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Anthroposophical Spiritual Science
and the Big Questions of Contemporary Civilization
GA 80c

25 February 1921, Delft

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The Big Questions of Contemporary Civilization, tr. SOL
  1. Die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart

5. Das Wirtschaftsleben in der Dreigliederung des sozialen Organismus

5. Economic Life in the Threefold Social Order

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Zunächst habe ich den verehrten Vorstand für seine freundliche Einladung, und insbesondere Herrn Professor Hallo für die freundlichen Worte, die er soeben gesprochen hat, herzlichen Dank zu sagen. Ich habe dies umso mehr zu tun, als es ja begreiflich erscheinen kann, dass alles dasjenige, was man in der Lage ist, heute über eine die Menschheit so tief berührende Frage, wie die meines heutigen Themas ist, zu sagen, ja nur ein Versuch sein kann, vielleicht sogar nur der Anfang eines Versuches. Und der Appell ist notwendig an die verstehende und verständnisvolle Mitmenschheit.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! First of all, I would like to express my heartfelt thanks to the esteemed Board of Directors for their kind invitation, and in particular to Professor Hallo for the kind words he has just spoken. I feel all the more compelled to do so because it is understandable that anything one is able to say today about an issue that so deeply affects humanity—such as the topic of my talk today—can be nothing more than an attempt, perhaps even just the beginning of an attempt. And an appeal to our fellow human beings’ understanding and compassion is necessary.

[ 2 ] Damit komme ich sogleich auf dasjenige, worin sich die Ausführungen, die ich Ihnen heute zu machen habe, prinzipiell unterscheiden von allen ähnlichen Auseinandersetzungen, die ja so zahlreich erflossen sind in der neueren Zeit über die wirtschaftlichen Fragen im engeren Sinne, über die sozialen Fragen im weiteren Sinne. Utopien und utopische Konstruktionen haben wir genug erlebt. Sie sind hervorgegangen aus berechtigten Untergründen des neuzeitlichen Menschheitsstrebens.

[ 2 ] This brings me straight to the point where the remarks I have to make to you today differ in principle from all similar discussions that have arisen in such great numbers in recent times regarding economic issues in the narrower sense and social issues in the broader sense. We have seen enough utopias and utopian constructs. They have emerged from legitimate foundations of modern human endeavor.

[ 3 ] Die moderne Technik hat das Wirtschaftsleben kompliziert, hat das ganze soziale Leben in außerordentlich mannigfaltige neue Verhältnisse gebracht gegenüber denen, welche die Menschheit früher gewohnt war. Und da entstand dann in sehr vielen Köpfen die Meinung, man könne in irgendeiner Weise dogmatisch sagen, wie man dieses komplizierter gewordene moderne soziale Leben gestalten müsse, damit ein jeder Mensch, auch die breiten Massen, ein menschenwürdiges Dasein zu führen in der Lage seien. Doch aber muss man sagen: Derjenige, der heute glaubt, mit irgendwelchen utopischen, dogmatischen Festsetzungen über soziale Zustände auf seine Mitmenschen einen Eindruck machen zu können, der versteht das Grundwesen der heutigen Zivilisation, des heutigen Menschenlebens überhaupt nicht.

[ 3 ] Modern technology has complicated economic life and has brought all of social life into extraordinarily diverse new circumstances compared to those to which humanity was previously accustomed. And so the view took hold in many people’s minds that one could, in some dogmatic way, prescribe how this increasingly complex modern social life should be shaped so that every person—including the broad masses—would be able to lead a dignified existence. But it must be said: Anyone who believes today that they can impress their fellow human beings with some utopian, dogmatic prescriptions regarding social conditions does not understand the fundamental nature of today’s civilization or of human life today at all.

[ 4 ] Angenommen, meine sehr verehrten Anwesenden, jemand könnte in genialer Weise irgendein Wirtschaftssystem oder soziales System ausdenken, oder auch aus einer breiten Lebenserfahrung heraus dogmatisch konstruieren, wenn er es der Menschheit vorhielte, er könnte mit den genialsten Auseinandersetzungen, die in diesem Sinne gehalten wären, doch keinen Eindruck machen. Denn wir leben in einer Zeit, in welcher die Propheten eigentlich ausgestorben sein sollten. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Menschen auf Autorität hin, auf Prophetie hin nicht geneigt sind, irgendetwas anzunehmen. Damit muss derjenige rechnen, der es zum Beispiel mit so etwas ernst und ehrlich nimmt wie mit der sozialen Frage oder mit der Neugestaltung des gegenwärtigen und in die Zukunft hineinwirkenden Wirtschaftslebens.

[ 4 ] Suppose, ladies and gentlemen, that someone were to ingeniously devise some economic or social system—or even construct one dogmatically based on a wealth of life experience—and present it to humanity; even with the most ingenious arguments put forward in this vein, he would still fail to make an impression. For we live in an age in which prophets should, in fact, have died out. We live in an age in which people are not inclined to accept anything on the basis of authority or prophecy. Anyone who takes something as seriously and honestly as, for example, the social question or the restructuring of economic life—which affects both the present and the future—must reckon with this.

[ 5 ] Die Menschen stehen heute auf dem Standpunkte, selber zu finden dasjenige, was die Richtungslinien des Lebens sind. Sie stehen auf dem Standpunkte, dasjenige, was sie als Ziele des Lebens bestimmen sollen, aus ihren eigenen elementaren Seelen- und organischen Kräften heraus zu gestalten. Auf diesem, ich möchte sagen im universellsten Sinne demokratischen Standpunkte steht dasjenige, was ich nenne den Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Dieser Impuls soll nicht sagen: In dieser oder jener Weise soll man die wirtschaftlichen oder anderen sozialen Verhältnisse gestalten; er soll nur darauf hinweisen, wie die Menschen in die Lage gebracht werden können, dass sie sich den Anforderungen der Gegenwart, den Anforderungen ihrer eigenen Seele [gemäß], gleichgültig, ob sie diese bewusst oder unbewusst erstreben, das Leben einrichten wollen.

[ 5 ] People today take the view that they must discover for themselves what the guiding principles of life are. They take the view that they should shape what they define as the goals of life out of their own elementary soul and organic forces. This standpoint—which I would describe as democratic in the most universal sense—is the basis for what I call the impulse toward the threefold social order. This impulse is not meant to say: “Economic or other social conditions should be shaped in this or that way”; it is meant only to point out how people can be enabled to organize their lives in accordance with the demands of the present and the demands of their own souls—regardless of whether they strive for these consciously or unconsciously.

[ 6 ] An den Menschen, nicht an die Beschreibung irgendwelcher Einrichtungen oder Zustände appelliert der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Den Menschen will er aufrufen und erst hören von dem Menschen, was dieser Mensch für angemessen hält. Aber dieser Impuls will sagen, wie die Lage herbeigeführt werden könne, durch welche die Menschen in die Möglichkeit versetzt werden, an ihrem Schicksal selber tätig sein zu können. So will, ganz aus den Lebensgewohnheiten und Lebensbestrebungen der Gegenwart heraus, ohne irgendwelche utopistischen Nuancen, rein aus der Lebenspraxis heraus, der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus wirken. Er geht allerdings aus von zwei Voraussetzungen. Die eine Voraussetzung, sie wird wahrscheinlich zunächst von wenig Menschen noch zugegeben, aber sie quillt hervor aus demjenigen, was ich ja genötigt sein werde, gleich nachher wenigstens einigermaßen zu charakterisieren, sie quillt hervor aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft.

[ 6 ] The impulse toward the threefold structure of the social organism appeals to human beings, not to the description of any institutions or conditions. It seeks to call upon human beings and to hear first from them what they themselves consider appropriate. But this impulse seeks to show how a situation might be brought about that would enable people to take an active part in shaping their own destiny. Thus, the impulse for the threefold structure of the social organism seeks to work entirely out of the habits and aspirations of contemporary life, without any utopian overtones, purely out of practical experience. It does, however, proceed from two prerequisites. The first prerequisite—which is probably still acknowledged by few people at present, but which springs from what I will be compelled to characterize at least to some extent shortly—springs from anthroposophically oriented spiritual science.

[ 7 ] Es ist die Überzeugung, dass die Menschheitsentwicklung sinnvolle Epochen durchmacht, sodass man zurückblicken kann, meinetwillen zunächst nur auf die historischen Zeiten. Man sieht, es hat verschiedene Epochen der Menschheitsentwicklung gegeben, und gewissermaßen in einer jeden solchen Epoche macht die Menschheit eine Phase ihres Seins, eine Phase ihrer Seelen- und Geistesverfassung durch. Dasjenige, was in einer Epoche aufgetreten ist, es kann sich in einer späteren nicht mehr wiederholen. Dasjenige, was die Erdenmenschheit im Laufe der Zeit durch ihre Entwicklung durchzumachen hat, ergibt sich so im Laufe aufeinanderfolgender Epochen als verschiedene Missionen.

[ 7 ] It is the conviction that human development passes through meaningful epochs, so that one can look back—for my part, initially only at historical periods. One can see that there have been various epochs in human development, and, in a sense, in each such epoch, humanity passes through a phase of its existence, a phase of its soul and spiritual constitution. What has occurred in one epoch cannot be repeated in a later one. What humanity on Earth must undergo in the course of its development over time thus manifests itself, in the course of successive epochs, as various missions.

[ 8 ] In unserer Epoche, die in dieser Beziehung drei bis vier Jahrhunderte her dauert — langsam hat sich dasjenige vorbereitet, was jetzt zu einer gewissen Kulmination gekommen ist —, in unserer Epoche sehen wir aus den Tiefen der Menschenseele hervorquellen dasjenige, was ich nennen möchte den durch die ganze moderne, zivilisierte Welt gehenden demokratischen Trieb. Ich meine damit aber nicht die Trivialität, welche man sehr häufig mit diesem Terminus verbindet; ich meine, wenn ich sage «demokratischer Trieb», diejenige Form des menschlichen Selbstbewusstseins, die sich in unserer Zeitepoche entwickelt, durch welche ein jeder Mensch in sich selber den Quell finden möchte für ein aus seinem eigenen Innern hervorquellendes, ihn überzeugendes Geistesleben — Erkenntnisleben, Glaubensleben, Kunstleben — und in welcher jeder Mensch aus sich selbst heraus diejenigen Gefühle entwickeln möchte, durch die er sich in ein Verhältnis setzt zu seinen Mitmenschen, ohne dass dieses Verhältnis durch Autorität fest bestimmt sei. Der Mensch will aus seinem freien Inneren sein Verhältnis zu seinem Mitmenschen finden. Und der Mensch will in Bezug auf das Wirtschaftsleben zu Verhältnissen kommen, die es ihm möglich machen, diese Grundlagen des Seelen- und Geisteslebens so zu haben, dass im höchsten Sinne des Wortes der demokratische Trieb sich ausleben könne. In früheren Epochen war ein solcher demokratischer Trieb nicht in universeller Weise innerhalb der Menschheitsentwicklung vorhanden. Autoritätsprinzipien beherrschten die sozialen Organismen. Und etwa in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts erst hat sich langsam vorbereitet dasjenige, was dann sozusagen zu einem grandiosen Ausbruch am Ende des achtzehnten Jahrhunderts gekommen ist und zu einer Kulmination in unserer Zeit, wo es sich herauswindet aus der zivilisierten Menschheit durch Konvulsionen, durch schwere Prüfungen, durch Elend und Not, selbst durch so etwas wie die furchtbare Katastrophe, die wir im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts durchgemacht haben.

[ 8 ] In our era—which, in this respect, has been unfolding for three to four centuries, during which time what has now reached a certain culmination has slowly been taking shape—we see welling up from the depths of the human soul what I would like to call the democratic impulse that runs through the entire modern, civilized world. By this, however, I do not mean the triviality that is very often associated with this term; when I say “democratic impulse,” I mean that form of human self-awareness that is developing in our era, through which every human being wishes to find within themselves the source of a spiritual life that springs from their own inner being and convinces them — a life of knowledge, a life of faith, a life of art — and in which every human being wishes to develop, from within themselves, those feelings through which they establish a relationship with their fellow human beings, without this relationship being rigidly determined by authority. Human beings wish to find their relationship to their fellow human beings from within their own free inner being. And with regard to economic life, human beings wish to establish conditions that enable them to possess these foundations of soul and spiritual life in such a way that, in the highest sense of the word, the democratic impulse can find full expression. In earlier epochs, such a democratic impulse was not universally present within human development. Principles of authority dominated social organisms. And it was not until around the middle of the fifteenth century that the groundwork was slowly laid for what then, so to speak, erupted magnificently at the end of the eighteenth century and culminated in our own time, as it writhes its way out of civilized humanity through convulsions, through severe trials, through misery and hardship, even through something like the terrible catastrophe we endured in the second decade of the 20th century.

[ 9 ] Das ist [das] eine, worauf hinschaut derjenige, der zu dem Impulse der Dreigliederung des sozialen Organismus kommt. Er frägt sich: Welches ist das wichtigste historische Charakteristikon im gegenwärtigen Menschen? Und das andere, was als Ausgangspunkt für die Dreigliederung des sozialen Organismus figuriert, ich kann es nur charakterisieren, indem ich in einer gewissen Beziehung persönlich werde.

[ 9 ] This is [the] one thing that catches the eye of anyone who comes to understand the impulse behind the threefold structure of the social organism. He asks himself: What is the most important historical characteristic of modern human beings? And the other aspect, which serves as the starting point for the threefold structure of the social organism—I can only characterize it by becoming, in a certain sense, personal.

[ 10 ] Ich darf sagen: Ich habe durch Jahrzehnte hindurch das europäische Wirtschaftsleben, das europäische Staatsleben und das europäische Geistesleben von verschiedenen Voraussetzungen her beobachtet. Bei einer solchen Beobachtung durch dreißig Jahre hindurch habe ich in dem Experimentierlande für solche Beobachtungen, in Österreich gelebt; in jenem Österreich, an dem sich gerade in seinem Untergang gezeigt hat, wie die äußeren Verhältnisse nicht geeignet waren, die großen Fragen des Gegenwartdaseins irgendwie zu lösen. Diese und viele andere Verhältnisse der gesamten Zivilisation Europas, sie zeigen, dass eigentlich überall in den Tiefen der Menschenseelen — ein Bewusstsein kann man nicht immer sagen, denn vieles lebt heute noch bei den meisten Seelen im Unbewussten oder Unterbewussten —, aber ein Instinkt vorhanden ist dafür, dass eine Neugestaltung eintreten müsse. Und dasjenige, was ich vortrage als Dreigliederung des sozialen Organismus, es ist nicht erdacht, es ist am wenigsten erphantasiert, es ist in einer gewissen Weise abgelesen demjenigen, was man beobachten konnte, wenn man sich einen unbefangenen Sinn verschaffte für die wirtschaftliche, staatlich-rechtliche und geistige Entwicklung der Gegenwart und der letzten Jahrzehnte. Und so ist dasjenige, was ich vorzutragen habe, Beobachtungsergebnis, Erfahrungsergebnis.

[ 10 ] I may say that, over the course of decades, I have observed European economic life, European political life, and European intellectual life from various perspectives. During these thirty years of observation, I lived in Austria—a country that served as a testing ground for such observations; the very Austria whose decline has just demonstrated how unsuitable the external conditions were for resolving, in any way, the great questions of contemporary existence. These and many other conditions of European civilization as a whole show that, in fact, everywhere in the depths of the human soul—one cannot always speak of “consciousness,” for much of it still resides in the unconscious or subconscious of most people today—there exists an instinct that a new order must come about. And what I am presenting as the threefold social order is not a figment of the imagination; far from being a fantasy, it is, in a certain sense, derived from what one could observe by cultivating an unbiased understanding of the economic, political-legal, and spiritual developments of the present and the past decades. And so what I have to present is the result of observation and experience.

[ 11 ] Wenn Sie dasjenige nehmen, was bis auf Karl Marx hin und die Späteren nach der Richtung der sozialen und der wirtschaftlichen Fragen in die Welt gebracht worden ist, Sie werden überall finden, es sind logisch geschürzte Systeme. Es ist viel Scharfsinn aufgewendet. Aber dasjenige, was die Menschheit heute braucht, ist nicht ein logisch geschürztes soziales System, es ist vielmehr etwas, was so mannigfaltig ist, wie die Wirklichkeit selber mannigfaltig ist. Die Wirklichkeit tritt uns vielfach so entgegen, dass dasjenige, was sich in ihr gestaltet, auch anders sein könnte. Und man würde, wenn es anders wäre, gar nicht einmal sagen können, es sei unvollkommener. Die Wirklichkeit ist nicht eindeutig. Daher kann derjenige, welcher aus der Wirklichkeit heraus über soziale Verhältnisse spricht, auch nicht in einer solchen Eindeutigkeit sprechen, wie man es aus gewissen dogmatischen Vorurteilen heraus oftmals verlangt. Daher wird sich gegen manches, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich zu sagen habe, das eine oder andere einwenden lassen, wie sich eben gegen die Wirklichkeit selbst das eine oder das andere einwenden lässt. Aber es kommt auf solche Einwände nicht an, sondern es kommt darauf an, ob dasjenige, was man in sozialer Beziehung vorbringt, Lebenskraft hat, ob es Tragkraft hat durch die Gegenwart und in die nächste Zukunft hinein.

[ 11 ] If you take everything that has been put forward up to and including Karl Marx and his successors regarding social and economic issues, you will find everywhere that these are logically structured systems. A great deal of intellectual acuity has been applied. But what humanity needs today is not a logically structured social system; rather, it is something as multifaceted as reality itself. Reality often presents itself to us in such a way that what takes shape within it could also be different. And if it were different, one could not even say that it would be less perfect. Reality is not unambiguous. Therefore, anyone who speaks about social conditions based on reality cannot speak with the kind of unambiguity that certain dogmatic prejudices often demand. Therefore, ladies and gentlemen, some of what I have to say will be open to objection, just as reality itself is open to objection in one way or another. But such objections are irrelevant; what matters is whether what is put forward in social terms has vitality, whether it has the staying power to endure in the present and into the near future.

[ 12 ] Nun habe ich Ihnen heute im engeren Sinne über das Wirtschaftsleben zu sprechen vom Gesichtspunkte der Dreigliederung des sozialen Organismus aus. Ich würde das aber nicht können, wenn ich Ihnen nicht wenigstens skizzenhaft auch etwas vorbringen würde über das Wesen dieses dreigliedrigen sozialen Organismus und auch über das Wesen des Ausgangspunktes desjenigen, was zugrunde liegt dem, was ich als eine gewisse Charakteristik des Wirtschaftslebens geben möchte, nämlich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft.

[ 12 ] Today I will be speaking to you, in the narrower sense, about economic life from the perspective of the threefold social order. However, I would not be able to do so unless I also provided you with at least a rough outline of the nature of this threefold social organism and of the nature of the starting point underlying what I would like to present as a certain characteristic of economic life, namely, anthroposophically oriented spiritual science.

[ 13 ] Wenn von Anthroposophie die Rede ist, stellt man sich leicht irgendetwas Mystisch-Verschwommenes, Weltenfernes und Weltfremdes vor. Man ist gewöhnt, indem man betrachtet allerlei sektiererische Bewegungen, mystisch-theosophische und ähnliche Bewegungen, Anthroposophie zu identifizieren mit solchen Bewegungen. Man wird dann Anthroposophie gründlich missverstehen, wenn man sie identifiziert mit solchen Bewegungen. Anthroposophie ruht auf denselben Ausgangspunkten, auf denen die moderne naturwissenschaftliche Denkweise ruht, diese naturwissenschaftliche Denkweise, die uns in Bezug auf die äußere Welt so gewaltige Erkenntnisse gebracht hat, die uns im Grunde genommen geschaffen hat die ganze moderne Technik, die unser soziales Leben in solchem Maße umgewandelt hat. Aber so wahr es ist, dass gerade anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die große Bedeutung der Naturwissenschaft und der modernen Technik voll anerkennt, so kann sie gerade deshalb nicht stehen bleiben bei denjenigen Methoden, welche diese Naturwissenschaft ausgestaltet. Sie muss von diesen Methoden ausgehend geisteswissenschaftliche Methoden ausbilden, um aus der physischen Welt in eine überphysische Welt einzudringen. Denn alles dasjenige, was in der physischen Welt uns umgibt, es wurzelt in der überphysischen Welt. Das nimmt der Mensch erst wahr, wenn er zu denjenigen Erkenntniskräften, die er hat durch die gewöhnliche Vererbung, durch die gewöhnliche Kindes- und Schulerziehung, auch durch das akademische Leben und so weiter, andere hinzuentwickelt, die gewissermaßen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht zur Tätigkeit, nicht zur Aktualität kommen, die zunächst latent bleiben im menschlichen Seelenleben.

[ 13 ] When people speak of anthroposophy, they easily imagine something mystical and vague, something far removed from the world and out of touch with reality. Because they observe all sorts of sectarian movements—mystical-theosophical and similar movements—they are accustomed to identifying anthroposophy with such movements. One will thoroughly misunderstand anthroposophy if one identifies it with such movements. Anthroposophy is based on the same principles as modern scientific thinking—the very scientific thinking that has brought us such tremendous insights into the external world, that has, in essence, created all of modern technology, and that has transformed our social life to such a degree. But just as it is true that anthroposophically oriented spiritual science fully recognizes the great significance of natural science and modern technology, so it cannot, for that very reason, remain confined to the methods developed by natural science. Starting from these methods, it must develop spiritual-scientific methods in order to penetrate from the physical world into a superphysical world. For everything that surrounds us in the physical world has its roots in the superphysical world. A person only becomes aware of this when, in addition to the powers of cognition acquired through ordinary heredity, ordinary childhood and school education, as well as through academic life and so on, they develop other powers that, so to speak, do not come into play or become active in ordinary life and ordinary science, but remain latent in the human soul life for the time being.

[ 14 ] Durch ganz bestimmte Methoden, Methoden einer regelrechten, von mathematisierendem Geiste durchzogenen Meditation und Konzentration, durch Methoden einer regelrechten Schulung, die ich beschrieben habe in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», «Geheimwissenschaft», «Ein Weg zur Selbsterkenntnis», durch solche Methoden werden herausgeholt aus der menschlichen Seele gewisse höhere Erkenntniskräfte. Ich habe diese höheren Erkenntniskräfte in meinen Büchern «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln» genannt im Sinne der Goethe’schen Weltanschauung «Geistesaugen» und «Geistesohren». Wir können in der Tat, ebenso wie unsere physische Organisation die physischen Augen, die physischen Ohren in uns ausbildet, geistige Organe ausbilden, die allerdings dann nicht partiell irgendwo sitzen, sondern den ganzen Menschen in Anspruch nehmen, aus dem Vollmenschentum herauswirken. Wir können solche Geistesorgane ausbilden und werden gewahr um uns herum eine übersinnliche Welt, wie wir durch unsere physischen Organe und durch den Verstand, der an unser Gehirn gebunden ist, der die physischen Erscheinungen kombiniert, die physische Welt um uns herum wahrnehmen. Und so, wie wir durch die gewöhnliche Naturwissenschaft die Entwicklung des Universums verfolgen, indem wir zurücksehen zu den ersten physischen Zuständen und versuchen, zu begreifen, wie sich entfaltet haben die einzelnen Wesen bis zum Menschen hinauf, so gelangen wir durch Geisteswissenschaft dazu, die geistigen Grundlagen und Ausgangspunkte des Weltenalls und die geistigen Ziele dieses Weltenalls zu finden. Dadurch gliedern sich uns zwei Teile unseres Geisteslebens zu einer Einheit zusammen, die das moderne Geistesleben in tragischer Weise für den Menschen auseinandergerissen hat.

[ 14 ] Through very specific methods—methods of genuine meditation and concentration imbued with a mathematical spirit, and through methods of genuine training, which I have described in my books *How Does One Attain Knowledge of Higher Worlds?*, *Secret Science*, and *A Path to Self-Knowledge*—through such methods, certain higher powers of perception are drawn forth from the human soul. In my books *The Riddle of Man* and *The Riddles of the Soul*, I have referred to these higher powers of perception as “spiritual eyes” and “spiritual ears,” in the spirit of Goethe’s worldview. In fact, just as our physical constitution develops the physical eyes and ears within us, we can develop spiritual organs—which, however, are not localized in any one part of the body but engage the whole human being, working from the perspective of full humanity. We can develop such spiritual organs and become aware of a supersensible world around us, just as we perceive the physical world around us through our physical organs and through the intellect—which is bound to our brain and combines physical phenomena. And just as we trace the development of the universe through conventional natural science—by looking back to the earliest physical states and attempting to understand how individual beings have unfolded all the way up to the human being—so, through spiritual science, we come to discover the spiritual foundations and starting points of the universe and the spiritual goals of this universe. In this way, two parts of our spiritual life are brought together into a unity that modern spiritual life has tragically torn apart for human beings.

[ 15 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wer wie ich kennengelernt hat jene Naturen, die nicht nur im theoretischen Sinne in der Erkenntnis der neueren Zeit leben, sondern mit ihrem ganzen Menschen, ihrem ganzen Gemüt, der weiß, welche Tragik sich gerade bei denjenigen heute in der Seele abspielen kann, welche die Errungenschaften, die voll anzuerkennenden modernen Errungenschaften der Naturerkenntnis ernst und ehrlich nehmen. Sehen Sie, ich habe Menschen kennengelernt, die sagten sich: Da blicke ich hinaus in eine Welt bloß natürlicher Notwendigkeiten. Aus dieser Welt der bloß natürlichen Notwendigkeiten geht auch der Mensch hervor. Aber in diesem menschlichen Innern sprießt etwas auf, wodurch sich der Mensch eigentlich erst so recht wertvoll finden kann im Leben. Es sind die moralischen Ideale, es sind die religiösen Empfindungen, es sind die künstlerischen Erfassungen des Weltenalls, es ist alles dasjenige, was wir Recht, Sitte und so weiter nennen. Aber es sagen sich dann solche ehrlichen Menschen: Das alles geht von einer gewaltigen Illusion, von einer großen Täuschung, wie Rauch und Nebel aus dem Innern der Menschenseele hervor. Denn in Wirklichkeit ist der Mensch ein äußerer physischer Organismus, der sich aus dem nur durch Naturnotwendigkeit zu begreifenden Universum herausgebildet hat. Hinschauen muss man, wie dieses Universum einstmals in dem Zustande des Wärmetodes oder dergleichen ankommen wird und wie dann der große Kirchhof aller Ideale, alles sittlichen Lebens, alles desjenigen, was dem Menschen so erscheint, als ob es ihm erst ein menschenwürdiges Dasein geben würde, verschwunden und ausgelöscht ist.

[ 15 ] Ladies and gentlemen, anyone who, like me, has come to know those individuals who do not merely live in the theoretical sense within the understanding of modern times, but with their whole being, their whole heart—such a person knows what tragedy can unfold today in the souls of precisely those who take the achievements—the fully recognizable modern achievements of scientific understanding—seriously and honestly. You see, I have met people who said to themselves: Here I am looking out into a world of mere natural necessities. Humanity, too, emerges from this world of mere natural necessities. But within the human soul, something sprouts that enables a person to truly find value in life. These are the moral ideals, the religious sentiments, the artistic perceptions of the universe—all that which we call justice, morality, and so on. But such honest people then say to themselves: All of this arises from a colossal illusion, from a great deception, like smoke and mist emerging from the depths of the human soul. For in reality, human beings are external physical organisms that have evolved from a universe that can be understood solely through natural necessity. One must consider how this universe will one day reach a state of heat death or something similar, and how, at that point, the great graveyard of all ideals, all moral life, and everything that appears to human beings as if it were what first gives them a dignified existence, will have vanished and been obliterated.

[ 16 ] Aber wer die Menschen hat leiden sehen unter dieser Wirkung der modernen Weltanschauung auf das menschliche Gemüt, der weiß, was es heißt, dass Geisteswissenschaft aus demjenigen, was in der Menschenseele als sittliche Ideale, als religiöse Impulse, als künstlerische Erfassungen lebt, und demjenigen, was draußen in der Natur ist, eine Einheit macht. Ich kann das heute nur skizzieren; in meinen Büchern, die ich eben nannte, finden Sie das jetzt Ausgeführte erhärtet und bewiesen. Ich möchte mich aber noch durch einen Vergleich klarmachen: Wir sehen eine Pflanze, sie wächst aus dem Boden heraus. Indem sie aus dem Boden herauswächst, entfaltet sie Blätter und Blüten; aber dann entfaltet sie auch in der Blüte den Keim, der schon die Anlage für eine neue Pflanze im nächsten Jahr ist. Der Keim ist unscheinbar, aber er ist die Anlage für eine ganze Pflanze im nächsten Jahr, währenddem die Blätter und Blüten verwelken und abfallen. So ist es im Weltenall vor den Erkenntnissen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. Da sehen wir das äußere Weltenall mit den Naturgesetzen, die es beherrschen, bis zu dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes hin. Wir sehen es im Sinne dieser Geisteswissenschaft als das Verwelkende, das Absterbende, als das im Tode Abgehende. Und wir sehen in dem Menschenwesen die sittlichen Ideale, die religiösen Impulse, die künstlerischen Erfassungen, und wir wissen: Das sind Keime für Zukunftswelten. Dasjenige, was wir heute als Natur um uns sehen, ist das Ergebnis moralischer Erlebnisse von Wesen einer urfernen Vergangenheit. Dasjenige, was wir als geistige Welten in uns tragen, ist der Keim für physische Welten einer fernen Zukunft.

[ 16 ] But anyone who has seen people suffer under the influence of this modern worldview on the human mind knows what it means for spiritual science to unite what lives within the human soul—as moral ideals, religious impulses, and artistic perceptions—with what exists out there in nature. I can only sketch this out today; in the books I just mentioned, you will find what I have just outlined substantiated and proven. But I would like to clarify this further with a comparison: We see a plant growing out of the ground. As it grows out of the ground, it unfurls leaves and flowers; but then, within the flower, it also unfurls the seed, which already contains the potential for a new plant the following year. The seed is inconspicuous, but it is the potential for an entire plant the following year, whereas the leaves and flowers wither and fall off. This is how the universe appears before the insights of anthroposophically oriented spiritual science. There we see the outer universe with the natural laws that govern it, right up to the law of the conservation of energy and matter. We see it, in the sense of this spiritual science, as that which withers, that which dies, that which passes away in death. And we see in the human being the moral ideals, the religious impulses, the artistic perceptions, and we know: These are seeds for future worlds. What we see around us today as nature is the result of moral experiences of beings from a distant past. What we carry within us as spiritual worlds is the seed for physical worlds of a distant future.

[ 17 ] Das kann ich, wie gesagt, jetzt nur skizzieren. Ich tue das aus dem Grunde, damit ich hinweisen kann auf dasjenige, was Geisteswissenschaft, indem sie naturwissenschaftlichen Geist fortbildet, der Menschheit als Weltanschauung liefern kann. Da lernt man wieder erkennen den lebendigen Geist. Da lernt man erkennen, welcher Unterschied besteht zwischen der Überzeugung, die sich sagt: Ich trete durch Geisteswissenschaft an den realen, wirklichen Geist der Welt heran; ich lerne erkennen: In mir leben nicht nur Gedanken und Vorstellungen, in mir leben in den Gedanken und Vorstellungen lebendige geistige Wesenheiten. Den lebendigen Geist lernt man wiederum erkennen. Die alten Religionen haben, indem sie nur noch traditionell fortleben, den einstigen großen Sinn, den sie hatten, abgestreift. Wir brauchen ein Schöpferisches in der Menschenseele, um ein solches elementar wirkendes Geistesleben uns zu erringen. Demgegenüber ist dasjenige Geistesleben, das sich im Laufe der letzten Jahrhunderte entwickelt hat, ein abstrakt-theoretisches. Wir experimentieren, wir beobachten, wir bedienen uns wunderbar scharfsinnig gestalteter Werkzeuge und Instrumente, um die physische Umwelt mit ihren Gesetzen zu erforschen. Aber alles dasjenige, was wir da erforschen, es ist nur etwas, was uns abstrakte Begriffe, Theorien gibt, die wir vielleicht dann anwenden, was uns aber nicht innerlich erfüllt mit lebendigem Geiste. Sodass wir uns sagen können: Wir denken nicht bloß in Gedanken, wir leben nicht bloß in Vorstellungen, sondern indem wir Menschen hier auf der Erde herumgehen, leben übersinnliche Welten durch ihre geistigen Wesenheiten in uns, geradeso, wie die drei Reiche der Natur in unserm physischen Organismus leben.

[ 17 ] As I said, I can only outline this briefly at present. I am doing so in order to point out what spiritual science—by building upon the scientific spirit—can offer humanity as a worldview. There one learns to recognize the living spirit once again. There one learns to recognize the difference between the conviction that says, “Through spiritual science, I approach the real, true spirit of the world,” and the realization that “Within me live not only thoughts and ideas, but living spiritual beings within those thoughts and ideas.” One learns to recognize the living spirit once again. The ancient religions, by continuing to exist merely as traditions, have shed the great significance they once held. We need a creative force within the human soul to attain such a spiritual life that works at the elemental level. In contrast, the spiritual life that has developed over the course of the last few centuries is an abstract and theoretical one. We experiment, we observe, we make use of wonderfully ingenious tools and instruments to explore the physical environment and its laws. But everything we explore there is merely something that provides us with abstract concepts and theories, which we may then apply, but which do not inwardly fill us with living spirit. So that we can say to ourselves: We do not merely think in thoughts, we do not merely live in ideas; rather, as human beings walking here on Earth, supersensible worlds live within us through their spiritual beings, just as the three kingdoms of nature live within our physical organism.

[ 18 ] Von dieser realen Erfassung der geistigen Welt geht auch dasjenige aus, was die Dreigliederung über die verschiedenen Gebiete des sozialen Lebens zu sagen hat. Denn auf dem Grunde der Wirtschaftsfragen ruht heute doch die soziale Frage. Und wenn man diese soziale Frage nicht von außen, sondern von innen kennengelernt hat, dann muss man über sie doch etwas anders denken, als gemeiniglich heute über sie gedacht wird. Ich war jahrelang an einer Arbeiterbildungsschule, in der ich nur Proletarier zu unterrichten hatte in den verschiedensten Fächern, Menschen, die ihren immerhin außerordentlich starken Bildungsdrang befriedigen wollten. Aber es war mir auch möglich, da die proletarischen Seelen kennenzulernen, und auf dem Grunde der proletarischen Seelen dasjenige, was aus den breiten Massen des Volkes heraufquillt, als die eigentlichen Grundlagen und die Grundschwierigkeiten des heutigen wirtschaftlichen Problems [zu erkennen]. Immer wieder und wiederum hört man bei Tausenden und Tausenden Menschen — bei denen man es hören kann, das sind heute Millionen, diejenigen, die nicht das Proletariat kennengelernt haben, stellen sich ja über diese Dinge durchaus nicht das Richtige vor —, immer wieder und wiederum hört man da ein Wort, ein Wort, das eine furchtbare Bedeutung hat, das Wort Ideologie.

[ 18 ] What the threefold social order has to say about the various spheres of social life also stems from this genuine understanding of the spiritual world. For the social question today is, after all, rooted in economic issues. And if one has come to know this social question not from the outside but from the inside, then one must think about it somewhat differently than is generally the case today. For many years I taught at a workers’ educational school, where I taught only proletarians in a wide variety of subjects—people who wanted to satisfy their, after all, extraordinarily strong thirst for knowledge. But it was also possible for me, through that experience, to get to know the proletarian souls—and, at the very core of those souls, to recognize what wells up from the broad masses of the people as the true foundations and fundamental difficulties of today’s economic problem. Time and again, one hears from thousands upon thousands of people—from those from whom one can hear it; today there are millions of them, and those who have not come to know the proletariat certainly do not have the correct understanding of these matters—time and again, one hears a word, a word that carries a terrible significance: the word “ideology.”

[ 19 ] Dieses Wort Ideologie ist heute in den breiten Massen populär geworden. Was bedeutet es denn? Es bedeutet, dass heute diese breiten Massen, die dadurch, dass sie an der modernen Maschine gestanden haben, dass sie in das Gespinst der modernen Technik einverwoben worden sind, der Freude an den unmittelbaren Arbeitsprodukten entfremdet worden sind, dass diese breiten Massen angenommen haben eine tief innerliche Überzeugung davon, dass eigentlich eine Wirklichkeit haben nur die äußeren, materiellen, wirtschaftlichen Prozesse, wie die Leute sich ausdrücken: die Produktionsprozesse, die Produktionsweisen, die Produktionsarten. Das, worin der Mensch steht als in der materiellen Produktion, das ist das eigentlich Wirkliche, und dasjenige, was er als Sitte entwickelt, als Recht entwickelt, als Religion, als Wissenschaft, als Kunst entwickelt, es ist nur dasjenige, was die Leute einen Überbau nennen, das heißt etwas, was als eine Ideologie, als Rauch und Nebel aufsteigt aus der einzigen Wirklichkeit, die die materielle Wirklichkeit ist.

[ 19 ] The word “ideology” has become popular among the broad masses today. What does it mean, then? It means that today these broad masses—who, by standing at the modern machine and being woven into the web of modern technology, have become alienated from the joy of the immediate products of their labor—have come to hold a deep inner conviction that reality consists solely of the external, material, economic processes, as people put it: the processes of production, the modes of production, the forms of production. That in which human beings are engaged—namely, material production—is the actual reality, and whatever they develop in terms of customs, law, religion, science, and art is merely what people call a “superstructure”—that is, something that rises like an ideology, like smoke and fog, from the sole reality, which is material reality.

[ 20 ] Diejenigen, die den gebildeten Klassen angehören, sie haben noch alte Traditionen oder stehen wenigstens in einem Leben drinnen, das noch immer von alten Traditionen beherrscht ist, von religiösen Traditionen, künstlerischen Traditionen und so weiter. Die ganze breite Masse des Volkes, sie hat diesen Traditionen Adieu gesagt. Die breiten Massen haben dasjenige als ihre innerste Überzeugung aufgenommen, was eine Theorie der anderen Klassen ist. Man kann so etwas als Überzeugung haben, man kann es sogar verteidigen, man kann allerlei logische Gründe für so etwas anführen, aber man kann nicht leben damit. Und dass man im tiefsten seelischen Innern damit nicht leben kann, das sieht derjenige, der mit diesen Leuten, besonders als ihr Lehrer, durch Jahre Umgang hatte. Es verödet die Seele, es wird die Seele leer, wenn sie das geistige Leben als Ideologie ansieht.

[ 20 ] Those who belong to the educated classes still cling to old traditions, or at least live a life that is still dominated by old traditions—religious traditions, artistic traditions, and so on. The vast majority of the people, however, have bid farewell to these traditions. The broad masses have adopted as their deepest conviction what is merely a theory for the other classes. One can hold such a conviction, one can even defend it, one can cite all sorts of logical reasons for it, but one cannot live with it. And the fact that one cannot live with it in the deepest recesses of one’s soul is evident to anyone who has spent years in the company of these people, especially as their teacher. It desolates the soul; the soul becomes empty when it regards spiritual life as ideology.

[ 21 ] Wahrhaftig, die führenden Kreise, indem sie sich auch entfremdet haben dem lebendigen Geistesleben, sie haben dasjenige, was geistiges Erleben werden kann, zur bloßen Theorie gemacht, zur bloßen Abstraktion, zur bloßen Kopfkultur gemacht. Der moderne Arbeiter will damit den ganzen Menschen erfüllen und er bleibt als Mensch dadurch mit einer Ödigkeit der Seele behaftet. In dieser Seelenverfassung, die der moderne Proletarier übernommen hat als ein Erbgut des Geisteslebens der führenden Kreise, in dieser Seelenödigkeit muss der Ursprung der modernen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gesucht werden. Diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten ruhen nicht in äußeren Einrichtungen, sie ruhen in dieser eben skizzierten und charakterisierten Seelenverfassung weitester Kreise, millionenreicher Kreise der modernen Menschheit: Ideologie statt eines lebendigen Geisteslebens.

[ 21 ] Truly, the ruling classes, having alienated themselves from a living spiritual life, have reduced what could become spiritual experience to mere theory, to mere abstraction, to mere intellectual culture. The modern worker seeks to fill his entire being with this, and as a result, he remains, as a human being, afflicted with a desolation of the soul. It is in this state of mind—which the modern proletarian has inherited as a legacy of the spiritual life of the ruling classes—in this desolation of the soul, that the origin of modern economic difficulties must be sought. These economic difficulties do not lie in external institutions; they lie in this state of mind—just outlined and characterized—prevalent among the broadest circles, the millions of modern humanity: ideology instead of a living spiritual life.

[ 22 ] Man muss dann suchen nach den Ursachen, wie es denn eigentlich gekommen ist, dass auch äußerlich im sozialen Leben die Ideologie treten konnte anstelle des lebendigen Geisteslebens. Und da kommt man zu etwas, was ja heute als Paradoxie noch empfunden werden kann, weil man nicht einsieht, dass dasjenige, was für eine Epoche der Menschheit voll berechtigt ist, es nicht auch für alle Epochen der Menschheit sein kann.

[ 22 ] One must then search for the causes—how it actually came to be that, even outwardly in social life, ideology was able to take the place of a vibrant spiritual life. And this leads to something that may still be perceived as a paradox today, because people fail to realize that what is fully justified for one epoch of humanity cannot necessarily be so for all epochs of humanity.

[ 23 ] Als dieses moderne Leben heraufkam, seit dem fünfzehnten, sechzehnten, siebzehnten Jahrhundert, hatte man ja die einzelnen Staaten, die Staatsgebilde, die sich aus verschiedenen Voraussetzungen innerhalb der modernen Zivilisation gebildet haben. Diese Staatsgebilde, sie übernahmen allmählich alle Aufgaben der Menschheitsentwicklung. Wir wissen ja, wie das Bildungsleben abhängig war in alten Zeiten von den Konfessionen. Mit Recht übernahmen die Staatsgebilde von den Konfessionen das Schul-, das Erziehungs-, das Bildungsleben. Sie konnten bei den Konfessionen nicht bleiben. Dazu war es notwendig, dass dem Rahmen des Staates einverleibt wurde dasjenige, was Schule und Bildungsleben ist. Und ein anderer Drang entwickelte sich; weil man eigentlich nur diesen sozialen Rahmen des modernen Staates hatte, entwickelte sich auch der Drang, indem die modernen Wirtschaftsverhältnisse immer komplizierter wurden unter dem Einfluss der triumphalen Technik, das Wirtschaftsleben allmählich auch immer mehr und mehr von staatlichen Prinzipien, staatlichen Kräften umfassen zu lassen.

[ 23 ] As this modern way of life emerged, beginning in the fifteenth, sixteenth, and seventeenth centuries, there were, of course, individual states—political entities that had formed under various conditions within modern civilization. These political entities gradually took on all the tasks of human development. We know, of course, how educational life in earlier times depended on the religious denominations. The state structures were right to take over schooling, upbringing, and educational life from the denominations. They could not remain within the framework of the denominations. To this end, it was necessary to incorporate what constitutes schooling and educational life into the framework of the state. And another impulse developed; because, in effect, this social framework of the modern state was all that existed, an impulse also arose—as modern economic conditions became increasingly complex under the influence of triumphant technology—to have economic life gradually encompassed more and more by state principles and state forces.

[ 24 ] Und so wurde dasjenige, was drei Gebiete der menschlichen Entwicklung sind, zu einer äußeren abstrakten Einheit gemacht. Segensreich war es in einer gewissen Weise, dass diese Einheit entstanden ist, aber auf der anderen Seite stehen wir heute in dem historischen Zeitpunkte, wo die drei verschiedenen Gebiete des menschlichen sozialen Lebens zerbrechen diese Einheit, wo sie fordern, dass sie ihre eigene, aus ihrem Wesen heraus folgende Verwaltung erhalten.

[ 24 ] And so what are the three spheres of human development were made into an external, abstract unity. In a certain sense, the emergence of this unity was beneficial; but on the other hand, we now find ourselves at a historical juncture where the three distinct spheres of human social life are breaking apart this unity, demanding that they be granted their own form of governance, one that arises from their very nature.

[ 25 ] Nehmen wir zunächst das Geistesleben, wie ich es charakterisiert habe, wie es neu auftreten will aus schöpferischen Quellen der menschlichen Seele durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Dieses Geistesleben, es kann sich nur entwickeln, wenn es unabhängig sich selbst auf dem eigenen Boden verwalten kann, wenn es nicht seine Richtlinien von irgendwelchen staatlichen Maßnahmen, von einer staatlichen Verwaltung erhält. Diese Dinge, meine sehr verehrten Anwesenden, sind logisch gewiss leicht anfechtbar. Allein für denjenigen, der sich in das besondere Gefüge des Geisteslebens hineinleben kann, ist ohne Weiteres klar, dass das Geistesleben, dasjenige, was in ihm schöpferisch ist, was in ihm seinen eigenen Charakter an die Oberfläche trägt, nur dann sich entwickeln kann, wenn das Bildungsleben schon von dem untersten Erziehungs- und Schulwesen an auf eigene Füße gestellt wird; wenn dieses Geistesleben, namentlich das wichtigste Glied dieses Geisteslebens, das öffentliche Erziehungs- und Schulwesen, so gestaltet wird, dass diejenigen, die lehrend, unterrichtend, erziehend darinnenstehen, zu gleicher Zeit auch die Verwaltenden sind. Sie sollen nur so viel Zeit verwenden für die Erziehung und den Unterricht, dass ihnen in ihrer Gesamtheit Zeit bleibt, nach denselben Prinzipien, nach denen sie stündlich lehren, auch dieses Unterrichts- und Erziehungswesen selber zu verwalten. Von keiner äußeren Norm darf das Geistesleben, darf Erziehungs- und Unterrichtswesen abhängig sein. Denn gerade das Hereinspielen einer äußeren Norm, es ertötet dasjenige, was im Grunde genommen in jedem Erziehenden und Unterrichtenden sein muss: die unmittelbare Verantwortlichkeit nicht gegenüber einem Staate, nicht gegenüber einer Wirtschaftsmacht, sondern gegenüber dem übersinnlichen Geistesleben selber.

[ 25 ] Let us first consider spiritual life as I have characterized it—as it seeks to emerge anew from the creative sources of the human soul through anthroposophically oriented spiritual science. This spiritual life can only develop if it is able to govern itself independently on its own ground, if it does not receive its guidelines from any state measures or from a state administration. These points, ladies and gentlemen, are certainly easy to challenge logically. Yet for anyone who can immerse themselves in the unique fabric of spiritual life, it is immediately clear that spiritual life—that which is creative within it, that which brings its own character to the surface—can develop only if educational life, starting with the very foundations of early childhood education and schooling, is set on its own feet; if this spiritual life—namely, the most important component of this spiritual life, the public education and school system—is structured in such a way that those who teach, instruct, and educate within it are also, at the same time, the administrators. They should devote only as much time to education and instruction as leaves them, on the whole, time to administer this educational and instructional system themselves according to the same principles by which they teach hour by hour. Intellectual life, as well as the educational and instructional systems, must not be dependent on any external standard. For it is precisely the imposition of an external standard that kills what must fundamentally be present in every educator and instructor: direct responsibility—not to a state, not to an economic power, but to the supersensible spiritual life itself.

[ 26 ] Fühlt sich ein jeder als Menschheitsindividualität verantwortlich gegenüber dem Geistesleben in seiner Wesenheit, dann haben wir das lebendige Geistesleben. Dieses lebendige Geistesleben zu gestalten, dafür ist notwendig, dass dieses Geistesleben seine eigene Verwaltung erhält. Es wird sich seine eigene Geltung verschaffen können. Man emanzipiere nur dieses Geistesleben vom Staats- und Wirtschaftsleben, man gebe ihm seine eigene Verwaltung, und man wird sehen, dass, weil man ja die Fähigkeiten fähiger Menschen braucht, man diese Fähigkeiten auch anerkennen wird. Und in demselben Augenblick, in dem nicht durch äußere Gesetze und Verwaltungsmaßregeln die Stellung eines Menschen im Geistesleben festgelegt wird, sondern indem man angewiesen ist darauf, dass der Mensch aus seiner Individualität nach den Fähigkeiten im freien Geistesleben wirkt, in demselben Augenblick wird auch die freie Anerkennung der menschlichen Fähigkeiten mit Bezug auf das Geistesleben da sein.

[ 26 ] If each person, as an individual of humanity, feels responsible for spiritual life in its essence, then we will have a living spiritual life. In order to shape this living spiritual life, it is necessary for this spiritual life to have its own administration. It will then be able to assert its own validity. One need only emancipate this spiritual life from political and economic life, grant it its own administration, and one will see that, since the abilities of capable people are needed, these abilities will also be recognized. And the very moment when a person’s position in spiritual life is no longer determined by external laws and administrative regulations, but rather by relying on the individual to act from their own individuality according to their abilities within a free spiritual life—at that very moment, the free recognition of human abilities in relation to spiritual life will also be present.

[ 27 ] Und von einem solchen Geistesleben bekommt man im Grunde genommen nur eine Vorstellung von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft her. Das abstrakte Geistesleben ist entfremdet der Welt. Dasjenige Geistesleben, das wir pflegen von der Freien Hochschule von Dornach, dem Goetheanum aus, ist eine GeistErkenntnis, die an den ganzen Menschen herantritt, die nicht eine Kopfkultur ist, sondern von der man sagen kann, dass sie bis in die manuelle Geschicklichkeit des Menschen diesen Menschen zur Entwicklung bringt. Nur kurz erwähnen will ich, dass an diesem Goetheanum im letzten Herbst Hochschulkurse absolviert wurden, bei denen dreißig Persönlichkeiten wirkten, gelehrte Fachleute, Künstler, Kommerzielle, Industrielle, welche zeigen wollten, in welcher Weise der ganze Mensch, das ganze Leben von anthroposophischer Geisteswissenschaft befruchtet werden könne. Dasjenige, was theoretisch-abstraktes Geistesleben ist, es geht ja nicht bis in die Muskeln, bis in die Geschicklichkeit; man muss dann erst Routine sich erwerben. Das lebendige Geistesleben geht bis in die manuelle Geschicklichkeit, bis in die Muskeln und Nervenausbildungen hinein.

[ 27 ] And, fundamentally speaking, one can only gain an understanding of such a spiritual life through anthroposophically oriented spiritual science. Abstract spiritual life is alienated from the world. The spiritual life we cultivate at the School of Spiritual Science in Dornach, from the Goetheanum, is a spiritual insight that addresses the whole human being; it is not merely an intellectual culture, but rather one that can be said to foster a person’s development right down to their manual dexterity. I would just like to briefly mention that last fall, university courses were held at this Goetheanum, featuring thirty distinguished individuals—scholars, artists, businesspeople, and industrialists—who sought to demonstrate how the whole human being and the whole of life can be enriched by anthroposophical spiritual science. That which is theoretical and abstract spiritual life does not, after all, extend into the muscles or into dexterity; one must first acquire routine. Living spiritual life extends into manual dexterity, into the muscles and the development of the nerves.

[ 28 ] Daher wird ein freies Geistesleben, das von dieser Perspektive aus die Grundlage der übrigen sozialen Ordnung ist, umfassen können, nicht jene weltfremden Lehrernaturen oftmals — denen darum kein Vorwurf gemacht werden soll, denn sie sind ja das Ergebnis der menschlichen Verhältnisse in der Gegenwart —, es werden nicht diese weltfremden Wissenschaftler tätig sein, die heute oftmals tätig sind, sondern Menschen des Lebens. Und man wird gerade aus dieser Gesinnung heraus die praktischen Einsichten in das Leben, alles dasjenige, was mit dem unmittelbar Alltäglichen zusammenhängt, gerade so anerkennen, gerade so ausbilden vom Geistesleben aus, wie man Philosophie oder religiöse Grundüberzeugung ausbildet. Denn für ein solches Geistesleben ist alles Materielle und alles Geistige eine Einheit, und der Geist hat nur dann im Menschen die rechte Kraft, wenn er nicht den Menschen abschließt vom materiellen Leben, sondern wenn er dem Menschen die Fähigkeit gibt, ins materielle Leben praktisch auf jedem Gebiet einzugreifen. Nicht zurückzuziehen in ein nebulöses, mystisches Geistesleben haben wir uns, sondern vom Geiste haben wir uns zu durchdringen, damit gerade die äußere, physische Wirklichkeit durchgeistigt werden könne.

[ 28 ] Therefore, a free spiritual life—which, from this perspective, forms the foundation of the rest of the social order—will not comprise those often unworldly, academic types—who are not to be blamed for this, since they are, after all, the product of present-day human conditions— it will not be these unworldly scholars—who are often active today—who will be at work, but people of life. And it is precisely from this mindset that practical insights into life—everything connected with immediate everyday existence—will be recognized and developed from the spiritual life in exactly the same way that philosophy or fundamental religious convictions are developed. For in such a spiritual life, everything material and everything spiritual form a unity, and the spirit possesses the true power within the human being only when it does not cut the human being off from material life, but rather when it gives the human being the ability to intervene practically in material life in every sphere. We must not withdraw into a nebulous, mystical spiritual life; rather, we must allow ourselves to be permeated by the spirit, so that external, physical reality itself may be spiritualized.

[ 29 ] Dieses Geistesleben brauchen wir als Grundlage eines gesunden Wirtschaftslebens. Denn dieses Geistesleben wird wiederum den Menschen erfassen. Das wird nicht wie das sogenannte Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte an die breiten Massen heranbringen dasjenige, was ihnen nur öde, ertötende Ideologie ist, das wird ihnen das Gefühl ihrer Menschenwürde geben. Dann wird sich mit ihnen arbeiten lassen. Denn die soziale, die wirtschaftliche Frage, sie lässt sich nur lösen aus der menschlichen Seele heraus, aus den menschlichen Erkenntnissen, den menschlichen Gefühlen und Überzeugungen und Willensimpulsen heraus. Wir müssen den Zugang finden zu den Seelen der arbeitenden Menschen. Wir finden diesen Zugang nicht, wenn wir ihnen weiter so reden von unseren Wissenschaften, wie wir ihnen bisher geredet haben, und wenn wir so über die sozialen Verhältnisse reden, wie diese Wissenschaften uns bisher zum Reden über die sozialen Verhältnisse angeleitet haben.

[ 29 ] We need this spiritual life as the foundation of a healthy economic life. For this spiritual life will, in turn, touch people’s hearts. Unlike the so-called spiritual life of the last three to four centuries—which has presented the masses with nothing but a dreary, stifling ideology—this will give them a sense of their human dignity. Then it will be possible to work with them. For social and economic issues can only be resolved from within the human soul—from human insights, human feelings, convictions, and impulses of the will. We must find a way to reach the souls of working people. We will not find this access if we continue to speak to them about our sciences the way we have spoken to them so far, and if we speak about social conditions the way these sciences have so far guided us to speak about social conditions.

[ 30 ] So habe ich Ihnen das erste Glied im dreigliederigen sozialen Organismus geschildert, das selbstständige Geistesleben, das durchaus in die Verwaltung derjenigen, die geistig-schöpferisch sind, namentlich der Erziehenden und Unterrichtenden, selber gestellt ist. Das steht gewissermaßen auf dem einen Flügel des modernen sozialen Organismus. Auf dem anderen Flügel steht das Wirtschaftsleben. Dieses Wirtschaftsleben unterscheidet sich ja gründlich von dem Geistesleben. Was strebt der Mensch im Geistesleben an? Er strebt an, aus seiner Seele heraus zu einer Erfassung der Lebensharmonie zu kommen. Eine gewisse Totalität des Lebens muss auch der einfachste Mensch haben in Bezug auf das geistige Leben. In Bezug auf das wirtschaftliche Leben können wir das niemals. Da muss der Mensch, wenn er nun wirklich Lebensbeobachtung hat, wenn er Lebenssinn hat, sich ein Geständnis machen; das Geständnis: Im wirtschaftlichen Leben gibt es für den einzelnen Menschen kein Totalurteil. Was heißt das? Ich will mich zunächst durch eine historische Tatsache klarmachen. So um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde in vielen Staaten, überhaupt in vielen Gebieten des öffentlichen sozialen Lebens über die Goldwährung diskutiert. In einzelnen Ländern wurde ja auch die Goldwährung eingeführt. Was dazumal von Parlamentariern, von praktischen Wirtschaftern, von sonstigen Lebenspraktikern über die Goldwährung gesagt worden ist — ich meine das wahrhaftig nicht ironisch, sondern ganz ernst und ehrlich —, das war durchaus sehr scharfsinnig und gescheit. Man bekommt heute noch einen großen Respekt vor denjenigen Leuten, die dazumal über das Wirtschaftsleben gesprochen haben.

[ 30 ] I have thus described to you the first member of the threefold social organism: the independent spiritual life, which is entirely placed under the administration of those who are spiritually creative—namely, educators and teachers. This stands, so to speak, on one wing of the modern social organism. On the other wing stands economic life. This economic life, of course, differs fundamentally from spiritual life. What does a person strive for in spiritual life? They strive, from within their soul, to grasp the harmony of life. Even the simplest person must possess a certain wholeness of life with regard to spiritual life. With regard to economic life, we can never achieve this. Here, if a person truly observes life and has a sense of its meaning, they must make a confession to themselves: that in economic life, there is no comprehensive judgment for the individual. What does that mean? Let me first clarify this with a historical fact. Around the middle of the nineteenth century, the gold standard was being discussed in many countries—indeed, in many areas of public social life. In some countries, the gold standard was indeed introduced. What was said at that time about the gold standard by members of parliament, by practical economists, and by other practitioners of life—and I truly mean this not ironically, but quite seriously and honestly—was indeed very astute and intelligent. Even today, one cannot help but feel great respect for those people who spoke about economic life back then.

[ 31 ] Aber alles dasjenige, was, und zwar wiederum mit vorzüglichen Gründen, ausgeführt wurde, es stellte die Prognose: Es werde unter dem Einfluss der Goldwährung der freie Handel blühen, die einzelnen Staaten würden ihre Grenzen öffnen, das herankommende Weltwirtschaftsleben werde sich frei entfalten können, unbeirrt um die Grenzen der einzelnen Staaten. Diese Staats-Rahmen sind ja aus ganz anderen Voraussetzungen heraus entsprungen als das moderne Wirtschaftsleben, das nach und nach durch die Weltwirtschaft eine Einheit geworden ist und das ganz andere Verbindungen braucht als diejenigen, die die Staaten schaffen können. Der freie Handel werde blühen. So haben sehr gescheite Leute gesagt. Und was ist in Wirklichkeit eingetreten? Zollschranken sind überall aufgekommen; über die Vorzüglichkeit der Schutzzölle hat man nachher viel gesprochen, weniger gescheit, aber mit mehr Aussicht, die Dinge zu erreichen.

[ 31 ] But everything that was argued—again, with excellent reasons—led to the prediction that, under the influence of the gold standard, free trade would flourish, individual states would open their borders, and the emerging global economy would be able to develop freely, unhindered by the borders of individual states. These national frameworks, after all, arose from entirely different conditions than modern economic life, which has gradually become a unified whole through the global economy and requires connections quite different from those that states can create. Free trade would flourish. So said very clever people. And what actually happened? Tariff barriers have sprung up everywhere; much was subsequently said about the merits of protective tariffs—less cleverly, but with a better chance of achieving results.

[ 32 ] Was liegt da eigentlich vor? Das liegt vor, meine sehr verehrten Anwesenden, dass im Gebiete des Wirtschaftslebens einem diejenige Gescheitheit, durch die man gerade im Geistesleben als individueller Mensch fortschreitet, nichts nützt im Wirtschaftsleben. Das ist eine tiefe, bedeutsame Wahrheit, dass der Einzelne noch so gescheit sein kann, wenn sein wirtschaftliches Urteil Tragkraft haben soll im wirtschaftlichen Leben, so gilt ein noch so gescheites Urteil aus individuellen Fähigkeiten heraus gar nichts; im wirtschaftlichen Leben ist nur maßgebend dasjenige, was wir uns aneignen durch Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit innerhalb der einzelnen Fächer des Wirtschaftslebens. Das aber kann nicht im Wirtschaftsleben sich unmittelbar entfalten, sondern das ist darauf angewiesen, dass es sich ergänzt durch dasjenige, was andere in anderen Branchen, in anderen Fächern als maßgebendes Urteil, als für die Wirklichkeit tragkräftiges Urteil entwickeln können. Im Wirtschaftsleben kann nur dasjenige maßgebend sein, was Kollektivurteil ist, was aus einer bestimmten Gruppe von Menschen, die die verschiedensten Wirtschaftszweige miteinander vereinigen, so hingestellt wird, dass man es nicht mit gegenseitigem Rat zu tun hat; beim Raten kommt nicht viel heraus, kommt nur ein wesenloses Parlamentarisieren heraus; sondern dass man es zu tun hat mit in Verhältnis zueinander kommenden gegenseitigen Interessen; dass man es zu tun hat mit dem werktätigen Leben selber; dass der eine dieses, der andere jenes zu realisieren hat; dass der eine etwas geltend zu machen hat, eine Fähigkeit auf einem bestimmten Gebiet, der andere etwas auf dem Gebiet der [Produktion] und so weiter. Und es ist durchaus möglich, dass sich Assoziationen bilden, die eine bestimmte Größe haben müssen, Assoziationen, in denen sich vereinigen Menschen der verschiedensten wirtschaftlichen Lebenskreise. Von Bedürfnissen gehen die Dinge aus. Dann handelt es sich darum, dass mit denjenigen Menschen, welche aus ihren Lebenserfahrungen heraus über die Bedürfnisse gewisser Kreise sprechen können, sich vereinigen andere Menschen, die in bestimmten Produktionsbranchen drinnenstehen, welche diesen Bedürfnissen abhelfen.

[ 32 ] What is actually at issue here? The point is, ladies and gentlemen, that in the realm of economic life, the very intelligence through which one progresses as an individual human being in spiritual life is of no use in economic life. This is a profound and significant truth: no matter how intelligent an individual may be, if his economic judgment is to carry weight in economic life, a judgment based solely on individual abilities—no matter how intelligent—is worth nothing; in economic life, the only thing that matters is what we acquire through expertise and professional competence within the various fields of economic life. However, this cannot unfold directly in economic life; rather, it depends on being supplemented by what others in other industries and fields can develop as authoritative judgment—judgment that holds true in reality. In economic life, the only thing that can be decisive is collective judgment—that which is presented by a specific group of people who unite the most diverse branches of the economy in such a way that it is not a matter of mutual advice; advice does not yield much; it results only in meaningless parliamentary debate; rather, one is dealing with mutual interests that relate to one another; one is dealing with working life itself; one person must realize this, another that; one person has something to assert—a skill in a particular field—while another has something to contribute in the field of [production], and so on. And it is entirely possible that associations will form that must be of a certain size—associations in which people from the most diverse economic spheres of life come together. Things stem from needs. Then the issue is that people who, based on their life experiences, can speak about the needs of certain circles join forces with others who are actively involved in specific branches of production that meet those needs.

[ 33 ] Und, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist noch etwas anderes möglich als dasjenige, was in phrasenhafter Weise in der modernen Sozialdemokratie zutage tritt, wenn man die Phrase, die ja als Phrase richtig ist, immer wiederum und wiederum sagt: Man solle nicht produzieren, um zu profitieren, sondern um zu konsumieren. Was könnte richtiger sein als dieses! Aber was ist leichter, als solch einen abstrakten Satz auszusprechen? Es handelt sich ja immer darum, wie man so etwas macht. Denn die Sache ist eigentlich selbstverständlich.

[ 33 ] And, ladies and gentlemen, there is something else possible besides what is expressed in such a clichéd manner in modern social democracy, when one repeats over and over again the phrase—which, as a phrase, is indeed correct—that one should not produce for profit, but for consumption. What could be more true than that! But what is easier than uttering such an abstract statement? The question is always how to put something like that into practice. For the matter is, in fact, self-evident.

[ 34 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, man konnte bisher eigentlich nur auf eingeschränktem Gebiete solche Dinge wirklich durchführen. Und da will ich Ihnen zunächst ein Gebiet, das Sie vielleicht nicht anerkennen werden, weil es mehr dem geistigen Gebiet angehört, aber ich charakterisiere es jetzt nur im wirtschaftlichen Sinne — da will ich Ihnen ein Gebiet vorführen, dasjenige des anthroposophischen Buchhandels. Wir haben einmal begründet vor vielen Jahren den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag in Berlin. Bedenken Sie einmal, wie in der Regel heute ein Verlag geführt wird. Ich führe etwas aus dem Geistesleben an, aber Sie werden gleich sehen, dass das sich durchaus übertragen lässt auf das ganze materielle Leben. Wie wird ein Verlag heute geführt? Der Verleger nimmt von dem Autor das Manuskript. Das Manuskript wird gesetzt. Bücher werden fabriziert, diese Bücher werden an die Sortimentsbuchhändler geschickt, aber werden sie etwa alle verkauft? Nun, wer den Buchhandel kennt, der weiß, was das Wort «Krebse» bedeutet. Es sind diejenigen Bücher, die zurückkommen von den Sortimentsbuchhändlern. Dieser Krebse gibt es viele, nicht nur bei den Lyrikern, wo fast alles in die Krebsnatur übergeht, was gedruckt wird. Aber sehen wir uns an, was da eigentlich geschieht. Da werden angestellt so und so viele Leute, die das Papier fabrizieren, so und so viele Leute, welche die Bücher setzen, drucken, diese Bücher dann verfrachten und so weiter. Denken Sie, wie viele Menschen beschäftigt sind mit den Büchern, die man für das allgemeine Menschenleben gar nicht zu fabrizieren brauchte. Den größten Teil brauchte man ja nicht zu fabrizieren, es ginge das Leben, auch wenn man sie wegließe, gerade bei einem Gebiet, wo nur von der Produktion ausgegangen wird. Wie haben wir es bei dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag gemacht, wie haben wir es denn da gemacht?

[ 34 ] Well, ladies and gentlemen, until now it has really only been possible to carry out such things in a limited sphere. And so I would like to begin by presenting an area that you may not recognize, because it belongs more to the spiritual realm, but I will characterize it here solely in economic terms—I would like to present to you the field of anthroposophical book publishing. Many years ago, we founded the Philosophisch-Anthroposophischer Verlag in Berlin. Just consider how a publishing house is generally run today. I’ll use an example from spiritual life, but you’ll soon see that this can certainly be applied to the entire material realm. How is a publishing house run today? The publisher receives the manuscript from the author. The manuscript is typeset. Books are produced, and these books are sent to book wholesalers, but are they all sold? Well, anyone familiar with the book trade knows what the term “returns” means. These are the books that come back from the book wholesalers. There are many such returns, not just among poets, where almost everything that is printed ends up as returns. But let’s take a look at what’s actually happening here. A certain number of people are employed to manufacture the paper, a certain number to typeset and print the books, to ship them, and so on. Think about how many people are employed by books that aren’t even necessary for everyday life. The vast majority didn’t need to be produced at all; life would go on even if they were left out—especially in a field where the focus is solely on production. How did we handle this at the Philosophical-Anthroposophical Publishing House? How did we go about it there?

[ 35 ] Wir haben kein einziges Buch gedruckt, von dem nicht von vorneherein sicher war, es wird auch verkauft. Denn wir sind ausgegangen vom geistigen Konsum. Zunächst war die Anthroposophische Gesellschaft da. Sie mögen noch so kritisch von ihr denken, ich rede ja jetzt nur von etwas Wirtschaftlichem. Diese Gesellschaft entwickelte ein Bedürfnis, man kannte dieses Bedürfnis, man lebte mit der Anthroposophischen Gesellschaft in Assoziation, man lernte kennen lebendig ihre Bedürfnisse, diesen Bedürfnissen trug man Rechnung in der geistigen Produktion. Und es war niemals der genannte Verlag in der Lage, irgendwelche Leute unnötig zu beschäftigen. Viel wichtiger als das phrasenhafte Reden heute, das uns in vielen Programmen und dergleichen entgegentritt, wäre es, zu denken, wie man die Dinge macht, wie man das wertlose Produzieren, das wertlose Beschäftigen von Menschen innerhalb des sozialen Lebens bekämpfen kann. Das kann man nur durch das Assoziationsprinzip. Wie unvollkommen auch diese Assoziation, die ich geschildert habe, ist, sie ist eine Assoziation.

[ 35 ] We have not printed a single book about which it was not certain from the outset that it would sell. For we started from the premise of spiritual consumption. First, there was the Anthroposophical Society. No matter how critically you may view it—I am speaking here solely in economic terms—this society developed a need; people were aware of this need; they lived in association with the Anthroposophical Society; they came to know its needs firsthand; and these needs were taken into account in our spiritual production. And the publishing house in question was never in a position to employ people unnecessarily. Far more important than the empty rhetoric we encounter today in many programs and the like would be to think about how to do things, how to combat worthless production and the worthless employment of people within social life. This can only be achieved through the principle of association. However imperfect this association I have described may be, it is an association.

[ 36 ] Später habe ich etwas versucht, was dann der Krieg unterbrochen hat. Wir hatten ein Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft, er war Großbäcker. Ich habe gesagt: Warum sollte man die Anthroposophische Gesellschaft nicht auch als eine Summe von Konsumenten für Brot auffassen, das ist sie ja ganz gewiss auch. Also ich verschaffe ihnen so viele Konsumenten, dass sie ihre Produktion treiben können, sagte ich zu dem Betreffenden. Es ist nicht gelungen, teils durch die Individualität der betreffenden Persönlichkeit, aber es hätte gelingen können; namentlich kam aber auch der Krieg dazu. Wiederum ausgehend vom Bedarf wurde versucht, den Bedarf zu assoziieren mit der Produktion.

[ 36 ] Later, I tried something that was then interrupted by the war. We had a member in the Anthroposophical Society who was a master baker. I said: Why shouldn’t we also view the Anthroposophical Society as a group of bread consumers—which it certainly is. “So I’ll provide you with enough customers to keep your production going,” I told him. It didn’t work out, partly because of the individuality of the person in question, but it could have succeeded; however, the war also intervened. Once again, starting from the need, an attempt was made to link that need with production.

[ 37 ] Sehen Sie, auch das, was ich Ihnen da als assoziatives Prinzip im Wirtschaftsleben schildere, es zeigt sich wie etwas, was sozusagen aus dem Unterbewussten der menschlichen Gesellschaft heute heraufquillt. Wir sehen auf der einen Seite die Kartellbildungen, auf der anderen Seite die Trustbildungen, allerdings immer einseitig unter bloß Produzierenden, währenddem die Verbindung zwischen Produzierenden und Konsumierenden eben einseitig durch die Agenturen besorgt wird. Unter Beseitigung der Agenturen Assoziationen ins Leben rufen, die mit ihren lebendigen Interessen zwischen dem Konsum und der Produktion drinnenstehen und vermitteln, das bedeutet eine fruchtbare Zukunft des Wirtschaftslebens. Kartelle kontingieren den Gewinn, sie kontingieren den Verbrauch, sie kontingieren Verschiedenes. Man sieht, unter dem Einfluss der Weltwirtschaft ist Zusammenschluss notwendig, aber man packt die Sache zunächst am verkehrten Ende an. Statt das gesamte Wirtschaftsleben in Assoziationen zu umfassen, assoziiert man zunächst nur Produzierende. Dadurch verschärft man dasjenige, was ja in unserm Wirtschaftsleben das Chaos gebracht hat. Man mindert und mildert es nicht.

[ 37 ] You see, even what I am describing to you here as an associative principle in economic life appears to be something that, so to speak, wells up from the subconscious of human society today. On the one hand, we see the formation of cartels; on the other, the formation of trusts—though always one-sidedly among producers alone, while the connection between producers and consumers is handled one-sidedly by the agencies. To establish associations—by eliminating the agencies—that, with their vital interests, stand at the very heart of the relationship between consumption and production and act as mediators: this is what will ensure a fruitful future for economic life. Cartels ration profits; they ration consumption; they ration various other things. It is clear that, under the influence of the global economy, consolidation is necessary, but the issue is being tackled from the wrong end to begin with. Instead of encompassing the entire economic life within associations, only producers are being brought together at first. This exacerbates the very thing that has brought chaos to our economic life; it does not reduce or mitigate it.

[ 38 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, was ist es denn nun gerade, was einem, wenn man mit offenen Sinn unser Wirtschaftsleben betrachtet, so nahelegt, dass auch das Wirtschaftsleben als ein besonderes Glied des dreigegliederten sozialen Organismus abgegliedert werden muss von den übrigen beiden, wie ich für das geistige Glied bereits charakterisiert habe und für das andere Glied noch charakterisieren werde.,

[ 38 ] Well, ladies and gentlemen, what exactly is it that, when we observe our economic life with an open mind, leads us to conclude that economic life—as a distinct component of the threefold social organism—must be separated from the other two, just as I have already characterized the spiritual component and will yet characterize the other component?

[ 39 ] Ich werde eine ganz konkrete Tatsache des heutigen Wirtschaftslebens Ihnen charakterisieren, die für den, der heute als Routinier im Wirtschaftsleben steht, zwar zu spüren ist als wirtschaftliche Schwierigkeit, über die man sich aber nicht leicht eine Klarheit verschafft. Es ist die Tatsache: In unserer komplizierten sozialen Wesenheit, in der die Arbeitsteilung herrscht, in der die Menschen, jeder für den anderen, arbeiten, bezahlen wir Waren als Arbeitsprodukt; wir bezahlen in derselben Weise, wie wir Waren als Arbeitsprodukt bezahlen, auch menschliche Arbeit. Wir bezahlen beide sozusagen mit demselben Geld. Es kann einmal das Geld eine so und so große Kohlenmenge bedeuten, das andere Mal soundsoviel Arbeitskraft bedeuten. Nun stellen Sie sich vor, wenn jemand mit gemeinschaftlichem Maße messen wollte, Lämmer und Äpfel, Dinge, die einfach kein gemeinsames Maß haben, Dinge, die nichts gemeinsam haben. Menschliche Arbeitskraft als solche ist nicht vergleichbar mit einer Ware in agitativer Weise, in ganz falscher Weise lebt diese Sache in der Karl Marx’schen Agitation.

[ 39 ] I will describe to you a very concrete aspect of today’s economic life, which, for those who are now seasoned veterans of the business world, is certainly felt as an economic difficulty, but one that is not easily understood. The fact is: In our complex social structure, where the division of labor prevails and people work for one another, we pay for goods as products of labor; we pay for human labor in the same way that we pay for goods as products of labor. We pay for both, so to speak, with the same money. At one time, money may represent a certain amount of coal; at another time, it may represent a certain amount of labor. Now imagine if someone wanted to measure lambs and apples using a common standard—things that simply have no common measure, things that have nothing in common. Human labor power as such is not comparable to a commodity in an agitational sense; this idea is presented in a completely false way in Karl Marx’s agitation.

[ 40 ] Aber in jedem unbefangenen Menschensinn lebt wie der Quell einer Aufklärung darüber, dass wir in unserem Wirtschaftsleben zwei Dinge zusammengedrängt haben, die nun wirklich gar nicht irgendwie mit einem gemeinsamen Maßstabe messbar sind. Und auch da wirkt das moderne Leben durchaus schon so, dass es sozusagen unbewusst sich helfen will nach dem Richtigen hin. Einzelne Staaten haben versucht, die Arbeitszeit zu regeln, Arbeitsversicherungen einzurichten, Altersversicherungen und so weiter, kurz, durch ein besonderes rechtliches Staatssystem die Arbeit zu regeln, unabhängig von dem, was im Wirtschaftsleben selber drinnensteht. Denn im Wirtschaftsleben steht ja nur drinnen Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsumtion. Die Arbeit steht im Wirtschaftsleben nur in indirekter Weise drinnen.

[ 40 ] But in every unbiased human mind there is, as it were, a wellspring of insight into the fact that in our economic life we have crammed together two things that really cannot be measured by any common standard. And here, too, modern life is already acting in such a way that it seeks, unconsciously, so to speak, to steer itself toward what is right. Individual states have attempted to regulate working hours, establish workers’ compensation, pension plans, and so on—in short, to regulate labor through a specific legal system, independent of what economic life itself entails. For economic life, after all, consists solely of the production, circulation, and consumption of commodities. Labor is involved in economic life only indirectly.

[ 41 ] Im Grunde genommen ist die Sache ja so: Wir haben auf der einen Seite des Wirtschaftslebens die Natur. Wir können unmöglich aus bloßen wirtschaftlichen Untergründen — weil wir vielleicht als Konsortium nächstes Jahr notwendig haben, den Weizen zu dem oder jenem Preise zu verkaufen, wenn uns das oder jenes gelingen soll — diktieren, dass das nächste Jahr so und so viel Regen, soundsoviel Sonne da sei. Die Natur steht als etwas Gegebenes da. Wir haben sie hinzunehmen. Die menschliche Arbeit wollen wir direkt unter die wirtschaftlichen Gesichtspunkte bringen. Wir wollen aus den wirtschaftlichen Untergründen heraus die menschliche Arbeit regeln. Die Sozialdemokratie will es selber, will es gerade aus wirtschaftlichen Untergründen heraus. Sie stellt nichts anderes dar als die furchtbar vereinseitigte Fortsetzung desjenigen, was in das Chaos hineingeführt hat.

[ 41 ] Basically, the situation is this: On one side of economic life, we have nature. We cannot possibly dictate—based solely on economic considerations—that there should be a certain amount of rain or sunshine next year, simply because, as a consortium, we may need to sell wheat at a particular price next year if we are to succeed in our goals. Nature is a given. We must accept it. We want to subject human labor directly to economic considerations. We want to regulate human labor based on economic considerations. Social democracy wants this itself; it wants it precisely on the basis of economic considerations. It represents nothing other than the terribly one-sided continuation of what led us into chaos.

[ 42 ] Es handelt sich darum, einzusehen, dass Ware und menschliche Arbeitskraft keine vergleichbaren Werte sind, dass sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus verwaltet werden müssen. Die Natur brauchen wir nicht zu verwalten, sie lässt sich nicht verwalten; sie liegt unserm Wirtschaftsleben zugrunde, so wie sie dem Wirtschaftsleben der Vögel und dergleichen zugrunde liegt. Wir verwalten innerhalb des eigentlichen Wirtschaftslebens Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum, aber die modernen Verhältnisse haben dazu geführt, zu konfundieren mit demjenigen, was der vergleichsweise Wert oder Preis der Ware ist, dasjenige, was die Arbeit ganz so entlohnt — man nennt das entlohnen, in Wahrheit ist es bezahlen — wie man Waren bezahlt, während die Arbeit nach ganz anderen Gesichtspunkten geregelt werden muss.

[ 42 ] The point is to recognize that commodities and human labor power are not comparable values, and that they must be managed from two different perspectives. We do not need to manage nature; it cannot be managed. It underlies our economic life, just as it underlies the economic life of birds and the like. Within economic life itself, we manage commodity production, commodity circulation, and commodity consumption; but modern conditions have led to a confusion between what is the comparative value or price of a commodity and what remunerates labor in exactly the same way—we call it “remuneration,” but in truth it is “payment”—as we pay for commodities, whereas labor must be regulated according to entirely different principles.

[ 43 ] Denken Sie doch nur einmal, was aus der Unnatur der modernen Verhältnisse heraus alles entstanden ist; so zum Beispiel innerhalb der modernen proletarischen Theorie. Da sagen die Leute: Der Handarbeiter arbeitet das oder jenes, da verbraucht er organische Kraft, die wieder ersetzt werden muss; dafür muss er entlohnt werden. Es ist sogar der große Gegensatz konstruiert worden zwischen Hand- und Geistesarbeit. Die Geistesarbeit verbraucht weniger, weil sie Ideen liefert, die dann immer nachgemacht werden. Sie liefert nicht etwas, was in dieser Weise auf Verbrauch hin arbeitet. Alle diese Theorien sind entstanden, weil man Arbeit hineingestellt hat in den Prozess der Waren-Konsumtion, Warenzirkulation und Warenproduktion, weil man nicht den Strich gemacht hat zwischen dem eigentlichen Wirtschaftsleben und dem Staats- oder Rechts- oder politischen Leben. Damit haben wir die drei Glieder das sozialen Organismus, das geistige Glied, namentlich umfassend das wichtigste, öffentliche des geistigen Lebens: das Unterrichts- und Erziehungswesen; das staatlich-politische Glied, in dem zum Beispiel zu regeln ist die Arbeit.

[ 43 ] Just think for a moment about everything that has arisen from the unnaturalness of modern conditions; for example, within modern proletarian theory. People say: The manual laborer does this or that, expending organic energy that must be replenished; for this, he must be compensated. A major contrast has even been constructed between manual and intellectual labor. Mental labor consumes less because it produces ideas that are then constantly reproduced. It does not produce something that is consumed in this way. All these theories have arisen because labor has been incorporated into the process of commodity consumption, commodity circulation, and commodity production—because no distinction has been drawn between actual economic life and state, legal, or political life. This brings us to the three components of the social organism: the intellectual component—which, in particular, encompasses the most important, public aspect of intellectual life: the system of education and instruction; the state-political component, in which, for example, labor is to be regulated.

[ 44 ] Wie kommt derjenige zurecht, der nun dasjenige, was ich im Beginne meines Vortrages ausgeführt habe, ganz ernst und ehrlich nimmt: das Bewusstsein, die moderne Menschheit muss der Demokratie entgegengehen? Nur der kann die Demokratie ernst und ehrlich nehmen, der dasjenige aus dem Demokratischen hinweglässt, was sich nicht demokratisieren lässt.

[ 44 ] How is one to cope with what I stated at the beginning of my lecture—namely, the realization that modern humanity must move toward democracy—if one takes it completely seriously and honestly? Only those who set aside those aspects of democracy that cannot be democratized can take democracy seriously and honestly.

[ 45 ] Es gibt ein weites umfassendes Gebiet menschlicher Angelegenheiten, in denen kompetent ist jeder mündig gewordene Mensch, das ist das Gebiet, in dem Majoritäten mit Recht herrschen. Das ist das Gebiet, wo man durch Parlamentarisieren etwas erreichen kann. Nichts erreichen kann man durch Parlamentarisieren auf dem Gebiete des Geisteslebens, wo nur fruchtbar sein kann die Entfaltung der Individualität des Einzelnen. Nichts erreichen kann man mit dem Parlamentarisieren, mit Majoritätsbeschlüssen auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens. Da müssen Assoziationen zustande kommen in der Weise, wie ich es geschildert habe, aus den verschiedensten Lebenszweigen heraus. Und diese Assoziationen, die gestalten sich zu einer ganz bestimmten Größe. Es bedarf nicht der Statistiken; die helfen nichts, die sind nur für das Verflossene, auf das Leben kommt es aber an, und dass das Leben erfasst werde von den Menschen, die in Assoziationen drinnenstehen, und durch die Assoziationen zunächst die Bedürfnisse erfassen, nicht die Bedürfnisse regeln. Das Wirtschaftsleben hat nichts zu tun mit Ethik, mit einer Kritik der Bedürfnisse, sondern lediglich mit dem Konstatieren, dass die Bedürfnisse da sind. Mit Kritik, mit der Regelung der Bedürfnisse hat das freie Geistesleben zu tun. Das Staatsleben hat es mit dem zu tun, wovon ich soeben gesprochen habe und von dem ich noch sprechen werde. In dem Wirtschaftsleben haben die Assoziationen es nur zu tun mit demjenigen, was lebt in Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum.

[ 45 ] There is a broad and comprehensive realm of human affairs in which every person who has come of age is competent; this is the realm in which majorities rightfully rule. This is the realm where one can achieve something through parliamentary processes. Nothing can be achieved through parliamentary processes in the realm of spiritual life, where only the unfolding of the individual’s uniqueness can bear fruit. Nothing can be achieved through parliamentary processes or majority decisions in the realm of economic life. There, associations must come into being in the manner I have described, emerging from the most diverse branches of life. And these associations take shape into a very specific entity. Statistics are not needed; they are of no help—they are only for the past, but what matters is life itself, and that life be grasped by the people who are part of these associations, and that through these associations they first grasp the needs, not regulate them. Economic life has nothing to do with ethics or with a critique of needs, but merely with the observation that needs exist. Critique and the regulation of needs are the concern of free spiritual life. Political life deals with what I have just spoken of and what I will speak of later. In economic life, associations are concerned only with that which is alive in the production, circulation, and consumption of goods.

[ 46 ] Wenn nun das Bedürfnis festgestellt ist, dann weiß man, wie viele Menschen sich produzierend mit gewissen Artikeln befassen müssen. Denn, befassen sich zu viele damit, so werden für das Bedürfnis die Produkte zu billig, befassen sich zu wenig Menschen damit, so werden die Produkte zu teuer. Man kommt da zu dem, was ich nennen möchte: Herausgestalten des Preises aus dem Leben der Assoziationen. Natürlich kann man da nur gewissermaßen wie eine Art Rechnungsangabe, wie eine Art allgemeiner Formel etwas nehmen. Aber es ist möglich, aus solchen Assoziationen heraus, indem man Verträge schließt dahingehend, dass so viele Menschen, als eben notwendig sind, an einem Artikel auf einem gewissen Gebiet sich betätigen können, zu etwas Fruchtbarem zu kommen. Man kann dadurch dahinkommen, dass erfüllt werde immer mehr und mehr dasjenige, was ich die «Urzelle des Wirtschaftslebens» nennen möchte. Sie wird Ihnen paradox vorkommen. Und doch, in ihren unterbewussten Tiefen strebt die Menschheit nach einer wirtschaftlichen Befriedigung im Sinne dieser wirtschaftlichen Urzelle: Jeder Mensch soll für sein Arbeitsprodukt — nicht für seine Arbeit, Arbeit gehört nicht ins Wirtschaftsleben — so viel bekommen, wie er für sich, seine Familie und alles andere, wofür er etwas zu leisten hat, braucht, um ein gleiches Produkt wiederum zu fabrizieren; also so viel er braucht für die Befriedigung seiner Bedürfnisse bis zur Verfertigung eines gleichen Produktes. Grob gesprochen: Wenn ich ein Paar Stiefel fabriziere, so muss ich für dieses Paar Stiefel so viel bekommen durch die Regelung des Wirtschaftslebens, dass ich ein neues Paar Stiefel machen kann, und während ich dieses neue Paar Stiefel mache, alles habe, was ich für mich, für meine Familie und sonstige Abgaben brauche.

[ 46 ] Once the need has been identified, one knows how many people must be engaged in the production of certain goods. For if too many people are engaged in it, the products will become too cheap relative to the need; if too few people are engaged in it, the products will become too expensive. This leads to what I would like to call: the formation of price out of the life of associations. Of course, one can only take this, to a certain extent, as a kind of calculation, a kind of general formula. But it is possible to achieve something fruitful out of such associations by entering into contracts that ensure just as many people as are necessary can be engaged in the production of a good in a certain field. Through this, we can arrive at a situation where what I would like to call the “primordial cell of economic life” is increasingly fulfilled. It will seem paradoxical to you. And yet, in its subconscious depths, humanity strives for economic satisfaction in the sense of this primordial economic cell: Every person should receive for the product of their labor—not for their labor itself, since labor does not belong in economic life—as much as they need for themselves, their family, and everything else for which they must provide, in order to produce an identical product again; that is, as much as they need to satisfy their needs until they can produce an identical product. Roughly speaking: If I manufacture a pair of boots, I must receive enough for that pair of boots through the regulation of economic life so that I can make a new pair of boots, and while I am making this new pair of boots, have everything I need for myself, my family, and other obligations.

[ 47 ] Ich sage nicht: Das soll durch irgendeine sozialistische Dogmatik festgelegt werden, sondern: Das Notwendige ist das assoziative Prinzip. Man fürchte nicht, dass man dadurch zu einer furchtbaren Bürokratie kommen werde. Die Bürokratie wird ja heute schon genügend besorgt in allen Ländern der Erde gerade aus anderen Verhältnissen heraus. Dasjenige, was ich hier als wirtschaftliches Assoziationswesen meine, das wird sich einrichten lassen neben der Arbeit, durch die Arbeit hindurch. Und da wirtschaftliche Gebiete, wirtschaftliche Assoziationen, wenn sie zu groß werden, unübersichtlich werden, wenn sie zu klein sind, zu teuer arbeiten, so hat die wirtschaftliche Organisation je nach den klimatischen und sonstigen Verhältnissen, auch nach den Charakteren der Menschen und so weiter eine bestimmte Größe.

[ 47 ] I am not saying that this should be determined by some kind of socialist dogma, but rather that the associative principle is essential. Let us not fear that this will lead to a terrible bureaucracy. Bureaucracy is already a sufficient concern today in every country on earth, arising precisely from other circumstances. What I mean here by an economic system of association can be established alongside work, through work itself. And since economic regions and economic associations become unmanageable when they grow too large and operate at too high a cost when they are too small, the economic organization must have a certain size depending on climatic and other conditions, as well as on the character of the people and so on.

[ 48 ] Die Assoziationen assoziieren sich weiter. Das gibt dann erst die Grundlage für eine große Weltassoziation, für den großen Weltwirtschaftsbund, der nur aus Wirtschaftlichem, aus einem vom Geistesleben und vom Staatsleben unabhängigen Wirtschaftsleben herausgeschaffen werden kann. Gewiss, in dieses Wirtschaftsleben spielt die Arbeit hinein, aber Arbeit muss man auf der anderen Seite dem Gebiete des politisch-rechtlichen Staates überlassen. Über das Maß von Arbeit zu sprechen, da ist ein jeder Mensch kompetent, der mündig geworden ist, im Verein mit anderen Menschen.

[ 48 ] Associations continue to form. This, in turn, provides the foundation for a great global association—for the great global economic federation—which can be created solely on the basis of economic factors, out of an economic life independent of spiritual and political life. Certainly, labor plays a role in this economic life, but on the other hand, labor must be left to the realm of the political and legal state. When it comes to determining the extent of labor, every person who has reached the age of majority is competent to do so in association with others.

[ 49 ] Meine verehrten Anwesenden, ich habe vorhin über das unglückselige Experimentierland Österreich gesprochen, in dem ich dreißig Jahre zugebracht habe. Da hat man sehen können, wie das moderne parlamentarische Leben heraufgekommen ist. Da hat man sehen können, was es heißt, wirtschaftliche Interessen in das politische Leben hineinzutragen. Als auch in Österreich in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts das parlamentarische Leben geschaffen werden sollte, da setzte man das Parlament zusammen aus vier Kurien, der Kurie der Großgrundbesitzer, der Kurie der Handelskammer, der Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte, der Kurie der Landgemeinden — lediglich wirtschaftliche Gesichtspunkte! Vier Kurien, lediglich nach wirtschaftlichen Interessen zusammengestellt. Die sollten nun entscheiden über die rechtlich-politischen Verhältnisse. Nicht bloß etwa das geistig-nationale Leben, nein, die innere Unmöglichkeit hat in einem so schwer konstruierten, so schwer zusammengesetzten Lande wie Österreich schon Untergangskräfte geschaffen, die schon in den Siebziger-, Achtzigerjahren zu bemerken waren für denjenigen, der mit unbefangenem Sinn in Österreich lebte. Da konnte man studieren, wie notwendig es ist, das Wirtschaftsleben für sich zu halten, mit seinen eigenen Verwaltungsinstanzen, die da wurzeln in den Assoziationen aus den verschiedenen Berufsständen und aus den verschiedenen Branchen, überhaupt den verschiedenen Gebieten des Wirtschaftslebens, und zu haben außerdem das freie Geistesleben das allerdings hineinspielt ins Wirtschaftsleben. Wie es hineinspielt, das habe ich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» genau geschildert. Sie finden auch Angaben über die Einzelheiten in unserer Dreigliederungszeitung, die in Stuttgart erscheint, und auch in einer holländischen Zeitung für Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 49 ] Ladies and gentlemen, I spoke earlier about Austria, that unfortunate testing ground where I spent thirty years. There, one could see how modern parliamentary life emerged. There, one could see what it means to bring economic interests into political life. When parliamentary life was to be established in Austria in the 1860s, the parliament was composed of four curiae: the Curia of Large Landowners, the Curia of the Chamber of Commerce, the Curia of Cities, Markets, and Industrial Centers, and the Curia of Rural Communities—purely economic considerations! Four curiae, organized solely according to economic interests. These were now supposed to decide on legal and political matters. Not merely intellectual and national life, no—the inherent impossibility of such a complex, intricately structured country as Austria had already given rise to forces of decay that were already noticeable in the 1870s and 1880s to anyone living in Austria with an unbiased mind. There one could observe how necessary it is to keep economic life separate, with its own administrative bodies rooted in the associations of the various professions and industries—indeed, the various spheres of economic life—and to have, in addition, a free spiritual life that certainly influences economic life. I have described exactly how this interplay occurs in my “Key Points of the Social Question.” You can also find details in our Threefold Order newspaper, which is published in Stuttgart, as well as in a Dutch newspaper dedicated to the threefold social order.

[ 50 ] Geradeso, wie Sie sich unterrichten können über die Fruchtbarkeit des freien Geisteslebens in der von uns eingerichteten Freien Waldorfschule in Stuttgart, die Emil Molt errichtet hat, und die von mir geleitet wird, so können Sie von unsern wirtschaftlichen Grundsätzen, die allerdings im Anfang stehen, sich überzeugen, wenn Sie sich bekannt machen aus unsern Schriften mit etwas, was zum Beispiel in den ökonomischen Einrichtungen des «Futurum» in der Schweiz und des «Kommenden Tag» in Deutschland versucht wird. Man kann natürlich heute noch nicht viel assoziatives Leben gründen; die Tatsachen des äußeren Lebens, der heutigen sozialen Ordnung, gehen zu sehr wider dieses assoziative Leben, aber die Anfänge sollten doch dafür geschaffen werden. Dasjenige, was als Impuls gegeben wird für die Dreigliederung des sozialen Organismus soll durchaus bis in die Praxis des Lebens hineinarbeiten. Und so habe ich in meinem vorgenannten Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» auch gezeigt, wie das Kapital im Grunde genommen auch seinen Ursprung im Geistesleben hat, und daher auch in die individuelle Verwaltung des Menschen im Zusammengang mit dem Geistesleben, mit dem geistigen Gliede des sozialen Organismus, übergehen muss.

[ 50 ] Just as you can learn about the fruitfulness of a free spiritual life at the Free Waldorf School in Stuttgart that we established—a school founded by Emil Molt— and which I direct, so you can also gain an understanding of our economic principles—which are, admittedly, still in their infancy—by familiarizing yourself through our writings with what is being attempted, for example, in the economic institutions of the “Futurum” in Switzerland and the “Kommenden Tag” in Germany. Of course, it is not yet possible today to establish much associative life; the realities of external life and the current social order run too much counter to this associative life, but the foundations for it should nevertheless be laid. The impulse given for the threefold structure of the social organism must certainly work its way into the practical realities of life. And so, in my aforementioned book *The Key Points of the Social Question*, I have also shown how capital, in essence, has its origin in spiritual life as well, and must therefore also be transferred to the individual management of human beings in connection with spiritual life—that is, with the spiritual member of the social organism.

[ 51 ] Es hat Leute gegeben, Kritiker der Dreigliederung, die sagten: Ja, diese Dreigliederung reißt ja auseinander in drei Glieder, was eine Einheit ist. Nein, dadurch, dass diese drei Glieder im Sinne ihrer eigenen Wesenheit verwaltet werden, dadurch wird erst die wahre Einheit geschaffen. Durch das geistige Leben und durch die menschliche Individualität wird nach und nach die Zirkulation des Kapitals zustande kommen. Ich kann das hier nur kurz erwähnen, aber Sie können das Nähere in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» nachlesen. Es wird die Regelung der Arbeit dem Rechtsstaate unterliegen. In diesem Rechts- oder politischen Staate werden alle diejenigen Angelegenheiten geordnet werden, für die jeder mündig gewordene Mensch kompetent ist. Und gerade wer es ehrlich meint mit der Demokratie, der muss auf der einen Seite das Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, in denen nichts rein demokratisch geregelt werden kann, ausschalten; dann bleibt für den eigentlichen Staat ein weites Gebiet, welches alle gerade menschlichen Angelegenheiten umfasst; also diejenigen Angelegenheiten, wo der Mensch als Gleicher dem anderen Menschen gegenübersteht, diejenigen Angelegenheiten, in denen alle Menschen wirklich gleich sind.

[ 51 ] There have been people—critics of the threefold social order—who said: Yes, this threefold social order tears apart into three parts what is actually a unity. No, it is precisely by managing these three spheres in accordance with their own essential nature that true unity is created. Through spiritual life and human individuality, the circulation of capital will gradually come into being. I can only mention this briefly here, but you can read more details in my book *The Key Points of the Social Question*. The regulation of labor will be subject to the rule of law. In this legal or political state, all those matters for which every person who has come of age is competent will be regulated. And it is precisely those who are sincere about democracy who must, on the one hand, exclude intellectual life and, on the other hand, economic life—areas in which nothing can be regulated purely democratically; this leaves a broad sphere for the state proper, encompassing all truly human affairs—that is, those matters in which human beings stand as equals before one another, those matters in which all human beings are truly equal.

[ 52 ] Wahrhaftig aus Tiefen der Menschennatur ist dieser Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus geholt. Wegen der Verschiedenheit des Geisteslebens, des Staatslebens, des Wirtschaftslebens wird für alle drei Gebiete eine gesonderte Verwaltung verlangt, und weil der Mensch in allen drei Gebieten drinnensteht, wird die richtige Einheit, das rechte Zusammenwirken sich erst ergeben. Vom Geistesleben in das Wirtschaftsleben wirkt das vom Geiste verwaltete Kapital. Vom Staate herüber wirkt in das Wirtschaftsleben die von jedem Menschen — dem anderen als Gleicher gegenüberstehenden Menschen — geregelte Art, Maß und so weiter der Arbeit. Man wird diese Arbeit hinzunehmen haben, wie man die Natur hinnimmt im Wirtschaftsleben. Man wird sich sagen: Regen und Sonnenschein, ich kann sie nicht regeln. Ich muss das Wirtschaftsleben so hinnehmen, wie es unter diesen Voraussetzungen sich gestaltet. Ebenso muss ich auf dem Gebiete der Wirtschaftsverwaltung dasjenige hinnehmen, was als Arbeit geregelt ist. Und bei der Preisbildung durch die Assoziationen wird nur infrage kommen das Arbeitsprodukt, nicht die Arbeit als solche.

[ 52 ] This impulse for the threefold social order truly springs from the depths of human nature. Because of the distinct nature of spiritual life, political life, and economic life, separate administration is required for all three spheres; and because the human being is involved in all three, true unity and proper cooperation will only emerge as a result. Capital, managed by the spirit, influences economic life from the realm of spiritual life. From the realm of the state, the manner, measure, and so on of work—regulated by every human being as an equal facing another human being—influences economic life. One will have to accept this work just as one accepts nature in economic life. One will say to oneself: Rain and sunshine—I cannot control them. I must accept economic life as it takes shape under these conditions. Likewise, in the realm of economic administration, I must accept what is regulated as labor. And in the pricing process carried out by the associations, only the product of labor will be taken into account, not labor as such.

[ 53 ] Damit aber stehen wir gerade bei dem innigen Durchdringen der drei Glieder des sozialen Organismus. Und ein Wirtschaftsleben, das sich nicht irgendwie befasst mit allerlei Geistigkeiten, ein Staatsleben, das sich nicht befasst mit allerlei geistigen Programmen und dergleichen, sondern das sich nur befasst mit denjenigen Angelegenheiten, in denen alle Menschen als Gleiche kompetent sind, ein solches Wirtschaftsleben und ein solches Staatsleben, sie werden die schönste Befruchtung von dem freien Geistesleben erhalten. Es wird gerade ein energisches Zusammenwirken der drei Glieder stattfinden, wenn sie jedes in seiner Art verwaltet werden.

[ 53 ] This brings us precisely to the intimate interpenetration of the three members of the social organism. And an economic life that does not concern itself in any way with all manner of spiritual matters, a political life that does not concern itself with all manner of spiritual programs and the like, but rather concerns itself only with those matters in which all people are equally competent—such an economic life and such a political life will receive the most beautiful enrichment from the free spiritual life. A dynamic interplay among the three members will take place precisely when each is administered in its own way.

[ 54 ] Man hat mir auch gesagt, ich wolle eine alte platonische Idee von Lehrstand, Wehrstand, Nährstand wiederum aufbringen. Nein, nicht irgendwelche Stände sollen konstituiert werden, sondern dasjenige, was äußerliche Verwaltung ist, das soll konstituiert werden, indem die Menschen zu einem freien Urteil geführt werden auf diesen drei Gebieten. Nicht dogmatisch soll eine Utopie hingestellt werden. Nicht aus Hirngespinsten heraus soll gesagt werden, wie die Einrichtungen sein sollen. Sondern hingewiesen soll werden darauf, wie die Menschen sich gliedern müssen im sozialen Organismus, damit sie durch ihr Zusammenwirken dasjenige finden, was die fortdauernde Lösung der sozialen Frage ist, und damit auch die Gestaltung des Wirtschaftslebens, die im Grunde genommen unter fortwährender reger Teilnahme der kompetenten Assoziationen stattfinden muss, wie ja auch der menschliche Organismus jeden Tag aufs Neue durch Nahrung erhalten werden muss.

[ 54 ] I have also been told that I am attempting to revive an old Platonic idea of the teaching class, the military class, and the productive class. No, it is not a matter of establishing just any estates; rather, what constitutes external administration is to be established by guiding people toward free judgment in these three areas. A utopia should not be presented dogmatically. How institutions should be structured should not be determined by fanciful notions. Rather, the aim is to point out how people must organize themselves within the social organism so that, through their cooperation, they may find the enduring solution to the social question—and so that the structuring of economic life, which must fundamentally take place with the continuous, active participation of competent associations, may be achieved—just as the human organism must be sustained anew every day through nourishment.

[ 55 ] Und so können wir sagen: Drei Gebiete treten uns entgegen im gesamten sozialen Organismus; drei Gebiete, die jedes aus seinem eigenen Wesen heraus die eigene Verwaltung fordern. Freiheit soll herrschen im Geistesleben; Gleichheit soll herrschen im demokratischen Staatsleben, wo nur dasjenige verwaltet wird aus der Majorität heraus, was wirklich durch Majorität entschieden werden kann, weil jeder Mensch dafür kompetent ist. Und Brüderlichkeit kann gerade in einem Wirtschaftsleben sich entwickeln, das in der charakterisierten Weise auf das assoziative Prinzip aufgebaut ist. Diese drei großen Devisen der menschlichen Entwicklung, sie tönen uns herüber aus dem achtzehnten Jahrhundert. Und welches Menschenherz schlüge nicht höher, wenn es mit tiefen Verständnis diese drei Devisen der Menschheitsentwicklung auf sich wirken lässt. Aber gescheite Leute im neunzehnten Jahrhundert haben immer wieder und wiederum betont, dass im Einheitsstaate diese drei hohen Ideale sich widersprechen. Und sie haben recht gehabt. Die Lösung dieses Rätsels ist die, dass die Menschen zwar aus einer inneren Ahnung heraus geltend gemacht haben die drei größten Ideale des sozialen Lebens, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, dass sie aber bis jetzt noch gestanden haben unter der Suggestion des Einheitsstaates, dass erst die Dreigliederung des sozialen Organismus diese drei Ideale verwirklichen kann, nämlich: Freiheit im geistigen Gebiet, Gleichheit im staatlich-politischen Gebiet, Brüderlichkeit im assoziativ gestalteten Wirtschaftsgebiet.

[ 55 ] And so we can say: Three spheres confront us within the entire social organism; three spheres, each of which, by its very nature, demands its own form of governance. Freedom should reign in spiritual life; equality should reign in democratic political life, where only those matters are administered by the majority that can truly be decided by a majority, because every person is competent to do so. And brotherhood can develop precisely in an economic life that is built upon the associative principle in the manner described. These three great mottos of human development echo to us from the eighteenth century. And what human heart would not beat faster when it allows these three mottos of human development to take effect upon itself with deep understanding? But wise people in the nineteenth century emphasized time and again that, within a unitary state, these three lofty ideals contradict one another. And they were right. The solution to this puzzle is that, although people have asserted—out of an inner intuition—the three greatest ideals of social life—freedom, equality, and brotherhood—they have until now remained under the influence of the unitary state, believing that only the threefold social order can realize these three ideals, namely: freedom in the spiritual sphere, equality in the political-state sphere, and brotherhood in the associatively organized economic sphere.

[ 56 ] Und indem ich heute das Wirtschaftsleben charakterisieren wollte, musste ich zeigen, wie es sich aufbauen kann als Grundlage für ein freies Geistesleben und für die wahre, staatliche Demokratie, nach der die neuere Menschheit strebt. Aber diese zwei Gebiete stehen im innigen Einklang mit dem Wirtschaftsleben. Denn ein solches Wirtschaftsleben ist dasjenige, was allein allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein geben kann; welches auf der Grundlage der wirtschaftsbildenden Gesetze selber aufgebaut ist, welches seine befruchtenden Kräfte aus einem selbstständigen, realen staatlich-rechtlichen Leben zieht und seine Verwaltungswurzeln aus dem freien Geistesleben zieht. Darum kann man sagen: Ein Wirtschaftsleben der Zukunft ist nur denkbar als beigesellt einem selbstständigen Rechtsleben und einem schöpferischen, aus den Menschenseelen heraus wirkenden freien Geistesleben.

[ 56 ] And in seeking to characterize economic life today, I had to show how it can be structured as the foundation for a free spiritual life and for the true, state-based democracy to which modern humanity aspires. But these two spheres are in intimate harmony with economic life. For such an economic life is the only one that can provide all people with a dignified existence; one that is built upon the very laws that shape the economy, that draws its creative forces from an independent, real life governed by state law, and that draws its administrative roots from a free spiritual life. Therefore, one can say: An economic life of the future is conceivable only when accompanied by an independent legal life and a creative, free spiritual life that springs from the human soul.

[ 57 ] Fragenbeantwortung

[ 57 ] Q&A

[ 58 ] Frage: Sie haben uns nicht gesagt, wie die Assoziationen entstehen sollen. Schweben diese Assoziationen in der Luft? Woher kommen sie? Denken Sie, dass die heutigen Arbeiterorganisationen oder dass die bestehenden Konsumvereine durch ihre Fortbildung, durch ihren Ausbau zu Assoziationen werden können, oder sind die Assoziationen nur utopistisch? Basieren sie auf etwas historisch Entstandenem oder wollen Sie etwas errichten, etwas machen, etwas schaffen? Sie haben von Utopien so oft geredet.

[ 58 ] Question: You haven’t told us how these associations are supposed to come into being. Do these associations just float in the air? Where do they come from? Do you think that today’s workers’ organizations or existing consumer cooperatives can, through their further development and expansion, become associations, or are these associations merely utopian? Are they based on something that has historically emerged, or do you want to build something, do something, create something? You have spoken so often of utopias.

[ 59 ] Rudolf Steiner: Wenn ich von Utopien spreche, so meine ich etwas, was zum Beispiel zutage getreten ist bei Proudhon, bei Blanc, Saint Simon, [Bakunin], in gewisser Beziehung auch bei Karl Marx. Da finden Sie Utopien, Gedankengebäude über eine soziale Ordnung der Zukunft. Die marxistische Utopie hat vor den andern nur das voraus, dass sie appelliert an eine bestimmte Klasse, die Instinkte einer bestimmten Klasse trifft, und daher etwas sehr Reales als Agitationsimpuls geworden ist. Aber gerade in der Gegenwart, wo diese Utopie die furchtbarsten Blüten treibt, indem sie Anspruch macht, real verwirklicht zu werden, sieht man ja das Utopistische an dieser Sache. Dieses Utopistische, man kann es sogar im höchsten Grade bei denjenigen sehen, die glauben, ganz auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen. Man braucht wahrhaftig nicht nach Russland zu gehen, um das Kultur- und Zivilisationsmörderische des Leninismus an Einzelheiten zu studieren. Man braucht sich nur bekannt zu machen mit demjenigen was im Kopfe Lenins lebt. Da werden allerlei Gesellschaftszustände geschildert, die dieser neue Zar verwirklichen will. Dann aber sagt Lenin: Mit alledem wird ja doch nicht dasjenige erreicht, was das eigentlich Menschenwürdige ist, sondern es wird etwas erreicht, was das Gegenwärtige zerstört. Dann geht das Gegenwärtige zugrunde, und mit ihm gehen die Menschen in die Dekadenz; und dann wird eine neue Menschenrasse entstehen, die wird erst das menschenwürdige Dasein begründen. — Da haben wir bis ins Blut hinein etwas Utopistisches hingestellt. Dieses Utopistische beherrscht im Grunde genommen mehr, als man glaubt, die Köpfe und die Seelen der gegenwärtigen Menschen. Dasjenige, was ich Ihnen vorgetragen habe, ist durchaus nicht utopistisch gedacht, sondern es ist so gedacht, dass im Grunde genommen jeden Tag mit den entsprechenden Dingen begonnen worden kann.

[ 59 ] Rudolf Steiner: When I speak of utopias, I mean something that has come to light, for example, in the works of Proudhon, Blanc, Saint-Simon, [Bakunin], and, in a certain sense, also in those of Karl Marx. There you will find utopias—conceptual constructs regarding a future social order. The Marxist utopia has only one advantage over the others: it appeals to a specific class, strikes a chord with the instincts of a specific class, and has therefore become a very real impetus for agitation. But precisely in the present, when this utopia is bearing its most terrible fruits by claiming to be actually realized, one can see the utopian nature of this whole affair. This utopian aspect can even be seen to the highest degree among those who believe they are standing firmly on the ground of reality. One truly need not go to Russia to study in detail the ways in which Leninism destroys culture and civilization. One need only familiarize oneself with what lives in Lenin’s mind. There, all manner of social conditions are described that this new tsar intends to bring about. But then Lenin says: All of this will not, after all, achieve what is truly worthy of human dignity; rather, it will achieve something that destroys the present. Then the present will perish, and with it, humanity will descend into decadence; and then a new human race will emerge, which will finally establish an existence worthy of human dignity. — We have embedded something utopian right down to our very core. This utopian element fundamentally exerts more control over the minds and souls of people today than one might think. What I have presented to you is by no means conceived as utopian, but rather in such a way that, in essence, one can begin addressing the relevant issues every single day.

[ 60 ] Wenn ich gleich an dasjenige anknüpfe, was der Herr Vorredner gesagt hat: Wir haben Konsumgenossenschaften. Die Konsumgenossenschaften wirken nicht in dem Sinn, dass heute tatsächlich irgendwie beseitigt werden könnte die Inkommensurabilität zwischen Arbeit und Arbeitsprodukt und Waren, sondern sie arbeiten mitten in diesen Verhältnissen drinnen. Sie geben, wenn sie nicht Produktions-Konsumgenossenschaften sind, auch schließlich nur auf Regelung des Konsums hinaus, nicht wie die Assoziationen auf ein Zusammenwirken der Produzenten mit den Konsumenten. Aber ausgebaut werden kann das. Das ist keine Utopie, wenn man anknüpft an das, was schon da ist. Natürlich, man darf nicht die Idee haben, dass das schon eine Utopie ist, wenn man nur nicht das, was da ist, so lässt, wie es ist. Also dasjenige was da ist, das sind gewissermaßen die Elemente, die sich assoziieren. Ich rede nicht von Organisation.

[ 60 ] To follow up on what the previous speaker said: We have consumer cooperatives. Consumer cooperatives do not function in a way that would actually eliminate the disparity between labor, the product of labor, and goods today; rather, they operate right within these conditions. Unless they are production-consumer cooperatives, they ultimately amount to nothing more than the regulation of consumption—unlike associations, which aim for cooperation between producers and consumers. But this can be expanded upon. It is not a utopia if one builds on what already exists. Of course, one must not think that it is already a utopia simply by not leaving what exists as it is. So what exists are, in a sense, the elements that associate with one another. I am not talking about organization.

[ 61 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ich bin in Wirklichkeit Österreicher, habe aber die Hälfte meines Lebens in Deutschland zugebracht, dann in der Schweiz, aber ich komme aus Deutschland; trotzdem ich aber aus Deutschland komme, wirkt auf mich das Wort «Organisation» wirklich wie etwas Brennendes. Von Organisation verspreche ich mir gar nichts, denn die Organisation geht von einem Zentrum aus. Die Organisation wird geregelt von oben. Es ist in Wirklichkeit doch die besondere Liebe für die Organisation, die Deutschland so hergerichtet hat, wie es eben jetzt ist. Und wenn man heute noch nach Deutschland kommt, so findet man, dass die Organisationssucht noch furchtbar blüht, auch wenn man glaubt, man sei hinausgewachsen über diese Organisationen. Wie das rote Tuch auf den Stier — womit ich nicht behaupten will, dass ich ein Stier bin — wirkt auf mich, was in Deutschland Organisation benannt wird. Assoziieren ist etwas anderes als Organisieren. Da gliedern sich zusammen die Besten, die Tüchtigsten, nicht diejenigen, die oben stehen im Zentrum und die organisieren wollen.

[ 61 ] Ladies and gentlemen, I am actually Austrian, but I have spent half my life in Germany, then in Switzerland; yet I come from Germany. Even though I come from Germany, the word “organization” really strikes me as something burning. I expect absolutely nothing from organization, for organization emanates from a central point. Organization is regulated from above. In reality, it is precisely this special love for organization that has shaped Germany into what it is today. And if one visits Germany today, one finds that this obsession with organization is still flourishing terribly, even when people believe they have outgrown these organizations. What is called “organization” in Germany has the same effect on me as a red cloth on a bull—not that I’m claiming to be a bull. Associating is different from organizing. It is the best and most capable who come together, not those at the top in the center who want to organize.

[ 62 ] Gerade für dieses Organisieren kann ein Beispiel gegeben werden an Deutschland. Ein deutscher Professor hat jetzt ein Buch geschrieben über die Preisbildung während des Weltkrieges. Da hat er auf Grundlage von außerordentlich gründlich zusammengestelltem Material festgestellt, was eingetreten ist dadurch, dass man vom Staate aus ins Wirtschaftsleben durch die Preisorganisation eingegriffen hat. Er bringt vier Sätze in richtiger Konsequenz, die würdig sind in einem wissenschaftlichen Buche — der Methodik nach — zu stehen: Erstens: Man habe nirgends bei den Preisbildungsbehörden gewusst, auf was es ankommt. Zweitens: Man habe die Preise überall so geregelt, dass man das Gegenteil von dem erreicht hat, was man eigentlich geglaubt hat, dass erreicht werde. Drittens: Man hat dadurch, dass man die Preise geregelt hat, große Schichten der Bevölkerung in der furchtbarsten Weise getroffen. Viertens: Man förderte das Schiebertum auf Kosten des ehrlichen Gewerbes, des ehrlichen Handels. Das sind die wissenschaftlichen Ergebnisse, wozu der betreffende Nationalökonome gekommen ist. Dann setzt er hinzu: Ja, die Wissenschaft sagt das zwar über das Wirtschaftsleben, aber im sozialen Leben gibt es andere Interessen; da muss der Staat eben eingreifen, und da gilt dann das nicht mehr vor dem Staate, was als wirtschaftlich richtig selbst vom Nationalökonomen anerkannt wird.

[ 62 ] Germany serves as a particularly good example of this kind of organization. A German professor has recently written a book on price formation during World War I. Based on exceptionally thoroughly compiled material, he has determined what occurred as a result of the state’s intervention in economic life through price regulation. He presents four conclusions drawn with proper logical consistency, which are worthy of inclusion in a scholarly book—in terms of methodology: First, none of the price-setting authorities knew what really mattered. Second: Prices were regulated everywhere in such a way that the opposite of what was actually intended was achieved. Third: By regulating prices, large segments of the population were hit in the most terrible way. Fourth: Black-market profiteering was encouraged at the expense of honest business and honest trade. These are the scientific conclusions reached by the economist in question. He then adds: Yes, science may say this about economic life, but in social life there are other interests; there, the state must intervene, and what is recognized as economically correct—even by the economist himself—no longer applies in the face of the state.

[ 63 ] Nun, was ist gescheiter, wenn da der Nationalökonome steht und lamentiert, dass ihm der Staat seine richtigen, wissenschaftlichen Schlüsse durchkreuzt, oder wenn man sagt: Es muss eben das wirtschaftliche Leben so eingerichtet werden, dass man nicht nötig hat, auf dasjenige hinzuweisen, was eine richtige Preisbildung stört. Überall knüpft an an die natürlichen Verhältnisse dasjenige, was der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Aus der Tüchtigkeit des einzelnen Menschen, aus dem einzelnen Menschen, den einzelnen Menschengruppen muss dasjenige hervorgehen, was Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsumtion ist. Und diese Tüchtigkeit im Einzelnen, die assoziiert sich. Man weiß gar nicht anfangs, was sich da assoziiert, nicht organisiert; entsprechend der eigenen Tüchtigkeit ergibt sich dann erst dasjenige, was herauskommen soll.

[ 63 ] Well, which is wiser: for the economist to stand there and lament that the state is thwarting his correct, scientific conclusions, or to say: Economic life must simply be organized in such a way that there is no need to point out what disrupts proper price formation. Everywhere, what serves as the impetus for the threefold social order is linked to natural conditions. From the capabilities of the individual, from the individual and from individual groups of people, must emerge what constitutes the production, circulation, and consumption of goods. And these individual capabilities come together in association. At first, one has no idea what is coming together there—it is not organized; only then, in accordance with one’s own capacity, does what is to emerge actually come into being.

[ 64 ] So ist es auch im geistigen Leben, zum Beispiel, wenn Sie die Waldorfschule betrachten, die führt ein vollständig freies Geistesleben. Ich leite die Schule, habe aber nie etwas anderes getan, als den Einzelnen zu raten. Ich gehe in die Klassen, studiere psychologisch, wie die Entwicklung der Kinder ist, und bespreche dieses psychologische Studium wiederum ratend mit den Lehrern, die die Sache dann weiterzubringen versuchen. Wir haben in der Tat sogar schon durchaus neue Gesetze für die Kindheitsentwicklung in den verschiedenen Lebensaltern gefunden, zum Beispiel auch für das Zusammenleben der Kinder und so weiter. Aber wie wirkt diese Waldorfschule? Ja, sehen Sie, denken Sie sich, man hätte sich anfangs gefühlt so, wie ein Staatsbeamter oder Parlamentarier, dann hätte man sich mit anderen, die sich auch als Staatsbeamter oder Parlamentarier fühlen, zusammengesetzt und Programme gemacht. Die Programme werden sehr gescheit gemacht, denn in Bezug auf das Intellektuelle sind ja die Menschen furchtbar gescheit. Man kann die vollkommensten Programme aufstellen, aber sind sie auch auszuführen? Das haben wir nicht getan, sondern bei der Waldorfschule kommt es darauf an, dass wir unsere zweiundzwanzig Lehrer haben, und die Waldorfschule wird so, wie diese Lehrer tüchtig sind. Nichts ist verlogener, als wenn man ein Programm gibt, was doch nicht verfolgt werden kann, weil die Lehrer doch nur nach ihrer Tüchtigkeit und nicht nach Programmen wirken können. Aus der Tüchtigkeit heraus wird versucht zu wirken. Und so ist es auch im Wirtschaftsleben. Die Assoziationen werden gebildet nicht utopistisch, sondern durchaus fortarbeitend an dem, was schon da ist. Nur glaube ich: Wenn die Assoziationen sich bilden, werden auch die Individualitäten tüchtiger werden. Heute aber bauen wir auf dem auf, was da ist.

[ 64 ] The same is true in spiritual life; for example, if you look at the Waldorf school, it leads a completely free spiritual life. I lead the school, but I have never done anything other than offer advice to individuals. I visit the classrooms, study the children’s development from a psychological perspective, and then discuss these psychological findings—again, in an advisory capacity—with the teachers, who then try to put them into practice. In fact, we have even discovered entirely new principles regarding childhood development at various stages of life, including, for example, how children interact with one another and so on. But how does this Waldorf school actually work? Well, you see, imagine if, at the beginning, one had felt like a government official or a member of parliament; then one would have sat down with others who also felt like government officials or members of parliament and drawn up programs. The programs are very cleverly designed, because when it comes to intellectual matters, people are incredibly clever. You can draw up the most perfect programs, but can they actually be carried out? We didn’t do that; rather, at the Waldorf School, what matters is that we have our twenty-two teachers, and the Waldorf School becomes what it is based on how capable these teachers are. Nothing is more disingenuous than setting a program that cannot actually be followed, because teachers can only work according to their own capabilities and not according to programs. We strive to act based on our competence. And the same is true in economic life. Associations are formed not utopianly, but by building upon what already exists. I do believe, however, that as associations form, individualities will also become more competent. Today, however, we build upon what is already there.

[ 65 ] Vorsitzender der Studenten: Sie haben uns heute Abend einen Einblick gegeben in Ihre Auffassung des wirtschaftlichen Lebens. Es ist natürlich eine Unmöglichkeit, das ganze Problem zu überblicken, aber gewiss wird Ihr Vortrag für viele von uns eine Anregung sein, die Dreigliederung des sozialen Organismus näher zu betrachten. Und damit haben Sie ein wichtiges Ziel erreicht. Sie sind zu uns gekommen, trotzdem Sie mit Arbeit fast überlastet sind. Ich möchte Ihnen dafür im Namen der Versammlung Dank sagen. Es war ein sehr interessanter Abend.

[ 65 ] Chair of the Students: This evening you have given us insight into your view of economic life. Of course, it is impossible to grasp the entire problem, but your lecture will certainly inspire many of us to take a closer look at the threefold social order. And in doing so, you have achieved an important goal. You came to see us even though you are almost overwhelmed with work. I would like to thank you for that on behalf of the assembly. It was a very interesting evening.

[ 66 ] Rudolf Steiner: Sehr verehrter Herr Vorsitzender und alle diejenigen, die mitgewirkt haben für die heutige Einladung. Ich kann nur sagen, dass mir diese Einladung eine ganz besondere Befriedigung bereitet hat. Sie ging aus von der Studentenschaft. Und wem sollte mehr klar sein als demjenigen, der vor solchen Problemen steht, wie die sind, von denen ich gesprochen habe, dass wir heute für die Lösung dieser Fragen, die ja die nächsten Jahrzehnte in Anspruch nehmen werden — zunächst ja wohl die vorläufige Lösung — vor allen Dingen diejenigen brauchen, die heute innerhalb der Studentenschaft stehen.

[ 66 ] Rudolf Steiner: Dear Mr. Chairman and all those who helped make today’s invitation possible. I can only say that this invitation has given me a very special sense of satisfaction. It came from the student body. And who could be more aware than those who face the very problems I have spoken of that, in order to solve these issues—which will, after all, take the next few decades to resolve, though initially we will likely need only a provisional solution—we need, above all, those who are currently part of the student body.

[ 67 ] Ich bin lange darüber hinaus, aber ich gedenke heute oftmals an jene Zeiten, die wir anders durchlebten als Sie heute. Wir standen damals innerhalb von lauter geistigen, staatlichen und namentlich wirtschaftlichen Hoffnungen, und viele von diesen wirtschaftlichen Hoffnungen haben sich ja auch — und zwar nicht bloß da oder dort, sondern ganz im internationalen Leben — als Illusionen erwiesen. Das hat viele von dem ernsten Verfolgen der tiefsten Menschheitsfragen gerade abgebracht. Diejenigen, die heute in der Lage sind, ihre Studentenzeit durchzumachen, können sich kaum in derselben Weise Illusionen hingeben. Sie lernen an der großen Not, an der Krisenhaftigkeit des heutigen Lebens, dass Vertiefung notwendig ist. Deshalb erfüllt es einen mit einer innigen Befriedigung, gerade bei der Studentenschaft Interesse zu finden für Anregungen dieser Art. Denn mehr als Anregungen wollte ich auch nicht geben. Von diesem Gesichtspunkte aus, dass vielleicht, auch wenn ich nicht mehr dabei bin, auf Grundlage dieser Anregungen fortgearbeitet werde gerade von denjenigen, die heute jung sind, dass wenigstens, wenn auch nur ein ganz kleines, winziges Tröpfchen heute auch durch diese Einladung hat dazugetan werden können, von dem Gesichtspunkte aus danke ich Ihnen und dem ganzen Komitee herzlich für Ihre liebenswürdige Einladung.

[ 67 ] I’ve long since moved past that, but I often think back today to those times, which we experienced differently than you do today. Back then, we were filled with intellectual, political, and especially economic hopes, and many of those economic hopes have indeed—not just here and there, but throughout international life—proved to be illusions. This has deterred many from seriously pursuing the deepest questions of humanity. Those who are now in the position of going through their college years can hardly indulge in illusions in the same way. They are learning from the great hardship and the crisis-ridden nature of life today that deeper engagement is necessary. That is why it fills one with deep satisfaction to find interest in ideas of this kind, especially among the student body. For I did not intend to offer anything more than ideas. From this perspective—that perhaps, even when I am no longer here, work will continue on the basis of these ideas, particularly by those who are young today; that at least, even if only a very small, tiny drop has been added today through this invitation—from this perspective, I thank you and the entire committee warmly for your gracious invitation.

[ 68 ] Herman Sijbrand Hallo: Herr Dr. Steiner, Sie haben Ihren Dank ausgesprochen für die Einladung. Lassen Sie mich eine Angelegenheit jetzt hier vorbringen, lassen Sie mich dem Ausdruck geben, das soeben in mir aufgekommen ist. Die Sache ist ganz umgekehrt, das Gefühl des Dankes ist doch ganz auf meiner Seite. Denn Sie sind derjenige, dem es gelungen ist, mir wieder zu zeigen die Synthese von Kunst, Wissenschaft und Religion. Sie sind es ja, der mir, der ja doch in dem strengen Dienste von Wissenschaft und Technik steht und stehen will, Sie sind es, der mir wieder den wahren Weg gezeigt hat zum Menschheitsvorbild, zum Menschheitsideal, zum Christus, Das wahre Verständnis des Christentums, das wahre Verständnis für den Christus und seine Lehre, Ihnen verdanke ich es. Das möchte ich doch noch jetzt gesagt haben.

[ 68 ] Herman Sijbrand Hello: Dr. Steiner, you have expressed your thanks for the invitation. Let me raise a point here now; let me give voice to what has just come to mind. The situation is actually the exact opposite—it is I who am truly grateful. For you are the one who has succeeded in showing me once again the synthesis of art, science, and religion. It is you, after all, who—even though I am and wish to remain in the strict service of science and technology—have shown me once again the true path to the model of humanity, to the ideal of humanity, to Christ. The true understanding of Christianity, the true understanding of Christ and his teachings—I owe it all to you. I wanted to say that right now.

Es folgte eine nicht überlieferte Schlussrede von Herman Sijbrand Hallo an die Versammelten in holländischer Sprache.

This was followed by a closing address by Herman Sijbrand Hallo to those gathered, delivered in Dutch, the text of which has not been preserved.