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Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c

20 Februar 1921, Hilversum

2. Die Anthroposophische Geisteswissenschaft und die Grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer über ein Thema spricht wie dasjenige, welches Gegenstand der heutigen Abendbetrachtung werden soll, der muss sich ernsthaft dessen bewusst sein, dass in der Gegenwart zahlreiche Menschenseelen sind, die sich sowohl aus den Erkenntnisströmungen der Gegenwart heraus wie auch aus den praktischen sozialen Richtungen dieser Gegenwart heraus nach einer Neugestaltung der Dinge, nach einer Neugestaltung der Weltanschauung sehnen, Seelen, die fühlen, dass [es sich] in einer gewissen Beziehung mit den Vorstellungen, mit den Empfindungen und auch mit den Willensimpulsen, die aus den letzten Jahrhunderten herauf an die Menschen überkommen sind und in denen wir erzogen sind, nicht mehr ohne Weiteres geistig-seelisch und auch im sozialen Leben fortbestehen lässt.

[ 2 ] Wir haben ja als Menschheit der zivilisierten Welt erlebt auf der einen Seite die großen, die ungeheuren Fortschritte naturwissenschaftlicher Weltanschauung und wir haben erlebt die gewaltigen Ergebnisse dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung auf dem Gebiete der Technik, auf dem Gebiete des praktischen Lebens, die uns gewissermaßen vom Morgen bis zum Abend bei jedem Schritt und Tritt begegnen. Aber wir haben etwas anderes mitbekommen mit den gewaltigen naturwissenschaftlichen Ergebnissen, mit den praktischen Folgen dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnisse im sozialen Leben. Der Mensch kann heute — und das ist ja bei jedem Gebiet der Fall, wenn er durch seine gewöhnliche Lektüre, durch das alltägliche Leben, durch alles dasjenige, was uns sonst mit dem Dasein zusammenführt, wenn er in sich einfließen lässt fortwährend vom Morgen bis zum Abend in der einen oder anderen Form die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse —, er kann dann nicht anders, als diejenigen Fragen, die die ewigen Fragen der Menschenseele und des Menschengeistes sind, die Fragen nach dem unsterblichen Wesen der Menschenseele, nach dem Sinn der ganzen Welt, nach dem Sinn des menschlichen Tuns selber; er kann dann nicht anders, als diese Fragen, deren Beantwortung ihm früher geworden ist durch die religiösen Bekenntnisse, er kann nicht anders — wenn er selbst noch so sehr heute den religiösen Bekenntnissen ergeben ist wenn er aufnimmt die moderne Bildung —, als dasjenige, was über diese Fragen seine Seele denkt und empfindet, was die Impulse seines Handelns sind, anzuknüpfen an dasjenige, was die Wissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten sagt, die ja in dieser Weise zu den Menschen früherer Jahrhunderte nicht gesprochen hat. Und er kann nicht anders, dieser moderne Mensch, als, indem er drinnensteht in dem kompliziert gewordenen Leben, dessen Ton ganz und gar abhängt von der modernen Technik, in das er eingespannt ist durch diese moderne Technik, er kann nicht anders als hinsehen, wie sein Leben abhängig ist von dieser Technik. Und er kann nicht anders als sich sagen: Im Grunde genommen sind die Menschen ganz anders geworden als in den alten, einfacheren Verhältnissen über die ganze zivilisierte Welt hin. Und er muss dann es durchaus gewahr werden, er muss es verspüren, dass auch in dieser sozialen Beziehung, in Beziehung auf das Zusammenleben der Menschen untereinander, heute mancherlei als Frage zu lösen ist.

[ 3 ] Ja, wir können in einer gewissen Beziehung sogar das Folgende sagen; wir können sagen: Naturwissenschaftliche Erkenntnis nötigt uns, mit ihr zu rechnen. Die praktischen technischen Ergebnisse, die unser modernes Leben gebracht haben, sie nötigen uns, mit ihnen zu leben. Aber beides gibt uns für die großen Fragen des Menschheitsdaseins nicht eigentlich Antwort, sondern es wirft im Grunde genommen neue Fragen auf. Denn derjenige, der sich mit unbefangenem Sinn gerade in alles dasjenige vertieft, was in so großer, bedeutsamer Weise Naturwissenschaft zu sagen hat über den Menschen, seine Organisation, seine Lebensform auf der Erde und so weiter, derjenige, der sich mit alldem befasst, der sich so recht vertieft in diese Dinge, der erhält dadurch nicht Antworten über das Ewige der Menschennatur, über den Sinn der Welt und des Daseins, er erhält im Gegenteil tiefere, bedeutungsvollere Fragen. Und er muss sich sagen: Woher nun die Antworten auf diese, durch das neuere Leben tiefer und drängender gewordenen Fragen? Denn von der Erkenntnisseite her haben wir eigentlich nicht Lösungen der großen Weltenrätsel durch die naturwissenschaftlichen Errungenschaften erhalten, sondern neue Fragen, neue Rätsel.

[ 4 ] Und durch das praktische Leben? Nun ja, in dieses praktische soziale Leben, in dasselbe sind uns hineingestellt worden die Mittel unserer gewaltigen, ausgedehnten Industrie, die Mittel unseres weitausgedehnten Weltverkehrs und so weiter. Aber gerade dieses praktische Leben gibt uns ethische, sittliche, geistige Fragen auf über den Verkehr der Menschen untereinander. Und gerade das, was uns da als Rätsel aufgegeben wird über den Verkehr der Menschen untereinander, das ist es ja, was als soziale Frage heute die Gemüter bewegt, was in einer oftmals erschreckenden Weise vor den ernst denkenden und das Leben ernst nehmenden Menschen hintritt. So ist es auch die praktische Seite des Lebens, die wiederum Rätsel dem Menschen aufgibt.

[ 5 ] Diesen von zwei Seiten an die Menschenseele heranstoßenden Rätselfragen stellt sich nun dasjenige, was hier von dem Sprechenden «anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft» genannt wird, gegenüber. Sie will ihrerseits zunächst von Erkenntnisgrundlagen aus und dann auch von den Grundlagen des praktischen Lebens aus diejenigen Quellen des menschlichen Wesens suchen, welche führen können wenigstens zu einer teilweisen Lösung dieser Rätselfrage; zu jener Lösung dieser Rätselfragen, die dem Menschen möglich, aber auch notwendig ist; notwendig aus dem Grunde, weil es ja durchaus für den Unbefangenen sichtbarlich ist, dass, wenn das Leben in der Weise weitergeht, wenn die Seelen in der Weise den drängenden Fragen gegenüberstehen und innerlich veröden, wenn weiterhin nicht neue Impulse für das soziale Leben gefunden werden aus den Tiefen der Menschenseele heraus, wir als Menschheit in den Niedergang hineingehen würden, dass wir nicht zu einem Aufstieg kommen könnten in Bezug auf die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart.

[ 6 ] Dasjenige, was anstrebt anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, das ist nun nicht etwa gegen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gerichtet. Alles dasjenige, was gegen diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die der Menschheit so viel Gutes gebracht haben, gerichtet wäre, es wäre durchaus dilettantisch, es wäre durchaus zur Oberflächlichkeit verurteilt. Aber gerade weil anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in völligem Ernste sich dem hingibt, was Naturwissenschaft wirklich an Früchten gebracht hat der modernen Menschheit, gerade deshalb kommt sie zu anderen Ergebnissen als diejenigen sind, welche erreicht werden heute noch von den überall im gewöhnlichen Leben betriebenen wissenschaftlichen Untersuchungen oder dergleichen.

[ 7 ] Denselben Weg geht man auf dem Gebiete anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, allein man setzt diesen Weg in einer gewissen Weise fort. Und ich möchte, um zu veranschaulichen, um verständlich zu machen, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu den naturwissenschaftlichen Forschungen steht, einen Vergleich gebrauchen. Ich gebrauche ihn wahrhaftig nicht, um in unbescheidener Weise dasjenige, was Anthroposophie bisher erreichen konnte, an ein welthistorisches Ereignis anzuheften und es etwa mit diesem gar ähnlich erklären zu wollen. Es soll nur ein Vergleich sein, und ich kann es durchaus denjenigen, die durchaus spotten wollen, überlassen, ob sie auch über einen solchen Vergleich spotten. Es war Kolumbus, als er seine Fahrt über den Ozean unternahm, durchaus nicht klar, wohin er kommen würde. Dazumal stand man dem Weltverkehrsproblem, das dann durch Kolumbus in die Zivilisation hereingekommen ist, entweder so gegenüber, dass man sich nicht kümmerte um das große Unbekannte, das drüben über dem Meere ist, dass man blieb bei demjenigen, was man schon als heimischen Wohnplatz hatte; oder aber man stand ihm so gegenüber, da man sich hinauswagte auf das weite Weltenmeer, wie Kolumbus und die Seinen, aber auch dann hoffte man noch nicht, dass man ein Amerika oder dergleichen entdecken würde. Man wollte nur einen anderen Weg nach Indien finden, von der anderen Seite. Dasjenige wollte man erreichen, was eigentlich schon bekannt war. So, möchte ich sagen, wie es dann Kolumbus gegangen ist, der von der anderen Seite ein schon Bekanntes erreichen wollte, dann aber auf dem Wege ein ganz anderes fand, ein Neues fand, so geht es dem Geisteswissenschaftler, der sich in ernster Weise auf die naturwissenschaftlichen Untersuchungen einlässt. Gewöhnlich bleiben die Leute bei diesem Einlassen auf die naturwissenschaftlichen Untersuchungen daheim bei dem, was sie schon haben, bei der Beobachtung der Sinnenerscheinungen, der verstandesmäßigen Kombination desjenigen, was die Sinnenerscheinungen darbieten. Oder, wenn man sich bewaffnet mit den Instrumenten, den Werkzeugen, welche der Beobachtung dann weiter dienen, mit dem Teleskop, dem Mikroskop, dem Spektroskop, dem Röntgenapparat, und sich dann bewaffnet mit der gewissenhaften, ausgezeichneten Denkmethode der neueren Wissenschaften — wenn man sich mit alledem hinauswagt auf das Meer des Forschens, so will man auf der anderen Seite doch nur ein Bekanntes finden, was zwar ähnlich ist, aber doch eben ähnlich ist dem, was man schon hat: Atome, Moleküle mit komplizierten Bewegungen, eine Welt also hinter dem Teppich, der als Sinneswelt ausgebreitet ist; eine Welt, die man zwar als kleine Bewegungen schildert, kleine Körperchen und dergleichen, aber die doch im Grunde genommen ähnlich ist demjenigen, was man schon hier hat und mit Augen sieht, mit Händen berührt und dergleichen. Denn das ist dasjenige, was dann zugrunde liegt dieser übersinnlichen Welt der Naturforscher.

[ 8 ] Derjenige aber, der durch anthroposophische Geisteswissenschaft ganz mit demselben Ernste, aber nur weitergehend auf dieses Meer der Forschung sich begibt, der kommt zu etwas anderem. Er trifft auf dem Wege nicht das Altbekannte der Atome und Moleküle, sondern indem er sich bewusst wird dessen: Was tust du denn eigentlich, indem du über die Natur in der Weise nachforschest, wie es die neueren Jahrhunderte gemacht haben? Was geht in dir vor während des Forschens? Was vollzieht deine Seele auf der Sternwarte, in der Klinik forschend? Deine Seele — so sagt sich der, der etwas Selbstbeobachtung verbindet mit dem, was er da tut —, deine Seele arbeitet durchaus geistig, sie arbeitet aber, indem sie versucht, die Entwicklung der Tiere bis hinauf zum Menschen zu erforschen, indem sie versucht, in den Gang der Sterne einzudringen, in einer Weise, wie die Menschen früher nicht gearbeitet haben. Aber allerdings, die Menschheit beobachtete das eigentlich dann nicht immer so. Sie sagte sich nicht immer: Indem ich die Natur erforsche, ist es in mir der Geist, die Seele, die eigentlich in mir arbeitet, und ich muss diesen Geist, diese Seele erkennen.

[ 9 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als ihre Ergebnisse hinstellt, es ist eigentlich gewonnen auf dem Wege nach dem Naturforschen. Es ist gewonnen, wie gefunden worden ist als ein Unbekanntes Amerika von Kolumbus. Dasjenige aber, was da vollzogen wird, was als Geist, als Seele bewusst wird in dem wahrhaft Forschenden, das kann man dann weiter ausbilden, weiter entwickeln. Dadurch erlangt man eine wirkliche Erkenntnis desjenigen, was Geist ist in der Menschenseele. Und die Methoden, das auszubilden, was ich eben angedeutet habe, was durchaus tätig ist in der Menschenseele beim modernen Naturforscher, diese Methoden, das zu entwickeln, das ist ja die Aufgabe der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Da muss aber allerdings für diese Geisteswissenschaft ein ganz bestimmter Ausgangspunkt gewählt werden. Man muss ausgehen von dem, was man nennen könnte «intellektuelle Bescheidenheit».

[ 10 ] Ja, diese intellektuelle Bescheidenheit muss man in einem solchen Grade haben, dass der Vergleich, den ich nun gebrauchen will eben nur als einen Vergleich, durchaus berechtigt ist. Man muss sich sagen: Man gebe ja zum Beispiel einem fünfjährigem Kinde einen Band Shakespeare in die Hand, was wird das Kind damit machen? Es wird ihn zerreißen oder in anderer Weise mit ihm spielen. Ist das Kind in seiner Lebensentwicklung um zehn bis fünfzehn Jahre weiter geschritten, so wird es den Band Shakespeare nicht mehr zerreißen, sondern es wird das damit tun, was dem Bande Shakespeare angemessen ist. Das Kind hatte gewisse Fähigkeiten schon als fünfjähriges Kind in seiner Seele, die konnten aus dieser Seele herausgeholt, entwickelt werden, und durch die Entwicklung dieser Fähigkeiten ist tatsächlich das Kind ein anderes geworden, als es früher war. Ist man imstande, aufzubringen als erwachsener Mensch — als ein Mensch, der schon die gewöhnliche Entwicklung des alltäglichen Lebens, der gewöhnlichen Wissenschaft erreicht hat — die intellektuelle Bescheidenheit, sich zu sagen: Gegenüber den Geheimnissen der Natur bin ich im Grunde doch in der Lage wie das fünfjährige Kind gegenüber dem Bande Shakespeare. In mir liegen ja wohl noch Fähigkeiten, die verborgen sind, die ich herausholen kann, die ich herausentwickeln, herausentfalten kann aus meiner Seele, und ich muss mein Seelenleben durch Selbsterziehung weiterbringen, dann werde ich in einer ähnlichen Weise neu der ganzen Natur gegenübertreten können, wie das Kind neu, gegenüber seinem fünfjährigen Zustande, dem Bande Shakespeare gegenübertritt, wenn es fünfzehn, zwanzig Jahre alt geworden ist. Und von den Methoden habe ich Ihnen zu sprechen, durch die solche in jeder menschlichen Seele liegenden Kräfte herausentwickelt werden können aus dieser Menschenseele. Denn durch Entwicklung dieser Methoden erlangen wir in der Tat eine ganz neue Einsicht in die Natur und in das Menschendasein. Diese Methoden, die ahnt in einer gewissen Weise die moderne, suchende Menschenseele, aber über diese Ahnungen hinaus kommt man in weitesten Kreisen bis jetzt nicht.

[ 11 ] Sehen Sie, es ist doch so, dass unter uns schon viele Menschen leben, die sich sagen: Wenn wir zurückblicken in alte Zeiten oder wenn wir hinüberblicken zum Beispiel in den Orient, wo sich noch die Überreste, allerdings die dekadenten Überreste einer alten Menschenweisheit erhalten haben, da ist noch etwas von dem, wo die Erkenntnis, dasjenige, was man Wissenschaft nennt, zu gleicher Zeit einen religiösen Charakter annimmt, wo man die Menschenseele über die Welt und das eigene Dasein zu einer gewissen Befriedigung bringen kann. Und weil man solches sieht, weil auch die äußere anthropologische Wissenschaft Erkenntnisse sehr tiefer Natur über alte menschliche Weltanschauungen heraufgefördert hat innerhalb unseres zivilisierten Lebens, deshalb sehnen sich viele Menschen zurück nach jenen früheren Seelenzuständen. Sie möchten alte Weisheit wieder lebendig machen, möchten das, was sich von solcher alten Weisheit im Orient drüben erhalten hat, nach dem Ausspruch «Ex Oriente Lux» in unserm Abendland verbreiten. Solche Menschen, die sich sehnen nach einer Erkenntnis, die nicht die unseres Zeitalters ist, die verstehen nicht den Sinn der Menschheitsentwicklung. Denn jedes Zeitalter hat für die Menschheit in Bezug auf alle Gebiete des Lebens seine besonderen Aufgaben. Wir können nicht heute unsere Seelen erfüllen mit demjenigen, womit unsere Vorfahren vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden als mit ihren Weisheitsschätzen ihre Seelen erfüllt haben. Aber orientieren können wir uns in einer gewissen Weise, wie sie es gemacht haben, diese Vorfahren, und dann können wir auf unsere Art einen Weg suchen wiederum in das Übersinnliche hinein. Denn die Menschenseele ahnt wohl, dass sie in den Tiefen ihres Wesens zusammenhängt nicht etwa mit der sinnlichen Natur, mit der der Leib zusammenhängt, sondern mit einer übersinnlichen Natur, mit der eben das Ewige der Seele und die ewige Bestimmung dieser Seele zusammenhängen.

[ 12 ] Nun hatten unsere Voreltern in früheren Jahrhunderten oder Jahrtausenden eine ganz bestimmte Anschauung über das Verhältnis des Menschen zu jener Welt, der der Mensch außerhalb von Geburt und Tod angehört. Es waren ganz bestimmte Vorstellungen, die die Seele mit tiefen Empfindungen und Gefühlen erfüllten, die sich knüpften an das Betreten dieses Weges in die übersinnliche Welt, zu übersinnlichen Erkenntnissen hinüber. Und namentlich eine Vorstellung ist es, die mit Schauern erfüllte denjenigen, der die in ihrer ganzen Tiefe aus alten Zeiten herauftönen hört, es ist die Vorstellung von dem Hüter der Schwelle, von der Schwelle, die man überschreiten muss, wenn man von der gewöhnlichen Erkenntnis, die uns führt im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, zur eigentlichen Geistes- und Seelenerkenntnis aufsteigen will. Die Menschen empfanden in alten Zeiten: Da ist ein Abgrund zwischen dem, was gewöhnliche Erkenntnis ist, und dem, was eigentliche Aufschlüsse gibt über das Wesen der Seele. Und es war diesen Menschen eine ganz reale Empfindung, dass etwas dastand an dieser Schwelle, ein Wesen nicht menschlicher Art, ein Wesen geistiger Art, das sie behütete, diese Schwelle zu überschreiten, bevor sie genügend vorbereitet waren. Die Leiter der alten Weisheitsschulen, die man wohl auch Mysterien nennt, sie ließen niemand über diese Schwelle kommen, den sie nicht erst, namentlich durch eine gewisse Willenszucht, gehörig vorbereitet hatten. Warum das so war, das können wir uns an einem sehr einfachen Beispiel klarmachen.

[ 13 ] Wir sind heute als Menschen recht stolz darauf, dass wir seit Jahrhunderten eine andere äußerliche Weltanschauung haben in Bezug auf unser Planetensystem und die übrige Sternenwelt, als sie das Mittelalter, als sie nach unserer Ansicht das Altertum hatte. Wir sind stolz auf die kopernikanische Weltanschauung, und das von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht. Wir sagen: Wir haben die heliozentrische Weltanschauung gegenüber der geozentrischen Weltanschauung des Mittelalters und des Altertums, wo man sich vorstellte, dass die Erde ruhe, dass die Sonne mit den Sternen sich um die Erde bewege. Wir wissen heute, wie die Erde mit einer riesigen Geschwindigkeit um die Sonne kreist, und berechnen dann aus den Beobachtungen, die sich im Zusammenhang damit ergeben, dasjenige, was wir dann als Weltbild über unser Sonnen- oder Planetensystem haben. Und wir sehen zurück auf das Mittelalter und wissen, dass dieses ein Weltbild hatte, das in einer gewissen Weise kindlich im Verhältnis zu diesem heliozentrischen System genannt werden kann. Aber wenn wir weiter zurückgehen, zum Beispiel sogar bis einige Jahrhunderte vor der Geburt Christi, so finden wir, dass im alten Griechenland, zum Beispiel bei Aristarch von Samos, ein heliozentrisches Weltbild gegeben worden ist; Plutarch berichtet uns darüber. Dieses Weltbild des Aristarch von Samos unterscheidet sich in den Hauptzügen durchaus nicht von dem, was heute jeder in den untersten Schulen schon als das Richtige lernt. Dazumal aber [hat] Aristarch von Samos das nur in weiteren Kreisen verraten, sonst wurde es nur gelehrt in den engeren Kreisen der Mysterien. Es wurde nur an die Menschen herangebracht, die erst durch die Führer der Weisheitsschulen vorbereitet waren. Man sagte: Der Mensch mit seinem gewöhnlichen Bewusstsein, er ist nicht geeignet, ein solches Weltbild zu erhalten, zwischen ihm und diesem Weltbild muss die Schwelle in die geistige Welt aufgerichtet werden; er muss behütet werden durch den Hüter der Schwelle davor, unvorbereitet so etwas zu erfahren wie das heliozentrische System oder auch vieles andere, was heute bei uns wiederum alle Gebildeten haben, was aber den Alten vorenthalten worden ist, wenn sie nicht genügend vorbereitet waren.

[ 14 ] Warum enthielt man dazumal den Menschen diese Dinge vor? Nun, unsere geschichtlichen Erkenntnisse reichen gewöhnlich nicht bis in die Tiefen der menschlichen Seelenentwicklung hinein. In dieser Geschichtswissenschaft, die heute gang und gäbe ist, erklärt man den Menschen nicht, wie die Seelen der Menschen in ihrer Verfassung sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende verändert haben. In der griechischen, in der römischen Zeit selbst, und in der ersten Zeit des Mittelalters noch waren die Seelen der Menschen in einer ganz anderen Verfassung als heute. Die Menschen hatten aus ihren Instinkten, aus ganz unbestimmten, halb träumerischen Seelenzuständen heraus, ein Weltbewusstsein, eine Welterkenntnis. Diese Weltkenntnis, wir können heute uns keinen Begriff davon machen. Wenn wir nach der damaligen Zeit naturwissenschaftlich zu nennende Werke in die Hand nehmen — man mag darüber denken wie man will, man mag sie abergläubisch nennen, man hat damit in Bezug auf die heutige Bildung durchaus recht, aber der eigentümliche Charakter dieser Werke war der, dass die Menschen nirgends so trocken und nüchtern, so geistleer die Mineralien, die Pflanzen und Tiere, die Flüsse und Wolken angesehen haben und die Sterne aufund untergehen sahen, ohne dass sie zu gleicher Zeit den Geist in der Natur wahrnahmen. In jedem Stein nahmen sie Geistig-Seelisches wahr, in jeder Pflanze, in jedem Tier, in dem Gang der Wolken, in der ganzen Natur. Der Mensch fühlte in sich das Geistig-Seelische und das, was er in sich fühlte, das war ihm auch ausgebreitet in der äußeren Welt. Er fühlte sich noch nicht so getrennt von der äußeren Welt, wie der Mensch sich heute fühlt. Dafür aber war auch sein Selbstbewusstsein ein schwächeres. Und man musste sich mit Recht sagen in den alten Zeiten der Menschheitsentwicklung: Wenn man dem Menschen etwas mitteilte von der Art, wie es das heliozentrische System ist, wie es den Weisen mitgeteilt worden ist, wenn man ihm mitteilen würde: Die Erde kreist mit riesiger Geschwindigkeit durch den Weltenraum, er würde einer seelischen Ohnmacht verfallen.

[ 15 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eine historische Wahrheit. Es ist ebenso eine historische Wahrheit wie die historischen Wahrheiten, die wir in der Schule lernen über Alkibiades und den Peloponnesischen und die persischen Kriege. Aber es ist eine Wahrheit, die wir gewöhnlich nicht lernen, dass die griechische Seele anders beschaffen war als die heutige Menschenseele. Sie war dumpfer in Bezug auf die Kräfte des inneren Selbstbewusstseins. Die weisen Leiter der Mysterien hätten mit Recht fürchten müssen, dass diese Seelen — wenn sie unvorbereitet hineingeführt worden wären in die übersinnlichen Erkenntnisse, ja nur in diejenigen Erkenntnisse, die heute Gemeingut aller Gebildeten sind —, dass diese Seelen in geistige Ohnmacht verfallen wären. Deshalb, sagte man, müssen die Seelen der Menschen erst durch eine Willenszucht stark und mutvoll gemacht werden, damit sie es aushalten können, wenn ihr Selbstbewusstsein in eine ganz andere Welt als die gewöhnliche geführt wird. Und die Seelen müssen furchtlos gemacht werden gegenüber dem Unbekannten, in das sie eintreten sollten. Furchtlosigkeit vor dem Unbekannten, ein mutvolles Erfassen desjenigen, wobei man ja nach der Anschauung der Alten wortwörtlich den Boden unter den Füßen verliert — denn wenn man nicht mehr auf der ruhenden Erde steht, so verliert man ja den Boden unter den Füßen —, mutvolle Seelenverfassung und Furchtlosigkeit und manche anderen Eigenschaften waren es, durch welche die Schüler der Weisheitsschulen vorbereitet wurden, um den Abgrund zu überschreiten in die geistige, übersinnliche Welt hinein.

[ 16 ] Und was lernten sie dann? Sie lernten — und das ist das Überraschende, das Paradoxe —, sie lernten dasjenige, was wir [alle] heute in der Elementarschule lernen, was uns als eine Erkenntnis eigen ist, die allen Gebildeten zukommt. Das war dasjenige, wovor sich die Alten eigentlich fürchteten, zu dem sie erst mutvoll erzogen werden mussten. So hat sich die Menschenseele im Laufe der Jahrhunderte entwickelt, dass sie jetzt in einer ganz anderen Verfassung ist; dass dasjenige, was erst nach schwerer Vorbereitung den Alten gegeben werden konnte, uns heute in der Elementarschule schon gegeben wird. Wir stehen im Grunde genommen durchaus jenseits der Schwelle, welche die Alten erst nach langer Vorbereitung betreten durften. Aber wir haben auch die Folgen dieser Überschreitung der Schwelle zu tragen. Wir stehen bei dem, vor dem sich die Alten fürchteten, wozu sie erst sich Mut anerziehen mussten; aber wir haben auch etwas verloren. Was wir verloren haben innerhalb unserer modernen Zivilisation, das sagen uns auf der einen Seite diejenigen, die gerade als die ernsten Forscher unserer Gegenwartswissenschaft sich ergehen über dasjenige, was wir nicht wissen können. Und warum das so ist, das müssen sich im Grunde genommen wiederum diejenigen sagen, die nun aus ernster Geisteswissenschaft heraus sich solchen Tatsachen, wie ich sie Ihnen eben geschildert habe, gegenüberstellen.

[ 17 ] Wir haben seit der Zeit, dass Galilei, Kopernikus, Kepler aufgetreten sind, ein ganz anderes Selbstbewusstsein erlangt. Wir sind fortgeschritten zum abstrakten Denken. Die Intellektualität entwickeln wir in einer so starken Weise, wie die Alten sie nicht entwickelt haben in ihrem dumpfen Bewusstsein. Daher haben wir ein so starkes Selbstbewusstsein, dass wir uns hineinstellen können in die Welt, in die die Alten erst nach Vorbereitung sich hineinstellen konnten. Aber wir gelangen in diese Welt, das zeigen gerade die unbefangensten Forscher, die von Ignorabimus, von Erkenntnisgrenzen sprechen und so weiter, indem wir zwar ein stark entwickeltes Selbstbewusstsein haben, ein durch das Denken, durch die Intellektualität, die die Alten nicht hatten, stark entwickeltes Selbstbewusstsein, aber uns fehlt der Zusammenhang mit den tieferen Gründen der Welt in diesem starken Selbstbewusstsein. Wir haben ein Pochen auf uns selbst erlangt, eine Verstärkung des Selbstbewusstseins; aber Welterkenntnis, die haben wir verloren. Nicht mehr gewinnen wir aus dem Instinkt einen solchen Zusammenhang wie ihn die Menschen noch im zehnten, zwölften Jahrhundert erlangen konnten. Wir müssen daher von einer neuen Schwelle in die geistige Welt reden. Wir müssen durch unser verstärktes Selbstbewusstsein wiederum etwas entwickeln, was uns nun in die geistige, in die übersinnliche Welt hineinführt, in die wir nicht instinktiv hineinkönnen wie [noch] die Alten. Wie die Alten entwickelt haben durch Selbstzucht die Verstärkung des Selbstbewusstseins, um es aushalten zu können in der Welt, in die wir unvorbereitet hereinkommen, so müssen wir wieder vorbereiten zu etwas anderem. Wir müssen uns ebenso vorbereiten, dass wir die in unserer Seele schlummernden Kräfte, auf die wir aufmerksam werden durch die intellektuelle Bescheidenheit, in uns entwickeln.

[ 18 ] Sehen Sie, man geht dabei hauptsächlich von zwei ganz bekannten Kräften in der Menschenseele aus, nicht von irgendwelchen obskuren Dingen oder dergleichen in der Menschenseele. In ernster Geisteswissenschaft geht man aus von zwei Kräften, die im menschlichen Leben unbedingt notwendig sind, aber man entwickelt sie weiter. Man sagt sich: Sie sind im gewöhnlichen Leben nur im Anfang ihrer Entwicklung, man setzt diese Entwicklung durch eigene Arbeit an sich selbst fort. Die eine Kraft, die so weiter entwickelt wird, ist das, was man menschliche Erinnerungsfähigkeit nennt. Durch diese Erinnerungsfähigkeit sind wir ja eigentlich ein Ich. Durch diese Erinnerungsfähigkeit haben wir das gewöhnliche Selbstbewusstsein. Wir blicken zurück bis zu einem gewissen Jahr in unserer Kindheit, und da tauchen auf in Erinnerungsbildern die Erlebnisse, die wir gehabt haben, mehr oder weniger verblasst und abgeschattet, aber sie treten auf. Und wir wissen ja aus der gewöhnlichen medizinischen Literatur — jeder kann sich überzeugen, dass das so ist —, wir wissen, was es bedeutet, wenn ein Gebiet unseres Lebens ausgelöscht ist, wenn wir uns nicht erinnern können an irgendetwas in dem Fortgange unseres Lebens. Wir sind dann seelisch krank. Es gehört eine solche Krankheit zu den schwersten seelisch-geistigen Erkrankungen. Aber dieses Erinnerungsvermögen, das so notwendig ist für das gewöhnliche Leben, es ist in diesem gewöhnlichen Leben durchaus an den Körper, an den Leib des Menschen gebunden, das fühlt ein jeder. Und diejenigen, die mehr materialistisch gesinnt sind, die weisen darauf hin, wie sich diese Abhängigkeit zeigt, wie gewisse Organe oder Organglieder nur verletzt zu sein brauchen, und das Gedächtnis wird ebenfalls verletzt, unterbrochen, zerstört. Diese Erinnerungsfähigkeit kann aber der Ausgangspunkt werden, um eine neue, höhere Seelenkraft aus ihm herauszuentwickeln, und das geschieht in der Weise, wie ich es dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Schriften. Ich habe da gezeigt, wie man durch dasjenige, was ich Meditation, was ich im technischen Sinne Konzentration auf gewisse Gedankenwelten, Empfindungswelten, Welten der Willensimpulse nenne, das Erinnerungsvermögen zu etwas Höherem ausbilden kann.

[ 19 ] Was ist denn das Eigentümliche der Erinnerungsvorstellungen? Sonst bilden wir uns unsere Vorstellungen, unsere Gedanken an der Außenwelt, sie huschen vorüber, wie die Außenwelt an uns vorüberhuscht. Durch die Erinnerung machen wir dauernd das, was wir erlebt haben. Nach Jahren noch können wir aus den untersten Quellen heraufholen, was wir erlebt haben. Dauernd werden die Vorstellungen in uns durch die Erinnerung. Das benutzen wir in der Meditation, in der Konzentration, wenn wir Geistesforscher werden wollen. Wir bilden uns — oder wir lassen uns raten von denjenigen, die in diesen Dingen Bescheid wissen — leicht überschaubare Vorstellungen; solche Vorstellungen, die nicht aus dem Unterbewussten kommen können, die auch nicht Reminiszenzen des Lebens sein können, Vorstellungen, die wir so genau überschauen können, wie wir mathematische oder geometrische Vorstellungen überschauen können. Dann ruhen wir mit der Seele auf diesen Vorstellungen. Die Ausbildung dieser Methoden ist wahrhaftig nicht leichter als das klinische Forschen, das Forschen im physikalischen oder chemischen Institut oder auf der Sternwarte. Es ist allerdings eine innere Arbeit der Seele, aber durchaus ein ernstes Arbeiten dieser Seele. Es kann jahrelang dauern, bei manchen kann es auch kürzere Zeit dauern, je nachdem eben das innere Schicksal des Menschen es gibt, aber immer dauert es einige Zeit, bis dieses immer wieder und wieder hervorgerufene Ruhen auf bestimmten Vorstellungen zu etwas führen kann. Es darf das übrige Leben selbstverständlich nicht gestört werden durch diese Übungen; man bleibt ein vernünftiger, ein tüchtiger Mensch, denn diese Übungen nehmen nur kurze Zeit in Anspruch. Sie müssen aber lange Zeit durchgehalten werden, dann werden sie dasjenige, was man nennen kann eine höhere Gestaltung der Erinnerungskraft. Wir gewahren dann etwas in unserer Seele, was so lebt wie die Gedanken an die Erlebnisse, die wir durchgemacht haben. Nur wissen wir, dass dasjenige, was jetzt in unserer Seele lebt, sich nicht auf etwas bezieht, was wir durchgemacht haben im Leben seit der Geburt; sondern so, wie wir sonst die Bilder haben solcher Erlebnisse, so haben wir jetzt andere Bilder. Ich nannte sie in meinen Schriften «Imaginationen». Wir haben Bilder, so lebhaft wie die Erinnerungsbilder, aber nicht anknüpfend an das, was wir so im gewöhnlichen Leben durchgemacht haben, sondern wir werden gewahr: Diese Imaginationen beziehen sich nicht auf etwas, was wir im gewöhnlichen Leben durchgemacht haben, sondern auf etwas, was außerhalb unser, in der geistigen Welt ist.

[ 20 ] Und wir lernen erkennen, was es heißt, außerhalb des menschlichen Leibes zu leben. Mit dem Erinnerungsvermögen haften wir an unserem Leibe. Mit diesem entwickelten, ausgebildeten Erinnerungsvermögen haften wir nicht mehr am Leibe, und es tritt jetzt etwas ein, was wir ähnlich und doch wiederum ganz verschieden nennen können von demjenigen Zustande, den der Mensch durchmacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Da ist er gewöhnlich unbewusst, da ist ausgelöscht das Bewusstsein, in dieser Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, weil der Mensch nicht mit Augen sieht oder mit den Ohren hört. In diesem Zustand ist man, wenn man das entwickelte Erinnerungsvermögen gebraucht. Man nimmt nicht wahr mit Augen und Ohren, man nimmt nicht einmal wahr die Wärme in seiner Umgebung, aber man lebt nicht unbewusst wie im Schlafe, sondern man lebt in einer Welt der Vorstellungen, in einer Welt der Wahrnehmungen. Man nimmt jetzt eine geistige Welt wahr. Es ist wirklich so, als wenn der Mensch anfinge, einzuschlafen, aber nicht in die Dumpfheit des Unbewusstseins hinüberginge, sondern in eine andere Welt. Diese andere Welt nimmt man durch das entwickelte Erinnerungsvermögen wahr. Und man lernt jetzt erkennen als erste Anschauung dasjenige, was ich nennen möchte das «Erinnerungstableau», aber das entwickelte Erinnerungstableau an dieses Leben bis zur Geburt hin. Das ist gewissermaßen die erste übersinnliche Wahrnehmung.

[ 21 ] Sonst hat man Erinnerungen an sein Leben, man lässt Bilder aufsteigen, Erinnerungsbilder, aus dem Strome des Lebens. So ist es dann nicht, wenn man durch dieses übersinnlich entwickelte Erinnerungsvermögen hinblickt auf das Leben. Da gliedert sich zusammen zu einem in einem Augenblick — wie etwas Räumliches — überschaubaren Bilde der ganze Strom des Lebens. Was sonst nur als in der Zeit verlaufend in einzelnen Erinnerungsfragmenten auftaucht, das wird zum zusammenhängenden Strom, wenn wir zu dieser Unabhängigkeit von unserem Leibe kommen. Dann entwickelt sich — wenn wir uns einmal daran gewöhnt haben, unabhängig vom Leibe vorzustellen, so wie der Schlafende vorstellen würde, wenn er das könnte — dasjenige, was man nennen kann ein wirkliches Anschauen desjenigen, was Einschlafen, was Aufwachen ist, was Schlafen überhaupt ist. Man lernt erkennen, wie dasjenige, was geistig-seelisch im Menschen ist, wirklich sich herausbegibt — nicht räumlich, aber dynamisch, aber es ist doch richtig gesprochen —, wie es gewöhnlich unbewusst bleibt, wie der Mensch aber sein Bewusstsein entwickeln kann außerhalb des Leibes und wie das Bewusstsein darin besteht, dass das Geistig-Seelische in den Leib wieder untertaucht. Und wenn man das entwickelt hat, dann kann man aufsteigen allmählich zu weiteren Vorstellungen.

[ 22 ] Wenn man sich eine Vorstellung machen kann, was der Mensch schlafend ist als lebendige geistig-seelische Wesenheit, dann kommt man auch dazu, wenn man immer weiter und weiter arbeitet mit seinem in der geschilderten Weise entwickelten Erinnerungsvermögen, das GeistigSeelische zu erkennen, wie es gelebt hat in einer rein geistigen Welt, bevor es durch die Geburt oder Empfängnis heruntergestiegen ist in die physische Welt. Man lernt namentlich unterscheiden: Der schlafende Mensch hat in sich eine sinnlich-übersinnliche Begierde, in den physischen Leib, der im Bette liegt, zurückzukehren und ihn geistig-seelisch zu beleben. Aber diese Kraft lernt man auch als starke Kraft kennen bei der Seele, die erst wartet, empfangen zu werden von einem physischen Leibe, der von Vater und Mutter kommt in der physischen Vererbungsströmung, aber man lernt erkennen, wie diese Seele aus der geistig-seelischen Welt steigt und den Leib durchdringt. Man erlangt ein Wissen davon, wie geistig-seelisch unsere Seele lebt vor der Geburt. Man lernt das Ewige in der Menschenseele kennen. Nicht ein Glauben ist es mehr, mit dem man hängt an diesem Ewigen in der Menschenseele, sondern ein Wissen, das durch übersinnliches Schauen erlangt ist. Und man erlangt dadurch auch eine Erkenntnis des großen Einschlafens, dass der Mensch vollzieht, wenn er durch die Pforte des Todes geht. Wie das Bewusstsein nur gedämpft wird, nicht verloren geht im Schlafe, so ist es mit der Menschenseele, indem sie durch die Pforte des Todes geht, nur ist es da umgekehrt: Während der Mensch, wenn er einschläft und zu diesem Leibe zurück will, an dem Leibe hängt und dadurch abgedämpft erhält sein Bewusstsein im gewöhnlichen Schlafe, geht ihm das Bewusstsein auf, wenn er durch die Pforte des Todes tritt, weil er keine Begierde nach dem Leibe hat. Erst wenn er lange Zeit gelebt hat in der geistigen Welt, tritt wiederum auf etwas, was man vergleichen könnte mit dem Alter des physischen Leibes, was im 35. Lebensjahr erreicht ist. Wenn die Seele nach dem Tode eine Zeit lang gelebt hat, tritt wiederum eine Sehnsucht auf, dass sie wiederum nach dem Leibe hinwill, und es tritt ein Hingehen zu einem neuen Erdenleben ein. Ich habe wiederholt genauer diese Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt geschildert. Wenn man diese Dinge schildert, werden sie heute noch von den Menschen vielfach verlacht und verhöhnt, als phantastisch angesehen. Aber diejenigen Menschen, die das als phantastisch ansehen, was man auf diesem Wege gewinnt, die sollten zu gleicher Zeit die mathematischen Vorstellungen als phantastisch ansehen, denn dasjenige, was so gewonnen wird, ist so wirklich wie dasjenige, was man auf dem Wege gerade treuer und ernster Naturforschung findet.

[ 23 ] Und eine gewaltige, bedeutsame Vorstellung tritt ein. Nicht wahr, wenn wir eine Erinnerungsvorstellung haben, haben wir eigentlich irgendetwas, was wir Jahre vorher erlebt haben, vor unserer Seele. Wir haben das als Vorstellung vor unserer Seele, was wir da erlebt haben. Wenn wir das vor uns haben, was wir nicht durch die gewöhnliche Erinnerung, aber durch das entwickelte Erinnerungsvermögen haben, haben wir jene geistige Welt vor uns, in der wir als schlafender Mensch sind, in der wir aber auch sind, bevor wir zum Erdenleben heruntersteigen. Wir haben dasjenige, was nicht den Sinnen erscheint in der Außenwelt um uns, aber was dem Geistesauge, dem Seelenauge erscheint. Wir haben die geistigen Untergründe, die Weltenweiten vor uns. Wir steigen wieder auf, an einem neuen Hüter der Schwelle vorbei, über eine neue Schwelle hinüber, in die übersinnliche Welt, zum geistigen Hintergrund des Naturdaseins, dem wir angehören. Da taucht auf wie eine mächtige Erinnerung aus Stein und Wolken und aus alledem, was in den Reichen der Natur ist. So sieht ein Stein aus für das Auge, so eine Wolke. Für das Geistesauge erscheint etwas, dem wir verwandt sind, weil wir drinnen gelebt haben vor unserer Geburt oder Empfängnis. Da ist die große Welterinnerung. Und indem diese Welterinnerung an unser eigenes überphysisches Dasein vor unserer Geburt auftritt, indem so unser Ewiges uns erscheint aus der Außenwelt vor dem Geistesauge, bekommen wir zu gleicher Zeit ein Weltentableau über den Geist, der in der Welt um uns ausgebreitet ist. Wir erlangen eine wirkliche geistige Welterkenntnis.

[ 24 ] Von diesen Dingen muss Geisteswissenschaft sprechen, denn das ist etwas, was eben in die moderne Zivilisation hereintreten muss, wie vor einigen Jahrhunderten die kopernikanische Weltanschauung, die Galilei’sche Weltanschauung hereingetreten ist. Wie man dazumal diese Dinge abgelehnt hat, wie man sie als paradox, als phantastisch angesehen hat, wird auch heute die Geisteswissenschaft als Phantasterei angesehen. Aber man wird diese Dinge in die Menschenseelen aufnehmen und wird dasjenige haben, was ich gleich erwähnen werde auch für das äußere, soziale, für das ganze Dasein des Menschen. Vorerst aber muss ich hinweisen darauf, dass zur vollen Geist-Erkenntnis noch eine andere Erkenntniskraft entwickelt werden muss.

[ 25 ] Dass man das Erinnerungsvermögen entwickeln darf zu einer Erkenntniskraft, das werden einem die Menschen noch zugeben. Aber gerade vielleicht die strengen Wissenschaftler werden die zweite Kraft, die ich angeben muss, nicht gelten lassen als Erkenntniskraft, und dennoch ist sie, zwar nicht so wie sie im Leben auftritt, sondern wenn sie entwickelt wird, eine wirkliche Erkenntniskraft: Es ist die Kraft der Liebe.

[ 26 ] Im gewöhnlichen Leben ist die Liebe an die menschlichen Instinkte, an das menschliche Triebleben gebunden, aber man kann, geradeso wie man die Erinnerungsfähigkeit herausholen kann aus dem gewöhnlichen Leben, auch diese Liebe herausholen. Man kann auch in Bezug auf die Liebe unabhängig werden vom Menschenleibe. Die Kraft der Liebe kann ausgebildet werden, indem man durch sie gerade wirkliche Objektivität erlangt. Während man im gewöhnlichen Leben liebt, weil das Innere des Menschen zu dieser Liebe anspornt, kann man diese Liebe so ausbilden, dass man untertaucht in die äußeren Gegenstände, dass man mit Selbstvergessenheit ganz eins wird mit dem äußeren Gegenstand. Wenn man eine Handhabung vollzieht, so, dass man nicht aus inneren Impulsen heraus, die von den Trieben, den Instinkten kommen, handelt, sondern wenn man aus Liebe zu den äußeren Ereignissen handelt, dann ist das diejenige Liebe die zu gleicher Zeit die Kraft der menschlichen Freiheit ist. Deshalb habe ich bereits in demjenigen Buch, das ich unter dem Titel «Philosophie der Freiheit», das ich im Jahre 1893 veröffentlicht habe, gesagt, dass im höheren Sinne der Ausspruch nicht wahr ist, die Liebe mache blind, sondern ich sagte, die Liebe mache gerade sehend. Und derjenige, der sich durch Liebe in die Welt findet, macht sich wirklich frei, denn er macht sich unabhängig von den ihn knechtenden inneren Instinkten und Trieben; er weiß in der Welt der äußeren Tatsachen und Ereignisse aufzugehen und sich von der Welt sein Handeln diktieren zu lassen; dann aber kann er durchaus als freier Mensch im Sinne desjenigen, was geschehen soll, handeln, nicht mehr getragen und geführt durch das, was seine Instinkte und Triebe sind. Wie ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geben wollte eine Grundlage für ein soziales freies Empfinden innerhalb der modernen Zivilisation, für dasjenige, was wirklich aus dem Tiefsten des Menschen heraus ein soziales Leben begründen kann, so muss auch gesagt werden, dass diese Liebe als Erkenntniskraft ausgebildet werden muss, zum Beispiel wenn man für dasjenige, was man mit jedem Tage neu wird, ein scharfes Beobachtungsvermögen entwickelt.

[ 27 ] Seien wir ehrlich, meine sehr verehrten Anwesenden, ehrlich mit uns selbst: Sind wir denn nicht im Grunde genommen mit jedem Tage ein anderer? Das Leben treibt uns; dasjenige, was die anderen Menschen an uns, was wir an ihnen erleben, alles treibt uns. Wenn wir zurückdenken, wie wir waren vor zehn Jahren, wir werden uns gestehen: Wir waren etwas ganz anderes, als wir heute geworden sind und im Grunde genommen sind wir mit jedem Tage etwas anderes. Aber wir lassen uns im gewöhnlichen Leben treiben. Das ist dasjenige, was der Geistesforscher als Willenszucht an sich vollziehen muss, dass er diese Entwicklung des Willens sozusagen in die Hand nehmen muss, sich beobachtet: Durch was bist du heute beeinflusst worden? Was hat heute dein inneres Leben verändert? Was hat seit zehn, zwanzig Jahren dein inneres Leben verändert? Was ist da aufgetreten in dir? Auf der einen Seite muss man das machen, auf der anderen Seite aber noch etwas anderes. Man muss ganz bestimmte Impulse, Antriebe sich selbst geben, sodass man nicht nur so lebt, dass man von außen verändert wird, dass von außen das Leben verändert wird, man muss gleichsam als sein eigener Zuschauer neben sich stehen und seinem Wollen, seinem Handeln zusehen. Tut man das, dann gelangt man einfach auf gesetzmäßige Weise dazu, jene höhere Liebe, die ganz in die Objekte aufgeht, zu entwickeln.

[ 28 ] Und wenn man dann diese beiden Seelenkräfte entwickelt: auf der einen Seite das Erinnerungsvermögen, das vom Leibe freigemacht ist, auf der anderen Seite die Kraft der Liebe, die uns eigentlich erst mit unserem richtigen geistigen Sein eins macht und zu einem höheren Selbstbewusstsein bringt, dann überschreiten wir die Schwelle zu einer geistigen Welt. Dann ergänzen sich die äußeren Naturerkenntnisse so, dass wir alle einzelnen Wissenschaften durch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft befruchten können.

[ 29 ] Ich habe es noch erlebt, wie an einer berühmten medizinischen Schule gerade die großen medizinischen Autoritäten von einem medizinischen Nihilismus gesprochen haben. Es wurde von medizinischem Nihilismus deshalb gesprochen, weil man allmählich dazu gekommen war, sich zu sagen: Gerade für typische Erkrankungen können doch im Grunde genommen Heilmittel nicht gefunden werden. Man hat im neueren Wissenschaftsleben den Zusammenhang mit der Natur verloren, man überschaut sie nicht. Man probiert höchstens diese oder jene Substanz, ob sie Heilbeziehung zu dieser oder jener Krankheit hat, aber man überschaut die Dinge nicht. Durch die Geisteswissenschaft durchschaut man das pflanzliche Leben, die einzelnen Pflanzen, die großen Unterschiede, die zwischen dem Wurzelleben, dem Blattleben, dem Blütenleben sind, und man durchschaut wiederum die Beziehungen des geistigen Wesens, das dahinter ist, hinter dem Wurzelleben, dem Blattleben, dem Blütenleben, dem Krautleben der Pflanzen. Man erlangt Kenntnisse, wie das zum Menschen steht, der als ganzer Mensch herausgewachsen ist aus dieser Natur. Man erlangt eine Anschauung der Beziehungen der Tiere, Pflanzen, Mineralien zum Menschen, und man erlangt dadurch eine rationelle Therapie. Die Medizin kann auf diese Weise befruchtet werden. Ich habe selbst im vorigen Frühling einen Kursus gehalten vor Ärzten, Medizinern und Medizinstudierenden, indem ich gezeigt habe, wie durch diese geistige Erkenntnis die Heilmittellehre, aber auch die Pathologie, die Erkenntnis der Krankheiten befruchtet werden kann.

[ 30 ] Und so können alle einzelnen Wissenschaften befruchtet werden durch dasjenige, was Geist-Erkenntnis ist. Dadurch, dass wir diese Geist-Erkenntnis erlangen, dadurch, dass wir wirklich zusammenwachsen mit demjenigen, was wir waren, mit dem geistig-seelischen Leben, was aber jetzt an unserem physischen Leibe arbeitet, dadurch erlangen wir eine ganz andere Menschenkenntnis als durch die gewöhnliche Wissenschaft. Diese gewöhnliche Wissenschaft will nur logische, abstrakte, abgegrenzte Begriffe über Natur und Menschendasein haben, und man sagt: Es ist keine wahre Wissenschaft, wo nicht solche abstrakten Gesetze gewonnen werden können. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn die Natur aber nicht nach solchen abstrakten Gesetzen arbeitet, dann können wir Menschen lange deklamieren von solchen Gesetzen; wir beschränken dadurch nur unsere Erkenntnis, wenn wir nur logisch abstrakt in der Wissenschaft vorwärtsgehen wollen, wenn wir nur in abstrakten Experimenten uns ergehen können. Dann könnte leicht die Natur sagen: Unter solchen Umständen gebe ich keine Erkenntnisse über den Menschen.

[ 31 ] Indem man mit der Geisteswissenschaft herantritt, lernt man erkennen, dass die Natur nicht nach den Gesetzen schafft, sondern nach denjenigen Prinzipien, die nur im künstlerischen Anschauen, in wirklichen Imaginationen erreicht werden können. Durch keine abstrakten Gesetze, durch kein solches Beobachten, wie es in der gewöhnlichen Wissenschaft geschieht, können wir das wunderbare Geheimnis der menschlichen Gestalt, der ganzen menschlichen Organisation ergründen. Da müssen wir hinaufentwickeln, hinaufwachsen lassen dasjenige, was wir an elementaren Erkenntnissen gewinnen zum imaginativen Anschauen. Dann enträtselt sich die wahre menschliche Natur, und so springt uns aus der Geist-Erkenntnis heraus künstlerisch eine Anschauung des Menschen.

[ 32 ] Damit aber ist die Brücke geschlagen von der geistigen Erkenntnis zur Kunst. Derjenige, der sich im Sinne der hier gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft dem Erkennen hingibt, für den bleibt das Erkennen nichts Äußerliches. Der macht auch nicht, wenn er Künstler ist, trockene Symbole, auch keine lehrhaften Theorien oder dergleichen, sondern er schaut im geistigen Leben Gestalten und kann sie dem Stoff einprägen. Durch diesen Weg wird zu gleicher Zeit geschaffen eine Erneuerung der Kunst. Wir können es ja erleben, wenn wir unbefangen sind. Großes, Gewaltiges haben die alten Künstler geschaffen. Wie haben sie geschaffen? Zunächst haben sie in den verflossenen Jahrhunderten hingeschaut mit ihren Sinnen auf die äußere Materie. Nehmen wir Rembrandt oder Raffael, sie haben auf die äußere Materie hingeschaut in ihrem Zeitalter; sie haben aus dem äußerlich-sinnlich Realen das Geistige zu ergreifen gewusst und hingestellt. In der Idealisierung des Realen bestand das Wesen ihrer Kunst. Derjenige, der unbefangen auf diese Kunst sieht, wie sie sich entwickelt hat, der weiß, dass die Stunde dieser Kunst abgelaufen ist, dass nichts Neues geschaffen werden kann auf diesem Wege. Geisteswissenschaft führt hinein in geistiges Schauen. Die geistigen Gestalten werden in geistig-seelischer Lebendigkeit geschaut. Und mit derselben Realität, mit demselben Wirklichkeitssinn, wie früher künstlerisch geschaffen worden ist, wo idealisiert wurde die Realität, wird jetzt künstlerisch zu schaffen begonnen durch Realisierung des Geistig-Spirituellen. Früher holte der Künstler den Geist aus der Materie, nun wird der Geist in die Materie hineingetragen; aber nicht auf allegorische oder symbolische Art; das glauben nur diejenigen, die nicht sich vorstellen können, wie unmittelbar wirklich dasjenige ist, was als neue Kunst geschaffen werden kann.

[ 33 ] So sehen wir, wie tatsächlich diese Geisteswissenschaft zur wirklichen Kunst hinführt. Sie führt aber auch hin zu einem wirklichen religiösen Leben. Es ist merkwürdig, es gibt heute Tadler dieser Geisteswissenschaft, die sagen: Die Geisteswissenschaft will heruntertragen dasjenige, was nur in erhabenen Höhen gefühlt werden soll als göttliche Welt in das alltägliche Leben. Ja, das will diese Geisteswissenschaft. Sie will, dass der Mensch sich so erfülle vom geistig-seelischen Dasein durch die Erkenntnis der übersinnlichen Welten, dass der Geist nicht nur in einem mystischen Nebel erfasst wird, lebensfremd in Askese durchgemacht wird, sondern dass dieser Geist in jedes praktische Dasein hineingetragen werden kann. Die Menschen glauben, schon viel erreicht zu haben, wenn sie dem anderen Menschen eine Bildung gegeben haben. Sodass, wenn sie hinter sich das Fabriktor zuschlagen, sie mit der Arbeit fertig sind; dass sie dann draußen allerlei schöne ideelle Gedanken haben können. Aber der Mensch kann noch nicht sein volles Menschendasein empfinden, der erst das Fabriktor hinter sich zuschlagen muss, um dann sich der Erhebung seiner Seele widmen zu können. Nein, wir müssen, wenn wir die großen Zivilisationsprobleme einigermaßen lösen wollen, dazu vorschreiten, hineinzutragen den Geist, wenn wir in die Fabrik hineingehen, durch das Fabriktor, indem wir dasjenige, was wir im alltäglichen Leben arbeiten, durchdringen können mit dem Geiste. Das ist dasjenige, was das Leben verödet, das ist dasjenige, was endlich die katastrophale Zeit heraufgebracht hat, dass wir ein äußeres geistleeres Leben geschaffen haben, einen bloßen Mechanismus des Lebens.

[ 34 ] Geisteswissenschaft erfüllt den vollen Menschen. Sie wird in der Lage sein, aus dem Innern des Menschen den Geist auch wiederum in die praktischsten, die scheinbar nüchternsten Gebiete des Lebens hineinzutragen. Und so wird das alltägliche Leben — wo wir für den anderen Menschen arbeiten, wo wir an der Maschine stehen, wo wir durch die Arbeitsteilung in der Gesamtheit mitwirken — durchgeistigt, wenn Geisteswissenschaft, die zu gleicher Zeit Erkenntnis und religiöse Inbrunst sein kann, in das Leben eintritt. Sie wird selber eine soziale Kraft sein. Sie wird den Menschen zur Seite stehen, wenn sie so arbeiten. Das wirtschaftliche, das äußerliche praktische Leben wird ergriffen werden von einer Wissenschaft, die nicht einen abstrakten Geist in Begriffen und Ideen nur hat, sondern einen lebendigen Geist, und die daher das Leben auch mit diesem lebendigen Geiste erfüllen kann.

[ 35 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das kann uns nicht zu einer Lösung der sozialen Frage führen, was nur äußere Einrichtungen umgestalten will. Wir leben in einem Zeitalter, in dem man soziale Forderungen aufstellt. Aber wir leben auch in einem Zeitalter, in dem die Menschen höchst unsozial sind. Eine Erkenntnis, wie ich sie geschildert habe, die wird auch soziale Impulse unter die Menschen bringen, welche in anderer Weise die großen Rätsel lösen können, die uns durch das Leben aufgegeben sind, als die abstrakte Denkweise, die als Marxismus und Ähnliches auftritt, die nur zerstören kann, weil sie aus der Abstraktheit hervorgeht, weil sie den Geist tötet, weil aber nur der Geist das Leben lebendig machen kann. Das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft in einem gewissen Sinne so von sich selbst verspricht, dass sie nicht nur der Seele Befriedigung geben kann in ihrem Zusammenhang mit dem Ewigen, sondern dass sie auch in das soziale Leben Kräfte hineingießen kann.

[ 36 ] Das hat dazu geführt, dass man nicht stehen bleiben wollte in der Geisteswissenschaft bei bloßen mystischen Anschauungen. Wir haben keine abstrakte Mystik. Wir haben dasjenige, was nicht zurückschreckt, die Schwelle in die geistige Welt zu überschreiten und die Menschen hineinzuführen in einer neuen Weise in die übersinnliche Welt. Aber wir tragen dasjenige, was wir auf diese Weise gewinnen, zu gleicher Zeit herunter in die physisch-sinnliche Welt. Das hat dann geführt zu jener praktischen Lebensauffassung, die in meinem Buche «Kernpunkte der sozialen Frage» niedergelegt ist und auch in anderen Schriften, und die durch den «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» vertreten wird. Es gibt noch manche Leute, die sagen, Geisteswissenschaft führe von der alten Religion ab, sie sei zum Beispiel antichristlich. Derjenige, der sich genauer bekannt macht mit dieser Geisteswissenschaft, wird finden, dass gerade sie geeignet ist, das Mysterium von Golgatha und den eigentlichen Sinn des Christentums wiederum vor die Menschen hinzustellen. Denn unter dem Einfluss der modernen, naturalistischen Weltanschauung — was ist aus dem Christus, der doch sein muss ein übersinnliches Wesen, das in einen Menschenleib hereingezogen ist, das der Erde einen neuen Sinn gegeben hat —, was ist aus diesem Christus geworden? Der schlichte Mann aus Nazareth; ein bloßer Mensch, wenn auch der hervorragendste Mensch der Weltgeschichte. Man braucht wiederum eine übersinnliche Erkenntnis, um gerade das Christentum in einer solchen Weise zu verstehen, wie es der modernen Menschheit durchaus notwendig ist. Und man wird durch diese Geisteswissenschaft zu einer dem modernen Menschen angemessenen Erfassung des Christentums gerade kommen können. Diejenigen, die von einer Gegnerschaft der Geisteswissenschaft gegen das Christentum sprechen, wenn es auch gerade oftmals die offiziellen Vertreter des Christentums sind, sie kommen mir kleinmütig vor, nicht als richtige Versteher des Christentums. Wenn ich solche kleinmütigen Vertreter des Christentums höre, muss ich mich immer erinnern an einen christlich-katholischen Theologen, mit dem ich befreundet war, der in einer Rede über Galilei als Professor für christliche [Philosophie] sagte: Durch keine wissenschaftliche Erkenntnis kann jemals das Christentum verkleinert werden, sondern die Erkenntnis des Göttlichen kann nur gewinnen, wenn die Erkenntnis der Welt immer weiter schreitet und dieses Göttliche in immer höherer Glorie hinstellt. Deshalb sollte man groß vom Christentum denken und sagen: Es ist so fundiert, dass außer-geistige und geistige Erkenntnisse zu Tausenden in die Menschheit eintreten werden, sie werden nicht dieses Christentum verkleinern, sondern vergrößern. Aber wir brauchen ein Christentum, das in das Leben eingreift, das sich nicht darauf beschränkt, zu sagen: «Herr, Herr!», sondern das im äußerlichen Tun die Kraft des Geistigen auslebt. Und ein solches praktisches Christentum soll eben gerade leben in demjenigen, was angestrebt wird durch die Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 37 ] Derjenige, der hier mit ein paar Worten eingeleitet hat dasjenige, was ich heute zu sprechen hatte, er sagte, dass ich auch schon in Holland gesprochen habe im Jahre 1908 und im Jahre 1913. Ich konnte dazumal nur sprechen von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft wie von etwas, das eben aus einer oder mehreren Menschenseelen herein will zur Lösung der modernen Zivilisationsfragen.

[ 38 ] Aber seit jener Zeit ist, trotzdem die bitteren Kriegsjahre dazwischenliegen, doch einiges, geschehen: In Dornach bei Basel wurde errichtet seit dem Jahre 1913, wo wir den Grundstein gelegt haben, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum. Diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft soll dienen nicht allein der abstrakten Geisteswissenschaft, sondern der Befruchtung aller Wissenschaften durch die Geisteswissenschaft. Darum haben wir im Herbste des vorigen Jahres, trotzdem das Goetheanum noch nicht fertig ist und noch vieles braucht, bevor es fertig wird, den ersten Kursus abgehalten, und wir werden auch zu Ostern einen zweiten Kursus abhalten, der allerdings kürzer sein wird. Während der Herbstkurse haben gesprochen dreißig Persönlichkeiten, zum Teil solche, welche gelehrte Fachmänner sind in einzelnen Wissenschaften, in Mathematik, in Astronomie, Physiologie, Biologie, in Geschichte, in Soziologie, in Jurisprudenz. Aber auch praktische Menschen des Lebens, Menschen, die Industrielle sind, Menschen, die Kaufleute sind; es haben Künstler gesprochen. Wie gesagt, dreißig Persönlichkeiten haben gesprochen, die gezeigt haben, dass man in die einzelnen Wissenschaften hineintragen kann dasjenige, was als Geist-Erkenntnis gewonnen werden kann. Dass diese Wissenschaft dadurch nicht etwa einen abergläubischen Charakter gewinnt, sondern gerade einen rationellen, einen inneren, geistigen Charakter und dadurch einen wahrhaften Wirklichkeitscharakter gewinnt, das konnte gezeigt werden. Und so werden wir versuchen zu arbeiten in diesem Goetheanum. Dieses Goetheanum, wenn Sie es einmal sehen werden, es ist aber zugleich in einer neuen Kunstform, einem neuen Kunststil aufgebaut. Hätte man früher irgendwo eine Wissenschaftsstätte errichtet, man hätte verhandelt mit diesem oder jenem Architekten, ob man sie in griechischem, in gotischem oder im Renaissance-Stil bauen wollte. Das konnte Geisteswissenschaft nicht, denn sie gestaltet aus sich heraus dasjenige, was sie als Wirklichkeit erkennt, nicht nur in Ideen, nicht nur in Natur- und Geistesgesetzen, sondern in künstlerischer Gestaltung.

[ 39 ] Man hätte einfach eine Sünde wider das eigene Geistesleben begangen, wenn man einen fremden Stil, nicht den Stil, der aus der Geisteswissenschaft selbst künstlerisch fließt, angewendet hätte auf diesen Bau. Und so sehen Sie den Versuch eines neuen Baustiles in Dornach verkörpert, sodass Sie sich sagen können, wenn Sie dem Bau hineintreten: Jede Säule, jeder Bogen, jede Malerei spricht Ihnen denselben Geist aus. Ob ich auf dem Podium stehe und den Inhalt dieser Geisteswissenschaft ausspreche, ob ich die Säulen, die Kapitäle oder etwas anderes für mich sprechen lasse, es sind verschiedene Sprachen, aber es ist derselbe Geist, der in alledem zum Ausdruck kommen soll.

[ 40 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das will als Antwort geben anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auf die großen Zivilisationsfragen der Menschheit. Denn die erste dieser Zivilisationsfragen ist die Frage nach einer wirklichen, der neuen Zeit angemessenen Selbsterkenntnis. Man gewinnt sie, indem man in neuer Weise die Schwelle überschreitet, wie ich es geschildert habe, indem man durch die entwickelte Erinnerungsfähigkeit und die entwickelte Liebekraft Erkenntniskräfte gewinnt zur Anschauung des Ewigen in der menschlichen Natur. Und dadurch gelangt man zu einer neuen, des Menschen würdigen Empfindung von dem, was der Mensch eigentlich ist. Man tritt seinem Nebenmenschen so gegenüber, dass man in ihm achtet dasjenige, was aus der geistigen Welt geboren ist, dass man in ihm sieht ein Stück dieser geistigen Welt. Dadurch wird das Menschenleben in sittlicher Beziehung neu geadelt, der menschliche Verkehr wird vom Geiste aus geadelt. Das ist die Antwort auf die zweite Frage, die Frage nach dem sozialen Menschenverkehr.

[ 41 ] Und die dritte große Zivilisationsfrage der Gegenwart ist diese, dass der Mensch wissen kann: Bei meinem Tun und Handeln, das ich hier auf der Erde vollbringe, bin ich nicht bloß das Wesen, das da steht und dessen Tun einen Sinn hat nur zwischen Geburt und Tod. Sondern was ich auf der Erde tue, das hat eine Weltbedeutung; es gliedert sich ein in die ganze Welt. Indem ich sittliche Ideale in mir entwickele, entwickele ich etwas, was Weltbedeutung hat.

[ 42 ] Lassen Sie mich zusammenfassen: Die äußere Naturwissenschaft der neueren Zeit trennt die äußere Natur vom Innern des menschlichen Lebens. Sie sieht in der Entwicklung der Erde und des ganzen Planetensystems etwas, was von einer Art Ur-Nebel ausgegangen ist. Der Mensch wurde auch hervorgebracht. Dann aber wird der Mensch nach einiger Zeit verschwinden. Die Erde wird als Schlacke in die Sonne zurücksinken. Ein Leichenfeld wird sich ausbreiten. Das muss die Naturwissenschaft sagen, wenn sie sich nur auf ihren Boden stellt. Aus der Menschenseele aber erheben sich die sittlichen Ideale. Sie sind dasjenige, was das Wertvollste in der Menschenseele ist. Diejenige Anschauung, die es zu einer so hohen Technik gebracht hat, sie weiß für die Ideale keinen Platz. Die Ideale werden wie Rauch hierauf verschwinden. Daher hat sich schon in Millionen und Millionen von Menschen dasjenige verdichtet, was man die ideologische Weltanschauung nennt. Das moderne Proletariat spricht von Sitte, Recht, Religion und Wissenschaft und Kunst als von einer Ideologie, weil das Empfinden des lebendigen Geistes verloren gegangen ist. Wird man diesen lebendigen Geist wiederum erkennen, dann wird man wissen, dass sich verhält dasjenige, was in der Menschenseele lebt als sittliche Ideale, als Geistiges, wie der Keim in der Pflanze. Wenn das, was dieses Jahr Pflanze ist, abfällt, entwickelt sich aus dem Keim eine neue Pflanze.

[ 43 ] So wissen wir uns zu sagen aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis heraus: Die Wolken, Sterne, Berge, Quellen, Steine, die Pflanzen, die Tiere und der physische Mensch auch, sie werden verschwinden wie abfallen und verwesen die verwelkten Blätter von der Pflanze. Aber wie aus der Pflanze der neue Keim kommt, so kommt auch, und nicht nur für das nächste Jahr, sondern für eine ewige Zukunft dasjenige, was als Keim in der Menschenseele ruht als sittliche Ideale. Und wir können das wunderbare Christuswort wiederholen:

[ 44 ] «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte» — dasjenige, was wir in der Menschenseele als Geist-Erkenntnis entwickeln —, «es wird nicht vergehen».

[ 45 ] Wir können davon sprechen, das wiederum eine Einheit vor uns steht: die vergehende physische Welt, die erstehende geistige Welt. Der Mensch bekommt eine Weltbedeutung dadurch. Auch sein soziales Leben bekommt Gewicht. Und die leeren Lösungen, die heute die Menschheit so quälen, die im Osten so schwere soziale Gewitterwolken herauftragen, werden verschwinden, wenn die soziale Frage zu einer Weltanschauungsfrage gemacht wird; wenn man versucht, die Lösungsimpulse für diese soziale Frage auch in dem zu finden, was der Mensch in seinem Innern als lebendigen Geist ergründen kann.

[ 46 ] So werden die modernen Zivilisationsfragen aus der Geisteswissenschaft heraus ihre Impulse erhalten. Wir haben nach dieser Richtung auch schon Erziehungsversuche gemacht. In Stuttgart wurde von Emil Molt die Freie Waldorfschule gegründet, die von mir geleitet wird. Sie sucht auch pädagogisch dasjenige auszugestalten und künstlerisch-pädagogisch an die Kinder heranzubringen, was aus der lebendigen Geisteswissenschaft folgen kann.

[ 47 ] Kurz, meine sehr verehrten Anwesenden, zu versöhnen Religion, Kunst und Wissenschaft, hereinzutragen wirkliche Wissenschaft, wirkliche Religion, wirkliche Kunst in das allerpraktischste Leben, dazu fühlt sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft berufen. Dazu wurde das Goetheanum in Dornach gebaut, um eine erste Stätte zu sein, wo man in freier Wissenschaftlichkeit, in freiem Geistesleben solch eine Wissenschaft pflegen kann. Für den Anfang und bis zum jetzigen Stadium haben opferwillige Menschen dafür gesorgt, dass das Goetheanum errichtet werden konnte; aber ich sagte schon vorhin: Das Goetheanum ist noch nicht fertig. Seine Fertigstellung wird davon abhängen, ob jetzt schon genügend Menschen sich finden, die Verständnis haben für diesen notwendigen Fortschritt in dieser Welt; ob das Goetheanum ein Torso bleibt, und die Menschheit sagt: Wir wollen nicht den Geist wiedererwecken, oder ob durch das Verständnis für den lebendigen Geist seine erste Stätte vollendet werden kann. Dann werden schon Weitere nachfolgen. Denn das ist sicher: Auf die Dauer wird die Pflege einer Erkenntnis des lebendigen Geistes in der modernen Zivilisation notwendig sein. Denn sicher ist es: Selbst diejenigen Menschen, welche den Geist als solchen hassen, welche die Geistesforschung als etwas Phantastisches ansehen, selbst diese, sie brauchen den Geist. Die suchenden Seelen brauchen den Geist, und diejenigen, die nicht suchen, die brauchen ihn erst recht. Und diese Tatsache, sie wird sich nicht aus der Welt schaffen lassen. Man wird den Geist suchen, weil man, wenn man wahrhaft Mensch sein will, den Geist gebraucht.

[ 48 ] Fragenbeantwortung

[ 49 ] Frage: Liegt es in Ihrer Absicht, in den verschiedenen Ländern Schulen zu errichten nach dem Muster der Waldorfschule oder soll die Waldorfschule als eine einzige verbleiben?

[ 50 ] Rudolf Steiner: Nun, man würde wahrhaftig nicht diejenige Kraft aufbringen können, die notwendig war für die Errichtung der Waldorfschule, wenn man nicht eigentlich den Wunsch hätte, solche Waldorfschulen sollten eigentlich überall errichtet werden, wo es nur irgendwie Schulen gibt. Denn der Waldorfschule liegt ja nicht irgendeine Schrulle oder persönliche Absichten zugrunde, sondern der Waldorfschule liegt dasjenige zugrunde, was man als richtige pädagogische Kunst gewinnen kann aus jener Menschenerkenntnis, auch der Erkenntnis des werdenden Menschen, des Kindes, die man durch Geisteswissenschaft gewinnen kann. Das heißt, es ist versucht worden, dasjenige zu ergründen, was man zu tun hat mit dem Kinde, bis es ein erwachsener Mensch ist, so dass Leib, Seele und Geist in gleicher Weise zur Entwicklung kommen. Natürlich kann ich jetzt nicht in ein paar Worten die Erziehungskunst und Erziehungskunde, welche der Waldorfschule zugrunde liegt, hier entwickeln; ich werde das an anderen Orten Hollands tun, wo ich ja über praktische Erziehungs- und Lebenskunst vom Standpunkte der Geisteswissenschaft sprechen werde. Aber wenn man selbstverständlich der Anschauung sein muss, dass wahre, allseitige Erziehungskunst auf diese Weise gefunden werden kann, und wenn man das der Waldorfschule zugrunde gelegt hat, dann kann man ja nicht anders, als die Absicht haben, wenigstens so viel man kann, für die Begründung solcher Schulen zu tun. Nun ist uns ja zunächst natürlich noch nicht gestattet, sehr viel zu tun, denn für die Waldorfschule reicht es ja mit aller Not vorläufig, aber für irgendwelche weiteren Schulen reicht es nicht. Und was da nicht reicht, dass darf ich ja vielleicht als eine Rätselfrage am heutigen Abend hinstellen. Sie werden sich ja leicht denken können, was zunächst nicht reicht. Es reicht allerdings zunächst etwas anderes noch nicht. Es ist notwendig gewesen, als die Waldorfschule gegründet wurde, dass zuerst von mir ein pädagogischer Seminarkursus für die Waldorflehrer gehalten worden ist. Und so muss ja erst wiederum das Pädagogische aus dem Geisteswissenschaftlichen herausgearbeitet werden. Das alles könnte geschehen in den weitesten Kreisen über die ganze zivilisierte Welt hin, denn die pädagogische Frage ist in erster Linie eine Zivilisationsfrage der Gegenwart. Wenn über die zivilisierte Welt hin die Ansicht entstehen würde: Man muss für die Erziehung des Kindes gerade etwas tun.

[ 51 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wir leben — sagte ich — heute in einer Welt, in der große, soziale Forderungen gestellt werden, in der aber die inneren Impulse und Triebe und Instinkte der Menschen nicht gerade außerordentlich sozial sind. Wir müssen in vieler Beziehung rechnen auf die kommende Generation. Und diese kommende Generation, wir müssen sie in einer gewissen Weise anders erziehen, als erzogen worden sind diejenigen Menschen, die in die gegenwärtigen Katastrophen die Welt hineingeführt haben. Wir brauchen eine neue Erziehung und wir brauchen vor allen Dingen die Einsicht, dass soziale Menschen erzogen werden müssen, dass das allgemein Menschliche aus der menschlichen Natur schon im Kinde herausgeholt werden muss.

[ 52 ] Sehen Sie, wenn ich nur eine Einzelheit sagen darf: Wir finden in den gewöhnlichen Schulen — und da ist es ja wohl in Holland nicht anders als auch sonst wo — wie merkwürdig das Prüfungswesen ist. Die Waldorfschule besteht erst ein Jahr. Wir haben in der Waldorfschule es durchaus durchgeführt: Wir haben Prüfungen nicht nötig, wir haben es zu etwas anderem gebracht. Wir haben das ganze Jahr hindurch Konferenzen abgehalten, die wirklich einen psychologischen Inhalt hatten. Gewissermaßen wurde jedes einzelne Kind ein Gegenstand des Studiums. Die größten Klassen konnten wir studieren. Merkwürdige Dinge haben sich da ergeben. Es hat sich zum Beispiel ergeben, welche Imponderabilien da waltend sind. Es hat sich gezeigt, dass eine Klasse ganz anders aussieht durch imponderable Kräfte, in der mehr Mädchen als Knaben sind, als eine Klasse, in der die Anzahl der Mädchen und Knaben die gleiche ist oder wo die Majorität eben Knaben sind. Alle diese Dinge müssen sorgfältig studiert werden. Die alten Pädagogen sagen, man müsste aus der Individualität des Kindes das Richtige herausholen. Aber erst durch die Geisteswissenschaft wird man die Individualität des Kindes erkennen können. Die ändert sich von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat. Man muss ein sorgfältiger Menschenbeobachter werden. Und statt dass in den Zeugnissen steht «fast befriedigend», «beinahe genügend», was ja nichts heißt, wenn man nicht diese Dinge mit der wirklichen Individualität in Konkordanz bringen kann, statt dessen gaben wir jedem Kind eine wirkliche Beschreibung seines Wesens, die man auch brauchen kann, und einen Spruch mit, der ganz aus der Seele jedes einzelnen Kindes war, der ein Kraftspruch, eine Devise ist für das Kind in dem ganzen nachfolgenden Schuljahr. Das Kind hat eine Art von Spiegel. Und die Kinder, die diese Zeugnisse bekommen, haben die intensivste Freude über diese Zeugnisse, selbst wenn sie getadelt worden sind.

[ 53 ] Und manches haben wir erlebt. Wenn ich immer wieder und wiederum inspizierend in die Schule komme, nicht als Phrase, sondern weil das zum lebendigen Leben gehört, ich frage die Kinder ab, ich frage die Kinder auch manchmal: Kinder, liebt ihr eure Lehrer? Und Sie sollten sehen, wie dann, aber nicht als etwas Eingelerntes, sondern herzhaft aus der Seele heraus die Kinder mit ihrem «Ja» antworten, trotzdem sie nicht in philiströser Weise irgendwie an einer besonderen Philister-Disziplin erzogen werden, sind sie ehrlich, sodass sie durchaus begreifen: Man kann nur in Liebe erzogen werden. Und so haben wir zum Beispiel erreicht, dass die Kinder, trotzdem sie ganz gern in die Ferien gegangen sind, sich doch wiederum sehr in die Schule hineingesehnt haben. Wir haben mancherlei interessante Einzelheiten konstatieren können. Ein Junge, der früher ein unleidlicher Bengel war und der Mutter nie einen Kuss geben wollte, gab seiner Mutter einen ersten freiwilligen herzhaften Kuss an dem Tag, wo er nach den Ferien wieder in die Schule gehen konnte, so freute er sich. Das leuchtet hinein in das ganze imponderable Leben. So etwas von lebendigem Geist braucht man. Daher scheint es mir eine Notwendigkeit, dass eingesehen werden die Ideen der Waldorfschule in den weitesten Kreisen. Wenn sich begründen könnte ein Weltschulverein, welcher geradezu aus Konsumenten besteht — also denjenigen Menschen, welche Kinder haben, und auch denen, die Interesse haben für die Entwicklung der nächsten Generationen, denn daran sind ja eigentlich alle Menschen Interessenten —, dann kann ein solcher Weltschulverein, der ganz international sein könnte, überall wo es möglich ist, solche Schulen begründen. Und das ist eigentlich die Idee der Waldorfschule, eine Keimzelle zu sein, die ausstrahlt Wachstumskräfte nach allen Seiten. Die Waldorfschule soll sein ein Vorbild, obwohl ein Vorbild, das wir so vollkommen machen wollen wie möglich; die Dinge ergeben sich aber erst in ihrer wahren Vollkommenheit, wenn sie weiter verbreitet werden.

[ 54 ] Daher sage ich: Gewiss, die Waldorfschule soll nicht vereinzelt sein; sie ist keinem Einzelideal entsprungen, sondern allgemeinen Weltidealen. Daher sollen durch den Weltschulverein so viele Schulen entstehen als nur irgendwie und in der schnellsten Zeit möglich ist, wenn wir auch zu kämpfen haben werden mit manchem alten Zopf.