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Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c

23 Februar 1921, The Hague

4. Die Anthroposophische Geisteswissenschaft und die grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer über ein solches Thema spricht, wie dasjenige ist des heutigen Abends und dasjenige, über das ich am 27. des Monats sprechen werde, der muss sich gerade gegenüber dem Geistesleben der Gegenwart bewusst sein, dass es zahlreiche Seelen heute gibt, welche sich nach einem neuen Einschlag, nach einer Auffrischung und Metamorphose wichtiger Teile unseres ganzen zivilisatorischen Lebens sehnen, heraus aus manchem, was heute deutlich das Kennzeichen an sich trägt, dass, wenn es fortgesetzt würde, die Menschheit in den Niedergang der Zivilisation geführt würde, heraus aus manchem, was zivilisatorische Strömung seit ein, zwei oder mehr Jahrhunderten ist. Das finden wir gerade bei denjenigen Seelen, die in der Gegenwart versuchen, am tiefsten in ihr eigenes Inneres hineinzublicken. Wir können sagen: Dasjenige, was über die übersinnlichen Welten zu sagen ist, es kann jederzeit zu jeder Menschenseele gesprochen werden. Es kann gesprochen werden, man möchte, um ein Extrem zu nennen, sagen, zu dem Einsiedler, der sich ganz von der Welt zurückgezogen hat und nur noch an seiner allernächsten Umgebung Interesse hat; es kann auch gesprochen werden zu Persönlichkeiten, die voll darinnenstehen im Leben. Denn dasjenige, um was es sich handelt, ist ja durchaus eine ganz allgemein menschliche Angelegenheit.

[ 2 ] Aber nicht von diesen Gesichtspunkten aus allein, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte ich zu Ihnen heute und am 27. sprechen, sondern ich möchte zu Ihnen sprechen von jenem Gesichtspunkte aus, der sich ergibt, wenn man die hauptsächlichsten zivilisatorischen Fragen der Gegenwart auf seine Seele wirken lässt. Und da finden gerade führende Seelen manches, was sie im tiefsten Innern erschüttert, was sie im tiefsten Innern zur Sehnsucht nach einer Erneuerung gewisser Partien des Geisteslebens treibt.

[ 3 ] Wenn wir dasjenige überblicken, worin wir als in dem geistigen Leben der Gegenwart stehen, so können wir es zurückführen auf zwei Hauptfragen, möchte ich sagen. Die eine leuchtet von dem wissenschaftlichen Leben her, von jener Gestalt des wissenschaftlichen Lebens, die innerhalb der zivilisierten Welt seit drei bis vier Jahrhunderten zu verzeichnen ist. Die andere dieser Fragen leuchtet her unmittelbar von der Lebenspraxis, aber auch von jener Lebenspraxis, die von der neueren Wissenschaft ihre tiefsten Einflüsse erfahren hat.

[ 4 ] Sehen wir uns zuerst dasjenige an, was die neuere Wissenschaft heraufgebracht hat. Ich möchte, gerade um nicht missverstanden zu werden, sagen, dass dasjenige, was ich hier vertrete als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, durchaus in keinen Gegensatz gebracht werden sollte zu demjenigen, was moderner Wissenschaftsgeist ist. Die großen Triumphe und die bedeutsamen Ergebnisse dieser modernen Wissenschaftlichkeit, sie sollen gerade von der hier gemeinten Geisteswissenschaft ganz voll anerkannt werden. Allein gerade aus dem Grunde, weil diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mit unbefangener Seele eindringen will in den Geist dieser Wissenschaft, muss sie über dasjenige hinausgehen, was heute von diesem Wissenschaftsgeiste aus Gegenstand einer allgemeinen Menschheitsbildung geworden ist. Über vieles in der menschlichen Umgebung gibt diese Wissenschaft in ihren speziellen Disziplinen eine genaue, eine gewissenhafte Auskunft. Wenn aber dann die Menschenseele nach ihren höchsten Angelegenheiten frägt, nach demjenigen, was ihre tiefste, ihre ewige Bestimmung ist — sie kann innerhalb dieses Wissenschaftsgeistes eine Auskunft doch nicht erhalten, gerade dann nicht erhalten, wenn sie ganz ehrlich und ganz unbefangen mit sich zurate geht. Und daher finden wir heute zahlreiche Seelen, welche aus mehr oder weniger religiösen Bedürfnissen heraus sich sehnen nach einer Erneuerung alter Weltanschauungen.

[ 5 ] Dasjenige, was äußere Wissenschaft ist, insbesondere anthropologische Wissenschaft, die macht ja heute schon in einer gewissen Weise darauf aufmerksam, wie unsere Vorfahren vor Jahrhunderten das nicht gekannt haben, was heute die Menschenseelen zerspaltet und zerklüftet: eine gewisse Disharmonie zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und religiöser Empfindung, religiöser Sehnsucht. Wenn man zurückblickt in alte Zeiten, es waren dieselben Menschheitsträger, welche eine allerdings uns heute kindlich erscheinende Wissenschaft, aber eben nur kindlich erscheinende Wissenschaft pflegten, und welche aus dieser Wissenschaft heraus zu gleicher Zeit den religiösen Geist in der Menschheit anfachten. Einen Zwiespalt zwischen diesen zwei Geistesströmungen gab es nicht.

[ 6 ] Nach so etwas sehnen sich zahlreiche Seelen heute zurück. Allein man kann doch nicht sagen, dass eine Erneuerung, sei es alter chaldäischer Weisheit, alter ägyptischer, alter indischer oder sonstiger Weisheitslehren, dem heutigen Zeitalter einen besonderen Segen bringen würde. Wer das glaubt, der verstünde nicht im rechten Sinn den eigentlichen Geist der Menschheitsentwicklung. Die Menschheitsentwicklung ist durchaus so, dass jedem Zeitalter ein besonderer Charakter eigen ist, dass in jedem Zeitalter die Menschenseelen von etwas anderem befriedigt sein wollen. Und dasjenige, was wir einfach dadurch, dass wir im 20. Jahrhundert stehen, unsere Erziehung aus dem 20. Jahrhundert herausbekommen haben, für unsere Seelen bedürfen, es muss etwas anderes sein als dasjenige, was die Menschen einer grauen Vergangenheit für ihre Seelen gebraucht haben. Daher kann der Gegenwart nicht frommen eine Erneuerung alter Weltanschauungen. Aber orientieren kann man sich an demjenigen, was alte Weltanschauungen waren. Man wird dann sehen, woraus eigentlich die Befriedigungen, welche die Menschenseelen innerhalb jener alten Weltanschauungen gehabt haben, geflossen sind. Da muss man sagen: Diese Befriedigung floss den Menschenseelen dazumal daraus, dass sie im Grunde genommen ein ganz anderes Verhältnis zur wissenschaftlichen Erkenntnis hatten, als wir es heute haben.

[ 7 ] Auf eine Erscheinung, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte ich hinweisen. Weist man heute auf sie hin, so wird man ja sehr leicht der Paradoxie, der Phantastik geziehen, Allein man muss schon vieles sagen, was vielleicht noch vor wenigen Jahren zu sagen gegenüber der allgemeinen Bildung höchst gefährlich gewesen wäre. Denn die letzten katastrophalen Jahre haben doch immerhin einen Umschwung des Gedanken- und Empfindungslebens gebracht. Und besser als noch vor zehn Jahren sind heute schon die Seelen vorbereitet darauf, dass die tiefsten Wahrheiten dennoch zunächst vor den Denkgewohnheiten, vor den Empfindungsgewohnheiten einen paradoxen, einen phantastischen Charakter tragen können.

[ 8 ] Von etwas hat man in alten Zeiten gesprochen, das heute gerade gegenüber der wissenschaftlichen Erkenntnis kaum schon infrage kommt, von dem man aber wiederum sprechen wird, wahrscheinlich auch innerhalb der allgemeinen Bildung, in verhältnismäßig recht kurzer Zeit: von dem Hüter der Schwelle, von der Schwelle aus der gewöhnlichen Welt, in der wir im alltäglichen Leben stehen, in der wir mit der gewöhnlichen Wissenschaft stehen, zu jener höheren Welt hin, in welcher der Mensch erkennen kann, wie er selbst mit seiner übersinnlichen, inneren Wesenheit einer übersinnlichen Welt angehört. Zwischen diesen zwei Welten, der Welt, die der Mensch mit seinen Sinnen wahrnimmt, deren Tatsachen er mit seinem Verstande kombinieren kann zu Naturgesetzen, und derjenigen Welt, der der Mensch mit seiner eigentlichen Wesenheit angehört, sah man in jenen alten Zeiten einen Abgrund. Über diesen Abgrund musste man erst hinüberkommen. Nur diejenigen durften innerhalb der alten Zivilisationen diesen Abgrund überschreiten, welche von den Leitern der damaligen Erziehungsanstalten, die wir heute Mysterien nennen, in einer intensiven Weise dazu vorbereitet waren. Heute haben wir andere Ansichten über das Vorbereiten zur Wissenschaft und zu einem Leben in der Wissenschaftlichkeit. In jenen alten Zeiten sagte man sich: Ein unvorbereiteter Mensch darf die höheren Erkenntnisse über das Wesen des Menschen überhaupt nicht empfangen. Warum sagten sie dieses?

[ 9 ] Warum dies so war, sieht nur derjenige ein, der über die gewöhnliche Geschichtserkenntnis hinaus sich eine Anschauung verschafft über dasjenige, was die Menschenseele im Laufe der Menschheitsentwicklung durchgemacht hat. Man hat ja im Grunde genommen heute nur eine Geschichtserkenntnis über die Äußerlichkeiten der Menschheitsentwicklung. Man sieht nicht hin auf die Seelenverfassung. Man sieht zum Beispiel nicht auf die Seelenverfassung der Menschen, die gestanden haben in jener uralten orientalischen Weisheit, von der heute nur noch dekadente Formen drüben im Oriente leben. Man hat im Grunde genommen gar keine Vorstellung davon, wie anders die Seelen dazumal in der Welt gestanden haben. Die Menschen sahen dazumal, geradeso wie wir, mit ihren Sinnen die sie umgebende Natur; sie kombinierten in einer gewissen Weise auch dasjenige, was sie von der Natur sahen, mit ihrem Verstande. Allein sie fühlten sich nicht so getrennt von der sie umgebenden Natur, wie sich die Menschen heute fühlen. Sie fühlten in sich ein Geistig-Seelisches. Sie fühlten diese menschliche Leibesorganisation erfüllt von einem Geistig-Seelischen. Aber sie fühlten ein Geistig-Seelisches auch in Blitz und Donner, in den dahinziehenden Wolken, im Mineral, in der Pflanze, im Tier. Sie fühlten dasjenige, was sie innerhalb ihrer selbst vermuteten, auch draußen in der Natur, im ganzen Weltenall. Geistig-seelisch durchdrungen war ihnen das ganze Weltenall.

[ 10 ] Dafür hatten sie etwas anderes nicht, was wir Menschen der heutigen Zeit innerhalb unserer Seelenverfassung haben: Sie hatten nicht ein so ausgesprochenes, intensives Selbstbewusstsein, wie wir es haben. Ihr Selbstbewusstsein war dumpfer, träumerischer als unser heutiges. Selbst noch innerhalb der griechischen Zeit war das der Fall. Man versteht eigentlich nur höchstens die spätere griechische Kultur, wenn man die Seelen der Menschen innerhalb der Griechenzeit sich in derselben Verfassung denkt, wie unsere Seelen sie haben. In der früheren griechischen Kultur kann gar nicht die Rede sein von einer solchen Seelenverfassung, wie es die unsrige ist. Da war durchaus noch ein dumpfes Fühlen des Menschen innerhalb der Natur. Ich möchte sagen: Wie wenn mein Finger ein Bewusstsein hätte und wie er sich dann eins fühlen würde mit meinem ganzen Organismus, wie er sich nicht denken könnte abgetrennt von meinem Organismus, ohne den er ja absterben würde, so fühlte sich der Mensch innerhalb der ganzen Natur drinnen, [ungetrennt] von ihr.

[ 11 ] Und jene alten Weisen, die die Leiter jener Schulen waren, von denen ich gesprochen habe, die sagten sich: Das ist das Moralische im menschlichen Selbstbewusstsein. Dieses Selbstbewusstsein aber, das darf nicht die Welt ansehen so, dass sie ihm geistentleert, seelenlos erscheint. Wenn diese Seelenverfassung sich gegenüber wüsste einer geistleeren Welt — einer Welt, wenn ich jetzt das hinzufüge, wie wir sie in unserer Wissenschaft, in unserem alltäglichen Leben erfassen —, es würden die Seelen der Menschen von einer seelischen Ohnmacht befallen werden.

[ 12 ] Diese seelische Ohnmacht, die sahen herankommen die alten Weisheitslehrer bei denjenigen Menschen, welche hinkommen sollten zu einer solchen Weltauffassung, wie wir sie haben. Ja, kann man denn überhaupt davon sprechen, dass diese alten Weisheitslehrer sich sagten, die Seelen dürften nicht zu einer solchen Weltanschauung kommen, von der wir sagen, dass wir sie selbst heute haben? Ja, das kann man sagen. Und dafür möchte ich Ihnen ein Beispiel geben. Man könnte viele Beispiele anführen, aber ich will eines herausheben.

[ 13 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wir sind heute mit Recht befriedigt davon, dass wir nicht mehr in mittelalterlicher Weise das äußerlich-räumliche Weltengebäude nur nach dem äußeren Augenschein auffassen. Wir stehen auf dem Standpunkte der kopernikanischen Weltanschauung, die eine heliozentrische ist. Der Mensch des Mittelalters glaubte, die Erde ruhe im Mittelpunkt des Planetensystems, überhaupt des ganzen Sternensystems, die Sonne mit den anderen Sternen bewege sich um die Erde herum. Geradezu eine Umkehrung aller Verhältnisse wurde durch das heliozentrische Sonnensystem bewirkt, und an dieser Umkehrung halten wir heute fest als an etwas, was wir schon aufnehmen in unserer gewöhnlichen Schulbildung, in dem wir drinnenstehen mit unserer ganzen Bildung. Wir sehen zurück auf die Menschen des Mittelalters, wir sehen zurück auf die Menschen des Altertums, welche in ihrem ptolemäischen Weltensystem dasjenige gesehen haben, was ich eben charakterisiert habe, das geozentrische. Aber keineswegs haben alle Menschen in jenen alten Zeiten bloß das geozentrische Weltensystem angenommen. Man braucht ja — schon die äußere Geschichte zeigt uns das, Geisteswissenschaft macht es völlig klar —, man braucht nur bei Plutarch nachzulesen über dasjenige, was er über das Weltensystem eines alten griechischen Weisen der vorchristlichen Zeit, des Aristarch von Samos, sagt. Dieser Aristarch von Samos versetzt schon die Sonne in den Mittelpunkt unseres Planetensystems; er lässt die Erde um die Sonne kreisen. Und wenn wir, allerdings nicht in den Einzelheiten, über die ja die neuere Naturwissenschaft so Großes gebracht hat, aber in den Hauptzügen, das heliozentrische System des Aristarch von Samos nehmen, so stimmt es im Grunde genommen vollständig mit demjenigen überein, das heute das unsrige ist.

[ 14 ] Was liegt da eigentlich vor? Nun, dasjenige Weltensystem, das Aristarch von Samos nur ausgeplaudert hat, das war dasjenige, was in alten Weisheitsschulen gelehrt worden ist. Äußerlich wurde den Menschen das Weltensystem des Augenscheins gelassen. Warum war das so? Warum ließ man ihnen dieses Weltenbild des Augenscheins? Nun, man sagte sich: Bevor ein Mensch zu diesem heliozentrischen Weltensystem vorschreitet, muss er erst die Schwelle zu einer anderen Welt überschreiten, als die Welt ist, in der er lebt. Er ist behütet in seinem gewöhnlichen Leben von dem unsichtbaren Hüter der Schwelle, unter dem sich diese Alten ein sehr reales, wenn auch übersinnliches Wesen vorstellten. Er ist behütet davor, dass ihm plötzlich die Augen so aufgehen, wie wenn er die Welt sehen würde, entseelt, entgeistigt. Denn entseelt und entgeistigt sehen wir heute die Welt, Wir sehen sie an, bilden uns unsere Naturanschauung über das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, wir sehen sie entseelt und entgeistigt. Wenn wir auf der Sternwarte mithilfe des Teleskops, mithilfe der Berechnungen uns Vorstellungen bilden über den Weg, über die Bewegungen der Himmelskörper, wir sehen die Welt entseelt und entgeistigt. Dass man die Welt auch so sehen kann, das wussten die alten Weisheitslehrer der Mysterien. Sie übermittelten nach der Vorbereitung, nachdem sie ihre Schüler am Hüter der Schwelle vorbeigeführt hatten, diese Erkenntnisse, aber sie bereiteten die Schüler vor durch eine strenge Willenszucht. Wodurch wurde diese Willenszucht den Schülern gegeben? Indem die Schüler durch Entbehrungen geführt worden sind, aber auch indem die Schüler durch lange Jahre hindurch angehalten wurden, in strengem Gehorsam zu folgen einer reinen Moral, die ihnen von den Weisheitslehrern vorgeschrieben wurde. Der Wille sollte streng in Zucht genommen werden, und diese Willenszucht sollte erstarken das Selbstbewusstsein. Und wenn die Schüler hinausgekommen waren über das träumerisch-dumpfe Selbstbewusstsein zu einem intensiveren Selbstbewusstsein, dann wurde ihnen erst gezeigt, was für sie jenseits der Schwelle lag: Diejenige Welt, die im heliozentrischen Weltensystem für den äußeren Raum vorliegt; aber auch manches andere, was wir heute als den Inhalt unserer ganz gewöhnlichen Weltanschauung anerkennen, wurde ihnen gezeigt.

[ 15 ] Also das lag vor, dass man die Schüler jener alten Zeiten erst vorbereitete, sorgsam vorbereitete, bevor man ihnen übermittelte dasjenige, was bei uns heute sozusagen jeder Schulknabe und jedes Schulmädchen aufnimmt. So ändern sich die Zeiten, so ändern sich die Zivilisationen. Man bekommt einfach eine falsche Vorstellung von der Entwicklung der Menschheit, wenn man nur die äußere Geschichte kennt, nicht diese Geschichte der menschlichen Seele.

[ 16 ] Was hatten die Schüler der alten Weisheitsschulen mitgebracht bis zu ihrer Schwelle in die übersinnliche Welt? Sie hatten mitgebracht eine instinktive Welterkenntnis, die ihnen gewissermaßen aufging aus den Instinkten, aus den Trieben ihres Leibes. Durch die sahen sie — man nennt das heute Animismus — alles Äußere beseelt und durchgeistigt. Sie fühlten die Verwandtschaft des Menschen mit der Welt. Sie fühlten ihren Geist im Geiste der Welt drinnenliegend. Aber um die Welt hier so zu sehen, wie wir sie heute sehen lernen schon in der Elementarschule, mussten diese Alten vorbereitet werden.

[ 17 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man redet in allen möglichen Literaturen, die sich dilettantisch über Mystik hermachen, auch wenn sie manchmal sich einen gelehrten Anschein geben, allerlei über den Hüter der Schwelle, über die Schwelle in die geistige Welt. Und sie finden oftmals umso mehr Glauben, je mehr nebulose Mystik man über diese Dinge ausgießt.

[ 18 ] Das, was ich Ihnen jetzt dargestellt habe, das ist dasjenige, was sich dem unbefangenen Geistesforscher gerade über dasjenige ergibt, was die Alten die Schwelle genannt haben in die geistige Welt. Nicht jene nebulosen Dinge, von denen heute manche Orden und manche Sekten und dergleichen sprechen, wurden jenseits der Schwelle aufgesucht, sondern gerade dasjenige, was bei uns heute allgemeine Bildung ist. Aber wir sehen daraus zu gleicher Zeit, dass wir der Welt mit einem anderen Selbstbewusstsein gegenüberstehen. Das fürchteten gerade jene alten Weisheitslehrer, dass ihre Schüler, wenn sie nicht erst das Selbstbewusstsein durch Selbstzucht erstarkt erhalten hätten, seelisch ohnmächtig geworden wären, wenn sie zum Beispiel aufgenommen hätten die Vorstellung: Die Erde steht nicht still, sondern sie kreist mit großer Geschwindigkeit um die Sonne herum; man kreist mit der Erde um die Sonne herum. Dieses Verlieren des Bodens unter den Füßen, das hätten die alten Menschen nicht ertragen, das hätte ihnen das Selbstbewusstsein bis zur Ohnmacht herabgedämpft. Wir lernen das von Kindheit auf ertragen. Wir leben gewissermaßen in der Welt als unserer Bildungswelt drinnen, in welche die Alten erst nach sorgsamer Vorbereitung einzudringen hatten.

[ 19 ] Dennoch, zurücksehnen dürfen wir uns nicht nach den Zuständen der alten Zivilisationen. Sie [passen nicht mehr zu demjenigen], was heute unsere Seelen fördert. Dasjenige, was ich Ihnen heute vortrage als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, es ist weder eine Erneuerung alter gnostischer Lehren noch eine Erneuerung alter orientalischer Weisheit, was alles heute nur als etwas Dekadentes an die Menschenseelen herangebracht werden könnte. Es ist etwas, was durch elementarische Schöpferkraft aus dieser menschlichen Seele heraus heute gefunden werden kann auf den Wegen, die ich Ihnen sogleich angeben werde. Vorerst aber möchte ich noch darauf aufmerksam machen, dass wir in gewisser Weise auch wiederum sprechen können von einer Schwelle in die übersinnliche Welt, oder überhaupt in eine andere Welt hinein als diejenige des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft ist.

[ 20 ] Die Alten, sie vermuteten eine andere Welt, als ihnen im Alltagsleben gegeben war jenseits der Schwelle. Was aber hören wir gerade von unsern gewissenhaften Naturforschern, von denjenigen, die am meisten in bezug auf ihre Methoden recht haben? Wir hören, dass die Naturwissenschaft uns vor Grenzen der Erkenntnis stellt. Wir hören von «Ignorabimus» und dergleichen, und zwar — das muss betont werden — innerhalb der Naturwissenschaft mit vollem Rechte. Wenn den Alten fehlte das intensive Selbstbewusstsein, das wir heute haben, so fehlt uns etwas anderes.

[ 21 ] Wodurch haben wir denn überhaupt dieses intensive Selbstbewusstsein erhalten? Wir haben es ja dadurch erhalten, dass jene Denkweise und jene Anschauungsart in die Menschheit gekommen ist, die mit Kopernikus, Galilei, Kepler, Giordano Bruno und so weiter ihren Anfang genommen hat. Dadurch haben wir nicht nur eine Summe von Erkenntnissen gewonnen, sondern dadurch hat die moderne Menschheit auch eine gewisse Erziehung ihres Seelenlebens durchgemacht. Alles dasjenige, was wir unter dem Einfluss der Denkweise dieser Geister in der neueren Zeit ausgebildet haben, das tendiert darauf hin, vorzugsweise den Intellekt, die Verstandeskräfte zu kultivieren. Gewiss, wir experimentieren heute in der Wissenschaft, wir beobachten sorgfältig und gewissenhaft. Wir verfolgen mit unseren Instrumenten, mit Teleskop, Mikroskop, mit den Röntgenstrahlen, mit dem Spektroskop die Erscheinungen um uns herum, und wir gebrauchen sozusagen unseren Verstand nur, um aus der Erscheinung heraus die Naturgesetze zu gewinnen. Allein was tun wir trotz alledem, auch wenn wir beobachten, wenn wir experimentieren? Wir tun es so, dass wir innerhalb dieser Erkenntnisarbeit nur den Verstand zur Formulierung der Naturgesetzmäßigkeiten sprechen lassen. Und es ist einmal so, dass vorzugsweise der Intellekt, der Verstand in der menschlichen Entwicklung herangezogen worden ist im Laufe der letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte. Der Verstand aber, er hat die Eigentümlichkeit, dass er das menschliche Selbstbewusstsein erstarkt, erhärtet, intensiv macht.

[ 22 ] Daher können wir heute dasjenige ertragen, was noch ein alter Grieche nicht ertragen hätte: das Bewusstsein, uns mit der Erde im Bodenlosen gewissermaßen um die Sonne herum zu bewegen. Aber wir werden auf der anderen Seite gerade wegen dieses erstarkten Selbstbewusstseins, das uns die Welt seelen- und geistlos zeigt, dazu geführt, eine Erkenntnis nicht zu haben, nach der sich die Seelen dennoch sehnen müssen: Wir sehen die Welt in ihren materiellen Erscheinungen, ihren materiellen Tatsachen, wie sie die alten Menschen niemals gesehen haben ohne eine Vorbereitung der Mysterien. Aber wir sehen nicht — und deshalb sprechen gerade gewissenhafte Naturforscher von Ignorabimus und von den Erkenntnisgrenzen —, wir sehen nicht die Welt eines Geistigen um uns herum.

[ 23 ] Wir stehen als Menschen in dieser Welt. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, müssen wir uns sagen: Indem wir einfach denken über die Dinge, indem wir die Experimente zusammenfassen, die Beobachtungen zusammenfassen, ist es der Geist, der in uns tätig ist. Aber ist denn dieser Geist jener Einsiedler, der da steht in einer Welt von materiellen Erscheinungen? Ist dieser Geist nur in unserem Leibe vorhanden? Ist die Welt geist- und seelenlos, wie wir sie durch physikalische und biologische Wissenschaften, von ihrem Gesichtspunkte aus mit Recht, auffassen müssen? So stehen wir einmal heute vor unserer Umwelt. Wir stehen neuerdings vor einer Schwelle. Das ist ja gewiss den weitesten Kreisen der Menschheit noch nicht zum Bewusstsein gekommen. Aber was die Menschheit sich nicht voll zum Bewusstsein bringt, das ist deshalb nicht ganz in der Seele ausgelöscht. Man denkt nicht nach über die Dinge, aber innerlich sitzen diese Dinge als Empfindungen der Seele. Wir haben ein unbewusstes Seelenleben. Bei den meisten Menschen bleibt es unbewusst. Aber aus diesem Unbewussten heraus erwächst die Sehnsucht, wiederum eine Schwelle zu überschreiten, zum Selbstbewusstsein geistige Welterkenntnis hinzuzugewinnen.

[ 24 ] Nun, wie man auch sonst diese Dinge, die man ja meistens nur unklar empfindet, nennen mag, sie sind doch in Wahrheit von der einen Seite her die tiefsten Zivilisationsrätsel; sie sind doch so, dass die Menschen empfinden: eine geistige Welt um sie herum müsse wieder gefunden werden. Die geist- und seelenleere Welt der gewöhnlichen Wissenschaft sie kann nicht diejenige sein, mit der auch die menschliche Seele eine Einheit in ihrer tiefsten Wesenheit bildet. Das ist die erste große zivilisatorische Frage der Gegenwart: Wie finden wir wiederum ein Wissen, das uns zu gleicher Zeit vertieft zur religiösen Empfindung? Wie finden wir eine Erkenntnis, die zu gleicher Zeit die tiefsten Bedürfnisse nach einem Gefühl des Ewigen in der Menschenseele befriedigt?

[ 25 ] Man darf sagen: Großes, Gewaltiges hat diese moderne Wissenschaft gebracht, aber für den Unbefangenen hat sie eigentlich nicht Lösungen gebracht, sondern, man möchte sagen das Gegenteil von Lösungen. Und auch darüber muss man zufrieden und froh sein. Was können wir durch die moderne Wissenschaft? Können wir die Fragen der Seele lösen? Nein, aber wir können sie vertieft stellen! Wir haben ja vor uns durch diese moderne Wissenschaft die Welt der materiellen Tatsachen in ihrer Reinheit, frei von dem, was der Mensch aus seiner Subjektivität hereinträgt in die Welt an Seelenhaftigkeit, an Geistigkeit. Wir sehen gewissermaßen die reinen Erscheinungen der äußeren materiellen Welt. Dadurch lernen wir die Fragen der Seele intensiver kennen. Das ist gerade die Errungenschaft des modernen Wissenschaftsgeistes, dass er uns neue Rätsel gebracht hat, vertieftere Rätsel. Das ist die erste große zivilisatorische Frage der Gegenwart: Wie stellen wir uns gegenüber diesen vertieften Rätseln? Man kann nicht im Haeckel’schen, im Huxley’schen, im Spencer’schen Geiste die großen Seelenfragen lösen, allein man kann aus diesem Geiste heraus die großen Rätselfragen für das heutige Menschheitsdasein intensiver empfinden als jemals zuvor.

[ 26 ] Da tritt nun Geisteswissenschaft ein. Sie will die heutige Menschheit ihren Anlagen gemäß führen über die erneute Schwelle in eine geistige Welt hinein. Und der Weg, durch den der moderne Mensch anders als der alte Mensch die Schwelle überschreiten kann, er soll heute andeutungsweise hier geschildert werden. In kurzen Zügen kann ich das nur tun. Ausführlicher finden Sie geschildert das, was ich nur prinzipiell erläutern will, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Schriften.

[ 27 ] Ich möchte zunächst aufmerksam machen auf den Ausgangspunkt, den heute derjenige Mensch nehmen muss, der ein Geistesforscher werden will. Gerade von einem Punkte muss er ausgehen, auf den sich die heutigen Menschen aus der ganzen Zeitbildung heraus am wenigsten gern stellen möchten. Es ist der Punkt in der Seelenverfassung, den ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Trotzdem wir entwickelt haben bis zu einer besonderen Höhe als Menschheit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten den Intellekt zu einer solchen Höhe, wie er vorher niemals in der Menschheitsentwicklung da war, muss man sich als Geistesforscher aufschwingen gerade zur intellektuellen Bescheidenheit.

[ 28 ] Durch einen Vergleich möchte ich Ihnen dasjenige verdeutlichen, was ich darunter verstehe. Nehmen wir ein fünfjähriges Kind und geben wir ihm einen Band Shakespeare in die Hand, was würde es damit tun? Es wird damit spielen, darin blättern, ihn zerreißen; es wird nicht dasjenige damit tun, was das Angemessene ist. Wenn das Kind aber dann weitere zehn oder fünfzehn Jahre durchlebt hat, wird es sich ganz anders zu dem Bande Shakespeare verhalten, es wird sich so verhalten, dass es dem Bande angemessen ist. Was ist da geschehen? Nun, Fähigkeiten, die der Anlage nach in dem Kinde gelebt haben, sind durch äußeres Eingreifen der Menschen, durch Erziehung und Unterricht ausgebildet worden in dem Kinde. Es ist seelisch ein anderes Wesen geworden im Laufe der zehn bis fünfzehn Jahre. Intellektuelle Bescheidenheit lässt dem Menschen sagen, auch dann gerade, wenn er erwachsen ist, wenn er die Zeitbildung in der Wissenschaft dem Intellekt nach aufgenommen hat: Du könntest in einer gewissen Weise der ganzen Natur, der Umwelt so gegenüberstehen, dass sich dein Gegenüberstehen vergleichen lässt mit dem des fünfjährigen Kindes einem Bande Shakespeare gegenüber. Es könnten in dir noch Anlagen sein, die weiter ausgebildet werden können, sodass du geistig-seelisch ein anderes Wesen wirst.

[ 29 ] Das ist den heutigen Menschen nicht sehr lieb, sich auf den Standpunkt einer solchen intellektuellen Bescheidenheit zu stellen. Unsere Denk- und Empfindungsgewohnheiten gegenüber dem Bildungsleben sind andere. Derjenige, der heute die gewöhnliche Erziehung genossen hat, wird dann in unsere höheren Bildungsanstalten aufgenommen. Da hat man es nicht mehr zu tun mit einer Entwicklung der Erkenntnisse, der Willensfähigkeiten, der Gemütsfähigkeiten der Seele. Da bleibt man im Grunde genommen innerhalb des wissenschaftlichen Forschens auf dem Standpunkte stehen, den einem Vererbung und die gewöhnliche Erziehung geben. Gewiss, in einer unerhörten Weise verbreiterte man durch das Experiment, durch die Wissenschaft die Beobachtung, aber man wandte dieselben Erkenntniskräfte an, die man einmal im sogenannten modernen Geistesleben hat. Man legte nicht die Entwicklung seines Menschen darauf an, diese Erkenntniskräfte weiterzubringen. Man sagte sich nicht: Derjenige, der diese Erkenntniskräfte des Lebens oder der Wissenschaft hat, er könnte gegenüberstehen der Natur wie das fünfjährige Kind dem Bande Shakespeare, und er könnte ausbilden in sich Kräfte, Erkenntnisfähigkeiten, die ihn zu einem ganz anderen Verhalten gegenüber der Natur bringen. Das aber sagt sich derjenige, der im Sinne der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ein Forscher in den übersinnlichen Welten werden will. Da handelt es sich wirklich um die Ausbildung von menschlichen Fähigkeiten, die zunächst nur in den Anlagen vorhanden sind, allerdings bei jedem Menschen, aber damit sie entwickelt werden, muss mancherlei durchgemacht werden.

[ 30 ] Ich spreche nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, von irgendwelchen wunderbaren oder gar abergläubischen Maßnahmen gegenüber der Menschenseele, sondern ich spreche von der Entwicklung von Fähigkeiten, die jeder Mensch gut kennt, die im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ihre große Rolle spielen; die da angewendet werden, die aber nur nicht zu ihrem, dem Menschen zwischen Geburt und Tod möglichen Ende getrieben werden.

[ 31 ] Es gibt viele solcher Fähigkeiten, ich möchte aber heute nur zwei charakterisieren in ihrer Weiterentwicklung. Genaueres darüber finden Sie auch in den genannten Büchern. Da ist zunächst die Erinnerungsfähigkeit. Diese Erinnerungsfähigkeit, sie ist dem alltäglichen Leben durchaus notwendig. Man weiß, und besonders diejenigen, die sich mehr für solche Dinge interessieren, werden es aus der psycho-pathologischen Literatur wissen, was es bedeutet für das gesunde Seelenleben, dass die Erinnerung intakt ist bis zu einem Punkte in der Kindheit, der ziemlich früh liegt; dass da nicht eine Strecke ist im Leben, aus der nicht auftauchen Erinnerungsvorstellungen, die uns die Erlebnisse wiederum vor die Seele bringen, die wir durchgemacht haben. Löscht aus dasjenige, was die Erinnerung ist, dann ist das Ich des Menschen zerstört; eine schwere Seelenkrankheit ist über ihn gekommen. Dasjenige nun, was uns die Erinnerung gibt, ist ein Wiederauftauchen in blassen oder lebhaften Bildern. Gerade diese Fähigkeit, diese Kraft, sie kann weiter ausgebildet werden. Was ist denn ihre Eigentümlichkeit? Nun, sonst huschen die Erlebnisse vor uns vorbei. Auch die Vorstellungen, die wir an diesen Erlebnissen uns bilden, sie huschen an unseren Seelen vorüber. Die Erinnerung bewahrt sie auf. Ich kann nur skizzenhaft über diese Erinnerung sprechen; in meiner Literatur finden Sie gerade über diese Erinnerungsfähigkeit eine ausgebildete Wissenschaft.

[ 32 ] Dasjenige, was die Erinnerung macht aus den sonst vorüberhuschenden Vorstellungen, das ist, dass sie ihnen Dauer verleiht. Das ist dasjenige, was man in der geisteswissenschaftlichen Methode zunächst aufgreift und weiterbildet; weiterbildet durch dasjenige, was ich in den genannten Büchern Meditation und Konzentration nenne. Es besteht darin, dass man sich entweder raten lässt von jemand, der in diesen Dingen Erfahrung hat, oder dass man sich aus der Literatur selber den Rat herausholt, dass man Vorstellungskomplexe, die leicht überschaubar sind, nimmt; solche überschaubaren Vorstellungskomplexe, wie etwa die geometrischen oder mathematischen Figuren sind, die man völlig übersieht, von denen man weiß: Das sind nicht Reminiszenzen aus dem Leben, die aus dem Unterbewussten herauftauchen, sondern alles, was man im Bewusstsein hat, das hat man durch eigene Willkür im Bewusstsein. Man unterliegt keiner Autosuggestion, keiner Träumerei, man überschaut dasjenige, was man in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt. Dann verharrt man im Bewusstsein längere Zeit mit völliger innerer Ruhe auf dieser Vorstellung. Geradeso, wie die Muskeln sich entwickeln, wenn sie eine besonders geartete Arbeit verrichten, so entwickeln sich gewisse Seelenkräfte, wenn sich die Seele hingibt dieser ungewohnten Tätigkeit des Verharrens auf solchen Vorstellungen. Es sieht einfach aus, und nicht nur, dass manche glauben, dass der Geisteswissenschafter dasjenige, was er zu sagen hat, aus irgendwelchen Einflüssen hervorhole, sondern es glauben auch manche, dass dasjenige, was ich hier schildere als Methoden, die sich im inneren, intimen Seelenleben selber abspielen, das sei leicht. Nein, auch dasjenige, was ich Ihnen jetzt erzähle, es erfordert eine lange Zeit; der eine Mensch kann es leichter, der andere kann es schwerer verrichten. Die Tiefe der Verrichtung ist viel wichtiger als die lange Zeit, die man mit einer solchen Meditation zubringt.

[ 33 ] Allein man muss solche Übungen jahrelang machen. Und was man da verrichten muss im Inneren der Seele, es ist wahrhaftig nicht leichter als dasjenige, was man im Laboratorium, im Physiksaal, auf der Sternwarte vollbringt. Äußerliche Forschungen eignet man sich nicht etwa schwerer an als dasjenige, was so in der Seele sorgsam und gewissenhaft durch lange Jahre heranerzogen wird. Dann aber erstarken gewisse innere Seelenkräfte, die wir sonst nur als Erinnerungskräfte kennen, und dadurch ersteht in uns etwas als Seelenkraft, was wir vorher überhaupt nicht gekannt haben. Dadurch gelangen wir dazu, nun deutlich zu erkennen gerade dasjenige, was sonst über die Gedächtniskraft, die Erinnerungskraft der Materialismus sagt. Der Materialismus sagt uns: Diese Erinnerungskraft des Menschen ist ja an den materiellen Leib gebunden; ist irgendetwas im Nervensystem nicht in der richtigen Weise konstituiert, so geht auch die Erinnerungskraft zurück, auch mit dem Alter geht sie zurück. Überhaupt, die Geisteskräfte hängen von der leiblichen Entwicklung ab. Das leugnet für das Leben zwischen Geburt und Tod Geisteswissenschaft nicht. Denn derjenige, der gerade seine Erinnerungskraft so entwickelt erhält, wie ich es eben geschildert habe, der weiß durch unmittelbare Anschauung, wie die gewöhnliche Erinnerungskraft, die uns die Bilder unserer Erlebnisse vor die Seele zaubert, allerdings abhängig ist von dem menschlichen Leibe. Aber dasjenige, was er jetzt entwickelt, das wird ganz unabhängig von dem menschlichen Leibe. Und der Mensch erfährt, wie man kann in einem Seelischen leben, sodass man in diesem Seelischen übersinnliche Erfahrungen hat, wie man in dem physischen Leibe sinnliche Erfahrungen hat. Ich möchte Ihnen auf die folgende Weise erklären, wie diese übersinnlichen Erfahrungen sind.

[ 34 ] Sie wissen, das menschliche Leben wechselt rhythmisch zwischen Wachen und Schlafen. Es stellen sich die Momente des Einschlafens und Aufwachens und die dazwischenliegende Schlafenszeit in unser waches Leben hinein. Was liegt da vor? Da liegt das Folgende vor für das gewöhnliche Bewusstsein: Durch das Einschlafen wird das Bewusstsein herabgedämpft, bei den meisten Menschen bis zum Nullpunkt; die Träume schäumen manchmal aus diesem halb gedämpften Bewusstsein auf. Da lebt der Mensch allerdings, sonst müsste er ja vergehen und neu entstehen, seelisch-geistig allerdings, aber sein Bewusstsein ist herabgelähmt. Das hängt damit zusammen, dass der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen sich nicht seiner Sinne bedient, sich nicht derjenigen Impulse bedient, die seine organischen Willensimpulse darstellen.

[ 35 ] Gerade dasselbe aber kann derjenige ausschalten, der aus der Erinnerungsfähigkeit heraus die höhere Fähigkeit entwickelt hat, von der ich eben jetzt gesprochen habe. Ein solcher Geistesforscher kommt in die Lage, nun auch nicht sehen zu brauchen mit den Augen, wie man im Schlafe nicht sieht mit den Augen; nicht hören zu brauchen mit den Ohren, wie man auch im Schlafe nicht hört mit den Ohren; selbst die Wärme nicht zu empfinden in der Umgebung, nicht zu gebrauchen die Willensimpulse, die durch die Muskeln, überhaupt durch die menschliche Organisation wirken. Er kann ausschalten alles Leibliche. Und doch ist sein Bewusstsein nicht wie im Schlafe herabgedämpft, sondern er kommt dazu, sich Zuständen hinzugeben, in denen sonst der Mensch nur im Schlafe ist, aber bewusstlos; der Geistesforscher ist vollständig bewusst. Wie der schlafende Mensch umgeben ist von einer dunklen Welt, die für ihn ein Nichts enthält, so ist der Geistesforscher von einer Welt umgeben, die nichts zu tun hat mit unserer sinnlichen Welt, die aber ebenso voll, ebenso intensiv ist wie unsere sinnliche Welt. Unserer sinnlichen Welt stehen wir gegenüber durch unsere Sinne; der übersinnlichen Welt steht der Geistesforscher gegenüber, wenn er vom Leibe bewusst sich befreien kann, wenn er in einem Zustande ist, wie sonst der Mensch zwischen Einschlafen und Aufwachen; aber er ist voll bewusst in diesem Zustande.

[ 36 ] In dieser Weise lernt man erkennen, dass eine übersinnliche Welt uns immerfort umgibt, wie uns sonst eine sinnliche Welt umgibt. Allerdings, es tritt gerade ein bedeutsamer Unterschied auf: In der sinnlichen Welt nehmen wir durch unsere Sinne Tatsachen wahr und innerhalb der Tatsachen auch Wesenheiten. Die Tatsachen überwiegen, die Wesenheiten treten im Laufe dieser Tatsachen auf. In der übersinnlichen Welt, die wir uns so eröffnen, treten wir zuerst an die Wesenheiten heran. Wirkliche Wesenheiten sind es, die uns umgeben, wenn wir uns also das Geistesauge öffnen zu einem Schauen der übersinnlichen Welt. Und es ist zunächst eine Welt ganz konkreter, realer, übersinnlicher Wesenheiten, in der wir sind, noch nicht eine Welt von Tatsachen zu nennen; die müssen wir uns durch noch etwas anderes erobern.

[ 37 ] Das ist also die Errungenschaft der modernen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, dass der Mensch wiederum eine Schwelle überschreitet und in eine andere Welt eintreten lernt, als diejenige ist, die ihn sonst umgibt. Und wenn der Mensch so erkennen lernt, wie er da unabhängig ist vom Leibe, dann kommt er endlich auch dazu, sich zu sagen: Nicht nur, indem die Seele einschläft, hebt sie sich gewissermaßen aus dem Leibe heraus und geht wiederum in den Leib zurück beim Aufwachen, durch die Begierde nach dem Leibe, der im Bette liegt, geht sie zurück. Man kommt auch dazu, wirklich kennenzulernen durch solche übersinnliche Erkenntnis die Wesenheit der Seele, wie sie durch diese Begierde zu dem Leibe wieder zurückkehrt beim Aufwachen. Eignet man sich aber solche realen Begriffe von Einschlafen und Aufwachen an, so erweitern sich diese Begriffe endlich auch zu dem, dass man die Menschenseele erkennen lernt in ihrer Wesenheit, wie sie war, bevor sie durch die Geburt oder Empfängnis in einen physischen Leib, der ihr durch die Vererbung gegeben ist, heruntergestiegen ist aus geistigen Welten.

[ 38 ] Wenn man einmal erfasst hat und verfolgen lernt dann die Seele außerhalb des Leibes zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wie man erkennen lernt die geringeren Kräfte, die die Seele nach dem Leibe im Bette hinziehen, so lernt man erkennen die Seele, wie sie lebt, indem sie vom Leibe befreit ist, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Namentlich die folgenden Vorstellungen nimmt man auf: Man lernt erkennen, warum im Schlafe die Menschenseele nur ein dumpferes Bewusstsein hat. Sie hat es deshalb, weil in ihr die Begierde nach dem Leibe lebt. Diese Begierde nach dem Leibe dämpft bis zur Ohnmacht herab das Bewusstsein zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, ist diese Begierde nicht mehr vorhanden. Und indem man die Seele kennenlernt durch das entwickelte Erinnerungsvermögen, lernt man sie gerade in dem Zustand kennen, wie sie entwickelt wird, nachdem sie durch die Pforte des Todes schreitet; wie sie dann ein Bewusstsein haben kann, weil sie nicht an einen physischen Leib gebunden ist, weil sie nach einem solchen keine Begierde mehr hat. Dieses Freisein von einer Begierde macht das Bewusstsein möglich.

[ 39 ] Indem der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, erlangt er ein andersartiges Bewusstsein als dasjenige ist, was ihm gegeben war durch das Werkzeug des Leibes. Dadurch lernt man auch erkennen, wie in der Seele die Kräfte waren, die sie hingezogen haben zu einem physischen Leibe, als sie war in einer geistigen Welt, aber zu einem physischen Leibe, der nur im Allgemeinen als physischer Leib ihr vorgeleuchtet hat, der nicht ein bestimmter war. Man lernt die Seele erkennen, wie sie die Begierde aufnimmt, in das physische Erdenleben wieder herunterzukommen. Man lernt, mit anderen Worten, zunächst das Ewige der Menschenseele in ihrer wahren Bedeutung kennen.

[ 40 ] Und das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das eine, was man auf diese Weise kennenlernt. Man lernt aber noch etwas anderes kennen dadurch. Indem man so in Bildern, ich nenne es in meinen Büchern Imaginationen, erkennen lernt das Ewige in der Menschenseele, das durch Geburten und Tode geht, lernt man erkennen, dass diese Menschenseele angehört einer übersinnlichen Welt; dass die Seele so einer übersinnlichen Welt angehört, wie der Leib der sinnlichen Welt angehört. Und so, wie man durch den Leib diese sinnliche Welt beschreiben kann, so kann man in ihrer Geistigkeit die übersinnliche Welt beschreiben. Man lernt zu der sinnlichen Welt hinzu eine übersinnliche Welt erkennen.

[ 41 ] Man muss sich allerdings dazu hergeben, noch eine zweite Seeleneigenschaft weiter auszubilden, als sie im gewöhnlichen Leben ist, eine Seeleneigenschaft, bei deren bloßer Nennung als einer Erkenntniseigenschaft der heutige Wissenschafter zurückzuckt. Man kann vollständig würdigen die Gründe, warum er das tut; allein dennoch ist dasjenige wahr, was ich Ihnen zu erzählen habe über die Weiterentwicklung dieser menschlichen Seelenfähigkeit.

[ 42 ] Die erste Kraft, die entwickelt werden musste, war die Erinnerungsfähigkeit, die zu einer selbstständig waltenden Kraft wird. Die zweite Kraft ist die Kraft der menschlichen Liebe. Im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod wirkt die Liebe durch den körperlichen Organismus; sie ist innig verbunden mit Instinkten und Trieben der Menschennatur. Und nur in den erhabensten Augenblicken löst sich etwas von dieser Liebe los von der Leiblichkeit. Dann hat der Mensch jenen erhebenden Augenblick, wo er von sich selber frei wird, welches der Zustand der wahren Freiheit ist, wo der Mensch sich nicht hingibt den Trieben, sondern wo er sich vergisst, wo er nach den äußeren Tatsachen, nach der Notwendigkeit der Tatsachen seine Handlungen einrichtet. Weil die Liebe innerlich zusammenhängt mit der Freiheit, habe ich bereits im Jahre 1893 in meiner «Philosophie der Freiheit», durch die ich philosophisch geradezu eine Soziologie begründen wollte für die Gegenwart, gewagt zu sagen, die wahre Liebe mache den Menschen nicht blind, sondern gerade sehend, das heißt frei. Sie führt ihn über dasjenige hinaus, was ihn sonst blind macht, wenn er abhängig ist von dem, was in ihm ist. Die Liebe lässt uns hingegeben sein an die Außenwelt, und sie befreit uns dadurch von dem, wovon wir befreit werden müssen, wenn wir frei handeln sollen.

[ 43 ] Aber diese Liebe, die nur in wirklich freien Handlungen in unser gewöhnliches Leben hineinleuchtet, sie muss gerade der moderne Geistesforscher ausbilden. Die Liebe muss allmählich sich so vergeistigen, wie die Erinnerungsfähigkeit sich vergeistigen muss; sie muss zu einer Kraft werden, die nur seelisch ist, die ganz und gar ihn als seelisches Wesen unabhängig macht vom Leibe, sodass er lieben kann, ohne dass der Leib durch sein Blut, durch seine ganze Organisation die Gründe für diese Liebe gibt. Dadurch kommt das Versenken in die äußere Welt, in den Menschen; dadurch wird man eins mit der äußeren Welt.

[ 44 ] Diese entwickelte Liebekraft, die bringt uns nun ein Zweites; die setzt uns hinein in die geistige Welt wesenhaft, die wir durch die entwickelte Erinnerungsfähigkeit betreten. Und wir lernen jetzt Wesenheiten kennen, lernen geistige Tatsachen kennen und lernen, die Welt so zu schildern, dass wir nicht bloß sagen, wie einmal aus irgendeiner alten Nebelwelt unser gegenwärtiges Planetensystem entstanden ist, was dann auch wiederum einmal zerstäuben oder in die Sonne fallen wird. Wir sehen nicht auf eine solche geistfremde Natur, der gegenüber etwas anderes steht. Und wenn der Mensch ehrlich ist, so muss er empfinden, wie dieser naturwissenschaftlich angeschauten Welt gerade das Wertvollste im Menschen gegenübersteht. Man hat die bedrängten Seelen im modernen Geistesleben kennenlernen können, die uns immer wieder sagen: Da erzählt uns die Naturwissenschaft von einer Welt der rein natürlichen Notwendigkeit, dass unsere Welt herkomme aus Welten, die Nebelwelten waren, die sich zusammenballten zu den vier Naturreichen, dem Mineralreich, dem Pflanzenreich, dem Tierreich bis zum Menschen. Aber im Menschen entsteht jetzt etwas im tiefsten Innern, dem er den größten Wert beilegen muss: seine moralische, seine religiöse Welt. Die steht vor seiner Seele, die macht ihn eigentlich erst zum Menschen. Aber er muss sich sagen, wenn er ehrlich ist gegenüber der rein naturwissenschaftlichen Weltanschauung: Diese Erde, auf der du stehst wie ein Einsiedler des Weltalls mit deinen moralischen Idealen, sie wird zerfallen, wird zurückfallen in die Sonne, wird eine Schlacke werden. Ein großer Kirchhof wird da sein, die Ideale werden begraben sein.

[ 45 ] Da tritt die Geisteswissenschaft jetzt ein. Sie tritt dem nicht aus Glaube und Hoffnung bloß, sondern aus wirklichem Wissen, das auf diese Weise entwickelt wird, wie ich es angedeutet habe, gegenüber und sagt: Nein, die bloße naturwissenschaftliche Weltanschauung bietet eine Abstraktion von der Welt. Diese Welt ist durchgeistigt, diese Welt ist von übersinnlichen Wesenheiten durchzogen. Und blicken wir zurück auf die Vorzeit, so ist das, was materiell auf der Erde ist, aus Geistigem hervorgegangen; und was jetzt materiell ist, es wird ein Geistiges werden in der Zukunft. Geradeso, wie der Mensch seinen Leib abstreift und geistig in eine geistige Welt hineingeht mit Bewusstsein, so wird das, was an der Erde materiell ist, wie ein Leichnam abfallen, und das, was auf der Erde geistig-seelisch ist, was in den Menschen geistig-seelisch ist, es wird sich erheben in der Zukunft, auch wenn die Erde untergegangen sein wird. Man könnte sagen, mit einer gewissen Variante bewahrheitet sich hier das christliche Wort: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Der Mensch kann sagen: Alles, was meine Augen sehen, wird untergehen, wie der menschliche Leib untergeht gegenüber der menschlichen Individualität. Aber aus dem Untergehenden erhebt sich dasjenige, was als Moralisches im Menschen lebt. Der Mensch empfindet eine geistige Welt um sich herum, er lebt sich in eine geistige Welt hinein.

[ 46 ] Dadurch, dass anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in dieser Weise unser Wissen vertieft zum Geistigen hin, dadurch tritt sie gegenüber den zivilisatorischen Bedürfnissen der Gegenwart in einer anderen Form, als die äußere Wissenschaft das kann. Sie kann vertiefen wiederum das Wissen, die Erkenntnis zur religiösen Inbrunst, zu höherem Bewusstsein. Sie gibt dem Menschen ein geistiges Selbstbewusstsein.

[ 47 ] Das ist im Grunde genommen die erste große zivilisatorische Frage der Gegenwart. Wenn der Mensch nicht den rechten inneren Halt hat, wenn er sich vorkommt wie im Leeren schwebend als bloß materielle Wesenheit, so kann er kein starkes inneres Wesen entwickeln, und auch im sozialen Leben kann er nicht als ein starkes Wesen auftreten. Dasjenige, was äußere Einrichtungen sind, der Mensch muss es schaffen, dasjenige, was äußere soziale Zustände sind, der Mensch muss es schaffen. Es liegt in den äußeren Einrichtungen, den äußeren sozialen Zuständen etwas Bedeutungsvolles in Bezug auf die großen zivilisatorischen Fragen der Gegenwart und der Zukunft, und es führt uns diese zivilisatorische Frage zurück zum Aufsuchen des großen, wahren Menschheitsbewusstseins. Denn erst Menschen, die einen solchen inneren Halt haben, der ihnen das Ruhen im [Geiste] geben kann, werden sich in das soziale Leben richtig hineinstellen können. Das ist die erste Frage: Wie kann sich der Mensch mit innerem Halt, mit Lebenssicherheit hineinstellen in unsere sozialen Verhältnisse? Das Zweite ist das, was wir nennen könnten das Gegenübertreten des Menschen dem Menschen, den menschlichen Verkehr. Und da betreten wir ein Gebiet, wo nicht weniger als auf dem Erkenntnisgebiet die moderne Zivilisation dem Menschen nicht neue Lösungen, sondern neue Rätsel gebracht hat. Bedenken Sie nur, welche Weite der Technik, dem technischen Leben gerade die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft gebracht haben. Technisches Leben, kommerzielles Leben, Verkehrsleben, wie sie uns heute von Stunde zu Stunde umgeben, sie sind die Errungenschaften dieser großartigen neueren Naturanschauung. Was wir aber innerhalb der modernen Technik gerade nicht gefunden haben, was als neue Lebensfrage uns aufgegeben ist, das ist: Wie sollen die Menschen leben in diesem komplizierten technischen, kommerziellen und Verkehrs-Leben?

[ 48 ] Diese Frage ist aufgeworfen von der modernen Zivilisation selbst. Dass sie noch nicht gelöst ist, das zeigen jene furchtbaren Bewegungen, die umso schlimmer sich darstellen, je weiter wir nach dem Osten hinüberkommen, bis nach Asien hinein, wo aus menschlichen Instinkten heraus nicht Aufwärtsgehendes erzeugt wird, sondern, weil die großen zivilisatorischen Fragen nicht gelöst sind, Zerstörerisches geschaffen wird. Es würde zweifellos durch dasjenige, was im Osten auftaucht, die ganze moderne Zivilisation zugrunde gehen müssen. Viel furchtbarer, als es sich die Menschen im Westen vorstellen, ist dasjenige, was da lauert, um in den Niedergang

[ 49 ] der modernen Zivilisation hineinzuführen. Aber es bezeugt auch, wie notwendig ist etwas anderes zur Lösung der zivilisatorischen Fragen der Gegenwart.

[ 50 ] Wir müssen nicht nur arbeiten in der modernen Technik, die aus der modernen Naturanschauung hervorgegangen ist, sondern wir müssen auch eine andere Möglichkeit gewinnen: Der Mensch ist der alten Natur entfremdet worden, er ist selber hineingestellt worden praktisch, mit seinen Handlungen, seinem ganzen Beruf in ein entseeltes, entgeistigtes Mechanistisches; er ist von dem Umgang mit der Natur zum Umgang mit der geistlosen Maschine, mit dem geistlosen Verkehrsmechanismus geführt worden; und wir müssen die Wege finden, dem Menschen wieder etwas zu geben, das er empfinden kann wie früher durch die Natur Gegebenes. Das muss eine Weltanschauung sein, die mit starker Kraft zu seiner Seele spricht und die ihm sagt, dass der Mensch etwas anderes noch ist, als was er hier erlebt; dass er angehört einer geistig-seelischen, einer übersinnlichen Welt, die ihn umgibt, die man erforschen kann in ebenso exakter Wissenschaft, wie die äußere Wissenschaft ist, die zur Technik führt. Aber nur eine solche Wissenschaft wird auch das richtige Verhältnis von Mensch zu Mensch wiederum begründen können. Eine solche Wissenschaft wird uns im Menschen begegnen lassen ein Wesen, das uns nicht nur erscheint, wie es uns gegenübertritt, wie es erscheint zwischen Geburt und Tod, sondern so, dass wir das Ewige, das Unvergängliche, den Zusammenhang mit einer übersinnlichen Welt immerdar achten lernen. Dadurch muss die Empfindung von Mensch zu Mensch anders werden durch ein solch vertieftes Wissen.

[ 51 ] Und auf ein Drittes kommt es noch an. Darauf kommt es an, dass der Mensch wiederum lernt, dass sein Leben nicht erschöpft ist mit dem Leben zwischen Geburt und Tod, wie es der moderne Proletarier glaubt aus seiner Ideologie genannten Weltanschauung heraus, sondern dass das, was wir hier tun in jedem Augenblick, nicht nur eine irdische, sondern auch eine kosmische Bedeutung hat. Denn tatsächlich, wenn die Erde zugrunde gegangen sein wird, dann wird dasjenige, was wir aus unseren Seelen in die alltägliche Arbeit hineintragen aus moralischen, geistig-seelischen Grundlagen heraus, aufgehen in einer anderen Welt; es wird die Durchgeistigung in der Metamorphose mitmachen.

[ 52 ] Dreifach also macht sich die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft an die Fragen der Gegenwart heran. Sie bringt den Menschen zu einem geistigen Selbstbewusstsein. Sie bringt den Menschen dazu, in seinem Mitmenschen, dem Nächsten, ein Geistwesen wiederum zu sehen. Sie bringt den Menschen dazu, seiner Arbeit, seinen irdischen Verrichtungen eine kosmische, universelle, geistige Bedeutung zu geben, wenn sie auch noch so materiell sind.

[ 53 ] Über dasjenige, was man so erarbeiten kann, hat Geisteswissenschaft heute schon nicht nur theoretische Anschauungen, sondern sie hat sich bereits an die Praxis des Lebens heranbegeben. Wir haben in Stuttgart die Waldorfschule, die von Emil Molt begründet wurde, die ich zu leiten habe, und an der eine Pädagogik, eine Didaktik ausgebildet wird durch dasjenige, was man an Menschenerkenntnis erhalten kann durch die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist. Wir haben ferner in Dornach bei Basel das Goetheanum, eine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, dessen Bau ich ihnen vorweisen werde anhand von Lichtbildern in einigen Tagen. Dieses Goetheanum in Dornach ist noch nicht fertig, aber wir konnten in dem unfertigen Bau im Herbst des vorigen Jahres eine große Anzahl von Kursen abhalten. Ich durfte auch früher schon hier in Holland über Geisteswissenschaft sprechen. Ich konnte damals nur so sprechen, dass diese Geisteswissenschaft vorhanden ist als eine Forschung, eine Forschungstendenz, als dasjenige, was bei einzelnen Menschen lebte.

[ 54 ] Seit jener Zeit hat diese Geisteswissenschaft eine andere Gestalt angenommen. Sie hat ihre eigene Freie Hochschule in Dornach zu errichten begonnen. Ich selber habe im Frühjahr des vorigen Jahres gezeigt, wie dasjenige, was ich Ihnen heute nur skizzenhaft in seinem Anfang als geisteswissenschaftliche Forschung dargestellt habe, in seiner Ausführung auf alle Wissenschaften angewendet werden kann. Ich habe damals Ärzten und Medizin-Studierenden gezeigt, wie in die Heilkunde, in die Therapie dasjenige hineinwirken kann, was aus dieser Geisteswissenschaft in streng exakter Methode gewonnen werden kann. Diejenigen Fragen in der Medizin, die Grenzfragen werden gegenüber den Gesundheitsfragen der Menschheit, diejenigen praktischen Fragen der Medizin wird jeder gewissenhafte Arzt empfinden, der sie empfindet als Kulturtatsache, diese Fragen sind es, die heute Rätselfragen sind, weil die heutige Wissenschaft sich nicht aus dem Sinnlichen ins Geistig-Übersinnliche erheben will.

[ 55 ] Wie Medizin befruchtet werden kann, wie alle Wissenschaften befruchtet werden können von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, Fachleute aus allen Gebieten, aus der Jurisprudenz, aus Mathematik, Geschichte, Soziologie, Biologie, Physik, Chemie, Pädagogik, bemühten sich, es zu zeigen. Dann waren es auch Persönlichkeiten, welche der Kunst, dem künstlerischen Schaffen angehören, die die Befruchtung des künstlerischen Schaffens aus der Geisteswissenschaft heraus darstellten. Es waren vertreten Menschen des praktischen Lebens, des kommerziellen, des industriellen Lebens, die zeigten, wie ihr Leben, geleitet durch die Geisteswissenschaft, nicht mehr bloß in der alten Routine, die uns in die Katastrophen hineingeführt hat, steht, sondern wie der Mensch dadurch gerade im höheren Sinn in Lebenspraxis hineingebracht wird. Gerade das sollte durch diese Kurse gezeigt werden, wie Geisteswissenschaft nicht irgendwelchen Dilettantismus, nicht eine nebulose Mystik pflegen will, sondern wie sie in die einzelnen Wissenschaften befruchtend eingreifen kann. Aber indem sie das tut, erhebt sie zu gleicher Zeit dasjenige, was in diesen Wissenschaften ist, zu einer geistigübersinnlichen Gesamtauffassung vom Menschen.

[ 56 ] Über die praktische Seite werde ich ja noch hier zu sprechen haben; dann werde ich über Unterrichts- und Erziehungsfragen sprechen und über die soziale Frage. Dann werden Sie sehen, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, nicht in einer lebensfremden Sphäre irgendwelche nebulose Mystik sucht, sondern wie sie den Geist aus anderen Gründen erfassen will: Erstens, weil der Mensch sich bewusst werden muss seines Zusammenhanges mit dem wahren geistigen Ursprung; zweitens aber, weil der Geist eingreifen will gerade in das materielle, in das lebenspraktische Leben, wie er einen Strich macht zwischen dem geistlosen praktischen Leben und einem in Lebensfremdheit erfassten Geiste, der ganz sicherlich nicht den Geist anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft erfasst, auch nicht dasjenige aber, was der Gegenwart am notwendigsten ist.

[ 57 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wir haben Menschen gefunden, die Verständnis hatten für dasjenige, was in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach gerade nach der charakterisierten Art für die Menschheitsentwicklung geleistet werden soll, und wie notwendig es ist gegenüber den großen zivilisatorischen Fragen der Gegenwart, dass das geleistet werden könne. Die schwierigen Verhältnisse haben den Bau sehr verlangsamt. Wir sind heute noch nicht fertig, und die Fertigstellung wird wesentlich davon abhängen, dass uns zu Hilfe kommen auch weiterhin Menschen, die Herz und Sinn haben für allen menschlichen, heute notwendigen Fortschritt. Im unfertigen Zustande versammelten wir bei der Eröffnung unserer Kurse mehr als tausend Menschen. Diejenigen, die hinkommen nach diesem Dornach — es wird sich das auch zeigen bei dem nächsten Vortrag —, die sehen, dass zu gleicher Zeit diese Geisteswissenschaft herausarbeiten will aus dem vollen Menschentum: dass sie will nicht nur zum Kopf des Menschen sprechen, dass sie nicht nur dasjenige gewinnen will, was durch Experimentieren, durch Beobachtung dargeboten werden kann, sondern dass sie zu gleicher Zeit nach wahrhaft künstlerischem Ausdruck strebt, ohne dass sie in stroherne Symbolik oder abstrakt pedantische Allegorien verfällt. Daher konnte nicht ein beliebiger Baustil in Dornach angewandt werden — das wird der Lichtbildervortrag zeigen —, sondern der Baustil musste auch aus denjenigen Quellen geschöpft werden, aus denen diese Geisteswissenschaft selber erfließt. Sie ist nicht in so einseitiger Weise Wissenschaft wie die heutigen, sich ans Experiment und an die Beobachtungen haltenden Wissenschaften, sondern sie will aus dem vollen Menschen heraus schöpfen. Sie will, trotzdem sie so exakt ist, wie nur irgendeine Wissenschaft sein kann, doch zum vollen, ganzen Menschen sprechen.

[ 58 ] Über die praktische Ausgestaltung werde ich also noch zu sprechen haben, aber ich musste heute vorausschicken, was eigentlich als geistige Forschung zu diesen Dingen hinführt, gerade um dann in den praktischen Gebieten zu zeigen, wie notwendig die heutige Zeit das hat, was gerade aus der Beobachtung der Geschichte dieser Zeit heraus diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will. Sie will zu der gewissenhaften und methodischen Erforschung der materiellen Welt, die sie mehr anerkennt als irgendeine geistige Richtung, hinzufügen die Wissenschaft des Geistes, die wiederum zu religiöser Vertiefung und zu künstlerischer Gestaltungskraft führen kann, wie die alte instinktive Wissenschaft, die wir nicht mehr erneuern können, zur Kunst und zur Religion in den Mysterien geführt hat.

[ 59 ] Dass diese Geisteswissenschaft nicht wider Religion und Christentum ist, das werde ich noch bei der weiteren Ausführung der praktischen Seite zu zeigen haben. Sie strebt dasjenige an, wonach jede wahre, religiöse Vertiefung zu streben hat, sie strebt nach dem Geiste. Daher haben wir die Hoffnung: All diejenigen Menschen, die heute noch dieser Geisteswissenschaft widerstreben, sie werden sich doch dazu finden, denn diese Geisteswissenschaft strebt etwas allgemein Menschliches an: sie strebt den Geist an, und die Menschheit, sie braucht den Geist.