Anthroposophical Spiritual Science
and the Big Questions of Contemporary Civilization
GA 80c
23 February 1921, The Hague
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The Big Questions of Contemporary Civilization, tr. SOL
4. Die Anthroposophische Geisteswissenschaft und die grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart
4. Anthroposophical Spiritual Science and the Major Civilizational Questions of Our Time
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer über ein solches Thema spricht, wie dasjenige ist des heutigen Abends und dasjenige, über das ich am 27. des Monats sprechen werde, der muss sich gerade gegenüber dem Geistesleben der Gegenwart bewusst sein, dass es zahlreiche Seelen heute gibt, welche sich nach einem neuen Einschlag, nach einer Auffrischung und Metamorphose wichtiger Teile unseres ganzen zivilisatorischen Lebens sehnen, heraus aus manchem, was heute deutlich das Kennzeichen an sich trägt, dass, wenn es fortgesetzt würde, die Menschheit in den Niedergang der Zivilisation geführt würde, heraus aus manchem, was zivilisatorische Strömung seit ein, zwei oder mehr Jahrhunderten ist. Das finden wir gerade bei denjenigen Seelen, die in der Gegenwart versuchen, am tiefsten in ihr eigenes Inneres hineinzublicken. Wir können sagen: Dasjenige, was über die übersinnlichen Welten zu sagen ist, es kann jederzeit zu jeder Menschenseele gesprochen werden. Es kann gesprochen werden, man möchte, um ein Extrem zu nennen, sagen, zu dem Einsiedler, der sich ganz von der Welt zurückgezogen hat und nur noch an seiner allernächsten Umgebung Interesse hat; es kann auch gesprochen werden zu Persönlichkeiten, die voll darinnenstehen im Leben. Denn dasjenige, um was es sich handelt, ist ja durchaus eine ganz allgemein menschliche Angelegenheit.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone speaking on a topic such as the one we are discussing this evening—and the one I will address on the 27th of this month—must be acutely aware, particularly in light of contemporary spiritual life, that there are numerous souls today who yearn for a new direction, a renewal, and a metamorphosis of important aspects of our entire civilizational life—away from many things that today clearly bear the mark of leading humanity into the decline of civilization if they were to continue, and away from many things that have been the prevailing currents of civilization for one, two, or more centuries. We find this precisely in those souls who, in the present, are attempting to look deepest into their own innermost being. We can say: What can be said about the supersensible worlds can be addressed to every human soul at any time. It can be addressed—to give an extreme example—to the hermit who has withdrawn completely from the world and is interested only in his immediate surroundings; it can also be addressed to individuals who are fully immersed in life. For what is at stake here is, after all, a matter of universal human concern.
[ 2 ] Aber nicht von diesen Gesichtspunkten aus allein, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte ich zu Ihnen heute und am 27. sprechen, sondern ich möchte zu Ihnen sprechen von jenem Gesichtspunkte aus, der sich ergibt, wenn man die hauptsächlichsten zivilisatorischen Fragen der Gegenwart auf seine Seele wirken lässt. Und da finden gerade führende Seelen manches, was sie im tiefsten Innern erschüttert, was sie im tiefsten Innern zur Sehnsucht nach einer Erneuerung gewisser Partien des Geisteslebens treibt.
[ 2 ] But it is not solely from these perspectives, my esteemed audience, that I wish to speak to you today and on the 27th; rather, I wish to speak to you from the perspective that arises when one allows the most fundamental questions of contemporary civilization to take root in one’s soul. And it is precisely there that leading minds find much that shakes them to their very core, driving them deep within to yearn for a renewal of certain aspects of spiritual life.
[ 3 ] Wenn wir dasjenige überblicken, worin wir als in dem geistigen Leben der Gegenwart stehen, so können wir es zurückführen auf zwei Hauptfragen, möchte ich sagen. Die eine leuchtet von dem wissenschaftlichen Leben her, von jener Gestalt des wissenschaftlichen Lebens, die innerhalb der zivilisierten Welt seit drei bis vier Jahrhunderten zu verzeichnen ist. Die andere dieser Fragen leuchtet her unmittelbar von der Lebenspraxis, aber auch von jener Lebenspraxis, die von der neueren Wissenschaft ihre tiefsten Einflüsse erfahren hat.
[ 3 ] When we take stock of where we stand in the spiritual life of the present, we can trace it back to two main questions, I would say. One of these issues arises from scientific life—specifically, the form of scientific life that has been evident in the civilized world for the past three to four centuries. The other issue arises directly from practical life, but also from that practical life which has been profoundly influenced by modern science.
[ 4 ] Sehen wir uns zuerst dasjenige an, was die neuere Wissenschaft heraufgebracht hat. Ich möchte, gerade um nicht missverstanden zu werden, sagen, dass dasjenige, was ich hier vertrete als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, durchaus in keinen Gegensatz gebracht werden sollte zu demjenigen, was moderner Wissenschaftsgeist ist. Die großen Triumphe und die bedeutsamen Ergebnisse dieser modernen Wissenschaftlichkeit, sie sollen gerade von der hier gemeinten Geisteswissenschaft ganz voll anerkannt werden. Allein gerade aus dem Grunde, weil diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mit unbefangener Seele eindringen will in den Geist dieser Wissenschaft, muss sie über dasjenige hinausgehen, was heute von diesem Wissenschaftsgeiste aus Gegenstand einer allgemeinen Menschheitsbildung geworden ist. Über vieles in der menschlichen Umgebung gibt diese Wissenschaft in ihren speziellen Disziplinen eine genaue, eine gewissenhafte Auskunft. Wenn aber dann die Menschenseele nach ihren höchsten Angelegenheiten frägt, nach demjenigen, was ihre tiefste, ihre ewige Bestimmung ist — sie kann innerhalb dieses Wissenschaftsgeistes eine Auskunft doch nicht erhalten, gerade dann nicht erhalten, wenn sie ganz ehrlich und ganz unbefangen mit sich zurate geht. Und daher finden wir heute zahlreiche Seelen, welche aus mehr oder weniger religiösen Bedürfnissen heraus sich sehnen nach einer Erneuerung alter Weltanschauungen.
[ 4 ] Let us first look at what modern science has brought to light. I would like to say—precisely so as not to be misunderstood—that what I am presenting here as an anthroposophically oriented spiritual science should in no way be set in opposition to the spirit of modern science. The great triumphs and significant achievements of this modern scientific approach should be fully acknowledged by the spiritual science I am referring to here. Yet precisely because this anthroposophically oriented spiritual science seeks to penetrate the spirit of this science with an open mind, it must go beyond what has today become the subject of general human education through this scientific spirit. In its various disciplines, this science provides precise and conscientious information about many aspects of the human environment. But when the human soul inquires about its highest concerns—about what its deepest, eternal destiny is—it cannot find an answer within this scientific spirit, especially not when it consults within itself with complete honesty and impartiality. And that is why we find today numerous souls who, driven by more or less religious needs, yearn for a renewal of old worldviews.
[ 5 ] Dasjenige, was äußere Wissenschaft ist, insbesondere anthropologische Wissenschaft, die macht ja heute schon in einer gewissen Weise darauf aufmerksam, wie unsere Vorfahren vor Jahrhunderten das nicht gekannt haben, was heute die Menschenseelen zerspaltet und zerklüftet: eine gewisse Disharmonie zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und religiöser Empfindung, religiöser Sehnsucht. Wenn man zurückblickt in alte Zeiten, es waren dieselben Menschheitsträger, welche eine allerdings uns heute kindlich erscheinende Wissenschaft, aber eben nur kindlich erscheinende Wissenschaft pflegten, und welche aus dieser Wissenschaft heraus zu gleicher Zeit den religiösen Geist in der Menschheit anfachten. Einen Zwiespalt zwischen diesen zwei Geistesströmungen gab es nicht.
[ 5 ] What is known as external science—in particular, anthropological science—already draws our attention in a certain way to how our ancestors centuries ago were unaware of what today divides and fractures the human soul: a certain disharmony between scientific knowledge and religious feeling, religious longing. If we look back to ancient times, it was the very same bearers of humanity who cultivated a form of science that certainly seems childlike to us today—but is only childlike in appearance—and who, at the same time, kindled the religious spirit in humanity through this very science. There was no conflict between these two spiritual currents.
[ 6 ] Nach so etwas sehnen sich zahlreiche Seelen heute zurück. Allein man kann doch nicht sagen, dass eine Erneuerung, sei es alter chaldäischer Weisheit, alter ägyptischer, alter indischer oder sonstiger Weisheitslehren, dem heutigen Zeitalter einen besonderen Segen bringen würde. Wer das glaubt, der verstünde nicht im rechten Sinn den eigentlichen Geist der Menschheitsentwicklung. Die Menschheitsentwicklung ist durchaus so, dass jedem Zeitalter ein besonderer Charakter eigen ist, dass in jedem Zeitalter die Menschenseelen von etwas anderem befriedigt sein wollen. Und dasjenige, was wir einfach dadurch, dass wir im 20. Jahrhundert stehen, unsere Erziehung aus dem 20. Jahrhundert herausbekommen haben, für unsere Seelen bedürfen, es muss etwas anderes sein als dasjenige, was die Menschen einer grauen Vergangenheit für ihre Seelen gebraucht haben. Daher kann der Gegenwart nicht frommen eine Erneuerung alter Weltanschauungen. Aber orientieren kann man sich an demjenigen, was alte Weltanschauungen waren. Man wird dann sehen, woraus eigentlich die Befriedigungen, welche die Menschenseelen innerhalb jener alten Weltanschauungen gehabt haben, geflossen sind. Da muss man sagen: Diese Befriedigung floss den Menschenseelen dazumal daraus, dass sie im Grunde genommen ein ganz anderes Verhältnis zur wissenschaftlichen Erkenntnis hatten, als wir es heute haben.
[ 6 ] Many souls today long for something like this. Yet one cannot say that a revival—be it of ancient Chaldean wisdom, ancient Egyptian wisdom, ancient Indian wisdom, or any other wisdom teachings—would bring a special blessing to the present age. Anyone who believes this does not truly understand the actual spirit of human development. Human development is such that every age has its own distinct character, and that in every age, human souls seek fulfillment in something different. And what we need for our souls—simply by virtue of living in the 20th century and having received our education within the context of the 20th century—must be something different from what people of a distant past needed for their souls. Therefore, a revival of ancient worldviews cannot serve the present. But one can take as a guide what those old worldviews actually were. One will then see from what the satisfactions that human souls derived within those old worldviews actually sprang. Here one must say: This satisfaction sprang for human souls at that time from the fact that, fundamentally, they had a completely different relationship to scientific knowledge than we have today.
[ 7 ] Auf eine Erscheinung, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte ich hinweisen. Weist man heute auf sie hin, so wird man ja sehr leicht der Paradoxie, der Phantastik geziehen, Allein man muss schon vieles sagen, was vielleicht noch vor wenigen Jahren zu sagen gegenüber der allgemeinen Bildung höchst gefährlich gewesen wäre. Denn die letzten katastrophalen Jahre haben doch immerhin einen Umschwung des Gedanken- und Empfindungslebens gebracht. Und besser als noch vor zehn Jahren sind heute schon die Seelen vorbereitet darauf, dass die tiefsten Wahrheiten dennoch zunächst vor den Denkgewohnheiten, vor den Empfindungsgewohnheiten einen paradoxen, einen phantastischen Charakter tragen können.
[ 7 ] I would like to draw your attention, ladies and gentlemen, to a certain phenomenon. If one points this out today, one is very easily accused of paradox or fantasy. Yet there are many things that must be said now that, perhaps just a few years ago, would have been highly dangerous to say given the general state of education. For the recent catastrophic years have, after all, brought about a shift in the life of thought and feeling. And today, more so than ten years ago, people’s minds are already prepared for the fact that the deepest truths may, at first, appear paradoxical or fantastical in light of our habitual ways of thinking and feeling.
[ 8 ] Von etwas hat man in alten Zeiten gesprochen, das heute gerade gegenüber der wissenschaftlichen Erkenntnis kaum schon infrage kommt, von dem man aber wiederum sprechen wird, wahrscheinlich auch innerhalb der allgemeinen Bildung, in verhältnismäßig recht kurzer Zeit: von dem Hüter der Schwelle, von der Schwelle aus der gewöhnlichen Welt, in der wir im alltäglichen Leben stehen, in der wir mit der gewöhnlichen Wissenschaft stehen, zu jener höheren Welt hin, in welcher der Mensch erkennen kann, wie er selbst mit seiner übersinnlichen, inneren Wesenheit einer übersinnlichen Welt angehört. Zwischen diesen zwei Welten, der Welt, die der Mensch mit seinen Sinnen wahrnimmt, deren Tatsachen er mit seinem Verstande kombinieren kann zu Naturgesetzen, und derjenigen Welt, der der Mensch mit seiner eigentlichen Wesenheit angehört, sah man in jenen alten Zeiten einen Abgrund. Über diesen Abgrund musste man erst hinüberkommen. Nur diejenigen durften innerhalb der alten Zivilisationen diesen Abgrund überschreiten, welche von den Leitern der damaligen Erziehungsanstalten, die wir heute Mysterien nennen, in einer intensiven Weise dazu vorbereitet waren. Heute haben wir andere Ansichten über das Vorbereiten zur Wissenschaft und zu einem Leben in der Wissenschaftlichkeit. In jenen alten Zeiten sagte man sich: Ein unvorbereiteter Mensch darf die höheren Erkenntnisse über das Wesen des Menschen überhaupt nicht empfangen. Warum sagten sie dieses?
[ 8 ] In ancient times, people spoke of something that today, in light of scientific knowledge, is hardly even considered a possibility, but which will likely be discussed again, probably even within general education, in a relatively short time: the Guardian of the Threshold—the threshold leading from the ordinary world in which we live our daily lives and engage with conventional science, to that higher world in which human beings can recognize how they themselves, through their supersensible, inner being, belong to a supersensible world. Between these two worlds—the world that human beings perceive with their senses, whose facts they can combine with their intellect to form natural laws, and the world to which human beings belong with their very essence—people in those ancient times saw an abyss. One first had to cross this abyss. Within the ancient civilizations, only those who had been intensively prepared for this by the leaders of the educational institutions of that time—which we now call mysteries—were permitted to cross this abyss. Today we have different views on preparation for science and for a life dedicated to scientific inquiry. In those ancient times, it was said: An unprepared person must not receive the higher insights into the nature of the human being at all. Why did they say this?
[ 9 ] Warum dies so war, sieht nur derjenige ein, der über die gewöhnliche Geschichtserkenntnis hinaus sich eine Anschauung verschafft über dasjenige, was die Menschenseele im Laufe der Menschheitsentwicklung durchgemacht hat. Man hat ja im Grunde genommen heute nur eine Geschichtserkenntnis über die Äußerlichkeiten der Menschheitsentwicklung. Man sieht nicht hin auf die Seelenverfassung. Man sieht zum Beispiel nicht auf die Seelenverfassung der Menschen, die gestanden haben in jener uralten orientalischen Weisheit, von der heute nur noch dekadente Formen drüben im Oriente leben. Man hat im Grunde genommen gar keine Vorstellung davon, wie anders die Seelen dazumal in der Welt gestanden haben. Die Menschen sahen dazumal, geradeso wie wir, mit ihren Sinnen die sie umgebende Natur; sie kombinierten in einer gewissen Weise auch dasjenige, was sie von der Natur sahen, mit ihrem Verstande. Allein sie fühlten sich nicht so getrennt von der sie umgebenden Natur, wie sich die Menschen heute fühlen. Sie fühlten in sich ein Geistig-Seelisches. Sie fühlten diese menschliche Leibesorganisation erfüllt von einem Geistig-Seelischen. Aber sie fühlten ein Geistig-Seelisches auch in Blitz und Donner, in den dahinziehenden Wolken, im Mineral, in der Pflanze, im Tier. Sie fühlten dasjenige, was sie innerhalb ihrer selbst vermuteten, auch draußen in der Natur, im ganzen Weltenall. Geistig-seelisch durchdrungen war ihnen das ganze Weltenall.
[ 9 ] Only those who, going beyond the usual understanding of history, gain insight into what the human soul has undergone in the course of human development can understand why this was so. After all, today’s understanding of history is, in essence, limited to the outward aspects of human development. People do not look at the state of the soul. For example, they do not look at the state of the souls of the people who were rooted in that ancient Eastern wisdom, of which only decadent forms survive today in the East. In essence, people have no idea at all how differently souls were situated in the world back then. People back then, just like us, perceived the nature surrounding them with their senses; in a certain way, they also combined what they saw of nature with their intellect. Yet they did not feel as separated from the nature surrounding them as people do today. They sensed a spiritual-soul aspect within themselves. They felt that this human physical organization was filled with a spiritual-soul aspect. But they also sensed a spiritual-soul aspect in lightning and thunder, in the passing clouds, in minerals, in plants, and in animals. They sensed what they suspected existed within themselves also outside in nature, throughout the entire universe. To them, the entire universe was permeated by the spiritual-soul aspect.
[ 10 ] Dafür hatten sie etwas anderes nicht, was wir Menschen der heutigen Zeit innerhalb unserer Seelenverfassung haben: Sie hatten nicht ein so ausgesprochenes, intensives Selbstbewusstsein, wie wir es haben. Ihr Selbstbewusstsein war dumpfer, träumerischer als unser heutiges. Selbst noch innerhalb der griechischen Zeit war das der Fall. Man versteht eigentlich nur höchstens die spätere griechische Kultur, wenn man die Seelen der Menschen innerhalb der Griechenzeit sich in derselben Verfassung denkt, wie unsere Seelen sie haben. In der früheren griechischen Kultur kann gar nicht die Rede sein von einer solchen Seelenverfassung, wie es die unsrige ist. Da war durchaus noch ein dumpfes Fühlen des Menschen innerhalb der Natur. Ich möchte sagen: Wie wenn mein Finger ein Bewusstsein hätte und wie er sich dann eins fühlen würde mit meinem ganzen Organismus, wie er sich nicht denken könnte abgetrennt von meinem Organismus, ohne den er ja absterben würde, so fühlte sich der Mensch innerhalb der ganzen Natur drinnen, [ungetrennt] von ihr.
[ 10 ] However, they lacked something that we modern people possess within our inner nature: they did not have such a pronounced, intense sense of self as we do. Their sense of self was more subdued, more dreamlike than ours today. This was true even during the Greek era. In fact, one can only truly understand later Greek culture if one conceives of the souls of people during the Greek era as being in the same state as our own souls are today. In earlier Greek culture, there can be no question of a state of soul such as ours. Back then, there was still a rather dull sense of human existence within nature. I would like to say: Just as if my finger had a consciousness and felt at one with my entire organism—just as it could not conceive of itself as separate from my organism, without which it would indeed wither away—so did human beings feel themselves to be within the whole of nature, [inseparable] from it.
[ 11 ] Und jene alten Weisen, die die Leiter jener Schulen waren, von denen ich gesprochen habe, die sagten sich: Das ist das Moralische im menschlichen Selbstbewusstsein. Dieses Selbstbewusstsein aber, das darf nicht die Welt ansehen so, dass sie ihm geistentleert, seelenlos erscheint. Wenn diese Seelenverfassung sich gegenüber wüsste einer geistleeren Welt — einer Welt, wenn ich jetzt das hinzufüge, wie wir sie in unserer Wissenschaft, in unserem alltäglichen Leben erfassen —, es würden die Seelen der Menschen von einer seelischen Ohnmacht befallen werden.
[ 11 ] And those ancient sages, who were the leaders of the schools I have spoken of, said to themselves: This is the moral aspect of human self-consciousness. But this self-consciousness must not view the world in such a way that it appears spiritless and soulless to it. If this state of mind were to confront a spiritless world—a world, if I may add, as we perceive it in our science and in our everyday life—the souls of human beings would be overcome by a spiritual powerlessness.
[ 12 ] Diese seelische Ohnmacht, die sahen herankommen die alten Weisheitslehrer bei denjenigen Menschen, welche hinkommen sollten zu einer solchen Weltauffassung, wie wir sie haben. Ja, kann man denn überhaupt davon sprechen, dass diese alten Weisheitslehrer sich sagten, die Seelen dürften nicht zu einer solchen Weltanschauung kommen, von der wir sagen, dass wir sie selbst heute haben? Ja, das kann man sagen. Und dafür möchte ich Ihnen ein Beispiel geben. Man könnte viele Beispiele anführen, aber ich will eines herausheben.
[ 12 ] The ancient sages saw this spiritual powerlessness looming in those people who were destined to arrive at a worldview such as the one we hold today. Indeed, can we even say that these ancient sages told themselves that souls should not arrive at the kind of worldview that we say we ourselves hold today? Yes, we can say that. And I would like to give you an example of this. One could cite many examples, but I want to highlight one in particular.
[ 13 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wir sind heute mit Recht befriedigt davon, dass wir nicht mehr in mittelalterlicher Weise das äußerlich-räumliche Weltengebäude nur nach dem äußeren Augenschein auffassen. Wir stehen auf dem Standpunkte der kopernikanischen Weltanschauung, die eine heliozentrische ist. Der Mensch des Mittelalters glaubte, die Erde ruhe im Mittelpunkt des Planetensystems, überhaupt des ganzen Sternensystems, die Sonne mit den anderen Sternen bewege sich um die Erde herum. Geradezu eine Umkehrung aller Verhältnisse wurde durch das heliozentrische Sonnensystem bewirkt, und an dieser Umkehrung halten wir heute fest als an etwas, was wir schon aufnehmen in unserer gewöhnlichen Schulbildung, in dem wir drinnenstehen mit unserer ganzen Bildung. Wir sehen zurück auf die Menschen des Mittelalters, wir sehen zurück auf die Menschen des Altertums, welche in ihrem ptolemäischen Weltensystem dasjenige gesehen haben, was ich eben charakterisiert habe, das geozentrische. Aber keineswegs haben alle Menschen in jenen alten Zeiten bloß das geozentrische Weltensystem angenommen. Man braucht ja — schon die äußere Geschichte zeigt uns das, Geisteswissenschaft macht es völlig klar —, man braucht nur bei Plutarch nachzulesen über dasjenige, was er über das Weltensystem eines alten griechischen Weisen der vorchristlichen Zeit, des Aristarch von Samos, sagt. Dieser Aristarch von Samos versetzt schon die Sonne in den Mittelpunkt unseres Planetensystems; er lässt die Erde um die Sonne kreisen. Und wenn wir, allerdings nicht in den Einzelheiten, über die ja die neuere Naturwissenschaft so Großes gebracht hat, aber in den Hauptzügen, das heliozentrische System des Aristarch von Samos nehmen, so stimmt es im Grunde genommen vollständig mit demjenigen überein, das heute das unsrige ist.
[ 13 ] Ladies and gentlemen, we are rightly satisfied today that we no longer perceive the external, spatial structure of the world solely on the basis of outward appearances, as was the case in the Middle Ages. We stand on the ground of the Copernican worldview, which is heliocentric. People in the Middle Ages believed that the Earth rested at the center of the planetary system—indeed, of the entire stellar system—and that the Sun, along with the other stars, revolved around the Earth. The heliocentric solar system brought about a complete reversal of all relationships, and today we hold fast to this reversal as something we already absorb in our ordinary school education, something that is at the very core of our entire education. We look back at the people of the Middle Ages; we look back at the people of antiquity, who, in their Ptolemaic world system, saw what I have just described—the geocentric model. But by no means did all people in those ancient times simply accept the geocentric world system. After all—as even external history shows us, and as spiritual science makes perfectly clear—one need only read in Plutarch what he says about the world system of an ancient Greek sage from the pre-Christian era, Aristarchus of Samos. This Aristarchus of Samos already places the Sun at the center of our planetary system; he has the Earth revolve around the Sun. And if we take—not in the details, of course, since modern science has made such great advances in that regard, but in its main features—the heliocentric system of Aristarchus of Samos, it essentially corresponds completely with the one we have today.
[ 14 ] Was liegt da eigentlich vor? Nun, dasjenige Weltensystem, das Aristarch von Samos nur ausgeplaudert hat, das war dasjenige, was in alten Weisheitsschulen gelehrt worden ist. Äußerlich wurde den Menschen das Weltensystem des Augenscheins gelassen. Warum war das so? Warum ließ man ihnen dieses Weltenbild des Augenscheins? Nun, man sagte sich: Bevor ein Mensch zu diesem heliozentrischen Weltensystem vorschreitet, muss er erst die Schwelle zu einer anderen Welt überschreiten, als die Welt ist, in der er lebt. Er ist behütet in seinem gewöhnlichen Leben von dem unsichtbaren Hüter der Schwelle, unter dem sich diese Alten ein sehr reales, wenn auch übersinnliches Wesen vorstellten. Er ist behütet davor, dass ihm plötzlich die Augen so aufgehen, wie wenn er die Welt sehen würde, entseelt, entgeistigt. Denn entseelt und entgeistigt sehen wir heute die Welt, Wir sehen sie an, bilden uns unsere Naturanschauung über das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, wir sehen sie entseelt und entgeistigt. Wenn wir auf der Sternwarte mithilfe des Teleskops, mithilfe der Berechnungen uns Vorstellungen bilden über den Weg, über die Bewegungen der Himmelskörper, wir sehen die Welt entseelt und entgeistigt. Dass man die Welt auch so sehen kann, das wussten die alten Weisheitslehrer der Mysterien. Sie übermittelten nach der Vorbereitung, nachdem sie ihre Schüler am Hüter der Schwelle vorbeigeführt hatten, diese Erkenntnisse, aber sie bereiteten die Schüler vor durch eine strenge Willenszucht. Wodurch wurde diese Willenszucht den Schülern gegeben? Indem die Schüler durch Entbehrungen geführt worden sind, aber auch indem die Schüler durch lange Jahre hindurch angehalten wurden, in strengem Gehorsam zu folgen einer reinen Moral, die ihnen von den Weisheitslehrern vorgeschrieben wurde. Der Wille sollte streng in Zucht genommen werden, und diese Willenszucht sollte erstarken das Selbstbewusstsein. Und wenn die Schüler hinausgekommen waren über das träumerisch-dumpfe Selbstbewusstsein zu einem intensiveren Selbstbewusstsein, dann wurde ihnen erst gezeigt, was für sie jenseits der Schwelle lag: Diejenige Welt, die im heliozentrischen Weltensystem für den äußeren Raum vorliegt; aber auch manches andere, was wir heute als den Inhalt unserer ganz gewöhnlichen Weltanschauung anerkennen, wurde ihnen gezeigt.
[ 14 ] What exactly are we dealing with here? Well, the cosmological system that Aristarchus of Samos merely let slip was the very one that had been taught in the ancient schools of wisdom. Outwardly, people were left with the cosmological system of appearances. Why was that the case? Why were they allowed to retain this worldview based on appearances? Well, it was said: Before a person can advance to this heliocentric world system, they must first cross the threshold into a world other than the one in which they live. In their ordinary life, they are protected by the invisible guardian of the threshold, whom these ancients imagined to be a very real, if supersensory, being. They are protected from suddenly having their eyes opened in such a way that they would see the world as soulless and devoid of spirit. For today we see the world as soulless and devoid of spirit; we look at it, form our view of nature regarding the mineral, plant, and animal kingdoms—we see it as soulless and devoid of spirit. When we form concepts at the observatory—with the aid of the telescope and through calculations—about the paths and movements of the celestial bodies, we see the world as soulless and devoid of spirit. The ancient wisdom teachers of the mysteries knew that one could also see the world in this way. After the necessary preparation—and after guiding their students past the Keeper of the Threshold—they imparted these insights, but they prepared the students through rigorous discipline of the will. How was this discipline of the will instilled in the students? By subjecting the students to privations, but also by requiring them, over many long years, to follow in strict obedience a pure moral code prescribed to them by the wisdom teachers. The will was to be strictly disciplined, and this discipline of the will was intended to strengthen self-awareness. And once the students had moved beyond a dreamy, dull sense of self to a more intense sense of self, only then were they shown what lay beyond the threshold: the world that, in the heliocentric world system, lies in outer space; but they were also shown many other things that we today recognize as the content of our entirely ordinary worldview.
[ 15 ] Also das lag vor, dass man die Schüler jener alten Zeiten erst vorbereitete, sorgsam vorbereitete, bevor man ihnen übermittelte dasjenige, was bei uns heute sozusagen jeder Schulknabe und jedes Schulmädchen aufnimmt. So ändern sich die Zeiten, so ändern sich die Zivilisationen. Man bekommt einfach eine falsche Vorstellung von der Entwicklung der Menschheit, wenn man nur die äußere Geschichte kennt, nicht diese Geschichte der menschlichen Seele.
[ 15 ] Back then, students were first prepared—carefully prepared—before they were taught what, so to speak, every schoolboy and schoolgirl learns today. Times change, and civilizations change. One simply gets a false impression of the development of humanity if one knows only external history, and not this history of the human soul.
[ 16 ] Was hatten die Schüler der alten Weisheitsschulen mitgebracht bis zu ihrer Schwelle in die übersinnliche Welt? Sie hatten mitgebracht eine instinktive Welterkenntnis, die ihnen gewissermaßen aufging aus den Instinkten, aus den Trieben ihres Leibes. Durch die sahen sie — man nennt das heute Animismus — alles Äußere beseelt und durchgeistigt. Sie fühlten die Verwandtschaft des Menschen mit der Welt. Sie fühlten ihren Geist im Geiste der Welt drinnenliegend. Aber um die Welt hier so zu sehen, wie wir sie heute sehen lernen schon in der Elementarschule, mussten diese Alten vorbereitet werden.
[ 16 ] What had the students of the ancient schools of wisdom brought with them as they approached the threshold of the supersensible world? They had brought with them an instinctive understanding of the world that, in a sense, arose from their instincts, from the drives of their bodies. Through these—what is called animism today—they saw everything external as animated and imbued with spirit. They felt the kinship between human beings and the world. They felt their spirit dwelling within the spirit of the world. But in order to see the world here as we learn to see it today, even in elementary school, these ancient people had to be prepared.
[ 17 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man redet in allen möglichen Literaturen, die sich dilettantisch über Mystik hermachen, auch wenn sie manchmal sich einen gelehrten Anschein geben, allerlei über den Hüter der Schwelle, über die Schwelle in die geistige Welt. Und sie finden oftmals umso mehr Glauben, je mehr nebulose Mystik man über diese Dinge ausgießt.
[ 17 ] Ladies and gentlemen, all sorts of literature that dabbles amateurishly in mysticism—even when it sometimes puts on a scholarly air—spouts all manner of things about the Keeper of the Threshold and the threshold into the spiritual world. And the more nebulous mysticism is poured over these matters, the more credence they often receive.
[ 18 ] Das, was ich Ihnen jetzt dargestellt habe, das ist dasjenige, was sich dem unbefangenen Geistesforscher gerade über dasjenige ergibt, was die Alten die Schwelle genannt haben in die geistige Welt. Nicht jene nebulosen Dinge, von denen heute manche Orden und manche Sekten und dergleichen sprechen, wurden jenseits der Schwelle aufgesucht, sondern gerade dasjenige, was bei uns heute allgemeine Bildung ist. Aber wir sehen daraus zu gleicher Zeit, dass wir der Welt mit einem anderen Selbstbewusstsein gegenüberstehen. Das fürchteten gerade jene alten Weisheitslehrer, dass ihre Schüler, wenn sie nicht erst das Selbstbewusstsein durch Selbstzucht erstarkt erhalten hätten, seelisch ohnmächtig geworden wären, wenn sie zum Beispiel aufgenommen hätten die Vorstellung: Die Erde steht nicht still, sondern sie kreist mit großer Geschwindigkeit um die Sonne herum; man kreist mit der Erde um die Sonne herum. Dieses Verlieren des Bodens unter den Füßen, das hätten die alten Menschen nicht ertragen, das hätte ihnen das Selbstbewusstsein bis zur Ohnmacht herabgedämpft. Wir lernen das von Kindheit auf ertragen. Wir leben gewissermaßen in der Welt als unserer Bildungswelt drinnen, in welche die Alten erst nach sorgsamer Vorbereitung einzudringen hatten.
[ 18 ] What I have just described to you is precisely what presents itself to the unbiased spiritual researcher regarding what the ancients called the threshold to the spiritual world. It was not those nebulous things that some orders, sects, and the like speak of today that were sought beyond the threshold, but precisely what we today consider general education. Yet at the same time, we see from this that we face the world with a different sense of self-awareness. This was precisely what those ancient teachers of wisdom feared: that their students, if they had not first strengthened their self-awareness through self-discipline, would have become spiritually powerless if, for example, they had accepted the idea that the Earth does not stand still but orbits the Sun at great speed; that we orbit the Sun along with the Earth. This loss of solid ground beneath their feet—the people of old could not have endured it; it would have dampened their self-confidence to the point of powerlessness. We learn to endure this from childhood onward. We live, so to speak, within the world as our educational environment, into which the ancients had to enter only after careful preparation.
[ 19 ] Dennoch, zurücksehnen dürfen wir uns nicht nach den Zuständen der alten Zivilisationen. Sie [passen nicht mehr zu demjenigen], was heute unsere Seelen fördert. Dasjenige, was ich Ihnen heute vortrage als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, es ist weder eine Erneuerung alter gnostischer Lehren noch eine Erneuerung alter orientalischer Weisheit, was alles heute nur als etwas Dekadentes an die Menschenseelen herangebracht werden könnte. Es ist etwas, was durch elementarische Schöpferkraft aus dieser menschlichen Seele heraus heute gefunden werden kann auf den Wegen, die ich Ihnen sogleich angeben werde. Vorerst aber möchte ich noch darauf aufmerksam machen, dass wir in gewisser Weise auch wiederum sprechen können von einer Schwelle in die übersinnliche Welt, oder überhaupt in eine andere Welt hinein als diejenige des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft ist.
[ 19 ] Nevertheless, we must not yearn for the conditions of the ancient civilizations. They [no longer correspond to that] which nourishes our souls today. What I am presenting to you today as an anthroposophically oriented spiritual science is neither a revival of ancient Gnostic teachings nor a revival of ancient Eastern wisdom—all of which could only be presented to human souls today as something decadent. It is something that can be discovered today through the creative power of the elements within the human soul, along the paths I will shortly describe to you. For now, however, I would like to point out that, in a certain sense, we can once again speak of a threshold into the supersensible world—or, indeed, into a world other than that of ordinary life and ordinary science.
[ 20 ] Die Alten, sie vermuteten eine andere Welt, als ihnen im Alltagsleben gegeben war jenseits der Schwelle. Was aber hören wir gerade von unsern gewissenhaften Naturforschern, von denjenigen, die am meisten in bezug auf ihre Methoden recht haben? Wir hören, dass die Naturwissenschaft uns vor Grenzen der Erkenntnis stellt. Wir hören von «Ignorabimus» und dergleichen, und zwar — das muss betont werden — innerhalb der Naturwissenschaft mit vollem Rechte. Wenn den Alten fehlte das intensive Selbstbewusstsein, das wir heute haben, so fehlt uns etwas anderes.
[ 20 ] The ancients imagined a world beyond the threshold that was different from the one they experienced in everyday life. But what do we hear today from our conscientious natural scientists, from those who are most correct in their methods? We hear that the natural sciences confront us with the limits of knowledge. We hear of “Ignorabimus” and the like—and, it must be emphasized, quite rightly so within the natural sciences. While the ancients lacked the intense self-awareness we have today, we lack something else.
[ 21 ] Wodurch haben wir denn überhaupt dieses intensive Selbstbewusstsein erhalten? Wir haben es ja dadurch erhalten, dass jene Denkweise und jene Anschauungsart in die Menschheit gekommen ist, die mit Kopernikus, Galilei, Kepler, Giordano Bruno und so weiter ihren Anfang genommen hat. Dadurch haben wir nicht nur eine Summe von Erkenntnissen gewonnen, sondern dadurch hat die moderne Menschheit auch eine gewisse Erziehung ihres Seelenlebens durchgemacht. Alles dasjenige, was wir unter dem Einfluss der Denkweise dieser Geister in der neueren Zeit ausgebildet haben, das tendiert darauf hin, vorzugsweise den Intellekt, die Verstandeskräfte zu kultivieren. Gewiss, wir experimentieren heute in der Wissenschaft, wir beobachten sorgfältig und gewissenhaft. Wir verfolgen mit unseren Instrumenten, mit Teleskop, Mikroskop, mit den Röntgenstrahlen, mit dem Spektroskop die Erscheinungen um uns herum, und wir gebrauchen sozusagen unseren Verstand nur, um aus der Erscheinung heraus die Naturgesetze zu gewinnen. Allein was tun wir trotz alledem, auch wenn wir beobachten, wenn wir experimentieren? Wir tun es so, dass wir innerhalb dieser Erkenntnisarbeit nur den Verstand zur Formulierung der Naturgesetzmäßigkeiten sprechen lassen. Und es ist einmal so, dass vorzugsweise der Intellekt, der Verstand in der menschlichen Entwicklung herangezogen worden ist im Laufe der letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte. Der Verstand aber, er hat die Eigentümlichkeit, dass er das menschliche Selbstbewusstsein erstarkt, erhärtet, intensiv macht.
[ 21 ] How, then, did we come to possess this intense self-awareness in the first place? We acquired it through the emergence within humanity of that way of thinking and that perspective that began with Copernicus, Galileo, Kepler, Giordano Bruno, and so on. Through this, we have not only gained a body of knowledge, but modern humanity has also undergone a certain education of its inner life. Everything we have developed in recent times under the influence of the way of thinking of these great minds tends to cultivate, above all, the intellect and the powers of reason. Certainly, we conduct experiments in science today; we observe carefully and conscientiously. We use our instruments—telescopes, microscopes, X-rays, and spectroscopes—to study the phenomena around us, and we employ our reason, so to speak, solely to derive the laws of nature from these phenomena. Yet what are we doing, despite all this, even as we observe and experiment? We do so in such a way that, within this work of cognition, we allow only the intellect to speak in formulating the laws of nature. And it is a fact that, over the course of the last three, four, or five centuries, it is primarily the intellect that has been drawn upon in human development. The intellect, however, has the peculiarity of strengthening, hardening, and intensifying human self-consciousness.
[ 22 ] Daher können wir heute dasjenige ertragen, was noch ein alter Grieche nicht ertragen hätte: das Bewusstsein, uns mit der Erde im Bodenlosen gewissermaßen um die Sonne herum zu bewegen. Aber wir werden auf der anderen Seite gerade wegen dieses erstarkten Selbstbewusstseins, das uns die Welt seelen- und geistlos zeigt, dazu geführt, eine Erkenntnis nicht zu haben, nach der sich die Seelen dennoch sehnen müssen: Wir sehen die Welt in ihren materiellen Erscheinungen, ihren materiellen Tatsachen, wie sie die alten Menschen niemals gesehen haben ohne eine Vorbereitung der Mysterien. Aber wir sehen nicht — und deshalb sprechen gerade gewissenhafte Naturforscher von Ignorabimus und von den Erkenntnisgrenzen —, wir sehen nicht die Welt eines Geistigen um uns herum.
[ 22 ] That is why we today can endure what even an ancient Greek could not have endured: the awareness that we, together with the Earth, are moving—as it were—around the Sun in the abyss. But on the other hand, precisely because of this heightened self-awareness—which reveals the world to us as soulless and spiritless—we are led to lack a kind of insight that souls must nevertheless yearn for: We see the world in its material appearances, its material facts, as the people of antiquity never saw it without the preparation provided by the mysteries. But we do not see—and this is precisely why conscientious natural scientists speak of *ignorabimus* and the limits of knowledge—we do not see the world of the spiritual around us.
[ 23 ] Wir stehen als Menschen in dieser Welt. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, müssen wir uns sagen: Indem wir einfach denken über die Dinge, indem wir die Experimente zusammenfassen, die Beobachtungen zusammenfassen, ist es der Geist, der in uns tätig ist. Aber ist denn dieser Geist jener Einsiedler, der da steht in einer Welt von materiellen Erscheinungen? Ist dieser Geist nur in unserem Leibe vorhanden? Ist die Welt geist- und seelenlos, wie wir sie durch physikalische und biologische Wissenschaften, von ihrem Gesichtspunkte aus mit Recht, auffassen müssen? So stehen wir einmal heute vor unserer Umwelt. Wir stehen neuerdings vor einer Schwelle. Das ist ja gewiss den weitesten Kreisen der Menschheit noch nicht zum Bewusstsein gekommen. Aber was die Menschheit sich nicht voll zum Bewusstsein bringt, das ist deshalb nicht ganz in der Seele ausgelöscht. Man denkt nicht nach über die Dinge, aber innerlich sitzen diese Dinge als Empfindungen der Seele. Wir haben ein unbewusstes Seelenleben. Bei den meisten Menschen bleibt es unbewusst. Aber aus diesem Unbewussten heraus erwächst die Sehnsucht, wiederum eine Schwelle zu überschreiten, zum Selbstbewusstsein geistige Welterkenntnis hinzuzugewinnen.
[ 23 ] We exist as human beings in this world. When we reflect on ourselves, we must tell ourselves: When we simply think about things, when we summarize our experiments and observations, it is the spirit that is at work within us. But is this spirit that hermit who stands there in a world of material phenomena? Is this spirit present only within our bodies? Is the world devoid of spirit and soul, as we must rightly conceive it from the perspective of the physical and biological sciences? This, then, is how we stand before our environment today. We have recently come to stand at a threshold. This has certainly not yet come to the awareness of the broadest circles of humanity. But what humanity does not bring fully into consciousness is not for that reason entirely extinguished in the soul. People do not reflect on these things, but inwardly these things reside as feelings of the soul. We have an unconscious soul life. For most people, it remains unconscious. But from this unconscious arises the longing to cross another threshold—to gain spiritual knowledge of the world through self-awareness.
[ 24 ] Nun, wie man auch sonst diese Dinge, die man ja meistens nur unklar empfindet, nennen mag, sie sind doch in Wahrheit von der einen Seite her die tiefsten Zivilisationsrätsel; sie sind doch so, dass die Menschen empfinden: eine geistige Welt um sie herum müsse wieder gefunden werden. Die geist- und seelenleere Welt der gewöhnlichen Wissenschaft sie kann nicht diejenige sein, mit der auch die menschliche Seele eine Einheit in ihrer tiefsten Wesenheit bildet. Das ist die erste große zivilisatorische Frage der Gegenwart: Wie finden wir wiederum ein Wissen, das uns zu gleicher Zeit vertieft zur religiösen Empfindung? Wie finden wir eine Erkenntnis, die zu gleicher Zeit die tiefsten Bedürfnisse nach einem Gefühl des Ewigen in der Menschenseele befriedigt?
[ 24 ] Well, whatever else one might call these things—which are usually perceived only vaguely—they are, in truth, from one perspective, the deepest mysteries of civilization; they are such that people feel a spiritual world around them must be rediscovered. The spirit- and soul-empty world of ordinary science cannot be the one with which the human soul forms a unity in its deepest essence. This is the first great civilizational question of the present: How do we rediscover a form of knowledge that at the same time deepens our religious sensibility? How do we find a form of knowledge that simultaneously satisfies the deepest needs for a sense of the eternal within the human soul?
[ 25 ] Man darf sagen: Großes, Gewaltiges hat diese moderne Wissenschaft gebracht, aber für den Unbefangenen hat sie eigentlich nicht Lösungen gebracht, sondern, man möchte sagen das Gegenteil von Lösungen. Und auch darüber muss man zufrieden und froh sein. Was können wir durch die moderne Wissenschaft? Können wir die Fragen der Seele lösen? Nein, aber wir können sie vertieft stellen! Wir haben ja vor uns durch diese moderne Wissenschaft die Welt der materiellen Tatsachen in ihrer Reinheit, frei von dem, was der Mensch aus seiner Subjektivität hereinträgt in die Welt an Seelenhaftigkeit, an Geistigkeit. Wir sehen gewissermaßen die reinen Erscheinungen der äußeren materiellen Welt. Dadurch lernen wir die Fragen der Seele intensiver kennen. Das ist gerade die Errungenschaft des modernen Wissenschaftsgeistes, dass er uns neue Rätsel gebracht hat, vertieftere Rätsel. Das ist die erste große zivilisatorische Frage der Gegenwart: Wie stellen wir uns gegenüber diesen vertieften Rätseln? Man kann nicht im Haeckel’schen, im Huxley’schen, im Spencer’schen Geiste die großen Seelenfragen lösen, allein man kann aus diesem Geiste heraus die großen Rätselfragen für das heutige Menschheitsdasein intensiver empfinden als jemals zuvor.
[ 25 ] It is fair to say: This modern science has brought about great and mighty things, but for the open-minded person, it has not actually provided solutions—rather, one might say, the opposite of solutions. And we must be content and glad about that as well. What can we achieve through modern science? Can we solve the questions of the soul? No, but we can pose them in greater depth! Through modern science, we have before us the world of material facts in its purity, free from the spiritual and soul-related elements that human subjectivity introduces into the world. In a sense, we see the pure phenomena of the external material world. Through this, we come to know the questions of the soul more deeply. This is precisely the achievement of the modern scientific spirit: that it has brought us new mysteries—deeper mysteries. This is the first great civilizational question of our time: How do we confront these deeper mysteries? One cannot solve the great questions of the soul in the spirit of Haeckel, Huxley, or Spencer; yet, from within this spirit, one can perceive the great enigmas of humanity’s present existence more intensely than ever before.
[ 26 ] Da tritt nun Geisteswissenschaft ein. Sie will die heutige Menschheit ihren Anlagen gemäß führen über die erneute Schwelle in eine geistige Welt hinein. Und der Weg, durch den der moderne Mensch anders als der alte Mensch die Schwelle überschreiten kann, er soll heute andeutungsweise hier geschildert werden. In kurzen Zügen kann ich das nur tun. Ausführlicher finden Sie geschildert das, was ich nur prinzipiell erläutern will, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Schriften.
[ 26 ] This is where spiritual science comes in. It seeks to guide humanity today, in accordance with its innate capacities, across the renewed threshold into a spiritual world. And the path by which modern human beings—unlike their ancestors—can cross this threshold is to be outlined here in broad strokes. I can only do so in brief. You will find a more detailed account of what I intend to explain here only in principle in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, in my *The Secret Science*, and in other writings.
[ 27 ] Ich möchte zunächst aufmerksam machen auf den Ausgangspunkt, den heute derjenige Mensch nehmen muss, der ein Geistesforscher werden will. Gerade von einem Punkte muss er ausgehen, auf den sich die heutigen Menschen aus der ganzen Zeitbildung heraus am wenigsten gern stellen möchten. Es ist der Punkt in der Seelenverfassung, den ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Trotzdem wir entwickelt haben bis zu einer besonderen Höhe als Menschheit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten den Intellekt zu einer solchen Höhe, wie er vorher niemals in der Menschheitsentwicklung da war, muss man sich als Geistesforscher aufschwingen gerade zur intellektuellen Bescheidenheit.
[ 27 ] I would like to begin by drawing attention to the starting point that anyone who wishes to become a spiritual researcher must adopt today. They must begin precisely at a point that people today, given the spirit of the times, are least willing to confront. It is that aspect of the soul’s disposition that I would like to call intellectual humility. Although we as a humanity have developed our intellect to a remarkable degree over the last three to four centuries—to a level never before seen in human evolution—one must, as a spiritual researcher, strive precisely toward intellectual humility.
[ 28 ] Durch einen Vergleich möchte ich Ihnen dasjenige verdeutlichen, was ich darunter verstehe. Nehmen wir ein fünfjähriges Kind und geben wir ihm einen Band Shakespeare in die Hand, was würde es damit tun? Es wird damit spielen, darin blättern, ihn zerreißen; es wird nicht dasjenige damit tun, was das Angemessene ist. Wenn das Kind aber dann weitere zehn oder fünfzehn Jahre durchlebt hat, wird es sich ganz anders zu dem Bande Shakespeare verhalten, es wird sich so verhalten, dass es dem Bande angemessen ist. Was ist da geschehen? Nun, Fähigkeiten, die der Anlage nach in dem Kinde gelebt haben, sind durch äußeres Eingreifen der Menschen, durch Erziehung und Unterricht ausgebildet worden in dem Kinde. Es ist seelisch ein anderes Wesen geworden im Laufe der zehn bis fünfzehn Jahre. Intellektuelle Bescheidenheit lässt dem Menschen sagen, auch dann gerade, wenn er erwachsen ist, wenn er die Zeitbildung in der Wissenschaft dem Intellekt nach aufgenommen hat: Du könntest in einer gewissen Weise der ganzen Natur, der Umwelt so gegenüberstehen, dass sich dein Gegenüberstehen vergleichen lässt mit dem des fünfjährigen Kindes einem Bande Shakespeare gegenüber. Es könnten in dir noch Anlagen sein, die weiter ausgebildet werden können, sodass du geistig-seelisch ein anderes Wesen wirst.
[ 28 ] I’d like to use an analogy to illustrate what I mean by this. Let’s take a five-year-old child and put a volume of Shakespeare in their hands—what would they do with it? They’ll play with it, flip through the pages, tear it up; they won’t treat it in the way that’s appropriate. But once the child has lived another ten or fifteen years, it will relate to the volume of Shakespeare quite differently—it will behave in a way that is appropriate for the volume. What has happened here? Well, abilities that were latent within the child have been developed through external human intervention—through upbringing and instruction. Psychologically, the child has become a different being over the course of those ten to fifteen years. Intellectual humility leads a person to say—even as an adult, after having assimilated the intellectual developments of modern science—that in a certain sense, one could relate to the whole of nature and the environment in a way that is comparable to how a five-year-old child relates to a volume of Shakespeare. There may still be potential within you that can be further developed, so that you become a different being in spirit and soul.
[ 29 ] Das ist den heutigen Menschen nicht sehr lieb, sich auf den Standpunkt einer solchen intellektuellen Bescheidenheit zu stellen. Unsere Denk- und Empfindungsgewohnheiten gegenüber dem Bildungsleben sind andere. Derjenige, der heute die gewöhnliche Erziehung genossen hat, wird dann in unsere höheren Bildungsanstalten aufgenommen. Da hat man es nicht mehr zu tun mit einer Entwicklung der Erkenntnisse, der Willensfähigkeiten, der Gemütsfähigkeiten der Seele. Da bleibt man im Grunde genommen innerhalb des wissenschaftlichen Forschens auf dem Standpunkte stehen, den einem Vererbung und die gewöhnliche Erziehung geben. Gewiss, in einer unerhörten Weise verbreiterte man durch das Experiment, durch die Wissenschaft die Beobachtung, aber man wandte dieselben Erkenntniskräfte an, die man einmal im sogenannten modernen Geistesleben hat. Man legte nicht die Entwicklung seines Menschen darauf an, diese Erkenntniskräfte weiterzubringen. Man sagte sich nicht: Derjenige, der diese Erkenntniskräfte des Lebens oder der Wissenschaft hat, er könnte gegenüberstehen der Natur wie das fünfjährige Kind dem Bande Shakespeare, und er könnte ausbilden in sich Kräfte, Erkenntnisfähigkeiten, die ihn zu einem ganz anderen Verhalten gegenüber der Natur bringen. Das aber sagt sich derjenige, der im Sinne der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ein Forscher in den übersinnlichen Welten werden will. Da handelt es sich wirklich um die Ausbildung von menschlichen Fähigkeiten, die zunächst nur in den Anlagen vorhanden sind, allerdings bei jedem Menschen, aber damit sie entwickelt werden, muss mancherlei durchgemacht werden.
[ 29 ] People today are not very keen on adopting such a stance of intellectual humility. Our habits of thought and feeling regarding educational life are different. Those who have received a standard education today are then admitted to our institutions of higher education. There, one is no longer concerned with the development of the soul’s cognitive faculties, volitional capacities, or emotional capacities. Essentially, one remains within scientific research at the level determined by one’s heredity and ordinary education. Certainly, through experimentation and science, observation was expanded to an unprecedented degree, but the same cognitive powers were applied that are found in so-called modern intellectual life. No effort was made to develop the individual in order to advance these cognitive powers. One did not say to oneself: The person who possesses these powers of insight—whether in life or in science—could stand before nature as a five-year-old child stands before a volume of Shakespeare, and could develop within themselves powers and capacities for insight that would lead them to a completely different attitude toward nature. But this is precisely what the person who, in the spirit of the anthroposophically oriented spiritual science referred to here, wishes to become a researcher in the supersensible worlds tells himself. This truly involves the cultivation of human faculties that are initially present only as potentials—albeit in every human being—but in order for them to be developed, one must go through many trials.
[ 30 ] Ich spreche nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, von irgendwelchen wunderbaren oder gar abergläubischen Maßnahmen gegenüber der Menschenseele, sondern ich spreche von der Entwicklung von Fähigkeiten, die jeder Mensch gut kennt, die im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ihre große Rolle spielen; die da angewendet werden, die aber nur nicht zu ihrem, dem Menschen zwischen Geburt und Tod möglichen Ende getrieben werden.
[ 30 ] I am not speaking, my esteemed audience, of any miraculous or even superstitious measures concerning the human soul, but rather of the development of abilities that every person is well acquainted with, abilities that play a major role in everyday life and in conventional science; which are applied there, but which are simply not pursued to their full potential—the potential available to human beings between birth and death.
[ 31 ] Es gibt viele solcher Fähigkeiten, ich möchte aber heute nur zwei charakterisieren in ihrer Weiterentwicklung. Genaueres darüber finden Sie auch in den genannten Büchern. Da ist zunächst die Erinnerungsfähigkeit. Diese Erinnerungsfähigkeit, sie ist dem alltäglichen Leben durchaus notwendig. Man weiß, und besonders diejenigen, die sich mehr für solche Dinge interessieren, werden es aus der psycho-pathologischen Literatur wissen, was es bedeutet für das gesunde Seelenleben, dass die Erinnerung intakt ist bis zu einem Punkte in der Kindheit, der ziemlich früh liegt; dass da nicht eine Strecke ist im Leben, aus der nicht auftauchen Erinnerungsvorstellungen, die uns die Erlebnisse wiederum vor die Seele bringen, die wir durchgemacht haben. Löscht aus dasjenige, was die Erinnerung ist, dann ist das Ich des Menschen zerstört; eine schwere Seelenkrankheit ist über ihn gekommen. Dasjenige nun, was uns die Erinnerung gibt, ist ein Wiederauftauchen in blassen oder lebhaften Bildern. Gerade diese Fähigkeit, diese Kraft, sie kann weiter ausgebildet werden. Was ist denn ihre Eigentümlichkeit? Nun, sonst huschen die Erlebnisse vor uns vorbei. Auch die Vorstellungen, die wir an diesen Erlebnissen uns bilden, sie huschen an unseren Seelen vorüber. Die Erinnerung bewahrt sie auf. Ich kann nur skizzenhaft über diese Erinnerung sprechen; in meiner Literatur finden Sie gerade über diese Erinnerungsfähigkeit eine ausgebildete Wissenschaft.
[ 31 ] There are many such abilities, but today I would like to focus on just two and describe their further development. You can find more details on this in the books mentioned. First, there is the ability to remember. This ability to remember is absolutely essential for everyday life. We know—and those who are particularly interested in such matters will know from the psychopathological literature—what it means for a healthy mental life that memory remains intact up to a fairly early point in childhood; that there is no period in life from which no memories emerge to bring back to our minds the experiences we have gone through. If memory itself is erased, then a person’s ego is destroyed; a serious mental illness has overtaken them. What memory gives us, then, is a resurgence of these experiences in faint or vivid images. It is precisely this ability, this power, that can be further developed. What, then, is its distinctive feature? Well, otherwise, experiences simply flit past us. Even the ideas we form about these experiences flit past our souls. Memory preserves them. I can speak of this memory only in broad strokes; in my writings, you will find a fully developed science devoted precisely to this capacity for memory.
[ 32 ] Dasjenige, was die Erinnerung macht aus den sonst vorüberhuschenden Vorstellungen, das ist, dass sie ihnen Dauer verleiht. Das ist dasjenige, was man in der geisteswissenschaftlichen Methode zunächst aufgreift und weiterbildet; weiterbildet durch dasjenige, was ich in den genannten Büchern Meditation und Konzentration nenne. Es besteht darin, dass man sich entweder raten lässt von jemand, der in diesen Dingen Erfahrung hat, oder dass man sich aus der Literatur selber den Rat herausholt, dass man Vorstellungskomplexe, die leicht überschaubar sind, nimmt; solche überschaubaren Vorstellungskomplexe, wie etwa die geometrischen oder mathematischen Figuren sind, die man völlig übersieht, von denen man weiß: Das sind nicht Reminiszenzen aus dem Leben, die aus dem Unterbewussten herauftauchen, sondern alles, was man im Bewusstsein hat, das hat man durch eigene Willkür im Bewusstsein. Man unterliegt keiner Autosuggestion, keiner Träumerei, man überschaut dasjenige, was man in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt. Dann verharrt man im Bewusstsein längere Zeit mit völliger innerer Ruhe auf dieser Vorstellung. Geradeso, wie die Muskeln sich entwickeln, wenn sie eine besonders geartete Arbeit verrichten, so entwickeln sich gewisse Seelenkräfte, wenn sich die Seele hingibt dieser ungewohnten Tätigkeit des Verharrens auf solchen Vorstellungen. Es sieht einfach aus, und nicht nur, dass manche glauben, dass der Geisteswissenschafter dasjenige, was er zu sagen hat, aus irgendwelchen Einflüssen hervorhole, sondern es glauben auch manche, dass dasjenige, was ich hier schildere als Methoden, die sich im inneren, intimen Seelenleben selber abspielen, das sei leicht. Nein, auch dasjenige, was ich Ihnen jetzt erzähle, es erfordert eine lange Zeit; der eine Mensch kann es leichter, der andere kann es schwerer verrichten. Die Tiefe der Verrichtung ist viel wichtiger als die lange Zeit, die man mit einer solchen Meditation zubringt.
[ 32 ] What memory does with the otherwise fleeting mental images is to give them permanence. This is what the method of the humanities first takes up and develops further; it develops them through what I call “meditation” and “concentration” in the books mentioned. It consists of either seeking guidance from someone experienced in these matters or drawing guidance from the literature oneself; it involves taking complexes of mental images that are easily grasped—such manageable complexes as geometric or mathematical figures, which one can fully take in and about which one knows: These are not memories from life surfacing from the subconscious, but rather everything one holds in consciousness is there by one’s own volition. One is not subject to autosuggestion or daydreaming; one maintains a clear overview of whatever one places at the center of one’s consciousness. Then, with complete inner calm, one remains focused on this image in consciousness for an extended period. Just as muscles develop when they perform a particular kind of work, so do certain soul forces develop when the soul devotes itself to this unfamiliar activity of dwelling on such ideas. It looks simple, and not only do some people believe that the spiritual scientist draws what he has to say from some external influences, but some also believe that what I am describing here—as methods that take place within one’s own inner, intimate spiritual life—is easy. No, even what I am telling you now requires a long time; some people find it easier to do, while others find it more difficult. The depth of the practice is much more important than the amount of time one spends on such meditation.
[ 33 ] Allein man muss solche Übungen jahrelang machen. Und was man da verrichten muss im Inneren der Seele, es ist wahrhaftig nicht leichter als dasjenige, was man im Laboratorium, im Physiksaal, auf der Sternwarte vollbringt. Äußerliche Forschungen eignet man sich nicht etwa schwerer an als dasjenige, was so in der Seele sorgsam und gewissenhaft durch lange Jahre heranerzogen wird. Dann aber erstarken gewisse innere Seelenkräfte, die wir sonst nur als Erinnerungskräfte kennen, und dadurch ersteht in uns etwas als Seelenkraft, was wir vorher überhaupt nicht gekannt haben. Dadurch gelangen wir dazu, nun deutlich zu erkennen gerade dasjenige, was sonst über die Gedächtniskraft, die Erinnerungskraft der Materialismus sagt. Der Materialismus sagt uns: Diese Erinnerungskraft des Menschen ist ja an den materiellen Leib gebunden; ist irgendetwas im Nervensystem nicht in der richtigen Weise konstituiert, so geht auch die Erinnerungskraft zurück, auch mit dem Alter geht sie zurück. Überhaupt, die Geisteskräfte hängen von der leiblichen Entwicklung ab. Das leugnet für das Leben zwischen Geburt und Tod Geisteswissenschaft nicht. Denn derjenige, der gerade seine Erinnerungskraft so entwickelt erhält, wie ich es eben geschildert habe, der weiß durch unmittelbare Anschauung, wie die gewöhnliche Erinnerungskraft, die uns die Bilder unserer Erlebnisse vor die Seele zaubert, allerdings abhängig ist von dem menschlichen Leibe. Aber dasjenige, was er jetzt entwickelt, das wird ganz unabhängig von dem menschlichen Leibe. Und der Mensch erfährt, wie man kann in einem Seelischen leben, sodass man in diesem Seelischen übersinnliche Erfahrungen hat, wie man in dem physischen Leibe sinnliche Erfahrungen hat. Ich möchte Ihnen auf die folgende Weise erklären, wie diese übersinnlichen Erfahrungen sind.
[ 33 ] But one must practice such exercises for years on end. And what one must accomplish within the soul is truly no easier than what one accomplishes in the laboratory, in the physics classroom, or at the observatory. External research is by no means more difficult to master than what is so carefully and conscientiously cultivated within the soul over many years. But then certain inner powers of the soul—which we otherwise know only as powers of memory—grow stronger, and through this, something arises within us as a power of the soul that we had not known at all before. Through this, we come to clearly recognize precisely what materialism otherwise says about the power of memory. Materialism tells us: This human power of memory is, after all, bound to the material body; if anything in the nervous system is not properly constituted, then the power of memory also declines, and it declines with age as well. In general, the spiritual powers depend on physical development. Spiritual science does not deny this for the life between birth and death. For anyone who develops their power of memory in the way I have just described knows through direct observation how the ordinary power of memory—which conjures up the images of our experiences before our soul—is indeed dependent on the human body. But what they are now developing becomes entirely independent of the human body. And the person experiences how one can live in a spiritual realm in such a way that one has supersensory experiences in this spiritual realm, just as one has sensory experiences in the physical body. I would like to explain to you in the following way what these supersensory experiences are like.
[ 34 ] Sie wissen, das menschliche Leben wechselt rhythmisch zwischen Wachen und Schlafen. Es stellen sich die Momente des Einschlafens und Aufwachens und die dazwischenliegende Schlafenszeit in unser waches Leben hinein. Was liegt da vor? Da liegt das Folgende vor für das gewöhnliche Bewusstsein: Durch das Einschlafen wird das Bewusstsein herabgedämpft, bei den meisten Menschen bis zum Nullpunkt; die Träume schäumen manchmal aus diesem halb gedämpften Bewusstsein auf. Da lebt der Mensch allerdings, sonst müsste er ja vergehen und neu entstehen, seelisch-geistig allerdings, aber sein Bewusstsein ist herabgelähmt. Das hängt damit zusammen, dass der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen sich nicht seiner Sinne bedient, sich nicht derjenigen Impulse bedient, die seine organischen Willensimpulse darstellen.
[ 34 ] You know that human life alternates rhythmically between waking and sleeping. The moments of falling asleep and waking up, and the intervening period of sleep, intrude into our waking life. What is happening there? For ordinary consciousness, the following occurs: As we fall asleep, consciousness is dampened—in most people, down to zero; dreams sometimes bubble up from this half-dampened state of consciousness. Yet the human being is alive during this time—otherwise they would have to perish and be reborn, though in a soul-spiritual sense—but their consciousness is subdued. This is because, from the moment of falling asleep until waking, the human being does not make use of their senses, nor do they make use of the impulses that constitute their organic volitional impulses.
[ 35 ] Gerade dasselbe aber kann derjenige ausschalten, der aus der Erinnerungsfähigkeit heraus die höhere Fähigkeit entwickelt hat, von der ich eben jetzt gesprochen habe. Ein solcher Geistesforscher kommt in die Lage, nun auch nicht sehen zu brauchen mit den Augen, wie man im Schlafe nicht sieht mit den Augen; nicht hören zu brauchen mit den Ohren, wie man auch im Schlafe nicht hört mit den Ohren; selbst die Wärme nicht zu empfinden in der Umgebung, nicht zu gebrauchen die Willensimpulse, die durch die Muskeln, überhaupt durch die menschliche Organisation wirken. Er kann ausschalten alles Leibliche. Und doch ist sein Bewusstsein nicht wie im Schlafe herabgedämpft, sondern er kommt dazu, sich Zuständen hinzugeben, in denen sonst der Mensch nur im Schlafe ist, aber bewusstlos; der Geistesforscher ist vollständig bewusst. Wie der schlafende Mensch umgeben ist von einer dunklen Welt, die für ihn ein Nichts enthält, so ist der Geistesforscher von einer Welt umgeben, die nichts zu tun hat mit unserer sinnlichen Welt, die aber ebenso voll, ebenso intensiv ist wie unsere sinnliche Welt. Unserer sinnlichen Welt stehen wir gegenüber durch unsere Sinne; der übersinnlichen Welt steht der Geistesforscher gegenüber, wenn er vom Leibe bewusst sich befreien kann, wenn er in einem Zustande ist, wie sonst der Mensch zwischen Einschlafen und Aufwachen; aber er ist voll bewusst in diesem Zustande.
[ 35 ] But the very same thing can be eliminated by someone who, through the power of memory, has developed the higher ability I have just spoken of. Such a researcher of the spirit is now able to do without seeing with the eyes, just as one does not see with the eyes during sleep; to do without hearing with the ears, just as one does not hear with the ears during sleep; even to do without sensing the warmth of the surroundings, and to do without the impulses of the will that act through the muscles and, in general, through the human organism. He can set aside everything physical. And yet his consciousness is not dulled as it is during sleep; rather, he is able to enter states in which a person is otherwise only found during sleep—but then unconsciously; the spiritual researcher, however, remains fully conscious. Just as the sleeping person is surrounded by a dark world that contains nothing for him, so the spiritual researcher is surrounded by a world that has nothing to do with our sensory world, but which is just as full and just as intense as our sensory world. We experience our sensory world through our senses; the spiritual researcher experiences the supersensory world when he is able to consciously free himself from the body, when he is in a state similar to that which a person otherwise experiences between falling asleep and waking up; but he is fully conscious in this state.
[ 36 ] In dieser Weise lernt man erkennen, dass eine übersinnliche Welt uns immerfort umgibt, wie uns sonst eine sinnliche Welt umgibt. Allerdings, es tritt gerade ein bedeutsamer Unterschied auf: In der sinnlichen Welt nehmen wir durch unsere Sinne Tatsachen wahr und innerhalb der Tatsachen auch Wesenheiten. Die Tatsachen überwiegen, die Wesenheiten treten im Laufe dieser Tatsachen auf. In der übersinnlichen Welt, die wir uns so eröffnen, treten wir zuerst an die Wesenheiten heran. Wirkliche Wesenheiten sind es, die uns umgeben, wenn wir uns also das Geistesauge öffnen zu einem Schauen der übersinnlichen Welt. Und es ist zunächst eine Welt ganz konkreter, realer, übersinnlicher Wesenheiten, in der wir sind, noch nicht eine Welt von Tatsachen zu nennen; die müssen wir uns durch noch etwas anderes erobern.
[ 36 ] In this way, one comes to recognize that a supersensible world constantly surrounds us, just as the sensible world otherwise surrounds us. However, there is one significant difference: In the sensible world, we perceive facts through our senses, and within those facts, we also perceive entities. The facts predominate; the beings appear within the course of these facts. In the supersensible world that we thus open up to ourselves, we first encounter the beings. It is actual entities that surround us when we open the eye of the mind to behold the supersensible world. And at first, we find ourselves in a world of very concrete, real, supersensible entities—not yet a world of facts; we must gain access to those through something else entirely.
[ 37 ] Das ist also die Errungenschaft der modernen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, dass der Mensch wiederum eine Schwelle überschreitet und in eine andere Welt eintreten lernt, als diejenige ist, die ihn sonst umgibt. Und wenn der Mensch so erkennen lernt, wie er da unabhängig ist vom Leibe, dann kommt er endlich auch dazu, sich zu sagen: Nicht nur, indem die Seele einschläft, hebt sie sich gewissermaßen aus dem Leibe heraus und geht wiederum in den Leib zurück beim Aufwachen, durch die Begierde nach dem Leibe, der im Bette liegt, geht sie zurück. Man kommt auch dazu, wirklich kennenzulernen durch solche übersinnliche Erkenntnis die Wesenheit der Seele, wie sie durch diese Begierde zu dem Leibe wieder zurückkehrt beim Aufwachen. Eignet man sich aber solche realen Begriffe von Einschlafen und Aufwachen an, so erweitern sich diese Begriffe endlich auch zu dem, dass man die Menschenseele erkennen lernt in ihrer Wesenheit, wie sie war, bevor sie durch die Geburt oder Empfängnis in einen physischen Leib, der ihr durch die Vererbung gegeben ist, heruntergestiegen ist aus geistigen Welten.
[ 37 ] This, then, is the achievement of modern anthroposophically oriented spiritual science: that human beings once again cross a threshold and learn to enter a world other than the one that otherwise surrounds them. And when a person learns to recognize how independent they are of the body in this way, they finally come to say to themselves: It is not only when the soul falls asleep that it, as it were, lifts itself out of the body and returns to the body upon waking; it returns through the longing for the body lying in bed. Through such supersensible insight, one also comes to truly know the essence of the soul as it returns to the body upon waking through this longing. But if one acquires such real concepts of falling asleep and waking up, these concepts eventually expand to the point where one learns to recognize the human soul in its essence, as it was before it descended from the spiritual worlds through birth or conception into a physical body given to it by heredity.
[ 38 ] Wenn man einmal erfasst hat und verfolgen lernt dann die Seele außerhalb des Leibes zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wie man erkennen lernt die geringeren Kräfte, die die Seele nach dem Leibe im Bette hinziehen, so lernt man erkennen die Seele, wie sie lebt, indem sie vom Leibe befreit ist, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Namentlich die folgenden Vorstellungen nimmt man auf: Man lernt erkennen, warum im Schlafe die Menschenseele nur ein dumpferes Bewusstsein hat. Sie hat es deshalb, weil in ihr die Begierde nach dem Leibe lebt. Diese Begierde nach dem Leibe dämpft bis zur Ohnmacht herab das Bewusstsein zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, ist diese Begierde nicht mehr vorhanden. Und indem man die Seele kennenlernt durch das entwickelte Erinnerungsvermögen, lernt man sie gerade in dem Zustand kennen, wie sie entwickelt wird, nachdem sie durch die Pforte des Todes schreitet; wie sie dann ein Bewusstsein haben kann, weil sie nicht an einen physischen Leib gebunden ist, weil sie nach einem solchen keine Begierde mehr hat. Dieses Freisein von einer Begierde macht das Bewusstsein möglich.
[ 38 ] Once one has grasped and learned to follow the soul outside the body between falling asleep and waking up—once one learns to recognize the lesser forces that draw the soul back toward the body lying in bed—one learns to recognize how the soul lives, freed from the body, after it has passed through the gate of death. Specifically, one takes in the following insights: One learns to recognize why, during sleep, the human soul possesses only a dulled consciousness. It is because the longing for the body lives within it. This longing for the body dampens consciousness to the point of unconsciousness between falling asleep and waking up. When a person passes through the gate of death, this longing no longer exists. And as one comes to know the soul through the developed power of memory, one comes to know it precisely in the state in which it develops after passing through the gate of death—how it can then possess consciousness because it is no longer bound to a physical body, because it no longer has any desire for one. This freedom from desire makes consciousness possible.
[ 39 ] Indem der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, erlangt er ein andersartiges Bewusstsein als dasjenige ist, was ihm gegeben war durch das Werkzeug des Leibes. Dadurch lernt man auch erkennen, wie in der Seele die Kräfte waren, die sie hingezogen haben zu einem physischen Leibe, als sie war in einer geistigen Welt, aber zu einem physischen Leibe, der nur im Allgemeinen als physischer Leib ihr vorgeleuchtet hat, der nicht ein bestimmter war. Man lernt die Seele erkennen, wie sie die Begierde aufnimmt, in das physische Erdenleben wieder herunterzukommen. Man lernt, mit anderen Worten, zunächst das Ewige der Menschenseele in ihrer wahren Bedeutung kennen.
[ 39 ] As a person passes through the gate of death, he attains a different kind of consciousness than that which was given to him through the instrument of the body. Through this, one also comes to recognize the forces within the soul that drew it to a physical body while it was in the spiritual world—though to a physical body that appeared to it only in general terms as a physical body, not a specific one. One learns to recognize the soul as it embraces the desire to descend once more into physical life on earth. In other words, one first comes to know the eternal nature of the human soul in its true meaning.
[ 40 ] Und das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das eine, was man auf diese Weise kennenlernt. Man lernt aber noch etwas anderes kennen dadurch. Indem man so in Bildern, ich nenne es in meinen Büchern Imaginationen, erkennen lernt das Ewige in der Menschenseele, das durch Geburten und Tode geht, lernt man erkennen, dass diese Menschenseele angehört einer übersinnlichen Welt; dass die Seele so einer übersinnlichen Welt angehört, wie der Leib der sinnlichen Welt angehört. Und so, wie man durch den Leib diese sinnliche Welt beschreiben kann, so kann man in ihrer Geistigkeit die übersinnliche Welt beschreiben. Man lernt zu der sinnlichen Welt hinzu eine übersinnliche Welt erkennen.
[ 40 ] And that, my esteemed audience, is the one thing one comes to know in this way. But one comes to know something else as well through this process. By learning to recognize—through images, which I call “imaginations” in my books—the eternal in the human soul that passes through births and deaths, one comes to realize that this human soul belongs to a supersensible world; that the soul belongs to a supersensible world just as the body belongs to the sensible world. And just as one can describe this sensory world through the body, so can one describe the supersensible world through its spiritual nature. One learns to recognize a supersensible world in addition to the sensory world.
[ 41 ] Man muss sich allerdings dazu hergeben, noch eine zweite Seeleneigenschaft weiter auszubilden, als sie im gewöhnlichen Leben ist, eine Seeleneigenschaft, bei deren bloßer Nennung als einer Erkenntniseigenschaft der heutige Wissenschafter zurückzuckt. Man kann vollständig würdigen die Gründe, warum er das tut; allein dennoch ist dasjenige wahr, was ich Ihnen zu erzählen habe über die Weiterentwicklung dieser menschlichen Seelenfähigkeit.
[ 41 ] One must, however, be willing to further develop a second faculty of the soul beyond what it is in ordinary life—a faculty of the soul at the mere mention of which as a cognitive faculty today’s scientists recoil. One can fully appreciate the reasons why they do so; yet what I have to tell you about the further development of this human soul capacity is nonetheless true.
[ 42 ] Die erste Kraft, die entwickelt werden musste, war die Erinnerungsfähigkeit, die zu einer selbstständig waltenden Kraft wird. Die zweite Kraft ist die Kraft der menschlichen Liebe. Im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod wirkt die Liebe durch den körperlichen Organismus; sie ist innig verbunden mit Instinkten und Trieben der Menschennatur. Und nur in den erhabensten Augenblicken löst sich etwas von dieser Liebe los von der Leiblichkeit. Dann hat der Mensch jenen erhebenden Augenblick, wo er von sich selber frei wird, welches der Zustand der wahren Freiheit ist, wo der Mensch sich nicht hingibt den Trieben, sondern wo er sich vergisst, wo er nach den äußeren Tatsachen, nach der Notwendigkeit der Tatsachen seine Handlungen einrichtet. Weil die Liebe innerlich zusammenhängt mit der Freiheit, habe ich bereits im Jahre 1893 in meiner «Philosophie der Freiheit», durch die ich philosophisch geradezu eine Soziologie begründen wollte für die Gegenwart, gewagt zu sagen, die wahre Liebe mache den Menschen nicht blind, sondern gerade sehend, das heißt frei. Sie führt ihn über dasjenige hinaus, was ihn sonst blind macht, wenn er abhängig ist von dem, was in ihm ist. Die Liebe lässt uns hingegeben sein an die Außenwelt, und sie befreit uns dadurch von dem, wovon wir befreit werden müssen, wenn wir frei handeln sollen.
[ 42 ] The first faculty that had to be developed was the capacity for memory, which becomes a force acting of its own accord. The second faculty is the power of human love. In ordinary life between birth and death, love acts through the physical organism; it is intimately connected with the instincts and drives of human nature. And only in the most sublime moments does a part of this love detach itself from physicality. Then the human being experiences that uplifting moment when he becomes free from himself—which is the state of true freedom—where he does not surrender to his drives, but rather forgets himself, directing his actions according to external facts and the necessity of those facts. Because love is intrinsically linked to freedom, I dared to say as early as 1893 in my *Philosophy of Freedom*—through which I sought to establish, philosophically speaking, a sociology for the present—that true love does not blind a person, but rather makes them see clearly, that is, free. It leads him beyond that which would otherwise blind him when he is dependent on what is within him. Love allows us to be devoted to the external world, and thereby frees us from that from which we must be freed if we are to act freely.
[ 43 ] Aber diese Liebe, die nur in wirklich freien Handlungen in unser gewöhnliches Leben hineinleuchtet, sie muss gerade der moderne Geistesforscher ausbilden. Die Liebe muss allmählich sich so vergeistigen, wie die Erinnerungsfähigkeit sich vergeistigen muss; sie muss zu einer Kraft werden, die nur seelisch ist, die ganz und gar ihn als seelisches Wesen unabhängig macht vom Leibe, sodass er lieben kann, ohne dass der Leib durch sein Blut, durch seine ganze Organisation die Gründe für diese Liebe gibt. Dadurch kommt das Versenken in die äußere Welt, in den Menschen; dadurch wird man eins mit der äußeren Welt.
[ 43 ] But this love, which shines into our ordinary lives only through truly free actions, is precisely what the modern spiritual researcher must cultivate. Love must gradually become spiritualized, just as the capacity for memory must become spiritualized; it must become a force that is purely spiritual, one that makes him, as a spiritual being, completely independent of the body, so that he can love without the body—through its blood and its entire constitution—providing the reasons for this love. Through this, one becomes immersed in the external world, in human beings; through this, one becomes one with the external world.
[ 44 ] Diese entwickelte Liebekraft, die bringt uns nun ein Zweites; die setzt uns hinein in die geistige Welt wesenhaft, die wir durch die entwickelte Erinnerungsfähigkeit betreten. Und wir lernen jetzt Wesenheiten kennen, lernen geistige Tatsachen kennen und lernen, die Welt so zu schildern, dass wir nicht bloß sagen, wie einmal aus irgendeiner alten Nebelwelt unser gegenwärtiges Planetensystem entstanden ist, was dann auch wiederum einmal zerstäuben oder in die Sonne fallen wird. Wir sehen nicht auf eine solche geistfremde Natur, der gegenüber etwas anderes steht. Und wenn der Mensch ehrlich ist, so muss er empfinden, wie dieser naturwissenschaftlich angeschauten Welt gerade das Wertvollste im Menschen gegenübersteht. Man hat die bedrängten Seelen im modernen Geistesleben kennenlernen können, die uns immer wieder sagen: Da erzählt uns die Naturwissenschaft von einer Welt der rein natürlichen Notwendigkeit, dass unsere Welt herkomme aus Welten, die Nebelwelten waren, die sich zusammenballten zu den vier Naturreichen, dem Mineralreich, dem Pflanzenreich, dem Tierreich bis zum Menschen. Aber im Menschen entsteht jetzt etwas im tiefsten Innern, dem er den größten Wert beilegen muss: seine moralische, seine religiöse Welt. Die steht vor seiner Seele, die macht ihn eigentlich erst zum Menschen. Aber er muss sich sagen, wenn er ehrlich ist gegenüber der rein naturwissenschaftlichen Weltanschauung: Diese Erde, auf der du stehst wie ein Einsiedler des Weltalls mit deinen moralischen Idealen, sie wird zerfallen, wird zurückfallen in die Sonne, wird eine Schlacke werden. Ein großer Kirchhof wird da sein, die Ideale werden begraben sein.
[ 44 ] This developed power of love now brings us a second thing; it places us essentially within the spiritual world, which we enter through our developed capacity for memory. And we now come to know spiritual beings, come to know spiritual realities, and learn to describe the world in such a way that we do not merely say how our present planetary system once arose from some ancient, misty world—a system that will in turn one day disintegrate or fall into the sun. We do not look upon such a nature alien to the spirit, as if something else stood in opposition to it. And if a person is honest, they must sense how the world viewed through the lens of natural science stands in direct contrast to the very most valuable aspect of the human being. We have come to know the troubled souls in modern spiritual life who tell us time and again: Natural science tells us of a world of purely natural necessity, that our world originated from worlds that were nebular worlds, which coalesced into the four kingdoms of nature—the mineral kingdom, the plant kingdom, the animal kingdom, and finally humanity. But within the human being, something now arises in the deepest innermost part of his being, to which he must attach the greatest value: his moral, his religious world. This stands before his soul; it is what actually makes him human in the first place. But if he is honest with himself regarding the purely scientific worldview, he must admit: This Earth, upon which you stand like a hermit of the cosmos with your moral ideals, will disintegrate, will fall back into the sun, will become slag. A vast graveyard will remain, and the ideals will be buried.
[ 45 ] Da tritt die Geisteswissenschaft jetzt ein. Sie tritt dem nicht aus Glaube und Hoffnung bloß, sondern aus wirklichem Wissen, das auf diese Weise entwickelt wird, wie ich es angedeutet habe, gegenüber und sagt: Nein, die bloße naturwissenschaftliche Weltanschauung bietet eine Abstraktion von der Welt. Diese Welt ist durchgeistigt, diese Welt ist von übersinnlichen Wesenheiten durchzogen. Und blicken wir zurück auf die Vorzeit, so ist das, was materiell auf der Erde ist, aus Geistigem hervorgegangen; und was jetzt materiell ist, es wird ein Geistiges werden in der Zukunft. Geradeso, wie der Mensch seinen Leib abstreift und geistig in eine geistige Welt hineingeht mit Bewusstsein, so wird das, was an der Erde materiell ist, wie ein Leichnam abfallen, und das, was auf der Erde geistig-seelisch ist, was in den Menschen geistig-seelisch ist, es wird sich erheben in der Zukunft, auch wenn die Erde untergegangen sein wird. Man könnte sagen, mit einer gewissen Variante bewahrheitet sich hier das christliche Wort: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Der Mensch kann sagen: Alles, was meine Augen sehen, wird untergehen, wie der menschliche Leib untergeht gegenüber der menschlichen Individualität. Aber aus dem Untergehenden erhebt sich dasjenige, was als Moralisches im Menschen lebt. Der Mensch empfindet eine geistige Welt um sich herum, er lebt sich in eine geistige Welt hinein.
[ 45 ] This is where spiritual science now comes in. It confronts this view not merely out of faith and hope, but out of real knowledge—developed in the way I have indicated—and says: No, the purely scientific worldview offers an abstraction from the world. This world is imbued with spirit; this world is permeated by supersensible beings. And if we look back to prehistoric times, we see that what is material on Earth has emerged from the spiritual; and what is material now will become spiritual in the future. Just as a human being sheds his body and enters a spiritual world with his consciousness, so what is material on Earth will fall away like a corpse, and what is spiritual and soul-related on Earth—what is spiritual and soul-related in human beings—will rise up in the future, even after the Earth has perished. One could say that, with a certain variation, the Christian saying comes true here: “Heaven and earth will pass away, but my words will not pass away.” A person can say: Everything my eyes see will perish, just as the human body perishes in relation to human individuality. But from what is perishing, that which lives within a person as morality will rise. A person senses a spiritual world around them; they live their way into a spiritual world.
[ 46 ] Dadurch, dass anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in dieser Weise unser Wissen vertieft zum Geistigen hin, dadurch tritt sie gegenüber den zivilisatorischen Bedürfnissen der Gegenwart in einer anderen Form, als die äußere Wissenschaft das kann. Sie kann vertiefen wiederum das Wissen, die Erkenntnis zur religiösen Inbrunst, zu höherem Bewusstsein. Sie gibt dem Menschen ein geistiges Selbstbewusstsein.
[ 46 ] Because anthroposophically oriented spiritual science deepens our knowledge in this way toward the spiritual realm, it addresses the civilizational needs of the present in a different way than external science can. It can, in turn, deepen knowledge and insight into religious fervor and higher consciousness. It gives human beings a spiritual self-awareness.
[ 47 ] Das ist im Grunde genommen die erste große zivilisatorische Frage der Gegenwart. Wenn der Mensch nicht den rechten inneren Halt hat, wenn er sich vorkommt wie im Leeren schwebend als bloß materielle Wesenheit, so kann er kein starkes inneres Wesen entwickeln, und auch im sozialen Leben kann er nicht als ein starkes Wesen auftreten. Dasjenige, was äußere Einrichtungen sind, der Mensch muss es schaffen, dasjenige, was äußere soziale Zustände sind, der Mensch muss es schaffen. Es liegt in den äußeren Einrichtungen, den äußeren sozialen Zuständen etwas Bedeutungsvolles in Bezug auf die großen zivilisatorischen Fragen der Gegenwart und der Zukunft, und es führt uns diese zivilisatorische Frage zurück zum Aufsuchen des großen, wahren Menschheitsbewusstseins. Denn erst Menschen, die einen solchen inneren Halt haben, der ihnen das Ruhen im [Geiste] geben kann, werden sich in das soziale Leben richtig hineinstellen können. Das ist die erste Frage: Wie kann sich der Mensch mit innerem Halt, mit Lebenssicherheit hineinstellen in unsere sozialen Verhältnisse? Das Zweite ist das, was wir nennen könnten das Gegenübertreten des Menschen dem Menschen, den menschlichen Verkehr. Und da betreten wir ein Gebiet, wo nicht weniger als auf dem Erkenntnisgebiet die moderne Zivilisation dem Menschen nicht neue Lösungen, sondern neue Rätsel gebracht hat. Bedenken Sie nur, welche Weite der Technik, dem technischen Leben gerade die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft gebracht haben. Technisches Leben, kommerzielles Leben, Verkehrsleben, wie sie uns heute von Stunde zu Stunde umgeben, sie sind die Errungenschaften dieser großartigen neueren Naturanschauung. Was wir aber innerhalb der modernen Technik gerade nicht gefunden haben, was als neue Lebensfrage uns aufgegeben ist, das ist: Wie sollen die Menschen leben in diesem komplizierten technischen, kommerziellen und Verkehrs-Leben?
[ 47 ] This is, in essence, the first major civilizational question of our time. If a person lacks the proper inner stability, if they feel as though they are floating in a void as a mere material entity, then they cannot develop a strong inner being, nor can they act as a strong being in social life. Human beings must create the external institutions; human beings must create the external social conditions. There is something significant in these external institutions and external social conditions with regard to the great civilizational questions of the present and the future, and this civilizational question leads us back to the search for the great, true consciousness of humanity. For only people who possess such inner stability—which can give them peace of mind—will be able to engage properly in social life. That is the first question: How can a person with inner stability and a sense of security in life engage with our social conditions? The second is what we might call the encounter of human being with human being—human interaction. And here we enter a realm where, no less than in the realm of knowledge, modern civilization has brought humanity not new solutions but new riddles. Just consider the vast scope that the achievements of modern natural science have opened up for technology and technical life. Technical life, commercial life, and transportation life—as they surround us hour by hour today—are the achievements of this magnificent modern view of nature. But what we have not found within modern technology, what has been set before us as a new question of life, is this: How should people live in this complex technical, commercial, and transportation-oriented life?
[ 48 ] Diese Frage ist aufgeworfen von der modernen Zivilisation selbst. Dass sie noch nicht gelöst ist, das zeigen jene furchtbaren Bewegungen, die umso schlimmer sich darstellen, je weiter wir nach dem Osten hinüberkommen, bis nach Asien hinein, wo aus menschlichen Instinkten heraus nicht Aufwärtsgehendes erzeugt wird, sondern, weil die großen zivilisatorischen Fragen nicht gelöst sind, Zerstörerisches geschaffen wird. Es würde zweifellos durch dasjenige, was im Osten auftaucht, die ganze moderne Zivilisation zugrunde gehen müssen. Viel furchtbarer, als es sich die Menschen im Westen vorstellen, ist dasjenige, was da lauert, um in den Niedergang
[ 48 ] This question has been raised by modern civilization itself. The fact that it has not yet been resolved is demonstrated by those terrible movements, which appear all the more dire the further east we go, all the way into Asia, where human instincts do not give rise to anything uplifting, but—because the great questions of civilization remain unresolved—give rise to destruction. Undoubtedly, the very things emerging in the East would bring the entire modern civilization to ruin. What lurks there, ready to bring about its decline, is far more terrible than people in the West can imagine
[ 49 ] der modernen Zivilisation hineinzuführen. Aber es bezeugt auch, wie notwendig ist etwas anderes zur Lösung der zivilisatorischen Fragen der Gegenwart.
[ 49 ] to introduce them to modern civilization. But it also demonstrates how necessary it is to find a different approach to solving the civilizational issues of the present.
[ 50 ] Wir müssen nicht nur arbeiten in der modernen Technik, die aus der modernen Naturanschauung hervorgegangen ist, sondern wir müssen auch eine andere Möglichkeit gewinnen: Der Mensch ist der alten Natur entfremdet worden, er ist selber hineingestellt worden praktisch, mit seinen Handlungen, seinem ganzen Beruf in ein entseeltes, entgeistigtes Mechanistisches; er ist von dem Umgang mit der Natur zum Umgang mit der geistlosen Maschine, mit dem geistlosen Verkehrsmechanismus geführt worden; und wir müssen die Wege finden, dem Menschen wieder etwas zu geben, das er empfinden kann wie früher durch die Natur Gegebenes. Das muss eine Weltanschauung sein, die mit starker Kraft zu seiner Seele spricht und die ihm sagt, dass der Mensch etwas anderes noch ist, als was er hier erlebt; dass er angehört einer geistig-seelischen, einer übersinnlichen Welt, die ihn umgibt, die man erforschen kann in ebenso exakter Wissenschaft, wie die äußere Wissenschaft ist, die zur Technik führt. Aber nur eine solche Wissenschaft wird auch das richtige Verhältnis von Mensch zu Mensch wiederum begründen können. Eine solche Wissenschaft wird uns im Menschen begegnen lassen ein Wesen, das uns nicht nur erscheint, wie es uns gegenübertritt, wie es erscheint zwischen Geburt und Tod, sondern so, dass wir das Ewige, das Unvergängliche, den Zusammenhang mit einer übersinnlichen Welt immerdar achten lernen. Dadurch muss die Empfindung von Mensch zu Mensch anders werden durch ein solch vertieftes Wissen.
[ 50 ] Not only must we work within the framework of modern technology, which has emerged from the modern view of nature, but we must also find another way: Human beings have become alienated from the old nature; they have been placed, practically speaking, through their actions and their entire way of life, into a soulless, spiritless, mechanistic world; they have been led from interacting with nature to interacting with soulless machines and soulless transportation systems; and we must find ways to give human beings back something they can experience as a gift from nature, just as they did in the past. This must be a worldview that speaks powerfully to the human soul and tells us that human beings are something more than what they experience here; that they belong to a spiritual-soul world, a supersensible world that surrounds them, which can be explored through a science just as exact as the external science that leads to technology. But only such a science will also be able to reestablish the proper relationship between human beings. Such a science will enable us to encounter in the human being a being who appears to us not merely as he stands before us, as he appears between birth and death, but in such a way that we learn to honor forever the eternal, the imperishable, and the connection to a supersensible world. Through this, the feeling from person to person must change as a result of such deepened knowledge.
[ 51 ] Und auf ein Drittes kommt es noch an. Darauf kommt es an, dass der Mensch wiederum lernt, dass sein Leben nicht erschöpft ist mit dem Leben zwischen Geburt und Tod, wie es der moderne Proletarier glaubt aus seiner Ideologie genannten Weltanschauung heraus, sondern dass das, was wir hier tun in jedem Augenblick, nicht nur eine irdische, sondern auch eine kosmische Bedeutung hat. Denn tatsächlich, wenn die Erde zugrunde gegangen sein wird, dann wird dasjenige, was wir aus unseren Seelen in die alltägliche Arbeit hineintragen aus moralischen, geistig-seelischen Grundlagen heraus, aufgehen in einer anderen Welt; es wird die Durchgeistigung in der Metamorphose mitmachen.
[ 51 ] And there is a third factor that matters as well. What matters is that human beings learn once again that their lives are not limited to the period between birth and death—as the modern proletarian believes based on his ideology, or worldview—but that what we do here at every moment has not only an earthly but also a cosmic significance. For indeed, when the Earth has perished, what we bring from our souls into our daily work—based on moral, spiritual, and soulful foundations—will merge into another world; it will participate in the spiritualization through metamorphosis.
[ 52 ] Dreifach also macht sich die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft an die Fragen der Gegenwart heran. Sie bringt den Menschen zu einem geistigen Selbstbewusstsein. Sie bringt den Menschen dazu, in seinem Mitmenschen, dem Nächsten, ein Geistwesen wiederum zu sehen. Sie bringt den Menschen dazu, seiner Arbeit, seinen irdischen Verrichtungen eine kosmische, universelle, geistige Bedeutung zu geben, wenn sie auch noch so materiell sind.
[ 52 ] Anthroposophically oriented spiritual science thus approaches the questions of the present in three ways. It leads people to spiritual self-awareness. It leads people to see their fellow human beings—their neighbors—as spiritual beings once again. It leads people to attribute a cosmic, universal, spiritual significance to their work and their earthly activities, no matter how material they may be.
[ 53 ] Über dasjenige, was man so erarbeiten kann, hat Geisteswissenschaft heute schon nicht nur theoretische Anschauungen, sondern sie hat sich bereits an die Praxis des Lebens heranbegeben. Wir haben in Stuttgart die Waldorfschule, die von Emil Molt begründet wurde, die ich zu leiten habe, und an der eine Pädagogik, eine Didaktik ausgebildet wird durch dasjenige, was man an Menschenerkenntnis erhalten kann durch die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist. Wir haben ferner in Dornach bei Basel das Goetheanum, eine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, dessen Bau ich ihnen vorweisen werde anhand von Lichtbildern in einigen Tagen. Dieses Goetheanum in Dornach ist noch nicht fertig, aber wir konnten in dem unfertigen Bau im Herbst des vorigen Jahres eine große Anzahl von Kursen abhalten. Ich durfte auch früher schon hier in Holland über Geisteswissenschaft sprechen. Ich konnte damals nur so sprechen, dass diese Geisteswissenschaft vorhanden ist als eine Forschung, eine Forschungstendenz, als dasjenige, was bei einzelnen Menschen lebte.
[ 53 ] Regarding what can be developed in this way, spiritual science today already has not only theoretical insights but has also begun to apply them to practical life. In Stuttgart, we have the Waldorf School, which was founded by Emil Molt, which I have the privilege of directing, and where a pedagogy and a didactics are developed based on the understanding of the human being that can be gained through spiritual science, as it is understood here. We also have the Goetheanum in Dornach near Basel, a School of Spiritual Science, the construction of which I will show you through photographs in a few days. This Goetheanum in Dornach is not yet complete, but we were able to hold a large number of courses in the unfinished building last fall. I have also had the opportunity to speak about spiritual science here in the Netherlands in the past. At that time, I could only speak of spiritual science as existing as a field of research, a tendency toward research, and as something that lived within individual people.
[ 54 ] Seit jener Zeit hat diese Geisteswissenschaft eine andere Gestalt angenommen. Sie hat ihre eigene Freie Hochschule in Dornach zu errichten begonnen. Ich selber habe im Frühjahr des vorigen Jahres gezeigt, wie dasjenige, was ich Ihnen heute nur skizzenhaft in seinem Anfang als geisteswissenschaftliche Forschung dargestellt habe, in seiner Ausführung auf alle Wissenschaften angewendet werden kann. Ich habe damals Ärzten und Medizin-Studierenden gezeigt, wie in die Heilkunde, in die Therapie dasjenige hineinwirken kann, was aus dieser Geisteswissenschaft in streng exakter Methode gewonnen werden kann. Diejenigen Fragen in der Medizin, die Grenzfragen werden gegenüber den Gesundheitsfragen der Menschheit, diejenigen praktischen Fragen der Medizin wird jeder gewissenhafte Arzt empfinden, der sie empfindet als Kulturtatsache, diese Fragen sind es, die heute Rätselfragen sind, weil die heutige Wissenschaft sich nicht aus dem Sinnlichen ins Geistig-Übersinnliche erheben will.
[ 54 ] Since that time, this spiritual science has taken on a different form. It has begun to establish its own School of Spiritual Science in Dornach. Last spring, I myself demonstrated how what I have today presented to you only in outline form—as the beginnings of spiritual scientific research—can be applied in practice to all sciences. At that time, I showed doctors and medical students how what can be derived from this spiritual science through a strictly exact method can influence medicine and therapy. Those questions in medicine—the borderline questions—as opposed to the health issues facing humanity, those practical questions of medicine—will be felt by every conscientious physician who perceives them as a cultural reality; these are the questions that remain enigmas today because modern science does not wish to rise from the sensory to the spiritual-super-sensory.
[ 55 ] Wie Medizin befruchtet werden kann, wie alle Wissenschaften befruchtet werden können von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, Fachleute aus allen Gebieten, aus der Jurisprudenz, aus Mathematik, Geschichte, Soziologie, Biologie, Physik, Chemie, Pädagogik, bemühten sich, es zu zeigen. Dann waren es auch Persönlichkeiten, welche der Kunst, dem künstlerischen Schaffen angehören, die die Befruchtung des künstlerischen Schaffens aus der Geisteswissenschaft heraus darstellten. Es waren vertreten Menschen des praktischen Lebens, des kommerziellen, des industriellen Lebens, die zeigten, wie ihr Leben, geleitet durch die Geisteswissenschaft, nicht mehr bloß in der alten Routine, die uns in die Katastrophen hineingeführt hat, steht, sondern wie der Mensch dadurch gerade im höheren Sinn in Lebenspraxis hineingebracht wird. Gerade das sollte durch diese Kurse gezeigt werden, wie Geisteswissenschaft nicht irgendwelchen Dilettantismus, nicht eine nebulose Mystik pflegen will, sondern wie sie in die einzelnen Wissenschaften befruchtend eingreifen kann. Aber indem sie das tut, erhebt sie zu gleicher Zeit dasjenige, was in diesen Wissenschaften ist, zu einer geistigübersinnlichen Gesamtauffassung vom Menschen.
[ 55 ] Experts from all fields—including jurisprudence, mathematics, history, sociology, biology, physics, chemistry, and education—sought to demonstrate how medicine, and indeed all sciences, can be enriched by anthroposophically oriented spiritual science. Then there were also figures from the world of art and artistic creation who illustrated how spiritual science can enrich artistic creation. There were also representatives from practical life—from the commercial and industrial spheres—who showed how their lives, guided by spiritual science, are no longer merely stuck in the old routines that led us into catastrophe, but how this guidance actually brings people into practical life in a higher sense. This was precisely what these courses were intended to demonstrate: how spiritual science does not seek to cultivate some form of dilettantism or nebulous mysticism, but rather how it can fruitfully engage with the individual sciences. But in doing so, it simultaneously elevates what is contained within these sciences to a spiritual-super-sensory holistic understanding of the human being.
[ 56 ] Über die praktische Seite werde ich ja noch hier zu sprechen haben; dann werde ich über Unterrichts- und Erziehungsfragen sprechen und über die soziale Frage. Dann werden Sie sehen, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, nicht in einer lebensfremden Sphäre irgendwelche nebulose Mystik sucht, sondern wie sie den Geist aus anderen Gründen erfassen will: Erstens, weil der Mensch sich bewusst werden muss seines Zusammenhanges mit dem wahren geistigen Ursprung; zweitens aber, weil der Geist eingreifen will gerade in das materielle, in das lebenspraktische Leben, wie er einen Strich macht zwischen dem geistlosen praktischen Leben und einem in Lebensfremdheit erfassten Geiste, der ganz sicherlich nicht den Geist anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft erfasst, auch nicht dasjenige aber, was der Gegenwart am notwendigsten ist.
[ 56 ] I will, of course, have more to say here about the practical aspects; then I will discuss issues of teaching and education, as well as the social question. Then you will see how the spiritual science referred to here—the anthroposophically oriented spiritual science—does not seek some nebulous mysticism in a sphere alien to life, but rather seeks to grasp the spirit for other reasons: first, because human beings must become aware of their connection to the true spiritual origin; second, because the spirit seeks to intervene precisely in material, practical life, drawing a line between a spiritless practical life and a spirit conceived in alienation from life—a spirit that most certainly does not grasp the spirit of anthroposophically oriented spiritual science, nor, for that matter, what is most necessary for the present.
[ 57 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wir haben Menschen gefunden, die Verständnis hatten für dasjenige, was in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach gerade nach der charakterisierten Art für die Menschheitsentwicklung geleistet werden soll, und wie notwendig es ist gegenüber den großen zivilisatorischen Fragen der Gegenwart, dass das geleistet werden könne. Die schwierigen Verhältnisse haben den Bau sehr verlangsamt. Wir sind heute noch nicht fertig, und die Fertigstellung wird wesentlich davon abhängen, dass uns zu Hilfe kommen auch weiterhin Menschen, die Herz und Sinn haben für allen menschlichen, heute notwendigen Fortschritt. Im unfertigen Zustande versammelten wir bei der Eröffnung unserer Kurse mehr als tausend Menschen. Diejenigen, die hinkommen nach diesem Dornach — es wird sich das auch zeigen bei dem nächsten Vortrag —, die sehen, dass zu gleicher Zeit diese Geisteswissenschaft herausarbeiten will aus dem vollen Menschentum: dass sie will nicht nur zum Kopf des Menschen sprechen, dass sie nicht nur dasjenige gewinnen will, was durch Experimentieren, durch Beobachtung dargeboten werden kann, sondern dass sie zu gleicher Zeit nach wahrhaft künstlerischem Ausdruck strebt, ohne dass sie in stroherne Symbolik oder abstrakt pedantische Allegorien verfällt. Daher konnte nicht ein beliebiger Baustil in Dornach angewandt werden — das wird der Lichtbildervortrag zeigen —, sondern der Baustil musste auch aus denjenigen Quellen geschöpft werden, aus denen diese Geisteswissenschaft selber erfließt. Sie ist nicht in so einseitiger Weise Wissenschaft wie die heutigen, sich ans Experiment und an die Beobachtungen haltenden Wissenschaften, sondern sie will aus dem vollen Menschen heraus schöpfen. Sie will, trotzdem sie so exakt ist, wie nur irgendeine Wissenschaft sein kann, doch zum vollen, ganzen Menschen sprechen.
[ 57 ] Ladies and gentlemen, we have found people who understood what the School of Spiritual Science in Dornach is intended to accomplish for human development in the manner just described, and how necessary it is—in light of the great civilizational questions of our time—that this work be carried out. The difficult circumstances have greatly slowed down construction. We are not yet finished, and completion will depend largely on whether people who have a heart and a mind for all the human progress that is necessary today will continue to come to our aid. Even in its unfinished state, we gathered more than a thousand people for the opening of our courses. Those who come to Dornach—this will also become apparent at the next lecture — will see that, at the same time, this spiritual science seeks to emerge from the fullness of humanity: that it does not wish to speak only to the human mind, that it does not seek only to gain what can be presented through experimentation and observation, but that it simultaneously strives for truly artistic expression without falling into hollow symbolism or abstract, pedantic allegories. For this reason, not just any architectural style could be used in Dornach—as the slide presentation will show—but the architectural style also had to draw from the very same sources from which this spiritual science itself flows. It is not a science in such a one-sided way as today’s sciences, which adhere strictly to experimentation and observation, but rather it seeks to draw from the whole human being. Although it is as precise as any science can be, it nevertheless seeks to speak to the full, whole human being.
[ 58 ] Über die praktische Ausgestaltung werde ich also noch zu sprechen haben, aber ich musste heute vorausschicken, was eigentlich als geistige Forschung zu diesen Dingen hinführt, gerade um dann in den praktischen Gebieten zu zeigen, wie notwendig die heutige Zeit das hat, was gerade aus der Beobachtung der Geschichte dieser Zeit heraus diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will. Sie will zu der gewissenhaften und methodischen Erforschung der materiellen Welt, die sie mehr anerkennt als irgendeine geistige Richtung, hinzufügen die Wissenschaft des Geistes, die wiederum zu religiöser Vertiefung und zu künstlerischer Gestaltungskraft führen kann, wie die alte instinktive Wissenschaft, die wir nicht mehr erneuern können, zur Kunst und zur Religion in den Mysterien geführt hat.
[ 58 ] I will therefore have more to say about the practical details later, but today I felt it necessary to begin by explaining what actually leads to these matters in the realm of spiritual research—precisely so that I can then demonstrate, in the practical spheres, how essential it is for our time to have what this anthroposophically oriented spiritual science seeks, based specifically on an observation of the history of our era. It seeks to supplement the conscientious and methodical exploration of the material world—which it acknowledges more than any other spiritual movement—with the science of the spirit, which in turn can lead to religious deepening and artistic creativity, just as the ancient instinctive science, which we can no longer revive, led to art and religion in the mysteries.
[ 59 ] Dass diese Geisteswissenschaft nicht wider Religion und Christentum ist, das werde ich noch bei der weiteren Ausführung der praktischen Seite zu zeigen haben. Sie strebt dasjenige an, wonach jede wahre, religiöse Vertiefung zu streben hat, sie strebt nach dem Geiste. Daher haben wir die Hoffnung: All diejenigen Menschen, die heute noch dieser Geisteswissenschaft widerstreben, sie werden sich doch dazu finden, denn diese Geisteswissenschaft strebt etwas allgemein Menschliches an: sie strebt den Geist an, und die Menschheit, sie braucht den Geist.
[ 59 ] That this spiritual science is not opposed to religion and Christianity is something I will yet have to demonstrate as I continue to elaborate on its practical aspects. It strives for that which every true, religious deepening must strive for; it strives for the Spirit. Therefore, we have hope: all those people who are still resistant to this spiritual science today will eventually come to embrace it, for this spiritual science strives for something universally human: it strives for the Spirit, and humanity needs the Spirit.
