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Anthroposophical Spiritual Science
and the Big Questions of Contemporary Civilization
GA 80c

19 February 1921, Amsterdam

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The Big Questions of Contemporary Civilization, tr. SOL
  1. Die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart

1. Die anthroposophische Geisteswissenschaft und die grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart

1. Anthroposophical Spiritual Science and the Major Civilizational Questions of Our Time

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer über Themen ernsthaft sprechen will, wie sie der heutigen Abendbetrachtung und derjenigen vom 28. Februar zugrunde liegen, der muss sich bewusst sein, dass es in der Gegenwart doch recht zahlreiche Seelen gibt, welche auf der einen Seite nach neuen Wegen des inneren Seelensuchens streben und welche auf der anderen Seite nach neuen Richtungen unseres ganzen öffentlichen und sozialen Lebens streben. Denn eine Grundlegung für ein neues Seelensuchen und eine Grundlegung für neue soziale Lebensrichtungen möchte die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geben, welche diesen zwei Betrachtungen zugrunde liegen wird.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who wishes to speak seriously about topics such as those underlying tonight’s evening lecture and that of February 28 must be aware that there are, in fact, quite a number of souls today who, on the one hand, are striving for new paths of inner spiritual seeking and, on the other hand, are striving for new directions in our entire public and social life. For the anthroposophically oriented spiritual science, which will underlie these two meditations, seeks to lay the foundation for a new spiritual quest and for new directions in social life.

[ 2 ] Die Menschheit hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte auf der einen Seite eine bedeutsame geistige Entwicklung in wissenschaftlicher Beziehung, namentlich in naturwissenschaftlicher Beziehung durchgemacht, und derjenige, der heute von einem neuen Seelensuchen spricht, der darf nicht außer Acht lassen die großen, die gewaltigen Triumphe, welche von dem naturwissenschaftlichen Suchen ausgegangen sind. Dieses naturwissenschaftliche Suchen, es hat aber auch hervorgebracht gewaltige Ergebnisse im praktischen Leben. Alles dasjenige, was heute uns als die großartigen technischen Leistungen umgibt, denen wir ja auf Schritt und Tritt im Leben begegnen, alles das ist im Grunde genommen herausentstanden aus einem naturwissenschaftlichen Denken.

[ 2 ] Over the course of the last three to four centuries, humanity has, on the one hand, undergone a significant intellectual development in the realm of science, particularly in the natural sciences; and anyone who speaks today of a new spiritual quest must not overlook the great, the tremendous triumphs that have resulted from scientific inquiry. This scientific quest, however, has also produced tremendous results in practical life. Everything that surrounds us today as magnificent technical achievements—which we encounter at every turn in life—has, in essence, emerged from scientific thinking.

[ 3 ] Auf der anderen Seite darf aber doch auch nicht übersehen werden — und wie gesagt, viele Seelen sind sich dessen heute schon bewusst —, dass gegenüber diesen großen Errungenschaften des naturwissenschaftlichen Suchens, gegenüber den gewaltigen technischen Errungenschaften, eine tiefe Unbefriedigung durch das moderne Geistesleben geht und dass ja ganz deutlich zu sehen ist — an den katastrophalen Ereignissen der letzten Jahre ganz deutlich zu sehen ist —, wie die Menschheit neuer Richtungen bedarf. Und so sind denn heute wirklich viele Menschen da, welche aufblicken wollen zu einer geistigen Erkenntnis, einer geistigen Einsicht, nachdem ihnen die Naturwissenschaft so vieles über die Welt und über den Menschen gesagt hat. Und viele sind da, welche sich klar darüber sind, dass diese naturwissenschaftlichen Anschauungen und diese bedeutsamen technischen Errungenschaften zwar das äußere Leben in intensiver Weise durchdrungen haben, dass aber etwas notwendig ist, was unser moralisches, unser seelisches Leben in einer ähnlichen Weise in Bezug auf die weitesten Menschheitskreise durchziehen kann. Und so möchten denn manche aufblicken aus der Fülle der einzelnen Wissenschaften zu einer zusammenfassenden Geistesanschauung. Und so appellieren denn manche an dasjenige, was nur im tiefsten moralischen Inneren der Menschenseele seinen Sitz haben kann, um jene sozialen Impulse zu gewinnen, die, wie es heute schon vielen klar sein muss, ohne die tiefsten inneren — geistigen und moralischen Impulse — nicht zu gewinnen sind.

[ 3 ] On the other hand, however, we must not overlook the fact—and as I said, many souls are already aware of this today—that in contrast to these great achievements of scientific inquiry, in contrast to the tremendous technological advances, a deep dissatisfaction pervades modern spiritual life, and that it is quite clear to see—as is evident from the catastrophic events of recent years—how humanity needs new directions. And so there are indeed many people today who wish to look up toward spiritual knowledge, toward spiritual insight, now that natural science has told them so much about the world and about human beings. And there are many who realize that, while these scientific views and these significant technical achievements have indeed permeated external life in a profound way, there is a need for something that can permeate our moral and spiritual life in a similar way across the broadest circles of humanity. And so some would like to look up from the wealth of the individual sciences toward a comprehensive spiritual worldview. And so some appeal to that which can find its home only in the deepest moral core of the human soul, in order to gain those social impulses which—as must already be clear to many today—cannot be gained without the deepest inner—spiritual and moral—impulses.

[ 4 ] Aber wir sehen auf der andern Seite auch, wie innerhalb der Fülle des modernen Geisteslebens und innerhalb des katastrophalen Chaos, das in der neuesten Zeit eingetreten ist, der innere Mut doch fehlt zu einem innerlich aktiven Geistesleben, zu einer Neuschöpfung im Geistesleben. Daher müssen wir bemerken, wie zahlreich die Menschen nun sind in der Gegenwart, die sich zunächst noch nicht aufschwingen können zur Begeisterung für eine solche Neuschöpfung und die zurückblicken in alte Menschheitszeiten, in denen die menschliche Seele noch ein Wissen hatte, das uns zwar jetzt kindlich vorkommen mag, das aber doch noch in einer innigen Beziehung stand mit dem Ganzen der Menschennatur, das noch Brücken bauen konnte vor allen Dingen hinüber zum künstlerischen Schaffen und zum religiösen Fühlen und Handeln. Kunst, Religion, Wissenschaft, sie sind für den neueren Menschen auseinandergefallen, aber er möchte Brücken schlagen zwischen diesen drei Gebieten des Lebens, die ja dennoch — wenn der Mensch auf die Dauer befriedigt sein soll, wenn er zu einem fruchtbaren sozialen Schaffen kommen soll, wenn er tüchtig sein soll für eine Lebenspraxis überhaupt —, die ja dennoch im Inneren des Menschen zu einer harmonischen Ganzheit sich verbinden müssen.

[ 4 ] But on the other hand, we also see how, amid the abundance of modern spiritual life and the catastrophic chaos that has set in in recent times, the inner courage is still lacking for an inwardly active spiritual life, for a new creation in spiritual life. Therefore, we must note how numerous are the people today who, for the time being, cannot yet rise to enthusiasm for such a new creation and who look back to ancient times of humanity, in which the human soul still possessed a knowledge that may now seem childlike to us, but which was nevertheless still intimately connected with the whole of human nature—a knowledge that could still build bridges, above all, to artistic creation and to religious feeling and action. Art, religion, and science have fallen apart for modern humanity, yet it wishes to build bridges between these three spheres of life—which, after all, must unite within the human being to form a harmonious whole if humanity is to find lasting fulfillment, if it is to achieve fruitful social creativity, and if it is to be capable of living a meaningful life at all.

[ 5 ] Wir sehen aber auch viele zurückblicken mit großer Achtung, und gewiss von einem bestimmten Gesichtspunkte aus mit Recht, mit großer Achtung zurückblicken nach alter orientalischer Weisheit, als ob wir aus der Mystik des Orients oder aus ähnlichen Geistesströmungen heraus heute jene Vertiefung und Erhebung des Geistes zugleich wiedergewinnen könnten, welche uns die Breite des naturwissenschaftlichen und technischen Denkens nicht gewähren kann. Wenn man solche Sehnsucht nach dem Alten entwickelt, dann übersieht man nur, dass die Menschheitsentwicklung als solche ja einen Sinn hat, dass es unmöglich ist, dieselben Wege des Geistes heute zu gehen, die vor Jahrtausenden gegangen worden sind.

[ 5 ] But we also see many looking back with great respect—and certainly, from a certain point of view, quite rightly—on ancient Eastern wisdom, as if we could today, through the mysticism of the East or similar spiritual currents, regain that depth and elevation of the spirit which the breadth of scientific and technical thinking cannot grant us. When one develops such a longing for the past, one simply overlooks the fact that human development as such has a purpose, and that it is impossible to follow the same spiritual paths today that were taken millennia ago.

[ 6 ] Aber auf der anderen Seite ist auch durch die äußere Anschauungswissenschaft vieles von den gewaltigen menschlichen Impulsen in die heutige Zeit hinübergekommen; vieles von dem, was unsere Altvorderen geistig-seelisch verbunden hat mit den Weltentiefen, allerdings auf ihre Art verbunden hat mit den Weltentiefen. Das hat Sehnsuchten in den Menschen hervorgerufen, etwas zu verstehen davon, wie diese unsere Vorfahren ihre Geisteswege gegangen sind, wie diese unsere Vorfahren, [um] die innersten Bedürfnisse der Seele zu befriedigen, nach einer Erkenntnis des Ewigen, des Übersinnlichen in der Menschenseele gestrebt haben. Man kann Achtung vor diesem Streben empfinden, aber man kann sich schließlich nur orientieren über dasjenige, was heute dennoch als eine völlige Neuschöpfung durch ein inneres Aufrufen der tiefsten Seelenkräfte aus dem Menschen selbst hervorgehen muss. Orientieren kann man sich. Und so gestatten Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, dass ich, um vorzubereiten dasjenige, was ich eigentlich aussprechen möchte, einiges Orientierende sage, nur zum Vergleich gewissermaßen, über die Art und Weise, wie die Seelenwege, die Geisteswege gesucht wurden von unseren Vorfahren.

[ 6 ] But on the other hand, much of the powerful human impulses has also been carried over into the present day through the external sciences of observation; much of what connected our ancestors spiritually and emotionally to the depths of the world—albeit in their own way—has been carried over. This has aroused a longing in people to understand something of how our ancestors followed their spiritual paths, how they strove—in order to satisfy the innermost needs of the soul—for an understanding of the eternal and the supersensible within the human soul. One can feel respect for this striving, but ultimately one can only orient oneself toward that which today must nevertheless emerge from within the human being as a completely new creation through an inner summoning of the deepest soul forces. One can orient oneself. And so, my esteemed audience, please allow me—in order to prepare the ground for what I actually wish to say—to offer a few orienting remarks, merely by way of comparison, so to speak, regarding the manner in which our ancestors sought the paths of the soul and the paths of the spirit.

[ 7 ] Vor allen Dingen müssen wir da blicken auf jene Empfindungen, welche diese unsere Vorfahren vor Jahrtausenden im alten Indien, aber selbst bis hinüber in die älteren griechischen Zeiten, erlebten, wenn sie von den Führern der damaligen Weisheitsschulen, die man wohl auch die Mysterienschulen nennen kann, den Weg zum Geiste gewiesen werden sollten. Energisch und gewissenhaft sollten die Schüler vorbereitet werden. Denn klar war diesen Menschen etwas, wovon wir eigentlich heute in der allgemeinen Bildung kein starkes Bewusstsein mehr haben: dass der Mensch nicht ohne gewaltige innere Überwindungen, ohne gewaltige Veränderung seines ganzen Seelenlebens, von den Erkenntnissen, die er erlangen kann aus der äußeren sinnlichen Welt, aufsteigen kann zu den eigentlichen Höhen einer befriedigenden Erkenntnis vom Ewigen und von den Zusammenhängen des Menschen mit den göttlichen, führenden Kräften der Welt. Eine gründliche, eine intensive Vorbereitung sollte die Seele erst durchmachen, bevor ihr überhaupt die Möglichkeit gegeben wurde, übersinnliche Erkenntnisse zu erlangen. Und man sprach von etwas, meine sehr verehrten Anwesenden, von dem heute zu sprechen fast phantastisch klingt. Man sprach ein Wort aus, von dem man aber doch auch heute wiederum gerade gegenüber einem ernsten Geistsuchen ein Verständnis gewinnen sollte; man sprach das Wort aus von der Schwelle in die geistige Welt, von dem Hüter der Schwelle nach der geistigen Welt.

[ 7 ] Above all, we must turn our attention to the experiences our ancestors had millennia ago in ancient India—and even as far back as the early Greek era—when the leaders of the schools of wisdom of that time, which might well be called mystery schools, were to show them the path to the spirit. The students were to be prepared energetically and conscientiously. For one thing was clear to these people—something of which we, in general education today, are no longer strongly aware: that human beings cannot, without tremendous inner struggles and without a profound transformation of their entire soul life, to the true heights of a satisfying understanding of the Eternal and of humanity’s connection to the divine, guiding forces of the world. The soul was first to undergo a thorough, intensive preparation before it was even given the opportunity to attain supersensible knowledge. And they spoke of something, my esteemed audience, that sounds almost fantastical to speak of today. A word was spoken of which, however, even today we should once again seek to gain an understanding—especially in the context of a serious spiritual quest; the word spoken was that of the threshold to the spiritual world, of the guardian of the threshold to the spiritual world.

[ 8 ] Was war diese Schwelle für unsere Vorfahren? Was war dieser Hüter der Schwelle in die geistige Welt hinein? Oh, das waren wirklich reale, wesenhafte Erlebnisse, die der Mensch durchmachte, der ein Schüler der alten Weisheit wurde, an der Schwelle und beim Vorbeigehen an dem Hüter der Schwelle. Was sagten sich unsere Vorfahren? Zwischen demjenigen, was der Mensch in seinem gewöhnlichen, alltäglichen Bewusstseinszustand durchmachen kann, demjenigen, was er durch diesen Bewusstseinszustand über sich und die Welt erfahren kann, und zwischen dem eigentlichen Wissen, das uns über das Wesen unserer Seele Aufschluss gibt und uns über die bedeutsamsten Lebenskräfte Kunde gibt — zwischen uns und diesem Wissen liegt ein Abgrund, und der Mensch kann diesen Abgrund nicht überschreiten, ohne dass er innere Überwindungen der Seele durchdacht, ohne dass er inneren Kämpfen der intensivsten Art sich hingeben muss, ohne dass er, mit anderen Worten, geistig-seelisch ein vollständig anderer würde.

[ 8 ] What was this threshold for our ancestors? What was this guardian of the threshold into the spiritual world? Oh, these were truly real, profound experiences that a person went through when becoming a student of the ancient wisdom—at the threshold and upon passing the guardian of the threshold. What did our ancestors say to themselves? Between what a person can experience in their ordinary, everyday state of consciousness—what they can learn about themselves and the world through this state of consciousness—and the actual knowledge that sheds light on the nature of our soul and reveals the most significant life forces to us—between us and this knowledge lies an abyss, and a person cannot cross this abyss without having thought through the inner struggles of the soul, without having to surrender to inner battles of the most intense kind, without, in other words, becoming a completely different person in spirit and soul.

[ 9 ] Dasjenige, was nun zur Vorbereitung die Lehrer der alten Weisheitsschulen für ihre Schüler machten, das bestand im Wesentlichen aus einer gewissen Bildung des Intellekts und aus einer Bildung des Willens. Vor allen Dingen sollte der Wille energischer, intensiver gemacht werden, der Wille desjenigen, der als Schüler der Weisheit vom Übersinnlichen aufgenommen werden sollte. Warum sollte dieser Wille gestärkt werden? Warum sollte gewissermaßen der Schüler der höheren Weisheit das Fürchten vor dem Unbekannten verlernen? Darum sollte der Schüler der höheren Weisheit innerlich ausgerüstet werden mit Kräften des Mutes, die man im gewöhnlichen Leben nicht hat, darum sollte ihm klargemacht werden, dass, wenn er nicht verlernt hat das Fürchten vor dem Unbekannten, wenn er diesen innerlichen Mut in seiner Seele nicht kultiviert hat, dass er dann, indem er jene Schwelle übertritt, jenseits welcher ihm die übersinnliche Erkenntnis über das Wesen der Seele zuteilwerden könne, ins Bodenlose kommen müsse.

[ 9 ] What the teachers of the ancient schools of wisdom did to prepare their students essentially consisted of a certain training of the intellect and a training of the will. Above all, the will was to be made more energetic and intense—the will of the one who, as a student of wisdom, was to be initiated into the supersensible. Why was this will to be strengthened? Why was the student of higher wisdom, so to speak, to unlearn the fear of the unknown? For this reason, the student of higher wisdom was to be inwardly equipped with powers of courage that one does not possess in ordinary life, that is why it must be made clear to him that if he has not unlearned the fear of the unknown, if he has not cultivated this inner courage in his soul, then, upon crossing that threshold beyond which supersensible knowledge of the nature of the soul might be bestowed upon him, he will fall into the abyss.

[ 10 ] Wir können uns dasjenige, was da als Anschauung vorlag und was sich doch ganz gewaltig bis in unsere Zeiten herein geändert hat, am besten klarmachen, wenn wir uns an etwas ganz Gewöhnliches in der Wissenschaftsgeschichte erinnern. Wir sehen heute räumlich-zeitlich unsere Planetenwelt, unsere Erde in ihrem Verhältnis zur Sonne so an, wie das durch die kopernikanische Weltanschauung in das Anschauungsleben der Menschheit hereingekommen ist und wie es sich weiterentwickelt hat aus dieser kopernikanischen Weltanschauung heraus. Wir wissen heute, dass wir nicht in der Lage sind, in derselben Weise wie der mittelalterliche Mensch die Erde ruhend zu denken, die Sonne sich herumbewegend; dass wir nicht in der Lage sind, die verschiedenen Planeten in denselben Bewegungen zu denken wie dieser mittelalterliche Mensch. Wir wissen, aus welcher wissenschaftlichen Gesinnung heraus diese kopernikanische Weltanschauung entstanden ist mit alledem, was sie im Gefolge gehabt hat, wenn wir zurückblicken auf jene älteren Zeiten, in denen mehr der äußere Sinnenschein auch der äußeren astronomischen Weltanschauung zugrunde gelegt worden ist. Wir sehen aber doch etwas sehr Merkwürdiges: Wir sehen im Griechentum bereits dasjenige auftreten, zum Beispiel bei Aristarch von Samos, was, mit einiger Variation natürlich, entsprechend der alten Weltanschauung durchaus als heliozentrische Weltanschauung ähnlich ist demjenigen, zu dem wir uns heute selber bekennen. Wenn man bei Plutarch liest, wie Aristarch von Samos die Sonne in der Mitte unseres Planetensystems stehen lässt, wie er die Erde sich um sie herumbewegen lässt, dann finden wir in den Hauptzügen, wie gedacht wird, kaum einen Unterschied zwischen demjenigen, was dieser Aristarch — und derjenige, der sich mit solchen Dingen beschäftigt, weiß, dass alle sogenannten Eingeweihten so gedacht haben wie er —, was dieser Aristarch über unser Planetensystem gedacht hat, und demjenigen, was wir selbst denken, ausgenommen die Ergebnisse unserer ja so außerordentlich entwickelten Beobachtung.

[ 10 ] We can best understand what was once the prevailing view—and how it has changed so dramatically right up to our own time—by recalling something quite ordinary in the history of science. Today we view our planetary world—our Earth in its relationship to the Sun—in terms of space and time, just as the Copernican worldview introduced this perspective into humanity’s conceptual life and as it has continued to develop from that Copernican worldview. We know today that we are not able to conceive of the Earth as stationary and the Sun as moving around it, as medieval people did; that we are not able to conceive of the various planets moving in the same way as those medieval people did. We know from what scientific mindset this Copernican worldview arose—along with all that it entailed—when we look back on those earlier times in which the outward appearance of the senses was more often taken as the basis for the external astronomical worldview. Yet we observe something quite remarkable: we see this very idea emerging as early as in Greek thought—for example, in Aristarchus of Samos—which, with some variation of course, is, within the context of the ancient worldview, quite similar to a heliocentric worldview akin to the one we ourselves embrace today. When we read in Plutarch how Aristarchus of Samos places the Sun at the center of our planetary system, and how he has the Earth move around it, we find, in the main lines of thought, hardly any difference between what Aristarchus —and anyone who studies such matters knows that all the so-called initiates thought just as he did—what this Aristarchus thought about our planetary system and what we ourselves think, except for the findings of our extraordinarily advanced observations.

[ 11 ] Was liegt da eigentlich vor? Im Altertum eine Weltanschauung des Äußeren, Räumlichen, die der unsrigen so ähnlich ist, und ihr entgegen im allgemeinen Menschheitsbewusstsein bloß eine Registrierung des äußeren Sinnenscheins! Da liegt das vor, dass diejenigen, die in älteren Zeiten die Führer der Weisheitsschulen waren, so etwas wie die heliozentrische Weltanschauung sorgfältig gehütet haben vor den Menschen, die nicht genügend zu einer solchen Anschauung von ihnen für vorbereitet gehalten wurden. Und diese heliozentrische Weltanschauung ist nur ein Stück einer allgemeinen Weltanschauung, die nun gar nicht unähnlich ist demjenigen, was uns die moderne Wissenschaft, wenigstens an grundlegenden Anschauungen gebracht hat, das man aber vorenthielt den weitesten Menschheitskreisen. Ja, die eigentümliche Tatsache liegt vor, meine sehr verehrten Anwesenden, dass wir heute im ganz allgemeinen Menschheitsbewusstsein Anschauungen haben, die in alten Zeiten streng bewahrt wurden in Weisheitsschulen und die die Schüler nur empfangen durften nach einer gewissenhaften Vorbereitung des Willens zur Furchtlosigkeit vor dem Unbekannten und zu dem mutvollen Auffassen solcher Erkenntnisse.

[ 11 ] What is actually at stake here? In antiquity, a worldview of the external, the spatial—one so similar to our own—and, in contrast, in the general consciousness of humanity, merely a registration of the external appearance of the senses! The fact is that those who, in earlier times, were the leaders of the schools of wisdom carefully guarded something like the heliocentric worldview from people whom they did not consider sufficiently prepared for such a view. And this heliocentric worldview is only one part of a general worldview that is not at all dissimilar to what modern science has brought us—at least in terms of fundamental concepts—but which was withheld from the vast majority of humanity. Yes, the peculiar fact is, my esteemed audience, that we have today, in the general consciousness of humanity, views that in ancient times were strictly preserved in schools of wisdom and that students were permitted to receive only after a conscientious preparation of the will—to be fearless in the face of the unknown and to courageously grasp such insights.

[ 12 ] Was sagten sich die alten Weisen, indem sie die Schüler nicht einmal zuließen zu dem, was heute jeder gebildete Mensch weiß, darf man [fragen]. Warum wurde in jenen alten Zeiten dasjenige für den Menschen gefährlich gehalten, was heute jeder Mensch weiß? Ja, man dachte sich zwischen dem, was allgemeines Menschheitsbewusstsein war, und dem, was die alten Weisen wussten von unserer Weltanschauung, von dem, was heute allgemeines Menschheitsbewusstsein ist, eine Schwelle und den Hüter der Schwelle, das heißt dasjenige Erlebnis, das man haben konnte, wenn man jene innere Überwindung durchgemacht hatte, wenn man sich zur Furchtlosigkeit und zum mutvollen Erfassen desjenigen herangebildet hatte, was wir heute in der Schule lernen, was heute allgemeines Menschheitsbewusstsein ist. Also geradezu verlangte man in jenen alten Zeiten eine Vorbereitung zu dem, wozu wir heute nicht vorbereitet werden, was in unser ganz gewöhnliches Bewusstsein einfach hereingegossen wird. So haben sich die Zeiten geändert, meine sehr verehrten Anwesenden. Und im Grunde genommen ist jede geschichtliche Betrachtung eine bloß äußerlich bleibende, die auf solche Umgestaltung des Seelenerlebens im Laufe der Menschheitsentfaltung keine Rücksicht nimmt.

[ 12 ] One might [ask]: What were the ancient sages thinking when they did not even allow their students access to what every educated person knows today? Why was that which every person knows today considered dangerous for human beings in those ancient times? Indeed, between what constituted general human consciousness and what the ancient sages knew of our worldview—that is, what is now general human consciousness—people imagined a threshold and a guardian of the threshold, that is, the experience one could have once one had undergone that inner struggle, once one had trained oneself to be fearless and to courageously grasp what we learn in school today—what is now common human consciousness. In those ancient times, therefore, a preparation was positively required for what we are not prepared for today—what is simply poured into our ordinary consciousness. Thus, times have changed, my esteemed audience. And, fundamentally speaking, any historical perspective that fails to take into account such a transformation of the soul’s experience in the course of human development remains merely superficial.

[ 13 ] Die alten Weisen sagten sich gegenüber derjenigen Seelenverfassung, die dazumal die Menschheit hatte: Wenn der Mensch etwas erführe von der heliozentrischen Weltanschauung und von demjenigen, was mit ihr auf gleicher Stufe steht, er würde es nicht ertragen können, er würde in eine Art geistige Ohnmacht verfallen, sein gewöhnliches Bewusstsein würde getrübt werden. Daher wollte man den Willen stählen durch alle mögliche pädagogisch-didaktische Kunst; wollte eine mutvolle Erfassung des Übersinnlichen erzeugen, wollte Furchtlosigkeit erzeugen. Weil man sich sagte: Ohne die Heranerziehung dieser Willenseigenschaften wird der Mensch das Bewusstsein verlieren, wenn er sich zum Beispiel wirklich mit jener Intensität, mit der man in alten Zeiten gedacht hat und von der der moderne Mensch keine rechte Vorstellung mehr hat, denkt, dass die Erde sich mit Riesenschnelligkeit mit der Sonne durch den Raum bewegt. Im wahren Sinne des Wortes, ein Verlieren des Bodens unter den Füßen bedeutete dies ja für den Schüler. Dem wollte man nicht aussetzen den Menschen, indem man ihn bei seinem gewöhnlichen Bewusstsein ließ. Man sagte sich: Er verliert das Selbstbewusstsein.

[ 13 ] The ancient sages said the following in reference to the state of mind that humanity was in at that time: If a person were to learn anything about the heliocentric worldview and what stands on the same level as it, he would not be able to bear it; he would fall into a kind of spiritual faint, and his ordinary consciousness would be clouded. Therefore, they sought to steel the will through every possible pedagogical and didactic art; they sought to foster a courageous grasp of the supersensible, to instill fearlessness. For people told themselves: Without cultivating these qualities of the will, a person would lose their sense of reality if, for example, they were to truly think—with the intensity with which people thought in ancient times and of which modern people no longer have a proper conception—that the Earth moves through space at tremendous speed along with the Sun. In the true sense of the word, this meant the ground would literally be pulled out from under the student’s feet. One did not want to expose people to this by leaving them in their ordinary state of consciousness. It was said: “They lose their sense of self.”

[ 14 ] Ich habe in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» zu zeigen versucht, wie in der Tat gerade das Selbstbewusstsein der Menschheit seit verhältnismäßig kurzen historischen Zeiten sich wesentlich geändert hat, wie in der Tat das Selbstbewusstsein zum Beispiel noch im alten Griechenland ein ganz anderes war, als es heute ist. Es ist ja wahrhaftig nicht bloß eine äußerliche Tatsache, dass mit dem Kopernikanismus, mit dem Galileismus vorzugsweise die intellektuelle Erfassung der Welt heraufgekommen ist, dass seit jenen Zeiten die Menschen eine bis dahin unerhörte Stärke des abstrakten Denkens entwickelt haben. In diesem abstrakten Denken, in diesem Intellektualismus, da wurde vor allen Dingen nicht nur äußere Wissenschaftlichkeit gewonnen, da wurde auch etwas für das Innere des Menschen gewonnen. Da wurde für dieses Innere des Menschen eine Durchkräftigung, eine Verstärkung des Selbstbewusstseins gewonnen.

[ 14 ] In my book *The Riddles of Philosophy*, I have attempted to show how, in fact, humanity’s self-awareness has changed significantly since relatively recent historical times, and how, for example, self-awareness in ancient Greece was quite different from what it is today. It is indeed not merely an external fact that, with Copernicanism and Galileanism, an intellectual understanding of the world emerged, and that since those times, people have developed a previously unheard-of capacity for abstract thought. In this abstract thinking, in this intellectualism, what was gained above all was not merely external scientific rigor; something was also gained for the inner life of the human being. For this inner life of the human being, a strengthening, a reinforcement of self-awareness was achieved.

[ 15 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was wir heute haben, wenn wir einfach als Kinder durch unsere Schule hindurchgehen und so lernen, wie man heute lernt, so vorbereitet werden zum abstrakten Denken und zur Intellektualität, wie das heute geschieht, dann wird das Selbstbewusstsein in dem Menschen in anderer Weise gezüchtet, als es selbst bei den entwickeltsten Griechen gezüchtet wurde. Man sieht auf solche ganz bedeutsamen Tatsachen der weltgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit leider heute viel zu wenig hin, aber man verspürt, man empfindet es und hat daher eine Sehnsucht, die tieferen Gründe aller Menschheitsentwicklung heute wiederum sich vor die Seele zu stellen. Heute ist eben die Gefahr nicht vorhanden, dass, wenn man mit einer allgemeinen Durchschnittsbildung die äußeren naturwissenschaftlichen Ergebnisse empfängt, man einer geistigen Ohnmacht verfiele. Aber zu dem, was uns heute mit der allgemeinen Erziehung gegeben wird von Kindheit auf, zu dem musste erst durch ganz besondere pädagogischdidaktische Maßnahmen der erwachsene Mensch bei den Alten vorbereitet werden. Dann wurde er eingeführt in dasjenige, was erfüllte den berühmten griechischen Spruch: «Erkenne dich selbst». Für die Alten war aber alles Erkennen so, dass zu gleicher Zeit aus ihrem Instinkt heraus eine gewisse Welterkenntnis erwuchs. Sie hatten noch nicht jenes entwickelte Selbstbewusstsein, das der heutige Mensch hat. Sie waren der Gefahr ausgesetzt, in geistige Ohnmacht zu verfallen gegenüber dem heliozentrischen Weltensystem, aber sie hatten aus ihrem Instinkt heraus ein gefühlsmäßiges Erkennen des Kosmos. Wenn sich dieses gefühlsmäßige Erkennen auch gegenüber der Menschheit dann in Mythen mitteilte, es waren immer die Weisen da, welche diese Mythen in der Form von inneren Erlebnissen hatten, die wir durchaus nicht etwa als symbolische Ausdeutungen der Mythen empfinden dürfen, sondern die wir empfinden müssen als ein innerliches Miterleben der Weltengeheimnisse in der Menschenseele selbst. Welterkenntnis wurde den Alten in ihrem, gegenüber dem unseren, schwachen Selbstbewusstsein mit dem Seelenleben zugleich gegeben.

[ 15 ] Ladies and gentlemen, what we have today—when we simply go through school as children and learn the way we learn today, being prepared for abstract thinking and intellectualism as it happens today—is that self-awareness in human beings is cultivated in a different way than it was even among the most highly developed Greeks. Unfortunately, far too little attention is paid today to such highly significant facts regarding the development of humanity throughout world history; yet we sense it, we feel it, and therefore have a longing to once again bring the deeper reasons behind all human development to the forefront of our consciousness. Today, there is simply no danger that, by receiving the external findings of the natural sciences through a general, average education, one would succumb to spiritual impotence. But what is provided to us today through general education from childhood onward—adults of ancient times had to be prepared for this first through very specific pedagogical and didactic measures. Only then were they introduced to that which fulfilled the famous Greek saying: “Know thyself.” For the ancients, however, all knowledge was such that a certain understanding of the world arose simultaneously from their instinct. They did not yet possess the developed self-awareness that modern humans have. They were exposed to the danger of falling into spiritual helplessness in the face of the heliocentric world system, but they had an intuitive, emotional understanding of the cosmos arising from their instinct. Even when this intuitive understanding was then communicated to humanity through myths, there were always sages who experienced these myths as inner experiences—experiences that we must by no means regard as symbolic interpretations of the myths, but rather as an inner participation in the mysteries of the world within the human soul itself. Knowledge of the world was given to the ancients, with their self-awareness—which was weak compared to ours—along with their inner life.

[ 16 ] Sie können sich davon überzeugen, wenn Sie verhältnismäßig späten Zeiten angehörende Literaturwerke in die Hand nehmen. Man mag heute denken, wie man will, über naturwissenschaftliche Schriften, wenn man sie überhaupt so nennen will, des zehnten bis dreizehnten Jahrhunderts, naturwissenschaftliche Anschauungen jener Zeit, man kann sie heute im Grunde genommen, wenn man nicht besonders dazu vorbereitet ist, gar nicht lesen, denn sie führen eine Sprache, die man heute im gewöhnlichen Wissenschaftsleben gar nicht mehr gewohnt [ist]. Aber in dem, was da in diesen Werken sich findet, ist überall dasjenige, was der Mensch seelisch innerlich erlebt, nicht getrennt von dem, was er äußerlich erschaut. Seele ist in ihm und Leib ist in ihm. Außen ist die leiblich-körperhafte Natur, aber überall sieht er in der äußerlich körperhaften Natur auch Seelisches. Wir mögen das heute nebulöse oder falsche Mystik nennen und wir mögen recht damit haben; aber der Mensch früherer Zeiten hatte dasjenige, was seine Seele trug, was seine Seele innerlich erfüllte, was ihm das Bewusstsein beibrachte: Ich bin verbunden mit den ewigen Mächten der Welt und indem die ewigen Mächte der Welt von Anfang bis zu Ende ihre Kräfte entwickeln, entwickele ich mit meine Kräfte.

[ 16 ] You can see this for yourself if you pick up literary works from relatively later periods. Whatever one may think today about the scientific writings—if one even wants to call them that—of the tenth through thirteenth centuries, or about the scientific views of that time, one cannot really read them today without special preparation, because they use a language that is no longer familiar in ordinary scientific life. But what is found throughout these works is precisely what the human being experiences inwardly in his soul, not separated from what he perceives externally. The soul is within him, and the body is within him. Outwardly lies the physical, corporeal nature, but everywhere he sees the spiritual within that outwardly corporeal nature as well. We may call this today “vague” or “false mysticism,” and we may be right to do so; but people of earlier times possessed that which their soul carried, that which filled their soul inwardly, that which instilled in them the awareness: “I am connected to the eternal powers of the world, and as the eternal powers of the world unfold their forces from beginning to end, so do I unfold my own forces.”

[ 17 ] Wir haben heute die Möglichkeit, hineinzutragen unser verstärktes Selbstbewusstsein in dasjenige, was uns die Naturerkenntnisse geben. Wir haben ein ausgebreitetes Spezialistentum in Bezug auf naturwissenschaftliche Weltanschauung, und aus diesem Spezialistentum heraus wird uns viel gesagt über das Leibliche des Menschen, aber in der Regel reißen die Fäden ab, wenn wir suchen wollen das Verhältnis zwischen diesem Leiblichen des Menschen, über das uns die Naturwissenschaft so viel sagt, und demjenigen, was wir seelisch innerlich erleben und demgegenüber wir nicht anders können, als ihm einen anderen Ursprung zuschreiben, als zuzuschreiben ist den äußeren Naturtatsachen und Naturkräften und Naturgesetzen.

[ 17 ] Today we have the opportunity to bring our heightened self-awareness to bear on what our understanding of nature provides us. We have a broad range of specialized knowledge regarding the scientific worldview, and from this specialized knowledge we learn a great deal about the physical nature of human beings, but as a rule, the threads break when we seek to establish the relationship between this physical aspect of the human being—about which natural science tells us so much—and that which we experience inwardly in our souls, and in contrast to which we cannot help but attribute a different origin than that which is attributable to external natural facts, forces, and laws.

[ 18 ] Und so ist es denn gekommen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass der moderne Mensch, gerade wenn er sich durchtränkt mit demjenigen, was Naturwissenschaft ihm in vollberechtigter Weise bietet — denn die hier vertretene Geisteswissenschaft erkennt durchaus die Triumphe der modernen Naturwissenschaft an —, zu nichts anderem kommt, gerade wenn er gewissenhaft ist, als zu Erkenntnisgrenzen. Und im Grunde genommen waren es gerade die besten Natur-Denker, welche von solchen Erkenntnisgrenzen, von dem für das Seelenleben verhängnisvollen Ignorabimus gesprochen haben: Wir können nichts wissen jenseits der Grenzen desjenigen, was uns unsere Sinne liefern und was der kombinierende Verstand aus diesen Sinneserlebnissen herausziehen kann. Solche Theorien über die Erkenntnisgrenzen, man muss sie nur mitmachen mit einem intensiv entwickelten Seelenleben und man muss abladen können auf dieses Seelenleben die Veraltetheit der traditionell religiösen Anschauungen, die wiederum mit den alten Erkenntnissen vom Jenseits der Schwelle zusammenhängen, und man wird die ganze innere Misere des modernen Seelenlebens empfinden.

[ 18 ] And so it has come to pass, my esteemed audience, that modern man, precisely when he immerses himself in what the natural sciences rightfully offer him—for the spiritual science represented here fully acknowledges the triumphs of modern natural science—can arrive at nothing else, especially if he is conscientious, but the limits of knowledge. And, when it comes down to it, it was precisely the greatest thinkers in the natural sciences who spoke of such limits to knowledge, of the “Ignorabimus” that is so disastrous for the life of the soul: We can know nothing beyond the limits of what our senses provide us and what the reasoning mind can derive from these sensory experiences. Such theories about the limits of knowledge—one need only engage with them through an intensely developed inner life and be able to unload onto this inner life the obsolescence of traditional religious views, which in turn are connected to the old conceptions of the realm beyond the threshold—and one will sense the entire inner misery of modern inner life.

[ 19 ] Man kann doch nicht anders, meine sehr verehrten Anwesenden, als sich sagen: Wir haben seit drei bis vier Jahrhunderten etwas gelernt mit Bezug auf wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, mit Bezug auf wissenschaftliche Methoden, und dasjenige, was auf diesem Boden als Ergebnisse herausgekommen ist, es ist populär geworden und es trägt die Überzeugungen heute schon aller derjenigen Menschen, die irgendwie auf Bildung Anspruch machen. Aber es begründet zu gleicher Zeit alles das ein gewisses Nichtwissen über dasjenige, was doch die menschliche Seele aus ihrer tiefsten Sehnsucht heraus wissen will über die ewige Bestimmung dieser Menschenseele, über ihren Zusammenhang mit den ewigen Mächten der Welt. Wir stehen nach der Anschauung der Alten jenseits der Schwelle. Sie versuchten sich erst vorzubereiten zu demjenigen Wissen, das uns heute ganz alltäglich und geläufig ist. Sie entwickelten aber mit ihrem wenig intensiven, daher gegenüber der übersinnlichen Welt sich fürchtenden Selbstbewusstsein ein ausgesprochenes, sie befriedigendes Weltenbewusstsein, das nirgends Grenzen fühlte. Wir haben ein intensiver entwickeltes Selbstbewusstsein gewonnen, aber uns ist abhandengekommen das Weltenbewusstsein. Wir fühlen in der Weite unseres Wissens überall Grenzen. Wir fühlen, wie wir nicht hereinkommen können in die eigentliche Tiefe der Welt. Selbstbewusstsein haben wir gewonnen; Weltenbewusstsein müssen wir uns erst wiederum erringen, sonst stehen wir als Einsiedler mit unserer entwickelten Seele zwar jenseits der Schwelle der Alten, aber nicht jenseits jener Schwelle, die wir heute als Grenze der Naturerkenntnis oder dergleichen bezeichnen.

[ 19 ] One cannot help but say to oneself, my esteemed audience: Over the past three to four centuries, we have learned a great deal about scientific rigor and scientific methods, and the findings that have emerged from this foundation have become widely accepted and already shape the convictions of all those who, in any way, claim to be educated. But at the same time, all of this gives rise to a certain ignorance regarding what the human soul, out of its deepest longing, truly wishes to know—namely, the eternal destiny of the human soul and its connection to the eternal powers of the world. According to the view of the ancients, we stand beyond the threshold. They first sought to prepare themselves for the very knowledge that is now entirely commonplace and familiar to us. Yet with their less intense self-awareness—which, as a result, was fearful of the supersensible world—they developed a distinct, satisfying awareness of the world that knew no boundaries. We have gained a more intensely developed sense of self, but we have lost our sense of the cosmos. We feel boundaries everywhere within the vastness of our knowledge. We feel that we cannot penetrate to the very depths of the world. We have gained self-awareness; we must first regain our sense of the universe, otherwise we stand—as hermits with our developed souls—beyond the threshold of the ancients, but not beyond that threshold which we today call the limit of scientific knowledge or the like.

[ 20 ] Das ist es, wo anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einsetzt, wo diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft der modernen Menschheit etwas geben will, was nun wiederum sie über die Schwelle führt, die ihr gesetzt ist. Allerdings, wir können nicht bei einer Erneuerung oder Aufwärmung irgendeiner alten oder orientalischen Weisheit stehen bleiben. Wir können alles das nicht mehr mit unserem Bewusstsein vereinigen. Wir müssen heute aus dem Elementaren der Menschenseele heraus neu schöpfen, aber wir müssen es aus einer ebensolchen Bewusstseinstiefe hervorholen, wie die Alten es in ihrer Art hervorgeholt haben. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wird von vielen heute noch abgelehnt aus einer gewissen Denkbequemlichkeit heraus, oder weil sie gar zu sehr scheinbar widerspricht demjenigen, was die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in der neueren Zeit heraufgebracht haben.

[ 20 ] This is where anthroposophically oriented spiritual science comes in, where this anthroposophically oriented spiritual science seeks to give modern humanity something that will, in turn, lead it across the threshold that has been set before it. However, we cannot stop at merely reviving or rehashing some ancient or Eastern wisdom. We can no longer reconcile all of that with our consciousness. Today we must create anew from the elemental aspects of the human soul, but we must draw it forth from the very same depths of consciousness as the ancients drew it forth in their own way. Anthroposophically oriented spiritual science is still rejected by many today out of a certain intellectual complacency, or because it seems to contradict all too much what modern scientific findings have brought to light.

[ 21 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man setzt sich ja allerdings der Gefahr aus, dass man missverstanden und namentlich, dass man unbescheiden gefunden wird, wenn man einen solchen Vergleich wählt, wie ich ihn nun zur Charakterisierung des Verhältnisses von Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft gebrauchen will. Allein man kann es ruhig denen überlassen, die gerne höhnen und spotten wollen. Ich behaupte nämlich durchaus nicht, dass dasjenige, was ich als Vergleich anführe in Bezug auf welthistorische Größe, anwendbar sein soll auf dasjenige, was ich jetzt sagen werde, aber der Vergleich wird einiges erläutern.

[ 21 ] Ladies and gentlemen, one certainly runs the risk of being misunderstood—and, in particular, of being considered immodest—when one chooses a comparison such as the one I now intend to use to characterize the relationship between the humanities and the natural sciences. But one can safely leave that to those who are eager to mock and scoff. For I am by no means claiming that the comparison I am offering—in terms of its significance in world history—is intended to apply to what I am about to say; rather, the comparison will serve to clarify a few points.

[ 22 ] Als Kolumbus sich anschickte, Amerika zu entdecken, da war in seinem Bewusstsein durchaus nichts davon, dass er eine neue Welt, eine bis dahin unbekannte Welt entdecken würde. Da glaubte man, man würde das Meer überfahren und von der anderen Seite bei Indien landen. Man glaubte nur, auf einem unbekannten Wege zu etwas Bekanntem zu kommen. So etwa geht es denjenigen, welche mit innerster Gewissenhaftigkeit und mit einem inneren unbesieglichen Erkenntnisbedürfnis sich an die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung heranmachen. Sie finden, dass diese Naturwissenschaft eigentlich zunächst in der Lage des Kolumbus ist. Man will durch sie suchen nach den Geheimnissen der Welt und des Lebens. Man möchte unbekannte Wege gehen. Aber entweder man tritt mutlos zurück und bleibt in der Heimat, wie es die anderen außer Kolumbus gemacht haben, oder man versucht, sich hinauszuwagen zunächst in das Unbekannte. Dann aber tritt man ein doch nur in eine Welt, die man wiederum als etwas recht Bekanntes schildert. Was ist denn alles dasjenige, was man da schildert jenseits der Grenze der Naturerkenntnis als bewegte Atome und Moleküle, Ionen und Elektronen, und alles dasjenige, was hinter dem Teppich der Sinneswelt da sein soll, die vor uns ausgebreitet ist? Auf unbekannten Wegen suchen wir nach dem, was der Natur zugrunde liegt, und schildern dann dasjenige, was uns da entgegentritt doch wiederum als etwas Bekanntes.

[ 22 ] When Columbus set out to discover America, he had absolutely no idea that he would be discovering a new world—a world unknown until then. At the time, people believed they would cross the ocean and land on the other side, in India. People simply believed they were taking an unknown path to reach something familiar. This is roughly how it is for those who approach the modern scientific worldview with the utmost conscientiousness and an inner, invincible thirst for knowledge. They find that this natural science is, in fact, initially in the same position as Columbus. Through it, one seeks to uncover the mysteries of the world and of life. One wishes to travel unknown paths. But either one retreats in discouragement and remains at home, as everyone except Columbus did, or one attempts to venture out, at first, into the unknown. Yet then one enters only a world that one, in turn, describes as something quite familiar. What, then, is all that which is described beyond the boundaries of scientific knowledge—as moving atoms and molecules, ions and electrons—and all that which is said to lie behind the veil of the sensory world spread out before us? We search along unknown paths for what underlies nature, and then describe what we encounter there—once again—as something familiar.

[ 23 ] Derjenige aber, der etwas anders vorgeht, der, möchte ich sagen mit einem lebendigeren Seelenleben vorgeht gerade gegenüber dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, der kommt allerdings zu etwas anderem, der kommt zu etwas, was sich vergleichen lässt mit dem Erlebnis des Kolumbus. Er forscht naturwissenschaftlich, er entwickelt all die gewissenhaften Methoden, all das intensive verantwortungsvolle Denken, durch das man gekommen ist zur modernen astronomischen Weltanschauung, zur modernen biologischen Weltanschauung, und er besinnt sich dann: Was tust du denn da eigentlich, wie entwickelst du dein Seelenleben, indem du äußerlich experimentierst, indem du dich bedienst des Mikroskops, des Teleskops, des [Spektroskops], des Röntgenapparates, und dadurch zur Zusammenfassung der Welterscheinungen gekommen bist? Was geht in deinem Seelenleben da vor? Was entdeckt man dadurch, [dass] man lebendigem Seelenleben sich hingibt?

[ 23 ] But the one who takes a slightly different approach—who, I would say, approaches this scientific worldview with a more vibrant inner life—will indeed arrive at something different; he will arrive at something comparable to the experience of Columbus. He conducts scientific research; he develops all those meticulous methods, all that intensive, responsible thinking through which we have arrived at the modern astronomical worldview and the modern biological worldview; and then he reflects: What are you actually doing here? How are you developing your inner life by conducting external experiments, by making use of the microscope, the telescope, the [spectroscope], the X-ray machine, and thereby arriving at a synthesis of worldly phenomena? What is going on in your inner life here? What does one discover by devoting oneself to a living inner life?

[ 24 ] Das Unbekannte, es wird ein geistig Bekanntes; es werden nicht materielle Atome und Moleküle, es wird Geisterlebnis. Allerdings, dass irgendeiner unmittelbar am Naturforschen das Glückserlebnis hat, nun den Geist in sich aufleuchten zu sehen, der die Welt von Anfang bis Ende, von oben bis unten durchpulst und durchwellt, das ist selten. Aber jeder kann bemerken, welches der innere Weg des Denkens gerade im modernen Naturforschen ist. Und dann kann das weiter ausgebildet werden. Und, sehen Sie, diese weitere Ausbildung, dieses Aufnehmen eines neuen Weges an den Erfahrungen, die man gerade mit der Naturwissenschaft macht, das ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft! Und was ich geschildert habe in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft», es ist im Grunde genommen, trotzdem manche Ausdrucksformen, trotzdem vielleicht die ganze Terminologie dem gewöhnlichen menschlichen Bewusstsein heute noch abenteuerlich erscheint, es ist nichts anderes als die höhere Ausbildung der Erkenntniswege, die durch die moderne naturwissenschaftliche Forschung selbst gezüchtet werden. Aber man muss eben von dem, was da nur elementar erlebt wird, weiterschreiten und besondere Erkenntnismethoden rein geistiger Art ausbilden. Dann wird man auf eine andere Weise dasjenige befriedigen, was eben heute als Geistsehnsucht in vielen Seelen lebt, und was diejenigen, die durchaus zum Geiste kommen wollen, aber durchaus im Materiellen bleiben wollen, zum Spiritismus oder zu ähnlichen abergläubischen Dingen, gegenüber dem wirklichen Geistesforschen führt. Zu dem wahren Geistesforschen führen nur die intimen Wege des Seeleninnern. Sie sind aber unbequem, denn sie sind andere als die gewöhnlichen Wissenschaftswege, obwohl sie nichts anderes sind als eine Fortsetzung dieser gewöhnlichen Wissenschaftswege.

[ 24 ] The unknown becomes something known to the spirit; it does not become material atoms and molecules, but rather a spiritual experience. However, it is rare for anyone engaged directly in natural science to have the blissful experience of seeing the spirit within themselves now shine forth—the spirit that pulses and ripples through the world from beginning to end, from top to bottom. But everyone can perceive what the inner path of thought is, especially in modern natural science. And this can then be further developed. And, you see, this further development—this adoption of a new approach to the experiences one is currently having with the natural sciences—is anthroposophically oriented spiritual science! And what I have described in my books *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and *Esoteric Science*, is, in essence—despite certain forms of expression, despite the fact that perhaps the entire terminology still seems far-fetched to ordinary human consciousness today—nothing other than the higher development of the paths of knowledge that are themselves cultivated through modern scientific research. But one must move beyond what is merely experienced at an elementary level and develop specific methods of knowledge of a purely spiritual nature. Then we will satisfy in a different way that which lives today as a spiritual longing in many souls, and which leads those who want to reach the spiritual realm but wish to remain entirely within the material world toward spiritualism or similar superstitious practices, rather than toward genuine spiritual research. Only the intimate paths of the soul’s innermost depths lead to true spiritual research. Yet they are uncomfortable, for they differ from the usual scientific paths, even though they are nothing other than a continuation of those very paths.

[ 25 ] Wenn wir heute uns ins Leben hineinstellen, auf welcher Entwicklungsstufe wir das auch tun, wir haben dasjenige, was wir als ererbte Eigenschaften haben, herangebildet durch die gewöhnliche oder die höhere Schulerziehung. Die Ergebnisse der Schulerziehung, sie werden hineingesenkt in die Seele der gebildeten Menschheit. Aber man hat das Bewusstsein, dass man auf einer gewissen Stufe des Lebens stehen bleiben könne. Auf einer ganz bestimmten Stufe des Lebens bleibt heute der Mensch stehen. Er wird aufgenommen in unsere wissenschaftlichen höchsten Schulen. Man verlangt da von ihm nicht, dass er sein Erkenntnisvermögen weiter ausbildet, dass er zu demjenigen, was er schon entwickelt hat an Erkenntniskräften, noch andere Erkenntniskräfte, die in seiner Seele noch schlummern, hinzuentwickele. Man bleibt beim gewöhnlichen Erkenntnisvermögen stehen. Man betrachtet die Naturerscheinungen, man macht seine Beobachtungen, seine Experimente, man bedient sich der feinsten Instrumente, aber bei der Verfassung des Seelenlebens, die nun einmal das allgemeine Bewusstsein hat, bleibt man stehen.

[ 25 ] When we step into life today, no matter at what stage of development we do so, we bring with us what we have inherited, shaped by either a general or a higher school education. The results of school education are imprinted upon the soul of educated humanity. But there is an awareness that one can remain stagnant at a certain stage of life. Today, human beings remain stagnant at a very specific stage of life. They are admitted to our highest scientific institutions. There, they are not required to further develop their cognitive faculties, nor to cultivate, alongside the cognitive powers they have already developed, other cognitive powers that still lie dormant in their souls. One remains at the level of ordinary cognitive faculties. One observes natural phenomena, conducts observations and experiments, and makes use of the most sophisticated instruments; yet, given the state of the soul’s life that prevails in the general consciousness, one remains at that level.

[ 26 ] Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muss anders vorgehen. Sie muss ausgehen von einer ganz bestimmten Empfindung. Diese Empfindung möchte ich charakterisieren durch das Wort «intellektuelle Bescheidenheit». Und ich kann mich über diese intellektuelle Bescheidenheit nicht anders aussprechen als in der folgenden Weise: Nehmen wir an, ein fünfjähriges Kind bekommt einen Band Shakespeare in die Hand, was wird es damit machen? Es wird damit spielen, ihn zerreißen. Aber wenn das Kind zehn, fünfzehn Jahre älter geworden ist, wird es sich in einer anderen, einer angemesseneren Weise dazu verhalten. Seine inneren Seelenkräfte sind entwickelt worden. Dasjenige, was veranlagt war, das ist entfaltet worden in diesen seinen Seelenkräften. Genau ebenso wie die Seelenkräfte des Kindes durch äußere Erziehungseinflüsse sich entfaltet haben oder durch die Welt entwickelt werden, so kann in dem erwachsenen Menschen heute noch etwas in der Seele entwickelt werden, wenn er sich nur sagt: Ich muss intellektuell bescheiden sein. Ich muss einmal annehmen, dass ich den Erscheinungen der Natur in ihrer Ganzheit so gegenüberstehe, dass sich dieses Gegenüberstehen vergleichen lässt mit dem Verhalten eines Kindes von fünf Jahren gegenüber einem Bande Shakespeares. Da in der Seele, da ist noch etwas drinnen, was in mir ebenso entwickelt werden kann wie die Seelenkraft des fünfjährigen Kindes bis zu seinem fünfzehnten oder zwanzigsten Jahre hin.

[ 26 ] Anthroposophically oriented spiritual science must proceed differently. It must start from a very specific feeling. I would like to characterize this feeling with the term “intellectual humility.” And I can only describe this intellectual humility in the following way: Let’s suppose a five-year-old child is given a volume of Shakespeare—what will the child do with it? The child will play with it, tear it apart. But when the child is ten or fifteen years older, the child will relate to it in a different, more appropriate way. Its inner soul forces have been developed. What was latent has been unfolded within these soul forces. Just as the child’s soul forces have unfolded through external educational influences or are developed by the world, so too can something in the soul of an adult still be developed today, if only the person says to themselves: I must be intellectually humble. I must assume that I face the phenomena of nature in their entirety in such a way that this encounter can be compared to the attitude of a five-year-old child toward a volume of Shakespeare. There is still something within the soul that can be developed in me just as the soul power of a five-year-old child can be developed up to the age of fifteen or twenty.

[ 27 ] Von dieser durch und durch das Seelenleben in intellektueller Bescheidenheit erfassenden Empfindung muss ausgegangen werden. Und dann, dann müssen wirklich diese in der Seele schlummernden Kräfte entwickelt werden. Das strebt für ihre Schüler, für diejenigen, die sich dazu eignen und dazu Enthusiasmus haben, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft an. Sie ist nicht irgendetwas wie ein seelisches Wunder oder dergleichen, sie ist die Fortsetzung desjenigen, was das gewöhnliche Seelenleben ist, aber eben eine wirkliche Fortsetzung.

[ 27 ] One must start from this feeling, which comprehends the life of the soul through and through with intellectual humility. And then—then these powers slumbering within the soul must truly be developed. This is what anthroposophically oriented spiritual science strives for on behalf of its students—those who are suited to it and possess enthusiasm for it. It is not some kind of psychological miracle or the like; it is the continuation of what ordinary soul life is, but a genuine continuation.

[ 28 ] Zwei Seelenkräfte, meine sehr verehrten Anwesenden, sind es, die im gewöhnlichen Leben zwar notwendig sind, die aber im gewöhnlichen Leben anders drinnenstehen als in dem Seelenleben des entwickelten Geistesforschers auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die eine der Seelenkräfte ist das Erinnerungsvermögen. Dieses Erinnerungsvermögen, es muss in einer normalen Weise, wie wir sagen, bei jedem Menschen ausgebildet sein; denn ist unser Erinnerungsvermögen für irgendeine Länge des Lebens irgendwie unterbrochen, so sind wir seelisch krank. Eine schwere seelische Erkrankung bedeutet es, wenn der Erinnerungsfaden durchreißt; unser Ich-Bewusstsein ist zerstört. In der betreffenden Literatur können Sie es nachlesen, wie sich diese Krankheitserscheinungen äußern. Allein was erlangen wir im gewöhnlichen Leben doch nur durch dieses Erinnerungsvermögen? Wir erlangen dasjenige, was wir erlebt haben, womit wir als mit der Tatsachenwelt mit unserer Seele verbunden waren. Das taucht in Erinnerungsvorstellungen auf mit größerer oder geringerer Lebendigkeit. Wir müssen in ihnen leben. Der Strom der Erinnerungen muss bis zu einem gewissen, in früher Kindheit liegenden Punkte reichen, damit unser Seelenleben ein normales sein kann. Dasjenige, was sonst vorüberhuschen würde, wird durch das Erinnerungsvermögen zur Dauer im Seelenleben.

[ 28 ] There are two faculties of the soul, my esteemed audience, that are indeed necessary in ordinary life, but which are experienced differently in ordinary life than in the inner life of the advanced spiritual researcher in the field of anthroposophy. One of these soul faculties is the power of memory. This power of memory must be developed in a normal way, as we say, in every human being; for if our power of memory is interrupted in any way for any length of time, we are mentally ill. It is a sign of serious mental illness when the thread of memory snaps; our sense of self is destroyed. You can read in the relevant literature how these symptoms manifest themselves. But what do we gain in ordinary life through this power of memory alone? We gain what we have experienced—that through which we were connected with the world of facts through our soul. This emerges in memories with greater or lesser vividness. We must live within them. The stream of memories must extend back to a certain point in early childhood so that our inner life can be normal. What would otherwise flit by is made permanent in our inner life through the power of memory.

[ 29 ] Daran knüpft nun an geisteswissenschaftliche Schulung. Durch dasjenige, was in den bereits angeführten Büchern Meditation und Konzentration genannt wird, durch das wird nichts anderes ausgebildet als eine höhere Stufe desjenigen, was auf einer niedrigeren Stufe im Menschen das Erinnerungsvermögen ist. Wenn wir — ohne dass uns Autosuggestionen täuschen können, ohne dass uns Lebensreminiszenzen nasführen, vor unsere Seele führen Vorstellungen, die wir vom erfahrenen Geistesforscher geraten bekommen oder die wir auf einem anderen Wege lernen können, die aber voll überschaubar sein müssen, sodass wir sie mit dem Bewusstsein überblicken können —, wenn wir solche Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins rücken und nun ganz willkürlich auf ihnen ruhen, wenn wir Dauer geben den Vorstellungen, die sonst nur den äußeren Ereignissen folgen und vorüberhuschen, dann wird etwas in unserer Seele so entwickelt an Seelischem, wie die Muskeln entwickelt werden, wenn man sie in der Arbeit gebraucht. Dieses Meditieren, dieses dauernde Ruhen auf leicht überschaubaren Vorstellungen, in die sich nichts von Autosuggestion oder Reminiszenzen mischen darf, das ist die moderne Meditation. Sie ist als innere Seelenmethodik wahrhaftig nicht leichter durchzuführen als die modernen wissenschaftlichen Verrichtungen auf der Sternwarte, im chemischen Laboratorium oder in der Klinik. Jahrelang muss dieses Ruhen auf solchen Vorstellungen durchgeführt werden.

[ 29 ] This is where training in the humanities comes in. What is referred to as “meditation” and “concentration” in the books already mentioned serves to develop nothing other than a higher stage of what, at a lower level in human beings, is the faculty of memory. If—without being deceived by autosuggestion, without being led astray by memories of past experiences—we bring before our soul images that we have been advised to use by an experienced researcher of the spiritual realm, or that we can learn in some other way, but which must be fully comprehensible so that we can survey them with our consciousness— if we bring such ideas into the center of our consciousness and now rest upon them entirely at will, if we give permanence to the ideas that otherwise merely follow external events and flit by, then something within our soul is developed in the same way that muscles are developed when they are used in work. This meditation—this sustained resting on easily comprehensible ideas, into which nothing from autosuggestion or reminiscences must be allowed to mingle—is modern meditation. As an inner spiritual method, it is truly no easier to practice than modern scientific work at an observatory, in a chemistry laboratory, or in a clinic. This resting on such ideas must be practiced for years.

[ 30 ] Dann aber machen wir die innerliche Entdeckung, dass das Erinnerungsvermögen zwar auf der einen Seite selbstverständlich so gesund bleibt, wie es der normale Mensch braucht, dass aber auf der anderen Seite sich entwickelt für die übersinnliche Erkenntnis aus diesem Erinnerungsvermögen etwas anderes. Es entwickelt sich die Fähigkeit, unser Leben zunächst, denn damit beginnt das übersinnliche Schauen, nicht nur in Erinnerungsvorstellungen zu überschauen in den blassen Erinnerungen — denn blass sind sie ja doch, wenn sie auch noch so lebendig sind —, sondern es bildhaft, wie ich es nenne, «in Imaginationen» zu überschauen. Wir entwickeln eine imaginative Anschauung in einem Augenblick über alles dasjenige, was sonst im Erinnerungsstrom verläuft. Wir überschauen wie in einem großen Lebenstableau unser Leben von dem Punkte, den wir zwischen Geburt und Tod erreicht haben, bis zurück in die Kindheit. Hier kann man sagen: Es wird die Zeit zum Raum. Nicht mehr tauchen aus dem Lebensstrom einzelne Erinnerungen bloß auf, sondern ein zusammenhängendes und einheitliches Überschauen desjenigen, was wir durchlebt haben. Das ist der Beginn der übersinnlichen Erkenntnis durch das ausgebildete Erinnerungsvermögen. Das Erinnerungsvermögen löst sich in gewisser Beziehung los von den leiblichen, körperhaften Bedingungen; wir erleben rein seelisch dasjenige, das wir an der Außenwelt erlebt haben.

[ 30 ] But then we make the inner discovery that, on the one hand, our memory naturally remains as sound as a normal person needs it to be, while on the other hand, something else develops from this memory for the purpose of supersensible perception. What develops is the ability—initially regarding our own life, for this is where supersensible perception begins—not only to survey our life through memories, in those faint recollections—for faint they are, after all, no matter how vivid they may seem—but to survey it pictorially, as I call it, “in imaginations.” In a single moment, we develop an imaginative overview of everything that otherwise flows by in the stream of memory. We survey our life, as in a grand tableau of life, from the point we have reached between birth and death all the way back to childhood. Here one can say: Time becomes space. Individual memories no longer merely surface from the stream of life; rather, we gain a coherent and unified overview of what we have lived through. This is the beginning of supersensible knowledge through the developed power of memory. In a certain sense, the power of memory detaches itself from physical, bodily conditions; we experience purely in the soul what we have experienced in the external world.

[ 31 ] Dadurch aber tritt etwas Bestimmtes beim Menschen ein. Indem er zunächst also mit verstärktem Erinnerungsvermögen zu einer solchen erhöhten Selbsterkenntnis kommt, kommt er endlich dazu, zu verstehen, was es heißt, mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben. Das ist das bedeutsame Ereignis, das innerhalb des Weges zur übersinnlichen Erkenntnis eintritt: mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben. Man gelangt da zu einem Bewusstsein, wo man seelisch-geistig, zunächst sein eigenes Seelisch-Geistiges, dann ein erweitertes SeelischGeistiges, mit einer solchen Klarheit, mit einem solchen Durchzogensein von innerer Willkür durchlebt, wie man sonst nur die geometrischen, die mathematischen Vorstellungen durchlebt. Ich möchte sagen: Daran lernt man am besten für die übersinnliche Erkenntnis, was einem als mathematisches Vorstellen gegeben ist; hat man gelernt, mathematisch, geometrisch vorzustellen, sich demgegenüber innere Anschauungen zu bilden, sodass, wenn man einen Lehrsatz hat, man sagen kann: Wenn ich seine Lehre kenne, so durchschaue ich seine Wahrheit, wenn noch so viele Menschen dagegensprechen. Hat man die Gänze und Wesenheit des inneren Vorstellens gewonnen, so kann man es innerlich erfüllen und kann es vergleichen mit dem, was man durch das entwickelte Erinnerungsvermögen noch ganz anders als Lebendigeres erlebt. Man kommt endlich dazu, über gewisse Dinge neue Vorstellungen zu gewinnen, die ins Leben hereinspielen.

[ 31 ] But this brings about something specific in human beings. Thus, by first attaining such heightened self-knowledge through an enhanced capacity for recollection, one finally comes to understand what it means to live with one’s soul outside the body. This is the significant event that occurs on the path to supersensible knowledge: living with one’s soul outside the body. One arrives at a state of consciousness in which one experiences one’s own soul-spiritual nature—and then an expanded soul-spiritual nature—with such clarity and such a permeation by inner volition as one otherwise experiences only in geometric and mathematical concepts. I would like to say: It is through this that one best learns, for the sake of supersensible knowledge, what is given to one as mathematical imagination; once one has learned to imagine mathematically and geometrically, and to form inner intuitions in contrast to them, so that when one has a theorem, one can say: If I know its teaching, then I see through to its truth, no matter how many people may speak against it. Once one has attained the wholeness and essence of inner imagination, one can fill it inwardly and compare it with what one experiences—through a developed power of recollection—in a completely different, more vivid way. One finally comes to gain new conceptions of certain things that play a role in life.

[ 32 ] Man gelangt dazu, sagte ich, einen Begriff damit zu verbinden, was es heißt, außerhalb des Leibes zu leben. Dann aber, dann wird etwas anderes der Moment des Einschlafens, die Zeitdauer zwischen dem Einschlafen und Aufwachen und das Aufwachen selber. Für das gewöhnliche Bewusstsein wird die Bewusstheit eben abgelähmt im Einschlafen, steigt wiederum auf mit dem Aufwachen; sie ist unterbrochen zwischen Einschlafen und Aufwachen. Durch eine solche Kultur des Erinnerungslebens, der Erinnerungsfähigkeit, wie ich sie geschildert habe, wird der Mensch seiner selbst außerhalb des Leibes bewusst und er lernt erkennen durch unmittelbares Schauen, wie er in seinem Geistig-Seelischen aus seinem physischen Leibe herausgeht. Es ist nicht räumlich zu verstehen, sondern dynamisch, aber es ist richtig gesprochen: Er lernt erkennen, wie er aus seinem Leibe herausgeht; er erhebt sich in Zustände, der Geistesforscher, in denen er durchaus von seinem Leibe unabhängig ist, wie man im Schlafe unbewusst vom Leibe unabhängig ist. Aber er erlebt sich in Bewusstseinszuständen, wo, trotzdem seine Augen nicht sehen, seine Ohren nicht hören, er nicht einmal die Wärme in seiner Umgebung fühlt, er von innerem Seelenleben durchzogen ist. Dasjenige, was er dann erlebt, ist so, wie wenn der Mensch, indem er schläft, eine neue Welt, eine Welt jenseits der physisch-sinnlichen Welt erleben würde und wiederum untertauchen würde, wie aus einem geistigen Meer untertauchen würde in die gewöhnliche Sinnenwelt beim Aufwachen.

[ 32 ] One comes to associate a concept with what it means to live outside the body, I said. But then—then the moment of falling asleep, the period between falling asleep and waking up, and waking up itself become something else. For ordinary consciousness, awareness is simply dulled when falling asleep and rises again upon waking; it is interrupted between falling asleep and waking up. Through such a cultivation of the life of memory and the capacity for recollection, as I have described it, a person becomes aware of themselves outside the body and learns to recognize, through direct observation, how they emerge from their physical body in their spiritual-soul life. This is not to be understood in a spatial sense, but rather dynamically; yet it is correct to say: They learn to recognize how they emerge from their body; the spiritual researcher rises into states in which he is entirely independent of his body, just as one is unconsciously independent of the body during sleep. But he experiences himself in states of consciousness where, even though his eyes do not see, his ears do not hear, and he does not even feel the warmth in his surroundings, he is permeated by inner soul life. What he then experiences is as if, while sleeping, a person were to experience a new world—a world beyond the physical-sensory world—and then, upon waking, were to emerge from it, as if surfacing from a spiritual sea back into the ordinary sensory world.

[ 33 ] Dann, wenn man solche Erlebnisse hat, dann kann man vorschreiten nun zu etwas anderem, was gewissermaßen so vorbereiten muss zum modernen Überschreiten der Schwelle, wie durch die Furchtlosigkeit und das Mutvolle gegenüber dem Unbekannten der alte Weise seine Schüler vorbereitet hat. Dann muss eine andere Seelenkraft ausgebildet werden; eine andere Kraft muss umgebildet werden zu einer Erkenntniskraft. Mancher will gelten lassen aus dem modernen Bewusstsein heraus, dass man umwandeln darf zu einer selbstständigen Erfassungskraft die Erinnerungsfähigkeit, denn sie ist mit dem Intellekt verwandt, und den Intellekt liebt der moderne Mensch. Er lässt den Intellekt gelten in der Wissenschaftlichkeit. Aber die andere Seelenkraft, die derjenige, der heute die Schwelle überschreiten will, auch in sich ausbilden muss, die will man nicht gelten lassen als objektive Erkenntniskraft. Sie wird doch eine objektive Erkenntniskraft, wenn sie nur in der richtigen Weise ausgebildet wird, das ist die Kraft der Liebe. Liebe im Erkennen, das lässt man nicht gelten; da sagt man: Wo die Liebe auftritt, da müsse das Erkennen die Objektivität verlieren. Allein Sie können nachlesen in den angeführten Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und «Geheimwissenschaft», wie man tatsächlich auch diese Liebe unabhängig machen kann von demjenigen, woran sonst die Liebe gebunden ist im gewöhnlichen Leben.

[ 33 ] Then, when one has had such experiences, one can now move on to something else that, in a sense, must serve as preparation for the modern crossing of the threshold—just as the ancient sage prepared his disciples through fearlessness and courage in the face of the unknown. Then another soul force must be developed; another force must be transformed into a power of cognition. Some, speaking from a modern perspective, are willing to accept that the power of memory can be transformed into an independent power of comprehension, since it is related to the intellect, and modern people love the intellect. They accept the intellect in the realm of science. But the other soul force—which anyone who wishes to cross the threshold today must also develop within themselves—is not accepted as an objective power of knowledge. Yet it does become an objective power of knowledge if it is developed in the right way; this is the power of love. Love in cognition—that is not accepted; people say: Where love enters the picture, cognition must lose its objectivity. Yet you can read in the cited books *How to Attain Knowledge of Higher Worlds* and *Esoteric Science* how one can in fact make this love independent of that to which love is otherwise bound in ordinary life.

[ 34 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, im gewöhnlichen Leben ist die Liebe gebunden an die leiblich-körperhaften Instinkte, an dasjenige, was der Mensch als physisches Wesen ist. Wenn man in sich entwickelt, geradeso wie ich das vorhin ausgeführt habe von Meditation und Konzentration der Gedanken, ein gewisses Anschauen, wie man im Leben von Stufe zu Stufe steigt — wir werden ja im Grunde genommen mit jedem Tage ein anderer, man braucht nur ernsthaft und ehrlich auf dasjenige zu blicken, was heute seine Lebensauffassung ist, der Lebensinhalt, der Seeleninhalt ist; man braucht das nur zu vergleichen, was man vor neun, zehn Jahren war, mit dem, was man heute ist, und man wird sagen müssen: Ohne durch den Willen einzugreifen in den Lebensgang, wird man ein anderer.

[ 34 ] Ladies and gentlemen, in ordinary life, love is bound to physical and bodily instincts—to that which defines human beings as physical beings. If one develops within oneself—just as I explained earlier regarding meditation and concentration of thought—a certain insight into how one ascends from stage to stage in life—for, after all, we essentially become different people with each passing day; one need only look seriously and honestly at what constitutes one’s outlook on life today, the content of one’s life, the content of one’s soul; one need only compare who one was nine or ten years ago with who one is today, and one will have to admit: Without intervening in the course of life through one’s will, one becomes a different person.

[ 35 ] Beim Geistesforscher muss eintreten eine gewisse Schulung. Er muss lernen, ganz mit voller Willkür in die Hand zu nehmen seine Selbsterziehung. Selbstzucht muss die Lebenserziehung werden. Und er muss sich immer klar sein, was eingreift in sein Leben. Er muss die Möglichkeit gewinnen, wie sein eigener Zuschauer seiner Willensentwicklung gegenüberzutreten. Dass dieses notwendig ist zum Erringen eines wirklichen Bewusstseins der Freiheit, das habe ich versucht, in meiner «Philosophie der Freiheit» nachzuweisen, die ich als eine sozialethische Grundanschauung im Jahre 1893 veröffentlicht habe und die jetzt in einer neuen Auflage vor die Menschheit hingetreten ist. Da wagte ich schon den Satz, allerdings in Bezug auf ethisch-freiheitliches Erkennen: Die Liebe mache nicht blind — sondern die echte Liebe, die die menschliche Seele dafür gewinnt, aufzugehen in dem Gegenstand, durch eine getreuliche Selbstbeobachtung dazu erzogen —, sie mache sehend. Diese Liebe macht gerade den Menschen frei. Denn indem er nicht mehr aus Instinkten, aus triebhaften Impulsen heraus handelt, sondern in Liebe aufgeht in der Außenwelt, und sich nur von dem, was notwendig ist in der Tatsachenwelt befehlen lässt, wird er frei. Selbstlose Liebe macht den Menschen frei; aber selbstlose Liebe, sie ist auch zu erziehen zu einer Erkenntniskraft. Dann können wir dasjenige, was wir durch die entwickelte Erinnerungskraft gewonnen haben, durchtränken mit dem, was die Liebe wird. Und während man durch die entwickelte Erkenntniskraft eine Vorstellung bekommt, wie der Mensch mit den Seelenkräften außer dem Leibe ist, so bekommt man durch die entwickelte Liebefähigkeit gerade eine richtige Vorstellung von dem eigenen Geistig-Seelischen selbst. Und wenn sich verbindet das, was man durch die Kraft der Liebe sich erringt, mit dem, was man durch das entwickelte Erinnerungsvermögen sich erringt, dann erweitern sich solche Begriffe. Wir wissen, dass man mit dem Geistig-Seelischen herausgeht aus dem Leibe, aber in der geistigen Welt dann ist und dass man mit dem Aufwachen wiederum in den Leib hineintritt. Es ist dies eine Vorstellung, die eine gewisse Bedeutung hat für das Leben zwischen Geburt und Tod und über das Leben hinaus. Wir erlangen dann, indem diese höhere Erkenntnis sich ausbildet, diese Fähigkeit, unsere Seele in ihrem Wege zu überschauen, bevor sie durch die Geburt oder Empfängnis mit dem irdisch-physischen Menschenleibe sich verbunden hat. So wie wir hinschauen als auf etwas Reales auf die Seele, bevor sie aufwacht, wo sie allerdings auf den zubereiteten Leib wartet, so sehen wir hin auf die Seele, die in geistigen Welten weilt vor der Geburt und die nun andere Kräfte hat als die bloß schlafende Seele. Die schlafende Seele hat nur die Kräfte, den im Bette liegenden Leib neu seelisch zu beleben. Die Seele, die vor der Geburt in der geistigen Welt weilt, hat die Kräfte, mit Zuhilfenahme desjenigen, was in ihrer physischen Vererbungsströmung geschieht, den physischen Leib sich durchzuorganisieren, sodass in ihm die menschliche Individualität geistig-seelisch sich ausleben kann. Und wir gelangen dazu, einen Einblick zu gewinnen in das Ewige der Menschenseele. Wissenschaftlich, mit mathematischer Klarheit wird begründet eine Anschauung desjenigen, was die Seele ist in rein geistigen Welten. Und aus diesem Wissen heraus entwickelt sich dann auch das Wissen desjenigen, was nun vergleichbar ist mit einem Einschlafen als Durchgang durch die Pforte des Todes, als das Hinausgehen in eine geistige Welt, wenn der physische Leib abgelegt ist. Kurz, wir erlangen als eine höhere Stufe dasjenige, was auf einer unteren Stufe erscheint als das bloß imaginative Überblicken des Lebens bis zur Geburt hin; wir erlangen eine Erweiterung dieses Überblicks zu einem Überblick über das Ewige der Menschenseele und die Verbindung der Menschenseele mit dem geistigen Kosmos. Wir lernen hineinschauen in diesen geistigen Kosmos. Wir lernen wissen: Hier stehen wir auf der Erde in unserem physischen Leibe, schauen durch unsere Augen hinein in die physische Welt, hören die physischen Töne, nehmen wahr die physische Wärme. Aber was da in unserem physischen Leibe ruht und zu uns Ich sagt, was denkt und fühlt und empfindet und will, das lebte in geistigen Welten, bevor es diesen physischen Leib bezogen hat.

[ 35 ] The spiritual researcher must undergo a certain training. He must learn to take full control of his self-education with complete autonomy. Self-discipline must become the foundation of his life. And he must always be clear about what is at work in his life. He must gain the ability to observe the development of his will as if he were an outside observer. I have attempted to demonstrate in my *Philosophy of Freedom*—which I published in 1893 as a fundamental social-ethical perspective and which has now been presented to humanity in a new edition—that this is necessary for attaining a true consciousness of freedom. There I dared to make the following statement—albeit in reference to ethical-libertarian cognition: Love does not blind—but true love, which the human soul gains by becoming one with the object, cultivated through faithful self-observation—enables one to see. It is precisely this love that sets a person free. For when a person no longer acts out of instincts or impulsive drives, but merges with the external world in love, and allows themselves to be guided only by what is necessary in the world of facts, they become free. Selfless love sets a person free; but selfless love can also be cultivated into a power of cognition. Then we can imbue what we have gained through our developed power of memory with what love becomes. And just as the developed power of insight gives us a conception of how a human being exists with their soul forces outside the body, so the developed capacity for love gives us a true conception of our own spiritual-soul nature itself. And when what one attains through the power of love is combined with what one attains through the developed power of memory, such concepts expand. We know that one leaves the body with one’s spiritual-soul nature, but is then in the spiritual world, and that upon waking one re-enters the body. This is a concept that holds a certain significance for life between birth and death and beyond life itself. As this higher insight develops, we then gain the ability to survey our soul’s path before it has become connected to the earthly-physical human body through birth or conception. Just as we regard the soul as something real before it awakens—where it is, however, waiting for the prepared body—so we regard the soul that dwells in the spiritual worlds before birth and which now possesses powers different from those of the merely sleeping soul. The sleeping soul possesses only the powers to breathe new life into the body lying in bed. The soul that dwells in the spiritual world before birth possesses the powers—with the aid of what occurs in its physical hereditary stream—to organize the physical body in such a way that human individuality can express itself spiritually and soulfully within it. And we thereby gain insight into the eternal nature of the human soul. A conception of what the soul is in purely spiritual worlds is established scientifically, with mathematical clarity. And from this knowledge, the understanding of what is comparable to falling asleep—as a passage through the gate of death, as the departure into a spiritual world—develops once the physical body has been laid aside. In short, we attain, as a higher stage, what appears at a lower stage as the merely imaginative overview of life up to the moment of birth; we attain an expansion of this overview into a comprehensive view of the eternal nature of the human soul and the human soul’s connection with the spiritual cosmos. We learn to look into this spiritual cosmos. We come to know: Here we stand on Earth in our physical body, looking through our eyes into the physical world, hearing physical sounds, perceiving physical warmth. But what rests within our physical body and speaks to us as “I”—what thinks, feels, senses, and wills—that lived in spiritual worlds before it took up residence in this physical body.

[ 36 ] Und nun erfährt man etwas außerordentlich Charakteristisches: Indem man hier im Leibe sich entwickelt, ist das Seelische schattenhaft, und wir entwickeln nichts anderes als schattenhafte Begriffe mit dem, was innerlich als Gefühl, als Denken, als Wille lebt, wenn wir Selbsterkenntnis entwickeln. Aber die Welt außer uns, die haben wir deutlich, sie liegt ausgebreitet vor uns. Erlangt man ein Bewusstsein von dem, was man war vor der Geburt in geistigen Welten, da ist nicht die äußere Welt des Objekts; da schauen wir nicht durch physische Augen in eine äußere Welt, hören nicht physische Töne durch die äußeren Ohren, da nehmen wir etwas anderes wahr. Da nehmen wir wie eine Welt den Menschen in seinem Inneren selbst wahr; jenen Menschen, den wir ja mit schaffen müssen, wenn wir verkörpert werden in der Welt. Hier ist die Umwelt unsere Welt. Vor unserer Empfängnis in geistigen Welten war des Menschen Inneres unsere Welt. Der Mensch wird vor dem Menschen enthüllt, indem der Mensch zu gleicher Zeit erkenntnismäßig sein Ewiges ergreift. Und hier sind dann die Punkte, meine sehr verehrten Anwesenden, wo sich erweitert dasjenige, was anthroposophische Geisteswissenschaft ist, zu einem echten Gefühl von wahrer Menschenbedeutung und wahrer Menschenwesenheit.

[ 36 ] And now we learn something extraordinarily characteristic: As we develop here within the body, the soul is shadowy, and when we develop self-knowledge, we develop nothing but shadowy concepts of what lives within us as feeling, thinking, and will. But the world outside of us—that we perceive clearly; it lies spread out before us. When we gain an awareness of what we were before birth in the spiritual worlds, there is no external world of objects; there we do not look through physical eyes into an external world, nor do we hear physical sounds through our physical ears; there we perceive something else. There we perceive the human being within himself as a world in and of itself—that very human being whom we must help to create when we are incarnated in the world. Here, the external environment is our world. Before our conception in the spiritual worlds, the inner being of the human being was our world. The human being is revealed to the human being as the human being simultaneously grasps his or her Eternal through knowledge. And here, my esteemed audience, is where what is known as anthroposophical spiritual science expands into a genuine sense of true human significance and true human being.

[ 37 ] Was hat schließlich die moderne Naturwissenschaft gebracht? Gewissenhafte Erforschung der tierischen Reihe, wie sie in Entwicklung steht von den untersten Lebewesen bis hinauf zum vollkommenen dann, dem Menschen, aber nichts über den Menschen, was ihn als eigenes Wesen beschreibt. Er erscheint nur als Schluss der Tierreihe. Wir suchen an ihm auf, was wir am Tier gefunden haben, nur auf einer höheren Stufe, als Schlusspunkt. Wir haben aber gewissermaßen dadurch den Menschen in seiner eigentlichen inneren Wesenheit verloren. Wir stehen vor den Weltengrenzen, wir stehen vor einer neuen Schwelle. Wir überschreiten diese neue Schwelle in der Weise, wie ich es eben geschildert habe. Dasjenige, was die Alten jenseits der Schwelle erkunden wollten, ist unsere heutige allgemeine Menschenbildung; dasjenige aber, was sie aus Instinkt heraus hatten an Welterkenntnis, das müssen wir uns durch ein Überschreiten der Schwelle erringen durch solche geisteswissenschaftlichen Methoden, wie ich sie geschildert habe. Dann wird aber diese geisteswissenschaftliche Methode umgewandelt in das Gefühl wahrer Menschen-Achtung. Wie sie sich umwandelt, diese Geist-Erkenntnis in das Gefühl wahrer Menschenachtung, wie sie sich umwandelt in die Erkenntnis sozialer Impulse, davon werde ich ja des Genaueren zu sprechen haben am 28. des Monats, wo ich für Schul- und Erziehungsfragen und praktische soziale Lebensfragen die Konsequenzen desjenigen ziehen werde, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu sagen hat.

[ 37 ] What, after all, has modern science brought us? A meticulous study of the animal kingdom as it evolves, from the lowest forms of life all the way up to the most perfect—namely, human beings—but nothing about human beings that describes them as a distinct being. They appear merely as the culmination of the animal kingdom. We seek in him what we have found in animals, only at a higher level, as the culmination. But in a sense, we have thereby lost sight of humanity in its true inner essence. We stand at the boundaries of the world; we stand before a new threshold. We cross this new threshold in the manner I have just described. What the ancients sought to explore beyond the threshold is our general human education today; but what they possessed of worldly knowledge by instinct, we must attain by crossing the threshold through such spiritual-scientific methods as I have described. Then, however, this spiritual-scientific method is transformed into a feeling of true respect for humanity. How this spiritual knowledge is transformed into a sense of true respect for humanity, how it is transformed into an understanding of social impulses—I will speak about this in greater detail on the 28th of this month, when I will draw the consequences of what anthroposophically oriented spiritual science has to say regarding school and educational issues as well as practical questions of social life.

[ 38 ] Als ich im Jahre 1912 und im Jahre 1908 schon hier sprechen durfte vor der holländischen Bevölkerung über Fragen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, da konnte ich nur von ihr sprechen als von etwas, was gewissermaßen nach einer neuen Methode zu geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen strebt, die des Menschen Seeleninneres befriedigen sollen. Ich konnte von etwas sprechen, das von einzelnen Menschen gesucht, ausgebildet wird. Seit jener Zeit ist, trotzdem die katastrophalen Ereignisse in die Zwischenzeit hereinfallen, manches gerade auf dem Gebiete der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch an äußerer Entwicklung geschehen.

[ 38 ] When I was given the opportunity to speak here in 1912 and, even earlier, in 1908, to the Dutch public about issues related to anthroposophically oriented spiritual science, I could only speak of it as something that, in a sense, strives—using a new method—to attain spiritual-scientific insights intended to satisfy the innermost depths of the human soul. I could speak of something that is sought after and developed by individual people. Since that time, despite the catastrophic events that have occurred in the intervening years, much has also taken place in terms of external development, particularly in the field of anthroposophically oriented spiritual science.

[ 39 ] Wir haben errichtet in Dornach bei Basel die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum. Das Goetheanum trägt diesen Namen, weil wir uns bewusst sind, dass dasjenige, was bei Goethe elementar als anschauende Urteilskraft, als seine künstlerische und wissenschaftliche Gesinnung auftritt, fortgebildet werden muss, wie ich es heute auseinandergesetzt habe; dann gelangt man zu dem, was wir anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen. Allein trotzdem der Bau noch nicht vollendet ist, haben wir versucht im Herbste des vorigen Jahres bereits, eine ganze Reihe von Hochschulkursen abzuhalten in diesem unvollendeten Goetheanum. Diese Hochschulkurse sind nicht etwa über Geisteswissenschaft im engeren Sinne abgehalten worden, sondern sie wurden gehalten von ungefähr dreißig Persönlichkeiten, von Wissenschaftlern, Fachleuten aus der Wissenschaft auf den gebräuchlichen Gebieten, Fachleuten aus dem Gebiete der Mathematik, der Physik, Chemie, Biologie, Geschichte, der Soziologie, Rechtswissenschaft und so weiter, und so weiter. Aber auch Männer des praktischen Lebens, die im kommerziellen, im industriellen Leben stehen, haben gesprochen. Künstler haben gesprochen über ihre Kunst. Alles das — neben der geisteswissenschaftlichen Durchleuchtung der Philosophie — hat von dreißig Dozenten vorgetragen den Inhalt der Dornacher Hochschulkurse gebildet.

[ 39 ] We have established the School of Spiritual Science, the Goetheanum, in Dornach near Basel. The Goetheanum bears this name because we are aware that what appears in Goethe as a fundamental, intuitive power of judgment—as his artistic and scientific disposition—must be further developed, as I have explained today; this leads to what we call anthroposophically oriented spiritual science. Nevertheless, even though the building is not yet completed, we attempted as early as last fall to hold a whole series of college courses in this unfinished Goetheanum. These university courses were not held on spiritual science in the narrow sense, but were presented by some thirty individuals—scientists and experts from the usual fields of science, including mathematics, physics, chemistry, biology, history, sociology, law, and so on and so forth. But men of practical life, active in the commercial and industrial spheres, also spoke. Artists spoke about their art. All of this—alongside the spiritual-scientific examination of philosophy—constituted the content of the Dornach University Courses, presented by thirty lecturers.

[ 40 ] Was wollten diese Hochschulkurse? Sie wollten zeigen, wie in der Tat alles dasjenige, was modernes Wissenschaftsleben, modernes praktisches Leben ist und was im Grunde den Inhalt der modernen Zivilisation bildet, viele niedergehende Kräfte enthält, die ins Chaos und in den Niedergang hineinführen müssten, wenn sie weiter niedergehend bleiben, und wie diese Niedergangskräfte in Aufgangskräfte verwandelt werden können. Es sollte gezeigt werden, wie Geisteswissenschaft die Wissenschaft, die Lebenspraxis, den Inhalt unseres Zivilisationslebens durchleuchten und neu befruchten kann, so befruchten kann, wie gerade die nach Erkenntnis des Übersinnlichen und nach Durchdringung des sozialen Lebens mit neuen Impulsen sich sehnenden Seelen eben herbeisehnen.

[ 40 ] What was the purpose of these university courses? They sought to show how, in fact, everything that constitutes modern scientific life, modern practical life, and what essentially forms the content of modern civilization, contains many declining forces that would inevitably lead to chaos and decline if they continued to decline, and how these forces of decline can be transformed into forces of ascent. The aim was to show how spiritual science can shed light on and revitalize science, practical life, and the substance of our civilized existence—revitalize them in precisely the way that souls yearning for knowledge of the supersensible and for the infusion of new impulses into social life so deeply long for.

[ 41 ] Es ist also in dieser Zeit zur Ausgestaltung anthroposophischer Geisteswissenschaft manches geschehen, meine sehr verehrten Anwesenden. Ob das Dornacher Goetheanum, diese Hochschule für Geisteswissenschaft, die eingreifen will befruchtend in das moderne Zivilisationsleben, vollendet werden kann, das wird davon abhängen, ob sich auch weiterhin so opferwillige Menschen finden, die für die Fertigstellung sorgen, wie sich eine ganz große Anzahl von Menschen schon zusammengefunden hat, die einsichtig genug waren für die Geisteswissenschaft, wie sie dort gemeint ist, und die sie so weit gebracht haben, wie sie heute ist.

[ 41 ] Much has therefore taken place during this time in the development of anthroposophical spiritual science, my esteemed audience. Whether the Goetheanum in Dornach—this School of Spiritual Science, which seeks to make a fruitful contribution to modern civilization—can be completed will depend on whether we can continue to find people as willing to make sacrifices as those who have already come together in great numbers, people who were sufficiently open-minded toward spiritual science as it is understood there, and who have brought it to where it stands today.

[ 42 ] Diese Geisteswissenschaft hat auch in anderer Weise in das zivilisatorische Leben eingegriffen. Ich werde das Prinzipielle im nächsten Vortrag näher zu besprechen haben und möchte heute nur erwähnen, wie in die Lebenspraxis der Schule eingegriffen worden ist durch die Begründung der Freien Waldorfschule, eine Schöpfung Emil Molts in Stuttgart, für die aber mir die Leitung übertragen wurde der Pädagogik und Didaktik, wie sie aus der Geisteswissenschaft gewonnen wird.

[ 42 ] This spiritual science has also influenced the life of civilization in other ways. I will discuss the fundamental principles in more detail in my next lecture; today I would simply like to mention how the establishment of the Free Waldorf School—a creation of Emil Molt in Stuttgart—has influenced school life in practice. I, however, was entrusted with the responsibility of guiding the pedagogy and didactics derived from spiritual science.

[ 43 ] Und auch in Bezug auf das praktische Leben ist durch praktisch-ökonomische Gründungen in Deutschland und in der Schweiz ein Anfang gemacht worden. Auch davon habe ich das nächste Mal zu sprechen.

[ 43 ] And as far as practical life is concerned, a start has been made through practical economic initiatives in Germany and Switzerland. I will also discuss this next time.

[ 44 ] Das aber, was alledem zugrunde liegen muss, das ist die Notwendigkeit eines Umdenkens, eines Umlernens der neueren Menschheit im tiefsten inneren Seelenleben. Denn wir brauchen eine neue Selbsterkenntnis des Menschen, die nur gewonnen werden kann, wenn wir die Schwelle in einer neuen Weise überschreiten lernen, die Schwelle, die uns führt in die übersinnliche Welt hinein so, dass wir das moderne erstarkte Bewusstsein hineintragen können in die Gegenden, die jenseits dieser Schwelle liegen, und zu dem erstarkten Selbstbewusstsein eine neue geisterfüllte Weltanschauung gewinnen können. Das ist die erste zivilisatorische Frage der Gegenwart.

[ 44 ] But what must underlie all of this is the necessity for a change in thinking, for modern humanity to relearn in the deepest inner life of the soul. For we need a new self-knowledge of the human being, which can only be attained if we learn to cross the threshold in a new way—the threshold that leads us into the supersensible world—so that we can carry our modern, strengthened consciousness into the realms that lie beyond this threshold and, through this strengthened self-awareness, gain a new, spirit-filled worldview. This is the foremost civilizational question of our time.

[ 45 ] Die zweite Frage ist diese, die uns entgegentritt überall, wo wir das Leben heute betrachten. Wir können nicht zu einem entsprechenden sozialen Zusammenleben kommen, wenn wir nicht in der Lage sind, den Menschen in seiner Wesenheit zu erkennen, indem er uns gegenübertritt; wenn wir nicht in der Lage sind, die volle innere Bedeutung des Wesens, das über die Erde als Mensch geht, zu achten, zu empfinden, zu würdigen. Wir können als Mensch dem Menschen nur richtig entgegentreten, wenn wir aus Geist-Erkenntnis Menschenverständnis, aus jener Liebe, die in die Erkenntnis hineinstrebt, wahre Menschenliebe gewinnen.

[ 45 ] The second question is the one that confronts us wherever we look at life today. We cannot achieve a meaningful social coexistence if we are not able to recognize the human being in his or her essence when he or she stands before us; if we are not able to respect, feel, and appreciate the full inner significance of the being who walks the earth as a human being. As human beings, we can only truly encounter one another if we gain an understanding of humanity through spiritual insight and true love for humanity through that love which strives toward this insight.

[ 46 ] Und wir können alles das nur religiös vertiefen und künstlerisch ausgestalten, wenn wir kommen aus bloß abstraktem Erkennen, dem Intellektualismus der modernen Zeit, zu einem wahren Geist anschauen, das uns wiederum nicht nur ergreift in Bezug auf den Kopf, sondern als ganzen Menschen; uns als ganzen Menschen hineinträgt in das Leben. Die Wissenschaft, die wir gehabt haben, sie konnte ja nur zeigen eine Welt der Natur, die für sich läuft, die aus Nebelzuständen sich entwickelt hat und den Menschen [hervorbringt] als äußere Gestalt, und die wiederum als Schlacke eines Tages in die Sonne zurückfallen wird. Und auf der andern Seite dasjenige, was in unserem Innern sitzt als Ideale, was in unserem Innern sitzt als moralische Impulse. Aber diese moderne Wissenschaft, wenn sie ganz ehrlich ist, sie kann nicht die Brücke schlagen zwischen innerem Seelenbewusstsein des Menschen und dem äußeren kosmischen Bewusstsein. Indem der Mensch die Geisteswissenschaft in dem hier beschriebenen Sinne erlangt, gewinnt er wieder die Möglichkeit zu sagen: Dasjenige, was ich im sozialen Leben gewinne, hat nicht nur Bedeutung für eine untergehende Menschheit, sondern, indem der Mensch geboren ist aus dem Geiste der Welt, für diesen Weltengeist.

[ 46 ] And we can only deepen all of this through religion and give it artistic expression if we move from mere abstract cognition—the intellectualism of the modern age—to a true spiritual vision that, in turn, moves us not only intellectually but as whole human beings; that carries us, as whole human beings, into life. The science we have had could, after all, only show a natural world that runs on its own, that developed from gaseous states and [brought forth] human beings as an external form—and which, in turn, will one day fall back into the sun as waste. And on the other hand, there is that which resides within us as ideals, that which resides within us as moral impulses. But this modern science, if it is entirely honest, cannot bridge the gap between the inner consciousness of the human soul and the outer cosmic consciousness. As human beings attain spiritual science in the sense described here, they regain the ability to say: What I gain in social life is not only significant for a humanity in decline, but—since human beings are born of the spirit of the world—for this world spirit as well.

[ 47 ] Menschentaten werden wiederum erkannt werden als kosmische Taten. Dass der Mensch sich selbst erkenne, dass der Mensch den Menschen würdigen lerne, dass er seine Stellung auch in geistiger Beziehung im ganzen Kosmos würdigen lerne, das sind zunächst die großen, mehr dem Erkenntnisgebiete naheliegenden zivilisatorischen Fragen der Gegenwart. Sie weiten sich aus zur Schulfrage, zur ökonomisch-sozialen Frage, zu den juristisch-technischen Fragen des sozialen Lebens, von denen ich mir, als ergänzend die heutige Betrachtung, erlauben werde, am 28. hier zu Ihnen zu sprechen.

[ 47 ] Human actions will, in turn, be recognized as cosmic actions. That human beings may come to know themselves, that they may learn to honor one another, and that they may learn to appreciate their place—including in spiritual terms—within the entire cosmos: these are, first and foremost, the great civilizational questions of the present, which lie closer to the realm of knowledge. They extend to the issue of education, to economic and social issues, and to the legal and technical issues of social life—topics on which I shall take the liberty of speaking to you here on the 28th, as a supplement to today’s discussion.

[ 48 ] Fragenbeantwortung

[ 48 ] Q&A

[ 49 ] Frage: Sind Gefahren mit dem angegebenen Wege in die geistigen Welten verbunden?

[ 49 ] Question: Are there any dangers associated with the described path to the spiritual worlds?

[ 50 ] Dr. Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es muss ja natürlich gesagt werden, dass mit alledem, was der Mensch im Leben unternehmen kann, unter Umständen Gefahren verknüpft sein können und dass es überall die Möglichkeit gibt, Gefahren zu vermeiden, wenn man den richtigen Weg dazu einschlägt. Es ist ja, wie Sie begreifen werden, nicht möglich, in einem kurzen Vortrag mehr zu geben als Andeutungen, und solche Andeutungen konnte ich natürlich auch heute nur geben. Daher konnte ich natürlich auch das Genauere des Erkenntnisweges in die übersinnlichen Welten ja nicht schildern. Hätte ich es tun können, so würden Sie gesehen haben, dass die Sache mit der übersinnlichen Erkenntnis, wie sie hier in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft gemeint ist, das Leben der Seele auf diesem Wege, in einer ganz bestimmten Beziehung steht zu dem, was das Leben der Seele sonst ist. Nicht wahr, wir kennen das gewöhnliche normale Menschenleben, wie es sich im wachen Zustande äußert, indem sich der Mensch seiner Sinne bedient, indem es die Wahrnehmungen der Sinne mit dem Verstand kombiniert, zu Gesetzen der Natur oder der Geschichte oder des sozialen Lebens ausgestaltet und so weiter. Nun ist aber auch eine andere Möglichkeit gegeben, die ist diese, dass das Seelisch-Geistige des Menschen stärker gebunden ist an den Leib, als dies der Fall ist im gewöhnlichen Leben. Es ist ja der materialistischen Theorie nach so, als ob die seelisch-geistigen Erlebnisse nichts anderes wären als ein Ergebnis der physisch-leiblichen Zustände. Man beruft sich, wenn man so etwas nachweisen will, darauf, wie ja in der Tat für die seelisch-geistigen Erlebnisse parallele physisch-körperliche Zustände nachweisbar sind. Allein geisteswissenschaftlich gefasst, und gerade das ist das Wichtige, dass man auf die Einzelheiten der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse eingeht, ist die Anschauung von dem Zusammenhang zwischen geistig-seelischen Erlebnissen und physisch-leiblichen Erlebnissen, wie man sie gewöhnlich gibt, eine durch und durch unrichtige.

[ 50 ] Dr. Steiner: Ladies and gentlemen! It must, of course, be said that everything a person undertakes in life may, under certain circumstances, involve dangers, and that there is always the possibility of avoiding these dangers if one follows the right path. As you will understand, it is not possible to offer more than a few hints in a short lecture, and naturally, that is all I could offer today as well. Therefore, of course, I could not describe the finer details of the path of knowledge leading into the supersensible worlds. Had I been able to do so, you would have seen that the matter of supersensible knowledge—as it is understood here in anthroposophically oriented spiritual science—the life of the soul on this path, stands in a very specific relationship to what the life of the soul otherwise is. Isn’t that right? We are familiar with ordinary, normal human life as it manifests in the waking state, in which a person makes use of their senses, combines sensory perceptions with the intellect, develops them into laws of nature, history, or social life, and so on. But there is also another possibility, namely that the human soul-spiritual aspect is more strongly bound to the body than is the case in ordinary life. According to materialist theory, it is as if soul-spiritual experiences were nothing more than a result of physical-bodily states. When attempting to prove such a claim, one points to the fact that, indeed, parallel physical-bodily states can be demonstrated for psychological and spiritual experiences. However, from a spiritual scientific perspective—and this is precisely the important point, that one must delve into the details of spiritual scientific insights—the view of the connection between spiritual-psychic experiences and physical-bodily experiences, as it is commonly presented, is thoroughly incorrect.

[ 51 ] Nehmen Sie einmal an, ich will mich eines Vergleiches bedienen, ich gehe über einen Weg, der etwas aufgeweicht ist, so wird derjenige, der nachgeht, sehen, da sind Spuren auf dem Wege, die rühren von einem Menschen her. Ein anderes Wesen, das die Menschen nicht sehen kann, würde etwa glauben können, diese Spuren auf dem Wege, die wären aus dem Inneren des Weges, aus der Erde heraus bestimmt; die Erde hätte Kräfte, wodurch diese Fußspuren entstehen. Wer also nur nachdenkt über die Konfiguration des Weges, könnte dazu kommen. Derjenige, der das Geistig-Seelische kennengelernt hat, ist nicht verwundert, dass in dem Physisch-Leiblichen zum Beispiel des Nervensystems die Spuren des GeistigSeelischen sind. Sie sind eingedrückt gewissermaßen wie die Spuren in der weichen Erde. Man muss daher alles dasjenige, was geistig-seelisch erlebt wird, im PhysischLeiblichen wiederfinden.

[ 51 ] Let me use an analogy: Suppose I walk along a path that is somewhat soft; then whoever follows me will see footprints on the path that were left by a person. Another being, one that humans cannot see, might suppose that these footprints on the path originate from within the path itself, from the earth; that the earth possesses forces through which these footprints are created. Anyone who merely reflects on the configuration of the path might arrive at this conclusion. Those who have come to know the spiritual-soul aspect are not surprised that traces of the spiritual-soul aspect are found in the physical-bodily realm—for example, in the nervous system. They are imprinted, so to speak, like the footprints in the soft earth. One must therefore find everything that is experienced spiritually and soulfully reflected in the physical-bodily realm.

[ 52 ] Dazu ist eine gewisse Unabhängigkeit des GeistigSeelischen vom Physisch-Leiblichen auch schon im normalen Leben vorhanden. In dem krankhaften Leben, in demjenigen, was wir als psychopathisch kennen, das ja in den verschiedensten Formen der Geisteserkrankungen auftritt, stellt sich nun heraus, dass das geistig-seelische Leben stark an das physische Leben gebunden ist, stärker als im normalen Zustand. Das ist immer eigentlich festzuhalten, dass Geisteskrankheiten im Grunde genommen physische Krankheiten sind. Durch Erkrankung des Physisch-Leiblichen fühlt sich das Seelisch-Geistige stärker an ein Organ gebunden, als es sein sollte. In dieser Beziehung wird besonders die Medizin tief befruchtet werden müssen. Ich habe schon im Frühjahr letzten Jahres einen Kursus für Ärzte und Medizinstudierende abgehalten und darin gezeigt, wie gerade die Medizin, besonders die Therapie befruchtet werden kann. Aber es zeigt sich gerade dabei, wenn man die Medizin geisteswissenschaftlich durchforscht, dass man bei Geisteskrankheiten auf die physisch-körperlichen Grundlagen sehen muss. Denn sie bestehen darin, dass der Mensch geistig-seelisch stärker an den Leib gebunden ist als im normalen Zustand. Durch jene Ausbildung, die ich heute besprochen habe, wird der gegenteilige Zustand hervorgerufen, für das geistige Erkennen allerdings, nicht für das normale Leben.

[ 52 ] In this regard, a certain degree of independence of the mental-spiritual from the physical-bodily already exists in normal life. In pathological life—that is, in what we recognize as psychopathy, which manifests in the most diverse forms of mental illness—it becomes apparent that the spiritual-soul life is strongly bound to the physical life, more so than in the normal state. It is always important to note that mental illnesses are, at their core, physical illnesses. Due to illness of the physical body, the soul-spiritual aspect feels more strongly bound to an organ than it should be. In this regard, medicine in particular will need to be deeply enriched. I already held a course for doctors and medical students last spring, in which I demonstrated how medicine—especially therapy—can be enriched. But it becomes clear precisely when one explores medicine from a spiritual-scientific perspective that, in the case of mental illnesses, one must look to the physical-bodily foundations. For these illnesses consist in the fact that the human being is more strongly bound to the body in a spiritual-soul aspect than in the normal state. Through the training I have discussed today, the opposite state is brought about—though for spiritual cognition, not for normal life.

[ 53 ] Der Geistesforscher wird im praktischen Leben voll drinnenstehen. Schläft man gut, ist man tüchtig am Tage im äußeren praktischen Leben; oder ist man ein verrückter Kerl, zu nichts zu gebrauchen, ist man ungeschickt, so ist man auch kein ordentlicher Geistesforscher. Diese Dinge hängen durchaus zusammen. Gerade dadurch, dass unabhängig vom Leiblich-Physischen das GeistigSeelische wird, liegt die Methode, die ich geschildert habe, nach den entgegengesetzten Richtungen von seelischen Erkrankungen. Die seelischen Erkrankungen sind ein Hineinversenken des Geistigen in das Physisch-Leibliche und man kann gerade durch diese Methode, die ich geschildert habe, zu gleicher Zeit das menschliche Leben gesund machen, abgesehen davon, dass sie Erkenntnismethoden sind. Und es ist Verleumdung, dass Gefahren verknüpft seien für das geistige oder physische Leben des Menschen, wenn man diese Methoden befolgt. Das ist nicht der Fall. Es treten nur in der Welt alle möglichen dilettantischen Methoden der Seelenentwicklung auf. Diese sind eigentlich immer verknüpft mit Gefahren, aus dem Grunde, weil sie ja das Geistig-Seelische immer ins Leibliche hineinstoßen, währenddem dasjenige, was hier aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft als der Geistesweg geschildert wird, nicht daran denkt, das Geistig-Seelische mit dem Physisch-Leiblichen irgendwie krankhaft zu verbinden, sondern gerade so zu befreien, dass das Erleben ein so innerlich lichtvolles klares ist, wie das mathematische Erleben ist. Es wird darauf gesehen, dass nichts, was in geisteswissenschaftlicher Methode angestrebt wird, irgendwie mystisch nebulos ist, sondern dass alles durchdrungen ist von voller Klarheit. Es wird deshalb nichts Oberflächlicheres [geben] als die nebulose Mystik, die nur scheinbar tief ist, in Wirklichkeit aber oberflächlich ist. Es wird das, was erstrebt wird, durchaus geistig-spirituell, aber es ist eine Gesundung des Seelenlebens, nicht eine Erkrankung.

[ 53 ] The spiritual researcher will be fully immersed in practical life. If one sleeps well, one is capable during the day in one’s external practical life; or if one is a crazy person, good for nothing, and clumsy, then one is not a proper spiritual researcher either. These things are definitely connected. Precisely because the spiritual-soul aspect becomes independent of the physical-bodily, the method I have described points in the opposite direction from that of mental illnesses. Psychic illnesses involve a sinking of the spiritual into the physical-bodily realm, and it is precisely through this method I have described that one can simultaneously restore human life to health—apart from the fact that these are methods of knowledge. And it is slander to claim that following these methods poses dangers to a person’s spiritual or physical life. That is not the case. It is simply that all manner of amateurish methods of soul development are prevalent in the world. These are, in fact, always associated with dangers, for the reason that they constantly force the spiritual-soul aspect into the physical body, whereas what is described here by anthroposophically oriented spiritual science as the spiritual path does not seek to connect the spiritual-soul aspect with the physical-bodily aspect in any pathological way, but rather to liberate it in such a way that the experience is as inwardly luminous and clear as a mathematical experience. Care is taken to ensure that nothing sought after in the method of spiritual science is in any way mystically nebulous, but that everything is permeated by complete clarity. There will therefore be nothing more superficial than nebulous mysticism, which is only seemingly deep but is in reality superficial. What is sought is thoroughly spiritual, but it is a healing of the soul’s life, not a disease.