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Anthroposophical Spiritual Science
and the Big Questions of Contemporary Civilization
GA 80c

20 February 1921, Hilversum

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2. Die Anthroposophische Geisteswissenschaft und die Grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart

2. Anthroposophical Spiritual Science and the Major Civilizational Questions of Our Time

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer über ein Thema spricht wie dasjenige, welches Gegenstand der heutigen Abendbetrachtung werden soll, der muss sich ernsthaft dessen bewusst sein, dass in der Gegenwart zahlreiche Menschenseelen sind, die sich sowohl aus den Erkenntnisströmungen der Gegenwart heraus wie auch aus den praktischen sozialen Richtungen dieser Gegenwart heraus nach einer Neugestaltung der Dinge, nach einer Neugestaltung der Weltanschauung sehnen, Seelen, die fühlen, dass [es sich] in einer gewissen Beziehung mit den Vorstellungen, mit den Empfindungen und auch mit den Willensimpulsen, die aus den letzten Jahrhunderten herauf an die Menschen überkommen sind und in denen wir erzogen sind, nicht mehr ohne Weiteres geistig-seelisch und auch im sozialen Leben fortbestehen lässt.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who speaks on a topic such as the one that is to be the subject of this evening’s reflection must be earnestly aware that there are numerous human souls today who, drawing both from contemporary currents of thought and from the practical social trends of our time, yearn for a reshaping of reality, for a reshaping of their worldview—souls who feel that [it is] no longer possible, in a certain sense, to simply continue living—spiritually, emotionally, and in social life—with the ideas, feelings, and impulses of the will that have been handed down to us from past centuries and in which we were raised.

[ 2 ] Wir haben ja als Menschheit der zivilisierten Welt erlebt auf der einen Seite die großen, die ungeheuren Fortschritte naturwissenschaftlicher Weltanschauung und wir haben erlebt die gewaltigen Ergebnisse dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung auf dem Gebiete der Technik, auf dem Gebiete des praktischen Lebens, die uns gewissermaßen vom Morgen bis zum Abend bei jedem Schritt und Tritt begegnen. Aber wir haben etwas anderes mitbekommen mit den gewaltigen naturwissenschaftlichen Ergebnissen, mit den praktischen Folgen dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnisse im sozialen Leben. Der Mensch kann heute — und das ist ja bei jedem Gebiet der Fall, wenn er durch seine gewöhnliche Lektüre, durch das alltägliche Leben, durch alles dasjenige, was uns sonst mit dem Dasein zusammenführt, wenn er in sich einfließen lässt fortwährend vom Morgen bis zum Abend in der einen oder anderen Form die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse —, er kann dann nicht anders, als diejenigen Fragen, die die ewigen Fragen der Menschenseele und des Menschengeistes sind, die Fragen nach dem unsterblichen Wesen der Menschenseele, nach dem Sinn der ganzen Welt, nach dem Sinn des menschlichen Tuns selber; er kann dann nicht anders, als diese Fragen, deren Beantwortung ihm früher geworden ist durch die religiösen Bekenntnisse, er kann nicht anders — wenn er selbst noch so sehr heute den religiösen Bekenntnissen ergeben ist wenn er aufnimmt die moderne Bildung —, als dasjenige, was über diese Fragen seine Seele denkt und empfindet, was die Impulse seines Handelns sind, anzuknüpfen an dasjenige, was die Wissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten sagt, die ja in dieser Weise zu den Menschen früherer Jahrhunderte nicht gesprochen hat. Und er kann nicht anders, dieser moderne Mensch, als, indem er drinnensteht in dem kompliziert gewordenen Leben, dessen Ton ganz und gar abhängt von der modernen Technik, in das er eingespannt ist durch diese moderne Technik, er kann nicht anders als hinsehen, wie sein Leben abhängig ist von dieser Technik. Und er kann nicht anders als sich sagen: Im Grunde genommen sind die Menschen ganz anders geworden als in den alten, einfacheren Verhältnissen über die ganze zivilisierte Welt hin. Und er muss dann es durchaus gewahr werden, er muss es verspüren, dass auch in dieser sozialen Beziehung, in Beziehung auf das Zusammenleben der Menschen untereinander, heute mancherlei als Frage zu lösen ist.

[ 2 ] As humanity in the civilized world, we have witnessed, on the one hand, the great, the tremendous advances in the scientific worldview, and we have witnessed the immense achievements of this scientific worldview in the fields of technology and practical life—achievements that, in a sense, accompany us from morning to night at every turn. But along with these tremendous scientific achievements and the practical consequences of these scientific insights in social life, we have also observed something else. Today, a person—and this is true in every area—when, through their regular reading, through everyday life, through everything else that brings us into contact with existence, they allow scientific insights to flow into their being continuously from morning to night in one form or another— he cannot help but ask those questions that are the eternal questions of the human soul and the human spirit—the questions about the immortal nature of the human soul, about the meaning of the entire world, about the meaning of human action itself; he cannot help but ask these questions, the answers to which were once provided to him through religious creeds, he cannot help but—no matter how devoted he may still be to religious creeds today, no matter how much he embraces modern education—link what his soul thinks and feels about these questions, and the impulses driving his actions, to what science has been saying for the past three to four centuries—science that, after all, did not speak in this way to the people of earlier centuries. And this modern person, finding himself in the midst of a life that has become complicated—a life whose character depends entirely on modern technology, into which he is drawn by this modern technology—cannot help but see how his life is dependent on this technology. And he cannot help but say to himself: “Fundamentally, people have become quite different from what they were in the old, simpler conditions throughout the entire civilized world.” And he must then become fully aware of it—he must sense that even in this social context, in terms of how people live together, there are many issues that need to be resolved today.

[ 3 ] Ja, wir können in einer gewissen Beziehung sogar das Folgende sagen; wir können sagen: Naturwissenschaftliche Erkenntnis nötigt uns, mit ihr zu rechnen. Die praktischen technischen Ergebnisse, die unser modernes Leben gebracht haben, sie nötigen uns, mit ihnen zu leben. Aber beides gibt uns für die großen Fragen des Menschheitsdaseins nicht eigentlich Antwort, sondern es wirft im Grunde genommen neue Fragen auf. Denn derjenige, der sich mit unbefangenem Sinn gerade in alles dasjenige vertieft, was in so großer, bedeutsamer Weise Naturwissenschaft zu sagen hat über den Menschen, seine Organisation, seine Lebensform auf der Erde und so weiter, derjenige, der sich mit alldem befasst, der sich so recht vertieft in diese Dinge, der erhält dadurch nicht Antworten über das Ewige der Menschennatur, über den Sinn der Welt und des Daseins, er erhält im Gegenteil tiefere, bedeutungsvollere Fragen. Und er muss sich sagen: Woher nun die Antworten auf diese, durch das neuere Leben tiefer und drängender gewordenen Fragen? Denn von der Erkenntnisseite her haben wir eigentlich nicht Lösungen der großen Weltenrätsel durch die naturwissenschaftlichen Errungenschaften erhalten, sondern neue Fragen, neue Rätsel.

[ 3 ] Yes, in a certain sense we can even say the following: we can say that scientific knowledge compels us to take it into account. The practical technological achievements that have shaped our modern life compel us to live with them. But neither of these actually provides us with answers to the great questions of human existence; rather, they essentially raise new questions. For anyone who, with an open mind, delves deeply into all that scientific knowledge has to say—in such a grand and significant way—about human beings, their organization, their way of life on Earth, and so on, anyone who engages with all of this, who truly delves into these matters, does not thereby receive answers about the eternal nature of humanity, about the meaning of the world and of existence; on the contrary, they are confronted with deeper, more meaningful questions. And one must ask oneself: Where, then, are the answers to these questions, which have become deeper and more pressing as a result of modern life? For from the perspective of knowledge, the achievements of the natural sciences have not actually provided us with solutions to the great mysteries of the world, but rather with new questions, new mysteries.

[ 4 ] Und durch das praktische Leben? Nun ja, in dieses praktische soziale Leben, in dasselbe sind uns hineingestellt worden die Mittel unserer gewaltigen, ausgedehnten Industrie, die Mittel unseres weitausgedehnten Weltverkehrs und so weiter. Aber gerade dieses praktische Leben gibt uns ethische, sittliche, geistige Fragen auf über den Verkehr der Menschen untereinander. Und gerade das, was uns da als Rätsel aufgegeben wird über den Verkehr der Menschen untereinander, das ist es ja, was als soziale Frage heute die Gemüter bewegt, was in einer oftmals erschreckenden Weise vor den ernst denkenden und das Leben ernst nehmenden Menschen hintritt. So ist es auch die praktische Seite des Lebens, die wiederum Rätsel dem Menschen aufgibt.

[ 4 ] And what about practical life? Well, it is precisely into this practical social life—into this very same realm—that the means of our immense, extensive industry, the means of our far-reaching global commerce, and so on, have been introduced. But it is precisely this practical life that presents us with ethical, moral, and spiritual questions regarding human interaction. And it is precisely what is presented to us there as a mystery concerning human interaction—that is, after all, what stirs people’s minds today as a social issue, what confronts serious-minded people who take life seriously in an often alarming way. Thus, it is also the practical side of life that, in turn, presents humanity with mysteries.

[ 5 ] Diesen von zwei Seiten an die Menschenseele heranstoßenden Rätselfragen stellt sich nun dasjenige, was hier von dem Sprechenden «anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft» genannt wird, gegenüber. Sie will ihrerseits zunächst von Erkenntnisgrundlagen aus und dann auch von den Grundlagen des praktischen Lebens aus diejenigen Quellen des menschlichen Wesens suchen, welche führen können wenigstens zu einer teilweisen Lösung dieser Rätselfrage; zu jener Lösung dieser Rätselfragen, die dem Menschen möglich, aber auch notwendig ist; notwendig aus dem Grunde, weil es ja durchaus für den Unbefangenen sichtbarlich ist, dass, wenn das Leben in der Weise weitergeht, wenn die Seelen in der Weise den drängenden Fragen gegenüberstehen und innerlich veröden, wenn weiterhin nicht neue Impulse für das soziale Leben gefunden werden aus den Tiefen der Menschenseele heraus, wir als Menschheit in den Niedergang hineingehen würden, dass wir nicht zu einem Aufstieg kommen könnten in Bezug auf die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart.

[ 5 ] These enigmatic questions, which approach the human soul from two sides, are now confronted by what the speaker here calls “anthroposophically oriented spiritual science.” For its part, it seeks—first from the foundations of knowledge and then also from the foundations of practical life—those sources within the human being that can lead at least to a partial solution to these enigmatic questions; to that solution to these enigmatic questions which is not only possible for human beings but also necessary—necessary for the reason that it is quite evident to the impartial observer that if life continues in this way, if souls continue to face these pressing questions and become inwardly desolate, and if no new impulses for social life are found from the depths of the human soul, we as humanity would be heading toward decline, and we would be unable to achieve progress with regard to the great questions of civilization facing us today.

[ 6 ] Dasjenige, was anstrebt anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, das ist nun nicht etwa gegen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gerichtet. Alles dasjenige, was gegen diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die der Menschheit so viel Gutes gebracht haben, gerichtet wäre, es wäre durchaus dilettantisch, es wäre durchaus zur Oberflächlichkeit verurteilt. Aber gerade weil anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in völligem Ernste sich dem hingibt, was Naturwissenschaft wirklich an Früchten gebracht hat der modernen Menschheit, gerade deshalb kommt sie zu anderen Ergebnissen als diejenigen sind, welche erreicht werden heute noch von den überall im gewöhnlichen Leben betriebenen wissenschaftlichen Untersuchungen oder dergleichen.

[ 6 ] What anthroposophically oriented spiritual science strives for is by no means directed against the findings of the natural sciences. Anything that were directed against these findings of the natural sciences—which have brought so much good to humanity—would be thoroughly amateurish and doomed to superficiality. But precisely because anthroposophically oriented spiritual science devotes itself in all seriousness to the fruits that natural science has truly yielded for modern humanity, it arrives at conclusions different from those reached today by scientific investigations or similar endeavors conducted everywhere in everyday life.

[ 7 ] Denselben Weg geht man auf dem Gebiete anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, allein man setzt diesen Weg in einer gewissen Weise fort. Und ich möchte, um zu veranschaulichen, um verständlich zu machen, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu den naturwissenschaftlichen Forschungen steht, einen Vergleich gebrauchen. Ich gebrauche ihn wahrhaftig nicht, um in unbescheidener Weise dasjenige, was Anthroposophie bisher erreichen konnte, an ein welthistorisches Ereignis anzuheften und es etwa mit diesem gar ähnlich erklären zu wollen. Es soll nur ein Vergleich sein, und ich kann es durchaus denjenigen, die durchaus spotten wollen, überlassen, ob sie auch über einen solchen Vergleich spotten. Es war Kolumbus, als er seine Fahrt über den Ozean unternahm, durchaus nicht klar, wohin er kommen würde. Dazumal stand man dem Weltverkehrsproblem, das dann durch Kolumbus in die Zivilisation hereingekommen ist, entweder so gegenüber, dass man sich nicht kümmerte um das große Unbekannte, das drüben über dem Meere ist, dass man blieb bei demjenigen, was man schon als heimischen Wohnplatz hatte; oder aber man stand ihm so gegenüber, da man sich hinauswagte auf das weite Weltenmeer, wie Kolumbus und die Seinen, aber auch dann hoffte man noch nicht, dass man ein Amerika oder dergleichen entdecken würde. Man wollte nur einen anderen Weg nach Indien finden, von der anderen Seite. Dasjenige wollte man erreichen, was eigentlich schon bekannt war. So, möchte ich sagen, wie es dann Kolumbus gegangen ist, der von der anderen Seite ein schon Bekanntes erreichen wollte, dann aber auf dem Wege ein ganz anderes fand, ein Neues fand, so geht es dem Geisteswissenschaftler, der sich in ernster Weise auf die naturwissenschaftlichen Untersuchungen einlässt. Gewöhnlich bleiben die Leute bei diesem Einlassen auf die naturwissenschaftlichen Untersuchungen daheim bei dem, was sie schon haben, bei der Beobachtung der Sinnenerscheinungen, der verstandesmäßigen Kombination desjenigen, was die Sinnenerscheinungen darbieten. Oder, wenn man sich bewaffnet mit den Instrumenten, den Werkzeugen, welche der Beobachtung dann weiter dienen, mit dem Teleskop, dem Mikroskop, dem Spektroskop, dem Röntgenapparat, und sich dann bewaffnet mit der gewissenhaften, ausgezeichneten Denkmethode der neueren Wissenschaften — wenn man sich mit alledem hinauswagt auf das Meer des Forschens, so will man auf der anderen Seite doch nur ein Bekanntes finden, was zwar ähnlich ist, aber doch eben ähnlich ist dem, was man schon hat: Atome, Moleküle mit komplizierten Bewegungen, eine Welt also hinter dem Teppich, der als Sinneswelt ausgebreitet ist; eine Welt, die man zwar als kleine Bewegungen schildert, kleine Körperchen und dergleichen, aber die doch im Grunde genommen ähnlich ist demjenigen, was man schon hier hat und mit Augen sieht, mit Händen berührt und dergleichen. Denn das ist dasjenige, was dann zugrunde liegt dieser übersinnlichen Welt der Naturforscher.

[ 7 ] One follows the same path in the field of anthroposophically oriented spiritual science, but this path is continued in a certain way. And to illustrate—to make it clear—how anthroposophical spiritual science relates to research in the natural sciences, I would like to use a comparison. I am certainly not using it to immodestly link what anthroposophy has been able to achieve so far to a world-historical event, or to suggest that it is in any way comparable to that event. It is meant to be merely a comparison, and I can certainly leave it up to those who wish to mock it to decide whether they will mock such a comparison as well. When Columbus set out on his voyage across the ocean, it was by no means clear to him where he would end up. At that time, people faced the problem of global travel—which Columbus subsequently introduced into civilization—in one of two ways: either they paid no heed to the great unknown lying across the sea and remained in the places they already called home; or people faced it by venturing out onto the vast ocean, like Columbus and his men, but even then they did not hope to discover an America or anything of the sort. One simply wanted to find another route to India, from the other side. One wanted to reach what was, in fact, already known. Just as, I would say, it was with Columbus, who wanted to reach something already known from the other side but then found something entirely different along the way—something new—so it is with the spiritual scientist who seriously engages in scientific research. Usually, when engaging with scientific investigations, people stick to what they already have—to the observation of sensory phenomena and the intellectual synthesis of what these sensory phenomena present. Or, when one arms oneself with the instruments and tools that further aid observation—the telescope, the microscope, the spectroscope, the X-ray machine— and then equips oneself with the meticulous, excellent method of thought characteristic of the modern sciences—when one ventures out with all of this into the sea of research, one still hopes, on the other hand, to find only something familiar, something that is indeed similar, but precisely similar to what one already has: atoms, molecules with complex movements—in other words, a world lying beneath the carpet that is spread out as the sensory world; a world that is described as consisting of small movements, tiny particles, and the like, but which is, at its core, similar to what one already has here and sees with one’s eyes, touches with one’s hands, and so on. For that is what ultimately underlies this supersensory world of the natural scientists.

[ 8 ] Derjenige aber, der durch anthroposophische Geisteswissenschaft ganz mit demselben Ernste, aber nur weitergehend auf dieses Meer der Forschung sich begibt, der kommt zu etwas anderem. Er trifft auf dem Wege nicht das Altbekannte der Atome und Moleküle, sondern indem er sich bewusst wird dessen: Was tust du denn eigentlich, indem du über die Natur in der Weise nachforschest, wie es die neueren Jahrhunderte gemacht haben? Was geht in dir vor während des Forschens? Was vollzieht deine Seele auf der Sternwarte, in der Klinik forschend? Deine Seele — so sagt sich der, der etwas Selbstbeobachtung verbindet mit dem, was er da tut —, deine Seele arbeitet durchaus geistig, sie arbeitet aber, indem sie versucht, die Entwicklung der Tiere bis hinauf zum Menschen zu erforschen, indem sie versucht, in den Gang der Sterne einzudringen, in einer Weise, wie die Menschen früher nicht gearbeitet haben. Aber allerdings, die Menschheit beobachtete das eigentlich dann nicht immer so. Sie sagte sich nicht immer: Indem ich die Natur erforsche, ist es in mir der Geist, die Seele, die eigentlich in mir arbeitet, und ich muss diesen Geist, diese Seele erkennen.

[ 8 ] But the person who, through anthroposophical spiritual science, ventures into this sea of research with the same seriousness—only going further—will arrive at something different. Along the way, they do not encounter the familiar world of atoms and molecules, but rather become aware of this: What are you actually doing when you investigate nature in the way that people have done in recent centuries? What is going on within you during your research? What is your soul doing at the observatory or in the clinic as you conduct your research? Your soul—so says the one who combines a measure of self-observation with what he is doing there—your soul works in a thoroughly spiritual way; but it works by attempting to investigate the development of animals all the way up to human beings, by attempting to penetrate the movements of the stars, in a way that people did not work in the past. But admittedly, humanity did not always view it that way. It did not always say to itself: As I explore nature, it is the spirit, the soul, that is actually at work within me, and I must recognize this spirit, this soul.

[ 9 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als ihre Ergebnisse hinstellt, es ist eigentlich gewonnen auf dem Wege nach dem Naturforschen. Es ist gewonnen, wie gefunden worden ist als ein Unbekanntes Amerika von Kolumbus. Dasjenige aber, was da vollzogen wird, was als Geist, als Seele bewusst wird in dem wahrhaft Forschenden, das kann man dann weiter ausbilden, weiter entwickeln. Dadurch erlangt man eine wirkliche Erkenntnis desjenigen, was Geist ist in der Menschenseele. Und die Methoden, das auszubilden, was ich eben angedeutet habe, was durchaus tätig ist in der Menschenseele beim modernen Naturforscher, diese Methoden, das zu entwickeln, das ist ja die Aufgabe der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Da muss aber allerdings für diese Geisteswissenschaft ein ganz bestimmter Ausgangspunkt gewählt werden. Man muss ausgehen von dem, was man nennen könnte «intellektuelle Bescheidenheit».

[ 9 ] Ladies and gentlemen, what anthroposophically oriented spiritual science presents as its findings has actually been gained through the path of natural science. It has been gained in the same way that Columbus discovered the unknown Americas. But what takes place there—what becomes conscious as spirit and soul within the true researcher—can then be further cultivated and developed. Through this, one attains a genuine understanding of what spirit is in the human soul. And the methods for cultivating what I have just indicated—what is indeed active in the human soul of the modern natural scientist—these methods for developing it are, after all, the task of the anthroposophically oriented spiritual science referred to here. For this spiritual science, however, a very specific starting point must be chosen. One must start from what one might call “intellectual humility.”

[ 10 ] Ja, diese intellektuelle Bescheidenheit muss man in einem solchen Grade haben, dass der Vergleich, den ich nun gebrauchen will eben nur als einen Vergleich, durchaus berechtigt ist. Man muss sich sagen: Man gebe ja zum Beispiel einem fünfjährigem Kinde einen Band Shakespeare in die Hand, was wird das Kind damit machen? Es wird ihn zerreißen oder in anderer Weise mit ihm spielen. Ist das Kind in seiner Lebensentwicklung um zehn bis fünfzehn Jahre weiter geschritten, so wird es den Band Shakespeare nicht mehr zerreißen, sondern es wird das damit tun, was dem Bande Shakespeare angemessen ist. Das Kind hatte gewisse Fähigkeiten schon als fünfjähriges Kind in seiner Seele, die konnten aus dieser Seele herausgeholt, entwickelt werden, und durch die Entwicklung dieser Fähigkeiten ist tatsächlich das Kind ein anderes geworden, als es früher war. Ist man imstande, aufzubringen als erwachsener Mensch — als ein Mensch, der schon die gewöhnliche Entwicklung des alltäglichen Lebens, der gewöhnlichen Wissenschaft erreicht hat — die intellektuelle Bescheidenheit, sich zu sagen: Gegenüber den Geheimnissen der Natur bin ich im Grunde doch in der Lage wie das fünfjährige Kind gegenüber dem Bande Shakespeare. In mir liegen ja wohl noch Fähigkeiten, die verborgen sind, die ich herausholen kann, die ich herausentwickeln, herausentfalten kann aus meiner Seele, und ich muss mein Seelenleben durch Selbsterziehung weiterbringen, dann werde ich in einer ähnlichen Weise neu der ganzen Natur gegenübertreten können, wie das Kind neu, gegenüber seinem fünfjährigen Zustande, dem Bande Shakespeare gegenübertritt, wenn es fünfzehn, zwanzig Jahre alt geworden ist. Und von den Methoden habe ich Ihnen zu sprechen, durch die solche in jeder menschlichen Seele liegenden Kräfte herausentwickelt werden können aus dieser Menschenseele. Denn durch Entwicklung dieser Methoden erlangen wir in der Tat eine ganz neue Einsicht in die Natur und in das Menschendasein. Diese Methoden, die ahnt in einer gewissen Weise die moderne, suchende Menschenseele, aber über diese Ahnungen hinaus kommt man in weitesten Kreisen bis jetzt nicht.

[ 10 ] Yes, one must possess this intellectual humility to such an extent that the comparison I am about to use—and I mean it only as a comparison—is entirely justified. One must ask oneself: If, for example, you were to hand a five-year-old child a volume of Shakespeare, what would the child do with it? It would tear it up or play with it in some other way. Once the child has progressed ten to fifteen years in its development, it will no longer tear up the volume of Shakespeare, but will do with it what is appropriate for a volume of Shakespeare. Even as a five-year-old, the child already possessed certain abilities within its soul; these could be drawn out and developed, and through the development of these abilities, the child has indeed become a different person than it was before. Is one capable, as an adult—as a person who has already attained the ordinary development of everyday life and conventional science—of mustering the intellectual humility to say to oneself: When faced with the mysteries of nature, I am essentially in the same position as the five-year-old child is when faced with the volume of Shakespeare? There are surely still abilities within me that are hidden, that I can draw out, that I can develop and unfold from my soul, and I must advance my inner life through self-education; then I will be able to face the whole of nature anew in a similar way to how a child, having grown beyond its five-year-old state, faces the works of Shakespeare anew when it has reached the age of fifteen or twenty. And I must speak to you of the methods through which such powers, lying within every human soul, can be developed out of that human soul. For through the development of these methods, we do indeed gain a completely new insight into nature and into human existence. These methods are, in a certain sense, intuited by the modern, searching human soul, but in the broadest circles, people have not yet gone beyond these intuitions.

[ 11 ] Sehen Sie, es ist doch so, dass unter uns schon viele Menschen leben, die sich sagen: Wenn wir zurückblicken in alte Zeiten oder wenn wir hinüberblicken zum Beispiel in den Orient, wo sich noch die Überreste, allerdings die dekadenten Überreste einer alten Menschenweisheit erhalten haben, da ist noch etwas von dem, wo die Erkenntnis, dasjenige, was man Wissenschaft nennt, zu gleicher Zeit einen religiösen Charakter annimmt, wo man die Menschenseele über die Welt und das eigene Dasein zu einer gewissen Befriedigung bringen kann. Und weil man solches sieht, weil auch die äußere anthropologische Wissenschaft Erkenntnisse sehr tiefer Natur über alte menschliche Weltanschauungen heraufgefördert hat innerhalb unseres zivilisierten Lebens, deshalb sehnen sich viele Menschen zurück nach jenen früheren Seelenzuständen. Sie möchten alte Weisheit wieder lebendig machen, möchten das, was sich von solcher alten Weisheit im Orient drüben erhalten hat, nach dem Ausspruch «Ex Oriente Lux» in unserm Abendland verbreiten. Solche Menschen, die sich sehnen nach einer Erkenntnis, die nicht die unseres Zeitalters ist, die verstehen nicht den Sinn der Menschheitsentwicklung. Denn jedes Zeitalter hat für die Menschheit in Bezug auf alle Gebiete des Lebens seine besonderen Aufgaben. Wir können nicht heute unsere Seelen erfüllen mit demjenigen, womit unsere Vorfahren vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden als mit ihren Weisheitsschätzen ihre Seelen erfüllt haben. Aber orientieren können wir uns in einer gewissen Weise, wie sie es gemacht haben, diese Vorfahren, und dann können wir auf unsere Art einen Weg suchen wiederum in das Übersinnliche hinein. Denn die Menschenseele ahnt wohl, dass sie in den Tiefen ihres Wesens zusammenhängt nicht etwa mit der sinnlichen Natur, mit der der Leib zusammenhängt, sondern mit einer übersinnlichen Natur, mit der eben das Ewige der Seele und die ewige Bestimmung dieser Seele zusammenhängen.

[ 11 ] You see, the fact is that there are already many people among us who say to themselves: When we look back to ancient times or when we look, for example, to the Orient, where the remnants—albeit the decadent remnants—of an ancient human wisdom have been preserved, there is still something there where knowledge, that which is called science, simultaneously takes on a religious character, where the human soul can find a certain satisfaction regarding the world and its own existence. And because we see this—and because even the external science of anthropology has brought to light insights of a very profound nature regarding ancient human worldviews within our civilized life—many people long for those earlier states of the soul. They wish to revive ancient wisdom and to spread throughout the West—in accordance with the saying “Ex Oriente Lux”—what has been preserved of such ancient wisdom in the East. Such people, who yearn for a form of knowledge that is not of our own age, do not understand the meaning of human evolution. For every age has its own particular tasks for humanity in all areas of life. We cannot fill our souls today with the very things with which our ancestors filled their souls centuries or millennia ago as their treasures of wisdom. But we can, in a certain way, take our cue from how those ancestors did it, and then we can seek a path of our own into the supersensible realm once again. For the human soul senses that, in the depths of its being, it is connected not to the sensory nature with which the body is linked, but to a supersensory nature with which the eternal aspect of the soul and the soul’s eternal destiny are connected.

[ 12 ] Nun hatten unsere Voreltern in früheren Jahrhunderten oder Jahrtausenden eine ganz bestimmte Anschauung über das Verhältnis des Menschen zu jener Welt, der der Mensch außerhalb von Geburt und Tod angehört. Es waren ganz bestimmte Vorstellungen, die die Seele mit tiefen Empfindungen und Gefühlen erfüllten, die sich knüpften an das Betreten dieses Weges in die übersinnliche Welt, zu übersinnlichen Erkenntnissen hinüber. Und namentlich eine Vorstellung ist es, die mit Schauern erfüllte denjenigen, der die in ihrer ganzen Tiefe aus alten Zeiten herauftönen hört, es ist die Vorstellung von dem Hüter der Schwelle, von der Schwelle, die man überschreiten muss, wenn man von der gewöhnlichen Erkenntnis, die uns führt im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, zur eigentlichen Geistes- und Seelenerkenntnis aufsteigen will. Die Menschen empfanden in alten Zeiten: Da ist ein Abgrund zwischen dem, was gewöhnliche Erkenntnis ist, und dem, was eigentliche Aufschlüsse gibt über das Wesen der Seele. Und es war diesen Menschen eine ganz reale Empfindung, dass etwas dastand an dieser Schwelle, ein Wesen nicht menschlicher Art, ein Wesen geistiger Art, das sie behütete, diese Schwelle zu überschreiten, bevor sie genügend vorbereitet waren. Die Leiter der alten Weisheitsschulen, die man wohl auch Mysterien nennt, sie ließen niemand über diese Schwelle kommen, den sie nicht erst, namentlich durch eine gewisse Willenszucht, gehörig vorbereitet hatten. Warum das so war, das können wir uns an einem sehr einfachen Beispiel klarmachen.

[ 12 ] In earlier centuries or millennia, our ancestors held a very specific view of the relationship between human beings and that world to which we belong beyond birth and death. These were very specific ideas that filled the soul with deep sensations and feelings, linked to embarking on this path into the supersensible world, toward supersensible insights. And there is one notion in particular that filled those who hear it resounding in all its depth from ancient times with a shudder: it is the notion of the Guardian of the Threshold, of the threshold that one must cross if one wishes to ascend from ordinary knowledge—which guides us in everyday life and in ordinary science—to true knowledge of the spirit and the soul. In ancient times, people sensed that there is an abyss between what constitutes ordinary knowledge and what provides true insight into the nature of the soul. And it was a very real sensation for these people that something stood at this threshold—a being of a non-human nature, a spiritual being—that guarded them from crossing this threshold before they were sufficiently prepared. The leaders of the ancient schools of wisdom—which are also known as the Mysteries—would not allow anyone to cross this threshold unless they had first been properly prepared, particularly through a certain discipline of the will. We can understand why this was so by considering a very simple example.

[ 13 ] Wir sind heute als Menschen recht stolz darauf, dass wir seit Jahrhunderten eine andere äußerliche Weltanschauung haben in Bezug auf unser Planetensystem und die übrige Sternenwelt, als sie das Mittelalter, als sie nach unserer Ansicht das Altertum hatte. Wir sind stolz auf die kopernikanische Weltanschauung, und das von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht. Wir sagen: Wir haben die heliozentrische Weltanschauung gegenüber der geozentrischen Weltanschauung des Mittelalters und des Altertums, wo man sich vorstellte, dass die Erde ruhe, dass die Sonne mit den Sternen sich um die Erde bewege. Wir wissen heute, wie die Erde mit einer riesigen Geschwindigkeit um die Sonne kreist, und berechnen dann aus den Beobachtungen, die sich im Zusammenhang damit ergeben, dasjenige, was wir dann als Weltbild über unser Sonnen- oder Planetensystem haben. Und wir sehen zurück auf das Mittelalter und wissen, dass dieses ein Weltbild hatte, das in einer gewissen Weise kindlich im Verhältnis zu diesem heliozentrischen System genannt werden kann. Aber wenn wir weiter zurückgehen, zum Beispiel sogar bis einige Jahrhunderte vor der Geburt Christi, so finden wir, dass im alten Griechenland, zum Beispiel bei Aristarch von Samos, ein heliozentrisches Weltbild gegeben worden ist; Plutarch berichtet uns darüber. Dieses Weltbild des Aristarch von Samos unterscheidet sich in den Hauptzügen durchaus nicht von dem, was heute jeder in den untersten Schulen schon als das Richtige lernt. Dazumal aber [hat] Aristarch von Samos das nur in weiteren Kreisen verraten, sonst wurde es nur gelehrt in den engeren Kreisen der Mysterien. Es wurde nur an die Menschen herangebracht, die erst durch die Führer der Weisheitsschulen vorbereitet waren. Man sagte: Der Mensch mit seinem gewöhnlichen Bewusstsein, er ist nicht geeignet, ein solches Weltbild zu erhalten, zwischen ihm und diesem Weltbild muss die Schwelle in die geistige Welt aufgerichtet werden; er muss behütet werden durch den Hüter der Schwelle davor, unvorbereitet so etwas zu erfahren wie das heliozentrische System oder auch vieles andere, was heute bei uns wiederum alle Gebildeten haben, was aber den Alten vorenthalten worden ist, wenn sie nicht genügend vorbereitet waren.

[ 13 ] Today, as human beings, we are quite proud that for centuries we have held a different outward worldview regarding our solar system and the rest of the universe than that of the Middle Ages—or, in our view, than that of antiquity. We are proud of the Copernican worldview, and from a certain point of view, rightly so. We say: We have the heliocentric worldview as opposed to the geocentric worldview of the Middle Ages and antiquity, when people imagined that the Earth was stationary and that the Sun and the stars moved around the Earth. Today we know how the Earth orbits the Sun at tremendous speed, and from the observations resulting from this, we calculate what we then have as a worldview of our solar or planetary system. And we look back at the Middle Ages and know that it had a worldview that, in a certain sense, can be called childish in comparison to this heliocentric system. But if we go further back—for example, even to a few centuries before the birth of Christ—we find that in ancient Greece, for instance with Aristarchus of Samos, a heliocentric worldview had already been proposed; Plutarch tells us about this. This worldview of Aristarchus of Samos does not differ in its main features at all from what everyone today learns as the correct view even in the earliest grades of school. At that time, however, Aristarchus of Samos revealed this only to wider circles; otherwise, it was taught only within the more restricted circles of the mysteries. It was made accessible only to those who had first been prepared by the leaders of the schools of wisdom. It was said: A person with ordinary consciousness is not suited to receive such a worldview; between that person and this worldview, the threshold to the spiritual world must be erected; he must be protected by the Keeper of the Threshold from experiencing, unprepared, such things as the heliocentric system or many other concepts that are now common knowledge among the educated, but which were withheld from the ancients if they were not sufficiently prepared.

[ 14 ] Warum enthielt man dazumal den Menschen diese Dinge vor? Nun, unsere geschichtlichen Erkenntnisse reichen gewöhnlich nicht bis in die Tiefen der menschlichen Seelenentwicklung hinein. In dieser Geschichtswissenschaft, die heute gang und gäbe ist, erklärt man den Menschen nicht, wie die Seelen der Menschen in ihrer Verfassung sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende verändert haben. In der griechischen, in der römischen Zeit selbst, und in der ersten Zeit des Mittelalters noch waren die Seelen der Menschen in einer ganz anderen Verfassung als heute. Die Menschen hatten aus ihren Instinkten, aus ganz unbestimmten, halb träumerischen Seelenzuständen heraus, ein Weltbewusstsein, eine Welterkenntnis. Diese Weltkenntnis, wir können heute uns keinen Begriff davon machen. Wenn wir nach der damaligen Zeit naturwissenschaftlich zu nennende Werke in die Hand nehmen — man mag darüber denken wie man will, man mag sie abergläubisch nennen, man hat damit in Bezug auf die heutige Bildung durchaus recht, aber der eigentümliche Charakter dieser Werke war der, dass die Menschen nirgends so trocken und nüchtern, so geistleer die Mineralien, die Pflanzen und Tiere, die Flüsse und Wolken angesehen haben und die Sterne aufund untergehen sahen, ohne dass sie zu gleicher Zeit den Geist in der Natur wahrnahmen. In jedem Stein nahmen sie Geistig-Seelisches wahr, in jeder Pflanze, in jedem Tier, in dem Gang der Wolken, in der ganzen Natur. Der Mensch fühlte in sich das Geistig-Seelische und das, was er in sich fühlte, das war ihm auch ausgebreitet in der äußeren Welt. Er fühlte sich noch nicht so getrennt von der äußeren Welt, wie der Mensch sich heute fühlt. Dafür aber war auch sein Selbstbewusstsein ein schwächeres. Und man musste sich mit Recht sagen in den alten Zeiten der Menschheitsentwicklung: Wenn man dem Menschen etwas mitteilte von der Art, wie es das heliozentrische System ist, wie es den Weisen mitgeteilt worden ist, wenn man ihm mitteilen würde: Die Erde kreist mit riesiger Geschwindigkeit durch den Weltenraum, er würde einer seelischen Ohnmacht verfallen.

[ 14 ] Why were these things kept from people back then? Well, our historical understanding usually does not extend into the depths of human soul development. In the historical science that is commonplace today, people are not told how the constitution of the human soul has changed over the course of centuries and millennia. Even in Greek and Roman times, and in the early Middle Ages, the human soul was in a completely different state than it is today. People derived a consciousness of the world, an understanding of the world, from their instincts and from very vague, half-dreamlike states of mind. We today cannot even begin to conceive of this understanding of the world. When we pick up works from that era that might be called scientific—whatever one may think of them, one may call them superstitious—and from the perspective of today’s education, one would certainly be right to do so—but the distinctive character of these works was that nowhere did people view minerals, plants, and animals, rivers and clouds, or watch the stars rise and set in such a dry, sober, and spiritless manner without simultaneously perceiving the spirit in nature. In every stone they perceived the spiritual-soul aspect, in every plant, in every animal, in the movement of the clouds, in all of nature. Human beings felt the spiritual-soul aspect within themselves, and what they felt within themselves was also spread out before them in the outer world. They did not yet feel as separated from the outer world as human beings do today. On the other hand, however, their sense of self was also weaker. And one could rightly say in the early days of human development: If one were to tell a person something like the heliocentric system—as it was revealed to the sages—if one were to tell them that the Earth orbits through space at tremendous speed, they would succumb to a state of spiritual faintness.

[ 15 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eine historische Wahrheit. Es ist ebenso eine historische Wahrheit wie die historischen Wahrheiten, die wir in der Schule lernen über Alkibiades und den Peloponnesischen und die persischen Kriege. Aber es ist eine Wahrheit, die wir gewöhnlich nicht lernen, dass die griechische Seele anders beschaffen war als die heutige Menschenseele. Sie war dumpfer in Bezug auf die Kräfte des inneren Selbstbewusstseins. Die weisen Leiter der Mysterien hätten mit Recht fürchten müssen, dass diese Seelen — wenn sie unvorbereitet hineingeführt worden wären in die übersinnlichen Erkenntnisse, ja nur in diejenigen Erkenntnisse, die heute Gemeingut aller Gebildeten sind —, dass diese Seelen in geistige Ohnmacht verfallen wären. Deshalb, sagte man, müssen die Seelen der Menschen erst durch eine Willenszucht stark und mutvoll gemacht werden, damit sie es aushalten können, wenn ihr Selbstbewusstsein in eine ganz andere Welt als die gewöhnliche geführt wird. Und die Seelen müssen furchtlos gemacht werden gegenüber dem Unbekannten, in das sie eintreten sollten. Furchtlosigkeit vor dem Unbekannten, ein mutvolles Erfassen desjenigen, wobei man ja nach der Anschauung der Alten wortwörtlich den Boden unter den Füßen verliert — denn wenn man nicht mehr auf der ruhenden Erde steht, so verliert man ja den Boden unter den Füßen —, mutvolle Seelenverfassung und Furchtlosigkeit und manche anderen Eigenschaften waren es, durch welche die Schüler der Weisheitsschulen vorbereitet wurden, um den Abgrund zu überschreiten in die geistige, übersinnliche Welt hinein.

[ 15 ] Yes, ladies and gentlemen, that is a historical truth. It is just as much a historical truth as the historical truths we learn in school about Alcibiades and the Peloponnesian and Persian Wars. But there is one truth we do not usually learn: that the Greek soul was of a different nature than the human soul of today. It was more dulled with regard to the powers of inner self-awareness. The wise leaders of the Mysteries would have been right to fear that these souls—if they had been led unprepared into the supersensible insights, indeed even into those insights that are now common knowledge among all educated people—would have fallen into spiritual helplessness. Therefore, it was said, human souls must first be made strong and courageous through the discipline of the will, so that they can endure having their self-awareness led into a world entirely different from the ordinary one. And the souls must be made fearless in the face of the unknown into which they were to enter. Fearlessness in the face of the unknown, a courageous grasp of that which—according to the view of the ancients—literally causes one to lose the ground beneath one’s feet—for when one no longer stands on the stationary earth, one does indeed lose the ground beneath one’s feet— a courageous state of mind, fearlessness, and many other qualities were what prepared the students of the schools of wisdom to cross the abyss and enter the spiritual, supersensible world.

[ 16 ] Und was lernten sie dann? Sie lernten — und das ist das Überraschende, das Paradoxe —, sie lernten dasjenige, was wir [alle] heute in der Elementarschule lernen, was uns als eine Erkenntnis eigen ist, die allen Gebildeten zukommt. Das war dasjenige, wovor sich die Alten eigentlich fürchteten, zu dem sie erst mutvoll erzogen werden mussten. So hat sich die Menschenseele im Laufe der Jahrhunderte entwickelt, dass sie jetzt in einer ganz anderen Verfassung ist; dass dasjenige, was erst nach schwerer Vorbereitung den Alten gegeben werden konnte, uns heute in der Elementarschule schon gegeben wird. Wir stehen im Grunde genommen durchaus jenseits der Schwelle, welche die Alten erst nach langer Vorbereitung betreten durften. Aber wir haben auch die Folgen dieser Überschreitung der Schwelle zu tragen. Wir stehen bei dem, vor dem sich die Alten fürchteten, wozu sie erst sich Mut anerziehen mussten; aber wir haben auch etwas verloren. Was wir verloren haben innerhalb unserer modernen Zivilisation, das sagen uns auf der einen Seite diejenigen, die gerade als die ernsten Forscher unserer Gegenwartswissenschaft sich ergehen über dasjenige, was wir nicht wissen können. Und warum das so ist, das müssen sich im Grunde genommen wiederum diejenigen sagen, die nun aus ernster Geisteswissenschaft heraus sich solchen Tatsachen, wie ich sie Ihnen eben geschildert habe, gegenüberstellen.

[ 16 ] And what did they learn then? They learned—and this is the surprising, paradoxical part—they learned precisely what we [all] learn today in elementary school, what is inherent in us as a form of knowledge that belongs to all educated people. That was precisely what the ancients actually feared, what they first had to be courageously trained to face. Thus, the human soul has developed over the centuries to the point where it is now in a completely different state; what could only be given to the ancients after arduous preparation is already given to us today in elementary school. We have, in essence, crossed the threshold that the ancients were only permitted to cross after long preparation. But we must also bear the consequences of crossing that threshold. We stand before what the ancients feared, for which they first had to cultivate courage; but we have also lost something. What we have lost within our modern civilization is pointed out to us, on the one hand, by those who, precisely as the serious researchers of our contemporary science, dwell on what we cannot know. And why this is so must, in essence, be explained by those who, drawing on serious spiritual science, now confront such facts as I have just described to you.

[ 17 ] Wir haben seit der Zeit, dass Galilei, Kopernikus, Kepler aufgetreten sind, ein ganz anderes Selbstbewusstsein erlangt. Wir sind fortgeschritten zum abstrakten Denken. Die Intellektualität entwickeln wir in einer so starken Weise, wie die Alten sie nicht entwickelt haben in ihrem dumpfen Bewusstsein. Daher haben wir ein so starkes Selbstbewusstsein, dass wir uns hineinstellen können in die Welt, in die die Alten erst nach Vorbereitung sich hineinstellen konnten. Aber wir gelangen in diese Welt, das zeigen gerade die unbefangensten Forscher, die von Ignorabimus, von Erkenntnisgrenzen sprechen und so weiter, indem wir zwar ein stark entwickeltes Selbstbewusstsein haben, ein durch das Denken, durch die Intellektualität, die die Alten nicht hatten, stark entwickeltes Selbstbewusstsein, aber uns fehlt der Zusammenhang mit den tieferen Gründen der Welt in diesem starken Selbstbewusstsein. Wir haben ein Pochen auf uns selbst erlangt, eine Verstärkung des Selbstbewusstseins; aber Welterkenntnis, die haben wir verloren. Nicht mehr gewinnen wir aus dem Instinkt einen solchen Zusammenhang wie ihn die Menschen noch im zehnten, zwölften Jahrhundert erlangen konnten. Wir müssen daher von einer neuen Schwelle in die geistige Welt reden. Wir müssen durch unser verstärktes Selbstbewusstsein wiederum etwas entwickeln, was uns nun in die geistige, in die übersinnliche Welt hineinführt, in die wir nicht instinktiv hineinkönnen wie [noch] die Alten. Wie die Alten entwickelt haben durch Selbstzucht die Verstärkung des Selbstbewusstseins, um es aushalten zu können in der Welt, in die wir unvorbereitet hereinkommen, so müssen wir wieder vorbereiten zu etwas anderem. Wir müssen uns ebenso vorbereiten, dass wir die in unserer Seele schlummernden Kräfte, auf die wir aufmerksam werden durch die intellektuelle Bescheidenheit, in uns entwickeln.

[ 17 ] Since the time of Galileo, Copernicus, and Kepler, we have attained a completely different sense of self-awareness. We have advanced to abstract thinking. We are developing intellectuality to a degree that the ancients did not achieve in their limited consciousness. That is why we possess such a strong sense of self-awareness that we can step into the world—a world into which the ancients could only enter after careful preparation. But we enter this world—as the most impartial researchers, who speak of *ignorabimus*, of the limits of knowledge, and so on, clearly demonstrate—with a highly developed sense of self, a sense of self strongly developed through thinking and intellectuality that the ancients did not possess; yet within this strong sense of self, we lack a connection to the deeper foundations of the world. We have attained a sense of self-assertion, a strengthening of self-awareness; but we have lost our understanding of the world. We no longer gain from instinct the kind of connection that people were still able to attain in the tenth and twelfth centuries. We must therefore speak of a new threshold into the spiritual world. Through our strengthened self-awareness, we must once again develop something that now leads us into the spiritual, the supersensible world—a world into which we cannot enter instinctively, as the ancients [still] could. Just as the ancients developed, through self-discipline, a strengthened sense of self-awareness in order to endure the world into which we enter unprepared, so must we prepare ourselves once more for something else. We must likewise prepare ourselves to develop within us the powers slumbering in our souls, to which we become attentive through intellectual humility.

[ 18 ] Sehen Sie, man geht dabei hauptsächlich von zwei ganz bekannten Kräften in der Menschenseele aus, nicht von irgendwelchen obskuren Dingen oder dergleichen in der Menschenseele. In ernster Geisteswissenschaft geht man aus von zwei Kräften, die im menschlichen Leben unbedingt notwendig sind, aber man entwickelt sie weiter. Man sagt sich: Sie sind im gewöhnlichen Leben nur im Anfang ihrer Entwicklung, man setzt diese Entwicklung durch eigene Arbeit an sich selbst fort. Die eine Kraft, die so weiter entwickelt wird, ist das, was man menschliche Erinnerungsfähigkeit nennt. Durch diese Erinnerungsfähigkeit sind wir ja eigentlich ein Ich. Durch diese Erinnerungsfähigkeit haben wir das gewöhnliche Selbstbewusstsein. Wir blicken zurück bis zu einem gewissen Jahr in unserer Kindheit, und da tauchen auf in Erinnerungsbildern die Erlebnisse, die wir gehabt haben, mehr oder weniger verblasst und abgeschattet, aber sie treten auf. Und wir wissen ja aus der gewöhnlichen medizinischen Literatur — jeder kann sich überzeugen, dass das so ist —, wir wissen, was es bedeutet, wenn ein Gebiet unseres Lebens ausgelöscht ist, wenn wir uns nicht erinnern können an irgendetwas in dem Fortgange unseres Lebens. Wir sind dann seelisch krank. Es gehört eine solche Krankheit zu den schwersten seelisch-geistigen Erkrankungen. Aber dieses Erinnerungsvermögen, das so notwendig ist für das gewöhnliche Leben, es ist in diesem gewöhnlichen Leben durchaus an den Körper, an den Leib des Menschen gebunden, das fühlt ein jeder. Und diejenigen, die mehr materialistisch gesinnt sind, die weisen darauf hin, wie sich diese Abhängigkeit zeigt, wie gewisse Organe oder Organglieder nur verletzt zu sein brauchen, und das Gedächtnis wird ebenfalls verletzt, unterbrochen, zerstört. Diese Erinnerungsfähigkeit kann aber der Ausgangspunkt werden, um eine neue, höhere Seelenkraft aus ihm herauszuentwickeln, und das geschieht in der Weise, wie ich es dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Schriften. Ich habe da gezeigt, wie man durch dasjenige, was ich Meditation, was ich im technischen Sinne Konzentration auf gewisse Gedankenwelten, Empfindungswelten, Welten der Willensimpulse nenne, das Erinnerungsvermögen zu etwas Höherem ausbilden kann.

[ 18 ] You see, this approach is based primarily on two very well-known forces in the human soul, not on some obscure elements or the like within the human soul. In serious spiritual science, one starts with two forces that are absolutely essential to human life, but one develops them further. One tells oneself: In ordinary life, these forces are only at the beginning of their development; one continues this development through one’s own work on oneself. One of the forces that is developed in this way is what is called the human capacity for memory. It is through this capacity for memory that we are, in fact, an “I.” It is through this capacity for memory that we have ordinary self-consciousness. We look back to a certain year in our childhood, and there, in images of memory, the experiences we’ve had emerge—more or less faded and shadowed, but they do emerge. And we know from standard medical literature—anyone can verify that this is so—we know what it means when a period of our life is erased, when we cannot remember anything from the course of our life. We are then mentally ill. Such an illness ranks among the most severe mental and spiritual disorders. But this power of memory, which is so necessary for ordinary life, is in this ordinary life entirely bound to the body, to the human physique—everyone feels this. And those who are more materialistically minded point out how this dependence manifests itself: how certain organs or parts of the body need only be injured, and memory is likewise impaired, interrupted, or destroyed. This capacity for memory, however, can become the starting point for developing a new, higher soul power from within it, and this occurs in the manner I have described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, in my *Secret Science*, and in other writings. There I have shown how, through what I call meditation—which, in a technical sense, is concentration on certain worlds of thought, worlds of feeling, and worlds of volitional impulses—one can develop the power of memory into something higher.

[ 19 ] Was ist denn das Eigentümliche der Erinnerungsvorstellungen? Sonst bilden wir uns unsere Vorstellungen, unsere Gedanken an der Außenwelt, sie huschen vorüber, wie die Außenwelt an uns vorüberhuscht. Durch die Erinnerung machen wir dauernd das, was wir erlebt haben. Nach Jahren noch können wir aus den untersten Quellen heraufholen, was wir erlebt haben. Dauernd werden die Vorstellungen in uns durch die Erinnerung. Das benutzen wir in der Meditation, in der Konzentration, wenn wir Geistesforscher werden wollen. Wir bilden uns — oder wir lassen uns raten von denjenigen, die in diesen Dingen Bescheid wissen — leicht überschaubare Vorstellungen; solche Vorstellungen, die nicht aus dem Unterbewussten kommen können, die auch nicht Reminiszenzen des Lebens sein können, Vorstellungen, die wir so genau überschauen können, wie wir mathematische oder geometrische Vorstellungen überschauen können. Dann ruhen wir mit der Seele auf diesen Vorstellungen. Die Ausbildung dieser Methoden ist wahrhaftig nicht leichter als das klinische Forschen, das Forschen im physikalischen oder chemischen Institut oder auf der Sternwarte. Es ist allerdings eine innere Arbeit der Seele, aber durchaus ein ernstes Arbeiten dieser Seele. Es kann jahrelang dauern, bei manchen kann es auch kürzere Zeit dauern, je nachdem eben das innere Schicksal des Menschen es gibt, aber immer dauert es einige Zeit, bis dieses immer wieder und wieder hervorgerufene Ruhen auf bestimmten Vorstellungen zu etwas führen kann. Es darf das übrige Leben selbstverständlich nicht gestört werden durch diese Übungen; man bleibt ein vernünftiger, ein tüchtiger Mensch, denn diese Übungen nehmen nur kurze Zeit in Anspruch. Sie müssen aber lange Zeit durchgehalten werden, dann werden sie dasjenige, was man nennen kann eine höhere Gestaltung der Erinnerungskraft. Wir gewahren dann etwas in unserer Seele, was so lebt wie die Gedanken an die Erlebnisse, die wir durchgemacht haben. Nur wissen wir, dass dasjenige, was jetzt in unserer Seele lebt, sich nicht auf etwas bezieht, was wir durchgemacht haben im Leben seit der Geburt; sondern so, wie wir sonst die Bilder haben solcher Erlebnisse, so haben wir jetzt andere Bilder. Ich nannte sie in meinen Schriften «Imaginationen». Wir haben Bilder, so lebhaft wie die Erinnerungsbilder, aber nicht anknüpfend an das, was wir so im gewöhnlichen Leben durchgemacht haben, sondern wir werden gewahr: Diese Imaginationen beziehen sich nicht auf etwas, was wir im gewöhnlichen Leben durchgemacht haben, sondern auf etwas, was außerhalb unser, in der geistigen Welt ist.

[ 19 ] What, then, is so distinctive about memories? Normally, we form our mental images and thoughts based on the external world; they flit by, just as the external world flits past us. Through memory, we constantly relive what we have experienced. Even years later, we can draw up from the deepest depths what we have experienced. Through memory, these mental images are constantly present within us. We make use of this in meditation and concentration when we seek to become spiritual researchers. We form—or we seek guidance from those who are knowledgeable in these matters—mental images that are easily comprehensible; concepts that cannot arise from the subconscious, nor can they be reminiscences of life—concepts that we can grasp as precisely as we grasp mathematical or geometric concepts. Then we rest our soul upon these concepts. The development of these methods is truly no easier than clinical research, research in a physics or chemistry institute, or at an observatory. It is, admittedly, an inner work of the soul, but it is certainly serious work on the part of the soul. It can take years; for some, it may take less time, depending on the individual’s inner destiny, but it always takes some time before this rest—constantly evoked again and again upon specific concepts—can lead to anything. Of course, these exercises must not disrupt the rest of one’s life; one remains a sensible, capable person, for these exercises take only a short time. They must, however, be sustained over a long period; then they will become what one might call a higher form of the power of memory. We then perceive something in our soul that lives just as vividly as the thoughts of the experiences we have gone through. Only we know that what now lives in our soul does not relate to anything we have experienced in life since birth; rather, just as we otherwise have images of such experiences, we now have other images. I called them “imaginations” in my writings. We have images as vivid as those of memory, but they are not connected to what we have experienced in ordinary life; rather, we become aware that these imaginations do not refer to anything we have experienced in ordinary life, but to something that lies outside of us, in the spiritual world.

[ 20 ] Und wir lernen erkennen, was es heißt, außerhalb des menschlichen Leibes zu leben. Mit dem Erinnerungsvermögen haften wir an unserem Leibe. Mit diesem entwickelten, ausgebildeten Erinnerungsvermögen haften wir nicht mehr am Leibe, und es tritt jetzt etwas ein, was wir ähnlich und doch wiederum ganz verschieden nennen können von demjenigen Zustande, den der Mensch durchmacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Da ist er gewöhnlich unbewusst, da ist ausgelöscht das Bewusstsein, in dieser Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, weil der Mensch nicht mit Augen sieht oder mit den Ohren hört. In diesem Zustand ist man, wenn man das entwickelte Erinnerungsvermögen gebraucht. Man nimmt nicht wahr mit Augen und Ohren, man nimmt nicht einmal wahr die Wärme in seiner Umgebung, aber man lebt nicht unbewusst wie im Schlafe, sondern man lebt in einer Welt der Vorstellungen, in einer Welt der Wahrnehmungen. Man nimmt jetzt eine geistige Welt wahr. Es ist wirklich so, als wenn der Mensch anfinge, einzuschlafen, aber nicht in die Dumpfheit des Unbewusstseins hinüberginge, sondern in eine andere Welt. Diese andere Welt nimmt man durch das entwickelte Erinnerungsvermögen wahr. Und man lernt jetzt erkennen als erste Anschauung dasjenige, was ich nennen möchte das «Erinnerungstableau», aber das entwickelte Erinnerungstableau an dieses Leben bis zur Geburt hin. Das ist gewissermaßen die erste übersinnliche Wahrnehmung.

[ 20 ] And we learn to recognize what it means to live outside the human body. Through our memory, we are bound to our body. With this developed, trained memory, we are no longer bound to the body, and something now begins that we can describe as similar to—yet at the same time quite different from—the state a person experiences from falling asleep to waking up. During this time—from falling asleep to waking up—one is usually unconscious; consciousness is extinguished because one does not see with one’s eyes or hear with one’s ears. One is in this state when one uses the developed power of memory. One does not perceive with the eyes and ears; one does not even perceive the warmth in one’s surroundings; yet one does not live unconsciously as in sleep, but rather lives in a world of ideas, in a world of perceptions. One now perceives a spiritual world. It is truly as if a person were beginning to fall asleep, but were not slipping into the dullness of unconsciousness, but rather into another world. One perceives this other world through the developed power of memory. And one now learns to recognize, as a first insight, what I would like to call the “memory tableau”—but the developed memory tableau of this life extending back to birth. This is, in a sense, the first supersensible perception.

[ 21 ] Sonst hat man Erinnerungen an sein Leben, man lässt Bilder aufsteigen, Erinnerungsbilder, aus dem Strome des Lebens. So ist es dann nicht, wenn man durch dieses übersinnlich entwickelte Erinnerungsvermögen hinblickt auf das Leben. Da gliedert sich zusammen zu einem in einem Augenblick — wie etwas Räumliches — überschaubaren Bilde der ganze Strom des Lebens. Was sonst nur als in der Zeit verlaufend in einzelnen Erinnerungsfragmenten auftaucht, das wird zum zusammenhängenden Strom, wenn wir zu dieser Unabhängigkeit von unserem Leibe kommen. Dann entwickelt sich — wenn wir uns einmal daran gewöhnt haben, unabhängig vom Leibe vorzustellen, so wie der Schlafende vorstellen würde, wenn er das könnte — dasjenige, was man nennen kann ein wirkliches Anschauen desjenigen, was Einschlafen, was Aufwachen ist, was Schlafen überhaupt ist. Man lernt erkennen, wie dasjenige, was geistig-seelisch im Menschen ist, wirklich sich herausbegibt — nicht räumlich, aber dynamisch, aber es ist doch richtig gesprochen —, wie es gewöhnlich unbewusst bleibt, wie der Mensch aber sein Bewusstsein entwickeln kann außerhalb des Leibes und wie das Bewusstsein darin besteht, dass das Geistig-Seelische in den Leib wieder untertaucht. Und wenn man das entwickelt hat, dann kann man aufsteigen allmählich zu weiteren Vorstellungen.

[ 21 ] Otherwise, one has memories of one’s life; one lets images rise to the surface—memories—from the stream of life. But that is not the case when one looks back on life through this supernaturally developed faculty of memory. There, the entire stream of life coalesces into a single image that can be grasped in an instant—like something spatial. What otherwise appears only as individual fragments of memory unfolding over time becomes a coherent stream when we attain this independence from our physical body. Then—once we have become accustomed to imagining independently of the body, just as a sleeping person would imagine if they could—what develops is what one might call a true contemplation of what falling asleep, what waking up, and what sleep itself really is. One learns to recognize how that which is spiritual-psychic in the human being truly manifests itself—not spatially, but dynamically, though it is still correctly described in this way—how it usually remains unconscious, how the human being can, however, develop consciousness outside the body, and how this consciousness consists in the spiritual-psychic aspect re-immersing itself into the body. And once one has developed this understanding, one can gradually ascend to further concepts.

[ 22 ] Wenn man sich eine Vorstellung machen kann, was der Mensch schlafend ist als lebendige geistig-seelische Wesenheit, dann kommt man auch dazu, wenn man immer weiter und weiter arbeitet mit seinem in der geschilderten Weise entwickelten Erinnerungsvermögen, das GeistigSeelische zu erkennen, wie es gelebt hat in einer rein geistigen Welt, bevor es durch die Geburt oder Empfängnis heruntergestiegen ist in die physische Welt. Man lernt namentlich unterscheiden: Der schlafende Mensch hat in sich eine sinnlich-übersinnliche Begierde, in den physischen Leib, der im Bette liegt, zurückzukehren und ihn geistig-seelisch zu beleben. Aber diese Kraft lernt man auch als starke Kraft kennen bei der Seele, die erst wartet, empfangen zu werden von einem physischen Leibe, der von Vater und Mutter kommt in der physischen Vererbungsströmung, aber man lernt erkennen, wie diese Seele aus der geistig-seelischen Welt steigt und den Leib durchdringt. Man erlangt ein Wissen davon, wie geistig-seelisch unsere Seele lebt vor der Geburt. Man lernt das Ewige in der Menschenseele kennen. Nicht ein Glauben ist es mehr, mit dem man hängt an diesem Ewigen in der Menschenseele, sondern ein Wissen, das durch übersinnliches Schauen erlangt ist. Und man erlangt dadurch auch eine Erkenntnis des großen Einschlafens, dass der Mensch vollzieht, wenn er durch die Pforte des Todes geht. Wie das Bewusstsein nur gedämpft wird, nicht verloren geht im Schlafe, so ist es mit der Menschenseele, indem sie durch die Pforte des Todes geht, nur ist es da umgekehrt: Während der Mensch, wenn er einschläft und zu diesem Leibe zurück will, an dem Leibe hängt und dadurch abgedämpft erhält sein Bewusstsein im gewöhnlichen Schlafe, geht ihm das Bewusstsein auf, wenn er durch die Pforte des Todes tritt, weil er keine Begierde nach dem Leibe hat. Erst wenn er lange Zeit gelebt hat in der geistigen Welt, tritt wiederum auf etwas, was man vergleichen könnte mit dem Alter des physischen Leibes, was im 35. Lebensjahr erreicht ist. Wenn die Seele nach dem Tode eine Zeit lang gelebt hat, tritt wiederum eine Sehnsucht auf, dass sie wiederum nach dem Leibe hinwill, und es tritt ein Hingehen zu einem neuen Erdenleben ein. Ich habe wiederholt genauer diese Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt geschildert. Wenn man diese Dinge schildert, werden sie heute noch von den Menschen vielfach verlacht und verhöhnt, als phantastisch angesehen. Aber diejenigen Menschen, die das als phantastisch ansehen, was man auf diesem Wege gewinnt, die sollten zu gleicher Zeit die mathematischen Vorstellungen als phantastisch ansehen, denn dasjenige, was so gewonnen wird, ist so wirklich wie dasjenige, was man auf dem Wege gerade treuer und ernster Naturforschung findet.

[ 22 ] If one can form a conception of what a human being is while asleep—as a living spiritual-soul being—then, by working ever further and further with one’s memory developed in the manner described, one will come to recognize the spiritual-soul aspect as it lived in a purely spiritual world before descending into the physical world through birth or conception. One learns, in particular, to distinguish: The sleeping human being has within them a sensory-supersensory longing to return to the physical body lying in bed and to enliven it spiritually and soulfully. But one also comes to recognize this force as a powerful force within the soul that is waiting to be received by a physical body—a body that comes from the father and mother through the physical stream of heredity—and one learns to perceive how this soul descends from the spiritual-soul world and permeates the body. One gains knowledge of how our soul lives spiritually and psychically before birth. One comes to know the eternal in the human soul. It is no longer a matter of faith that binds one to this eternal aspect of the human soul, but rather a knowledge attained through supersensible vision. And through this one also gains an understanding of the great falling asleep that a human being undergoes when passing through the gate of death. Just as consciousness is merely dulled, not lost, in sleep, so it is with the human soul as it passes through the gate of death—only here the process is reversed: While a person, when falling asleep and wishing to return to this body, clings to the body and thereby has their consciousness subdued during ordinary sleep, their consciousness expands when they pass through the gate of death, because they have no desire for the body. Only after the soul has lived for a long time in the spiritual world does something arise again that could be compared to the age of the physical body as it is reached at the age of 35. When the soul has lived for a time after death, a longing arises once more to return to the body, and the soul begins its journey toward a new earthly life. I have repeatedly described in detail these experiences of the human being between death and a new birth. When one describes these things, they are still often ridiculed and mocked by people today, and regarded as fanciful. But those who regard what is gained in this way as fanciful should at the same time regard mathematical concepts as fanciful, for what is gained in this way is just as real as what is found through rigorous and serious scientific research.

[ 23 ] Und eine gewaltige, bedeutsame Vorstellung tritt ein. Nicht wahr, wenn wir eine Erinnerungsvorstellung haben, haben wir eigentlich irgendetwas, was wir Jahre vorher erlebt haben, vor unserer Seele. Wir haben das als Vorstellung vor unserer Seele, was wir da erlebt haben. Wenn wir das vor uns haben, was wir nicht durch die gewöhnliche Erinnerung, aber durch das entwickelte Erinnerungsvermögen haben, haben wir jene geistige Welt vor uns, in der wir als schlafender Mensch sind, in der wir aber auch sind, bevor wir zum Erdenleben heruntersteigen. Wir haben dasjenige, was nicht den Sinnen erscheint in der Außenwelt um uns, aber was dem Geistesauge, dem Seelenauge erscheint. Wir haben die geistigen Untergründe, die Weltenweiten vor uns. Wir steigen wieder auf, an einem neuen Hüter der Schwelle vorbei, über eine neue Schwelle hinüber, in die übersinnliche Welt, zum geistigen Hintergrund des Naturdaseins, dem wir angehören. Da taucht auf wie eine mächtige Erinnerung aus Stein und Wolken und aus alledem, was in den Reichen der Natur ist. So sieht ein Stein aus für das Auge, so eine Wolke. Für das Geistesauge erscheint etwas, dem wir verwandt sind, weil wir drinnen gelebt haben vor unserer Geburt oder Empfängnis. Da ist die große Welterinnerung. Und indem diese Welterinnerung an unser eigenes überphysisches Dasein vor unserer Geburt auftritt, indem so unser Ewiges uns erscheint aus der Außenwelt vor dem Geistesauge, bekommen wir zu gleicher Zeit ein Weltentableau über den Geist, der in der Welt um uns ausgebreitet ist. Wir erlangen eine wirkliche geistige Welterkenntnis.

[ 23 ] And a powerful, significant mental image arises. Isn’t it true that when we have a memory, we actually have something we experienced years ago before our soul? We have before our soul as an image what we experienced there. When we have before us what we possess not through ordinary memory but through our developed power of recollection, we have before us that spiritual world in which we exist as sleeping human beings, but in which we also exist before we descend into earthly life. We have before us that which does not appear to the senses in the external world around us, but which appears to the spiritual eye, the eye of the soul. We have the spiritual depths, the vastness of the worlds, before us. We ascend once more, past a new guardian of the threshold, across a new threshold, into the supersensible world, to the spiritual background of natural existence to which we belong. There it emerges like a powerful memory made of stone and clouds and all that exists in the realms of nature. This is what a stone looks like to the physical eye, and this is what a cloud looks like. To the spiritual eye, something appears with which we are kindred, because we lived within it before our birth or conception. There lies the great memory of the world. And as this world memory of our own supersensible existence before our birth arises—as our Eternal Self thus appears to us from the outer world before the spiritual eye—we simultaneously receive a world tableau of the spirit that is spread out in the world around us. We attain a true spiritual knowledge of the world.

[ 24 ] Von diesen Dingen muss Geisteswissenschaft sprechen, denn das ist etwas, was eben in die moderne Zivilisation hereintreten muss, wie vor einigen Jahrhunderten die kopernikanische Weltanschauung, die Galilei’sche Weltanschauung hereingetreten ist. Wie man dazumal diese Dinge abgelehnt hat, wie man sie als paradox, als phantastisch angesehen hat, wird auch heute die Geisteswissenschaft als Phantasterei angesehen. Aber man wird diese Dinge in die Menschenseelen aufnehmen und wird dasjenige haben, was ich gleich erwähnen werde auch für das äußere, soziale, für das ganze Dasein des Menschen. Vorerst aber muss ich hinweisen darauf, dass zur vollen Geist-Erkenntnis noch eine andere Erkenntniskraft entwickelt werden muss.

[ 24 ] Spiritual science must address these matters, for this is something that simply must find its way into modern civilization, just as the Copernican and Galilean worldviews did several centuries ago. Just as these ideas were rejected back then—regarded as paradoxical and fanciful—so too is spiritual science viewed today as mere fantasy. But people will take these ideas into their souls and will come to possess what I am about to mention—not only for the inner, spiritual realm, but also for the outer, social realm, and for the whole of human existence. For now, however, I must point out that another faculty of cognition must be developed in order to attain full spiritual knowledge.

[ 25 ] Dass man das Erinnerungsvermögen entwickeln darf zu einer Erkenntniskraft, das werden einem die Menschen noch zugeben. Aber gerade vielleicht die strengen Wissenschaftler werden die zweite Kraft, die ich angeben muss, nicht gelten lassen als Erkenntniskraft, und dennoch ist sie, zwar nicht so wie sie im Leben auftritt, sondern wenn sie entwickelt wird, eine wirkliche Erkenntniskraft: Es ist die Kraft der Liebe.

[ 25 ] People will still concede that one can develop one’s memory into a faculty of cognition. But perhaps it is precisely the strict scientists who will not accept the second faculty I must mention as a faculty of cognition; and yet it is—though not as it appears in everyday life, but when it is developed—a true faculty of cognition: it is the power of love.

[ 26 ] Im gewöhnlichen Leben ist die Liebe an die menschlichen Instinkte, an das menschliche Triebleben gebunden, aber man kann, geradeso wie man die Erinnerungsfähigkeit herausholen kann aus dem gewöhnlichen Leben, auch diese Liebe herausholen. Man kann auch in Bezug auf die Liebe unabhängig werden vom Menschenleibe. Die Kraft der Liebe kann ausgebildet werden, indem man durch sie gerade wirkliche Objektivität erlangt. Während man im gewöhnlichen Leben liebt, weil das Innere des Menschen zu dieser Liebe anspornt, kann man diese Liebe so ausbilden, dass man untertaucht in die äußeren Gegenstände, dass man mit Selbstvergessenheit ganz eins wird mit dem äußeren Gegenstand. Wenn man eine Handhabung vollzieht, so, dass man nicht aus inneren Impulsen heraus, die von den Trieben, den Instinkten kommen, handelt, sondern wenn man aus Liebe zu den äußeren Ereignissen handelt, dann ist das diejenige Liebe die zu gleicher Zeit die Kraft der menschlichen Freiheit ist. Deshalb habe ich bereits in demjenigen Buch, das ich unter dem Titel «Philosophie der Freiheit», das ich im Jahre 1893 veröffentlicht habe, gesagt, dass im höheren Sinne der Ausspruch nicht wahr ist, die Liebe mache blind, sondern ich sagte, die Liebe mache gerade sehend. Und derjenige, der sich durch Liebe in die Welt findet, macht sich wirklich frei, denn er macht sich unabhängig von den ihn knechtenden inneren Instinkten und Trieben; er weiß in der Welt der äußeren Tatsachen und Ereignisse aufzugehen und sich von der Welt sein Handeln diktieren zu lassen; dann aber kann er durchaus als freier Mensch im Sinne desjenigen, was geschehen soll, handeln, nicht mehr getragen und geführt durch das, was seine Instinkte und Triebe sind. Wie ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geben wollte eine Grundlage für ein soziales freies Empfinden innerhalb der modernen Zivilisation, für dasjenige, was wirklich aus dem Tiefsten des Menschen heraus ein soziales Leben begründen kann, so muss auch gesagt werden, dass diese Liebe als Erkenntniskraft ausgebildet werden muss, zum Beispiel wenn man für dasjenige, was man mit jedem Tage neu wird, ein scharfes Beobachtungsvermögen entwickelt.

[ 26 ] In ordinary life, love is bound to human instincts, to the human life of drives; but just as one can extract the capacity for memory from ordinary life, one can also extract this love. One can also become independent of the human body with regard to love. The power of love can be developed by attaining true objectivity through it. While in ordinary life one loves because one’s inner self spurs one on to this love, one can develop this love in such a way that one immerses oneself in external objects, becoming completely one with the external object in a state of self-forgetfulness. When one acts in such a way that one does not act out of inner impulses stemming from drives or instincts, but rather acts out of love for external events, then that is the very love that is, at the same time, the power of human freedom. That is why I already stated in the book I published in 1893 under the title *Philosophy of Freedom* that, in a higher sense, the saying “love is blind” is not true; rather, I said that love makes one see clearly. And the one who finds his way into the world through love truly sets himself free, for he frees himself from the inner instincts and drives that enslave him; he knows how to immerse himself in the world of external facts and events and to let the world dictate his actions; and then he can certainly act as a free human being in the sense of what ought to happen, no longer carried and guided by his instincts and drives. Just as I sought in my *Philosophy of Freedom* to provide a foundation for a free social sensibility within modern civilization—for that which can truly establish a social life from the very depths of the human being—so it must also be said that this love must be developed as a power of cognition, for example, by cultivating a keen power of observation for that which is renewed in us every day.

[ 27 ] Seien wir ehrlich, meine sehr verehrten Anwesenden, ehrlich mit uns selbst: Sind wir denn nicht im Grunde genommen mit jedem Tage ein anderer? Das Leben treibt uns; dasjenige, was die anderen Menschen an uns, was wir an ihnen erleben, alles treibt uns. Wenn wir zurückdenken, wie wir waren vor zehn Jahren, wir werden uns gestehen: Wir waren etwas ganz anderes, als wir heute geworden sind und im Grunde genommen sind wir mit jedem Tage etwas anderes. Aber wir lassen uns im gewöhnlichen Leben treiben. Das ist dasjenige, was der Geistesforscher als Willenszucht an sich vollziehen muss, dass er diese Entwicklung des Willens sozusagen in die Hand nehmen muss, sich beobachtet: Durch was bist du heute beeinflusst worden? Was hat heute dein inneres Leben verändert? Was hat seit zehn, zwanzig Jahren dein inneres Leben verändert? Was ist da aufgetreten in dir? Auf der einen Seite muss man das machen, auf der anderen Seite aber noch etwas anderes. Man muss ganz bestimmte Impulse, Antriebe sich selbst geben, sodass man nicht nur so lebt, dass man von außen verändert wird, dass von außen das Leben verändert wird, man muss gleichsam als sein eigener Zuschauer neben sich stehen und seinem Wollen, seinem Handeln zusehen. Tut man das, dann gelangt man einfach auf gesetzmäßige Weise dazu, jene höhere Liebe, die ganz in die Objekte aufgeht, zu entwickeln.

[ 27 ] Let’s be honest, my esteemed audience, honest with ourselves: Aren’t we, deep down, a different person every single day? Life drives us; what other people see in us, what we experience in them—all of it drives us. When we think back to who we were ten years ago, we’ll admit to ourselves: We were something completely different from what we have become today, and, deep down, we are something different every single day. But in our everyday lives, we simply let ourselves be carried along. This is what the spiritual researcher must accomplish through the discipline of the will—he must, so to speak, take this development of the will into his own hands and observe himself: What has influenced you today? What has changed your inner life today? What has changed your inner life over the past ten or twenty years? What has taken place within you? On the one hand, one must do this; on the other hand, however, one must do something else as well. One must give oneself very specific impulses and drives so that one does not simply live in a way that is changed from the outside—where life is altered by external forces—but must, as it were, stand beside oneself as one’s own observer and watch one’s own will and actions. If one does this, one will simply arrive, in a lawful manner, at the development of that higher love which is wholly absorbed in the objects.

[ 28 ] Und wenn man dann diese beiden Seelenkräfte entwickelt: auf der einen Seite das Erinnerungsvermögen, das vom Leibe freigemacht ist, auf der anderen Seite die Kraft der Liebe, die uns eigentlich erst mit unserem richtigen geistigen Sein eins macht und zu einem höheren Selbstbewusstsein bringt, dann überschreiten wir die Schwelle zu einer geistigen Welt. Dann ergänzen sich die äußeren Naturerkenntnisse so, dass wir alle einzelnen Wissenschaften durch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft befruchten können.

[ 28 ] And when we develop these two soul forces—on the one hand, the power of memory, which is freed from the body, and on the other hand, the power of love, which is what truly unites us with our true spiritual being and leads us to a higher sense of self—then we cross the threshold into a spiritual world. Then our external knowledge of nature is complemented in such a way that we can enrich all the individual sciences through this anthroposophically oriented spiritual science.

[ 29 ] Ich habe es noch erlebt, wie an einer berühmten medizinischen Schule gerade die großen medizinischen Autoritäten von einem medizinischen Nihilismus gesprochen haben. Es wurde von medizinischem Nihilismus deshalb gesprochen, weil man allmählich dazu gekommen war, sich zu sagen: Gerade für typische Erkrankungen können doch im Grunde genommen Heilmittel nicht gefunden werden. Man hat im neueren Wissenschaftsleben den Zusammenhang mit der Natur verloren, man überschaut sie nicht. Man probiert höchstens diese oder jene Substanz, ob sie Heilbeziehung zu dieser oder jener Krankheit hat, aber man überschaut die Dinge nicht. Durch die Geisteswissenschaft durchschaut man das pflanzliche Leben, die einzelnen Pflanzen, die großen Unterschiede, die zwischen dem Wurzelleben, dem Blattleben, dem Blütenleben sind, und man durchschaut wiederum die Beziehungen des geistigen Wesens, das dahinter ist, hinter dem Wurzelleben, dem Blattleben, dem Blütenleben, dem Krautleben der Pflanzen. Man erlangt Kenntnisse, wie das zum Menschen steht, der als ganzer Mensch herausgewachsen ist aus dieser Natur. Man erlangt eine Anschauung der Beziehungen der Tiere, Pflanzen, Mineralien zum Menschen, und man erlangt dadurch eine rationelle Therapie. Die Medizin kann auf diese Weise befruchtet werden. Ich habe selbst im vorigen Frühling einen Kursus gehalten vor Ärzten, Medizinern und Medizinstudierenden, indem ich gezeigt habe, wie durch diese geistige Erkenntnis die Heilmittellehre, aber auch die Pathologie, die Erkenntnis der Krankheiten befruchtet werden kann.

[ 29 ] I was still around when, at a famous medical school, the leading medical authorities were speaking of “medical nihilism.” They spoke of medical nihilism because people had gradually come to conclude that, when it comes to typical diseases, cures simply cannot be found. In modern scientific life, we have lost touch with nature; we no longer grasp the bigger picture. At most, we test this or that substance to see if it has a curative effect on this or that disease, but we fail to see the bigger picture. Through spiritual science, one gains insight into plant life—the individual plants and the great differences that exist between root life, leaf life, and flower life—and one also gains insight into the relationships of the spiritual being that lies behind them: behind the root life, the leaf life, the flower life, and the herbaceous life of plants. One gains insight into how this relates to the human being, who has developed as a whole person out of this natural world. One gains a perspective on the relationships between animals, plants, and minerals and the human being, and through this, one arrives at a rational form of therapy. Medicine can be enriched in this way. Last spring, I myself held a course for doctors, medical professionals, and medical students in which I demonstrated how this spiritual insight can enrich not only the study of remedies but also pathology—the understanding of diseases.

[ 30 ] Und so können alle einzelnen Wissenschaften befruchtet werden durch dasjenige, was Geist-Erkenntnis ist. Dadurch, dass wir diese Geist-Erkenntnis erlangen, dadurch, dass wir wirklich zusammenwachsen mit demjenigen, was wir waren, mit dem geistig-seelischen Leben, was aber jetzt an unserem physischen Leibe arbeitet, dadurch erlangen wir eine ganz andere Menschenkenntnis als durch die gewöhnliche Wissenschaft. Diese gewöhnliche Wissenschaft will nur logische, abstrakte, abgegrenzte Begriffe über Natur und Menschendasein haben, und man sagt: Es ist keine wahre Wissenschaft, wo nicht solche abstrakten Gesetze gewonnen werden können. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn die Natur aber nicht nach solchen abstrakten Gesetzen arbeitet, dann können wir Menschen lange deklamieren von solchen Gesetzen; wir beschränken dadurch nur unsere Erkenntnis, wenn wir nur logisch abstrakt in der Wissenschaft vorwärtsgehen wollen, wenn wir nur in abstrakten Experimenten uns ergehen können. Dann könnte leicht die Natur sagen: Unter solchen Umständen gebe ich keine Erkenntnisse über den Menschen.

[ 30 ] And so all the individual sciences can be enriched by what constitutes spiritual knowledge. By attaining this spiritual insight—by truly growing together with what we once were, with the spiritual-soul life that now works within our physical body—we gain a completely different understanding of human nature than that provided by conventional science. Conventional science seeks only logical, abstract, and clearly defined concepts regarding nature and human existence, and it is said: It is not true science unless such abstract laws can be derived. Yes, my esteemed audience, but if nature does not operate according to such abstract laws, then we humans can go on and on about such laws for a long time; we only limit our understanding by seeking to advance in science solely through logical abstraction, by indulging solely in abstract experiments. Then nature could easily say: Under such circumstances, I will not reveal any insights about human beings.

[ 31 ] Indem man mit der Geisteswissenschaft herantritt, lernt man erkennen, dass die Natur nicht nach den Gesetzen schafft, sondern nach denjenigen Prinzipien, die nur im künstlerischen Anschauen, in wirklichen Imaginationen erreicht werden können. Durch keine abstrakten Gesetze, durch kein solches Beobachten, wie es in der gewöhnlichen Wissenschaft geschieht, können wir das wunderbare Geheimnis der menschlichen Gestalt, der ganzen menschlichen Organisation ergründen. Da müssen wir hinaufentwickeln, hinaufwachsen lassen dasjenige, was wir an elementaren Erkenntnissen gewinnen zum imaginativen Anschauen. Dann enträtselt sich die wahre menschliche Natur, und so springt uns aus der Geist-Erkenntnis heraus künstlerisch eine Anschauung des Menschen.

[ 31 ] By approaching nature through spiritual science, one comes to recognize that nature does not create according to laws, but according to principles that can only be attained through artistic contemplation and true imagination. No abstract laws, no observation of the kind practiced in conventional science, can enable us to fathom the wondrous mystery of the human form, of the entire human organism. We must elevate and allow to grow what we gain in elementary knowledge into imaginative perception. Then true human nature reveals itself, and thus an artistic perception of the human being springs forth from spiritual knowledge.

[ 32 ] Damit aber ist die Brücke geschlagen von der geistigen Erkenntnis zur Kunst. Derjenige, der sich im Sinne der hier gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft dem Erkennen hingibt, für den bleibt das Erkennen nichts Äußerliches. Der macht auch nicht, wenn er Künstler ist, trockene Symbole, auch keine lehrhaften Theorien oder dergleichen, sondern er schaut im geistigen Leben Gestalten und kann sie dem Stoff einprägen. Durch diesen Weg wird zu gleicher Zeit geschaffen eine Erneuerung der Kunst. Wir können es ja erleben, wenn wir unbefangen sind. Großes, Gewaltiges haben die alten Künstler geschaffen. Wie haben sie geschaffen? Zunächst haben sie in den verflossenen Jahrhunderten hingeschaut mit ihren Sinnen auf die äußere Materie. Nehmen wir Rembrandt oder Raffael, sie haben auf die äußere Materie hingeschaut in ihrem Zeitalter; sie haben aus dem äußerlich-sinnlich Realen das Geistige zu ergreifen gewusst und hingestellt. In der Idealisierung des Realen bestand das Wesen ihrer Kunst. Derjenige, der unbefangen auf diese Kunst sieht, wie sie sich entwickelt hat, der weiß, dass die Stunde dieser Kunst abgelaufen ist, dass nichts Neues geschaffen werden kann auf diesem Wege. Geisteswissenschaft führt hinein in geistiges Schauen. Die geistigen Gestalten werden in geistig-seelischer Lebendigkeit geschaut. Und mit derselben Realität, mit demselben Wirklichkeitssinn, wie früher künstlerisch geschaffen worden ist, wo idealisiert wurde die Realität, wird jetzt künstlerisch zu schaffen begonnen durch Realisierung des Geistig-Spirituellen. Früher holte der Künstler den Geist aus der Materie, nun wird der Geist in die Materie hineingetragen; aber nicht auf allegorische oder symbolische Art; das glauben nur diejenigen, die nicht sich vorstellen können, wie unmittelbar wirklich dasjenige ist, was als neue Kunst geschaffen werden kann.

[ 32 ] This, however, builds a bridge from spiritual knowledge to art. For those who devote themselves to knowledge in the sense of the anthroposophical spiritual science referred to here, knowledge remains something that is not merely external. Nor, if he is an artist, does he create dry symbols, nor didactic theories, or the like; rather, he perceives forms in spiritual life and is able to imprint them upon the material. Through this path, a renewal of art is simultaneously brought about. We can indeed experience this if we are open-minded. The old artists created something great and powerful. How did they create? First, in centuries past, they looked with their senses at external matter. Take Rembrandt or Raphael, for example; they looked at external matter in their own time; they knew how to grasp the spiritual from the external, sensory reality and to portray it. The essence of their art lay in the idealization of the real. Anyone who looks impartially at this art, as it has developed, knows that the time of this art has passed, that nothing new can be created in this way. Spiritual science leads into spiritual vision. Spiritual forms are perceived in spiritual-soul vitality. And with the same reality, with the same sense of reality, as was once used in artistic creation—where reality was idealized—artistic creation is now beginning through the realization of the spiritual. In the past, the artist drew the spirit from matter; now the spirit is carried into matter—but not in an allegorical or symbolic way; only those who cannot imagine how immediately real that which can be created as new art is believe this.

[ 33 ] So sehen wir, wie tatsächlich diese Geisteswissenschaft zur wirklichen Kunst hinführt. Sie führt aber auch hin zu einem wirklichen religiösen Leben. Es ist merkwürdig, es gibt heute Tadler dieser Geisteswissenschaft, die sagen: Die Geisteswissenschaft will heruntertragen dasjenige, was nur in erhabenen Höhen gefühlt werden soll als göttliche Welt in das alltägliche Leben. Ja, das will diese Geisteswissenschaft. Sie will, dass der Mensch sich so erfülle vom geistig-seelischen Dasein durch die Erkenntnis der übersinnlichen Welten, dass der Geist nicht nur in einem mystischen Nebel erfasst wird, lebensfremd in Askese durchgemacht wird, sondern dass dieser Geist in jedes praktische Dasein hineingetragen werden kann. Die Menschen glauben, schon viel erreicht zu haben, wenn sie dem anderen Menschen eine Bildung gegeben haben. Sodass, wenn sie hinter sich das Fabriktor zuschlagen, sie mit der Arbeit fertig sind; dass sie dann draußen allerlei schöne ideelle Gedanken haben können. Aber der Mensch kann noch nicht sein volles Menschendasein empfinden, der erst das Fabriktor hinter sich zuschlagen muss, um dann sich der Erhebung seiner Seele widmen zu können. Nein, wir müssen, wenn wir die großen Zivilisationsprobleme einigermaßen lösen wollen, dazu vorschreiten, hineinzutragen den Geist, wenn wir in die Fabrik hineingehen, durch das Fabriktor, indem wir dasjenige, was wir im alltäglichen Leben arbeiten, durchdringen können mit dem Geiste. Das ist dasjenige, was das Leben verödet, das ist dasjenige, was endlich die katastrophale Zeit heraufgebracht hat, dass wir ein äußeres geistleeres Leben geschaffen haben, einen bloßen Mechanismus des Lebens.

[ 33 ] Thus we see how this spiritual science truly leads to genuine art. But it also leads to a genuine religious life. It is curious that there are critics of this spiritual science today who say: Spiritual science seeks to bring down into everyday life that which should only be felt in sublime heights as the divine world. Yes, that is what this spiritual science aims to do. It seeks to enable human beings to be so filled with spiritual and soulful existence through the knowledge of the supersensible worlds that the spirit is not merely grasped in a mystical haze or experienced in an otherworldly manner through asceticism, but that this spirit can be carried into every aspect of practical life. People believe they have already achieved a great deal simply by providing another person with an education. So that when they slam the factory gate behind them, they consider their work done; that they can then have all sorts of beautiful, idealistic thoughts once outside. But a person cannot yet experience their full humanity if they must first slam the factory gate behind them in order to then devote themselves to the elevation of their soul. No, if we want to solve the great problems of civilization to any degree, we must take a step further: we must carry the spirit with us when we enter the factory through the factory gate, by imbuing the work we do in everyday life with that spirit. That is what desolates life; that is what has ultimately brought about this catastrophic era—that we have created an external, spiritless life, a mere mechanism of life.

[ 34 ] Geisteswissenschaft erfüllt den vollen Menschen. Sie wird in der Lage sein, aus dem Innern des Menschen den Geist auch wiederum in die praktischsten, die scheinbar nüchternsten Gebiete des Lebens hineinzutragen. Und so wird das alltägliche Leben — wo wir für den anderen Menschen arbeiten, wo wir an der Maschine stehen, wo wir durch die Arbeitsteilung in der Gesamtheit mitwirken — durchgeistigt, wenn Geisteswissenschaft, die zu gleicher Zeit Erkenntnis und religiöse Inbrunst sein kann, in das Leben eintritt. Sie wird selber eine soziale Kraft sein. Sie wird den Menschen zur Seite stehen, wenn sie so arbeiten. Das wirtschaftliche, das äußerliche praktische Leben wird ergriffen werden von einer Wissenschaft, die nicht einen abstrakten Geist in Begriffen und Ideen nur hat, sondern einen lebendigen Geist, und die daher das Leben auch mit diesem lebendigen Geiste erfüllen kann.

[ 34 ] Spiritual science fulfills the whole human being. It will be able to carry the spirit from within the human being back into even the most practical, seemingly most mundane areas of life. And so everyday life—where we work for others, where we stand at the machine, where we contribute to the whole through the division of labor—will be imbued with spirit when spiritual science, which can be both knowledge and religious fervor, enters into life. It will itself be a social force. It will stand by people as they work in this way. Economic life—the outer, practical realm—will be transformed by a science that possesses not merely an abstract spirit in concepts and ideas, but a living spirit, and which can therefore also fill life with this living spirit.

[ 35 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das kann uns nicht zu einer Lösung der sozialen Frage führen, was nur äußere Einrichtungen umgestalten will. Wir leben in einem Zeitalter, in dem man soziale Forderungen aufstellt. Aber wir leben auch in einem Zeitalter, in dem die Menschen höchst unsozial sind. Eine Erkenntnis, wie ich sie geschildert habe, die wird auch soziale Impulse unter die Menschen bringen, welche in anderer Weise die großen Rätsel lösen können, die uns durch das Leben aufgegeben sind, als die abstrakte Denkweise, die als Marxismus und Ähnliches auftritt, die nur zerstören kann, weil sie aus der Abstraktheit hervorgeht, weil sie den Geist tötet, weil aber nur der Geist das Leben lebendig machen kann. Das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft in einem gewissen Sinne so von sich selbst verspricht, dass sie nicht nur der Seele Befriedigung geben kann in ihrem Zusammenhang mit dem Ewigen, sondern dass sie auch in das soziale Leben Kräfte hineingießen kann.

[ 35 ] Ladies and gentlemen, an approach that seeks only to reform external institutions cannot lead us to a solution to the social question. We live in an age in which social demands are being made. But we also live in an age in which people are highly antisocial. An insight such as the one I have described will also bring social impulses among people that can solve the great mysteries posed to us by life in a different way than the abstract way of thinking that manifests as Marxism and the like—a way of thinking that can only destroy, because it arises from abstractness, because it kills the spirit, whereas only the spirit can make life truly alive. This is what spiritual science, in a certain sense, promises of itself: that it can not only give the soul satisfaction in its connection with the eternal, but that it can also infuse social life with new forces.

[ 36 ] Das hat dazu geführt, dass man nicht stehen bleiben wollte in der Geisteswissenschaft bei bloßen mystischen Anschauungen. Wir haben keine abstrakte Mystik. Wir haben dasjenige, was nicht zurückschreckt, die Schwelle in die geistige Welt zu überschreiten und die Menschen hineinzuführen in einer neuen Weise in die übersinnliche Welt. Aber wir tragen dasjenige, was wir auf diese Weise gewinnen, zu gleicher Zeit herunter in die physisch-sinnliche Welt. Das hat dann geführt zu jener praktischen Lebensauffassung, die in meinem Buche «Kernpunkte der sozialen Frage» niedergelegt ist und auch in anderen Schriften, und die durch den «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» vertreten wird. Es gibt noch manche Leute, die sagen, Geisteswissenschaft führe von der alten Religion ab, sie sei zum Beispiel antichristlich. Derjenige, der sich genauer bekannt macht mit dieser Geisteswissenschaft, wird finden, dass gerade sie geeignet ist, das Mysterium von Golgatha und den eigentlichen Sinn des Christentums wiederum vor die Menschen hinzustellen. Denn unter dem Einfluss der modernen, naturalistischen Weltanschauung — was ist aus dem Christus, der doch sein muss ein übersinnliches Wesen, das in einen Menschenleib hereingezogen ist, das der Erde einen neuen Sinn gegeben hat —, was ist aus diesem Christus geworden? Der schlichte Mann aus Nazareth; ein bloßer Mensch, wenn auch der hervorragendste Mensch der Weltgeschichte. Man braucht wiederum eine übersinnliche Erkenntnis, um gerade das Christentum in einer solchen Weise zu verstehen, wie es der modernen Menschheit durchaus notwendig ist. Und man wird durch diese Geisteswissenschaft zu einer dem modernen Menschen angemessenen Erfassung des Christentums gerade kommen können. Diejenigen, die von einer Gegnerschaft der Geisteswissenschaft gegen das Christentum sprechen, wenn es auch gerade oftmals die offiziellen Vertreter des Christentums sind, sie kommen mir kleinmütig vor, nicht als richtige Versteher des Christentums. Wenn ich solche kleinmütigen Vertreter des Christentums höre, muss ich mich immer erinnern an einen christlich-katholischen Theologen, mit dem ich befreundet war, der in einer Rede über Galilei als Professor für christliche [Philosophie] sagte: Durch keine wissenschaftliche Erkenntnis kann jemals das Christentum verkleinert werden, sondern die Erkenntnis des Göttlichen kann nur gewinnen, wenn die Erkenntnis der Welt immer weiter schreitet und dieses Göttliche in immer höherer Glorie hinstellt. Deshalb sollte man groß vom Christentum denken und sagen: Es ist so fundiert, dass außer-geistige und geistige Erkenntnisse zu Tausenden in die Menschheit eintreten werden, sie werden nicht dieses Christentum verkleinern, sondern vergrößern. Aber wir brauchen ein Christentum, das in das Leben eingreift, das sich nicht darauf beschränkt, zu sagen: «Herr, Herr!», sondern das im äußerlichen Tun die Kraft des Geistigen auslebt. Und ein solches praktisches Christentum soll eben gerade leben in demjenigen, was angestrebt wird durch die Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 36 ] This has led to a desire in spiritual science not to remain stuck at the level of mere mystical views. We do not practice abstract mysticism. We have an approach that does not shy away from crossing the threshold into the spiritual world and leading people into the supersensible world in a new way. But at the same time, we bring what we gain in this way down into the physical-sensory world. This has led to that practical view of life which is set forth in my book *Key Points of the Social Question* and in other writings, and which is advocated by the *League for the Threefold Social Order*. There are still some people who say that spiritual science leads away from the old religion; they claim, for example, that it is anti-Christian. Anyone who familiarizes themselves more closely with this spiritual science will find that it is precisely this science that is capable of once again presenting the mystery of Golgotha and the true meaning of Christianity to humanity. For under the influence of the modern, naturalistic worldview—what has become of the Christ, who must surely be a supersensible being who entered a human body and gave the Earth a new meaning?—what has become of this Christ? The simple man from Nazareth; a mere human being, albeit the most outstanding human being in world history. Once again, a supersensible understanding is needed to grasp Christianity in a way that is absolutely necessary for modern humanity. And it is precisely through this spiritual science that we will be able to arrive at an understanding of Christianity appropriate to modern human beings. Those who speak of a conflict between spiritual science and Christianity—even if they are often the very official representatives of Christianity—strike me as timid, not as true understanders of Christianity. Whenever I hear such timid representatives of Christianity, I am always reminded of a Catholic theologian with whom I was friends, who, in a lecture on Galileo as a professor of Christian [philosophy], said: No scientific discovery can ever diminish Christianity; rather, the knowledge of the divine can only gain when our understanding of the world advances ever further and presents this divine in ever greater glory. That is why we should think highly of Christianity and say: It is so well-founded that thousands of non-spiritual and spiritual insights will enter into humanity; they will not diminish this Christianity, but rather enhance it. But we need a Christianity that intervenes in life, one that does not limit itself to saying, “Lord, Lord!” but that lives out the power of the spiritual in outward action. And such a practical Christianity should live precisely in what is sought through the threefold structure of the social organism.

[ 37 ] Derjenige, der hier mit ein paar Worten eingeleitet hat dasjenige, was ich heute zu sprechen hatte, er sagte, dass ich auch schon in Holland gesprochen habe im Jahre 1908 und im Jahre 1913. Ich konnte dazumal nur sprechen von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft wie von etwas, das eben aus einer oder mehreren Menschenseelen herein will zur Lösung der modernen Zivilisationsfragen.

[ 37 ] The person who just introduced what I had to say today with a few words mentioned that I had also spoken in Holland in 1908 and in 1913. At that time, I could only speak of anthroposophically oriented spiritual science as something that seeks to emerge from one or more human souls in order to resolve the problems of modern civilization.

[ 38 ] Aber seit jener Zeit ist, trotzdem die bitteren Kriegsjahre dazwischenliegen, doch einiges, geschehen: In Dornach bei Basel wurde errichtet seit dem Jahre 1913, wo wir den Grundstein gelegt haben, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum. Diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft soll dienen nicht allein der abstrakten Geisteswissenschaft, sondern der Befruchtung aller Wissenschaften durch die Geisteswissenschaft. Darum haben wir im Herbste des vorigen Jahres, trotzdem das Goetheanum noch nicht fertig ist und noch vieles braucht, bevor es fertig wird, den ersten Kursus abgehalten, und wir werden auch zu Ostern einen zweiten Kursus abhalten, der allerdings kürzer sein wird. Während der Herbstkurse haben gesprochen dreißig Persönlichkeiten, zum Teil solche, welche gelehrte Fachmänner sind in einzelnen Wissenschaften, in Mathematik, in Astronomie, Physiologie, Biologie, in Geschichte, in Soziologie, in Jurisprudenz. Aber auch praktische Menschen des Lebens, Menschen, die Industrielle sind, Menschen, die Kaufleute sind; es haben Künstler gesprochen. Wie gesagt, dreißig Persönlichkeiten haben gesprochen, die gezeigt haben, dass man in die einzelnen Wissenschaften hineintragen kann dasjenige, was als Geist-Erkenntnis gewonnen werden kann. Dass diese Wissenschaft dadurch nicht etwa einen abergläubischen Charakter gewinnt, sondern gerade einen rationellen, einen inneren, geistigen Charakter und dadurch einen wahrhaften Wirklichkeitscharakter gewinnt, das konnte gezeigt werden. Und so werden wir versuchen zu arbeiten in diesem Goetheanum. Dieses Goetheanum, wenn Sie es einmal sehen werden, es ist aber zugleich in einer neuen Kunstform, einem neuen Kunststil aufgebaut. Hätte man früher irgendwo eine Wissenschaftsstätte errichtet, man hätte verhandelt mit diesem oder jenem Architekten, ob man sie in griechischem, in gotischem oder im Renaissance-Stil bauen wollte. Das konnte Geisteswissenschaft nicht, denn sie gestaltet aus sich heraus dasjenige, was sie als Wirklichkeit erkennt, nicht nur in Ideen, nicht nur in Natur- und Geistesgesetzen, sondern in künstlerischer Gestaltung.

[ 38 ] But since that time, despite the bitter years of war that have intervened, quite a bit has happened: In Dornach near Basel, the School of Spiritual Science—the Goetheanum—has been under construction since 1913, when we laid the cornerstone. This School of Spiritual Science is intended to serve not only abstract spiritual science, but also to enrich all sciences through spiritual science. That is why, last fall—even though the Goetheanum is not yet complete and still requires much work before it is finished—we held the first course, and we will also hold a second course at Easter, which will, however, be shorter. During the fall courses, thirty speakers took the floor, some of whom are scholars and experts in individual sciences—mathematics, astronomy, physiology, biology, history, sociology, and jurisprudence. But there were also practical people from all walks of life—industrialists, businesspeople, and artists. As I said, thirty speakers demonstrated that what can be gained as spiritual insight can be incorporated into the individual sciences. It was shown that this does not give science a superstitious character, but rather a rational, inner, spiritual character—and thereby a truly realistic character. And so we will endeavor to work in this Goetheanum. This Goetheanum—when you see it—is also constructed in a new artistic form, a new artistic style. In the past, when a scientific institution was built, negotiations would have taken place with this or that architect regarding whether to construct it in the Greek, Gothic, or Renaissance style. Spiritual science could not do this, for it shapes from within itself that which it recognizes as reality—not only in ideas, not only in the laws of nature and the spirit, but also in artistic form.

[ 39 ] Man hätte einfach eine Sünde wider das eigene Geistesleben begangen, wenn man einen fremden Stil, nicht den Stil, der aus der Geisteswissenschaft selbst künstlerisch fließt, angewendet hätte auf diesen Bau. Und so sehen Sie den Versuch eines neuen Baustiles in Dornach verkörpert, sodass Sie sich sagen können, wenn Sie dem Bau hineintreten: Jede Säule, jeder Bogen, jede Malerei spricht Ihnen denselben Geist aus. Ob ich auf dem Podium stehe und den Inhalt dieser Geisteswissenschaft ausspreche, ob ich die Säulen, die Kapitäle oder etwas anderes für mich sprechen lasse, es sind verschiedene Sprachen, aber es ist derselbe Geist, der in alledem zum Ausdruck kommen soll.

[ 39 ] It would simply have been a sin against one’s own spiritual life to apply a foreign style—rather than the style that flows artistically from spiritual science itself—to this building. And so you see the embodiment of an attempt at a new architectural style in Dornach, so that when you enter the building, you can say to yourself: Every column, every arch, every painting expresses the same spirit to you. Whether I stand on the podium and speak the content of this spiritual science, or whether I let the columns, the capitals, or something else speak for me—these are different languages, but it is the same spirit that is meant to be expressed in all of this.

[ 40 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das will als Antwort geben anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auf die großen Zivilisationsfragen der Menschheit. Denn die erste dieser Zivilisationsfragen ist die Frage nach einer wirklichen, der neuen Zeit angemessenen Selbsterkenntnis. Man gewinnt sie, indem man in neuer Weise die Schwelle überschreitet, wie ich es geschildert habe, indem man durch die entwickelte Erinnerungsfähigkeit und die entwickelte Liebekraft Erkenntniskräfte gewinnt zur Anschauung des Ewigen in der menschlichen Natur. Und dadurch gelangt man zu einer neuen, des Menschen würdigen Empfindung von dem, was der Mensch eigentlich ist. Man tritt seinem Nebenmenschen so gegenüber, dass man in ihm achtet dasjenige, was aus der geistigen Welt geboren ist, dass man in ihm sieht ein Stück dieser geistigen Welt. Dadurch wird das Menschenleben in sittlicher Beziehung neu geadelt, der menschliche Verkehr wird vom Geiste aus geadelt. Das ist die Antwort auf die zweite Frage, die Frage nach dem sozialen Menschenverkehr.

[ 40 ] Ladies and gentlemen, this is the answer that anthroposophically oriented spiritual science offers to humanity’s great questions of civilization. For the first of these questions of civilization is the question of true self-knowledge appropriate to the new age. One attains this by crossing the threshold in a new way, as I have described, by gaining through the developed capacity for memory and the developed power of love the powers of insight necessary to perceive the eternal in human nature. And through this, one arrives at a new sense—one worthy of the human being—of what a human being actually is. One approaches one’s fellow human beings in such a way that one respects in them that which is born of the spiritual world, that one sees in them a part of this spiritual world. Through this, human life is ennobled anew in a moral sense, and human interaction is ennobled by the spirit. This is the answer to the second question, the question of social human interaction.

[ 41 ] Und die dritte große Zivilisationsfrage der Gegenwart ist diese, dass der Mensch wissen kann: Bei meinem Tun und Handeln, das ich hier auf der Erde vollbringe, bin ich nicht bloß das Wesen, das da steht und dessen Tun einen Sinn hat nur zwischen Geburt und Tod. Sondern was ich auf der Erde tue, das hat eine Weltbedeutung; es gliedert sich ein in die ganze Welt. Indem ich sittliche Ideale in mir entwickele, entwickele ich etwas, was Weltbedeutung hat.

[ 41 ] And the third great question of civilization today is this: that human beings can know that in the deeds and actions I perform here on Earth, I am not merely a being who stands there, whose actions have meaning only between birth and death. Rather, what I do on Earth has global significance; it is part of the whole world. By developing moral ideals within myself, I am developing something that has global significance.

[ 42 ] Lassen Sie mich zusammenfassen: Die äußere Naturwissenschaft der neueren Zeit trennt die äußere Natur vom Innern des menschlichen Lebens. Sie sieht in der Entwicklung der Erde und des ganzen Planetensystems etwas, was von einer Art Ur-Nebel ausgegangen ist. Der Mensch wurde auch hervorgebracht. Dann aber wird der Mensch nach einiger Zeit verschwinden. Die Erde wird als Schlacke in die Sonne zurücksinken. Ein Leichenfeld wird sich ausbreiten. Das muss die Naturwissenschaft sagen, wenn sie sich nur auf ihren Boden stellt. Aus der Menschenseele aber erheben sich die sittlichen Ideale. Sie sind dasjenige, was das Wertvollste in der Menschenseele ist. Diejenige Anschauung, die es zu einer so hohen Technik gebracht hat, sie weiß für die Ideale keinen Platz. Die Ideale werden wie Rauch hierauf verschwinden. Daher hat sich schon in Millionen und Millionen von Menschen dasjenige verdichtet, was man die ideologische Weltanschauung nennt. Das moderne Proletariat spricht von Sitte, Recht, Religion und Wissenschaft und Kunst als von einer Ideologie, weil das Empfinden des lebendigen Geistes verloren gegangen ist. Wird man diesen lebendigen Geist wiederum erkennen, dann wird man wissen, dass sich verhält dasjenige, was in der Menschenseele lebt als sittliche Ideale, als Geistiges, wie der Keim in der Pflanze. Wenn das, was dieses Jahr Pflanze ist, abfällt, entwickelt sich aus dem Keim eine neue Pflanze.

[ 42 ] Let me summarize: Modern natural science separates the external natural world from the inner life of human beings. It views the development of the Earth and the entire planetary system as having originated from a kind of primordial nebula. Human beings were also brought into being. But then, after some time, human beings will disappear. The Earth will sink back into the sun as slag. A field of corpses will spread out. This is what natural science must say when it stands solely on its own ground. But moral ideals arise from the human soul. They are what is most valuable in the human soul. The worldview that has brought us to such a high level of technology has no place for these ideals. Ideals will vanish like smoke. That is why what is called an “ideological worldview” has already taken root in millions upon millions of people. The modern proletariat speaks of morality, law, religion, science, and art as an ideology because the sense of the living spirit has been lost. Once this living spirit is recognized again, people will understand that what lives in the human soul—in the form of moral ideals and spiritual realities—is like the seed in a plant. When what is a plant this year withers away, a new plant develops from the seed.

[ 43 ] So wissen wir uns zu sagen aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis heraus: Die Wolken, Sterne, Berge, Quellen, Steine, die Pflanzen, die Tiere und der physische Mensch auch, sie werden verschwinden wie abfallen und verwesen die verwelkten Blätter von der Pflanze. Aber wie aus der Pflanze der neue Keim kommt, so kommt auch, und nicht nur für das nächste Jahr, sondern für eine ewige Zukunft dasjenige, was als Keim in der Menschenseele ruht als sittliche Ideale. Und wir können das wunderbare Christuswort wiederholen:

[ 43 ] Thus, based on insights from the spiritual sciences, we can say to ourselves: The clouds, stars, mountains, springs, stones, plants, animals, and even the physical human being—they will all disappear, just as withered leaves fall from a plant and decay. But just as a new seed sprouts from the plant, so too—not only for the coming year, but for an eternal future—will that which lies dormant as a seed in the human soul in the form of moral ideals come to fruition. And we can repeat the wonderful words of Christ:

[ 44 ] «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte» — dasjenige, was wir in der Menschenseele als Geist-Erkenntnis entwickeln —, «es wird nicht vergehen».

[ 44 ] “Heaven and earth will pass away, but my words”—that which we develop within the human soul as spiritual knowledge—“will not pass away.”

[ 45 ] Wir können davon sprechen, das wiederum eine Einheit vor uns steht: die vergehende physische Welt, die erstehende geistige Welt. Der Mensch bekommt eine Weltbedeutung dadurch. Auch sein soziales Leben bekommt Gewicht. Und die leeren Lösungen, die heute die Menschheit so quälen, die im Osten so schwere soziale Gewitterwolken herauftragen, werden verschwinden, wenn die soziale Frage zu einer Weltanschauungsfrage gemacht wird; wenn man versucht, die Lösungsimpulse für diese soziale Frage auch in dem zu finden, was der Mensch in seinem Innern als lebendigen Geist ergründen kann.

[ 45 ] We can say that once again a unity stands before us: the passing physical world and the emerging spiritual world. This gives human beings a significance on a global scale. His social life, too, takes on significance. And the empty solutions that torment humanity so much today—and that are bringing such heavy social storm clouds over the East—will disappear when the social question is made a question of worldview; when we try to find the impetus for solutions to this social question also in what human beings can fathom within themselves as a living spirit.

[ 46 ] So werden die modernen Zivilisationsfragen aus der Geisteswissenschaft heraus ihre Impulse erhalten. Wir haben nach dieser Richtung auch schon Erziehungsversuche gemacht. In Stuttgart wurde von Emil Molt die Freie Waldorfschule gegründet, die von mir geleitet wird. Sie sucht auch pädagogisch dasjenige auszugestalten und künstlerisch-pädagogisch an die Kinder heranzubringen, was aus der lebendigen Geisteswissenschaft folgen kann.

[ 46 ] Thus, the questions of modern civilization will draw their inspiration from the spiritual sciences. We have already made educational attempts in this direction. In Stuttgart, Emil Molt founded the Free Waldorf School, which I direct. It seeks to develop, from a pedagogical perspective, and to convey to the children through artistic and pedagogical means, what can be derived from living spiritual science.

[ 47 ] Kurz, meine sehr verehrten Anwesenden, zu versöhnen Religion, Kunst und Wissenschaft, hereinzutragen wirkliche Wissenschaft, wirkliche Religion, wirkliche Kunst in das allerpraktischste Leben, dazu fühlt sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft berufen. Dazu wurde das Goetheanum in Dornach gebaut, um eine erste Stätte zu sein, wo man in freier Wissenschaftlichkeit, in freiem Geistesleben solch eine Wissenschaft pflegen kann. Für den Anfang und bis zum jetzigen Stadium haben opferwillige Menschen dafür gesorgt, dass das Goetheanum errichtet werden konnte; aber ich sagte schon vorhin: Das Goetheanum ist noch nicht fertig. Seine Fertigstellung wird davon abhängen, ob jetzt schon genügend Menschen sich finden, die Verständnis haben für diesen notwendigen Fortschritt in dieser Welt; ob das Goetheanum ein Torso bleibt, und die Menschheit sagt: Wir wollen nicht den Geist wiedererwecken, oder ob durch das Verständnis für den lebendigen Geist seine erste Stätte vollendet werden kann. Dann werden schon Weitere nachfolgen. Denn das ist sicher: Auf die Dauer wird die Pflege einer Erkenntnis des lebendigen Geistes in der modernen Zivilisation notwendig sein. Denn sicher ist es: Selbst diejenigen Menschen, welche den Geist als solchen hassen, welche die Geistesforschung als etwas Phantastisches ansehen, selbst diese, sie brauchen den Geist. Die suchenden Seelen brauchen den Geist, und diejenigen, die nicht suchen, die brauchen ihn erst recht. Und diese Tatsache, sie wird sich nicht aus der Welt schaffen lassen. Man wird den Geist suchen, weil man, wenn man wahrhaft Mensch sein will, den Geist gebraucht.

[ 47 ] In short, ladies and gentlemen, the anthroposophically oriented spiritual science feels called upon to reconcile religion, art, and science, and to bring true science, true religion, and true art into the most practical aspects of life. To this end, the Goetheanum in Dornach was built to serve as a first place where such a science can be cultivated in a spirit of free scholarship and free spiritual life. From the beginning and up to the present stage, self-sacrificing people have ensured that the Goetheanum could be built; but as I said earlier: The Goetheanum is not yet complete. Its completion will depend on whether enough people can be found now who understand the necessity of this progress in the world; whether the Goetheanum will remain an unfinished structure, and humanity will say, “We do not want to reawaken the spirit,” or whether, through an understanding of the living spirit, its first sanctuary can be completed. Then others will surely follow. For this is certain: In the long run, the cultivation of an understanding of the living spirit will be necessary in modern civilization. For this is certain: Even those people who hate the spirit as such, who regard spiritual research as something fanciful—even they need the spirit. Seeking souls need the Spirit, and those who do not seek—they need it all the more. And this fact cannot be eliminated from the world. People will seek the Spirit because, if they truly want to be human, they need the Spirit.

[ 48 ] Fragenbeantwortung

[ 48 ] Q&A

[ 49 ] Frage: Liegt es in Ihrer Absicht, in den verschiedenen Ländern Schulen zu errichten nach dem Muster der Waldorfschule oder soll die Waldorfschule als eine einzige verbleiben?

[ 49 ] Question: Is it your intention to establish schools in various countries modeled after the Waldorf School, or should the Waldorf School remain a single institution?

[ 50 ] Rudolf Steiner: Nun, man würde wahrhaftig nicht diejenige Kraft aufbringen können, die notwendig war für die Errichtung der Waldorfschule, wenn man nicht eigentlich den Wunsch hätte, solche Waldorfschulen sollten eigentlich überall errichtet werden, wo es nur irgendwie Schulen gibt. Denn der Waldorfschule liegt ja nicht irgendeine Schrulle oder persönliche Absichten zugrunde, sondern der Waldorfschule liegt dasjenige zugrunde, was man als richtige pädagogische Kunst gewinnen kann aus jener Menschenerkenntnis, auch der Erkenntnis des werdenden Menschen, des Kindes, die man durch Geisteswissenschaft gewinnen kann. Das heißt, es ist versucht worden, dasjenige zu ergründen, was man zu tun hat mit dem Kinde, bis es ein erwachsener Mensch ist, so dass Leib, Seele und Geist in gleicher Weise zur Entwicklung kommen. Natürlich kann ich jetzt nicht in ein paar Worten die Erziehungskunst und Erziehungskunde, welche der Waldorfschule zugrunde liegt, hier entwickeln; ich werde das an anderen Orten Hollands tun, wo ich ja über praktische Erziehungs- und Lebenskunst vom Standpunkte der Geisteswissenschaft sprechen werde. Aber wenn man selbstverständlich der Anschauung sein muss, dass wahre, allseitige Erziehungskunst auf diese Weise gefunden werden kann, und wenn man das der Waldorfschule zugrunde gelegt hat, dann kann man ja nicht anders, als die Absicht haben, wenigstens so viel man kann, für die Begründung solcher Schulen zu tun. Nun ist uns ja zunächst natürlich noch nicht gestattet, sehr viel zu tun, denn für die Waldorfschule reicht es ja mit aller Not vorläufig, aber für irgendwelche weiteren Schulen reicht es nicht. Und was da nicht reicht, dass darf ich ja vielleicht als eine Rätselfrage am heutigen Abend hinstellen. Sie werden sich ja leicht denken können, was zunächst nicht reicht. Es reicht allerdings zunächst etwas anderes noch nicht. Es ist notwendig gewesen, als die Waldorfschule gegründet wurde, dass zuerst von mir ein pädagogischer Seminarkursus für die Waldorflehrer gehalten worden ist. Und so muss ja erst wiederum das Pädagogische aus dem Geisteswissenschaftlichen herausgearbeitet werden. Das alles könnte geschehen in den weitesten Kreisen über die ganze zivilisierte Welt hin, denn die pädagogische Frage ist in erster Linie eine Zivilisationsfrage der Gegenwart. Wenn über die zivilisierte Welt hin die Ansicht entstehen würde: Man muss für die Erziehung des Kindes gerade etwas tun.

[ 50 ] Rudolf Steiner: Well, one truly could not muster the strength necessary to establish a Waldorf school if one did not actually have the desire to see such Waldorf schools established everywhere there are schools of any kind. For the Waldorf School is not based on some whim or personal intentions, but rather on what can be gained as true pedagogical art from that understanding of human nature—including an understanding of the developing human being, the child—which can be attained through spiritual science. In other words, an effort has been made to fathom what must be done with the child until it becomes an adult, so that body, soul, and spirit develop in equal measure. Of course, I cannot now elaborate here in just a few words on the art and science of education that underlie the Waldorf school; I will do so at other venues in the Netherlands, where I will indeed speak about the practical art of education and living from the standpoint of spiritual science. But if one naturally holds the view that true, all-encompassing educational art can be found in this way, and if this has been laid as the foundation for the Waldorf School, then one cannot help but intend to do as much as one can to establish such schools. Now, of course, we are not yet in a position to do very much, for what we have is barely enough for the Waldorf School for the time being, but it is not enough for any other schools. And what is lacking there—perhaps I may present that as a riddle this evening. You can easily imagine for yourselves what is lacking at first. However, there is something else that is not yet sufficient. When the Waldorf School was founded, it was necessary for me to first conduct a pedagogical seminar course for the Waldorf teachers. And so, once again, the pedagogical aspect must be developed from the spiritual sciences. All of this could take place in the broadest circles throughout the entire civilized world, for the question of education is first and foremost a question of contemporary civilization. If the view were to take hold throughout the civilized world that “we must do something specifically for the education of the child,”

[ 51 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wir leben — sagte ich — heute in einer Welt, in der große, soziale Forderungen gestellt werden, in der aber die inneren Impulse und Triebe und Instinkte der Menschen nicht gerade außerordentlich sozial sind. Wir müssen in vieler Beziehung rechnen auf die kommende Generation. Und diese kommende Generation, wir müssen sie in einer gewissen Weise anders erziehen, als erzogen worden sind diejenigen Menschen, die in die gegenwärtigen Katastrophen die Welt hineingeführt haben. Wir brauchen eine neue Erziehung und wir brauchen vor allen Dingen die Einsicht, dass soziale Menschen erzogen werden müssen, dass das allgemein Menschliche aus der menschlichen Natur schon im Kinde herausgeholt werden muss.

[ 51 ] Ladies and gentlemen, I said, we live today in a world in which great social demands are being made, but in which people’s inner impulses, drives, and instincts are not exactly exceptionally social. In many respects, we must look to the coming generation. And this coming generation—we must educate them in a certain way that differs from how those who have led the world into its current catastrophes were educated. We need a new kind of education, and above all, we need to recognize that socially minded people must be raised, that what is universally human must be drawn out of human nature even in childhood.

[ 52 ] Sehen Sie, wenn ich nur eine Einzelheit sagen darf: Wir finden in den gewöhnlichen Schulen — und da ist es ja wohl in Holland nicht anders als auch sonst wo — wie merkwürdig das Prüfungswesen ist. Die Waldorfschule besteht erst ein Jahr. Wir haben in der Waldorfschule es durchaus durchgeführt: Wir haben Prüfungen nicht nötig, wir haben es zu etwas anderem gebracht. Wir haben das ganze Jahr hindurch Konferenzen abgehalten, die wirklich einen psychologischen Inhalt hatten. Gewissermaßen wurde jedes einzelne Kind ein Gegenstand des Studiums. Die größten Klassen konnten wir studieren. Merkwürdige Dinge haben sich da ergeben. Es hat sich zum Beispiel ergeben, welche Imponderabilien da waltend sind. Es hat sich gezeigt, dass eine Klasse ganz anders aussieht durch imponderable Kräfte, in der mehr Mädchen als Knaben sind, als eine Klasse, in der die Anzahl der Mädchen und Knaben die gleiche ist oder wo die Majorität eben Knaben sind. Alle diese Dinge müssen sorgfältig studiert werden. Die alten Pädagogen sagen, man müsste aus der Individualität des Kindes das Richtige herausholen. Aber erst durch die Geisteswissenschaft wird man die Individualität des Kindes erkennen können. Die ändert sich von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat. Man muss ein sorgfältiger Menschenbeobachter werden. Und statt dass in den Zeugnissen steht «fast befriedigend», «beinahe genügend», was ja nichts heißt, wenn man nicht diese Dinge mit der wirklichen Individualität in Konkordanz bringen kann, statt dessen gaben wir jedem Kind eine wirkliche Beschreibung seines Wesens, die man auch brauchen kann, und einen Spruch mit, der ganz aus der Seele jedes einzelnen Kindes war, der ein Kraftspruch, eine Devise ist für das Kind in dem ganzen nachfolgenden Schuljahr. Das Kind hat eine Art von Spiegel. Und die Kinder, die diese Zeugnisse bekommen, haben die intensivste Freude über diese Zeugnisse, selbst wenn sie getadelt worden sind.

[ 52 ] You see, if I may just mention one detail: In ordinary schools—and I suppose it’s no different in the Netherlands than anywhere else—we find the examination system to be quite peculiar. The Waldorf School has only been in existence for a year. At the Waldorf School, we have put this into practice: We don’t need exams; we’ve developed a different approach. Throughout the entire year, we held conferences that truly had a psychological focus. In a sense, every single child became a subject of study. We were able to study even the largest classes. Some remarkable things emerged from this. For example, it became clear what intangible forces are at work there. It became evident that a class with more girls than boys looks quite different due to these intangible forces than a class where the number of girls and boys is equal or where boys are in the majority. All these things must be carefully studied. The old educators say that one must draw out what is right from the child’s individuality. But it is only through the science of the spirit that one will be able to recognize the child’s individuality. This changes from year to year, from month to month. One must become a careful observer of human beings. And instead of having “almost satisfactory” “almost sufficient”—which means nothing if one cannot bring these things into harmony with the child’s true individuality—instead, we gave each child a genuine description of their nature, one that is actually useful, and a motto that came straight from the soul of each individual child—a motto that serves as a source of strength and a guiding principle for the child throughout the entire following school year. The child has a kind of mirror. And the children who receive these report cards take the greatest joy in them, even when they have been reprimanded.

[ 53 ] Und manches haben wir erlebt. Wenn ich immer wieder und wiederum inspizierend in die Schule komme, nicht als Phrase, sondern weil das zum lebendigen Leben gehört, ich frage die Kinder ab, ich frage die Kinder auch manchmal: Kinder, liebt ihr eure Lehrer? Und Sie sollten sehen, wie dann, aber nicht als etwas Eingelerntes, sondern herzhaft aus der Seele heraus die Kinder mit ihrem «Ja» antworten, trotzdem sie nicht in philiströser Weise irgendwie an einer besonderen Philister-Disziplin erzogen werden, sind sie ehrlich, sodass sie durchaus begreifen: Man kann nur in Liebe erzogen werden. Und so haben wir zum Beispiel erreicht, dass die Kinder, trotzdem sie ganz gern in die Ferien gegangen sind, sich doch wiederum sehr in die Schule hineingesehnt haben. Wir haben mancherlei interessante Einzelheiten konstatieren können. Ein Junge, der früher ein unleidlicher Bengel war und der Mutter nie einen Kuss geben wollte, gab seiner Mutter einen ersten freiwilligen herzhaften Kuss an dem Tag, wo er nach den Ferien wieder in die Schule gehen konnte, so freute er sich. Das leuchtet hinein in das ganze imponderable Leben. So etwas von lebendigem Geist braucht man. Daher scheint es mir eine Notwendigkeit, dass eingesehen werden die Ideen der Waldorfschule in den weitesten Kreisen. Wenn sich begründen könnte ein Weltschulverein, welcher geradezu aus Konsumenten besteht — also denjenigen Menschen, welche Kinder haben, und auch denen, die Interesse haben für die Entwicklung der nächsten Generationen, denn daran sind ja eigentlich alle Menschen Interessenten —, dann kann ein solcher Weltschulverein, der ganz international sein könnte, überall wo es möglich ist, solche Schulen begründen. Und das ist eigentlich die Idee der Waldorfschule, eine Keimzelle zu sein, die ausstrahlt Wachstumskräfte nach allen Seiten. Die Waldorfschule soll sein ein Vorbild, obwohl ein Vorbild, das wir so vollkommen machen wollen wie möglich; die Dinge ergeben sich aber erst in ihrer wahren Vollkommenheit, wenn sie weiter verbreitet werden.

[ 53 ] And we’ve been through quite a lot. Whenever I visit the school—not just as a formality, but because it’s part of real life—I ask the children questions, and sometimes I also ask them: “Children, do you love your teachers?” And you should see how the children then answer “Yes”—not as something they’ve been taught, but wholeheartedly from the depths of their souls. Even though they aren’t raised in some philistine way according to a particular philistine discipline, they are honest, so that they fully understand: One can only be educated in love. And so, for example, we’ve managed to ensure that the children—even though they were quite happy to go on vacation—still looked forward to returning to school with great anticipation. We have observed many interesting details. A boy who used to be an insufferable little rascal and who never wanted to give his mother a kiss gave his mother his first spontaneous, heartfelt kiss on the day he was able to return to school after vacation—that’s how happy he was. This sheds light on the whole of life’s intangible essence. That is the kind of living spirit we need. That is why it seems to me essential that the ideas of the Waldorf School be understood in the widest possible circles. If a World School Association could be established, consisting primarily of “consumers”—that is, people who have children, as well as those interested in the development of future generations, since this is something that concerns everyone—then such a World School Association, which could be entirely international, could establish such schools wherever possible. And that is, in fact, the idea behind the Waldorf school: to be a seed from which forces of growth radiate in all directions. The Waldorf school is meant to be a model—albeit one that we strive to make as perfect as possible; yet things only attain their true perfection when they are more widely disseminated.

[ 54 ] Daher sage ich: Gewiss, die Waldorfschule soll nicht vereinzelt sein; sie ist keinem Einzelideal entsprungen, sondern allgemeinen Weltidealen. Daher sollen durch den Weltschulverein so viele Schulen entstehen als nur irgendwie und in der schnellsten Zeit möglich ist, wenn wir auch zu kämpfen haben werden mit manchem alten Zopf.

[ 54 ] That is why I say: Certainly, the Waldorf School should not be an isolated entity; it did not arise from a single ideal, but from universal ideals. Therefore, through the World School Association, as many schools as possible should be established as quickly as possible, even if we have to struggle with some old-fashioned traditions.