Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c
19 Februar 1921, Amsterdam
1. Die anthroposophische Geisteswissenschaft und die grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer über Themen ernsthaft sprechen will, wie sie der heutigen Abendbetrachtung und derjenigen vom 28. Februar zugrunde liegen, der muss sich bewusst sein, dass es in der Gegenwart doch recht zahlreiche Seelen gibt, welche auf der einen Seite nach neuen Wegen des inneren Seelensuchens streben und welche auf der anderen Seite nach neuen Richtungen unseres ganzen öffentlichen und sozialen Lebens streben. Denn eine Grundlegung für ein neues Seelensuchen und eine Grundlegung für neue soziale Lebensrichtungen möchte die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geben, welche diesen zwei Betrachtungen zugrunde liegen wird.
[ 2 ] Die Menschheit hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte auf der einen Seite eine bedeutsame geistige Entwicklung in wissenschaftlicher Beziehung, namentlich in naturwissenschaftlicher Beziehung durchgemacht, und derjenige, der heute von einem neuen Seelensuchen spricht, der darf nicht außer Acht lassen die großen, die gewaltigen Triumphe, welche von dem naturwissenschaftlichen Suchen ausgegangen sind. Dieses naturwissenschaftliche Suchen, es hat aber auch hervorgebracht gewaltige Ergebnisse im praktischen Leben. Alles dasjenige, was heute uns als die großartigen technischen Leistungen umgibt, denen wir ja auf Schritt und Tritt im Leben begegnen, alles das ist im Grunde genommen herausentstanden aus einem naturwissenschaftlichen Denken.
[ 3 ] Auf der anderen Seite darf aber doch auch nicht übersehen werden — und wie gesagt, viele Seelen sind sich dessen heute schon bewusst —, dass gegenüber diesen großen Errungenschaften des naturwissenschaftlichen Suchens, gegenüber den gewaltigen technischen Errungenschaften, eine tiefe Unbefriedigung durch das moderne Geistesleben geht und dass ja ganz deutlich zu sehen ist — an den katastrophalen Ereignissen der letzten Jahre ganz deutlich zu sehen ist —, wie die Menschheit neuer Richtungen bedarf. Und so sind denn heute wirklich viele Menschen da, welche aufblicken wollen zu einer geistigen Erkenntnis, einer geistigen Einsicht, nachdem ihnen die Naturwissenschaft so vieles über die Welt und über den Menschen gesagt hat. Und viele sind da, welche sich klar darüber sind, dass diese naturwissenschaftlichen Anschauungen und diese bedeutsamen technischen Errungenschaften zwar das äußere Leben in intensiver Weise durchdrungen haben, dass aber etwas notwendig ist, was unser moralisches, unser seelisches Leben in einer ähnlichen Weise in Bezug auf die weitesten Menschheitskreise durchziehen kann. Und so möchten denn manche aufblicken aus der Fülle der einzelnen Wissenschaften zu einer zusammenfassenden Geistesanschauung. Und so appellieren denn manche an dasjenige, was nur im tiefsten moralischen Inneren der Menschenseele seinen Sitz haben kann, um jene sozialen Impulse zu gewinnen, die, wie es heute schon vielen klar sein muss, ohne die tiefsten inneren — geistigen und moralischen Impulse — nicht zu gewinnen sind.
[ 4 ] Aber wir sehen auf der andern Seite auch, wie innerhalb der Fülle des modernen Geisteslebens und innerhalb des katastrophalen Chaos, das in der neuesten Zeit eingetreten ist, der innere Mut doch fehlt zu einem innerlich aktiven Geistesleben, zu einer Neuschöpfung im Geistesleben. Daher müssen wir bemerken, wie zahlreich die Menschen nun sind in der Gegenwart, die sich zunächst noch nicht aufschwingen können zur Begeisterung für eine solche Neuschöpfung und die zurückblicken in alte Menschheitszeiten, in denen die menschliche Seele noch ein Wissen hatte, das uns zwar jetzt kindlich vorkommen mag, das aber doch noch in einer innigen Beziehung stand mit dem Ganzen der Menschennatur, das noch Brücken bauen konnte vor allen Dingen hinüber zum künstlerischen Schaffen und zum religiösen Fühlen und Handeln. Kunst, Religion, Wissenschaft, sie sind für den neueren Menschen auseinandergefallen, aber er möchte Brücken schlagen zwischen diesen drei Gebieten des Lebens, die ja dennoch — wenn der Mensch auf die Dauer befriedigt sein soll, wenn er zu einem fruchtbaren sozialen Schaffen kommen soll, wenn er tüchtig sein soll für eine Lebenspraxis überhaupt —, die ja dennoch im Inneren des Menschen zu einer harmonischen Ganzheit sich verbinden müssen.
[ 5 ] Wir sehen aber auch viele zurückblicken mit großer Achtung, und gewiss von einem bestimmten Gesichtspunkte aus mit Recht, mit großer Achtung zurückblicken nach alter orientalischer Weisheit, als ob wir aus der Mystik des Orients oder aus ähnlichen Geistesströmungen heraus heute jene Vertiefung und Erhebung des Geistes zugleich wiedergewinnen könnten, welche uns die Breite des naturwissenschaftlichen und technischen Denkens nicht gewähren kann. Wenn man solche Sehnsucht nach dem Alten entwickelt, dann übersieht man nur, dass die Menschheitsentwicklung als solche ja einen Sinn hat, dass es unmöglich ist, dieselben Wege des Geistes heute zu gehen, die vor Jahrtausenden gegangen worden sind.
[ 6 ] Aber auf der anderen Seite ist auch durch die äußere Anschauungswissenschaft vieles von den gewaltigen menschlichen Impulsen in die heutige Zeit hinübergekommen; vieles von dem, was unsere Altvorderen geistig-seelisch verbunden hat mit den Weltentiefen, allerdings auf ihre Art verbunden hat mit den Weltentiefen. Das hat Sehnsuchten in den Menschen hervorgerufen, etwas zu verstehen davon, wie diese unsere Vorfahren ihre Geisteswege gegangen sind, wie diese unsere Vorfahren, [um] die innersten Bedürfnisse der Seele zu befriedigen, nach einer Erkenntnis des Ewigen, des Übersinnlichen in der Menschenseele gestrebt haben. Man kann Achtung vor diesem Streben empfinden, aber man kann sich schließlich nur orientieren über dasjenige, was heute dennoch als eine völlige Neuschöpfung durch ein inneres Aufrufen der tiefsten Seelenkräfte aus dem Menschen selbst hervorgehen muss. Orientieren kann man sich. Und so gestatten Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, dass ich, um vorzubereiten dasjenige, was ich eigentlich aussprechen möchte, einiges Orientierende sage, nur zum Vergleich gewissermaßen, über die Art und Weise, wie die Seelenwege, die Geisteswege gesucht wurden von unseren Vorfahren.
[ 7 ] Vor allen Dingen müssen wir da blicken auf jene Empfindungen, welche diese unsere Vorfahren vor Jahrtausenden im alten Indien, aber selbst bis hinüber in die älteren griechischen Zeiten, erlebten, wenn sie von den Führern der damaligen Weisheitsschulen, die man wohl auch die Mysterienschulen nennen kann, den Weg zum Geiste gewiesen werden sollten. Energisch und gewissenhaft sollten die Schüler vorbereitet werden. Denn klar war diesen Menschen etwas, wovon wir eigentlich heute in der allgemeinen Bildung kein starkes Bewusstsein mehr haben: dass der Mensch nicht ohne gewaltige innere Überwindungen, ohne gewaltige Veränderung seines ganzen Seelenlebens, von den Erkenntnissen, die er erlangen kann aus der äußeren sinnlichen Welt, aufsteigen kann zu den eigentlichen Höhen einer befriedigenden Erkenntnis vom Ewigen und von den Zusammenhängen des Menschen mit den göttlichen, führenden Kräften der Welt. Eine gründliche, eine intensive Vorbereitung sollte die Seele erst durchmachen, bevor ihr überhaupt die Möglichkeit gegeben wurde, übersinnliche Erkenntnisse zu erlangen. Und man sprach von etwas, meine sehr verehrten Anwesenden, von dem heute zu sprechen fast phantastisch klingt. Man sprach ein Wort aus, von dem man aber doch auch heute wiederum gerade gegenüber einem ernsten Geistsuchen ein Verständnis gewinnen sollte; man sprach das Wort aus von der Schwelle in die geistige Welt, von dem Hüter der Schwelle nach der geistigen Welt.
[ 8 ] Was war diese Schwelle für unsere Vorfahren? Was war dieser Hüter der Schwelle in die geistige Welt hinein? Oh, das waren wirklich reale, wesenhafte Erlebnisse, die der Mensch durchmachte, der ein Schüler der alten Weisheit wurde, an der Schwelle und beim Vorbeigehen an dem Hüter der Schwelle. Was sagten sich unsere Vorfahren? Zwischen demjenigen, was der Mensch in seinem gewöhnlichen, alltäglichen Bewusstseinszustand durchmachen kann, demjenigen, was er durch diesen Bewusstseinszustand über sich und die Welt erfahren kann, und zwischen dem eigentlichen Wissen, das uns über das Wesen unserer Seele Aufschluss gibt und uns über die bedeutsamsten Lebenskräfte Kunde gibt — zwischen uns und diesem Wissen liegt ein Abgrund, und der Mensch kann diesen Abgrund nicht überschreiten, ohne dass er innere Überwindungen der Seele durchdacht, ohne dass er inneren Kämpfen der intensivsten Art sich hingeben muss, ohne dass er, mit anderen Worten, geistig-seelisch ein vollständig anderer würde.
[ 9 ] Dasjenige, was nun zur Vorbereitung die Lehrer der alten Weisheitsschulen für ihre Schüler machten, das bestand im Wesentlichen aus einer gewissen Bildung des Intellekts und aus einer Bildung des Willens. Vor allen Dingen sollte der Wille energischer, intensiver gemacht werden, der Wille desjenigen, der als Schüler der Weisheit vom Übersinnlichen aufgenommen werden sollte. Warum sollte dieser Wille gestärkt werden? Warum sollte gewissermaßen der Schüler der höheren Weisheit das Fürchten vor dem Unbekannten verlernen? Darum sollte der Schüler der höheren Weisheit innerlich ausgerüstet werden mit Kräften des Mutes, die man im gewöhnlichen Leben nicht hat, darum sollte ihm klargemacht werden, dass, wenn er nicht verlernt hat das Fürchten vor dem Unbekannten, wenn er diesen innerlichen Mut in seiner Seele nicht kultiviert hat, dass er dann, indem er jene Schwelle übertritt, jenseits welcher ihm die übersinnliche Erkenntnis über das Wesen der Seele zuteilwerden könne, ins Bodenlose kommen müsse.
[ 10 ] Wir können uns dasjenige, was da als Anschauung vorlag und was sich doch ganz gewaltig bis in unsere Zeiten herein geändert hat, am besten klarmachen, wenn wir uns an etwas ganz Gewöhnliches in der Wissenschaftsgeschichte erinnern. Wir sehen heute räumlich-zeitlich unsere Planetenwelt, unsere Erde in ihrem Verhältnis zur Sonne so an, wie das durch die kopernikanische Weltanschauung in das Anschauungsleben der Menschheit hereingekommen ist und wie es sich weiterentwickelt hat aus dieser kopernikanischen Weltanschauung heraus. Wir wissen heute, dass wir nicht in der Lage sind, in derselben Weise wie der mittelalterliche Mensch die Erde ruhend zu denken, die Sonne sich herumbewegend; dass wir nicht in der Lage sind, die verschiedenen Planeten in denselben Bewegungen zu denken wie dieser mittelalterliche Mensch. Wir wissen, aus welcher wissenschaftlichen Gesinnung heraus diese kopernikanische Weltanschauung entstanden ist mit alledem, was sie im Gefolge gehabt hat, wenn wir zurückblicken auf jene älteren Zeiten, in denen mehr der äußere Sinnenschein auch der äußeren astronomischen Weltanschauung zugrunde gelegt worden ist. Wir sehen aber doch etwas sehr Merkwürdiges: Wir sehen im Griechentum bereits dasjenige auftreten, zum Beispiel bei Aristarch von Samos, was, mit einiger Variation natürlich, entsprechend der alten Weltanschauung durchaus als heliozentrische Weltanschauung ähnlich ist demjenigen, zu dem wir uns heute selber bekennen. Wenn man bei Plutarch liest, wie Aristarch von Samos die Sonne in der Mitte unseres Planetensystems stehen lässt, wie er die Erde sich um sie herumbewegen lässt, dann finden wir in den Hauptzügen, wie gedacht wird, kaum einen Unterschied zwischen demjenigen, was dieser Aristarch — und derjenige, der sich mit solchen Dingen beschäftigt, weiß, dass alle sogenannten Eingeweihten so gedacht haben wie er —, was dieser Aristarch über unser Planetensystem gedacht hat, und demjenigen, was wir selbst denken, ausgenommen die Ergebnisse unserer ja so außerordentlich entwickelten Beobachtung.
[ 11 ] Was liegt da eigentlich vor? Im Altertum eine Weltanschauung des Äußeren, Räumlichen, die der unsrigen so ähnlich ist, und ihr entgegen im allgemeinen Menschheitsbewusstsein bloß eine Registrierung des äußeren Sinnenscheins! Da liegt das vor, dass diejenigen, die in älteren Zeiten die Führer der Weisheitsschulen waren, so etwas wie die heliozentrische Weltanschauung sorgfältig gehütet haben vor den Menschen, die nicht genügend zu einer solchen Anschauung von ihnen für vorbereitet gehalten wurden. Und diese heliozentrische Weltanschauung ist nur ein Stück einer allgemeinen Weltanschauung, die nun gar nicht unähnlich ist demjenigen, was uns die moderne Wissenschaft, wenigstens an grundlegenden Anschauungen gebracht hat, das man aber vorenthielt den weitesten Menschheitskreisen. Ja, die eigentümliche Tatsache liegt vor, meine sehr verehrten Anwesenden, dass wir heute im ganz allgemeinen Menschheitsbewusstsein Anschauungen haben, die in alten Zeiten streng bewahrt wurden in Weisheitsschulen und die die Schüler nur empfangen durften nach einer gewissenhaften Vorbereitung des Willens zur Furchtlosigkeit vor dem Unbekannten und zu dem mutvollen Auffassen solcher Erkenntnisse.
[ 12 ] Was sagten sich die alten Weisen, indem sie die Schüler nicht einmal zuließen zu dem, was heute jeder gebildete Mensch weiß, darf man [fragen]. Warum wurde in jenen alten Zeiten dasjenige für den Menschen gefährlich gehalten, was heute jeder Mensch weiß? Ja, man dachte sich zwischen dem, was allgemeines Menschheitsbewusstsein war, und dem, was die alten Weisen wussten von unserer Weltanschauung, von dem, was heute allgemeines Menschheitsbewusstsein ist, eine Schwelle und den Hüter der Schwelle, das heißt dasjenige Erlebnis, das man haben konnte, wenn man jene innere Überwindung durchgemacht hatte, wenn man sich zur Furchtlosigkeit und zum mutvollen Erfassen desjenigen herangebildet hatte, was wir heute in der Schule lernen, was heute allgemeines Menschheitsbewusstsein ist. Also geradezu verlangte man in jenen alten Zeiten eine Vorbereitung zu dem, wozu wir heute nicht vorbereitet werden, was in unser ganz gewöhnliches Bewusstsein einfach hereingegossen wird. So haben sich die Zeiten geändert, meine sehr verehrten Anwesenden. Und im Grunde genommen ist jede geschichtliche Betrachtung eine bloß äußerlich bleibende, die auf solche Umgestaltung des Seelenerlebens im Laufe der Menschheitsentfaltung keine Rücksicht nimmt.
[ 13 ] Die alten Weisen sagten sich gegenüber derjenigen Seelenverfassung, die dazumal die Menschheit hatte: Wenn der Mensch etwas erführe von der heliozentrischen Weltanschauung und von demjenigen, was mit ihr auf gleicher Stufe steht, er würde es nicht ertragen können, er würde in eine Art geistige Ohnmacht verfallen, sein gewöhnliches Bewusstsein würde getrübt werden. Daher wollte man den Willen stählen durch alle mögliche pädagogisch-didaktische Kunst; wollte eine mutvolle Erfassung des Übersinnlichen erzeugen, wollte Furchtlosigkeit erzeugen. Weil man sich sagte: Ohne die Heranerziehung dieser Willenseigenschaften wird der Mensch das Bewusstsein verlieren, wenn er sich zum Beispiel wirklich mit jener Intensität, mit der man in alten Zeiten gedacht hat und von der der moderne Mensch keine rechte Vorstellung mehr hat, denkt, dass die Erde sich mit Riesenschnelligkeit mit der Sonne durch den Raum bewegt. Im wahren Sinne des Wortes, ein Verlieren des Bodens unter den Füßen bedeutete dies ja für den Schüler. Dem wollte man nicht aussetzen den Menschen, indem man ihn bei seinem gewöhnlichen Bewusstsein ließ. Man sagte sich: Er verliert das Selbstbewusstsein.
[ 14 ] Ich habe in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» zu zeigen versucht, wie in der Tat gerade das Selbstbewusstsein der Menschheit seit verhältnismäßig kurzen historischen Zeiten sich wesentlich geändert hat, wie in der Tat das Selbstbewusstsein zum Beispiel noch im alten Griechenland ein ganz anderes war, als es heute ist. Es ist ja wahrhaftig nicht bloß eine äußerliche Tatsache, dass mit dem Kopernikanismus, mit dem Galileismus vorzugsweise die intellektuelle Erfassung der Welt heraufgekommen ist, dass seit jenen Zeiten die Menschen eine bis dahin unerhörte Stärke des abstrakten Denkens entwickelt haben. In diesem abstrakten Denken, in diesem Intellektualismus, da wurde vor allen Dingen nicht nur äußere Wissenschaftlichkeit gewonnen, da wurde auch etwas für das Innere des Menschen gewonnen. Da wurde für dieses Innere des Menschen eine Durchkräftigung, eine Verstärkung des Selbstbewusstseins gewonnen.
[ 15 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was wir heute haben, wenn wir einfach als Kinder durch unsere Schule hindurchgehen und so lernen, wie man heute lernt, so vorbereitet werden zum abstrakten Denken und zur Intellektualität, wie das heute geschieht, dann wird das Selbstbewusstsein in dem Menschen in anderer Weise gezüchtet, als es selbst bei den entwickeltsten Griechen gezüchtet wurde. Man sieht auf solche ganz bedeutsamen Tatsachen der weltgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit leider heute viel zu wenig hin, aber man verspürt, man empfindet es und hat daher eine Sehnsucht, die tieferen Gründe aller Menschheitsentwicklung heute wiederum sich vor die Seele zu stellen. Heute ist eben die Gefahr nicht vorhanden, dass, wenn man mit einer allgemeinen Durchschnittsbildung die äußeren naturwissenschaftlichen Ergebnisse empfängt, man einer geistigen Ohnmacht verfiele. Aber zu dem, was uns heute mit der allgemeinen Erziehung gegeben wird von Kindheit auf, zu dem musste erst durch ganz besondere pädagogischdidaktische Maßnahmen der erwachsene Mensch bei den Alten vorbereitet werden. Dann wurde er eingeführt in dasjenige, was erfüllte den berühmten griechischen Spruch: «Erkenne dich selbst». Für die Alten war aber alles Erkennen so, dass zu gleicher Zeit aus ihrem Instinkt heraus eine gewisse Welterkenntnis erwuchs. Sie hatten noch nicht jenes entwickelte Selbstbewusstsein, das der heutige Mensch hat. Sie waren der Gefahr ausgesetzt, in geistige Ohnmacht zu verfallen gegenüber dem heliozentrischen Weltensystem, aber sie hatten aus ihrem Instinkt heraus ein gefühlsmäßiges Erkennen des Kosmos. Wenn sich dieses gefühlsmäßige Erkennen auch gegenüber der Menschheit dann in Mythen mitteilte, es waren immer die Weisen da, welche diese Mythen in der Form von inneren Erlebnissen hatten, die wir durchaus nicht etwa als symbolische Ausdeutungen der Mythen empfinden dürfen, sondern die wir empfinden müssen als ein innerliches Miterleben der Weltengeheimnisse in der Menschenseele selbst. Welterkenntnis wurde den Alten in ihrem, gegenüber dem unseren, schwachen Selbstbewusstsein mit dem Seelenleben zugleich gegeben.
[ 16 ] Sie können sich davon überzeugen, wenn Sie verhältnismäßig späten Zeiten angehörende Literaturwerke in die Hand nehmen. Man mag heute denken, wie man will, über naturwissenschaftliche Schriften, wenn man sie überhaupt so nennen will, des zehnten bis dreizehnten Jahrhunderts, naturwissenschaftliche Anschauungen jener Zeit, man kann sie heute im Grunde genommen, wenn man nicht besonders dazu vorbereitet ist, gar nicht lesen, denn sie führen eine Sprache, die man heute im gewöhnlichen Wissenschaftsleben gar nicht mehr gewohnt [ist]. Aber in dem, was da in diesen Werken sich findet, ist überall dasjenige, was der Mensch seelisch innerlich erlebt, nicht getrennt von dem, was er äußerlich erschaut. Seele ist in ihm und Leib ist in ihm. Außen ist die leiblich-körperhafte Natur, aber überall sieht er in der äußerlich körperhaften Natur auch Seelisches. Wir mögen das heute nebulöse oder falsche Mystik nennen und wir mögen recht damit haben; aber der Mensch früherer Zeiten hatte dasjenige, was seine Seele trug, was seine Seele innerlich erfüllte, was ihm das Bewusstsein beibrachte: Ich bin verbunden mit den ewigen Mächten der Welt und indem die ewigen Mächte der Welt von Anfang bis zu Ende ihre Kräfte entwickeln, entwickele ich mit meine Kräfte.
[ 17 ] Wir haben heute die Möglichkeit, hineinzutragen unser verstärktes Selbstbewusstsein in dasjenige, was uns die Naturerkenntnisse geben. Wir haben ein ausgebreitetes Spezialistentum in Bezug auf naturwissenschaftliche Weltanschauung, und aus diesem Spezialistentum heraus wird uns viel gesagt über das Leibliche des Menschen, aber in der Regel reißen die Fäden ab, wenn wir suchen wollen das Verhältnis zwischen diesem Leiblichen des Menschen, über das uns die Naturwissenschaft so viel sagt, und demjenigen, was wir seelisch innerlich erleben und demgegenüber wir nicht anders können, als ihm einen anderen Ursprung zuschreiben, als zuzuschreiben ist den äußeren Naturtatsachen und Naturkräften und Naturgesetzen.
[ 18 ] Und so ist es denn gekommen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass der moderne Mensch, gerade wenn er sich durchtränkt mit demjenigen, was Naturwissenschaft ihm in vollberechtigter Weise bietet — denn die hier vertretene Geisteswissenschaft erkennt durchaus die Triumphe der modernen Naturwissenschaft an —, zu nichts anderem kommt, gerade wenn er gewissenhaft ist, als zu Erkenntnisgrenzen. Und im Grunde genommen waren es gerade die besten Natur-Denker, welche von solchen Erkenntnisgrenzen, von dem für das Seelenleben verhängnisvollen Ignorabimus gesprochen haben: Wir können nichts wissen jenseits der Grenzen desjenigen, was uns unsere Sinne liefern und was der kombinierende Verstand aus diesen Sinneserlebnissen herausziehen kann. Solche Theorien über die Erkenntnisgrenzen, man muss sie nur mitmachen mit einem intensiv entwickelten Seelenleben und man muss abladen können auf dieses Seelenleben die Veraltetheit der traditionell religiösen Anschauungen, die wiederum mit den alten Erkenntnissen vom Jenseits der Schwelle zusammenhängen, und man wird die ganze innere Misere des modernen Seelenlebens empfinden.
[ 19 ] Man kann doch nicht anders, meine sehr verehrten Anwesenden, als sich sagen: Wir haben seit drei bis vier Jahrhunderten etwas gelernt mit Bezug auf wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, mit Bezug auf wissenschaftliche Methoden, und dasjenige, was auf diesem Boden als Ergebnisse herausgekommen ist, es ist populär geworden und es trägt die Überzeugungen heute schon aller derjenigen Menschen, die irgendwie auf Bildung Anspruch machen. Aber es begründet zu gleicher Zeit alles das ein gewisses Nichtwissen über dasjenige, was doch die menschliche Seele aus ihrer tiefsten Sehnsucht heraus wissen will über die ewige Bestimmung dieser Menschenseele, über ihren Zusammenhang mit den ewigen Mächten der Welt. Wir stehen nach der Anschauung der Alten jenseits der Schwelle. Sie versuchten sich erst vorzubereiten zu demjenigen Wissen, das uns heute ganz alltäglich und geläufig ist. Sie entwickelten aber mit ihrem wenig intensiven, daher gegenüber der übersinnlichen Welt sich fürchtenden Selbstbewusstsein ein ausgesprochenes, sie befriedigendes Weltenbewusstsein, das nirgends Grenzen fühlte. Wir haben ein intensiver entwickeltes Selbstbewusstsein gewonnen, aber uns ist abhandengekommen das Weltenbewusstsein. Wir fühlen in der Weite unseres Wissens überall Grenzen. Wir fühlen, wie wir nicht hereinkommen können in die eigentliche Tiefe der Welt. Selbstbewusstsein haben wir gewonnen; Weltenbewusstsein müssen wir uns erst wiederum erringen, sonst stehen wir als Einsiedler mit unserer entwickelten Seele zwar jenseits der Schwelle der Alten, aber nicht jenseits jener Schwelle, die wir heute als Grenze der Naturerkenntnis oder dergleichen bezeichnen.
[ 20 ] Das ist es, wo anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einsetzt, wo diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft der modernen Menschheit etwas geben will, was nun wiederum sie über die Schwelle führt, die ihr gesetzt ist. Allerdings, wir können nicht bei einer Erneuerung oder Aufwärmung irgendeiner alten oder orientalischen Weisheit stehen bleiben. Wir können alles das nicht mehr mit unserem Bewusstsein vereinigen. Wir müssen heute aus dem Elementaren der Menschenseele heraus neu schöpfen, aber wir müssen es aus einer ebensolchen Bewusstseinstiefe hervorholen, wie die Alten es in ihrer Art hervorgeholt haben. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wird von vielen heute noch abgelehnt aus einer gewissen Denkbequemlichkeit heraus, oder weil sie gar zu sehr scheinbar widerspricht demjenigen, was die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in der neueren Zeit heraufgebracht haben.
[ 21 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man setzt sich ja allerdings der Gefahr aus, dass man missverstanden und namentlich, dass man unbescheiden gefunden wird, wenn man einen solchen Vergleich wählt, wie ich ihn nun zur Charakterisierung des Verhältnisses von Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft gebrauchen will. Allein man kann es ruhig denen überlassen, die gerne höhnen und spotten wollen. Ich behaupte nämlich durchaus nicht, dass dasjenige, was ich als Vergleich anführe in Bezug auf welthistorische Größe, anwendbar sein soll auf dasjenige, was ich jetzt sagen werde, aber der Vergleich wird einiges erläutern.
[ 22 ] Als Kolumbus sich anschickte, Amerika zu entdecken, da war in seinem Bewusstsein durchaus nichts davon, dass er eine neue Welt, eine bis dahin unbekannte Welt entdecken würde. Da glaubte man, man würde das Meer überfahren und von der anderen Seite bei Indien landen. Man glaubte nur, auf einem unbekannten Wege zu etwas Bekanntem zu kommen. So etwa geht es denjenigen, welche mit innerster Gewissenhaftigkeit und mit einem inneren unbesieglichen Erkenntnisbedürfnis sich an die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung heranmachen. Sie finden, dass diese Naturwissenschaft eigentlich zunächst in der Lage des Kolumbus ist. Man will durch sie suchen nach den Geheimnissen der Welt und des Lebens. Man möchte unbekannte Wege gehen. Aber entweder man tritt mutlos zurück und bleibt in der Heimat, wie es die anderen außer Kolumbus gemacht haben, oder man versucht, sich hinauszuwagen zunächst in das Unbekannte. Dann aber tritt man ein doch nur in eine Welt, die man wiederum als etwas recht Bekanntes schildert. Was ist denn alles dasjenige, was man da schildert jenseits der Grenze der Naturerkenntnis als bewegte Atome und Moleküle, Ionen und Elektronen, und alles dasjenige, was hinter dem Teppich der Sinneswelt da sein soll, die vor uns ausgebreitet ist? Auf unbekannten Wegen suchen wir nach dem, was der Natur zugrunde liegt, und schildern dann dasjenige, was uns da entgegentritt doch wiederum als etwas Bekanntes.
[ 23 ] Derjenige aber, der etwas anders vorgeht, der, möchte ich sagen mit einem lebendigeren Seelenleben vorgeht gerade gegenüber dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, der kommt allerdings zu etwas anderem, der kommt zu etwas, was sich vergleichen lässt mit dem Erlebnis des Kolumbus. Er forscht naturwissenschaftlich, er entwickelt all die gewissenhaften Methoden, all das intensive verantwortungsvolle Denken, durch das man gekommen ist zur modernen astronomischen Weltanschauung, zur modernen biologischen Weltanschauung, und er besinnt sich dann: Was tust du denn da eigentlich, wie entwickelst du dein Seelenleben, indem du äußerlich experimentierst, indem du dich bedienst des Mikroskops, des Teleskops, des [Spektroskops], des Röntgenapparates, und dadurch zur Zusammenfassung der Welterscheinungen gekommen bist? Was geht in deinem Seelenleben da vor? Was entdeckt man dadurch, [dass] man lebendigem Seelenleben sich hingibt?
[ 24 ] Das Unbekannte, es wird ein geistig Bekanntes; es werden nicht materielle Atome und Moleküle, es wird Geisterlebnis. Allerdings, dass irgendeiner unmittelbar am Naturforschen das Glückserlebnis hat, nun den Geist in sich aufleuchten zu sehen, der die Welt von Anfang bis Ende, von oben bis unten durchpulst und durchwellt, das ist selten. Aber jeder kann bemerken, welches der innere Weg des Denkens gerade im modernen Naturforschen ist. Und dann kann das weiter ausgebildet werden. Und, sehen Sie, diese weitere Ausbildung, dieses Aufnehmen eines neuen Weges an den Erfahrungen, die man gerade mit der Naturwissenschaft macht, das ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft! Und was ich geschildert habe in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft», es ist im Grunde genommen, trotzdem manche Ausdrucksformen, trotzdem vielleicht die ganze Terminologie dem gewöhnlichen menschlichen Bewusstsein heute noch abenteuerlich erscheint, es ist nichts anderes als die höhere Ausbildung der Erkenntniswege, die durch die moderne naturwissenschaftliche Forschung selbst gezüchtet werden. Aber man muss eben von dem, was da nur elementar erlebt wird, weiterschreiten und besondere Erkenntnismethoden rein geistiger Art ausbilden. Dann wird man auf eine andere Weise dasjenige befriedigen, was eben heute als Geistsehnsucht in vielen Seelen lebt, und was diejenigen, die durchaus zum Geiste kommen wollen, aber durchaus im Materiellen bleiben wollen, zum Spiritismus oder zu ähnlichen abergläubischen Dingen, gegenüber dem wirklichen Geistesforschen führt. Zu dem wahren Geistesforschen führen nur die intimen Wege des Seeleninnern. Sie sind aber unbequem, denn sie sind andere als die gewöhnlichen Wissenschaftswege, obwohl sie nichts anderes sind als eine Fortsetzung dieser gewöhnlichen Wissenschaftswege.
[ 25 ] Wenn wir heute uns ins Leben hineinstellen, auf welcher Entwicklungsstufe wir das auch tun, wir haben dasjenige, was wir als ererbte Eigenschaften haben, herangebildet durch die gewöhnliche oder die höhere Schulerziehung. Die Ergebnisse der Schulerziehung, sie werden hineingesenkt in die Seele der gebildeten Menschheit. Aber man hat das Bewusstsein, dass man auf einer gewissen Stufe des Lebens stehen bleiben könne. Auf einer ganz bestimmten Stufe des Lebens bleibt heute der Mensch stehen. Er wird aufgenommen in unsere wissenschaftlichen höchsten Schulen. Man verlangt da von ihm nicht, dass er sein Erkenntnisvermögen weiter ausbildet, dass er zu demjenigen, was er schon entwickelt hat an Erkenntniskräften, noch andere Erkenntniskräfte, die in seiner Seele noch schlummern, hinzuentwickele. Man bleibt beim gewöhnlichen Erkenntnisvermögen stehen. Man betrachtet die Naturerscheinungen, man macht seine Beobachtungen, seine Experimente, man bedient sich der feinsten Instrumente, aber bei der Verfassung des Seelenlebens, die nun einmal das allgemeine Bewusstsein hat, bleibt man stehen.
[ 26 ] Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muss anders vorgehen. Sie muss ausgehen von einer ganz bestimmten Empfindung. Diese Empfindung möchte ich charakterisieren durch das Wort «intellektuelle Bescheidenheit». Und ich kann mich über diese intellektuelle Bescheidenheit nicht anders aussprechen als in der folgenden Weise: Nehmen wir an, ein fünfjähriges Kind bekommt einen Band Shakespeare in die Hand, was wird es damit machen? Es wird damit spielen, ihn zerreißen. Aber wenn das Kind zehn, fünfzehn Jahre älter geworden ist, wird es sich in einer anderen, einer angemesseneren Weise dazu verhalten. Seine inneren Seelenkräfte sind entwickelt worden. Dasjenige, was veranlagt war, das ist entfaltet worden in diesen seinen Seelenkräften. Genau ebenso wie die Seelenkräfte des Kindes durch äußere Erziehungseinflüsse sich entfaltet haben oder durch die Welt entwickelt werden, so kann in dem erwachsenen Menschen heute noch etwas in der Seele entwickelt werden, wenn er sich nur sagt: Ich muss intellektuell bescheiden sein. Ich muss einmal annehmen, dass ich den Erscheinungen der Natur in ihrer Ganzheit so gegenüberstehe, dass sich dieses Gegenüberstehen vergleichen lässt mit dem Verhalten eines Kindes von fünf Jahren gegenüber einem Bande Shakespeares. Da in der Seele, da ist noch etwas drinnen, was in mir ebenso entwickelt werden kann wie die Seelenkraft des fünfjährigen Kindes bis zu seinem fünfzehnten oder zwanzigsten Jahre hin.
[ 27 ] Von dieser durch und durch das Seelenleben in intellektueller Bescheidenheit erfassenden Empfindung muss ausgegangen werden. Und dann, dann müssen wirklich diese in der Seele schlummernden Kräfte entwickelt werden. Das strebt für ihre Schüler, für diejenigen, die sich dazu eignen und dazu Enthusiasmus haben, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft an. Sie ist nicht irgendetwas wie ein seelisches Wunder oder dergleichen, sie ist die Fortsetzung desjenigen, was das gewöhnliche Seelenleben ist, aber eben eine wirkliche Fortsetzung.
[ 28 ] Zwei Seelenkräfte, meine sehr verehrten Anwesenden, sind es, die im gewöhnlichen Leben zwar notwendig sind, die aber im gewöhnlichen Leben anders drinnenstehen als in dem Seelenleben des entwickelten Geistesforschers auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die eine der Seelenkräfte ist das Erinnerungsvermögen. Dieses Erinnerungsvermögen, es muss in einer normalen Weise, wie wir sagen, bei jedem Menschen ausgebildet sein; denn ist unser Erinnerungsvermögen für irgendeine Länge des Lebens irgendwie unterbrochen, so sind wir seelisch krank. Eine schwere seelische Erkrankung bedeutet es, wenn der Erinnerungsfaden durchreißt; unser Ich-Bewusstsein ist zerstört. In der betreffenden Literatur können Sie es nachlesen, wie sich diese Krankheitserscheinungen äußern. Allein was erlangen wir im gewöhnlichen Leben doch nur durch dieses Erinnerungsvermögen? Wir erlangen dasjenige, was wir erlebt haben, womit wir als mit der Tatsachenwelt mit unserer Seele verbunden waren. Das taucht in Erinnerungsvorstellungen auf mit größerer oder geringerer Lebendigkeit. Wir müssen in ihnen leben. Der Strom der Erinnerungen muss bis zu einem gewissen, in früher Kindheit liegenden Punkte reichen, damit unser Seelenleben ein normales sein kann. Dasjenige, was sonst vorüberhuschen würde, wird durch das Erinnerungsvermögen zur Dauer im Seelenleben.
[ 29 ] Daran knüpft nun an geisteswissenschaftliche Schulung. Durch dasjenige, was in den bereits angeführten Büchern Meditation und Konzentration genannt wird, durch das wird nichts anderes ausgebildet als eine höhere Stufe desjenigen, was auf einer niedrigeren Stufe im Menschen das Erinnerungsvermögen ist. Wenn wir — ohne dass uns Autosuggestionen täuschen können, ohne dass uns Lebensreminiszenzen nasführen, vor unsere Seele führen Vorstellungen, die wir vom erfahrenen Geistesforscher geraten bekommen oder die wir auf einem anderen Wege lernen können, die aber voll überschaubar sein müssen, sodass wir sie mit dem Bewusstsein überblicken können —, wenn wir solche Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins rücken und nun ganz willkürlich auf ihnen ruhen, wenn wir Dauer geben den Vorstellungen, die sonst nur den äußeren Ereignissen folgen und vorüberhuschen, dann wird etwas in unserer Seele so entwickelt an Seelischem, wie die Muskeln entwickelt werden, wenn man sie in der Arbeit gebraucht. Dieses Meditieren, dieses dauernde Ruhen auf leicht überschaubaren Vorstellungen, in die sich nichts von Autosuggestion oder Reminiszenzen mischen darf, das ist die moderne Meditation. Sie ist als innere Seelenmethodik wahrhaftig nicht leichter durchzuführen als die modernen wissenschaftlichen Verrichtungen auf der Sternwarte, im chemischen Laboratorium oder in der Klinik. Jahrelang muss dieses Ruhen auf solchen Vorstellungen durchgeführt werden.
[ 30 ] Dann aber machen wir die innerliche Entdeckung, dass das Erinnerungsvermögen zwar auf der einen Seite selbstverständlich so gesund bleibt, wie es der normale Mensch braucht, dass aber auf der anderen Seite sich entwickelt für die übersinnliche Erkenntnis aus diesem Erinnerungsvermögen etwas anderes. Es entwickelt sich die Fähigkeit, unser Leben zunächst, denn damit beginnt das übersinnliche Schauen, nicht nur in Erinnerungsvorstellungen zu überschauen in den blassen Erinnerungen — denn blass sind sie ja doch, wenn sie auch noch so lebendig sind —, sondern es bildhaft, wie ich es nenne, «in Imaginationen» zu überschauen. Wir entwickeln eine imaginative Anschauung in einem Augenblick über alles dasjenige, was sonst im Erinnerungsstrom verläuft. Wir überschauen wie in einem großen Lebenstableau unser Leben von dem Punkte, den wir zwischen Geburt und Tod erreicht haben, bis zurück in die Kindheit. Hier kann man sagen: Es wird die Zeit zum Raum. Nicht mehr tauchen aus dem Lebensstrom einzelne Erinnerungen bloß auf, sondern ein zusammenhängendes und einheitliches Überschauen desjenigen, was wir durchlebt haben. Das ist der Beginn der übersinnlichen Erkenntnis durch das ausgebildete Erinnerungsvermögen. Das Erinnerungsvermögen löst sich in gewisser Beziehung los von den leiblichen, körperhaften Bedingungen; wir erleben rein seelisch dasjenige, das wir an der Außenwelt erlebt haben.
[ 31 ] Dadurch aber tritt etwas Bestimmtes beim Menschen ein. Indem er zunächst also mit verstärktem Erinnerungsvermögen zu einer solchen erhöhten Selbsterkenntnis kommt, kommt er endlich dazu, zu verstehen, was es heißt, mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben. Das ist das bedeutsame Ereignis, das innerhalb des Weges zur übersinnlichen Erkenntnis eintritt: mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben. Man gelangt da zu einem Bewusstsein, wo man seelisch-geistig, zunächst sein eigenes Seelisch-Geistiges, dann ein erweitertes SeelischGeistiges, mit einer solchen Klarheit, mit einem solchen Durchzogensein von innerer Willkür durchlebt, wie man sonst nur die geometrischen, die mathematischen Vorstellungen durchlebt. Ich möchte sagen: Daran lernt man am besten für die übersinnliche Erkenntnis, was einem als mathematisches Vorstellen gegeben ist; hat man gelernt, mathematisch, geometrisch vorzustellen, sich demgegenüber innere Anschauungen zu bilden, sodass, wenn man einen Lehrsatz hat, man sagen kann: Wenn ich seine Lehre kenne, so durchschaue ich seine Wahrheit, wenn noch so viele Menschen dagegensprechen. Hat man die Gänze und Wesenheit des inneren Vorstellens gewonnen, so kann man es innerlich erfüllen und kann es vergleichen mit dem, was man durch das entwickelte Erinnerungsvermögen noch ganz anders als Lebendigeres erlebt. Man kommt endlich dazu, über gewisse Dinge neue Vorstellungen zu gewinnen, die ins Leben hereinspielen.
[ 32 ] Man gelangt dazu, sagte ich, einen Begriff damit zu verbinden, was es heißt, außerhalb des Leibes zu leben. Dann aber, dann wird etwas anderes der Moment des Einschlafens, die Zeitdauer zwischen dem Einschlafen und Aufwachen und das Aufwachen selber. Für das gewöhnliche Bewusstsein wird die Bewusstheit eben abgelähmt im Einschlafen, steigt wiederum auf mit dem Aufwachen; sie ist unterbrochen zwischen Einschlafen und Aufwachen. Durch eine solche Kultur des Erinnerungslebens, der Erinnerungsfähigkeit, wie ich sie geschildert habe, wird der Mensch seiner selbst außerhalb des Leibes bewusst und er lernt erkennen durch unmittelbares Schauen, wie er in seinem Geistig-Seelischen aus seinem physischen Leibe herausgeht. Es ist nicht räumlich zu verstehen, sondern dynamisch, aber es ist richtig gesprochen: Er lernt erkennen, wie er aus seinem Leibe herausgeht; er erhebt sich in Zustände, der Geistesforscher, in denen er durchaus von seinem Leibe unabhängig ist, wie man im Schlafe unbewusst vom Leibe unabhängig ist. Aber er erlebt sich in Bewusstseinszuständen, wo, trotzdem seine Augen nicht sehen, seine Ohren nicht hören, er nicht einmal die Wärme in seiner Umgebung fühlt, er von innerem Seelenleben durchzogen ist. Dasjenige, was er dann erlebt, ist so, wie wenn der Mensch, indem er schläft, eine neue Welt, eine Welt jenseits der physisch-sinnlichen Welt erleben würde und wiederum untertauchen würde, wie aus einem geistigen Meer untertauchen würde in die gewöhnliche Sinnenwelt beim Aufwachen.
[ 33 ] Dann, wenn man solche Erlebnisse hat, dann kann man vorschreiten nun zu etwas anderem, was gewissermaßen so vorbereiten muss zum modernen Überschreiten der Schwelle, wie durch die Furchtlosigkeit und das Mutvolle gegenüber dem Unbekannten der alte Weise seine Schüler vorbereitet hat. Dann muss eine andere Seelenkraft ausgebildet werden; eine andere Kraft muss umgebildet werden zu einer Erkenntniskraft. Mancher will gelten lassen aus dem modernen Bewusstsein heraus, dass man umwandeln darf zu einer selbstständigen Erfassungskraft die Erinnerungsfähigkeit, denn sie ist mit dem Intellekt verwandt, und den Intellekt liebt der moderne Mensch. Er lässt den Intellekt gelten in der Wissenschaftlichkeit. Aber die andere Seelenkraft, die derjenige, der heute die Schwelle überschreiten will, auch in sich ausbilden muss, die will man nicht gelten lassen als objektive Erkenntniskraft. Sie wird doch eine objektive Erkenntniskraft, wenn sie nur in der richtigen Weise ausgebildet wird, das ist die Kraft der Liebe. Liebe im Erkennen, das lässt man nicht gelten; da sagt man: Wo die Liebe auftritt, da müsse das Erkennen die Objektivität verlieren. Allein Sie können nachlesen in den angeführten Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und «Geheimwissenschaft», wie man tatsächlich auch diese Liebe unabhängig machen kann von demjenigen, woran sonst die Liebe gebunden ist im gewöhnlichen Leben.
[ 34 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, im gewöhnlichen Leben ist die Liebe gebunden an die leiblich-körperhaften Instinkte, an dasjenige, was der Mensch als physisches Wesen ist. Wenn man in sich entwickelt, geradeso wie ich das vorhin ausgeführt habe von Meditation und Konzentration der Gedanken, ein gewisses Anschauen, wie man im Leben von Stufe zu Stufe steigt — wir werden ja im Grunde genommen mit jedem Tage ein anderer, man braucht nur ernsthaft und ehrlich auf dasjenige zu blicken, was heute seine Lebensauffassung ist, der Lebensinhalt, der Seeleninhalt ist; man braucht das nur zu vergleichen, was man vor neun, zehn Jahren war, mit dem, was man heute ist, und man wird sagen müssen: Ohne durch den Willen einzugreifen in den Lebensgang, wird man ein anderer.
[ 35 ] Beim Geistesforscher muss eintreten eine gewisse Schulung. Er muss lernen, ganz mit voller Willkür in die Hand zu nehmen seine Selbsterziehung. Selbstzucht muss die Lebenserziehung werden. Und er muss sich immer klar sein, was eingreift in sein Leben. Er muss die Möglichkeit gewinnen, wie sein eigener Zuschauer seiner Willensentwicklung gegenüberzutreten. Dass dieses notwendig ist zum Erringen eines wirklichen Bewusstseins der Freiheit, das habe ich versucht, in meiner «Philosophie der Freiheit» nachzuweisen, die ich als eine sozialethische Grundanschauung im Jahre 1893 veröffentlicht habe und die jetzt in einer neuen Auflage vor die Menschheit hingetreten ist. Da wagte ich schon den Satz, allerdings in Bezug auf ethisch-freiheitliches Erkennen: Die Liebe mache nicht blind — sondern die echte Liebe, die die menschliche Seele dafür gewinnt, aufzugehen in dem Gegenstand, durch eine getreuliche Selbstbeobachtung dazu erzogen —, sie mache sehend. Diese Liebe macht gerade den Menschen frei. Denn indem er nicht mehr aus Instinkten, aus triebhaften Impulsen heraus handelt, sondern in Liebe aufgeht in der Außenwelt, und sich nur von dem, was notwendig ist in der Tatsachenwelt befehlen lässt, wird er frei. Selbstlose Liebe macht den Menschen frei; aber selbstlose Liebe, sie ist auch zu erziehen zu einer Erkenntniskraft. Dann können wir dasjenige, was wir durch die entwickelte Erinnerungskraft gewonnen haben, durchtränken mit dem, was die Liebe wird. Und während man durch die entwickelte Erkenntniskraft eine Vorstellung bekommt, wie der Mensch mit den Seelenkräften außer dem Leibe ist, so bekommt man durch die entwickelte Liebefähigkeit gerade eine richtige Vorstellung von dem eigenen Geistig-Seelischen selbst. Und wenn sich verbindet das, was man durch die Kraft der Liebe sich erringt, mit dem, was man durch das entwickelte Erinnerungsvermögen sich erringt, dann erweitern sich solche Begriffe. Wir wissen, dass man mit dem Geistig-Seelischen herausgeht aus dem Leibe, aber in der geistigen Welt dann ist und dass man mit dem Aufwachen wiederum in den Leib hineintritt. Es ist dies eine Vorstellung, die eine gewisse Bedeutung hat für das Leben zwischen Geburt und Tod und über das Leben hinaus. Wir erlangen dann, indem diese höhere Erkenntnis sich ausbildet, diese Fähigkeit, unsere Seele in ihrem Wege zu überschauen, bevor sie durch die Geburt oder Empfängnis mit dem irdisch-physischen Menschenleibe sich verbunden hat. So wie wir hinschauen als auf etwas Reales auf die Seele, bevor sie aufwacht, wo sie allerdings auf den zubereiteten Leib wartet, so sehen wir hin auf die Seele, die in geistigen Welten weilt vor der Geburt und die nun andere Kräfte hat als die bloß schlafende Seele. Die schlafende Seele hat nur die Kräfte, den im Bette liegenden Leib neu seelisch zu beleben. Die Seele, die vor der Geburt in der geistigen Welt weilt, hat die Kräfte, mit Zuhilfenahme desjenigen, was in ihrer physischen Vererbungsströmung geschieht, den physischen Leib sich durchzuorganisieren, sodass in ihm die menschliche Individualität geistig-seelisch sich ausleben kann. Und wir gelangen dazu, einen Einblick zu gewinnen in das Ewige der Menschenseele. Wissenschaftlich, mit mathematischer Klarheit wird begründet eine Anschauung desjenigen, was die Seele ist in rein geistigen Welten. Und aus diesem Wissen heraus entwickelt sich dann auch das Wissen desjenigen, was nun vergleichbar ist mit einem Einschlafen als Durchgang durch die Pforte des Todes, als das Hinausgehen in eine geistige Welt, wenn der physische Leib abgelegt ist. Kurz, wir erlangen als eine höhere Stufe dasjenige, was auf einer unteren Stufe erscheint als das bloß imaginative Überblicken des Lebens bis zur Geburt hin; wir erlangen eine Erweiterung dieses Überblicks zu einem Überblick über das Ewige der Menschenseele und die Verbindung der Menschenseele mit dem geistigen Kosmos. Wir lernen hineinschauen in diesen geistigen Kosmos. Wir lernen wissen: Hier stehen wir auf der Erde in unserem physischen Leibe, schauen durch unsere Augen hinein in die physische Welt, hören die physischen Töne, nehmen wahr die physische Wärme. Aber was da in unserem physischen Leibe ruht und zu uns Ich sagt, was denkt und fühlt und empfindet und will, das lebte in geistigen Welten, bevor es diesen physischen Leib bezogen hat.
[ 36 ] Und nun erfährt man etwas außerordentlich Charakteristisches: Indem man hier im Leibe sich entwickelt, ist das Seelische schattenhaft, und wir entwickeln nichts anderes als schattenhafte Begriffe mit dem, was innerlich als Gefühl, als Denken, als Wille lebt, wenn wir Selbsterkenntnis entwickeln. Aber die Welt außer uns, die haben wir deutlich, sie liegt ausgebreitet vor uns. Erlangt man ein Bewusstsein von dem, was man war vor der Geburt in geistigen Welten, da ist nicht die äußere Welt des Objekts; da schauen wir nicht durch physische Augen in eine äußere Welt, hören nicht physische Töne durch die äußeren Ohren, da nehmen wir etwas anderes wahr. Da nehmen wir wie eine Welt den Menschen in seinem Inneren selbst wahr; jenen Menschen, den wir ja mit schaffen müssen, wenn wir verkörpert werden in der Welt. Hier ist die Umwelt unsere Welt. Vor unserer Empfängnis in geistigen Welten war des Menschen Inneres unsere Welt. Der Mensch wird vor dem Menschen enthüllt, indem der Mensch zu gleicher Zeit erkenntnismäßig sein Ewiges ergreift. Und hier sind dann die Punkte, meine sehr verehrten Anwesenden, wo sich erweitert dasjenige, was anthroposophische Geisteswissenschaft ist, zu einem echten Gefühl von wahrer Menschenbedeutung und wahrer Menschenwesenheit.
[ 37 ] Was hat schließlich die moderne Naturwissenschaft gebracht? Gewissenhafte Erforschung der tierischen Reihe, wie sie in Entwicklung steht von den untersten Lebewesen bis hinauf zum vollkommenen dann, dem Menschen, aber nichts über den Menschen, was ihn als eigenes Wesen beschreibt. Er erscheint nur als Schluss der Tierreihe. Wir suchen an ihm auf, was wir am Tier gefunden haben, nur auf einer höheren Stufe, als Schlusspunkt. Wir haben aber gewissermaßen dadurch den Menschen in seiner eigentlichen inneren Wesenheit verloren. Wir stehen vor den Weltengrenzen, wir stehen vor einer neuen Schwelle. Wir überschreiten diese neue Schwelle in der Weise, wie ich es eben geschildert habe. Dasjenige, was die Alten jenseits der Schwelle erkunden wollten, ist unsere heutige allgemeine Menschenbildung; dasjenige aber, was sie aus Instinkt heraus hatten an Welterkenntnis, das müssen wir uns durch ein Überschreiten der Schwelle erringen durch solche geisteswissenschaftlichen Methoden, wie ich sie geschildert habe. Dann wird aber diese geisteswissenschaftliche Methode umgewandelt in das Gefühl wahrer Menschen-Achtung. Wie sie sich umwandelt, diese Geist-Erkenntnis in das Gefühl wahrer Menschenachtung, wie sie sich umwandelt in die Erkenntnis sozialer Impulse, davon werde ich ja des Genaueren zu sprechen haben am 28. des Monats, wo ich für Schul- und Erziehungsfragen und praktische soziale Lebensfragen die Konsequenzen desjenigen ziehen werde, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 38 ] Als ich im Jahre 1912 und im Jahre 1908 schon hier sprechen durfte vor der holländischen Bevölkerung über Fragen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, da konnte ich nur von ihr sprechen als von etwas, was gewissermaßen nach einer neuen Methode zu geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen strebt, die des Menschen Seeleninneres befriedigen sollen. Ich konnte von etwas sprechen, das von einzelnen Menschen gesucht, ausgebildet wird. Seit jener Zeit ist, trotzdem die katastrophalen Ereignisse in die Zwischenzeit hereinfallen, manches gerade auf dem Gebiete der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch an äußerer Entwicklung geschehen.
[ 39 ] Wir haben errichtet in Dornach bei Basel die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum. Das Goetheanum trägt diesen Namen, weil wir uns bewusst sind, dass dasjenige, was bei Goethe elementar als anschauende Urteilskraft, als seine künstlerische und wissenschaftliche Gesinnung auftritt, fortgebildet werden muss, wie ich es heute auseinandergesetzt habe; dann gelangt man zu dem, was wir anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen. Allein trotzdem der Bau noch nicht vollendet ist, haben wir versucht im Herbste des vorigen Jahres bereits, eine ganze Reihe von Hochschulkursen abzuhalten in diesem unvollendeten Goetheanum. Diese Hochschulkurse sind nicht etwa über Geisteswissenschaft im engeren Sinne abgehalten worden, sondern sie wurden gehalten von ungefähr dreißig Persönlichkeiten, von Wissenschaftlern, Fachleuten aus der Wissenschaft auf den gebräuchlichen Gebieten, Fachleuten aus dem Gebiete der Mathematik, der Physik, Chemie, Biologie, Geschichte, der Soziologie, Rechtswissenschaft und so weiter, und so weiter. Aber auch Männer des praktischen Lebens, die im kommerziellen, im industriellen Leben stehen, haben gesprochen. Künstler haben gesprochen über ihre Kunst. Alles das — neben der geisteswissenschaftlichen Durchleuchtung der Philosophie — hat von dreißig Dozenten vorgetragen den Inhalt der Dornacher Hochschulkurse gebildet.
[ 40 ] Was wollten diese Hochschulkurse? Sie wollten zeigen, wie in der Tat alles dasjenige, was modernes Wissenschaftsleben, modernes praktisches Leben ist und was im Grunde den Inhalt der modernen Zivilisation bildet, viele niedergehende Kräfte enthält, die ins Chaos und in den Niedergang hineinführen müssten, wenn sie weiter niedergehend bleiben, und wie diese Niedergangskräfte in Aufgangskräfte verwandelt werden können. Es sollte gezeigt werden, wie Geisteswissenschaft die Wissenschaft, die Lebenspraxis, den Inhalt unseres Zivilisationslebens durchleuchten und neu befruchten kann, so befruchten kann, wie gerade die nach Erkenntnis des Übersinnlichen und nach Durchdringung des sozialen Lebens mit neuen Impulsen sich sehnenden Seelen eben herbeisehnen.
[ 41 ] Es ist also in dieser Zeit zur Ausgestaltung anthroposophischer Geisteswissenschaft manches geschehen, meine sehr verehrten Anwesenden. Ob das Dornacher Goetheanum, diese Hochschule für Geisteswissenschaft, die eingreifen will befruchtend in das moderne Zivilisationsleben, vollendet werden kann, das wird davon abhängen, ob sich auch weiterhin so opferwillige Menschen finden, die für die Fertigstellung sorgen, wie sich eine ganz große Anzahl von Menschen schon zusammengefunden hat, die einsichtig genug waren für die Geisteswissenschaft, wie sie dort gemeint ist, und die sie so weit gebracht haben, wie sie heute ist.
[ 42 ] Diese Geisteswissenschaft hat auch in anderer Weise in das zivilisatorische Leben eingegriffen. Ich werde das Prinzipielle im nächsten Vortrag näher zu besprechen haben und möchte heute nur erwähnen, wie in die Lebenspraxis der Schule eingegriffen worden ist durch die Begründung der Freien Waldorfschule, eine Schöpfung Emil Molts in Stuttgart, für die aber mir die Leitung übertragen wurde der Pädagogik und Didaktik, wie sie aus der Geisteswissenschaft gewonnen wird.
[ 43 ] Und auch in Bezug auf das praktische Leben ist durch praktisch-ökonomische Gründungen in Deutschland und in der Schweiz ein Anfang gemacht worden. Auch davon habe ich das nächste Mal zu sprechen.
[ 44 ] Das aber, was alledem zugrunde liegen muss, das ist die Notwendigkeit eines Umdenkens, eines Umlernens der neueren Menschheit im tiefsten inneren Seelenleben. Denn wir brauchen eine neue Selbsterkenntnis des Menschen, die nur gewonnen werden kann, wenn wir die Schwelle in einer neuen Weise überschreiten lernen, die Schwelle, die uns führt in die übersinnliche Welt hinein so, dass wir das moderne erstarkte Bewusstsein hineintragen können in die Gegenden, die jenseits dieser Schwelle liegen, und zu dem erstarkten Selbstbewusstsein eine neue geisterfüllte Weltanschauung gewinnen können. Das ist die erste zivilisatorische Frage der Gegenwart.
[ 45 ] Die zweite Frage ist diese, die uns entgegentritt überall, wo wir das Leben heute betrachten. Wir können nicht zu einem entsprechenden sozialen Zusammenleben kommen, wenn wir nicht in der Lage sind, den Menschen in seiner Wesenheit zu erkennen, indem er uns gegenübertritt; wenn wir nicht in der Lage sind, die volle innere Bedeutung des Wesens, das über die Erde als Mensch geht, zu achten, zu empfinden, zu würdigen. Wir können als Mensch dem Menschen nur richtig entgegentreten, wenn wir aus Geist-Erkenntnis Menschenverständnis, aus jener Liebe, die in die Erkenntnis hineinstrebt, wahre Menschenliebe gewinnen.
[ 46 ] Und wir können alles das nur religiös vertiefen und künstlerisch ausgestalten, wenn wir kommen aus bloß abstraktem Erkennen, dem Intellektualismus der modernen Zeit, zu einem wahren Geist anschauen, das uns wiederum nicht nur ergreift in Bezug auf den Kopf, sondern als ganzen Menschen; uns als ganzen Menschen hineinträgt in das Leben. Die Wissenschaft, die wir gehabt haben, sie konnte ja nur zeigen eine Welt der Natur, die für sich läuft, die aus Nebelzuständen sich entwickelt hat und den Menschen [hervorbringt] als äußere Gestalt, und die wiederum als Schlacke eines Tages in die Sonne zurückfallen wird. Und auf der andern Seite dasjenige, was in unserem Innern sitzt als Ideale, was in unserem Innern sitzt als moralische Impulse. Aber diese moderne Wissenschaft, wenn sie ganz ehrlich ist, sie kann nicht die Brücke schlagen zwischen innerem Seelenbewusstsein des Menschen und dem äußeren kosmischen Bewusstsein. Indem der Mensch die Geisteswissenschaft in dem hier beschriebenen Sinne erlangt, gewinnt er wieder die Möglichkeit zu sagen: Dasjenige, was ich im sozialen Leben gewinne, hat nicht nur Bedeutung für eine untergehende Menschheit, sondern, indem der Mensch geboren ist aus dem Geiste der Welt, für diesen Weltengeist.
[ 47 ] Menschentaten werden wiederum erkannt werden als kosmische Taten. Dass der Mensch sich selbst erkenne, dass der Mensch den Menschen würdigen lerne, dass er seine Stellung auch in geistiger Beziehung im ganzen Kosmos würdigen lerne, das sind zunächst die großen, mehr dem Erkenntnisgebiete naheliegenden zivilisatorischen Fragen der Gegenwart. Sie weiten sich aus zur Schulfrage, zur ökonomisch-sozialen Frage, zu den juristisch-technischen Fragen des sozialen Lebens, von denen ich mir, als ergänzend die heutige Betrachtung, erlauben werde, am 28. hier zu Ihnen zu sprechen.
[ 48 ] Fragenbeantwortung
[ 49 ] Frage: Sind Gefahren mit dem angegebenen Wege in die geistigen Welten verbunden?
[ 50 ] Dr. Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es muss ja natürlich gesagt werden, dass mit alledem, was der Mensch im Leben unternehmen kann, unter Umständen Gefahren verknüpft sein können und dass es überall die Möglichkeit gibt, Gefahren zu vermeiden, wenn man den richtigen Weg dazu einschlägt. Es ist ja, wie Sie begreifen werden, nicht möglich, in einem kurzen Vortrag mehr zu geben als Andeutungen, und solche Andeutungen konnte ich natürlich auch heute nur geben. Daher konnte ich natürlich auch das Genauere des Erkenntnisweges in die übersinnlichen Welten ja nicht schildern. Hätte ich es tun können, so würden Sie gesehen haben, dass die Sache mit der übersinnlichen Erkenntnis, wie sie hier in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft gemeint ist, das Leben der Seele auf diesem Wege, in einer ganz bestimmten Beziehung steht zu dem, was das Leben der Seele sonst ist. Nicht wahr, wir kennen das gewöhnliche normale Menschenleben, wie es sich im wachen Zustande äußert, indem sich der Mensch seiner Sinne bedient, indem es die Wahrnehmungen der Sinne mit dem Verstand kombiniert, zu Gesetzen der Natur oder der Geschichte oder des sozialen Lebens ausgestaltet und so weiter. Nun ist aber auch eine andere Möglichkeit gegeben, die ist diese, dass das Seelisch-Geistige des Menschen stärker gebunden ist an den Leib, als dies der Fall ist im gewöhnlichen Leben. Es ist ja der materialistischen Theorie nach so, als ob die seelisch-geistigen Erlebnisse nichts anderes wären als ein Ergebnis der physisch-leiblichen Zustände. Man beruft sich, wenn man so etwas nachweisen will, darauf, wie ja in der Tat für die seelisch-geistigen Erlebnisse parallele physisch-körperliche Zustände nachweisbar sind. Allein geisteswissenschaftlich gefasst, und gerade das ist das Wichtige, dass man auf die Einzelheiten der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse eingeht, ist die Anschauung von dem Zusammenhang zwischen geistig-seelischen Erlebnissen und physisch-leiblichen Erlebnissen, wie man sie gewöhnlich gibt, eine durch und durch unrichtige.
[ 51 ] Nehmen Sie einmal an, ich will mich eines Vergleiches bedienen, ich gehe über einen Weg, der etwas aufgeweicht ist, so wird derjenige, der nachgeht, sehen, da sind Spuren auf dem Wege, die rühren von einem Menschen her. Ein anderes Wesen, das die Menschen nicht sehen kann, würde etwa glauben können, diese Spuren auf dem Wege, die wären aus dem Inneren des Weges, aus der Erde heraus bestimmt; die Erde hätte Kräfte, wodurch diese Fußspuren entstehen. Wer also nur nachdenkt über die Konfiguration des Weges, könnte dazu kommen. Derjenige, der das Geistig-Seelische kennengelernt hat, ist nicht verwundert, dass in dem Physisch-Leiblichen zum Beispiel des Nervensystems die Spuren des GeistigSeelischen sind. Sie sind eingedrückt gewissermaßen wie die Spuren in der weichen Erde. Man muss daher alles dasjenige, was geistig-seelisch erlebt wird, im PhysischLeiblichen wiederfinden.
[ 52 ] Dazu ist eine gewisse Unabhängigkeit des GeistigSeelischen vom Physisch-Leiblichen auch schon im normalen Leben vorhanden. In dem krankhaften Leben, in demjenigen, was wir als psychopathisch kennen, das ja in den verschiedensten Formen der Geisteserkrankungen auftritt, stellt sich nun heraus, dass das geistig-seelische Leben stark an das physische Leben gebunden ist, stärker als im normalen Zustand. Das ist immer eigentlich festzuhalten, dass Geisteskrankheiten im Grunde genommen physische Krankheiten sind. Durch Erkrankung des Physisch-Leiblichen fühlt sich das Seelisch-Geistige stärker an ein Organ gebunden, als es sein sollte. In dieser Beziehung wird besonders die Medizin tief befruchtet werden müssen. Ich habe schon im Frühjahr letzten Jahres einen Kursus für Ärzte und Medizinstudierende abgehalten und darin gezeigt, wie gerade die Medizin, besonders die Therapie befruchtet werden kann. Aber es zeigt sich gerade dabei, wenn man die Medizin geisteswissenschaftlich durchforscht, dass man bei Geisteskrankheiten auf die physisch-körperlichen Grundlagen sehen muss. Denn sie bestehen darin, dass der Mensch geistig-seelisch stärker an den Leib gebunden ist als im normalen Zustand. Durch jene Ausbildung, die ich heute besprochen habe, wird der gegenteilige Zustand hervorgerufen, für das geistige Erkennen allerdings, nicht für das normale Leben.
[ 53 ] Der Geistesforscher wird im praktischen Leben voll drinnenstehen. Schläft man gut, ist man tüchtig am Tage im äußeren praktischen Leben; oder ist man ein verrückter Kerl, zu nichts zu gebrauchen, ist man ungeschickt, so ist man auch kein ordentlicher Geistesforscher. Diese Dinge hängen durchaus zusammen. Gerade dadurch, dass unabhängig vom Leiblich-Physischen das GeistigSeelische wird, liegt die Methode, die ich geschildert habe, nach den entgegengesetzten Richtungen von seelischen Erkrankungen. Die seelischen Erkrankungen sind ein Hineinversenken des Geistigen in das Physisch-Leibliche und man kann gerade durch diese Methode, die ich geschildert habe, zu gleicher Zeit das menschliche Leben gesund machen, abgesehen davon, dass sie Erkenntnismethoden sind. Und es ist Verleumdung, dass Gefahren verknüpft seien für das geistige oder physische Leben des Menschen, wenn man diese Methoden befolgt. Das ist nicht der Fall. Es treten nur in der Welt alle möglichen dilettantischen Methoden der Seelenentwicklung auf. Diese sind eigentlich immer verknüpft mit Gefahren, aus dem Grunde, weil sie ja das Geistig-Seelische immer ins Leibliche hineinstoßen, währenddem dasjenige, was hier aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft als der Geistesweg geschildert wird, nicht daran denkt, das Geistig-Seelische mit dem Physisch-Leiblichen irgendwie krankhaft zu verbinden, sondern gerade so zu befreien, dass das Erleben ein so innerlich lichtvolles klares ist, wie das mathematische Erleben ist. Es wird darauf gesehen, dass nichts, was in geisteswissenschaftlicher Methode angestrebt wird, irgendwie mystisch nebulos ist, sondern dass alles durchdrungen ist von voller Klarheit. Es wird deshalb nichts Oberflächlicheres [geben] als die nebulose Mystik, die nur scheinbar tief ist, in Wirklichkeit aber oberflächlich ist. Es wird das, was erstrebt wird, durchaus geistig-spirituell, aber es ist eine Gesundung des Seelenlebens, nicht eine Erkrankung.
