Anthroposophical Spiritual Science
and the Big Questions of Contemporary Civilization
GA 80c
20 February 1921, Hilversum
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Man as a Being of Spirit and Soul, tr. Tapp
2. Die Anthroposophische Geisteswissenschaft und die Grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart
The Science of the Spirit and Modern Questions
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer über ein Thema spricht wie dasjenige, welches Gegenstand der heutigen Abendbetrachtung werden soll, der muss sich ernsthaft dessen bewusst sein, dass in der Gegenwart zahlreiche Menschenseelen sind, die sich sowohl aus den Erkenntnisströmungen der Gegenwart heraus wie auch aus den praktischen sozialen Richtungen dieser Gegenwart heraus nach einer Neugestaltung der Dinge, nach einer Neugestaltung der Weltanschauung sehnen, Seelen, die fühlen, dass [es sich] in einer gewissen Beziehung mit den Vorstellungen, mit den Empfindungen und auch mit den Willensimpulsen, die aus den letzten Jahrhunderten herauf an die Menschen überkommen sind und in denen wir erzogen sind, nicht mehr ohne Weiteres geistig-seelisch und auch im sozialen Leben fortbestehen lässt.
[ 1 ] When speaking about such a subject as this evening's we must earnestly bear in mind that there are countless human souls at the present time whose experience of the various kinds of knowledge and of the tendencies of practical social life to be found today makes them long for a renewal of these things, for a new way of looking at the world. Such souls feel that in certain respects we cannot take for granted that we can continue to exist as beings with spirit-soul life and social life with the ideas, feelings and impulses of the will which we have taken over from the last century and with which we have been brought up.
[ 2 ] Wir haben ja als Menschheit der zivilisierten Welt erlebt auf der einen Seite die großen, die ungeheuren Fortschritte naturwissenschaftlicher Weltanschauung und wir haben erlebt die gewaltigen Ergebnisse dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung auf dem Gebiete der Technik, auf dem Gebiete des praktischen Lebens, die uns gewissermaßen vom Morgen bis zum Abend bei jedem Schritt und Tritt begegnen. Aber wir haben etwas anderes mitbekommen mit den gewaltigen naturwissenschaftlichen Ergebnissen, mit den praktischen Folgen dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnisse im sozialen Leben. Der Mensch kann heute — und das ist ja bei jedem Gebiet der Fall, wenn er durch seine gewöhnliche Lektüre, durch das alltägliche Leben, durch alles dasjenige, was uns sonst mit dem Dasein zusammenführt, wenn er in sich einfließen lässt fortwährend vom Morgen bis zum Abend in der einen oder anderen Form die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse —, er kann dann nicht anders, als diejenigen Fragen, die die ewigen Fragen der Menschenseele und des Menschengeistes sind, die Fragen nach dem unsterblichen Wesen der Menschenseele, nach dem Sinn der ganzen Welt, nach dem Sinn des menschlichen Tuns selber; er kann dann nicht anders, als diese Fragen, deren Beantwortung ihm früher geworden ist durch die religiösen Bekenntnisse, er kann nicht anders — wenn er selbst noch so sehr heute den religiösen Bekenntnissen ergeben ist wenn er aufnimmt die moderne Bildung —, als dasjenige, was über diese Fragen seine Seele denkt und empfindet, was die Impulse seines Handelns sind, anzuknüpfen an dasjenige, was die Wissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten sagt, die ja in dieser Weise zu den Menschen früherer Jahrhunderte nicht gesprochen hat. Und er kann nicht anders, dieser moderne Mensch, als, indem er drinnensteht in dem kompliziert gewordenen Leben, dessen Ton ganz und gar abhängt von der modernen Technik, in das er eingespannt ist durch diese moderne Technik, er kann nicht anders als hinsehen, wie sein Leben abhängig ist von dieser Technik. Und er kann nicht anders als sich sagen: Im Grunde genommen sind die Menschen ganz anders geworden als in den alten, einfacheren Verhältnissen über die ganze zivilisierte Welt hin. Und er muss dann es durchaus gewahr werden, er muss es verspüren, dass auch in dieser sozialen Beziehung, in Beziehung auf das Zusammenleben der Menschen untereinander, heute mancherlei als Frage zu lösen ist.
[ 2 ] Living in the civilized world we have experienced the immense progress of the scientific outlook on the one hand, and we have experienced the tremendous results of this scientific outlook in practical life and in technical achievements which meet us from morning till evening at every turn. But we have also received something else with these tremendous achievements of science and with the practical consequences of this scientific knowledge in social life. Whatever a person does today, whether in reading or whether in his ordinary everyday life or in whatever else he does, he constantly takes in from morning to evening scientific knowledge in one form or other. When he then faces the eternal questions of the human soul and of the human spirit, questions about the immortal being of the human soul, about the meaning of the whole world and about the meaning of human activity, he can only link them to what his own soul thinks and feels about these questions, to the impulses of his own actions and to what science has been saying for three or four centuries in a way in which it had not spoken to men of earlier ages. Earlier he would have received the answer through the various religious confessions, but even if he belongs to one of the latter today, the search for his answers will be influenced by his modern outlook. And in living this existence which has become so complicated and the whole style of which is dependent on modern technology, the modern person cannot help seeing how dependent on this technology is his life. And he has to say to himself: Fundamentally, human beings in the whole civilized world have become quite different from what they were when conditions were simpler. And he must then become aware and feel that today there are many questions to be answered about social life, about the way in which people live together.
[ 3 ] Ja, wir können in einer gewissen Beziehung sogar das Folgende sagen; wir können sagen: Naturwissenschaftliche Erkenntnis nötigt uns, mit ihr zu rechnen. Die praktischen technischen Ergebnisse, die unser modernes Leben gebracht haben, sie nötigen uns, mit ihnen zu leben. Aber beides gibt uns für die großen Fragen des Menschheitsdaseins nicht eigentlich Antwort, sondern es wirft im Grunde genommen neue Fragen auf. Denn derjenige, der sich mit unbefangenem Sinn gerade in alles dasjenige vertieft, was in so großer, bedeutsamer Weise Naturwissenschaft zu sagen hat über den Menschen, seine Organisation, seine Lebensform auf der Erde und so weiter, derjenige, der sich mit alldem befasst, der sich so recht vertieft in diese Dinge, der erhält dadurch nicht Antworten über das Ewige der Menschennatur, über den Sinn der Welt und des Daseins, er erhält im Gegenteil tiefere, bedeutungsvollere Fragen. Und er muss sich sagen: Woher nun die Antworten auf diese, durch das neuere Leben tiefer und drängender gewordenen Fragen? Denn von der Erkenntnisseite her haben wir eigentlich nicht Lösungen der großen Weltenrätsel durch die naturwissenschaftlichen Errungenschaften erhalten, sondern neue Fragen, neue Rätsel.
[ 3 ] We can even say the following: Scientific knowledge is such that we are compelled to recognize it, and the practical, technical results which our modern life has brought are such that we are compelled to live with them. But neither really gives us any answers to the great questions of human existence; on the contrary, they only produce new questions. For if we take an unprejudiced look at what science so significantly has to say about the human being, his organization, his form of life on the earth and so on, we do not acquire any answers about the eternal nature of the human being or about the meaning of the world and of existence; on the contrary, we acquire deeper and more meaningful questions. And we have to ask ourselves: where do we now find the answers to these questions which modern life has caused to become deeper and more urgent? For as far as knowledge is concerned, the achievements of natural science have not brought solutions for the great riddles of the world, but new questions, new riddles.
[ 4 ] Und durch das praktische Leben? Nun ja, in dieses praktische soziale Leben, in dasselbe sind uns hineingestellt worden die Mittel unserer gewaltigen, ausgedehnten Industrie, die Mittel unseres weitausgedehnten Weltverkehrs und so weiter. Aber gerade dieses praktische Leben gibt uns ethische, sittliche, geistige Fragen auf über den Verkehr der Menschen untereinander. Und gerade das, was uns da als Rätsel aufgegeben wird über den Verkehr der Menschen untereinander, das ist es ja, was als soziale Frage heute die Gemüter bewegt, was in einer oftmals erschreckenden Weise vor den ernst denkenden und das Leben ernst nehmenden Menschen hintritt. So ist es auch die praktische Seite des Lebens, die wiederum Rätsel dem Menschen aufgibt.
[ 4 ] And what has practical life given us? Of course, all the means of our enormous and widespread industrial life and world transport and so on have been placed at the disposal of our practical social life. But it is precisely this practical life which presents us with ethical, moral and spiritual questions as to how human beings live with one another. And it is just this kind of question that concerns the minds of people today as a social problem and which often appears as a quite frightening problem to those who think earnestly and who take life very seriously. So we see that the practical side of life also presents the human being with riddles.
[ 5 ] Diesen von zwei Seiten an die Menschenseele heranstoßenden Rätselfragen stellt sich nun dasjenige, was hier von dem Sprechenden «anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft» genannt wird, gegenüber. Sie will ihrerseits zunächst von Erkenntnisgrundlagen aus und dann auch von den Grundlagen des praktischen Lebens aus diejenigen Quellen des menschlichen Wesens suchen, welche führen können wenigstens zu einer teilweisen Lösung dieser Rätselfrage; zu jener Lösung dieser Rätselfragen, die dem Menschen möglich, aber auch notwendig ist; notwendig aus dem Grunde, weil es ja durchaus für den Unbefangenen sichtbarlich ist, dass, wenn das Leben in der Weise weitergeht, wenn die Seelen in der Weise den drängenden Fragen gegenüberstehen und innerlich veröden, wenn weiterhin nicht neue Impulse für das soziale Leben gefunden werden aus den Tiefen der Menschenseele heraus, wir als Menschheit in den Niedergang hineingehen würden, dass wir nicht zu einem Aufstieg kommen könnten in Bezug auf die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart.
[ 5 ] As against these questions which confront the human soul from two sides we can now place what the present speaker calls an anthroposophically orientated Science of the Spirit. This starts, first of all, from the foundation of knowledge and then seeks in the foundations of social life those sources of man's being which can lead at least to a partial solution of these questions, to a solution which is not only possible, but necessary, because it is quite clear to an unprejudiced observer that humanity will suffer a decline and be unable to rise out of the problems which face it concerning these questions of present-day civilization if life simply goes on as before, if human souls face such urgent questions and simply dry up, and if no new impulses for the renewal of social life are found out of the depths of the human soul.
[ 6 ] Dasjenige, was anstrebt anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, das ist nun nicht etwa gegen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gerichtet. Alles dasjenige, was gegen diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die der Menschheit so viel Gutes gebracht haben, gerichtet wäre, es wäre durchaus dilettantisch, es wäre durchaus zur Oberflächlichkeit verurteilt. Aber gerade weil anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in völligem Ernste sich dem hingibt, was Naturwissenschaft wirklich an Früchten gebracht hat der modernen Menschheit, gerade deshalb kommt sie zu anderen Ergebnissen als diejenigen sind, welche erreicht werden heute noch von den überall im gewöhnlichen Leben betriebenen wissenschaftlichen Untersuchungen oder dergleichen.
[ 6 ] What the anthroposophically orientated Science of the Spirit strives for is not directed against the knowledge of natural science. Anything directed against this knowledge, which has brought so much good to humanity, would be amateurish and superficial. But precisely because the anthroposophically orientated Science of the Spirit takes very seriously the fruits which natural science has given modern humanity, it comes to quite different results from those attained by the kind of scientific research which is practiced in every sphere of ordinary life.
[ 7 ] Denselben Weg geht man auf dem Gebiete anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, allein man setzt diesen Weg in einer gewissen Weise fort. Und ich möchte, um zu veranschaulichen, um verständlich zu machen, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu den naturwissenschaftlichen Forschungen steht, einen Vergleich gebrauchen. Ich gebrauche ihn wahrhaftig nicht, um in unbescheidener Weise dasjenige, was Anthroposophie bisher erreichen konnte, an ein welthistorisches Ereignis anzuheften und es etwa mit diesem gar ähnlich erklären zu wollen. Es soll nur ein Vergleich sein, und ich kann es durchaus denjenigen, die durchaus spotten wollen, überlassen, ob sie auch über einen solchen Vergleich spotten. Es war Kolumbus, als er seine Fahrt über den Ozean unternahm, durchaus nicht klar, wohin er kommen würde. Dazumal stand man dem Weltverkehrsproblem, das dann durch Kolumbus in die Zivilisation hereingekommen ist, entweder so gegenüber, dass man sich nicht kümmerte um das große Unbekannte, das drüben über dem Meere ist, dass man blieb bei demjenigen, was man schon als heimischen Wohnplatz hatte; oder aber man stand ihm so gegenüber, da man sich hinauswagte auf das weite Weltenmeer, wie Kolumbus und die Seinen, aber auch dann hoffte man noch nicht, dass man ein Amerika oder dergleichen entdecken würde. Man wollte nur einen anderen Weg nach Indien finden, von der anderen Seite. Dasjenige wollte man erreichen, was eigentlich schon bekannt war. So, möchte ich sagen, wie es dann Kolumbus gegangen ist, der von der anderen Seite ein schon Bekanntes erreichen wollte, dann aber auf dem Wege ein ganz anderes fand, ein Neues fand, so geht es dem Geisteswissenschaftler, der sich in ernster Weise auf die naturwissenschaftlichen Untersuchungen einlässt. Gewöhnlich bleiben die Leute bei diesem Einlassen auf die naturwissenschaftlichen Untersuchungen daheim bei dem, was sie schon haben, bei der Beobachtung der Sinnenerscheinungen, der verstandesmäßigen Kombination desjenigen, was die Sinnenerscheinungen darbieten. Oder, wenn man sich bewaffnet mit den Instrumenten, den Werkzeugen, welche der Beobachtung dann weiter dienen, mit dem Teleskop, dem Mikroskop, dem Spektroskop, dem Röntgenapparat, und sich dann bewaffnet mit der gewissenhaften, ausgezeichneten Denkmethode der neueren Wissenschaften — wenn man sich mit alledem hinauswagt auf das Meer des Forschens, so will man auf der anderen Seite doch nur ein Bekanntes finden, was zwar ähnlich ist, aber doch eben ähnlich ist dem, was man schon hat: Atome, Moleküle mit komplizierten Bewegungen, eine Welt also hinter dem Teppich, der als Sinneswelt ausgebreitet ist; eine Welt, die man zwar als kleine Bewegungen schildert, kleine Körperchen und dergleichen, aber die doch im Grunde genommen ähnlich ist demjenigen, was man schon hier hat und mit Augen sieht, mit Händen berührt und dergleichen. Denn das ist dasjenige, was dann zugrunde liegt dieser übersinnlichen Welt der Naturforscher.
[ 7 ] The anthroposophically orientated Science of the Spirit follows the same path, indeed, in one respect is continued further along it. I would like to make use of a comparison in order to illustrate and explain the relationship of the anthroposophical Science of the Spirit to natural science. In using it I certainly do not wish to link what anthroposophy has been able to achieve so far with an historical event of world importance and to put it on an equal footing with it. It is only intended to be a comparison—there are always people who wish to make fun of such things, and I will leave it to them to decide whether they wish to make fun of this comparison. When Columbus undertook his journey across the ocean he was not at all sure where he would arrive. At that time there were two possible ways of looking at the problem of world travel (which, in fact, came into the world through Columbus): either one did not bother about the great unknown which exists beyond the sea and stayed in the area of one's home, or one set out across the great ocean as Columbus and his followers did. But at that time nobody hoped to find America or anything like that. The intention was to find another way to India, so that one only really wanted to reach what was already known. The scientist of the spirit who seriously studies the researches of natural science finds himself in a position similar to that of Columbus who wanted to reach something already known by a new route, but then on the way found something quite different, quite new. In following the work of natural science most of us do not get beyond the observation of sense phenomena and the ordering of them by the intellect. Or if we are equipped with instruments and tools which then help our observation, with the telescope, microscope, spectroscope, x-ray, and if we are armed with the conscientious and excellent method of thinking of modern science and then with all this set out across the sea of research, we shall only find on the other side something that is already known and which is similar to what we already have: atoms, molecules with complicated movements, the world, in fact, which lies behind our sense world. And although we describe it as a world of small movements, small particles and the like, it is fundamentally not very different from what we have here and can see with our eyes and touch with our hands. This then is what lies at the root of the world of the natural scientist.
[ 8 ] Derjenige aber, der durch anthroposophische Geisteswissenschaft ganz mit demselben Ernste, aber nur weitergehend auf dieses Meer der Forschung sich begibt, der kommt zu etwas anderem. Er trifft auf dem Wege nicht das Altbekannte der Atome und Moleküle, sondern indem er sich bewusst wird dessen: Was tust du denn eigentlich, indem du über die Natur in der Weise nachforschest, wie es die neueren Jahrhunderte gemacht haben? Was geht in dir vor während des Forschens? Was vollzieht deine Seele auf der Sternwarte, in der Klinik forschend? Deine Seele — so sagt sich der, der etwas Selbstbeobachtung verbindet mit dem, was er da tut —, deine Seele arbeitet durchaus geistig, sie arbeitet aber, indem sie versucht, die Entwicklung der Tiere bis hinauf zum Menschen zu erforschen, indem sie versucht, in den Gang der Sterne einzudringen, in einer Weise, wie die Menschen früher nicht gearbeitet haben. Aber allerdings, die Menschheit beobachtete das eigentlich dann nicht immer so. Sie sagte sich nicht immer: Indem ich die Natur erforsche, ist es in mir der Geist, die Seele, die eigentlich in mir arbeitet, und ich muss diesen Geist, diese Seele erkennen.
[ 8 ] But if with the same seriousness we journey further across the sea of research, only this time using the anthroposophical Science of the Spirit, we arrive at something quite different. We do not meet the well-known atoms and molecules on the way. First of all, we become conscious of questions: What are you then actually doing when you investigate nature as has been done in recent centuries? What happens in you when you investigate? What happens to your soul while you are investigating in the observatory, in the clinic? And anyone who has linked some self observation with what he does will say to himself—your soul is working in an absolutely spiritual way, and when it tries to investigate the evolution of animals up to the human being and to penetrate the course of the stars, it is working in a way which was not followed by men of earlier times. But of course humanity has not always looked at these things in this way. People have not always said to themselves: When I investigate nature it is the spirit, the soul which is really working in me, and I must recognize this spirit, this soul.
[ 9 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als ihre Ergebnisse hinstellt, es ist eigentlich gewonnen auf dem Wege nach dem Naturforschen. Es ist gewonnen, wie gefunden worden ist als ein Unbekanntes Amerika von Kolumbus. Dasjenige aber, was da vollzogen wird, was als Geist, als Seele bewusst wird in dem wahrhaft Forschenden, das kann man dann weiter ausbilden, weiter entwickeln. Dadurch erlangt man eine wirkliche Erkenntnis desjenigen, was Geist ist in der Menschenseele. Und die Methoden, das auszubilden, was ich eben angedeutet habe, was durchaus tätig ist in der Menschenseele beim modernen Naturforscher, diese Methoden, das zu entwickeln, das ist ja die Aufgabe der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Da muss aber allerdings für diese Geisteswissenschaft ein ganz bestimmter Ausgangspunkt gewählt werden. Man muss ausgehen von dem, was man nennen könnte «intellektuelle Bescheidenheit».
[ 9 ] The results of an anthroposophically orientated Science of the Spirit are really reached on the path of scientific investigation. They are reached as something unknown in the same way that Columbus reached America. But what happens when we are engaged in true investigation is that we become aware of spirit, of soul, and this can then be developed further. And through this we then acquire a true knowledge of what spirit is in the human soul. And it is precisely the task of an anthroposophically orientated Science of the Spirit to evolve the methods by which we develop what is active in the soul of the modern scientist. But we have to choose a quite definite starting point for this Science of the Spirit and that is what one might call intellectual modesty.
[ 10 ] Ja, diese intellektuelle Bescheidenheit muss man in einem solchen Grade haben, dass der Vergleich, den ich nun gebrauchen will eben nur als einen Vergleich, durchaus berechtigt ist. Man muss sich sagen: Man gebe ja zum Beispiel einem fünfjährigem Kinde einen Band Shakespeare in die Hand, was wird das Kind damit machen? Es wird ihn zerreißen oder in anderer Weise mit ihm spielen. Ist das Kind in seiner Lebensentwicklung um zehn bis fünfzehn Jahre weiter geschritten, so wird es den Band Shakespeare nicht mehr zerreißen, sondern es wird das damit tun, was dem Bande Shakespeare angemessen ist. Das Kind hatte gewisse Fähigkeiten schon als fünfjähriges Kind in seiner Seele, die konnten aus dieser Seele herausgeholt, entwickelt werden, und durch die Entwicklung dieser Fähigkeiten ist tatsächlich das Kind ein anderes geworden, als es früher war. Ist man imstande, aufzubringen als erwachsener Mensch — als ein Mensch, der schon die gewöhnliche Entwicklung des alltäglichen Lebens, der gewöhnlichen Wissenschaft erreicht hat — die intellektuelle Bescheidenheit, sich zu sagen: Gegenüber den Geheimnissen der Natur bin ich im Grunde doch in der Lage wie das fünfjährige Kind gegenüber dem Bande Shakespeare. In mir liegen ja wohl noch Fähigkeiten, die verborgen sind, die ich herausholen kann, die ich herausentwickeln, herausentfalten kann aus meiner Seele, und ich muss mein Seelenleben durch Selbsterziehung weiterbringen, dann werde ich in einer ähnlichen Weise neu der ganzen Natur gegenübertreten können, wie das Kind neu, gegenüber seinem fünfjährigen Zustande, dem Bande Shakespeare gegenübertritt, wenn es fünfzehn, zwanzig Jahre alt geworden ist. Und von den Methoden habe ich Ihnen zu sprechen, durch die solche in jeder menschlichen Seele liegenden Kräfte herausentwickelt werden können aus dieser Menschenseele. Denn durch Entwicklung dieser Methoden erlangen wir in der Tat eine ganz neue Einsicht in die Natur und in das Menschendasein. Diese Methoden, die ahnt in einer gewissen Weise die moderne, suchende Menschenseele, aber über diese Ahnungen hinaus kommt man in weitesten Kreisen bis jetzt nicht.
[ 10 ] Indeed, we must have this intellectual modesty to such a degree that the comparison which I am now about to make is justified. We have to say to ourselves: supposing, for instance, we give a volume of Shakespeare to a five year old child—what will the child do with it? He will tear it to bits or play with it in some other way. If the child is ten or fifteen years old he will no longer tear the volume of Shakespeare to pieces, but will treat it according to what it is really for. Even as a five year old, a child has certain capacities in his soul which can be brought out and developed so that through the development of these capacities the child becomes different from what he was before. As adult human beings who have achieved our normal development in everyday life and in ordinary science we should be able to produce intellectual modesty and to say to ourselves: as far as the secrets of nature are concerned we are fundamentally in the same position as the five year old child with a volume of Shakespeare. There are certainly capacities in us which are hidden which we can draw out of our souls and which we can then develop and cultivate. And we must evolve our soul life so that we can approach the whole of nature anew in the same way that the child who has reached fifteen or twenty years approaches the volume of Shakespeare anew as compared with his treatment of it when he was five. And I have to speak to you about the methods by which such forces which are to be found in every human soul can be developed. For, in fact, by developing these methods we acquire quite a new insight into nature and into human existence. The modern seeking soul is in a way unconsciously aware of these methods, but this is about as far as it has gone.
[ 11 ] Sehen Sie, es ist doch so, dass unter uns schon viele Menschen leben, die sich sagen: Wenn wir zurückblicken in alte Zeiten oder wenn wir hinüberblicken zum Beispiel in den Orient, wo sich noch die Überreste, allerdings die dekadenten Überreste einer alten Menschenweisheit erhalten haben, da ist noch etwas von dem, wo die Erkenntnis, dasjenige, was man Wissenschaft nennt, zu gleicher Zeit einen religiösen Charakter annimmt, wo man die Menschenseele über die Welt und das eigene Dasein zu einer gewissen Befriedigung bringen kann. Und weil man solches sieht, weil auch die äußere anthropologische Wissenschaft Erkenntnisse sehr tiefer Natur über alte menschliche Weltanschauungen heraufgefördert hat innerhalb unseres zivilisierten Lebens, deshalb sehnen sich viele Menschen zurück nach jenen früheren Seelenzuständen. Sie möchten alte Weisheit wieder lebendig machen, möchten das, was sich von solcher alten Weisheit im Orient drüben erhalten hat, nach dem Ausspruch «Ex Oriente Lux» in unserm Abendland verbreiten. Solche Menschen, die sich sehnen nach einer Erkenntnis, die nicht die unseres Zeitalters ist, die verstehen nicht den Sinn der Menschheitsentwicklung. Denn jedes Zeitalter hat für die Menschheit in Bezug auf alle Gebiete des Lebens seine besonderen Aufgaben. Wir können nicht heute unsere Seelen erfüllen mit demjenigen, womit unsere Vorfahren vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden als mit ihren Weisheitsschätzen ihre Seelen erfüllt haben. Aber orientieren können wir uns in einer gewissen Weise, wie sie es gemacht haben, diese Vorfahren, und dann können wir auf unsere Art einen Weg suchen wiederum in das Übersinnliche hinein. Denn die Menschenseele ahnt wohl, dass sie in den Tiefen ihres Wesens zusammenhängt nicht etwa mit der sinnlichen Natur, mit der der Leib zusammenhängt, sondern mit einer übersinnlichen Natur, mit der eben das Ewige der Seele und die ewige Bestimmung dieser Seele zusammenhängen.
[ 11 ] There are, as you know, many people already among us who say to themselves: If we look back to ancient times or if, for example, we look across to the East where there are still remains, albeit decadent remains, of an ancient wisdom of humanity, we find that knowledge or what we might call science takes on a religious character, so that the human soul can experience a certain satisfaction in its research for answers about the world and its own existence. And because we see this and because in our civilized life anthropology has produced profound knowledge about such old ways of looking at life, many people long to go back to these earlier soul conditions. They want to bring ancient wisdom to life again and want to further in the West what is left of this ancient wisdom in the East according to the saying, “ex foriente lux.” Those people who long for knowledge which does not belong to our age do not understand the purpose of human evolution. For each age brings particular tasks for humanity in all spheres of life. We cannot fill our souls today with the same treasure of wisdom with which our forefathers filled their souls hundreds or thousands of years ago. But we can orientate ourselves to how our forefathers did it and then in our own way we can seek a path to lead us into the super-sensible. But the human soul has a fairly good idea that in the depths of its being it is not connected with physical nature, with which the body is connected, but with a super-sensible nature which is connected with the eternal character of the soul and the eternal destiny and goal of this soul.
[ 12 ] Nun hatten unsere Voreltern in früheren Jahrhunderten oder Jahrtausenden eine ganz bestimmte Anschauung über das Verhältnis des Menschen zu jener Welt, der der Mensch außerhalb von Geburt und Tod angehört. Es waren ganz bestimmte Vorstellungen, die die Seele mit tiefen Empfindungen und Gefühlen erfüllten, die sich knüpften an das Betreten dieses Weges in die übersinnliche Welt, zu übersinnlichen Erkenntnissen hinüber. Und namentlich eine Vorstellung ist es, die mit Schauern erfüllte denjenigen, der die in ihrer ganzen Tiefe aus alten Zeiten herauftönen hört, es ist die Vorstellung von dem Hüter der Schwelle, von der Schwelle, die man überschreiten muss, wenn man von der gewöhnlichen Erkenntnis, die uns führt im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, zur eigentlichen Geistes- und Seelenerkenntnis aufsteigen will. Die Menschen empfanden in alten Zeiten: Da ist ein Abgrund zwischen dem, was gewöhnliche Erkenntnis ist, und dem, was eigentliche Aufschlüsse gibt über das Wesen der Seele. Und es war diesen Menschen eine ganz reale Empfindung, dass etwas dastand an dieser Schwelle, ein Wesen nicht menschlicher Art, ein Wesen geistiger Art, das sie behütete, diese Schwelle zu überschreiten, bevor sie genügend vorbereitet waren. Die Leiter der alten Weisheitsschulen, die man wohl auch Mysterien nennt, sie ließen niemand über diese Schwelle kommen, den sie nicht erst, namentlich durch eine gewisse Willenszucht, gehörig vorbereitet hatten. Warum das so war, das können wir uns an einem sehr einfachen Beispiel klarmachen.
[ 12 ] Now our forefathers of hundreds or thousands of years ago had a quite definite idea about the relationship of the human being to the world to which he belongs beyond birth and death. When they entered on the path which leads to super-sensible knowledge, into the super-sensible world, there arose quite definite images, and these filled the soul with deep feelings. And there is one image in particular which made people shudder who knew about it from the past. This is the image of the Guardian of the Threshold, of the threshold which has to be crossed when we progress from our ordinary way of thinking which guides us in daily life and in ordinary science to knowledge of the spirit and of the soul. Men felt in ancient times: there is an abyss between our ordinary knowledge and that which gives us information about the nature of the soul. And these people had a very real feeling that something stood at this threshold, a being that was not human, but spiritual, and that prevented the threshold from being crossed before they were sufficiently prepared. The leaders of the old schools of wisdom, which are also called mysteries, did not allow anyone to approach the threshold who had not first been properly prepared through a certain training of the will. We can show why this was so by means of a simple example.
[ 13 ] Wir sind heute als Menschen recht stolz darauf, dass wir seit Jahrhunderten eine andere äußerliche Weltanschauung haben in Bezug auf unser Planetensystem und die übrige Sternenwelt, als sie das Mittelalter, als sie nach unserer Ansicht das Altertum hatte. Wir sind stolz auf die kopernikanische Weltanschauung, und das von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht. Wir sagen: Wir haben die heliozentrische Weltanschauung gegenüber der geozentrischen Weltanschauung des Mittelalters und des Altertums, wo man sich vorstellte, dass die Erde ruhe, dass die Sonne mit den Sternen sich um die Erde bewege. Wir wissen heute, wie die Erde mit einer riesigen Geschwindigkeit um die Sonne kreist, und berechnen dann aus den Beobachtungen, die sich im Zusammenhang damit ergeben, dasjenige, was wir dann als Weltbild über unser Sonnen- oder Planetensystem haben. Und wir sehen zurück auf das Mittelalter und wissen, dass dieses ein Weltbild hatte, das in einer gewissen Weise kindlich im Verhältnis zu diesem heliozentrischen System genannt werden kann. Aber wenn wir weiter zurückgehen, zum Beispiel sogar bis einige Jahrhunderte vor der Geburt Christi, so finden wir, dass im alten Griechenland, zum Beispiel bei Aristarch von Samos, ein heliozentrisches Weltbild gegeben worden ist; Plutarch berichtet uns darüber. Dieses Weltbild des Aristarch von Samos unterscheidet sich in den Hauptzügen durchaus nicht von dem, was heute jeder in den untersten Schulen schon als das Richtige lernt. Dazumal aber [hat] Aristarch von Samos das nur in weiteren Kreisen verraten, sonst wurde es nur gelehrt in den engeren Kreisen der Mysterien. Es wurde nur an die Menschen herangebracht, die erst durch die Führer der Weisheitsschulen vorbereitet waren. Man sagte: Der Mensch mit seinem gewöhnlichen Bewusstsein, er ist nicht geeignet, ein solches Weltbild zu erhalten, zwischen ihm und diesem Weltbild muss die Schwelle in die geistige Welt aufgerichtet werden; er muss behütet werden durch den Hüter der Schwelle davor, unvorbereitet so etwas zu erfahren wie das heliozentrische System oder auch vieles andere, was heute bei uns wiederum alle Gebildeten haben, was aber den Alten vorenthalten worden ist, wenn sie nicht genügend vorbereitet waren.
[ 13 ] We are very proud today that for centuries we have had quite a different way of looking at our planetary system and the stars from the outlook of the Middle Ages and from the one we think existed in the Ancient World. We are proud of the Copernican outlook, and from one point of view quite rightly so. We say: we have the heliocentric outlook as compared with the geocentric outlook of the Middle Ages and of the Ancient World, where it was imagined that the earth stands still and that the sun and the stars move round it. We know today that the earth circles around the sun at a tremendous speed, and from the observations which are made in this connection we can work out the framework of our total world picture concerning the sun and the planetary system. And we know that in a way this medieval world picture can be called childish when compared to the heliocentric system. But if we go back even further, for instance, to a few centuries before the birth of Christ, we find the heliocentric system taught by Aristarchus of Samos in ancient Greece. We are told about this by Plutarch. This world picture of Aristarchus of Samos is not basically different from what everyone learns today in the elementary school as the correct view. At that time Aristarchus of Samos had betrayed this in the widest circles, whereas it was normally taught only in the confined circles of the mysteries. It was only conveyed to those people who had first been prepared by the leaders of the schools of wisdom. It was said: In his normal consciousness man is not suited to receive such a world picture; therefore the threshold into the spiritual world had to be placed between him and this world picture. The Guardian of the Threshold had to protect him from learning about the heliocentric system and many other things without preparation. Today every educated person knows these things, but at that time they were withheld if there had not been sufficient preparation.
[ 14 ] Warum enthielt man dazumal den Menschen diese Dinge vor? Nun, unsere geschichtlichen Erkenntnisse reichen gewöhnlich nicht bis in die Tiefen der menschlichen Seelenentwicklung hinein. In dieser Geschichtswissenschaft, die heute gang und gäbe ist, erklärt man den Menschen nicht, wie die Seelen der Menschen in ihrer Verfassung sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende verändert haben. In der griechischen, in der römischen Zeit selbst, und in der ersten Zeit des Mittelalters noch waren die Seelen der Menschen in einer ganz anderen Verfassung als heute. Die Menschen hatten aus ihren Instinkten, aus ganz unbestimmten, halb träumerischen Seelenzuständen heraus, ein Weltbewusstsein, eine Welterkenntnis. Diese Weltkenntnis, wir können heute uns keinen Begriff davon machen. Wenn wir nach der damaligen Zeit naturwissenschaftlich zu nennende Werke in die Hand nehmen — man mag darüber denken wie man will, man mag sie abergläubisch nennen, man hat damit in Bezug auf die heutige Bildung durchaus recht, aber der eigentümliche Charakter dieser Werke war der, dass die Menschen nirgends so trocken und nüchtern, so geistleer die Mineralien, die Pflanzen und Tiere, die Flüsse und Wolken angesehen haben und die Sterne aufund untergehen sahen, ohne dass sie zu gleicher Zeit den Geist in der Natur wahrnahmen. In jedem Stein nahmen sie Geistig-Seelisches wahr, in jeder Pflanze, in jedem Tier, in dem Gang der Wolken, in der ganzen Natur. Der Mensch fühlte in sich das Geistig-Seelische und das, was er in sich fühlte, das war ihm auch ausgebreitet in der äußeren Welt. Er fühlte sich noch nicht so getrennt von der äußeren Welt, wie der Mensch sich heute fühlt. Dafür aber war auch sein Selbstbewusstsein ein schwächeres. Und man musste sich mit Recht sagen in den alten Zeiten der Menschheitsentwicklung: Wenn man dem Menschen etwas mitteilte von der Art, wie es das heliozentrische System ist, wie es den Weisen mitgeteilt worden ist, wenn man ihm mitteilen würde: Die Erde kreist mit riesiger Geschwindigkeit durch den Weltenraum, er würde einer seelischen Ohnmacht verfallen.
[ 14 ] Why were these things withheld from people at that time? Now, our historical knowledge does not normally suffice to penetrate into the depths of the evolution of the human soul. The kind of history that is presented today offers no explanation of how the constitution of the human soul has changed during the course of hundreds and thousands of years. In the Greek and even in the Roman and early medieval periods human souls had quite a different constitution from today. People then had a consciousness and knowledge of the world which arose out of their instincts and out of quite indefinite, half dreamlike states of the soul. Today we can have no idea of what this knowledge of the world was. We can take up a work which at that time would have been called scientific. We can think what we like about it, we can call it superstitious, and as far as present day education is concerned, we would be right. But the peculiar character of these works was that people never looked at minerals, plants, animals, rivers and clouds or at the rising and setting of the stars in such a dry, matter of fact and spiritless way as is done today, because at the same time they always saw spirit in nature. They perceived spirit-soul nature in every stone, in every plant, in every animal, in the course of the clouds, in the whole of nature. The human being felt this spirit-soul nature in himself, and what he felt in himself he found spread out in the external world. He did not feel himself so cut off from the outer world as people do today. But instead of this, his self-consciousness was weaker. And one quite rightly had to say to oneself in past periods of human evolution: If the ordinary human being were to be told about the nature of the heliocentric system in the same way that it was told to the wise—if it were simply said, “the earth circles through space with tremendous speed,” this ordinary person would suffer a kind of eclipse of his soul.
[ 15 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eine historische Wahrheit. Es ist ebenso eine historische Wahrheit wie die historischen Wahrheiten, die wir in der Schule lernen über Alkibiades und den Peloponnesischen und die persischen Kriege. Aber es ist eine Wahrheit, die wir gewöhnlich nicht lernen, dass die griechische Seele anders beschaffen war als die heutige Menschenseele. Sie war dumpfer in Bezug auf die Kräfte des inneren Selbstbewusstseins. Die weisen Leiter der Mysterien hätten mit Recht fürchten müssen, dass diese Seelen — wenn sie unvorbereitet hineingeführt worden wären in die übersinnlichen Erkenntnisse, ja nur in diejenigen Erkenntnisse, die heute Gemeingut aller Gebildeten sind —, dass diese Seelen in geistige Ohnmacht verfallen wären. Deshalb, sagte man, müssen die Seelen der Menschen erst durch eine Willenszucht stark und mutvoll gemacht werden, damit sie es aushalten können, wenn ihr Selbstbewusstsein in eine ganz andere Welt als die gewöhnliche geführt wird. Und die Seelen müssen furchtlos gemacht werden gegenüber dem Unbekannten, in das sie eintreten sollten. Furchtlosigkeit vor dem Unbekannten, ein mutvolles Erfassen desjenigen, wobei man ja nach der Anschauung der Alten wortwörtlich den Boden unter den Füßen verliert — denn wenn man nicht mehr auf der ruhenden Erde steht, so verliert man ja den Boden unter den Füßen —, mutvolle Seelenverfassung und Furchtlosigkeit und manche anderen Eigenschaften waren es, durch welche die Schüler der Weisheitsschulen vorbereitet wurden, um den Abgrund zu überschreiten in die geistige, übersinnliche Welt hinein.
[ 15 ] This is an historical truth. It is just as much an historical truth as what we learn in school about Alcibiades and the Peloponnesian and Persian wars. But a truth we do not normally learn is that the Greek soul was differently constituted from the modern soul. It was less awake in connection with the powers of inner self-consciousness, and the wise leaders of the mysteries were quite rightly afraid that if such souls acquired super-sensible knowledge without preparation, knowledge which today is the common possession of all educated people, they would suffer a kind of spiritual eclipse. Therefore the souls of men had first to be strengthened through a training of the will so that they did not succumb when their self-consciousness was led into a quite different world from the one it was accustomed to. And the souls had to be made fearless in face of the unknown which they had to enter. Fearlessness of the unknown and a courageous realization of what was literally for such souls the losing of the ground under their feet (for if we no longer stand on an earth that stands still, we lose the ground from under our feet), a courageous disposition of the soul and fearlessness and several other qualities were what prepared the student of the schools of wisdom to cross the abyss into the spiritual, super-sensible world.
[ 16 ] Und was lernten sie dann? Sie lernten — und das ist das Überraschende, das Paradoxe —, sie lernten dasjenige, was wir [alle] heute in der Elementarschule lernen, was uns als eine Erkenntnis eigen ist, die allen Gebildeten zukommt. Das war dasjenige, wovor sich die Alten eigentlich fürchteten, zu dem sie erst mutvoll erzogen werden mussten. So hat sich die Menschenseele im Laufe der Jahrhunderte entwickelt, dass sie jetzt in einer ganz anderen Verfassung ist; dass dasjenige, was erst nach schwerer Vorbereitung den Alten gegeben werden konnte, uns heute in der Elementarschule schon gegeben wird. Wir stehen im Grunde genommen durchaus jenseits der Schwelle, welche die Alten erst nach langer Vorbereitung betreten durften. Aber wir haben auch die Folgen dieser Überschreitung der Schwelle zu tragen. Wir stehen bei dem, vor dem sich die Alten fürchteten, wozu sie erst sich Mut anerziehen mussten; aber wir haben auch etwas verloren. Was wir verloren haben innerhalb unserer modernen Zivilisation, das sagen uns auf der einen Seite diejenigen, die gerade als die ernsten Forscher unserer Gegenwartswissenschaft sich ergehen über dasjenige, was wir nicht wissen können. Und warum das so ist, das müssen sich im Grunde genommen wiederum diejenigen sagen, die nun aus ernster Geisteswissenschaft heraus sich solchen Tatsachen, wie ich sie Ihnen eben geschildert habe, gegenüberstellen.
[ 16 ] And what did they learn then? This sounds surprising and paradoxical, for they learnt what we learn today in the elementary school and what is common to all educated people. This was in fact what the ancient peoples were afraid of and for which they had first to acquire the courage to face. The human soul has evolved during the course of the centuries so that today it has quite a different constitution, with the result that what could only be given to the ancient peoples after difficult preparation is now given to us in the elementary school. In fact, we are already on the other side of the threshold which the ancient peoples were only allowed to cross after long preparation. But we have also to deal with the consequences of this crossing of the threshold. We are at the point which they feared, and for which they had to acquire courage—but at the same time we have also lost something. And what this is that we have lost in our modern civilization is clear to us when we read what scientists who take our modern civilization seriously have to say about what we cannot know. Why this is so should really be explained by those who face such facts on the basis of a serious study of the Science of the Spirit.
[ 17 ] Wir haben seit der Zeit, dass Galilei, Kopernikus, Kepler aufgetreten sind, ein ganz anderes Selbstbewusstsein erlangt. Wir sind fortgeschritten zum abstrakten Denken. Die Intellektualität entwickeln wir in einer so starken Weise, wie die Alten sie nicht entwickelt haben in ihrem dumpfen Bewusstsein. Daher haben wir ein so starkes Selbstbewusstsein, dass wir uns hineinstellen können in die Welt, in die die Alten erst nach Vorbereitung sich hineinstellen konnten. Aber wir gelangen in diese Welt, das zeigen gerade die unbefangensten Forscher, die von Ignorabimus, von Erkenntnisgrenzen sprechen und so weiter, indem wir zwar ein stark entwickeltes Selbstbewusstsein haben, ein durch das Denken, durch die Intellektualität, die die Alten nicht hatten, stark entwickeltes Selbstbewusstsein, aber uns fehlt der Zusammenhang mit den tieferen Gründen der Welt in diesem starken Selbstbewusstsein. Wir haben ein Pochen auf uns selbst erlangt, eine Verstärkung des Selbstbewusstseins; aber Welterkenntnis, die haben wir verloren. Nicht mehr gewinnen wir aus dem Instinkt einen solchen Zusammenhang wie ihn die Menschen noch im zehnten, zwölften Jahrhundert erlangen konnten. Wir müssen daher von einer neuen Schwelle in die geistige Welt reden. Wir müssen durch unser verstärktes Selbstbewusstsein wiederum etwas entwickeln, was uns nun in die geistige, in die übersinnliche Welt hineinführt, in die wir nicht instinktiv hineinkönnen wie [noch] die Alten. Wie die Alten entwickelt haben durch Selbstzucht die Verstärkung des Selbstbewusstseins, um es aushalten zu können in der Welt, in die wir unvorbereitet hereinkommen, so müssen wir wieder vorbereiten zu etwas anderem. Wir müssen uns ebenso vorbereiten, dass wir die in unserer Seele schlummernden Kräfte, auf die wir aufmerksam werden durch die intellektuelle Bescheidenheit, in uns entwickeln.
[ 17 ] We have arrived at quite a different form of self-consciousness since the time of Galileo, Copernicus and Kepler. We have progressed to abstract thinking. We are developing our intellectuality to an extent which was unknown to the ancient peoples with their less awake kind of consciousness. And because of this we have a strong self-consciousness which enables us to enter into a world which the ancient peoples could enter only after being prepared. Even the most unbiased scientists who speak about what we are unable to know and about the limits of knowledge show that we enter into this world through a self-consciousness which has been strongly developed through the thinking and through an intellectuality which people in the past did not possess. But at the same time we have lost the connection with the deeper basis of the world. We have become rather proud of ourselves in having achieved a heightened self-consciousness, but we have lost real knowledge of the world. It is no longer possible for us to achieve such connection instinctively, as it was in the tenth or twelfth centuries. We therefore have to talk about a new threshold into the spiritual world. By means of our heightened self-consciousness we have to develop something that will lead us into the super-sensible world, which we can no longer enter instinctively as did the people of earlier times. These people developed a heightening of their self- consciousness through self discipline in order to be able to hold out in a world which we enter without preparation. So now we have to prepare ourselves for something else? In order to do this we have to develop powers which are latent in our soul and of which we become aware through intellectual modesty.
[ 18 ] Sehen Sie, man geht dabei hauptsächlich von zwei ganz bekannten Kräften in der Menschenseele aus, nicht von irgendwelchen obskuren Dingen oder dergleichen in der Menschenseele. In ernster Geisteswissenschaft geht man aus von zwei Kräften, die im menschlichen Leben unbedingt notwendig sind, aber man entwickelt sie weiter. Man sagt sich: Sie sind im gewöhnlichen Leben nur im Anfang ihrer Entwicklung, man setzt diese Entwicklung durch eigene Arbeit an sich selbst fort. Die eine Kraft, die so weiter entwickelt wird, ist das, was man menschliche Erinnerungsfähigkeit nennt. Durch diese Erinnerungsfähigkeit sind wir ja eigentlich ein Ich. Durch diese Erinnerungsfähigkeit haben wir das gewöhnliche Selbstbewusstsein. Wir blicken zurück bis zu einem gewissen Jahr in unserer Kindheit, und da tauchen auf in Erinnerungsbildern die Erlebnisse, die wir gehabt haben, mehr oder weniger verblasst und abgeschattet, aber sie treten auf. Und wir wissen ja aus der gewöhnlichen medizinischen Literatur — jeder kann sich überzeugen, dass das so ist —, wir wissen, was es bedeutet, wenn ein Gebiet unseres Lebens ausgelöscht ist, wenn wir uns nicht erinnern können an irgendetwas in dem Fortgange unseres Lebens. Wir sind dann seelisch krank. Es gehört eine solche Krankheit zu den schwersten seelisch-geistigen Erkrankungen. Aber dieses Erinnerungsvermögen, das so notwendig ist für das gewöhnliche Leben, es ist in diesem gewöhnlichen Leben durchaus an den Körper, an den Leib des Menschen gebunden, das fühlt ein jeder. Und diejenigen, die mehr materialistisch gesinnt sind, die weisen darauf hin, wie sich diese Abhängigkeit zeigt, wie gewisse Organe oder Organglieder nur verletzt zu sein brauchen, und das Gedächtnis wird ebenfalls verletzt, unterbrochen, zerstört. Diese Erinnerungsfähigkeit kann aber der Ausgangspunkt werden, um eine neue, höhere Seelenkraft aus ihm herauszuentwickeln, und das geschieht in der Weise, wie ich es dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Schriften. Ich habe da gezeigt, wie man durch dasjenige, was ich Meditation, was ich im technischen Sinne Konzentration auf gewisse Gedankenwelten, Empfindungswelten, Welten der Willensimpulse nenne, das Erinnerungsvermögen zu etwas Höherem ausbilden kann.
[ 18 ] Thus, rather than starting with something obscure in the human soul, we start with two of its well-known powers. In the Science of the Spirit we begin with two powers which are absolutely necessary in human life, and they are then developed further. In normal life they are only at the beginning of their development, and this development is continued through our own work. The first of these is the human faculty of memory. It is through this faculty of memory that we are really an ego. It gives us our ordinary self-consciousness. We look back to a particular year in our childhood, and the experiences which we then had appear in the picture of our memory. It is true that they are somewhat pale and faded, but they do appear. And we know from ordinary medical literature what it means when part of our life is extinguished, when we are not able to remember something in the sequence of our life. We are then ill in our souls, mentally ill. Such an illness belongs to the most serious disorders of our soul-spirit constitution. But this faculty of memory which is so necessary for ordinary life is, bound to the physical body, so far as this ordinary life is concerned. Everyone can feel this. Those who have a more materialistic outlook show how this dependence is manifested, how certain organs or parts of organs only need to be damaged and the memory will likewise be damaged, interrupted, destroyed. But this faculty of memory can also be the starting point from which a new and higher power of the soul can be developed, and this is done in the way I have described in my book, How to Attain Knowledge of Higher Worlds and in other writings. I have shown there how the faculty of memory can be developed into something higher through what I have called meditation and, in a technical sense, concentration on certain spheres of thought, of feeling and of the will.
[ 19 ] Was ist denn das Eigentümliche der Erinnerungsvorstellungen? Sonst bilden wir uns unsere Vorstellungen, unsere Gedanken an der Außenwelt, sie huschen vorüber, wie die Außenwelt an uns vorüberhuscht. Durch die Erinnerung machen wir dauernd das, was wir erlebt haben. Nach Jahren noch können wir aus den untersten Quellen heraufholen, was wir erlebt haben. Dauernd werden die Vorstellungen in uns durch die Erinnerung. Das benutzen wir in der Meditation, in der Konzentration, wenn wir Geistesforscher werden wollen. Wir bilden uns — oder wir lassen uns raten von denjenigen, die in diesen Dingen Bescheid wissen — leicht überschaubare Vorstellungen; solche Vorstellungen, die nicht aus dem Unterbewussten kommen können, die auch nicht Reminiszenzen des Lebens sein können, Vorstellungen, die wir so genau überschauen können, wie wir mathematische oder geometrische Vorstellungen überschauen können. Dann ruhen wir mit der Seele auf diesen Vorstellungen. Die Ausbildung dieser Methoden ist wahrhaftig nicht leichter als das klinische Forschen, das Forschen im physikalischen oder chemischen Institut oder auf der Sternwarte. Es ist allerdings eine innere Arbeit der Seele, aber durchaus ein ernstes Arbeiten dieser Seele. Es kann jahrelang dauern, bei manchen kann es auch kürzere Zeit dauern, je nachdem eben das innere Schicksal des Menschen es gibt, aber immer dauert es einige Zeit, bis dieses immer wieder und wieder hervorgerufene Ruhen auf bestimmten Vorstellungen zu etwas führen kann. Es darf das übrige Leben selbstverständlich nicht gestört werden durch diese Übungen; man bleibt ein vernünftiger, ein tüchtiger Mensch, denn diese Übungen nehmen nur kurze Zeit in Anspruch. Sie müssen aber lange Zeit durchgehalten werden, dann werden sie dasjenige, was man nennen kann eine höhere Gestaltung der Erinnerungskraft. Wir gewahren dann etwas in unserer Seele, was so lebt wie die Gedanken an die Erlebnisse, die wir durchgemacht haben. Nur wissen wir, dass dasjenige, was jetzt in unserer Seele lebt, sich nicht auf etwas bezieht, was wir durchgemacht haben im Leben seit der Geburt; sondern so, wie wir sonst die Bilder haben solcher Erlebnisse, so haben wir jetzt andere Bilder. Ich nannte sie in meinen Schriften «Imaginationen». Wir haben Bilder, so lebhaft wie die Erinnerungsbilder, aber nicht anknüpfend an das, was wir so im gewöhnlichen Leben durchgemacht haben, sondern wir werden gewahr: Diese Imaginationen beziehen sich nicht auf etwas, was wir im gewöhnlichen Leben durchgemacht haben, sondern auf etwas, was außerhalb unser, in der geistigen Welt ist.
[ 19 ] What then is the peculiar characteristic of the images of the memory? Normally our images and our thoughts are formed in connection with the outer world, and they slip by, just as the outer world slips by. Our experience is made permanent by our memory. Out of the depths of our being we can recall what we experienced years before. Images become permanent in us through our memory. And this is what we use in meditation, in concentration, when we want to become scientists of the spirit. We form images which we can easily comprehend—or we allow ourselves to be advised by those who are competent in such matters—and these should be images which are not able to arise out of the unconscious, nor should they be reminiscences of life, but they should be images which we can comprehend as exactly as mathematical or geometrical ideas. The cultivation of these methods is certainly not easier than clinical research or than research in physics or chemistry or astronomy. It is, to be sure, an inner effort of the soul, and a very serious effort of the soul at that. It can take years, although with some people it can also take a shorter time; it simply depends on the inner destiny of the person, but it always takes some time before this continual concentration on particular images can lead to any result. Naturally the rest of life must not be disturbed through these exercises, in fact we remain sensible and able people, for these exercises claim only a little time. But they have to be continued for a long period, and then they will become what one can call a higher form of the power of memory. We then become aware of something in our soul which lives in the same way as the thoughts which we have about our experiences. However we know that what now lives in our soul does not refer to anything that we have experienced in life since birth, but in the same way that we normally have pictures of such experiences, we now have other pictures. In my writings I have called these Imaginations. We have pictures which are as vivid as are the pictures of our memory, but they are not linked to what we have experienced in ordinary life, and we become aware that these Imaginations are related to something which is outside us in the spiritual world.
[ 20 ] Und wir lernen erkennen, was es heißt, außerhalb des menschlichen Leibes zu leben. Mit dem Erinnerungsvermögen haften wir an unserem Leibe. Mit diesem entwickelten, ausgebildeten Erinnerungsvermögen haften wir nicht mehr am Leibe, und es tritt jetzt etwas ein, was wir ähnlich und doch wiederum ganz verschieden nennen können von demjenigen Zustande, den der Mensch durchmacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Da ist er gewöhnlich unbewusst, da ist ausgelöscht das Bewusstsein, in dieser Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, weil der Mensch nicht mit Augen sieht oder mit den Ohren hört. In diesem Zustand ist man, wenn man das entwickelte Erinnerungsvermögen gebraucht. Man nimmt nicht wahr mit Augen und Ohren, man nimmt nicht einmal wahr die Wärme in seiner Umgebung, aber man lebt nicht unbewusst wie im Schlafe, sondern man lebt in einer Welt der Vorstellungen, in einer Welt der Wahrnehmungen. Man nimmt jetzt eine geistige Welt wahr. Es ist wirklich so, als wenn der Mensch anfinge, einzuschlafen, aber nicht in die Dumpfheit des Unbewusstseins hinüberginge, sondern in eine andere Welt. Diese andere Welt nimmt man durch das entwickelte Erinnerungsvermögen wahr. Und man lernt jetzt erkennen als erste Anschauung dasjenige, was ich nennen möchte das «Erinnerungstableau», aber das entwickelte Erinnerungstableau an dieses Leben bis zur Geburt hin. Das ist gewissermaßen die erste übersinnliche Wahrnehmung.
[ 20 ] And we come to realize what it means to live outside the human body. With our faculty of memory we are bound to our body. With this developed faculty of memory we are no longer bound to the body, we enter into a state which is on the one hand quite similar to, but on the other hand quite different from the condition which the human being lives through from the time he goes to sleep until he wakes up. He is normally unconscious at this time, because he cannot see with his eyes or hear with his ears. This is the condition we are in when we use our developed faculty of memory. We do not perceive with our eyes and ears; we are not even able to feel the warmth of our surroundings. On the other hand we do not live unconsciously as in sleep, but we live in a world of images and perceptions. We now perceive a spiritual world. It is really as if we begin to go to sleep, but instead of passing over into the dullness of unconsciousness we pass into another world, which we then perceive through our developed faculty of memory. And the first thing that we perceive is what I would like to call a tableau of the memory, that is, a developed tableau of the memory of this life which reaches back to birth. This is the first super-sensible perception.
[ 21 ] Sonst hat man Erinnerungen an sein Leben, man lässt Bilder aufsteigen, Erinnerungsbilder, aus dem Strome des Lebens. So ist es dann nicht, wenn man durch dieses übersinnlich entwickelte Erinnerungsvermögen hinblickt auf das Leben. Da gliedert sich zusammen zu einem in einem Augenblick — wie etwas Räumliches — überschaubaren Bilde der ganze Strom des Lebens. Was sonst nur als in der Zeit verlaufend in einzelnen Erinnerungsfragmenten auftaucht, das wird zum zusammenhängenden Strom, wenn wir zu dieser Unabhängigkeit von unserem Leibe kommen. Dann entwickelt sich — wenn wir uns einmal daran gewöhnt haben, unabhängig vom Leibe vorzustellen, so wie der Schlafende vorstellen würde, wenn er das könnte — dasjenige, was man nennen kann ein wirkliches Anschauen desjenigen, was Einschlafen, was Aufwachen ist, was Schlafen überhaupt ist. Man lernt erkennen, wie dasjenige, was geistig-seelisch im Menschen ist, wirklich sich herausbegibt — nicht räumlich, aber dynamisch, aber es ist doch richtig gesprochen —, wie es gewöhnlich unbewusst bleibt, wie der Mensch aber sein Bewusstsein entwickeln kann außerhalb des Leibes und wie das Bewusstsein darin besteht, dass das Geistig-Seelische in den Leib wieder untertaucht. Und wenn man das entwickelt hat, dann kann man aufsteigen allmählich zu weiteren Vorstellungen.
[ 21 ] The memories we normally have are of our life; we allow the pictures of our memory to arise out of the stream of life. This is not the case when we look back on life through this supersensibly developed faculty of memory. In this case in one moment the whole course of our life is drawn together into a single picture which we can comprehend as something spatial before us. When we achieve this independence from our body, the fragments of our memory which normally appear as single events in time now form a coherent whole. When we have become accustomed to forming images independently of the body—in the same way that a sleeping person would if he could—there is then developed what one can call a real view of what going to sleep, waking, and sleep itself are. We get to know how the spirit-soul part of man draws itself out—not spatially, but dynamically, though despite this, the first is the right expression—and how this normally remains unconscious, how the human being can however develop this consciousness outside the body, and how consciousness arises when the spirit-soul part again enters into the body. When this has been developed it is possible to advance gradually to further images.
[ 22 ] Wenn man sich eine Vorstellung machen kann, was der Mensch schlafend ist als lebendige geistig-seelische Wesenheit, dann kommt man auch dazu, wenn man immer weiter und weiter arbeitet mit seinem in der geschilderten Weise entwickelten Erinnerungsvermögen, das GeistigSeelische zu erkennen, wie es gelebt hat in einer rein geistigen Welt, bevor es durch die Geburt oder Empfängnis heruntergestiegen ist in die physische Welt. Man lernt namentlich unterscheiden: Der schlafende Mensch hat in sich eine sinnlich-übersinnliche Begierde, in den physischen Leib, der im Bette liegt, zurückzukehren und ihn geistig-seelisch zu beleben. Aber diese Kraft lernt man auch als starke Kraft kennen bei der Seele, die erst wartet, empfangen zu werden von einem physischen Leibe, der von Vater und Mutter kommt in der physischen Vererbungsströmung, aber man lernt erkennen, wie diese Seele aus der geistig-seelischen Welt steigt und den Leib durchdringt. Man erlangt ein Wissen davon, wie geistig-seelisch unsere Seele lebt vor der Geburt. Man lernt das Ewige in der Menschenseele kennen. Nicht ein Glauben ist es mehr, mit dem man hängt an diesem Ewigen in der Menschenseele, sondern ein Wissen, das durch übersinnliches Schauen erlangt ist. Und man erlangt dadurch auch eine Erkenntnis des großen Einschlafens, dass der Mensch vollzieht, wenn er durch die Pforte des Todes geht. Wie das Bewusstsein nur gedämpft wird, nicht verloren geht im Schlafe, so ist es mit der Menschenseele, indem sie durch die Pforte des Todes geht, nur ist es da umgekehrt: Während der Mensch, wenn er einschläft und zu diesem Leibe zurück will, an dem Leibe hängt und dadurch abgedämpft erhält sein Bewusstsein im gewöhnlichen Schlafe, geht ihm das Bewusstsein auf, wenn er durch die Pforte des Todes tritt, weil er keine Begierde nach dem Leibe hat. Erst wenn er lange Zeit gelebt hat in der geistigen Welt, tritt wiederum auf etwas, was man vergleichen könnte mit dem Alter des physischen Leibes, was im 35. Lebensjahr erreicht ist. Wenn die Seele nach dem Tode eine Zeit lang gelebt hat, tritt wiederum eine Sehnsucht auf, dass sie wiederum nach dem Leibe hinwill, und es tritt ein Hingehen zu einem neuen Erdenleben ein. Ich habe wiederholt genauer diese Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt geschildert. Wenn man diese Dinge schildert, werden sie heute noch von den Menschen vielfach verlacht und verhöhnt, als phantastisch angesehen. Aber diejenigen Menschen, die das als phantastisch ansehen, was man auf diesem Wege gewinnt, die sollten zu gleicher Zeit die mathematischen Vorstellungen als phantastisch ansehen, denn dasjenige, was so gewonnen wird, ist so wirklich wie dasjenige, was man auf dem Wege gerade treuer und ernster Naturforschung findet.
[ 22 ] When we are able to imagine what kind of living spirit- soul beings we are when we sleep, we are able, through working further on the developed faculty of memory which we have described, to recognize how the spirit-soul part lived in a purely spiritual world before it descended into the physical world through birth and conception. We can then distinguish the following: A person who is sleeping has a desire which is both physical and super-sensible, to return to the physical body which is lying in bed and to revive it in a spirit-soul sense. We also meet this as a strong force in the soul that is waiting to be received by a physical body which comes from the father and mother in the line of physical heredity, but we also come to see how this soul descends from this spirit-soul world and penetrates the body. We acquire knowledge of how our soul lives in the spirit-soul world before birth; we come to know the eternal in the human soul. And we no longer merely rely on our faith concerning the eternal in the human soul, but on knowledge which has been acquired through super-sensible perception. And through this we also acquire knowledge of the great going to sleep which the human being experiences when he passes through the gates of death. What happens to the human soul when it passes through the gates of death is similar to what happens in sleep when consciousness is not lost but merely subdued, only here it is the other way round: whereas the human being is strongly attached to the body when he goes to sleep and wishes to return to it, thereby retaining his consciousness in normal sleep in a subdued form, when he goes through the gates of death he acquires full consciousness because he no longer has any desire for the body. Only after he has lived for a long time in the spiritual world does he experience something which may be compared to the age of the physical body which has reached the 35th year of life. After having lived for a long time after death the soul experiences a desire to return to the body, and from this moment it moves toward a new life on earth. I have repeatedly described in detail these experiences of the human being between death and a new birth. When such things as these are described, people today often make fun of them and regard them as fantastic. But those who regard as fantastic what has been won in this way should also regard mathematical ideas as fantastic, for what I have described has been won through true and earnest scientific investigation.
[ 23 ] Und eine gewaltige, bedeutsame Vorstellung tritt ein. Nicht wahr, wenn wir eine Erinnerungsvorstellung haben, haben wir eigentlich irgendetwas, was wir Jahre vorher erlebt haben, vor unserer Seele. Wir haben das als Vorstellung vor unserer Seele, was wir da erlebt haben. Wenn wir das vor uns haben, was wir nicht durch die gewöhnliche Erinnerung, aber durch das entwickelte Erinnerungsvermögen haben, haben wir jene geistige Welt vor uns, in der wir als schlafender Mensch sind, in der wir aber auch sind, bevor wir zum Erdenleben heruntersteigen. Wir haben dasjenige, was nicht den Sinnen erscheint in der Außenwelt um uns, aber was dem Geistesauge, dem Seelenauge erscheint. Wir haben die geistigen Untergründe, die Weltenweiten vor uns. Wir steigen wieder auf, an einem neuen Hüter der Schwelle vorbei, über eine neue Schwelle hinüber, in die übersinnliche Welt, zum geistigen Hintergrund des Naturdaseins, dem wir angehören. Da taucht auf wie eine mächtige Erinnerung aus Stein und Wolken und aus alledem, was in den Reichen der Natur ist. So sieht ein Stein aus für das Auge, so eine Wolke. Für das Geistesauge erscheint etwas, dem wir verwandt sind, weil wir drinnen gelebt haben vor unserer Geburt oder Empfängnis. Da ist die große Welterinnerung. Und indem diese Welterinnerung an unser eigenes überphysisches Dasein vor unserer Geburt auftritt, indem so unser Ewiges uns erscheint aus der Außenwelt vor dem Geistesauge, bekommen wir zu gleicher Zeit ein Weltentableau über den Geist, der in der Welt um uns ausgebreitet ist. Wir erlangen eine wirkliche geistige Welterkenntnis.
[ 23 ] And now we experience a tremendous and significant image. In a memory image we have before our souls something which we have experienced years before. We have what we once experienced as an image before our souls. But if what we have before us does not arise through our normal memory but through the developed faculty of memory, we then have the spiritual world before us in which we are when we sleep and in which we also exist before we descend to a life on earth. What we now experience is not what appears to the senses in the outer world, but what appears to the eye of the spirit, the eye of the soul. We have before us the spiritual roots of existence, the widths of the universe. We rise up and go past a new Guardian of the Threshold, we cross over a new threshold into the super-sensible world, to what lies spiritually behind the natural existence to which we belong. The stones and clouds and everything that belongs to the kingdoms of nature arise like a mighty memory. We know what a stone or a cloud looks like to the eye. But now to the eye of the spirit something appears to which we are related because we lived in it before our birth or conception. This is the great world memory. Since this world memory of our own super-sensible existence before our birth appears and since our eternal nature appears before the eye of the spirit from the world outside us, we acquire at the same time a world tableau of the spirit that is spread out in the world around us. We acquire real spiritual knowledge of the world.
[ 24 ] Von diesen Dingen muss Geisteswissenschaft sprechen, denn das ist etwas, was eben in die moderne Zivilisation hereintreten muss, wie vor einigen Jahrhunderten die kopernikanische Weltanschauung, die Galilei’sche Weltanschauung hereingetreten ist. Wie man dazumal diese Dinge abgelehnt hat, wie man sie als paradox, als phantastisch angesehen hat, wird auch heute die Geisteswissenschaft als Phantasterei angesehen. Aber man wird diese Dinge in die Menschenseelen aufnehmen und wird dasjenige haben, was ich gleich erwähnen werde auch für das äußere, soziale, für das ganze Dasein des Menschen. Vorerst aber muss ich hinweisen darauf, dass zur vollen Geist-Erkenntnis noch eine andere Erkenntniskraft entwickelt werden muss.
[ 24 ] The Science of the Spirit must speak about such things, for it is something which must be taken into modern civilization just as the Copernican and Galilean outlook entered the world a few centuries ago. Today the Science of the Spirit is regarded as fantastic in exactly the same way as the new outlook of that time which was rejected as paradoxical and fantastic. But these things will be accepted into human souls, and we shall then also possess something for the external social and the entire existence of the human being, which I am now about to mention. But first I must point out that there is another faculty of knowledge which must be developed in order to acquire full knowledge of the spirit.
[ 25 ] Dass man das Erinnerungsvermögen entwickeln darf zu einer Erkenntniskraft, das werden einem die Menschen noch zugeben. Aber gerade vielleicht die strengen Wissenschaftler werden die zweite Kraft, die ich angeben muss, nicht gelten lassen als Erkenntniskraft, und dennoch ist sie, zwar nicht so wie sie im Leben auftritt, sondern wenn sie entwickelt wird, eine wirkliche Erkenntniskraft: Es ist die Kraft der Liebe.
[ 25 ] People will be prepared to admit that the faculty of memory can be developed into a power for acquiring knowledge. But perhaps the more strict scientists will not be able to accept the second faculty for acquiring knowledge which I have to describe. And yet, despite this, it is a real power for acquiring knowledge, though not as it appears in life, but when it is developed. This is the power of love.
[ 26 ] Im gewöhnlichen Leben ist die Liebe an die menschlichen Instinkte, an das menschliche Triebleben gebunden, aber man kann, geradeso wie man die Erinnerungsfähigkeit herausholen kann aus dem gewöhnlichen Leben, auch diese Liebe herausholen. Man kann auch in Bezug auf die Liebe unabhängig werden vom Menschenleibe. Die Kraft der Liebe kann ausgebildet werden, indem man durch sie gerade wirkliche Objektivität erlangt. Während man im gewöhnlichen Leben liebt, weil das Innere des Menschen zu dieser Liebe anspornt, kann man diese Liebe so ausbilden, dass man untertaucht in die äußeren Gegenstände, dass man mit Selbstvergessenheit ganz eins wird mit dem äußeren Gegenstand. Wenn man eine Handhabung vollzieht, so, dass man nicht aus inneren Impulsen heraus, die von den Trieben, den Instinkten kommen, handelt, sondern wenn man aus Liebe zu den äußeren Ereignissen handelt, dann ist das diejenige Liebe die zu gleicher Zeit die Kraft der menschlichen Freiheit ist. Deshalb habe ich bereits in demjenigen Buch, das ich unter dem Titel «Philosophie der Freiheit», das ich im Jahre 1893 veröffentlicht habe, gesagt, dass im höheren Sinne der Ausspruch nicht wahr ist, die Liebe mache blind, sondern ich sagte, die Liebe mache gerade sehend. Und derjenige, der sich durch Liebe in die Welt findet, macht sich wirklich frei, denn er macht sich unabhängig von den ihn knechtenden inneren Instinkten und Trieben; er weiß in der Welt der äußeren Tatsachen und Ereignisse aufzugehen und sich von der Welt sein Handeln diktieren zu lassen; dann aber kann er durchaus als freier Mensch im Sinne desjenigen, was geschehen soll, handeln, nicht mehr getragen und geführt durch das, was seine Instinkte und Triebe sind. Wie ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geben wollte eine Grundlage für ein soziales freies Empfinden innerhalb der modernen Zivilisation, für dasjenige, was wirklich aus dem Tiefsten des Menschen heraus ein soziales Leben begründen kann, so muss auch gesagt werden, dass diese Liebe als Erkenntniskraft ausgebildet werden muss, zum Beispiel wenn man für dasjenige, was man mit jedem Tage neu wird, ein scharfes Beobachtungsvermögen entwickelt.
[ 26 ] In normal life, love is bound to the human instincts, to the life of desires, but it is possible to extricate love out of normal life in the same way as the faculty of memory. It is possible for love to be independent of the human body. The power of love can be developed, if by means of it we are able to obtain real objectivity. Whereas in normal life the original impetus for love comes from within the human being, it is also possible to develop this love through being immersed in outer objects so that we are able to forget ourselves and become one with the outer objects. If we perform an action in such a way that it does not arise out of our inner impulses which originate in our desires and instincts, but out of love for what is around us, then we have the kind of love which is at the same time the power of human freedom. That is why I already said in the book which I published in 1892 under the title, The Philosophy of Spiritual Activity, that in a higher sense the saying, “love makes one blind,” is not true, but that on the contrary, “love makes one seeing.” And those who find their way in the world through love, make themselves really free, for they make themselves independent of the inner instincts and desires which enslave them. They know how to live with the world of outer facts and events, and how their actions should be directed by the world. Then they can act as free human beings in the sense that they do what should be done and not what they would be led to do out of their instincts and desires. In my Philosophy of Spiritual Activity I wanted to provide a foundation for a new social feeling of freedom which would enable a new form of social life to arise out of the depths of the human being. And now I would like to underline this by saying that we must cultivate this love as a power for acquiring knowledge, for example in developing a sharper faculty of perceiving how we become a new person each day.
[ 27 ] Seien wir ehrlich, meine sehr verehrten Anwesenden, ehrlich mit uns selbst: Sind wir denn nicht im Grunde genommen mit jedem Tage ein anderer? Das Leben treibt uns; dasjenige, was die anderen Menschen an uns, was wir an ihnen erleben, alles treibt uns. Wenn wir zurückdenken, wie wir waren vor zehn Jahren, wir werden uns gestehen: Wir waren etwas ganz anderes, als wir heute geworden sind und im Grunde genommen sind wir mit jedem Tage etwas anderes. Aber wir lassen uns im gewöhnlichen Leben treiben. Das ist dasjenige, was der Geistesforscher als Willenszucht an sich vollziehen muss, dass er diese Entwicklung des Willens sozusagen in die Hand nehmen muss, sich beobachtet: Durch was bist du heute beeinflusst worden? Was hat heute dein inneres Leben verändert? Was hat seit zehn, zwanzig Jahren dein inneres Leben verändert? Was ist da aufgetreten in dir? Auf der einen Seite muss man das machen, auf der anderen Seite aber noch etwas anderes. Man muss ganz bestimmte Impulse, Antriebe sich selbst geben, sodass man nicht nur so lebt, dass man von außen verändert wird, dass von außen das Leben verändert wird, man muss gleichsam als sein eigener Zuschauer neben sich stehen und seinem Wollen, seinem Handeln zusehen. Tut man das, dann gelangt man einfach auf gesetzmäßige Weise dazu, jene höhere Liebe, die ganz in die Objekte aufgeht, zu entwickeln.
[ 27 ] For each day are we not fundamentally a different person? Life drives us on, and we are driven on by what other people experience in us, and by what we experience in them. When we think back to what we were ten years ago, we have to admit that we were quite different from today. Fundamentally, we are different every day. We allow ourselves to be driven by ordinary life and what the scientist of the spirit has to do as a training of the will is to take this development of the will into his own hands and to note to himself: What has influenced you today? What has changed in your inner life today? What has changed your inner life during the last ten, twenty years?—On the one hand we have to do this, but on the other hand we also have to do something else: we ourselves have to direct quite definite impulses and motives so that we are not always changed from outside, but that we ourselves are able to be our own witnesses and observe our willing and our action. If we do this we shall be able to develop quite naturally the higher kind of love which is completely taken up into the objects around us.
[ 28 ] Und wenn man dann diese beiden Seelenkräfte entwickelt: auf der einen Seite das Erinnerungsvermögen, das vom Leibe freigemacht ist, auf der anderen Seite die Kraft der Liebe, die uns eigentlich erst mit unserem richtigen geistigen Sein eins macht und zu einem höheren Selbstbewusstsein bringt, dann überschreiten wir die Schwelle zu einer geistigen Welt. Dann ergänzen sich die äußeren Naturerkenntnisse so, dass wir alle einzelnen Wissenschaften durch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft befruchten können.
[ 28 ] We therefore develop these two faculties of the soul—on the one hand, the faculty of memory which is independent of the body, and on the other, the power of love which really enables us to unite ourselves with our true spiritual existence for the first time and leads us to a higher form of self-consciousness. With these two we then cross the threshold into a spiritual world. We then supplement our ordinary scientific knowledge, and through this anthroposophically orientated Science of the Spirit, every branch of science becomes more fruitful.
[ 29 ] Ich habe es noch erlebt, wie an einer berühmten medizinischen Schule gerade die großen medizinischen Autoritäten von einem medizinischen Nihilismus gesprochen haben. Es wurde von medizinischem Nihilismus deshalb gesprochen, weil man allmählich dazu gekommen war, sich zu sagen: Gerade für typische Erkrankungen können doch im Grunde genommen Heilmittel nicht gefunden werden. Man hat im neueren Wissenschaftsleben den Zusammenhang mit der Natur verloren, man überschaut sie nicht. Man probiert höchstens diese oder jene Substanz, ob sie Heilbeziehung zu dieser oder jener Krankheit hat, aber man überschaut die Dinge nicht. Durch die Geisteswissenschaft durchschaut man das pflanzliche Leben, die einzelnen Pflanzen, die großen Unterschiede, die zwischen dem Wurzelleben, dem Blattleben, dem Blütenleben sind, und man durchschaut wiederum die Beziehungen des geistigen Wesens, das dahinter ist, hinter dem Wurzelleben, dem Blattleben, dem Blütenleben, dem Krautleben der Pflanzen. Man erlangt Kenntnisse, wie das zum Menschen steht, der als ganzer Mensch herausgewachsen ist aus dieser Natur. Man erlangt eine Anschauung der Beziehungen der Tiere, Pflanzen, Mineralien zum Menschen, und man erlangt dadurch eine rationelle Therapie. Die Medizin kann auf diese Weise befruchtet werden. Ich habe selbst im vorigen Frühling einen Kursus gehalten vor Ärzten, Medizinern und Medizinstudierenden, indem ich gezeigt habe, wie durch diese geistige Erkenntnis die Heilmittellehre, aber auch die Pathologie, die Erkenntnis der Krankheiten befruchtet werden kann.
[ 29 ] I can remember how the great medical authorities at a famous school of medicine spoke of a “medical nihilism.” And they spoke of it because it had begun to be said that for many typical illnesses there were really no remedies. In modern scientific life the connection with nature has been lost, for we have no real picture of nature. This or the other substance is tried to see if it has any ability to heal a particular illness, but in fact there is no real knowledge of such things. Through the Science of the Spirit we can come to a real understanding of plant life, of each individual plant and of the great differences which exist between the roots, the leaves and the flowers, and we can come to understand how connections of a spiritual nature lie behind the life of the roots, the leaves, the flowers and in the life of the herbs. We learn how man stands in relation to this world of nature, out of which he has grown. We obtain an over-all view of the relationship of animals, plants and minerals to the human being, and it is through this that we acquire a rational therapy. In this way medicine can be made more fruitful. Last spring I gave a course for physicians and medical students, in which I showed how the art of finding remedies and pathology, the knowledge of various illnesses, can be made more fruitful through this spiritual knowledge.
[ 30 ] Und so können alle einzelnen Wissenschaften befruchtet werden durch dasjenige, was Geist-Erkenntnis ist. Dadurch, dass wir diese Geist-Erkenntnis erlangen, dadurch, dass wir wirklich zusammenwachsen mit demjenigen, was wir waren, mit dem geistig-seelischen Leben, was aber jetzt an unserem physischen Leibe arbeitet, dadurch erlangen wir eine ganz andere Menschenkenntnis als durch die gewöhnliche Wissenschaft. Diese gewöhnliche Wissenschaft will nur logische, abstrakte, abgegrenzte Begriffe über Natur und Menschendasein haben, und man sagt: Es ist keine wahre Wissenschaft, wo nicht solche abstrakten Gesetze gewonnen werden können. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn die Natur aber nicht nach solchen abstrakten Gesetzen arbeitet, dann können wir Menschen lange deklamieren von solchen Gesetzen; wir beschränken dadurch nur unsere Erkenntnis, wenn wir nur logisch abstrakt in der Wissenschaft vorwärtsgehen wollen, wenn wir nur in abstrakten Experimenten uns ergehen können. Dann könnte leicht die Natur sagen: Unter solchen Umständen gebe ich keine Erkenntnisse über den Menschen.
[ 30 ] And in this way all the sciences can be fructified by spiritual knowledge. In acquiring this knowledge, in uniting ourselves with what we are, with the spirit-soul life, which now works on our physical body, we come to a quite different kind of knowledge from the one advanced by ordinary science, for this latter only wants to work with logical, abstract and limited concepts about nature and human existence, and it is said: no science is real and true unless it arrives at such abstract laws.—But supposing nature does not work according to such abstract laws? We can talk about them for as long as we like, but we are limiting our knowledge if we are intent on a logical and abstract method, and if we wish to proceed with abstract experiments only. Then nature might well say: In these circumstances I will reveal no knowledge about the human being.
[ 31 ] Indem man mit der Geisteswissenschaft herantritt, lernt man erkennen, dass die Natur nicht nach den Gesetzen schafft, sondern nach denjenigen Prinzipien, die nur im künstlerischen Anschauen, in wirklichen Imaginationen erreicht werden können. Durch keine abstrakten Gesetze, durch kein solches Beobachten, wie es in der gewöhnlichen Wissenschaft geschieht, können wir das wunderbare Geheimnis der menschlichen Gestalt, der ganzen menschlichen Organisation ergründen. Da müssen wir hinaufentwickeln, hinaufwachsen lassen dasjenige, was wir an elementaren Erkenntnissen gewinnen zum imaginativen Anschauen. Dann enträtselt sich die wahre menschliche Natur, und so springt uns aus der Geist-Erkenntnis heraus künstlerisch eine Anschauung des Menschen.
[ 31 ] In approaching nature through the Science of the Spirit we get to know that it does not work out of such laws, but according to principles which can be reached only through an artistic way of perception, in real Imagination. We are not able to fathom the wonderful mystery of the human form, of the whole human organization by means of abstract laws or through the kind of observation which is practiced in ordinary science. Instead, we must allow our elementary knowledge to be developed and to rise to imaginative perception. Then the riddle of true human nature will be solved. And so a view of the human being is given us out of the Science of the Spirit in an artistic way.
[ 32 ] Damit aber ist die Brücke geschlagen von der geistigen Erkenntnis zur Kunst. Derjenige, der sich im Sinne der hier gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft dem Erkennen hingibt, für den bleibt das Erkennen nichts Äußerliches. Der macht auch nicht, wenn er Künstler ist, trockene Symbole, auch keine lehrhaften Theorien oder dergleichen, sondern er schaut im geistigen Leben Gestalten und kann sie dem Stoff einprägen. Durch diesen Weg wird zu gleicher Zeit geschaffen eine Erneuerung der Kunst. Wir können es ja erleben, wenn wir unbefangen sind. Großes, Gewaltiges haben die alten Künstler geschaffen. Wie haben sie geschaffen? Zunächst haben sie in den verflossenen Jahrhunderten hingeschaut mit ihren Sinnen auf die äußere Materie. Nehmen wir Rembrandt oder Raffael, sie haben auf die äußere Materie hingeschaut in ihrem Zeitalter; sie haben aus dem äußerlich-sinnlich Realen das Geistige zu ergreifen gewusst und hingestellt. In der Idealisierung des Realen bestand das Wesen ihrer Kunst. Derjenige, der unbefangen auf diese Kunst sieht, wie sie sich entwickelt hat, der weiß, dass die Stunde dieser Kunst abgelaufen ist, dass nichts Neues geschaffen werden kann auf diesem Wege. Geisteswissenschaft führt hinein in geistiges Schauen. Die geistigen Gestalten werden in geistig-seelischer Lebendigkeit geschaut. Und mit derselben Realität, mit demselben Wirklichkeitssinn, wie früher künstlerisch geschaffen worden ist, wo idealisiert wurde die Realität, wird jetzt künstlerisch zu schaffen begonnen durch Realisierung des Geistig-Spirituellen. Früher holte der Künstler den Geist aus der Materie, nun wird der Geist in die Materie hineingetragen; aber nicht auf allegorische oder symbolische Art; das glauben nur diejenigen, die nicht sich vorstellen können, wie unmittelbar wirklich dasjenige ist, was als neue Kunst geschaffen werden kann.
[ 32 ] With this a bridge is formed, leading from spiritual knowledge to art. Knowledge does not merely assume an outward character for those who devote themselves to it in an anthroposophical sense. If they are artists they do not employ abstract symbols or learned theories, but they see forms in the life of the spirit and then imprint them into matter. In this way art is renewed at the same time. We can certainly experience it if we are unbiased and impartial. The artists of the past created great and impressive works. How did they create? First of all, they looked with their senses at the material of the physical world. Let us take Rembrandt or Raphael—they looked at this material and idealized it according to the age they lived in. They knew how to understand the spiritual in the outer world of physical reality, and how to express it. The essence of their art lay in the idealization of what was real in the world. Whoever takes an unbiased look at art and at how it has developed, knows that the age of this art has come to an end and that nothing new can be created in this way any longer. The Science of the Spirit leads toward spiritual perception. Spiritual forms are first perceived in their spirit-soul reality. And artists will now begin to create artistically through the realization of the spiritual with the same sense of reality which artists worked with earlier where the outward reality was idealized. Earlier the artist drew spirit out of matter; now he takes it into matter, but not in an allegorical or symbolical way.—The latter is believed by those who cannot imagine how absolutely real the new kind of art can be.
[ 33 ] So sehen wir, wie tatsächlich diese Geisteswissenschaft zur wirklichen Kunst hinführt. Sie führt aber auch hin zu einem wirklichen religiösen Leben. Es ist merkwürdig, es gibt heute Tadler dieser Geisteswissenschaft, die sagen: Die Geisteswissenschaft will heruntertragen dasjenige, was nur in erhabenen Höhen gefühlt werden soll als göttliche Welt in das alltägliche Leben. Ja, das will diese Geisteswissenschaft. Sie will, dass der Mensch sich so erfülle vom geistig-seelischen Dasein durch die Erkenntnis der übersinnlichen Welten, dass der Geist nicht nur in einem mystischen Nebel erfasst wird, lebensfremd in Askese durchgemacht wird, sondern dass dieser Geist in jedes praktische Dasein hineingetragen werden kann. Die Menschen glauben, schon viel erreicht zu haben, wenn sie dem anderen Menschen eine Bildung gegeben haben. Sodass, wenn sie hinter sich das Fabriktor zuschlagen, sie mit der Arbeit fertig sind; dass sie dann draußen allerlei schöne ideelle Gedanken haben können. Aber der Mensch kann noch nicht sein volles Menschendasein empfinden, der erst das Fabriktor hinter sich zuschlagen muss, um dann sich der Erhebung seiner Seele widmen zu können. Nein, wir müssen, wenn wir die großen Zivilisationsprobleme einigermaßen lösen wollen, dazu vorschreiten, hineinzutragen den Geist, wenn wir in die Fabrik hineingehen, durch das Fabriktor, indem wir dasjenige, was wir im alltäglichen Leben arbeiten, durchdringen können mit dem Geiste. Das ist dasjenige, was das Leben verödet, das ist dasjenige, was endlich die katastrophale Zeit heraufgebracht hat, dass wir ein äußeres geistleeres Leben geschaffen haben, einen bloßen Mechanismus des Lebens.
[ 33 ] So we see how the Science of the Spirit really leads to true art. But it also leads to true religious life. It is remarkable how those who find fault with the Science of the Spirit today say: The Science of the Spirit sets out to bring down into daily life a divine world which should only be felt in exalted heights. Of course, but this is exactly what the Science of the Spirit wants to do. The intention is that the human being is so permeated with spirit-soul existence that the spirit can be borne into every aspect of practical existence and not just be something which is experienced in nebulous mysticism or exercised in an ascetism which has little connection with life. People believe they have already gone a long way if they have given others an education so that when their work is finished, and the factory gate has been closed behind them, they are then able to have all sorts of nice thoughts and ideas. But a person who has to leave the factory gate behind him in order to devote himself to the edification of his soul is in fact not yet able to experience his full human existence. No, if we wish to solve the great problems of civilization we have to advance so far as to take the spirit with us when we go through the factory gate into the factory; we have to be able to permeate with the spirit what we do in daily life. It is this outer, spiritless life which we have created, this purely mechanistic life that has made our life so desolate and that has brought about our catastrophic times.
[ 34 ] Geisteswissenschaft erfüllt den vollen Menschen. Sie wird in der Lage sein, aus dem Innern des Menschen den Geist auch wiederum in die praktischsten, die scheinbar nüchternsten Gebiete des Lebens hineinzutragen. Und so wird das alltägliche Leben — wo wir für den anderen Menschen arbeiten, wo wir an der Maschine stehen, wo wir durch die Arbeitsteilung in der Gesamtheit mitwirken — durchgeistigt, wenn Geisteswissenschaft, die zu gleicher Zeit Erkenntnis und religiöse Inbrunst sein kann, in das Leben eintritt. Sie wird selber eine soziale Kraft sein. Sie wird den Menschen zur Seite stehen, wenn sie so arbeiten. Das wirtschaftliche, das äußerliche praktische Leben wird ergriffen werden von einer Wissenschaft, die nicht einen abstrakten Geist in Begriffen und Ideen nur hat, sondern einen lebendigen Geist, und die daher das Leben auch mit diesem lebendigen Geiste erfüllen kann.
[ 34 ] The Science of the Spirit fulfills the complete human being. It will be able to bear the spirit from out of the depths of the human being into the practical, into what appears to be the most prosaic spheres of life. When the Science of the Spirit, which can combine knowledge and religious fervor, enters life, it spiritualizes all aspects of our daily life, where we work for other people, where we work our machines and where we work for the good of the whole through our division of labor. When we work like this it will become a social force which will help men. Economic and ordinary practical life will be taken hold of by a science which does not possess only an abstract spirit in concepts and ideas, but a living spirit which can then fill the whole of life.
[ 35 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das kann uns nicht zu einer Lösung der sozialen Frage führen, was nur äußere Einrichtungen umgestalten will. Wir leben in einem Zeitalter, in dem man soziale Forderungen aufstellt. Aber wir leben auch in einem Zeitalter, in dem die Menschen höchst unsozial sind. Eine Erkenntnis, wie ich sie geschildert habe, die wird auch soziale Impulse unter die Menschen bringen, welche in anderer Weise die großen Rätsel lösen können, die uns durch das Leben aufgegeben sind, als die abstrakte Denkweise, die als Marxismus und Ähnliches auftritt, die nur zerstören kann, weil sie aus der Abstraktheit hervorgeht, weil sie den Geist tötet, weil aber nur der Geist das Leben lebendig machen kann. Das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft in einem gewissen Sinne so von sich selbst verspricht, dass sie nicht nur der Seele Befriedigung geben kann in ihrem Zusammenhang mit dem Ewigen, sondern dass sie auch in das soziale Leben Kräfte hineingießen kann.
[ 35 ] It is not possible to solve social problems simply by changing outer conditions. We live in an age in which social demands are made. But we also live in an age in which human beings are extremely unsocial. The kind of knowledge which I have described will also bring new social impulses to man, which will be able to solve the great riddles which life brings in quite a different way from the abstract kind of thinking, which appears in Marxism and similar outlooks, which can only destroy, because they arise out of abstraction, because they kill the spirit, because only the spirit can revitalize life. This is in a way what the Science of the Spirit can promise of itself: that it can not only give satisfaction to the soul in its connection to the eternal, but that it can also give a new impetus to social life.
[ 36 ] Das hat dazu geführt, dass man nicht stehen bleiben wollte in der Geisteswissenschaft bei bloßen mystischen Anschauungen. Wir haben keine abstrakte Mystik. Wir haben dasjenige, was nicht zurückschreckt, die Schwelle in die geistige Welt zu überschreiten und die Menschen hineinzuführen in einer neuen Weise in die übersinnliche Welt. Aber wir tragen dasjenige, was wir auf diese Weise gewinnen, zu gleicher Zeit herunter in die physisch-sinnliche Welt. Das hat dann geführt zu jener praktischen Lebensauffassung, die in meinem Buche «Kernpunkte der sozialen Frage» niedergelegt ist und auch in anderen Schriften, und die durch den «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» vertreten wird. Es gibt noch manche Leute, die sagen, Geisteswissenschaft führe von der alten Religion ab, sie sei zum Beispiel antichristlich. Derjenige, der sich genauer bekannt macht mit dieser Geisteswissenschaft, wird finden, dass gerade sie geeignet ist, das Mysterium von Golgatha und den eigentlichen Sinn des Christentums wiederum vor die Menschen hinzustellen. Denn unter dem Einfluss der modernen, naturalistischen Weltanschauung — was ist aus dem Christus, der doch sein muss ein übersinnliches Wesen, das in einen Menschenleib hereingezogen ist, das der Erde einen neuen Sinn gegeben hat —, was ist aus diesem Christus geworden? Der schlichte Mann aus Nazareth; ein bloßer Mensch, wenn auch der hervorragendste Mensch der Weltgeschichte. Man braucht wiederum eine übersinnliche Erkenntnis, um gerade das Christentum in einer solchen Weise zu verstehen, wie es der modernen Menschheit durchaus notwendig ist. Und man wird durch diese Geisteswissenschaft zu einer dem modernen Menschen angemessenen Erfassung des Christentums gerade kommen können. Diejenigen, die von einer Gegnerschaft der Geisteswissenschaft gegen das Christentum sprechen, wenn es auch gerade oftmals die offiziellen Vertreter des Christentums sind, sie kommen mir kleinmütig vor, nicht als richtige Versteher des Christentums. Wenn ich solche kleinmütigen Vertreter des Christentums höre, muss ich mich immer erinnern an einen christlich-katholischen Theologen, mit dem ich befreundet war, der in einer Rede über Galilei als Professor für christliche [Philosophie] sagte: Durch keine wissenschaftliche Erkenntnis kann jemals das Christentum verkleinert werden, sondern die Erkenntnis des Göttlichen kann nur gewinnen, wenn die Erkenntnis der Welt immer weiter schreitet und dieses Göttliche in immer höherer Glorie hinstellt. Deshalb sollte man groß vom Christentum denken und sagen: Es ist so fundiert, dass außer-geistige und geistige Erkenntnisse zu Tausenden in die Menschheit eintreten werden, sie werden nicht dieses Christentum verkleinern, sondern vergrößern. Aber wir brauchen ein Christentum, das in das Leben eingreift, das sich nicht darauf beschränkt, zu sagen: «Herr, Herr!», sondern das im äußerlichen Tun die Kraft des Geistigen auslebt. Und ein solches praktisches Christentum soll eben gerade leben in demjenigen, was angestrebt wird durch die Dreigliederung des sozialen Organismus.
[ 36 ] Because of this there has been no intention in the Science of the Spirit of getting no further than a mere mystical outlook. We have no abstract mysticism. What we have does not frighten us from crossing the threshold into the spiritual world and to lead other people into the super-sensible world in a new way. But at the same time, we take what we have won in this way down into the physical sense world. This has resulted in the practical view of life which I have described in my book, The Threefold Commonwealth, and in other writings, and which are represented by the movement for the threefold order of the social organism. There are some people who say: The Science of the Spirit leads away from the religion of the past; they say it is even anti-Christian. Anyone who looks into the Science of the Spirit more closely will find that, on the contrary, it is well suited to bring before people the Mystery of Golgotha and the real meaning of Christianity. For what has become of the Christ under the influence of the modern naturalistic outlook? What has become of Him as a super-sensible Being, who entered into a human body, who gave the earth a new meaning? He has been made into the simple man from Nazareth, nothing more than a man, even if the outstanding man in the history of the world.—We need super-sensible knowledge in order to understand Christianity in a way that will satisfy the needs of modern humanity. And it is precisely through the Science of the Spirit that we can attain an understanding of Christianity which can satisfy the modern person. Those who speak of the Science of the Spirit as being opposed to Christianity—even if these people are often the official advocates of Christianity—seem to me to be lacking in spirit, and not like people who have a right understanding of Christianity. Whenever I hear such faint-hearted advocates of Christianity I am always reminded of a Catholic theologian, a professor, who was a friend of mine who said in a speech about Galileo: Christianity can never be belittled through scientific knowledge; on the contrary, knowledge of the divine can only gain as our knowledge of the world grows and reveals the divine in ever increasing glory. One should therefore always think about Christianity in a large way and say: its foundation is such that non-spiritual and spiritual knowledge will pour into humanity—it will not belittle this Christianity, but will enhance it. We therefore need a Christianity that takes hold of life, that is not content to say, “Lord, Lord,” but lives out the power of the spiritual in outer activity. And it is just such a practical Christianity that is intended in the threefold division of the social organism.
[ 37 ] Derjenige, der hier mit ein paar Worten eingeleitet hat dasjenige, was ich heute zu sprechen hatte, er sagte, dass ich auch schon in Holland gesprochen habe im Jahre 1908 und im Jahre 1913. Ich konnte dazumal nur sprechen von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft wie von etwas, das eben aus einer oder mehreren Menschenseelen herein will zur Lösung der modernen Zivilisationsfragen.
[ 37 ] The gentleman who introduced me at the beginning of the lecture said that I had already spoken in Holland in 1908 and 1913. At that time I had to speak about the anthroposophically orientated Science of the Spirit in a quite different way from today, for at that time what the Science of the Spirit had to contribute as a solution to the questions of modern civilization was only to be found in the form of thoughts in one or two human souls.
[ 38 ] Aber seit jener Zeit ist, trotzdem die bitteren Kriegsjahre dazwischenliegen, doch einiges, geschehen: In Dornach bei Basel wurde errichtet seit dem Jahre 1913, wo wir den Grundstein gelegt haben, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum. Diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft soll dienen nicht allein der abstrakten Geisteswissenschaft, sondern der Befruchtung aller Wissenschaften durch die Geisteswissenschaft. Darum haben wir im Herbste des vorigen Jahres, trotzdem das Goetheanum noch nicht fertig ist und noch vieles braucht, bevor es fertig wird, den ersten Kursus abgehalten, und wir werden auch zu Ostern einen zweiten Kursus abhalten, der allerdings kürzer sein wird. Während der Herbstkurse haben gesprochen dreißig Persönlichkeiten, zum Teil solche, welche gelehrte Fachmänner sind in einzelnen Wissenschaften, in Mathematik, in Astronomie, Physiologie, Biologie, in Geschichte, in Soziologie, in Jurisprudenz. Aber auch praktische Menschen des Lebens, Menschen, die Industrielle sind, Menschen, die Kaufleute sind; es haben Künstler gesprochen. Wie gesagt, dreißig Persönlichkeiten haben gesprochen, die gezeigt haben, dass man in die einzelnen Wissenschaften hineintragen kann dasjenige, was als Geist-Erkenntnis gewonnen werden kann. Dass diese Wissenschaft dadurch nicht etwa einen abergläubischen Charakter gewinnt, sondern gerade einen rationellen, einen inneren, geistigen Charakter und dadurch einen wahrhaften Wirklichkeitscharakter gewinnt, das konnte gezeigt werden. Und so werden wir versuchen zu arbeiten in diesem Goetheanum. Dieses Goetheanum, wenn Sie es einmal sehen werden, es ist aber zugleich in einer neuen Kunstform, einem neuen Kunststil aufgebaut. Hätte man früher irgendwo eine Wissenschaftsstätte errichtet, man hätte verhandelt mit diesem oder jenem Architekten, ob man sie in griechischem, in gotischem oder im Renaissance-Stil bauen wollte. Das konnte Geisteswissenschaft nicht, denn sie gestaltet aus sich heraus dasjenige, was sie als Wirklichkeit erkennt, nicht nur in Ideen, nicht nur in Natur- und Geistesgesetzen, sondern in künstlerischer Gestaltung.
[ 38 ] But since that time quite a lot has happened, despite the bitter war years which lie in between: Since 1913 when the foundation stone was laid, we have been working in Dornach near Basel on the School for the Science of the Spirit, the Goetheanum. This School for the Science of the Spirit is not supposed to serve an abstract Science of the Spirit alone, but is supposed to make all the sciences more fruitful through the Science of the Spirit. That is why we held the first course in the autumn of last year, although the Goetheanum is not yet finished and still needs a great deal to be done to it, and we shall also hold a second course at Easter, though this will be shorter. Thirty people spoke during the course in the autumn, some of whom were great experts in various sciences, in mathematics, astronomy, physiology, biology, in history, sociology and jurisprudence. But there were also people more connected with practical life, industrialists, people in business, and artists also spoke. As I have said, thirty people spoke, and they showed how the results of spiritual knowledge can be brought into the individual sciences. It was possible to see that this science has nothing superstitious about it, but that on the contrary it is quite rational in its inner, spiritual nature and thereby acquires the character of truth and reality. And it is in this way that we shall try to work in this Goetheanum. The Goetheanum itself is built in a new artistic form, in a new style. If in the past one wanted to build a place for scientific work one discussed with a particular architect whether it was to be in the Greek, Gothic or Renaissance style. The Science of the Spirit was not able to do this, for it forms out of itself what it knows as reality, not only in ideas, not only in natural and spiritual laws, but in artistic expression.
[ 39 ] Man hätte einfach eine Sünde wider das eigene Geistesleben begangen, wenn man einen fremden Stil, nicht den Stil, der aus der Geisteswissenschaft selbst künstlerisch fließt, angewendet hätte auf diesen Bau. Und so sehen Sie den Versuch eines neuen Baustiles in Dornach verkörpert, sodass Sie sich sagen können, wenn Sie dem Bau hineintreten: Jede Säule, jeder Bogen, jede Malerei spricht Ihnen denselben Geist aus. Ob ich auf dem Podium stehe und den Inhalt dieser Geisteswissenschaft ausspreche, ob ich die Säulen, die Kapitäle oder etwas anderes für mich sprechen lasse, es sind verschiedene Sprachen, aber es ist derselbe Geist, der in alledem zum Ausdruck kommen soll.
[ 39 ] We would have committed a crime against our own spiritual life if we had employed a foreign style for this building, and not a style which arises artistically out of the Science of the Spirit. And so you see an attempt in Dornach to represent a new style, so that when you go into the building you will be able to say to yourself: each pillar, each arch, each painting expresses the same spirit. Whether I stand on the rostrum and speak about the content of the Science of the Spirit, whether I let the pillars, the capitals or something else speak for me, these are all different languages, but the same spirit which comes to expression in all of them.
[ 40 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das will als Antwort geben anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auf die großen Zivilisationsfragen der Menschheit. Denn die erste dieser Zivilisationsfragen ist die Frage nach einer wirklichen, der neuen Zeit angemessenen Selbsterkenntnis. Man gewinnt sie, indem man in neuer Weise die Schwelle überschreitet, wie ich es geschildert habe, indem man durch die entwickelte Erinnerungsfähigkeit und die entwickelte Liebekraft Erkenntniskräfte gewinnt zur Anschauung des Ewigen in der menschlichen Natur. Und dadurch gelangt man zu einer neuen, des Menschen würdigen Empfindung von dem, was der Mensch eigentlich ist. Man tritt seinem Nebenmenschen so gegenüber, dass man in ihm achtet dasjenige, was aus der geistigen Welt geboren ist, dass man in ihm sieht ein Stück dieser geistigen Welt. Dadurch wird das Menschenleben in sittlicher Beziehung neu geadelt, der menschliche Verkehr wird vom Geiste aus geadelt. Das ist die Antwort auf die zweite Frage, die Frage nach dem sozialen Menschenverkehr.
[ 40 ] This is in fact just the answer which an anthroposophically orientated Science of the Spirit can give to the great questions which humanity has about civilization. For the first of these questions about civilization is the one concerning a real knowledge of ourselves, suited to modern times. This is gained in crossing the threshold in the new way that I have described, in acquiring powers of knowledge which enable us to have a view of the eternal in human nature through the developed faculty of memory and the developed power of love. And through this we arrive at a new feeling, worthy of the human being, as to what man really is. In meeting our neighbors we notice in them what is born out of the spiritual world, and see in them a part of this spiritual world. The ethical aspect of human life is then ennobled, social life is ennobled by the spirit. That is the answer to the second question, the question about human social life.
[ 41 ] Und die dritte große Zivilisationsfrage der Gegenwart ist diese, dass der Mensch wissen kann: Bei meinem Tun und Handeln, das ich hier auf der Erde vollbringe, bin ich nicht bloß das Wesen, das da steht und dessen Tun einen Sinn hat nur zwischen Geburt und Tod. Sondern was ich auf der Erde tue, das hat eine Weltbedeutung; es gliedert sich ein in die ganze Welt. Indem ich sittliche Ideale in mir entwickele, entwickele ich etwas, was Weltbedeutung hat.
[ 41 ] And the third great question of present day civilization is this. The human being can know: In what I do in my actions on the earth I am not only the being that stands here and whose action only has a meaning between birth and death, but what I do on the earth has a meaning for the whole world—it becomes a part of the whole world. When I develop social ideas I am developing something that has meaning for the whole world.
[ 42 ] Lassen Sie mich zusammenfassen: Die äußere Naturwissenschaft der neueren Zeit trennt die äußere Natur vom Innern des menschlichen Lebens. Sie sieht in der Entwicklung der Erde und des ganzen Planetensystems etwas, was von einer Art Ur-Nebel ausgegangen ist. Der Mensch wurde auch hervorgebracht. Dann aber wird der Mensch nach einiger Zeit verschwinden. Die Erde wird als Schlacke in die Sonne zurücksinken. Ein Leichenfeld wird sich ausbreiten. Das muss die Naturwissenschaft sagen, wenn sie sich nur auf ihren Boden stellt. Aus der Menschenseele aber erheben sich die sittlichen Ideale. Sie sind dasjenige, was das Wertvollste in der Menschenseele ist. Diejenige Anschauung, die es zu einer so hohen Technik gebracht hat, sie weiß für die Ideale keinen Platz. Die Ideale werden wie Rauch hierauf verschwinden. Daher hat sich schon in Millionen und Millionen von Menschen dasjenige verdichtet, was man die ideologische Weltanschauung nennt. Das moderne Proletariat spricht von Sitte, Recht, Religion und Wissenschaft und Kunst als von einer Ideologie, weil das Empfinden des lebendigen Geistes verloren gegangen ist. Wird man diesen lebendigen Geist wiederum erkennen, dann wird man wissen, dass sich verhält dasjenige, was in der Menschenseele lebt als sittliche Ideale, als Geistiges, wie der Keim in der Pflanze. Wenn das, was dieses Jahr Pflanze ist, abfällt, entwickelt sich aus dem Keim eine neue Pflanze.
[ 42 ] Let me sum up: Ordinary science of modern times makes a division between outer nature and the inner aspect of human life. It regards the development of the earth and of the whole planetary system as having originated in a kind of chaos. Man came into being, but then he will also disappear again after a certain time. The earth will sink back into the sun as a clinker, it will gradually become a field of dead bodies. Natural science has to say this when it stands upon its own ground. But moral ideals arise out of the human soul, and they are altogether what is most valuable in it. The outlook which has achieved so much in technology has no room for ideals—ideals will disappear like smoke. That is why what is called “the ideological outlook” has taken root in millions and millions of people. The modern proletariat speaks of customs, law, religion, science and art as an ideology because the feeling for the living spirit has been lost. If we recognize this living spirit again we know that what lives in the human soul as moral ideas, as something spiritual is like the seed in the plant. This year's plant dies, but a new plant arises out of its seed.
[ 43 ] So wissen wir uns zu sagen aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis heraus: Die Wolken, Sterne, Berge, Quellen, Steine, die Pflanzen, die Tiere und der physische Mensch auch, sie werden verschwinden wie abfallen und verwesen die verwelkten Blätter von der Pflanze. Aber wie aus der Pflanze der neue Keim kommt, so kommt auch, und nicht nur für das nächste Jahr, sondern für eine ewige Zukunft dasjenige, was als Keim in der Menschenseele ruht als sittliche Ideale. Und wir können das wunderbare Christuswort wiederholen:
[ 43 ] In the same way we can say out of spiritual scientific knowledge: the clouds, stars, mountains, springs, stones, the plants, the animal and the physical human being will all disappear, decline and pass away like the withered leaves of a plant. But just as the new seed arises out of the plant, moral ideals rest in the human soul as a seed, not only for the following year, but for the eternal future. — And we can repeat the wonderful words of Christ:
[ 44 ] «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte» — dasjenige, was wir in der Menschenseele als Geist-Erkenntnis entwickeln —, «es wird nicht vergehen».
[ 44 ] Heaven and earth will pass away, but my words—that is, what we develop as spiritual knowledge in the human soul—will not pass away.
[ 45 ] Wir können davon sprechen, das wiederum eine Einheit vor uns steht: die vergehende physische Welt, die erstehende geistige Welt. Der Mensch bekommt eine Weltbedeutung dadurch. Auch sein soziales Leben bekommt Gewicht. Und die leeren Lösungen, die heute die Menschheit so quälen, die im Osten so schwere soziale Gewitterwolken herauftragen, werden verschwinden, wenn die soziale Frage zu einer Weltanschauungsfrage gemacht wird; wenn man versucht, die Lösungsimpulse für diese soziale Frage auch in dem zu finden, was der Mensch in seinem Innern als lebendigen Geist ergründen kann.
[ 45 ] We can say that we have a unity again before us: the declining physical world and the rising spiritual world. Through this man acquires a meaning for the whole world. His social life also becomes important. And the empty solutions which worry mankind so much today and which have caused such social upheavals in the east, will disappear when we make the social question a question of our total outlook, when we try to find the impulses for solving this social question in what the human being in his inner nature can fathom as living spirit.
[ 46 ] So werden die modernen Zivilisationsfragen aus der Geisteswissenschaft heraus ihre Impulse erhalten. Wir haben nach dieser Richtung auch schon Erziehungsversuche gemacht. In Stuttgart wurde von Emil Molt die Freie Waldorfschule gegründet, die von mir geleitet wird. Sie sucht auch pädagogisch dasjenige auszugestalten und künstlerisch-pädagogisch an die Kinder heranzubringen, was aus der lebendigen Geisteswissenschaft folgen kann.
[ 46 ] Thus the questions of modern civilization will be activated by the Science of the Spirit. We have also made some experiments in this direction in education. The Waldorf School has been founded in Stuttgart by Emil Molt and is directed by me. What can result from a living Science of the Spirit is here transformed for the uses of education and given to the children in an artistic, pedagogical form.
[ 47 ] Kurz, meine sehr verehrten Anwesenden, zu versöhnen Religion, Kunst und Wissenschaft, hereinzutragen wirkliche Wissenschaft, wirkliche Religion, wirkliche Kunst in das allerpraktischste Leben, dazu fühlt sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft berufen. Dazu wurde das Goetheanum in Dornach gebaut, um eine erste Stätte zu sein, wo man in freier Wissenschaftlichkeit, in freiem Geistesleben solch eine Wissenschaft pflegen kann. Für den Anfang und bis zum jetzigen Stadium haben opferwillige Menschen dafür gesorgt, dass das Goetheanum errichtet werden konnte; aber ich sagte schon vorhin: Das Goetheanum ist noch nicht fertig. Seine Fertigstellung wird davon abhängen, ob jetzt schon genügend Menschen sich finden, die Verständnis haben für diesen notwendigen Fortschritt in dieser Welt; ob das Goetheanum ein Torso bleibt, und die Menschheit sagt: Wir wollen nicht den Geist wiedererwecken, oder ob durch das Verständnis für den lebendigen Geist seine erste Stätte vollendet werden kann. Dann werden schon Weitere nachfolgen. Denn das ist sicher: Auf die Dauer wird die Pflege einer Erkenntnis des lebendigen Geistes in der modernen Zivilisation notwendig sein. Denn sicher ist es: Selbst diejenigen Menschen, welche den Geist als solchen hassen, welche die Geistesforschung als etwas Phantastisches ansehen, selbst diese, sie brauchen den Geist. Die suchenden Seelen brauchen den Geist, und diejenigen, die nicht suchen, die brauchen ihn erst recht. Und diese Tatsache, sie wird sich nicht aus der Welt schaffen lassen. Man wird den Geist suchen, weil man, wenn man wahrhaft Mensch sein will, den Geist gebraucht.
[ 47 ] The anthroposophically orientated Science of the Spirit feels itself called upon to reconcile religion, art and science, to introduce real science, real religion, real art into practical life. For this the Goetheanum in Dornach has been built, to be a first place where such a science can be cultivated in a free scientific atmosphere, in a free life of the spirit. From the beginning until now many people have been ready to make sacrifices to build the Goetheanum, but, as I said before, it is not yet completed. Its completion depends upon whether there will be enough people who have an understanding for such necessary progress in the world—whether the Goetheanum remains a torso and humanity says: We do not want to awaken the spirit again, or whether an understanding for the living spirit will lead to the completion of its first new home. Then others will follow. For it is certain that in the long run the cultivation of a knowledge of the living spirit will be essential. It is certain that even those who hate the spirit and who regard spiritual investigation as something fantastic, need the spirit. Searching souls need the spirit, and souls that are not seeking need it all the more. And this fact will not allow itself to be driven out of the world. We shall seek the spirit, because if we wish to be true men, we need the spirit.
[ 48 ] Fragenbeantwortung
[ 48 ] Not translated
[ 49 ] Frage: Liegt es in Ihrer Absicht, in den verschiedenen Ländern Schulen zu errichten nach dem Muster der Waldorfschule oder soll die Waldorfschule als eine einzige verbleiben?
[ 49 ] Not translated
[ 50 ] Rudolf Steiner: Nun, man würde wahrhaftig nicht diejenige Kraft aufbringen können, die notwendig war für die Errichtung der Waldorfschule, wenn man nicht eigentlich den Wunsch hätte, solche Waldorfschulen sollten eigentlich überall errichtet werden, wo es nur irgendwie Schulen gibt. Denn der Waldorfschule liegt ja nicht irgendeine Schrulle oder persönliche Absichten zugrunde, sondern der Waldorfschule liegt dasjenige zugrunde, was man als richtige pädagogische Kunst gewinnen kann aus jener Menschenerkenntnis, auch der Erkenntnis des werdenden Menschen, des Kindes, die man durch Geisteswissenschaft gewinnen kann. Das heißt, es ist versucht worden, dasjenige zu ergründen, was man zu tun hat mit dem Kinde, bis es ein erwachsener Mensch ist, so dass Leib, Seele und Geist in gleicher Weise zur Entwicklung kommen. Natürlich kann ich jetzt nicht in ein paar Worten die Erziehungskunst und Erziehungskunde, welche der Waldorfschule zugrunde liegt, hier entwickeln; ich werde das an anderen Orten Hollands tun, wo ich ja über praktische Erziehungs- und Lebenskunst vom Standpunkte der Geisteswissenschaft sprechen werde. Aber wenn man selbstverständlich der Anschauung sein muss, dass wahre, allseitige Erziehungskunst auf diese Weise gefunden werden kann, und wenn man das der Waldorfschule zugrunde gelegt hat, dann kann man ja nicht anders, als die Absicht haben, wenigstens so viel man kann, für die Begründung solcher Schulen zu tun. Nun ist uns ja zunächst natürlich noch nicht gestattet, sehr viel zu tun, denn für die Waldorfschule reicht es ja mit aller Not vorläufig, aber für irgendwelche weiteren Schulen reicht es nicht. Und was da nicht reicht, dass darf ich ja vielleicht als eine Rätselfrage am heutigen Abend hinstellen. Sie werden sich ja leicht denken können, was zunächst nicht reicht. Es reicht allerdings zunächst etwas anderes noch nicht. Es ist notwendig gewesen, als die Waldorfschule gegründet wurde, dass zuerst von mir ein pädagogischer Seminarkursus für die Waldorflehrer gehalten worden ist. Und so muss ja erst wiederum das Pädagogische aus dem Geisteswissenschaftlichen herausgearbeitet werden. Das alles könnte geschehen in den weitesten Kreisen über die ganze zivilisierte Welt hin, denn die pädagogische Frage ist in erster Linie eine Zivilisationsfrage der Gegenwart. Wenn über die zivilisierte Welt hin die Ansicht entstehen würde: Man muss für die Erziehung des Kindes gerade etwas tun.
[ 50 ] Not translated
[ 51 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wir leben — sagte ich — heute in einer Welt, in der große, soziale Forderungen gestellt werden, in der aber die inneren Impulse und Triebe und Instinkte der Menschen nicht gerade außerordentlich sozial sind. Wir müssen in vieler Beziehung rechnen auf die kommende Generation. Und diese kommende Generation, wir müssen sie in einer gewissen Weise anders erziehen, als erzogen worden sind diejenigen Menschen, die in die gegenwärtigen Katastrophen die Welt hineingeführt haben. Wir brauchen eine neue Erziehung und wir brauchen vor allen Dingen die Einsicht, dass soziale Menschen erzogen werden müssen, dass das allgemein Menschliche aus der menschlichen Natur schon im Kinde herausgeholt werden muss.
[ 51 ] Not translated
[ 52 ] Sehen Sie, wenn ich nur eine Einzelheit sagen darf: Wir finden in den gewöhnlichen Schulen — und da ist es ja wohl in Holland nicht anders als auch sonst wo — wie merkwürdig das Prüfungswesen ist. Die Waldorfschule besteht erst ein Jahr. Wir haben in der Waldorfschule es durchaus durchgeführt: Wir haben Prüfungen nicht nötig, wir haben es zu etwas anderem gebracht. Wir haben das ganze Jahr hindurch Konferenzen abgehalten, die wirklich einen psychologischen Inhalt hatten. Gewissermaßen wurde jedes einzelne Kind ein Gegenstand des Studiums. Die größten Klassen konnten wir studieren. Merkwürdige Dinge haben sich da ergeben. Es hat sich zum Beispiel ergeben, welche Imponderabilien da waltend sind. Es hat sich gezeigt, dass eine Klasse ganz anders aussieht durch imponderable Kräfte, in der mehr Mädchen als Knaben sind, als eine Klasse, in der die Anzahl der Mädchen und Knaben die gleiche ist oder wo die Majorität eben Knaben sind. Alle diese Dinge müssen sorgfältig studiert werden. Die alten Pädagogen sagen, man müsste aus der Individualität des Kindes das Richtige herausholen. Aber erst durch die Geisteswissenschaft wird man die Individualität des Kindes erkennen können. Die ändert sich von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat. Man muss ein sorgfältiger Menschenbeobachter werden. Und statt dass in den Zeugnissen steht «fast befriedigend», «beinahe genügend», was ja nichts heißt, wenn man nicht diese Dinge mit der wirklichen Individualität in Konkordanz bringen kann, statt dessen gaben wir jedem Kind eine wirkliche Beschreibung seines Wesens, die man auch brauchen kann, und einen Spruch mit, der ganz aus der Seele jedes einzelnen Kindes war, der ein Kraftspruch, eine Devise ist für das Kind in dem ganzen nachfolgenden Schuljahr. Das Kind hat eine Art von Spiegel. Und die Kinder, die diese Zeugnisse bekommen, haben die intensivste Freude über diese Zeugnisse, selbst wenn sie getadelt worden sind.
[ 52 ] Not translated
[ 53 ] Und manches haben wir erlebt. Wenn ich immer wieder und wiederum inspizierend in die Schule komme, nicht als Phrase, sondern weil das zum lebendigen Leben gehört, ich frage die Kinder ab, ich frage die Kinder auch manchmal: Kinder, liebt ihr eure Lehrer? Und Sie sollten sehen, wie dann, aber nicht als etwas Eingelerntes, sondern herzhaft aus der Seele heraus die Kinder mit ihrem «Ja» antworten, trotzdem sie nicht in philiströser Weise irgendwie an einer besonderen Philister-Disziplin erzogen werden, sind sie ehrlich, sodass sie durchaus begreifen: Man kann nur in Liebe erzogen werden. Und so haben wir zum Beispiel erreicht, dass die Kinder, trotzdem sie ganz gern in die Ferien gegangen sind, sich doch wiederum sehr in die Schule hineingesehnt haben. Wir haben mancherlei interessante Einzelheiten konstatieren können. Ein Junge, der früher ein unleidlicher Bengel war und der Mutter nie einen Kuss geben wollte, gab seiner Mutter einen ersten freiwilligen herzhaften Kuss an dem Tag, wo er nach den Ferien wieder in die Schule gehen konnte, so freute er sich. Das leuchtet hinein in das ganze imponderable Leben. So etwas von lebendigem Geist braucht man. Daher scheint es mir eine Notwendigkeit, dass eingesehen werden die Ideen der Waldorfschule in den weitesten Kreisen. Wenn sich begründen könnte ein Weltschulverein, welcher geradezu aus Konsumenten besteht — also denjenigen Menschen, welche Kinder haben, und auch denen, die Interesse haben für die Entwicklung der nächsten Generationen, denn daran sind ja eigentlich alle Menschen Interessenten —, dann kann ein solcher Weltschulverein, der ganz international sein könnte, überall wo es möglich ist, solche Schulen begründen. Und das ist eigentlich die Idee der Waldorfschule, eine Keimzelle zu sein, die ausstrahlt Wachstumskräfte nach allen Seiten. Die Waldorfschule soll sein ein Vorbild, obwohl ein Vorbild, das wir so vollkommen machen wollen wie möglich; die Dinge ergeben sich aber erst in ihrer wahren Vollkommenheit, wenn sie weiter verbreitet werden.
[ 53 ] Not translated
[ 54 ] Daher sage ich: Gewiss, die Waldorfschule soll nicht vereinzelt sein; sie ist keinem Einzelideal entsprungen, sondern allgemeinen Weltidealen. Daher sollen durch den Weltschulverein so viele Schulen entstehen als nur irgendwie und in der schnellsten Zeit möglich ist, wenn wir auch zu kämpfen haben werden mit manchem alten Zopf.
[ 54 ] Not translated
