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Anthroposophical Spiritual Science
and the Big Questions of Contemporary Civilization
GA 80c

21 February 1921, Utrecht

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The Big Questions of Contemporary Civilization, tr. SOL
  1. Die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart

3. Die Anthroposophische Geisteswissenschaft und die grossen Zivilisationsfragen der Gegenwart

3. Anthroposophical Spiritual Science and the Major Civilizational Questions of Our Time

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Derjenige, welcher im vollen Ernste über ein solches Thema spricht, wie dasjenige des heutigen Abends ist, oder auch dasjenige, welches ich am 24. hier in Utrecht besprechen werde, er muss sich bewusst sein, wie es allerdings schon in der Gegenwart zahlreiche Seelen gibt, die sich sehnen nach einer neuen Weltanschauung oder wenigstens nach einem neuen Einschlag in die Weltanschauung und in die Lebensgestaltung.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who speaks in all seriousness about a topic such as the one we are discussing this evening—or the one I will be discussing here in Utrecht on the 24th—must be aware that even today there are numerous souls who long for a new worldview, or at least for a new direction in their worldview and way of life.

[ 2 ] Man kann allerdings sagen, dass nicht alle diejenigen Seelen, die sich in unserer Gegenwart nach einem solchen neuen Einschlag sehnen, sich dessen schon ganz voll bewusst sind, Manches schlummert von dieser Sehnsucht in den Untergründen der menschlichen Seele. Allein für denjenigen, der sowohl das Seelenleben des Einzelnen wie auch das soziale Leben der Gegenwart unbefangen betrachten kann, für ihn ist es ohne Weiteres klar, dass es ein Suchen, ein ernstes Suchen solcher Seelen in der Gegenwart gibt. Und dieses Suchen hängt im Grunde genommen zusammen mit den großen zivilisatorischen Fragen dieser unserer Gegenwart.

[ 2 ] It can be said, however, that not all those souls who long for such a new direction in our present time are already fully aware of it; much of this longing lies dormant in the depths of the human soul. Yet for anyone who can view both the inner life of the individual and contemporary social life with an open mind, it is immediately clear that such souls are searching—seriously searching—in the present. And this search is fundamentally linked to the great questions of civilization in our time.

[ 3 ] Es gibt viele solcher Zivilisationsfragen in der Gegenwart, allein sie werden sich alle mehr oder weniger beherrschen lassen, wenn man sie von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet. Die eine große Rätselfrage, die in die menschlichen Seelen sich hineingesenkt hat — möchte man sagen, seit langer Zeit — und die heute eine ganz besondere Offenbarung in diesen Seelen schon findet, sie rührt her von der wissenschaftlichen Entwicklung der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Diese wissenschaftliche Entwicklung hat der Menschheit in Erkenntnisbeziehung große, gewaltige Triumphe gebracht, bemerkenswerte Einsichten geliefert. Allein für denjenigen, der nun mit ganzer Seele gerade in Bezug auf Seelen- und Geistesfragen an die Ergebnisse dieser modernen Wissenschaft herantritt, für den wird ein Verständnis immer klarer und klarer. Ich bemerke im Voraus, damit ich nicht missverstanden werde: Diejenige Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientiert ist — und die ich hier meine, indem ich meine Ausführungen gebe —, sie steht voll auf dem Boden moderner, naturwissenschaftlicher Denkweise. Aber wir werden sehen, dass sie gerade deshalb, weil sie ganz voll auf diesem Boden stehen will, über dasjenige hinausgehen muss, was gewöhnlich als Grenze dieser naturwissenschaftlichen Denkweise angesehen wird. Derjenige, welcher nicht nur äußere Kenntnisse für irgendwelche praktischen oder sonstigen Lebensverrichtungen will, sondern der aus den naturwissenschaftlichen Einsichten etwas gewinnen will für das Leben seiner Seele und seines Geistes, der wird allerdings, wenn er unbefangen genug dazu ist, nach und nach gewahr, dass, je tiefer man sich in diese Einsichten hineinbegibt, desto mehr bedeuten sie eigentliche Rätsel, desto weniger lösen sie uns irgendetwas von dem, was aus der Seele Tiefen heraufquillt als die großen Daseinsfragen des menschlichen Lebens. Im Gegenteil, sie lehren uns etwas ganz anderes, diese naturwissenschaftlichen Einsichten; sie lehren uns, die Fragen, die wir aus der gepressten Seele heraus stellen müssen als Menschen, tiefer, gründlicher zu stellen. Sie lehren uns mehr Rätsel aufwerfen, als wir früher aufgeworfen haben. Denn für einen solch Unbefangenen, der mit ganzer Seele sich in diese Einsichten hineinlebt, lässt es sich ja gar nicht anders machen, als dass er ein Verhältnis herstellt zwischen dem, was Naturwissenschaft in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gebracht hat, und zwischen dem, was in den alten, traditionellen Religionsbekenntnissen als eine wirkliche seelische Erhebung, als ein wirklicher seelischer Inhalt gegeben ist. Man kann theoretisch viel über die Frage sprechen, ob das religiöse Leben, das religiöse Vertiefen des Menschen einen eigenen Weg gehen soll neben dem neueren wissenschaftlichen Erkennen. Die Seele des Menschen ist einmal eine, und er kann nicht anders, als, wenn er auf der einen Seite Lebensnahrung für die ewige Bestimmung seiner Seele aus religiösen Grundlagen schöpft, und auf der anderen Seite entgegennimmt dasjenige was [die Naturwissenschaften] ihm zu sagen haben zum Beispiel über den Bau des Himmelsgebäudes, über die Entwicklung der organischen Lebewesen und Ähnliches. Er kann nicht anders als fragen: Wie verhält sich das eine zu dem anderen? Wir können mit unserem Intellekt sagen: Die beiden Lebensgebiete strömen aus verschiedenen Quellen heraus. So sehr wir auch davon deklamieren, wie sie aus verschiedenen Quellen herausfließen, in unsere Seele fließen sie doch zusammen, und wir müssen einen Ausgleich suchen. Aber in dem Suchen nach diesem Ausgleich ergeben sich neue Rätsel, zu denen der Mensch der Gegenwart, wenn er wirklich aufblickt zu dem allgemeinen Bildungsleben, wenn er in diesem allgemeinen Bildungsleben drinnensteht, hingetrieben wird, die ihn beunruhigen, die nach irgendwelchen, noch anderen Quellen rufen, aus denen eine wirkliche Vereinheitlichung unseres ganzen Seelenlebens herausfließen muss.

[ 3 ] There are many such questions concerning civilization today, but they can all be managed to a greater or lesser extent if viewed from two perspectives. The one great mystery that has taken root in human souls—one might say for a long time—and which is already finding a very special revelation in these souls today stems from the scientific development of the last three to four centuries. This scientific development has brought humanity great, tremendous triumphs in terms of knowledge and has provided remarkable insights. Yet for those who now approach the findings of this modern science with their whole soul, particularly in relation to questions of the soul and spirit, understanding becomes ever clearer and clearer. I would like to note in advance, so as not to be misunderstood: That spiritual science which is anthroposophically oriented—and which I have in mind here as I present my remarks—stands firmly on the ground of modern, scientific thinking. But we shall see that precisely because it wishes to stand fully on this ground, it must go beyond what is usually regarded as the limit of this scientific way of thinking. Anyone who seeks not merely external knowledge for practical or other life tasks, but who wishes to gain something from scientific insights for the life of their soul and spirit, will—if they are open-minded enough—gradually come to realize that, the deeper one delves into these insights, the more they represent true mysteries; the less they resolve anything of what wells up from the depths of the soul as the great existential questions of human life. On the contrary, these scientific insights teach us something entirely different; they teach us to pose the questions that we, as human beings, must ask from the depths of our troubled souls more deeply and thoroughly. They teach us to raise more mysteries than we have raised before. For someone so open-minded, who immerses himself with his whole soul in these insights, there is simply no other way but to establish a connection between what natural science has brought forth over the last three to four centuries and what is present in the ancient, traditional religious creeds as a genuine spiritual elevation, as genuine spiritual content. One can discuss the question at length in theoretical terms: whether religious life—the deepening of a person’s religious experience—should follow its own path alongside modern scientific knowledge. The human soul is, after all, one, and a person cannot help but, on the one hand, draw spiritual nourishment for the eternal destiny of his soul from religious foundations, and on the other hand, accept what [the natural sciences] have to say, for example, about the structure of the heavens, the evolution of organic life forms, and the like. He cannot help but ask: How do these two relate to one another? We can say with our intellect: These two spheres of life spring from different sources. Yet no matter how much we proclaim that they flow from different sources, they converge within our soul, and we must seek a balance. But in the search for this balance, new mysteries arise—mysteries toward which the person of the present, when he truly looks up at the general educational life, when he is immersed in this general educational life, is drawn; mysteries that unsettle him, that call for yet other sources from which a true unification of our entire soul life must flow.

[ 4 ] Und so sehen wir, dass eine der wichtigsten Zivilisationsfragen der Gegenwart eigentlich eine innere Seelenfrage ist. Wir müssen, bevor wir in das soziale Leben irgendwie maßgeblich eingreifen wollen, mit uns selber fertig werden. Wir müssen innerlich eine gewisse Festigkeit gewinnen. Daher sind im Grunde genommen alle äußeren Fragen des Lebens, alle Fragen der Lebenspraxis doch abhängig von den Fragen des menschlichen Seelenlebens.

[ 4 ] And so we see that one of the most important questions facing civilization today is actually an inner question of the soul. Before we can intervene in any meaningful way in social life, we must come to terms with ourselves. We must gain a certain inner strength. Therefore, fundamentally, all external questions of life—all questions of practical living—are ultimately dependent on the questions of the human soul.

[ 5 ] Das von der einen Seite über die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart. Aber noch von einer anderen Seite kommen Lebensrätsel über den gegenwärtigen, den modernen Menschen. Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind ja nicht bloß Erkenntnisse geblieben. Sie haben in einer weitgehenden Weise, in einer gerade bewundernswerten Weise eingegriffen in das praktische Leben. Sie haben uns in der modernen Technik alles dasjenige gebracht, was wir im Grunde genommen heute im äußeren Leben auf Schritt und Tritt begegnen, ohne dass die moderne Menschheit eigentlich nicht mehr leben kann. Aber auch hier haben uns die modernen Ergebnisse, die praktischen Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Denkweise eigentlich nicht Lösungen gebracht, sondern im Grunde genommen neue, praktische Lebensrätsel. Wir haben es dahin gebracht im Laufe der letzten zwei bis drei Jahrhunderte, eine komplizierte Technik und ein damit zusammenhängendes kompliziertes Menschenleben zu gestalten. Wir mussten die Menschen in großer Anzahl hinstellen an die Maschine, welche ein Ergebnis der modernen naturwissenschaftlichen Denkweise ist. Wir haben hineinversetzen müssen die Menschheit in die modernen Verkehrsverhältnisse, welche ein Ergebnis eben dieser Denkweise sind. Auf dem Gebiet des rein mechanisch-maschinellen Wirkens, auch da, wo das Mechanische auftritt im Kommerziellen, im Weltverkehrswesen, in der Weltwirtschaft, hat sich die naturwissenschaftliche Denkungsweise als fruchtbar erwiesen. Aber in Bezug auf die soziale Denkweise, in Bezug auf den Verkehr des Menschen mit dem Menschen als Mensch, hat sie sozusagen alles übrig gelassen. Darüber braucht man sich gar nicht theoretisch zu unterrichten, das sieht man an den Konvulsionen sozialer Natur, die sich in der Gegenwart kundgeben und die schreckhaft aufwühlend wirken in der Menschheit. Man sieht es daran, wie wenig zunächst Rat in der Menschheit vorhanden ist, diese Kräfte, die nach und nach einen furchtbar zerstörerischen Charakter, einen lebenszerstörerischen Charakter annehmen, in irgendeiner der Menschheit gedeihlichen Weise zu leiten und zu lenken.

[ 5 ] On the one hand, there are the great questions of civilization facing us today. But on another front, there are the mysteries of life concerning contemporary, modern human beings. Scientific discoveries have not merely remained discoveries. They have intervened in practical life to a great extent, in a truly admirable way. Through modern technology, they have brought us everything that we essentially encounter at every turn in our external lives today—things without which modern humanity can no longer really live. But here, too, the modern achievements—the practical results of the scientific way of thinking—have not actually brought us solutions, but rather, fundamentally, new, practical life puzzles. Over the course of the last two to three centuries, we have managed to create a complex technology and, along with it, a correspondingly complex human way of life. We have had to place large numbers of people in front of machines, which are a product of the modern scientific way of thinking. We have had to adapt humanity to modern transportation systems, which are a result of precisely this way of thinking. In the realm of purely mechanical and machine-based activity—including where the mechanical aspect appears in commerce, in global transportation, and in the global economy—the scientific way of thinking has proven fruitful. But with regard to social thinking—with regard to human interaction with one another as human beings—it has, so to speak, left everything else behind. There is no need for theoretical instruction on this; one can see it in the social upheavals manifesting themselves today, which are having a terrifyingly unsettling effect on humanity. One can see this in how little guidance humanity initially has for channeling and directing these forces—which are gradually taking on a terribly destructive character, a character that destroys life—in any way that would be beneficial to humanity.

[ 6 ] Und so sind gerade in Bezug auf das Menschliche, in Bezug auf das Moralische, in Bezug auf das SeelischGeistige im Verkehr vom Menschen zum Menschen viele Rätsel heraufgezogen in diesem modernen zivilisatorischen Leben. Und wir stehen vor der großen Seelenfrage: Wie vereint sich moderne Einsicht mit demjenigen, was religiöse Bedürfnisse der Menschheit sind? Und wir stehen vor der großen praktischen, sozialen Lebensfrage: Wie bringen wir eine solche Richtung in dasjenige hinein, was mechanisch-technisches Leben geworden ist, dass in einem der modernen Anschauung gewachsenen Sinn auch ein Verkehr im Verhältnis von Mensch zu Mensch so möglich ist, dass von allen Menschen dieses Verhältnis als zu einem menschenwürdigen Dasein führend empfunden werde?

[ 6 ] And so, particularly with regard to what is human, to what is moral, and to the soul-spiritual aspects of human interaction, many mysteries have arisen in this modern, civilized life. And we are faced with the great spiritual question: How can modern insight be reconciled with the religious needs of humanity? And we are faced with the great practical, social question of life: How do we bring such a direction into what has become a mechanical-technical existence, so that—in a sense that has grown out of the modern worldview—interpersonal relationships are possible in such a way that all people perceive this relationship as leading to a life worthy of human dignity?

[ 7 ] Kurz, es stehen vor uns Lösung heischende zivilisatorische Fragen, die in den beiden angegebenen Strömungen laufen. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, über welche ich hier heute zunächst in Bezug auf ihre Erkenntnisse orientierend sprechen möchte, sie will gerade an diese Rätselfragen herantreten, die von den beiden eben charakterisierten Seiten an den modernen Menschen kommen. Sie muss es aber in einer Weise tun, die ungewohnt ist heute noch den breitesten Massen der Menschheitsbevölkerung, eben der zivilisierten Welt. Sie wird daher von der einen Seite als Phantasterei angesehen; sie wird von der anderen Seite vielleicht als etwas noch Schlimmeres angesehen. Allein man kann in der Menschheitsentwicklung nicht weiterkommen, wenn man nicht den Entschluss fassen wollte, auch dasjenige auszusprechen, was in irgendeinem Zeitalter, weil es ungewohnt ist, noch außerordentlich scharf bekämpft wird.

[ 7 ] In short, we are faced with civilizational questions demanding solutions, which fall within the two currents described above. Anthroposophically oriented spiritual science—which I would like to discuss here today, initially in terms of its findings—seeks to address precisely these enigmatic questions that confront modern humanity from the two perspectives just described. However, it must do so in a way that is still unfamiliar to the broadest masses of humanity, namely the civilized world. It is therefore regarded by one side as fantasy; by the other, perhaps as something even worse. Yet one cannot make progress in human development unless one is willing to speak out even about those things that, in any given age, are still fiercely opposed precisely because they are unfamiliar.

[ 8 ] Wir sehen es ja an den Seelen, die das, was ich vorhin gekennzeichnet habe, in einer besonders scharfen Weise empfinden; wie sie sich sehnen gewissermaßen nach einem Hineinströmen einer übersinnlichen, geistigen Welt in die Menschenseele durch Erkenntnisse. Und da kommen solche sehnenden Seelen heute auf gar manches, das allerdings nicht mit unserem zivilisatorischen Leben in der Gegenwart vereinbar ist. Wir sehen zahlreiche Seelen, welche hinblicken auf dasjenige, was in alten Zeiten bei unseren Vorfahren vorhanden war: eine gewisse Harmonie zwischen religiöser Empfindung, künstlerischer Gestaltung und wissenschaftlicher Erkenntnis. Auch die äußere anthropologische Wissenschaft teilt ja heute der Menschheit durch ihre Forschungen über alte Zeiten Dinge mit, durch die man eine hohe Achtung gegenüber diesen alten Kulturen haben muss.

[ 8 ] We can see this, after all, in those souls who experience what I described earlier in a particularly acute way; how they yearn, as it were, for a flow of the supersensible, spiritual world into the human soul through insights. And today, such yearning souls turn to many things that are, admittedly, incompatible with our present-day civilized life. We see numerous souls who look back to what existed in ancient times among our ancestors: a certain harmony between religious feeling, artistic expression, and scientific knowledge. Even the external science of anthropology, through its research into ancient times, reveals to humanity today things that compel us to hold these ancient cultures in high esteem.

[ 9 ] Manche Menschen schielen hinüber nach dem Oriente, wo allerdings in dekadenter Weise Reste einer alten Urweisheit sich erhalten haben. Sie möchten eine Empfindung haben von dem, was einstmals war. Wir sehen dieses bei zahlreichen Seelen auftauchen, müssen aber, wenn wir den Sinn der Menschheitsentwicklung wirklich verstehen, uns sagen, dass wir zwar begreifen können solche Seelen, die sich sehnen nach irgendeinem Alten oder nach dem, was von einem Alten in Dekadenz geblieben ist, wie etwa die indische Mystik oder dergleichen. Wir können ein solches Sehnen verstehen, müssen aber sagen: Es widerspricht ein solches Sehnen durchaus dem Sinn der ganzen menschheitlichen Entwicklung. Denn diese Entwicklung ist doch so, dass jedes Zeitalter seinen eigenen Charakter hat. Und was einmal entsprechend war den Trieben und Empfindungen der menschlichen Seele in alten Zeiten, das ist es nicht mehr heute.

[ 9 ] Some people look longingly toward the East, where, admittedly, remnants of an ancient, primordial wisdom have been preserved in a decadent form. They long to experience a sense of what once was. We see this emerging in numerous souls, but if we truly understand the meaning of human development, we must tell ourselves that, while we can understand such souls who long for something ancient or for what remains of the ancient in a state of decadence—such as Indian mysticism or the like— We can understand such a longing, but we must say: Such a longing is entirely contrary to the purpose of human development as a whole. For this development is such that every age has its own character. And what was once in harmony with the impulses and feelings of the human soul in ancient times is no longer so today.

[ 10 ] Wir müssen allerdings auch noch anderes sagen. Wir müssen sagen: Dieser Drang nach dem Alten oder dieser Drang nach Aufwärmung orientalischer Weistümer, er entspringt auch einer gewissen Müdigkeit der modernen Menschenseele. Diese Müdigkeit der modernen Menschenseele, sie kündigt sich dadurch an, dass der Mensch zwar sich versenken mag in dasjenige, was jahrhunderteoder jahrtausendealte Tradition ist, dass er sich hingeben mag an dasjenige, was überkommene äußere Einrichtungen des praktischen Lebens [sind], dass er aber innerhalb des heutigen komplizierten Lebens nur schwer sich aufrafft dazu, ein Schöpferisches, ein elementar Schöpferisches in der menschlichen Seele zu entfalten, das geeignet ist, neue geistige Kräfte aus den Untergründen der Seele an die Oberfläche derselben zu befördern, das geeignet ist, dem praktischen sozialen Leben neue Richtlinien zu geben. Hingeben mag sich leicht der moderne Mensch, aber Schaffen, das liegt seiner im Grunde genommen stark ermüdeten Seele fern. Aber an die schöpferischen Kräfte der Menschenseele möchte sich gerade die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wenden. Denn sie glaubt zu erkennen, dass nur aus einer Neuschöpfung aus den tiefsten, elementarsten Kräften der Menschenseele heraus Befriedigung über dasjenige kommen kann, was im Grunde genommen in der charakterisierten Weise von zahlreichen Menschen heute aus den großen zivilisatorischen Strömungen ersehnt wird.

[ 10 ] However, there is more we must say. We must say: This longing for the old, or this urge to rehash Eastern wisdom, also stems from a certain weariness of the modern human soul. This weariness of the modern human soul manifests itself in the fact that, while a person may immerse themselves in traditions that are centuries or millennia old, and may devote themselves to the traditional external structures of practical life , yet within today’s complicated life, they find it difficult to muster the strength to unfold something creative—something fundamentally creative—within the human soul, something capable of bringing new spiritual forces from the depths of the soul to its surface, something capable of providing new guidelines for practical social life. Modern man may easily surrender himself, but creation—that is far removed from his soul, which is, at heart, deeply weary. Yet it is precisely to the creative forces of the human soul that the anthroposophically oriented spiritual science referred to here wishes to turn. For it believes it has recognized that only through a new creation arising from the deepest, most elemental forces of the human soul can satisfaction be found regarding what, in essence, is longed for in the manner described by numerous people today from the great currents of civilization.

[ 11 ] Dasjenige, was Geisteswissenschaft zunächst in Bezug auf die Erkenntnis ihrerseits zu bieten hat, das steht allerdings ganz auf dem Boden moderner, naturwissenschaftlicher Denkweise. Aber es muss zu gleicher Zeit, weil es auf diesem Boden steht, über diese naturwissenschaftliche Denkweise hinausgehen zu der Erkenntnis eines Übersinnlichen; während diese naturwissenschaftliche Denkweise nur ergreift mit ihren Erkenntnismitteln, mit ihren allerdings großartigen, bewunderungswürdigen Erkenntnismitteln, die äußere Sinneswelt und dasjenige, was der Verstand aus dieser Sinneswelt herauskombinieren kann als abstrakte Naturgesetze und dergleichen.

[ 11 ] What spiritual science has to offer, at least initially, in terms of knowledge is, admittedly, entirely grounded in modern, scientific thinking. But at the same time—precisely because it is grounded in this way of thinking—it must go beyond this scientific way of thinking to the knowledge of the supersensible; whereas this scientific way of thinking, with its means of knowledge—which are, admittedly, magnificent and admirable—grasps only the external sensory world and what the intellect can deduce from this sensory world as abstract laws of nature and the like.

[ 12 ] Wenn ich das Verhältnis desjenigen, was ich hier meine als anthroposophische orientierte Geisteswissenschaft, zu dieser modernen Naturwissenschaft kennzeichnen soll, so möchte ich einen historischen Vergleich gebrauchen. Aber ich bitte Sie, mir diesen Vergleich nicht als Unbescheidenheit anzurechnen. Er ist nicht so gemeint. Es soll nicht verglichen werden ohne Weiteres der schwache Versuch, der heute erst gegeben werden kann mit der Geisteswissenschaft und der der schwachen menschlichen Kraft entspricht, mit einem großen, gewaltigen Ereignis, sondern mit etwas, was auch eigentümlich ist diesem historischen Ereignis, ich meine die Entdeckung Amerikas. Als Kolumbus ausfuhr zur Entdeckung Amerikas, da war es so, dass er es eigentlich so meinte, über das große Weltenmeer fahren zu müssen, um dasjenige, was ihm schon bekannt war, von der anderen Seite zu erreichen, nämlich Indien zu erreichen von der anderen Seite. Man glaubte also hinzusteuern nach etwas schon Bekanntem. Auf dem Wege fand man aber ein Unbekanntes, das man nicht geahnt hat.

[ 12 ] If I am to characterize the relationship between what I mean here by “anthroposophically oriented spiritual science” and modern natural science, I would like to use a historical comparison. But I ask you not to regard this comparison as immodesty. It is not meant that way. The feeble attempt at spiritual science—which can only be made today and corresponds to the limited capacity of human beings—should not be compared outright with a great, momentous event, but rather with something that is also characteristic of that historical event: I mean the discovery of America. When Columbus set out to discover America, he actually intended to sail across the great ocean in order to reach, from the other side, that which was already known to him—namely, to reach India from the other side. People therefore believed they were heading toward something already known. Along the way, however, they encountered something unknown that they had not anticipated.

[ 13 ] So geht es im Grunde genommen dem modernen Geistesforscher. Er will ausgehen von dem, was aus zahlreichen wissenschaftlichen Bestrebungen heraus das moderne Leben bietet. Er möchte sich hinauswagen auf all die Forschungswege, welche eingeschlagen werden in gewissenhafter, durchaus methodischer Weise von diesem modernen Wissenschaftsleben. Allein auf dem Wege hierzu findet er nicht dasjenige, was im Grunde genommen eine große Anzahl von Forschern zu finden meinen: eine Art Bekanntes, das doch, wenn es auch durch seine Kleinheit oder dergleichen unterschieden sein soll von dem, was wir in unserer Sinneswelt um uns haben, wiederum ein Bekanntes ist. Wie Kolumbus Indien zu erreichen vermeinte, also ein Bekanntes, so möchten die Forscher des äußeren Sinnengebietes entdecken Atome, Moleküle, Ionen, Elektronen und dergleichen, was doch nichts anderes ist als ins Kleinste umgesetzt dasjenige, was wir schon haben in der Sinneswelt. Und wenn wir nun mit den gewissenhaften modernen Forschungsmethoden hinausschauen in den Weltenraum, bewaffnet mit all den bewundernswürdigen Instrumenten, die konstruiert worden sind, so wollen wir auch nichts anderes finden als dasjenige, was wir hier auf der Erde schon kennen. Wir konstruieren uns den ganzen Himmel zusammen aus den sinnlichen Elementen, die wir schon auf der Erde haben. Erwarten mag man das zunächst, und im Grunde genommen wird jeder, der nicht Dilettant ist im wissenschaftlichen Leben, sondern ausgeht von dem gewissenhaften wissenschaftlichen Leben dieser Gegenwart, vielleicht ein Ähnliches erwarten. Wenn er aber ganz klar sein wird über dasjenige, was da eigentlich bei ihm als Forscher vorliegt, dann kommt er zu etwas anderem. Er glaubt vielleicht, zu etwas Bekanntem zu kommen, zu Atomen, Molekülen, zu Ionen, Elektronen, aber er entdeckt auf dem Wege ein Unbekanntes, so unbekannt, wie dem Indienfahrer Amerika war. Er entdeckt auf dem Wege, gerade indem er sich vertieft in die Denkprozesse, in die ganzen Seelenprozesse, die er anwenden muss bei dem naturwissenschaftlichen Forschen, eine ihm vorher unbekannte, übersinnliche Welt.

[ 13 ] This, in essence, is the situation of the modern researcher into the spiritual realm. He wishes to take as his starting point what modern life offers as a result of numerous scientific endeavors. He would like to venture out onto all the paths of research that are being pursued in a conscientious and thoroughly methodical manner by this modern scientific community. Yet along this path, he does not find what, in essence, a large number of researchers believe they are finding: a kind of “known” that—even if it is to be distinguished by its smallness or similar characteristics from what we have around us in our sensory world—is nonetheless a “known.” Just as Columbus thought he was reaching India—that is, something familiar—so too do researchers of the external sensory realm seek to discover atoms, molecules, ions, electrons, and the like, which are, after all, nothing other than what we already have in the sensory world, reduced to its smallest form. And when we now look out into outer space using conscientious modern research methods, armed with all the admirable instruments that have been constructed, we will find nothing other than what we already know here on Earth. We construct the entire heavens for ourselves out of the sensory elements we already have here on Earth. One might expect this at first, and, strictly speaking, anyone who is not a dilettante in scientific life—but rather proceeds from the conscientious scientific life of the present—might expect something similar. But when he becomes fully clear about what is actually before him as a researcher, he arrives at something else. He may believe he is arriving at something familiar—atoms, molecules, ions, electrons—but along the way he discovers something unknown, as unknown to him as America was to the traveler to India. Along the way, precisely by immersing himself in the thought processes, in the entire range of soul processes that he must employ in scientific research, he discovers a supersensible world previously unknown to him.

[ 14 ] Ausbilden im Feineren, im Weiteren will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dasjenige, was man innerlich seelisch tut, indem man in der Klinik, im Laboratorium, auf der Sternwarte forscht. Allein indem sie gerade recht exakt aufmerksam wird auf dieses innerliche Verrichten der Seele, muss sie sich darauf besinnen: Da ist es doch der Geist, der, auch wenn er sich nur an das äußerlich Materielle hält, in dir tätig ist, gerade im methodischen Forschen. Und dann, wenn man einmal ganz ernsthaftig und ganz so stark, als es die menschliche Seele nur kann, seiner eigenen Tätigkeit beim Forschen gewahr wird, dann gewinnt man den Drang, diese Seelenkräfte, die man in sich trägt, die gewissermaßen anzuregen sind durch die gewöhnliche Erziehung, weiter auszubilden. Und dann kommt man zu den geisteswissenschaftlichen Methoden, von denen ich Ihnen jetzt hier eine kleine Andeutung geben möchte.

[ 14 ] Anthroposophically oriented spiritual science seeks to refine and deepen an understanding of what one does inwardly and spiritually when conducting research in a clinic, a laboratory, or an observatory. Only by paying precise and careful attention to this inner activity of the soul can it realize: It is indeed the spirit that is at work within you—even when it is focused solely on the external material world—precisely in the course of methodical research. And then, once one becomes fully aware—as earnestly and as intensely as the human soul is capable—of one’s own activity in research, one feels the urge to further develop these soul forces that one carries within, forces that are, in a sense, stimulated by one’s ordinary upbringing. And then one arrives at the methods of spiritual science, of which I would now like to give you a brief hint here.

[ 15 ] Am Ausgangspunkte dieser geisteswissenschaftlichen Methoden muss allerdings eines stehen, was der heutigen Menschheit auch recht ungewohnt ist. Dasjenige muss stehen vor dem geistesforscherischen Wege, was ich nennen möchte «intellektuelle Bescheidenheit». Und ich möchte wiederum durch einen Vergleich erklären, was ich unter intellektueller Bescheidenheit verstehe. Denken Sie sich ein fünfjähriges Kind, wir geben ihm einen Band Shakespeare in die Hand, was wird es damit anfangen? Es wird ihn zerreißen oder sonst mit ihm spielen, aber ganz gewiss wird es nicht dasjenige damit machen, was dem Bande Shakespeare angemessen ist. Wenn das Kind weitere zehn bis fünfzehn Jahre gelebt hat, so werden seine Seelenkräfte sich so entwickelt haben, dass es das Richtige mit diesem Bande Shakespeare anfangen wird. Wir können sagen: Herausgeholt worden ist aus dem verborgensten Innern dieses Kindes dasjenige, was es nun zu etwas ganz anderem befähigt, als wozu es früher imstande war. Man muss sich nun in intellektueller Bescheidenheit sagen können, wenn man ein Geistesforscher werden will: Man könnte ja der ganzen Natur, die uns umgibt, auch als erwachsener Mensch so gegenüberstehen, wie das fünfjährige Kind dem Band Shakespeare, und man könnte sich dadurch aufgefordert fühlen, nun weiter die Seelenkräfte zu entwickeln durch eigene Handhabung, wie bei dem fünfjährigen Kinde die Seelenkräfte allmählich entwickelt worden sind, wodurch aus dem Kinde etwas ganz anderes gemacht wurde, als es vorher war. Solche Methoden, wie sie im Grunde genommen schon begonnen sind beim naturwissenschaftlichen Forschen, nur auf natürliche Weise gegeben, solche Methoden sucht geisteswissenschaftliche Forschung weiter auszubilden. Und diese geisteswissenschaftliche Forschung, sie ruht nicht auf irgendwelchen äußeren Maßnahmen, sie ruht ganz und gar auf innerer Seelenarbeit. Diese innere Seelenarbeit ist allerdings nicht etwa leichter zu verrichten als die Arbeit im Laboratorium, in der Klinik oder auf der Sternwarte. Dasjenige, was ich Ihnen jetzt schildern werde als den inneren Seelenweg des Geistesforschers, das fordert zu seiner wirklichen Ausbildung jahrelange innere Anstrengung, obwohl man nicht mit äußeren Werkzeugen, mit äußeren Instrumenten hantiert, sondern lediglich mit den Kräften der Seele selbst; und es sind im Grunde genommen Seelenkräfte, die durchaus im gewöhnlichen Leben schon vorhanden sind, die nur weiter ausgebildet werden müssen.

[ 15 ] At the starting point of these methods of the humanities, however, there must be something that is quite unfamiliar to people today. What I would like to call “intellectual humility” must precede the path of spiritual research. And I would like to explain, once again through a comparison, what I mean by intellectual humility. Imagine a five-year-old child; if we put a volume of Shakespeare in his hands, what will he do with it? He will tear it up or play with it in some other way, but he certainly will not do with it what is appropriate for a volume of Shakespeare. When the child has lived another ten to fifteen years, his soul forces will have developed to such an extent that he will do the right thing with this volume of Shakespeare. We can say: what has been drawn out from the deepest innermost part of this child is precisely what now enables it to do something entirely different from what it was capable of before. If one wishes to become a spiritual researcher, one must be able to say to oneself with intellectual humility: One could, even as an adult, approach the whole of nature that surrounds us in the same way that the five-year-old child approached the volume of Shakespeare, and one might thereby feel compelled to continue developing one’s soul powers through one’s own efforts, just as the five-year-old child’s soul powers were gradually developed, thereby transforming the child into something entirely different from what it was before. Such methods—which, in essence, have already begun in scientific research, only in a natural way—are the very methods that spiritual scientific research seeks to further develop. And this spiritual scientific research does not rest on any external measures; it rests entirely on inner soul work. This inner soul work, however, is by no means easier to perform than the work in the laboratory, in the clinic, or at the observatory. What I am now going to describe to you as the inner spiritual path of the researcher of the spirit requires years of inner effort for its true development, even though one does not work with external tools or instruments, but solely with the powers of the soul itself; and these are, in essence, soul powers that are already present in ordinary life and merely need to be further developed.

[ 16 ] Die Menschheit liebt es heute nicht, solche Seelenkräfte in sich weiter auszubilden. Man ist gerade durch den modernen Entwicklungsweg dahin gekommen, nicht mehr so zu denken, wie man in gewissen alten Zeitaltern über die menschliche Entwicklung gedacht hat. Das ist von der einen Seite voll berechtigt. Aber von der anderen Seite ist es so, dass wiederum andere Anschauungen anstelle der landläufigen treten müssen. Gerade deshalb sehnen sich viele suchende Seelen — wie ich schon sagte — heute unhistorisch nach einer gewissen Art, wie unsere alten Vorfahren zu ihren Erkenntnissen gekommen sind, weil diese Vorfahren im Erkenntnisweg doch etwas ganz anderes gesehen haben, als die heutigen Menschen darin sehen.

[ 16 ] People today are not inclined to further develop such spiritual powers within themselves. The modern path of development has led us to no longer think about human development in the same way as people did in certain ancient eras. On the one hand, this is entirely justified. But on the other hand, it is the case that other views must take the place of the conventional ones. Precisely for this reason, many seeking souls—as I have already said—long, in a non-historical sense, for a certain way in which our ancient ancestors arrived at their insights, because these ancestors saw something quite different on the path to knowledge than people today see in it.

[ 17 ] Man hat in den alten Zeiten — ich kann das nur andeuten, weitere Ausführungen können Sie heute schon in der äußeren Wissenschaft finden —, man hatte in alten Zeiten Weisheitsschulen, die man auch wohl die Mysterien nennt. In diesen Mysterien wurde nicht in derselben Weise eine bloß mehr auf den Intellekt hinzielende Wissenschaft gepflegt, wie das heute der Fall ist, sondern es wurde eine Wissenschaft gepflegt, die durchaus so intensiv zu der Menschenseele sprach, dass sie hineinträufelte in die Tiefen dieser Seele, indem sie religiöse Inbrunst zugleich aus dieser Seele auslöste, die diese Seele so anregte, dass sie zu gleicher Zeit dasjenige, was sie als Erkenntnis empfing, in künstlerischen Anschauungen empfing. Kunst, Religion, Wissenschaft, sie waren eins in diesen alten Mysterien. Aber in diesen alten Weisheitsschulen sprach man von der Erlangung höherer Erkenntnisse in der Weise, dass man an den ganzen Menschen und nicht bloß an den Kopf appellierte. Und man sprach von etwas, von dem zu sprechen heute in einer gewissen Weise gefährlich ist, weil man der Paradoxie oder der Phantastik beziehen wird, wenn man davon spricht. Man sprach davon, dass zwischen dem, was der Mensch im gewöhnlichen Leben wissen, fühlen und wollen kann, und demjenigen, dem eigentlich seine Seele als dem Übersinnlichen zugehört, das zwischen diesen zwei Gebieten des äußeren und des inneren Lebens ein Abgrund sich auftue; dass dieser Abgrund erst durch Überwindung, durch innere Kämpfe der Menschenseele überschritten werden könne. Man sprach von der Schwelle, welche das gewöhnliche Leben trennt von der übersinnlichen Welt, der eigentlich die Seele zugehört. Und man sprach davon, dass der Mensch durch die Weltenmächte behütet ist, unvorbereitet in das Reich der übersinnlichen Erkenntnis einzutreten. Nicht eine bloße Personifikation, sondern ein sehr reales Erlebnis war es für die Schüler der alten Weisheitsschulen, wenn sie sprachen von dem Hüter der Schwelle. Dieser Hüter der Schwelle war nicht erlebt worden, wenn man den Abgrund nicht übersteigen wollte zwischen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt. Aber man musste an ihm vorbeischreiten, wenn man in diese übersinnliche Welt hineinkommen wollte. Er wurde sozusagen erst sichtbar, wenn man seine Erkenntnisse aufschwingen wollte zu den übersinnlichen Gebieten des Daseins. Aber man solle und dürfe das nicht tun, so sagten die alten Weisheitslehrer, ohne dass der Mensch in gesunder Weise vorbereitet werde und ohne dass er noch andere Bedingungen erfülle.

[ 17 ] In ancient times—I can only hint at this; you can already find further explanations today in conventional scholarship—there were schools of wisdom, which are also commonly referred to as the Mysteries. In these Mysteries, science was not cultivated in the same way as it is today—as a discipline aimed primarily at the intellect—but rather as a science that spoke so intensely to the human soul that it seeped into the depths of that soul, while at the same time arousing religious fervor within that soul, which stimulated it to such an extent that it received what it perceived as knowledge through artistic visions. Art, religion, and science were one in these ancient mysteries. But in these ancient schools of wisdom, one spoke of attaining higher knowledge in a way that appealed to the whole human being and not merely to the head. And one spoke of something that is, in a certain sense, dangerous to speak of today, because one will be accused of paradox or fantasy when speaking of it. They spoke of the fact that between what a person can know, feel, and will in ordinary life, and that to which their soul—as the supersensible—actually belongs, an abyss opens up between these two realms of outer and inner life; that this abyss can be crossed only through overcoming it, through the inner struggles of the human soul. People spoke of the threshold that separates ordinary life from the supersensible world, to which the soul actually belongs. And they spoke of how human beings are protected by the world forces from entering the realm of supersensible knowledge unprepared. For the students of the ancient schools of wisdom, speaking of the Keeper of the Threshold was not a mere personification but a very real experience. This Keeper of the Threshold was not encountered unless one sought to cross the chasm between the sensory and the supersensory world. But one had to pass by him if one wished to enter this supersensible world. He became visible, so to speak, only when one sought to raise one’s insights to the supersensible realms of existence. But one should not and must not do so, said the ancient wisdom teachers, without the individual being properly prepared and without fulfilling certain other conditions.

[ 18 ] Denn anders, als wir jetzt sprechen, sprach man in alten Zeiten von dem, was eigentliche menschliche Weisheit und menschliche Wissenschaft ist. Man sagte: Der unvorbereitete Mensch, wenn ihm die Wissenschaft vom Übersinnlichen übergeben wird, sie wird für ihn eine Quelle der Versuchungen, nicht nur das Gute zu vollbringen, sondern auch das Böse zu vollbringen. Das Wissen vom Übersinnlichen stachelt auf menschliche Begierden, die sonst schweigen und gezähmt sind durch dasjenige, was die äußerliche Moral ist. Durch die Einsicht in das Übersinnliche lassen sich diese Begierden nicht mehr zähmen. Daher verlangten diese alten Weisheitslehrer von ihren Schülern, dass sie sich unterzogen solch einer Willenszucht, solch einer Erziehung, dass diese Instinkte zurücktraten, dass diese Instinkte nicht mehr sprachen, sodass diese Schüler hörten auf alles dasjenige, was ihnen als eine reine Moral vermöge ihrer naturgemäßen Autorität die alten Weisheitslehrer vorbrachten. Und sie verlangten strengen Gehorsam.

[ 18 ] For in ancient times, people spoke of what constitutes true human wisdom and human science in a way different from how we speak of it today. It was said: When the science of the supersensible is imparted to an unprepared person, it becomes for him a source of temptation—not only to do good, but also to do evil. Knowledge of the supersensible stirs up human desires that are otherwise dormant and tamed by what constitutes external morality. Through insight into the supersensible, these desires can no longer be tamed. That is why these ancient teachers of wisdom demanded of their students that they submit to such discipline of the will, such training, that these instincts would recede, that these instincts would no longer speak, so that these students would heed everything that the ancient teachers of wisdom presented to them as pure morality by virtue of their natural authority. And they demanded strict obedience.

[ 19 ] Sie sehen, das war ein Verhältnis des Schülers zum Lehrer, das sich vielfach noch in kirchlichen Zusammenhängen erhalten hat. Aber Sie werden mir auch zugeben: Das moderne Leben ist so beschaffen, dass es auf allen Gebieten ein solches Verhältnis nicht mehr haben will. Wir können mit großer Achtung, mit vollem Verständnis hinaufblicken zu jenen alten Zeiten, in denen so mit gewissen Geboten, mit strengen Geboten für Ethisches, für Moralisches, für Gehorsam, für religiöse Achtungsgefühle dem Schüler Wissenschaft und Weisheit übergeben wurde — sonst wurde es ihnen nicht übergeben, wenn sie sich nicht diesen Bedingungen unterwarfen. Wir können für alte Zeiten das berechtigt empfinden, aber heute können wir nicht mehr aus unseren modernen, menschlichen Verhältnissen heraus eben solche Beziehungen zur Wissenschaft und Weisheit eingehen. Das verstehen diejenigen eben nicht, welche alte Weistümer, dekadente Weisheit des Morgenlandes, wiederum aufwärmen wollen. Wir brauchen heute ein anderes, und das gibt sich uns aus einer Tatsache kund, die ich in der folgenden Weise charakterisieren will.

[ 19 ] As you can see, this was a relationship between student and teacher that has, in many ways, been preserved in church contexts. But you will also agree with me: Modern life is such that it no longer wants such a relationship in any area. We can look back with great respect and full understanding to those bygone days when knowledge and wisdom were imparted to students through certain precepts—strict precepts regarding ethics, morality, obedience, and religious reverence—and they were not imparted to them unless they submitted to these conditions. We may find this justified in the context of those bygone days, but today, given our modern, human circumstances, we can no longer enter into such relationships with science and wisdom. This is precisely what those who wish to revive ancient forms of wisdom—the decadent wisdom of the Orient—fail to understand. Today we need something different, and this is made clear to us by a fact that I shall characterize as follows.

[ 20 ] Da möchte ich zuerst fragen: Warum war es denn eigentlich, dass die alten Weisheitslehrer, bevor sie Wissenschaft und Weisheit überlieferten, ihre Schüler solch strenger Zucht, Willenszucht, Willenserziehung unterzogen? Das war aus dem Grunde, weil die Seelenverfassung der Menschen der Vorzeit eine ganz andere war, als die unsrige ist. Die äußere Geschichte, sie gibt uns ja eigentlich nur auch das Äußere der Menschheitsentwicklung. Dass in der Tat die menschliche Seele im Laufe der Zeiten gewaltige Metamorphosen durchgemacht hat, davon spricht diese äußere Geschichte heute nur außerordentlich wenig. Wir brauchen gar nicht etwa nach dem alten Indien oder nach sonstigen Gegenden des Orients zurückzugehen, sondern wir brauchen nur in die Zeiten des alten Griechenland, vielleicht in die etwas früheren und in die mittleren Zeiten des alten Griechenland zurückzublicken, und wir finden noch eine ganz andere Seelenverfassung bei den Menschen. Dasjenige, was wir den Intellekt nennen, dasjenige, worauf wir einen so großen Wert als unsere Verstandeskultur legen, das war noch nicht als ein abgesondertes Seelenvermögen bei diesem älteren Menschen ausgebildet. Bei ihnen wirkten Instinkte, Triebe, Willensimpulse, Gefühlsregungen, Gefühlskräfte aus den Tiefen der Seele herauf und durchdrangen die abstrakten Begriffe. Die Erkenntnis wirkte aus dem vollen Menschen heraus, nicht bloß aus dem Kopf heraus. Wir können uns nur eine Vorstellung machen, was für den Griechen Erkenntnis war, wenn wir auf diesen Ursprung seiner Erkenntnis aus dem vollen Menschen heraus eingehen können.

[ 20 ] First, I would like to ask: Why was it, in fact, that the ancient teachers of wisdom subjected their students to such strict discipline—discipline of the will, training of the will—before passing on knowledge and wisdom? The reason was that the spiritual constitution of people in ancient times was quite different from our own. External history, after all, really only reveals the outer aspects of human development. The fact that the human soul has indeed undergone tremendous metamorphoses over the course of time is something that external history today speaks of only very sparingly. We need not go back as far as ancient India or other regions of the Orient; we need only look back to the times of ancient Greece—perhaps to the somewhat earlier and middle periods of ancient Greece—and we will find that people had a very different state of mind. What we call the intellect—that which we value so highly as the foundation of our intellectual culture—had not yet developed as a separate faculty of the soul in these earlier people. In them, instincts, drives, impulses of the will, emotional stirrings, and emotional forces arose from the depths of the soul and permeated abstract concepts. Knowledge arose from the whole human being, not merely from the head. We can only begin to grasp what knowledge meant to the Greeks if we can delve into this origin of their knowledge—arising from the whole human being.

[ 21 ] Das ist in unserer Zeit anders geworden. Aus der galilei-, kopernikanischen Weltanschauung heraus und aus alldem, was damit zusammenhängt in moderner Naturauffassung, hat sich für uns einseitig das intellektuelle Leben entwickelt.

[ 21 ] Things have changed in our time. Based on the Galilean and Copernican worldviews—and everything associated with them in the modern understanding of nature—our intellectual life has developed in a one-sided manner.

[ 22 ] Einige von Ihnen werden gewiss sagen: Dieses intellektuelle Leben wäre nicht in einer solchen Einseitigkeit da, wie ich es eben darstellen möchte. Wir experimentieren, das ist richtig. Wir haben es da zu tun mit äußeren Tatsachen und mit dem, was sie offenbaren, und nicht mit dem bloßen Intellekt. Wir beobachten gewissenhaft nach unseren Methoden in allen Reichen der Natur und im sonstigen Weltengebäude. Wir haben es nicht mit dem bloßen Intellekt zu tun. Gewiss, wir experimentieren, wir beobachten, aber indem wir das tun, wenden wir auf dieses Experimentieren und Beobachten nur unseren Intellekt an. Und wir sind geradezu darauf aus, nur dasjenige als Wissenschaft und menschliche Weisheit anzuerkennen, was an dem Experiment und der Beobachtung durch den Intellekt an solchen Naturgesetzen oder auch historischen Gesetzen gewonnen wird, das in intellektuelle Formen gebracht werden kann. Unsere ganze Seelenverfassung ist eine intellektualistische geworden. Dadurch unterscheidet sie sich von der alten Seelenverfassung.

[ 22 ] Some of you will certainly say: This intellectual life would not exist in such a one-sided form as I have just described. We do experiment; that is true. We are dealing here with external facts and with what they reveal, and not with mere intellect. We observe conscientiously according to our methods in all realms of nature and in the rest of the world’s structure. We are not dealing with mere intellect. Certainly, we experiment, we observe, but in doing so, we apply only our intellect to this experimentation and observation. And we are downright intent on recognizing as science and human wisdom only that which is gained through experimentation and observation by the intellect—whether regarding natural laws or historical laws—and which can be expressed in intellectual forms. Our entire state of mind has become intellectualistic. This is what distinguishes it from the old state of mind.

[ 23 ] Diese alte Seelenverfassung, ihr kamen — indem sie nach Erkenntnis strebte, nicht bloß Begriffe, nicht bloß Ideen —, ihr kamen aus den Tiefen der ganzen menschlichen Organisation herauf Empfindungen, Seeleninhalte über die Weltzusammenhänge selbst. Es gab für die Alten eine Welterkenntnis, wenn sie sich überhaupt auf den Pfad der Erkenntnis begaben. Sie fühlten sich so mit der Natur verbunden, dass sie, indem sie Mineral, Pflanzen, Tiere betrachteten, indem sie den physischen Menschen betrachteten, überall zu gleicher Zeit ein Geistig-Seelisches betrachteten. Man nennt das heute Animismus, aber man kennt sehr wenig das Wesen desjenigen, um was es sich da handelt. Dieses Wesen, es besteht darin, dass in alten Zeiten der Mensch, wenn er ansah die äußere Natur, nicht nur die trockene äußere Sinneswahrnehmung vor sich hatte, sondern aus allem kam ihm ein Geistiges entgegen. Er wusste den Blitz innig verbunden mit dem, was in seinem eigenen Innern vorgeht. Er wusste die ziehenden Wolken verbunden mit dem, was in seinem Innern vorgeht. Er fühlte sich angehörig dem ganzen Weltenall. Er fühlte sich so als Glied dieses Weltenalls, wie der Finger sich an mir fühlen würde als ein Glied von mir, wenn er ein Bewusstsein hätte. Aus diesem Weltgefühl ging alle alte Erkenntnis hervor. Aber dieses Weltgefühl war nur dadurch vorhanden, dass das Selbstgefühl, selbst bei den alten Griechen noch, nicht so ausgebildet war wie unser Selbstgefühl. Das Selbstgefühl war dumpf, und deshalb sagte der alte Weisheitslehrer: Man darf die Schüler nicht einfach einführen in eine höhere Erkenntnis, zu der ein höheres Selbstgefühl unbedingt notwendig ist, denn sie würden, wenn sie unvorbereitet zu diesen Erkenntnissen kämen, in eine Art seelischer Ohnmacht verfallen. Diese seelische Ohnmacht, die sollte bekämpft werden durch die Willenszucht, die Willenserziehung.

[ 23 ] This ancient state of mind—as it strove for knowledge, not merely concepts, not merely ideas—drew from the depths of the entire human organism sensations and inner experiences concerning the very fabric of the world itself. For the ancients, there was a knowledge of the world whenever they set out on the path of knowledge at all. They felt so connected to nature that, as they observed minerals, plants, and animals, and as they observed the physical human being, they perceived a spiritual-soul aspect everywhere at the same time. Today this is called animism, but very little is known about the essence of what is actually involved here. This essence consists in the fact that in ancient times, when a person looked at the external natural world, they did not merely have dry, external sensory perception before them, but a spiritual aspect came to meet them from everything. They knew that lightning was intimately connected to what was happening within their own inner being. They knew that the passing clouds were connected to what was happening within their inner being. They felt themselves to be part of the entire universe. They felt themselves to be a limb of this universe, just as a finger would feel itself to be a limb of me if it had consciousness. All ancient knowledge sprang from this sense of the world. But this sense of the world existed only because the sense of self—even among the ancient Greeks—was not as developed as our sense of self. The sense of self was dull, and that is why the ancient teacher of wisdom said: One must not simply introduce students to a higher form of knowledge for which a higher sense of self is absolutely necessary, for if they were to arrive at these insights unprepared, they would fall into a kind of spiritual helplessness. This spiritual helplessness was to be combated through the discipline of the will, the training of the will.

[ 24 ] Wie ist das bei uns? Ja, das sehen wir am besten aus dem Folgenden: Wir sind heute mit Recht stolz auf dasjenige, was wir zum Beispiel über das äußere Weltengebäude wissen durch die kopernikanische Weltanschauung. Wir bekennen uns heute zu der Anschauung, die Sonne stehe im Mittelpunkt unseres Planetensystems, die Erde bewege sich mit großer Geschwindigkeit um die Sonne. Wir nennen das die heliozentrische Weltanschauung, im Gegensatz zur Weltanschauung des Mittelalters und des Altertums, welche die Erde in den Mittelpunkt unseres Planetensystems gerückt hatten, sodass sich der Mensch auf dem festen Boden der Erde, ruhend im Weltenraum fühlte und die Sonne kreisen ließ mit den anderen Planeten um die Erde. Aber schon aus der äußeren Geschichte kann man ersehen, dass dasjenige, was wir heute heliozentrische Weltanschauung nennen, nicht unbekannt war den Alten, dass es in den Weisheitsschulen nicht unbekannt war. Davon spricht die heutige Weltanschauung nicht. Aber man braucht nur bei Plutarch nachzulesen, was er über die Himmelsanschauung des Aristarch von Samos, Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums, schreibt, so wird man sehen, dass Aristarch von Samos die heliozentrische Weltanschauung verkündete, dass er die Sonne im Mittelpunkt stehen lässt des Planetensystems, dass er die Erde herumkreisen lässt um die Sonne. Aristarch von Samos verkündete nur in einer mehr äußerlich wahrnehmbaren Weise dasjenige, was in den Weisheitsschulen sonst den Schülern verkündet worden ist, nachdem sie zuerst die Vorbereitung durchgemacht hatten. Und manches andere wurde da verkündet, was wir ebenso wie die kopernikanische Weltanschauung, wie das heliozentrische Weltensystem, heute ganz in der allgemeinen Menschenbildung drinnenhaben, was wir sozusagen in der Elementarschule schon als etwas uns aneignen, das eben zu unserer allgemeinen Bildung gehört.

[ 24 ] How does this apply to us? Well, we can best see this from the following: Today, we are justifiably proud of what we know, for example, about the structure of the universe thanks to the Copernican worldview. Today we adhere to the view that the Sun is at the center of our planetary system and that the Earth moves at great speed around the Sun. We call this the heliocentric worldview, in contrast to the worldview of the Middle Ages and antiquity, which had placed the Earth at the center of our planetary system, so that human beings felt they stood on the solid ground of the Earth, at rest in the cosmos, and let the Sun, along with the other planets, revolve around the Earth. But even from external history, one can see that what we today call the heliocentric worldview was not unknown to the ancients, nor was it unknown in the schools of wisdom. Today’s worldview does not speak of this. But one need only read in Plutarch what he writes about the cosmological view of Aristarchus of Samos—centuries before the emergence of Christianity—to see that Aristarchus of Samos proclaimed the heliocentric worldview, that he placed the Sun at the center of the planetary system, and that he had the Earth revolve around the Sun. Aristarchus of Samos merely proclaimed, in a more outwardly perceptible way, what had otherwise been taught to students in the schools of wisdom after they had first undergone the necessary preparation. And many other things were taught there that we, just like the Copernican worldview and the heliocentric system of the universe, have fully incorporated into general education today—things that we, so to speak, already acquire in elementary school as part of our general education.

[ 25 ] So können wir also die merkwürdige Tatsache verzeichnen, dass die alten Weisheitslehrer dasjenige, was für uns heute gewöhnliche Schulbildung ist, den Schülern erst überlieferten, nachdem diese eine strenge Willenszucht, eine Willenserziehung durchgemacht hatten. Sie riefen in den Schülern das Bewusstsein hervor: Ihr müsst die Schwelle zur geistigen Welt überschreiten. Nach dem teilten sie ihnen Dinge mit, die bei uns heute allgemeine Bildung sind.

[ 25 ] We can thus note the curious fact that the ancient teachers of wisdom only imparted to their students what we today consider standard school education after the students had undergone rigorous discipline of the will—an education of the will. They instilled in the students the awareness: “You must cross the threshold into the spiritual world.” Only then did they impart to them the knowledge that constitutes general education for us today.

[ 26 ] Wir stehen gewissermaßen durch die ganz gewöhnliche menschliche Entwicklung jenseits der Schwelle. Das ist der Sinn der geschichtlichen Metamorphose, dass dasjenige, was in den alten Zeiten zum Beispiel nur nach gewaltiger Vorbereitung den Schülern gegeben worden ist, heute von jedem Kinde gelernt wird. Jedes Kind wird hinter die Schwelle heute geführt, die die Alten schilderten in der charakterisierten Weise. Warum ist das? Das ist deshalb, weil wir wiederum durch die menschheitliche Entwicklung auf eine naturgemäße Weise eine andere innere Seelenverfassung haben wie die Alten. Wir werden nicht ausgesetzt der Seelenohnmacht, der Seelenbetäubung, die in alten Zeiten gefürchtet werden musste. Wir haben durchgemacht seit Jahrhunderten als zivilisierte Menschheit durch die intellektuelle Bildung eine Verstärkung, eine Erkraftung gerade des Selbstbewusstseins. Dieses Selbstbewusstsein kann nicht dadurch, dass wir in die Welt, die für die Alten die Welt jenseits der Schwelle war, eintreten, herabgestimmt, herabgelähmt, ohnmächtig gemacht werden. Das kann es nicht. Die Alten würden etwa so gesagt haben: Wenn man überliefern wollte dem unvorbereiteten Menschen die Erkenntnis, dass die Erde sich im Raume mit großer Schnelligkeit bewegt, er würde den Boden unter den Füßen zu verlieren glauben, er würde seelisch-geistig das Gefühl haben, als ob er den Boden verlieren würde, als ob er schwindelig würde im Weltendasein.

[ 26 ] In a sense, through the very ordinary course of human development, we have crossed the threshold. This is the meaning of historical metamorphosis: what in ancient times, for example, was given to students only after extensive preparation is now learned by every child. Today, every child is led beyond the threshold that the ancients described in the manner they characterized. Why is that? It is because, through human development, we have—in a natural way—a different inner state of soul than the ancients did. We are not exposed to the spiritual powerlessness or spiritual numbness that had to be feared in ancient times. For centuries, as a civilized humanity, we have, through intellectual education, experienced a strengthening and fortification of our very sense of self-awareness. This sense of self-awareness cannot be dampened, paralyzed, or rendered powerless simply because we enter the world that, for the ancients, was the world beyond the threshold. That is impossible. The ancients would have put it something like this: If one were to convey to an unprepared person the knowledge that the Earth moves through space at great speed, that person would feel as if the ground were slipping from under their feet; mentally and spiritually, they would have the sensation of losing their footing, as if they were becoming dizzy in the existence of the world.

[ 27 ] Das ist heute nicht so. Aber es steht uns dafür etwas anderes bevor. Jene Welterkenntnis, die der Alte instinktiv hatte, die geht uns heute verloren, indem wir aus der äußeren Sinnenwelt erkennen, was den Alten nur nach langer Vorbereitung gegeben wurde. Wir stehen heute vor einer anderen Schwelle. Wir lernen gerade vom gewissenhaften Naturforscher, wie geredet werden muss von «Grenzen der Naturerkenntnis», von «Ignorabimus». Wir spüren diese Erkenntnisgrenze überall, wo diese Naturerkenntnis praktisch werden muss für den Menschen. Wir spüren sie in der modernen Heilkunde, wo so schwer eine Brücke zu schlagen ist von der Pathologie zur eigentlichen Heilkunde. Wir spüren sie, wenn wir anwenden wollen die Ergebnisse unserer Erkenntnis auf das soziale Leben. Wir spüren diese Grenzen, sie sind da.

[ 27 ] That is not the case today. But something else lies ahead for us. The understanding of the world that the ancients possessed instinctively is being lost to us today, as we perceive from the external sensory world what was granted to the ancients only after long preparation. We stand today at a different threshold. We are learning right now from the conscientious natural scientist how one must speak of the “limits of knowledge of nature,” of “Ignorabimus.” We sense these limits of knowledge wherever this understanding of nature must be put into practice for human beings. We sense them in modern medicine, where it is so difficult to bridge the gap between pathology and actual medical practice. We sense them when we want to apply the results of our knowledge to social life. We sense these limits; they are there.

[ 28 ] An eine neue Schwelle fühlen wir uns versetzt. Diese Schwelle zu überschreiten in einer dem modernen Menschen angemessenen Weise, das macht sich Geisteswissenschaft zur Aufgabe. Deshalb geht sie aus von der intellektuellen Bescheidenheit, um dasjenige, was gerade groß geworden ist im modernen Menschen, wiederum zu seinem Maß zurückzubringen, und die menschlichen Seelenkräfte aus dem vollen Menschen herauszuentwickeln. Da knüpft Geisteswissenschaft nun an an zwei im gewöhnlichen Leben ganz bekannte Seelenkräfte, nur entwickelt sie diese weiter. Sie knüpft zunächst an an dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben das Erinnerungsvermögen nennen. Dieses Erinnerungsvermögen, was gibt es uns denn im gewöhnlichen menschlichen Dasein? Es zaubert herauf aus dem Gedächtnis dasjenige, was wir seit unserer Geburt oder einige Jahre nachher erlebt haben, was wir durchgemacht haben. Das tritt in mehr oder weniger blassen Bildern durch die Erinnerung vor unsere Seele. Dauernd wird dasjenige, was in diesem Leben vorüberhuscht. Wir wissen ja, und die moderne Wissenschaft kennzeichnet es mit großer Schärfe, dass, wenn dieses Erinnerungsvermögen nicht intakt ist, eine schwere innere Seelenerkrankung vorliegt. Diese zusammenhängende, bis zur Kindheit zurückreichende Erinnerung muss im Menschen vorhanden sein.

[ 28 ] We feel as though we have been transported to a new threshold. Spiritual science has set itself the task of crossing this threshold in a way that is appropriate for modern human beings. That is why it begins with intellectual humility, in order to bring back to its proper measure that which has become so prominent in modern human beings, and to develop the human soul forces from within the whole human being. Here, spiritual science takes up two soul forces that are quite familiar in everyday life, but develops them further. First, it builds upon what we call “memory” in everyday life. What does this memory actually offer us in ordinary human existence? It conjures up from our memory what we have experienced since birth or in the years that followed—what we have gone through. This appears before our soul in more or less faint images through the power of memory. Constantly, what has passed in this life flashes by. We know, of course—and modern science identifies this with great clarity—that if this memory is not intact, a serious inner soul disorder is present. This coherent memory, extending back to childhood, must be present in the human being.

[ 29 ] An dieses Erinnerungsvermögen, diese Erinnerungskraft knüpfen die geisteswissenschaftlichen Methoden an. Sie machen dieses Erinnerungsvermögen zu etwas anderem, zu etwas Entwickelterem durch dasjenige, was ich in ausführlicher Weise gekennzeichnet habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft», in anderen meiner Schriften, durch dasjenige, was ich nenne Meditation oder Konzentration. Hier kann ich allerdings nur eine Richtungslinie angeben über dasjenige, was da eigentlich mit der Seele vorgehen muss, um zum unmittelbaren Erfassen des Übersinnlichen der Welt zu kommen. Der Mensch muss in hingebungsvoller Art ruhen, energisch und geduldig ruhen auf Vorstellungen, die ihm entweder angeraten werden oder die er sich selber zubereitet, indem er die Geisteswissenschaft kennenlernt. Er muss, während sonst die Vorstellungen vorüberhuschen, dauernd, wie die Erinnerung dauernd wird, aus innerer Willkür, aus völliger innerer Besonnenheit — die so groß sein muss wie dasjenige, was wir im mathematischen Denken an innerlicher Besonnenheit entwickeln —, auf überschaubaren Vorstellungen ruhen, ruhen und immer wieder ruhen. Dann wird er nach einiger Zeit eine ganz bestimmte Entdeckung machen. Er wird fühlen: Mit seinem gewöhnlichen Erinnerungsvermögen ist er abhängig von seinem Organismus. Wenn er aber das Erinnerungsvermögen weiter ausbildet zu einer ganz neuen Seelenkraft, dann wird er in eine geistig-seelische Tätigkeit versetzt, in Bezug auf welche er jetzt nicht mehr abhängig ist von seinem Organismus. Er lernt verstehen, was es heißt, Denken, Fühlen, Wollen oder ähnliche Tätigkeiten [zu] verrichten, ohne dass ihm der Leib die Unterlage dafür bietet. Er lernt außer seinem Leibe ein seelisches Leben entfalten.

[ 29 ] The methods of the spiritual sciences build upon this capacity for recollection, this power of memory. They transform this capacity for recollection into something else, into something more developed, through what I have described in detail in my book *How Does One Attain Knowledge of Higher Worlds?*, in my *Secret Science*, and in other writings of mine—through what I call meditation or concentration. Here, however, I can only provide a general outline of what must actually take place within the soul in order to attain a direct perception of the supersensible aspects of the world. The human being must rest in a devotional manner—resting energetically and patiently on ideas that are either suggested to them or that they prepare for themselves by becoming acquainted with spiritual science. While ideas otherwise flit by, they must—just as memory becomes sustained—rest continuously on comprehensible ideas, resting again and again, out of inner volition, out of complete inner composure—which must be as great as the inner composure we develop in mathematical thinking. Then, after some time, he will make a very specific discovery. He will feel: With his ordinary memory, he is dependent on his physical body. But if he further develops his memory into an entirely new soul power, he will be transported into a spiritual-soul activity in relation to which he is no longer dependent on his physical body. He learns to understand what it means to engage in thinking, feeling, willing, or similar activities without his body providing the foundation for them. He learns to unfold a soul life outside of his body.

[ 30 ] Ich möchte dieses seelische Leben, das der Mensch da als Geistesforscher kennenlernt, noch in einer anderen Weise charakterisieren. Wir finden das gewöhnliche Menschenleben so verlaufend, dass es wechselt zwischen Wachen und Schlafen. Der Mensch geht durch die Zustände des Einschlafens, des Schlafens und des Aufwachens hindurch. Mit dem Einschlafen wird das Bewusstsein herabgedämpft. Der Mensch wird sich dessen nicht bewusst, was er durchmacht zwischen Einschlafen und Aufwachen, weil es das nicht zeigt, was vom Willen aus den Organismus durchpulst. Das aber, was vom Willen aus den Organismus durchpulst, was die Sinne dem Menschen an Wahrnehmung bieten, das bringt der Geistesforscher dadurch zum Schweigen, dass er sich in selbstgemachte Vorstellungen vertieft. Auf den Inhalt der Vorstellungen kommt es nicht an, sondern auf die Vertiefung, dass er die Tätigkeit erstarken fühlt in sich, die aus den Tiefen der Seele herausquillt durch solches Ruhen auf Vorstellungen, solches dauernde Ruhen. Er lernt in einem Zustande sein, in dem man sonst nur im Schlafe ist. Während man aber im Schlafe ohne Bewusstsein ist, ist man da in vollbewusstem Zustand, in innerer Seelentätigkeit und Seelenregsamkeit. Nur, diese Seelentätigkeit und Seelenregsamkeit bezieht sich nicht, wie die Erinnerungsbilder des gewöhnlichen Lebens, auf Dinge, die wir durchgemacht haben in der äußeren Welt, und die jetzt nur heraufsteigen aus dem Gedächtnis, sondern diejenigen Bilder — ich nenne sie Imaginationen in den angeführten Werken —, sie lassen sich sofort erkennen als dasjenige, was abbildet eine Welt, die wir nicht zwischen der Geburt und dem jetzigen Zeitpunkte durchlebt haben, sondern eine Welt, die außer uns ist, so wie für die Sinne die Farben und Töne außer uns sind, die Wärmequalitäten außer uns sind. Wir lernen erfahren, dass die geistige Welt uns umgibt; eine geistige Welt mit wirklichen geistigen Wesenheiten; dass wir auch in der Zeit zwischen Einschlafen und Aufwachen in derselben sind. Aber jetzt lernen wir sie als eine reale Welt auch anschauen.

[ 30 ] I would like to characterize this inner life—which a person comes to know as a researcher of the spirit—in yet another way. We find that ordinary human life proceeds in such a way that it alternates between waking and sleeping. A person passes through the states of falling asleep, sleeping, and waking up. As one falls asleep, consciousness is subdued. A person is not aware of what they experience between falling asleep and waking up, because it does not reveal what pulses through the organism from the will. But what pulses through the organism from the will—what the senses offer a person in terms of perception—the spiritual researcher silences by immersing themselves in self-created mental images. It is not the content of the ideas that matters, but the immersion itself—the feeling that the activity welling up from the depths of the soul is strengthened through such resting in ideas, such sustained rest. He learns to be in a state in which one is otherwise found only in sleep. But whereas one is unconscious during sleep, here one is in a state of full consciousness, in inner soul activity and soul liveliness. However, this soul activity and soul liveliness does not relate—unlike the memories of ordinary life—to things we have experienced in the external world and that now merely rise up from memory; rather, these images—which I call “imaginations” in the works cited— can be immediately recognized as representing a world that we have not lived through between birth and the present moment, but a world that exists outside of us, just as colors and sounds exist outside of us for the senses, and as qualities of warmth exist outside of us. We come to realize that the spiritual world surrounds us—a spiritual world with real spiritual beings—and that we are also in it during the time between falling asleep and waking up. But now we are also learning to perceive it as a real world.

[ 31 ] Und indem wir dieses lernen, können wir den Blick erweitern über das Leben zwischen Geburt und Tod hinaus. Lernen wir erkennen auf elementarer Stufe, wie das Schlafleben nichts anderes ist als ein Trennen des GeistigSeelischen vom physischen Leibe — nicht räumlich, aber dynamisch, und wie, wenn der Mensch schläft, in ihm, wachsend vom Einschlafen bis zum Aufwachen, eine Begierde vorhanden ist, zurückzukehren zum Leibe —, lernen wir das beobachten durch solches inneres Schauen, wie es sich der entwickelten Erinnerungsfähigkeit ergibt, dann lernen wir die vom physischen Leibe unabhängige Seele kennen. Und wir lernen sie auch beobachten in den Zeiten, die unserer Geburt vorangegangen sind, in denen wir gelebt haben in einer geistig-seelischen Welt, aus der wir heruntergestiegen sind durch die Geburt, durch die Empfängnis in diese physisch-sinnliche Welt. Wir lernen unterscheiden zwischen dem, was in der Seele lebt als eine bloße Begierde, den im Bette liegenden Körper wieder zu durchdringen, und der ganz anders gearteten, stärkeren Kraft, die die Seele durchwellt in den Zeiten, in denen sie noch nicht empfangen oder geboren ist in einem physischen Leibe, die aber danach dennoch tendiert, in die physische Welt herunterzusteigen, um in ihr das Leben zwischen Geburt und Tod durchzumachen. Dann lernen wir erkennen als Entwicklung desjenigen Vorstellens, das wir gewonnen haben über den Moment des Einschlafens, dasjenige, was Erlebnis der Seele ist, wenn sie durch die Pforte des Todes tritt. Wir lernen erkennen, wie diese Seele, weil sie innerlich regsam ist, gerade durch die Begierde zu dem im Bette liegenden Körper getrieben wird; dadurch aber wird ihr Bewusstsein ausgelöscht. Im Tode löscht das Bewusstsein nicht aus, sondern es bleibt erhalten. Wir lernen also erkennen, dass das Auslöschen des Bewusstseins im gewöhnlichen Schlafe davon herrührt, dass das Band erhalten bleibt zwischen Seele und Leib. Lernen wir das durchschauen, so durchschauen wir auch das Geheimnis des Todes, wie wir auf die angedeutete Weise das Geheimnis der Geburt durchschauen lernen.

[ 31 ] And as we learn this, we can broaden our perspective beyond life between birth and death. Let us learn to recognize, at a fundamental level, how life in sleep is nothing other than a separation of the spiritual-soul aspect from the physical body—not spatially, but dynamically—and how, when a person sleeps, there is a longing within them, growing from the moment they fall asleep until they wake up, to return to the body—if we learn to observe this through such inner contemplation as arises from a developed capacity for recollection, then we come to know the soul independent of the physical body. And we also learn to observe it during the times preceding our birth, when we lived in a spiritual-soul world from which we descended through birth—through conception—into this physical-sensory world. We learn to distinguish between what lives in the soul as a mere longing to re-enter the body lying in bed, and the very different, stronger force that surges through the soul during the times when it has not yet been conceived or born into a physical body, but which nevertheless tends to descend into the physical world in order to undergo the life between birth and death within it. Then we learn to recognize—as a development of the insight we have gained regarding the moment of falling asleep—that which is the soul’s experience when it passes through the gate of death. We learn to recognize how this soul, because it is inwardly active, is driven precisely by the desire for the body lying in bed; but as a result, its consciousness is extinguished. In death, consciousness is not extinguished but is preserved. We thus come to recognize that the extinction of consciousness in ordinary sleep stems from the fact that the bond between soul and body remains intact. If we come to see through this, we also see through the mystery of death, just as we learn to see through the mystery of birth in the manner described.

[ 32 ] Und so lernen wir hinblicken auf dasjenige, was uns als Mensch als unser Ewiges zugrunde liegt, was durch Geburten und Tode geht. Wir lernen erkennen die innere Kraft der Menschenseele. Wir lernen dasjenige erkennen, was uns durch den Tod führt. Wir lernen erkennen, wie die Seele, indem sie durch den Tod geführt wird, zunächst kein Band hat zu einem physischen Leibe, dass sie aber dieses Band wiederum als eine Kraft empfängt, sodass sie zu einem neuen Leben heruntersteigt. Dasjenige, was wir in der Geisteswissenschaft «wiederholte Erdenleben» nennen, es ist nicht aufgewärmte orientalische Weisheit; es ist aus den Tatsachen des geistigen Lebens, die in der Gegenwart durchschaut werden können, hervorgezogen, es ist wissenschaftlich in derselben Weise aus ihnen hervorgeholt, wie anderes durch Wissenschaft erfahren wird. Und derjenige, der davon spricht, dass mit solchen Dingen nur alte Weistümer, wie etwa die gnostischen oder orientalischen, etwa indischen Weistümer aufgewärmt werden, der soll nur gleich sagen: Wenn wir heute Geomertrie treiben, wärmen wir nur den alten Euklid auf. Nein, es wird nicht bloß etwas Historisches hervorgeholt, sondern aus ursprünglichen Erkenntnissen ist das geholt, was über solche Dinge zu sagen ist.

[ 32 ] And so we learn to look toward that which, as human beings, lies at the foundation of our eternal being—that which passes through births and deaths. We learn to recognize the inner power of the human soul. We learn to recognize that which guides us through death. We learn to recognize how the soul, as it is guided through death, initially has no connection to a physical body, but then receives this connection once more as a force, so that it descends into a new life. What we call “repeated earthly lives” in spiritual science is not merely a rehash of Eastern wisdom; it is drawn from the facts of spiritual life that can be perceived in the present; it is scientifically derived from them in the same way that other knowledge is gained through science. And anyone who claims that such matters merely rehash old wisdom—such as Gnostic, Eastern, or Indian teachings—should just as well say: “When we study geometry today, we are merely rehashing the old Euclid.” No, it is not merely a matter of drawing on something historical; rather, what needs to be said about such matters is derived from original insights.

[ 33 ] Dann aber, wenn wir so uns selber kennenlernen, wenn wir so das Ewige der Erkenntnis erschließen, dann erschließt sich uns auch das Ewige, das Übersinnliche, das Geistige der äußeren Welt. Dann gewinnen wir ein anderes Verhältnis zur Naturforschung, als es uns sonst gegenüber der heutigen zivilisatorischen Geistesströmung möglich ist. Was gibt uns — und wenn sie ehrlich ist, kann sie uns nichts anderes geben —, was gibt uns die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung? Ihr darf das nicht zum Vorwurf gemacht werden, was ich jetzt charakterisieren werde — denn sie wird nichts anderes bieten können, wenn sie ehrlich und gewissenhaft vorgeht —, sie gibt uns ein Bild des äußeren, natürlichen notwendigen Geschehens. Sie kann nicht anders als zurückblicken in diejenigen Zeiten der Erdenentstehung, die sie erschließt aus den biologischen, aus den astronomischen Tatsachen oder aus anderen Tatsachen. Da steht am Ausgangspunkte der Entwicklung eine Nebelwelt oder dergleichen. Mag das heute auch als hypothetisch angesehen werden, die Naturwissenschaft kann zu nichts anderem kommen, als dass sich aus rein äußeren Naturgesetzen, die nur eine elementare Notwendigkeit in sich schließen, einmal der Mensch gebildet habe, dass aber der Schauplatz, auf dem sich der Mensch bildet, einstmals wie eine Schlacke in die Sonne fallen wird, dass ausgelöscht sein wird alles dasjenige, was der Mensch innerlich erlebt.

[ 33 ] But then, when we come to know ourselves in this way, when we thus gain access to the eternal aspect of knowledge, then the eternal, the supersensible, and the spiritual aspects of the external world also reveal themselves to us. Then we develop a different relationship to the natural sciences than is otherwise possible for us given today’s intellectual currents of civilization. What does the modern scientific worldview give us—and if it is honest, it can give us nothing else—what does it give us? It must not be held against it for what I am about to describe—for it cannot offer anything else if it proceeds honestly and conscientiously—it gives us a picture of external, natural, necessary events. It can do nothing other than look back to those times of the Earth’s formation, which it deduces from biological, astronomical, or other facts. There, at the starting point of development, stands a nebular world or something similar. Even if this is regarded as hypothetical today, natural science can come to no other conclusion than that human beings once arose from purely external laws of nature—which contain only an elemental necessity—but that the stage on which human beings are formed will one day fall into the sun like slag, and that everything which human beings experience inwardly will be extinguished.

[ 34 ] Und so lernen wir dann kennen neben dem, was uns ehrlicherweise die Naturanschauung nur bieten kann, wie aus unserm Innern aufsteigt die moralische Welt, die ethischen Ideale, das ganze geistige, religiöse Leben; wir fühlen es als Wertvollstes in uns, aber wir können es nicht anknüpfen an diese äußere Welt, weil wir nirgends finden einen Zusammenhang zwischen dem Moralischen in uns und dem Physisch-Natürlichen außer uns. Wir müssen sie, wenn wir auf dem Boden der heutigen Weltanschauung bleiben wollen, als zwei nebeneinander hergehende Welten betrachten. Aber dann macht die naturwissenschaftliche Weltanschauung ihre Überzeugungskraft so geltend, dass sie doch prädominiert, dass sie dennoch sagt: Die Ideale mögen schön sein, sie müssen das sein, der Mensch muss sie als wertvoll anerkennen, aber die Welt, in der wir leben, wird doch einstmals der große Kirchhof sein, auf dem die Ideale, die jetzt für uns das Wertvollste sind, begraben werden.

[ 34 ] And so, in addition to what a view of nature can honestly offer us, we come to understand how the moral world, ethical ideals, and the entire spiritual and religious life arise from within us; we feel it to be the most precious thing within us, but we cannot connect it to this external world, because we find nowhere a connection between the moral within us and the physical-natural outside of us. If we wish to remain within the framework of today’s worldview, we must regard them as two worlds existing side by side. But then the scientific worldview asserts its persuasive power to such an extent that it prevails after all, declaring: The ideals may be beautiful—indeed, they must be—and humanity must recognize them as valuable, but the world in which we live will one day be the great graveyard where the ideals that are now most precious to us will be buried.

[ 35 ] Durch Geisteswissenschaft, indem sie einmal hineinsieht in das Übersinnliche der Welt, indem sie wiederum Geistiges in jedem Stein, in Pflanze und Tier, in der Wolke und im Quell sieht, wie es den Alten sich enthüllt hat; dadurch, dass der Mensch selber in sich die Organe des Geistigen entwickelt hat, dass er sich selber als der geistigen Welt angehörend erkennen lernt, lernt er auch die äußere Geisteswelt in der ganzen Natur kennen. Dadurch aber kann er zurückschauen in ferne Erdenzeiten und kann sich sagen: Dasjenige, was materiell entstanden ist, in dem du heute drinnen lebst, ist aus Geistigem hervorgegangen, und dasjenige, was du heute erlebst als Materielles, es wird wiederum in der Zukunft in physische Schlacke verwandelt werden; die physische Schlacke wird abfallen, wie der Leib vom sterbenden Menschen abfällt. Aber wie die irdisch-sterbende Menschenseele in die geistige Welt eintritt, so wird dasjenige, was im Menschen, in der Menschheit lebt, in eine geistige Welt eintreten. Die materielle Welt erscheint als ein Mittelstück zwischen einer geistigen und einer anderen Entwicklung. Der Mensch aber gehört der Geistentwicklung der Urzeit und er gehört der Zukunft an.

[ 35 ] Through spiritual science—by looking into the supersensible realm of the world, and by seeing the spiritual in every stone, in plants and animals, in clouds and in springs, just as it revealed itself to the ancients; and because human beings have developed the faculties for the spiritual within themselves, and have come to recognize that they belong to the spiritual world, they also come to know the outer spiritual world in all of nature. Through this, however, he can look back into distant earthly times and say to himself: That which has arisen as matter, within which you live today, has emerged from the spiritual, and that which you experience today as matter will in turn be transformed into physical dross in the future; the physical dross will fall away, just as the body falls away from a dying human being. But just as the earthly, dying human soul enters the spiritual world, so too will that which lives within the human being and within humanity enter a spiritual world. The material world appears as a link between one spiritual development and another. Humanity, however, belongs to the spiritual development of primeval times and belongs to the future.

[ 36 ] Und wir können uns heute sagen, wenn wir so den Weltenzusammenhang aus der Geisteswissenschaft, aus der wirklichen Erkenntnis des Übersinnlichen erschauen: Nicht wahr ist es, dass dasjenige, was uns als materielle Welt umgibt, in der Weise eine Zukunft hat, wie die äußere Wissenschaft, wenn sie ehrlich ist, wohl anerkennen muss. Sondern wir müssen uns sagen: Dasjenige, was äußere Natur ist, es wird abfallen von dem, was innerlich ist, und was die menschlichen Seelen in sich tragen, es wird das Geistige, dem die Menschen angehören, verlassen, wie der Körper die Menschenseele verlässt. Aber dasjenige, was heute in uns lebt als sittliche Ideale, als religiöse Erlebnisse, das wird Zukunft haben. Das wird einstmals der Erde sich entringen, wie die einzelne menschliche Seele sich dem menschlichen Leibe zur Lebendigkeit und nicht zum Tode entringt.

[ 36 ] And today, when we view the interconnectedness of the worlds through spiritual science—through a true understanding of the supersensible—we can say to ourselves: It is not true that the material world around us has a future in the sense that external science, if it is honest, must acknowledge. Rather, we must say to ourselves: That which is external nature will fall away from that which is inner, and that which human souls carry within themselves will leave the spiritual realm to which human beings belong, just as the body leaves the human soul. But that which lives within us today as moral ideals and religious experiences will have a future. It will one day break free from the earth, just as the individual human soul breaks free from the human body—not toward death, but toward life.

[ 37 ] Wenn aber der Mensch fühlen lernt: Dasjenige, was moralisch in ihm ist, es ist wie der Pflanzenkeim; wenn die Pflanze, wenn Blüten und Blätter verwelken und verdorren, der Keim bleibt für das nächste Jahr von der vorjährigen Pflanze; wir tragen in uns als Keim eine ferne Zukunft, in der auch die Erde nicht mehr sein wird; wenn alles andere, durch das wir der Erde angehören, von uns abfällt; wir tragen unsere Ideale, unsere erfüllten Pflichten, wir tragen das soziale, das religiöse Leben in uns, das der Erde sich entringt mit der Menschheit. Bedenken wir, was das bedeutet für dasjenige, was der Mensch aufnimmt als die Impulse für sein soziales Handeln. Er steht mit einem solchen Bewusstsein nicht mehr da im sozialen Leben, wie ein Einsiedler auf der Erde, der eigentlich nur denken kann: Was mir angenehm ist als Pflicht zwischen Geburt und Tod, das erfülle ich, denn die Erde ist ja nur ein Körper im Weltenraum; sie vergeht. Und wenn sie materiell vergangen ist, was soll denn aus den Idealen werden? Bleibt er treu der Naturwissenschaft, gibt er nicht vor, aus anderen Quellen etwas zu wissen, was nicht mit Naturwissenschaft vereinigt zu werden braucht, so wird er notwendig haben, das, was Ideale sind, einzufügen der natürlichen Notwendigkeit. Dank Geisteswissenschaft aber wird sein Erdenbewusstsein angefügt an das kosmische Bewusstsein. Das ist die Art, über diese Dinge zu denken, die der moderne Mensch braucht.

[ 37 ] But when a person learns to feel: that which is moral within him is like a plant seed; when the plant’s flowers and leaves wither and die, the seed from the previous year’s plant remains for the next year; we carry within us, as a seed, a distant future in which even the Earth will no longer exist; when everything else that binds us to the Earth falls away from us; we carry our ideals, our fulfilled duties; we carry within us the social and religious life that breaks free from the Earth along with humanity. Let us consider what this means for what human beings take in as the impulses for their social action. With such an awareness, a person no longer stands in social life like a hermit on Earth who can really only think: “Whatever is pleasant to me as a duty between birth and death, I will fulfill, for the Earth is, after all, only a body in the cosmos; it will pass away.” And once it has passed away materially, what is to become of the ideals? If he remains faithful to the natural sciences, if he does not claim to know from other sources anything that need not be reconciled with the natural sciences, then he will necessarily have to integrate what constitutes ideals into natural necessity. Thanks to spiritual science, however, his earthly consciousness is linked to cosmic consciousness. This is the way of thinking about these things that modern man needs.

[ 38 ] Stellen wir uns vor das heutige soziale Leben. Wir stellen große soziale Forderungen als heutige Menschheit, allein wir haben wenig Soziales in unserer inneren Seelenverfassung. Soziale Instinkte, soziale Triebe haben wir nicht. Gerade weil wir sie nicht haben, fordern wir so viel äußerlich Soziales vom Leben. Aber alles dasjenige, was der Mensch heute als Egoismus fühlt gegenüber den sozialen Trieben, es ist ja im Grunde genommen nur eine Ausbildung des Einsiedlerbewusstseins auf der Erde, wie es der Anschauung, die rein naturwissenschaftlich ist, entspricht. Lernt man wiederum erkennen: Alles das, was du tust deinen Nächsten oder für deinen Nächsten, alles dasjenige, was du wirkst in dem Menschheitszusammenhang, das hat eine kosmische Bedeutung, eine Bedeutung weit über das hinaus, was es für den Tag ist. Verknüpft man so das Erdendasein wiederum mit dem universellen Dasein, weiß sich der Mensch wiederum drinnen im universellen Dasein, dann bekommen die sozialen Fragen andere Impulse, als sie heute haben.

[ 38 ] Let us imagine social life today. As humanity today, we make great social demands, yet we have little that is social in our inner state of mind. We lack social instincts and social drives. Precisely because we lack them, we demand so much outward sociality from life. But everything that people today perceive as selfishness in relation to social impulses is, in essence, merely a manifestation of the hermit consciousness on Earth, as understood from a purely scientific perspective. If, on the other hand, one learns to recognize that everything you do for your neighbor or on behalf of your neighbor—everything you accomplish within the context of humanity—has a cosmic significance, a significance far beyond what it appears to be in everyday life. If we thus reconnect earthly existence with universal existence—if human beings once again recognize themselves as part of universal existence—then social issues will take on a different dynamic than they do today.

[ 39 ] Daher ist es schon so, dass von drei Seiten her den Menschen etwas gegeben werden kann durch dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ausbilden will. Vorerst wird ihm gegeben eine neue Menschenerkenntnis, eine Einsicht in die übersinnlichen Gründe seines Daseins. Selbsterkenntnis wird ihm gegeben im wahren Sinne des Wortes. Er kann wiederum die Schwelle überschreiten. Die Grenzen der Naturerkenntnis, sie lassen sich überschreiten. Er kann wiederum hinüberkommen über sich; er kann wiederum eintreten in die Welt, der er mit seinem Geistig-Seelischen angehört.

[ 39 ] It is indeed true that what anthroposophically oriented spiritual science seeks to develop can offer people something from three different perspectives. First and foremost, it offers them a new understanding of humanity, an insight into the supersensible foundations of their existence. Self-knowledge is given to them in the true sense of the word. They can once again cross the threshold. The boundaries of knowledge of nature can be transcended. They can once again transcend themselves; they can once again enter the world to which they belong with their spiritual and soul aspects.

[ 40 ] Das ist das eine, dass der Mensch dadurch innerlichen Halt und Sicherheit gewinnt; dass er nicht ins Bodenlose versinkt, wenn er Welterkenntnis erwerben will, wenn er nicht auf Unbekanntes blicken will jenseits des Teppichs der Sinnenanschauung. Wenn der Mensch aber so sich erkennt in seinem ganzen kosmischen Zusammenhang, dann tritt er auch dem anderen Menschen entgegen mit jener Menschenachtung, die entstehen muss, wenn man wiederum weiß: Es steht dir gegenüber ein Geistig-Seelisches mit jedem Menschen. Unser ganzes staatlich-rechtliches Leben wird auf einen anderen Boden gestellt, wenn man weiß, dass es nur dadurch einen Sinn hat, dass es die äußere Umkleidung ist desjenigen, was auf die Erde verpflanzt ist aus dem Geistigen an menschlichen Seelen, die man auch erkenntnismäßig durchschaut.

[ 40 ] This is one aspect: that human beings thereby gain inner stability and security; that they do not sink into an abyss when they seek to gain knowledge of the world, when they do not wish to look beyond the realm of sensory perception into the unknown. But when a person recognizes themselves in this way within their entire cosmic context, they also approach other people with that respect for humanity that must arise when one realizes: There is a spiritual-soul aspect in every human being standing before you. Our entire political and legal life is placed on a different foundation when one knows that it has meaning only insofar as it is the outer garment of that which has been transplanted onto Earth from the spiritual realm into human souls—souls that one also perceives through knowledge.

[ 41 ] Und das Dritte ist, dass das menschliche Leben eine unmittelbar religiöse Nuance erhält, wirkliche Brüderlichkeit, weil der Mensch sich so verhält, wie wir das Wort auffassen können, das wunderbare Christus-Wort: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» So sagte diejenige Wesenheit, durch die die Erde erst ihren Sinn erhalten hat, ohne die sie keinen Sinn haben würde.

[ 41 ] And the third point is that human life takes on a directly religious dimension—true brotherhood—because human beings act in accordance with what we can understand as the wonderful words of Christ: “Heaven and earth will pass away, but my words will never pass away.” So said the Being through whom the Earth first received its meaning, without whom it would have no meaning.

[ 42 ] Aber wahr ist es, dass es so ist mit den menschlichen Idealen selber. Sie keimen, während das andere reif ist und rundherum abwelkt. Sie sind für die Zukunft. Alles das, was im Sozialen sich auslebt, ist im Grunde genommen dasjenige, was Keim ist zu Zukunftswelten; wie dasjenige, was uns heute als naturgemäße Welt, als materielle Welt umgibt, die materielle Ausgestaltung früherer moralischer Welten ist. Wenn wir das durchschauen, wird uns von drei Seiten neue Kraft zugeführt. Und von innen heraus muss sich umgestalten auch das soziale Leben.

[ 42 ] But it is true that this is how it is with human ideals themselves. They sprout while the rest is ripe and withering all around. They are for the future. Everything that plays out in the social realm is, at its core, the seed of future worlds; just as what surrounds us today as the natural world, the material world, is the material manifestation of earlier moral worlds. When we see through this, new strength flows to us from three directions. And social life, too, must be transformed from within.

[ 43 ] Ich habe 1913 und 1908 über anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in Holland gesprochen. Dazumal konnte ich nur hinweisen auf dasjenige, was, allerdings nicht in sektiererischer Weise oder mit dem Willen, eine neue Religion begründen zu wollen, von dieser Geisteswissenschaft angestrebt wird. Nein, das will Geisteswissenschaft nicht. Sie will Wissenschaft sein, und gerade durch ihre Wissenschaftlichkeit zu der wahren Religion, die das Mysterium von Golgatha in den Mittelpunkt der Erdenentwicklung stellt, in der rechten Weise hinführen. Ich konnte darauf hinweisen damals, wie in vielen Seelen so etwas entstanden ist wie eine Weltanschauung. Seither ist aber einiges dazugekommen. Wir konnten beginnen im Jahre 1913 in Dornach bei Basel mit dem Bau des Goetheanums, einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Dieser Bau hat allerdings mancherlei Schwierigkeiten geboten; namentlich die Zeiten der Weltkatastrophe haben auch schwere Zeiten über diesen Bau gebracht. Aber wir dürfen doch sagen: Wir konnten in diesem Herbst, trotzdem der Bau noch nicht fertig ist, und noch vieles zu seiner Fertigstellung gehört, eine Anzahl von Kursen abhalten. In diesen Kursen sollte gezeigt werden, wie in alle Wissenschaften hinein befruchtend wirken kann dasjenige, was ich Ihnen heute in den Grundzügen geschildert habe — über das Sie aber in den charakterisierten Büchern Genaueres finden können — als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Bei diesen Dornacher Herbstkursen haben gewirkt dreißig Persönlichkeiten etwa, Fachleute aus allen Wissenschaften, aus Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Jurisprudenz, Geschichte, Soziologie. Auch Künstler haben gewirkt, welche von der Geisteswissenschaft aus ihrer Kunst beleuchtet haben. Männer des praktischen Lebens, des industriellen, des kommerziellen Lebens haben mitgewirkt, um zu zeigen, wie man, wenn man im Sinne der Geisteswissenschaft denkt, nicht etwa ein unpraktischer Mensch wird, sondern wie man gerade ein praktischerer Mensch wird, als man es durch irgendeine andere Lebenspraxis der Gegenwart werden kann.

[ 43 ] In 1913 and 1908, I spoke in the Netherlands about anthroposophically oriented spiritual science. At that time, I could only point out what this spiritual science strives for—though not in a sectarian manner or with the intention of founding a new religion. No, that is not what spiritual science seeks. It seeks to be a science, and precisely through its scientific nature to lead people in the right way to the true religion that places the Mystery of Golgotha at the center of Earth’s evolution. I was able to point out at that time how something like a worldview had taken shape in many souls. Since then, however, a great deal has been added. In 1913, we were able to begin construction of the Goetheanum, a School of Spiritual Science, in Dornach near Basel. This construction project did, however, present various difficulties; in particular, the times of global catastrophe also brought difficult times upon this project. But we may still say: This fall, even though the building is not yet finished and much remains to be done to complete it, we were able to hold a number of courses. These courses were intended to demonstrate how what I have outlined for you today—and about which you can find more detailed information in the books I have mentioned—namely, anthroposophically oriented spiritual science, can have a fruitful influence on all the sciences. About thirty individuals contributed to these Dornach Fall Courses—experts from all fields of science, including mathematics, physics, chemistry, biology, law, history, and sociology. Artists also participated, shedding light on their art through the lens of spiritual science. Men from practical life—from industrial and commercial life—have contributed to show that thinking in the spirit of spiritual science does not make one an impractical person, but rather makes one a more practical person than one could become through any other contemporary way of life.

[ 44 ] Ferner habe ich im Frühling 1920 vor Ärzten und Medizinstudierenden, von denen Einzelne auch hier in Holland sind, in einem Kursus zeigen können, wie dasjenige, was Heilkunde in wahrem Sinne des Wortes genannt werden kann, wie die Medizin befruchtet werden kann von dieser Einsicht in das übersinnliche Leben. Denn dasjenige, was die äußeren Produkte des Lebens in den verschiedenen Reichen sind, wir lernen sie in ihrer inneren Natur erst kennen, wenn wir sie auch der übersinnlichen Seite nach betrachten können. Und diejenigen Menschen, die vielleicht dasjenige, was man zunächst in Weltanschauungsform über die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt, aufnehmen, sie sollten sich doch ein wenig erkundigen, wie gesprochen werden kann aus voller Sachkenntnis heraus zu den Fachleuten; wie gesprochen werden kann aus den einzelnen Fächern der Wissenschaft heraus ohne Dilettantismus und mit voller Beherrschung desjenigen, was moderne Wissenschaft ist, zur Erneuerung der Wissenschaft, gerade zur Hinausführung derjenigen Grenzen, die nicht empfunden werden theoretisch als Grenzen, sondern die empfunden werden als Grenzen, die als unbefriedigend, als ungenügend in der praktischen Wirkungsweise der Wissenschaft auf das Leben sich anzeigen.

[ 44 ] Furthermore, in the spring of 1920, in a course attended by doctors and medical students—some of whom are here in Holland as well—I was able to demonstrate how what can truly be called medicine in the fullest sense of the word can be enriched by this insight into the supersensible life. For we only come to know the inner nature of the outer products of life in the various kingdoms when we are also able to view them from the supersensible perspective. And those people who may initially take in what is presented in the form of a worldview regarding anthroposophically oriented spiritual science should indeed inquire a little as to how one can speak to experts with full expertise; how one can speak from within the individual scientific disciplines—without dilettantism and with a full mastery of what modern science is—in order to renew science, specifically to transcend those boundaries that are not perceived theoretically as limits, but rather as limits that manifest themselves as unsatisfactory and insufficient in the practical impact of science on life.

[ 45 ] So konnten wir im Herbst dann in solcher Weise für die einzelnen Wissenschaften und Zweige des praktischen Lebens und der Kunst zeigen, wie Geisteswissenschaft überall anregend wirken kann. Und diejenigen, die zahlreich versammelt waren — bei der Eröffnung dieser Kurse waren mehr als tausend Menschen anwesend —, sie konnten sehen, was dieses Goetheanum selbst als äußerer Bau darstellt. Wenn man sonst eine solche Hochschule errichtet hat, was hätte man dann getan? Man hätte, wenn man ein besonderes Gebäude gebraucht hätte, worin man dieses oder jenes geistige Leben treiben will, oder Wissenschaft treiben will, einen Architekten gerufen; man hätte sich einen griechischen, einen romanischen, einen gotischen oder einen Renaissance-Bau entwerfen lassen oder etwas anderes. Das war nicht möglich in Dornach bei unserer freien Hochschule, dem Goetheanum. Da musste durchaus aus denselben Seelenimpulsen heraus, aus denen dort gesprochen und geforscht werden soll, auch gebaut, gebildhauert, gemalt werden. Und so sieht man in einem allerdings ersten Versuche — der erste Anhub kann nichts anderes sein — in einem neuen Baustil dieses Goetheanum aufgeführt. Denn dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, es ist nicht einseitige Kopfkultur, es ist etwas, was eingreift in alle Zweige des praktischen Lebens. Es ist etwas, was, ohne lehrhaft oder didaktisch oder symbolisch oder strohern allegorisch zu werden, befruchten wird auch künstlerisches Schaffen. Was vom Podium aus verkündet wird als Geisteswissenschaft, was da in Ideen, in Gedanken, in wissenschaftlichen Resultaten mitgeteilt wird, es kommt aus demselben Quell des Seelenlebens heraus, aus dem die Säulen gebaut sind, aus dem die Decke gemalt ist, aus dem die Figuren, die bildhauerisch verfertigt sind, entstanden sind. Man spricht das eine Mal von dem lebendigen Geistesleben durch Worte, das andere Mal durch die Formen der Baukunst oder der Bildhauerkunst oder durch die Malerei und so weiter. Geisteswissenschaft ist etwas, was aus dem vollen Menschen herauskommt, dadurch aber auch in alle Zweige des menschlichen Lebens eingreifen kann.

[ 45 ] In this way, we were able to demonstrate that fall how spiritual science can have a stimulating effect everywhere—across the individual sciences and various fields of practical life and the arts. And those who had gathered in such large numbers—more than a thousand people were present at the opening of these courses—were able to see what the Goetheanum itself represents as an external structure. If one were to build such a university elsewhere, what would one have done? If one had needed a special building in which to pursue this or that spiritual activity, or to engage in scholarship, one would have called upon an architect; one would have had a Greek, Romanesque, Gothic, or Renaissance building designed—or something else. That was not possible in Dornach for our free university, the Goetheanum. There, the building, sculpting, and painting had to spring entirely from the same spiritual impulses from which the lectures and research are to be conducted there. And so one sees this Goetheanum realized in a new architectural style—admittedly a first attempt, for the initial phase can be nothing else. For what spiritual science is, is not a one-sided intellectual culture; it is something that permeates all branches of practical life. It is something that, without becoming didactic, symbolic, or overly allegorical, will also enrich artistic creation. What is proclaimed from the podium as spiritual science—what is communicated there in ideas, thoughts, and scientific findings—springs from the same source of soul life from which the columns are built, from which the ceiling is painted, and from which the sculpted figures have arisen. Sometimes we speak of the living spiritual life through words; at other times, through the forms of architecture, sculpture, or painting, and so on. Spiritual science is something that springs from the whole human being and, as a result, can also permeate all branches of human life.

[ 46 ] Es haben sich sehr viele opferwillige Menschen gefunden, welche uns bisher so weit unterstützt haben, dass wir diesen Bau zu dem Punkte führen konnten, zu dem er bisher geführt worden ist. Allein mit Wehmut möchte man bekennen, dass noch vieles notwendig ist und eine große Anzahl ebenso die Sache verstehender Menschen sich finden müssen, wenn dieser Bau vollendet werden soll, die uns in der nötigen Weise unterstützen in Bezug auf die äußere Vollendung dieses Baues, wie sie sich schon gefunden haben. Aber man möchte ja, dass dasjenige, was gemeint ist mit diesem Bau, eindringlich zu den Seelen der Menschen spricht.

[ 46 ] A great many selfless people have come forward who have supported us to such an extent that we have been able to bring this construction project to the point where it stands today. Yet it is with a sense of melancholy that we must acknowledge that much remains to be done, and that a large number of people who equally understand the cause must come forward if this building is to be completed—people who will support us in the necessary ways regarding the physical completion of this building, just as others have already done. But our hope is that the very purpose of this building will speak powerfully to the souls of people.

[ 47 ] Und wir sind nicht stehen geblieben bei demjenigen, was bloß der Dornacher Bau ist, sondern wir sind auch zu praktischen Einrichtungen geschritten vor allen Dingen auf dem Gebiete des Erziehungswesens. Und da darf ich heute nur kurz hinweisen — ich werde noch am 24. des Monats zu besprechen haben, was praktische Einrichtungen sind, die folgten aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft für das praktischen Leben selber —, da darf ich nur kurz erwähnen, dass in Stuttgart als Schöpfung Emil Molts die Waldorfschule begründet worden ist, die von mir geleitet wird nach den pädagogisch-didaktischen Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft fließen können. Diese Waldorfschule, trotzdem sie erst kurz besteht, sie hat gerade in erzieherischer Weise und im Unterricht Erfolge zu verzeichnen, von denen ich auch am 24. des Monats sprechen werde. Dann sind wir dazu geschritten, dasjenige zu bilden, was rein praktische Einrichtungen, ökonomische Einrichtungen sind aus dem Geiste der Geisteswissenschaft heraus. Denn überall soll gezeigt werden, dass diese Geisteswissenschaft nicht meint ein weltfremdes, weltenfernes Geistesleben, zu dem man aufsteigen kann, wenn einem das irdische Leben zu schlecht dünkt. Sondern Geisteswissenschaft ist so gemeint, dass man mit dem Geiste gerade sich durchdringt, um ihn in alles Materielle, auch in das ökonomisch Materielle, hineinzutragen, sodass alles durchgeistigt und damit wahrhaft praktisch wird. Über das werde ich ja noch am 24. des Monats auch manches zu sagen haben. Da werde ich sprechen über Erziehungs- und Unterrichtsfragen und über das praktische Leben vom Standpunkte anthroposophischer Geisteswissenschaft aus.

[ 47 ] And we have not stopped at what is merely the Dornach building; rather, we have also moved on to practical institutions, above all in the field of education. And I would like to mention this only briefly today—I will have more to say on the 24th of this month about the practical institutions that have emerged from anthroposophically oriented spiritual science for practical life itself— but I would like to briefly mention that the Waldorf School was founded in Stuttgart as the brainchild of Emil Molt, and that I direct it according to the pedagogical and didactic impulses that can flow from spiritual science. Although this Waldorf School has only been in existence for a short time, it has already achieved successes in education and teaching, which I will also discuss on the 24th of this month. We have then proceeded to establish what are purely practical institutions—economic institutions—based on the spirit of spiritual science. For it must be shown everywhere that this spiritual science does not refer to an otherworldly, detached spiritual life to which one can ascend when earthly life seems too harsh. Rather, spiritual science is meant to be a way of allowing the spirit to permeate us, so that we can carry it into everything material—including the economic realm—so that everything becomes imbued with spirit and thus truly practical. I will, of course, have more to say about this on the 24th of the month. On that occasion, I will speak about questions of education and teaching, as well as about practical life, from the standpoint of anthroposophical spiritual science.

[ 48 ] Heute wollte ich nur auseinandersetzen, was die Richtung, der eigentliche Geist und Sinn dieser Geisteswissenschaft sind, und wie dann dieser Geist und Sinn der Geisteswissenschaft entgegenkommt gerade den suchenden Seelen der Gegenwart, Und so sehr man auch dieses Seelensuchen als Phantasterei, als Narretei verschrien hat, die Menschheit wird gerade erfahren müssen, aus den katastrophalen Ereignissen der Gegenwart, aus alledem, was heute so deutlich seine Niedergangs- und Ermüdungsstimmung ausspricht, aus alledem, was in der modernen Zivilisation sich ankündigt als das, was die moderne Zivilisation in Dekadenz führt, aus alledem wird die Menschheit lernen müssen, dass die suchenden Seelen auf dem rechten Wege sind — und von diesen suchenden Seelen diejenigen, welche das, was dort im Innern als das tiefste, bedeutsamste erlebt werden muss, auch im ganzen übrigen universellen Weltenall suchen; welche suchen im Geiste den Geist. Denn — meine sehr verehrten Anwesenden —, man mag den Geist verleugnen, auch aus der Verleugnung muss zuletzt durch Reaktion dasjenige hervorgehen, was dann die Überzeugung hervorruft: Die Menschheit kann auf die Dauer ohne Geist nicht sein, denn die innersten Tiefen der Seele, sie brauchen den Geist! Und dasjenige, was so die Seelen brauchen, das möchte, allerdings heute noch mit schwachen Kräften, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft suchen.

[ 48 ] Today I simply wanted to explore what the direction, the true spirit, and the meaning of this spiritual science are, and how this spirit and meaning of spiritual science then meet the needs of the seeking souls of the present, And no matter how much this soul-searching has been denounced as fantasy or folly, humanity will have to learn—from the catastrophic events of the present, from everything that so clearly expresses today’s mood of decline and weariness, from everything in modern civilization that heralds its descent into decadence— from all of this, humanity will have to learn that the seeking souls are on the right path—and among these seeking souls, those who seek throughout the entire rest of the universal cosmos what must be experienced within as the deepest and most significant; those who seek the Spirit in the Spirit. For—my esteemed audience— one may deny the Spirit, yet even from this denial, a reaction must ultimately bring forth that which then gives rise to the conviction: Humanity cannot exist in the long run without the Spirit, for the innermost depths of the soul need the Spirit! And what the souls thus need is what anthroposophically oriented spiritual science seeks—albeit, for now, with still limited strength.

[ 49 ] Fragenbeantwortung

[ 49 ] Q&A

[ 50 ] Frage: Ist es wirklich hemmend, nach alter Weisheit zu suchen im Sinne der früheren Zeiten, weil wir innerhalb der gegenwärtigen Zivilisation andere Menschen geworden sind?

[ 50 ] Question: Is it really a hindrance to seek out ancient wisdom in the sense of earlier times, because we have become different people within our current civilization?

[ 51 ] Rudolf Steiner: Das ist durchaus so, meine sehr verehrten Anwesenden. Es ist ja heute vielfach die Sehnsucht nach Erneuerung alter Weisheit vorhanden. Wenn man mit so etwas vor die Menschheit hintritt, wie es die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, die aus den unmittelbaren Quellen des heutigen Seelenlebens selbst herausschöpft, und dadurch, rein äußerlich betrachtet, zu manchem kommt, was ähnlich ist dem, was auch den Alten bekannt war, so ist es so, dass dann die Leute kommen und sagen: Warum denn das Alte nicht? Dass sich viele Menschen nichts anderes denken können, das widerspricht durchaus dem Sinn der Menschheitsentwicklung.

[ 51 ] Rudolf Steiner: That is certainly the case, my esteemed audience. Today, there is indeed a widespread longing for the renewal of ancient wisdom. When one presents something to humanity such as anthroposophically oriented spiritual science—which draws directly from the very sources of today’s spiritual life and, viewed purely from the outside, arrives at certain insights similar to those known to the ancients—people then come and say: Why not the old ways? The fact that many people cannot conceive of anything else is entirely contrary to the purpose of human development.

[ 52 ] Betrachten wir die Sache einmal von einem Gesichtspunkte aus, der einem vieles erläutern kann: Nehmen wir an, irgendjemand wollte unbeschadet dasjenige, was ich eben jetzt gesagt habe, einfach dadurch Befriedigung für seine Seele suchen, dass er, sagen wir, alt-indische Weisheit in der modernen Yoga-Philosophie oder den Inhalt der Vedanta-Philosophie anwendet, was würde sich dieser Seele ergeben? Etwas würde sich ergeben, was einfach mit dem, was heute diese Seele geworden ist, in Wirklichkeit doch nicht vereinbar ist, was nicht ganz erlebt werden kann von dieser Seele des heutigen Menschen. Es ist dann so, dass der Mensch glaubt, er habe etwas mit dieser alten, aufgewärmten Weisheit, aber er bekommt nicht wirklichen Seeleninhalt, sondern er bekommt einen Seeleninhalt, den er nicht durchdringen kann, an dem er sich eigentlich nur berauscht. Solches Berauschen finden wir bei den Menschen, die sich in Gesellschaften zur Erneuerung alter Weisheit vereinigen. Es tritt dann eine gewisse innere Unwahrhaftigkeit in der Seele auf. Man glaubt, etwas zu haben, aber man kann es doch nicht haben. Und diese innere Unwahrhaftigkeit, das ist etwas, was, auch wenn es gar nicht gewollt wird, wenn es selbst in der redlichsten, bewusst redlichsten Weise von der Seele angestrebt wird, doch zerstörerisch auf das Seelenleben des Menschen wirkt. Es höhlt eher aus, als dass es mit einem wirklich befriedigenden Inhalte erfüllt.

[ 52 ] Let’s look at this from a perspective that can shed light on many things: Suppose someone, without prejudice to what I have just said, simply sought satisfaction for their soul by, say, applying ancient Indian wisdom found in modern yoga philosophy or the teachings of Vedanta—what would result for that soul? The result would be something that is, in reality, simply incompatible with what this soul has become today—something that cannot be fully experienced by the soul of modern humanity. What happens then is that the person believes they have gained something from this old, rehashed wisdom, but they do not receive true spiritual substance; rather, they receive a spiritual substance they cannot penetrate, one that they are actually merely intoxicated by. We find this kind of intoxication among people who come together in societies dedicated to reviving ancient wisdom. A certain inner insincerity then arises in the soul. One believes one has something, but one cannot truly have it. And this inner insincerity—even when it is not at all intended, even when the soul strives for it in the most sincere, consciously sincere way—still has a destructive effect on a person’s inner life. It hollows one out rather than filling one with truly satisfying content.

[ 53 ] Man kann auch sagen: Die Menschen haben es heute, auch wenn sie nicht teilnehmen an einem wissenschaftlichen Leben, schon durch dasjenige, was in der Schule aufgenommen wird, zu einer bestimmten Art des Selbstbewusstseins gebracht. Dieses Selbstbewusstsein, das wird herabgedämpft, herabgestimmt, wenn man eine alte Weltanschauung, trotz ihrer Schönheit, in sich aufnimmt. Man dämpft das Bewusstsein herab und kommt nicht zu einem wirklichen Begreifen, sondern zu einem Phantasieren, wenn es auch manchmal einem Träumen eher ähnlich sieht. Es ist nicht Realität in einer solchen Seele, die so etwas Altes aufnimmt. Das sind Dinge, die nur aus der Erfahrung gesprochen werden können. Theoretisch kann man natürlich glauben, das, was in alten Zeiten für den Menschen das Rechte war, müsse es auch heute noch sein. Aber ich muss sagen, man findet selten über diesen Punkt das richtige Verständnis.

[ 53 ] One could also say: Even if people today do not participate in academic life, they have already been led to a certain kind of self-awareness simply through what they learn in school. This self-awareness is dampened and subdued when one takes in an ancient worldview, despite its beauty. One dampens one’s consciousness and does not arrive at true understanding, but rather at fantasizing—even if it sometimes resembles dreaming. There is no reality in a soul that absorbs something so old. These are things that can only be spoken of from experience. Theoretically, of course, one might believe that what was right for people in ancient times must still be right today. But I must say, one rarely finds the right understanding of this point.

[ 54 ] Ich war einmal hoch erfreut, als mich in Berlin ein amerikanischer Geistlicher, der sich viel mit Geisteswissenschaft beschäftigt hat, besuchte. Er ist leider schon gestorben, trotzdem er noch ein junger Mann war, und so aus seinem Wirken in Amerika herausgerissen worden. Er sprach mich gleich mit folgenden Worten an. Er sagte: «Sie reden heute von dem, was Sie als anthroposophische Geisteswissenschaft vertreten, was in Ihren Büchern steht, zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft,, in den <«Kernpunkten der sozialen Frage> oder sonst in sozialer Anschauung, von dem, was als Impulse kommen soll in die Welt. Glauben Sie, dass dasjenige, was Sie jetzt geben, seinem Inhalte nach, so wie Sie es jetzt geben, dauernd bleiben muss?» Ich sagte, in dem ich sehr gut bemerkte, dass er gerade auf dem richtigen Wege war: «Das glaube ich nicht. Ich bin durchdrungen von der Anerkenntnis der Menschheitsentwicklung, dass der Geist zwar lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass aber das, was wir an Begriffen in unserem ganzen, vollen Menschentum ausprägen über den Geist, sei es in Religion, Wissenschaft oder Kunst, in voller Entwicklung ist.» Und so glaube ich, dass das, was ich als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vortrage, das Richtige für die Gegenwart ist, dass es aber gerade deshalb das ist, weil es sich nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit — die Zeiten gehen ja immer rascher — ganz verändert haben wird, ganz andere Metamorphosen annehmen wird. Gerade aus dieser Frage sah ich, dass ich von diesem Amerikaner recht gut verstanden wurde. Diese Empfindung muss man haben gegenüber dem, das liegt in der Menschheitsentwicklung. Frage: Aus welchen Gründen nehmen Sie an, dass in früheren Schulen nicht mehr gelehrt wurde, als heute bekannt geworden ist?

[ 54 ] I was once delighted when an American clergyman, who had studied spiritual science extensively, visited me in Berlin. Unfortunately, he has since passed away, even though he was still a young man, and was thus torn away from his work in America. He addressed me right away with the following words. He said: “ “Today you speak of what you advocate as anthroposophical spiritual science—what is written in your books, for example, in *The Secret Science*, in *The Key Points of the Social Question*, or elsewhere in your social philosophy—and of the impulses that are to come into the world. Do you believe that what you are now presenting, in terms of its content and the way you are presenting it, must remain permanent?” I replied—noting very clearly that he was on exactly the right track—“I do not believe so. I am deeply imbued with the recognition, based on the development of humanity, that while the spirit indeed lives from eternity to eternity, the concepts we formulate about the spirit in our full, complete humanity—whether in religion, science, or art—are in the process of full development.” And so I believe that what I present as anthroposophically oriented spiritual science is the right thing for the present, but that it is so precisely because, after a relatively short time—for times are moving ever faster—it will have changed completely and will undergo entirely different metamorphoses. It was precisely from this question that I saw that this American understood me quite well. One must have this feeling toward it; that is part of human development. Question: For what reasons do you assume that earlier schools did not teach more than what has become known today?

[ 55 ] Rudolf Steiner: Das habe ich nicht gesagt. Es wurde in früheren Schulen sehr viel anderes gelehrt, als was jetzt bekannt geworden ist. Denn ich glaube, dass in den weitesten Kreisen sogar unbekannt ist dasjenige, was ich heute gesagt habe über den Unterricht in den alten Schulen. Was heute bekannt ist — in der Hauptsache im Duktus —, in der heutigen Richtung der Weltanschauungsfragen, das ist heute allgemeine Bildung. Das ist das Bedeutsame. Ich habe in einem Beispiel angeführt die heliozentrische Weltanschauung, man könnte sehr viele solcher Beispiele anführen. Geht man zurück in alte Kulturen, dann findet man überall — allerdings muss man erst die Sprachen der alten Kulturen verstehen und hinauskommen über das Vorurteil, als ob der primitive Mensch sich irgendwelche Weltanschauung zusammendichte und nicht seine Erfahrungen sprechen ließe —, man findet überall einen Inhalt der alten Weltanschauungen, vor dem man Achtung bekommt, immer mehr und mehr Achtung bekommt. Gerade indem man alte chaldäische Weltanschauungsideen kennenlernt und sonstige Blüten alter Seelenverfassungen, der indischen, der ägyptischen, der griechischen Weltanschauung in ihrer wahren Gestalt, in ihren tieferen, vollmenschlichen Impulsen, bekommt man eine große Achtung vor dem Alten. Aber man lernt dann auch kennen jene Seelenerfahrungen, wenn man Geistesforscher ist. Es ist ja wirklich nicht so, dass man die Dinge aus der Phantasie heraus produziert. Ich muss sagen: Ich habe begonnen mit manchem, was ich heute vortrage in Bezug auf die Forschungen, vor dreißig, fündunddreißig Jahren, und erst seit wenigen Jahren wage ich, diese Dinge auszusprechen, weil ich mittlerweile daran gearbeitet habe. Alles das, was ich über den dreigliedrigen Menschen in meinen Buche «Von Seelenrätsel» gesagt habe, geht auf eine dreißig- bis fündunddreißigjährige Forschung zurück. Da kommt man dann auf manche Dinge, die allerdings dann in der modernen Art erforscht sind, mit denen man zusammenhängt in Gemäßheit des modernen Seelenlebens, die aber in gewisser Weise aus dumpfen Instinkten eines für uns nicht mehr brauchbaren Seelenlebens in alten Weistümern vorhanden waren. Dann geht einem ein großartiger Respekt vor dem auf, was die Alten auf ganz andere Weise errungen haben, was wir heute wiederfinden, was wir aber heute auf eine ganz andere Weise suchen müssen.

[ 55 ] Rudolf Steiner: I did not say that. In earlier schools, things very different from what has now become known were taught. For I believe that what I have said today about teaching in the old schools is unknown even in the widest circles. What is known today—primarily in terms of style—in the current direction of questions of worldview, that is what constitutes general education today. That is what is significant. I cited the heliocentric worldview as an example; one could cite many such examples. If one goes back to ancient cultures, one finds everywhere—though one must first understand the languages of those ancient cultures and move beyond the prejudice that primitive humans simply made up some worldview rather than letting their experiences speak for themselves—one finds everywhere a substance to these ancient worldviews that commands respect, more and more respect. It is precisely by becoming acquainted with ancient Chaldean worldview ideas and other expressions of ancient spiritual dispositions—the Indian, Egyptian, and Greek worldviews in their true form, in their deeper, fully human impulses—that one develops a great respect for the ancient. But as a spiritual researcher, one also comes to know those soul experiences. It is certainly not the case that one produces these things out of one’s imagination. I must say: I began working on much of what I am presenting today regarding this research thirty or thirty-five years ago, and only in the last few years have I dared to speak these things aloud, because I have been working on them ever since. Everything I have said about the threefold human being in my book *The Riddles of the Soul* is the result of thirty to thirty-five years of research. In the course of this, one comes across certain things that have, admittedly, been explored in a modern way—things that are connected to the modern life of the soul—but which, in a certain sense, were present in ancient wisdom as dim instincts of a life of the soul that is no longer useful to us. This gives rise to a profound respect for what the ancients achieved in a completely different way—things we rediscover today, but which we must now seek in an entirely different manner.

[ 56 ] Und ich möchte sagen: Dasjenige, was den Alten aus Instinkt aufgegangen ist, das ist unserem Instinkt verloren gegangen. Dasjenige aber, was sie sich errungen haben jenseits der Schwelle, das ist Ergebnis unserer gewöhnlichen Erziehung. Wir müssen aus einem entwickelten Bewusstsein heraus wiederum das entwickeln, was die Alten aus ihrem Instinktleben heraus als Welterkenntnis gehabt haben. Das sind tiefe Zusammenhänge. Die äußere Geschichte spricht eigentlich auf jedem Blatt davon, wenn man die äußere Geschichte zu lesen versteht und sich nicht begnügt mit irgendwelchen bloß übernommenen Wortbedeutungen.

[ 56 ] And I would like to say: What the ancients grasped through instinct has been lost to our instinct. But what they attained beyond the threshold is the result of our ordinary education. We must, from a developed consciousness, once again develop what the ancients possessed as knowledge of the world through their instinctual life. These are profound connections. External history actually speaks of this on every page, if one knows how to read external history and is not content with merely accepted definitions of words.

[ 57 ] Zum Beispiel dasjenige, was indische Weisheit ist, man kann es so übersetzen, wie Deussen es übersetzt hat. Dann bekommen aber diejenigen, die solche Übersetzungen erhalten, keine Vorstellung von dieser indischen Weisheit. Man kann sich aber auch mit dem Geiste durchdringen, dann lernt man erkennen, dass in den alten indischen Weisheitsschulen auf Grundlage der YogaPhilosophie Dinge gefunden wurden, die wir auf anderer Weise suchen müssen, und auf diese Weise kommt es an. Wir lernen erkennen, wie sich die Leute sagten: Wenn wir von unserem gewöhnlichen Bewusstsein ausgehen, hängen wir mit der Welt nicht sehr zusammen. Wenn wir aber ausgehen von den Dingen, die uns mehr geben als die Sinneswahrnehmungen, wenn wir uns vertiefen in den Atmungsprozess, dann geht uns, indem wir innerlich organisch das Atmen verfolgen, der Sinn der Welt in ganz anderer Weise auf. Das wurde dann verzeichnet, was als Sinn der Welt auf diese Weise aufging. Wir können nicht mehr diese Yoga-Schulen erneuern, und tun wir es, so verkümmern wir den Organismus. Denn das, was den Leuten aufgegangen ist, das ist in den Hauptzügen heute allgemeine Menschenbildung. Wir müssen etwas anderes tun. Wir müssen dasjenige, was wir uns vollkommener angeeignet haben als die Alten, die intellektuelle Kultur, vertiefen, sodass wir den Intellekt hineinpflanzen in das Gefühls- und Willens-Impulsleben; so gelangen wir tiefer in die menschliche Natur und in die Natur überhaupt. Wir kommen auf diese Weise zum Geistigen. Wir müssen einen anderen, einen seelisch-geistigen Weg gehen. Und indem man weiß, was eigentlich der Weg indischer Weltanschauung war, lernt man erst dasjenige verstehen, was in den Schriften mitgeteilt ist. Dann kann man immer, wenn man eine übersinnliche Wahrheit später auf andere Weise entdeckt, sie in ihrer früheren Gestalt verstehen, wenn auch das Umgekehrte nicht der Fall ist. Aus solchen Erkenntnissen ergibt sich das, was ich gesagt habe über die Beziehungen desjenigen, was heute allgemeine Menschheitsbildung ist, zu demjenigen, in das die alten Schüler eingeweiht wurden, initiiert worden sind.

[ 57 ] For example, what Indian wisdom is—it can be translated the way Deussen translated it. But then those who receive such translations get no sense of this Indian wisdom. But one can also immerse oneself in the spirit; then one learns to recognize that in the ancient Indian schools of wisdom, based on the philosophy of yoga, things were discovered that we must seek in a different way—and that is what matters. We come to realize, as people used to say: When we proceed from our ordinary consciousness, we are not very closely connected to the world. But when we proceed from the things that give us more than sensory perceptions—when we immerse ourselves in the process of breathing—then, by following the breath organically within ourselves, the meaning of the world reveals itself to us in a completely different way. What then emerged as the meaning of the world in this way was recorded. We can no longer revive these schools of yoga, and if we do, we will stunt the organism. For what dawned on those people is, in its main features, general human education today. We must do something else. We must deepen that which we have mastered more fully than the ancients—intellectual culture—so that we can implant the intellect into the life of feeling and volitional impulses; in this way we penetrate more deeply into human nature and into nature itself. In this way we arrive at the spiritual. We must follow a different path—a soul-spiritual path. And by knowing what the path of the Indian worldview actually was, we can begin to understand what is communicated in the scriptures. Then, whenever we later discover a supersensible truth in a different way, we can understand it in its earlier form—even if the reverse is not the case. From such insights arises what I have said about the relationship between what is today considered general human education and that into which the ancient disciples were initiated.

[ 58 ] Es ist durchaus nicht möglich, in einem Vortrag, der ja schon zu lange gedauert hat, mehr zu geben als die Richtlinien. In der Literatur werden Sie aber finden, dass jede Behauptung, die in einem solchen Vortrage getan wird, auf ihre Beweisgründe hin immer wiederum umgewendet worden ist, und dass es schon so ist, dass die meisten Einwände, die gemacht werden, sich der Geistesforscher in der mannigfaltigsten Weise schon selbst gemacht hat.

[ 58 ] It is by no means possible, in a lecture that has already gone on too long, to provide more than the general guidelines. In the literature, however, you will find that every assertion made in such a lecture has always been examined in turn for its supporting evidence, and that it is indeed the case that the researcher of the spiritual realm has already raised most of the objections that are made in the most varied ways.

[ 59 ] Das ist dasjenige, was ich sagen wollte über die Berechtigung eines solchen Urteils, wie ich es abgegeben habe. Es ist aus den apologetischen Überlieferungen durchaus möglich zu sagen, dass es so ist, wie ich es an dem einen Beispiel des Aristarch von Samos und der heliozentrischen Weltanschauung auseinandergelegt habe.

[ 59 ] That is precisely what I wanted to say about the validity of a judgment such as the one I have rendered. Based on the apologetic traditions, it is entirely possible to say that things are as I have explained using the example of Aristarchus of Samos and the heliocentric worldview.