Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c
25 Februar 1921, Delft
5. Das Wirtschaftsleben in der Dreigliederung des sozialen Organismus
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Zunächst habe ich den verehrten Vorstand für seine freundliche Einladung, und insbesondere Herrn Professor Hallo für die freundlichen Worte, die er soeben gesprochen hat, herzlichen Dank zu sagen. Ich habe dies umso mehr zu tun, als es ja begreiflich erscheinen kann, dass alles dasjenige, was man in der Lage ist, heute über eine die Menschheit so tief berührende Frage, wie die meines heutigen Themas ist, zu sagen, ja nur ein Versuch sein kann, vielleicht sogar nur der Anfang eines Versuches. Und der Appell ist notwendig an die verstehende und verständnisvolle Mitmenschheit.
[ 2 ] Damit komme ich sogleich auf dasjenige, worin sich die Ausführungen, die ich Ihnen heute zu machen habe, prinzipiell unterscheiden von allen ähnlichen Auseinandersetzungen, die ja so zahlreich erflossen sind in der neueren Zeit über die wirtschaftlichen Fragen im engeren Sinne, über die sozialen Fragen im weiteren Sinne. Utopien und utopische Konstruktionen haben wir genug erlebt. Sie sind hervorgegangen aus berechtigten Untergründen des neuzeitlichen Menschheitsstrebens.
[ 3 ] Die moderne Technik hat das Wirtschaftsleben kompliziert, hat das ganze soziale Leben in außerordentlich mannigfaltige neue Verhältnisse gebracht gegenüber denen, welche die Menschheit früher gewohnt war. Und da entstand dann in sehr vielen Köpfen die Meinung, man könne in irgendeiner Weise dogmatisch sagen, wie man dieses komplizierter gewordene moderne soziale Leben gestalten müsse, damit ein jeder Mensch, auch die breiten Massen, ein menschenwürdiges Dasein zu führen in der Lage seien. Doch aber muss man sagen: Derjenige, der heute glaubt, mit irgendwelchen utopischen, dogmatischen Festsetzungen über soziale Zustände auf seine Mitmenschen einen Eindruck machen zu können, der versteht das Grundwesen der heutigen Zivilisation, des heutigen Menschenlebens überhaupt nicht.
[ 4 ] Angenommen, meine sehr verehrten Anwesenden, jemand könnte in genialer Weise irgendein Wirtschaftssystem oder soziales System ausdenken, oder auch aus einer breiten Lebenserfahrung heraus dogmatisch konstruieren, wenn er es der Menschheit vorhielte, er könnte mit den genialsten Auseinandersetzungen, die in diesem Sinne gehalten wären, doch keinen Eindruck machen. Denn wir leben in einer Zeit, in welcher die Propheten eigentlich ausgestorben sein sollten. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Menschen auf Autorität hin, auf Prophetie hin nicht geneigt sind, irgendetwas anzunehmen. Damit muss derjenige rechnen, der es zum Beispiel mit so etwas ernst und ehrlich nimmt wie mit der sozialen Frage oder mit der Neugestaltung des gegenwärtigen und in die Zukunft hineinwirkenden Wirtschaftslebens.
[ 5 ] Die Menschen stehen heute auf dem Standpunkte, selber zu finden dasjenige, was die Richtungslinien des Lebens sind. Sie stehen auf dem Standpunkte, dasjenige, was sie als Ziele des Lebens bestimmen sollen, aus ihren eigenen elementaren Seelen- und organischen Kräften heraus zu gestalten. Auf diesem, ich möchte sagen im universellsten Sinne demokratischen Standpunkte steht dasjenige, was ich nenne den Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Dieser Impuls soll nicht sagen: In dieser oder jener Weise soll man die wirtschaftlichen oder anderen sozialen Verhältnisse gestalten; er soll nur darauf hinweisen, wie die Menschen in die Lage gebracht werden können, dass sie sich den Anforderungen der Gegenwart, den Anforderungen ihrer eigenen Seele [gemäß], gleichgültig, ob sie diese bewusst oder unbewusst erstreben, das Leben einrichten wollen.
[ 6 ] An den Menschen, nicht an die Beschreibung irgendwelcher Einrichtungen oder Zustände appelliert der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Den Menschen will er aufrufen und erst hören von dem Menschen, was dieser Mensch für angemessen hält. Aber dieser Impuls will sagen, wie die Lage herbeigeführt werden könne, durch welche die Menschen in die Möglichkeit versetzt werden, an ihrem Schicksal selber tätig sein zu können. So will, ganz aus den Lebensgewohnheiten und Lebensbestrebungen der Gegenwart heraus, ohne irgendwelche utopistischen Nuancen, rein aus der Lebenspraxis heraus, der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus wirken. Er geht allerdings aus von zwei Voraussetzungen. Die eine Voraussetzung, sie wird wahrscheinlich zunächst von wenig Menschen noch zugegeben, aber sie quillt hervor aus demjenigen, was ich ja genötigt sein werde, gleich nachher wenigstens einigermaßen zu charakterisieren, sie quillt hervor aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft.
[ 7 ] Es ist die Überzeugung, dass die Menschheitsentwicklung sinnvolle Epochen durchmacht, sodass man zurückblicken kann, meinetwillen zunächst nur auf die historischen Zeiten. Man sieht, es hat verschiedene Epochen der Menschheitsentwicklung gegeben, und gewissermaßen in einer jeden solchen Epoche macht die Menschheit eine Phase ihres Seins, eine Phase ihrer Seelen- und Geistesverfassung durch. Dasjenige, was in einer Epoche aufgetreten ist, es kann sich in einer späteren nicht mehr wiederholen. Dasjenige, was die Erdenmenschheit im Laufe der Zeit durch ihre Entwicklung durchzumachen hat, ergibt sich so im Laufe aufeinanderfolgender Epochen als verschiedene Missionen.
[ 8 ] In unserer Epoche, die in dieser Beziehung drei bis vier Jahrhunderte her dauert — langsam hat sich dasjenige vorbereitet, was jetzt zu einer gewissen Kulmination gekommen ist —, in unserer Epoche sehen wir aus den Tiefen der Menschenseele hervorquellen dasjenige, was ich nennen möchte den durch die ganze moderne, zivilisierte Welt gehenden demokratischen Trieb. Ich meine damit aber nicht die Trivialität, welche man sehr häufig mit diesem Terminus verbindet; ich meine, wenn ich sage «demokratischer Trieb», diejenige Form des menschlichen Selbstbewusstseins, die sich in unserer Zeitepoche entwickelt, durch welche ein jeder Mensch in sich selber den Quell finden möchte für ein aus seinem eigenen Innern hervorquellendes, ihn überzeugendes Geistesleben — Erkenntnisleben, Glaubensleben, Kunstleben — und in welcher jeder Mensch aus sich selbst heraus diejenigen Gefühle entwickeln möchte, durch die er sich in ein Verhältnis setzt zu seinen Mitmenschen, ohne dass dieses Verhältnis durch Autorität fest bestimmt sei. Der Mensch will aus seinem freien Inneren sein Verhältnis zu seinem Mitmenschen finden. Und der Mensch will in Bezug auf das Wirtschaftsleben zu Verhältnissen kommen, die es ihm möglich machen, diese Grundlagen des Seelen- und Geisteslebens so zu haben, dass im höchsten Sinne des Wortes der demokratische Trieb sich ausleben könne. In früheren Epochen war ein solcher demokratischer Trieb nicht in universeller Weise innerhalb der Menschheitsentwicklung vorhanden. Autoritätsprinzipien beherrschten die sozialen Organismen. Und etwa in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts erst hat sich langsam vorbereitet dasjenige, was dann sozusagen zu einem grandiosen Ausbruch am Ende des achtzehnten Jahrhunderts gekommen ist und zu einer Kulmination in unserer Zeit, wo es sich herauswindet aus der zivilisierten Menschheit durch Konvulsionen, durch schwere Prüfungen, durch Elend und Not, selbst durch so etwas wie die furchtbare Katastrophe, die wir im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts durchgemacht haben.
[ 9 ] Das ist [das] eine, worauf hinschaut derjenige, der zu dem Impulse der Dreigliederung des sozialen Organismus kommt. Er frägt sich: Welches ist das wichtigste historische Charakteristikon im gegenwärtigen Menschen? Und das andere, was als Ausgangspunkt für die Dreigliederung des sozialen Organismus figuriert, ich kann es nur charakterisieren, indem ich in einer gewissen Beziehung persönlich werde.
[ 10 ] Ich darf sagen: Ich habe durch Jahrzehnte hindurch das europäische Wirtschaftsleben, das europäische Staatsleben und das europäische Geistesleben von verschiedenen Voraussetzungen her beobachtet. Bei einer solchen Beobachtung durch dreißig Jahre hindurch habe ich in dem Experimentierlande für solche Beobachtungen, in Österreich gelebt; in jenem Österreich, an dem sich gerade in seinem Untergang gezeigt hat, wie die äußeren Verhältnisse nicht geeignet waren, die großen Fragen des Gegenwartdaseins irgendwie zu lösen. Diese und viele andere Verhältnisse der gesamten Zivilisation Europas, sie zeigen, dass eigentlich überall in den Tiefen der Menschenseelen — ein Bewusstsein kann man nicht immer sagen, denn vieles lebt heute noch bei den meisten Seelen im Unbewussten oder Unterbewussten —, aber ein Instinkt vorhanden ist dafür, dass eine Neugestaltung eintreten müsse. Und dasjenige, was ich vortrage als Dreigliederung des sozialen Organismus, es ist nicht erdacht, es ist am wenigsten erphantasiert, es ist in einer gewissen Weise abgelesen demjenigen, was man beobachten konnte, wenn man sich einen unbefangenen Sinn verschaffte für die wirtschaftliche, staatlich-rechtliche und geistige Entwicklung der Gegenwart und der letzten Jahrzehnte. Und so ist dasjenige, was ich vorzutragen habe, Beobachtungsergebnis, Erfahrungsergebnis.
[ 11 ] Wenn Sie dasjenige nehmen, was bis auf Karl Marx hin und die Späteren nach der Richtung der sozialen und der wirtschaftlichen Fragen in die Welt gebracht worden ist, Sie werden überall finden, es sind logisch geschürzte Systeme. Es ist viel Scharfsinn aufgewendet. Aber dasjenige, was die Menschheit heute braucht, ist nicht ein logisch geschürztes soziales System, es ist vielmehr etwas, was so mannigfaltig ist, wie die Wirklichkeit selber mannigfaltig ist. Die Wirklichkeit tritt uns vielfach so entgegen, dass dasjenige, was sich in ihr gestaltet, auch anders sein könnte. Und man würde, wenn es anders wäre, gar nicht einmal sagen können, es sei unvollkommener. Die Wirklichkeit ist nicht eindeutig. Daher kann derjenige, welcher aus der Wirklichkeit heraus über soziale Verhältnisse spricht, auch nicht in einer solchen Eindeutigkeit sprechen, wie man es aus gewissen dogmatischen Vorurteilen heraus oftmals verlangt. Daher wird sich gegen manches, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich zu sagen habe, das eine oder andere einwenden lassen, wie sich eben gegen die Wirklichkeit selbst das eine oder das andere einwenden lässt. Aber es kommt auf solche Einwände nicht an, sondern es kommt darauf an, ob dasjenige, was man in sozialer Beziehung vorbringt, Lebenskraft hat, ob es Tragkraft hat durch die Gegenwart und in die nächste Zukunft hinein.
[ 12 ] Nun habe ich Ihnen heute im engeren Sinne über das Wirtschaftsleben zu sprechen vom Gesichtspunkte der Dreigliederung des sozialen Organismus aus. Ich würde das aber nicht können, wenn ich Ihnen nicht wenigstens skizzenhaft auch etwas vorbringen würde über das Wesen dieses dreigliedrigen sozialen Organismus und auch über das Wesen des Ausgangspunktes desjenigen, was zugrunde liegt dem, was ich als eine gewisse Charakteristik des Wirtschaftslebens geben möchte, nämlich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft.
[ 13 ] Wenn von Anthroposophie die Rede ist, stellt man sich leicht irgendetwas Mystisch-Verschwommenes, Weltenfernes und Weltfremdes vor. Man ist gewöhnt, indem man betrachtet allerlei sektiererische Bewegungen, mystisch-theosophische und ähnliche Bewegungen, Anthroposophie zu identifizieren mit solchen Bewegungen. Man wird dann Anthroposophie gründlich missverstehen, wenn man sie identifiziert mit solchen Bewegungen. Anthroposophie ruht auf denselben Ausgangspunkten, auf denen die moderne naturwissenschaftliche Denkweise ruht, diese naturwissenschaftliche Denkweise, die uns in Bezug auf die äußere Welt so gewaltige Erkenntnisse gebracht hat, die uns im Grunde genommen geschaffen hat die ganze moderne Technik, die unser soziales Leben in solchem Maße umgewandelt hat. Aber so wahr es ist, dass gerade anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die große Bedeutung der Naturwissenschaft und der modernen Technik voll anerkennt, so kann sie gerade deshalb nicht stehen bleiben bei denjenigen Methoden, welche diese Naturwissenschaft ausgestaltet. Sie muss von diesen Methoden ausgehend geisteswissenschaftliche Methoden ausbilden, um aus der physischen Welt in eine überphysische Welt einzudringen. Denn alles dasjenige, was in der physischen Welt uns umgibt, es wurzelt in der überphysischen Welt. Das nimmt der Mensch erst wahr, wenn er zu denjenigen Erkenntniskräften, die er hat durch die gewöhnliche Vererbung, durch die gewöhnliche Kindes- und Schulerziehung, auch durch das akademische Leben und so weiter, andere hinzuentwickelt, die gewissermaßen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht zur Tätigkeit, nicht zur Aktualität kommen, die zunächst latent bleiben im menschlichen Seelenleben.
[ 14 ] Durch ganz bestimmte Methoden, Methoden einer regelrechten, von mathematisierendem Geiste durchzogenen Meditation und Konzentration, durch Methoden einer regelrechten Schulung, die ich beschrieben habe in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», «Geheimwissenschaft», «Ein Weg zur Selbsterkenntnis», durch solche Methoden werden herausgeholt aus der menschlichen Seele gewisse höhere Erkenntniskräfte. Ich habe diese höheren Erkenntniskräfte in meinen Büchern «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln» genannt im Sinne der Goethe’schen Weltanschauung «Geistesaugen» und «Geistesohren». Wir können in der Tat, ebenso wie unsere physische Organisation die physischen Augen, die physischen Ohren in uns ausbildet, geistige Organe ausbilden, die allerdings dann nicht partiell irgendwo sitzen, sondern den ganzen Menschen in Anspruch nehmen, aus dem Vollmenschentum herauswirken. Wir können solche Geistesorgane ausbilden und werden gewahr um uns herum eine übersinnliche Welt, wie wir durch unsere physischen Organe und durch den Verstand, der an unser Gehirn gebunden ist, der die physischen Erscheinungen kombiniert, die physische Welt um uns herum wahrnehmen. Und so, wie wir durch die gewöhnliche Naturwissenschaft die Entwicklung des Universums verfolgen, indem wir zurücksehen zu den ersten physischen Zuständen und versuchen, zu begreifen, wie sich entfaltet haben die einzelnen Wesen bis zum Menschen hinauf, so gelangen wir durch Geisteswissenschaft dazu, die geistigen Grundlagen und Ausgangspunkte des Weltenalls und die geistigen Ziele dieses Weltenalls zu finden. Dadurch gliedern sich uns zwei Teile unseres Geisteslebens zu einer Einheit zusammen, die das moderne Geistesleben in tragischer Weise für den Menschen auseinandergerissen hat.
[ 15 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wer wie ich kennengelernt hat jene Naturen, die nicht nur im theoretischen Sinne in der Erkenntnis der neueren Zeit leben, sondern mit ihrem ganzen Menschen, ihrem ganzen Gemüt, der weiß, welche Tragik sich gerade bei denjenigen heute in der Seele abspielen kann, welche die Errungenschaften, die voll anzuerkennenden modernen Errungenschaften der Naturerkenntnis ernst und ehrlich nehmen. Sehen Sie, ich habe Menschen kennengelernt, die sagten sich: Da blicke ich hinaus in eine Welt bloß natürlicher Notwendigkeiten. Aus dieser Welt der bloß natürlichen Notwendigkeiten geht auch der Mensch hervor. Aber in diesem menschlichen Innern sprießt etwas auf, wodurch sich der Mensch eigentlich erst so recht wertvoll finden kann im Leben. Es sind die moralischen Ideale, es sind die religiösen Empfindungen, es sind die künstlerischen Erfassungen des Weltenalls, es ist alles dasjenige, was wir Recht, Sitte und so weiter nennen. Aber es sagen sich dann solche ehrlichen Menschen: Das alles geht von einer gewaltigen Illusion, von einer großen Täuschung, wie Rauch und Nebel aus dem Innern der Menschenseele hervor. Denn in Wirklichkeit ist der Mensch ein äußerer physischer Organismus, der sich aus dem nur durch Naturnotwendigkeit zu begreifenden Universum herausgebildet hat. Hinschauen muss man, wie dieses Universum einstmals in dem Zustande des Wärmetodes oder dergleichen ankommen wird und wie dann der große Kirchhof aller Ideale, alles sittlichen Lebens, alles desjenigen, was dem Menschen so erscheint, als ob es ihm erst ein menschenwürdiges Dasein geben würde, verschwunden und ausgelöscht ist.
[ 16 ] Aber wer die Menschen hat leiden sehen unter dieser Wirkung der modernen Weltanschauung auf das menschliche Gemüt, der weiß, was es heißt, dass Geisteswissenschaft aus demjenigen, was in der Menschenseele als sittliche Ideale, als religiöse Impulse, als künstlerische Erfassungen lebt, und demjenigen, was draußen in der Natur ist, eine Einheit macht. Ich kann das heute nur skizzieren; in meinen Büchern, die ich eben nannte, finden Sie das jetzt Ausgeführte erhärtet und bewiesen. Ich möchte mich aber noch durch einen Vergleich klarmachen: Wir sehen eine Pflanze, sie wächst aus dem Boden heraus. Indem sie aus dem Boden herauswächst, entfaltet sie Blätter und Blüten; aber dann entfaltet sie auch in der Blüte den Keim, der schon die Anlage für eine neue Pflanze im nächsten Jahr ist. Der Keim ist unscheinbar, aber er ist die Anlage für eine ganze Pflanze im nächsten Jahr, währenddem die Blätter und Blüten verwelken und abfallen. So ist es im Weltenall vor den Erkenntnissen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Da sehen wir das äußere Weltenall mit den Naturgesetzen, die es beherrschen, bis zu dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes hin. Wir sehen es im Sinne dieser Geisteswissenschaft als das Verwelkende, das Absterbende, als das im Tode Abgehende. Und wir sehen in dem Menschenwesen die sittlichen Ideale, die religiösen Impulse, die künstlerischen Erfassungen, und wir wissen: Das sind Keime für Zukunftswelten. Dasjenige, was wir heute als Natur um uns sehen, ist das Ergebnis moralischer Erlebnisse von Wesen einer urfernen Vergangenheit. Dasjenige, was wir als geistige Welten in uns tragen, ist der Keim für physische Welten einer fernen Zukunft.
[ 17 ] Das kann ich, wie gesagt, jetzt nur skizzieren. Ich tue das aus dem Grunde, damit ich hinweisen kann auf dasjenige, was Geisteswissenschaft, indem sie naturwissenschaftlichen Geist fortbildet, der Menschheit als Weltanschauung liefern kann. Da lernt man wieder erkennen den lebendigen Geist. Da lernt man erkennen, welcher Unterschied besteht zwischen der Überzeugung, die sich sagt: Ich trete durch Geisteswissenschaft an den realen, wirklichen Geist der Welt heran; ich lerne erkennen: In mir leben nicht nur Gedanken und Vorstellungen, in mir leben in den Gedanken und Vorstellungen lebendige geistige Wesenheiten. Den lebendigen Geist lernt man wiederum erkennen. Die alten Religionen haben, indem sie nur noch traditionell fortleben, den einstigen großen Sinn, den sie hatten, abgestreift. Wir brauchen ein Schöpferisches in der Menschenseele, um ein solches elementar wirkendes Geistesleben uns zu erringen. Demgegenüber ist dasjenige Geistesleben, das sich im Laufe der letzten Jahrhunderte entwickelt hat, ein abstrakt-theoretisches. Wir experimentieren, wir beobachten, wir bedienen uns wunderbar scharfsinnig gestalteter Werkzeuge und Instrumente, um die physische Umwelt mit ihren Gesetzen zu erforschen. Aber alles dasjenige, was wir da erforschen, es ist nur etwas, was uns abstrakte Begriffe, Theorien gibt, die wir vielleicht dann anwenden, was uns aber nicht innerlich erfüllt mit lebendigem Geiste. Sodass wir uns sagen können: Wir denken nicht bloß in Gedanken, wir leben nicht bloß in Vorstellungen, sondern indem wir Menschen hier auf der Erde herumgehen, leben übersinnliche Welten durch ihre geistigen Wesenheiten in uns, geradeso, wie die drei Reiche der Natur in unserm physischen Organismus leben.
[ 18 ] Von dieser realen Erfassung der geistigen Welt geht auch dasjenige aus, was die Dreigliederung über die verschiedenen Gebiete des sozialen Lebens zu sagen hat. Denn auf dem Grunde der Wirtschaftsfragen ruht heute doch die soziale Frage. Und wenn man diese soziale Frage nicht von außen, sondern von innen kennengelernt hat, dann muss man über sie doch etwas anders denken, als gemeiniglich heute über sie gedacht wird. Ich war jahrelang an einer Arbeiterbildungsschule, in der ich nur Proletarier zu unterrichten hatte in den verschiedensten Fächern, Menschen, die ihren immerhin außerordentlich starken Bildungsdrang befriedigen wollten. Aber es war mir auch möglich, da die proletarischen Seelen kennenzulernen, und auf dem Grunde der proletarischen Seelen dasjenige, was aus den breiten Massen des Volkes heraufquillt, als die eigentlichen Grundlagen und die Grundschwierigkeiten des heutigen wirtschaftlichen Problems [zu erkennen]. Immer wieder und wiederum hört man bei Tausenden und Tausenden Menschen — bei denen man es hören kann, das sind heute Millionen, diejenigen, die nicht das Proletariat kennengelernt haben, stellen sich ja über diese Dinge durchaus nicht das Richtige vor —, immer wieder und wiederum hört man da ein Wort, ein Wort, das eine furchtbare Bedeutung hat, das Wort Ideologie.
[ 19 ] Dieses Wort Ideologie ist heute in den breiten Massen populär geworden. Was bedeutet es denn? Es bedeutet, dass heute diese breiten Massen, die dadurch, dass sie an der modernen Maschine gestanden haben, dass sie in das Gespinst der modernen Technik einverwoben worden sind, der Freude an den unmittelbaren Arbeitsprodukten entfremdet worden sind, dass diese breiten Massen angenommen haben eine tief innerliche Überzeugung davon, dass eigentlich eine Wirklichkeit haben nur die äußeren, materiellen, wirtschaftlichen Prozesse, wie die Leute sich ausdrücken: die Produktionsprozesse, die Produktionsweisen, die Produktionsarten. Das, worin der Mensch steht als in der materiellen Produktion, das ist das eigentlich Wirkliche, und dasjenige, was er als Sitte entwickelt, als Recht entwickelt, als Religion, als Wissenschaft, als Kunst entwickelt, es ist nur dasjenige, was die Leute einen Überbau nennen, das heißt etwas, was als eine Ideologie, als Rauch und Nebel aufsteigt aus der einzigen Wirklichkeit, die die materielle Wirklichkeit ist.
[ 20 ] Diejenigen, die den gebildeten Klassen angehören, sie haben noch alte Traditionen oder stehen wenigstens in einem Leben drinnen, das noch immer von alten Traditionen beherrscht ist, von religiösen Traditionen, künstlerischen Traditionen und so weiter. Die ganze breite Masse des Volkes, sie hat diesen Traditionen Adieu gesagt. Die breiten Massen haben dasjenige als ihre innerste Überzeugung aufgenommen, was eine Theorie der anderen Klassen ist. Man kann so etwas als Überzeugung haben, man kann es sogar verteidigen, man kann allerlei logische Gründe für so etwas anführen, aber man kann nicht leben damit. Und dass man im tiefsten seelischen Innern damit nicht leben kann, das sieht derjenige, der mit diesen Leuten, besonders als ihr Lehrer, durch Jahre Umgang hatte. Es verödet die Seele, es wird die Seele leer, wenn sie das geistige Leben als Ideologie ansieht.
[ 21 ] Wahrhaftig, die führenden Kreise, indem sie sich auch entfremdet haben dem lebendigen Geistesleben, sie haben dasjenige, was geistiges Erleben werden kann, zur bloßen Theorie gemacht, zur bloßen Abstraktion, zur bloßen Kopfkultur gemacht. Der moderne Arbeiter will damit den ganzen Menschen erfüllen und er bleibt als Mensch dadurch mit einer Ödigkeit der Seele behaftet. In dieser Seelenverfassung, die der moderne Proletarier übernommen hat als ein Erbgut des Geisteslebens der führenden Kreise, in dieser Seelenödigkeit muss der Ursprung der modernen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gesucht werden. Diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten ruhen nicht in äußeren Einrichtungen, sie ruhen in dieser eben skizzierten und charakterisierten Seelenverfassung weitester Kreise, millionenreicher Kreise der modernen Menschheit: Ideologie statt eines lebendigen Geisteslebens.
[ 22 ] Man muss dann suchen nach den Ursachen, wie es denn eigentlich gekommen ist, dass auch äußerlich im sozialen Leben die Ideologie treten konnte anstelle des lebendigen Geisteslebens. Und da kommt man zu etwas, was ja heute als Paradoxie noch empfunden werden kann, weil man nicht einsieht, dass dasjenige, was für eine Epoche der Menschheit voll berechtigt ist, es nicht auch für alle Epochen der Menschheit sein kann.
[ 23 ] Als dieses moderne Leben heraufkam, seit dem fünfzehnten, sechzehnten, siebzehnten Jahrhundert, hatte man ja die einzelnen Staaten, die Staatsgebilde, die sich aus verschiedenen Voraussetzungen innerhalb der modernen Zivilisation gebildet haben. Diese Staatsgebilde, sie übernahmen allmählich alle Aufgaben der Menschheitsentwicklung. Wir wissen ja, wie das Bildungsleben abhängig war in alten Zeiten von den Konfessionen. Mit Recht übernahmen die Staatsgebilde von den Konfessionen das Schul-, das Erziehungs-, das Bildungsleben. Sie konnten bei den Konfessionen nicht bleiben. Dazu war es notwendig, dass dem Rahmen des Staates einverleibt wurde dasjenige, was Schule und Bildungsleben ist. Und ein anderer Drang entwickelte sich; weil man eigentlich nur diesen sozialen Rahmen des modernen Staates hatte, entwickelte sich auch der Drang, indem die modernen Wirtschaftsverhältnisse immer komplizierter wurden unter dem Einfluss der triumphalen Technik, das Wirtschaftsleben allmählich auch immer mehr und mehr von staatlichen Prinzipien, staatlichen Kräften umfassen zu lassen.
[ 24 ] Und so wurde dasjenige, was drei Gebiete der menschlichen Entwicklung sind, zu einer äußeren abstrakten Einheit gemacht. Segensreich war es in einer gewissen Weise, dass diese Einheit entstanden ist, aber auf der anderen Seite stehen wir heute in dem historischen Zeitpunkte, wo die drei verschiedenen Gebiete des menschlichen sozialen Lebens zerbrechen diese Einheit, wo sie fordern, dass sie ihre eigene, aus ihrem Wesen heraus folgende Verwaltung erhalten.
[ 25 ] Nehmen wir zunächst das Geistesleben, wie ich es charakterisiert habe, wie es neu auftreten will aus schöpferischen Quellen der menschlichen Seele durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Dieses Geistesleben, es kann sich nur entwickeln, wenn es unabhängig sich selbst auf dem eigenen Boden verwalten kann, wenn es nicht seine Richtlinien von irgendwelchen staatlichen Maßnahmen, von einer staatlichen Verwaltung erhält. Diese Dinge, meine sehr verehrten Anwesenden, sind logisch gewiss leicht anfechtbar. Allein für denjenigen, der sich in das besondere Gefüge des Geisteslebens hineinleben kann, ist ohne Weiteres klar, dass das Geistesleben, dasjenige, was in ihm schöpferisch ist, was in ihm seinen eigenen Charakter an die Oberfläche trägt, nur dann sich entwickeln kann, wenn das Bildungsleben schon von dem untersten Erziehungs- und Schulwesen an auf eigene Füße gestellt wird; wenn dieses Geistesleben, namentlich das wichtigste Glied dieses Geisteslebens, das öffentliche Erziehungs- und Schulwesen, so gestaltet wird, dass diejenigen, die lehrend, unterrichtend, erziehend darinnenstehen, zu gleicher Zeit auch die Verwaltenden sind. Sie sollen nur so viel Zeit verwenden für die Erziehung und den Unterricht, dass ihnen in ihrer Gesamtheit Zeit bleibt, nach denselben Prinzipien, nach denen sie stündlich lehren, auch dieses Unterrichts- und Erziehungswesen selber zu verwalten. Von keiner äußeren Norm darf das Geistesleben, darf Erziehungs- und Unterrichtswesen abhängig sein. Denn gerade das Hereinspielen einer äußeren Norm, es ertötet dasjenige, was im Grunde genommen in jedem Erziehenden und Unterrichtenden sein muss: die unmittelbare Verantwortlichkeit nicht gegenüber einem Staate, nicht gegenüber einer Wirtschaftsmacht, sondern gegenüber dem übersinnlichen Geistesleben selber.
[ 26 ] Fühlt sich ein jeder als Menschheitsindividualität verantwortlich gegenüber dem Geistesleben in seiner Wesenheit, dann haben wir das lebendige Geistesleben. Dieses lebendige Geistesleben zu gestalten, dafür ist notwendig, dass dieses Geistesleben seine eigene Verwaltung erhält. Es wird sich seine eigene Geltung verschaffen können. Man emanzipiere nur dieses Geistesleben vom Staats- und Wirtschaftsleben, man gebe ihm seine eigene Verwaltung, und man wird sehen, dass, weil man ja die Fähigkeiten fähiger Menschen braucht, man diese Fähigkeiten auch anerkennen wird. Und in demselben Augenblick, in dem nicht durch äußere Gesetze und Verwaltungsmaßregeln die Stellung eines Menschen im Geistesleben festgelegt wird, sondern indem man angewiesen ist darauf, dass der Mensch aus seiner Individualität nach den Fähigkeiten im freien Geistesleben wirkt, in demselben Augenblick wird auch die freie Anerkennung der menschlichen Fähigkeiten mit Bezug auf das Geistesleben da sein.
[ 27 ] Und von einem solchen Geistesleben bekommt man im Grunde genommen nur eine Vorstellung von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft her. Das abstrakte Geistesleben ist entfremdet der Welt. Dasjenige Geistesleben, das wir pflegen von der Freien Hochschule von Dornach, dem Goetheanum aus, ist eine GeistErkenntnis, die an den ganzen Menschen herantritt, die nicht eine Kopfkultur ist, sondern von der man sagen kann, dass sie bis in die manuelle Geschicklichkeit des Menschen diesen Menschen zur Entwicklung bringt. Nur kurz erwähnen will ich, dass an diesem Goetheanum im letzten Herbst Hochschulkurse absolviert wurden, bei denen dreißig Persönlichkeiten wirkten, gelehrte Fachleute, Künstler, Kommerzielle, Industrielle, welche zeigen wollten, in welcher Weise der ganze Mensch, das ganze Leben von anthroposophischer Geisteswissenschaft befruchtet werden könne. Dasjenige, was theoretisch-abstraktes Geistesleben ist, es geht ja nicht bis in die Muskeln, bis in die Geschicklichkeit; man muss dann erst Routine sich erwerben. Das lebendige Geistesleben geht bis in die manuelle Geschicklichkeit, bis in die Muskeln und Nervenausbildungen hinein.
[ 28 ] Daher wird ein freies Geistesleben, das von dieser Perspektive aus die Grundlage der übrigen sozialen Ordnung ist, umfassen können, nicht jene weltfremden Lehrernaturen oftmals — denen darum kein Vorwurf gemacht werden soll, denn sie sind ja das Ergebnis der menschlichen Verhältnisse in der Gegenwart —, es werden nicht diese weltfremden Wissenschaftler tätig sein, die heute oftmals tätig sind, sondern Menschen des Lebens. Und man wird gerade aus dieser Gesinnung heraus die praktischen Einsichten in das Leben, alles dasjenige, was mit dem unmittelbar Alltäglichen zusammenhängt, gerade so anerkennen, gerade so ausbilden vom Geistesleben aus, wie man Philosophie oder religiöse Grundüberzeugung ausbildet. Denn für ein solches Geistesleben ist alles Materielle und alles Geistige eine Einheit, und der Geist hat nur dann im Menschen die rechte Kraft, wenn er nicht den Menschen abschließt vom materiellen Leben, sondern wenn er dem Menschen die Fähigkeit gibt, ins materielle Leben praktisch auf jedem Gebiet einzugreifen. Nicht zurückzuziehen in ein nebulöses, mystisches Geistesleben haben wir uns, sondern vom Geiste haben wir uns zu durchdringen, damit gerade die äußere, physische Wirklichkeit durchgeistigt werden könne.
[ 29 ] Dieses Geistesleben brauchen wir als Grundlage eines gesunden Wirtschaftslebens. Denn dieses Geistesleben wird wiederum den Menschen erfassen. Das wird nicht wie das sogenannte Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte an die breiten Massen heranbringen dasjenige, was ihnen nur öde, ertötende Ideologie ist, das wird ihnen das Gefühl ihrer Menschenwürde geben. Dann wird sich mit ihnen arbeiten lassen. Denn die soziale, die wirtschaftliche Frage, sie lässt sich nur lösen aus der menschlichen Seele heraus, aus den menschlichen Erkenntnissen, den menschlichen Gefühlen und Überzeugungen und Willensimpulsen heraus. Wir müssen den Zugang finden zu den Seelen der arbeitenden Menschen. Wir finden diesen Zugang nicht, wenn wir ihnen weiter so reden von unseren Wissenschaften, wie wir ihnen bisher geredet haben, und wenn wir so über die sozialen Verhältnisse reden, wie diese Wissenschaften uns bisher zum Reden über die sozialen Verhältnisse angeleitet haben.
[ 30 ] So habe ich Ihnen das erste Glied im dreigliederigen sozialen Organismus geschildert, das selbstständige Geistesleben, das durchaus in die Verwaltung derjenigen, die geistig-schöpferisch sind, namentlich der Erziehenden und Unterrichtenden, selber gestellt ist. Das steht gewissermaßen auf dem einen Flügel des modernen sozialen Organismus. Auf dem anderen Flügel steht das Wirtschaftsleben. Dieses Wirtschaftsleben unterscheidet sich ja gründlich von dem Geistesleben. Was strebt der Mensch im Geistesleben an? Er strebt an, aus seiner Seele heraus zu einer Erfassung der Lebensharmonie zu kommen. Eine gewisse Totalität des Lebens muss auch der einfachste Mensch haben in Bezug auf das geistige Leben. In Bezug auf das wirtschaftliche Leben können wir das niemals. Da muss der Mensch, wenn er nun wirklich Lebensbeobachtung hat, wenn er Lebenssinn hat, sich ein Geständnis machen; das Geständnis: Im wirtschaftlichen Leben gibt es für den einzelnen Menschen kein Totalurteil. Was heißt das? Ich will mich zunächst durch eine historische Tatsache klarmachen. So um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde in vielen Staaten, überhaupt in vielen Gebieten des öffentlichen sozialen Lebens über die Goldwährung diskutiert. In einzelnen Ländern wurde ja auch die Goldwährung eingeführt. Was dazumal von Parlamentariern, von praktischen Wirtschaftern, von sonstigen Lebenspraktikern über die Goldwährung gesagt worden ist — ich meine das wahrhaftig nicht ironisch, sondern ganz ernst und ehrlich —, das war durchaus sehr scharfsinnig und gescheit. Man bekommt heute noch einen großen Respekt vor denjenigen Leuten, die dazumal über das Wirtschaftsleben gesprochen haben.
[ 31 ] Aber alles dasjenige, was, und zwar wiederum mit vorzüglichen Gründen, ausgeführt wurde, es stellte die Prognose: Es werde unter dem Einfluss der Goldwährung der freie Handel blühen, die einzelnen Staaten würden ihre Grenzen öffnen, das herankommende Weltwirtschaftsleben werde sich frei entfalten können, unbeirrt um die Grenzen der einzelnen Staaten. Diese Staats-Rahmen sind ja aus ganz anderen Voraussetzungen heraus entsprungen als das moderne Wirtschaftsleben, das nach und nach durch die Weltwirtschaft eine Einheit geworden ist und das ganz andere Verbindungen braucht als diejenigen, die die Staaten schaffen können. Der freie Handel werde blühen. So haben sehr gescheite Leute gesagt. Und was ist in Wirklichkeit eingetreten? Zollschranken sind überall aufgekommen; über die Vorzüglichkeit der Schutzzölle hat man nachher viel gesprochen, weniger gescheit, aber mit mehr Aussicht, die Dinge zu erreichen.
[ 32 ] Was liegt da eigentlich vor? Das liegt vor, meine sehr verehrten Anwesenden, dass im Gebiete des Wirtschaftslebens einem diejenige Gescheitheit, durch die man gerade im Geistesleben als individueller Mensch fortschreitet, nichts nützt im Wirtschaftsleben. Das ist eine tiefe, bedeutsame Wahrheit, dass der Einzelne noch so gescheit sein kann, wenn sein wirtschaftliches Urteil Tragkraft haben soll im wirtschaftlichen Leben, so gilt ein noch so gescheites Urteil aus individuellen Fähigkeiten heraus gar nichts; im wirtschaftlichen Leben ist nur maßgebend dasjenige, was wir uns aneignen durch Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit innerhalb der einzelnen Fächer des Wirtschaftslebens. Das aber kann nicht im Wirtschaftsleben sich unmittelbar entfalten, sondern das ist darauf angewiesen, dass es sich ergänzt durch dasjenige, was andere in anderen Branchen, in anderen Fächern als maßgebendes Urteil, als für die Wirklichkeit tragkräftiges Urteil entwickeln können. Im Wirtschaftsleben kann nur dasjenige maßgebend sein, was Kollektivurteil ist, was aus einer bestimmten Gruppe von Menschen, die die verschiedensten Wirtschaftszweige miteinander vereinigen, so hingestellt wird, dass man es nicht mit gegenseitigem Rat zu tun hat; beim Raten kommt nicht viel heraus, kommt nur ein wesenloses Parlamentarisieren heraus; sondern dass man es zu tun hat mit in Verhältnis zueinander kommenden gegenseitigen Interessen; dass man es zu tun hat mit dem werktätigen Leben selber; dass der eine dieses, der andere jenes zu realisieren hat; dass der eine etwas geltend zu machen hat, eine Fähigkeit auf einem bestimmten Gebiet, der andere etwas auf dem Gebiet der [Produktion] und so weiter. Und es ist durchaus möglich, dass sich Assoziationen bilden, die eine bestimmte Größe haben müssen, Assoziationen, in denen sich vereinigen Menschen der verschiedensten wirtschaftlichen Lebenskreise. Von Bedürfnissen gehen die Dinge aus. Dann handelt es sich darum, dass mit denjenigen Menschen, welche aus ihren Lebenserfahrungen heraus über die Bedürfnisse gewisser Kreise sprechen können, sich vereinigen andere Menschen, die in bestimmten Produktionsbranchen drinnenstehen, welche diesen Bedürfnissen abhelfen.
[ 33 ] Und, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist noch etwas anderes möglich als dasjenige, was in phrasenhafter Weise in der modernen Sozialdemokratie zutage tritt, wenn man die Phrase, die ja als Phrase richtig ist, immer wiederum und wiederum sagt: Man solle nicht produzieren, um zu profitieren, sondern um zu konsumieren. Was könnte richtiger sein als dieses! Aber was ist leichter, als solch einen abstrakten Satz auszusprechen? Es handelt sich ja immer darum, wie man so etwas macht. Denn die Sache ist eigentlich selbstverständlich.
[ 34 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, man konnte bisher eigentlich nur auf eingeschränktem Gebiete solche Dinge wirklich durchführen. Und da will ich Ihnen zunächst ein Gebiet, das Sie vielleicht nicht anerkennen werden, weil es mehr dem geistigen Gebiet angehört, aber ich charakterisiere es jetzt nur im wirtschaftlichen Sinne — da will ich Ihnen ein Gebiet vorführen, dasjenige des anthroposophischen Buchhandels. Wir haben einmal begründet vor vielen Jahren den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag in Berlin. Bedenken Sie einmal, wie in der Regel heute ein Verlag geführt wird. Ich führe etwas aus dem Geistesleben an, aber Sie werden gleich sehen, dass das sich durchaus übertragen lässt auf das ganze materielle Leben. Wie wird ein Verlag heute geführt? Der Verleger nimmt von dem Autor das Manuskript. Das Manuskript wird gesetzt. Bücher werden fabriziert, diese Bücher werden an die Sortimentsbuchhändler geschickt, aber werden sie etwa alle verkauft? Nun, wer den Buchhandel kennt, der weiß, was das Wort «Krebse» bedeutet. Es sind diejenigen Bücher, die zurückkommen von den Sortimentsbuchhändlern. Dieser Krebse gibt es viele, nicht nur bei den Lyrikern, wo fast alles in die Krebsnatur übergeht, was gedruckt wird. Aber sehen wir uns an, was da eigentlich geschieht. Da werden angestellt so und so viele Leute, die das Papier fabrizieren, so und so viele Leute, welche die Bücher setzen, drucken, diese Bücher dann verfrachten und so weiter. Denken Sie, wie viele Menschen beschäftigt sind mit den Büchern, die man für das allgemeine Menschenleben gar nicht zu fabrizieren brauchte. Den größten Teil brauchte man ja nicht zu fabrizieren, es ginge das Leben, auch wenn man sie wegließe, gerade bei einem Gebiet, wo nur von der Produktion ausgegangen wird. Wie haben wir es bei dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag gemacht, wie haben wir es denn da gemacht?
[ 35 ] Wir haben kein einziges Buch gedruckt, von dem nicht von vorneherein sicher war, es wird auch verkauft. Denn wir sind ausgegangen vom geistigen Konsum. Zunächst war die Anthroposophische Gesellschaft da. Sie mögen noch so kritisch von ihr denken, ich rede ja jetzt nur von etwas Wirtschaftlichem. Diese Gesellschaft entwickelte ein Bedürfnis, man kannte dieses Bedürfnis, man lebte mit der Anthroposophischen Gesellschaft in Assoziation, man lernte kennen lebendig ihre Bedürfnisse, diesen Bedürfnissen trug man Rechnung in der geistigen Produktion. Und es war niemals der genannte Verlag in der Lage, irgendwelche Leute unnötig zu beschäftigen. Viel wichtiger als das phrasenhafte Reden heute, das uns in vielen Programmen und dergleichen entgegentritt, wäre es, zu denken, wie man die Dinge macht, wie man das wertlose Produzieren, das wertlose Beschäftigen von Menschen innerhalb des sozialen Lebens bekämpfen kann. Das kann man nur durch das Assoziationsprinzip. Wie unvollkommen auch diese Assoziation, die ich geschildert habe, ist, sie ist eine Assoziation.
[ 36 ] Später habe ich etwas versucht, was dann der Krieg unterbrochen hat. Wir hatten ein Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft, er war Großbäcker. Ich habe gesagt: Warum sollte man die Anthroposophische Gesellschaft nicht auch als eine Summe von Konsumenten für Brot auffassen, das ist sie ja ganz gewiss auch. Also ich verschaffe ihnen so viele Konsumenten, dass sie ihre Produktion treiben können, sagte ich zu dem Betreffenden. Es ist nicht gelungen, teils durch die Individualität der betreffenden Persönlichkeit, aber es hätte gelingen können; namentlich kam aber auch der Krieg dazu. Wiederum ausgehend vom Bedarf wurde versucht, den Bedarf zu assoziieren mit der Produktion.
[ 37 ] Sehen Sie, auch das, was ich Ihnen da als assoziatives Prinzip im Wirtschaftsleben schildere, es zeigt sich wie etwas, was sozusagen aus dem Unterbewussten der menschlichen Gesellschaft heute heraufquillt. Wir sehen auf der einen Seite die Kartellbildungen, auf der anderen Seite die Trustbildungen, allerdings immer einseitig unter bloß Produzierenden, währenddem die Verbindung zwischen Produzierenden und Konsumierenden eben einseitig durch die Agenturen besorgt wird. Unter Beseitigung der Agenturen Assoziationen ins Leben rufen, die mit ihren lebendigen Interessen zwischen dem Konsum und der Produktion drinnenstehen und vermitteln, das bedeutet eine fruchtbare Zukunft des Wirtschaftslebens. Kartelle kontingieren den Gewinn, sie kontingieren den Verbrauch, sie kontingieren Verschiedenes. Man sieht, unter dem Einfluss der Weltwirtschaft ist Zusammenschluss notwendig, aber man packt die Sache zunächst am verkehrten Ende an. Statt das gesamte Wirtschaftsleben in Assoziationen zu umfassen, assoziiert man zunächst nur Produzierende. Dadurch verschärft man dasjenige, was ja in unserm Wirtschaftsleben das Chaos gebracht hat. Man mindert und mildert es nicht.
[ 38 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, was ist es denn nun gerade, was einem, wenn man mit offenen Sinn unser Wirtschaftsleben betrachtet, so nahelegt, dass auch das Wirtschaftsleben als ein besonderes Glied des dreigegliederten sozialen Organismus abgegliedert werden muss von den übrigen beiden, wie ich für das geistige Glied bereits charakterisiert habe und für das andere Glied noch charakterisieren werde.,
[ 39 ] Ich werde eine ganz konkrete Tatsache des heutigen Wirtschaftslebens Ihnen charakterisieren, die für den, der heute als Routinier im Wirtschaftsleben steht, zwar zu spüren ist als wirtschaftliche Schwierigkeit, über die man sich aber nicht leicht eine Klarheit verschafft. Es ist die Tatsache: In unserer komplizierten sozialen Wesenheit, in der die Arbeitsteilung herrscht, in der die Menschen, jeder für den anderen, arbeiten, bezahlen wir Waren als Arbeitsprodukt; wir bezahlen in derselben Weise, wie wir Waren als Arbeitsprodukt bezahlen, auch menschliche Arbeit. Wir bezahlen beide sozusagen mit demselben Geld. Es kann einmal das Geld eine so und so große Kohlenmenge bedeuten, das andere Mal soundsoviel Arbeitskraft bedeuten. Nun stellen Sie sich vor, wenn jemand mit gemeinschaftlichem Maße messen wollte, Lämmer und Äpfel, Dinge, die einfach kein gemeinsames Maß haben, Dinge, die nichts gemeinsam haben. Menschliche Arbeitskraft als solche ist nicht vergleichbar mit einer Ware in agitativer Weise, in ganz falscher Weise lebt diese Sache in der Karl Marx’schen Agitation.
[ 40 ] Aber in jedem unbefangenen Menschensinn lebt wie der Quell einer Aufklärung darüber, dass wir in unserem Wirtschaftsleben zwei Dinge zusammengedrängt haben, die nun wirklich gar nicht irgendwie mit einem gemeinsamen Maßstabe messbar sind. Und auch da wirkt das moderne Leben durchaus schon so, dass es sozusagen unbewusst sich helfen will nach dem Richtigen hin. Einzelne Staaten haben versucht, die Arbeitszeit zu regeln, Arbeitsversicherungen einzurichten, Altersversicherungen und so weiter, kurz, durch ein besonderes rechtliches Staatssystem die Arbeit zu regeln, unabhängig von dem, was im Wirtschaftsleben selber drinnensteht. Denn im Wirtschaftsleben steht ja nur drinnen Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsumtion. Die Arbeit steht im Wirtschaftsleben nur in indirekter Weise drinnen.
[ 41 ] Im Grunde genommen ist die Sache ja so: Wir haben auf der einen Seite des Wirtschaftslebens die Natur. Wir können unmöglich aus bloßen wirtschaftlichen Untergründen — weil wir vielleicht als Konsortium nächstes Jahr notwendig haben, den Weizen zu dem oder jenem Preise zu verkaufen, wenn uns das oder jenes gelingen soll — diktieren, dass das nächste Jahr so und so viel Regen, soundsoviel Sonne da sei. Die Natur steht als etwas Gegebenes da. Wir haben sie hinzunehmen. Die menschliche Arbeit wollen wir direkt unter die wirtschaftlichen Gesichtspunkte bringen. Wir wollen aus den wirtschaftlichen Untergründen heraus die menschliche Arbeit regeln. Die Sozialdemokratie will es selber, will es gerade aus wirtschaftlichen Untergründen heraus. Sie stellt nichts anderes dar als die furchtbar vereinseitigte Fortsetzung desjenigen, was in das Chaos hineingeführt hat.
[ 42 ] Es handelt sich darum, einzusehen, dass Ware und menschliche Arbeitskraft keine vergleichbaren Werte sind, dass sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus verwaltet werden müssen. Die Natur brauchen wir nicht zu verwalten, sie lässt sich nicht verwalten; sie liegt unserm Wirtschaftsleben zugrunde, so wie sie dem Wirtschaftsleben der Vögel und dergleichen zugrunde liegt. Wir verwalten innerhalb des eigentlichen Wirtschaftslebens Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum, aber die modernen Verhältnisse haben dazu geführt, zu konfundieren mit demjenigen, was der vergleichsweise Wert oder Preis der Ware ist, dasjenige, was die Arbeit ganz so entlohnt — man nennt das entlohnen, in Wahrheit ist es bezahlen — wie man Waren bezahlt, während die Arbeit nach ganz anderen Gesichtspunkten geregelt werden muss.
[ 43 ] Denken Sie doch nur einmal, was aus der Unnatur der modernen Verhältnisse heraus alles entstanden ist; so zum Beispiel innerhalb der modernen proletarischen Theorie. Da sagen die Leute: Der Handarbeiter arbeitet das oder jenes, da verbraucht er organische Kraft, die wieder ersetzt werden muss; dafür muss er entlohnt werden. Es ist sogar der große Gegensatz konstruiert worden zwischen Hand- und Geistesarbeit. Die Geistesarbeit verbraucht weniger, weil sie Ideen liefert, die dann immer nachgemacht werden. Sie liefert nicht etwas, was in dieser Weise auf Verbrauch hin arbeitet. Alle diese Theorien sind entstanden, weil man Arbeit hineingestellt hat in den Prozess der Waren-Konsumtion, Warenzirkulation und Warenproduktion, weil man nicht den Strich gemacht hat zwischen dem eigentlichen Wirtschaftsleben und dem Staats- oder Rechts- oder politischen Leben. Damit haben wir die drei Glieder das sozialen Organismus, das geistige Glied, namentlich umfassend das wichtigste, öffentliche des geistigen Lebens: das Unterrichts- und Erziehungswesen; das staatlich-politische Glied, in dem zum Beispiel zu regeln ist die Arbeit.
[ 44 ] Wie kommt derjenige zurecht, der nun dasjenige, was ich im Beginne meines Vortrages ausgeführt habe, ganz ernst und ehrlich nimmt: das Bewusstsein, die moderne Menschheit muss der Demokratie entgegengehen? Nur der kann die Demokratie ernst und ehrlich nehmen, der dasjenige aus dem Demokratischen hinweglässt, was sich nicht demokratisieren lässt.
[ 45 ] Es gibt ein weites umfassendes Gebiet menschlicher Angelegenheiten, in denen kompetent ist jeder mündig gewordene Mensch, das ist das Gebiet, in dem Majoritäten mit Recht herrschen. Das ist das Gebiet, wo man durch Parlamentarisieren etwas erreichen kann. Nichts erreichen kann man durch Parlamentarisieren auf dem Gebiete des Geisteslebens, wo nur fruchtbar sein kann die Entfaltung der Individualität des Einzelnen. Nichts erreichen kann man mit dem Parlamentarisieren, mit Majoritätsbeschlüssen auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens. Da müssen Assoziationen zustande kommen in der Weise, wie ich es geschildert habe, aus den verschiedensten Lebenszweigen heraus. Und diese Assoziationen, die gestalten sich zu einer ganz bestimmten Größe. Es bedarf nicht der Statistiken; die helfen nichts, die sind nur für das Verflossene, auf das Leben kommt es aber an, und dass das Leben erfasst werde von den Menschen, die in Assoziationen drinnenstehen, und durch die Assoziationen zunächst die Bedürfnisse erfassen, nicht die Bedürfnisse regeln. Das Wirtschaftsleben hat nichts zu tun mit Ethik, mit einer Kritik der Bedürfnisse, sondern lediglich mit dem Konstatieren, dass die Bedürfnisse da sind. Mit Kritik, mit der Regelung der Bedürfnisse hat das freie Geistesleben zu tun. Das Staatsleben hat es mit dem zu tun, wovon ich soeben gesprochen habe und von dem ich noch sprechen werde. In dem Wirtschaftsleben haben die Assoziationen es nur zu tun mit demjenigen, was lebt in Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum.
[ 46 ] Wenn nun das Bedürfnis festgestellt ist, dann weiß man, wie viele Menschen sich produzierend mit gewissen Artikeln befassen müssen. Denn, befassen sich zu viele damit, so werden für das Bedürfnis die Produkte zu billig, befassen sich zu wenig Menschen damit, so werden die Produkte zu teuer. Man kommt da zu dem, was ich nennen möchte: Herausgestalten des Preises aus dem Leben der Assoziationen. Natürlich kann man da nur gewissermaßen wie eine Art Rechnungsangabe, wie eine Art allgemeiner Formel etwas nehmen. Aber es ist möglich, aus solchen Assoziationen heraus, indem man Verträge schließt dahingehend, dass so viele Menschen, als eben notwendig sind, an einem Artikel auf einem gewissen Gebiet sich betätigen können, zu etwas Fruchtbarem zu kommen. Man kann dadurch dahinkommen, dass erfüllt werde immer mehr und mehr dasjenige, was ich die «Urzelle des Wirtschaftslebens» nennen möchte. Sie wird Ihnen paradox vorkommen. Und doch, in ihren unterbewussten Tiefen strebt die Menschheit nach einer wirtschaftlichen Befriedigung im Sinne dieser wirtschaftlichen Urzelle: Jeder Mensch soll für sein Arbeitsprodukt — nicht für seine Arbeit, Arbeit gehört nicht ins Wirtschaftsleben — so viel bekommen, wie er für sich, seine Familie und alles andere, wofür er etwas zu leisten hat, braucht, um ein gleiches Produkt wiederum zu fabrizieren; also so viel er braucht für die Befriedigung seiner Bedürfnisse bis zur Verfertigung eines gleichen Produktes. Grob gesprochen: Wenn ich ein Paar Stiefel fabriziere, so muss ich für dieses Paar Stiefel so viel bekommen durch die Regelung des Wirtschaftslebens, dass ich ein neues Paar Stiefel machen kann, und während ich dieses neue Paar Stiefel mache, alles habe, was ich für mich, für meine Familie und sonstige Abgaben brauche.
[ 47 ] Ich sage nicht: Das soll durch irgendeine sozialistische Dogmatik festgelegt werden, sondern: Das Notwendige ist das assoziative Prinzip. Man fürchte nicht, dass man dadurch zu einer furchtbaren Bürokratie kommen werde. Die Bürokratie wird ja heute schon genügend besorgt in allen Ländern der Erde gerade aus anderen Verhältnissen heraus. Dasjenige, was ich hier als wirtschaftliches Assoziationswesen meine, das wird sich einrichten lassen neben der Arbeit, durch die Arbeit hindurch. Und da wirtschaftliche Gebiete, wirtschaftliche Assoziationen, wenn sie zu groß werden, unübersichtlich werden, wenn sie zu klein sind, zu teuer arbeiten, so hat die wirtschaftliche Organisation je nach den klimatischen und sonstigen Verhältnissen, auch nach den Charakteren der Menschen und so weiter eine bestimmte Größe.
[ 48 ] Die Assoziationen assoziieren sich weiter. Das gibt dann erst die Grundlage für eine große Weltassoziation, für den großen Weltwirtschaftsbund, der nur aus Wirtschaftlichem, aus einem vom Geistesleben und vom Staatsleben unabhängigen Wirtschaftsleben herausgeschaffen werden kann. Gewiss, in dieses Wirtschaftsleben spielt die Arbeit hinein, aber Arbeit muss man auf der anderen Seite dem Gebiete des politisch-rechtlichen Staates überlassen. Über das Maß von Arbeit zu sprechen, da ist ein jeder Mensch kompetent, der mündig geworden ist, im Verein mit anderen Menschen.
[ 49 ] Meine verehrten Anwesenden, ich habe vorhin über das unglückselige Experimentierland Österreich gesprochen, in dem ich dreißig Jahre zugebracht habe. Da hat man sehen können, wie das moderne parlamentarische Leben heraufgekommen ist. Da hat man sehen können, was es heißt, wirtschaftliche Interessen in das politische Leben hineinzutragen. Als auch in Österreich in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts das parlamentarische Leben geschaffen werden sollte, da setzte man das Parlament zusammen aus vier Kurien, der Kurie der Großgrundbesitzer, der Kurie der Handelskammer, der Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte, der Kurie der Landgemeinden — lediglich wirtschaftliche Gesichtspunkte! Vier Kurien, lediglich nach wirtschaftlichen Interessen zusammengestellt. Die sollten nun entscheiden über die rechtlich-politischen Verhältnisse. Nicht bloß etwa das geistig-nationale Leben, nein, die innere Unmöglichkeit hat in einem so schwer konstruierten, so schwer zusammengesetzten Lande wie Österreich schon Untergangskräfte geschaffen, die schon in den Siebziger-, Achtzigerjahren zu bemerken waren für denjenigen, der mit unbefangenem Sinn in Österreich lebte. Da konnte man studieren, wie notwendig es ist, das Wirtschaftsleben für sich zu halten, mit seinen eigenen Verwaltungsinstanzen, die da wurzeln in den Assoziationen aus den verschiedenen Berufsständen und aus den verschiedenen Branchen, überhaupt den verschiedenen Gebieten des Wirtschaftslebens, und zu haben außerdem das freie Geistesleben das allerdings hineinspielt ins Wirtschaftsleben. Wie es hineinspielt, das habe ich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» genau geschildert. Sie finden auch Angaben über die Einzelheiten in unserer Dreigliederungszeitung, die in Stuttgart erscheint, und auch in einer holländischen Zeitung für Dreigliederung des sozialen Organismus.
[ 50 ] Geradeso, wie Sie sich unterrichten können über die Fruchtbarkeit des freien Geisteslebens in der von uns eingerichteten Freien Waldorfschule in Stuttgart, die Emil Molt errichtet hat, und die von mir geleitet wird, so können Sie von unsern wirtschaftlichen Grundsätzen, die allerdings im Anfang stehen, sich überzeugen, wenn Sie sich bekannt machen aus unsern Schriften mit etwas, was zum Beispiel in den ökonomischen Einrichtungen des «Futurum» in der Schweiz und des «Kommenden Tag» in Deutschland versucht wird. Man kann natürlich heute noch nicht viel assoziatives Leben gründen; die Tatsachen des äußeren Lebens, der heutigen sozialen Ordnung, gehen zu sehr wider dieses assoziative Leben, aber die Anfänge sollten doch dafür geschaffen werden. Dasjenige, was als Impuls gegeben wird für die Dreigliederung des sozialen Organismus soll durchaus bis in die Praxis des Lebens hineinarbeiten. Und so habe ich in meinem vorgenannten Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» auch gezeigt, wie das Kapital im Grunde genommen auch seinen Ursprung im Geistesleben hat, und daher auch in die individuelle Verwaltung des Menschen im Zusammengang mit dem Geistesleben, mit dem geistigen Gliede des sozialen Organismus, übergehen muss.
[ 51 ] Es hat Leute gegeben, Kritiker der Dreigliederung, die sagten: Ja, diese Dreigliederung reißt ja auseinander in drei Glieder, was eine Einheit ist. Nein, dadurch, dass diese drei Glieder im Sinne ihrer eigenen Wesenheit verwaltet werden, dadurch wird erst die wahre Einheit geschaffen. Durch das geistige Leben und durch die menschliche Individualität wird nach und nach die Zirkulation des Kapitals zustande kommen. Ich kann das hier nur kurz erwähnen, aber Sie können das Nähere in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» nachlesen. Es wird die Regelung der Arbeit dem Rechtsstaate unterliegen. In diesem Rechts- oder politischen Staate werden alle diejenigen Angelegenheiten geordnet werden, für die jeder mündig gewordene Mensch kompetent ist. Und gerade wer es ehrlich meint mit der Demokratie, der muss auf der einen Seite das Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, in denen nichts rein demokratisch geregelt werden kann, ausschalten; dann bleibt für den eigentlichen Staat ein weites Gebiet, welches alle gerade menschlichen Angelegenheiten umfasst; also diejenigen Angelegenheiten, wo der Mensch als Gleicher dem anderen Menschen gegenübersteht, diejenigen Angelegenheiten, in denen alle Menschen wirklich gleich sind.
[ 52 ] Wahrhaftig aus Tiefen der Menschennatur ist dieser Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus geholt. Wegen der Verschiedenheit des Geisteslebens, des Staatslebens, des Wirtschaftslebens wird für alle drei Gebiete eine gesonderte Verwaltung verlangt, und weil der Mensch in allen drei Gebieten drinnensteht, wird die richtige Einheit, das rechte Zusammenwirken sich erst ergeben. Vom Geistesleben in das Wirtschaftsleben wirkt das vom Geiste verwaltete Kapital. Vom Staate herüber wirkt in das Wirtschaftsleben die von jedem Menschen — dem anderen als Gleicher gegenüberstehenden Menschen — geregelte Art, Maß und so weiter der Arbeit. Man wird diese Arbeit hinzunehmen haben, wie man die Natur hinnimmt im Wirtschaftsleben. Man wird sich sagen: Regen und Sonnenschein, ich kann sie nicht regeln. Ich muss das Wirtschaftsleben so hinnehmen, wie es unter diesen Voraussetzungen sich gestaltet. Ebenso muss ich auf dem Gebiete der Wirtschaftsverwaltung dasjenige hinnehmen, was als Arbeit geregelt ist. Und bei der Preisbildung durch die Assoziationen wird nur infrage kommen das Arbeitsprodukt, nicht die Arbeit als solche.
[ 53 ] Damit aber stehen wir gerade bei dem innigen Durchdringen der drei Glieder des sozialen Organismus. Und ein Wirtschaftsleben, das sich nicht irgendwie befasst mit allerlei Geistigkeiten, ein Staatsleben, das sich nicht befasst mit allerlei geistigen Programmen und dergleichen, sondern das sich nur befasst mit denjenigen Angelegenheiten, in denen alle Menschen als Gleiche kompetent sind, ein solches Wirtschaftsleben und ein solches Staatsleben, sie werden die schönste Befruchtung von dem freien Geistesleben erhalten. Es wird gerade ein energisches Zusammenwirken der drei Glieder stattfinden, wenn sie jedes in seiner Art verwaltet werden.
[ 54 ] Man hat mir auch gesagt, ich wolle eine alte platonische Idee von Lehrstand, Wehrstand, Nährstand wiederum aufbringen. Nein, nicht irgendwelche Stände sollen konstituiert werden, sondern dasjenige, was äußerliche Verwaltung ist, das soll konstituiert werden, indem die Menschen zu einem freien Urteil geführt werden auf diesen drei Gebieten. Nicht dogmatisch soll eine Utopie hingestellt werden. Nicht aus Hirngespinsten heraus soll gesagt werden, wie die Einrichtungen sein sollen. Sondern hingewiesen soll werden darauf, wie die Menschen sich gliedern müssen im sozialen Organismus, damit sie durch ihr Zusammenwirken dasjenige finden, was die fortdauernde Lösung der sozialen Frage ist, und damit auch die Gestaltung des Wirtschaftslebens, die im Grunde genommen unter fortwährender reger Teilnahme der kompetenten Assoziationen stattfinden muss, wie ja auch der menschliche Organismus jeden Tag aufs Neue durch Nahrung erhalten werden muss.
[ 55 ] Und so können wir sagen: Drei Gebiete treten uns entgegen im gesamten sozialen Organismus; drei Gebiete, die jedes aus seinem eigenen Wesen heraus die eigene Verwaltung fordern. Freiheit soll herrschen im Geistesleben; Gleichheit soll herrschen im demokratischen Staatsleben, wo nur dasjenige verwaltet wird aus der Majorität heraus, was wirklich durch Majorität entschieden werden kann, weil jeder Mensch dafür kompetent ist. Und Brüderlichkeit kann gerade in einem Wirtschaftsleben sich entwickeln, das in der charakterisierten Weise auf das assoziative Prinzip aufgebaut ist. Diese drei großen Devisen der menschlichen Entwicklung, sie tönen uns herüber aus dem achtzehnten Jahrhundert. Und welches Menschenherz schlüge nicht höher, wenn es mit tiefen Verständnis diese drei Devisen der Menschheitsentwicklung auf sich wirken lässt. Aber gescheite Leute im neunzehnten Jahrhundert haben immer wieder und wiederum betont, dass im Einheitsstaate diese drei hohen Ideale sich widersprechen. Und sie haben recht gehabt. Die Lösung dieses Rätsels ist die, dass die Menschen zwar aus einer inneren Ahnung heraus geltend gemacht haben die drei größten Ideale des sozialen Lebens, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, dass sie aber bis jetzt noch gestanden haben unter der Suggestion des Einheitsstaates, dass erst die Dreigliederung des sozialen Organismus diese drei Ideale verwirklichen kann, nämlich: Freiheit im geistigen Gebiet, Gleichheit im staatlich-politischen Gebiet, Brüderlichkeit im assoziativ gestalteten Wirtschaftsgebiet.
[ 56 ] Und indem ich heute das Wirtschaftsleben charakterisieren wollte, musste ich zeigen, wie es sich aufbauen kann als Grundlage für ein freies Geistesleben und für die wahre, staatliche Demokratie, nach der die neuere Menschheit strebt. Aber diese zwei Gebiete stehen im innigen Einklang mit dem Wirtschaftsleben. Denn ein solches Wirtschaftsleben ist dasjenige, was allein allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein geben kann; welches auf der Grundlage der wirtschaftsbildenden Gesetze selber aufgebaut ist, welches seine befruchtenden Kräfte aus einem selbstständigen, realen staatlich-rechtlichen Leben zieht und seine Verwaltungswurzeln aus dem freien Geistesleben zieht. Darum kann man sagen: Ein Wirtschaftsleben der Zukunft ist nur denkbar als beigesellt einem selbstständigen Rechtsleben und einem schöpferischen, aus den Menschenseelen heraus wirkenden freien Geistesleben.
[ 57 ] Fragenbeantwortung
[ 58 ] Frage: Sie haben uns nicht gesagt, wie die Assoziationen entstehen sollen. Schweben diese Assoziationen in der Luft? Woher kommen sie? Denken Sie, dass die heutigen Arbeiterorganisationen oder dass die bestehenden Konsumvereine durch ihre Fortbildung, durch ihren Ausbau zu Assoziationen werden können, oder sind die Assoziationen nur utopistisch? Basieren sie auf etwas historisch Entstandenem oder wollen Sie etwas errichten, etwas machen, etwas schaffen? Sie haben von Utopien so oft geredet.
[ 59 ] Rudolf Steiner: Wenn ich von Utopien spreche, so meine ich etwas, was zum Beispiel zutage getreten ist bei Proudhon, bei Blanc, Saint Simon, [Bakunin], in gewisser Beziehung auch bei Karl Marx. Da finden Sie Utopien, Gedankengebäude über eine soziale Ordnung der Zukunft. Die marxistische Utopie hat vor den andern nur das voraus, dass sie appelliert an eine bestimmte Klasse, die Instinkte einer bestimmten Klasse trifft, und daher etwas sehr Reales als Agitationsimpuls geworden ist. Aber gerade in der Gegenwart, wo diese Utopie die furchtbarsten Blüten treibt, indem sie Anspruch macht, real verwirklicht zu werden, sieht man ja das Utopistische an dieser Sache. Dieses Utopistische, man kann es sogar im höchsten Grade bei denjenigen sehen, die glauben, ganz auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen. Man braucht wahrhaftig nicht nach Russland zu gehen, um das Kultur- und Zivilisationsmörderische des Leninismus an Einzelheiten zu studieren. Man braucht sich nur bekannt zu machen mit demjenigen was im Kopfe Lenins lebt. Da werden allerlei Gesellschaftszustände geschildert, die dieser neue Zar verwirklichen will. Dann aber sagt Lenin: Mit alledem wird ja doch nicht dasjenige erreicht, was das eigentlich Menschenwürdige ist, sondern es wird etwas erreicht, was das Gegenwärtige zerstört. Dann geht das Gegenwärtige zugrunde, und mit ihm gehen die Menschen in die Dekadenz; und dann wird eine neue Menschenrasse entstehen, die wird erst das menschenwürdige Dasein begründen. — Da haben wir bis ins Blut hinein etwas Utopistisches hingestellt. Dieses Utopistische beherrscht im Grunde genommen mehr, als man glaubt, die Köpfe und die Seelen der gegenwärtigen Menschen. Dasjenige, was ich Ihnen vorgetragen habe, ist durchaus nicht utopistisch gedacht, sondern es ist so gedacht, dass im Grunde genommen jeden Tag mit den entsprechenden Dingen begonnen worden kann.
[ 60 ] Wenn ich gleich an dasjenige anknüpfe, was der Herr Vorredner gesagt hat: Wir haben Konsumgenossenschaften. Die Konsumgenossenschaften wirken nicht in dem Sinn, dass heute tatsächlich irgendwie beseitigt werden könnte die Inkommensurabilität zwischen Arbeit und Arbeitsprodukt und Waren, sondern sie arbeiten mitten in diesen Verhältnissen drinnen. Sie geben, wenn sie nicht Produktions-Konsumgenossenschaften sind, auch schließlich nur auf Regelung des Konsums hinaus, nicht wie die Assoziationen auf ein Zusammenwirken der Produzenten mit den Konsumenten. Aber ausgebaut werden kann das. Das ist keine Utopie, wenn man anknüpft an das, was schon da ist. Natürlich, man darf nicht die Idee haben, dass das schon eine Utopie ist, wenn man nur nicht das, was da ist, so lässt, wie es ist. Also dasjenige was da ist, das sind gewissermaßen die Elemente, die sich assoziieren. Ich rede nicht von Organisation.
[ 61 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ich bin in Wirklichkeit Österreicher, habe aber die Hälfte meines Lebens in Deutschland zugebracht, dann in der Schweiz, aber ich komme aus Deutschland; trotzdem ich aber aus Deutschland komme, wirkt auf mich das Wort «Organisation» wirklich wie etwas Brennendes. Von Organisation verspreche ich mir gar nichts, denn die Organisation geht von einem Zentrum aus. Die Organisation wird geregelt von oben. Es ist in Wirklichkeit doch die besondere Liebe für die Organisation, die Deutschland so hergerichtet hat, wie es eben jetzt ist. Und wenn man heute noch nach Deutschland kommt, so findet man, dass die Organisationssucht noch furchtbar blüht, auch wenn man glaubt, man sei hinausgewachsen über diese Organisationen. Wie das rote Tuch auf den Stier — womit ich nicht behaupten will, dass ich ein Stier bin — wirkt auf mich, was in Deutschland Organisation benannt wird. Assoziieren ist etwas anderes als Organisieren. Da gliedern sich zusammen die Besten, die Tüchtigsten, nicht diejenigen, die oben stehen im Zentrum und die organisieren wollen.
[ 62 ] Gerade für dieses Organisieren kann ein Beispiel gegeben werden an Deutschland. Ein deutscher Professor hat jetzt ein Buch geschrieben über die Preisbildung während des Weltkrieges. Da hat er auf Grundlage von außerordentlich gründlich zusammengestelltem Material festgestellt, was eingetreten ist dadurch, dass man vom Staate aus ins Wirtschaftsleben durch die Preisorganisation eingegriffen hat. Er bringt vier Sätze in richtiger Konsequenz, die würdig sind in einem wissenschaftlichen Buche — der Methodik nach — zu stehen: Erstens: Man habe nirgends bei den Preisbildungsbehörden gewusst, auf was es ankommt. Zweitens: Man habe die Preise überall so geregelt, dass man das Gegenteil von dem erreicht hat, was man eigentlich geglaubt hat, dass erreicht werde. Drittens: Man hat dadurch, dass man die Preise geregelt hat, große Schichten der Bevölkerung in der furchtbarsten Weise getroffen. Viertens: Man förderte das Schiebertum auf Kosten des ehrlichen Gewerbes, des ehrlichen Handels. Das sind die wissenschaftlichen Ergebnisse, wozu der betreffende Nationalökonome gekommen ist. Dann setzt er hinzu: Ja, die Wissenschaft sagt das zwar über das Wirtschaftsleben, aber im sozialen Leben gibt es andere Interessen; da muss der Staat eben eingreifen, und da gilt dann das nicht mehr vor dem Staate, was als wirtschaftlich richtig selbst vom Nationalökonomen anerkannt wird.
[ 63 ] Nun, was ist gescheiter, wenn da der Nationalökonome steht und lamentiert, dass ihm der Staat seine richtigen, wissenschaftlichen Schlüsse durchkreuzt, oder wenn man sagt: Es muss eben das wirtschaftliche Leben so eingerichtet werden, dass man nicht nötig hat, auf dasjenige hinzuweisen, was eine richtige Preisbildung stört. Überall knüpft an an die natürlichen Verhältnisse dasjenige, was der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Aus der Tüchtigkeit des einzelnen Menschen, aus dem einzelnen Menschen, den einzelnen Menschengruppen muss dasjenige hervorgehen, was Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsumtion ist. Und diese Tüchtigkeit im Einzelnen, die assoziiert sich. Man weiß gar nicht anfangs, was sich da assoziiert, nicht organisiert; entsprechend der eigenen Tüchtigkeit ergibt sich dann erst dasjenige, was herauskommen soll.
[ 64 ] So ist es auch im geistigen Leben, zum Beispiel, wenn Sie die Waldorfschule betrachten, die führt ein vollständig freies Geistesleben. Ich leite die Schule, habe aber nie etwas anderes getan, als den Einzelnen zu raten. Ich gehe in die Klassen, studiere psychologisch, wie die Entwicklung der Kinder ist, und bespreche dieses psychologische Studium wiederum ratend mit den Lehrern, die die Sache dann weiterzubringen versuchen. Wir haben in der Tat sogar schon durchaus neue Gesetze für die Kindheitsentwicklung in den verschiedenen Lebensaltern gefunden, zum Beispiel auch für das Zusammenleben der Kinder und so weiter. Aber wie wirkt diese Waldorfschule? Ja, sehen Sie, denken Sie sich, man hätte sich anfangs gefühlt so, wie ein Staatsbeamter oder Parlamentarier, dann hätte man sich mit anderen, die sich auch als Staatsbeamter oder Parlamentarier fühlen, zusammengesetzt und Programme gemacht. Die Programme werden sehr gescheit gemacht, denn in Bezug auf das Intellektuelle sind ja die Menschen furchtbar gescheit. Man kann die vollkommensten Programme aufstellen, aber sind sie auch auszuführen? Das haben wir nicht getan, sondern bei der Waldorfschule kommt es darauf an, dass wir unsere zweiundzwanzig Lehrer haben, und die Waldorfschule wird so, wie diese Lehrer tüchtig sind. Nichts ist verlogener, als wenn man ein Programm gibt, was doch nicht verfolgt werden kann, weil die Lehrer doch nur nach ihrer Tüchtigkeit und nicht nach Programmen wirken können. Aus der Tüchtigkeit heraus wird versucht zu wirken. Und so ist es auch im Wirtschaftsleben. Die Assoziationen werden gebildet nicht utopistisch, sondern durchaus fortarbeitend an dem, was schon da ist. Nur glaube ich: Wenn die Assoziationen sich bilden, werden auch die Individualitäten tüchtiger werden. Heute aber bauen wir auf dem auf, was da ist.
[ 65 ] Vorsitzender der Studenten: Sie haben uns heute Abend einen Einblick gegeben in Ihre Auffassung des wirtschaftlichen Lebens. Es ist natürlich eine Unmöglichkeit, das ganze Problem zu überblicken, aber gewiss wird Ihr Vortrag für viele von uns eine Anregung sein, die Dreigliederung des sozialen Organismus näher zu betrachten. Und damit haben Sie ein wichtiges Ziel erreicht. Sie sind zu uns gekommen, trotzdem Sie mit Arbeit fast überlastet sind. Ich möchte Ihnen dafür im Namen der Versammlung Dank sagen. Es war ein sehr interessanter Abend.
[ 66 ] Rudolf Steiner: Sehr verehrter Herr Vorsitzender und alle diejenigen, die mitgewirkt haben für die heutige Einladung. Ich kann nur sagen, dass mir diese Einladung eine ganz besondere Befriedigung bereitet hat. Sie ging aus von der Studentenschaft. Und wem sollte mehr klar sein als demjenigen, der vor solchen Problemen steht, wie die sind, von denen ich gesprochen habe, dass wir heute für die Lösung dieser Fragen, die ja die nächsten Jahrzehnte in Anspruch nehmen werden — zunächst ja wohl die vorläufige Lösung — vor allen Dingen diejenigen brauchen, die heute innerhalb der Studentenschaft stehen.
[ 67 ] Ich bin lange darüber hinaus, aber ich gedenke heute oftmals an jene Zeiten, die wir anders durchlebten als Sie heute. Wir standen damals innerhalb von lauter geistigen, staatlichen und namentlich wirtschaftlichen Hoffnungen, und viele von diesen wirtschaftlichen Hoffnungen haben sich ja auch — und zwar nicht bloß da oder dort, sondern ganz im internationalen Leben — als Illusionen erwiesen. Das hat viele von dem ernsten Verfolgen der tiefsten Menschheitsfragen gerade abgebracht. Diejenigen, die heute in der Lage sind, ihre Studentenzeit durchzumachen, können sich kaum in derselben Weise Illusionen hingeben. Sie lernen an der großen Not, an der Krisenhaftigkeit des heutigen Lebens, dass Vertiefung notwendig ist. Deshalb erfüllt es einen mit einer innigen Befriedigung, gerade bei der Studentenschaft Interesse zu finden für Anregungen dieser Art. Denn mehr als Anregungen wollte ich auch nicht geben. Von diesem Gesichtspunkte aus, dass vielleicht, auch wenn ich nicht mehr dabei bin, auf Grundlage dieser Anregungen fortgearbeitet werde gerade von denjenigen, die heute jung sind, dass wenigstens, wenn auch nur ein ganz kleines, winziges Tröpfchen heute auch durch diese Einladung hat dazugetan werden können, von dem Gesichtspunkte aus danke ich Ihnen und dem ganzen Komitee herzlich für Ihre liebenswürdige Einladung.
[ 68 ] Herman Sijbrand Hallo: Herr Dr. Steiner, Sie haben Ihren Dank ausgesprochen für die Einladung. Lassen Sie mich eine Angelegenheit jetzt hier vorbringen, lassen Sie mich dem Ausdruck geben, das soeben in mir aufgekommen ist. Die Sache ist ganz umgekehrt, das Gefühl des Dankes ist doch ganz auf meiner Seite. Denn Sie sind derjenige, dem es gelungen ist, mir wieder zu zeigen die Synthese von Kunst, Wissenschaft und Religion. Sie sind es ja, der mir, der ja doch in dem strengen Dienste von Wissenschaft und Technik steht und stehen will, Sie sind es, der mir wieder den wahren Weg gezeigt hat zum Menschheitsvorbild, zum Menschheitsideal, zum Christus, Das wahre Verständnis des Christentums, das wahre Verständnis für den Christus und seine Lehre, Ihnen verdanke ich es. Das möchte ich doch noch jetzt gesagt haben.
Es folgte eine nicht überlieferte Schlussrede von Herman Sijbrand Hallo an die Versammelten in holländischer Sprache.
