Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c
21 Februar 1921, Utrecht
3. Die Anthroposophische Geisteswissenschaft und die grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Derjenige, welcher im vollen Ernste über ein solches Thema spricht, wie dasjenige des heutigen Abends ist, oder auch dasjenige, welches ich am 24. hier in Utrecht besprechen werde, er muss sich bewusst sein, wie es allerdings schon in der Gegenwart zahlreiche Seelen gibt, die sich sehnen nach einer neuen Weltanschauung oder wenigstens nach einem neuen Einschlag in die Weltanschauung und in die Lebensgestaltung.
[ 2 ] Man kann allerdings sagen, dass nicht alle diejenigen Seelen, die sich in unserer Gegenwart nach einem solchen neuen Einschlag sehnen, sich dessen schon ganz voll bewusst sind, Manches schlummert von dieser Sehnsucht in den Untergründen der menschlichen Seele. Allein für denjenigen, der sowohl das Seelenleben des Einzelnen wie auch das soziale Leben der Gegenwart unbefangen betrachten kann, für ihn ist es ohne Weiteres klar, dass es ein Suchen, ein ernstes Suchen solcher Seelen in der Gegenwart gibt. Und dieses Suchen hängt im Grunde genommen zusammen mit den großen zivilisatorischen Fragen dieser unserer Gegenwart.
[ 3 ] Es gibt viele solcher Zivilisationsfragen in der Gegenwart, allein sie werden sich alle mehr oder weniger beherrschen lassen, wenn man sie von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet. Die eine große Rätselfrage, die in die menschlichen Seelen sich hineingesenkt hat — möchte man sagen, seit langer Zeit — und die heute eine ganz besondere Offenbarung in diesen Seelen schon findet, sie rührt her von der wissenschaftlichen Entwicklung der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Diese wissenschaftliche Entwicklung hat der Menschheit in Erkenntnisbeziehung große, gewaltige Triumphe gebracht, bemerkenswerte Einsichten geliefert. Allein für denjenigen, der nun mit ganzer Seele gerade in Bezug auf Seelen- und Geistesfragen an die Ergebnisse dieser modernen Wissenschaft herantritt, für den wird ein Verständnis immer klarer und klarer. Ich bemerke im Voraus, damit ich nicht missverstanden werde: Diejenige Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientiert ist — und die ich hier meine, indem ich meine Ausführungen gebe —, sie steht voll auf dem Boden moderner, naturwissenschaftlicher Denkweise. Aber wir werden sehen, dass sie gerade deshalb, weil sie ganz voll auf diesem Boden stehen will, über dasjenige hinausgehen muss, was gewöhnlich als Grenze dieser naturwissenschaftlichen Denkweise angesehen wird. Derjenige, welcher nicht nur äußere Kenntnisse für irgendwelche praktischen oder sonstigen Lebensverrichtungen will, sondern der aus den naturwissenschaftlichen Einsichten etwas gewinnen will für das Leben seiner Seele und seines Geistes, der wird allerdings, wenn er unbefangen genug dazu ist, nach und nach gewahr, dass, je tiefer man sich in diese Einsichten hineinbegibt, desto mehr bedeuten sie eigentliche Rätsel, desto weniger lösen sie uns irgendetwas von dem, was aus der Seele Tiefen heraufquillt als die großen Daseinsfragen des menschlichen Lebens. Im Gegenteil, sie lehren uns etwas ganz anderes, diese naturwissenschaftlichen Einsichten; sie lehren uns, die Fragen, die wir aus der gepressten Seele heraus stellen müssen als Menschen, tiefer, gründlicher zu stellen. Sie lehren uns mehr Rätsel aufwerfen, als wir früher aufgeworfen haben. Denn für einen solch Unbefangenen, der mit ganzer Seele sich in diese Einsichten hineinlebt, lässt es sich ja gar nicht anders machen, als dass er ein Verhältnis herstellt zwischen dem, was Naturwissenschaft in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gebracht hat, und zwischen dem, was in den alten, traditionellen Religionsbekenntnissen als eine wirkliche seelische Erhebung, als ein wirklicher seelischer Inhalt gegeben ist. Man kann theoretisch viel über die Frage sprechen, ob das religiöse Leben, das religiöse Vertiefen des Menschen einen eigenen Weg gehen soll neben dem neueren wissenschaftlichen Erkennen. Die Seele des Menschen ist einmal eine, und er kann nicht anders, als, wenn er auf der einen Seite Lebensnahrung für die ewige Bestimmung seiner Seele aus religiösen Grundlagen schöpft, und auf der anderen Seite entgegennimmt dasjenige was [die Naturwissenschaften] ihm zu sagen haben zum Beispiel über den Bau des Himmelsgebäudes, über die Entwicklung der organischen Lebewesen und Ähnliches. Er kann nicht anders als fragen: Wie verhält sich das eine zu dem anderen? Wir können mit unserem Intellekt sagen: Die beiden Lebensgebiete strömen aus verschiedenen Quellen heraus. So sehr wir auch davon deklamieren, wie sie aus verschiedenen Quellen herausfließen, in unsere Seele fließen sie doch zusammen, und wir müssen einen Ausgleich suchen. Aber in dem Suchen nach diesem Ausgleich ergeben sich neue Rätsel, zu denen der Mensch der Gegenwart, wenn er wirklich aufblickt zu dem allgemeinen Bildungsleben, wenn er in diesem allgemeinen Bildungsleben drinnensteht, hingetrieben wird, die ihn beunruhigen, die nach irgendwelchen, noch anderen Quellen rufen, aus denen eine wirkliche Vereinheitlichung unseres ganzen Seelenlebens herausfließen muss.
[ 4 ] Und so sehen wir, dass eine der wichtigsten Zivilisationsfragen der Gegenwart eigentlich eine innere Seelenfrage ist. Wir müssen, bevor wir in das soziale Leben irgendwie maßgeblich eingreifen wollen, mit uns selber fertig werden. Wir müssen innerlich eine gewisse Festigkeit gewinnen. Daher sind im Grunde genommen alle äußeren Fragen des Lebens, alle Fragen der Lebenspraxis doch abhängig von den Fragen des menschlichen Seelenlebens.
[ 5 ] Das von der einen Seite über die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart. Aber noch von einer anderen Seite kommen Lebensrätsel über den gegenwärtigen, den modernen Menschen. Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind ja nicht bloß Erkenntnisse geblieben. Sie haben in einer weitgehenden Weise, in einer gerade bewundernswerten Weise eingegriffen in das praktische Leben. Sie haben uns in der modernen Technik alles dasjenige gebracht, was wir im Grunde genommen heute im äußeren Leben auf Schritt und Tritt begegnen, ohne dass die moderne Menschheit eigentlich nicht mehr leben kann. Aber auch hier haben uns die modernen Ergebnisse, die praktischen Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Denkweise eigentlich nicht Lösungen gebracht, sondern im Grunde genommen neue, praktische Lebensrätsel. Wir haben es dahin gebracht im Laufe der letzten zwei bis drei Jahrhunderte, eine komplizierte Technik und ein damit zusammenhängendes kompliziertes Menschenleben zu gestalten. Wir mussten die Menschen in großer Anzahl hinstellen an die Maschine, welche ein Ergebnis der modernen naturwissenschaftlichen Denkweise ist. Wir haben hineinversetzen müssen die Menschheit in die modernen Verkehrsverhältnisse, welche ein Ergebnis eben dieser Denkweise sind. Auf dem Gebiet des rein mechanisch-maschinellen Wirkens, auch da, wo das Mechanische auftritt im Kommerziellen, im Weltverkehrswesen, in der Weltwirtschaft, hat sich die naturwissenschaftliche Denkungsweise als fruchtbar erwiesen. Aber in Bezug auf die soziale Denkweise, in Bezug auf den Verkehr des Menschen mit dem Menschen als Mensch, hat sie sozusagen alles übrig gelassen. Darüber braucht man sich gar nicht theoretisch zu unterrichten, das sieht man an den Konvulsionen sozialer Natur, die sich in der Gegenwart kundgeben und die schreckhaft aufwühlend wirken in der Menschheit. Man sieht es daran, wie wenig zunächst Rat in der Menschheit vorhanden ist, diese Kräfte, die nach und nach einen furchtbar zerstörerischen Charakter, einen lebenszerstörerischen Charakter annehmen, in irgendeiner der Menschheit gedeihlichen Weise zu leiten und zu lenken.
[ 6 ] Und so sind gerade in Bezug auf das Menschliche, in Bezug auf das Moralische, in Bezug auf das SeelischGeistige im Verkehr vom Menschen zum Menschen viele Rätsel heraufgezogen in diesem modernen zivilisatorischen Leben. Und wir stehen vor der großen Seelenfrage: Wie vereint sich moderne Einsicht mit demjenigen, was religiöse Bedürfnisse der Menschheit sind? Und wir stehen vor der großen praktischen, sozialen Lebensfrage: Wie bringen wir eine solche Richtung in dasjenige hinein, was mechanisch-technisches Leben geworden ist, dass in einem der modernen Anschauung gewachsenen Sinn auch ein Verkehr im Verhältnis von Mensch zu Mensch so möglich ist, dass von allen Menschen dieses Verhältnis als zu einem menschenwürdigen Dasein führend empfunden werde?
[ 7 ] Kurz, es stehen vor uns Lösung heischende zivilisatorische Fragen, die in den beiden angegebenen Strömungen laufen. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, über welche ich hier heute zunächst in Bezug auf ihre Erkenntnisse orientierend sprechen möchte, sie will gerade an diese Rätselfragen herantreten, die von den beiden eben charakterisierten Seiten an den modernen Menschen kommen. Sie muss es aber in einer Weise tun, die ungewohnt ist heute noch den breitesten Massen der Menschheitsbevölkerung, eben der zivilisierten Welt. Sie wird daher von der einen Seite als Phantasterei angesehen; sie wird von der anderen Seite vielleicht als etwas noch Schlimmeres angesehen. Allein man kann in der Menschheitsentwicklung nicht weiterkommen, wenn man nicht den Entschluss fassen wollte, auch dasjenige auszusprechen, was in irgendeinem Zeitalter, weil es ungewohnt ist, noch außerordentlich scharf bekämpft wird.
[ 8 ] Wir sehen es ja an den Seelen, die das, was ich vorhin gekennzeichnet habe, in einer besonders scharfen Weise empfinden; wie sie sich sehnen gewissermaßen nach einem Hineinströmen einer übersinnlichen, geistigen Welt in die Menschenseele durch Erkenntnisse. Und da kommen solche sehnenden Seelen heute auf gar manches, das allerdings nicht mit unserem zivilisatorischen Leben in der Gegenwart vereinbar ist. Wir sehen zahlreiche Seelen, welche hinblicken auf dasjenige, was in alten Zeiten bei unseren Vorfahren vorhanden war: eine gewisse Harmonie zwischen religiöser Empfindung, künstlerischer Gestaltung und wissenschaftlicher Erkenntnis. Auch die äußere anthropologische Wissenschaft teilt ja heute der Menschheit durch ihre Forschungen über alte Zeiten Dinge mit, durch die man eine hohe Achtung gegenüber diesen alten Kulturen haben muss.
[ 9 ] Manche Menschen schielen hinüber nach dem Oriente, wo allerdings in dekadenter Weise Reste einer alten Urweisheit sich erhalten haben. Sie möchten eine Empfindung haben von dem, was einstmals war. Wir sehen dieses bei zahlreichen Seelen auftauchen, müssen aber, wenn wir den Sinn der Menschheitsentwicklung wirklich verstehen, uns sagen, dass wir zwar begreifen können solche Seelen, die sich sehnen nach irgendeinem Alten oder nach dem, was von einem Alten in Dekadenz geblieben ist, wie etwa die indische Mystik oder dergleichen. Wir können ein solches Sehnen verstehen, müssen aber sagen: Es widerspricht ein solches Sehnen durchaus dem Sinn der ganzen menschheitlichen Entwicklung. Denn diese Entwicklung ist doch so, dass jedes Zeitalter seinen eigenen Charakter hat. Und was einmal entsprechend war den Trieben und Empfindungen der menschlichen Seele in alten Zeiten, das ist es nicht mehr heute.
[ 10 ] Wir müssen allerdings auch noch anderes sagen. Wir müssen sagen: Dieser Drang nach dem Alten oder dieser Drang nach Aufwärmung orientalischer Weistümer, er entspringt auch einer gewissen Müdigkeit der modernen Menschenseele. Diese Müdigkeit der modernen Menschenseele, sie kündigt sich dadurch an, dass der Mensch zwar sich versenken mag in dasjenige, was jahrhunderteoder jahrtausendealte Tradition ist, dass er sich hingeben mag an dasjenige, was überkommene äußere Einrichtungen des praktischen Lebens [sind], dass er aber innerhalb des heutigen komplizierten Lebens nur schwer sich aufrafft dazu, ein Schöpferisches, ein elementar Schöpferisches in der menschlichen Seele zu entfalten, das geeignet ist, neue geistige Kräfte aus den Untergründen der Seele an die Oberfläche derselben zu befördern, das geeignet ist, dem praktischen sozialen Leben neue Richtlinien zu geben. Hingeben mag sich leicht der moderne Mensch, aber Schaffen, das liegt seiner im Grunde genommen stark ermüdeten Seele fern. Aber an die schöpferischen Kräfte der Menschenseele möchte sich gerade die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wenden. Denn sie glaubt zu erkennen, dass nur aus einer Neuschöpfung aus den tiefsten, elementarsten Kräften der Menschenseele heraus Befriedigung über dasjenige kommen kann, was im Grunde genommen in der charakterisierten Weise von zahlreichen Menschen heute aus den großen zivilisatorischen Strömungen ersehnt wird.
[ 11 ] Dasjenige, was Geisteswissenschaft zunächst in Bezug auf die Erkenntnis ihrerseits zu bieten hat, das steht allerdings ganz auf dem Boden moderner, naturwissenschaftlicher Denkweise. Aber es muss zu gleicher Zeit, weil es auf diesem Boden steht, über diese naturwissenschaftliche Denkweise hinausgehen zu der Erkenntnis eines Übersinnlichen; während diese naturwissenschaftliche Denkweise nur ergreift mit ihren Erkenntnismitteln, mit ihren allerdings großartigen, bewunderungswürdigen Erkenntnismitteln, die äußere Sinneswelt und dasjenige, was der Verstand aus dieser Sinneswelt herauskombinieren kann als abstrakte Naturgesetze und dergleichen.
[ 12 ] Wenn ich das Verhältnis desjenigen, was ich hier meine als anthroposophische orientierte Geisteswissenschaft, zu dieser modernen Naturwissenschaft kennzeichnen soll, so möchte ich einen historischen Vergleich gebrauchen. Aber ich bitte Sie, mir diesen Vergleich nicht als Unbescheidenheit anzurechnen. Er ist nicht so gemeint. Es soll nicht verglichen werden ohne Weiteres der schwache Versuch, der heute erst gegeben werden kann mit der Geisteswissenschaft und der der schwachen menschlichen Kraft entspricht, mit einem großen, gewaltigen Ereignis, sondern mit etwas, was auch eigentümlich ist diesem historischen Ereignis, ich meine die Entdeckung Amerikas. Als Kolumbus ausfuhr zur Entdeckung Amerikas, da war es so, dass er es eigentlich so meinte, über das große Weltenmeer fahren zu müssen, um dasjenige, was ihm schon bekannt war, von der anderen Seite zu erreichen, nämlich Indien zu erreichen von der anderen Seite. Man glaubte also hinzusteuern nach etwas schon Bekanntem. Auf dem Wege fand man aber ein Unbekanntes, das man nicht geahnt hat.
[ 13 ] So geht es im Grunde genommen dem modernen Geistesforscher. Er will ausgehen von dem, was aus zahlreichen wissenschaftlichen Bestrebungen heraus das moderne Leben bietet. Er möchte sich hinauswagen auf all die Forschungswege, welche eingeschlagen werden in gewissenhafter, durchaus methodischer Weise von diesem modernen Wissenschaftsleben. Allein auf dem Wege hierzu findet er nicht dasjenige, was im Grunde genommen eine große Anzahl von Forschern zu finden meinen: eine Art Bekanntes, das doch, wenn es auch durch seine Kleinheit oder dergleichen unterschieden sein soll von dem, was wir in unserer Sinneswelt um uns haben, wiederum ein Bekanntes ist. Wie Kolumbus Indien zu erreichen vermeinte, also ein Bekanntes, so möchten die Forscher des äußeren Sinnengebietes entdecken Atome, Moleküle, Ionen, Elektronen und dergleichen, was doch nichts anderes ist als ins Kleinste umgesetzt dasjenige, was wir schon haben in der Sinneswelt. Und wenn wir nun mit den gewissenhaften modernen Forschungsmethoden hinausschauen in den Weltenraum, bewaffnet mit all den bewundernswürdigen Instrumenten, die konstruiert worden sind, so wollen wir auch nichts anderes finden als dasjenige, was wir hier auf der Erde schon kennen. Wir konstruieren uns den ganzen Himmel zusammen aus den sinnlichen Elementen, die wir schon auf der Erde haben. Erwarten mag man das zunächst, und im Grunde genommen wird jeder, der nicht Dilettant ist im wissenschaftlichen Leben, sondern ausgeht von dem gewissenhaften wissenschaftlichen Leben dieser Gegenwart, vielleicht ein Ähnliches erwarten. Wenn er aber ganz klar sein wird über dasjenige, was da eigentlich bei ihm als Forscher vorliegt, dann kommt er zu etwas anderem. Er glaubt vielleicht, zu etwas Bekanntem zu kommen, zu Atomen, Molekülen, zu Ionen, Elektronen, aber er entdeckt auf dem Wege ein Unbekanntes, so unbekannt, wie dem Indienfahrer Amerika war. Er entdeckt auf dem Wege, gerade indem er sich vertieft in die Denkprozesse, in die ganzen Seelenprozesse, die er anwenden muss bei dem naturwissenschaftlichen Forschen, eine ihm vorher unbekannte, übersinnliche Welt.
[ 14 ] Ausbilden im Feineren, im Weiteren will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dasjenige, was man innerlich seelisch tut, indem man in der Klinik, im Laboratorium, auf der Sternwarte forscht. Allein indem sie gerade recht exakt aufmerksam wird auf dieses innerliche Verrichten der Seele, muss sie sich darauf besinnen: Da ist es doch der Geist, der, auch wenn er sich nur an das äußerlich Materielle hält, in dir tätig ist, gerade im methodischen Forschen. Und dann, wenn man einmal ganz ernsthaftig und ganz so stark, als es die menschliche Seele nur kann, seiner eigenen Tätigkeit beim Forschen gewahr wird, dann gewinnt man den Drang, diese Seelenkräfte, die man in sich trägt, die gewissermaßen anzuregen sind durch die gewöhnliche Erziehung, weiter auszubilden. Und dann kommt man zu den geisteswissenschaftlichen Methoden, von denen ich Ihnen jetzt hier eine kleine Andeutung geben möchte.
[ 15 ] Am Ausgangspunkte dieser geisteswissenschaftlichen Methoden muss allerdings eines stehen, was der heutigen Menschheit auch recht ungewohnt ist. Dasjenige muss stehen vor dem geistesforscherischen Wege, was ich nennen möchte «intellektuelle Bescheidenheit». Und ich möchte wiederum durch einen Vergleich erklären, was ich unter intellektueller Bescheidenheit verstehe. Denken Sie sich ein fünfjähriges Kind, wir geben ihm einen Band Shakespeare in die Hand, was wird es damit anfangen? Es wird ihn zerreißen oder sonst mit ihm spielen, aber ganz gewiss wird es nicht dasjenige damit machen, was dem Bande Shakespeare angemessen ist. Wenn das Kind weitere zehn bis fünfzehn Jahre gelebt hat, so werden seine Seelenkräfte sich so entwickelt haben, dass es das Richtige mit diesem Bande Shakespeare anfangen wird. Wir können sagen: Herausgeholt worden ist aus dem verborgensten Innern dieses Kindes dasjenige, was es nun zu etwas ganz anderem befähigt, als wozu es früher imstande war. Man muss sich nun in intellektueller Bescheidenheit sagen können, wenn man ein Geistesforscher werden will: Man könnte ja der ganzen Natur, die uns umgibt, auch als erwachsener Mensch so gegenüberstehen, wie das fünfjährige Kind dem Band Shakespeare, und man könnte sich dadurch aufgefordert fühlen, nun weiter die Seelenkräfte zu entwickeln durch eigene Handhabung, wie bei dem fünfjährigen Kinde die Seelenkräfte allmählich entwickelt worden sind, wodurch aus dem Kinde etwas ganz anderes gemacht wurde, als es vorher war. Solche Methoden, wie sie im Grunde genommen schon begonnen sind beim naturwissenschaftlichen Forschen, nur auf natürliche Weise gegeben, solche Methoden sucht geisteswissenschaftliche Forschung weiter auszubilden. Und diese geisteswissenschaftliche Forschung, sie ruht nicht auf irgendwelchen äußeren Maßnahmen, sie ruht ganz und gar auf innerer Seelenarbeit. Diese innere Seelenarbeit ist allerdings nicht etwa leichter zu verrichten als die Arbeit im Laboratorium, in der Klinik oder auf der Sternwarte. Dasjenige, was ich Ihnen jetzt schildern werde als den inneren Seelenweg des Geistesforschers, das fordert zu seiner wirklichen Ausbildung jahrelange innere Anstrengung, obwohl man nicht mit äußeren Werkzeugen, mit äußeren Instrumenten hantiert, sondern lediglich mit den Kräften der Seele selbst; und es sind im Grunde genommen Seelenkräfte, die durchaus im gewöhnlichen Leben schon vorhanden sind, die nur weiter ausgebildet werden müssen.
[ 16 ] Die Menschheit liebt es heute nicht, solche Seelenkräfte in sich weiter auszubilden. Man ist gerade durch den modernen Entwicklungsweg dahin gekommen, nicht mehr so zu denken, wie man in gewissen alten Zeitaltern über die menschliche Entwicklung gedacht hat. Das ist von der einen Seite voll berechtigt. Aber von der anderen Seite ist es so, dass wiederum andere Anschauungen anstelle der landläufigen treten müssen. Gerade deshalb sehnen sich viele suchende Seelen — wie ich schon sagte — heute unhistorisch nach einer gewissen Art, wie unsere alten Vorfahren zu ihren Erkenntnissen gekommen sind, weil diese Vorfahren im Erkenntnisweg doch etwas ganz anderes gesehen haben, als die heutigen Menschen darin sehen.
[ 17 ] Man hat in den alten Zeiten — ich kann das nur andeuten, weitere Ausführungen können Sie heute schon in der äußeren Wissenschaft finden —, man hatte in alten Zeiten Weisheitsschulen, die man auch wohl die Mysterien nennt. In diesen Mysterien wurde nicht in derselben Weise eine bloß mehr auf den Intellekt hinzielende Wissenschaft gepflegt, wie das heute der Fall ist, sondern es wurde eine Wissenschaft gepflegt, die durchaus so intensiv zu der Menschenseele sprach, dass sie hineinträufelte in die Tiefen dieser Seele, indem sie religiöse Inbrunst zugleich aus dieser Seele auslöste, die diese Seele so anregte, dass sie zu gleicher Zeit dasjenige, was sie als Erkenntnis empfing, in künstlerischen Anschauungen empfing. Kunst, Religion, Wissenschaft, sie waren eins in diesen alten Mysterien. Aber in diesen alten Weisheitsschulen sprach man von der Erlangung höherer Erkenntnisse in der Weise, dass man an den ganzen Menschen und nicht bloß an den Kopf appellierte. Und man sprach von etwas, von dem zu sprechen heute in einer gewissen Weise gefährlich ist, weil man der Paradoxie oder der Phantastik beziehen wird, wenn man davon spricht. Man sprach davon, dass zwischen dem, was der Mensch im gewöhnlichen Leben wissen, fühlen und wollen kann, und demjenigen, dem eigentlich seine Seele als dem Übersinnlichen zugehört, das zwischen diesen zwei Gebieten des äußeren und des inneren Lebens ein Abgrund sich auftue; dass dieser Abgrund erst durch Überwindung, durch innere Kämpfe der Menschenseele überschritten werden könne. Man sprach von der Schwelle, welche das gewöhnliche Leben trennt von der übersinnlichen Welt, der eigentlich die Seele zugehört. Und man sprach davon, dass der Mensch durch die Weltenmächte behütet ist, unvorbereitet in das Reich der übersinnlichen Erkenntnis einzutreten. Nicht eine bloße Personifikation, sondern ein sehr reales Erlebnis war es für die Schüler der alten Weisheitsschulen, wenn sie sprachen von dem Hüter der Schwelle. Dieser Hüter der Schwelle war nicht erlebt worden, wenn man den Abgrund nicht übersteigen wollte zwischen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt. Aber man musste an ihm vorbeischreiten, wenn man in diese übersinnliche Welt hineinkommen wollte. Er wurde sozusagen erst sichtbar, wenn man seine Erkenntnisse aufschwingen wollte zu den übersinnlichen Gebieten des Daseins. Aber man solle und dürfe das nicht tun, so sagten die alten Weisheitslehrer, ohne dass der Mensch in gesunder Weise vorbereitet werde und ohne dass er noch andere Bedingungen erfülle.
[ 18 ] Denn anders, als wir jetzt sprechen, sprach man in alten Zeiten von dem, was eigentliche menschliche Weisheit und menschliche Wissenschaft ist. Man sagte: Der unvorbereitete Mensch, wenn ihm die Wissenschaft vom Übersinnlichen übergeben wird, sie wird für ihn eine Quelle der Versuchungen, nicht nur das Gute zu vollbringen, sondern auch das Böse zu vollbringen. Das Wissen vom Übersinnlichen stachelt auf menschliche Begierden, die sonst schweigen und gezähmt sind durch dasjenige, was die äußerliche Moral ist. Durch die Einsicht in das Übersinnliche lassen sich diese Begierden nicht mehr zähmen. Daher verlangten diese alten Weisheitslehrer von ihren Schülern, dass sie sich unterzogen solch einer Willenszucht, solch einer Erziehung, dass diese Instinkte zurücktraten, dass diese Instinkte nicht mehr sprachen, sodass diese Schüler hörten auf alles dasjenige, was ihnen als eine reine Moral vermöge ihrer naturgemäßen Autorität die alten Weisheitslehrer vorbrachten. Und sie verlangten strengen Gehorsam.
[ 19 ] Sie sehen, das war ein Verhältnis des Schülers zum Lehrer, das sich vielfach noch in kirchlichen Zusammenhängen erhalten hat. Aber Sie werden mir auch zugeben: Das moderne Leben ist so beschaffen, dass es auf allen Gebieten ein solches Verhältnis nicht mehr haben will. Wir können mit großer Achtung, mit vollem Verständnis hinaufblicken zu jenen alten Zeiten, in denen so mit gewissen Geboten, mit strengen Geboten für Ethisches, für Moralisches, für Gehorsam, für religiöse Achtungsgefühle dem Schüler Wissenschaft und Weisheit übergeben wurde — sonst wurde es ihnen nicht übergeben, wenn sie sich nicht diesen Bedingungen unterwarfen. Wir können für alte Zeiten das berechtigt empfinden, aber heute können wir nicht mehr aus unseren modernen, menschlichen Verhältnissen heraus eben solche Beziehungen zur Wissenschaft und Weisheit eingehen. Das verstehen diejenigen eben nicht, welche alte Weistümer, dekadente Weisheit des Morgenlandes, wiederum aufwärmen wollen. Wir brauchen heute ein anderes, und das gibt sich uns aus einer Tatsache kund, die ich in der folgenden Weise charakterisieren will.
[ 20 ] Da möchte ich zuerst fragen: Warum war es denn eigentlich, dass die alten Weisheitslehrer, bevor sie Wissenschaft und Weisheit überlieferten, ihre Schüler solch strenger Zucht, Willenszucht, Willenserziehung unterzogen? Das war aus dem Grunde, weil die Seelenverfassung der Menschen der Vorzeit eine ganz andere war, als die unsrige ist. Die äußere Geschichte, sie gibt uns ja eigentlich nur auch das Äußere der Menschheitsentwicklung. Dass in der Tat die menschliche Seele im Laufe der Zeiten gewaltige Metamorphosen durchgemacht hat, davon spricht diese äußere Geschichte heute nur außerordentlich wenig. Wir brauchen gar nicht etwa nach dem alten Indien oder nach sonstigen Gegenden des Orients zurückzugehen, sondern wir brauchen nur in die Zeiten des alten Griechenland, vielleicht in die etwas früheren und in die mittleren Zeiten des alten Griechenland zurückzublicken, und wir finden noch eine ganz andere Seelenverfassung bei den Menschen. Dasjenige, was wir den Intellekt nennen, dasjenige, worauf wir einen so großen Wert als unsere Verstandeskultur legen, das war noch nicht als ein abgesondertes Seelenvermögen bei diesem älteren Menschen ausgebildet. Bei ihnen wirkten Instinkte, Triebe, Willensimpulse, Gefühlsregungen, Gefühlskräfte aus den Tiefen der Seele herauf und durchdrangen die abstrakten Begriffe. Die Erkenntnis wirkte aus dem vollen Menschen heraus, nicht bloß aus dem Kopf heraus. Wir können uns nur eine Vorstellung machen, was für den Griechen Erkenntnis war, wenn wir auf diesen Ursprung seiner Erkenntnis aus dem vollen Menschen heraus eingehen können.
[ 21 ] Das ist in unserer Zeit anders geworden. Aus der galilei-, kopernikanischen Weltanschauung heraus und aus alldem, was damit zusammenhängt in moderner Naturauffassung, hat sich für uns einseitig das intellektuelle Leben entwickelt.
[ 22 ] Einige von Ihnen werden gewiss sagen: Dieses intellektuelle Leben wäre nicht in einer solchen Einseitigkeit da, wie ich es eben darstellen möchte. Wir experimentieren, das ist richtig. Wir haben es da zu tun mit äußeren Tatsachen und mit dem, was sie offenbaren, und nicht mit dem bloßen Intellekt. Wir beobachten gewissenhaft nach unseren Methoden in allen Reichen der Natur und im sonstigen Weltengebäude. Wir haben es nicht mit dem bloßen Intellekt zu tun. Gewiss, wir experimentieren, wir beobachten, aber indem wir das tun, wenden wir auf dieses Experimentieren und Beobachten nur unseren Intellekt an. Und wir sind geradezu darauf aus, nur dasjenige als Wissenschaft und menschliche Weisheit anzuerkennen, was an dem Experiment und der Beobachtung durch den Intellekt an solchen Naturgesetzen oder auch historischen Gesetzen gewonnen wird, das in intellektuelle Formen gebracht werden kann. Unsere ganze Seelenverfassung ist eine intellektualistische geworden. Dadurch unterscheidet sie sich von der alten Seelenverfassung.
[ 23 ] Diese alte Seelenverfassung, ihr kamen — indem sie nach Erkenntnis strebte, nicht bloß Begriffe, nicht bloß Ideen —, ihr kamen aus den Tiefen der ganzen menschlichen Organisation herauf Empfindungen, Seeleninhalte über die Weltzusammenhänge selbst. Es gab für die Alten eine Welterkenntnis, wenn sie sich überhaupt auf den Pfad der Erkenntnis begaben. Sie fühlten sich so mit der Natur verbunden, dass sie, indem sie Mineral, Pflanzen, Tiere betrachteten, indem sie den physischen Menschen betrachteten, überall zu gleicher Zeit ein Geistig-Seelisches betrachteten. Man nennt das heute Animismus, aber man kennt sehr wenig das Wesen desjenigen, um was es sich da handelt. Dieses Wesen, es besteht darin, dass in alten Zeiten der Mensch, wenn er ansah die äußere Natur, nicht nur die trockene äußere Sinneswahrnehmung vor sich hatte, sondern aus allem kam ihm ein Geistiges entgegen. Er wusste den Blitz innig verbunden mit dem, was in seinem eigenen Innern vorgeht. Er wusste die ziehenden Wolken verbunden mit dem, was in seinem Innern vorgeht. Er fühlte sich angehörig dem ganzen Weltenall. Er fühlte sich so als Glied dieses Weltenalls, wie der Finger sich an mir fühlen würde als ein Glied von mir, wenn er ein Bewusstsein hätte. Aus diesem Weltgefühl ging alle alte Erkenntnis hervor. Aber dieses Weltgefühl war nur dadurch vorhanden, dass das Selbstgefühl, selbst bei den alten Griechen noch, nicht so ausgebildet war wie unser Selbstgefühl. Das Selbstgefühl war dumpf, und deshalb sagte der alte Weisheitslehrer: Man darf die Schüler nicht einfach einführen in eine höhere Erkenntnis, zu der ein höheres Selbstgefühl unbedingt notwendig ist, denn sie würden, wenn sie unvorbereitet zu diesen Erkenntnissen kämen, in eine Art seelischer Ohnmacht verfallen. Diese seelische Ohnmacht, die sollte bekämpft werden durch die Willenszucht, die Willenserziehung.
[ 24 ] Wie ist das bei uns? Ja, das sehen wir am besten aus dem Folgenden: Wir sind heute mit Recht stolz auf dasjenige, was wir zum Beispiel über das äußere Weltengebäude wissen durch die kopernikanische Weltanschauung. Wir bekennen uns heute zu der Anschauung, die Sonne stehe im Mittelpunkt unseres Planetensystems, die Erde bewege sich mit großer Geschwindigkeit um die Sonne. Wir nennen das die heliozentrische Weltanschauung, im Gegensatz zur Weltanschauung des Mittelalters und des Altertums, welche die Erde in den Mittelpunkt unseres Planetensystems gerückt hatten, sodass sich der Mensch auf dem festen Boden der Erde, ruhend im Weltenraum fühlte und die Sonne kreisen ließ mit den anderen Planeten um die Erde. Aber schon aus der äußeren Geschichte kann man ersehen, dass dasjenige, was wir heute heliozentrische Weltanschauung nennen, nicht unbekannt war den Alten, dass es in den Weisheitsschulen nicht unbekannt war. Davon spricht die heutige Weltanschauung nicht. Aber man braucht nur bei Plutarch nachzulesen, was er über die Himmelsanschauung des Aristarch von Samos, Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums, schreibt, so wird man sehen, dass Aristarch von Samos die heliozentrische Weltanschauung verkündete, dass er die Sonne im Mittelpunkt stehen lässt des Planetensystems, dass er die Erde herumkreisen lässt um die Sonne. Aristarch von Samos verkündete nur in einer mehr äußerlich wahrnehmbaren Weise dasjenige, was in den Weisheitsschulen sonst den Schülern verkündet worden ist, nachdem sie zuerst die Vorbereitung durchgemacht hatten. Und manches andere wurde da verkündet, was wir ebenso wie die kopernikanische Weltanschauung, wie das heliozentrische Weltensystem, heute ganz in der allgemeinen Menschenbildung drinnenhaben, was wir sozusagen in der Elementarschule schon als etwas uns aneignen, das eben zu unserer allgemeinen Bildung gehört.
[ 25 ] So können wir also die merkwürdige Tatsache verzeichnen, dass die alten Weisheitslehrer dasjenige, was für uns heute gewöhnliche Schulbildung ist, den Schülern erst überlieferten, nachdem diese eine strenge Willenszucht, eine Willenserziehung durchgemacht hatten. Sie riefen in den Schülern das Bewusstsein hervor: Ihr müsst die Schwelle zur geistigen Welt überschreiten. Nach dem teilten sie ihnen Dinge mit, die bei uns heute allgemeine Bildung sind.
[ 26 ] Wir stehen gewissermaßen durch die ganz gewöhnliche menschliche Entwicklung jenseits der Schwelle. Das ist der Sinn der geschichtlichen Metamorphose, dass dasjenige, was in den alten Zeiten zum Beispiel nur nach gewaltiger Vorbereitung den Schülern gegeben worden ist, heute von jedem Kinde gelernt wird. Jedes Kind wird hinter die Schwelle heute geführt, die die Alten schilderten in der charakterisierten Weise. Warum ist das? Das ist deshalb, weil wir wiederum durch die menschheitliche Entwicklung auf eine naturgemäße Weise eine andere innere Seelenverfassung haben wie die Alten. Wir werden nicht ausgesetzt der Seelenohnmacht, der Seelenbetäubung, die in alten Zeiten gefürchtet werden musste. Wir haben durchgemacht seit Jahrhunderten als zivilisierte Menschheit durch die intellektuelle Bildung eine Verstärkung, eine Erkraftung gerade des Selbstbewusstseins. Dieses Selbstbewusstsein kann nicht dadurch, dass wir in die Welt, die für die Alten die Welt jenseits der Schwelle war, eintreten, herabgestimmt, herabgelähmt, ohnmächtig gemacht werden. Das kann es nicht. Die Alten würden etwa so gesagt haben: Wenn man überliefern wollte dem unvorbereiteten Menschen die Erkenntnis, dass die Erde sich im Raume mit großer Schnelligkeit bewegt, er würde den Boden unter den Füßen zu verlieren glauben, er würde seelisch-geistig das Gefühl haben, als ob er den Boden verlieren würde, als ob er schwindelig würde im Weltendasein.
[ 27 ] Das ist heute nicht so. Aber es steht uns dafür etwas anderes bevor. Jene Welterkenntnis, die der Alte instinktiv hatte, die geht uns heute verloren, indem wir aus der äußeren Sinnenwelt erkennen, was den Alten nur nach langer Vorbereitung gegeben wurde. Wir stehen heute vor einer anderen Schwelle. Wir lernen gerade vom gewissenhaften Naturforscher, wie geredet werden muss von «Grenzen der Naturerkenntnis», von «Ignorabimus». Wir spüren diese Erkenntnisgrenze überall, wo diese Naturerkenntnis praktisch werden muss für den Menschen. Wir spüren sie in der modernen Heilkunde, wo so schwer eine Brücke zu schlagen ist von der Pathologie zur eigentlichen Heilkunde. Wir spüren sie, wenn wir anwenden wollen die Ergebnisse unserer Erkenntnis auf das soziale Leben. Wir spüren diese Grenzen, sie sind da.
[ 28 ] An eine neue Schwelle fühlen wir uns versetzt. Diese Schwelle zu überschreiten in einer dem modernen Menschen angemessenen Weise, das macht sich Geisteswissenschaft zur Aufgabe. Deshalb geht sie aus von der intellektuellen Bescheidenheit, um dasjenige, was gerade groß geworden ist im modernen Menschen, wiederum zu seinem Maß zurückzubringen, und die menschlichen Seelenkräfte aus dem vollen Menschen herauszuentwickeln. Da knüpft Geisteswissenschaft nun an an zwei im gewöhnlichen Leben ganz bekannte Seelenkräfte, nur entwickelt sie diese weiter. Sie knüpft zunächst an an dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben das Erinnerungsvermögen nennen. Dieses Erinnerungsvermögen, was gibt es uns denn im gewöhnlichen menschlichen Dasein? Es zaubert herauf aus dem Gedächtnis dasjenige, was wir seit unserer Geburt oder einige Jahre nachher erlebt haben, was wir durchgemacht haben. Das tritt in mehr oder weniger blassen Bildern durch die Erinnerung vor unsere Seele. Dauernd wird dasjenige, was in diesem Leben vorüberhuscht. Wir wissen ja, und die moderne Wissenschaft kennzeichnet es mit großer Schärfe, dass, wenn dieses Erinnerungsvermögen nicht intakt ist, eine schwere innere Seelenerkrankung vorliegt. Diese zusammenhängende, bis zur Kindheit zurückreichende Erinnerung muss im Menschen vorhanden sein.
[ 29 ] An dieses Erinnerungsvermögen, diese Erinnerungskraft knüpfen die geisteswissenschaftlichen Methoden an. Sie machen dieses Erinnerungsvermögen zu etwas anderem, zu etwas Entwickelterem durch dasjenige, was ich in ausführlicher Weise gekennzeichnet habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft», in anderen meiner Schriften, durch dasjenige, was ich nenne Meditation oder Konzentration. Hier kann ich allerdings nur eine Richtungslinie angeben über dasjenige, was da eigentlich mit der Seele vorgehen muss, um zum unmittelbaren Erfassen des Übersinnlichen der Welt zu kommen. Der Mensch muss in hingebungsvoller Art ruhen, energisch und geduldig ruhen auf Vorstellungen, die ihm entweder angeraten werden oder die er sich selber zubereitet, indem er die Geisteswissenschaft kennenlernt. Er muss, während sonst die Vorstellungen vorüberhuschen, dauernd, wie die Erinnerung dauernd wird, aus innerer Willkür, aus völliger innerer Besonnenheit — die so groß sein muss wie dasjenige, was wir im mathematischen Denken an innerlicher Besonnenheit entwickeln —, auf überschaubaren Vorstellungen ruhen, ruhen und immer wieder ruhen. Dann wird er nach einiger Zeit eine ganz bestimmte Entdeckung machen. Er wird fühlen: Mit seinem gewöhnlichen Erinnerungsvermögen ist er abhängig von seinem Organismus. Wenn er aber das Erinnerungsvermögen weiter ausbildet zu einer ganz neuen Seelenkraft, dann wird er in eine geistig-seelische Tätigkeit versetzt, in Bezug auf welche er jetzt nicht mehr abhängig ist von seinem Organismus. Er lernt verstehen, was es heißt, Denken, Fühlen, Wollen oder ähnliche Tätigkeiten [zu] verrichten, ohne dass ihm der Leib die Unterlage dafür bietet. Er lernt außer seinem Leibe ein seelisches Leben entfalten.
[ 30 ] Ich möchte dieses seelische Leben, das der Mensch da als Geistesforscher kennenlernt, noch in einer anderen Weise charakterisieren. Wir finden das gewöhnliche Menschenleben so verlaufend, dass es wechselt zwischen Wachen und Schlafen. Der Mensch geht durch die Zustände des Einschlafens, des Schlafens und des Aufwachens hindurch. Mit dem Einschlafen wird das Bewusstsein herabgedämpft. Der Mensch wird sich dessen nicht bewusst, was er durchmacht zwischen Einschlafen und Aufwachen, weil es das nicht zeigt, was vom Willen aus den Organismus durchpulst. Das aber, was vom Willen aus den Organismus durchpulst, was die Sinne dem Menschen an Wahrnehmung bieten, das bringt der Geistesforscher dadurch zum Schweigen, dass er sich in selbstgemachte Vorstellungen vertieft. Auf den Inhalt der Vorstellungen kommt es nicht an, sondern auf die Vertiefung, dass er die Tätigkeit erstarken fühlt in sich, die aus den Tiefen der Seele herausquillt durch solches Ruhen auf Vorstellungen, solches dauernde Ruhen. Er lernt in einem Zustande sein, in dem man sonst nur im Schlafe ist. Während man aber im Schlafe ohne Bewusstsein ist, ist man da in vollbewusstem Zustand, in innerer Seelentätigkeit und Seelenregsamkeit. Nur, diese Seelentätigkeit und Seelenregsamkeit bezieht sich nicht, wie die Erinnerungsbilder des gewöhnlichen Lebens, auf Dinge, die wir durchgemacht haben in der äußeren Welt, und die jetzt nur heraufsteigen aus dem Gedächtnis, sondern diejenigen Bilder — ich nenne sie Imaginationen in den angeführten Werken —, sie lassen sich sofort erkennen als dasjenige, was abbildet eine Welt, die wir nicht zwischen der Geburt und dem jetzigen Zeitpunkte durchlebt haben, sondern eine Welt, die außer uns ist, so wie für die Sinne die Farben und Töne außer uns sind, die Wärmequalitäten außer uns sind. Wir lernen erfahren, dass die geistige Welt uns umgibt; eine geistige Welt mit wirklichen geistigen Wesenheiten; dass wir auch in der Zeit zwischen Einschlafen und Aufwachen in derselben sind. Aber jetzt lernen wir sie als eine reale Welt auch anschauen.
[ 31 ] Und indem wir dieses lernen, können wir den Blick erweitern über das Leben zwischen Geburt und Tod hinaus. Lernen wir erkennen auf elementarer Stufe, wie das Schlafleben nichts anderes ist als ein Trennen des GeistigSeelischen vom physischen Leibe — nicht räumlich, aber dynamisch, und wie, wenn der Mensch schläft, in ihm, wachsend vom Einschlafen bis zum Aufwachen, eine Begierde vorhanden ist, zurückzukehren zum Leibe —, lernen wir das beobachten durch solches inneres Schauen, wie es sich der entwickelten Erinnerungsfähigkeit ergibt, dann lernen wir die vom physischen Leibe unabhängige Seele kennen. Und wir lernen sie auch beobachten in den Zeiten, die unserer Geburt vorangegangen sind, in denen wir gelebt haben in einer geistig-seelischen Welt, aus der wir heruntergestiegen sind durch die Geburt, durch die Empfängnis in diese physisch-sinnliche Welt. Wir lernen unterscheiden zwischen dem, was in der Seele lebt als eine bloße Begierde, den im Bette liegenden Körper wieder zu durchdringen, und der ganz anders gearteten, stärkeren Kraft, die die Seele durchwellt in den Zeiten, in denen sie noch nicht empfangen oder geboren ist in einem physischen Leibe, die aber danach dennoch tendiert, in die physische Welt herunterzusteigen, um in ihr das Leben zwischen Geburt und Tod durchzumachen. Dann lernen wir erkennen als Entwicklung desjenigen Vorstellens, das wir gewonnen haben über den Moment des Einschlafens, dasjenige, was Erlebnis der Seele ist, wenn sie durch die Pforte des Todes tritt. Wir lernen erkennen, wie diese Seele, weil sie innerlich regsam ist, gerade durch die Begierde zu dem im Bette liegenden Körper getrieben wird; dadurch aber wird ihr Bewusstsein ausgelöscht. Im Tode löscht das Bewusstsein nicht aus, sondern es bleibt erhalten. Wir lernen also erkennen, dass das Auslöschen des Bewusstseins im gewöhnlichen Schlafe davon herrührt, dass das Band erhalten bleibt zwischen Seele und Leib. Lernen wir das durchschauen, so durchschauen wir auch das Geheimnis des Todes, wie wir auf die angedeutete Weise das Geheimnis der Geburt durchschauen lernen.
[ 32 ] Und so lernen wir hinblicken auf dasjenige, was uns als Mensch als unser Ewiges zugrunde liegt, was durch Geburten und Tode geht. Wir lernen erkennen die innere Kraft der Menschenseele. Wir lernen dasjenige erkennen, was uns durch den Tod führt. Wir lernen erkennen, wie die Seele, indem sie durch den Tod geführt wird, zunächst kein Band hat zu einem physischen Leibe, dass sie aber dieses Band wiederum als eine Kraft empfängt, sodass sie zu einem neuen Leben heruntersteigt. Dasjenige, was wir in der Geisteswissenschaft «wiederholte Erdenleben» nennen, es ist nicht aufgewärmte orientalische Weisheit; es ist aus den Tatsachen des geistigen Lebens, die in der Gegenwart durchschaut werden können, hervorgezogen, es ist wissenschaftlich in derselben Weise aus ihnen hervorgeholt, wie anderes durch Wissenschaft erfahren wird. Und derjenige, der davon spricht, dass mit solchen Dingen nur alte Weistümer, wie etwa die gnostischen oder orientalischen, etwa indischen Weistümer aufgewärmt werden, der soll nur gleich sagen: Wenn wir heute Geomertrie treiben, wärmen wir nur den alten Euklid auf. Nein, es wird nicht bloß etwas Historisches hervorgeholt, sondern aus ursprünglichen Erkenntnissen ist das geholt, was über solche Dinge zu sagen ist.
[ 33 ] Dann aber, wenn wir so uns selber kennenlernen, wenn wir so das Ewige der Erkenntnis erschließen, dann erschließt sich uns auch das Ewige, das Übersinnliche, das Geistige der äußeren Welt. Dann gewinnen wir ein anderes Verhältnis zur Naturforschung, als es uns sonst gegenüber der heutigen zivilisatorischen Geistesströmung möglich ist. Was gibt uns — und wenn sie ehrlich ist, kann sie uns nichts anderes geben —, was gibt uns die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung? Ihr darf das nicht zum Vorwurf gemacht werden, was ich jetzt charakterisieren werde — denn sie wird nichts anderes bieten können, wenn sie ehrlich und gewissenhaft vorgeht —, sie gibt uns ein Bild des äußeren, natürlichen notwendigen Geschehens. Sie kann nicht anders als zurückblicken in diejenigen Zeiten der Erdenentstehung, die sie erschließt aus den biologischen, aus den astronomischen Tatsachen oder aus anderen Tatsachen. Da steht am Ausgangspunkte der Entwicklung eine Nebelwelt oder dergleichen. Mag das heute auch als hypothetisch angesehen werden, die Naturwissenschaft kann zu nichts anderem kommen, als dass sich aus rein äußeren Naturgesetzen, die nur eine elementare Notwendigkeit in sich schließen, einmal der Mensch gebildet habe, dass aber der Schauplatz, auf dem sich der Mensch bildet, einstmals wie eine Schlacke in die Sonne fallen wird, dass ausgelöscht sein wird alles dasjenige, was der Mensch innerlich erlebt.
[ 34 ] Und so lernen wir dann kennen neben dem, was uns ehrlicherweise die Naturanschauung nur bieten kann, wie aus unserm Innern aufsteigt die moralische Welt, die ethischen Ideale, das ganze geistige, religiöse Leben; wir fühlen es als Wertvollstes in uns, aber wir können es nicht anknüpfen an diese äußere Welt, weil wir nirgends finden einen Zusammenhang zwischen dem Moralischen in uns und dem Physisch-Natürlichen außer uns. Wir müssen sie, wenn wir auf dem Boden der heutigen Weltanschauung bleiben wollen, als zwei nebeneinander hergehende Welten betrachten. Aber dann macht die naturwissenschaftliche Weltanschauung ihre Überzeugungskraft so geltend, dass sie doch prädominiert, dass sie dennoch sagt: Die Ideale mögen schön sein, sie müssen das sein, der Mensch muss sie als wertvoll anerkennen, aber die Welt, in der wir leben, wird doch einstmals der große Kirchhof sein, auf dem die Ideale, die jetzt für uns das Wertvollste sind, begraben werden.
[ 35 ] Durch Geisteswissenschaft, indem sie einmal hineinsieht in das Übersinnliche der Welt, indem sie wiederum Geistiges in jedem Stein, in Pflanze und Tier, in der Wolke und im Quell sieht, wie es den Alten sich enthüllt hat; dadurch, dass der Mensch selber in sich die Organe des Geistigen entwickelt hat, dass er sich selber als der geistigen Welt angehörend erkennen lernt, lernt er auch die äußere Geisteswelt in der ganzen Natur kennen. Dadurch aber kann er zurückschauen in ferne Erdenzeiten und kann sich sagen: Dasjenige, was materiell entstanden ist, in dem du heute drinnen lebst, ist aus Geistigem hervorgegangen, und dasjenige, was du heute erlebst als Materielles, es wird wiederum in der Zukunft in physische Schlacke verwandelt werden; die physische Schlacke wird abfallen, wie der Leib vom sterbenden Menschen abfällt. Aber wie die irdisch-sterbende Menschenseele in die geistige Welt eintritt, so wird dasjenige, was im Menschen, in der Menschheit lebt, in eine geistige Welt eintreten. Die materielle Welt erscheint als ein Mittelstück zwischen einer geistigen und einer anderen Entwicklung. Der Mensch aber gehört der Geistentwicklung der Urzeit und er gehört der Zukunft an.
[ 36 ] Und wir können uns heute sagen, wenn wir so den Weltenzusammenhang aus der Geisteswissenschaft, aus der wirklichen Erkenntnis des Übersinnlichen erschauen: Nicht wahr ist es, dass dasjenige, was uns als materielle Welt umgibt, in der Weise eine Zukunft hat, wie die äußere Wissenschaft, wenn sie ehrlich ist, wohl anerkennen muss. Sondern wir müssen uns sagen: Dasjenige, was äußere Natur ist, es wird abfallen von dem, was innerlich ist, und was die menschlichen Seelen in sich tragen, es wird das Geistige, dem die Menschen angehören, verlassen, wie der Körper die Menschenseele verlässt. Aber dasjenige, was heute in uns lebt als sittliche Ideale, als religiöse Erlebnisse, das wird Zukunft haben. Das wird einstmals der Erde sich entringen, wie die einzelne menschliche Seele sich dem menschlichen Leibe zur Lebendigkeit und nicht zum Tode entringt.
[ 37 ] Wenn aber der Mensch fühlen lernt: Dasjenige, was moralisch in ihm ist, es ist wie der Pflanzenkeim; wenn die Pflanze, wenn Blüten und Blätter verwelken und verdorren, der Keim bleibt für das nächste Jahr von der vorjährigen Pflanze; wir tragen in uns als Keim eine ferne Zukunft, in der auch die Erde nicht mehr sein wird; wenn alles andere, durch das wir der Erde angehören, von uns abfällt; wir tragen unsere Ideale, unsere erfüllten Pflichten, wir tragen das soziale, das religiöse Leben in uns, das der Erde sich entringt mit der Menschheit. Bedenken wir, was das bedeutet für dasjenige, was der Mensch aufnimmt als die Impulse für sein soziales Handeln. Er steht mit einem solchen Bewusstsein nicht mehr da im sozialen Leben, wie ein Einsiedler auf der Erde, der eigentlich nur denken kann: Was mir angenehm ist als Pflicht zwischen Geburt und Tod, das erfülle ich, denn die Erde ist ja nur ein Körper im Weltenraum; sie vergeht. Und wenn sie materiell vergangen ist, was soll denn aus den Idealen werden? Bleibt er treu der Naturwissenschaft, gibt er nicht vor, aus anderen Quellen etwas zu wissen, was nicht mit Naturwissenschaft vereinigt zu werden braucht, so wird er notwendig haben, das, was Ideale sind, einzufügen der natürlichen Notwendigkeit. Dank Geisteswissenschaft aber wird sein Erdenbewusstsein angefügt an das kosmische Bewusstsein. Das ist die Art, über diese Dinge zu denken, die der moderne Mensch braucht.
[ 38 ] Stellen wir uns vor das heutige soziale Leben. Wir stellen große soziale Forderungen als heutige Menschheit, allein wir haben wenig Soziales in unserer inneren Seelenverfassung. Soziale Instinkte, soziale Triebe haben wir nicht. Gerade weil wir sie nicht haben, fordern wir so viel äußerlich Soziales vom Leben. Aber alles dasjenige, was der Mensch heute als Egoismus fühlt gegenüber den sozialen Trieben, es ist ja im Grunde genommen nur eine Ausbildung des Einsiedlerbewusstseins auf der Erde, wie es der Anschauung, die rein naturwissenschaftlich ist, entspricht. Lernt man wiederum erkennen: Alles das, was du tust deinen Nächsten oder für deinen Nächsten, alles dasjenige, was du wirkst in dem Menschheitszusammenhang, das hat eine kosmische Bedeutung, eine Bedeutung weit über das hinaus, was es für den Tag ist. Verknüpft man so das Erdendasein wiederum mit dem universellen Dasein, weiß sich der Mensch wiederum drinnen im universellen Dasein, dann bekommen die sozialen Fragen andere Impulse, als sie heute haben.
[ 39 ] Daher ist es schon so, dass von drei Seiten her den Menschen etwas gegeben werden kann durch dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ausbilden will. Vorerst wird ihm gegeben eine neue Menschenerkenntnis, eine Einsicht in die übersinnlichen Gründe seines Daseins. Selbsterkenntnis wird ihm gegeben im wahren Sinne des Wortes. Er kann wiederum die Schwelle überschreiten. Die Grenzen der Naturerkenntnis, sie lassen sich überschreiten. Er kann wiederum hinüberkommen über sich; er kann wiederum eintreten in die Welt, der er mit seinem Geistig-Seelischen angehört.
[ 40 ] Das ist das eine, dass der Mensch dadurch innerlichen Halt und Sicherheit gewinnt; dass er nicht ins Bodenlose versinkt, wenn er Welterkenntnis erwerben will, wenn er nicht auf Unbekanntes blicken will jenseits des Teppichs der Sinnenanschauung. Wenn der Mensch aber so sich erkennt in seinem ganzen kosmischen Zusammenhang, dann tritt er auch dem anderen Menschen entgegen mit jener Menschenachtung, die entstehen muss, wenn man wiederum weiß: Es steht dir gegenüber ein Geistig-Seelisches mit jedem Menschen. Unser ganzes staatlich-rechtliches Leben wird auf einen anderen Boden gestellt, wenn man weiß, dass es nur dadurch einen Sinn hat, dass es die äußere Umkleidung ist desjenigen, was auf die Erde verpflanzt ist aus dem Geistigen an menschlichen Seelen, die man auch erkenntnismäßig durchschaut.
[ 41 ] Und das Dritte ist, dass das menschliche Leben eine unmittelbar religiöse Nuance erhält, wirkliche Brüderlichkeit, weil der Mensch sich so verhält, wie wir das Wort auffassen können, das wunderbare Christus-Wort: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» So sagte diejenige Wesenheit, durch die die Erde erst ihren Sinn erhalten hat, ohne die sie keinen Sinn haben würde.
[ 42 ] Aber wahr ist es, dass es so ist mit den menschlichen Idealen selber. Sie keimen, während das andere reif ist und rundherum abwelkt. Sie sind für die Zukunft. Alles das, was im Sozialen sich auslebt, ist im Grunde genommen dasjenige, was Keim ist zu Zukunftswelten; wie dasjenige, was uns heute als naturgemäße Welt, als materielle Welt umgibt, die materielle Ausgestaltung früherer moralischer Welten ist. Wenn wir das durchschauen, wird uns von drei Seiten neue Kraft zugeführt. Und von innen heraus muss sich umgestalten auch das soziale Leben.
[ 43 ] Ich habe 1913 und 1908 über anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in Holland gesprochen. Dazumal konnte ich nur hinweisen auf dasjenige, was, allerdings nicht in sektiererischer Weise oder mit dem Willen, eine neue Religion begründen zu wollen, von dieser Geisteswissenschaft angestrebt wird. Nein, das will Geisteswissenschaft nicht. Sie will Wissenschaft sein, und gerade durch ihre Wissenschaftlichkeit zu der wahren Religion, die das Mysterium von Golgatha in den Mittelpunkt der Erdenentwicklung stellt, in der rechten Weise hinführen. Ich konnte darauf hinweisen damals, wie in vielen Seelen so etwas entstanden ist wie eine Weltanschauung. Seither ist aber einiges dazugekommen. Wir konnten beginnen im Jahre 1913 in Dornach bei Basel mit dem Bau des Goetheanums, einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Dieser Bau hat allerdings mancherlei Schwierigkeiten geboten; namentlich die Zeiten der Weltkatastrophe haben auch schwere Zeiten über diesen Bau gebracht. Aber wir dürfen doch sagen: Wir konnten in diesem Herbst, trotzdem der Bau noch nicht fertig ist, und noch vieles zu seiner Fertigstellung gehört, eine Anzahl von Kursen abhalten. In diesen Kursen sollte gezeigt werden, wie in alle Wissenschaften hinein befruchtend wirken kann dasjenige, was ich Ihnen heute in den Grundzügen geschildert habe — über das Sie aber in den charakterisierten Büchern Genaueres finden können — als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Bei diesen Dornacher Herbstkursen haben gewirkt dreißig Persönlichkeiten etwa, Fachleute aus allen Wissenschaften, aus Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Jurisprudenz, Geschichte, Soziologie. Auch Künstler haben gewirkt, welche von der Geisteswissenschaft aus ihrer Kunst beleuchtet haben. Männer des praktischen Lebens, des industriellen, des kommerziellen Lebens haben mitgewirkt, um zu zeigen, wie man, wenn man im Sinne der Geisteswissenschaft denkt, nicht etwa ein unpraktischer Mensch wird, sondern wie man gerade ein praktischerer Mensch wird, als man es durch irgendeine andere Lebenspraxis der Gegenwart werden kann.
[ 44 ] Ferner habe ich im Frühling 1920 vor Ärzten und Medizinstudierenden, von denen Einzelne auch hier in Holland sind, in einem Kursus zeigen können, wie dasjenige, was Heilkunde in wahrem Sinne des Wortes genannt werden kann, wie die Medizin befruchtet werden kann von dieser Einsicht in das übersinnliche Leben. Denn dasjenige, was die äußeren Produkte des Lebens in den verschiedenen Reichen sind, wir lernen sie in ihrer inneren Natur erst kennen, wenn wir sie auch der übersinnlichen Seite nach betrachten können. Und diejenigen Menschen, die vielleicht dasjenige, was man zunächst in Weltanschauungsform über die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt, aufnehmen, sie sollten sich doch ein wenig erkundigen, wie gesprochen werden kann aus voller Sachkenntnis heraus zu den Fachleuten; wie gesprochen werden kann aus den einzelnen Fächern der Wissenschaft heraus ohne Dilettantismus und mit voller Beherrschung desjenigen, was moderne Wissenschaft ist, zur Erneuerung der Wissenschaft, gerade zur Hinausführung derjenigen Grenzen, die nicht empfunden werden theoretisch als Grenzen, sondern die empfunden werden als Grenzen, die als unbefriedigend, als ungenügend in der praktischen Wirkungsweise der Wissenschaft auf das Leben sich anzeigen.
[ 45 ] So konnten wir im Herbst dann in solcher Weise für die einzelnen Wissenschaften und Zweige des praktischen Lebens und der Kunst zeigen, wie Geisteswissenschaft überall anregend wirken kann. Und diejenigen, die zahlreich versammelt waren — bei der Eröffnung dieser Kurse waren mehr als tausend Menschen anwesend —, sie konnten sehen, was dieses Goetheanum selbst als äußerer Bau darstellt. Wenn man sonst eine solche Hochschule errichtet hat, was hätte man dann getan? Man hätte, wenn man ein besonderes Gebäude gebraucht hätte, worin man dieses oder jenes geistige Leben treiben will, oder Wissenschaft treiben will, einen Architekten gerufen; man hätte sich einen griechischen, einen romanischen, einen gotischen oder einen Renaissance-Bau entwerfen lassen oder etwas anderes. Das war nicht möglich in Dornach bei unserer freien Hochschule, dem Goetheanum. Da musste durchaus aus denselben Seelenimpulsen heraus, aus denen dort gesprochen und geforscht werden soll, auch gebaut, gebildhauert, gemalt werden. Und so sieht man in einem allerdings ersten Versuche — der erste Anhub kann nichts anderes sein — in einem neuen Baustil dieses Goetheanum aufgeführt. Denn dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, es ist nicht einseitige Kopfkultur, es ist etwas, was eingreift in alle Zweige des praktischen Lebens. Es ist etwas, was, ohne lehrhaft oder didaktisch oder symbolisch oder strohern allegorisch zu werden, befruchten wird auch künstlerisches Schaffen. Was vom Podium aus verkündet wird als Geisteswissenschaft, was da in Ideen, in Gedanken, in wissenschaftlichen Resultaten mitgeteilt wird, es kommt aus demselben Quell des Seelenlebens heraus, aus dem die Säulen gebaut sind, aus dem die Decke gemalt ist, aus dem die Figuren, die bildhauerisch verfertigt sind, entstanden sind. Man spricht das eine Mal von dem lebendigen Geistesleben durch Worte, das andere Mal durch die Formen der Baukunst oder der Bildhauerkunst oder durch die Malerei und so weiter. Geisteswissenschaft ist etwas, was aus dem vollen Menschen herauskommt, dadurch aber auch in alle Zweige des menschlichen Lebens eingreifen kann.
[ 46 ] Es haben sich sehr viele opferwillige Menschen gefunden, welche uns bisher so weit unterstützt haben, dass wir diesen Bau zu dem Punkte führen konnten, zu dem er bisher geführt worden ist. Allein mit Wehmut möchte man bekennen, dass noch vieles notwendig ist und eine große Anzahl ebenso die Sache verstehender Menschen sich finden müssen, wenn dieser Bau vollendet werden soll, die uns in der nötigen Weise unterstützen in Bezug auf die äußere Vollendung dieses Baues, wie sie sich schon gefunden haben. Aber man möchte ja, dass dasjenige, was gemeint ist mit diesem Bau, eindringlich zu den Seelen der Menschen spricht.
[ 47 ] Und wir sind nicht stehen geblieben bei demjenigen, was bloß der Dornacher Bau ist, sondern wir sind auch zu praktischen Einrichtungen geschritten vor allen Dingen auf dem Gebiete des Erziehungswesens. Und da darf ich heute nur kurz hinweisen — ich werde noch am 24. des Monats zu besprechen haben, was praktische Einrichtungen sind, die folgten aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft für das praktischen Leben selber —, da darf ich nur kurz erwähnen, dass in Stuttgart als Schöpfung Emil Molts die Waldorfschule begründet worden ist, die von mir geleitet wird nach den pädagogisch-didaktischen Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft fließen können. Diese Waldorfschule, trotzdem sie erst kurz besteht, sie hat gerade in erzieherischer Weise und im Unterricht Erfolge zu verzeichnen, von denen ich auch am 24. des Monats sprechen werde. Dann sind wir dazu geschritten, dasjenige zu bilden, was rein praktische Einrichtungen, ökonomische Einrichtungen sind aus dem Geiste der Geisteswissenschaft heraus. Denn überall soll gezeigt werden, dass diese Geisteswissenschaft nicht meint ein weltfremdes, weltenfernes Geistesleben, zu dem man aufsteigen kann, wenn einem das irdische Leben zu schlecht dünkt. Sondern Geisteswissenschaft ist so gemeint, dass man mit dem Geiste gerade sich durchdringt, um ihn in alles Materielle, auch in das ökonomisch Materielle, hineinzutragen, sodass alles durchgeistigt und damit wahrhaft praktisch wird. Über das werde ich ja noch am 24. des Monats auch manches zu sagen haben. Da werde ich sprechen über Erziehungs- und Unterrichtsfragen und über das praktische Leben vom Standpunkte anthroposophischer Geisteswissenschaft aus.
[ 48 ] Heute wollte ich nur auseinandersetzen, was die Richtung, der eigentliche Geist und Sinn dieser Geisteswissenschaft sind, und wie dann dieser Geist und Sinn der Geisteswissenschaft entgegenkommt gerade den suchenden Seelen der Gegenwart, Und so sehr man auch dieses Seelensuchen als Phantasterei, als Narretei verschrien hat, die Menschheit wird gerade erfahren müssen, aus den katastrophalen Ereignissen der Gegenwart, aus alledem, was heute so deutlich seine Niedergangs- und Ermüdungsstimmung ausspricht, aus alledem, was in der modernen Zivilisation sich ankündigt als das, was die moderne Zivilisation in Dekadenz führt, aus alledem wird die Menschheit lernen müssen, dass die suchenden Seelen auf dem rechten Wege sind — und von diesen suchenden Seelen diejenigen, welche das, was dort im Innern als das tiefste, bedeutsamste erlebt werden muss, auch im ganzen übrigen universellen Weltenall suchen; welche suchen im Geiste den Geist. Denn — meine sehr verehrten Anwesenden —, man mag den Geist verleugnen, auch aus der Verleugnung muss zuletzt durch Reaktion dasjenige hervorgehen, was dann die Überzeugung hervorruft: Die Menschheit kann auf die Dauer ohne Geist nicht sein, denn die innersten Tiefen der Seele, sie brauchen den Geist! Und dasjenige, was so die Seelen brauchen, das möchte, allerdings heute noch mit schwachen Kräften, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft suchen.
[ 49 ] Fragenbeantwortung
[ 50 ] Frage: Ist es wirklich hemmend, nach alter Weisheit zu suchen im Sinne der früheren Zeiten, weil wir innerhalb der gegenwärtigen Zivilisation andere Menschen geworden sind?
[ 51 ] Rudolf Steiner: Das ist durchaus so, meine sehr verehrten Anwesenden. Es ist ja heute vielfach die Sehnsucht nach Erneuerung alter Weisheit vorhanden. Wenn man mit so etwas vor die Menschheit hintritt, wie es die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, die aus den unmittelbaren Quellen des heutigen Seelenlebens selbst herausschöpft, und dadurch, rein äußerlich betrachtet, zu manchem kommt, was ähnlich ist dem, was auch den Alten bekannt war, so ist es so, dass dann die Leute kommen und sagen: Warum denn das Alte nicht? Dass sich viele Menschen nichts anderes denken können, das widerspricht durchaus dem Sinn der Menschheitsentwicklung.
[ 52 ] Betrachten wir die Sache einmal von einem Gesichtspunkte aus, der einem vieles erläutern kann: Nehmen wir an, irgendjemand wollte unbeschadet dasjenige, was ich eben jetzt gesagt habe, einfach dadurch Befriedigung für seine Seele suchen, dass er, sagen wir, alt-indische Weisheit in der modernen Yoga-Philosophie oder den Inhalt der Vedanta-Philosophie anwendet, was würde sich dieser Seele ergeben? Etwas würde sich ergeben, was einfach mit dem, was heute diese Seele geworden ist, in Wirklichkeit doch nicht vereinbar ist, was nicht ganz erlebt werden kann von dieser Seele des heutigen Menschen. Es ist dann so, dass der Mensch glaubt, er habe etwas mit dieser alten, aufgewärmten Weisheit, aber er bekommt nicht wirklichen Seeleninhalt, sondern er bekommt einen Seeleninhalt, den er nicht durchdringen kann, an dem er sich eigentlich nur berauscht. Solches Berauschen finden wir bei den Menschen, die sich in Gesellschaften zur Erneuerung alter Weisheit vereinigen. Es tritt dann eine gewisse innere Unwahrhaftigkeit in der Seele auf. Man glaubt, etwas zu haben, aber man kann es doch nicht haben. Und diese innere Unwahrhaftigkeit, das ist etwas, was, auch wenn es gar nicht gewollt wird, wenn es selbst in der redlichsten, bewusst redlichsten Weise von der Seele angestrebt wird, doch zerstörerisch auf das Seelenleben des Menschen wirkt. Es höhlt eher aus, als dass es mit einem wirklich befriedigenden Inhalte erfüllt.
[ 53 ] Man kann auch sagen: Die Menschen haben es heute, auch wenn sie nicht teilnehmen an einem wissenschaftlichen Leben, schon durch dasjenige, was in der Schule aufgenommen wird, zu einer bestimmten Art des Selbstbewusstseins gebracht. Dieses Selbstbewusstsein, das wird herabgedämpft, herabgestimmt, wenn man eine alte Weltanschauung, trotz ihrer Schönheit, in sich aufnimmt. Man dämpft das Bewusstsein herab und kommt nicht zu einem wirklichen Begreifen, sondern zu einem Phantasieren, wenn es auch manchmal einem Träumen eher ähnlich sieht. Es ist nicht Realität in einer solchen Seele, die so etwas Altes aufnimmt. Das sind Dinge, die nur aus der Erfahrung gesprochen werden können. Theoretisch kann man natürlich glauben, das, was in alten Zeiten für den Menschen das Rechte war, müsse es auch heute noch sein. Aber ich muss sagen, man findet selten über diesen Punkt das richtige Verständnis.
[ 54 ] Ich war einmal hoch erfreut, als mich in Berlin ein amerikanischer Geistlicher, der sich viel mit Geisteswissenschaft beschäftigt hat, besuchte. Er ist leider schon gestorben, trotzdem er noch ein junger Mann war, und so aus seinem Wirken in Amerika herausgerissen worden. Er sprach mich gleich mit folgenden Worten an. Er sagte: «Sie reden heute von dem, was Sie als anthroposophische Geisteswissenschaft vertreten, was in Ihren Büchern steht, zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft,, in den <«Kernpunkten der sozialen Frage> oder sonst in sozialer Anschauung, von dem, was als Impulse kommen soll in die Welt. Glauben Sie, dass dasjenige, was Sie jetzt geben, seinem Inhalte nach, so wie Sie es jetzt geben, dauernd bleiben muss?» Ich sagte, in dem ich sehr gut bemerkte, dass er gerade auf dem richtigen Wege war: «Das glaube ich nicht. Ich bin durchdrungen von der Anerkenntnis der Menschheitsentwicklung, dass der Geist zwar lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass aber das, was wir an Begriffen in unserem ganzen, vollen Menschentum ausprägen über den Geist, sei es in Religion, Wissenschaft oder Kunst, in voller Entwicklung ist.» Und so glaube ich, dass das, was ich als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vortrage, das Richtige für die Gegenwart ist, dass es aber gerade deshalb das ist, weil es sich nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit — die Zeiten gehen ja immer rascher — ganz verändert haben wird, ganz andere Metamorphosen annehmen wird. Gerade aus dieser Frage sah ich, dass ich von diesem Amerikaner recht gut verstanden wurde. Diese Empfindung muss man haben gegenüber dem, das liegt in der Menschheitsentwicklung. Frage: Aus welchen Gründen nehmen Sie an, dass in früheren Schulen nicht mehr gelehrt wurde, als heute bekannt geworden ist?
[ 55 ] Rudolf Steiner: Das habe ich nicht gesagt. Es wurde in früheren Schulen sehr viel anderes gelehrt, als was jetzt bekannt geworden ist. Denn ich glaube, dass in den weitesten Kreisen sogar unbekannt ist dasjenige, was ich heute gesagt habe über den Unterricht in den alten Schulen. Was heute bekannt ist — in der Hauptsache im Duktus —, in der heutigen Richtung der Weltanschauungsfragen, das ist heute allgemeine Bildung. Das ist das Bedeutsame. Ich habe in einem Beispiel angeführt die heliozentrische Weltanschauung, man könnte sehr viele solcher Beispiele anführen. Geht man zurück in alte Kulturen, dann findet man überall — allerdings muss man erst die Sprachen der alten Kulturen verstehen und hinauskommen über das Vorurteil, als ob der primitive Mensch sich irgendwelche Weltanschauung zusammendichte und nicht seine Erfahrungen sprechen ließe —, man findet überall einen Inhalt der alten Weltanschauungen, vor dem man Achtung bekommt, immer mehr und mehr Achtung bekommt. Gerade indem man alte chaldäische Weltanschauungsideen kennenlernt und sonstige Blüten alter Seelenverfassungen, der indischen, der ägyptischen, der griechischen Weltanschauung in ihrer wahren Gestalt, in ihren tieferen, vollmenschlichen Impulsen, bekommt man eine große Achtung vor dem Alten. Aber man lernt dann auch kennen jene Seelenerfahrungen, wenn man Geistesforscher ist. Es ist ja wirklich nicht so, dass man die Dinge aus der Phantasie heraus produziert. Ich muss sagen: Ich habe begonnen mit manchem, was ich heute vortrage in Bezug auf die Forschungen, vor dreißig, fündunddreißig Jahren, und erst seit wenigen Jahren wage ich, diese Dinge auszusprechen, weil ich mittlerweile daran gearbeitet habe. Alles das, was ich über den dreigliedrigen Menschen in meinen Buche «Von Seelenrätsel» gesagt habe, geht auf eine dreißig- bis fündunddreißigjährige Forschung zurück. Da kommt man dann auf manche Dinge, die allerdings dann in der modernen Art erforscht sind, mit denen man zusammenhängt in Gemäßheit des modernen Seelenlebens, die aber in gewisser Weise aus dumpfen Instinkten eines für uns nicht mehr brauchbaren Seelenlebens in alten Weistümern vorhanden waren. Dann geht einem ein großartiger Respekt vor dem auf, was die Alten auf ganz andere Weise errungen haben, was wir heute wiederfinden, was wir aber heute auf eine ganz andere Weise suchen müssen.
[ 56 ] Und ich möchte sagen: Dasjenige, was den Alten aus Instinkt aufgegangen ist, das ist unserem Instinkt verloren gegangen. Dasjenige aber, was sie sich errungen haben jenseits der Schwelle, das ist Ergebnis unserer gewöhnlichen Erziehung. Wir müssen aus einem entwickelten Bewusstsein heraus wiederum das entwickeln, was die Alten aus ihrem Instinktleben heraus als Welterkenntnis gehabt haben. Das sind tiefe Zusammenhänge. Die äußere Geschichte spricht eigentlich auf jedem Blatt davon, wenn man die äußere Geschichte zu lesen versteht und sich nicht begnügt mit irgendwelchen bloß übernommenen Wortbedeutungen.
[ 57 ] Zum Beispiel dasjenige, was indische Weisheit ist, man kann es so übersetzen, wie Deussen es übersetzt hat. Dann bekommen aber diejenigen, die solche Übersetzungen erhalten, keine Vorstellung von dieser indischen Weisheit. Man kann sich aber auch mit dem Geiste durchdringen, dann lernt man erkennen, dass in den alten indischen Weisheitsschulen auf Grundlage der YogaPhilosophie Dinge gefunden wurden, die wir auf anderer Weise suchen müssen, und auf diese Weise kommt es an. Wir lernen erkennen, wie sich die Leute sagten: Wenn wir von unserem gewöhnlichen Bewusstsein ausgehen, hängen wir mit der Welt nicht sehr zusammen. Wenn wir aber ausgehen von den Dingen, die uns mehr geben als die Sinneswahrnehmungen, wenn wir uns vertiefen in den Atmungsprozess, dann geht uns, indem wir innerlich organisch das Atmen verfolgen, der Sinn der Welt in ganz anderer Weise auf. Das wurde dann verzeichnet, was als Sinn der Welt auf diese Weise aufging. Wir können nicht mehr diese Yoga-Schulen erneuern, und tun wir es, so verkümmern wir den Organismus. Denn das, was den Leuten aufgegangen ist, das ist in den Hauptzügen heute allgemeine Menschenbildung. Wir müssen etwas anderes tun. Wir müssen dasjenige, was wir uns vollkommener angeeignet haben als die Alten, die intellektuelle Kultur, vertiefen, sodass wir den Intellekt hineinpflanzen in das Gefühls- und Willens-Impulsleben; so gelangen wir tiefer in die menschliche Natur und in die Natur überhaupt. Wir kommen auf diese Weise zum Geistigen. Wir müssen einen anderen, einen seelisch-geistigen Weg gehen. Und indem man weiß, was eigentlich der Weg indischer Weltanschauung war, lernt man erst dasjenige verstehen, was in den Schriften mitgeteilt ist. Dann kann man immer, wenn man eine übersinnliche Wahrheit später auf andere Weise entdeckt, sie in ihrer früheren Gestalt verstehen, wenn auch das Umgekehrte nicht der Fall ist. Aus solchen Erkenntnissen ergibt sich das, was ich gesagt habe über die Beziehungen desjenigen, was heute allgemeine Menschheitsbildung ist, zu demjenigen, in das die alten Schüler eingeweiht wurden, initiiert worden sind.
[ 58 ] Es ist durchaus nicht möglich, in einem Vortrag, der ja schon zu lange gedauert hat, mehr zu geben als die Richtlinien. In der Literatur werden Sie aber finden, dass jede Behauptung, die in einem solchen Vortrage getan wird, auf ihre Beweisgründe hin immer wiederum umgewendet worden ist, und dass es schon so ist, dass die meisten Einwände, die gemacht werden, sich der Geistesforscher in der mannigfaltigsten Weise schon selbst gemacht hat.
[ 59 ] Das ist dasjenige, was ich sagen wollte über die Berechtigung eines solchen Urteils, wie ich es abgegeben habe. Es ist aus den apologetischen Überlieferungen durchaus möglich zu sagen, dass es so ist, wie ich es an dem einen Beispiel des Aristarch von Samos und der heliozentrischen Weltanschauung auseinandergelegt habe.
