, die edelste unter den Seelenkräften, kann auch in gewisser Beziehung die niederste sein. Sie spielt ihre große Rolle im Leben. Also wenn der Mensch diese Stufe durchläuft, dass er sich zuerst in seinem Zeitleibe fühlt, dass er dann hinschaut zu diesem noch viel höheren Leib — wenn ich jetzt diesen Ausdruck gebrauchen darf —, den er getragen hat im vorirdischen Dasein, so sind seine Seelenkräfte so gesteigert, dass er auch das Bedürfnis fühlt, die Liebefähigkeit zu steigern. Deshalb habe ich in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» auch jene Übungen angegeben, welche die Liebefähigkeit steigern. Steigert man parallel den erwähnten anderen Fähigkeiten diese Liebefähigkeit, dann gelangt man dazu, allmählich dasjenige, was man anschaut als sein eigenes Wesen im vorirdischen Dasein, das auch während des Erdenlebens wirklich zu durchleben. Und jetzt erlebt man sich in einem dritten Gliede der Menschennatur.

[ 38 ] And now—my esteemed audience—I must briefly mention something that will certainly seem extraordinarily paradoxical, but it is nonetheless a reality. A particular spiritual faculty must still be developed if one is to gain insight into the reality just described, which extends beyond death. For as one cultivates this empty consciousness—this inner silence of the soul—one also increasingly feels the need to transform a spiritual power that is otherwise present within us, one that plays an extraordinarily large role in human life, into something that extends further into the spiritual and the soul-level. This is the power of love. Love, the noblest of the soul’s powers, can also, in a certain sense, be the lowest. It plays its great role in life. So when a person passes through this stage—first feeling themselves within their temporal body, then looking toward that even higher body—if I may use that expression—which they bore in their pre-earthly existence—their soul forces have increased to such an extent that they also feel the need to enhance their capacity for love. That is why, in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, I have also outlined those exercises that enhance the capacity for love. If one increases this capacity for love in parallel with the other abilities mentioned, one gradually comes to truly experience, even during earthly life, that which one perceives as one’s own being in pre-earthly existence. And now one experiences oneself in a third aspect of human nature.

[ 39 ] Man hat sonst im gewöhnlichen Leben seinen physischen Leib, durch die Art, die ich geschildert habe, seinen Äther- oder Bildekräfteleib, den Zeitleib erlebt. Jetzt erlebt man sich in seinem eigentlichen übersinnlichen Leib, in dem das Seelenleben vor sich geht. Den erkennt man jetzt als denjenigen, für den immer von der Materie Platz geschaffen werden muss, indem die Materie ihre Struktur zerstört, damit das eigentliche Seelisch-Geistige sich in unserer Organisation ausbreiten kann. Und jetzt erlebt man auch, indem man zuerst sieht, wie gewissermaßen aus dem Nervensystem die Materie herausfällt, tot wird, und das Seelisch-Gedankenhafte sich geltend macht, jetzt lernt man erkennen, wie das Seelische, wenn der ganze Leib abfällt im Tode, hinübergeht in die geistige Welt.

[ 39 ] In ordinary life, one usually experiences one’s physical body, as well as one’s etheric or formative body and one’s temporal body, in the way I have described. Now one experiences oneself in one’s true supersensible body, in which the life of the soul unfolds. One now recognizes this as the body for which space must always be made by matter—through the destruction of matter’s structure—so that the true soul-spiritual can expand within our organism. And now one also experiences—by first seeing how, as it were, matter falls away from the nervous system, becomes dead, and the soul-thought aspect asserts itself—one now learns to recognize how the soul, when the entire body falls away in death, passes over into the spiritual world.

[ 40 ] Ich musste Ihnen schildern, meine sehr verehrten Anwesenden, indem ich Ihnen von der menschlichen Unsterblichkeit sprach — diese Frage wollte ich von den drei genannten heute charakterisieren —, indem ich Ihnen dies sagte, musste ich in einer anderen Weise reden, als oftmals in philosophischer Weise geredet wird. Da wird vorausgesetzt, dass man beim gewöhnlichen Denken bleiben kann, dass man die Gedanken kombinieren kann und dass man da durch Urteile und Schlussfolgerungen dazu komme, etwas einzusehen über die Unsterblichkeit der Seele. Hier aber musste ich Ihnen geltend machen aus anthroposophischem Streben heraus, wie man erst die menschliche Seele entwickeln muss mit Unterdrückung des intellektuellen Hochmuts, um zu der Anschauung des ewigen Wesenskernes, des seelisch-geistigen Wesenskernes im Menschen zu kommen.

[ 40 ] I had to explain to you, my esteemed audience, as I spoke to you about human immortality—this was the question I wanted to address today among the three mentioned—and in doing so, I had to speak in a different way than is often done in philosophical discourse. There, it is assumed that one can remain within the realm of ordinary thinking, that one can combine thoughts, and that through judgments and conclusions one can thereby gain insight into the immortality of the soul. Here, however, I had to demonstrate to you, from the perspective of anthroposophical endeavor, how one must first develop the human soul by suppressing intellectual arrogance in order to arrive at a vision of the eternal core of being, the soul-spiritual core of being within the human being.

[ 41 ] Das aber — meine sehr verehrten Anwesenden — ist in der Seele nicht eine mystische Tätigkeit, nicht ein Traum; das verläuft in der Seele mit derselben inneren Klarheit, ja, ich möchte sagen mit derselben inneren Nüchternheit, wie das mit Atmen und Denken verläuft. Eigentlich fühlt derjenige, der Anthroposophie in der Art treibt, wie ich es angedeutet habe, wie Sie es in meinen Büchern weiter nachlesen können, immer die Verpflichtung, nicht anders zu verfahren mit seinen Seelenkräften, als wie der Mathematiker verfährt, Schritt für Schritt sich immer von dem Anteil des Seelenlebens Rechenschaft zu geben. Es ist dieselbe Tätigkeit, die man verrichtet in der Anthroposophie, wie in der Mathematik, nur dass die Mathematik sich mit den toten Raumesverhältnissen und Zahlenverhältnissen beschäftigt und dadurch dasjenige, was sie innerlich geistig erfasst in ihrem Gebilde, in ihren geometrischen, arithmetischen und algebraischen und so weiter Gebilden auch anwendbar hat, nur auf das äußerliche Tote — schafft Anthroposophie in dem Lebendigen. Alles lebt. Und sie kann daher dasjenige, was sie, ich möchte sagen in mathematischer Art erfasst, anwenden nicht nur auf das Lebendige, sondern auch auf das geistig existierende Tote.

[ 41 ] But this—my esteemed audience—is not a mystical activity in the soul, nor is it a dream; it takes place in the soul with the same inner clarity—indeed, I would say with the same inner sobriety—as breathing and thinking do. In fact, anyone who practices anthroposophy in the way I have indicated—as you can read further in my books—always feels the obligation to use their soul forces in the same way that a mathematician does: step by step, constantly giving an account of that aspect of soul life. The activity one engages in within anthroposophy is the same as that in mathematics, except that mathematics deals with lifeless spatial and numerical relationships and, as a result, applies what it internally grasps spiritually—in its structures, in its geometric, arithmetic, algebraic, and so on—only to the external, lifeless world; anthroposophy, on the other hand, creates within the living. Everything is alive. And therefore it can apply what it grasps—I would say in a mathematical way—not only to the living, but also to the spiritually existing inanimate.

[ 42 ] Wenn man im Raume von seinen Bildern umgeben ist, so ist man als Mensch mit sich allein. Derjenige, der neben einem steht, die anderen Menschen, die im Zimmer sein können, haben eine ganz andere Welt. Wenn sie alle träumen, können sie von Verschiedenem träumen. Mit seiner Traumwelt ist der Mensch ganz allein, isoliert. In dem Augenblick, wo er aufwacht, wo er seinen Willen einschaltet und seine Sinne einschaltet in die umgebende Sinneswelt, da ist er nicht isoliert, da erlebt er mit den anderen Menschen eine gemeinschaftliche Außenwelt. Aber sein Inneres, das eigentliche Seelenleben, hat der Mensch auch innerhalb der Sinneswelt des Erdendaseins für sich. Das ist so wie der Traum. Wir haben eigentlich nur für die sinnliche Außenwelt dieses; im Innern träumt jeder seine eigene Seelenwelt. In dem Augenblicke, wo wir hineinschauen in das vorirdische Dasein oder auch, wie ich es beschrieben habe, in das Dasein, das der Mensch betritt, bevor er durch die Pforte des Todes tritt, in demselben Augenblicke haben wir auch geistig-seelisch mit dem anderen Menschen ein Dasein. Wir leben in einer geistigen Welt wie alle Seelen. Daher eröffnet sich durch Anthroposophie nicht bloß etwas wie eine Unsterblichkeitsidee, sondern eine wirkliche Erkenntnis davon: Wenn du durch die Pforte des Todes gehst, dann wirfst du den physischen Leib ab, du lebst in deinem GeistigSeelischen in der geistigen Welt weiter. Aber auch dasjenige, was du an Erdenverhältnissen eingegangen bist mit anderen Menschen — dasjenige, was du mit jenen eingegangen bist, die du geliebt hast, mit denen du verwandt bist oder sonst lieb hast, Freunde, Gesinnungsgenossen und so weiter —, dasjenige, was irdisch daran ist, fällt ab. Aber das, was deine eigene Seele weiterlebt, das lebst du gemeinschaftlich mit denen, mit denen du Verhältnisse eingegangen hast, das lebst du mit denen auch, die dir vorangegangen sind vielleicht oder nachdem sie ebenfalls in die geistige Welt gekommen sind, weiter.

[ 42 ] When one is surrounded by one’s own images in a room, one is alone with oneself as a human being. The person standing next to you, and the other people who may be in the room, inhabit a completely different world. If they are all dreaming, they may be dreaming of different things. In one’s dream world, a person is entirely alone, isolated. The moment they wake up, the moment they engage their will and their senses in the surrounding sensory world, they are no longer isolated; they experience a shared external world together with other people. But a person’s inner life—the true life of the soul—remains their own even within the sensory world of earthly existence. It is just like a dream. We actually share only this with regard to the external sensory world; inwardly, each person dreams their own world of the soul. At the very moment we look into pre-earthly existence—or, as I have described it, into the existence a person enters before passing through the gate of death—at that very moment we also share a spiritual-soul existence with other human beings. We live in a spiritual world, just like all souls. Therefore, anthroposophy opens up not merely an idea of immortality, but a genuine understanding of it: When you pass through the gate of death, you shed your physical body; you continue to live in your spiritual-soul life within the spiritual world. But even the earthly relationships you have formed with other people—the bonds you have formed with those you have loved, with whom you are related or whom you otherwise hold dear, friends, kindred spirits, and so on—the earthly aspect of these relationships falls away. But what lives on in your own soul—you experience this in communion with those with whom you have formed relationships; you also continue to experience it with those who may have gone before you or who have likewise entered the spiritual world.

[ 43 ] Das wirkliche Gemeinschaftsverhältnis, nachdem die Menschen durch die Pforte des Todes gegangen sind, tritt in unmittelbarer Anschauung vor die Erkenntnis, die Erkenntnis, die es erreicht hat — wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf —, sich innerlich durchsichtig und klar zu entwickeln wie die Mathematik, und auf der anderen Seite wieder [hinaufreichen will] bis zu den höchsten [Fragen] des menschlichen Daseins. In ehrlicher Weise wird angestrebt eine solche Erkenntnis in der Anthroposophie.

[ 43 ] The true nature of the community relationship, once human beings have passed through the gate of death, presents itself in direct perception to the insight—the insight that has attained, if I may use this expression, the ability to develop inwardly with the transparency and clarity of mathematics, and on the other hand [seeks to reach] once again up to the highest [questions] of human existence. Anthroposophy sincerely strives for such insight.

[ 44 ] Und indem die Menschheit heute tatsächlich sich gewöhnt hat durch die bewunderungsvolle Naturwissenschaft, zu demjenigen, was sie erkennen will, in klarer, durchsichtiger Anschauung zu kommen, wird sich diese Menschheit, wenn sie sich nicht betäubt hat, nicht auf die Dauer beruhigen können mit bloßen Glaubensvorstellungen — die ja auch nur übrigens aus alten Erkenntnissen hervorgegangen sind —, die Menschheit wird ebenso, wie sie eine Natureinsicht seit drei, vier, fünf Jahrhunderten erlangt hat, erlangen müssen eine Geisteseinsicht. Die Menschenseele müsste sich eben betäuben über die höchsten Fragen ihres Daseins, wenn sie nicht nach einer solchen Geist-Einsicht streben würde. Nenne man das Anthroposophie oder wie man will, aber eine solche Geist-Einsicht ist ein Bedürfnis für die meisten Menschen der Gegenwart, wenn auch dieses Bedürfnis noch tief im Unterbewussten sitzt. Also vieles von Wohl und Wehe der gegenwärtigen Menschheit rührt von diesem Bedürfnis her. Klärt man auf dasjenige, was unbewusst in der bloßen Empfindung sitzt der heutigen Menschheit, die sich unbefriedigt fühlt, die nervös geworden ist, die allerlei Disharmonisches und Chaotisches in der Seele hat und dies auch in die Welt trägt, so kommt man darauf, dass zwar sich diese Menschen [das] nicht bis zum Begreifen, bis zum Verständnisse bringen, dass es aber ein tiefes Bedürfnis ist, eine Erkenntnis zu gewinnen über den Geist, so wie die Menschheit eine Erkenntnis gewonnen hat über die Natur, die sie zur äußeren Technik gebracht hat. Die Erkenntnis wird den Menschen zu einer Erfassung des äußerlichen Erlebens, aber auch zu einer tieferen Erfassung, zu einer wahrhaft innerlichen Seelenerfassung führen des Sittlichen. Auch das — meine sehr verehrten Anwesenden — soll Anthroposophie bewirken.

[ 44 ] And since humanity today has indeed become accustomed, through the awe-inspiring natural sciences, to gaining a clear, transparent understanding of whatever it seeks to know, this humanity—provided it has not numbed itself—will not be able to content itself in the long run with mere beliefs—which, incidentally, have themselves emerged from ancient insights—; just as humanity has gained an understanding of nature over the past three, four, or five centuries, it will likewise have to gain an understanding of the spirit. The human soul would indeed have to numb itself to the highest questions of its existence if it did not strive for such an understanding of the spirit. Call it anthroposophy or whatever you will, but such an understanding of the spirit is a need for most people today, even if this need still lies deep in the subconscious. Thus, much of the good and ill of present-day humanity stems from this need. If one examines what lies unconsciously in the mere feelings of today’s humanity—which feels unsatisfied, has become nervous, harbors all manner of disharmony and chaos in the soul, and carries this out into the world as well—one comes to the conclusion that, although these people cannot bring [this] to the level of comprehension or understanding, it is nonetheless a deep need to gain knowledge of the spirit, just as humanity has gained knowledge of nature, which has led to external technology. This knowledge will lead people to a grasp of external experience, but also to a deeper grasp—a truly inner, spiritual grasp—of morality. That, too—my esteemed audience—is what anthroposophy is meant to bring about.

[ 45 ] Und das Goetheanum wollte sein die äußere Hülle. Goethe hat die schönen Worte ausgesprochen über die Kunst — als er in Italien eigentlich erst die Kunst kennengelernt hatte —, nach seiner Art, schöne Worte, die er schrieb an seine weimarischen Freunde: «Ich habe eine Vermutung, dass die Griechen nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin.» Goethe suchte also in der Kunst einen sinnlichen Ausdruck, eine sinnliche Offenbarung für dasjenige, was der Geist-Erkenntnis aufleuchtet, wenn Goethe sprach aus der Tiefe seiner Seele heraus das Wort: «Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie» — ohne die Kunst nämlich — «niemals offenbar würden». Goethe betrachtete gerade das Erkenntnisgemäße des Menschen in Bezug auf die geistige Welt — nicht in Bezug auf die Sinneswelt — als dasjenige, was den Menschen so durchdringt, dass er dann als Plastiker, als Maler, als Musiker und so weiter aus dem Geiste heraus wiederum die Form bezwingen will. So, könnte man sagen, war für Goethe Erkenntnis die eine Äußerung des menschlichen Strebens, künstlerisches Schaffen und künstlerisches Genießen die andere Äußerung. Nur im Laufe der Menschheitsentwicklung nach den abstrakten Gedanken, nach dem Theoretischen hin, in das wir heute so sehr hineingekommen sind, ist Kunst der Erkenntnis fremd geworden. Goethe strebte wiederum, die Erkenntnis zur Kunst, die Kunst zur Erkenntnis zu bringen, weil er wusste, dass die Natur, namentlich indem sie die menschliche Gestalt schafft, selber als Künstlerin schafft.

[ 45 ] And the Goetheanum was to be its outer shell. Goethe spoke these beautiful words about art—after he had, in fact, first come to know art in Italy—in his own way, beautiful words that he wrote to his friends in Weimar: “I have a hunch that the Greeks proceeded according to the very same laws by which nature proceeds and which I am on the trail of.” Goethe thus sought in art a sensory expression, a sensory revelation of that which dawns upon spiritual insight, when Goethe spoke from the depths of his soul the words: “Art is a manifestation of secret laws of nature that without it”—namely, without art—“would never be revealed.” Goethe regarded precisely that aspect of human cognition pertaining to the spiritual world—not to the sensory world—as that which so permeates human beings that they then, as sculptors, painters, musicians, and so on, seek to master form anew from within the spirit. Thus, one might say, for Goethe, knowledge was one expression of human striving, while artistic creation and artistic enjoyment were the other. Only in the course of humanity’s development toward abstract thought and theory—into which we have become so deeply immersed today—has art become alien to knowledge. Goethe, in turn, strove to bring knowledge to art and art to knowledge, because he knew that nature, particularly in creating the human form, creates as an artist in her own right.

[ 46 ] Was nützt es — meine sehr verehrten Anwesenden —, aus einer noch so starken Logik heraus zu sagen: Man darf nicht künstlerische Bilder sich vor Augen stellen, wenn man erkennen will? Wenn die Natur selber wie eine Künstlerin schafft, dann lernt man eben einfach die Natur nicht erkennen, wenn man sie bloß logisch erkennen will, und am wenigsten lernt man den Menschen erkennen, wenn man nicht in der Lage ist, überzugehen von dem allerdings strengen logischen Denken allmählich in ein künstlerisches, verbildlichendes Erfassen desjenigen, was eben in der menschlichen Gestalt, was in den Farben, was in allem Menschlichen lebt. Ein gerader Weg führt vom Erkenntnismäßigen ins Künstlerische hinein.

[ 46 ] What good does it do—my esteemed audience—to say, no matter how sound the logic behind it may be: “One must not conjure up artistic images in one’s mind if one wishes to perceive?” If nature itself creates like an artist, then one simply fails to understand nature if one seeks to grasp it purely through logic; and one is least able to understand human beings if one is not capable of gradually transitioning from strictly logical thinking to an artistic, imaginative apprehension of that which lives in the human form, in colors, and in all that is human. A direct path leads from the cognitive to the artistic.

[ 47 ] Nun, goethisch in diesem Sinne wollte man auch sein in dem Augenblicke, als einige Freunde jener Weltanschauung, die ich Ihnen heute wiederum mit ein paar Strichen skizzenhaft gezeichnet habe, als einige Freunde sich in opferwilliger Weise zusammentaten, um eben in Dornach bei Basel eine Stätte zu schaffen. Ich wurde beauftragt, diese Stätte zu erbauen.

[ 47 ] Well, one wanted to be “Goethian” in this sense at the very moment when some friends of that worldview—which I have once again sketched out for you today in a few broad strokes—when some friends came together in a spirit of self-sacrifice to create a site in Dornach near Basel. I was commissioned to build this site.

[ 48 ] Viele Leute haben sich angewöhnt, zu sagen: Diejenigen, die sich Anthroposophen nennen, die folgen mir aufs Wort, die glauben nur an meine Autorität. Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, ich glaube, niemand kann sagen, dass er weniger durch seine Anhänger seinen Willen erfüllt sieht als ich. Ich spreche das, trotzdem es paradox klingt, durchaus aus: Meistens geschicht das nicht, was ich will.

[ 48 ] Many people have gotten into the habit of saying: “Those who call themselves anthroposophists follow my every word; they believe only in my authority.” Well—my dear friends here today—I believe no one can say that they see their will fulfilled any less by their followers than I do. I say this quite openly, even though it sounds paradoxical: Most of the time, what I want does not happen.

[ 49 ] Ich wurde also beauftragt, in einer gewissen Weise eben diese Stätte zu erbauen. Hätte man für irgendeine andere Weltanschauung eine solche Stätte zu erbauen gehabt, wäre man zu diesem oder jenem Baumeister gegangen; dieser hätte für die Pflege dieser Weltanschauung oder geistigen Strömung einen gotischen, Renaissanceoder antiken Bau, in diesem oder jenem Stile erbaut. Das konnte nicht für die Anthroposophie geschehen. Denn die Anthroposophie will ja sein — Sie werden das aus meiner heutigen Schilderung erkannt haben — etwas, was sich als ein neuer Impuls in die geistige Menschheitsentwicklung einfügt. Anthroposophie will tatsächlich dazu führen, dass Erkenntnis etwas anderes werde: Dass der Mensch dieses zweite Aufwachen, von dem ich gesprochen habe, erringen kann, das zeigt sich eben, wenn der Versuch in der geschilderten Art wirklich gemacht wird. Da wacht der Mensch in die übersinnliche Welt hinein auf. Da kann er dann die sinnliche Welt hier so beurteilen, wie er von der sinnlichen Welt aus die Traumeswelt beurteilen kann. Das aber — meine sehr verehrten Anwesenden — ist nicht abstrakte Erkenntnis, das ist nicht eine Summe von Theorien, das ist keine ausgedachte Weltanschauung, das ist etwas, was man erleben muss. Das ist nicht etwas, was bloß den Kopf erfüllt, das ist etwas, was den ganzen Menschen erfüllt und im Herzen — Sie werden verstehen, was ich damit meine — seinen menschlichen Mittelpunkt sucht. Dann aber kann es auch nicht sich erschöpfen in einer einseitigen Tätigkeit, dann muss es übergehen in alles dasjenige, was aus der menschlichen Natur herauskommt. Dann kann der Mensch nicht Weltanschauung vertreten innerhalb eines Baues, der aus ganz anderer Weltanschauung heraus errichtet ist. Innerhalb eines griechischen oder antiken, also eigentlich eines Renaissance- oder eines gotischen Baues lässt sich dasjenige vertreten, was aus der griechischen Anschauung, aus der gotischen Anschauung hervorgegangen ist. Anthroposophie braucht eine eigene Umhüllung durch ihr Wesen. Denn sie ist nicht bloß Anschauung, sie ist nicht bloß Theorie, sie ist Leben und wird im Menschen Leben, wie im Organismus das Blut. Und wie das Blut künstlerisch den menschlichen Leib aufbaut, so baut derjenige, der Anthroposophie erlebt, auch auf dasjenige, was er ihr als eine Stätte errichtet. Ich habe oftmals einen einfachen, trivialen Vergleich gebraucht, der aber tiefer gemeint ist. Ich habe gesagt: Man sehe die Nussschale an. Man kann sich nicht denken, dass andere Kräfte in der Nussschale wirken als innerlich [in dem Nusskern selber, den wir, anstelle der Nussschale, essen]. Aus denselben Kräften heraus, in ähnlicher Form, wie die Nuss selber geschaffen ist, [die Nussschale], sie ist ganz und gar der Nuss angepasst; so muss die Bau-Umhüllung dasjenige sein, was nicht Theorie, was Leben in der Erfassung aller Lebenskräfte des Menschen ist.

[ 49 ] So I was commissioned, in a certain sense, to build this very site. If such a site had been to be built for any other worldview, one would have turned to this or that architect; the architect would have built a Gothic, Renaissance, or classical structure—in this or that style—to foster that worldview or spiritual movement. That could not happen with anthroposophy. For anthroposophy aims—as you will have recognized from my description today—to be something that fits into the spiritual development of humanity as a new impulse. Anthroposophy indeed aims to bring about a transformation of knowledge: that human beings can attain this second awakening of which I have spoken becomes evident precisely when the attempt is truly made in the manner described. There, the human being awakens into the supersensible world. There, he can then assess the sensory world here in the same way that, from within the sensory world, he can assess the world of dreams. But that—my dear friends—is not abstract knowledge; it is not a collection of theories; it is not a contrived worldview; it is something that must be experienced. It is not something that merely fills the head; it is something that fills the whole human being and seeks—you will understand what I mean by this—its human center in the heart. But then it cannot be limited to a one-sided activity; it must flow into everything that springs from human nature. Then a person cannot espouse a worldview within a building that was constructed on the basis of an entirely different worldview. Within a Greek or ancient—that is, essentially a Renaissance or Gothic—building, one can express that which has emerged from the Greek or Gothic worldview. Anthroposophy needs its own outer form through its very essence. For it is not merely a worldview; it is not merely a theory; it is life and becomes life within the human being, just as blood does within an organism. And just as blood artistically builds up the human body, so too does the person who experiences anthroposophy build upon that which they establish for it as a dwelling place. I have often used a simple, trivial comparison, but one that is meant to convey a deeper meaning. I have said: Look at the nut shell. One cannot imagine that forces other than those acting internally [within the nut kernel itself, which we eat instead of the nut shell] are at work in the nut shell. Arising from the same forces, in a form similar to that in which the nut itself is created, [the nut shell] is entirely adapted to the nut; in the same way, the architectural envelope must be that which is not theory, but life, embodying all the life forces of the human being.

[ 50 ] Und so musste das Goetheanum etwas werden, sodass, wenn man zum Beispiel auf dem Podium stand und sprach, die Worte, die man wählte, um dasjenige, was übersinnliches Schauen ergab, auszusprechen, die Worte eben in Gedankenformen dasjenige zum Ausdruck bringen mussten, was aus den Formen der Säulen, aus der Malerei der Kuppeln den Menschen für seine Augen ansprach, das Ganze musste zusammenstimmen bis in die letzten sinnlichen Formen hinein.

[ 50 ] And so the Goetheanum had to be designed in such a way that, for example, when one stood on the podium and spoke, the words one chose to express what supersensible vision revealed those very words—in the form of thought—had to express what the forms of the columns and the paintings on the domes conveyed to the human eye; the whole had to harmonize right down to the very last sensory forms.

[ 51 ] Und wiederum, wenn in Dornach eurythmische Kunst gepflegt worden ist, diese Kunst, in der der Mensch durch komplizierte, aber ganz aus seiner Natur herausgeholte Gesten zu einer sichtbaren Sprache kommt, sodass man ein Gedicht ebenso in einzelnen Bewegungen wiedergeben kann wie durch Rezitation und Deklamation — da war, wenn die Bühne im Dornacher Goetheanum erfüllt war mit den sich bewegenden Menschen, die ausführten in ihren Bewegungen irgendeine Dichtung oder etwas Musikalisches, indem sie nicht tanzten, sondern in Bewegungen sangen —, da war dasjenige, was auf der Bühne in Bewegungen sang, eine Fortsetzung desjenigen, was die Formen waren, die im Bau die Zuschauer umgaben. Wendete der Zuschauer sein Auge hin zu den Säulenformen, zu den Formen der Kuppeln untereinander, wendete er sein Auge hinauf zu den Kuppelmalereien: Er hatte eine ähnliche Grundempfindung, wie wenn er auf die Bühne hinschaute und dort Eurythmie stattfand.

[ 51 ] And again, when the art of eurythmy was cultivated in Dornach—this art in which the human being finds a visible language through complex gestures drawn entirely from their own nature, so that a poem can be rendered through individual movements just as it can through recitation and declamation — there, when the stage at the Goetheanum in Dornach was filled with moving people who, through their movements, were performing a poem or a piece of music—not by dancing, but by singing through movement—what was singing on the stage through movement was a continuation of the very forms that surrounded the audience in the building. When the audience turned their gaze to the forms of the columns, to the interlocking forms of the domes, or looked up at the dome paintings, they experienced a sensation similar to that which they felt when looking at the stage where eurythmy was taking place.

[ 52 ] Wie die Nuss nur durch ihre selbst gebildeten Gesetze in ihrer Schale sein kann, so konnte Anthroposophie, als ihr die Möglichkeit gegeben war, ein eigenes Haus zu haben, diese Hülle nur aus dem Geistigen heraus künstlerisch schaffen, aus dem sie selber ihre Weltanschauung erlebte, aus dem die ganze den Menschen ergreifende Weltanschauung geboren ist. Das Goetheanum wollte für das Auge dasjenige sein, was Anthroposophie ist durch das Wort für das unmittelbare Erfassen der Seele.

[ 52 ] Just as the nut can exist within its shell only through the laws it has formed within itself, so too could anthroposophy—once given the opportunity to have a home of its own—create this shell artistically only from the spiritual realm, from which it itself experienced its worldview, and from which the entire worldview that moves people was born. The Goetheanum was intended to be for the eye what anthroposophy is through the word for the soul’s immediate perception.

[ 53 ] Deshalb, weil Anthroposophie heute noch die Menschen fremdartig anmutet und weil alles Mögliche von den Nichtkennern aus ihr gemacht wird — ich habe das im Eingang charakterisiert —, deshalb kam auch dasjenige, was äußere Umhüllung war in einem neuen Baustil, den Menschen befremdend vor, so wie demjenigen die Nussschale befremdlich vorkommen wird, der nichts von der Nuss weiß, sondern der glaubt, da ist etwas in einer willkürlichen Weise in Form und Gestalt vorhanden. So wie in der Welt selber gestaltet wird, so wurde versucht, nachzuschaffen aus einer geistigen Impuls-Welt, ergreifend eben anthroposophische Weltanschauung, auch künstlerisch, in Dornach zu schaffen.

[ 53 ] That is why, because anthroposophy still seems strange to people today and because those unfamiliar with it interpret it in all sorts of ways—as I described at the beginning— that is why even what was merely an outer shell—in a new architectural style—seemed strange to people, just as a nutshell would seem strange to someone who knows nothing about the nut but believes that something is present there in a random form and shape. Just as the world itself is shaped, so too was an attempt made to recreate it from a world of spiritual impulses, drawing upon the anthroposophical worldview—including artistically—to create in Dornach.

[ 54 ] Das wollte das Goetheanum in seinen äußeren Formen im Bau zeigen, ganz im Goethe’schen Stil: Die Kunst ist eine Offenbarung jener geheimen Weltengesetzmäßigkeiten, die ohne die Kunst nicht offenbar werden können — ebenso wohl wie das Goetheanum da in sinnlichen Formen sprechend, wo der Gedanke selber auslief in sinnliche Formen. Da war kein Symbol, da war keine Allegorie, da war künstlerisch Empfundenes überall, wo der Gedanke eben als Gedanke nicht mehr genügt, wo der Gedanke erst vollständig wird, indem der Gedanke überläuft in die künstlerische Form. Aber indem der Gedanke aus dem Geist geboren ist, ist auch dasjenige, in das er ausströmt, dann aus dem Geiste geboren. Die Kunst ist ganz für die Anschauung, aber sie ist dennoch, wie alles, was in der Welt ist, aus dem Geiste also geboren. Daher — meine sehr verehrten Anwesenden — ist schon für diejenigen, die Anthroposophie wirklich im tiefsten Inneren verstehen, im Goetheanum auch etwas verloren gegangen, was in gewissem Sinne unersetzlich ist, aus dem Grunde, weil ja das Goetheanum nicht zum Ausdenken, nicht zum Erklären, nicht zum Schildern da war, sondern zur Anschauung, weil in ihm dasjenige anschaulich werden sollte, das aus derselben Quelle stammt, eben die Anthroposophie. Was aber die Anthroposophie eben nur in Worten geben kann, die geradezu danach verlangen, nun auszulaufen in die sinnliche Form — was anschaulich sein sollte —, der Brand hat sozusagen gerade dasjenige weggenommen. Kurz, so wie Goethe im Verhältnis zur Erkenntnis dachte, das wollte im Goetheanum verkörpert sein. Sehen lassen wollte das Goetheanum, was Anthroposophie aussprechen soll.

[ 54 ] The Goetheanum sought to express this in its architectural form, entirely in Goethe’s style: Art is a revelation of those secret laws of the universe that cannot be revealed without art—just as the Goetheanum itself speaks through sensory forms, where thought itself flows into sensory forms. There was no symbol, there was no allegory; there was artistic feeling wherever thought, as mere thought, was no longer sufficient—where thought only becomes complete by flowing over into artistic form. But since thought is born of the spirit, that into which it flows is also born of the spirit. Art is entirely for contemplation, but it is nevertheless—like everything in the world—born of the spirit. Therefore—my esteemed audience—even for those who truly understand anthroposophy in the depths of their being, something has been lost at the Goetheanum that is, in a certain sense, irreplaceable—for the Goetheanum was not meant for thinking, for explaining, or for describing, but for contemplation; for within it, that which springs from the same source—namely, anthroposophy—was to become visible. But what anthroposophy can offer only in words—words that are literally crying out to take on a sensory form—what was meant to be made visible—the fire has, so to speak, taken precisely that away. In short, the Goetheanum was meant to embody the way Goethe thought about knowledge. The Goetheanum was meant to make visible what anthroposophy is meant to express.

[ 55 ] So wie des Menschen Seele sich für anthroposophische Anschauung als eine unsterbliche im sterblichen Leibe ergibt, so darf ich ohne Sentimentalität sagen: Wie der Leib abfallen kann, wenn auch alle die Schmerzen und all die Leiden, die wir ja kennen, doch daran hängen, wir denken dann doch erst dann an die Unsterblichkeit der Seele, wenn der Leib abfällt. Und so darf ich wohl heute auch mit den Worten schließen, die nur illustrieren sollen dasjenige, was ich nicht theoretisch, sondern menschlich empfindungsgemäß, gefühlsmäßig gemeint habe heute mit der Fragenbeantwortung: «Was soll die Anthroposophie und was wollte das Goetheanum?», so möchte ich sagen — indem die Frage auftaucht: «Was wollte das Goetheanum?», muss gesagt werden: Das Goetheanum wollte und musste den Geist im äußerlichen Stoffe ausdrücken, wie der menschliche Leib im äußeren Stoffe gestaltet ist. Dasjenige, was im äußeren Stoffe ausgedrückt ist, kann durch die Elemente zerstört werden; dasjenige aber, was im Goetheanum leben sollte, das ist selber von einer geistigen Art. Anthroposophie will nicht erbaut sein und kann nicht erbaut sein aus äußerem Stoffe, sie kann nur gestaltet sein aus demjenigen, was sich aus der geistig übersinnlichen Welt heraus offenbart. Das aber ist durch kein Element zu zerstören, das ist von einer Dauer, die damit charakterisiert werden darf, dass gesagt werden muss: Ja, wer heute die Menschenseele unbefangen betrachten kann, der weiß, diese Menschenseele kann sich länger nicht beruhigen bei demjenigen, was ihr heute aus der Erkenntnis heraus über das [Sinnliche] kommen kann. Sie verlangt, wenn auch heute noch ganz unbewusst, nach einer übersinnlichen Erkenntnis. Und weil die Menschheit dennoch auf die Dauer nicht entbehren wird können die Erkenntnis des Übersinnlichen, so darf Anthroposophie hoffen, dass sie, trotzdem sie nun ihr Heim verloren hat, dass sie selbst, indem sie gerade aus den heutigen Zeitbedürfnissen der Seelen heraus gestaltet das geistige Wort, dass sie erst recht aufleben wird, wenn die Menschheit sich bewusst wird, dass sie sie zum Ergreifen der wahren Menschenwürde, zum Durchschauen der wahren Menschenbestimmung braucht, als die Erkenntnis von der wahren geistigen, ewigen Wesenheit der Menschenseele.

[ 55 ] Just as, from an anthroposophical perspective, the human soul is understood to be immortal within the mortal body, so I may say without sentimentality: Just as the body can be cast off—even though all the pains and sufferings we know are still attached to it—we only think of the immortality of the soul when the body is cast off. And so I may well conclude today with words that are meant only to illustrate what I have meant not theoretically, but from a human, intuitive, and emotional perspective in answering the question today: “What is the purpose of anthroposophy, and what was the Goetheanum’s purpose?” I would like to say—when the question arises, “What was the Goetheanum’s purpose?”—it must be said: The Goetheanum sought and was compelled to express the spirit in external matter, just as the human body is formed in external matter. That which is expressed in external matter can be destroyed by the elements; but that which was meant to live in the Goetheanum is itself of a spiritual nature. Anthroposophy does not seek to be built—and cannot be built—from external matter; it can only be shaped from that which reveals itself from the spiritual, supersensible world. But this cannot be destroyed by any element; it is of a permanence that may be characterized by the following statement: Indeed, anyone who can observe the human soul impartially today knows that this human soul can no longer find peace in what can come to it today through knowledge of the [sensible] world. It yearns—even if still quite unconsciously today—for supersensible knowledge. And because humanity will nevertheless not be able to do without knowledge of the supersensible in the long run, anthroposophy may hope that, despite having now lost its home, that by shaping the spiritual word precisely out of the present-day needs of the souls, it will come to life all the more when humanity becomes aware that it needs anthroposophy to attain true human dignity and to perceive the true human destiny—as the knowledge of the true spiritual, eternal essence of the human soul.