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An Impetus for Renewal in Culture and Science
Berlin University Course
GA 81

9 March 1922, Berlin

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5. Anthroposophie und Sozialwissenschaft

5. Anthroposophy and the Social Sciences

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Noch mehr als bei den übrigen einleitenden Worten, die ich zu diesen Tagesunternehmungen vorauszusprechen habe, wird es heute der Fall sein, daß ich mich auf Andeutungen zu beschränken habe, da ja das Wesentliche, was zu sagen ist, in den folgenden Vorträgen über Einzelheiten des Wirtschaftslebens gerade für das heute in Betracht kommende Gebiet wird liegen müssen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Even more so than in the other introductory remarks I have to make regarding today’s program, I will have to limit myself to general remarks today, since the essential points to be made will necessarily be covered in the following presentations on the specifics of economic life, particularly as they relate to the area under consideration today.

[ 2 ] Man kann heute wohl nicht über Sozialwissenschaft sprechen, wenn man nur von einem theoretischen Standpunkte ausgeht. Man kann heute — und ich meine damit die unmittelbare Gegenwart, den gegenwärtigen Augenblick — über solche Fragen nur sprechen, wenn man im Hintergrunde hat die trostlose Lage des Wirtschaftslebens in der gegenwärtigen zivilisierten Welt. In diese trostlose Lage fiel in einer gewissen Weise auch noch dasjenige hinein, was ich nach der vorläufigen Beendigung der furchtbaren Weltkriegskatastrophe darzustellen versuchte in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».

[ 2 ] It is probably impossible today to speak of the social sciences if one proceeds solely from a theoretical standpoint. Today—and by that I mean the immediate present, the present moment—one can speak of such issues only if one keeps in mind the bleak state of economic life in the contemporary civilized world. In a certain sense, this bleak situation also encompassed what I attempted to describe in my *Key Points of the Social Question* following the provisional end of the terrible catastrophe of World War I.

[ 3 ] Ich ging dazumal aus von jener Beobachtung des sozialwirtschaftlichen Lebens, die sich eigentlich im gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltentwicklung jedem aufdrängen sollte. Es ist die, daß das Wirtschaftsleben der Gegenwart innig verquickt ist mit dem, was sich innerhalb des ganzen Umfanges der sozialen Frage bewegt. Ja, die meisten Menschen in der Gegenwart werden wohl kaum empfinden, daß die soziale Frage getrennt werden könne von der wirtschaftlichen Frage. Und dennoch ging gerade mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» darauf aus, dadurch Klarheit zu schaffen in bezug auf das hier in Betracht kommende Gebiet, daß darauf hingewiesen wurde, wie das Wirtschaftsleben innerhalb des sozialen Organismus seine eigene selbständige Stellung erhalten müsse, jene selbständige Stellung, durch welche innerhalb desselben die Tatsachen und Einrichtungen lediglich nach wirtschaftlichen Grundsätzen, wirtschaftlichen Gesichtspunkten und Impulsen ihre Gestaltung bekommen. Insofern enthält eigentlich mein Buch — ich sage es hier in ganz unumwundener Weise, weil gerade darauf außerordentlich viel ankommt — einen inneren Widerspruch. Allein, dieses Buch wollte nicht ein theoretisches Buch der Sozialwissenschaft sein. Dieses Buch wollte Anregungen geben vor allen Dingen den Lebenspraktikern; dieses Buch wollte aus dem heraus geschrieben sein, was man in jahrzehntelanger Beobachtung des europäischen Wirtschaftslebens sich aneignen konnte. Und indem so dieses Buch anstrebte, durch und durch realistisch zu sein, unmittelbar eine Anregung für praktisches Handeln zu sein — und zwar für praktisches Handeln im Augenblick —, mußte es ja einen Widerspruch enthalten. Dieser Widerspruch ist nämlich kein anderer als der, der unser ganzes soziales Leben durchzieht, und der darin besteht, daß dieses soziale Leben im Laufe der neueren Zeit durcheinander, chaotisch das gebracht hat, was nur dann lebensfähig ist, wenn es sich aus seinen eigenen Bedingungen in jedem seiner einzelnen Glieder entwickelt.

[ 3 ] At that time, I proceeded from that observation of socio-economic life which, at the present stage of world development, should actually be obvious to everyone. It is this: that contemporary economic life is intimately intertwined with everything that falls within the broader scope of the social question. Indeed, most people today would hardly imagine that the social question could be separated from the economic question. And yet my book *The Key Points of the Social Question* was specifically aimed at bringing clarity to the area under consideration here by pointing out how economic life must maintain its own independent position within the social organism—that independent position through which, within the social organism, facts and institutions take shape solely according to economic principles, economic perspectives, and economic impulses. In this respect, my book actually contains—and I say this quite bluntly here, because this point is of extraordinary importance—an internal contradiction. However, this book was not intended to be a theoretical work of social science. Above all, this book was intended to provide inspiration to those engaged in practical life; this book was intended to be written based on what could be gleaned from decades of observing European economic life. And in striving to be thoroughly realistic—to serve as a direct inspiration for practical action, and specifically for practical action in the here and now—this book was bound to contain a contradiction. This contradiction is none other than the one that pervades our entire social life, and which consists in the fact that, in the course of modern times, this social life has brought about in a disorderly, chaotic manner that which is viable only if it develops from its own conditions in each of its individual components.

[ 4 ] Ich mußte sprechen von einer Dreigliederung des sozialen Organismus, die dazu führen würde, daß das Wirtschaftsleben in völlig freier Weise, relativ abgesondert sich organisiert von dem Rechts- und Staatsleben und von dem geistigen Leben, daß also dieses Wirtschaftsleben von denjenigen, die in ihm drinnen stehen, die aus seinen eigenen Impulsen heraus handeln können, gestaltet wird. Nun aber leben wir ja zunächst in einer Zeit, in welcher ein solcher Zustand nicht da ist, in welcher das Wirtschaftsleben absolut drinnen steht in der übrigen Struktur des sozialen Organismus. Wir leben in einer Zeit, in welcher der Widerspruch eine Realität ist. Daher konnte eine Schrift, die aus der Realität heraus geschrieben sein wollte und für die Realität Anregungen bieten wollte, nur etwas Widerspruchsvolles wiederum bringen; sie konnte nur darauf ausgehen, aus dem Widersprechenden heraus zunächst zur Klarheit, zur Klärung der Verhältnisse aufzurufen.

[ 4 ] I had to speak of a threefold structure of the social organism that would lead to economic life organizing itself in a completely free manner, relatively separate from legal and political life and from spiritual life—so that this economic life would be shaped by those who are part of it, who can act out of its own impulses. But we are, after all, living in an age in which such a state of affairs does not exist, in which economic life is absolutely embedded within the rest of the social organism’s structure. We live in an age in which contradiction is a reality. Therefore, a text that sought to be written out of reality and to offer inspiration for reality could only, in turn, present something contradictory; it could only aim, out of this contradiction, to call first and foremost for clarity—for a clarification of the circumstances.

[ 5 ] Ich bin deshalb heute in einer ganz besonderen Lage, indem ich diese Einleitung spreche, weil in bezug auf dasjenige, was auf anthroposophischem Boden, mit anthroposophischen Denkmethoden gefunden worden ist, aber gefunden worden ist aufgrund durchaus realistischer, jahrzehntelanger Beobachtung der europäischen Wirtschaftsverhältnisse — weil das doch in den weitesten Kreisen zunächst in der ärgsten Weise mißverstanden worden ist. Ich kann nur sagen: Ich begreife vollständig diese Mißverständnisse, die diesen zugrunde liegenden Absichten entgegengebracht worden sind; diese Mißverständnisse sind eben auch ein Zeitphänomen. Allein, ich muß auf der anderen Seite der Anschauung sein, daß in der Überwindung dieser Mißverständnisse dasjenige liegt, was wir zunächst auf soziologischem, auf sozialem Gebiete anzustreben haben, und gerade dazu möchte ich einiges Orientierende sagen.

[ 5 ] I therefore find myself in a very special position today as I deliver this introduction, because what has been discovered on anthroposophical ground, using anthroposophical methods of thought—but discovered on the basis of thoroughly realistic, decades-long observation of European economic conditions—has, after all, been grossly misunderstood in the broadest circles. I can only say: I fully understand these misunderstandings that have been directed against the underlying intentions; these misunderstandings are, after all, also a phenomenon of our time. However, I must take the opposite view, namely that overcoming these misunderstandings is precisely what we must strive for first and foremost in the sociological and social spheres, and it is precisely on this point that I would like to offer some guiding remarks.

[ 6 ] Als mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» zuerst veröffentlicht wurde, fiel es in eine Zeit mitteleuropäischer Entwicklung, die unmittelbar gefolgt war der furchtbaren Kriegskatastrophe. Es war eine Zeit, die dem Versailler Vertrag vorangegangen war; es war eine Zeit, in welcher die Valutaverhältnisse der mitteleuropäischen und der osteuropäischen Staaten noch wesentlich andere waren. Nicht aus irgendeinem Wolkenkukkucksheim heraus waren die Impulse gemeint, die damals in meinen «Kernpunkten» niedergeschrieben wurden, sondern sie waren aus der unmittelbaren Weltsituation der damaligen Zeit heraus so gedacht, daß ich glauben durfte, wenn eine größere Anzahl von Menschen sich fände, welche auf Grundlage dieser Anregungen Weiteres suchte, dann würde man — namentlich von Mitteleuropa aus — einen Impuls auch in die wirtschaftliche Entwicklung hineinwerfen können, der zu einer Art von Aufstieg führen könnte in dem ja damals deutlich vernehmbaren und bis heute andauernden Abfall des Wirtschaftslebens und des sozialen Lebens überhaupt. Man konnte damals sich sagen, wenn man aus den sehr komplizierten Verhältnissen der Weltsituation heraus dachte: Vielleicht bleibt kein Stein stehen, so wie er hineingebaut ist in das Ideengebäude der «Kernpunkte der sozialen Frage» —; aber diese Ideen waren überall herausgedacht aus demjenigen, was war. Doch man könnte sie angreifen, und es wäre vielleicht etwas ganz anderes herausgekommen, als man zunächst schriftlich fixieren konnte. Denn nicht darauf kam es an, Ideen in utopistischer Weise hinzustellen, die ein Bild etwa eines sozialen Zukunftsorganismus entwerfen wollten; sondern darauf kam es an, Menschen zu finden, welche verstanden: Hier liegen reale, unmittelbar im Leben vorhandene Probleme vor; wir müssen uns aus unserer Sachkenntnis heraus mit diesen Problemen befassen und müssen sehen, ob wir, indem wir uns mit diesen Problemen befassen, dann immer weiteres und weiteres Verständnis finden.

[ 6 ] When my book *The Key Points of the Social Question* was first published, it coincided with a period of Central European development that immediately followed the terrible catastrophe of the war. It was a time preceding the Treaty of Versailles; it was a time when the currency conditions of the Central and Eastern European states were still substantially different. The ideas set forth in my *Key Points* at that time were not conceived in some ivory tower, but were derived from the immediate global situation of that era in such a way that I had reason to believe: if a larger number of people were to come together who, building on these ideas, sought to go further, then they would — particularly from Central Europe — be able to inject an impulse into economic development that could lead to a kind of upward trend amid the decline in economic and social life in general, which was clearly discernible at the time and continues to this day. At the time, one could say to oneself, when reflecting on the highly complex circumstances of the global situation: Perhaps not a single stone will remain as it is built into the edifice of ideas in *The Key Points of the Social Question*—; yet these ideas were conceived everywhere out of what actually existed. But one could have challenged them, and perhaps something entirely different would have emerged than what could initially be set down in writing. For what mattered was not to present ideas in a utopian manner that sought to sketch out, say, a vision of a future social organism; rather, what mattered was to find people who understood: Here we have real problems that exist directly in life; we must address these problems based on our expertise and see whether, by addressing them, we can gain ever greater and greater understanding.

[ 7 ] Nun ist im Grunde genommen etwas ganz anderes eingetreten. Es haben sich auf der einen Seite wohl Theoretiker gefunden, welche über das, was in meinem Buche steht, allerlei Diskussionen gepflogen haben, welche an das dort Ausgesprochene allerlei Forderungen geknüpft haben. Es hat auch Theoretiker gegeben, die in vollständig mißverstehender Art das, was gesagt war, in utopistischem Sinne umdeuteten und immer wieder fragten: Wie wird sich dieses, wie wird sich jenes gestalten?, — was man ja eigentlich hätte abwarten müssen, Es hat sich sogar die merkwürdige Tatsache herausgestellt, die für mich ganz überraschend war, daß gerade die wirtschaftlichen Praktiker, die in irgendeinem Gebiete des Wirtschaftslebens mit ihrer Routine ganz gut drinnenstanden, die sich in diesem oder jenem Geschäftszweige auskannten und es abgelehnt hätten, sich in ihrem Geschäftszweige etwas hereinreden zu lassen von dem, der nicht gerade in diesem Geschäftszweig versiert war —, daß diese Praktiker diskutierten über die Kernpunkte der sozialen Frage und sich durch das, was von ihnen als Folgerung gezogen wurde, gerade als die abstraktesten Theoretiker erwiesen. Es zeigte sich, daß man im Wirtschaftsleben ganz gut ein routinierter Praktiker sein konnte — im alten Sinne; unter den neuen Verhältnissen kannten sie sich nicht mehr aus —, daß aber diese Praktiker absolut nicht in der Lage waren, das, was hier angeschlagen war in bezug auf die Probleme auch des Wirtschaftslebens, anders als gerade von dem Gesichtspunkte der abstraktesten Theorien aus zu diskutieren; so daß man da gerade in Verzweiflung kommen konnte, wenn man Praktikern gegenüberstand und sich mit ihnen eine Diskussion entwickelte, wo sie durchaus nicht auf etwas Konkretes eingingen, sondern nur das völlig triviale Allgemeine über die soziale Frage und namentlich über den wirtschaftlichen Teil der sozialen Frage wiederholten, wenn man sich mit ihnen irgendwie darüber aussprach.

[ 7 ] Now, in essence, something quite different has happened. On the one hand, there have certainly been theorists who have engaged in all sorts of discussions about what is written in my book and who have attached all sorts of demands to what is stated there. There have also been theorists who, in a completely misguided manner, reinterpreted what was said in a utopian sense and kept asking: How will this turn out, how will that turn out?—which, of course, one really should have waited to see, It even turned out—a fact that was quite surprising to me—that it was precisely the economic practitioners, who were quite well versed in their routine in some area of economic life, who were familiar with this or that branch of business and would have refused to let anyone who was not well-versed in that particular branch of business talk them into anything —that these practitioners discussed the key points of the social question and, through the conclusions they drew, proved to be precisely the most abstract theorists. It became apparent that one could very well be a seasoned practitioner in economic life—in the old sense; under the new circumstances, they were no longer well-versed—but that these practitioners were absolutely incapable of discussing the issues at hand—including those pertaining to economic life—from any perspective other than that of the most abstract theories; so that one could easily become exasperated when faced with practitioners and engaged in a discussion with them, in which they did not address anything concrete at all, but merely repeated the utterly trivial generalities about the social question—and specifically about the economic aspect of the social question—whenever one tried to discuss the matter with them in any way.

[ 8 ] Das andere, was einem da entgegentreten konnte, war, daß zunächst ja diejenigen, die nun so die ganz handfesten Praktiker sind, es überhaupt ablehnten, sich in solcher Weise über die mögliche Gestaltung der wirtschaftlichen Probleme zu unterhalten. Das Weitere war, daß ja einiges Interesse zum Beispiel in sozialistischen Kreisen erweckt werden konnte, daß man aber gerade dort die Erfahrung machen konnte, daß das, was gewollt war, am allerwenigsten von dieser Seite verstanden wurde, und daß alles nur danach beurteilt wurde, ob es sich in die alten Parteischablonen einfüge oder nicht. Und so verging jene Zeit, aus der heraus diese Anregungen gedacht waren. Es kam das ganze furchtbare Valuta-Elend, das aber in einer ganz anderen Weise eigentlich zu beurteilen ist, als man es heute gewöhnlich beurteilt.

[ 8 ] The other thing one might have encountered there was that, to begin with, those who are the very down-to-earth practitioners flatly refused to discuss the possible solutions to economic problems in this way. Furthermore, while some interest could be aroused, for example, in socialist circles, it was precisely there that one found that what was intended was least understood by that side, and that everything was judged solely on whether or not it fit into the old party templates. And so that period, from which these ideas originated, came to an end. Then came the whole terrible currency crisis, which, however, must actually be assessed in a completely different way than it is usually assessed today.

[ 9 ] Als zuerst mein «Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt» und dann die «Kernpunkte der sozialen Frage» erschienen waren, da zeigte sich sogleich, wie einzelne Persönlichkeiten, die es ja in ihrer Art mit einer Gesundung des mitteleuropäischen Wirtschaftslebens ganz ehrlich meinten, sagten: Ja, solche Vorschläge — sie nannten das Vorschläge — sind ja ganz schön, aber es sollte zunächst einmal gesagt werden, wie wir zu einer Aufbesserung der Valuta kommen. Das wurde in Zeiten gesagt, als das Valuta-Elend gegenüber den heutigen Verhältnissen noch das reine Paradies war. Nun zeigt sich in solchen Forderungen, wie man überall nur an den äußeren Symptomen herumpfuschen will. Es zeigt sich wenig Verständnis dafür, daß ja in den Valutaverhältnissen nur die an die Oberfläche schlagenden ungesunden Wirtschaftsverhältnisse sich symptomatisch anzeigen, daß man mit einer solchen Symptomenkur überhaupt das Übel gar nicht anpackt, und daß es sich darum handelt, viel tiefer und tiefer in die sozialwirtschaftlichen Zustände der Gegenwart hineinzugehen, wenn man in irgendeiner Weise dazu kommen will, die Probleme realistisch zu besprechen, für die die Andeutung gegeben werden sollte in den «Kernpunkten der sozialen Frage». Und so ist es denn gekommen, daß das, was ich wiederholt am Schlusse von Vorträgen, die ich im Anschlusse an die «Kernpunkte» hielt, damals gerufen habe: man solle sich besinnen, ehe es zu spät ist —, daß dieses «Zu spät!» in einem hohen Grade heute eingetreten ist, daß wir gar nicht mehr in der Lage sind, in dem ursprünglichen Sinne, der die «Kernpunkte» durchpulst, die Sache anzufassen; denn mittlerweile ist das Chaos des Wirtschaftslebens so hereingebrochen, daß wiederum ganz andere Ergänzungen notwendig wären zu dem, was dazumal nicht bloß ausgesprochen werden sollte, sondern ausgesprochen werden mußte, meiner Überzeugung nach. Und man wird wohl doch kaum vorübergehen können an einer Charakteristik unseres Zeitalters im allgemeinen, wenn man das besprechen will, was heute auch dem Wirtschaftsleben am allerschädlichsten ist.

[ 9 ] When my “Appeal to the German People and the Cultural World” and then the “Key Points of the Social Question” were first published, it immediately became apparent how certain individuals—who, in their own way, were quite sincere in their desire to revitalize Central European economic life—said: “Yes, such proposals—they called them proposals—are all well and good, but first of all we need to figure out how to improve the foreign exchange situation.” This was said at a time when the foreign exchange crisis, compared to today’s conditions, was still pure paradise. Now, such demands reveal how people everywhere simply want to tinker with the external symptoms. There is little understanding that, in foreign exchange conditions, only the unhealthy economic conditions that surface are symptomatic; that treating merely the symptoms does not address the root of the problem at all, and that what is required is to delve much deeper and deeper into the current socio-economic conditions if one wishes in any way to discuss the problems realistically—problems for which the “Key Points of the Social Question” was intended to provide a starting point. And so it has come to pass that what I repeatedly called for at the end of lectures I gave following the “Key Points”—that we should reflect before it is too late—that this “too late!” has, to a great extent, come to pass today—that we are no longer in a position to address the matter in the original sense that runs through the “Key Points”; for in the meantime, such chaos has descended upon economic life that entirely different additions would now be necessary to what, in my conviction, was not merely meant to be said at the time, but had to be said. And one can hardly ignore a defining characteristic of our age in general if one wishes to discuss what is most harmful to economic life today.

[ 10 ] Als ich gestern ein Zeitungsblatt in die Hand nahm, da trat mir — und es können einem heute ja die wichtigsten Symptome gewissermaßen aus einzelnen Sätzen, die heute unsere Zeitgenossen aussprechen, überall entgegentreten —, es trat mir ein Artikel entgegen: «Verschiebung der Demission des Lloyd George bis nach der Konferenz von Genua». Damit war wieder einmal die heutige Tagessituation ausgesprochen, indem alles, was heute den Tag charakterisiert, «wartet». «Wir wollen warten» — das ist eigentlich heute überall das Prinzip; warten, bis irgend etwas geschieht, von dem man nicht sagen kann, was es eigentlich sein wird. Was da geschehen soll, weiß man nicht, aber man wartet, bis es geschehen ist! Das ist das, was heute den Leuten tief in den Seelen sitzt, auf allen Gebieten. Und nun möchte ich etwas scheinbar — aber nur scheinbar — recht Abstraktes vorbringen; aber auch das ist durchaus in realistischem Sinne gemeint, denn es weist hin auf die unter uns wirksamen Kräfte, durch die wir eigentlich im Laufe der Menschheitsentwicklung allmählich dazu gekommen sind, dieses so aussichtsvolle Prinzip «wir wollen warten» überall geltend zu machen.

[ 10 ] When I picked up a newspaper yesterday, I came across—and today, after all, the most important signs can be seen, in a sense, everywhere in the individual sentences uttered by our contemporaries—an article that read: “Lloyd George’s Resignation Postponed Until After the Genoa Conference.” This once again summed up the current situation, in that everything that characterizes the day today is “waiting.” “Let’s wait”—that is, in fact, the principle everywhere today; waiting until something happens, without knowing what it will actually be. No one knows what is supposed to happen, but people wait until it happens! That is what lies deep in people’s souls today, in every sphere of life. And now I would like to bring up something that seems—but only seems—quite abstract; yet this, too, is meant in a thoroughly realistic sense, for it points to the forces at work among us, through which we have actually, in the course of human development, gradually come to apply this promising principle of “we want to wait” everywhere.

[ 11 ] Wenn wir in ältere Kulturentwicklungen zurückblikken, so finden wir gerade bei diesen älteren Kulturen, daß ein eigentliches wissenschaftliches Denken, auch in dem Sinne, wie es in den alten Zeiten vorhanden war — Sie wissen das ja aus dem Vortrage, den ich hier zuletzt in der Philharmonie gehalten habe —, nicht rein «wissenschaftlich» zu nennen ist. Sieht man aber auf das, was an Stelle des heutigen wissenschaftlichen Denkens stand, so kann man wissen, daß aus jenem Denken zunächst nicht unmittelbar das wirtschaftliche Leben hervorgegangen ist. Das wirtschaftliche Leben hat sich zunächst mehr oder weniger unabhängig von dem menschlichen Gedanken, wie instinktiv — um nicht zu sagen automatisch — im Wechselverkehr der Menschheit entwickelt. Was man im wirtschaftlichen Leben hat tun wollen, hat sich einfach aus der Lebenspraxis heraus entwickelt. Man hat instinktiv gehandelt, hat ja wohl auch den Bereich des Handels erweitert über dieses oder jenes Gebiet, aber alles ist eben mehr oder weniger instinktiv geschehen. Man mag nun das eine oder andere einwenden vom Gesichtspunkte der heutigen Auffassungen von Menschenfreiheit, Menschenwürde und so weiter gegen die wirtschaftlichen Zustände älterer Zeiten; allein, man wird gut tun, auch auf der anderen Seite zu sehen, wie ganz merkwürdige Symptome in der Menschheitsentwicklung, die auch heute noch lehrreich sein können, sich zum Beispiel zeigen in der Art und Weise, wie Arbeitnehmer und Arbeitgeber — wenn wir diese modernen Ausdrücke auf alte Zeiten anwenden wollten — im Verhältnis zueinander lebten im alten Griechentum, im alten Ägyptertum, bis nach Asien hinüber. Diese Dinge nehmen sich gegenüber den heutigen Empfindungen so aus, daß sie eben die schärfste Kritik selbstverständlich herausfordern; allein, jede solche Kritik ist eben unhistorisch, und man muß sagen: Es waren eben diejenigen Verhältnisse in den entsprechenden Zeitepochen da, die sich aus dem damaligen Empfinden jener Menschheit ergaben. Das ist das eine, was man ins Auge fassen muß.

[ 11 ] When we look back at earlier cultural developments, we find—precisely in these older cultures—that true scientific thinking, even in the sense in which it existed in ancient times—as you know from the lecture I recently gave here at the Philharmonie—cannot be called purely “scientific.” But if we consider what took the place of today’s scientific thinking, we can see that economic life did not initially emerge directly from that form of thinking. Economic life developed at first more or less independently of human thought, as if instinctively—not to say automatically—through the interactions of humanity. What people sought to accomplish in economic life simply evolved out of the practical realities of life. People acted instinctively; they certainly expanded the sphere of trade into this or that area, but everything happened more or less instinctively. One might now raise one objection or another against the economic conditions of earlier times from the standpoint of today’s conceptions of human freedom, human dignity, and so on; but one would do well to also look at the other side and see how quite remarkable phenomena in human development—which can still be instructive today—manifest themselves, for example, in the way employees and employers—if we were to apply these modern terms to ancient times—related to one another in ancient Greece, ancient Egypt, and even as far as Asia. Compared to today’s sensibilities, these things appear in such a way that they naturally invite the sharpest criticism; however, any such criticism is simply ahistorical, and one must say: These were simply the conditions that existed in the respective historical epochs, arising from the sensibilities of humanity at that time. That is the one thing one must bear in mind.

[ 12 ] Das andere ist die Tatsache, die zusammenhängt mit jenem Umschwung in der Menschheitsentwicklung, auf den ich schon öfters hindeuten mußte, der etwa im 15. Jahrhundert liegt, und durch den die Seelenverfassung der zivilisierten Menschheit eine ganz andere geworden ist. Ich sagte schon: Die äußere Geschichte weist wenig darauf hin, wie damals die Gesamtlebensauffassung der menschlichen Seele eine andere geworden ist. Und wenn wir uns dann fragen: Wie steht diese menschliche Entwicklung zum Wirtschaftsleben? — dann bekommen wir die Antwort: Die Zeit der instinktiven Führung des Wirtschaftslebens, die so war, wie ich sie eben charakterisiert habe, diese Zeit reichte noch herein bis in die Epoche dieses Umschwunges. Mit diesem Umschwunge kam dann herauf in die Seelenverfassung der Menschheit der Intellektualismus, der Drang, mit reiner Verstandeslogik die Welt zu begreifen. Dieser Drang, der einfach ein tiefes Bedürfnis der menschlichen Seelenverfassung wurde, er bewährte sich ja in so glänzender Art gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiete und auf jenem Gebiete, das aus der Naturwissenschaft in so glänzender Weise sich herausgebildet hat: auf dem Gebiete der Technik, wo er die außerordentlichsten, nicht genug anzuerkennenden Triumphe gefeiert hat. Aber dieser Intellektualismus — und das werden doch verschiedene Auseinandersetzungen gezeigt haben, die hier auch während dieses Kursus schon gepflogen worden sind — hat sich völlig unfähig gezeigt, die Erscheinungen des Menschenlebens und Menschenwesens selbst, auch in sozialer Beziehung, zu ergreifen. Man kann mit diesem Intellektualismus, mit dieser intellektualistischen Orientierung der Seele in grandioser Weise die äußere sinnliche Natur auf ihre Gesetzmäßigkeiten zurückführen. Man kann aber nicht mit diesem Intellektualismus diese sich ineinander verschlingenden und während des Verschlingens sich organisierenden und während des Organisierens sich seelisch auslebenden und geistig sich durchdringenden Verhältnisse des sozialen Lebens ergreifen. Ich möchte sagen: Das Netzwerk intellektualistischer Ideen ist einfach zu weitmaschig für das, was im sozialen Leben vorliegt. Aber wissenschaftlich zu denken — das hat die Menschheit gelernt an diesem Intellektualismus. In ihn ist ja zuletzt alles einbezogen worden, bis in die Theologie hinein. Der Intellektualismus beherrscht, wenn wir auch beobachten und experimentieren, doch unsere ganze wissenschaftliche Denkweise, und wir haben es zuletzt dahin gebracht, das, was nicht in die Bahnen des Intellektualismus hineingebracht wird, einfach als nicht wissenschaftlich anzusehen.

[ 12 ] The other factor is the fact connected with that turning point in human development—which I have had to point out on several occasions—that occurred around the 15th century and as a result of which the spiritual constitution of civilized humanity became entirely different. As I have already said, external history offers little indication of how the human soul’s overall outlook on life changed at that time. And when we then ask ourselves: How does this human development relate to economic life? — we receive the answer: The era of instinctive guidance of economic life, which was as I have just characterized it, extended right up to the epoch of this turning point. With this turning point, intellectualism—the urge to comprehend the world through pure rational logic—emerged in the spiritual constitution of humanity. This urge, which simply became a deep need within the human soul, proved itself so brilliantly precisely in the field of the natural sciences and in that field which emerged so brilliantly from the natural sciences: the field of technology, where it has celebrated the most extraordinary triumphs, which cannot be praised highly enough. But this intellectualism—as various debates, some of which have already taken place here during this course, will have shown—has proved completely incapable of grasping the phenomena of human life and the human being itself, including in a social context. With this intellectualism, with this intellectualistic orientation of the soul, one can magnificently trace external, sensory nature back to its laws. But one cannot, with this intellectualism, grasp the intertwined relationships of social life—relationships that organize themselves as they intertwine, express themselves emotionally as they organize, and permeate one another spiritually. I would like to say: The network of intellectualist ideas is simply too coarse-meshed for what exists in social life. But to think scientifically—that is what humanity has learned from this intellectualism. After all, everything has ultimately been subsumed into it, right down to theology. Even when we observe and experiment, intellectualism still dominates our entire scientific way of thinking, and we have ultimately come to regard anything that cannot be brought into the framework of intellectualism as simply unscientific.

[ 13 ] In diese Zeit des Intellektualismus fiel nun hinein der Übergang von dem rein instinktiven zu demjenigen Wirtschaftsleben, das angefacht werden soll mit menschlichen Gedanken. Wir dürfen sagen: In der Zeit, wo man noch nicht intellektualistisch über die Welt gedacht hat, wurde das Wirtschaftsleben instinktiv geführt. Als aber die Zeit heraufkam, die immer mehr und mehr nach Weltwirtschaft und Weltverkehr hintendierte, wurde der Mensch aus dieser Tendenz nach Weltverkehr und Weltwirtschaft dazu angehalten, auch das Wirtschaftsleben nun mit Gedanken zu durchdringen. Diese Gedanken aber wurden allein aus dem Intellektualismus heraus genommen. Dadurch zeigte sich in allem, was als wirtschaftswissenschaftliche Gedanken heraufgezogen ist — im Merkantilismus, im Physiokratismus, in den nationalökonomischen Ideen eines Adam Smith, wie in allem, was dann später hervorgetreten ist bis zu Karl Marx —, daß auf der einen Seite das Wirtschaftsleben forderte, daß nicht mehr bloß instinktiv gewirtschaftet würde, sondern daß es mit Gedanken erfaßt werde, daß aber auf der anderen Seite, da die Gedanken nur hergenommen werden konnten aus dem Intellektualismus, damit alle wirtschaftlichen Anschauungen durch und durch einseitig wurden, so daß aus diesen wirtschaftlichen Anschauungen niemals eigentlich etwas hervorging, was man fortwirken gesehen hätte in der wirtschaftlichen Praxis. Auf der einen Seite waren die Wirtschaftstheoretiker, die aus intellektualistischen Sätzen Axiome bildeten — wie zum Beispiel Ricardo, Adam Smith oder John Stuart Mill —, und die auf solchen Axiomen Systeme aufbauten, womit sie eine ganz in sich verlaufende Geistesart bildeten; auf der anderen Seite war die wirtschaftliche Praxis, die eigentlich einer Durchdringung mit dem Geist bedurft hätte, die diese Durchdringung geradezu forderte, aber keinen Anschluß fand, die im alten Instinktleben fortwirkte und daher in das vollständige Chaos verfiel.

[ 13 ] This era of intellectualism coincided with the transition from a purely instinctive economic life to one that was to be driven by human thought. We may say: In the time when people did not yet think about the world in intellectualistic terms, economic life was guided instinctively. But as the era dawned that increasingly tended toward a global economy and global trade, this very tendency toward global trade and a global economy impelled people to now infuse economic life with thought as well. These thoughts, however, were drawn solely from intellectualism. Consequently, in everything that emerged as economic thought—in mercantilism, in physiocracy, in the economic ideas of Adam Smith, as well as in everything that later came to the fore up to Karl Marx—it became evident that, on the one hand, economic life demanded that it no longer be managed merely instinctively but be grasped through thought; yet on the other hand, since these ideas could only be drawn from intellectualism, all economic views became thoroughly one-sided, with the result that nothing ever actually emerged from these economic views that could be seen to have a lasting effect in economic practice. On the one hand were the economic theorists who formulated axioms from intellectualist propositions—such as Ricardo, Adam Smith, or John Stuart Mill—and who built systems upon such axioms, thereby creating a mode of thinking that remained entirely self-contained; on the other hand, there was economic practice, which actually needed to be permeated by the spirit—which indeed demanded such permeation—but found no connection; it continued to operate according to old instincts and thus fell into complete chaos.

[ 14 ] So waren diese zwei Strömungen in der neueren Zeit immer mehr gang und gäbe geworden: auf der einen Seite die Wirtschaftstheoretiker — ohne Einfluß auf die wirtschaftliche Praxis; auf der anderen Seite die Praktiker, welche die alte, zur Routine gewordene Praxis fortsetzten, und damit das Wirtschaftsleben der zivilisierten Welt in das Chaos hineinwarfen. — Man muß selbstverständlich solche Dinge in einer etwas radikalen Weise aussprechen, denn nur dadurch wird wirklich auf das hingedeutet, was ist, was wirksam ist und was als Problem aufgefaßt werden muß.

[ 14 ] Thus, in recent times, these two trends had become increasingly commonplace: on the one hand, the economic theorists—who had no influence on economic practice; on the other hand, the practitioners, who continued the old, routine practices and thereby plunged the economic life of the civilized world into chaos. — Of course, one must express such things in a somewhat radical manner, for only in this way can one truly point out what is, what is effective, and what must be recognized as a problem.

[ 15 ] Wenn man nun, ich möchte sagen, eine Art Verbindung, eine Art Synthese zwischen wirtschaftlichem Denken — das aber von der Praxis allmählich ganz ausgerottet worden ist — und dieser wirtschaftlichen Praxis sucht, so findet man diese Verbindung höchstens in einem. In der neuesten Zeit bildete sich nämlich heraus eine Art von wirtschaftlichem Realismus, eine Art wirtschaftlich-wissenschaftlicher Realismus, der da sagt, man könne überhaupt nicht so allgemein zu Gesetzen des Wirtschaftslebens kommen, sondern man müsse die Tatsachen der Wirtschaft betrachten, wie sie sich bei einzelnen Nationen oder Menschengruppen abspielen, und nur wenn man in dieser Weise rein äußerlich betrachtet, was geschehen ist, könne man einige Richtlinien für das wirtschaftliche Handeln finden. Was aus diesen Untergründen heraus entstanden ist, das ist das, was dann als die sogenannte sozialpolitische, als die wirtschaftliche Gesetzgebung aufgetreten ist. Das heißt, man hat allmählich geglaubt, herausgefunden zu haben, daß man zwar durch die Betrachtung der tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse im Zusammenhange mit den sie durchsetzenden sozialen Verhältnissen gewisse Richtlinien bekommen könne, die man dann in der wirtschaftlichen Gesetzgebung zum Ausdruck brachte; man hat also auf dem Umwege durch den Staat versucht, einiges von dem zu verwirklichen, was aus den Beobachtungen hervorgegangen ist, aber dadurch hat man in Wirklichkeit selbst zugegeben, daß aus diesen Beobachtungen wirkliche wissenschaftliche Wirtschaftsgesetze gar nicht hervorgehen können. Ja, in dieser Situation steht man eigentlich im Grunde genommen heute noch drinnen. Und gerade, wenn man in der Lage ist, einschneidende Erfahrungen zu machen und, ich möchte sagen, soziale Urphänomene in der richtigen Weise zu werten, dann sieht man, wie man in dieser Situation drinnen steht.

[ 15 ] If one now seeks—I would say—a kind of connection, a kind of synthesis between economic thought—which, however, has been gradually and completely eradicated by practice—and this economic practice, one finds this connection, at most, in one thing. In recent times, a kind of economic realism has emerged—a kind of economic-scientific realism—which asserts that it is not at all possible to arrive at general laws of economic life, but rather one must observe the facts of the economy as they unfold among individual nations or groups of people, and only by observing what has happened in this purely external way can one find some guidelines for economic action. What has emerged from these underlying currents is what has then appeared as so-called social-political legislation, or economic legislation. In other words, it was gradually believed that by observing actual economic conditions in connection with the social conditions permeating them, one could derive certain guidelines, which were then expressed in economic legislation; so, indirectly through the state, attempts were made to implement some of what had emerged from these observations; but in doing so, one actually admitted that no genuine scientific economic laws could possibly emerge from these observations. Indeed, we are essentially still in this situation today. And it is precisely when one is in a position to gain profound insights and, I would say, to evaluate fundamental social phenomena correctly that one sees how we are caught up in this situation.

[ 16 ] Sie wissen ja alle, daß in das in ein so furchtbares Chaos hineingehende Zivilisationsleben in einem gewissen Zeitpunkte die sogenannten «Vierzehn Punkte» Woodrow Wilsons fielen. Was waren diese Vierzehn Punkte denn eigentlich? Sie waren im Grunde genommen nichts anderes als die abstrakten Prinzipien eines weltfremden Mannes, die abstrakten Prinzipien eines Menschen, der von der Wirklichkeit wenig wußte, wie sich dann in Versailles, wo er in der Wirklichkeit eine hervorragende Rolle hätte spielen können, gezeigt hat. Ein wirklichkeitsfremder Mann wollte aus dem Intellektualismus heraus der Welt zeigen, wie sie sich organisieren sollte. Man muß nur erlebt haben, mit welcher Begeisterung die zivilisierte Menschheit an diesen Vierzehn Punkten hing, allerdings mit Ausnahme eines großen Teiles der mitteleuropäischen Bevölkerung, für die es aber leider auch einen, wenn auch kurzen Zeitraum gab, in dem sie auf diese Vierzehn Punkte hereinfiel.

[ 16 ] As you all know, Woodrow Wilson’s so-called “Fourteen Points” emerged at a certain point in the history of civilization as it was descending into such terrible chaos. What, then, were these Fourteen Points? They were, in essence, nothing more than the abstract principles of a man out of touch with reality—the abstract principles of a man who knew little of reality, as was later demonstrated at Versailles, where he could actually have played a prominent role. A man out of touch with reality wanted, from a position of intellectualism, to show the world how it should organize itself. One need only have witnessed the enthusiasm with which civilized humanity clung to these Fourteen Points—with the exception, however, of a large portion of the Central European population, for whom, unfortunately, there was also a period, albeit a brief one, during which they fell for these Fourteen Points.

[ 17 ] Im Jahre 1917 versuchte ich demgegenüber, einzelnen Persönlichkeiten Mitteleuropas, die sich dafür interessierten, denen aber nicht nachgelaufen wurde, sondern die entweder herankamen oder herangebracht wurden, zu zeigen, wie abstrakt, wie wirklichkeitsfremd dasjenige ist, was da in die soziale Gestaltung der Welt herein will, wie sozusagen alles das, was an schlechten Erziehungsgrundsätzen in der modernen Zivilisation waltet, kondensiert in diesem Weltschulmeister Woodrow Wilson sich darstellte, und wie die abstrakten Grundsätze dieser — im schlechten Sinne — Weltschulmeisterei von den Leuten mit Begeisterung aufgenommen wurden. Dazumal versuchte ich zu zeigen, daß eine Gesundung dieser Verhältnisse nur eintreten könne, wenn man gegenüber allen solchen abstrakten Einstellungen sich auf den Boden stellt, der die Gedanken nicht ausschließt, der aber gerade die Gedanken so hervorbringt, daß sie aus der Wirklichkeit, aus der Realität herauswachsen. Dann darf man sich aber nicht irgend etwas Utopistisches ausdenken — ich möchte sagen, die Woodrow Wilsonschen Grundsätze waren der verdichtetste Utopismus, waren der Utopismus in der dritten Potenz schon —, sondern dann muß man sich klar sein, daß man aus den realen Bedingungen der gegenwärtigen Menschheit selbst suchen muß, wie Impulse zu finden sind. Daher verzichtete ich bei dem, was ich auseinanderzusetzen hatte, auf jede utopistische Theorie, verzichtete darauf, überhaupt zu sagen, wie sich etwa Kapital, wie sich Arbeit und dergleichen gestalten sollten; ich gab höchstens einige Beispiele dafür, wie man sich denken könne, daß sie sich aus den gegenwärtigen Verhältnissen heraus in eine nächste Zukunft hinein gestalten könnten. Das aber war alles nur zur Illustration dessen gesagt, was sie werden sollten; denn ebenso gut wie ich da über die Wandlung der Kapitalkräfte in meinen «Kernpunkten» gesprochen habe, ebenso gut könnte diese Wandlung auch in einer modifizierten Weise sich vollziehen. Nicht darauf kam es mir an, ein abstraktes Zukunftsbild hinzustellen, sondern zu sagen, aus welchen Untergründen heraus, auf reale Art, man nun — nicht zu einer theoretisch ausgedachten, sondern zu einer wirklichen Lösung der sogenannten sozialen Frage kommen könnte. Es handelte sich nicht darum, zu sagen: Dies oder jenes ist die Lösung der sozialen Frage. Um eine solche Lösung zu versuchen, dazu habe ich nun wirklich zu viele Erfahrungen gemacht. Ich war schon in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in dem gemütlichen Wien fast jeden Nachmittag nach zwei Uhr eine Stunde zusammen mit allen möglichen gescheiten Leuten. Da ist im Verlaufe einer Stunde die soziale Frage jeden Nachmittag mehrmals gelöst worden! Und derjenige, der unbefangen genug in die Verhältnisse der Gegenwart hineinsieht, weiß schon ganz gut, daß Lösungen, die heute oftmals in dicken Büchern auftreten, auch nicht viel mehr wert sind, als die, welche damals in Wien mit einigen Bleistiftstrichen und vielen fanatischen Worten über einer weißen Tischplatte verhandelt worden sind. Darum konnte es sich also nicht handeln, und das war das ärgste Mißverständnis, das mir entgegengebracht wurde, daß es sich um so etwas handeln sollte.

[ 17 ] In 1917, by contrast, I attempted to show certain individuals in Central Europe—who were interested in the subject but were not being pursued; rather, they either approached me or were brought to me— just how abstract and how detached from reality is that which seeks to shape the social order of the world—how, so to speak, everything that prevails in modern civilization in the way of poor educational principles is condensed in the figure of this “world schoolmaster,” Woodrow Wilson, and how the abstract principles of this “world schoolmastering”—in the negative sense—were received by the people with enthusiasm. At that time, I attempted to show that a recovery of these conditions could only occur if, in the face of all such abstract attitudes, one took a stance that does not exclude thoughts, but rather brings them forth in such a way that they grow out of reality. But then one must not conjure up some utopian fantasy—I would say that Woodrow Wilson’s principles were utopianism in its most concentrated form, were utopianism to the third power, already—but rather, one must be clear that one must look within the real conditions of present-day humanity itself to find sources of inspiration. That is why, in what I had to discuss, I refrained from any utopian theory; I refrained from saying at all how, for example, capital, labor, and the like should take shape; at most, I gave a few examples of how one might conceive of them developing from present conditions into the near future. But all of that was said merely to illustrate what they should become; for just as I have spoken in my “Key Points” about the transformation of the forces of capital, so too could this transformation take place in a modified form. My aim was not to present an abstract vision of the future, but to explain the practical foundations from which one might now arrive—not at a theoretically contrived solution, but at a real solution to the so-called social question. It was not a matter of saying: This or that is the solution to the social question. I have had far too much experience to even attempt such a solution. As early as the 1880s, in cozy Vienna, I spent an hour almost every afternoon after two o’clock in the company of all sorts of intelligent people. In the course of that one hour, the social question was “solved” several times every afternoon! And anyone who looks at present-day conditions with sufficient objectivity knows full well that solutions—which today often appear in thick books—are not worth much more than those that were discussed back then in Vienna with a few pencil strokes and many fanatical words over a white tabletop. So that couldn’t have been the issue, and the worst misunderstanding directed at me was the assumption that it was about something like that.

[ 18 ] Was ich zeigen wollte, war: Die Lösung des sozialen Problems kann nur auf reale Weise selbst erfolgen; diese Lösung kann überhaupt nicht durch Diskussionen, sondern nur durch Geschehen, durch Tätigkeit erfolgen. Zu dieser Tätigkeit müssen aber erst die Bedingungen hingestellt werden, und auf diese Bedingungen versuchte ich in meinen «Kernpunkten» und in anderen Auseinandersetzungen zu verweisen. Ich versuchte zu zeigen, daß wir in unserem sozialen Organismus einmal solche Einrichtungen brauchen, die es ermöglichen, daß ein Geistesleben aus seinen eigenen Bedingungen heraus sich entwickeln kann, wo also nur die Bedingungen des Geisteslebens selbst wirken; daß wir sodann ein zweites Glied brauchen, wo nur die rechtlich-staatlichen Impulse wirken, und außerdem ein drittes Glied, wo nur diejenigen Impulse wirken, die aus der Warenproduktion und der Warenkonsumtion hervorgehen, und die zuletzt, wenn sie sich aus einem assoziativen Wirtschaftssystem entwickeln, gipfeln müssen in einer gesunden Preisbildung. Damit sollten nicht etwa die alten Stände wieder ins Dasein zurückgerufen werden. Nicht die Menschen sollten sich gliedern in einen Lehrstand, einen Wehrstand und einen Nährstand; sondern der Mensch der neueren Zeit ist bis zur Individualität vorgeschritten, und er wird nicht in abstrakter Weise eingegliedert sein in einen bestimmten Stand. Aber was draußen als Einrichtungen vorhanden ist, das tendiert einfach aus den Kräften, die im geschichtlichen Werden vorhanden sind, dazu, daß abgesondert aus den eigenen Bedingungen heraus verhandelt wird, etwas getan wird für das Geistesleben, für das Rechts- oder Staatsleben und für das Wirtschaftsleben. Dann erst, wenn die Bedingungen dazu geschaffen sind, daß zum Beispiel der Wirtschafter rein aus wirtschaftlichen Impulsen heraus das gestalten kann, was etwa die gegenwärtigen Marktverhältnisse modifizieren soll, oder was die gegenwärtigen Kapitalverhältnisse modifizieren soll, erst wenn solche Möglichkeiten geschaffen sind, entwickelt sich unter den Menschen dasjenige, was eine reale Lösung — die aber in fortwährendem Werden ist — der sozialen Frage genannt werden kann.

[ 18 ] What I wanted to show was this: The solution to the social problem can only come about in a real way on its own; this solution cannot come about through discussions at all, but only through action. However, the conditions for this action must first be established, and I attempted to point to these conditions in my “Key Points” and in other discussions. I tried to show that, within our social organism, we first need institutions that enable a spiritual life to develop out of its own conditions—that is, where only the conditions of spiritual life itself are at work; that we then need a second sphere where only legal and state impulses are at work, and furthermore a third sphere where only those impulses are at work that arise from the production and consumption of goods—impulses which, when they develop from an associative economic system, must ultimately culminate in healthy price formation. This is not meant to bring the old estates back into existence. People should not be divided into an academic estate, a military estate, and a productive estate; rather, modern man has advanced to the stage of individuality, and he will not be integrated in an abstract sense into a specific estate. But the institutions that exist externally simply tend, out of the forces present in historical development, toward a situation where matters are dealt with separately according to their own conditions—where something is done for intellectual life, for legal or political life, and for economic life. Only then, when the conditions have been created so that, for example, the economist can shape—purely out of economic impulses—what is intended to modify current market conditions or current capital relations; only when such possibilities have been created will what can be called a real solution—albeit one that is in a state of constant becoming—to the social question develop among people.

[ 19 ] Also es geht mir nicht darum, die soziale Frage zu lösen, weil ich der Meinung sein mußte, daß überhaupt diese Lösung nie in einem einzelnen Moment als etwas Abgeschlossenes gegeben werden kann, weil das soziale Problem, nachdem es einmal heraufgekommen ist, in fortwährendem Fluß ist. Der soziale Organismus ist etwas, was jung wird, altert, und dem immer neue Impulse eingeflößt werden müssen, von dem aber nie gesagt werden kann: so und so ist seine Gestalt. Wenn der soziale Organismus nicht so ist, daß die Menschen in einem, alle Interessen zusammenmischenden Parlament zusammensitzen, wo dann wirtschaftlich Interessierte über Fragen des Geisteslebens, staatliche Interessen über wirtschaftliche Fragen und so weiter entscheiden, sondern wenn in einem gesunden sozialen Organismus die einzelnen Gebiete aus ihren eigenen Bedingungen heraus betrachtet werden, dann wird einmal das Staatsleben auf eine reale demokratische Grundlage gestellt werden können; dann wird das, was zu sagen ist, nicht von einem Menschen in einem solchen einzigen Parlament gesagt werden, sondern es wird hervorgehen aus den fortdauernden kontinuierlichen Verhandlungen unter den einzelnen Gliedern des sozialen Organismus.

[ 19 ] So my aim is not to solve the social question, because I had to conclude that such a solution can never be presented as something complete at any single moment; for once the social problem has arisen, it is in a state of constant flux. The social organism is something that grows young, grows old, and must constantly be infused with new impulses—yet one can never say of it: “This is its form.” If the social organism is not such that people sit together in a single parliament where all interests are mixed together—where those with economic interests decide on matters of intellectual life, state interests decide on economic matters, and so on—but rather if, in a healthy social organism, the individual spheres are considered on the basis of their own conditions, then political life will one day be able to be placed on a truly democratic foundation; then what needs to be said will not be spoken by a single person in such a unified parliament, but will emerge from the ongoing, continuous deliberations among the individual members of the social organism.

[ 20 ] In diesem Sinne war also mein Buch eine Mahnung dazu, endlich aufzuhören mit dem unfruchtbaren Reden über die soziale Frage und sich auf einen Boden zu stellen, von dem aus man jeden Tag die Lösung der sozialen Probleme in die Hand nehmen kann. Es war ein Ruf, der an die Verstehenden ging, um wirklich das, was immer nur im Abstrakten gedacht war, überzuführen in das durchdachte Handeln. Dazu sollten zum Beispiel im wirtschaftlichen Leben die Assoziationen dienen. Solche Assoziationen sind grundverschieden von dem, was in der neueren Zeit an Vergesellschaftungen zustande gekommen ist, und können jeden Tag aus den wirtschaftlichen Untergründen gebildet werden. Bei ihnen handelt es sich darum, daß nun wirklich diejenigen Menschen, die im Behandeln von Warenproduktion, von Warenzirkulation und im Konsumieren von Waren verbunden sind — was jeder Mensch ist —, sich zu Assoziationen zusammenschließen, so daß daraus vor allem die gesunde Preisbildung hervorgeht. Es ist ein langer Weg von dem, was aus Sach- und Fachkenntnis heraus die in den Assoziationen verbundenen Menschen werden zu leisten haben, bis zu dem, was nicht durch eine Gesetzgebung, auch nicht als Resultat von Diskussionen, sondern als Resultat der Erfahrung sich ergibt als die gesunde Preisbildung. Doch vor allem hatten Menschen das Bedürfnis, die Grundzüge dessen, was damals gewollt wurde und was ich jetzt in diesen einleitenden Worten vor Sie hinzustellen versuchte, zu diskutieren; denn die Welt war so eingeschult in abstraktes Denken, daß man auch diese Anregung nur vom Gesichtspunkte des abstrakten Denkens nahm, und daß man sich mit dem, was ich nur als Illustration gegeben habe, vor allem so hilft, daß man stundenlang diskutiert, während es sich darum handeln sollte, wirklich einzusehen, wie jeden Tag die Gliederung des sozialen Organismus in Angriff genommen werden kann in der Weise, wie es in den «Kernpunkten» angedeutet ist.

[ 20 ] In this sense, then, my book was a call to finally put an end to the fruitless talk about the social question and to take a stand from which one can take the solution to social problems into one’s own hands every day. It was a call to those who understood, urging them to truly translate what had always been merely abstract thought into well-considered action. In economic life, for example, associations were to serve this purpose. Such associations are fundamentally different from the forms of social organization that have emerged in recent times, and can be formed every day from the economic foundations. The point of these associations is that those people who are connected through the production, circulation, and consumption of goods—which includes every human being—should join together in associations, so that, above all, sound price formation results from this. It is a long road from what the people united in these associations will have to accomplish based on their practical and technical knowledge to what emerges—not through legislation, nor as the result of discussions, but as the result of experience—as sound price formation. Above all, however, people felt the need to discuss the basic outlines of what was intended at that time—and what I have now attempted to present to you in these introductory remarks—because the world had become so accustomed to abstract thinking that even this suggestion was viewed solely from the perspective of abstract thought, and that what I have offered merely as an illustration is used primarily as a pretext for hours of discussion, whereas the point should be to truly understand how the structuring of the social organism can be undertaken on a daily basis in the manner indicated in the “Key Points.”

[ 21 ] So handelt es sich heute nicht darum, theoretische Lösungen der sozialen Frage zu suchen, sondern die Bedingungen aufzusuchen, unter denen die Menschen sozial leben werden. Und sie werden sozial leben, wenn der soziale Organismus nach seinen drei Gliedern hin arbeitet, wie ja der natürliche Organismus auch unter dem Einfluß seiner relativen Dreigliederung gerade zur Einheit hin arbeitet.

[ 21 ] Thus, the task today is not to seek theoretical solutions to the social question, but to identify the conditions under which people will live in a social way. And they will live in a social way when the social organism functions in accordance with its three parts, just as the natural organism, under the influence of its relative threefold structure, works toward unity.

[ 22 ] Sehen Sie, man muß heute erst einmal sagen, wie solche Dinge gemeint sind. Und wenn man sie ausspricht, wird immer noch gefordert, daß nun die Worte, deren man sich schon einmal bedienen muß, so genommen werden sollen, wie man sie nimmt nach der intellektualistischen Bedeutung, die man ihnen heute beilegt. Man übersetzt sofort in seinen Intellektualismus das, was ganz ausdrücklich nicht in Intellektualismus eingetaucht ist. Daher ist über Kapital, über die Naturgrundlagen der Produktion, über die Arbeit in meinem Buche so gesprochen, daß die Ideen einfach für das Leben gedacht sind. Wenn wir abstrakt verhandeln, können wir lange definieren, und das ist ja auch geschehen. Der eine sagt mit demselben Recht: Kapital ist kristallisierte Arbeit, ist Arbeit, die aufgespeichert ist —, wie der andere mit demselben Recht sagt: Kapital ist ersparte Arbeit. Und so kann man es mit allen volkswirtschaftlichen Begriffen machen, wenn man innerhalb des Intellektualismus stehen bleibt. Aber das alles sind nicht Dinge, mit denen man es nur theoretisch zu tun haben kann, sondern die man lebendig in ihrer Gestaltung erfassen muß. Und wer sich wie die Praktiker, die viel auf ihre Praxis und Routine sich zugute tun, der Abstraktheit in diesen Dingen befleißigt, der kann folgendes machen, was ich durch einen Vergleich verdeutlichen will.

[ 22 ] You see, today one must first explain what such things are meant to signify. And even when one articulates them, people still insist that the words—which one is compelled to use—be taken according to the intellectualist meaning attributed to them today. People immediately translate into their intellectualism that which is quite explicitly not steeped in intellectualism. That is why, in my book, capital, the natural foundations of production, and labor are discussed in such a way that the ideas are simply intended for real life. When we discuss things abstractly, we can spend a long time defining them—and that is, in fact, what has happened. One person says, with equal justification: Capital is crystallized labor, is labor that has been stored up—just as another says, with equal justification: Capital is saved labor. And one can do this with all economic concepts if one remains within the framework of intellectualism. But these are not merely theoretical matters; rather, they must be grasped vividly in their concrete form. And anyone who, like practitioners who pride themselves on their practical experience and routine, engages in abstract thinking about these matters can do the following, which I will illustrate with a comparison.

[ 23 ] Ich sehe den Ernst Müller. Er ist klein, hat durchaus kindliche Züge und kindliche Eigenschaften. Ich sehe diesen Ernst Müller nach zwanzig Jahren wieder und sage: Das ist nicht der Ernst Müller, denn der ist klein, hat kindliche Eigenschaften und eine ganz andere Physiognomie. — Ja, wenn ich mir damals meinen Begriff von dem Ernst Müller gebildet habe und ihn nun nach zwanzig Jahren zur Deckung bringen will mit dem, was mir jetzt als reale Wesenheit entgegentritt, so mache ich einen furchtbaren Fehler. Doch so wenig es die Menschen glauben mögen: es ist so, wenn sie heute wirtschaftlich denken. Sie machen sich Gedanken und Begriffe über Kapital und Arbeit und so weiter, und sie meinen, diese Begriffe müßten immer Geltung haben. Aber da braucht man nicht zwanzig Jahre zu warten, braucht man nur von einem Arbeitgeber zum andern zu gehen, aus einem Lande ins andere und entdeckt dann, daß der Begriff, den man sich an der einen Stelle gebildet hat, eben an der anderen Stelle gar nicht mehr gilt, wenn er sich nicht von selbst umgewandelt hat — wie der Ernst Müller. Man erkennt nicht, was da ist, wenn man nicht bewegliche Begriffe hat, die voll im Leben drinnen stehen.

[ 23 ] I see Ernst Müller. He is short, has distinctly childlike features and childlike traits. I see this Ernst Müller again after twenty years and say: That’s not the Ernst Müller I know, because he is short, has childlike traits, and a completely different appearance. — Yes, if I formed my concept of Ernst Müller back then and now, twenty years later, try to reconcile it with what now confronts me as a real being, I am making a terrible mistake. Yet as hard as it may be for people to believe, this is exactly what happens when they think in economic terms today. They form ideas and concepts about capital and labor and so on, and they assume these concepts must always hold true. But you don’t need to wait twenty years; you just need to go from one employer to another, from one country to another, and you’ll discover that the concept you formed in one place no longer applies at all in another—unless it has transformed of its own accord—just like Ernst Müller. You cannot recognize what is actually there unless you have flexible concepts that are fully rooted in real life.

[ 24 ] Das ist das, was möglich machte, daß gerade auf anthroposophischem Boden in unserer heutigen Zeit der Not auch wirtschaftliche Einrichtungen ihren Ausdruck finden, weil Anthroposophie es ihrer Natur nach gegenüber dem beweglichen Geiste mit beweglichen Ideen zu tun haben muß, weil man an ihr lernen kann, wie man seine Ideen mit Wachstumskraft, mit innerer Beweglichkeit ausstatten muß und dann mit solchen Ideen — so wenig es die heutigen Praktiker glauben mögen — auch in die andersgeartete Wirklichkeit eintauchen kann, die sich abspielt als soziales Leben von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk durch die ganze, nunmehr notwendig gewordene und so künstlich beeinträchtigte Weltwirtschaft hindurch. Und so darf wohl gesagt werden: Nicht eine Äußerlichkeit ist es, daß gerade auf anthroposophischem Boden auch der Versuch gemacht wurde, zu — nicht sozialen Ideen, sondern zu sozialen Impulsen zu kommen. Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der über diese Dinge viel diskutiert worden ist. Ich habe immer sagen müssen: Ich meine soziale /mpulse! — Das hat die Leute furchtbar geärgert. Denn selbstverständlich hätte ich sagen sollen: soziale Ideen oder soziale Gedanken; denn die Leute hatten für solche Dinge nur Gedanken im Kopfe. Daß ich von Impulsen sprach, ärgerte sie furchtbar; denn sie merkten nicht, daß ich «Impulse» brauchte aus dem Grunde, weil ich Realitäten meinte und nicht abstrakte Ideen. Ausdrücken muß man sich selbstverständlich in abstrakten Ideen.

[ 24 ] This is what has made it possible for economic institutions to find expression precisely on anthroposophical ground in our present time of need—because anthroposophy, by its very nature, must deal with the dynamic spirit through dynamic ideas, because one can learn from it how to endow one’s ideas with the power of growth and inner dynamism, and then, with such ideas — however little today’s practitioners may believe it — one can also immerse oneself in the different kind of reality that unfolds as social life from person to person, from people to people, throughout the entire global economy, which has now become necessary yet is so artificially impaired. And so it may well be said: It is no mere coincidence that, precisely on anthroposophical ground, an attempt was made to arrive at—not social ideas, but social impulses. I still remember the time when these things were much discussed. I always had to say: “I mean social impulses!”—That annoyed people terribly. For, of course, I should have said “social ideas” or “social thoughts”; because people had only thoughts in their minds regarding such matters. The fact that I spoke of “impulses” annoyed them terribly; for they did not realize that I used the term “impulses” precisely because I meant realities and not abstract ideas. One must, of course, express oneself in abstract ideas.

[ 25 ] So muß heute wieder begriffen werden, daß ein neues Verständnis gesucht werden muß für das, was man das soziale Problem nennt. Wir leben heute unter anderen Verhältnissen als im Jahre 1919. Die Zeit ist insbesondere auf dem Wirtschaftsgebiete außerordentlich schnellebig. Notwendig ist es, daß selbst solche Ideen, die schon für die damalige Zeit beweglich gehalten worden sind, weiter in Fluß gehalten werden, und daß man bei seinen Beobachtungen auf dem Standpunkte des Geistesgegenwärtigen steht. Wer die Verhältnisse des Wirtschaftslebens real ins Auge zu fassen vermag, der weiß, daß sie sich seit der Abfassung der «Kernpunkte» wesentlich geändert haben, und daß man nicht wieder bloß so deduzieren kann wie damals. Aber man wird dort [in den «Kernpunkten»] wenigstens einen Versuch finden, diese Methode des sozialen Denkens in einer realistischen Weise zu suchen, gerade vielleicht deshalb, weil dieser Versuch entsprossen ist einem Boden, wo Realitäten immer gesucht wurden, wo man nicht in Schwärmerei oder in falsche Mystik hineinfallen will — weil dieser Versuch erwachsen ist auf dem nach Exaktheit ringenden Boden der anthroposophischen Weltanschauung.

[ 25 ] Today, we must once again recognize that a new understanding is needed of what is called the social problem. We live today under different circumstances than we did in 1919. The times are changing extraordinarily rapidly, especially in the economic sphere. It is necessary that even those ideas which were already considered flexible for their time be kept in a state of flux, and that one maintain a sense of the present moment in one’s observations. Anyone capable of realistically assessing the conditions of economic life knows that they have changed significantly since the “Key Points” were written, and that one cannot simply deduce things in the same way as back then. But there [in the “Key Points”] at least find an attempt to pursue this method of social thinking in a realistic way—perhaps precisely because this attempt sprang from a soil where realities were always sought, where one does not wish to fall into enthusiasm or false mysticism—because this attempt grew out of the soil of the anthroposophical worldview, which strives for precision.